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Líebesreíse nach Schottland

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Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

1. KAPITEL

Ein eisiger Nordwind fegte an diesem Februartag über den alten Friedhof bei der Kirche von Glencraig. Er peitschte Schneeregen gegen die Grabsteine, und die Kronen der zwei riesigen Kiefern am Friedhofseingang bogen sich unter stürmischem Protest.

Stephen Galbraith stand wie versteinert vor einem kleinen Kreuz aus Granit. Der Wind schlug ihm ins Gesicht, doch er schien die beißende Kälte nicht zu spüren. Starr blickte er auf die in den gesprenkelten Stein gemeißelten Worte:

Hier ruht Hazel Dunbar,

die geliebte Frau von Hugh Dunbar …

Sie war vor einem Jahr gestorben. Fast auf den Tag genau vor einem Jahr. Und sie war erst dreiunddreißig Jahre alt gewesen.

Stephen Galbraith ballte die Hände in den Manteltaschen zu Fäusten. Sein Mund verzog sich zu einem bitteren Lächeln.

Sie war achtzehn gewesen, als er ihr begegnete. Süße achtzehn, als sie ihm drei Wochen ihres Lebens schenkte – einundzwanzig Tage … und eine unvergessliche Nacht.

Danach war nichts mehr so, wie es einmal gewesen war. Hazel hatte sein Leben verändert. Er war durch sie ein anderer Mensch geworden. Von dem Mann, der zu hingebungsvoller und leidenschaftlicher Liebe fähig gewesen war, blieb nichts mehr übrig. Er hatte keine Liebe mehr zu geben.

Erst vor Kurzem hatte er die ganze Wahrheit erfahren. Als ihm das Ausmaß von Hazels Verrat und Kaltblütigkeit bewusst wurde, überkamen ihn der Schmerz und die Wut von einst erneut. Erinnerungen wurden wach, die die alten Wunden wieder aufrissen.

“Flittchen!”, stieß er wütend hervor. Dabei wischte er sich mit der Hand über die Stirn und die Augen, als könne er die quälenden Gedanken und die Bilder vor seinem geistigen Auge einfach wegwischen. Warum um alles in der Welt war er nur hierhergekommen? Sicherlich nicht, um Hazel Dunbar so etwas wie die letzte Ehre zu erweisen. Warum also stand er jetzt vor ihrem Grab, was hatte ihn dazu bewogen …?

“Ist Ihnen nicht gut?”

Stephen zuckte beim Klang der sanften, besorgten Stimme mit dem melodischen Highland-Akzent zusammen. Seine Fantasie schien ihm einen Streich zu spielen! Einen verrückten Moment lang hatte er gedacht, es sei eine Stimme aus dem Grab …

Der Schreck saß ihm noch in den Gliedern, als er sich abrupt umdrehte. Erleichtert sah er sich nicht einem Geist, sondern einem Menschen aus Fleisch und Blut gegenüber. Es war eine schlanke junge Frau in einem hellen Trenchcoat und mit hochhackigen braunen Stiefeln. Ihr Haar war unter einem jadegrünen Kopftuch verborgen, das ein ovales Gesicht mit feinen Zügen und elfenbeinfarbenem, fast durchsichtigem Teint umrahmte. In ihren großen dunkelblauen, violett schimmernden Augen lag Müdigkeit, aber auch ein Schimmer von Wärme, als sie ihn besorgt ansah.

“Sind Sie in Ordnung?”, fragte sie wieder und zog die Schultern hoch, um sich vor den Attacken des Windes zu schützen. “Ich dachte, Sie …”

“Natürlich bin ich in Ordnung.” Wegen seiner Bitterkeit und weil sie ihn überrascht hatte, fiel seine Antwort ungewollt schroff aus. “Warum denn nicht?” Stephen bemühte sich, freundlicher zu klingen.

“Ich sah Sie vor Hazels Grab stehen.” Auf ihrer kleinen geraden Nase perlte ein Regentropfen. “Haben Sie sie gekannt?”

