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Scheunenherzen

Inhalt

  1. Cover
  2. Über den Autor
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. Prolog
  7. 1
  8. 2
  9. 3
  10. 4
  11. 5
  12. 6
  13. 7
  14. 8
  15. 9
  16. 10
  17. 11
  18. 12
  19. 13
  20. 14
  21. 15
  22. 16
  23. 17
  24. 18
  25. 19
  26. 20
  27. 21
  28. 22
  29. 23
  30. 24
  31. 25
  32. 26
  33. 27
  34. 28
  35. 29
  36. 30
  37. 31
  38. Epilog
  39. Danksagung

Über den Autor

Harald Braun lebt als Autor von Sachbüchern und Romanen auf dem schleswig-holsteinschen Land. Bis 2008 arbeitete er hauptsächlich für Hochglanz-Magazine, u. a. als Stellvertretender Chefredakteur von ALLEGRA und Freier Textchef von PARK AVENUE. Seinen Versuch, als überzeugter Städter ein glückliches Landei zu werden, verarbeitete er in DAS GUMMISTIEFEL-GEFÜHL, das 2011 als Sachbuch erschien.

Für Sabine,
die Wert darauf legt, nicht Anna zu sein.
Damit hab ich kein Problem.
Solange sie bei mir in Haasenbüttel bleibt,
kann sie sich nennen, wie sie will.
Und natürlich für das Paulchen,
dem wir beide traurig hinterherwinken.

Prolog

Der Anruf Langkamps erreichte mich zu einem ungünstigen Zeitpunkt. Ich saß auf der Veranda unseres Gartenhauses in der Frühlingssonne, nippte am Grünen Veltliner und machte meine Freunde reich. Ich schwankte noch. 500 000 für jeden? Oder reichten auch 250 000, um ihnen ein sorgloses Leben zu ermöglichen? Und wie war das übliche Protokoll bei Paaren? Schenkte man denen das Geld zusammen? Eine Menge Fragen. Wohltäter zu werden hatte ich mir einfacher vorgestellt. Ich musste mir was überlegen, wenn ich die Millionen gewinnen sollte, die jetzt schon seit Wochen im Jackpot der Glückslotterie festhingen.

»Stift, du alte Hüpfburg, alles im Lack?«

»Langkamp!? Was verschafft mir die Ehre?«

Von Langkamp hatte ich schon eine Ewigkeit nichts mehr gehört. Ich hatte ihn nicht vermisst. Langkamp gehört zu den Gestalten, die Männer wie Flavio Briatore oder Dieter Bohlen verehrten. Doppelkinn, offenes Hemd, Dreitagebart, gegeltes, zurückgekämmtes Haar, mindestens ein Kettchen. Und immer zu laut. Auf Langkamp zu treffen hatte was von einem Kirmesbesuch. Danach brummte einem der Schädel. Eine Zeit lang hatten wir zusammen für ein Klatschblatt gearbeitet. Was heißt zusammen … Nacheinander trifft es besser. Damals zog Langkamp Nacht für Nacht in München um die Häuser und ging allen bayrischen Prominenten auf die Nerven. Meine Aufgabe bestand darin, am nächsten Morgen Langkamps blasse Erinnerungen zu entwirren und daraus einen Text zu stricken, den man drucken konnte, ohne aus dem Journalistenverband ausgeschlossen oder vor Gericht zitiert zu werden. Zwischen 14 und 15 Uhr erschien Langkamp in der Redaktion. Das war sein Zeitfenster zwischen »gerade wieder nüchtern« und »langsam mal vorglühen«. Bis zum Redaktionsschluss blieben mir noch zwei Stunden für meinen Job. Für Langkamp war ich eine Bratwurst, an guten Tagen sein »Stift« – nur auf der Welt, um seine am Tresen aufgelesenen Klatschjuwelen zu polieren.

»Wie lange haben wir uns nicht gesehen?«, rief er jovial ins Telefon. »Neun, zehn Jahre?«

»Kommt hin«, antwortete ich, schwieg aber ansonsten.

»Das waren wilde Zeiten, was?«, setzte Langkamp nach. »Wir zwei Kapeiken in der Weltstadt mit Herz!« Höhöhö. Langkamp gurgelte seinen Worten ein Lachen hinterher, das klang wie eine schlecht ausgesteuerte Sirene. Definitiv Tinnitus-Material. Ich wusste sofort wieder, warum ich den Job in München gekündigt hatte, obwohl die Bezahlung stimmte.

»Ja, eine tolle Zeit …« Ich verdrehte die Augen. Zum Glück skypten wir nicht. Auch wenn ich schon gern gewusst hätte, ob Langkamp sich noch weiter ausgedehnt hatte. Schon in München ging er beim Fasching als Bulle von Tölz.

»Und jetzt machst du also auf Landjunker und nennst dich Alvy? Das ist mal eine Karriere, Kleiner, wieso hat man dich denn ausgewildert?«

Keine Ahnung, woher er das hatte. Und meine Telefonnummer. Selbst meinen Spitznamen kannte er offenbar. Falsch war allerdings, dass ich mich so nannte – alle anderen taten es. Lange Geschichte. Später.

»Stimmt Langkamp, ich bin vor ein paar Jahren ins Grüne gezogen. Falls du nicht weißt, was das ist: Kornfelder, eine Menge Nutzvieh und immer ein brennender Grill im Garten …«

»Ja, hab ich schon mal im Kino gesehen«, antwortete er, »in Haasenbüttel, da ist die Welt noch in Ordnung!«

Langkamp hatte offenbar seine Hausaufgaben gemacht.

»Respekt, Recherche ist doch sonst nicht deine Stärke?«

»Unterschätz mich nicht, Alvy, ich hab’ mich entwickelt!«

Wieder die Tinnitus-Sirene. Offenbar hatte Langkamp die letzten 10 Jahre damit zugebracht, so zu bleiben, wie er war: überwiegend peinlich. Im Nachtleben konnte das nicht schaden. Was aber wollte er jetzt von mir?

»Wie laufen die Geschäfte?«, erkundigte er sich. »Bist du schon Chefredakteur vom ›Landpimpf‹? Oder wie heißt das örtliche Käseblatt bei euch?«

»Treffer, Langkamp, genauso heißt es. Und nein, ich bin da noch nicht Chefredakteur, aber das steht ganz weit oben auf meiner Agenda …«

Langkamp schwieg für seine Verhältnisse eine Spur zu lange. Dann salbte er im Tonfall eines Studienrats:

»Hab gehört, du pfeifst seit Monaten aus dem letzten Loch, Stift, so finanztechnisch.«

»Ach. Das hast du gehört?« Das sollte belustigt klingen, hatte aber bereits einen beleidigten Unterton. Wer ließ sich schon gern unterstellen, am Steuer der Titanic zu stehen.

