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Schicksalhafte Begegnungen

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© 2016 K. B. Schmittdhausen

Verlag: tredition GmbH, Hamburg

ISBN

Paperback: 978-3-7345-5175-8
Hardcover: 978-3-7345-5176-5
E-Book: 978-3-7345-5177-2

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Inhaltsverzeichnis

Jessica

Die unvorhersehbaren Folgen einer Party

Am Rande des Milieus

Beziehungswandel

Das Leben in Bodos Kemenate

Jessica

Am Montagmorgen fiel es Jessica schwer, rechtzeitig aus dem Bett zu kommen. Das war allerdings kaum zu vermeiden, da sie und Samantha erst um ein Uhr nachts das von ihnen so geliebte Tanzcafé verlassen hatten. Schon die Gespräche, die sie angeregt miteinander führten, dauerten bis in den späten Abend hinein und dann gab es ja noch die Tanzfläche, da konnten sie einfach nicht widerstehen. Zu lange war es für beide her, als sie das letzte Mal getanzt hatten.

Obwohl sie nicht jeder Aufforderung zum Tanzen nachkamen, sie wollten sich schon etwas unterhalten, waren sie aber letztlich doch sehr oft auf der Tanzfläche. Es bereitete ihnen sichtlich Spaß und so kam es, dass sie außerordentliche Mühe hatten das Tanzcafé zu verlassen.

Schließlich hatten sie sich doch gegenseitig davon überzeugen können, dass es schon sehr spät sei und morgen ein intensiver Arbeitstag auf sie warten würde. Da dieser Vorgang aber ausgesprochen viel Zeit in Anspruch nahm, war es schon Mitternacht vorbei, bis sie sich auf den Weg nach Hause machten.

So kam es dann, wie es kommen musste. Als Jessica endlich, quasi noch im Halbschlaf, die Geräusche ihres Weckers vernahm, hatte der sich schon eine geraume Zeit bemerkbar gemacht. Als sie einigermaßen wach war und es dann schaffte, den Wecker abzustellen, kam ihr aber keinesfalls der Gedanke, nun sofort aufzustehen.

Es war doch viel schöner, nach dem Klingeln des Weckers weiterhin im Bett liegen zu bleiben und zu träumen. Dazu war es unter der Bettdecke so schön kuschelig. Aber es half nichts, schließlich musste sie sich doch durchringen aufzustehen, wollte sie nicht zu spät im Büro sein.

Sie schaffte es aber trotz aller widrigen Umstände, was sie im Nachhinein selbst kaum glauben konnte, um drei Minuten vor sieben ihr Büro zu betreten. Ihre Kollegin Samantha war noch nicht da, sodass Jessicas erste Amtshandlung darin bestand, den morgendlichen Kaffee zuzubereiten.

Kurze Zeit später, währenddessen sie genüsslich eine Tasse Kaffee trank, sinnierte sie noch einmal über den gestrigen Tag. Besonders dachte sie dabei an die angenehmen Stunden, die sie mit Samantha direkt nach Feierabend erleben konnte. Sie hatten sich angeregt unterhalten können und so ging die Zeit leider viel zu schnell vorbei. Zum Glück kam am Abend noch das Tanzen dazu. Da das sowohl für Samantha als auch für sie erst nach langer Zeit wieder einmal stattfand, genossen beide auch diesen Teil des Tages besonders.

Während sie mittlerweile vor ihrem Computer saß, schweiften ihre Gedanken noch etwas weiter zurück. Seit gut einem halben Jahr wohnt sie nun in Bremen, nachdem sie bei einer großen Versicherungsgesellschaft eine Tätigkeit als Sekretärin angenommen hatte. Während sie in den ersten drei Monaten ihrer Betriebszugehörigkeit in der Abteilung >Einkauf< beschäftigt war, sollte sich das ganz plötzlich ändern. Als sie eines Morgens zufällig auf das schwarze Brett an der Eingangspforte schaute, sah sie ein Schreiben dort befestigt, das sofort ihre volle Aufmerksamkeit in Anspruch nahm. Sie erkannte, dass in der Abteilung von Herrn Horner dringend eine zweite Chefsekretärin gesucht wurde. Im Nachhinein war sie sehr froh, dass sie damals sofort reagiert hat.

An ihrem Arbeitsplatz angekommen rief sie nämlich direkt Herrn Horner an und teilte ihm ihr Interesse an dieser ausgeschriebenen Stelle mit. Sofort um zehn Uhr, direkt nach dem Frühstück, konnte sie bei Herrn Horner vorstellig werden. Schon nach zwanzig Minuten waren sich Herr Horner und Florian Fetzer, der stellvertretende Abteilungsleiter, über die Stellenvergabe einig. Beide waren einvernehmlich der Meinung, dass Jessica Heimrath die Idealbesetzung für die zweite Chefsekretärin in ihrer Abteilung wäre.

Mittlerweile ist Jessica seit drei Monaten die Arbeitskollegin von Samantha in der besagten Abteilung von Herrn Horner und ohne Ausnahme sehr zufrieden mit ihrer neuen Arbeitsstelle. Dass die Beförderung zur zweiten Chefsekretärin gleichermaßen einen finanziellen Anreiz darstellte, war ein weiterer positiver Aspekt. Der war auch nicht zu verachten, denn in einer Großstadt wie Bremen kann man jeden EURO ganz gut gebrauchen. Sowohl die Mieten als auch der Lebensunterhalt sind in einer Großstadt bekanntermaßen wesentlich teurer als in einer Kleinstadt wie Hattingen an der Ruhr. Hier wohnte sie bis zu ihrem Umzug nach Bremen.

Während sie noch völlig in Gedanken versunken war, öffnete sich plötzlich die Bürotür und Samantha stürmte hinein.

»Morgen Jessica, habe mich ein bisschen verspätet. Ist gestern doch ganz schön spät geworden.«

»Hallo du, guten Morgen. Wirklich, ist es gestern Abend spät geworden? Das war mir gar nicht so bewusst. Ich bin seit kurz nach sechs im Büro und habe schon mal alles für den heutigen Tag vorbereitet.«

»Wie bitte? Warst du überhaupt im Bett?«

»Ja natürlich! Zwar nicht lange, aber einer von uns muss doch wohl hier pünktlich erscheinen. Die Arbeit muss ja letztendlich gemacht werden.« Seelenruhig gab Jessica ihr Statement und schaute dabei Samantha nahezu gelangweilt an, während sie sich gleichzeitig nur mit Mühe beherrschen konnte, um nicht augenblicklich loszulachen.

»Hör mal, spinnst du? Welche Laus ist dir denn über die Leber gelaufen?« Ziemlich wütend schaute Samantha nun Jessica an. Die wiederum konnte sich nicht mehr zusammenreißen und lachte lauthals los.

»Oh, na warte du, wenn ich dich jetzt in die Finger bekomme!«

Samantha hatte noch nicht ganz ausgesprochen, da versuchte Jessica lachend ihrer Arbeitskollegin, mit der sie mittlerweile ein freundschaftliches Verhältnis pflegte und die sich nun auf sie stürzen wollte, zu entkommen. Doch Jessicas Fluchtversuch war sinnlos, das Büro war einfach zu klein. Es gab hier keine realen Fluchtmöglichkeiten.

Als Samantha schon nach kurzer Zeit Jessica ergreifen konnte, machte sie aber nicht das, was ihr Gesichtsausdruck vermuten ließ. Anstatt nun Jessica ausgiebig zu kitzeln, wie sie es bei solchen Gelegenheiten besonders gern praktizierte, umarmte Samantha ihre Freundin ganz herzlich.

In diesem Moment kam Florian Fetzer, der stellvertretende Abteilungsleiter, in ihr Büro. Sie nannten ihn jedoch nur Florian, er duzte sie natürlich ebenso.

»Oh, ihr beiden Süßen, habe ich etwas verpasst? Ich dachte eigentlich, dass zumindest eine von euch sich für mich entscheidet. Das ist aber schade.«

»Mann, du Witzbold, zieh Leine! Was willst du überhaupt so früh hier, du fängst doch sonst immer erst mittags an?«

Samantha fand ihre Bemerkungen bestimmt äußerst witzig, denn sie fing laut an zu lachen. Jessica beteiligte sich aber nicht an Samanthas exzessivem Lachen, sie lächelte stattdessen Florian freudestrahlend an.

Eigentlich waren beide gegenüber Florian positiv eingestellt, aber Samantha ärgerte ihn nun mal äußerst gern. Schließlich konfrontierte Florian sie des Öfteren mit seltsamen Sprüchen, wobei er auch nicht gerade zimperlich agierte.

Florian sah das selbstredend etwas anders, denn er meinte, dass das überwiegend nur Scherze wären, die er den ganzen Tag zum Besten gab. Die Aussage gerade war aber wohl eher ernster Natur, denn er mochte sowohl Samantha als auch Jessica besonders gern. Es war aber auch kein Geheimnis, denn von Florians Zuneigung ihnen gegenüber wussten beide Bescheid.

Seine Worte konnten auch schon mal unter die Gürtellinie gehen, das geschah aber eher selten. Da sie aber hervorragend mit ihm auskamen und er sie immer unterstützte, wenn es mal irgendwie notwendig wurde, konnten sie auch über seine manchmal äußerst seltsam anmutenden Aussagen gut hinwegsehen.

Nachdem Florian die beiden kurz umarmt hatte, wollte er Samanthas Aussage nicht unkommentiert stehen lassen. Er war aber Gentlemen durch und durch und überging daher bei seiner Antwort völlig, dass ausgerechnet Samantha, die selten pünktlich im Büro erscheint, worüber er natürlich auch informiert ist, so etwas sagt.