Gekannt? Nein, dachte er selbstironisch, wirklich gekannt habe ich sie nicht. Er zuckte die Schultern. “Ich interessiere mich nur für alte Friedhöfe”, log er. Damit sie keine weiteren Fragen stellen konnte, wechselte er schnell das Thema. “Ich möchte ein paar Tage hierbleiben und mir die Gegend anschauen. Können Sie mir ein Hotel empfehlen?”

Ihr Blick glitt von seinem Kaschmirmantel hinunter zu den eleganten schwarzen Lederschuhen. “In Glencraig selbst nicht, aber ungefähr vierzig Meilen nördlich von hier gibt es ein gutes kleines Gasthaus. Sie können es gar nicht verfehlen. Es grenzt direkt ans Moor und heißt Heatherview.”

“Danke”, sagte er und wollte gehen. Da sah er, dass sie etwas im Arm hielt. Es lag in der Armbeuge, wo es vor dem Wind geschützt war. Sie bemerkte seinen neugierigen Blick und lächelte.

“Schneeglöckchen”, erklärte sie. “Die sind für das Grab meines Mannes. Es waren Rorys Lieblingsblumen. Er und Hazel kamen bei demselben Unfall ums Leben. Ein Lastwagen raste in die Menschenmenge an der High Street. Rory und Hazel waren sofort tot. Sechs weitere Personen wurden verletzt … Unter ihnen war auch Hazels Mann, Hugh. Er erlitt schwere Kopfverletzungen und lag einige Monate lang im Koma, bevor er starb. Kurz davor kam er noch einmal zu sich, und wir hofften, er würde überleben, aber nun ist Kilty ein Waise.”

“Kilty?”

“Hazels und Hughs Sohn. Ihr einziges Kind. Er ist fast fünfzehn. Es war sehr schwer für ihn. Zuerst verliert er seine Eltern, und dann … Entschuldigen Sie”, sagte sie plötzlich, “das interessiert Sie sicherlich alles gar nicht. Ich schwatze und halte Sie bei diesem scheußlichen Wetter auf. Ich hoffe, dass Ihnen das Gasthaus gefällt.”

Als sie sich umdrehte, blies der Wind ihr das Tuch fast vom Kopf. Glänzende rötlich braune Locken kamen zum Vorschein. Dann schob die Frau die Haare wieder unter das Kopftuch und band es unter dem Kinn fest zusammen. Bei der Bewegung ihrer Arme nahm Stephen ein feines, fruchtiges Parfum wahr. Der Duft währte nur eine Sekunde lang, dann trug ihn der Wind davon. Die Frau lächelte ihm zu, bevor sie entschieden und dennoch anmutig den schmalen Weg zurückging. Er sah noch, wie sie um die Ecke bog und hinter einer Stechpalmenhecke verschwand.

Stephen Galbraith schlug den Mantelkragen hoch und starrte auf das bescheidene Kreuz aus Granit. Die Worte der Fremden gingen ihm nicht mehr aus dem Sinn.

Kilty, das ist sicherlich ein Spitzname, dachte er. Wahrscheinlich haben sie den Jungen schon so genannt, als er noch ein kleines Kind war. Ein weiches Lächeln umspielte Stephens Lippen, doch im nächsten Moment presste er sie wieder fest zusammen, und sein Gesicht nahm einen harten Ausdruck an. Er war nach Glencraig gekommen, um den Jungen zu sehen. Um sich davon zu überzeugen, dass Kilty sein Sohn war. Wenn das tatsächlich der Fall sein sollte, würde er in London sofort seinen Anwalt aufsuchen und sein Testament ändern. Dieser Junge sollte dann sein Erbe sein. Das, dachte Stephen, bin ich ihm schuldig.

Dabei würde er es jedoch bewenden lassen. Er hatte nicht die Absicht, den Jungen näher kennenzulernen oder ihm gar mitzuteilen, dass er, Stephen Galbraith, sein Vater war. In seinem Leben war kein Platz für eine Familie oder überhaupt für irgendeinen anderen Menschen.

