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Schicksalsnacht in Los Angeles

MEMO

Von: Emerald Larson, CEO, Emerald Inc.

An: Meinen Privatsekretär Luther Freemont

Betreff: Meinen Enkelsohn Jacques Garnier

In wenigen Tagen wird mein Enkelsohn Jake in Louisville, Kentucky, eintreffen, um das dortige Gestüt Hickory Hills zu übernehmen. Im Zuge meiner Nachforschungen hat sich ergeben, dass Jacques eine sechs Monate alte Tochter hat, von der er allerdings nichts ahnt. Die Mutter des Kindes, Heather McGwire, ist Managerin und Verwalterin der Vollblutzucht auf Hickory Hills. Es ist damit zu rechnen, dass Jake nicht gerade erfreut reagieren wird, weil wir ihm die Entdeckung seines leiblichen Kindes bisher vorenthalten haben. Deshalb lege ich Wert darauf, dass Sie seine Anrufe nicht zu mir durchstellen, bis er über die Existenz seiner Tochter im Bilde ist. Es wird eine ernsthafte Prüfung für ihn sein, mit der Tatsache umzugehen, ein Kind zu haben, zumal Jacques von all meinen Enkeln meinem Sohn Owen Larson bezüglich einer gewissen Leichtfertigkeit leider am ähnlichsten ist. Wir werden sehen, ob Jacques sich seiner Verantwortung stellt oder vor ihr davonläuft, wie sein Vater es getan hat.

Halten Sie mich in bewährter Weise über die weitere Entwicklung auf dem Laufenden. Wie immer verlasse ich mich auf Ihre äußerste Diskretion. Emerald Larson

1. KAPITEL

„Hallo, ich bin Jake Garnier, der neue Besitzer von Hickory Hills.“

Aus dem Augenwinkel sah Heather McGwire, wie der Mann ihr zur Begrüßung die Hand hinstreckte, beschloss aber, die freundlich gemeinte Geste mit Missachtung zu strafen. Heather kannte den Mann, er war ihr in etwa so willkommen wie eine Klapperschlange auf dem Sonntagsspaziergang. Jake Garnier musste nun wirklich nicht hier aufkreuzen. Und das so kurz vor dem großen Rennen.

Allerdings war er offenbar der neue Eigentümer des Gestüts, das sie verwaltete. Deshalb konnte sie ihm nicht ewig aus dem Weg gehen. Wenn Jake Garnier nun wirklich ihr neuer Boss war, gab es im Grunde nur zwei Möglichkeiten: Entweder sie arrangierte sich irgendwie mit ihm, oder sie hielt noch bis zum Start von Stormy Dancer bei den Southern Oaks Cup Classics durch und suchte sich dann einen neuen Job.

Davon abgesehen traf es sie, dass er sie nicht einmal wiederzuerkennen schien. Das tat wirklich weh. Doch die Tatsache, dass sie deswegen Enttäuschung verspürte, ärgerte Heather am meisten.

Als sie seinen Gruß nicht erwiderte und auch sonst auf ihn nicht reagierte, trat Jake näher und sah ihr ins Gesicht. Sie hatte den Eindruck, dass er dabei fieberhaft überlegte, warum sie ihm bekannt vorkam.

„Heather?“

Sein sonorer Bariton rief lebhafte Erinnerungen in ihr wach.

Ihr Puls ging schneller, weil sie sofort daran denken musste, wie sie sich vor knapp anderthalb Jahren begegnet waren. Genau dieser Tonfall, der Klang seiner Stimme hatte Heather damals in seinen Bann gezogen. Nach dem ersten Treffen hatten sie die Nacht miteinander verbracht. Eine Nacht, die Heather nie vergessen würde, auch wenn sie im Nachhinein manchmal glaubte, für diese Stunden komplett den Verstand verloren zu haben. Auf jemanden wie Jake Garnier hereinzufallen sah ihr eigentlich nicht ähnlich.

„Hallo, Jake.“ Sie brachte lediglich ein kurzes Nicken zustande. Auch wenn sie ihm viel lieber ins Gesicht gesagt hätte, was sie von ihm hielt: dass er der größte Schuft unter der Sonne war.

