Logo weiterlesen.de
Scherbenmädchen

Über das Buch

Angie ist dreizehn Jahre alt, als sie während eines Campingtrips mit ihrer Pfadfindergruppe entführt wird. Erst drei Jahre später taucht sie wieder zu Hause auf. Doch sie kann sich an nichts erinnern, auch nicht daran, woher die Narben an ihren Fuß- und Handgelenken stammen. Was ist in den letzten drei Jahren bloß passiert? Wo hat sie gelebt und mit wem? Mithilfe einer Psychologin macht sich Angie daran, die verlorenen Erinnerungen zurückzuholen. Schon bald muss sie erkennen, dass sie schreckliche Dinge durchlebt hat. So schrecklich, dass ihr eigenes Ich das alles nicht ertragen konnte. Und so haben sich in ihr verschiedene Persönlichkeiten gebildet, um die Jahre in Gefangenschaft an ihrer Stelle durchzustehen. Pfadfinderin, Kleine Frau und Engel könnten ihr helfen, die Vergangenheit Stück für Stück wieder zusammenzusetzen. Denn jeder von ihnen trägt einen kleinen Teil von Angies dunklem Geheimnis in sich. Doch sie alle wissen, dass Angie es nicht ertragen würde, die Wahrheit zu hören. Sie würde zerbrechen …

Ein Buch über Geheimnisse und die Wahrheit.

Über Schuld und Sühne.

Über Mut und über die Liebe.

Über die Autorin

LIZ COLEY schreibt über sich selbst: »Viele meiner Ideen entstehen, wenn ich im Auto unterwegs bin, und ich bin bereits bekannt dafür, dass ich Ausfahrten verpasse und immer weiterfahre. Ich denke gerne an meine Zeit als Teenager zurück, als Gefühle noch alles bedeuteten. Deshalb glaube ich, dass meine Geschichten Jugendliche ansprechen und alle, die sich gerne an ihre Jugend erinnern.

Ich möchte Geschichten erzählen, die einen zum Lachen und ein bisschen auch zum Weinen bringen, und die einen darüber nachdenken lassen, was es bedeutet, lebendig zu sein.«

Liz Coley lebt mit ihrer Familie in Ohio. Ihre Kurzgeschichten sind in verschiedenen Magazinen erschienen. Scherbenmädchen ist ihr erster Jugendroman, der in neun Länder verkauft wurde und unzählige begeisterte Leserinnen gefunden hat.

Mehr über die Autorin unter: www.lizcoley.com

Liz Coley

SCHERBEN

MÄDCHEN

Übersetzung aus dem
amerikanischen Englisch
von Susanne Klein

BASTEI ENTERTAINMENT

Für J., die es geschafft hat.

Die Übersetzerin dankt Dipl.-Psych. Jörn Nitzschke

für die fachliche Beratung.

Du

Prolog Die verlorene Zeit

Du hattest vergessen, wie früh beim Sommerzeltlager die Sonne aufgeht – und wie laut die Vögel am Morgen singen. Du hast dich in deinen warmen Schlafsack gekuschelt, um das grüne Licht, das durch das Nylonzelt sickerte, abzuwehren. Doch du würdest auf keinen Fall wieder einschlafen, bevor du nicht etwas erledigt hattest. Also hast du dich aus dem Schlafsack geschält und dabei geseufzt.

»Was ist los, Angie?«, flüsterte Livvie aus den Falten ihres Schlafsacks.

Katie wühlte sich tiefer in ihren karierten Kokon und zog ihn über dem Kopf zu.

»Ich muss nur kurz zum Baum«, hast du geantwortet. Das war der Pfadfindercode fürs Pinkelngehen.

»Ist schon jemand auf?« Liv öffnete ein Auge und blinzelte dich an.

»Ich glaube nicht.« Du hast geschnuppert. »Es hat noch niemand Feuer fürs Frühstück angemacht.«

Liv riss das eine Auge weit auf. »Wir sind nicht dran, oder?«

»Nee. Schlaf wieder ein.«

Du hast das Zelt geöffnet und bist heraus in den frischen Morgen getreten. Rosafarbene Wolken hingen hoch über den Bäumen. Kiefernnadeln am Boden dämpften das Geräusch deiner Flipflops, als du dich aus dem Zeltlager davongeschlichen hast. Niemand rührte sich. Die Sonne hatte die Luft noch nicht erwärmt, und wegen deines kurzärmeligen T-Shirts bekamst du eine Gänsehaut auf deinen nackten Armen.

Ein paar tausend Kiefern umgaben die Lichtung, auf der die Pfadfindergruppe gestern Nachmittag ihr Lager aufgeschlagen hatte – Küsten-Kiefern, Gelb-Kiefern, Jeffreys Kiefern, Zucker-Kiefern. Mrs Wells hatte dir gesagt, dass du dir Rinde und Nadeln einprägen solltest, um dir dein Baumerkennungs-Abzeichen zu verdienen.

Du fandest den Weg, den ihr gestern zum Zeltlager genommen hattet, und bist ihn auf der Suche nach einer dicht zusammenstehenden Baumgruppe ein Stück zurückgegangen. Mehr Privatsphäre war in der freien Natur nicht zu haben. Winzige reife Himbeeren säumten den Pfad, und du hast ein paar davon als erstes Frühstück gegessen. Der säuerliche rote Saft befleckte deine Lippen und Finger. Ein umgestürzter Baum mit einem tellerförmigen Pilz lag quer über dem Weg, und du hast ihn in deinem Kopf als Orientierungshilfe abgespeichert. Dann hast du den Pfad verlassen und bist ein paar Meter in den Wald zu einer Stelle gegangen, wo du dich gut hinhocken konntest.

Du drehtest dich langsam im Kreis, um das Gefühl abzuschütteln, das du draußen immer hattest – nämlich dass dich jemand beobachtete. Dann hast du deine Jogginghose heruntergezogen und dich hingekauert. Es war eine Kunst, im Wald zu pinkeln, ohne sich Füße oder Kleider zu bespritzen, jedenfalls für Mädchen.

Unvermittelt knackte ein Zweig wie ein Gewehrschuss, und dein Herz machte einen erschrockenen Hüpfer. Dein Blick schwenkte in Richtung des Geräuschs. Das musste ein Eichhörnchen sein. Ein Kaninchen. Oder ein Reh. Doch dann sahst du den Mann, der sich unsichtbar in das Unterholz einfügte – bis auf seine zusammengekniffenen dunklen Augen. Augen, die dich mit einem fast vertrauten Hunger ansahen.

»Pst.« Er legte einen Finger auf die Lippen und kam auf dich zu.

Du hast mit deiner Hose gekämpft, Scham und Schreck machten deine Hände ungeschickt. Du konntest deinen Blick nicht von seinen Augen abwenden, konntest sein Gesicht wegen seines unverwandten Starrens, mit dem er dich gefangen hielt, nicht sehen. Du hast den Mund geöffnet, um etwas zu sagen, zu schreien, zu flehen, aber es kam kein Ton heraus. Dein Hals war so eng, als ob eine Schlinge darum läge und er den Knoten zuzog. Einen Augenblick später packte er dich. Seine rechte Hand bedeckte deinen Mund, und seine linke hielt deinen Arm mit eisernem Griff auf dem Rücken fest. Noch immer hattest du nicht geatmet.

»Wehr dich nicht, hübsches Mädchen«, flüsterte er, wobei er sich an deinen Körper drückte und seine feuchten Lippen dein Ohr berührten.