Nur Narren glauben an so etwas wie Liebe und lassen andere auf ihren Gefühlen herumtrampeln, sagte sich Stephen bitter. So kehrte er dem Grab der Frau, die er einmal geliebt hatte, den Rücken und ging davon.

Er war kein Narr mehr.

“Ich habe dir Schneeglöckchen mitgebracht, Rory.” Nairne beseitigte an einer windgeschützten Stelle des Grabes das Moos und pflanzte die kleinen weißen Blumen ein. “Es sind die ersten in diesem Jahr”, sagte sie leise. Die unterdrückte Trauer und die zurückgehaltenen Tränen verursachten einen brennenden Schmerz in ihrem Hals, der ihr wie zugeschnürt vorkam. Sie und Rory hatten im Februar geheiratet, und jedes Jahr, sieben Jahre lang, hatte er ihr zum Hochzeitstag einen Strauß Schneeglöckchen gepflückt. Die ersten Frühlingsboten waren zu einem Symbol geworden für die Reinheit, Beständigkeit und Unkompliziertheit ihrer Liebe. Nairnes Herz krampfte sich vor Schmerz zusammen. Wer hätte geglaubt, dass sie ihm die Blumen einmal … an sein Grab bringen würde? Dass sie ihren geliebten Mann so bald verlieren würde?

“Die Jungs sind alle …” Im Heulen des Sturms gingen die geflüsterten Worte fast unter. “Dieses Jahr ist Kilty mitgefahren. Er hat dafür extra schulfrei bekommen. Sie sind heute Morgen, als es noch dunkel war, mit dem Bus weggefahren. Die nächsten drei Wochen wird es sehr still sein zu Hause. Oh Rory”, Nairne spürte einen dicken Kloß im Hals, “letztes Jahr war es so schwer ohne dich …”

Ich werde nicht weinen, sagte sie sich, ich werde mich zusammenreißen. Irgendwie muss es weitergehen.

Sie straffte die Schultern und wischte mit dem Handrücken die Träne weg, die ihr über die Wange lief. “Ich habe eine Entscheidung zu fällen”, flüsterte sie heiser. “Jetzt, da die Jungs für eine Weile aus dem Haus sind, ist dafür die beste Gelegenheit. Doch heute möchte ich darüber nicht sprechen. Wenn ich alles noch einmal durchdacht habe, komme ich wieder und sag es dir. Jetzt muss ich gehen, denn Kyla und Adam kommen zum Abendessen, und ich habe noch einiges vorzubereiten. Bis bald.”

Zärtlich, so als ob der glatte Grabstein ein lebendiges Wesen wäre, berührte sie die Grabplatte. Nairne schloss die Augen und blieb eine Weile bewegungslos stehen. Dann wandte sie sich ab und ging.

Als sie bei der Stechpalmenhecke ankam, hörte sie den Motor eines Autos. Sekunden später das knirschende Geräusch der Reifen auf dem Kies. Der Wagen vor dem Friedhofstor fuhr davon. Das war sicherlich der dunkelhaarige Fremde, dachte Nairne.

Mit seiner feinen Kleidung passte er so gar nicht in diese Gegend. Nairne war es nicht gewohnt, überhaupt jemanden auf dem Friedhof anzutreffen. Deshalb war sie ziemlich erschrocken gewesen, als sie ihn vor Hazels Grab erblickt hatte. Die dunkle Gestalt wirkte in sich versunken und schwermütig … wie eine Figur aus einem Schauerroman. Schon merkwürdig, grübelte sie, dass er an einem so unfreundlichen Tag wie heute seine Reise einfach unterbricht, um sich diesen alten Friedhof anzusehen.

Der Mann hatte irgendwie verloren ausgesehen und … sehr einsam. Sein Gesicht war von Trauer und Bitterkeit gezeichnet. Am liebsten hätte sie es gestreichelt, um den Schatten, der auf ihm lag, zu vertreiben und die Falten zu glätten. Was mochte er wohl erlebt haben? Wer hatte ihn so sehr verletzt, dass er die Welt mit düsteren und leeren Augen betrachtete?