Heather legte die Arme auf das weiß gestrichene Gatter und sah gebannt auf ihre Stoppuhr, als der Hengst die Viertelmeilemarke passierte und auf die Gegengerade einbog. Der Vollbluthengst Stormy Dancer war der absolute Favorit für das hoch dotierte Rennen um den Southern Oaks Cup. Und so wie es aussah, brachen sie jetzt schon im Training den eigenen Streckenrekord.

„Los, Dancer, das schaffst du! Bleib dran!“, rief Heather begeistert und sah abwechselnd auf die Strecke und die Stoppuhr.

„Ich weiß noch, du hast erzählt, dass du auf einem Gestüt jobbst, aber ich hatte ja keine Ahnung, dass es dieses ist“, sagte Jake, den das unverhoffte Wiedersehen im Gegensatz zu Heather offensichtlich aufrichtig freute.

„Nur der Ordnung halber: Ich leite den Betrieb hier“, murmelte sie, ohne Jake anzusehen. Dancer war jetzt in der Kurve zur Zielgeraden, Heather verglich wieder die Zeiten. „Den Namen des Gestüts habe ich damals nicht genannt.“ Sie warf Jake einen finsteren Seitenblick zu und fügte hinzu: „Wenn ich mich nicht irre, warst du an solchen Details nicht sonderlich interessiert.“

„Heather, ich weiß nicht, was du mir vorwirfst.“

Ungeduldig winkte sie ab. „Spielt auch keine Rolle mehr.“ Sie wollte dieses Thema nicht vertiefen.

Jake schwieg eine Weile, dann sagte er: „Auf die Gefahr hin, dir weiter auf die Nerven zu gehen. Ich wüsste trotzdem gern, wie es dir inzwischen ergangen ist.“

Als ob dich das wirklich interessiert, dachte sie. Hätte er Interesse an ihr gehabt, hätte er wenigstens einmal zurückrufen können. Die Lippen aufeinander gepresst, zuckte Heather die Schultern.

„Gut“, antwortete sie einsilbig. Sie verzichtete darauf, höflich zu fragen, wie es ihm ergangen war. Erstens hatte sie keine Lust auf Konversation, und zweitens konnte Heather sich gut vorstellen, was er getrieben hatte, seit sich ihre Wege getrennt hatten. Einzelheiten wollte sie gar nicht wissen.

„Ist das unser Teilnehmer am großen Rennen?“, fragte Jake und zeigte auf Dancer.

Sie überhörte seine Frage einfach. „Gib ihm im Endspurt den Kopf frei, Miguel!“, rief sie stattdessen. Kurz darauf passierte der Jockey mit dem Vollblut die Ziellinie. Lächelnd warf Heather noch einen Blick auf die Stoppuhr. „Fantastisch.“

Jake beugte sich herüber, um die gestoppte Zeit zu lesen. „War das gut?“

Sein Unterarm streifte ihren, und unwillkürlich bekam sie eine Gänsehaut.

„Das war hervorragend“, antwortete sie und trat schnell einen Schritt zur Seite. Nachdem sie sich halb zu ihm umgedreht hatte, meinte sie: „Wenn du mich jetzt bitte entschuldigst. Ich habe zu arbeiten.“ Sie wandte sich zum Gehen, aber Jake folgte ihr. Am liebsten wäre sie gerannt, um ihn abzuschütteln.

„Ich fände es gut, wenn du mit mir einen Rundgang machst, sobald du Zeit hast.“

„Ich bin sicher, du musst dein Gepäck noch ausladen“, meinte Heather. Sie wusste, dass er erst vor wenigen Minuten angekommen war. Die Haushälterin Clara Buchanan hatte sie auf dem Handy angerufen, als Jake das Tor zum Grundstück passiert hatte.

Während sie ihre Schritte beschleunigte, widerstand sie der Versuchung, ihn anzusehen. Sie hatte bereits gemerkt, wie vorteilhaft das enge grüne T-Shirt seinen durchtrainierten Oberkörper zur Geltung brachte und die muskulösen Arme betonte. Aber davon wollte Heather jetzt nichts wissen.

