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Schicksalsnacht in Atlantic City

PROLOG

2. Januar, Sterling Palasthotel und Kasino
Atlantic City, New Jersey

Seit zwei Stunden schon saß Devlin Campbell an einem der Blackjack-Tische, doch er war mit seinen Gedanken nicht bei dem Spiel. Stattdessen musste er immer an den Brief denken, den er sich heute Morgen noch in aller Hast in die Manteltasche gesteckt hatte. Normalerweise ließ Devlin sich nicht leicht aus der Ruhe bringen, aber dieses Schriftstück eines Anwaltsbüros in Kalifornien hatte ihn schlicht umgehauen. Und da er den Brief nicht vergessen konnte, hatte er sich fest vorgenommen, ihn einfach zu ignorieren.

Er stürzte seinen vierten Scotch mit Wasser herunter und blickte zu der Frau hoch, die schweigend hinter ihm stand und ihm über die Schulter sah. Schon bevor er halb betrunken war, hatte sie ihm gut gefallen. Sie hatte langes hellbraunes glänzendes Haar, ihr Körper hatte die Kurven an den richtigen Stellen, aber ihr Lächeln wirkte aufgesetzt, denn die schönen blauen Augen blickten ernst. Seltsamerweise fühlte Devlin sich von ihrer Traurigkeit genauso angezogen wie von ihrem aufregenden Körper. Er wusste nicht, wie sie hieß, aber sie hatte ihm Glück gebracht, seit er sie vor gut einer Stunde das erste Mal erblickt hatte.

Er war mit ein paar Hundert Dollar im Minus, als er sie auf seinen Tisch zukommen sah. Sie blieb stehen und sprach mit einem Angestellten des Kasinos, der in eine andere Richtung wies. Sie folgte seiner Handbewegung kurz mit den Blicken, dann aber sah sie Devlin an und schien zu erstarren. Sie riss lediglich die Augen auf, und ein paar endlose Sekunden lang starrten die beiden sich an. Dann wurden die Karten wieder verteilt, und Devlin musste sich auf das Spiel konzentrieren. Er gewann.

Als er sich wieder nach der Frau umdrehte, war sie verschwunden. Doch plötzlich tauchte sie wieder neben ihm auf, und er legte ihr schnell die Hand auf den Arm.

„Warten Sie“, sagte er, leicht atemlos, weil die Berührung ihn wie ein Stromstoß durchfuhr. „Sie bringen mir Glück.“

Erstaunlicherweise blieb sie tatsächlich stehen. Und immer, wenn sie in der nächsten Stunde weitergehen wollte, bat er sie zu bleiben, mehr mit den Augen als mit Worten. Er nannte sie seine Glücksfee und hoffte, sie wenigstens einmal lächeln zu sehen. Aber sie blieb ernst, und die Traurigkeit in ihren Augen schien sich eher noch zu vertiefen.

Dennoch tat sie, was er wollte, auch als sich allmählich eine Traube von Menschen um sie sammelte, die neugierig war, wann seine Glückssträhne wohl abreißen würde. Devlin riskierte immer höhere Einsätze, die Sicherheitskräfte näherten sich unauffällig. Sie sahen Devlin sehr genau auf die Finger, aber es ging alles mit rechten Dingen zu. Momentan war Devlin egal, ob er gewann oder verlor. Er brachte gerade mal die nötige Konzentration auf, um dem Spiel überhaupt zu folgen.

Und dennoch gewann er unentwegt.

Devlin ließ die Eiswürfel in dem bereits wieder leeren Glas klingeln, setzte es dann ab, weil neu ausgeteilt wurde. Vorsichtig hob er die Kartenecken an. Ein Bube und eine Fünf, also fünfzehn Punkte. Jeder andere Spieler würde sich damit zufriedengeben, aber Devlin ging das Risiko ein und ließ sich noch eine Karte geben.

Eine Sechs. Damit hatte er 21 Punkte und wieder gewonnen. An manchen Abenden klappte eben einfach alles.

Um ihn herum wurde anerkennendes Gemurmel laut. Die Glücksfee beugte sich zu ihm herunter. „Ich muss jetzt wirklich gehen. Herzlichen Glückwunsch.“

Er drehte sich zu ihr um. „Ich möchte Sie zum Dinner einladen.“

Sie richtete sich auf. „Ich kann nicht“, sagte sie leise.