Ach, Nairne, schalt sie sich selbst, hast du nicht genug eigene Probleme? Musst du dir auch noch um Fremde Gedanken machen?

Sie rief nach dem Collie, der geduldig unter einer der Kiefern auf sie wartete. “Ja, du bist ein guter Hund, Shadow. Komm, jetzt gehen wir.” Mit ihrem treuen Gefährten machte sie sich auf den Heimweg.

“Dein Braten war wie immer köstlich, Nairne.” Kyla Garvie spülte das letzte der Weingläser, trocknete es ab und stellte es in den Schrank. Dann legte sie die Hände auf die Schultern ihrer Schwester, die gerade ein kleines Tablett mit Kaffeetassen auf den Küchentisch stellte. “Wie wär’s, wenn du Adam ein wenig Gesellschaft leistest? Ihr zwei habt euch doch schon eine Ewigkeit nicht mehr in Ruhe unterhalten können. Ich kümmere mich in der Zwischenzeit um den Kaffee. Soll ich ein paar Kekse dazulegen?”

“Ich habe gestern einen Butterkuchen gebacken. Er ist im …”

“Butterkuchen?”, fiel Kyla ihrer Schwester ins Wort, “Catrina wird begeistert sein. Sie liebt deinen Butterkuchen. Ich lege zwei Stücke für sie beiseite. Sie müsste eigentlich schon da sein.”

“Catrina kommt? Kyla, warum hast du mir das nicht früher gesagt? Ich dachte, die Kinder sind zu Hause und Molly passt auf sie auf.”

Kyla blickte überrascht auf. “Ich habe dir doch Bescheid gesagt. Hast du denn deinen Anrufbeantworter noch gar nicht abgehört? Heute Nachmittag habe ich bei dir angerufen, doch du warst nicht da.”

“Ich war auf dem Friedhof.”

“Das dachte ich mir, deshalb habe ich aufs Band gesprochen. Mom und Dad haben Kevin und Catrina zu einer Feier im Gemeindehaus gefahren. Ein Lehrer bringt die beiden nach dem Fest hier vorbei.”

Nairne legte die Stirn in Falten. “Ich glaube, ich habe vergessen, den Apparat einzuschalten, bevor ich wegging. Es war nichts auf dem Band, als ich es nach meiner Rückkehr abgehört habe.”

“Nein, das kann nicht sein”, widersprach Kyla. “Ich habe auf das Band gesprochen.”

“Es war aber nichts drauf, ehrlich.”

“Vielleicht hast du es aus Versehen gelöscht?”

Nairne schüttelte den Kopf. “Nein, bestimmt nicht.”

“Dann müssen es die Trolle gewesen sein.”

Nairne musste bei dieser Anspielung lächeln. Als sie einmal als Kind ein Ölbild ihrer Mutter verschmiert hatte, hatte sie aus Angst vor einer Strafe einfach behauptet, das seien die Trolle gewesen.

Es klingelte an der Haustür. Kyla warf einen Blick auf ihre Armbanduhr. “Das sind sie wahrscheinlich schon.” Sie ging hinaus, um die Tür zu öffnen.

Nairne trat ans Fenster, unter dem das kleine Tischchen mit dem Telefon stand. Als sie vom Friedhof zurückgekommen war, hatte sie den Anrufbeantworter abgehört. Immer noch war das rote Licht zu sehen, was bedeutete, dass nichts auf Band gesprochen wurde. Was war mit Kylas Nachricht passiert?

Na ja, sagte sich Nairne, nicht so wichtig. Jeden Augenblick würden die Kinder hereinkommen. Die vierjährige Catrina mit ihrem dunklen Lockenschopf würde wie ein Wildfang in die Küche stürmen, gefolgt von Kevin, der für seine zwölf Jahre schon sehr reif und ernst war.