„Ich bin vier Tage lang auf dem Weg von Los Angeles hierher quasi im Wagen eingesperrt gewesen. Ich bin froh, jetzt an der frischen Luft zu sein.“

„Vormittags gibt es hier immer viel zu tun. Da bleibt kaum Zeit, sich um etwas anderes zu kümmern als um die Ställe und die Tiere.“

Nachdem sie die Stallungen betreten hatten, nahm Heather eine Leine vom Haken, ging in eine der Boxen und führte Silver Bullet, einen Apfelschimmelwallach, heraus. Sie war froh, so wenigstens kurz aus Jakes Nähe zu kommen. Routiniert befestigte Heather eine zweite Leine an Silver Bullets Halfter und hakte die beiden Enden in zwei Eisenringen ein, die auf der Höhe der Sattelkammer an den gegenüberliegenden Wänden des Mittelgangs im Stall eingelassen waren. Dann begann sie, das große Pferd zu striegeln.

„Na schön“, meinte Jake, nachdem er ihr eine Weile zugesehen hatte. „Dann eben heute Nachmittag. Das reicht auch noch.“

„Tut mir leid, aber mein Tag ist schon verplant. Morgen sieht es auch nicht viel besser aus.“

„Dann musst du eben umdisponieren“, sagte er jetzt in einem Ton, der keinen Widerspruch duldete. Offenbar verlor er allmählich die Geduld.

Heather sah auf und schaute ihm das erste Mal seit dem Wiedersehen richtig in die Augen. Er hatte unbeschreiblich schöne blaue Augen, die in diesem Moment gefährlich funkelten. Sie schluckte. „Sonst noch etwas, Mr. Garnier?“, fragte sie schließlich.

Er runzelte die Stirn und musterte sie finster, ohne ein Wort zu sagen. Nach einer Weile erklärte er: „Den Abend kannst du dir auch gleich frei halten. Es könnte spät werden. Nach dem Rundgang möchte ich mit den Angestellten sprechen, und nach dem Dinner sehen wir beide uns die Buchhaltung an.“ Er wandte sich zum Gehen, drehte sich jedoch noch einmal halb zu ihr um und meinte über die Schulter: „Wir sehen uns nach dem Lunch.“

Heather blickte ihm sprachlos hinterher. Plötzlich verspürte sie einen weichen Stoß an ihrem Knie und sah lächelnd auf ihren Berner Sennenhund, der sich ihr unbemerkt genähert hatte. „Als Wachhund lässt du aber neuerdings sehr zu wünschen übrig, Nemo“, tadelte sie ihn amüsiert. „Statt Halunken zu vertreiben, liegst du auf deiner Wolldecke im Büro und schläfst.“

Zweifellos frei von jedem Unrechtsbewusstsein, wedelte der große Hund mit dem Schwanz. Heather seufzte resigniert und fuhr fort, den Wallach zu striegeln. Als sie erfahren hatte, dass ausgerechnet Jake Hickory Hills übernahm – wie immer es dazu gekommen sein mochte –, hatte sie nicht geglaubt, dass es für sie zum Problem werden würde. Was zwischen ihnen gewesen war, lag weit über ein Jahr zurück. Außerdem hatte Heather sich vorgenommen, Arbeit und Privates strikt voneinander zu trennen.

Dummerweise war das, wie sich jetzt herausstellte, leichter gesagt als getan. Allein seine Stimme zu hören genügte, und unweigerlich stürmten die Erinnerungen an jene unglaubliche Nacht wieder auf Heather ein. Sie wusste noch genau, wie er ihren Namen gerufen hatte, als sie miteinander geschlafen hatten. Sekundenlang lehnte Heather die Stirn an die Schulter des Pferds. Sie hatte sich eingeredet, dass es zu dieser einen Nacht mit Jake nur so gekommen war, weil sie ein bisschen zu tief ins Champagnerglas geschaut hatte. Vielleicht hatte sie sich auch nur einsam gefühlt und sich deshalb bloß eingebildet, dass Jake unwiderstehlich war. Über die Monate hatte sie sich das immer wieder gesagt.

