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Schicksalhaftes Wiedersehen in Neuseeland

Yvonne Lindsay

Schicksalhaftes Wiedersehen in Neuseeland

1. KAPITEL

Zum unzähligsten Mal glättete Mia Parker ihre Uniform, während sie auf dem privaten Bootsanleger am Ufer des Lake Wakatipu wartete. Voller Ungeduld sah sie der Ankunft des neuen Gasts im Parker’s Retreat entgegen. Ihre Unruhe hatte bereits morgens um drei Uhr eingesetzt und war inzwischen starker Nervosität gewichen.

„Wie er wohl ist?“, fragte ihre Mutter, die neben ihr stand.

„Keine Ahnung. Aber er zahlt so viel, dass wir uns darum keine Sorgen zu machen brauchen“, erwiderte Mia lächelnd.

Sie versuchte, sich einzureden, dass ihre plötzliche Furcht völlig unbegründet war. Von ihrer Freundin Rina Woodville wusste sie, dass Benedict del Castillo aus einer wohlhabenden Familie stammte. Er war auf der Suche nach einem abgeschiedenen Ort, an dem er sich von den Folgen eines Autounfalls erholen konnte. Trotzdem kam Mia nicht umhin, sich zu fragen, was das wohl für ein Mann sein mochte, der reich genug war, um ihr gesamtes kleines Luxushotel inklusive Wellness-Einrichtung für einen ganzen Monat zu buchen und ihr überdies noch einen großzügigen Bonus zu zahlen.

Warum nahm er eine so lange Reise bis nach Neuseeland in Kauf, wenn er doch so reich war und sich praktisch an jedem Fleckchen auf der Erde einmieten konnte? In Europa gab es viele exklusive Einrichtungen, die wesentlich näher an Benedict del Castillos Heimatland, der Mittelmeerinsel Isla Sagrado, lagen. Die wären sicher genauso gut in der Lage gewesen, die Art luxuriöser Anonymität zu bieten, die Mr del Castillo offensichtlich wünschte.

„Wenn wir Glück haben, ist er groß, dunkelhaarig, attraktiv und Junggeselle“, meinte Mias Mutter.

„Mom, ich habe ja gar nicht gewusst, dass du nach einem neuen Ehemann Ausschau hältst“, neckte Mia sie, obwohl sie nur zu gut wusste, dass ihre Mutter immer noch Reuben Parker nachtrauerte, der vor drei Jahren gestorben war.

Zu Mias Überraschung errötete ihre Mutter, fasste sich jedoch schnell wieder. „Du weißt sehr gut, worüber ich rede, junge Dame. Glaub bloß nicht, dass du vom Thema ablenken kannst. Es ist an der Zeit, dass du wieder richtig am Leben teilnimmst und aufhörst, dich hier draußen zu verstecken.“

„Ich verstecke mich nicht, ich baue ein Geschäft auf. Und dieser Typ ist nun mal unser Fahrschein für die finanzielle Sicherheit, die wir dringend nötig haben. Das ist wesentlich wichtiger für mich als Romantik.“

Mia schloss die Augen und erinnerte sich an das Gefühl der Erleichterung, das sie verspürt hatte, als die erste Hälfte des Betrages, den Benedict del Castillo für den Aufenthalt hier bezahlte, auf ihrem Bankkonto eingegangen war. Somit konnte sie die Gehälter ihrer Angestellten für zwei weitere Monate bezahlen. Deswegen fiel es ihr auch nicht besonders schwer, zu akzeptieren, dass sie nichts weiter über ihren mysteriösen Gast – der so auf Geheimhaltung bedacht war – wusste.

Ein Geräusch auf dem Wasser erregte ihre Aufmerksamkeit, und Mia öffnete die Augen. Mit dem Boot näherte sich auch der Mann, um dessen alleinige Bedürfnisse sich das gesamte Personal von Parker’s Retreat für die nächsten dreißig Tage kümmern würde. Die schnittige Elfmeterjacht steuerte über den See direkt auf den Anleger zu, und Mia war froh, die Jacht nach dem Tod ihres Vaters nicht verkauft zu habe, obwohl ihr Bankberater ihr ausdrücklich dazu geraten hatte.