Sich gegen ihn wehren? Deine Gliedmaßen waren weich und schwach. Deine Knie drohten unter dir nachzugeben. Du konntest nicht einmal einen Schritt machen, um wegzurennen, um zu fliehen. Wie solltest du dich da gegen ihn wehren? Dein Magen krampfte sich zusammen, und ein Wind rauschte in deinen Ohren, es war wie ein Orkan in deinem Kopf.

Über das Brüllen des Sturms hinweg hörtest du die helle Stimme eines kleinen Mädchens rufen: »Schnell. Versteck dich!«

Und ich öffnete das verrostete Tor, damit du hindurchschlüpfen konntest.

Zwischen deinen Schläfen breitete sich ein stechender Schmerz aus. Ganz reglos standest du da, erstarrt in seinem Griff. Wir zogen und zerrten an dir, bis sich etwas losriss. Einen kurzen Augenblick lang hast du dich zu einem winzigen festen Lichtpunkt zusammengeballt und gespürt, wie du von deinem Körper abgetrennt wurdest.

Du hast dich versteckt. Und wir haben dich verborgen gehalten, bis du wieder in Sicherheit warst.

Es war eine sehr lange Zeit.

Kapitel 1 Befragung

»Geh jetzt zurück«, sagte eine Stimme. Angie spürte einen Stoß zwischen ihren Schulterblättern. Um das Gleichgewicht zu halten, stolperte sie mit ausgestreckten Armen einen Schritt nach vorn.

»Nicht«, protestierte sie und fuhr herum. Doch hinter ihr war niemand.

Sie zitterte und schüttelte den Kopf, um zu sich zu kommen. Als sich der Schwindel gelegt hatte, öffnete sie wieder die Augen. Sie blinzelte beim Anblick ihrer Straße. Ihrer Sackgasse. Ihres Viertels. Die Sonne stand noch nicht sehr hoch am wolkenlosen, azurblauen Himmel. Heiße Santa-Ana-Winde zausten die Amberbäume, und ein Hauch von Rot färbte die Ränder der herabfallenden Blätter. Spitz zulaufende Samenhülsen stoben über den Gehweg. Im August?

Ein unerwartetes Gewicht zog an Angies linker Hand – eine Einkaufstüte aus Plastik. Wo war ihre Campingausrüstung? Sie hob die Tüte hoch, um hineinzusehen, und das war der Moment, als ihr endgültig bewusst wurde, wie seltsam all das war. Überrascht ließ sie die Tüte fallen und betrachtete ihre linke Hand. Irgendetwas stimmte hier ganz und gar nicht. Das war nicht ihre Hand. Das waren nicht ihre Finger. Die Finger waren länger und dünner, als sie sein sollten. Und am Mittelfinger steckte ein Silberring, den sie nicht kannte. Die Haut an ihren Händen war trocken und rau. Dunkle Narben schlängelten sich wie Armbänder um ihre Handgelenke. Sie drehte ihre rechte Hand herum und studierte die unbekannten Risse und Schwielen auf ihrer Handfläche. Versuchshalber machte sie eine Faust. Es fühlte sich … falsch an.

Angie runzelte die Stirn, drehte sich herum und blickte noch einmal zurück. Wie war sie hierhergekommen? Sie konnte sich nicht daran erinnern, diesen Weg gegangen zu sein. Sie war doch eben noch … im Wald gewesen? Sie war völlig verwirrt.

Ihr Magen knurrte, und sie legte ihre rechte Hand auf ihre Taille, die straff und dünn war. Und woher hatte sie diese schreckliche Bluse? Mit Blumen und Rüschen? Das war überhaupt nicht ihr Stil. Und Liv oder Katie würden sich so was auch nicht kaufen. Aber selbst wenn, sie hätte sich die ganz bestimmt nie ausgeliehen.

Sie hob die Tüte hoch und entdeckte einen Haufen völlig unbekannter Kleider darin. Ein Gefühl von Übelkeit ersetzte die Leere in ihrem Bauch. Ihr Kopf schien zu schweben, war haltlos, wie abgetrennt.

Angies Blick glitt über die Häuser in der Straße. Gott sei Dank kam ihr zumindest hier alles bekannt vor. Die Autos in den Einfahrten sahen richtig aus, was sie beruhigte – bis sie Mrs Harris entdeckte, die einen Kinderwagen schob und gerade die Garage betrat. Mrs Harris hatte keine Kinder.

Angie fing an zu rennen und spürte zum ersten Mal die Blasen an ihren Füßen, die Schmerzen in ihren Beinen. Nach Hause, sie musste nach Hause. Natürlich. Sie hatte sich im Wald verirrt. Aber jetzt war sie wieder daheim.

Hastig tastete sie unter der geflochtenen Strohmatte nach dem Schlüssel und öffnete die rote Haustür. »Mom!«, rief sie. »Hey, Mom, ich bin wieder da!« Sie trat durch die Tür.

Ihre Mutter schlitterte die Treppe herunter, das Gesicht ungläubig verzerrt. Dann brach sie in Tränen aus. Sprachlos und heftig schluckend umschlang sie Angie mit beiden Armen.

»Mom!«, sagte Angie in ihre Haare. »Mom, ich kriege keine Luft.« Mit einem kleinen Plumps ließ sie die Tüte mit den Kleidern fallen und wischte eine Strähne von Moms Haaren von ihren Lippen. Silberne Fäden durchzogen Moms locker herabfallende braune Locken.

»Du kriegst keine Luft … kriegst keine Luft?« Mom ließ sie so weit los, dass sie Angie auf Armeslänge von sich entfernt halten konnte. Sie verschlang ihr Gesicht förmlich mit den Augen. »Du kriegst keine …« Mom lachte, ein angespanntes, hysterisches Bellen. »Oh mein Gott. Oh mein Gott. Ein Wunder! Ich danke dir, Gott. Danke.« Sie hob die Augen zur Decke. »Danke«, sagte sie noch einmal.

Im oberen Stockwerk rauschte eine Toilettenspülung, und Dads Stimme schallte die Treppe herunter. »Margie, was soll die ganze Aufregung?«

»Oh, dein Vater …«, flüsterte Mom Angie zu. »Er wird …« Sie konnte nicht weitersprechen. Ihr Gesicht war weiß. Zu rund und weiß.

Dads Schritte im Flur füllten das Schweigen. Dann stand er oben am Treppenabsatz, die Hände vors Gesicht geschlagen. Sein Blick begegnete dem von Angie, und seine Augen füllten sich mit Tränen. »Angela? Bist du es wirklich …« Seine Stimme brach.

Angie sah von einem zum anderen. »Ähm, ja. Ich bin es wirklich … Was ist denn los?« Nicht nur sie selbst war komisch. Auch mit ihren Eltern stimmte etwas nicht. Ein Schauer rieselte ihr den Rücken hinunter.

»Engel?«, flüsterte Dad. Noch immer verharrte er völlig verwirrt auf der obersten Treppenstufe. Sein schwarzes Haar war komplett ergraut, und seine Augen, die feucht geworden waren, sahen aus wie die eines Hundertjährigen.

Angies Herz fing an zu rasen, und ihre Füße kribbelten, als ob sie davonrennen wollten. »Ihr beiden jagt mir echt Angst ein.«

»Wir jagen dir Angst …?« Wieder ertönte Moms hysterisches Gelächter. »Angie, wo … Wo bist du gewesen?«

»Das weißt du doch.« Wieder zog sich ihr Magen schmerzhaft zusammen. »Zelten?«

Die Art, wie ihre Eltern sie anstarrten, machte ihr das Atmen schwer. »Zelten«, sagte sie noch einmal entschlossen.