Doch spätestens jetzt war klar, dass sie sich damit lediglich hatte schützen wollen. Jake Garnier strahlte mit jedem Zentimeter seiner stattlichen Einsneunzig so viel Sex-Appeal aus, dass es kein Wunder war, wenn die Frauen ihm in Scharen nachliefen. Er war das Bild von einem Mann: breite Schultern, schmale Hüfte … Als sie sich damals auf der Pferdeauktion in Los Angeles getroffen hatten, war Heather von Jake in seinem maßgeschneiderten Anzug wie geblendet gewesen. Das war allerdings noch gar nichts im Vergleich zu seinem Outfit heute. In der knapp sitzenden Jeans und dem T-Shirt, unter dem sich jeder einzelne Muskel abzeichnete, sah er noch anziehender aus.

Kopfschüttelnd holte Heather einen Sattel aus der Kammer. Nachdem sie die Gurte stramm gezogen hatte, griff sie nach den Zügeln und führte den Wallach zum Trainingsgelände.

Die widersprüchlichsten Gefühle tobten in ihr. Obwohl sie die Ereignisse in Los Angeles gern vergessen hätte, konnte sie nicht bereuen, was geschehen war. Jake war unbestreitbar eine wichtige Persönlichkeit und gehörte zur Prominenz an der Westküste. Trotzdem war Heather an ihm eine gewisse Ernsthaftigkeit aufgefallen, die sie sehr anziehend fand. Und jedes Mal, wenn sie in die Augen ihrer Tochter schaute, die genauso kobaltblau waren wie Jakes und in denen sie manchmal denselben Schalk aufblitzen sah wie in seinen, hatte sie an ihn denken müssen.

Nachdenklich ging Jake von den Stallungen zum Wohnhaus, einem stilvollen, alten Herrenhaus. Er konnte kaum fassen, was gerade geschehen war. Dass ihm von einer Frau die kalte Schulter gezeigt wurde, passierte selten genug, aber diese harte Abfuhr von Heather übertraf wirklich alles. Normalerweise hätte ihn das allerdings nicht sonderlich erschüttert. Denn seine Kanzlei und seine Geschwister bildeten seinen Lebensinhalt. Daneben gab es weniges, über das er sich längere Zeit den Kopf zerbrach. Jake liebte schnelle Autos – und Frauen, die wie er zu einem flüchtigen Abenteuer bereit waren. Bisher hatte er es als äußerst praktisch empfunden, dass das eine unwillkürlich mit dem anderen einherging. Aber wirklich kalt ließ Heathers Feindseligkeit ihn nicht. Er konnte sich ihre Reaktion beim besten Willen nicht erklären.

Auf jene Pferdeauktion hatte es ihn damals verschlagen, weil eine seiner Mandantinnen ihn darum gebeten hatte, sie zu begleiten. Sie hatte gefürchtet, dass ihr Mann, von dem sie sich gerade scheiden ließ, sie beim Verkauf der Vollblüter übervorteilen wollte. Jakes Interesse an der Parade der sündhaft teuren Vierbeiner war schnell erlahmt. Als er sich gelangweilt unter den Anwesenden umgesehen hatte, war ihm Heather aufgefallen. Von da an hatte er sie nicht mehr aus den Augen gelassen. Und nachdem es ihm endlich gelungen war, mit ihr ins Gespräch zu kommen, hatte sich herausgestellt, dass sie tatsächlich das bezauberndste Geschöpf war, dem er je begegnet war.

Den Rest des Tages hatten sie gemeinsam verbracht und eine wahrhaft berauschende Nacht erlebt. In den folgenden Wochen hatte Jake es bereut, sie weder nach ihrem Nachnamen noch nach ihrer Telefonnummer gefragt zu haben, was wirklich ungewöhnlich gewesen war. Nach einer Nacht, so schön sie auch gewesen sein mochte, hatte er vorher nie das Bedürfnis verspürt, daran anzuknüpfen und die betreffende Frau wiederzusehen. Alles, was nur entfernt nach einer festen Bindung aussah, mied Jake normalerweise.