Das Boot hatte für Mia eine ganz besondere Bedeutung, war es doch ein Symbol dafür, dass die Parkers nicht aufgaben – auch wenn Reuben sich lieber das Leben genommen hatte, als das Gesicht vor seinen Gläubigern zu verlieren.

Mia machte drei Personen an Deck aus. Don, ihren Bootsführer und Mann für alle Fälle im Parker’s Retreat. Bei den beiden anderen musste es sich um ihren neuen Gast und seinen Fitnesstrainer handeln, denn Dons einundsiebzigjähriger Vater – der sich selbst zum Schiffsjungen ernannt hatte – stand auf dem Hauptdeck und hielt bereits die Festmachleine in der Hand.

Mias innere Anspannung nahm weiter zu. Das Fortbestehen ihres Hotels hing ganz allein von diesem neuen Gast ab, der wie ein Einsiedler leben wollte.

„Es ist doch alles vorbereitet, oder?“, wandte sie sich in ihrer unerklärlichen Furcht davor, etwas Wesentliches vergessen zu haben, an ihre Mutter.

„Mia, entspann dich. Du weißt doch, dass wir an alles gedacht haben. Mr del Castillo bekommt die beste Suite, für die Unterkunft seines Trainers ist bestens gesorgt, die Küche weiß über Mr del Castillos Vorlieben beim Essen und Trinken Bescheid, ein Wagen und ein Chauffeur stehen in Queenstown zur ständigen Verfügung, und du höchstpersönlich hast Mr del Castillos Termine im Spa mit militärischer Präzision durchgeplant. Hör auf, dir Sorgen zu machen. Und falls wir unwahrscheinlicherweise doch etwas übersehen haben sollten, bringen wir es in null Komma nichts in Ordnung, daran besteht nicht der geringste Zweifel.“

„Du hast ja recht – alles ist bestens“, erwiderte Mia leise, bevor sie einen Schritt vortrat, um die Halteleine aufzufangen und am Dock zu befestigen. Dons Vater sprang von Bord und sicherte das Schiffsheck.

Sobald das Boot angelegt hatte und die Gangway ausgefahren worden war, setzte Mia ihr Begrüßungslächeln auf. Als Erster ging ein gertenschlanker blonder Mann von Bord, der mit Jeans und einer leichten Skijacke bekleidet war. Mia vermutete, dass es sich bei ihm um den Fitnesstrainer handelte. Mr del Castillo musste es wirklich ernst damit sein, wieder gesund zu werden, wenn er diesen energiegeladenen jungen Mann engagiert hatte.

„Hi“, sagte der Trainer und schüttelte begeistert Mias Hand. „Ich bin André Silvain. Es freut mich, Sie kennenzulernen.“

Ein Franzose, dachte Mia, als sie seinen Akzent bemerkte. „Willkommen im Parker’s Retreat, Mr Silvain. Das ist meine Mutter, Elsa Parker. Sie ist die Dame des Hauses.“

„Nennen Sie mich André.“ Er schenkte ihr ein charmantes Lächeln und sah sich um. „Dieser Ort ist ganz erstaunlich. Ich bin fest davon überzeugt, dass Ben und ich hier große Dinge vollbringen.“

Seine Begeisterung war nahezu überwältigend, und Mia spürte bereits, wie ihre Wangen vor lauter Lächeln zu schmerzen begannen, als sie sich umdrehte und beobachtete, wie der große dunkelhaarige Mann die Gangway herunterhumpelte. Er war ganz in Schwarz gekleidet und litt offensichtlich unter dem großen Temperaturunterschied zwischen seiner Heimatinsel Isla Sagrado und dem Winter in Südneuseeland. Mit einer Hand hielt er sich am Geländer fest.