Dann entfernte sie sich von seinem Tisch. Er hätte sie mit Gewalt zurückhalten müssen, ein Gedanke, der ihm kurz kam. Aber dann sah er ihr nur hinterher, wie sie in der Menge verschwand. Was sie wohl für ein Mensch war? Was hatte sie erlebt, dass sie so traurig war? Und dieser Körper ... ihm wurde heiß.

Das Spiel hatte seinen Reiz für ihn verloren. Er nahm seine Chips, ging zur Kasse und löste sie ein. Und nun? Er konnte schlecht nach Philadelphia fahren, nicht wenn er vier Scotch getrunken hatte.

Er sollte sich ein Zimmer nehmen, sich etwas zu essen kommen lassen und sich mit dem Brief beschäftigen, den Erinnerungen ...

Er zögerte und war sich unsicher, was er tun sollte. Das war sehr ungewöhnlich für ihn, denn normalerweise entschloss er sich sehr schnell. Aber in diesem Fall spielten alte Gefühle eine Rolle, und bei allem, was mit Emotionen zu tun hatte, war Devlin Campbell unbehaglich zumute.

Verdammt, Hunter.

Schließlich ging er doch zum Empfang, ließ sich ein Zimmer im 25. Stock geben und steuerte auf die Fahrstühle zu. Als die Fahrstuhltür sich öffnete, riss er die Augen auf. Seine Glücksfee stand vor ihm und starrte ihn an.

Das ist kein Zufall, dachte er. Das ist Schicksal.

Da sie ebenso überrascht war wie er, rührte sie sich nicht. Und so stieg er schnell ein, drückte auf den Knopf, und die Türen schlössen sich.

Als er ihren tieftraurigen Blick auffing, wurde ihm ganz kalt. „Wer hat Ihnen das Herz gebrochen?“, fragte er weich.

Sofort traten ihr die Tränen in die Augen.

„Ich möchte es wieder kitten“. Er trat auf sie zu, zog sie sanft in die Arme und drückte sie vorsichtig an sich. Erst wehrte sie sich, aber dann legte sie die Arme um ihn und drückte ihm das Gesicht gegen die Schulter. Ihr Körper bebte. Zärtlich strich er ihr mit den Lippen über die Schläfe.

Die Fahrstuhltür ging viel zu schnell wieder auf.

„Komm mit mir“, flüsterte er der jungen Frau ins Ohr. „Bleib bei mir heute Nacht.“

Sie trat einen Schritt zurück und nickte dann.

Er griff nach ihrer Hand. „Wie heißt du?“

„Nicole.“

„Ich bin Devlin.“

Hand in Hand gingen sie den Flur hinunter.

1. KAPITEL

1. Mai, Sterling Palasthotel und Kasino
Stateline, Nevada

Wo war seine Glücksfee, wenn er sie brauchte?

Devlin Campbell sah sich verärgert um. Das grelle Neonlicht und der unablässige Krach der Spielautomaten stellten seine Geduld auf eine harte Probe. Diesmal gewann er nicht beim Blackjack, nicht ein einziges Mal.

Anstatt sich auf die Karten zu konzentrieren, ertappte er sich dabei, wie er aufmerksam die Menschen musterte, die sich durch die Säle schoben. Dabei gab es wirklich keinen Grund, die Räume nach ihr abzusuchen ... seiner Glücksfee. Nicole. Schließlich hatte er sie damals auf der anderen Seite des Kontinents getroffen. Sie waren wie zwei Schiffe in der Nacht gewesen, die Trost und Schutz gesucht und gefunden hatten, aus Gründen, die sie einander nie gestanden hatten. Devlin hatte so etwas wie mit Nicole noch nie erlebt, vorher nicht und danach auch nicht. Dabei war er zweimal nach Atlantic City in das Palasthotel zurückgekehrt, in der Hoffnung ...

Er machte Jetlag dafür verantwortlich. Bei drei Stunden Zeitdifferenz zu Philadelphia hatte er bereits einen vollen Tag hinter sich. Außerdem machte sich jetzt bemerkbar, dass er im letzten Monat meist vierzehn Stunden am Tag gearbeitet hatte, um sich diese Auszeit leisten zu können.