Bei all dem war ihm Heathers abweisende Haltung jetzt unerklärlich. Natürlich hatte er über fünfzehn Monate lang keinen Kontakt zu ihr gesucht. Aber deshalb würde sie ihm jetzt wohl kaum die kalte Schulter zeigen; ganz abgesehen davon, dass er nicht einmal gewusst hätte, wie er sie hätte erreichen sollen. In jedem Fall wollte Jake die angespannte Situation entschärfen, ganz egal was Heather an diesem Morgen hatte. Wenn sie die Verwalterin auf dem Gestüt war, das nach dem Willen seiner gerade erst gefundenen Großmutter Emerald Larson jetzt ihm gehörte, mussten er und Heather wohl oder übel miteinander auskommen.

Jake wollte sich um sein Gepäck kümmern. Danach würde er in Wichita bei der Emerald Inc. anrufen, um mit seiner Großmutter zu sprechen und herauszubekommen, was sie dieses Mal im Schilde führte. Nachdem Emerald sich schon bei Luke und Arielle als Ehestifterin gezeigt hatte, war Jake nicht so naiv zu glauben, dass er Heather rein zufällig auf Hickory Hills begegnete. Ihm war jedoch ein absolutes Rätsel, wie Emerald von ihrer früherer Begegnung erfahren haben konnte.

Sie kann sich auf eine Enttäuschung gefasst machen, dachte Jake grimmig. Ihre ausgetüftelten Pläne würden bei ihm nichts nützen, denn er hatte nicht vor, sich in absehbarer Zeit mit Frau, Kind, dem obligatorischen Hund und einem familienfreundlichen Kombi einzurichten. Allein sein roter Ferrari lag ihm dazu viel zu sehr am Herzen. Und Hundehaare auf den Autopolstern, das konnte er schon gar nicht leiden.

Während er sich vornahm, sowohl für Emerald als auch für Heather einige Grundregeln festzulegen, nach denen er künftig verfahren würde, folgte Jake dem Weg um das prächtige Herrenhaus herum, das noch aus den Jahren vor dem amerikanischen Bürgerkrieg stammte. Vor dem Haus stand sein Wagen. Mit der Fernbedienung öffnete Jake den Kofferraum.

Plötzlich entdeckte er einen Jungen im Teenageralter. Er trug modisch verschlissene Jeans, ein gelbgrünes T-Shirt, auf dem ein frecher Spruch aufgedruckt war, und eine rote Baseballkappe, deren Schirm nach hinten zeigte.

„Hi, Mr. Garnier!“, begrüßte er ihn unbefangen. Im nächsten Moment sah er den Wagen und ging ehrfürchtig auf den Ferrari zu. „Meine Fresse!“, entfuhr es dem Jungen.

Jake amüsierte die vorwitzige Beifallsbekundung, er ließ es sich jedoch nicht anmerken. „Danke. Darf ich fragen, wer du bist.“

„Daily“, stellte der Junge sich grinsend vor. „Der Name kommt von Daily Double, der Kombinationswette beim Derby in Churchill Downs. Mein Vater hat ihn mir gegeben. Er war hier Pferdetrainer, bevor er gestorben ist.“ Während er sprach, betrachtete er weiter unverwandt den Ferrari. Dann ging er einmal um den Wagen herum. „Mann, ist das eine Granate! So ein Ding will ich auch mal fahren, wenn ich älter bin“, sagte er, offenbar mehr zu sich als zu Jake.

Angesichts dieser jugendlichen Begeisterung kam sich Jake einen Moment lang schrecklich alt vor. In ein paar Wochen wurde er siebenunddreißig. In den Augen dieses Teenagers war er vermutlich schon ein Greis. Seufzend griff Jake in den Kofferraum, aber Daily war schon bei ihm.