Obwohl Mia sein Gesicht noch nicht sehen konnte, kam ihr irgendwas an ihm bekannt vor. Der Wind wehte den Seidenschal beiseite, den Benedict del Castillo um den Hals und den unteren Teil des Gesichts geschlungen hatte, und entblößte einen feinen Bartschatten. Die Blässe seiner Haut stand in einem merkwürdigen Kontrast zu dem Sommerwetter im Mittelmeer, aus dem er gerade kam. Die Windböe zerzauste sein etwas längeres schwarzes Haar und enthüllte eine glatte, kühne Stirn. Mias Gefühl, diesen Mann von irgendwoher zu kennen, verstärkte sich, als er den Kopf hob und sie mit seinen dunkelbraunen Augen ansah.

Und plötzlich erkannte Mia in ihm den Mann wieder, der einst ihr Leben auf den Kopf gestellt hatte und nun wieder in ihre Welt zurückgekehrt war.

Trotz des schweren schwarzen Wollmantels, der ihm bis zu den Knien reichte, zitterte Benedict del Castillo vor Kälte. Unwillkürlich verstärkte er den Griff um den Handlauf der Gangway, als er der jungen Frau unten auf dem Dock in die Augen sah. Sofort erkannte er sie wieder und spürte, wie das unerwartete Gefühl von wildem, ungezähmtem Verlangen sich seiner bemächtigte. Als er ihr dreieinhalb Jahre zuvor auf einer Wochenendparty der High Society begegnet war, hatte er diese Frau lediglich als „M“ kennengelernt und ihren wahren Namen nie erfahren. Trotzdem kannte er ihren Körper besser als den jedes anderen weiblichen Wesens. Nie hätte er damit gerechnet, sie ausgerechnet an diesem Ort wiederzusehen. Er betrachtete sie von Kopf bis Fuß und bemerkte enttäuscht, dass die leger geschnittene Uniform ihre Figur verhüllte, anstatt sie voll zur Geltung zu bringen. Wenn seine Erinnerung ihn nicht täuschte, dann gab es keinen Grund für diese Frau, irgendetwas zu verbergen.

„Willkommen im Parker’s Retreat, Mr del Castillo. Ich bin Mia Parker und hoffe, dass Sie sich bei uns wohlfühlen.“

„So förmlich, M?“

Er war fasziniert von dem furchtsamen Ausdruck in ihrem Blick. Offenbar wollte sie nicht, dass jemand davon erfuhr, dass sie sich bei ihrem letzten Zusammentreffen den allersinnlichsten Freuden hingegeben hatten, zu denen ein Mann und eine Frau fähig sein konnten. Ihre Zurückhaltung fand Ben durchaus verständlich, denn für den kommenden Monat hatten sie beide eine Geschäftsvereinbarung, und es verwunderte ihn nicht, dass Mia auch wie eine Geschäftsfrau auftreten wollte. Aber wovor, um alles in der Welt, fürchtete sie sich?

Nachdem er ihre Hand genommen und an seine Lippen geführt hatte, küsste er ihre kalten Fingerknöchel. Dabei entging ihm nicht, dass sie zu zittern begonnen hatte. Mit einem Lächeln gab er sie wieder frei. Zu seiner Belustigung entriss sie ihm förmlich die Hand und rieb die Knöchel an ihrer viel zu weiten Hose.

„Alles ist gemäß Ihren speziellen Bedürfnissen und Wünschen arrangiert worden – dafür haben meine Mitarbeiter Sorge getragen.“

„Und du, meine Liebe? Sorgst auch du für meine …“ Er machte eine Pause, um die Spannung zu steigern, denn er konnte der Versuchung nicht widerstehen, Mia zu necken. „… speziellen Bedürfnisse?“

Sie errötete zart, und ihre Stimme zitterte leicht. „Natürlich arbeite ich eng mit Ihrem Trainer zusammen, um sicherzustellen, dass Ihre Genesung so schnell wie möglich voranschreitet.“