»Es war natürlich stark überzogen, dass ich immer erst mittags anfange, obwohl du im Prinzip recht hast Samantha. Ich fange wirklich im Rahmen unserer Gleitzeit gern etwas später an. Leider musste ich heute Morgen früher kommen, weil ich gleich bei eurer Besprechung dabei sein soll. Deswegen bin ich auch hier, ich wollte euch das schon mal mitteilen.«

»Ehrlich, eine Sitzung mit dir? Warum das denn? Im Moment fällt mir nichts Dringendes ein. Ich dachte, das wäre gleich nur unsere übliche morgendliche Absprache. Aber wenn du dabei bist, muss es sich wohl um etwas Besonderes handeln. Worum geht es denn?«

»Na ja, Samantha, das weiß ich im Grunde genommen auch nicht. Lassen wir uns mal überraschen. Bis gleich!«

»Ja gut, bis nachher! Und vielen Dank für deinen Hinweis, obwohl ich immer noch nicht darüber Bescheid weiß, welche Themen gleich auf den Tisch kommen.«

Nachdem Florian das Zimmer verlassen hatte, setzten sich Samantha und Jessica wieder an ihren Schreibtisch. Über Florians Information sprachen sie nicht mehr. So schlimm wird es gleich schon nicht werden, dachte Jessica noch kurz. Auf jeden Fall war sie der Meinung, dass die Mitteilung von Florian positiv zu sehen ist, weil der Vorgang ihr wieder einmal deutlich zeigte, dass er nur auf ihr Wohl bedacht ist.

Nach einer Weile dachte Jessica nicht mehr an Florians Bemerkungen, sie sah sich inzwischen im Internet Nachrichten aus NRW an. Es war nichts Weltbewegendes, was sie dort zu sehen bekam, reichte aber als Anstoß, dass ihre Gedanken sofort zu Hause bei ihrer Mama weilten. Diese wohnt schließlich dort, genauer gesagt in der Großstadt Essen.

Während Jessica weiterhin verträumt vor ihrem Computer saß, ging plötzlich die Bürotür auf und ihr Chef, Herr Horner, kam herein. Na ja, hineintreten konnte man dieses ungestüme Hereinplatzen wahrlich sehr selten nennen, wie auch soeben nicht. Selbstverständlich kam er auch heute, ohne anzuklopfen, ins Büro gestürzt und vorher riss er, wie meistens, die Tür ruckartig auf. Jessica erschrak dabei jedes Mal aufs Neue.

»Guten Morgen, meine beiden Hübschen! Frau Heimrath, Sie sehen wahrlich heute wieder bezaubernd aus. Besonders Ihre Bluse gefällt mir ausgezeichnet.«

»Guten Morgen Chef«, entgegnete da Samantha ganz lässig und konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. Aber sie lachte nicht ihren Chef aus, sondern machte sich über Jessica lustig, die nun ganz grimmig hinter ihrem Schreibtisch hervorschaute.

»Guten Morgen Herr Horner.«

Man konnte Jessica immer noch ansehen, dass sie sich enorm erschrocken hatte. Wohl auch, weil sie in Gedanken versunken war und gerade so rabiat aus ihren Träumen gerissen wurde. Demzufolge wirkte dieses Vorgehen von ihrem Chef noch eindringlicher auf sie als sonst.

Samantha hatte sich an dieses ungestüme Hereinplatzen gewöhnt. Das konnte sie einfach nicht mehr schocken, war sie doch schon fünf Jahre als Chefsekretärin für Herrn Horner tätig. Gleichermaßen hatte sie sich an das ständige Flirten gewöhnt und nahm es obendrein nur noch belustigend zur Kenntnis. Dazu war er überwiegend sehr diskret und höflich, sodass man seine Annäherungsversuche nur ganz selten als >Anmachen< bezeichnen konnte. Da hatte sie im Betrieb schon hin und wieder ganz andere plumpe Bemerkungen mitbekommen.

Seit drei Monaten war der Umgang mit ihrem Chef für Samantha sogar noch leichter zu ertragen, da sie seitdem nicht mehr allein in seinem Fokus stand. Nun hatte sie zweifelsfrei eine Unterstützung und wurde stark entlastet, und zwar nicht nur dienstlich. Denn durch die Anwesenheit von Jessica ist diese nun bei dem Kokettieren ihres Chefs in den Vordergrund gerückt.

Ob das vielleicht daran lag, weil Jessica neu in der Abteilung war oder weil sie traumhaft aussah, diesen Gedanken wollte Samantha nicht weiterverfolgen. Schon mal gar nicht jetzt, denn nun trat Herr Horner erneut in Aktion.

»Meine Damen, ich wollte sie nur daran erinnern, dass wir um zehn Uhr unsere morgendliche Besprechung haben.«

»Vielen Dank Chef, wenn wir Sie nicht hätten. Das wäre jetzt bei uns prompt in Vergessenheit geraten. Es kam nun wirklich plötzlich, ist ja erst seit vier Jahren so.«

Herr Horner runzelte kurz verdächtig die Stirn, besann sich dann aber doch. Es war ja kein Geheimnis, dass Samantha ein forsches Mundwerk hatte und daher verkniff er sich das, was er im ersten Moment erwidern wollte.

Er wusste zudem, dass Samantha eine vorzügliche Sekretärin ist und daher wollte er es sich nicht mit ihr verscherzen. Schon deshalb nicht, weil seine Kollegen im Vorstandsbereich Samantha sofort mit Kusshand übernehmen würden. Wie allerdings auch Jessica, falls er sich mit den beiden Damen überhaupt nicht mehr verstehen sollte. So eine Gelegenheit, die beiden Spitzensekretärinnen von ihrem Kollegen loszueisen, würden sie ohne Gnade gegenüber diesem durchziehen.

Nun ja, da ist sich dann wohl jeder selbst der Nächste. Dazu kommt, dass es sogar aktuell ist, denn die erste ernstgemeinte Anfrage bekam er schon von einem Vorstandskollegen, der zudem noch stellvertretender Vorsitzender ist. Mit diesen Gedanken im Hinterkopf blieb er in seiner Gegendarstellung moderat.

»Samantha, Sie sind ja heute Morgen schon in außerordentlich guter Stimmung, das lässt doch für den heutigen Arbeitstag einiges hoffen.« Dann verschwand er süßsauer lächelnd aus dem Zimmer, bevor Samantha noch etwas zum Besten geben konnte. Nachdem Herr Horner das Zimmer verlassen hatte, wartete Samantha noch ein paar Sekunden und lachte anschließend laut los. Jessica stimmte ebenfalls nach einer kleinen Verzögerung in das Gelächter mit ein.

»Du bist mutig, ehrlich! Das würde ich mich nie trauen.«

»Jessica, du bist ja auch erst halbes Jahr in unserer Firma beschäftigt. Ich denke, irgendwann wirst du auch lockerer. Na ja, vielleicht auch nicht, denn ich glaube schon, dass du ein etwas anderer Typ bist. Du wirst vermutlich auch nach fünf Jahren nicht so aus dir herauskommen.«

»Da hast du recht, das werde ich bestimmt nicht. Auf jeden Fall kann ich mir nicht vorstellen, dass ich je so keck auftreten und gleichzeitig mit unserem Chef so locker umgehen kann wie du. Ich glaube aber, morgen ziehe ich mir einen Pullover mit Rollkragen an.«

»Warum eigentlich nicht?«, lachte nun Samantha aus vollem Halse, »wäre bei dreißig Grad im Schatten doch ganz praktisch.«

Nun musste auch Jessica über ihre Bemerkung lachen.

»Übrigens, warum macht der das? Ich meine jetzt nur dieses Hereinstürmen. Ich erschrecke mich jedes Mal. Macht dem Horner dieses Vorgehen Spaß? Vor allen Dingen, wenn er sieht, dass ich mich erschrecke?«

»Mit Sicherheit, das denke ich schon. Ich glaube aber nicht, dass er es als Spaß auffasst. Er hat hier in unserem Betrieb bei einigen Leuten, besonders bei Kollegen in der Vorstandsetage, gehörige Akzeptanzprobleme. Vielleicht, weil er der einzige im Vorstand ist, der nicht promoviert ist.«

»Ich bitte dich! Also, das kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. In dieser Position ist das doch nicht mehr so wichtig. Aber vielleicht sieht unser Chef das nicht so und hat stattdessen Probleme. Na gut, wie auch immer, hiermit muss er klarkommen.«

»Ja, das stimmt. Allerdings musst du mit seinem Auftreten zurechtkommen.«

»Keine Angst, er ist eigentlich sehr moderat, da hatte ich schon ganz andere Chefs. Dieses Hereinstürzen, dazu ohne vorher anzuklopfen, ist im Grunde genommen nur eine kleine Macke, damit komme ich schon zurecht. Ebenso mit den Anzüglichkeiten, die er ja wohl eher als Komplimente ansieht.«

»Das stimmt. Jessica, wir sollten jetzt frühstücken, um kurz vor zehn Uhr müssen wir los. Wir wollen schließlich gleich bei unserem Chef pünktlich sein. Obwohl, ich kann mir gar nicht vorstellen, dass er viel mit uns zu besprechen hat? Lange darf es ja nicht dauern, da er schon um elf Uhr mit seinen Vorstandskollegen eine Besprechung hat.«

»Gut, dann lass uns frühstücken! Ich koche eben noch eine Kanne Kaffee.«

Kurze Zeit später frühstückten die beiden Damen genüsslich, sie hatten ja noch eine Weile Zeit. Um fünf vor zehn gingen sie dann ins Besprechungszimmer. Hier warteten schon Herr Horner und Florian.

Nachdem sie an dem großen Konferenztisch direkt gegenüber Florian und Herrn Horner Platz genommen hatten, kam dieser ohne Umschweife zu dem heutigen Thema.

