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Schicksal in zarter Hand

PROLOG

Voll fieberhafter Spannung warteten die Zuschauer auf den Beginn des Rennens. Würden die Fahrer heute überhaupt starten können?

Der Wind hatte weiter aufgefrischt und peitschte das üblicherweise spiegelglatte Wasser der Bucht von Livorno zu kurzen, steilen Wellen auf. Die Bedingungen waren alles andere als ideal für einen Wettbewerb der launischen und schwer zu bändigenden Rennboote mit ihren Höchstgeschwindigkeiten von über zweihundert Kilometern pro Stunde.

Im Rennanzug, den Helm schon in der Hand, stand Francesco Tolle im Zelt des White Streak Teams. Den Blick hatte er auf den Computerbildschirm gerichtet, auf dem die Entscheidung der Rennleitung angezeigt werden würde.

„Was meinst du, wird das heute noch was?“, fragte Marco und stellte sich neben ihn.

Francesco, von allen kurz Franco genannt, zuckte die Schultern. Die Bedingungen machten ihm weniger Sorgen als die Tatsache, dass Marco das Rennen als sein Kopilot bestreiten sollte.

„Bist du dir sicher, dass du das schaffst?“, fragte er bemüht ruhig und hielt den Blick weiterhin auf den Bildschirm gerichtet. „Du wirkst nervös.“

„Wenn du mich nicht im Boot haben willst, sag’s doch einfach“, brauste Marco auf.

Schon seit einer Stunde lief er im Zelt hin und her wie ein Tiger im Käfig und fauchte jeden an, der es wagte, ihn anzusprechen. Das ist nicht die beste Verfassung für jemanden, der den Gashebel eines unglaublich starken Bootes bedienen soll, dachte Franco besorgt.

„Falls du es vergessen haben solltest, Franco, die Hälfte von White Streak gehört mir. Auch wenn du das gestalterische und technische Genie bist, wie du uns alle ständig wissen lässt.“

Franco riss sich zusammen. Er wollte nichts auf Marcos bockigen Ton erwidern, was er später bedauern könnte. Natürlich gehörte das Boot White Streak ihnen beiden, genauso wie die Firma gleichen Namens und ein weiteres Rennboot. In den vergangenen fünf Jahren waren sie mit den Booten bei den verschiedensten internationalen Rennen gestartet, seit drei Jahren allerdings nie mehr zusammen. Aus gutem Grund …

Heute hatte Franco sich ausnahmsweise dem Druck der Umstände gefügt und Marco gestattet, neben ihm im Cockpit zu sitzen. Immerhin ging es um die Meisterschaft, die erst bei diesem letzten Rennen entschieden wurde. Leider war sein sonstiger Kopilot Angelo schwer erkrankt und absolut nicht der Lage, am Wettbewerb teilzunehmen. Der Einzige, der ihn ersetzen konnte, war nun einmal Marco.

Es würde bestimmt keine Rolle spielen, dass es mit ihrer Freundschaft seit Jahren vorbei war. Schließlich ging es um den Sieg!

Das hatte Franco sich zumindest eingeredet. Nun stellte sich heraus, dass Marco sich gar nicht mehr wie der entspannte, coole Typ benahm, als den ihn jeder kannte.

„Was hast du nur gegen mich? Wir waren die besten Freunde“, meinte Marco rau. „Beinah unser ganzes Leben lang … bis ich diesen einen kleinen Fehler gemacht habe, und du …“

„Dass du mit meiner Frau geschlafen hast, würde ich nicht als kleinen Fehler bezeichnen“, unterbrach Franco ihn eisig.

„Damals war Lexi noch nicht deine Frau“, hielt Marco dagegen.

„Richtig. Aber wir hatten eine Affäre. Und du warst mein bester Freund.“ Endlich wandte Franco sich dem anderen zu und sah ihn eindringlich an.

Marco seufzte schwer. „Was, wenn ich behaupte, dass zwischen mir und Lexi gar nichts passiert ist?“, fragte er leise. „Dass ich das nur erfunden habe, weil ich einen Keil zwischen euch treiben wollte?“

„Aus welchem Grund?“

„Weil du dabei warst, deine glänzende Zukunft an einen Teenagerfilmstar wegzuwerfen“, konterte Marco frustriert. „Aber du hast Lexi ja trotzdem geheiratet, und ich habe mich wie der übelste Mistkerl aller Zeiten gefühlt. Sie hat nicht gewusst, dass ich dir etwas gesagt habe, oder? Du hast ihr das nie verraten.“

Die Lippen fest zusammengepresst, blickte Franco auf den Bildschirm.

„Sie kann es nicht gewusst haben“, überlegte Marco laut. „Sonst wäre sie nicht immer so nett zu mir gewesen.“

„Bezweckst du etwas mit diesem Gespräch?“, fragte Franco plötzlich gereizt. „Wir müssen uns auf das Rennen konzentrieren. Ich habe, wie man mir bestimmt deutlich anmerkt, keine Lust, mich mit dir über Vergangenes zu unterhalten.“

„Okay, meine Herren, alles klar zum Start!“, rief der Teammanager wie auf ein Stichwort hin vom anderen Ende des Zelts.

Franco wollte zum Ausgang, aber Marco hielt ihn am Arm fest.

„Um Himmels willen, Franco, es tut mir leid, wenn ich deine Beziehung zu Lexi verdorben habe“, begann er drängend, „aber ihr lebt doch seit mehr als drei Jahren nicht mehr zusammen. Können wir den dummen Zwischenfall nicht vergessen und wieder dahin zurück, wo wir beide …“

„Soll ich dir mal sagen, warum du das Thema ausgerechnet jetzt aufbringst und so zerknirscht tust?“, unterbrach Franco ihn verächtlich. „Erstens: Du schuldest der White Streak Company Millionen. Zweitens: Du hast Gerüchte gehört, dass ich den Rennsport aufgeben möchte. Drittens: Das macht dir Angst, weil du weißt, dass dann die ganze finanzielle Misere, für die du allein verantwortlich bist, ans Licht kommt. Und übrigens: Dein lausiger Versuch einer Entschuldigung kommt dreieinhalb Jahre zu spät.“

Franco machte sich los und wandte sich ab. Es hätte keinen schlechteren Moment für das Gespräch geben können. Es stand nicht nur das entscheidende Rennen bevor, vor Kurzem hatte er noch dazu von Lexis Anwalt einen – telefonisch angekündigten – Brief mit den Scheidungspapieren erhalten. Bisher hatte er nicht den Mut gefunden, den Umschlag zu öffnen.

Er trat aus dem Zelt in den strahlenden Sonnenschein, von eisigem Zorn erfüllt. Die Jubelrufe der Menge hörte er nicht, dabei war hier seine Heimat, und diese Leute waren seine treuesten Fans. Ein roter Nebel schien sich vor seine Augen gelegt zu haben, und in der Mitte dieser Wolke sah er seinen ehemals besten Freund in leidenschaftlicher Umarmung mit Lexi, der einzigen Frau, die er, Franco, jemals geliebt hatte.

Mit diesem Bild lebte er seit beinah vier Jahren. Es hatte wie ein Verhängnis über seiner kurzen Ehe mit Lexi geschwebt und alles verdüstert. Vor allem, weil er den Verdacht nicht loswerden konnte, das Kind, das sie erwartet hatte, sei nicht von ihm.

Das hatte ihn verbittert und so wütend gemacht, dass er es nicht schaffte, sie zu trösten und ihr beizustehen, als sie das Baby verlor.

Danach war seine Beziehung zu Lexi endgültig zerrüttet gewesen. Sie war aus dem Krankenhaus direkt nach London geflüchtet, und er hatte sie seitdem nicht mehr gesehen. Nun hatte sie also die Scheidung beantragt, um endgültig den Schlussstrich zu ziehen.

In einem hat Marco völlig recht, dachte Franco düster. Lexi hatte nie erfahren, warum er sie so kalt behandelte. Bis heute wusste sie nicht, wie sehr sie ihn verletzt hatte. Sie hatte ihm, dumm und gutgläubig, wie er war, das Herz gebrochen. Dass er es sich nicht hatte anmerken lassen, war der einzige Balsam für seinen gekränkten Stolz.

Marco tauchte nun neben ihm auf, wie eine Klette, die sich nicht abschütteln ließ.

„Franco, du musst mir zuhören“, begann er.

„Nicht jetzt. Jedenfalls nicht, wenn du weiter über die Vergangenheit reden willst“, unterbrach Franco ihn schroff. „Konzentrier dich auf das Rennen und was du dabei zu tun hast! Oder ich beschließe hier und jetzt, das Team und die White Streak Company aufzulösen. Dann fällt das finanzielle Chaos, das du angerichtet hast, unweigerlich auf dich zurück.“

„Damit würdest du mich ruinieren“, erwiderte Marco heiser. „Und der gute Ruf meiner Familie wäre …“

„Genau!“, fiel Franco ihm mitleidlos ins Wort und beobachtete, wie er blass wurde.

Dass der Name Clemente durch die üblen Machenschaften in den Schmutz gezogen würde, war für Marco vermutlich das Schlimmste. Der Name stand für feinste Weine, absolute Ehrlichkeit und Wohltätigkeit. Gemeinsam mit den Tolles standen die Clementes einigen der größten karitativen Organisationen Italiens vor, und die Verbindung der beiden Familien bestand seit Generationen.

Aus Rücksicht auf diese Familienfreundschaft hatte Franco das Zerwürfnis nie an die Öffentlichkeit gelangen lassen. Wenn er Marco bei offiziellen Anlässen traf, ließen sie beide sich nicht anmerken, wie es wirklich um ihre Freundschaft stand. Es war angenehmer so.

„He, ihr zwei, winkt mal euren Fans zu“, forderte der Teammanager sie auf.

Gehorsam hob Franco den Arm, und Marco tat es ihm nach, wobei er sein übliches strahlendes Lächeln aufsetzte, mit dem er alle für sich einnahm. Dann setzte Franco den Helm auf und kletterte in das offene Cockpit des Rennboots. Marco folgte ihm, und beide legten die Sicherheitsgurte an.

Schweigend absolvierten sie die üblichen vorgeschriebenen Checks, zwei Männer, die genau wussten, was der andere dachte.

Kein Wunder, denn sie kannten sich seit ihrer Kindheit.

Franco hätte früher gewettet, dass sie immer Freunde bleiben würden, bis ins hohe Alter – wo sie dann gemeinsam an warmen Sommerabenden dem Sonnenuntergang zusahen und bei einem Glas köstlichen Weins Erinnerungen an die guten alten Zeiten austauschten …

Die Motoren wurden gestartet. Ihr Röhren klang wie Musik in Francos Ohren. Sie brachten das Boot zur Startlinie, weiß leuchtete es zwischen den bunten Konkurrenten. Sie alle lauerten förmlich an der Startlinie wie geduckte Drachen, die jeden Moment Feuer speiend lospreschen würden.

Plötzlich blickte Franco, von einem ebenso unerklärlichen wie unwiderstehlichen Drang getrieben, zu Marco. In dessen Augen lag ein seltsamer Ausdruck, eine abgrundtiefe Verzweiflung, vernichtend und schmerzhaft wie ein Faustschlag.

„Tut mir leid, mein Freund“, sagte Marco heiser und wandte sich ab.

Die Motoren heulten auf, das Boot schoss vorwärts. Franco hatte alle Hände voll zu tun, es auf einer geraden Linie zu halten.

Was um Himmels willen tut Marco leid? fragte er sich, während er registrierte, wie schnell sie über die Wellen preschten.

Viel zu schnell.

Gefährlich schnell.

1. KAPITEL

Lexi saß in einer Besprechung im Büro ihres Chefs, als die Tür aufgerissen wurde und die neue, sehr junge Assistentin Suzy hereinplatzte.

„Tut mir leid, wenn ich störe“, entschuldige sie sich atemlos, „aber das musst du dir unbedingt ansehen, Lexi.“

Sie nahm die Fernbedienung und schaltete den Fernseher an. Alle sahen ihr erstaunt zu und fragten sich insgeheim, woher sie den Mut nahm, sich so aufzuführen.

„Ein Freund hat mir den Nachrichtenlink auf Twitter geschickt“, erklärte Suzy und zappte durch die Kanäle. „Ich finde solche Unfälle grässlich, deshalb hätte ich beinah ausgeschaltet, aber dann wurde dein Bild gezeigt, Lexi, und dein Name genannt.“

Auf dem Bildschirm sah man kristallklares türkisfarbenes Wasser, darüber den azurblauen wolkenlosen Himmel. Dann schoss ein gutes halbes Dutzend Powerboote wie Pfeile ins Bild und ließ weiß schäumendes Kielwasser hinter sich.

Lexi wusste sofort, worum es sich handelte, und stand unwillkürlich auf. Hochgeschwindigkeitsrennen waren für die Superreichen und absolut Furchtlosen, das ganze Schauspiel war eine Demonstration ihres ausschweifenden Lebensstils. Maßlos viel Geld, Macht und Selbstdarstellung, dazu ein betontes Geringschätzen von Gefahren, die den meisten Menschen heillosen Schrecken einjagten.

Als Lexi den Filmbericht verfolgte, schien es ihr, als verwandle sich ihr schlimmster Albtraum in Wirklichkeit. Sie wusste intuitiv, was als Nächstes kommen würde.

„Nein!“, flüsterte sie heiser. „Bitte schaltet es aus.“

Niemand hörte auf sie, und es war ohnehin schon zu spät. Der Bug des vorn liegenden Boots wurde von einer heftigen Bö angehoben. Sofort stieg die elegante Spitze wie ein riesiger weißer Vogel in die Luft.

Lexi hielt sich krampfhaft am Tisch fest, als sie zusehen musste, wie das Boot begann, eine seltsam anmutig wirkende Pirouette seitwärts zu drehen, als sei es nur ein Zirkustrick.

Doch das war es nicht. Für die zwei Männer im Cockpit hatte sich das Boot in eine tödliche Falle verwandelt. Während es sich immer wieder überschlug, wurden Wrackteile in alle Richtungen geschleudert.

„In jeder Saison kommt bei diesem höchst gefährlichen Sport mindestens ein Fahrer zu Tode“, erklärte ein Kommentator aus dem Off. „Wegen der rauen See hatte es heute Überlegungen gegeben, das Rennen abzusagen. Schließlich aber hatte sich die Rennleitung doch zum Start entschieden. Das führende Boot hatte Höchstgeschwindigkeit erreicht, als es von der Bö erfasst wurde. Francesco Tolle wurde aus dem Cockpit geschleudert.“

„Du lieber Himmel, das ist ja ein Körper“, rief jemand im Büro entsetzt.

„Sein Kopilot Marco Clemente war angeschnallt und geriet für einige Zeit unter Wasser, als das Boot kieloben landete. Taucher konnten ihn erst nach mehreren Minuten bergen. Beide Fahrer wurden mit dem Hubschrauber ins Krankenhaus gebracht. Bislang unbestätigte Meldungen sagen, dass einer von beiden tot ist und der andere in äußerst kritischem Zustand.“

„Schnell, fangt sie auf“, hörte Lexi Bruce rufen. Dann gaben ihre Beine nach.

Jemand fasste sie am Arm und führte sie zu ihrem Stuhl zurück. Willenlos sank sie darauf.

„Drück ihr den Kopf zwischen die Knie, damit sie nicht ohnmächtig wird“, erklang eine andere Stimme, und Bruce fluchte laut über Suzys Dummheit und mangelnde Sensibilität. Wie hatte sie Lexi nur mit diesem Bericht konfrontieren können!

Lexi ließ es sich gefallen, dass man ihr den Kopf nach unten drückte. Gegen die Ohnmacht half es vielleicht, aber nicht gegen den Kummer, der sie übermannte.

Sie saß nach vorn gebeugt da und hörte dem Nachrichtensprecher zu, der jetzt Francos Lebenslauf verlas. Ganz so, als handele es sich bereits um seinen Nachruf.

„Francesco Tolle ist einziger Sohn des Werfteigners Salvatore Tolle, der zu den reichsten Männern Italiens zählt. Früher hatte Francesco ein Leben als Playboy mit ausschweifenden Partys geführt. Doch nachdem seine kurze Ehe mit der blutjungen Filmschauspielerin Lexi Hamilton in die Brüche ging, konzentrierte er sich ernsthaft auf das Familiengeschäft. Gleichzeitig bestreitet er immer noch Rennen für die White Streak Company, die er vor fünf Jahren gemeinsam mit seinem Kopiloten Marco Clemente gegründet hat. Clemente stammt aus einer angesehenen Winzerdynastie. Die beiden Männer sind seit ihrer Kinderzeit eng befreundet und …“

„Hier, Lexi, trink das!“

Bruce strich ihr sanft die Haare zurück und hielt ihr ein Glas Wasser an die Lippen. Am liebsten hätte sie ihm gesagt, er solle sie in Ruhe lassen, weil sie zuhören wollte, aber ihre Lippen fühlten sich so taub an, dass sie kein Wort herausbrachte.

Vor ihrem inneren Auge erschien ein Bild von Franco. In abgeschnittenen Jeans und mit einem engen weißen T-Shirt, das seinen muskulösen Oberkörper betonte, stand er an den Schalthebeln eines – nicht ganz so tödlich gefährlichen – Schnellbootes. Er hatte ihr sein sonnengebräuntes, attraktives Gesicht zugewandt und lachte, weil er ihr mit der waghalsigen Fahrt über die Wellen schreckliche Angst einjagte.

„Sei nicht so feige, Lexi“, rief er ihr zu. „Komm her zu mir. Hier kannst du die ganze Kraft spüren.“

Wie damals wurde sie von Übelkeit geschüttelt.

„Mir wird schlecht“, flüsterte sie kläglich.

Sie sprang hoch und stolperte, die Hand an die Lippen gepresst, zum Waschraum, den sie gerade noch rechtzeitig erreichte.

Franco ist tot. Der Gedanke kreiste unaufhörlich in ihrem Kopf. Sein herrlicher Körper lag zerschmettert auf einer Bahre im Krankenhaus, seine unbändige Lebenslust war mit einem Schlag brutal ausgelöscht.

„Nein, o nein!“, stöhnte sie und lehnte sich schwach gegen die kalte, gekachelte Wand.

„Ich bin unbesiegbar“, klang es in ihren Ohren.

Beinah war es, als hätte Franco es ihr hier und jetzt zugerufen. Aber natürlich war sie allein, allein mit ihrer Seelenqual.

Unbesiegbar! Sie lachte hysterisch. Niemand war unbesiegbar. Hatte er sich das nicht schon vorher selbst bewiesen?

Plötzlich wurde an die Kabinentür geklopft. „Lexi? Alles okay mit dir?“, fragte Suzy besorgt.

Lexi strich sich mit eiskalten Fingern den türkisblauen Rock glatt. Türkis wie das Meer vor Livorno … Franco hatte es gern gesehen, wenn sie türkisfarbene Kleidung trug. Es sei genau die Farbe ihrer Augen und mache sie noch verführerischer, hatte er behauptet.

„Lexi?“, rief Suzy alarmiert.

„Ja, ja. Es ist alles in Ordnung“, antwortete Lexi mühsam.

Das stimmte natürlich nicht. Nichts war in Ordnung mit ihr und würde es auch nie wieder sein. In den vergangenen dreieinhalb Jahren hatte sie die Gedanken an Franco immer verbannt. Und jetzt war er tot. Es war zu spät, etwas wiedergutzumachen.

Wer sagt denn, dass er tot ist? fragte eine innere Stimme. Es könnte ja auch Marco sein …

Marco? Wäre das denn weniger schlimm?

Ja, antwortete die Stimme hinterhältig – und Lexi protestierte nicht.

Mühsam riss sie sich zusammen und trat aus der Kabine.

Draußen stand Suzy und sah beschämt aus. „Es tut mir leid“, begann sie kleinlaut. „Ich habe nicht überlegt, wie es auf dich …“

„Schon gut“, fiel Lexi ihr ins Wort.

Als ich Franco kennengelernt habe, war ich genauso jung, dachte sie. Jetzt fühlte sie sich mit dreiundzwanzig plötzlich uralt.

„Bruce hat gedroht, mich zu entlassen“, berichtete Suzy und stöhnte. „Er sagt, er braucht keine dummen Mitarbeiter in der Agentur, weil er schon genug hirnlose Klienten zu betreuen hat, vor allem die Möchtegernstars, die …“

Lexi hörte nicht länger zu, sondern blickte starr auf ihr Spiegelbild, während sie sich die Hände wusch, ohne es richtig zu merken.

„Deine Haare scheinen im Sonnenlicht Feuer zu fangen, so rotgolden sehen sie dann aus“, hatte Franco gesagt und die Finger durch ihre langen Locken gleiten lassen. „Deine Haut ist weiß wie Sahne, und deine Lippen sind so rot und süß wie reife Erdbeeren.“

„Wie kitschig, Franco! Ich hätte dir mehr Stil zugetraut.“

„Den habe ich durchaus – in den Bereichen, auf die es ankommt. Komm her, dann beweise ich es dir.“

Lexi riss sich aus den Erinnerungen. Ihre Lippen waren jetzt blass, Schatten lagen unter ihren Augen.

„Du bist doch schon seit Jahren von ihm getrennt. Ich hätte nie gedacht, dass du dir noch etwas aus ihm machst“, plapperte Suzy.

„Er ist ein Mensch, kein Objekt, das man einfach beiseitelegt“, sagte Lexi scharf.

„Ja, natürlich“, stimmte Suzy zu. „Und er ist umwerfend. Dunkelhaarig, attraktiv und sexy wie ein Romanheld. Und dann diese braunen Augen! Da könnten die Schauspieler, die wir betreuen …“

Lexi blendete die Stimme der Jüngeren erneut aus. Suzy hatte ja keine Ahnung, wovon sie sprach. Sie versuchte eben, so gut es ging, ihre gefühllose Ungeschicklichkeit wiedergutzumachen.

Ohne etwas zu sagen, verließ Lexi den Waschraum und ging in ihr Büro. Sie fühlte sich noch immer sehr schwach und vollkommen ausgehöhlt. Nur da, wo ihr Herz war, spürte sie so etwas wie einen Klumpen Eis. Ihr war bewusst, dass ihre Selbstbeherrschung immer weiter bröckelte.

„Lexi?“ Bruce kam ungebeten ins Zimmer.

Sie drehte sich zu ihm um. Auf unaufdringliche Weise sah er gut aus mit der schlanken Figur, den blonden Haaren und dem schmalen Gesicht. Momentan schaute er ziemlich grimmig drein.

Ihr wurde noch elender zumute. „Was ist denn?“

Schweigend trat Bruce zu ihr. Er führte sie zu ihrem Schreibtischsessel und drückte sie sanft hinein.

„Sag mir, was los ist, bevor ich völlig hysterisch werde“, bat sie zitternd.

„Da ist ein Anruf für dich“, erklärte Bruce und verschränkte die Arme. „Salvatore Tolle möchte mit dir sprechen.“

Was konnte Francos Vater von ihr wollen? Er hatte nie ein Geheimnis daraus gemacht, wie sehr er sie hasste. Seiner Ansicht nach hatte sie das Leben seines Sohns ruiniert.

„Sie ist nur ein schlaues kleines Filmsternchen, das bereit ist, für den Topf mit Gold ihren Körper zu verkaufen, Franco“, hatte er seinen Sohn einmal gewarnt.

Ob er gewusst hatte, dass sie in Hörweite war? Sie hatte Francos Antwort nicht abgewartet, sondern war mit Tränen in den Augen sofort geflüchtet.

„Ich habe ihm gesagt, er soll kurz warten“, erklärte Bruce, der sich von niemandem dreinreden ließ, auch nicht von einem gesellschaftlichen Schwergewicht wie Salvatore Tolle. „Ich dachte mir, du könntest einen Moment brauchen, um dich seelisch für das Gespräch mit ihm zu wappnen.“

„Danke, Bruce! Hat er gesagt, warum er anruft?“

„Nein.“

Sie strich sich mit der Zungenspitze über die trockenen Lippen. „Na gut, dann höre ich mir mal besser an, was er zu sagen hat.“

„Soll ich bei dir bleiben?“, bot Bruce mitfühlend an.

Wollte sie das? Sie wusste es nicht. In ihrem Leben spielte Bruce seit Langem eine wichtige Rolle. Er hatte sie unter die Fittiche genommen, als sie mit siebzehn Jahren die Hauptrolle in einem Film spielte, der sich zu jedermanns Erstaunen als Riesenerfolg herausstellte. Ihre Mutter Grace, ebenfalls Schauspielerin, wurde schon länger von Bruce betreut.

Lexi kehrte bald ihrem Ruhm und einer glänzenden Karriere den Rücken, um mit Franco zusammenzuleben, aber Bruce hatte den Kontakt zu ihr nicht abreißen lassen. Nach dem Tod ihrer Mutter hatte er ihr Unterstützung angeboten, aber damals hatte sie ja noch Franco gehabt.

Zumindest hatte sie das geglaubt. Wenige Monate später war sie mit gebrochenem Herzen zu Bruce geflüchtet. Jetzt arbeitete sie in seiner Schauspielagentur.

Er besaß solide Erfahrungen mit der Welt des Theaters, sie verstand sich gut auf seine launischen Klienten. Insofern waren sie ein ideales Gespann, und auch sonst waren sie die besten Freunde.

„Ich muss das allein schaffen, Bruce“, lehnte Lexi sein Angebot schließlich ab. Es gab Dinge, die nicht einmal er für sie regeln konnte.

Einen Moment lang schwieg er, dann nickte er. Ihr war klar, dass sie ihn verletzt hatte, indem sie ihn von einer so wichtigen Angelegenheit ausschloss. Zugleich wusste sie, dass er sie verstand.

Bei dem Gespräch würde es um Franco gehen, und wenn die Nachrichten wirklich schlimm waren, würde nicht einmal Bruce sie vor einem Zusammenbruch bewahren können. Da war sie lieber allein, wenn ihre Welt in Scherben fiel.

„Leitung drei“, teilte er ihr nur sachlich mit und verließ das Büro.

Sie wartete, bis er die Tür hinter sich geschlossen hatte, dann atmete sie tief durch und hob mit zitternden Fingern den Telefonhörer ab.

„Buongiorno“, grüßte sie leise.

„Das ist kein guter Tag, Alexia“, erwiderte Salvatore Tolle schroff. „Schlechter könnte er kaum sein. Du hast vermutlich gehört, was Franco passiert ist?“

„Ja.“

„Dann kann ich mich kurzfassen. Ich habe arrangiert, dass du nach Livorno kommst. In einer Stunde wirst du in deiner Wohnung abgeholt und zum Flughafen gebracht, von wo aus du mit meinem Privatjet nach Pisa fliegst. Dort wirst du in Empfang genommen und zum Krankenhaus begleitet. Nimm deinen Pass mit. Du musst dich ausweisen, um zu Franco gelassen zu werden, also vergiss auf keinen Fall …“

„Franco lebt?“, unterbrach sie ihren Schwiegervater, wie vor den Kopf gestoßen.

„Hast du geglaubt, er sei tot? Entschuldige, dass ich dich nicht gleich über seinen Zustand informiert habe“, bat er kurz angebunden. „Bei all dem Chaos habe ich nicht daran gedacht, dass die Informationen im Fernsehen nicht präzise waren. Ja, er lebt, aber er ist schwer verletzt.“

Lexi hörte Salvatore seufzen, und ihr wurde klar, wie geschockt auch er war. Franco war sein einziges Kind, sein geliebter, völlig verwöhnter Sohn und Erbe.

„Es tut mir leid, dass du das alles durchmachen musst“, sagte sie aufrichtig.

„Ich brauche dein Mitgefühl nicht“, erwiderte er scharf.

Lexi verstand ihn. Er hatte für sie immer nur heftige Abneigung empfunden. Weshalb hätte dieses Gefühl inzwischen nachlassen sollen?

„Ich erwarte, dass du deine Pflicht tust“, redete er etwas ruhiger weiter.

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