Dad kam die Treppe herunter. »Zelten«, wiederholte er. »Zelten?« Seine Stimme wurde schrill. »Drei Jahre lang?«

Angie verriegelte die Badezimmertür und drückte sich mit dem Rücken dagegen. Ihr vertrautes Handtuch, cremefarben mit Rosen, hing über dem Handtuchständer, so wie sie es zurückgelassen hatte. Es roch nach Waschmittel. Noch nie zuvor hatte sie sich so gefreut, ein Handtuch zu sehen. Es war perfekt. Es war richtig. Im Gegensatz zu ihren Eltern.

Erlaubten sie sich einen Scherz mit ihr? Waren sie verrückt? Sie konnte doch nicht seit drei Jahren verschwunden sein. Das war doch nichts, was ein Mensch einfach so … vergessen würde.

Als Erstes drehte Angie den Wasserhahn auf, dann blickte sie hoch in ein Gesicht, das mit klaren grauen Augen zurückschaute. In diesem Augenblick vollkommener Verblüffung vergaß sie sogar, wie man atmete.

Das Mädchen im Spiegel hätte ihre ältere Schwester sein können. Sie war größer und dünner, und ihre Wangenknochen traten hervor, während die von Angie weich und rund waren. Ihr Gesicht war bleich, während das von Angie von einem Sommer am Pool gebräunt war. Das Mädchen hatte lange, schmutzig blonde Haare, während Angie helle Strähnen im kurzgeschnittenen Haar trug. Das Mädchen besaß ausgeprägte Armmuskeln, hatte graue Haut, Narben an den Handgelenken und noch etwas anderes, dass sie zu einer Fremden machte: eine kurvige Figur – sie hatte Brüste. Angie blickte an sich herunter. Titten? Wo waren die hergekommen?

Sie nestelte am obersten Knopf ihrer Bluse, fürchtete sich aber davor, hinzusehen.

Ein Klopfen schreckte sie auf. »Angela! Angela, um Himmels willen, bitte rühr nichts an.« Die Stimme ihres Vaters klang panisch. »Du darfst nicht … Du darfst nicht …«

Angie entriegelte die Tür und öffnete sie. »Ich … Ich habe gar nichts gemacht«, sagte sie und errötete schuldbewusst. Aber weswegen eigentlich?

Dads Gesicht war verzerrt vor Anspannung. Eine Schweißperle stand ihm auf der Stirn, und Angie war wie hypnotisiert davon. Sie bemerkte, dass sein Kinn nur halb rasiert war.

Der Blick ihres Vaters schweifte nach rechts, er vermied es, sie anzusehen. »Detective Brogan wird in fünfzehn Minuten hier sein«, sagte er mit leiser, heiserer Stimme. »Er hat gesagt, wir sollen nichts verändern, was als Beweis dienen könnte.«

»Als Beweis für was?«, fragte Angie. Das Geräusch des fließenden Wassers übertönte das bedrückende Schweigen, während Dad über einer Antwort brütete. Plötzlich sah er zum Becken hinüber.

»Oh Gott, Angela. Du hast dich doch nicht etwa gewaschen?«

Sie hob ihre schmutzigen Arme. Der Dreck hatte sich so in die Falten und Poren gegraben, dass ihre Haut einen grauen Farbton angenommen hatte. »Ein Beweis?«, wiederholte sie. »Für was, Dad?«

Einige Sekunden lang bewegte ihr Vater nur stumm den Mund. Die Schweißperle rollte herab. »Ein Beweis für was auch immer, wo auch immer oder wen auch immer.«

Verwirrt blickte Angie ihn an.

Dads Stirn war zerfurcht, und er hatte dunkle Schatten unter den Augen. »Du hast wirklich keine Ahnung, wovon ich rede, oder?«

Angie kam sich blöd vor. Er erwartete etwas von ihr. Sie wusste nicht, was, aber sie spürte, wie die Wut in ihm hochkochte. In ihr regte sich etwas, und sie ging zu ihm und schlang die Arme um seine Taille. Ihr Kopf reichte ihm bis zum Kinn. »Ich liebe dich so sehr«, sagte sie. Sie spürte, wie er sich steif machte und sich ihr entzog. Offenbar hatte sie das Falsche getan. Ihre Arme fielen herab. Sie wurde kalt, innen und außen.

»Ich … Ich muss mich fertig rasieren«, sagte er unvermittelt und wandte den Kopf zur Seite. »Dreh das Wasser ab, und dann geh nach unten und warte bei deiner Mutter.« Er ging den Flur entlang und machte die Schlafzimmertür hinter sich zu.

Angie hatte das vage Gefühl, dass es eine gute Idee wäre zu weinen. Doch in ihr fühlte sich alles ganz verdreht an. Gern hätte sie an einem Fingernagel gekaut, aber sie waren allesamt dreckig. Und womöglich ein »Beweis«. Ein Beweis für was?

Sie betrachtete den ungewohnten Ring an ihrer linken Hand. Warum konnte sie sich nicht daran erinnern, wo sie ihn gekauft hatte? Die Frage machte sie seltsam nervös, und das warnende Klopfen eines beginnenden Kopfschmerzes pochte in ihrer Schläfe. Sie zog den Silberreif vom Finger und legte ihn in die Seifenschale. Der Schmerz verging. Vielleicht gehörte er Livvie oder Katie. Es war besser, nicht zu intensiv darüber nachzudenken.

Als Angie die obersten Stufen hinuntereilte, erklang das Brummen von Dads Rasierapparat. Auf halbem Weg blieb sie stehen, ihre Füße waren wie festgenagelt. Sie schwankte wie ein Kind, das sich verirrt hatte – zwischen ihrem Vater oben und ihrer Mutter unten. Jemand würde kommen. Ein Detective, hatte Dad gesagt. Angie beobachtete die Haustür, bis die mattierte Glasscheibe von einem Schatten verdunkelt wurde.

Mom schoss aus der Küche, um auf das zweimalige Klopfen zu reagieren.

Ein großer Mann mit braunroten Haaren stand im Türrahmen. Mit einem unterdrückten Schluchzer warf sich Mom in seine Arme. Er tätschelte mit einer Hand ihren Rücken und blickte über ihren Kopf hinweg zur Treppe, wo Angie noch immer reglos stand.

Der Mann riss die Augen auf. »Angela«, flüsterte er. »Willkommen zu Hause.«

Er machte sich von Mom los und streckte seine rechte Hand aus, die Handfläche nach oben gerichtet. Es war eine Mischung aus einer Einladung und einer Aufforderung zum Händeschütteln. »Würdest du bitte runterkommen?«, bat er sie.

Dad hatte ihn als Detective bezeichnet, doch er trug eine Jeans mit einem beginnenden Riss am Knie, und die Ärmel seines dunklen Karohemds waren bis zum Ellbogen hochgekrempelt. Er sah locker und lässig aus. Er sah … überrascht aus.

Angie nahm die restlichen vier Stufen nach unten und schüttelte seine ausgestreckte Hand. Sie war riesig, und ihre eigene verschwand völlig, als er sie mit seinen beiden Pranken drückte.

»Detective Phil Brogan vom L. A. Police Department«, stellte er sich vor. »Bitte entschuldige meinen Aufzug. Ich habe gerade im Garten gearbeitet und bin sofort losgefahren, als Mitch mich angerufen hat.« Seine Hand war rau und voller Schwielen, doch er umfasste die ihre so behutsam und zärtlich wie ein neugeborenes Kätzchen. Brogan legte den Kopf schief und betrachtete mit einem leisen Lächeln ihr Gesicht.

Angies Anspannung legte sich, ihr wurde wieder warm – bis zu dem Augenblick, in dem er alles verdarb.