Mit einer Melodie auf den Lippen stellte Nairne Zucker und Milch aufs Tablett. Welch ein Glück war es doch, eine Familie zu haben. Eine Familie, die zusammenhielt und sich verstand – ihre Eltern, Kyla und Adam, Kevin und Catrina. Nairne wusste nicht, was sie ohne diese Menschen nach Rorys Tod gemacht hätte. Und vor allem ohne ihre Jungs, die das Haus erst belebten.

“Das waren gar nicht die Kinder.” Kyla kam in die Küche. “Es war nur jemand, der ein Zimmer sucht. Er sah das Schild über der Tür mit der Aufschrift ‘Zimmer zu vermieten’. Wahrscheinlich hat es der Wind umgedreht. Jetzt hat der Sturm endlich nachgelassen.” Ihre dunkelrote Bluse schimmerte im hellen Schein der Lampe, als sie nach der Kuchendose im Regal über dem Herd griff. “Ich sagte ihm, in Glencraig würde er kein Zimmer finden, er solle es weiter oben in Heatherview versuchen. Dort ist anscheinend auch kein Zimmer mehr zu bekommen, denn er sagte, er sei dort bereits gewesen, habe da auch zu Abend gegessen, aber wegen einer Hochzeitsfeier sei alles ausgebucht.”

“Ach du liebe Zeit. War der Mann groß, dunkelhaarig, sympathisch aussehend, mit einem Londoner Akzent?”

“Ja, er hatte eine tolle sexy Stimme. Aber woher weißt du …?” Kyla schaute ihre Schwester mit großen Augen an.

Nairne überlegte fieberhaft. Der Mann würde zu dieser Jahreszeit, außerhalb der Saison, zwischen Glencraig und Inverness nirgendwo ein Zimmer bekommen. Wenn er Glück hatte, würde er nach stundenlanger Autofahrt vielleicht eine Unterkunft finden. Allerdings nur vielleicht …

“Und sympathisch aussehend? Du untertreibst gewaltig”, sagte Kyla. “Der Typ sieht großartig aus!” Mit gespielter Verzweiflung fügte sie seufzend hinzu: “Manchmal glaube ich, dass ich bei meiner Geburt das ganze überschäumende Temperament und alle Leidenschaft abbekommen habe, sodass für dich davon nichts mehr übrig blieb. Dafür hat dich der Schöpfer mit einer Extraportion Schönheit und einem Übermaß an Liebreiz und Vernunft ausgestattet …”

Nairne hörte gar nicht, was Kyla sagte. Kurz entschlossen legte sie die Kuchengabeln auf den Tisch, und mit einem “Bin gleich wieder da” eilte sie hinaus. Sie wusste, dass es womöglich zu spät war, um ihn noch einzuholen. Doch das Anwesen war weitläufig, und wenn sie die Abkürzung durch das Kiefernwäldchen nahm, könnte sie vielleicht noch vor ihm unten an der Straße sein.

Sie nahm sich nicht einmal die Zeit, eine Jacke überzuziehen. So wie sie war, stürmte sie hinaus und eilte die flachen Steinstufen hinunter auf den Kiesweg. Der Sturm war tatsächlich vorbei, alles wirkte friedlich in der Dunkelheit. Der Himmel war klar, und die Sichel des Mondes war zu sehen. Nairne rannte den von Kiefern gesäumten Weg entlang. Sie streifte die herunterhängenden Zweige, die noch nass waren vom Schneeregen.

Außer Atem gelangte sie zur Straße. Keuchend schaute sie sich um und erkannte weiter oben, am Eingang zu ihrem Grundstück, die Umrisse eines Wagens. Sie lief, so schnell sie konnte, und erreichte das Fahrzeug in dem Moment, als der Motor angelassen wurde und es sich in Bewegung setzte. Mit den Fäusten hämmerte sie gegen die Fensterscheibe. Als das Auto mit einem Ruck anhielt, trat sie einen Schritt zurück und verschränkte die Arme.