»Ich möchte es kurz machen, wir haben heute Morgen nur eine Sache zu besprechen. Herr Dr. Arnoldsen, unser stellvertretender Vorstandsvorsitzender, benötigt ab nächsten Monat eine neue Sekretärin. Das wird notwendig, da Frau Hambach vorzeitig in den Ruhestand geht.«

»Oh! Das hätte ich nicht gedacht, dass sie schon in dem Alter ist. Da hat sie sich wirklich erstaunlich gut gehalten.«

»Ja Samantha, das finde ich auch.«

»Meine Damen, das ist ausgesprochen nett, dass Sie Frau Hambach für ihr jugendliches Aussehen beglückwünschen möchten, aber das sollten Sie ihr lieber persönlich übermitteln. Leider habe ich nun durch den Abschied von Frau Hambach umgehend ein großes Problem.«

»Entschuldige Hans, weshalb hast du denn jetzt ein Problem? Du hast doch zwei hervorragende Sekretärinnen.«

»Das stimmt zwar Florian, allerdings ist das die Krux der Geschichte. Der Arnoldsen möchte doch tatsächlich Samantha oder Jessica als seine neue Chefsekretärin in Anspruch nehmen.«

»Das gibt es doch nicht! Wieso will er eine von deinen Sekretärinnen haben, kann der keine neue einstellen? Das Geld für eine Neueinstellung müsste er doch haben.«

»Davon können wir ausgehen. Er ist aber der Meinung, dass eine Sekretärin, die noch nicht in unserer Firma gearbeitet hat, eine längere Einarbeitungszeit benötigt als eine Person, der unsere Firma schon vertraut ist. Das möchte er unbedingt vermeiden. Dazu hat er mich noch darauf hingewiesen, dass ich ja zwei Sekretärinnen habe und da wäre es doch sinnvoller, wenn ich eine neue Kraft einstellen würde und er dann eine von meinen beiden Damen bekäme.«

»Also ehrlich Hans, das ist jetzt keine gute Nachricht. Das Schlimme ist nämlich, dass der gesamte Vorstand – außer du natürlich – ihn zweifelsfrei darin unterstützen wird, denn in seinen Ausführungen ist eine gewisse Logik nicht zu überhören.«

»Florian, das weiß ich natürlich. Wir müssen uns nun etwas einfallen lassen. Es muss aber so stichhaltig sein, dass er trotz seiner Bedenken eine neue Sekretärin einstellt und Samantha und Jessica bei uns bleiben können. Ich muss ihm das freilich schonungsvoll beibringen, ansonsten kann ich mich bei der nächsten Gelegenheit auf einiges einstellen, da bin ich mir ganz sicher.«

»Das glaube ich auch. Hans, da sehe ich streng genommen nur eine Möglichkeit. Du musst ihm nahelegen, dass deine beiden Damen ihre gewohnte Arbeitsstelle, daher auch unsere Abteilung, nicht verlassen möchten. Gegen ihren Willen kann und wird er nichts unternehmen, ansonsten würde er zusätzlich den Betriebsrat verärgern.«

»Da hast du recht Florian, das wäre eine Möglichkeit. Vorausgesetzt, dass unsere beiden Damen auch den Wunsch haben, hier bei uns zu bleiben. Da frage ich doch mal direkt. Samantha und Jessica, möchten sie beide weiterhin mit mir zusammenarbeiten?«

»Für mich ist die Frage einfach mit >ja< zu beantworten. Ich fühle mich hier ausgesprochen wohl, warum sollte ich mich verändern wollen? Dazu weiß ich, was ich hier habe. Ich kenne die Vorzüge und die Macken der einzelnen Personen und komme damit blendend zurecht. Also, ich brauche darüber nicht eine Sekunde nachzudenken, ich bleibe hier!«

»Da danke ich Ihnen Samantha, das erfreut mich wirklich. Jessica, wie sieht es denn bei Ihnen aus?«

»Ich fühle mich eigentlich bei Ihnen auch ganz gut aufgehoben und ich möchte ebenfalls nicht in einer anderen Abteilung arbeiten. Außerdem arbeite ich dadurch weiterhin mit Samantha zusammen und habe auch Kontakt zu Florian.«

Dann machte Jessica eine kurze Pause und lächelte Florian an:

»Ihn möchte ich auch nicht missen.«

»Oh, ist mir da etwas entgangen?« Nun schaute Herr Horner ganz erstaunt Jessica an, vielleicht sogar etwas besorgt. Auf die sogenannten Macken, die Samantha angesprochen hatte, reagierte er geflissentlich überhaupt nicht. Er tat so, als habe er diesbezüglich nichts gehört.

»Nein, Sie haben nichts verpasst! Wir haben ein freundschaftliches Verhältnis.«

»Auch zu Samantha«, lächelte Florian nun Jessica an, »ich dachte, ihr liebt euch?«

»Du, lass das!« Jessica schaute ihn jetzt grimmig an.

»Wieso denn Liebes, liebst du mich etwa nicht? Ich kann doch wohl zweifelsfrei davon ausgehen, dass du mich genauso viel liebst wie Florian?« Während Samantha direkt im Anschluss an ihre provozierende Äußerung gar nicht mehr aufhören wollte zu lachen, sah Jessica für einen kurzen Moment auch diese recht erbost an.

Kurz darauf musste sie dennoch aufgrund der nun entstehenden Situation, erst recht, nachdem sie gesehen hatte, welch ein verdutztes Gesicht Herr Horner inzwischen machte, selbst in das herzhafte Lachen einstimmen.

Als dann auch noch Samantha aufstand und sich erst zu Jessica hinunterbeugte, diese saß direkt neben ihr, sie umarmte und dann auch zu Florian ging und ihn ebenfalls umarmte, schaute ihr Chef mit offenem Mund in die Runde und wusste zunächst nichts mehr zu sagen. Allerdings sollte sein Gesichtsausdruck danach noch weitaus ungläubiger werden, denn nun stand Florian, sein Stellvertreter, ebenfalls auf und ging zu Jessica, beugte sich zu ihr herunter und umarmte sie.

»Chef, Sie brauchen sich offensichtlich keine Sorgen um unser Betriebsklima machen, es funktioniert alles bestens.«

»Ja, das sehe ich, nun bin ich sehr beruhigt. Wahrscheinlich sind so Ihre sehr guten Leistungen, die Sie zweifelsohne alle drei täglich abliefern, zu erklären. Das ist sogar im doppelten Sinne großartig. Aber vielleicht können wir noch einmal auf mein Problem zu sprechen kommen. Obwohl, ich glaube zu bemerken, das würde dann auch Ihr Problem.

Heißt das nun, dass ich meinem Vorstandskollegen mitteilen kann, dass Sie, Samantha, und auch Sie, Jessica, auf jeden Fall bei mir weiterarbeiten wollen? Ja, ist das so?«

»Selbstverständlich Chef, genau so verhält es sich. Teilen Sie bitte Herrn Dr. Arnoldsen mit, dass wir uns bedanken möchten für sein Vertrauen in unsere Leistungen und wir uns sehr geehrt fühlen, dass er daran gedacht hat, uns oder eine von uns in seiner Abteilung, dazu noch als Chefsekretärin, arbeiten zu lassen.«

»Ja gut, das werde ich ihm irgendwie schon verdeutlichen.«

»Nein Chef, nicht irgendwie! Das muss genauso erfolgen, wie ich das gerade geschildert habe. Wir wollen doch nicht, dass Herr Dr. Arnoldsen beleidigt ist und vielleicht sogar auf uns wütend wird. Wenn wir das erfahren, müssen wir beide, sowohl ich als auch Jessica, zu ihm gehen und ihm sagen, dass das ein Missverständnis war und wir sehr gern bei ihm arbeiten würden. Tut mir leid Chef, ich will Sie nicht erpressen, aber das geht nun wirklich nicht anders.«

»Ist schon gut, ist ja gut! Ich werde ihm das exakt so darstellen, wie Sie es eben gesagt haben. Schön, somit hätte ich mein größtes Problem gelöst, zumindest fast.

Oh, da fällt mir etwas auf. Jessica, Sie haben bisher nicht viel gesagt. Ich glaube auch, vorhin ein leichtes Zweifeln in Ihrer Aussage bemerkt zu haben, buchstäblich durch die Wortwahl >eigentlich<. Sehen Sie das denn wirklich so wie Ihre Kollegin und Freundin Samantha?«

»Ja doch, ich bin der gleichen Meinung wie Samantha. Ich möchte ebenfalls nicht in einer anderen Abteilung arbeiten, aber das hatte ich ja schon kurz angedeutet. Ich fühle mich hier sehr wohl und denke, dass auch wir beide gut miteinander zurechtkommen. Irgendwann habe ich mich auch an dieses ungestüme Hineinplatzen von Ihnen gewöhnt und erschrecke mich nicht mehr dermaßen. Wenn das mal so sein wird, bin ich vollends zufrieden. Ich denke, mehr brauche ich zu diesem Thema nicht zu sagen.«

Während jetzt Samantha kicherte und auch Florian leicht schmunzelte, schaute Herr Horner nun Jessica ganz verdutzt an.

»Oh entschuldigen Sie, wenn ich Sie immer so erschrecke, das möchte ich wirklich nicht. Ich mache das gar nicht bewusst, es ist irgendwie Gewohnheit geworden. Ich werde mich bemühen, demnächst besonders vorsichtig in Ihr Zimmer einzutreten.«

»Vielen Dank Chef«, und dabei strahlte Jessica ihren Chef nahezu an. Wahrscheinlich nicht nur, weil Herr Horner ihr nun Zugeständnisse gemacht hat, sondern obendrein, weil sie so mutig war und ihren Chef auf diese Problematik angesprochen hatte.

»Ja gut, jetzt haben wir wirklich alles geklärt. Wegen der Sache mit der Reinigungsfirma müsste ich Sie heute Nachmittag noch einmal sprechen, Samantha, da ich in einer viertel Stunde zur Vorstandsbesprechung muss. Dann bis später, meine Damen. Florian, dich benötige ich noch zwei Minuten.«

Während Florian bei Herrn Horner sitzen blieb, gingen derweil Samantha und Jessica zurück in ihr Büro.

Dort angekommen, umarmte Samantha plötzlich Jessica. »Ich bin so froh, dass du ebenso nicht zu dem Arnoldsen gehst und lieber bei uns bleiben möchtest, wirklich.«

»Auch ich bin sehr froh, dass du nicht in seiner Abteilung arbeiten möchtest. Ich finde das toll, dass ich mit jemandem zusammenarbeiten kann, mit dem ich mich so gut verstehe. Wirklich, ich habe da schon ganz andere Sachen erlebt.