»Es ist unglaublich«, sagte er. »Ich habe das Gefühl, als würde ich dich schon kennen.«

Sofort fühlte sie sich nackt und bloßgestellt. Ein vollkommen Fremder, der sie kannte. Ihr Atem wurde zu einem Keuchen. Sie unterdrückte das Schluchzen, bevor es aus ihr herausbrechen konnte. Wenn sie es zuließ, würde sie vielleicht nie mehr aufhören können.

»Himmel, tut mir leid, Angela«, sagte er schnell. Er ließ ihre Hand los. »Mitch hat am Telefon gesagt, dass es Probleme mit deiner Erinnerung gibt. Dass du dir nicht sicher bist, wie lange du verschwunden warst oder wo genau du gewesen bist. Eine Bewusstseinstrübung. Das ist nichts Ungewöhnliches.«

Stimmte das wirklich? Angie versuchte den Blick seiner blauen Augen zu deuten. Freundlich und ehrlich. Von ihnen ging keine Gefahr aus. Na schön. Also war es vielleicht nicht ungewöhnlich, was gerade mit ihr passierte. Sie spürte einen Anflug von Hoffnung. Vielleicht konnte er ihr tatsächlich dabei helfen, das Ganze auf die Reihe zu kriegen.

Sie nickte, und er lächelte aufmunternd. »Komm.« Er deutete mit dem Kopf in Richtung Wohnzimmer. »Wir müssen doch hier nicht rumstehen wie angewachsen.«

Oben prallte etwas auf den Boden, und Angie hatte die Fantasie einer riesigen Kugel, die sie alle von den Beinen riss. Aber es war nur Dad. Ihr Mundwinkel zuckte. Der Detective bemerkte es und lächelte mit den Augen zurück. Es waren faszinierende Augen, die dunkelblaue Iris war mit orangefarbenen Flecken gesprenkelt. Noch nie hatte sie solche Augen gesehen.

Dad kam die Treppe herunter und ging voraus, ohne sie eines Blickes zu würdigen. Mit der Fernbedienung schaltete er das Feuer ein. »Sie sieht aus, als ob sie friert«, sagte er als Erklärung. Natürlich war die Wärme des Gasfeuers hinter den fest verschlossenen Glastüren zu schwach, um bis zu ihr zu dringen.

Angie setzte sich aufs Sofa und ließ den Blick durch den Raum schweifen. Alles war an seinem Platz und kam ihr vertraut vor. Die weichen grünen Kissen auf den beigen Ledersofas. Die bodenlangen Vorhänge mit dem Blattmuster, die zurückgezogen waren, um das Licht hereinzulassen. Der auf antik getrimmte TV-Schrank mit der Fernbedienung und der Fernsehzeitschrift obendrauf. Die Stapel ungeordneter Bücher im Bücherregal an der Längsseite. Auf keinen Fall waren in diesem Zimmer drei Jahre vergangen. Auf keinen Fall. Nichts hatte sich verändert.

Der Detective ließ sich in dem Sessel nieder, der Angies Platz auf dem Sofa am nächsten war. Sein Ausdruck wurde weich, und er rieb sich mit der Handfläche über sein stoppeliges Kinn. »Angela, es tut mir wirklich leid. Ich weiß, dass das alles sehr schwierig für dich ist. Sehr verwirrend.«

Wusste er das tatsächlich?, fragte sich Angie. Hatte sich seine Welt jemals in einem Wimpernschlag verändert? Sie betrachtete ihre ramponierten Knie, die verschwammen, als sie die aufsteigenden Tränen wegblinzelte. Schluss damit.

Brogan legte seine Hand ganz leicht auf ihren gesenkten Kopf. »Ich nehme an, du möchtest jetzt nichts weiter als bei deinen Eltern sein und in Ruhe gelassen werden.«

Sie nickte fast unmerklich, war dankbar für sein Mitgefühl. Sie merkte, dass er es ehrlich meinte – er verstand, wie durcheinander sie war. Jedenfalls fühlte es sich nicht einfach nur wie eine Taktik an, um sie auf die Befragung einzustimmen.

Mom, die neben ihr saß, drückte ihre Hand. Angie schaute hoch und begegnete dem festen Blick des Detectives. Ihr fiel auf, dass seine Wangenknochen von Sommersprossen übersät waren. »Aber …«, führte sie seinen Satz weiter, weil sie spürte, dass er auf ein »aber« hinauswollte.

»Aber es ist mein Job, herauszufinden, ob wir es hier mit einem Verbrechen zu tun haben. Vor allem, wenn die Spur noch frisch ist. Verstehst du das?«

Unvermittelt hatte sie das Gefühl, als müsse sie sich jeden Moment übergeben. Sie schluckte es hinunter. »Verbrechen? Habe ich … Habe ich etwas Schlimmes getan?«

»Du doch nicht, Angie«, stieß Mom hervor, und ihre Finger gruben sich unwillkürlich in Angies Handfläche. Angie zuckte zusammen.

»Margie.« Brogan hob die Augenbrauen in Moms Richtung. »Es tut mir aufrichtig leid, Angela, aber es gibt ein paar Fragen, die ich dir jetzt gleich stellen muss. Danach leiten wir die nächsten Schritte ein.«

»Auch ich würde gern ein paar Dinge wissen«, unterbrach ihn Dad. »Wie um alles in der Welt hast du zurück nach Hause gefunden, Angela? Hat dir jemand geholfen? Bist du den ganzen Weg zu Fuß gegangen?«

»Ja.« Das Wort war ihr entschlüpft, aber es ergab keinen Sinn. Von wo war es gekommen? Angie hatte keine Ahnung.

»Sei doch nicht albern, Mitch«, brachte Mom ihn zum Schweigen. »Von der Stelle, wo sie verschwunden ist, sind es doch mehr als dreißig Meilen bis hierher.«

»Bergab«, flüsterte Angie. Keiner hörte sie. Woher war dieser Gedanke gekommen?

»Außerdem«, fuhr Mom fort, »hätte sie überall sein können. Auch außerhalb von Kalifornien.«

Brogan stand auf und fing an, mit langsamen Schritten durchs Zimmer zu gehen. Angie folgte ihm mit den Augen. Er hatte sich verändert – er war nicht mehr der lässige Typ mit der zerrissenen Jeans. Der sanfte, mitfühlende Ausdruck war verschwunden. Er war ein Panther auf der Jagd. Ein Polizist auf Streife. Und sie war auf der Hut.

Auch seine Stimme war jetzt anders – sie klang flacher und abgehackt. »Angela. Hast du eine Ahnung, wie lange du verschwunden warst? Weißt du irgendetwas über die Örtlichkeit? Überhaupt irgendetwas?«

»Nein! Ich … Äh, nein. Keine Ahnung.« Angie zeigte auf ihre Eltern. »Sie sagen, es wären drei Jahre vergangen. Aber … ach, ich weiß auch nicht. Es kommt mir falsch vor. Es waren doch nur ein paar Tage.«

»Bist du absichtlich weggelaufen?«

Angie runzelte die Stirn. »Weggelaufen? Nein. Natürlich nicht.«

»Kein Ärger zu Hause? In der Schule? In der Gemeinde? Hast du vielleicht eine Auszeit gebraucht? Von etwas? Oder von jemandem?«

Sein Blick war bohrend, ermutigend und angsteinflößend – alles zur gleichen Zeit. Er lief durchs Zimmer, beobachtete sie und konzentrierte sich ganz auf das, was sie sagte.

»Nein. Wovon sprechen Sie? Alles ist gut. War. Gut.«

Mom legte einen Arm um sie, und Angie drückte sich an sie, um ihre Aussage zu bekräftigen.

Brogan nickte. Er sprach jetzt langsam und sorgfältig. »Hattest du mit jemandem ein Treffen vereinbart? Bist du auf eine Internetseite gegangen und dort einem interessanten Menschen nähergekommen?«

»Ich bin doch nicht bescheuert! Nein, nein und nochmals nein.« Was für dämliche Fragen. Erschöpfung überfiel sie. Was musste sie sagen, um dem Ganzen ein Ende zu machen?