Die Scheibe senkte sich, und der Fahrer streckte seinen Kopf heraus. Es war so dunkel, dass Nairne kaum mehr als das Glitzern seiner Augen wahrnahm.

“Was zum Teufel wollen …?”

“Ich wollte Sie nicht erschrecken.” Nairne, die erst jetzt die Kälte spürte, der sie in ihrer dünnen Bluse ungeschützt ausgeliefert war, trat näher an das Auto heran und beugte sich vor. Ihr Gesicht war fast auf gleicher Höhe mit dem des Mannes. “Sie haben gerade nach einem Zimmer gefragt, und Kyla, meine Schwester, hat Sie weggeschickt. Eigentlich vermiete ich zurzeit nicht, aber wenn Sie wollen, können Sie ein Zimmer haben. Sie werden in der ganzen Gegend hier keins mehr finden.”

In der Pause, die ihren Worten folgte, bemerkte sie, dass das Autoradio angeschaltet war. Es lief keine Musik, sondern irgendein Wirtschaftsprogramm: “… und folgende Aktien können wir Ihnen kurzfristig empfehlen …”

Der Mann schaltete das Radio ab. “Ich möchte Ihnen keine Umstände machen.”

“Das machen Sie ganz bestimmt nicht”, versicherte Nairne. “Ich muss zugeben, ich habe ein schlechtes Gewissen, weil ich Sie umsonst nach Heatherview geschickt habe. Diese Hochzeit hatte ich total vergessen.”

“Ah, jetzt erkenne ich Sie wieder! Sie sind die Frau vom Friedhof …”

“Ja. Ich vermiete eigentlich nur im Sommer Zimmer. Es ist für mich jedoch kein Problem, Ihnen für heute Nacht eins herzurichten. Es ist nicht so elegant wie die in Heatherview, aber …”

Nairne hörte ein Klicken. Es war die Beifahrertür, die sich automatisch öffnete. “Steigen Sie ein, ich fahre Sie zurück”, sagte er plötzlich.

“Danke, das ist nicht nötig”, erwiderte sie.

Seine Stimme klang eine Spur ungeduldig, als er sagte: “Wenn Sie zu Fuß gehen, muss ich vor dem Haus auf Sie warten. Das ist doch nicht sinnvoll, oder?”

Der Mann scheint es gewohnt zu sein, seinen Willen durchzusetzen, dachte Nairne spöttisch. “Na schön. Vielen Dank”, gab sie nach und lief um das Auto herum.

Den Wagen, einen offensichtlich teuren Mercedes, muss er erst kürzlich gekauft haben, dachte Nairne, als sie auf dem Beifahrersitz Platz nahm. Es roch nach neuem Leder. Der Ledergeruch vermischte sich mit einem unaufdringlichen, sehr eleganten Parfum. Der Duft war ganz anders als der, den sie von Rory gewöhnt war. Er hatte eine Vorliebe für sportliche, auch erdige Parfums gehabt. Dieses hier roch würziger und ausgefallener.

Wahrscheinlich sündhaft teuer, dachte Nairne. Dieser Mann sieht nicht so aus, als ob es ihm auf ein paar Pfund mehr oder weniger ankäme.

“Haben Sie Gepäck?”, fragte sie, als er zwischen Adams Land Rover und ihrem weißen Kombi parkte.

“Nur eine Reisetasche.” Er schaltete die Innenbeleuchtung ein und griff nach seinem Mantel, der auf dem Rücksitz lag. Bei der Bewegung streifte er mit der Schulter ihren Arm. Für den Bruchteil einer Sekunde spürte Nairne die Wärme seines Körpers. Wie elektrisiert zuckte sie zurück. Kyla hat sich geirrt, dachte Nairne, als sie ihm, ohne dass sie es eigentlich wollte, in die Augen sah. Der Mann sieht nicht einfach “großartig” aus, sondern vielmehr faszinierend. Für diese Feststellung genügte ein einziger Blick in die stahlblauen, von dichten schwarzen Wimpern umrahmten Augen. In Bruchteilen von Sekunden nahm sie das markant geschnittene Gesicht wahr und die für einen Mann fast zu schön geformten Lippen. Sie verliehen dem ansonsten eher verschlossen, ja streng wirkenden Gesicht etwas Sinnliches. Sein Haar war tiefschwarz, sogar an den Schläfen ohne die geringste Spur von Grau, obgleich sie ihn, den feinen Linien um Augen und Mund nach zu urteilen, auf etwa vierzig Jahre schätzte.