Seine Genesung. Plötzlich war er wieder da, dieser Selbstekel, der Bens Erheiterung genauso effektiv abkühlte wie der Gletscher, der vor langer Zeit den Lake Wakatipu geformt hatte. Wütend erinnerte er sich an seinen Autounfall, den er lediglich seiner eigenen Dummheit und Selbstüberschätzung zu verdanken hatte. Und dem Drang, das Schicksal immer wieder aufs Neue herauszufordern. Diese Erkenntnis war wie eine bittere Pille. Doch Ben unterdrückte die verwirrenden Gefühle, die ihn seit seinem Unfall quälten, und richtete seine Aufmerksamkeit lieber wieder auf das offensichtliche Unbehagen der attraktiven Mia.

„Ganz meine Meinung“, erwiderte er schließlich. „Und wer ist die bezaubernde Lady neben dir?“

„Oh, verzeihen Sie bitte“, meinte Mia verlegen. „Darf ich vorstellen? Meine Mutter, Elsa Parker. Wir beide betreiben das Parker’s Retreat gemeinsam.“

„Sehr angenehm, Mr del Castillo, aber Sie müssen meiner Tochter ihre Bescheidenheit nachsehen. Denn in Wahrheit ist sie ganz allein für alles hier verantwortlich.“

„Tatsächlich?“, fragte Ben, während er Elsas Hand in seine nahm und zu den Lippen führte, um sie mit derselben vornehmen Höflichkeit zu begrüßen, die er zuvor Mia hatte zuteilwerden lassen.

Die ältere Frau ließ die Begrüßung mit wesentlich größerer Gelassenheit über sich ergehen als ihre Tochter. Sie hatte ja auch keine Ahnung, wie gut Ben Mia kannte.

Diese wies gerade auf die zwei Golfwagen, die am Dock geparkt waren. „Wenn Sie dann Platz nehmen wollen. Don fährt Sie und André zum Haupthaus. Mutter und ich kommen mit dem Gepäck nach.“

So schnell würde sie ihn allerdings nicht loswerden. „Ach, so weit ist es doch nicht, oder? Ich glaube, dass ich nach dem langen Flug lieber ein Stückchen laufe. Fahr du ruhig, André“, sagte Ben zu seinem Trainer. „Ms Parker kann mich ja zum Hotel begleiten.“

„Was ist mit deinen Krücken, Ben? Sind die noch auf dem Boot?“, fragte André.

„Die können hierbleiben. Je früher ich lerne, ohne sie zu leben, umso besser.“

„Wie du meinst, mon ami. Ich glaube allerdings, dass du es im Augenblick bequemer mit ihnen hättest. Nimm wenigstens einen Spazierstock – schließlich bist du ja erst vor ein paar Wochen aus dem Krankenhaus entlassen worden. Eigens zu diesem Zweck habe ich einen zusammenklappbaren Gehstock hier oben auf meinem Koffer liegen.“

Ben schnitt eine Grimasse, als André ihm den Stock reichte. Er hatte es langsam satt, dass man ihn ständig mit Samthandschuhen anfasste. Durch seine Flucht in diese abgeschiedene Gegend hatte er eine echte Chance, wieder zu alten Kräften zu gelangen – ohne ständig von den Medien beobachtet zu werden, die auf der Suche nach möglichen Anzeichen von Langzeitfolgen seines Unfalls waren. Seine Familie war zu berühmt, als dass Ben im Mittelmeerraum hätte bleiben können, ohne von der Presse auf Schritt und Tritt verfolgt zu werden. Doch hier, auf der anderen Seite der Erde, fand er die Abgeschiedenheit, um in Ruhe wieder gesund zu werden. Eine Abgeschiedenheit, die ihm der Vertrag mit dem Parker’s Retreat garantierte.

Es war höchste Zeit, dass sein störrischer Körper endlich wieder so fit wie vor dem Unfall wurde, damit Ben sein altes Leben wieder aufnehmen konnte. Er warf einen Seitenblick auf seine zögerliche Begleitung und verspürte eine angenehme Vorfreude. Und schon wusste er, wer ihm dabei behilflich sein konnte, wieder er selbst zu werden.

Er hat sich verändert, dachte Mia, während sie langsam auf das Hauptgebäude zugingen. Von dem umgänglichen und selbstsicheren Mann, der sie im Sturm erobert und in sein Bett bekommen hatte, war keine Spur mehr zu sehen. Oh, er war natürlich immer noch selbstbewusst, doch irgendwie wirkte er jetzt düsterer. Als läge etwas anderes unter seinem Charme verborgen, das vorher noch nicht da gewesen war – und was vorher gewesen war, daran erinnerte Mia sich noch ganz genau.

Ihre Hand hatte gekribbelt, als Ben sie geküsst hatte. Warum hatte er sich nicht einfach auf einen Händedruck beschränken können? Allerdings wäre er dann auch nicht Benedict del Castillo, der Mann, den sie bei einer Silvesterfeier auf einem Weingut im Gibbston Valley getroffen hatte. Der Mann, der sie augenblicklich in seinen Bann gezogen und diesen Zauber jede Sekunde des einen herrlichen Tages und zweier noch herrlicherer Nächte aufrechterhalten hatte, bis er wieder nach Übersee hatte zurückreisen müssen.

Ein Mann, der ihr Blut zum Kochen gebracht hatte. Mia konnte es sich nicht leisten, dass er jetzt noch diese Wirkung auf sie hatte. Er war ein Gast im Retreat, und als solchen – und nur als solchen – musste sie ihn sehen.

Liebe Güte. Ihr fiel plötzlich ein, dass sie ihren Masseurinnen die kommenden vier Wochen Urlaub gegeben hatte, da sie beschlossen hatte, die Behandlungen selbst durchzuführen. Schließlich war sie zertifizierte Massagetherapeutin. Was hatte sie sich da bloß eingebrockt? Sie würde ihn berühren, ihn streicheln und ihre Hände über den vertrauten Körper gleiten lassen. Und was für ein Körper das war! Sogar jetzt noch hatte sie seinen gebräunten Oberkörper und seine dunklen Brustwarzen vor Augen, die unter ihren Küssen hart geworden waren, und erinnerte sich nur zu gut daran, wie köstlich er schmeckte. Doch jetzt musste sie versuchen, ihre abwegigen Gedanken zu vergessen. So unanständige Dinge dachte man einfach nicht in Bezug auf einen Gast. Sie war nicht länger dasselbe Mädchen, das mit Ben im Bett gewesen war. Mittlerweile lebte sie ein neues Leben, trug Verantwortung. In den vergangenen drei Jahren hatte sie sowohl ihr Geld als auch ihren Vater verloren. Und einen Sohn bekommen. Sie musste unbedingt an Jasper denken und sich daran erinnern, warum sie so hart dafür arbeitete, dass das Retreat ein Erfolg wurde. Warum es so wichtig war, für ihren Sohn, ihre Mutter und sich selbst eine sichere finanzielle Grundlage zu schaffen. Trotzdem ging ihr ständig diese Liaison durch den Kopf, obwohl sie schon Jahre zurücklag. Allein Bens Anblick erinnerte sie erneut an den leidenschaftlichen Sex, den sie damals gehabt hatten.

Denk noch nicht mal daran, ermahnte sie sich. Was sie miteinander geteilt hatten, lag in der Vergangenheit. Jetzt war sie Mutter, Tochter und Arbeitgeberin – und nicht mehr das wilde Partygirl, das leichtsinnig mit Geld um sich geworfen hatte, ohne zu erkennen, wie gut es ihm eigentlich gegangen war.

Mia dachte an die Summe, die sie der Bank schuldete. Es würde noch Jahre dauern, bis sie wirklich aus dem Gröbsten heraus war, doch bis dahin würde sie den Kampf nicht aufgeben. Benedict del Castillos Wunsch nach Abgeschiedenheit bedeutete die finanzielle Absicherung des Hotels für einen weiteren Monat. Dazu kam noch ein Bonus von dreißig Prozent, wenn auf seine besonderen Wünsche eingegangen wurde – und das ließ Mia ihrem Ziel wieder ein Stück näher kommen. Sie konnte es sich auf gar keinen Fall leisten, dass irgendetwas die Vereinbarung zwischen ihr und Benedict del Castillo zunichtemachte. Doch was, wenn er dort weitermachen wollte, wo sie aufgehört hatten? Der Gedanke traf sie wie aus heiterem Himmel. Es würde sie nicht überraschen, wenn ihm der Sinn danach stünde, die Leidenschaft und Intensität ihres letzten Zusammentreffens wieder aufleben zu lassen. Um ehrlich zu sein, fand sie diese Vorstellung überaus erregend. Es war schon lange her, dass sie eine Affäre gehabt hatte. Nein. Sie schüttelte den Kopf. Obwohl die Vorstellung überaus verlockend war, ließ sie sich nicht mit der Professionalität einer Hotelbesitzerin vereinbaren. Außerdem stand noch wesentlich mehr auf dem Spiel als ihr beruflicher Erfolg – ihr Sohn Jasper, der in drei Monaten seinen dritten Geburtstag feiern würde. Wenn sie mit dem Parker’s Retreat schwarze Zahlen schrieb, wäre auch für Jaspers Zukunft gesorgt – und das war für Mia das Wichtigste. Sie würde alles tun, um Jasper zu beschützen.

Entschlossen sah sie zum Gebäude, das vor ihnen lag, und versuchte, den Mann zu ignorieren, der langsam neben ihr herging und für das Wohl und Weh ihres finanziellen Erfolgs verantwortlich war – und der nicht die leiseste Ahnung hatte, dass er der Vater ihres Kindes war.

2. KAPITEL

„Der Wellness-Bereich befindet sich dort hinten. Unsere Duschen verfügen über verstellbare Düsen und eine Sitzbank in der Kabine.“

Eine Sitzbank, dachte Ben genervt und verkniff sich die scharfe Bemerkung, die er normalerweise zum Besten gab, wenn jemand auf seinen Zustand anspielte. Als ob er sich beim Duschen hinsetzen müsste.

Dabei wies Mia lediglich auf die Vorzüge ihrer Einrichtung hin und zählte nicht zu der langen Reihe von Exfreundinnen, die unmittelbar nach seiner Entlassung aus dem Krankenhaus vor seiner Tür gestanden hatten, um sich um ihn zu kümmern – und die Geschichte anschließend an die meistbietende Zeitung zu verkaufen.

Schließlich hatte er Zuflucht im Schloss seiner Familie gesucht, das die del Castillos seit über dreihundert Jahren ihr Zuhause nannten. Sein Großvater und sein ältester Bruder hatten ihn aufs Herzlichste willkommen geheißen, und auch Loren, seine Schwägerin, hatte sich rührend um ihn gekümmert. Doch irgendwann hatte die Fürsorge seiner Familie ihm beinah die Luft zum Atmen genommen.

Verdammt noch mal, er war hart im Nehmen. In all den Stunden, die er eingeklemmt in dem Autowrack zugebracht hatte, hatte er erfolgreich gegen die Bewusstlosigkeit angekämpft. Gleichgültig, wie stark die Schmerzen gewesen waren, er hatte gewusst, dass er überleben würde. Durch diese Erfahrung hatte Ben eine völlig neue Sichtweise auf gewisse Dinge in seinem Leben gewonnen. Zum Beispiel, dass das Leben etwas Wertvolles und keineswegs eine Selbstverständlichkeit war. Ihm war in der Unfallnacht ebenfalls klar geworden, wie wichtig die Familie war – und dass man Versprechen, die man ihr gegeben hatte, in jedem Fall halten musste. Sein früheres Leben hatte mit dem Unfall geendet. Ben war bewusst geworden, wie oberflächlich und vergnügungssüchtig er bis dahin gelebt hatte. Und damit war jetzt Schluss.