„Das ist mein Job. Tut mir leid, ich war abgelenkt, Mr. Garnier.“ Er wuchtete den Koffer aus dem Wagen. Mehr als dieses eine Gepäckstück hatte Jake nicht dabei, da er nur mit einem kurzen Aufenthalt in Hickory Hills rechnete. „Wenn Großmutter sieht, dass Sie den Koffer tragen, gibt’s Ärger.“

„Du bist der Enkel von Mrs. Buchanan?“, fragte Jake, während er dem Jungen die Stufen zur Veranda hinauffolgte.

Daily nickte. „Sie schmeißt den Laden hier im Haus und Heather alles andere auf dem Hof.“ Er drehte sich wieder zu Jake um und grinste breit. „Die müssen Sie mal sehen. Sie ist zwar schon älter, aber ganz schön scharf. Das versüßt mir die Stunden, wenn ich jeden Morgen die Boxen ausmisten muss.“

Der Knabe ist vierzehn, höchstens fünfzehn, dachte Jake, aber von Frauen scheint er trotzdem etwas zu verstehen. „Stimmt“, meinte er verhalten. „Ich habe sie schon getroffen, und irgendwie hast du recht.“

Als Emerald Larson und ihr Sekretär Luther Freemont mit ihm die Einzelheiten der Übernahme besprochen hatten, hatten sie ihm die Verhältnisse auf dem Gestüt in groben Zügen geschildert. Daher wusste Jake, dass Clara Buchanan auf Hickory Hills als Haushälterin angestellt war und im Herrenhaus eine kleine Wohnung hatte.

Bezeichnenderweise hatten Emerald und ihre rechte Hand aber mit keinem Ton erwähnt, dass Jake und die Verwalterin „alte Bekannte“ waren. Auch das bestärkte Jake in der Annahme, dass Emerald ihm das Gestüt nicht ohne Hintergedanken überschrieben hatte.

Daily öffnete die große Eingangstür und ließ Jake den Vortritt. Als er die Halle betrat und sich umsah, fühlte er sich sofort in eine frühere Zeit versetzt. Bestimmt war das gesamte Haus mit erlesenen Antiquitäten eingerichtet worden. Es fehlte nur noch eine Scarlet, die im weiten Reifrock die breite, geschwungene Treppe heruntergeschwebt kam, oder ein schneidiger Colonel in Südstaatenuniform, der, ein Glas in der Hand, aus seinem Arbeitszimmer in die Halle trat.

„Grandma hat gesagt, ich soll Ihr Gepäck in den Westflügel bringen. Wenn Sie möchten, kann ich Ihnen aber auch gleich Ihre Räume zeigen, Mr. Garnier.“

„Okay, zeig sie mir“, sagte Jake und ließ Daily die Treppe hinauf vorangehen.

Als sie den Treppenabsatz erreicht hatten, blieb Jake kurz stehen und drehte sich um. Mit einem Blick auf das breite, blank polierte Geländer meinte er: „Ich wette, dieses Geländer hinunterzurutschen ist ein Heidenspaß. Wie Achterbahn, nur dass man nicht auf den Rummelplatz zu gehen braucht.“

„Oh Mann, das kann man wohl sagen“, entgegnete Daily begeistert. In verschwörerischem Tonfall fügte er hinzu: „Aber streng verboten. Es macht Kratzer im Holz.“

„Die paar Kratzer würden mich nicht weiter stören. Ich denke bloß, dass es viel zu gefährlich ist. Wenn du runterfällst, kannst du dir sonst was brechen.“

„Aber Sie verraten Grandma nicht, dass ich das schon ausprobiert habe, oder? Wenn sie das herausbekommt, bringt sie mich um.“

Jake lächelte. „Ich schweige wie ein Grab. Trotzdem musst du mir wirklich versprechen, dass du es nicht mehr tust. Ich habe keine Lust, dich im Krankenhaus zu besuchen.“

„Sie sind echt cool, Mr. Garnier.“

„Danke. Tue mir den Gefallen und sage Jake zu mir.“ Jedes Mal, wenn Jake hörte, wie der Junge „Mr. Garnier“ sagte, fühlte er sich, als wäre er sein eigener Großvater.