Nairne fragte sich, warum ihr all dies nicht schon auf dem Friedhof aufgefallen war. War es der verlorene Ausdruck seiner Augen gewesen? Augen, die sie jetzt auf eine Art und Weise anblickten, die ein seltsam kribbelndes Gefühl in ihr hervorrief.

“Pardon”, sagte er. Nairne bemühte sich, ihr Herzklopfen zu ignorieren. Während sie undeutlich den dunkelbraunen Kaschmirmantel wahrnahm, den er in Händen hielt, versuchte sie, sich wieder in den Griff zu bekommen. Wie konnte solch eine zufällige Berührung sie nur so aus der Fassung bringen?

Abrupt öffnete sie die Tür und stieg aus. Sie ging voraus, während er seine Reisetasche aus dem Kofferraum holte, und wartete vor der Haustür auf ihn. Sie zwang sich, ihre Frage ehrlich zu beantworten. Als sie der Wahrheit ins Gesicht sah, stieg ein Gefühl von Scham und Schuld in ihr auf. Sie hatte auf diesen winzigen Körperkontakt deshalb so reagiert, weil er an etwas gerührt hatte, was sie seit Rorys Tod, seit über zwölf Monaten verdrängte. Das, was sie vorhin wie ein Blitz durchzuckt hatte, war nicht mehr und nicht weniger als aufkeimendes körperliches Verlangen gewesen.

Nairne fand es beschämend, dass sie sich so schnell von einem anderen Mann, noch dazu von einem Fremden, angezogen fühlte.

Als er die Treppen heraufgestiegen kam, schloss sie die Tür auf und bat ihn einzutreten. Kyla und Adam kamen ihnen aus dem Wohnzimmer entgegen.

“Oh”, sagte Kyla, “du bist ihm nachgelaufen! Ich habe Adam gesagt, dass du ihn wohl zurückholen wolltest.”

Nairne vermied es, dem Fremden in die Augen zu schauen, als sie ihm den Mantel abnahm und ihn auf einen Bügel an der Garderobe hängte. “Ja”, entgegnete sie auf Kylas Bemerkung, “ich habe ihn gerade noch vor der Einfahrt erwischt. Er war schon im Begriff wegzufahren. Kommen Sie”, wandte sie sich an den Gast, “wärmen wir uns vor dem Kamin auf.”

Sie gingen alle in das geräumige Wohnzimmer. Nairne warf dem hochgewachsenen Fremden einen freundlichen Blick zu und streckte die Hand aus. “Ich bin Nairne Campbell.”

Er zögerte kurz, schloss dann seine warme Hand um ihre kalten Finger. “Stephen Galbraith”, murmelte er. Wieder durchlief sie ein wohliger Schauder. Doch dieses Mal war Nairne schon darauf vorbereitet. Sie löste die Hand aus seinen festen, warmen Fingern, und mit ruhiger Stimme stellte sie Kyla und Adam vor.