»Man munkelt, dass du da draußen auf deiner Scholle langsam zu einem wunderlichen Hotzenplotz wirst, der den ganzen Tag mit seiner Töle übers Land wandert und nur noch sporadisch arbeitet. DAS habe ich gehört. Und dass dein Bankfräulein schon so langsam zittrig wird, wenn sie einen Blick in dein Sparschwein wirft.«

Langkamp wechselte die Tonart. Der Studienrat war raus. Zu seiner Jovialität hatte sich stattdessen eine Spur Schweizer Messer gesellt. Ich erinnerte mich: Langkamp galt unter meinen Kollegen bei der Zeitung als Vollhorst. Das war ihm egal und zudem unzutreffend. Man merkte ihm das selten an, aber Langkamp verfolgte Pläne. Ich war sicher, dass er sich nicht ohne Grund bei mir meldete.

»Hast du nur angerufen, um mich zu beleidigen, Langkamp? Dann zieh weiter, das habe ich nicht vermisst.«

»Hey, mein Lieber, jetzt reg’ dich doch nicht gleich auf. Ich möchte dir doch nur ein wenig unter die Arme greifen, der guten alten Zeiten willen …«

Das war lächerlich. Es gab keine guten, alten Zeiten. Keine gemeinsamen jedenfalls. Und so wie ich Langkamp kannte, griff er höchstens mal welken Schlagersängern oder Dschungelcamp-Stars unter die Arme, um sie entweder nach dem Koksen oder dem Kotzen aus der Kneipentoilette zu eskortieren und ihnen dabei ein gelalltes Zitat abzupressen.

»Du willst mir helfen? Womit? Bist du wieder auf der Suche nach einem Schreiber, der dein Kauderwelsch ins Deutsche übersetzt?«

»Ach, Stift, mein Kauderwelsch ist kein Problem mehr, ich bin jetzt beim Fernsehen.«

»Oh, das macht natürlich Sinn.«

Machte es wirklich. Man musste nur mal in irgendeinen Privatsender reinschalten.

»Umso weniger verstehe ich den Grund deines Anrufs …«

»50 000 Euro!«

»WAS?«

»Ich biete dir 50 000 Euro an.«

Das kam jetzt ein wenig überraschend. Eher hätte ich damit gerechnet, dass er mich anpumpte. Meine spontane Eingebung konnte ich gerade noch zurückhalten. Schieb sie rüber!, hätte sie gelautet. Stattdessen spielte ich auf Zeit.

»Langkamp … wer sagt denn … woher willst du wissen, dass ich Geld brauche …?«

»Stift, mach mal einen Moment den Kopf zu. Lassen wir die Spielchen. Du bist so abgebrannt wie Dresden ’45. Ich weiß es, du weißt es. Ich schütte dir 50 000 Euro in deine Dorfscheune. Zum Mitschreiben für Merkschwache: 50 warte … warte … TAUSEND! Legendary!« Offenbar mochte Langkamp »How I met your mother«.

»Ich hab’s verstanden. Ich bin … ähem … interessiert.« Zeitspiel beendet.

»Wo ist der Haken?«

»Dafür müsstest du mir einen kleinen Gefallen tun.«

Das war klar.

»Wie klein fällt er denn aus, der Gefallen? Bist du jetzt im Drogengeschäft, Langkamp, brauchst du einen neuen Kurier für deine Medellin-München-Route?«

Höhöhö. Langkamps Sirene stellte mein Trommelfell auf eine erneute Probe.

»Mensch Stift, nix Illegales, keine Angst. Du sollst in meiner Sendung mitmachen.«

Ich schwieg einen Moment. Fernsehen? Hatte ich noch nie gemacht. War aber denkbar. Ehrlich gesagt: In meiner Lage war auch PR für die Rüstungsindustrie denkbar.

»Gagschreiber oder Ablaufredakteur?«, fragte ich betont beiläufig, als wüsste ich, wovon ich redete.

»Weder noch«, antwortete Langkamp, »ich sprach von 50 000 Euro, nicht von eins fünf brutto plus Feiertagsbeilage …«

»Okay … Also?«

»Stift, ich will dich als Kandidaten. VOR der Kamera!«

Das war jetzt wirklich eine Überraschung – und die musste einen Haken haben. Wenn Langkamps Haufen bereit war, mir viel Geld dafür zu bezahlen, dass ich vor eine Kamera trat, musste einfach etwas faul sein.

»Das ist alles?«

»Das ist alles!«

»Wir reden aber nicht über Wer wird Millionär, oder?«

Sireneneinsatz Langkamp.

»Witzbold!«

»Also, spucks aus. Um was für eine Art Fernsehen geht es dabei?«

Langkamp machte eine Pause und grinste hörbar durchs Telefon. Dann nannte er den Titel der Serie, die er jetzt schon in der vierten Staffel produzierte. Ich legte wortlos auf.

1

Kein gutes Zeichen, wenn man gezwungen wird, immer wieder über die gleichen Fragen nachzudenken. Sind zwei Flaschen Wein am Tag zu viel? Ist das Leben ein Drecksack? Sollte ich meine Seele an den Teufel verkaufen?

Es herrschte leichter Südwestwind in Schleswig-Holstein, das Thermometer zeigte sonnige 22 Grad. Ein paar Quellwölkchen waren zu erkennen, ansonsten aber hatte sich am Himmel aquarelliges Cyanblau ausgebreitet. Oder war das schon Azur? Ich bemerkte einen Schatten über mir und drehte leicht den Kopf, ohne ihn von der Tischplatte zu heben. Hoch über mir schwebte in Zeitlupe ein leuchtend gelber Heißluftballon vorbei. Wenn man der Aufschrift glauben durfte, hatte ihn die »Glückslotterie« auf die Reise geschickt. Surreales Haasenbüttel. Selbst der Hund beobachtete dieses Schauspiel beifällig. Sah man ja wirklich nicht mehr so oft. Ich fragte mich, was die Passagiere des Ballons dachten, wenn sie auf unser Haus, den blühenden Garten und die goldgelb schimmernden Kornfelder in seiner Umgebung schauten.

»Och, wie schöööööön!« vermutlich, falls urbanes Publikum an Bord war. Ich kannte diesen verzückten Ausruf von unseren Sommergästen; beim Anblick einer Blumenwiese oder einem sabbernden Kälbchen schlich sich immer gleich ein sehnsüchtiger Glanz in ihre Augen. Vornehmlich bei den Herrschaften, die stolz darauf waren, zwischen St. Pauli und der Schanze zu leben, Hamburgs linker Latte-Macchiato-Hochburg. Ich kritisiere das nicht. Ich war lange Zeit selbst einer von ihnen, bis ich vor 10 Jahren mein Leben in der Kulisse einer »Landarzt«-Folge ansiedelte: Ich erwarb ein Haus im Grünen. In Haasenbüttel.

Das war, wie sich herausstellen sollte, eine leichtsinnige Entscheidung. So ähnlich, wie mit siebzehn in Gretna Green zu heiraten oder die Schule zu schmeißen, um Erotikdarsteller zu werden. Damals tauschte ich eine alte Katze gegen die Liebe meines Lebens ein, und das meine ich nicht metaphorisch. Anna trennte sich von mir mit der Begründung, ich sei schon in der Stadt schwer genug zu ertragen, aber da habe man immerhin ein paar alternative Freizeitangebote. (Für den genauen Wortlaut lege ich meine Hand nicht ins Feuer, aber das fasst es im Großen und Ganzen zusammen.)