Nach dem Lunch schlenderte Jake zu den Stallungen und fragte sich, wie es sein konnte, dass seine Wirkung auf Frauen nicht mehr zuverlässig funktionierte. Inzwischen irritierte ihn nicht nur die schroffe Zurückweisung, die er am Morgen erfahren hatte, sondern auch die Tatsache, dass er sich über so etwas noch nie ernsthaft den Kopf zerbrochen hatte.

Überhaupt stieß er auf lauter Widrigkeiten. Emerald ließ sich am Telefon ganz offensichtlich verleugnen, und wenn Jake die Lage richtig einschätzte, würde das auch die nächste Zeit so bleiben. Vermutlich ahnte sie, dass er ihr auf die Schliche gekommen war, und wollte der Auseinandersetzung aus dem Weg gehen. Aber auch das Benehmen von Mrs. Buchanan fand Jake äußerst merkwürdig. Nachdem sie ihn freundlich willkommen geheißen und ihm das Essen serviert hatte, war sie plötzlich hinausgeeilt, als wäre der Leibhaftige hinter ihr her – oder vielmehr als wäre Jake der Leibhaftige.

Am meisten jedoch beschäftigte ihn Heathers frostiges Auftreten. Sie hatte ihm deutlich gezeigt, was sie davon hielt, dass er plötzlich wieder in ihr Leben getreten war: nämlich gar nichts. Was konnte sie nur derart stören? Er hatte nicht die leiseste Ahnung und machte sich wenig Hoffnung darauf, dass sich im Laufe des Nachmittags etwas änderte.

Nachdenklich betrat Jake das tadellos gepflegte Stallgebäude und ging an den Boxen vorbei den Mittelgang entlang, wo sich, wie er wusste, Heathers Büro befand. Er war nicht sonderlich überrascht, als er sie dort nicht fand. Womit er jedoch nicht gerechnet hatte, war, einen schwarzen Hund von der Größe eines Kalbs zu sehen, der gemächlich von seiner Decke in einer Ecke des Raums aufstand, zu ihm trottete und es sich in anscheinend freundlicher Absicht auf seinen Füßen bequem machte.

„Wenigstens einer hier, der mich nicht gleich zum Teufel jagt“, sagte Jake halblaut. Er bückte sich und streichelte dem Tier den Kopf.

Vorsichtig zog er die Füße unter dem massigen Körper hervor, ging wieder hinaus und sah sich um. Offenbar war dort der Teil der Stallungen, in dem die Zuchtstuten untergebracht waren. Im Gehen meinte Jake plötzlich, Heathers Stimme zu hören. Er ging ihr nach und schaute in eine Box.

Da war sie. Heather beugte sich gerade über ein Pferd, das unruhig auf der Seite lag. Auch wenn es augenscheinlich nicht der passende Zeitpunkt war, ließ Jake es sich nicht nehmen, Heathers Anblick zu genießen. In der engen Jeans wirkte ihr hübscher, fester Po sehr sexy.

Lange konnte er sie jedoch nicht ungestört beobachten. Einer der Stallknechte riss Jake aus seiner stillen Betrachtung, indem er an ihm vorbei in die Box drängte, um Heather ein Paar überdimensionale Gummihandschuhe zu geben. Heather richtete sich auf und streifte sie sich über. Sie reichten ihr fast bis unter die Achseln.

Zögernd trat Jake näher. „Was passiert denn hier?“

„Der Klapperstorch hat wohl keine Lust, so lange zu warten, bis der Tierarzt kommt“, antwortete Heather, ohne den Blick von der Stute zu wenden. Dann kniete sie sich hinter dem Pferd auf den Boden. „Jake, du kannst dich nützlich machen. Halt ihren Kopf fest, damit sie nicht versucht aufzustehen. Tony und ich kümmern uns um dieses Ende.“

Jake schluckte. Gewöhnlich war er derjenige, der die Kommandos gab, aber offensichtlich lagen die Dinge dieses Mal anders. Ihm blieb nichts anderes übrig, als sich zu fügen. Jake hielt den Kopf des Tiers und beobachtete, wie der ältere Mann, den Heather Tony genannt hatte, den Schweif festhielt, während sie Geburtshilfe leistete.

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