Verstohlen betrachtete sie Stephen. Jemanden wie ihn hatte sie hier in Glencraig noch nie zuvor gesehen. Er stach nicht nur durch seine elegante Kleidung hervor. Sein ganzes Auftreten war etwas Besonderes. Die breiten Schultern und die markanten Gesichtszüge verliehen ihm etwas Imposantes, betont Männliches. Doch Nairne spürte, dass es nicht nur sein Körperbau und seine Physiognomie waren, die ihn so überaus kraftvoll erscheinen ließen. Sie wusste, dass dies ein Mann war, der sich nicht mit Halbheiten zufriedengab und der, wenn es sein musste, bis an die Grenzen seiner Möglichkeiten ging. Er ist sicherlich ein Mensch, dachte sie, der sich nicht so leicht in die Karten schauen lässt und deshalb auch schwer kennenzulernen ist. Sie war sicher, dass sie recht hatte. Seine Körpersprache verriet mehr, als ihm womöglich lieb war. Es war, als habe er eine unsichtbare Wand um sich herum errichtet. Bis dahin und nicht weiter, signalisierte sie. Nairne hatte jedoch das Gefühl, dass sie auf dem Friedhof einen Blick hinter die Fassade geworfen hatte. Seine abgrundtief traurigen Augen waren wie ein Spalt in dieser Mauer gewesen. Und was sie sah, war ein einsamer, verlassener Mensch, der niemanden an sich heranlassen wollte.

“So, ich mach uns einen Kaffee, Nairne.”

Als die Stimme ihrer Schwester an ihr Ohr drang, zwang sich Nairne zu einem Lächeln. “Danke, Kyla.” Zu den beiden Männern gewandt, sagte sie: “Setzen wir uns doch.”

“Entschuldigt mich”, meinte Adam, “ich geh mal runter zur Straße und schau, ob die Kinder kommen.”

Er schloss die Tür hinter sich, und in der Stille, die folgte, ertappte sich Nairne, wie sie nervös an ihrem Ehering herumspielte. Merkwürdig, dachte sie, das Wohnzimmer kam mir bisher immer besonders groß vor. Heute, durch die Anwesenheit dieses Mannes, schien es geschrumpft.

Sie atmete tief ein. Mit einer Handbewegung zeigte sie auf einen großen, bequemen Sessel. “Nehmen Sie doch Platz.”

Stephen Galbraith blieb aber, nur wenige Schritte von ihr entfernt, stehen. “Ich möchte lieber auf mein Zimmer gehen”, erwiderte er. “Ich möchte Ihr Familientreffen nicht stören.” Er strich mit der Hand über seinen Nacken. Die Geste, die eine gewisse Erschöpfung verriet, stand im Gegensatz zu dem entschiedenen Tonfall seiner Stimme.

“Bitte machen Sie sich darüber keine Gedanken. Sie …”

In diesem Augenblick betrat Kyla das Zimmer, in den Händen das Tablett mit den dampfenden Kaffeetassen. Sie stellte es auf dem runden Beistelltisch ab. “Adam hat Mr. Galbraiths Tasche hinaufgetragen. Ich habe ihm gesagt, er soll sie in das kleine Gästezimmer über der Küche stellen. Es ist das wärmste Zimmer, nicht wahr?”

“Ja, du hast recht”, antwortete Nairne. “Das Bett steht direkt über dem Kachelofen. Danke, Kyla. Nun, Mr. Galbraith, Sie trinken doch noch eine Tasse Kaffee mit uns, bevor Sie nach oben gehen?”

“Sie müssen unbedingt Nairnes Butterkuchen kosten.” Kyla streifte ihre Schuhe ab, ließ sich in der Sofaecke nieder und schlug die Beine unter. “Vor drei Jahren hat sie damit den ersten Preis bei einem Backwettbewerb gewonnen. Ah, da sind sie!” Beim Klang der Kinderstimmen, die von der Diele hereindrangen, hob sie den Kopf und blickte gespannt zur Tür.

Die Tür flog auf, und Adam, Kevin und Catrina kamen herein. Das dunkelhaarige kleine Mädchen rannte an ihrem Vater und ihrem Bruder vorbei. Mit roten Wangen blieb sie vor ihrer Mutter stehen, legte die Hände auf deren Knie und strahlte sie mit ihren kugelrunden grauen Augen an. “Daddy hat gesagt, Tante Nairne hat Butterkuchen gebacken. Bekomme ich ein Stück?”

“Wo sind deine Manieren, kleines Fräulein? Hast du vergessen, dass man ‘bitte’ sagt?”

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