Komm, lass uns noch eine Tasse Kaffee trinken! In zwanzig Minuten begeben wir uns schon zum Mittagessen in die Kantine.«

»Du hast recht. Ach so, was ich dich noch fragen wollte. Bleibt es dabei, gehen wir morgen Abend in unsere Stammpizzeria?«

»Ja gerne, das können wir machen. Morgen ist Freitag, dann können wir am nächsten Tag ausschlafen.«

Nachdem beide genüsslich ihren Kaffee getrunken hatten, keiner von den beiden Damen sprach währenddessen noch ein Wort, wurde es Zeit zum Mittagessen.

Während sie um diese Uhrzeit oft Personen aus dem Vorstand in der Kantine antrafen, war dieses Mal keiner von ihnen zu sehen. Das brachte Samantha auch sofort zum Ausdruck, nachdem beide sich an einen freien Tisch gesetzt hatten.

»Jessica, wir haben Glück, die Vorstandsbesprechung ist höchstwahrscheinlich noch nicht vorbei.«

»Genau, ich würde zurzeit auch nicht so gerne Dr. Arnoldsen über den Weg laufen und darauf angesprochen werden, ob ich nicht doch seine Sekretärin werden möchte.«

»Das stimmt, das wäre unangenehm. Diese Suppe soll gefälligst Herr Horner selbst auslöffeln, damit möchte ich auch nichts zu tun haben.«

Nachdem sie eine halbe Stunde später wieder in ihrem Büro vor ihrem Computer saßen und anschließend zwei Stunden intensiv gearbeitet hatten, fiel Jessica plötzlich etwas ein.

»Samantha, solltest du nicht heute Nachmittag noch zum Chef wegen der Sache mit der Gebäudereinigungsfirma?«

»Oh ja! Er wartet bestimmt auf mich, ich habe den Termin völlig vergessen. Wir haben schon fünfzehn Uhr, jetzt wird es aber Zeit. Falls wir uns nicht mehr sehen, dann bis morgen.«

»Ja, bis morgen.«

Nachdem Samantha aus dem Büro gegangen war, arbeitete Jessica bis sechzehn Uhr und machte dann Feierabend. Samantha war zu dem Zeitpunkt noch nicht wieder zurück.

*

Am nächsten Tag war Jessica bis mittags allein im Büro. Samantha hatte den ganzen Morgen in der Abteilung >Einkauf< etwas zu regeln. Irgendetwas war dort mit einem Auftrag durcheinandergeraten. Um was es sich da handelte, darüber hatte Samantha sie nicht aufgeklärt. Wahrscheinlich war Samantha der Meinung, dass das für sie nicht von Belang sei.

Sie trafen sich dann direkt um elf Uhr dreißig in der Werkskantine. Als Jessica an der Eingangstür ankam, stand Samantha schon dort und wartete auf sie.

»Ich dachte schon, du hättest unser Mittagessen verschlafen«, begrüßte Samantha sofort Jessica in ihrer eigenen, unverwechselbaren Art. Diese beinhaltet insbesondere, mit Vergnügen Leute >auf den Arm zu nehmen<.

»Ich gib dir gleich«, entgegnete Jessica den Empfang von Samantha ziemlich keck.

Sie hielten sich aber nicht lange an der Tür auf und gingen schnurstracks zur Essensausgabe. Beide benötigten keine Marken, da sie diese jeden Montagmorgen für die ganze Woche im Voraus kaufen.

Während sie am Tisch saßen und ihr Essen genossen, redete Samantha fast ununterbrochen über das, was sie heute Morgen in der anderen Abteilung erlebt hatte. Jessica konnte ihr indes nur mühsam zuhören, sie war gedanklich in eine SMS involviert, die sie auf dem Weg zur Kantine erhalten hatte.

Irgendwann fiel das Samantha auf. »Hör mal, hörst du mir überhaupt zu? Wo bist du mit deinen Gedanken? Hast du etwa einen neuen Freund und mir davon nichts erzählt?«

Der letzte Satz hörte sich schon ein wenig herausfordernd an, aber bevor Jessica antworten konnte, setzte sich Florian an ihren Tisch.

»Wie bitte, du hast einen neuen Freund? Jessica, das hätte ich aber nicht von dir gedacht, dass du mir so schnell untreu wirst. Und das schon nach einem Tag der Bekanntgabe unserer großen Liebe.«

»Sprich bitte leise und erzähl nicht so etwas hier in der Kantine! Schau mal, was da an den Tischen um uns herum schon einige neugierig ihre Hälse strecken. Mann, du Blödmann, wir sind gleich Tagesgespräch!«

»Ach, stört dich das etwa, dass unsere Liebe bekannt wird? Ich finde das vernünftig, es wird doch langsam Zeit.«

»Florian, noch ein Wort in diese Richtung und ich werde richtig böse. Im Büro kannst du deine Späße machen, da sind wir unter uns. Allerdings auf keinen Fall in der Öffentlichkeit oder hier im Betrieb, wo es jeder mitbekommt.«

Samantha lächelte währenddessen und schien an der Unterhaltung ihren Spaß zu haben. Sie merkte zwar, dass Jessica langsam ungehalten wurde, konnte es aber trotzdem nicht lassen, Jessica noch ein wenig zu provozieren.

»Liebes, dürfen denn alle von unserer Liebe erfahren oder möchtest du das auch nicht?«

Als Samantha nun laut lachte und sogar Florian in das Gelächter einstimmte, wurde Jessica richtig wütend. Sie stand auf und es sah kurzzeitig so aus, als wollte sie nun, ohne sich von den beiden zu verabschieden, einfach gehen. Letzten Endes besann sie sich jedoch.

»So, ihr beiden Turteltauben, ich lass euch jetzt wohl besser allein. Dann könnt ihr noch ein bisschen schmusen und braucht auch keine Angst zu haben, dass ich eifersüchtig werde. Mittlerweile weiß bestimmt jeder in dem Saal, dass ihr ein Paar seid.«

Sie lächelte nun tiefgründig und ging dann winkend aus dem Saal.

Jetzt war es Samantha, die ausgesprochen grimmig dreinschaute, denn nun hatte sie das Gefühl, dass mittlerweile jeder in der Kantine sie und Florian beobachtet.

Jessica hatte inzwischen die Kantine verlassen und begab sich direkt in die Personalabteilung. Ihre Probezeit von einem halben Jahr war jetzt um und somit änderte sich einiges. Besonders gut fand sie, dass sie nun einen Ausweis mit integrierter Chipkarte ausgehändigt bekam. Somit war es ihr fortan möglich, zu jeder Zeit selbstständig die Eingangstür zu öffnen, ohne dass sie den Pförtner bemühen musste. Der Ausweis ermöglichte ihr außerdem den Zugang zu einigen anderen Räumen, beispielsweise zum Vorratszimmer der Abteilung. Das war wichtig, da in diesem Raum das Büromaterial aufbewahrt wird. Bisher musste sie bei Bedarf immer Samantha oder Florian bemühen.

Als sie später wieder ihr Büro betrat, war Samantha gerade dabei, sich auf den Feierabend vorzubereiten. Freitags ermöglicht ihnen die Gleitzeit, um vierzehn Uhr Schluss zu machen.

»Bist du mir noch böse?«, versuchte nun Jessica, während sie langsam auf Samantha zuging, die Wogen zu glätten, da sie sofort bemerkt hatte, dass Samantha immer noch grimmig dreinschaute.

»Nein, ist schon gut.«

»Eigentlich seid ihr mit diesem Thema angefangen, wenn ich das noch bemerken darf.«

»Nicht ganz richtig, das war Florian.«

»Das stimmt zwar, Samantha, aber zum Schluss hast du noch etwas zugelegt. Fällt denn jetzt unser Treffen heute Abend aus?

»Nein, Blödsinn! Ich muss mich nur erst daran gewöhnen, dass ich nun auch mal einstecken muss. Das war ich bisher zwischen uns so nicht gewohnt.«

»Oh, du Arme, du tust mir so leid! Soll ich dich trösten?«

Wie auf Kommando nahmen sich beide in den Arm, dazu gab Jessica ihrer Freundin zum Trost noch ein Küsschen auf die Wange. Natürlich kam genau in diesem Moment Florian in ihr Büro.

»Also ehrlich, ihr beiden, das gibt es doch nicht! Was sehen denn da meine erstaunten Augen? Nun will ich aber auch ein Küsschen.«

Kaum hatte Florian das ausgesprochen, ging er lächelnd auf Jessica und Samantha zu. Da beide direkt nebeneinanderstanden, konnte er sie nahezu gleichzeitig umarmen. Schließlich gab er noch beiden ein Küsschen auf die Wange.

Jessica hatte sofort wieder eine Bemerkung auf den Lippen, die Florian wahrscheinlich nicht so positiv aufgenommen hätte, sie dachte da auch an den Vorgang in der Kantine heute Mittag, da kam ihr Samantha zuvor.

»Schätzchen, lassen wir Florian doch auch ein bisschen Freude, die kann er doch nicht sehr oft genießen.«

Während Jessica sofort lachen musste, ihr missmutiger Gesichtsausdruck verschwand umgehend, empfand Florian das eher nicht so lustig.

»Ihr seid ja dermaßen gemein zu mir, dabei liebe ich euch beide so sehr. Wirklich, das erfreut mich nicht gerade.«

»Florian, du bist wirklich nett, aber mehr Geschmuse gibt es heute nicht, wir machen nun Feierabend. Du musst doch bestimmt bis neunzehn Uhr hierbleiben?«

»Da hast du aber enorm Pech, Samantha, ich gehe um sechzehn Uhr nach Hause.«

»Ja prima, dann ein schönes Wochenende Florian. Jessica, bis gleich.«

Bevor Samantha aber das Büro verließ, schaute sie noch einmal lächelnd Florian und Jessica an. »Und macht mir hier keinen Unsinn, wenn ich jetzt weg bin! Versteht ihr mich?«

Nun suchte Jessica verzweifelt nach etwas Griffigem. Samantha erkannte sofort, dass Jessica ihr etwas nachwerfen wollte. Da diese aber auf die Schnelle nichts Passendes fand, konnte sie unbehelligt das Büro verlassen.