Der Detective zuckte mit den Schultern. »Okay. Wir haben auch keinerlei Hinweise für eine derartige Geschichte in den Computern gefunden, die du zu Hause oder in der Schule benutzt hast. Ich musste es trotzdem fragen.«

Dad hörte endlich auf, Wache zu stehen, und ließ sich mit einem erleichterten Seufzer in den anderen Sessel fallen. Was hatte er denn bloß gedacht? Dass sie tatsächlich mit jemandem abhauen würde?

Brogan warf Dad einen Blick zu, mit dem er ihm zu verstehen gab, er solle bloß vorsichtig sein. Brogans Gesichtsausdruck war wirklich leicht zu deuten. »Angela, hast du jemals mit Alkohol oder Drogen herumexperimentiert? Das tun eine Menge Jugendliche in deinem Alter. Bitte antworte ehrlich – wir werden nicht wütend oder geschockt reagieren, und wir können dir Hilfe besorgen.«

»Du kannst es uns wirklich sagen, mein Schatz«, sagte Mom. »Wir werden dich nicht dafür verurteilen. Ich schwöre es.«

Dads Gesicht allerdings verriet das Gegenteil, und seine Ellbogen bohrten Löcher in seine Knie.

Mom tätschelte beruhigend seinen Arm. »Das könnte erklären, warum sie sich nicht mehr an Einzelheiten erinnern kann«, sagte sie an ihn gewandt.

Angie stöhnte. »Nein. Habe ich nicht. Außer dem Abendmahlswein habe ich noch nie Alkohol getrunken. Ich habe noch nie Drogen ausprobiert. Nur eine Zigarette. Die übrigens absolut widerlich war.«

»Kann ich deine Hände sehen?«, fragte Brogan. Es war keine Bitte. Es war ein Befehl.

Sie verdrehte die Augen und streckte wortlos die Arme aus. Sie waren zu lang, zu dünn, zu blass, und sie hatte den Eindruck, dass es die Arme von jemand anderem waren, die da in ihrem Rumpf steckten. Brogan folgte den Narben an ihren Handgelenken mit einem Finger und drehte dann die Hände herum, um ihre kurzen, rissigen Nägel zu untersuchen. Anschließend besah er sich die dreckigen, rauen Handflächen. Seine Finger erkundeten die Einkerbung, die der Silberring am Mittelfinger hinterlassen hatte, die freigelegte Haut, die sauberer und blasser als der Rest war.

Fragend sah er ihr in die Augen. »Weißt du etwas darüber?«

Der Schmerz traf sie wie ein Messerstich hinter dem Ohr. Sie zuckte zusammen und schüttelte den Kopf, was er als Nein deutete. Der Schmerz verflüchtigte sich. Ihr Kopf wurde wieder klar. Es war, als würde sich ein Nebel auflösen.

Brogan schürzte die Lippen. »Tu mir einen Gefallen und mach Armdrücken mit mir.« Er ließ sich wieder in den Sessel fallen, stellte seinen angewinkelten Arm auf den Wohnzimmertisch und spreizte den Daumen ab.

»Sie werden gewinnen. Ihre Hände sind riesig«, unkte Angie. »Außerdem ist Ihr Arm viel länger als meiner.«

Er lächelte mit einem Mundwinkel. »Tu mir den Gefallen. Bitte.«

Angie schnaubte. »Na schön.« Sie griff nach seiner Hand und drückte zu. Ihre kleinen Finger verschwanden in seinem Griff, doch sein Arm schwankte. Er drückte zurück. Sie leistete Widerstand und war überrascht von der Kraft ihres mageren Arms. Ein schlanker Muskel trat hervor. Ohne jede Vorwarnung gab sein Arm nach, und sie drückte ihn auf die Tischplatte. »Sie haben mich gewinnen lassen«, sagte sie anklagend.

»Aber nur ein ganz kleines bisschen. Du hast ganz offensichtlich körperliche Arbeit verrichtet. Und zwar über einen langen Zeitraum. Für deine Größe bist du sehr stark.«

»Oh mein Gott.« Mom schoss von ihrem Sitz hoch und rang die Hände. »Körperliche Arbeit? Denken Sie etwa, man hat sie verschleppt und wie eine Sklavin gehalten?«

Wie albern, dachte Angie. Brogan schien die Frage jedoch ernst zu nehmen. »Nein, Margie. Das ist nicht sehr wahrscheinlich. Sie hat sich hier in der Gegend aufgehalten.«

»Hier in der Gegend? Die ganze Zeit über?« Dads Stimme zitterte eigentümlich. »Wie kommen Sie darauf?«

»Ihre Kleider riechen nach Kiefernharz und Holzrauch.«

Angie schnüffelte an ihrem Ärmel. Er hatte recht. Andererseits war das nur logisch. Hatte sie nicht letzte Nacht Marshmallows am Lagerfeuer geröstet? Gerüche bleiben nicht drei Jahre lang haften.

»Natürlich«, sagte sie nur. »Ich war schließlich zelten.«

»Sonst kannst du dich an nichts erinnern?«, fragte Brogan.

Langsam war es zum Verzweifeln. »Hören Sie«, sagte sie. »Ich habe es Ihnen gesagt und meinen Eltern auch. Ich kann mich an nichts weiter erinnern. Ich war zelten. Und dann war ich wieder hier. Ich kann mich nicht erinnern, ob ich bis nach Hause gefahren oder irgendwo abgesetzt wurde oder ob ich zu Fuß gekommen bin. An nichts. Ich war einfach wieder hier.«

»Angela, wie groß bist du?« Der Detective streckte ihren Eltern abwehrend die Hände entgegen, damit sie sich nicht einmischten.

»1,55«, antwortete Angie, ohne zu zögern. Im Augenwinkel sah sie, wie Mom leise den Kopf schüttelte.

»Und wie viel wiegst du?«

»Ist das nicht ein bisschen zu persönlich?«, fragte Angie.

Zum ersten Mal lächelte Brogan übers ganze Gesicht. »Bitte entschuldige. Ja. Und ich bin wirklich ganz miserabel beim Schätzen. 55 Kilo?«

»Wow. Sie sind wirklich miserabel.«

»Ich hab es dir gesagt.« Immerhin war er ehrlich, und sein Grinsen war ansteckend. »Tut mir leid. Wiegst du mehr?«

Jetzt lachte auch Angie. »Beim letzten Wiegen waren es 47 Kilo.« Ihr Lachen klang heiser, krächzend und eingerostet.

»Und wie alt bist du?«

»Dreizehn«, sagte sie.

Mom öffnete den Mund. Ein gezischtes »Se…« kam heraus, bevor Brogan sie mit einer Handbewegung zum Schweigen brachte.

Dad bemerkte die Geste nicht. »Sie ist sechzehn«, stellte er fest. »Du bist jetzt sechzehn, Angela. Verstehst du denn nicht, was wir dir gesagt haben?«

In Angies Kopf summte es. Was war nur mit allen los? Dad war so abweisend und zornig – er nannte sie immer nur Angela, wenn sie etwas angestellt hatte. Sie war doch eigentlich sein Engel. Sie hatte nichts Falsches getan. Außer vielleicht, dass sie sich verirrt hatte. Und das war nicht ihre Schuld. Und außerdem … Jetzt war sie doch wieder zu Hause.