Er sah durch das große Panoramafenster auf die Gartenanlage des Hotels und den Pfad, der zum Ufer des Sees führte. Eine lange graue Wolke hing zwischen den Bergen an der Küste des Lake Wakatipu und wirkte beinahe wie ein Makel in der ansonsten perfekten Landschaft.

Mit Makeln behaftet – so wie er.

Seitdem die Ärzte Ben mitgeteilt hatten, dass trotz aller modernen Operationsmethoden seine Verletzungen dazu geführt hatten, dass er keine Kinder mehr würde zeugen können, war er zutiefst verbittert. Er war kein normaler Mann mehr und würde nicht dazu beitragen können, ein für alle Mal den Fluch der Gouvernante zu brechen.

Besagter Fluch verfolgte seine Familie nun schon seit Generationen, doch weder Ben noch seine Brüder hatten ihn für voll genommen – bis ihr Großvater krank geworden war. Und wenn Abuelo, wie ihn alle liebevoll nannten, davon überzeugt war, dass alle drei Brüder heiraten und eine Familie gründen mussten, um diesen Fluch zu brechen, dann würden sie genau das tun. Zumindest hatten Bens Brüder es getan.

Sein ältester Bruder Alex war glücklich verheiratet und würde zweifellos demnächst verkünden können, dass er bald Vater würde. Sogar Reynard, Bens zweitältester Bruder, war mittlerweile verlobt und völlig vernarrt in seine zukünftige Frau. Und ihr Großvater begann allmählich, sich zu entspannen.

Allerdings war er noch nicht vollkommen beruhigt, und Ben erinnerte sich an das, was Abuelo ihm vor seinem Abflug nach Neuseeland gesagt hatte.

„Alles hängt jetzt von dir ab, Benedict. Du bist der Letzte. Ohne dich kann der Fluch nicht gebrochen werden, und die del Castillos sterben aus.“

Na, dann kann ich mich ja richtig entspannen, dachte Ben zynisch und hörte nur mit halbem Ohr Mias Erläuterungen zur Innenausstattung der Suite zu. Es war ja nicht so, dass Ben an diesen Fluch glaubte. Welche Wirkung sollten die Worte einer verschmähten Liebhaberin von einem seiner Vorfahren schließlich nach all den Jahren noch haben?

Doch gleichgültig, wie er persönlich dieser Sache gegenüberstand, der Pakt mit seinen Brüdern galt: Sie würden tun, was immer nötig war, um Abuelo seine letzten Jahre so glücklich wie möglich zu gestalten. Und es lastete auf Bens Herz, dass er jetzt nicht mehr dazu in der Lage war, seinen Teil dieser Abmachung einzuhalten. Der alte Mann hatte sich der drei Brüder angenommen, nachdem deren Eltern bei einem Skiunfall ums Leben gekommen waren. Er hatte sie zu Männern erzogen – und es war bestimmt nicht immer einfach für ihn gewesen. Sie schuldeten ihrem Großvater außerordentlich viel.

Doch das Versprechen, dachte Ben verärgert, dass ich vor gerade einmal vier Monaten gegeben habe, kann ich jetzt nicht mehr einhalten. Und das alles nur, weil ich unbedingt die kurvenreiche Straße an der Küste von Isla Sagrado mit meinem Auto entlangrasen musste – um meine Grenzen auszuloten. Und wenn man den Schrotthaufen betrachtete, der einst ein wertvoller Sportwagen gewesen war, so war ihm das auch gelungen.

Ben nahm kein Wort von dem wahr, was Mia gerade erzählte. Die Nachmittagssonne schien durch das große Fenster, und das goldene Licht betonte Mias Schönheit. Das blonde Haar, das sie sorgfältig aus dem zart geschnittenen Gesicht zurückgekämmt hatte, führte Ben in Versuchung. Am liebsten hätte er ihr Haarband gelöst, um über ihr Haar zu streicheln und herauszufinden, ob es sich immer noch so seidenweich ...

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