»Ich glaube, ich gehe nun auch besser. Hier wird es mir zu gefährlich. Schönes Wochenende, bis Montag!« Nun lächelte Florian Jessica tiefgründig an, umarmte sie noch kurz und ging langsamen Schrittes aus dem Büro.

»Ja Florian, das wünsche ich dir ebenfalls«, rief Jessica ihm noch nach.

Kurze Zeit später saß Jessica im Auto und fuhr nach Hause. Dort angekommen legte sie sich erst einmal auf die Couch, nachdem sie vorher das Radio eingeschaltet und einen Musiksender ausgewählt hatte. Ihr blieben ja noch ungefähr zwei Stunden Zeit, bis sie sich für den Abend mit Samantha zurechtmachen muss. Jessica wollte es nicht, dennoch schlief sie plötzlich ein und wachte erst um Viertel vor sechs auf.

Oh nein, da wurde es aber höchste Eisenbahn. Um achtzehn Uhr waren sie vor der Pizzeria in der Innenstadt verabredet, in der sie sich schon mehrmals zum Essen getroffen hatten. Natürlich schaffte es Jessica nicht mehr rechtzeitig. Da sie nicht mit ihrem Auto fahren wollte, trug das noch dazu bei, dass sie eine halbe Stunde später als verabredet an der Pizzeria erschien.

Samantha stand etwas abseits der Eingangstür und machte auch eine dementsprechende >Schnüss<, zumindest deutete Jessica so ihren Gesichtsausdruck, als sie auf Samantha zuging.

»Entschuldige bitte, dass ich mich etwas verspätet habe, aber ich bin auf dem Sofa eingeschlafen.«

»Na ja, hoffentlich bist du jetzt wenigstens ausgeschlafen? Dann komm, lass uns hineingehen! Ich möchte hier nicht noch länger abtaxierend beäugt werden.«

»Wie, war nichts Passendes für dich dabei? Wieso schaust du dich eigentlich um, du hast doch schon mich und Florian.«

»Haha, Hauptsache du hast deinen Spaß«, und nun zog Samantha kurzzeitig eine >Flappe<. Sie fing sich aber schnell und hakte sich bei Jessica ein, um dann Arm in Arm mit ihr ins Restaurant zu gehen.

Es kam sofort ein Kellner auf sie zu, der sie auch gleich zu ihrem reservierten Tisch begleitete. Als er diesen direkt wieder verlassen wollte, wahrscheinlich um zwei Speisekarten zu holen, reagierte Samantha blitzschnell.

»Entschuldigen Sie, einen Moment! Ich glaube, wir benötigen keine Karte oder Liebes? Also, ich hätte gern ein Glas Chianti und eine Pizza Fungi mittlerer Größe. Wie sieht es mit dir aus, benötigst du eine Karte?«

»Nein, die benötige ich auch nicht«, entgegnete Jessica seelenruhig, denn sie hatte ebenfalls parat, was sie zu speisen gedachte.

»Ich möchte auch ein Glas Chianti und dazu eine mittelgroße Pizza >Vier-Jahreszeiten<. Vorweg hätte ich gern noch die Champignonsuppe.«

»Ja gerne, vielen Dank meine Damen«, und sofort verschwand der Kellner. Es dauerte nicht lange und er kam mit zwei Weingläsern und einer Karaffe zurück, die mit Rotwein gefüllt war. Galant, fast schon schwungvoll, stellte er jeweils beiden ein Glas auf den Tisch und füllte anschließend die Gläser nicht minder gekonnt halbvoll mit Wein.

»Zum Wohle den Damen!« Bevor der Kellner dann lächelnd den Tisch verließ, nickte er den beiden Damen noch einmal freundlich zu.

»Vielen Dank«, kam es direkt von Samantha und Jessica unisono.

»Samantha, zum Wohle und dass wir einen schönen Abend erleben werden.«

»Ja, zum Wohle! Ich bin sicher, dass der Abend sehr schön wird.«

Ihre Gläser hatten nach dem Berühren noch nicht ganz aufgehört zu schwingen, da machte sich Jessicas Handy bemerkbar. Bevor sie es aus der Tasche kramte, trank sie aber erst einen Schluck Wein.

»Oh, es ist meine Mama. Hättest du etwas dagegen, wenn ich kurz mit ihr spreche? Ich habe total vergessen, auf ihre SMS zu antworten.«

»Natürlich nicht. Mach das ruhig! Vielleicht ist es etwas Wichtiges.«

»Gut, dann nehme ich den Anruf entgegen. Es wird garantiert nicht lange dauern.«

»Hallo Mama! Wie geht es dir?«

»Hallo mein Schatz! Nicht so gut, ich habe da ein Problem. Vielleicht können wir uns ja in Kürze wieder treffen?«

»Ja Mama, das realisieren wir. Übrigens, wir sehen uns doch einmal im Monat und dieser Monat ist noch nicht zu Ende.«

»Das stimmt! Ich hatte dir aber eine SMS geschickt und du hast mir nicht geantwortet. Ist sie nicht angekommen?«

»Doch Mama, darauf hätte ich auch morgen geantwortet. Pass auf, ich bin gerade mit meiner Freundin in einer Pizzeria und deshalb möchte ich im Moment nicht lange telefonieren. Ich wollte dich eigentlich für das nächste Wochenende einladen, wir können das monatliche Treffen aber auch diese Woche vorziehen. Du könntest schon morgen kommen und Montagmorgen wieder zurückfahren. Das heißt, wenn ich zur Arbeit muss. Was hältst du davon?«

»Ich hätte nichts dagegen, schon morgen zu dir zu kommen. Vielleicht kannst du dann auch mal deinen Vater anrufen, der hat diesen Monat keinen Unterhalt gezahlt, dieser Scheißkerl!«

»Mama, das mag ich nicht, wenn du so über Papa sprichst. Lass das! Außerdem weißt du doch, dass ich ihn gar nicht anrufen kann.«

»Ja, ist schon gut. Das hatte ich gerade in meiner Wut vergessen. Aber du bist doch auch sauer auf ihn, weil er dich schon mehrere Jahre nicht mehr angerufen hat.«

»Das war mal kurzzeitig so, jetzt bin ich eigentlich nur noch traurig. Mama, andererseits frage ich mich schon, welche Beweggründe ihn dazu veranlasst haben, den Kontakt zu mir abzubrechen. Und da fällt mir noch etwas ein. Du hast doch in der letzten Woche bei unserem Anruf gesagt, dass du im vorigen Monat die Bank gewechselt hast?«

»Ja, das habe ich gemacht.«

»Ja und? Hast du denn Papa bei seinem letzten Anruf darauf hingewiesen und ihm deine neuen Bankdaten durchgegeben?«

»Nee, das habe ich total vergessen.«

»Ja super Mama! Kannst du mir mal bitte erklären, wie Papa von deiner Aktion erfahren kann, wenn du ihn nicht informierst?«

»Au Backe, das stimmt. Das muss ich unbedingt morgen sofort erledigen. Stopp, ich kenne ja seine Telefonnummer nicht. Jetzt habe ich aber ein großes Problem. Nun habe ich kein Geld, um die Miete zu bezahlen. Was mache ich denn so lange, bis ich das Geld von deinem Vater bekomme?«

»Mama, ich leihe dir das Geld für deine Miete. Oder noch besser, du bringst morgen deine Unterlagen mit, am besten die Kontoauszüge von dem letzten Monat, und ich überweise dann die Miete sofort. Wenn das Geld, welches Papa dir auf dein ehemaliges Konto überweist, wieder auf sein Konto zurückkommt, wird er dich anrufen, da bin ich mir vollkommen sicher. Dann teilst du ihm deine neue Bankverbindung mit und es ist alles wieder im Lot.

Mama, jetzt muss ich wirklich Schluss machen, wir treffen uns ja morgen. Ruf mich an, bevor du in Bremen ankommst, ich hole dich dann vom Bahnhof ab. Bis morgen.«

»Ja, bis morgen. Grüße deine Freundin von mir!«

»Ja danke, das mache ich. Tschüss.«

»Tschüss.«

Jessica hatte noch nicht ihr Handy weggelegt, da konnte Samantha ihre Neugier nicht mehr zügeln. »Entschuldige Jessica, das geht mich zwar nichts an, aber leben deine Eltern getrennt und muss dein Vater für deine Mama Unterhalt zahlen?«

»Was die Trennung meiner Eltern angeht, da muss ich dir zustimmen. Sie haben sich vor Jahren getrennt und seitdem habe ich keinen Kontakt mehr zu meinem Vater. Das heißt, das erste Jahr schon, aber dann hörte es auf einmal auf. Ich meine, dass er mich kontaktierte. Ich habe keine Ahnung, warum das so ist. Weshalb mein Vater noch Unterhalt zahlt, weiß ich ebenfalls nicht.«

»Irgend wie ungewöhnlich, dass dein Vater das überhaupt noch macht. Na gut, aber weitaus mehr verwirrt mich, dass du keinen Kontakt zu deinem Vater hast. Willst du das nicht?«

»Doch, ich sehne mich sehr danach. Wir hatten immer ein sehr gutes Verhältnis und daher kann ich mir auch nicht erklären, warum er sich seit Jahren nicht mehr meldet. Wobei ich erwähnen muss, am Anfang war ich schon sauer auf ihn. Auch, weil er meine Mutter wegen einer anderen Frau verlassen hatte.«

»Hm, aber meistens hat nicht nur einer Schuld. Weißt du denn, ob da vorher etwas mit deinen Eltern gewesen ist, ich meine Auseinandersetzungen?«

»Ja, so war es leider. Mein Vater war ständig auf Dienstreisen, aber wir sind nie dahintergekommen, was er eigentlich beruflich machte. Meine Mutter hat ihm irgendwann nicht mehr getraut und dauernd Szenen gemacht. Eines Tages reichte es meinem Vater wohl und so hat er die Beziehung beendet.«

»Hm, wenn das so ist, dann kannst du doch wieder den Kontakt zu ihm aufnehmen.«

»Ja, das würde ich gerne. Ich habe meiner Mutter schon mehrmals gesagt, dass sie meinem Vater mitteilen soll, dass er mich bitte anrufen soll.«