Aus dem Nichts stieg die Wut in ihr hoch. »Hört ihr jetzt endlich mit dem blöden Spiel auf? Ich bin dreizehn.« Die Stimme blieb ihr im Hals stecken. »Ich bin dreizehn.«

Tränen ließen das Gesicht des Detectives verschwimmen, dennoch sah sie ihn an, als sie harsch und zornig sagte: »Ich bin Angela Gracie Chapman. In drei Wochen komme ich in die achte Klasse. Ich bin dreizehn Jahre alt. Ich glaube, ich habe mich verirrt. Aber ich weiß es nicht genau. Ich möchte jetzt duschen, essen und dann ins Bett gehen.« Sie verschränkte die Arme fest vor der Brust, wobei sie versuchte, die weichen Hubbel, die dort eigentlich nicht sein sollten, zu ignorieren.

Mom stand auf. Wieder legte sie den Arm um Angies Schultern, als wollte sie sie beschützen. »Sie hat recht, Detective. Wir alle brauchen jetzt ein wenig Zeit, um mit dem Ganzen klarzukommen. Können wir das nicht später fortsetzen?«

Angie verspürte tiefe Erleichterung. Mom würde alle verscheuchen und sie ins Bett stecken, und wenn sie aufwachte, würde alles wieder normal sein.

»Es tut mir leid, Margie. Ich wünschte, das wäre möglich.« Brogans Blick richtete sich auf Angie. »Was deine Erinnerung betrifft, Angela, so bin ich der Meinung, dass wir es hier mit retrograder Amnesie und einem posttraumatischen Stresssyndrom zu tun haben. Weißt du, was das ist?«

»Ich kann mich an nichts erinnern, weil ich völlig durchgedreht bin«, schnappte sie.

»Etwas in der Art. Ich möchte, dass du so bald wie möglich mit unserer besten forensischen Psychologin sprichst. Mitch, Margie, ich vereinbare ein Treffen und rufe Sie an.«

»Dann sind wir jetzt endlich fertig?«, fragte Angie mit ihrem letzten Quäntchen Energie.

»Gleich nach der ärztlichen Untersuchung«, erwiderte Brogan. »Ich rufe schon mal an und leite das in die Wege.«

Mit starrem Blick schaute Dad zum Wohnzimmerfenster heraus. Er hatte die Schultern bis zu den Ohren hochgezogen.

»Ach, kommen Sie schon, Phil«, protestierte Mom. »Ist das nötig? Sofort? Sie ist völlig erschöpft. Sehen Sie sie doch an.«

Brogan registrierte den verzweifelten, kläglichen Blick, den Angie ihm zuwarf. Seine Mundwinkel sackten nach unten, und er verwandelte sich wieder in den netten Kerl mit dem Riss in der Hose. »Ja, ich weiß. Aber es muss sein. Es tut mir wirklich sehr leid.«

Warum entschuldigte er sich andauernd? Es änderte ja doch nichts.

Brogan senkte die Stimme, obwohl niemand da war, der ihn hätte belauschen können. Diesmal wandte er sich an Dads Rücken und nicht an Angie. »Ganz offensichtlich hat Angela mit jemandem zusammengelebt. Sie war nicht obdachlos. Sie ist nicht unterernährt. Man hat sich um sie gekümmert. Vielleicht gibt es wichtige DNA-Spuren. Wir möchten vermeiden, dass noch mehr Zeit verstreicht, bis wir diese sicherstellen können.«

»An ihren Kleidern?«, fragte Mom. »Die können wir Ihnen doch einfach mitgeben.«

Der Detective sah Mom ostentativ an und drehte sich schließlich zu Angie. »Angela, da wir uns nicht auf dein Gedächtnis stützen können, müssen wir auf andere Weise feststellen, ob es zu sexuellen Übergriffen gekommen ist.«

Wieder flammte ein Gefühl der Wut in Angie auf. »Sagen Sie es ruhig, Detective. Sie brauchen mich nicht zu schonen. Vergewaltigung. Sie wollen wissen, ob ich vergewaltigt worden bin. Meinen Sie nicht, dass ich das wüsste? Meinen Sie nicht, dass ich mich an so etwas erinnern würde?« Ihr Brustkorb hob und senkte sich, als ob sie gerade ein intensives Lauftraining hinter sich gebracht hätte.

»Erinnerst du dich denn, Angie?«, fragte er sanft.

Das Bild zusammengekniffener dunkler Augen schoss ihr durch den Kopf und verschwand in einer Wolke aus Schmerz. Dann wurde alles wieder klar, und ihre Wut verpuffte – als ob sich der Sturm in ihrem Kopf gelegt hätte. Sie war ruhig. Leer. Erleichtert. In Sicherheit. »Nein. Nichts. Ich erinnere mich an nichts.«

»Wie ich es gesagt habe«, sagte Brogan.

»Kann ich danach duschen?«

»Natürlich. Nehmen Sie bitte Wechselkleidung mit, Margie, denn diese hier müssen wir behalten.«

In der Diele streifte Brogan ein paar Gummihandschuhe über und hob die Einkaufstüte hoch. »Weißt du, was dadrin ist, Angela?«

Angie zuckte mit den Schultern. »Ich glaube, nur ein paar Klamotten.«

»Erinnerst du dich an die hier?« Er zog eine karierte Bluse hervor.

Sie schüttelte den Kopf. Doch wieder wurde ihr schlecht.

Er wühlte tiefer in der Tüte und förderte eine gelbe Schürze zutage. Angie rümpfte die Nase. »Nein.«

Wieder fasste Brogan hinein und holte ein winziges schwarzes Spitzenhemdchen heraus.

»Grundgütiger«, sagte Dad und wurde blass. Er fuhr sich mit den Händen grob durch die Haare und verschränkte sie dann hinter seinem Kopf.

Angie merkte, dass ihre Hände zitterten. »Nein … Das ist nicht mein Stil«, sagte sie betont locker. Sie hatte einen Kloß im Hals. Woher hatte sie bloß diese Sachen?

Noch einmal langte Brogan in die Tüte. »Aha. Kein Wunder, dass sie so schwer ist. Erinnerst du dich daran?«

Sie warf einen kurzen Blick auf das Buch in seiner Hand. Freude am Kochen. »Mom hat das auch. Aber ich koche eigentlich nicht.«

Der allerseltsamste Gegenstand aber befand sich ganz unten in der Tüte. Ein dünner Metallstab, an einem Ende spitz, am anderen flach. Brogan balancierte ihn auf seiner behandschuhten Handfläche. »Und der?«, fragte er in einem Ton, der eigentlich beiläufig klingen sollte, Angie jedoch sofort auf der Hut sein ließ.

»Nein. Was ist das?«, fragte Angie.

»Sieht aus wie eine Klinge. Ein provisorisches Messer.«

»Warum ist das dadrin gewesen?«, fragte Angie.

Brogan musterte sie mit seinen orange-gesprenkelten Pantheraugen. »Meine Vermutung ist, dass du die für dich kostbarsten Dinge eingepackt hast. Vielleicht hast du es zur Selbstverteidigung benutzt oder aber …«

»Das habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht gesehen«, versicherte Angie schnell. Die Metallspitze sah verboten scharf aus. Gefährlich. »Wie viel Schaden könnte man mit einem kleinen Messer wie diesem anrichten?«, fragte sie.

»Zweifellos könntest du damit jemanden töten«, sagte Brogan ruhig. »Wenn du weißt, wie du damit umgehen musst.« Die Art, wie er das »du« betonte, jagte ihr Schauer über den Rücken.

Kapitel 2 Untersuchung

»Schaffst du das auch, Angie?«, fragte Mom zum dritten Mal innerhalb von drei Minuten. Ihre Wangen waren knallrot, als ob ihr die Hektik, die ihre Ankunft in der Notaufnahme ausgelöst hatte, peinlich wäre.