Sie verließ mich, stattdessen zog ungefragt eine 18 Jahre alte Katze bei mir ein. Das war allerdings auch der einzige Lichtblick in dieser Zeit. Mein neues Leben in der Pampa gestaltete sich in den ersten Monaten wie der Versuch eines Stotterers, eine Grundsatzrede vor der UNO zu halten. Ein Fiasko. Die Bräuche und Gewohnheiten des gemeinen Landbewohners erschienen mir weitgehend rätselhaft und unergründlich. So blieb ich für meine Nachbarn der arme Horst aus der Stadt, der die Dienste eines Gärtners in Anspruch nahm und nie wusste, wie der Milchpreis gerade stand. Ich driftete in meiner neuen Heimat durch viele unterschiedliche Stadien der Verzweiflung, bis das Schicksal mir eine zweite Chance einräumte. Anna entdeckte die Reize des Landlebens und erinnerte sich daran, dass ich sie häufiger zum Lachen bringen konnte als jeder andere Mann in ihrem Leben. (Lange Geschichte. Später vielleicht …)

Mit ihrer Hilfe begann ich beinahe unmerklich, mich in Haasenbüttel heimisch zu fühlen. Erst mochte ich es ein bisschen da draußen, und dann mochte ich es plötzlich schon ein bisschen mehr. Die Wahrheit: Zehn Jahre nach meiner Stadtflucht hatte ich mich nicht bloß mit meiner neuen Heimat arrangiert. Nein, es war viel mehr als das. Ich liebte mein Leben hier. Unser Leben. Immer seltener zog es mich in die Stadt, um aromatisierten Kaffee zu trinken, ein Sportstudio zu besuchen oder andere Dinge zu tun, für die man hier draußen nur milde belächelt wurde. Ich fühlte mich … ja doch … irgendwie in der Provinz … angekommen. Erstaunlich.

Die Ironie daran? Das Ende dieses Traums war schon wieder absehbar. Wenn nicht ein kleines Wunder geschah, hieß es bald wieder retour in die Stadt, in eine Zwei-Zimmer-Wohnung mit Kochnische und Blick auf einen Gewerbehof. Seit Stunden saß ich jetzt schon auf der Veranda unseres Gartenhauses in der Sonne, trank einen Grünen Veltliner nach dem anderen und dachte über mein Problem nach: Ich war ein wenig klamm. Naja, das trifft es womöglich nicht ganz: Ich hatte mich in den letzten Jahren zu einer Art schleswig-holsteinischem Griechenland entwickelt, nur ohne Rettungsschirm. Als Journalist verdiente ich immer weniger und als Schriftsteller war mir der große Durchbruch trotz einer Menge grandioser Ideen noch nicht gelungen. Vielleicht hätte ich dazu auch mal ein Buch fertig schreiben sollen.

Was könnte ich jetzt noch tun, um schnell wieder flüssig zu werden und meine Bankberaterin Frau Dutziak davon zu überzeugen, dass nicht bediente Hypothekenkredite und tiefrote Girokonten in meinem Fall kein Grund zur Sorge waren? Der Jahrhundert-Jackpot in der Glückslotterie? Wäre eine Lösung. Um in dieser Hinsicht nicht ganz unvorbereitet zu sein, verteilte ich den Gewinn in ruhigen Minuten gedanklich schon mal an meine besten Freunde. Es war eine Art Ablasshandel: Wenn ich meinem Schicksal klarmachen konnte, dass ich so einen Lotteriegewinn nicht für ein Konto in der Schweiz verwenden, sondern eine Menge Gutes damit tun würde (allerdings auch mir!), würde es vielleicht bei Fortuna ein gutes Wort für mich einlegen.

Dann hatte Langkamp angerufen und 50 000 Euro in die Luft gemalt. Natürlich kam es nicht in Frage, dass ich sein Angebot annahm. Kandidat in Scheunenherzen – das ging zu weit. Ich kannte die Sendung, wie man den Ebola-Virus kennt oder die Wohnzimmereinrichtung von Angela Merkel: Man musste sich nicht ausführlich damit beschäftigen, um zu wissen, dass wir über eine Katastrophe redeten. Dieser schamlose Abklatsch von »Bauer sucht Frau« war noch eine Prise zynischer als das Original – und noch erfolgreicher. Dabei versteckte man diesen lausigen Balzplatz für Traktorfahrer nicht mal verschämt im dritten Programm. Scheunenherzen lief am Samstagabend in der ARD, zur besten Sendezeit. Ich würde den 50 000-Euro-Scheck von Langkamp mit dem Totalverlust meiner Menschenwürde bezahlen müssen. Schon bei dem Gedanken daran trieb ein Piranhaschwarm seine spitzen Zähne in meine Magenwände. Mal ganz abgesehen davon, dass dieses unmoralische Angebot noch einen Haken hatte, von dem Langkamp entweder nichts wusste oder der ihn schlicht nicht kümmerte: Anna. Ich war verheiratet. Und ein verheirateter Bauer brauchte nicht noch eine Frau, jedenfalls keiner aus unserem Kulturkreis. Ich musste wohl eine andere Lösung finden. Aber wo und wie bloß?

Wenn ich noch ein paar Monate Zeit hätte, könnte ich es mit einem kleinen Landcafé versuchen. Davon träumte ich schon länger. Birnenschmand und Käsesahne, ein richtiger Barista, Grüner Veltliner, Holz und Sichtbeton – das Konzept stand jedenfalls so weit. Dass ich es in den nächsten Wochen schaffen würde, einen passenden Laden in Haasenbüttel, eine fähige Crew und, nun … etwas Geld aufzutreiben, um das Projekt zum Laufen zu bringen, war allerdings eher unwahrscheinlich. Außerdem mochte Anna die Idee nicht. Sie liebte zwar Kaffee in allen Varianten, und gegen ein Slow Food-Café mit den Produkten des Bio-Bauernhofs von nebenan hätte sie sicher auch nichts einzuwenden gehabt. So grundsätzlich. Ich war das Problem.

»Du bist ein prima Café-Gast«, sagte sie immer, »aber als Gastgeber würde ich eher auf die Addams-Familie setzen als auf dich …« Damit war das Thema vom Tisch, wann immer ich einen zögerlichen Vorstoß unternahm. Ich argwöhnte, dass ihre Weigerung, meine unternehmerischen Pläne ernst zu nehmen, in Wahrheit andere Gründe hatte. In den letzten Monaten machte Anna immer wieder leise Andeutungen, dass sie da ihr eigenes kleines Projekt verfolgte. Und dafür, das sei klar, würde sie meine ganze Unterstützung benötigen. Ich hielt die Luft an, wenn die Rede darauf kam, und lenkte das Gespräch in diesen Momenten reflexartig auf unsere desolate finanzielle Situation. Das ließ auch Anna verstummen. Sie war praktischer veranlagt als ich und wusste im Prinzip, dass ein Baby mehr Geld kostete, als es einbrachte. Vom Schlafdefizit mal ganz abgesehen. Ich hoffte inständig, dass diese verdammte biologische Uhr ihr nicht über Nacht den Verstand raubte.

Also doch Langkamp? Mit 50 000 Euro, okay, damit ließe sich etwas anfangen. Wir würden einige Jahre über die Runden kommen. 50 000 Euro. Verdammt, Langkamp. Mein Kopf fiel schwer auf die Tischplatte.

Das war der Moment, an dem ich den Schatten am Himmel wahrnahm. Den gelben Ballon der Glückslotterie. Der Moment, an dem ich mich fragte, was die Gäste dieses historischen Flugkörpers zu sehen glaubten, wenn sie auf unser kleines Haus in Haasenbüttel hinunterblickten. Auf die kleine, schon leicht verwitterte Reetdachbutze, umgeben von Kornfeldern und Pferdekoppeln. Auf das schrammelige Gartenhaus, das aussah, als sei es vor Jahrhunderten in der russischen Tundra abgebaut und in Haasenbüttel originalgetreu wieder zusammengesetzt worden. Auf diesen vermeintlich so lässigen Lebenskünstler da unten auf seiner blumenumrankten Veranda, der seinen Kopf zufrieden auf den Tisch bettete und dabei mit der linken Hand den Hund kraulte … So musste das Leben aussehen, wenn man in der Glückslotterie gewonnen hatte.

Ich versuchte, dieses Bild für einen Moment mit ihren Ballonfahrer-Augen wahrzunehmen. Es gelang mir nicht. Ich war wohl einfach zu nah dran. Ich konnte die Details erkennen, die Sollbruchstellen der Idylle. Ich nahm noch einen Schluck vom Landwein. Vögel zwitscherten, unsere Kater aalten sich in der Sonne unter den Kirschbäumen, der Hund dämmerte friedlich zu meinen Füßen, irgendwo da draußen tuckerte Bengt mit einem Trecker über den Acker. Ich hatte nie gewusst, was das heißen sollte: So schön, dass es weh tut. Bis jetzt, bis zu diesem Augenblick. In meiner Körpermitte knirschte ein Eisblock aus Furcht. Wenn nicht ein Wunder geschah, würde ich all das hier verlieren. Dieses Gefühl passte zu der Musik von Nils Koppruch, die ich schon seit Tagen hörte. Müde summte ich seinem melancholischen Refrain hinterher: »Kirschen gibt’s an Sommertagen nur so lang die Bäume tragen, und lebend gehen wir nicht mehr aus der Welt.«

Es stimmte schon: Alles, was ich jetzt noch tun konnte, war, das Unvermeidliche zu akzeptieren. Meine Optionen hatte ich in den letzten Monaten verdaddelt, ausgesessen bei trüben Gedanken und Grünem Veltliner. Jetzt musste ich meinen Stolz über Bord werfen. Für mich, für unsere Tiere und vor allem für mein Leben mit Anna. Ich hatte keine Wahl, es war offensichtlich. Verkaufte ich eben meine Seele an den Teufel. Ich würde Langkamp anrufen. Das Leben ist ein Drecksack. Ich hatte diesen Verdacht schon länger. Aber wie sollte ich es Anna beibringen?

2

Bis zum Abend hatte der Grüne Veltliner den Eisblock in meinen Eingeweiden aufgetaut. Das war an sich keine Überraschung, in den letzten Wochen war der Kampf meistens so ausgegangen. Ich hatte allerdings den Eindruck, dass dem Landwein so langsam die Puste ausging. Würde ich beobachten müssen. Ich schloss die Tür des Gartenhauses hinter mir, stopfte meinen Laptop in die angeschmuddelte Freitag-Tasche und scheuchte das Paulchen von der Veranda.

»Hund, ins Haus!«

Mit der Grandezza eines arroganten Weimaraners, unter dessen DNA sich ungefragt ein Labrador geschlichen hatte, setzte er sich in Bewegung. So ein Leben hätte ich auch gern. Das einzige Problem unseres Haustieres war vermutlich sein unbestimmtes Geschlecht. Wir nannten Paula selten bei ihrem richtigen Namen; stattdessen Paulchen, Pauline oder Paul, je nach Laune und Verfassung. Möglicherweise wusste der Hund selber nicht mehr so genau, wo er dran war, obwohl er sich nichts anmerken ließ und auf so ziemlich jede Ansprache mit der Attitüde eines gelangweilten Rudelführers reagierte: mäßig interessiert und stark verzögert.

Um lästigen Fragen aus dem Weg zu gehen, baute ich jeden Tag den Laptop vor mir auf und tat so, als sei ich mit wichtigen Recherchen beschäftigt, während der Hund neben mir lag und zufrieden vor sich hin dämmerte. Wenigstens blieb es mir erspart, das Haus zu verlassen und mich in Vorstadtkneipen oder Spielhöllen herumzudrücken, um nicht zugeben zu müssen, dass ich seit Wochen nur so tat, als würde ich arbeiten. Ein Vorteil der Selbstständigkeit. Ich war nicht sicher, ob Anna dieses Manöver durchschaute. Früher hatte ich ihr am Abend manchmal vorgelesen, was ich tagsüber geschafft hatte. Dazu tranken wir eine Flasche Wein zusammen. Inzwischen erledigte ich das meistens allein. Auch zum Vorlesen gab es nur noch selten etwas. Anna nahm das wortlos hin, aber ich spürte schon länger, dass es in ihr gärte. Ich fürchtete, dass das nicht nur an ihrem plötzlichen und längst nicht ausdiskutierten Wunsch lag, eine Kleinfamilie zu gründen. Fragte sie sich, was ich eigentlich den ganzen Tag so trieb, während sie beruflich in Haasenbüttel so langsam ins Rollen kam?

Bevor Anna sich für unser gemeinsames Leben in Haasenbüttel entschieden hatte, war sie rastlos durch die Welt gereist. Keine schlechte Karriere: Ihre letzte Visitenkarte wies sie als Marketing-Chefin einer internationalen Hotelkette mit Sitz in Berlin aus. Sie wusste an manchen Tagen nicht mal, auf welchem Kontinent sie aufwachte. Das war vorbei. Sie hatte damals gekündigt, um sich, ich zitiere, »mal wieder zu erden«.

Außerdem sei ihr klar geworden, dass sie mich – dann doch, irgendwie – liebte. Das behauptete sie jedenfalls und klang dabei so, als sei sie von diesem erratischen Gefühl so überrascht worden wie ein Überfallopfer an einer dunklen Straßenecke. Falls sie wieder zur Besinnung kommen würde, hatte ihr Chef – ein gewisser Dr. Fleissner – darauf hingewiesen, dass sie jederzeit wieder zurückkommen dürfe. Jederzeit. In ihren alten Job. Bei erhöhten Bezügen. Anna machte sich über seine Mails lustig, die pünktlich einmal im Quartal in ihrem Account aufploppten, aber mir behagte dieser Kerl trotzdem nicht. Vor allem, seitdem Anna ihn Gisbert nennen durfte.

Im Moment aber hatte Gisbert schlechte Karten. Anna war gut beschäftigt und wirkte wenigstens in dieser Hinsicht rundum zufrieden: Sie kümmerte sich in Haasenbüttel hauptsächlich um Malte-Klaas Giebel, genannt Grütze. Als Karriere konnte man das wohl kaum noch bezeichnen, eine Visitenkarte brauchte man dafür jedenfalls nicht. Das schmälerte den Elan allerdings nicht, mit dem Anna unseren Grütze betreute.

Grütze sah aus wie ein klein gewachsener Hobbit mit roten Bäckchen und listigen kleinen Augen; irgendwer musste ihm gesteckt haben, dass er in einem Blaumann und einem locker darübergeworfenen Holzfällerhemd prima aussah. Zu Weihnachten trug er eines mit roten Karos, ansonsten dominierten gelb, braun und grün. Es half, ihm mit einer Sonnenbrille zu begegnen. Grütze gehörte ein Bauernhof, den er zur Event-Location umgebaut hatte. Er nannte ihn »Lindenhof«, obwohl es da noch nie eine Linde gegeben hatte. Klang aber gut, fand Grütze. Anna hatte offiziell das Marketing für den Lindenhof übernommen, aber für Grütze war sie die Perle für die Reklame, darunter konnte er sich wenigstens etwas vorstellen.

Offenbar platzte ich in unserer Wohnküche mitten in ein Meeting der beiden – oder sie tranken einfach nur einen Kaffee. Bei Grütze waren da die Grenzen nicht erkennbar; er ging bei uns ein und aus, wie es ihm passte, verbindliche Vereinbarungen und feste Arbeitszeiten waren nicht so sein Ding. Ich umarmte Anna und wandte mich unserem Gast zu, froh, nicht wieder auf ihre rituelle Frage: »Hast du heute was geschafft?« antworten zu müssen.

»Hey, Grütze, alles gut auf dem Hof?«

Ich mochte ihn. Der Mann hatte Ideen und ignorierte die Bedenken seiner Mitmenschen mit prächtig gelauntem Starrsinn. Anna brachte das hin und wieder zur Verzweiflung, aber tief im Herzen respektierte sie ihren schrulligen Chef. Sie hielt ihn zwar für einen ausgemachten Kindskopf, aber im Vergleich zu den Dr. Fleissners ihres früheren Lebens war Grütze geradeheraus und integer, auch wenn er seine Gutmütigkeit meistens hinter dicken Schichten norddeutscher Knurrigkeit verbarg.

»Moin, Moin«, grüßte Grütze zurück, machte aber ansonsten keine Anstalten, meine Anwesenheit zur Kenntnis zu nehmen. Auch gut. Hörte ich halt zu. Grützes neustes Projekt kreiste um Cosima, ein ganz besonderes Huhn. Grütze wollte Cosima zur Attraktion der gesamten Gegend aufbauen, indem er sie als »das intelligenteste Huhn Deutschlands« vermarktete. Anna schien nicht sooo begeistert.

»Machen wir uns damit nicht lächerlich?«

»Wieso ditt denn, Kinn’chen?«

»Naja, es ist ein Huhn, dem du zwei, drei Tricks beigebracht hast. Es ist lustig, das schon. Aber das macht es noch nicht zum Einstein!«

Anna strich sich die Haare aus dem Gesicht und blickte Grütze gespielt verzweifelt an. Ich lachte in mich hinein. Grütze war wirklich speziell.

»Secht keiner. Aber soviel ich weiß, gibt’s keinen IQ-Test für Hennen, nech?«

»Das nicht. Aber wir müssen so einen Spruch trotzdem beweisen können …«

Grütze lachte auf.

»Wem denn? Dem Ministerium für Hühnerforschung?« Er klopfte sich vor Vergnügen auf die Schenkel.

»Nee, Kinn’chen, lass ma’ stecken, Cosima tanzt uns die Taschen voll!«

In Grützes Sätzen fehlten zwar gelegentlich Bausteine, aber in seinem Verständnis war das nicht nachlässig, das war effizient. Anna seufzte. Sie nahm bei Grütze stets die Rolle der Bedenkenträgerin ein, hatte aber wenig Hoffnung, dass ihr Boss zur Vernunft kommen würde. Mit gesundem Menschenverstand brauchte man ihm nicht zu kommen. Er glaubte nur an sein Bauchgefühl. Manchmal beneidete ich Grütze. Er hatte pro Quartal mindestens eine schräge Geschäftsidee. Einige seiner Projekte setzte er voll ins Silo, das wäre die schlechte Nachricht. Mit dem Rest aber machte er sich die Taschen voll. Zog man einen Strich unter all seine Projekte der letzten Jahre, stellte sich heraus: Bislang war Grütze amtlich weit im Plus. Und nachdem er kürzlich ein Landtankstellen-Konzept für eine erstaunliche Summe (sechs Stellen!) an DEA verkauft hatte, würde sich das auch so bald nicht ändern.

Wer wissen will, wie Grütze tickt, musste sich bloß diese eine Idee ansehen, danach blieben keine Fragen offen: Er pachtete eine Tankstelle in einem Nachbarort von Haasenbüttel, baute darin eine beeindruckende Carrera-Bahn zusammen, auf der nur Kunden spielen durften, die ihr Auto in seine Waschstraße schoben. Für neue Rekordzeiten auf der Carrera-Bahn lobte Grütze Preise und Pokale aus, und schon nach einem Monat rüstete Grütze seine Tankstelle auf 24-Stunden-Betrieb um und musste eine Telefonkraft einstellen, die sich nur um Reservierungen für die Waschstraße kümmerte.

Das Tankstellen-Ding lief, jetzt stand die Wertschöpfung seiner Henne Cosima ganz oben auf Grützes Agenda. Cosima verfügte als »das lustige Huhn« bereits über eine gewisse lokale Berühmtheit. Nun hatte sich die Redakteurin einer Hamburger Zeitung auf dem Lindenhof angekündigt, um Cosima auf der »Vermischtes«-Seite der Wochenendausgabe vorzustellen. Der nächste Schritt. Landthemen waren im Trend und die Kunde von Cosimas Talenten schon bis nach Hamburg gedrungen. Grütze witterte einen neuen Markt. Das mit dem schlauen Huhn sei zwar Spinnkram, meinte Grütze, das wisse er selbst, aber genau diese Art von Spinnkram, den die Verrückten aus der Stadt liebten. Anna möge sich doch um die Zeitungsmamsell kümmern und Cosimas Talente in den Fokus der Hamburger Bevölkerung rücken.

»Was kann denn dieses Huhn eigentlich?«, warf ich interessiert ein.

»Pfötchen geben, auf ein Trampolin hopsen und zwei, drei Hüpfer zur Seite machen, die bei gutem Willen als Tanzschritte durchgehen!«, antwortete Anna tendenziell bockig.

»Und das allein macht sie schon zum intelligentesten Huhn Deutschlands?«

Anna zuckte mit den Schultern. Grütze übernahm.

»Kümmert keenen, Alvy. Die Leute kommen och, wenn ich denen vertell, dass Cosima Ostereier ausbrütet.«

Stimmte natürlich. Selbst ohne ihren neuen Titel hatte Cosima in den letzten Monaten ganze Schulklassen begeistert. Kinder liebten sie. Nicht zuletzt, weil sie Federhosen trug. Das mit den Hosen lag daran, dass Cosima zur Rasse der in Schleswig-Holstein eher selten anzutreffenden Brahmas gehörte; einer Hühnerrasse, die nach dem indischen Fluss Brahmaputra benannt worden war und von einem Nürnberger Konsul etwa 1850 über Philadelphia nach Deutschland eingeführt wurde.

Grütze wusste so etwas. Er mochte die Brahma aber vor allem deswegen, weil sie dank ihrer Federhosen die meisten Besucher des Lindenhofes ziemlich erheiterte. Grütze steigerte diesen Effekt, indem er ihre Flauschstelzen jeden Monat neu einfärben ließ: Violett, Orange, Rosa. Cosima trug ihre Beinkleider in allen Trendfarben. Das passte auch gut zu den legendären Tanzschritten, die Cosima ausschließlich zu Here comes the sun von den Beatles aufführte. Dreimal am Tag war Vorstellung. Weiß der Teufel, wie Grütze seinem Huhn das Tanzen beigebracht hatte.

Grützes polnische Hofgehilfen Kasimir und Romanski hatten Cosima eine Villa aus Holz gezimmert, die an eine Puppenstube für Zehnjährige erinnerte. Cosima thronte darin in einem Himmelbett aus Stroh mit bestickten Gaze-Vorhängen, ihre Morgentoilette verrichtete sie in einem Bassin aus bunten Keramikkacheln. Reinstes Bauerntheater. Aber es funktionierte. Allein schon durch die schillernden Kulissen wirkte Cosimas Treiben deutlich unterhaltsamer als das öde Gescharre, mit dem sich ihre Artgenossinnen im Gehege nebenan die Zeit vertrieben. Abends, wenn das zahlende Publikum vom Hof gescheucht worden war, steckte Grütze Cosima zu den anderen Hühnern auf dem Hof. Anna nahm an, dass das aus sozialen Gründen geschah, aber als sie einmal danach gefragt hatte, erhielt sie eine typische Grütze-Antwort: »Wegen Stallallüren!« Das war knapp, knurrig, und man konnte unmöglich mit Sicherheit sagen, wie ernst er das meinte.

3

»Deine Else würde natürlich abtauchen müssen«, sagte Langkamp, »aber das ist ja wohl kein Problem?«

Ich blickte Langkamp verblüfft an.

»Abtauchen? Sag mal, Langkamp, bist du nicht mehr ganz frisch? Das geht doch nicht so einfach. Wir reden hier über meine FRAU, das ist keine Bekanntschaft vom letzten Schützenfest, die ich nicht mehr losgeworden bin.«

Natürlich übertrieb ich ein wenig. Ich wollte Langkamp betteln sehen. Ich hatte ja selbst schon drüber nachgedacht, ob es nicht besser sei, Anna aus der Schusslinie zu bringen, für den Fall, dass ich tatsächlich bei den Scheunenherzen einsteigen würde. Ein Gespräch über die genaueren Umstände ihres Rausschmisses auf Zeit stand mir allerdings noch bevor. Nachdem Grütze sich gestern Abend getrollt hatte – nicht ohne Anna ein detailliertes Profil seines zukünftigen Star-Hühnchens zu hinterlassen –, war es zu spät gewesen, um noch ein potentielles Krisengespräch zu führen. Anna hatte sich schnell zurückgezogen, wie so oft in den letzten Tagen. Wir würden reden müssen, und ich fürchtete, dass Langkamps unmoralisches Angebot dann nur ein Punkt auf der Tagesordnung sein würde.

Kein einfacher allerdings. Wenn die Fernsehfritzen in Haasenbüttel einfielen und bei uns im Klöterkamp kein Stein auf dem anderen blieb, wäre ein zeterndes Weib in der Nähe keine große Hilfe. Im Gegenteil. Ich hatte ein gewisses vorauseilendes Verständnis. Wie sollte Anna denn ruhig bleiben, wenn sich in ihrem Zuhause gleich drei offizielle Heiratskandidatinnen ihres Mannes für einen Monat einquartierten? Das besagte jedenfalls das alberne Regelwerk der Show. Natürlich würde Anna verstehen, dass meine Kandidatur für die Scheunenherzen nur ein dreister Betrug sein würde. Trotzdem wäre es vermutlich nicht ganz einfach für sie, dieses Trio mit offenen Armen zu empfangen … Langkamp unterbrach rüde meine sorgenvollen Gedanken.

»Stift, schick sie nach Malle, sechs bis acht Wochen Vollpension, dann sind wir wieder weg und ihr könnt hier für den Rest eures Lebens ›Unsere kleine Farm‹ spielen.«

Für einen Mann, dem noch die Unterschrift unter seinem Vertrag fehlte, machte Langkamp ganz schön auf dicke Hose. Er konnte nicht anders. Der Umstand, dass Journalisten beim Rest der Bevölkerung ein mieseres Image hatten als katholische Pfarrer oder Strauchdiebe, lag an Jungs wie ihm. Durch seine Adern floss purer Fusel. Mit seiner Dauerfahne könnte er eine Insektenplage eindämmen. Es war ein Wunder, dass Langkamp seine Geschäfte noch im Griff hatte. Aber in dieser Hinsicht war ihm nichts vorzuwerfen. Er legte eine Energie an den Tag, die man bewundern musste, selbst wenn Langkamp ansonsten nicht der Mensch war, den man sich zum Vorbild nahm. Sein Elan war umso erstaunlicher, wenn man bedachte, dass er in den letzten 15 Jahren sein Gewicht verdoppelt und die Anzahl seiner Kinne verdreifacht hatte. Er ähnelte inzwischen einem chinesischen Faltenhund, es war gar nicht einfach, wenigstens einen Ausschnitt der Pupillen hinter seinen schmalen Hautschlitzen zu erkennen. Das war kein schöner Anblick, alles in allem, und dabei waren die größten Teile seines mächtigen Körpers noch hinter einem schwarzen, knittrigen Leinenanzug versteckt, der in den neunziger Jahren mal kurze Zeit modern gewesen sein dürfte.

»Mal in die Tüte gesprochen, Langkamp: Wenn, ich sage ausdrücklich, WENN ich bei Scheunenherzen mitmachen würde – was passiert dann mit meinem Haus? Wie wollt ihr daraus einen Bauernhof machen? Ich habe eine Wiese vor der Tür mit einem Gartenhaus drauf, zwei Kater und einen Hund. Ein paar Obstbäume. Und, nicht zu vergessen: Anna hat ein Gemüsebeet angelegt. Da wachsen Zucchini und Tomaten für ungefähr fünf Mahlzeiten im Jahr. Und ich spreche von Beilagen. Ich kann da beim besten Willen kein landwirtschaftliches Konzept erkennen.«

Langkamp wiegelte ab.

»Stift, lass das mal unsere Sorge sein. Wir haben da ein paar lässige Jungs an den Waffen, die machen dir aus dem Vatikan in drei Tagen einen Puff im Morgenland. Und deinen Business-Plan musst du ja im Fernsehen nicht herzeigen.«

Klar. Ein orientalisches Bordell fiel Langkamp als Erstes ein, wenn er an die Fähigkeiten seiner Setdesigner dachte. Der Mann hatte sich wirklich nicht verändert. Langkamp war unverheiratet. Immer schon gewesen. Immerhin machte er sich in dieser Hinsicht keine Illusionen.

»Das freut mich zu hören, aber ich würde das gern ein bisschen konkreter wissen: Rückt ihr hier mit einem Bagger an?«

»Ach was, Stift, ein paar kosmetische Korrekturen, ein wenig deutsche Handwerkerkunst – wir machen einen richtigen Palazzo aus deiner Murkelbude. Wenn du willst, schicken wir dir sogar Tine Wittler vorbei, um den Stall zu dekorieren.«

»Danke, Langkamp, aber lieber nicht, ich will nicht in einer IKEA-Kulisse leben.«

Langkamp wieherte vergnügt.

Moment mal. Ich habe gar keinen Stall!!!

»Langkamp! Was für ein Stall?«

»Naja, Stall … Schuppen … Was macht das für einen Unterschied? Und in diesem Schuppen steht sowieso nur Müll drin, den storen wir in der City ein, kost’ uns peanuts

Diesmal war meine Verblüffung echt.

»Du willst hier einen Stall bauen lassen? Mit Tieren drin?«

»Naja, ein paar Accessoires brauchen wir schon. Eine Ladung Kälbchen, einen alten Ackergaul, der bei dir sein Gnadenbrot anknabbert – Hauptsache putzig! Wenn geschmücktes Vieh durchs Bild stromert, macht sich Lieschen Müller in Kleinkleckersdorf nass vor Entzücken. Wie viel Briefe allein wegen der Tiere bei uns eintreffen. Neulich wollte die Kummerow-Sippe aus Marzahn ein Hängebauchschwein aus der Sendung adoptieren, um es im Plattenbau zu halten. Das glaubst du nicht!«

»Sollen Kummerows gern machen. Aber ich hab eigentlich keine Lust auf ein Hängebauchschwein. Und auch nicht auf Kälber und Gäule.«

»Keine Panik, Stift, wir kümmern uns um alles. Du musst nur die Mistgabel in die Kamera halten, wenn unser Regisseur dich ruft. Und nach dem Ende der Dreharbeiten verhökern wir das Vieh an den Dorfmetzger.«

Zum Glück hörte Anna das nicht. Sie war schon frühmorgens verschwunden, Grütze hatte sie zu irgendeinem Hühnerbaron aus Haasenbüttel geschickt, wenn ich ihre kargen Informationen am Frühstückstisch richtig verstanden hatte. Anna liebte Tiere. Alle, ausnahmslos. Spätestens an diesem Punkt unserer Verhandlungen hätte sie Langkamp mit einem Küchenmesser bedroht. Ich hatte ohnehin den Eindruck, dass sich meine Gemahlin und Langkamp besser nicht persönlich begegneten. Mir fielen viele Gründe dafür ein: Langkamp selbst. Der Umstand, dass er sie für ein Möbelstück zu halten schien, das man in einem Trödel unterstellen konnte – oder auf Mallorca. Und dann noch diese andere Sache … Zu den Bedingungen Langkamps gehörte eine frisierte Biographie. Meine Biographie.

»Die Informationen über die Kandidaten von Scheunenherzen verteilen wir vorab an Fernsehzeitungen und Boulevardblätter«, erklärte er, »damit die Schmierlappen wissen, über wen genau sie sich in den nächsten Wochen lustig machen können.«

Look who’s talkin …

Langkamp hatte auch in dieser Hinsicht klare Vorstellungen. Man würde mich in meiner getürkten Bio als Kleinbauern bezeichnen, der in seiner Freizeit gern dichtet. Momentan seien das aber tendenziell traurige Verse, da ich noch an der schmerzhaften Trennung von meiner Frau knabberte.

»Da lassen wir ein bisschen die Bratsche jammern, Stift, das ist doch sicher kein Problem? Du musst da selbst auch ein wenig mithelfen, verstehst du? Erzähl deinen Nachbarn von der Trennung, heul denen ein bisschen in die Rabatten, bevor noch einer auf die Idee kommt, einem Revolverblättchen von deiner liebenden Ehefrau zu erzählen. Dann gäb’s aber einen Shitstorm vom Allerfeinsten.«

Ich wollte nicht glauben, was ich da hörte, musste aber zugeben, dass es wirklich funktionieren konnte.

»Macht ihr das immer so?«

»Hockst du dich beim Scheißen auf die Schüssel? KLAR machen wir das immer so. Was glaubst du denn, wie das beim Fernsehen heute läuft. ›Was bin ich‹ macht ja leider keine akzeptable Quote mehr.«

»Und du glaubst, dass man uns das abkauft?«

»Wieso nicht? Solange ihr am Wochenende nicht Händchen haltend über den Gemüsemarkt von Haasenbüttel schlendert, dürfte das kein Problem sein. Menschen trennen sich. Schau dir Dieter Bohlen an. Oder Boris Becker. Wer hätte das gedacht?«

Naja, möglicherweise jeder, der bei klarem Verstand war? Aber ich verzichtete darauf, näher auf Langkamps logische Schlussfolgerungen einzugehen. War ja eh sinnlos. Ich musste mich auf die Verhandlungen mit ihm konzentrieren, vielleicht konnte ich das Schlimmste verhüten. Ein paar Kompromisse würde ich eingehen müssen, das war klar. Für 50 000 Euro erwarteten Langkamp und seine TV-Leute ein wenig Entgegenkommen. Ich hoffte, dass Anna das nach ihrem ersten Schreck auch so sehen würde. Ich wünschte allerdings, dass ich dieses Gespräch schon hinter mir hätte.

Altlasten in der Gestalt von Ehefrauen waren in den Scheunenherzen nicht willkommen. Das sah ich ein. Meine Verpflichtung zur Tierhaltung allerdings machte mir noch zu schaffen.

»Warum muss das denn sein? Ich mach’ doch aus meinem Haus keine Arche Noah. Weißt du, wie so ein echter Bauernhof riecht?«

»Kauf dir eine Großpackung Raumfrisch, Stift. Und wenn das nicht hilft, bring ich eine Nasenklammer vorbei.« Das war alles, was Langkamp dazu einfiel. Kein Diplomat, mein ehemaliger Kollege.

»Nee, Langkamp, echt nicht, das kannst du vergessen. Sucht euch einen anderen Blöden, ich habe keine Ahnung, wie man diese armen Tiere versorgt, das mach ich nicht!« Beinahe hätte ich trotzig mit beiden Fäusten auf den Tisch getrommelt. Langkamp schwieg und grinste mich spöttisch an.

»WAS!?«

»Nichts, Stift. Alles schicko.«

Er grinste unverdrossen weiter, sagte aber kein Wort. Okay, er hatte ja recht. Wen wollte ich hier verarschen? Hatte ich eine Wahl? Nein. Langkamp wusste erstaunlich gut über meine finanzielle Situation Bescheid. Ich fragte mich, ob er einen Schnüffler engagiert hatte. Es half nichts. Ich musste diesen Vertrag unterschreiben. Den Entwurf hatte mir Langkamp gleich zugemailt, nachdem ich ihn in seinem Hotel in Hamburg geweckt hatte. Er tat nicht mal so, als sei er überrascht. »Na, Stift, hast du jetzt deine Rechenaufgaben gemacht?«, fragte er, offenbar amüsiert über das Fliegengewicht, das in seinem Netz zappelte.

»Ist doch eine amtliche Win-Win-Situation, Stift«, lachte er, »wir kriegen mit dir einen prima Kandidaten, der nicht gleich so aussieht, als würde er jeden Sonntag im Stall seine Ziege pimpern. Und ein paar unfallfreie Sätze kannst du auch in eine Kamera sagen. Perfekt. Da sind wir sehr dankbar. Und du bist hinterher wieder flüssig genug, um dir auf deiner Hängematte wohlig die Eier zu schaukeln, und musst dir erst mal keine Gedanken mehr darüber machen, wie du in den nächsten Monaten über die Runden kommst.« Offenbar hatte Langkamp den Eindruck, damit sei umfassend beschrieben, womit ich mir üblicherweise den Tag vertrieb. Ich hätte beleidigt sein können, aber das sparte ich mir. Ich sagte ja schon: Langkamp war verblüffend gut informiert.

Das Kleingedruckte im Vertrag hatte ich nicht mal überflogen. Das sollte mir später noch zum Verhängnis werden. Aber ich konnte ja nicht ahnen, wie skrupellos es beim Fernsehen zuging. Ich dachte, ARD, okay, da kann erst mal wenig schiefgehen. Was es hieß, wenn eine unabhängige TV-Produktion wie Telepop da auch mit drinhing, war mir zu diesem Zeitpunkt nicht klar. Also las ich den Vertrag nur so oberflächlich wie eine Kotztüte im Flugzeug: Ich wollte gar nicht wissen, womit ich im Einzelnen alles einverstanden war. Mich interessierte bloß »Punkt 5, Vergütung«: 50 000 Euro würde ich erhalten, wenn ich in der Zeit zwischen Juni und September offiziell als Single-Landwirt in der Sendung Scheunenherzen auftrat und der Produktionsfirma Telepop in dieser Zeit auf meinem »Bauernhof« rund um die Uhr zur Verfügung stand.

»Stell ’ne Kerze auf, Stift, 50 000 Euro sind doch für einen Heimatdichter wie dich der Hauptgewinn. Die anderen Schweinehirten kriegen drei warme Mahlzeiten, und wenn sie Pech haben, noch eine proppere Hartz IV-Empfängerin zum Kuscheln obendrauf, die ihnen spätestens in drei Monaten das Leben zur Hölle macht!«

Langkamps lachende Sirene schmirgelte durch den Klöterkamp. Wahrlich ein Menschenfreund. Vielleicht hätte ich an dieser Stelle mal nachfragen sollen. Warum zahlte man mir so viel Geld, wenn die anderen armen Schweine bloß mit ein wenig TV-Ruhm und einer potentiellen Bauersfrau abgespeist wurden? Aus Sympathie sicher nicht. Aber ich kam gar nicht auf die Idee, dass daran etwas faul sein könnte. Muss dran gelegen haben, dass mein Kopf nach zwei Stunden mit Langkamp brummte wie ein überlasteter Trafo.

Ich nahm den Füller, den Langkamp mir mit bräsigem Grinsen reichte, und unterschrieb den Vertrag. Zweimal. Langkamp faltete das Original zusammen, steckte es in seine Sakkotasche gleich hinter seinem silbern blinkenden mobilen Schnapsdepot und legte mir jovial den Arm um die Schulter.

»Jetzt arbeiten wir zwei wieder zusammen«, lachte er, »das wird … warte … warte … legendary!« In dieser Hinsicht sollte Langkamp recht behalten.

»Sag mal, Stift, was sagt eigentlich die Gemahlin zu deiner Verwandlung zum Landwirt?«

»Och …«, antwortete ich vage und winkte ab, »Anna ist da nicht so der komplizierte Typ.« Irgendwas in meiner Stimme muss es Langkamp verraten haben.

»Warte mal, Stift – du hast noch gar nicht mit ihr gesprochen?«

»Quatsch!«, widersprach ich halbherzig, während Langkamp bereits Kopf schüttelnd das Haus verließ.

»Mach’ kein Scheiß!«, sagte er zum Abschied und schaute mir einen Moment in die Augen. Er musste sie aufgerissen haben, denn ich konnte tatsächlich seine Pupillen erkennen. Langkamp hatte braune Augen. Komisch. Das war das erste Mal an diesem Tag, dass er mir gegenüber so etwas wie eine menschliche Regung zeigte. Doch bevor ich mich darüber wundern konnte, hatte er sich schon wieder in seine alkoholvernebelte Umlaufbahn geschossen: »Sach’ deiner Else, sie kann solange bei mir wohnen, wenn es ihr auf Mallorca nicht zusagt.«

4

Es gibt keinen beiläufigen ersten Satz für ein Gespräch, wenn man schon knietief in der Scheiße steckt. Oder wie informiert man seinen Partner über die Absicht, mit einer jungen Studentin nach Gomera auszuwandern oder in die FDP einzutreten? Nur um mal Beispiele zu nennen. Ich ahnte, dass mein neuer Job bei den Scheunenherzen für Anna in der gleichen Liga spielte. Dementsprechend ratlos war ich, wie ich das Thema zur Sprache bringen sollte.

Ich bin Journalist, jedenfalls war ich das mal. Ich weiß also, dass im Leben nie bloß die schlichte Faktenlage zählt. Auch die Präsentation ist wichtig. Ich würde mich in einigen Wochen als Heiratskandidat in der Fernsehserie Scheunenherzen vor Millionen von Zuschauern zum Horst machen – das war die unumstößliche Tatsache in meiner Geschichte. Den Rest nenne ich jetzt einfach mal die Begleitumstände.

Liste mit den positiven Begleitumständen

1.) 50 000 Euro

2.) 12 Wochen regelmäßige Beschäftigung

3.) Landesweite Berühmtheit

4.) Neue Freunde

5.) Verbesserung meiner Fähigkeiten als Gastgeber

6.) Tierhaltung auf dem … ähm … Hof

Ich fand, das war eine ganz ordentliche Ansammlung von guten Argumenten. Jetzt musste ich nur noch vermeiden, dass Anna allzu lange auf der Liste mit den nicht ganz so positiven Begleiterscheinungen herumritt.

Liste mit den nicht ganz so positiven Begleiterscheinungen

1.) Ich war gar kein Bauer

2.) Ich war gar kein Single

3.)

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