»Ja und, hat er das gemacht?«

»Leider nein. Wobei ich mir jedoch nicht sicher bin, ob meine Mutter ihn diesbezüglich tatsächlich angesprochen hat. Sie hat so eine Wut auf meinen Vater, dass ich ihr ohne Weiteres zutraue, dass sie ihm das nicht gesagt und schon mal gar nicht meine Telefonnummer weitergegeben hat.«

»Oh, das ist ja gemein! Dann ruf du ihn doch einfach mal an.«

»Würde ich sehr gerne, aber das geht leider nicht. Er ruft meine Mutter immer nur von öffentlichen Fernsprechern an. Die gibt es zwar nur noch an bestimmten Standorten, aber er nimmt die Mühe auf sich, damit meine Mama seine Adresse nicht herausbekommt oder er nicht geortet werden kann. Das heißt, du kannst seine Telefonnummer nicht zurückverfolgen. Zumindest denke ich, dass das der Grund für sein Verhalten ist. Ich habe keine Chance, an seine Telefonnummer heranzukommen.«

»Das ist aber schade. Wirklich, das tut mir sehr leid.«

»Mir auch. Nun lass uns bitte von etwas anderem reden, ansonsten werde ich gleich melancholisch!«

»Gut, denn das wollen wir ja wirklich nicht.«

Im weiteren Verlauf des Abends sprach Samantha dieses Thema nicht mehr an. Andererseits glaubte Jessica schon, dass ihre Arbeitskollegin und mittlerweile Freundin dieses Thema brennend interessierte. Mit einer melancholisch berührten Freundin den Abend zu verbringen, daran hatte sie aber eher kein Interesse, zumindest dachte Jessica dieses.

Nicht nur deshalb wollte sie ebenfalls nicht mehr darüber sprechen. Es belastete sie enorm, dass gerade wieder alles aufgewühlt wurde. Sie musste in ihren freien Minuten oft genug daran denken, fand dennoch keine Lösung.

Nachdem Samantha eine Zeit lang über ihre Familie erzählt hatte, waren sie mit ihren Gesprächen auf der Arbeit angelangt. Natürlich war insbesondere Herr Horner ein Gesprächsthema, aber auch Florian kam nicht zu kurz, denn auch ihn nahmen sie zwischendurch auf die >Schüppe<. Plötzlich fiel Samantha etwas Wichtiges ein.

»Übrigens, nächstes Wochenende, am Samstag, feiere ich meinen Geburtstag. Ich hoffe mal, du kommst zu meiner Party?«

»Ja gerne. Obwohl, ein bisschen komisch ist mir da schon. Ich kenne bestimmt niemanden.«

»Ich bitte dich, du kennst doch mich. Reicht das etwa nicht? Du, ärgere mich nicht!« Dann zog sie wie zur Bestätigung die von ihr so gern praktizierte >Schnüss<.

»Oh, entschuldige bitte, wie konnte mir das entgehen?«

Nun mussten beide lauthals lachen. Und zwar dermaßen, dass die ersten Gäste zu ihrem Tisch hinüberschauten. Allerdings ließ sich Jessica davon nicht beeindrucken, schon mal gar nicht Samantha.

»Nein, nun mal ernsthaft. Ist das für dich ein Problem? Außerdem hast du meine Schwester doch schon zweimal gesehen.«

»Ja, das stimmt, jetzt bin ich total beruhigt! Mein Bekanntheitsgrad hat sich gerade mit einem Schlag verdoppelt.«

Nun mussten beide erneut sehr laut lachen. Jetzt schauten schon ein paar Gäste mehr zu ihnen hinüber, aber das bemerkten die beiden gar nicht.

»Jessica, meine Liebe, dazu muss ich dir etwas sagen, wenn du das vielleicht auch gar nicht gerne hören möchtest. Moment, vielleicht aber doch?«

»Ja wie, was denn?«

»Ja, das ist leicht gesagt. Du siehst phantastisch aus, das muss ich neidlos, zumindest fast neidlos, anerkennen. Es wird auf der Party keine zehn Minuten dauern und alle nicht vergebenen Männer, wahrscheinlich aber sogar alle, egal ob sie in festen Händen sind oder nicht, werden ein Auge auf dich geworfen haben. Und dann wirst du schon genug Leute kennenlernen, glaube mir.«

Nun bekam Jessica immerhin einen roten Kopf, erwiderte aber vorerst nichts auf Samanthas Lobhudelei, was ihr Aussehen betraf.

Aber sie sieht wirklich gut aus, da gibt es wahrlich keine zwei Meinungen. Dies wurde ihr auch schon mal von Florian kundgetan.

Was sagte er noch: »Jessica, du hast wunderschöne lange Haare, ein bildhübsches Gesicht mit großen, dunklen Kulleraugen und wunderschön geformte Lippen.«

Nun ja, wenn auch Florian im Allgemeinen immer gern etwas übertreibt, in diesem Fall lag er wohl genau richtig. Aber Jessica wollte die Unterhaltung schnell auf eine andere Schiene bringen, dieses Thema war ihr äußerst unangenehm.

»Sag mal, wie viele Personen kommen denn und wo feierst du eigentlich?«

»Ich werde im Haus meiner Eltern feiern, eine andere Möglichkeit sehe ich gar nicht. Meine Wohnung wäre viel zu klein für vierzig Personen, denn so viele habe ich eingeladen. Und glaube mir, die kennen sich ebenfalls nicht alle und deshalb fällt das gar nicht auf, dass du keinen kennst. Außer mich natürlich.«

»Und deine Schwester, schließlich habe ich sie schon zweimal gesehen!« Sofort musste Jessica wieder lachen.

»Ja genau. Unterschlag hier bloß nicht meine Schwester!«

»So meine Liebe! Ich glaube, wir müssen so langsam los.«

»Oh, schon?«

»Ja doch«, lächelte Jessica ihre Freundin an. »Ich weiß, das wird dich jetzt schmerzlich treffen,« fügte sie schnell hinzu und musste dann herzhaft lachen, als sie das Gesicht von Samantha sah, »aber morgen früh kommt meine Mama und dann muss ich ausgeschlafen sein.«

»Schade, aber das verstehe ich natürlich. Ist in Ordnung, wir haben ja auch schon dreiundzwanzig Uhr.«

»Oh, vielen Dank für dein Verständnis.«

»Du, erzürn mich nicht!« Ganz so ernsthaft meinte Samantha diese Worte wohl nicht, denn sie lächelte Jessica sofort an.

Sie winkte überdies einen Kellner herbei, der sich gerade in der Nähe aufhielt. »Ich möchte bitte zahlen!«

»Ja gerne, einen Moment. Ich komme sofort.«

»Ach, meinst du, ich muss heute nicht bezahlen?«, und dabei machte Jessica ein spitzbübisches Gesicht.

»Nein, das musst du heute nicht. Ich bin nämlich an der Reihe, du hattest beim letzten Mal die gesamte Rechnung beglichen. Erinnerst du dich nicht mehr?«

»Doch, jetzt wo du das sagst. Na gut, es ist doch schön, wenn man von der Freundin ausgeführt wird. Besonders gut ist es, dass Florian das nicht mitbekommt. Ansonsten könnten wir uns wieder etwas anhören, beispielsweise über unsere große Liebe zueinander.«

»Ja wie, lieben wir uns denn nicht? Deprimiere mich jetzt nicht!«

»Aber natürlich tun wir das, entschuldige bitte!«, und dann musste Jessica aufs Neue herzhaft lachen.

Sie lachten im Verlauf des Abends überhaupt sehr viel, es war teilweise schon albern zu nennen, so wie sie sich mitunter aufgeführt hatten. Lag das jetzt an ihrer überaus positiven Grundstimmung, denn so gaben sie sich normalerweise nicht, oder an dem Wein, den sie ganz ordentlich, auf die Menge bezogen, zu sich genommen hatten?

Diese Frage zu beantworten, dazu wäre keine von beiden in der Lage gewesen, hätte man sie ihnen denn gestellt. Das war aber auch kein Thema, welches sie nunmehr beschäftigte.

Ihre sehr gute Grundstimmung war bestimmt auch durch das positive Abschneiden in der Firma beeinflusst worden. Das heißt, dass beide in der Abteilung von Herrn Horner und Florian bleiben können und keine von ihnen bei Herrn Arnoldsen arbeiten muss.

Nachdem Samantha bezahlt hatte, standen sie auf und gingen zum nächsten Taxistand. Sie hatten Glück, denn als sie dort ankamen, standen wie bestellt zwei Taxis bereit.

»Komm gut nach Hause und ein schönes Wochenende mit deiner Mama wünsche ich dir.«

»Danke, dir ebenfalls. Ich meine, ein schönes Wochenende. Ob du das auch mit deiner Mama verbringst, weiß ich ja nicht.«

»Ich glaube eher nicht, aber sehen werde ich sie schon zwischenzeitlich. Bis Montag früh in aller Frische.«

»Bis Montagmorgen. Obwohl, die Frische ist wahrscheinlich nur bei mir vorhanden und von früh kann man bei dir schon mal gar nicht reden. Du kommst doch immer erst, wenn ich schon die meiste Arbeit erledigt habe.« Jetzt musste Jessica herzhaft lachen und konnte sich gar nicht wieder einkriegen.

»Ach nee, wie lustig. Ich gib dir gleich!« Leicht schmollend nahm Samantha ihre Freundin gleichwohl in den Arm und verabschiedete sich von ihr. Bevor jede in ein Taxi stieg, winkten sich beide noch einmal zu.

Es dauerte ungefähr zwanzig Minuten und das Taxi war mit Jessica an ihrer Wohnung angelangt. Da Samantha und sie in völlig unterschiedlichen Richtungen, ausgehend von der Pizzeria, wohnen, mussten sie jeweils ein Taxi nehmen. Der Preis hielt sich nach Meinung Jessicas durchaus in Grenzen.

Sie machte sich, in ihrer Wohnung angekommen, sofort fürs Bett zurecht. Es wurde auch Zeit, ansonsten wird sie es morgen früh nicht rechtzeitig schaffen, um neun Uhr dreißig, falls der Zug pünktlich ist, ihre Mama vom Hauptbahnhof abzuholen.

*

Sie schaffte es tatsächlich, am nächsten Morgen pünktlich auf dem Bahnsteig zu stehen, an dem der Zug mit ihrer Mama laut Fahrplan jeden Moment einfahren müsste. Nach zehnminütiger Verspätung war es wirklich soweit, der Zug fuhr ein und kurz darauf konnte sie ihre Mama begrüßen.

»Hallo Mama, wie war deine Fahrt? Hat alles prima geklappt?« »Hallo Schatz. Überhaupt nicht, das war vielleicht blöd. So eine Fahrt habe ich noch nicht erlebt, das muss ich dir jetzt mal sagen.«

»Aber wieso denn? Da fährt man doch durch eine herrliche Gegend, dazu noch ohne lästiges Umsteigen. Erzähl mal, was da Blödes vorgefallen ist!«

Bevor Jessicas Mama allerdings damit anfangen konnte, nahm Jessica ihr den Koffer aus der Hand und hakte sich bei ihr unter. Auf dem Weg zum Auto ging sie eben in einen Bäckerladen und kaufte Brötchen.

»Hast du noch nicht gefrühstückt?«, fragte Emma ihre Tochter erstaunt, als diese wieder aus dem Geschäft kam.

»Nein Mama, dazu bin ich noch nicht gekommen. Aber so wie ich dich kenne, hast du doch bestimmt schon um halb sechs gefrühstückt.«

»Schon um fünf Uhr, sonst wäre ich nicht rechtzeitig am Bahnhof gewesen. Ein Brötchen esse ich aber schon und besonders freue ich mich auf eine Tasse Kaffee.«

»Das ist schön. Wir sind da, hier steht mein Auto. Darf ich dir die Tür loshalten?«

Emma lächelte zwar, erwiderte aber nichts auf die bestimmt lustig gemeinte Bemerkung ihrer Tochter. Es dauerte dann keine zwanzig Minuten und sie betraten Jessicas Wohnung. Während diese zuerst eine Kanne Kaffee aufsetzte und dann den Frühstückstisch vorbereitete, machte sich ihre Mama derweil im Bad etwas frisch. Zehn Minuten später saßen beide am Tisch und frühstückten.

»Mama, mir fällt gerade ein, dass du mir noch gar nicht gesagt hast, was dich an der Zugfahrt so gestört hat.«

»Stimmt, das habe ich völlig vergessen. Ja stell dir vor, ich musste tatsächlich dreimal von meinem Sitzplatz aufstehen und mir einen anderen Platz suchen.«

»Was! Aber warum denn? Wenn man einen Platz reserviert hat, muss man diesen doch nicht während der Fahrt verlassen. Wieso hast du das gemacht? Warum hast du denn nicht einen Zugbegleiter gerufen?«

»Das habe ich beim ersten Mal getan. Dann hat dieser zu mir gesagt, ich müsste aufstehen und mir einen anderen Sitzplatz suchen, einen nicht reservierten Platz. Das war sehr schwierig und so musste ich danach noch zweimal aufstehen.«

»Das verstehe ich nicht? Ich glaube, ich ruf Montagmorgen sofort bei der Bahn an und mache Rabatz, so geht das wirklich nicht. Wenn du einen Platz reserviert hast, und so hatten wir das ja besprochen, kann dich niemand dort vertreiben. Nein, das geht aber gar nicht. Da werde ich unweigerlich eine Beschwerde einreichen müssen.«

»Schatz, warte, nicht so schnell! Ich muss dir etwas gestehen. Entgegen unserer Absprache hatte ich keine Platzreservierung vorgenommen. Die zehn EURO für die Hin- und Rückfahrt wollte ich sparen.«

»Das gibt es doch nicht! Mama, da ich ja wusste, dass du mich in Kürze besuchst, hatte ich dir doch das Fahrgeld schon vor zwei Wochen überwiesen, einschließlich den Betrag für die Platzreservierung. Na, vielleicht macht dir das beim nächsten Mal genauso viel Spaß. Hauptsache, du kannst nun deine zehn EURO genießen.«

»Schatz, werde nicht sarkastisch! Ist schon gut, das passiert mir nicht noch einmal. In Zukunft bin ich schlauer.«

»Da lasse ich mich mal überraschen. Na gut. Ich glaube, wir sollten eben den Tisch abräumen und uns mal so langsam stadtfein machen. Wir wollen doch in die Bremer City, dort gibt es viel zu sehen und da warst du ja auch noch nicht.«

»Genau, darauf freue ich mich schon von dem Tag an, an dem wir den Stadtbummel für unser nächstes Treffen in Bremen geplant hatten.«

»Dann komm, es ist schon ziemlich spät! Ich habe mich darauf vorbereitet, dir einige Sehenswürdigkeiten zu zeigen und dir auch ein bisschen zu erklären. Alle werden wir zeitlich nicht schaffen, aber einige schon.«

»Schatz, du willst mir doch nicht ein Denkmal nach dem anderen vorführen?«

»Nein, keine Angst, aber drei oder vier der wichtigsten Sehenswürdigkeiten, zumindest diejenigen, die alle in der Nähe des Marktplatzes stehen, möchte ich dir schon zeigen. Danach setzen wir uns in ein schönes Café und bummeln anschließend noch eine Weile in einer Künstlerstraße, so will ich sie jetzt mal nennen. Vielleicht interessierst du dich ja für den einen oder anderen Kunstgegenstand.«

»Ja schön, das hört sich gut an. Schatz, du weißt doch wohl, dass ich kein Geld habe, um mir dort etwas zu kaufen?«

»Ja Mama, das habe ich noch schwach in Erinnerung. Aber vielleicht ist das Anschauen der Kunstgegenstände für dich trotzdem interessant?«

Darauf antwortete Jessicas Mama nicht mehr und so bereiteten sich beide auf ihren Stadtbummel vor. Kurz darauf fuhren sie mit der Straßenbahn zur Bremer City und stiegen in der Nähe des Marktplatzes aus.

Als Erstes führte Jessica ihre Mama zu dem riesigen Marktplatz in der Innenstadt von Bremen, es sollte ihr erster Anlaufpunkt für den heutigen Tag werden. Hier waren in relativ kurzen Abständen um den Marktplatz herum einige Sehenswürdigkeiten zu bestaunen.

Auf dem Weg zum Rathaus blieben sie vor den >Bremer Stadtmusikanten< stehen. Sie waren mittlerweile an der Westseite des Rathauses in einem Bereich angelangt, der streng genommen nicht mehr zu dem Marktplatz gehört.

Jessicas Mama schaute kurz auf die großen Bronzefiguren und sofort fiel ihr etwas dazu ein.

»Schatz, erinnerst du dich noch daran, dass ich dir immer das Märchen >Die vier Stadtmusikanten< von den Gebrüdern Grimm vorgelesen habe?«

»Ja stimmt! Du und Papa habt mir das Märchen oft vorgelesen, ich konnte davon gar nicht genug bekommen.«

»Du, gleich platze ich aber! Dass du deinen Vater, so nenne ich ihn jetzt noch einmal ausnahmsweise, ständig erwähnen musst. Mach mich nicht rasend!«

»Mama, das bist du doch schon. Außerdem, das mache ich doch nicht bewusst. Und noch etwas muss ich dir mal eindeutig zu verstehen geben! Ich lass mir von dir doch nicht verbieten, an meinen Vater zu denken oder über ihn zu sprechen. Erst recht nicht, wenn ich wie soeben die Wahrheit sage. Und das, ohne ihn dabei gezielt zur Sprache zu bringen. Ich will dich auf keinen Fall damit ärgern.

Ich denke, wir gehen umgehend weiter. Dann wirst du abgelenkt und kannst dich wieder beruhigen, worüber auch immer.« »Ist schon gut. Ich weiß doch, dass du mich damit nicht ärgern willst. Er ist ja nun mal dein Vater, wenn ich auch mit ihm so einige Schwierigkeiten habe und weitaus mehr hatte. Aber lassen wir das, du hast recht.«

Nach wenigen Schritten standen sie dann vor dem Bremer Rathaus.

»Wie gefällt dir das Rathaus Mama?«

»Wunderschön, das ist sehr faszinierend. Ich mag diese altertümlichen Gebäude und das hier ist besonders schön. Wie alt ist denn das Rathaus?«

»Es ist aus dem vierzehnten Jahrhundert, die heutige Fassade wurde im Stil der Weser-Renaissance im siebzehnten Jahrhundert angebracht. Der Nebenanbau, der hier vorn zu sehen ist, wurde im zwanzigsten Jahrhundert im ähnlichen Stil gefertigt. Zwar nicht ganz so verschnörkelt, aber optisch doch eine Einheit. Die Erweiterung wurde notwendig, weil das Rathaus zu klein wurde.«

»Schatz, das ist alles sehr interessant, wirklich. Ich glaube aber nicht, dass ich mir das alles merken kann?«

»Ist schon gut Mama. Ach, was ich noch ansprechen wollte. Das Bremer Rathaus ist das einzige Rathaus in Europa, das aus dem Spätmittelalter stammt und weder zerstört noch verändert wurde.

Und Mama, das Rathaus und ebenso der Roland, den wir uns als Nächstes ansehen können, ist seit dem Jahr zweitausendvier Weltkulturerbe.«

Eigentlich wollte Jessica ihrer Mutter noch erzählen, dass sich unter dem Rathaus noch der Rathauskeller befindet. Besonders interessant ist für Jessica, dass dort der älteste Wein Deutschlands lagert. Allerdings wird ein Wein aus dem Jahre sechzehnhundertfünfunddreißig eher nicht mehr nach Wein schmecken. Probieren dürfen sie ihn leider nicht, was Jessica aber liebend gern tun würde. Seitdem das Rathaus Weltkulturerbe der UNESCO ist, eben seit zweitausendvier, ist es sogar dem Kellermeister und dem Bürgermeister verboten, diesen Wein zu probieren.

Während Jessica diesen Gedanken noch nachhing, aber nicht gegenüber ihrer Mama erwähnte, waren sie schon unterwegs zur nächsten Sehenswürdigkeit. Jessica hatte nichts mehr gesagt, da ihr sofort bewusst wurde, dass ihre gerade getätigten Überlegungen bei ihrer Mama wohl nicht gerade ein besonders großes Interesse hervorrufen würde. Allerdings konnte man zu dieser Annahme nach dem bisherigen Auftreten ihrer Mama auch leicht gelangen. Sie wird wahrscheinlich insgeheim ungeduldig darauf warten, dass sie sich gleich in der Böttcherstraße irgendwo hinsetzen und etwas Essbares zu sich nehmen können. Das wäre zwar ebenso im Ratskeller möglich gewesen, aber dort würden sie eher eine Preisebene vorfinden, in der sich weder Jessica noch ihre Mama bewegen können.

Nach einem kurzen Gehweg waren sie an dem Petry-Dom angelangt.

»Mama, wie gefällt dir denn diese Kirche? Hierfür hast du doch einen gewissen Fabel.«

»Da hast du recht. Die Kirche, obwohl ich glaube, das ist eher ein Dom, ist schon sehr imposant und bestimmt eintausend Jahre alt?«

»Es stimmt beides, auf jeden Fall so ungefähr. Du hast recht, das ist der Petry-Dom und der ist tatsächlich ungefähr tausendzweihundert Jahre alt. Genauer gesagt stammt der erste Teil des steinernen Doms, anfänglich war es eine Holzkirche, die schon zu Zeiten Karl des Großen errichtet wurde, aus dem Jahre achthundertfünf. Andere Teile des Doms stammen aus dem elften Jahrhundert sowie darauf aufbauend weitere Veränderungen im gotischen Stil wie beispielsweise die Kapellenanbauten sowie das frühgotische Gepräge aus dem dreizehnten Jahrhundert.«

»Schatz, woher weißt du das alles? Du bist ja gebildet!«

»Mama, ich habe mir das schon ein paar Mal angesehen und auch viel dazu gelesen. Über Nacht konnte ich mir das leider nicht aneignen. Was ich noch erwähnen möchte, der Dom musste natürlich mehrmals restauriert werden, die letzte Restaurierung fand zwischen neunzehnhundertdreiundsiebzig und neunzehnhunderteinundachtzig statt und seitdem steht er nun in seiner vollen Pracht. Diese Restaurierungen waren natürlich auch bedingt durch den Reformationskrieg und den Zweiten Weltkrieg, als doch einiges zerstört wurde.«

»Ja, das kann ich mir vorstellen. So lass uns doch hineingehen oder ist das nicht möglich?«

»Doch, zurzeit ist keine Messe und so stören wir auch nicht.«

In dem Dom war Jessicas Mutter wiederholt von der Größe, allerdings auch von der dargebotenen Pracht, beeindruckt.

»Schatz, das ist der Unterschied zwischen katholischen Kirchen, in diesem Fall ja einem Dom, und den Kirchen andersgläubiger Menschen, eingeschlossen den Evangelischen. Die sind nicht so prunkvoll ausgestattet.«

»Mama, nun bist du aber auf dem Holzweg. Der Petry-Dom ist ein evangelischer Dom.«

»Wie bitte? Das kann ich aber kaum glauben.«

»Na gut, so ganz unrecht hast du nicht. Das war natürlich ursprünglich eine katholische Kirche. Der Ursprung geht auf den Bischof von Verden, der damals von Karl dem Großen in sein Amt berufen wurde, zurück. Aber durch die Wirren der Reformationszeit, also während des Dreißigjährigen Krieges, wurde die Kirche über calvinistisch schließlich dann evangelischlutherisch.«

»Ach so, na schön. Aber da lag ich doch so falsch nicht?«

»Das stimmt Mama. Normalerweise haben evangelische Kirchen nicht so eine große Ansammlung an Kunstwerken. Aber die ganze Pracht von damals kannst du dir leider auch nicht mehr ansehen. Früher standen hier beispielsweise fünfzig Altare. Es gibt aber ein Museum in dem Dom, nur sollten wir uns das besser irgendwann später einmal anschauen. Das würden wir heute nicht mehr schaffen.«

»Gut, damit bin ich einverstanden.«

»Schön. Mama, hast du denn Lust, den Südturm zu besteigen und dir die schöne Aussicht mit dem herrlichen Panorama der Innenstadt anzusehen. Das ist wirklich sehr beachtlich.«

»Schatz, willst du mich umbringen? Die Türme sahen von außen ganz schön riesig aus. Wie hoch muss man denn da gehen?«

»Mama, das hält sich in Grenzen. Auf jeden Fall ist der Turm gar nicht so hoch, wie er dir vielleicht jetzt vorkommt! Ohne den Wetterhahn beträgt seine Höhe nur ungefähr neunzig Meter und bis zur Aussichtsplattform sind es sogar nur knapp fünfzig Meter. Mama, dazu müssen wir nur zweihundertfünfundsechzig Stufen emporsteigen, ich habe mich da schlaugemacht. Das ist doch wohl kein Problem.«

»Was? Vielleicht nicht für dich, aber ich kann nicht so viele Stufen auf einmal bewältigen. Nein danke!«

»Hm! Na gut, dann lassen wir das eben.«

»Du bist doch jetzt nicht ernsthaft beleidigt? Schatz, der Dom ist wunderschön, wirklich. Es war daher sehr schön, dass ich einmal hier war. Aber diese Treppe hinaufgehen, das muss nicht sein.«

»Mama, ich bin nicht beleidigt, ist schon gut. Nun komm, gehen wir weiter! Schau mal, da steht der Roland, nicht weit vom Dom.«

»Oh, ist der groß!«

»Ja Mama, der ist wirklich groß. Noch ein klein wenig größer als Papa.«

»Musstest du wieder deinen Vater erwähnen? Sag mal, war das jetzt nötig? Ich hatte gerade so eine gute Laune. Jetzt fängst du schon wieder damit an.«

»Mama, was soll das? Ich denke oft an Papa und da kann es auch schon mal in deiner Gegenwart passieren, dass ich an ihn erinnert werde. Außerdem, Papa ist doch wirklich groß.«

»Ja, aber doch nicht so riesig.«

»Das stimmt Mama, so groß ist er nun doch nicht, denn der Roland ist ungefähr fünf Meter hoch. Ich glaube, das würde Papa auch nicht gefallen.

Außerdem, hätte ich gerade dich als Vergleich heranziehen sollen? Doch wohl eher nicht oder?«

»Nein, denn ich bin ja klein. Wobei ich gegenwärtig nicht weiß, ob du das überhaupt schon bemerkt hast? Du scheinst dich ja nur für deinen Vater zu interessieren.«

»Mama, gleich werde ich aber richtig sauer! Natürlich interessiere ich mich für euch beide gleichermaßen. Du bist wirklich unmöglich, dermaßen muss ich mich nun mal artikulieren. Auch auf die Gefahr hin, dass du jetzt beleidigt bist.

Im Moment versteh ich auch nicht, warum du plötzlich so eine miese Laune hast. Nur weil ich mal, ohne mir allerdings etwas dabei zu denken, meinen Vater ins Spiel gebracht habe? Das kann es ja wohl nicht sein oder?«

»Ist schon gut. Ich sage nichts mehr dazu und versuche nun mich abzulenken. Du willst mir doch bestimmt noch mehr zeigen?«

»Gut Mama. Komm, wir wollen doch noch in die Böttcherstraße!«

»Böttcherstraße? Was gibt es denn dort zu sehen?«

»Das hatte ich vorhin schon kurz angedeutet. Mama, da kann man einiges bestaunen. Zwar keine Denkmäler in dem Stil wie hier um den Marktplatz herum, aber die Häuserfassade ist dort ebenfalls schön anzusehen. Wobei die Häuser dort auch schon fast einhundert Jahre alt sind. Dort gibt es allerdings etwas, was dir bestimmt besonders gefallen wird.«

»Was denn? Nun sag es doch schon!«

»Kunst, Souvenirs und Cafés. Vor allem das zuletzt Genannte dürfte doch etwas für dich sein oder nicht?«

»Oh ja, vor allem nach dem vielen Laufen. Es war zwar alles sehr schön, aber auch recht anstrengend. Da freue ich mich schon, wenn ich wieder sitzen darf. Ein leckeres Stückchen Kuchen und dazu eine Tasse Kaffee, das würde ich jetzt gleichfalls nicht verachten.«

»Dachte ich es mir doch. Na gut, dann komm Mama! Es ist nicht weit von hier. Gleich um die Ecke fängt schon die Böttcherstraße an. Sie stellt eine direkte Verbindungslinie vom Marktplatz zur Weser dar.«

»Schatz, das ist interessant. Ach, schau mal hier, das Gebäude sieht aber nicht so schön aus wie die anderen altertümlichen Gebäude hier am Marktplatz.«

»Da muss ich dir recht geben Mama. Diese Häuserfront sieht wirklich hässlich aus im Vergleich zu den wunderschönen Gebäuden wie dem Rathaus, dem Dom oder beispielsweise dem >Haus Schütting<, dem Sitz der Handelskammer sowie einigen anderen Gebäuden im Bereich des Marktplatzes. Das Haus hier ist echter Stilbruch.«

»Was ist das denn für ein Haus? Wer hat denn dazu die Genehmigung gegeben, sodass hier inmitten dieser wunderschönen Renaissancebauten solch eine Häuserfront errichtet werden konnte?«

»Mama, das weiß ich nicht. Vielleicht war bei der Genehmigung zu dieser Häuserfront bei dem Verantwortlichen kurzzeitig geistige Umnachtung vorhanden? Also im Ernst, ich kann auch nicht nachvollziehen, was sich die Verantwortlichen zur Zeit der Genehmigungsphase dabei wohl gedacht haben?

Aber lass uns darüber nicht mehr reden. Sieh mal, wir sind schon da! Hier ist die Böttcherstraße.«

»Oh, die sieht wirklich vielversprechend aus. Da können wir doch bestimmt irgendwo etwas zu uns nehmen. Ich benötige auch unbedingt eine Pause und ordentlichen Hunger habe ich ebenfalls.«

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