»Ich möchte es nur hinter mich bringen«, entgegnete Angie. In ihrem Hinterkopf pochte es dumpf. Sie war zu müde, um irgendwelche stärkeren Gefühle zu empfinden. Moms Angst reichte sowieso für sie beide. »Es ist ja nicht so, dass ich die Wahl hätte, oder?«

Beim Klang ihrer Stimme wandte sich Detective Brogan um. »Genau genommen hast du die schon. Wir brauchen dein Einverständnis. Aber ich kann nicht genug betonen, wie wichtig diese Untersuchung für unsere Ermittlungen ist.«

Eine Schwester mit einem Klemmbrett und weißen Turnschuhen näherte sich auf leisen Sohlen. Sie blickte zwischen ihren Formularen und Angie hin und her, und ihr Gesicht bekam einen mitfühlenden Ausdruck. »Ich bringe dich jetzt zu einem Untersuchungsraum, und wir gehen das hier durch.«

Dad sah aus, als wollte er etwas sagen, doch stattdessen zupfte er nur an seinen Daumennägeln. »Ich werde, äh, ich werde hier einfach mit Phil warten.«

Der Raum, in dem Angie untersucht werden sollte, war schockierend weiß – bis auf die Wolkenlandschaft, die an die blassblaue Decke gemalt war. Die Liege war so kurz, dass Angie sich gar nicht ganz ausstrecken konnte, und sie fragte sich, wie sie es schaffen sollte, nicht hinunterzufallen. Als die Schwester die Prozedur mit dem Spurensicherungsset erklärte, hörte sie ihr unbeteiligt und wie betäubt zu. Das hier war nicht real.

Die Schwester hielt ihr einen Kugelschreiber hin. »Angela, hier musst du unterschreiben, okay?«

Ganz langsam und mit ihrer schönsten Schrift schrieb sie »Angela Gracie Chapman«, wobei sie sich wünschte, sie hätte noch mehr Vornamen, damit es länger dauerte. Die Frage in der Zeile daneben konnte sie dagegen nicht beantworten. »Mom, welcher Tag ist heute?«

»Der 18. September«, erwiderte ihre Mutter.

Angie blinzelte heftig, während sie das Datum hinschrieb. Dann reichte sie Mom den Stift, damit sie als »Elternteil/Vormund einer Minderjährigen« unterschrieb.

Wortlos strich Mom die Jahreszahl durch und korrigierte sie.

Angie schluckte die aufsteigende Magensäure erneut hinunter. Drei Jahre. Ausgelöscht mit einem Schwung des Kugelschreibers. Wie konnte das sein?

Moms Hand verharrte noch immer über dem Formular. »Sie war bisher noch nie beim Gynäkologen.«

»Möchten Sie im Raum bleiben?«, fragte die Schwester.

Angie bemerkte den aufgelösten Blick ihrer Mutter. Sie schüttelte den Kopf. »Das käme mir komisch vor«, sagte sie. »Meine Mutter sollte draußen warten. Zusammen mit meinem Dad.«

Die Schwester berührte Mom an der Schulter. »Mrs Chapman, ich werde während der gesamten Untersuchung dabei sein. Ich bin mit dieser Art von Fall sehr vertraut. Möchten Sie mir vielleicht Angelas Wechselkleidung geben?«

In Moms Gesicht spiegelten sich Schuldbewusstsein und Erleichterung. Sie unterschrieb das Formular und küsste Angie auf die Wange. »Ich warte im Flur, Schatz. Ich bin ganz nah bei dir.«

Nachdem sich die Tür hinter ihr geschlossen hatte, fühlte sich Angie plötzlich sehr viel jünger als sechzehn, sogar jünger als dreizehn. Eher wie sieben. Sie wollte ihre Mom wieder hereinrufen, damit sie ihr die Hand hielt und ihr sagte, dass bald alles wieder gut sein würde. Sie wollte, dass ihre Mutter sie daran erinnerte, sich auf dem Weg nach draußen einen Sticker geben zu lassen. Oder dass sie Angie fragte, wo sie sich zwei Kugeln Eis holen wollte, wenn sie hier fertig waren. Bisher hatte sie Arztbesuche, die Peinlichkeit, sich auszuziehen, die Kälte des Raums, die schreckliche Angst vor der Nadel immer auf diese Weise überstanden.

»Okay, Angela. Du schaffst das schon.« Die Schwester breitete eine Plane auf dem Boden aus. »Stell dich bitte in die Mitte der Unterlage, und leg alle deine Kleider darauf ab, ohne dass sie mit dem Boden in Kontakt kommen.«

»Warum?«, fragte Angie, während sie ihr geblümtes Oberteil aufknöpfte. Mit ungeschickten, zitternden Fingern nestelte sie daran herum.

»An deinen Kleidern könnten sich beweisträchtige Haare oder Fasern befinden. Die Schuhe auch.«

»Oh.« Verlegen öffnete sie den Reißverschluss der Hose, die sie trug. Sie konnte sie nicht ihre Hose nennen – denn sie hatte sie nie zuvor gesehen. Angie ließ sie zu Boden fallen und streifte die Schuhe ab. Im sterilen Licht schimmerte ihre Haut weiß und zog sich über den Muskeln zusammen. Angie bekam eine Gänsehaut. Als Nächstes schälte sie sich aus den Strümpfen.

»Woher hast du die Narben?«, fragte die Schwester und zeigte auf Angies Füße.

Als sie dem Finger der Schwester mit den Augen folgte, drehte sich ihr wieder der Magen um. Saure Flüssigkeit brannte sich einen Weg hoch zu ihrer Kehle.

Um jeden ihrer Knöchel lief ein fünf Zentimeter breites Band, ein dicker, unebener Striemen aus Narbengewebe. Angie presste sich eine Hand auf den Mund, sie wollte sich nicht übergeben. »Ich weiß es nicht«, flüsterte sie zwischen den Fingern hindurch. Tränen sammelten sich in ihren Augenwinkeln.

Oh mein Gott. Was war passiert? Ihre Füße waren schrecklich! Ekelhaft! Sie würde niemals wieder Sandalen tragen.

Mit vor der nackten Brust verschränkten Armen, die Hände in die Achselhöhlen geklemmt, stand sie zitternd in der Unterhose da. Der Slip war zu klein und total ausgeblichen, und doch war er vertraut inmitten all der Fremdheit. Es war tatsächlich ihre Unterhose. Blasse Schmetterlinge jagten über ihre Hüften. Sie konzentrierte sich darauf und versuchte aus dem Einzigen, was einen Sinn ergab, Trost zu schöpfen.

Die Schwester blickte von ihrem Klemmbrett auf. »Du musst alles ausziehen, Angela, und dich dann auf die Untersuchungsliege setzen. Da liegt ein Patientenhemd.« Sie drückte auf die Sprechanlage und verständigte den Arzt.

Angie ließ die Schmetterlinge fallen und hechtete zur Liege. Das steife Einwegnachthemd kratzte, aber wenigstens war sie nicht mehr nackt. Ihre Beine baumelten über die Kante der Liege, ihre Knie waren blau und knubbelig. Sie sah zu, wie die Schwester ihre Kleider in eine Plastiktüte steckte und sorgfältig kennzeichnete.

»Jetzt eine schnelle Maniküre«, sagte sie, schabte vorsichtig den Dreck unter Angies Fingernägeln hervor und gab ihn in ein kleines Döschen. »Bitte entschuldige.« Sie spähte unter Angies Patientenhemd. »Nicht genug Haare, um sie auszukämmen«, bemerkte sie und ließ das Nachthemd wieder über Angies Schoß fallen. Angie presste die Fußknöchel noch enger zusammen.