Devlin beobachtete, wie der Dealer die Karten austeilte und dann vor sich selbst einen König hinlegte. Devlin hob vorsichtig seine Karten an. Eine Sieben und eine Fünf.

Weshalb war er überhaupt zum Kasino gefahren? Devlin wusste es selbst nicht mehr. Der Kühlschrank der Lodge, in der er den nächsten Monat verbringen sollte, war von der jungen, attraktiven Hausverwalterin Mary, die ihm den Schlüssel übergeben hatte, gut gefüllt worden. Er hätte sich eins der tiefgefrorenen Gerichte aufwärmen können und dann zu Bett gehen sollen.

„Machen Sie weiter, Sir?“ Der Dealer wartete auf Devlins Entscheidung.

„Weiter.“ Die dritte Karte war eine Dame. Wieder verloren. Das war ungewöhnlich für Devlin Campbell, der im Leben normalerweise das erreichte, was er sich vorgenommen hatte. Er sammelte die wenigen ihm verbliebenen Chips zusammen, steckte sie in die Tasche und stand auf. Er musste unbedingt etwas essen. Vorhin war ihm im Vorübergehen eine Sportsbar aufgefallen, dort konnte er sich bestimmt etwas bestellen. Danach würde er zur Lodge zurückfahren und die nächsten zwölf Stunden durchschlafen.

Im Fernsehen wurde ein Baseballspiel übertragen. Seine Lieblingsmannschaft aus Philadelphia spielte gegen die San Francisco Giants. Devlin bestellte sich ein Bier und ließ sich die Karte geben. Groß war die Auswahl nicht. Er entschied sich für Hamburger und Pommes frites. Dann nahm er einen tiefen Zug von dem eiskalten Bier und musterte die anderen Gäste. Eine Frau ging auf den Ausgang zu, die ihm irgendwie bekannt vorkam. Sie trug die Uniform der Sterling-Angestellten. War das nicht ...?

Hastig stellte er das Bierglas ab und rutschte vom Barhocker. Sie war ungefähr sechs bis sieben Meter vor ihm und bewegte sich schnell. Das war doch ... Dasselbe lange hellbraune Haar, diesmal zu einem Zopf geflochten. Derselbe atemberaubende Körper mit den langen Beinen, die sich ihm um die Hüften gelegt hatten ...

„Nicole!“

Sie blieb stehen, drehte sich zu ihm um, sah ihn an, zögerte und beschleunigte dann ihre Schritte. Was sollte das denn? Wollte sie weglaufen? Warum? Er stellte doch keine Gefahr für sie dar, wusste noch nicht einmal, wie sie mit Nachnamen hieß. Das war nicht ungewöhnlich für ihn, denn normalerweise sah er die Frauen nie wieder, mit denen er einmal geschlafen hatte. Er wollte sich einfach nicht binden, egal, wie hübsch oder sexy die Frauen waren.

Mit einer Ausnahme. Mit Nicole wollte er unbedingt eine zweite Nacht verbringen, denn sie war ebenso leidenschaftlich im Bett gewesen wie er, zärtlich und fordernd zugleich, sodass er in der Nacht alles andere vergessen hatte.

Selbst den Brief.

Endlich hatte er sie eingeholt und fasste sie beim Ellbogen. Ihr blieb nichts anderes übrig, sie musste stehen bleiben.

„Trainierst du für den Marathon?“, fragte er und blickte schnell auf ihr Namensschild. Nicole, Sacramento, California. Er hatte keine Ahnung gehabt, dass sie bei Sterling angestellt war. Damals hatte sie keine Uniform getragen, sondern Jeans, einen dunklen Pullover und Stiefel mit hohen Absätzen, sodass sie fast so groß war wie er. Er hatte ihr die Stiefel ausgezogen, dann die Jeans, sodass die langen schlanken Beine zum Vorschein kamen ...

„Oh ... hallo!“, sagte sie. „Sie sind ...“

„Devlin“, sagte er schnell. Hatte sie das etwa vergessen? „Januar? Atlantic City?“

Mit einer schnellen Bewegung zog sie sich das Jackett glatt und befreite sich dadurch von seinem Griff. Dabei fiel ihm auf, dass ihre Kurven noch üppiger waren, als er sie in Erinnerung hatte. Er musste mit ihr unbedingt noch einmal so eine Nacht erleben wie in Atlantic City.

„Ja, ich erinnere mich“, sagte sie langsam und lächelte kurz. Aber wie schon damals bei ihrem ersten Treffen blickten ihre Augen auch diesmal ernst.

Er wies auf ihr Namensschild. „Du arbeitest hier im Hotel?“

„Ja, ich bin Assistentin der Geschäftsführung.“

„Warst du damals schon beim Hotel angestellt, als wir uns im Januar begegneten?“

„Ja, als Empfangschefin. Ich war allerdings nicht im Dienst, als wir ... an dem Abend. Ich habe mich dann später nach Tahoe versetzen lassen, vor zwei Monaten.“ Das kam eher zögernd, und sie sah Devlin dabei nicht an.

Die Frau faszinierte und reizte ihn zugleich. „Geh mit mir essen.“

„Ich bin im Dienst.“ Sie sah sich um, Panik im Blick, als erhoffe sie sich von irgendjemandem Rettung aus dieser Situation.

Sie konnte doch nicht vor ihm Angst haben, nicht nach der Nacht, die sie miteinander verbracht hatten. „Wann hast du Dienstschluss?“, fragte er.

Jetzt endlich sah sie ihn direkt an. Vielleicht war ihr klar, dass er nicht nachgeben würde. Aber auch sie würde sich nicht einschüchtern lassen, sagte ihr Blick. „Um neun.“

In weniger als einer Stunde. Bei dieser Aussicht war seine Müdigkeit plötzlich wie weggeblasen. „Ich warte auf dich.“

„Nein, bitte nicht.“ Sie machte einen Schritt zurück. „Ich muss jetzt gehen.“

Devlin blieb stehen und sah ihr hinterher. Dann ging er zum Tresen zurück, gerade als sein Essen serviert wurde.

Eins nach dem anderen. Erst das Essen, dann Nicole.

Sie würde ihm nicht entkommen. Er wusste, wo er sie finden konnte.

Nicole war nicht sicher, ob Devlin ihr nicht vielleicht einfach gefolgt war. Erst als sie hinter dem Empfangstresen stand, wagte sie sich umzublicken. Mit angehaltenem Atem suchte sie die Menschenmenge ab. Devlin war nicht dabei.

Schnell schlüpfte sie in ein leeres Büro, schloss die Tür und lehnte sich aufatmend gegen die Wand, die eine Hand auf den Mund gepresst, die andere gegen den Magen. Als ihr Herzschlag sich etwas beruhigt hatte, stieß sie sich von der Wand ab und ließ sich auf einen Stuhl fallen.

Weshalb war er hier?

Was sollte sie nur tun?

Eine Weile starrte sie vor sich hin, ohne etwas zu sehen. Dann seufzte sie leise auf und setzte sich vor den Computer. Unter dem Namen Devlin Campbell war kein Zimmer reserviert worden. Also war er nicht Gast hier. Noch nicht wenigstens. Warum war er gekommen? Wo wohnte er? Wie lange würde er bleiben?

Ann-Marie, eins der Mädchen vom Empfang, öffnete vorsichtig die Tür und steckte den Kopf ins Zimmer. „Ist was, Nicole?“

Ja, allerdings. Ich weiß nicht weiter. Ich habe Angst. „Nein, alles in Ordnung. Vielen Dank.“

„Du siehst aus, als sei dir ein Gespenst begegnet.“

Stimmt, Devlin Campbell hatte wie eine Erscheinung auf sie gewirkt, dabei war er nur zu sehr ein Mann aus Fleisch und Blut. Groß, dunkel und attraktiv. Er stammte aus einer alten Familie mit Geld, all das hatte sie über ihn herausgefunden, nach dieser unvergesslichen Nacht mit ihm. „Brauchst du was, Ann-Marie?“

Die junge Frau zog erschreckt den Kopf zurück, und Nicole stand auf und ging auf sie zu. Ann-Marie war dreiundzwanzig und noch in der Ausbildung. „Entschuldige meinen Tonfall. Mir geht es heute nicht so gut.“

Ann-Marie lächelte. „Schon gut. Vielleicht solltest du lieber nach Hause fahren.“

Doch Nicole war stolz darauf, dass sie bisher nicht eine einzige Stunde ihres Dienstes versäumt hatte. Außerdem konnte sie gar nicht gehen. Sie machte Vertretung für einen Kollegen, der erst eine Stunde später kommen konnte. Diese Dreiviertelstunde würde sie auch noch durchhalten. Unter normalen Umständen wäre sie längst zu Hause und Devlin nicht über den Weg gelaufen. War das auch Schicksal?

„Nicole?“

Sie warf Ann-Marie ein Lächeln zu. „Alles in Ordnung. Ich mache die Schicht zu Ende.“

Die rundliche Blonde nickte erleichtert und zog sich wieder hinter den Empfangstresen zurück. Nicole folgte ihr. Dienstagabend, da war normalerweise nicht viel los. Allerdings könnte es sein, dass Devlin doch noch ein Zimmer wollte, und so hielt sich Nicole in der Nähe des Empfangs auf. Ob er kommen würde?

Kurz vor neun tauchte er tatsächlich auf. Er wies auf eine Sitzgruppe, wo sie ungestört miteinander reden konnten. „Wenn du schon nicht mit mir zum Essen gehen willst, dann vielleicht auf einen Drink?“, fragte er.

Sie setzte ein freundliches Lächeln auf und schüttelte den Kopf.

„Ich komme jeden Abend her, bis du Ja sagst.“

Jeden Abend? Wie lange ...? „Bist du geschäftlich hier?“

„Das weiß ich selbst nicht so genau. Eigentlich bin ich zum Vergnügen hier, allerdings habe ich etwas andere Vorstellungen von Spaß. Ich bleibe einen Monat.“

Ein Monat! Nicole erschrak. In einem Monat war alles ganz anders. Was sollte sie nur tun? Was sollte sie ihm sagen? Und wann war der richtige Zeitpunkt?

„Kann ich dich nach Hause fahren?“, fragte er.

„Danke, ich habe mein Auto hier.“

„Dann bringe ich dich zum Auto.“ Das war kein Angebot, sondern ein Befehl.

Gegen Befehle war Nicole immer allergisch gewesen. „Ich muss erst noch etwas erledigen. Aber wir werden uns sicher wieder begegnen.“ Begreifen Sie doch endlich, Mr. Campbell, ich möchte nichts mit Ihnen zu tun haben. Sie stand auf und wandte sich um.

„Wovor hast du denn Angst, Nicole?“, rief er leise, aber doch so laut, dass Ann-Marie überrascht den Kopf hob und in ihre Richtung blickte.

Wütend drehte Nicole sich um. „Was willst du von mir?“, zischte sie ihm zu.

„War das nicht eine Wahnsinnsnacht, die wir damals in Atlantic City verbracht haben?“

Ach so, das war es. Er wollte wieder mit ihr ins Bett gehen. Was hatte sie denn erwartet? Dass er sich unsterblich in sie verliebt hatte? „Das ist vorbei. Gute Nacht.“ Sie drehte sich auf dem Absatz um und ging schnell wieder in das Büro, das hinter dem Empfang lag. Von da aus beobachtete sie Devlin, der sich erst unschlüssig umblickte, dann aber auf den Ausgang zum Parkplatz zuging.

Als er verschwunden war, verließ sie ihr Versteck wieder, gerade als Juan Torres winkend durch die Halle kam. „Ich bin dir ja so dankbar, dass du diese Stunde für mich übernommen hast“, sagte er strahlend. „Dafür hast du noch etwas gut bei mir.“

Auch Juan war Assistent der Geschäftsleitung und der netteste Mann, den man sich vorstellen konnte.

„Darauf komme ich sicher noch mal zurück. Bis morgen, Juan.“ Sie griff nach ihrer Handtasche und winkte den anderen Kollegen zum Abschied zu. Endlich konnte sie nach Hause fahren. Sie musste unbedingt allein sein, um in Ruhe zu überlegen, was sie Devlin Campbell sagen konnte.

„Warte!“ Ann-Marie kam hinter ihr her. „Ich bringe dich zum Wagen.“

Nicole musste lächeln. Ann-Marie war fünf Jahre jünger als sie, aber sie hatte den dringenden Wunsch, Nicole zu bemuttern. „Dank dir, aber das ist nicht nötig. Es geht mir gut.“ Sie legte sich die Hand auf den Bauch. „Es geht uns gut.“

„Umso besser. Aber ich komme trotzdem mit. Ich muss sowieso in diese Richtung.“

Als sie die Tür zum Parkplatz erreicht hatten, trat Devlin plötzlich hinter einer Säule hervor. Er sah Nicole kühl an und starrte ihr dann ganz unmissverständlich auf ihren Bauch.

„Geh nur schon vor“, sagte sie zu Ann-Marie, die ratlos zwischen ihr und Devlin hin- und hersah.

„Bist du sicher? Ich meine ...“

„Ist okay. Wir sehen uns morgen.“ Nicole schob Ann-Marie durch die Tür und blickte dann Devlin abwartend an.

Dicht trat er an sie heran. „Ist es meins?“

2. KAPITEL

Devlin sah Nicole gespannt an. Warum antwortete sie nicht? Wenn es tatsächlich sein Kind war, warum zögerte sie dann so lange? Er musterte sie langsam von oben bis unten. Seltsam, dass ihm das nicht gleich aufgefallen war. Aber als er eben gesehen hatte, wie sie die Hand auf eine kleine Wölbung legte, die im Januar noch nicht da gewesen war, hatte er nachgerechnet. Vier Monate. Seine ältere Schwester war im fünften Monat schwanger, da sah man schon ein wenig mehr.

Vielleicht war das gar nicht sein Kind, und seine Vermutung war falsch. Hatte sie vielleicht deshalb seine Einladung zum Dinner und zum Drink abgelehnt, weil sie von einem anderen Mann schwanger war? Hatte sie diesen Mann im Januar mit ihm betrogen?

„Hast du mir hinterherspioniert?“

„Ich habe auf dich gewartet, um mich zu überzeugen, dass du sicher zu deinem Auto kommst.“

„Danke, aber bisher habe ich damit nie Probleme gehabt.“

„Du weichst mir aus. Willst du meine Frage nicht beantworten?“

„Selbstverständlich ist es deins.“ Sie verschränkte die Arme vor der Brust und blickte ihn abwartend an.

Selbstverständlich? Der Lärm des Kasinos trat plötzlich vollkommen in den Hintergrund, so schockiert war er von ihrer Eröffnung. Aber konnte er ihr glauben?

„Du hast dir mit deiner Antwort viel Zeit gelassen, zu viel.“

„Aber nicht, weil ich dich angelogen habe.“

„Das nicht, doch du hast mir etwas verschwiegen.“

Sie atmete tief durch und schien sich etwas zu entspannen. „Ich wollte es dir nicht hier sagen, bei all dem Krach und den vielen Leuten.“

„Du hättest es mir schon vor Monaten sagen sollen.“

„Ich weiß.“ Sie sah sich hastig um. „Bitte, Devlin, nicht hier. Ich arbeite hier. Jeden Moment kann einer meiner Kollegen vorbeikommen.“

„Gut. Dann lass uns gehen.“ Er umfasste ihren Ellbogen und wollte sie mit sich ziehen, aber sie machte sich mit einem Ruck frei.

„Ich gehe nirgendwo mit dir hin!“

„Aber wir müssen doch über vieles reden.“

„Ja, das stimmt. Aber nicht heute Abend. Wir können uns morgen zusammensetzen.“

Das war eine Möglichkeit. Andererseits wollte er vermeiden, dass sie Zeit hatte, sich etwas zurechtzulegen. Er wollte die ungeschönte Version der Geschichte hören. „Warum hast du mich nicht informiert? Ich war doch Gast in eurem Hotel. Also konntest du ohne Schwierigkeiten meinen Namen und meine Adresse herausbekommen.“

„Ich werde dir morgen alles in allen Einzelheiten erzählen.“

Leider konnte er sie nicht gewaltsam entführen, obgleich er kurz mit dem Gedanken spielte. Aber bei dem Aufgebot von Sicherheitsbeamten würde er nicht weit kommen. „Du wirst die Stadt nicht verlassen?“

„Nein, das verspreche ich dir.“

„Kann ich mich darauf verlassen?“

„Ja. Du weißt doch, wo ich arbeite. Ich kann dir gar nicht entkommen.“

„Wie heißt du mit Nachnamen?“

„Price.“

Das war die blanke Ironie. Denn er musste einen Preis dafür zahlen, dass er mit einer Fremden ins Bett gegangen war, ohne zu verhüten. Wie hatte er nur so blöd sein können. Er zog eine Visitenkarte aus der Brusttasche, schrieb die Adresse und die Telefonnummer der Lodge auf, in der er wohnte, und gab sie ihr. „Hier. Da kannst du mich finden. Soll ich dir sagen, wie du hinkommst?“

Sie schüttelte den Kopf. „Nein. Jeder hier kennt die Lodge. Gehört sie dir?“

„Nein. Wann kann ich ungefähr mit dir rechnen?“

„Zwölf Uhr mittags fängt meine Schicht an. Wie wäre es mit elf?“

„Sagen wir, halb elf.“

„Gut. Bis dann.“

Er drückte die Tür auf und folgte Nicole auf den Parkplatz.

„Ich brauche keinen Geleitschutz“, stieß sie zwischen den Zähnen hervor.

„Ganz schön hart im Nehmen, was?“

Sie ging nicht auf die Bemerkung ein. Schweigend gingen sie zu ihrem Auto, einem Subaru, der nicht mehr ganz neu war.

Er wartete, bis sie den Motor angelassen hatte. Dann bedeutete er ihr mit Gesten, das Fenster herunterzulassen. Sie runzelte verärgert die Stirn, tat jedoch, was er wollte.

„Hast du einen Freund?“, fragte er.

„Du meinst, einen festen Freund? Eine Beziehung?“

Er nickte.

„Nein.“

„Hattest du einen festen Freund?“

„Im Januar?“

Tat sie mit Absicht so begriffsstutzig? Wahrscheinlich. Sicher wollte sie ihn ärgern, und das war ihr auch gelungen. Wenn er der Vater ihres Kindes war und sie sich nicht mit ihm in Verbindung gesetzt hatte, obgleich sie genau wusste, wie er hieß und wo er zu erreichen war, dann hatte er allen Grund, misstrauisch und verärgert zu sein.

Er beantwortete ihre letzte Frage nicht, warf ihr aber einen Blick zu, der deutlich machte, was er davon hielt.

„Ich hatte ... davor ... keinen festen Freund“, sagte sie, den Blick starr nach vorn gerichtet. Die Hände umkrampften das Steuerrad. „Und danach auch nicht.“

Sie sah ihn nicht an, und Devlin wurde sofort wieder misstrauisch. Er traute Menschen nicht, die ihm nicht in die Augen sahen, wenn sie mit ihm sprachen. Durch seine Tätigkeit als Banker hatte er gelernt, Menschen intuitiv einzuschätzen. Ein wesentliches Mittel war die Kör per spräche. Und was Nicoles Körper ihm sagte, gefiel ihm ganz und gar nicht.

Er trat einen Schritt zurück. „Bis morgen dann.“

Ohne ein weiteres Wort fuhr sie aus der Parklücke heraus und davon.

Er sah ihr lange hinterher. Dass er nach Tahoe gekommen war, hatte mit einem Versprechen zu tun, das er vor zehn Jahren gegeben hatte. Er hatte sich fest vorgenommen, sein Leben zu ändern, und wollte diesen Monat dazu nutzen, herauszufinden, was er wirklich wollte.

Nun hatte sein Leben eine dramatische Wendung genommen, ohne dass er etwas daran ändern konnte.

Das war kein guter Anfang.

Um Mitternacht hüllte Nicole sich in ihre Bettdecke und trat auf die Veranda. Sie blickte auf das Thermometer, das an einem der Pfosten angeschraubt war. Knapp über null. Wahrscheinlich waren die Straßen morgen früh vereist. Ihr Atem stand wie eine weiße Wolke vor ihr, aber die kühle klare Luft tat ihr gut. Seit sie vor zwei Monaten hierhergezogen war, hatte sie das Wetter, das am Lake Tahoe herrschte, lieben gelernt.

Nicole setzte sich auf ihre Hollywoodschaukel und schwang sanft hin und her. Die Haken, an denen die Schaukel aufgehängt war, quietschten leise im Rhythmus der Bewegung.

Sie hatte immer gewusst, dass dieser Tag irgendwann unweigerlich kommen würde. Von Anfang an hatte sie die Absicht gehabt, Devlin von seiner Vaterschaft zu informieren, allerdings erst nach der Geburt des Kindes. Dann konnte auch gleich der DNA-Test gemacht werden, auf den Devlin sicher bestehen würde.

Im Grunde konnte sie verstehen, dass er ihr misstraute.

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