»Jetzt mach bitte den Mund auf.« Automatisch öffnete Angie den Mund für den Wattetupfer. Ihr Würgereflex setzte ein, und sie atmete heftig durch die Nase, um sich nicht zu übergeben. Ihre Wangeninnenseiten und ihre Zunge wurden sorgfältig abgerieben, dann landete der Wattetupfer in einem langen Glasröhrchen.

Die Schwester nahm ihren Kugelschreiber und das Klemmbrett. »Wann war deine letzte Periode?«

Angie wurde rot. »Ich habe meine Tage noch nicht. Ich bin eine Spätentwicklerin.«

In diesem Moment ertönte ein lautes Klopfen, und der Arzt trat ein. Angie stockte der Atem. Es war ein Mann. Oh Gott. Sie war noch nie von einem Mann untersucht worden. Zitternd und mit zusammengepressten Knien musterte sie ihn. Er sah alt aus, in seinen Bart mischten sich weiße Haare, und er hatte ein faltiges, freundliches Gesicht. Das war zumindest ein bisschen weniger peinlich als ein gutaussehender, junger Arzt. Sie löste ihre ineinander verschlungenen Finger und schüttelte die dargebotene Hand. Ihre war verschwitzt, seine warm und trocken.

»Hallo, Angela, ich bin Dr. Cranleigh. Hast du Fragen, bevor ich dich untersuche?«

Sie überlegte. »Wird es wehtun?«

»Es könnte ungefähr dreißig Sekunden lang unangenehm oder schmerzhaft sein. Das ist alles. Okay?«

Angie nickte. Keine falschen Versprechungen. Das gefiel ihr. »Selbst wenn ich noch Jungfrau bin?«, fragte sie.

»Selbst wenn du noch Jungfrau bist«, erwiderte er. »Soweit ich verstanden habe, leidest du möglicherweise an einer traumatisch bedingten Amnesie. Ist das richtig?«

Wieder nickte sie.

»Was dir passiert ist, tut mir sehr leid.« Er ging zum Waschbecken, um sich die Hände zu säubern.

Was war die richtige Antwort darauf? »Äh, danke.«

Die Schwester hielt sich jetzt als stumme Beobachterin im Hintergrund. Angie fragte sich, was sie dachte und wie viele andere junge Mädchen oder Frauen sie wohl schon in dieser Situation erlebt hatte. Vielleicht war es anders, wenn man tatsächlich vergewaltigt worden war, wenn man voller Wut war, wenn man sich nach Rache sehnte.

Aber nichts von alldem traf auf sie zu.

Dr. Cranleigh streifte ein Paar Latexhandschuhe über. »Wir haben es also mit einem Rätsel zu tun. Deshalb suchen wir nach Hinweisen – um klären zu können, was mit dir passiert ist und wo du die ganze Zeit warst. Stell dir einfach vor, dass wir ein Team sind. Ich verspreche dir, dich so schnell und vorsichtig wie möglich zu untersuchen. Und du versprichst mir, sofort zu sagen, wenn dir etwas wehtut. Wenn du nicht mehr kannst und eine Pause brauchst, dann ist das kein Problem. Und was auch sehr wichtig ist, Angela: Bitte sag mir, ob irgendetwas während der Untersuchung eine Erinnerung in dir wachruft – egal, was es ist. Okay?«

Angie war sich nicht sicher, ob sie irgendwelche Erinnerungen wachrufen wollte. Mit ihren Füßen war etwas Schreckliches geschehen. Wie sie da von der Untersuchungsliege herabbaumelten, konnte sie es nicht einmal ertragen, sie anzusehen. Und dann waren da auch noch die dunklen Furchen an ihren Handgelenken. Es musste einen wirklich guten Grund geben, warum sie sich nicht erinnern konnte.

Ein Gefühl von Unmut stieg in ihr auf. Sie musste nicht hier sein. Sie hätte sich alldem verweigern können. Vielleicht konnte sie das noch immer. War es denn überhaupt so wichtig, alles herauszufinden? Konnten sich denn nicht einfach alle freuen, dass sie wieder zu Hause war, und sie in Ruhe lassen? Sie war in Sicherheit. Sie war am Leben. Das reichte doch.

»Dann wollen wir mal, Angela«, sagte Dr. Cranleigh. »Ich werde mir jetzt deine äußerlichen Verletzungen und Narben ansehen.«

Sachlich und schnell hob er ihr Nachthemd an und begutachtete jeden Zentimeter ihrer Haut. Angie fixierte die Lampe über ihr, die leicht flackerte. Eine der beiden fluoreszierenden Glühbirnen war gelblicher als die andere, und sie konzentrierte sich auf den Blinkrhythmus der Lampe.

Dr. Cranleigh verweilte ziemlich lange bei ihren Füßen und Handgelenken, dann unterbrach er die Untersuchung, um sich ein paar Notizen zu machen und alles zu fotografieren. Sie sah zu, wie die Zeiger der Uhr vorwärtskrochen, und atmete im Takt des Uhrtickens, wobei sie versuchte, nicht auf das übelkeiterregende, gummiartige Gefühl zu achten, wenn er ihre Narben berührte.

»Was glauben Sie … Ich meine, woher habe ich die?«, zwang sie sich zu fragen.

»Diese Art Narben sind typisch für das wiederholte Wundscheuern durch Fesseln, und zwar sehr wahrscheinlich Fesseln aus Metall und nicht aus Leder«, antwortete er offen. »Vor allem die Handgelenke lassen auf mehr als eine bloße Fixierung durch Seile oder Schnüre schließen. Was wir hier sehen, kann nicht von Selbstverletzungen herrühren. Fällt dir dazu etwas ein?«

»Nein«, antwortete sie benommen. Man hatte sie fixiert? Gefesselt? Auf der Suche nach einem Erinnerungsfetzen ließ sie das Wort in ihrem Kopf kreisen. Doch ihr Verstand wehrte sich und reagierte mit schwarzer Leere. »Ich habe keine Ahnung.«

»In Ordnung, Angela. Jetzt leg dich bitte hin, und stell deine Füße in diese Stützen, die Knie nach oben und auseinandergespreizt, damit wir dich auf innere Verletzungen untersuchen können.«

Unvermittelt schnürte sich Angies Brust so zusammen, dass sie keine Luft mehr bekam. Versteck dich!, rief eine leise Stimme. Ein jäher Schmerz jagte durch ihren Schädel, und sie bedeckte die Augen mit den Händen.

Weit entfernt hörte sie die Stimme des Arztes. »Jetzt spürst du vielleicht einen leichten Druck …«

Doch sie spürte nichts. Der Schmerz in ihrem Kopf verschwand so schnell, wie er gekommen war, und sie öffnete überrascht die Augen. Die Schwester streckte die Hand aus, um ihr aufzuhelfen. »Schon vorbei«, sagte sie. »Danke, dass du so gut mitgemacht hast. Du kannst dich anziehen.«

Schon vorbei? Das war die Untersuchung? Wo war der Arzt? Er konnte doch in den zwei Sekunden, in denen sie ihre Augen geschlossen hatte, nicht hinausgegangen sein, oder?

Ihr Herz machte einen Satz. Es waren doch nur zwei Sekunden gewesen, oder nicht? Sie war doch nicht etwa ohnmächtig geworden?

Angies Augen wanderten von der Schwester zur Uhr. Seit sie das letzte Mal draufgeschaut hatte, waren nur ein paar Minuten vergangen, und einen Teil davon hatte sie sich mit Dr. Cranleigh unterhalten. Ihre Brust weitete sich vor Erleichterung. Wahrscheinlich war der Arzt einfach sehr flink auf den Beinen.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Scherbenmädchen" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen