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Schenk mir mehr als diese Nacht

1. KAPITEL

Aneesa Adani durchlebte bei vollem Bewusstsein einen Albtraum. Panik stieg in ihr auf, während sie von ihren jüngeren Schwestern und mehreren Tanten zu dem Platz geführt wurde, wo ihr Verlobter wartete, um sie endlich zu seiner Frau zu machen.

Der kunstvoll gearbeitete Hochzeitssari war so eng auf Figur geschneidert, dass sie kaum gehen konnte. Zu allem Übel bekam sie auch noch einen klaustrophobischen Anfall. Dazu die schweren Juwelen, die Kopf, Ohren, Hals, Arme und Hände der Braut zierten und sie fast zu Boden drückten …

Nicht zum ersten Mal kämpfte Aneesa gegen den unbezwingbaren Drang an, sich von dem ganzen Ballast zu befreien und die Flucht zu ergreifen. Energisch rief sie sich zur Ordnung und erinnerte sich daran, dass sie selbst die Schuld an dem ganzen Desaster trug.

Wäre ich nur nicht so naiv und leichtgläubig gewesen!

Zum wiederholten Mal fühlte sie einen sanften, aber nachdrücklichen Schubs im Rücken, der sie vorwärtsdrängte. Sobald sie den blumenumkränzten Torbogen durchschritten hatte, sah sie sich ihrem Verlobten und ihren Eltern gegenüber.

Die umstehenden Zuschauer, die den großzügigen Innenhof bevölkerten, gaben ein leises Raunen von sich. Der bezaubernde Patio war das Herzstück des exklusivsten Luxushotels von Mumbai und wirkte im Schein Hunderter Lichter romantisch und ausgesprochen märchenhaft. Doch gerade die opulente Dekoration und der ungeheure Aufwand ängstigten Aneesa umso mehr und machten ihr noch klarer, in was sie sich da hineinmanövriert hatte.

Langsam und beherrscht setzte Aneesa einen Fuß vor den anderen. Es war ohnehin sinnlos und viel zu spät, sich gegen ihr Schicksal aufzulehnen.

Eine flüchtige Bewegung, die sie nur aus den Augenwinkeln wahrnahm, lenkte sie kurz ab. Automatisch sah sie zur Seite und wurde förmlich von dem eisblauen Blick eines Mannes gefangen genommen, den sie noch nie zuvor gesehen hatte.

Er stand halb verdeckt im Hintergrund, doch selbst das ließ erkennen, dass er ungewöhnlich groß, kraftvoll und attraktiv war. Der Fremde stach aus der Menge heraus wie ein Juwel. Oder wie eine antike Statue, dachte Aneesa.

Unter Garantie war er ein Hotelgast, der von der glanzvollsten Hochzeit des Jahres gehört und daraufhin beschlossen hatte, sich einzuschleichen, um sich das farbenprächtige Spektakel nicht entgehen zu lassen.

Seine stolze Kopfhaltung und der freimütige Ausdruck auf dem markanten Gesicht erschienen Aneesa plötzlich wie schicksalsträchtige Symbole für die Freiheit, die sie gleich endgültig verlor. Sie wusste, dass es ihr während des kurzen Blickkontakts nicht gelang, Angst, Trotz und einen Rest von Widerstandsgeist aus ihrem Blick zu verbannen. Aber das war ihr egal. Denn das stumme Verständnis in seinen hellen Augen fand einen Widerhall in ihrem Herzen und tröstete sie ein wenig, obwohl sie nicht hätte sagen können, warum.

Erst verspätet wurde ihr die Ungeheuerlichkeit dessen, was gerade geschehen war, bewusst. Rasch wandte sie den Kopf ab und stählte sich innerlich für das, was gleich auf sie zukommen würde.

Sebastian Wolfe fühlte sich noch immer leicht benommen von dem intensiven Augenkontakt, den er kaum länger als einen Herzschlag lang mit der Braut getauscht hatte. Obwohl sie nur rein zufällig aufgeschaut hatte, trafen sich ihre Blicke in einem so tiefen Einverständnis, wie er es noch nie zuvor bei einer Frau erlebt hatte.

Auch wenn er das champagnergleiche Prickeln genoss, das dieser flüchtige Moment in ihm hervorrief, und sie ganz sicher die hinreißendste Braut war, die er je gesehen hatte, schüttelte er das kurze Intermezzo mit einem Schulterzucken ab und lächelte zynisch.

Hauptsache, ich bin es nicht, der die Braut am Ende des blumengeschmückten roten Teppichs in Empfang nehmen muss!

Er selbst stammte aus einer großen Familie, deren Oberhaupt sich in seiner Rolle als Erzeuger von acht Sprösslingen aus drei Ehen und zahllosen Affären gefallen hatte. Doch zu behaupten, dass Sebastian mit der Ehe als heiligem Sakrament auch nur im Entferntesten etwas anfangen könnte, wäre stark übertrieben.

Mit eisernem Willen zwang er seine Gedanken zurück in die Gegenwart, weg von dem gefährlichen Minenfeld seiner Vergangenheit und Wolfe Manor, dem Familiensitz, den er und seine Geschwister nach dem gewaltsamen Tod ihres Vaters bei der ersten Gelegenheit verlassen hatten.

Das Zentrum des großzügigen, festlich gestalteten Innenhofs bildete ein romantischer Baldachin, dekoriert mit farbenprächtigen Seidenbahnen. Obwohl nicht unbedingt hochgewachsen, stand die Braut so gerade und mit anmutig stolzer Kopfhaltung da, dass sie sehr groß wirkte. Ihr Gesichtsausdruck war eher hoch konzentriert als glücklich, was Sebastian angesichts der komplizierten Rituale einer traditionellen indischen Hochzeit gut verstand. Ihm erschien die Zeremonie wie eine schwindelerregende Aneinanderreihung unverständlicher Floskeln, jede noch gewichtiger als die vorangegangene. Alle Beteiligten folgten einem starren Verhaltenskodex. Das ging nun schon seit Tagen so, und heute Abend sollte das Ganze in einem besonders festlichen Ritual seinen Abschluss finden. In Räucherschalen brannten aromatische Kräuter und Essenzen und erfüllten die laue abendliche Luft mit luxuriösen, orientalischen Düften.

Sebastian hatte bereits die Ankunft des Bräutigams miterlebt, der auf einer Art goldener Sänfte zum Schauplatz des Geschehens getragen wurde. Gekleidet in eine kostbare, reichhaltig bestickte Tunika über weiten, pludrigen Seidenhosen und mit einer Blumengirlande um den Hals wurde er von seiner Sippschaft ehrerbietig begrüßt und in Empfang genommen.

Anschließend führte man ihm seine Braut zu, an deren Seite Frauen aus ihrer eigenen Familie schritten. Sebastian betrachtete fasziniert die kunstvollen Hennatattoos, die ihre Finger und Hände zierten. Mit dem glitzernden rotgoldenen Sari und der zugehörigen Kopfbedeckung, gehalten durch einen Stirnreif aus Perlen und Diamanten, wirkte sie wie eine indische Prinzessin aus einem längst versunkenen Jahrhundert.

In Erinnerung an den Blick, den sie getauscht hatten, zog sich sein Magen zusammen. Es war völlig unsinnig, aber Sebastian hätte schwören können, dass er so etwas wie Panik und Verzweiflung in den nachtdunklen, mit schwarzem Kajal umrahmten Augen gesehen hatte.

Das war sicher nur eine Täuschung, dachte er und schaute erneut zu der Braut, die anscheinend ruhig und gelassen ihre Blumengirlande mit dem Bräutigam tauschte. Aber zitterten ihre Hände nicht bei genauerem Hinsehen?

Was geht mich der Gemütszustand einer völlig Fremden an ihrem Hochzeitstag an? rief er sich selbst zur Ordnung. Hauptsache die ganze Veranstaltung geht glatt über die Bühne, und die Hochzeitsgesellschaft kommt nicht noch kurz vor dem Finale auf die Idee, die Feier an einen anderen Ort zu verlegen.

Dieses Hotel war nur eines in der langen Kette seiner Nobelhotels, die über die ganze Welt verstreut lagen: das ultraluxuriöse ‚Mumbai Grand Wolfe‘. Und er war extra aus England gekommen, um sicherzustellen, dass bei der Society-Hochzeit des Jahres alles tadellos klappte. Aneesa Adani und Jamal Kapoor Khan, zwei von Bollywoods berühmtesten Stars, würden sich heute und hier das Jawort geben.

Aus dem Dossier seiner indischen PR-Agentur wusste Sebastian, dass Aneesa Adani vor einigen Jahren zur indischen Schönheitskönigin gekrönt worden war. Danach folgte eine steile Modelkarriere, der sich eine Hauptrolle in einem Bollywoodstreifen anschloss. Inzwischen war sie ein Superstar mit einer beachtlichen Anzahl von Filmen, die in den Zuschauerhitlisten ganz oben rangierten.

Die Liebesromanze und Hochzeit mit dem männlichen Bollywoodliebling Jamal Kapoor Khan würde die beiden für die nächsten Jahre zum einflussreichsten Paar der indischen Kinoindustrie machen. Sie waren beide auf dem Zenit ihrer Karriere und absolute Publikumslieblinge mit einer Fangemeinde von mehr als einer Milliarde Menschen.

Sebastian warf einen schnellen Blick in die Runde und registrierte zufrieden bis an die Zähne bewaffnete Bodyguards und uniformierte Polizeioffiziere inmitten seines eigenen, perfekt trainierten Security-Teams.

Von dort, wo er stand, sah er den Mond über dem Arabischen Meer aufsteigen und das von Flutlicht angestrahlte ‚Gateway of India‘, Mumbais berühmtestes Wahrzeichen. Das Tor zu Indien … der indische Arc de Triomphe.

Instinktiv wartete er auf die Befriedigung, die er sonst in einem Moment wie diesem empfand. Eine tiefe Befriedigung angesichts der raren Gelegenheiten, sich innerlich zurückzulehnen und die Früchte seiner jahrelangen harten Arbeit zu genießen. Doch das Gefühl stellte sich nicht ein. Und erst in dieser Sekunde fiel ihm auf, dass er es schon seit Langem nicht mehr verspürt hatte.

Irritiert heftete er den Blick noch einmal auf das Brautpaar unter dem farbenprächtigen Baldachin, das inzwischen Seite an Seite auf zwei erhöhten, goldenen Sitzen thronte. Auf dem schmalen Gesicht der Braut lag immer noch derselbe gelassene Ausdruck. Doch angesichts der Erkenntnis, dass er nur Fassade war, sträubten sich Sebastians Nackenhaare.

Und plötzlich fühlte er noch etwas viel Stärkeres in einer ganz anderen Region seines Körpers. Zwischen den vielen Stofflagen des traditionellen Brautgewands konnte er zwar nur schmale Streifen blasser olivenfarbener Haut ausmachen, doch das hinderte ihn nicht daran, sich ihre samtene Konsistenz und köstliche Wärme lebhaft vorzustellen.

Wie ein frisches, zartes Rosenblatt würde sie sich anfühlen …

Voller Abscheu vor sich selbst bemerkte Sebastian, dass er nicht davor zurückscheute, eine Braut bei ihrer Hochzeitszeremonie nicht nur zu taxieren, sondern sich von ihrem Anblick auch noch hochgradig erregen zu lassen. Und zwar so heftig wie seit ewigen Zeiten nicht mehr. Zugleich stieg ein absolut unsinniges Gefühl von Eifersucht auf den Bräutigam in ihm hoch. Auf den Mann, dem es vergönnt war, in Kürze den verborgenen Geheimnissen seiner hinreißend exotischen Frau auf die Spur zu kommen.

Dabei unterschied sich Aneesa Adani bei näherem Hinsehen unter Garantie nicht von anderen hübschen Mädchen, die dem gehobenen Mittelstand angehörten. Eine kleine indische Prinzessin, deren Heirat nur einen weiteren Schritt in den luxuriösen Müßiggang bedeutete – abgesehen von ihrer Karriere als Schauspielerin.

Außerdem bezweifelte Sebastian ernsthaft, dass sich Aneesa ihrem Gatten in der Hochzeitsnacht als errötende Jungfrau präsentieren würde. Denn trotz des keuschen Images, das die Bollywoodstars in ihren Liebesfilmen hochhielten, standen sie, was heiße Affären im normalen Leben betraf, ihren Kollegen aus Hollywood in nichts nach. Was die viel diskutierte und kommentierte Lovestory zwischen dem Brautpaar bewies, die bereits seit Monaten andauerte …

Entschlossen wandte er sich um und verließ mit einem grimmigen Lächeln den festlich geschmückten Patio und die atemberaubend schöne Braut. Mit weit ausholenden Schritten durchquerte er die Hotellobby, eine gelungene Mischung aus maurischem und portugiesischem Design, und ignorierte die bewundernden Blicke, die seiner hohen Gestalt folgten.

An Aufmerksamkeit von weiblicher Seite hatte es Sebastian und seinen Brüdern nie gefehlt. Sie war ihnen schon entgegengebracht worden, als sie noch gar nichts damit anzufangen wussten.

Nachdem er kurz mit dem Hotelmanager gesprochen hatte, betrat er seinen Privatlift und fühlte sich in seinem maßgeschneiderten Designeranzug plötzlich wie in einer Zwangsjacke. Gleichzeitig verspürte er das drängende Verlangen, sich körperlich auszupowern.

Extremsport war schon seit Jahren die Droge, die ihm half, den quälenden Erinnerungen seiner Kindheit zu entfliehen und die rigiden Anforderungen und Grenzen, die ihm die Gegenwart aufzwang, zeitweilig zu vergessen. Oder das nagende Gefühl von Unzufriedenheit zu bekämpfen sowie die durchwachten Nächte zu verkürzen, die ihm seine chronische Schlaflosigkeit regelmäßig bescherte.

Sein Gesicht in dem verspiegelten Lift lies keinerlei Regung auf den harten, attraktiven Zügen erkennen. Sebastian war seit frühester Jugend daran gewöhnt, eine undurchsichtige Maske zur Schau zu tragen, während in seinem Innern Gefühlsstürme tobten.

Und wieder wanderten seine Gedanken zu den Brautleuten im Patio zurück. Er machte sich keine Illusionen: Auch in dieser Ehe würde nach einer gewissen Zeit romantischer Verblendung die nüchterne Realität einkehren. Und das in einem Land mit der niedrigsten Scheidungsrate der Welt. Fast verspürte er so etwas wie Mitleid mit dem Paar, für das es quasi unmöglich war, sich jemals aus den Ehefesseln zu befreien, besonders wenn auch noch Kinder ins Spiel kamen.

Aber welches Recht hatte er schon, über das junge Glück zu urteilen? Ausgerechnet er, der aus einer Familie stammte, die man in keiner Weise als normal bezeichnen konnte.

In seiner Penthouse-Suite angekommen, warf er das Jackett auf einen Sessel und riss sich dann die Krawatte förmlich vom Hals. Dabei wünschte er dem Brautpaar in Gedanken alles Gute und verbannte das beunruhigende Bild der reizenden Braut in den Hinterkopf.

Aneesa bekam kaum etwas von den langatmigen Hochzeitsritualen um sie herum mit. Sie fühlte sich wie gelähmt – was eine Art Selbstschutz war, wie sie wusste –, aber gleichzeitig auch minderwertig und völlig fehl am Platz.

Hinter ihren Schläfen hämmerte es noch genauso schmerzhaft wie an jenem Abend vor zwei Tagen, als ihre komfortable, sichere und heile Welt in tausend Stücke zerbrochen war.

Die Vorstellung, in ihrer Hochzeitsnacht noch Jungfrau zu sein, hatte Aneesa kurz vor der Trauung mit Angst erfüllt. Möglicherweise lag es daran, dass sie zunehmend an ihrer Liebesbeziehung zu Jamal zweifelte. Seine offensichtliche Abneigung vor jedem physischen Kontakt zwischen ihnen irritierte sie mehr, als sie zugeben wollte. Also hatte sie sich in seine Hotelsuite geschlichen, um ihn zu überraschen und vielleicht endlich aus der Reserve zu locken, was die sexuelle Seite ihrer Verbindung betraf.

Doch anstatt ihn beim Studium des Scripts für seine nächste Filmrolle vorzufinden, wie er es ihr angekündigt hatte, überraschte sie ihn im Bett.

Mit seinem Assistenten!

Jetzt, mitten in ihrer Trauung, erkannte Aneesa, dass sie sich immer noch nicht vollständig von dem Schock erholt hatte.

An jenem Abend hatte sie es gerade noch ins angrenzende Bad geschafft, bevor sie sich übergeben musste. Jamals Liebhaber war wie der Blitz von der Bildfläche verschwunden, was ihrem Verlobten die nötige Zeit gab, um sich eine Verteidigungsstrategie zurechtzulegen.

Immer noch sah sie sein glattes hübsches Gesicht vor sich – eine Maske herablassenden Mitleids – als er sie fragte, warum ausgerechnet sie nicht bemerkt haben wollte, was ihre gemeinsamen Freunde schon lange wussten. Daraufhin hätte Aneesa sich fast erneut übergeben, als sie an die abfälligen Blicke zurückdachte, die sie fälschlicherweise für Neid und Eifersucht gehalten hatte.

Damit stand auch fest, dass sie sich keinem ihrer sogenannten Freunde anvertrauen konnte. Welch bittere Erfahrung, um sich eingestehen zu müssen, was für ein hohles, sinnentleertes Leben sie inzwischen führte!

An jenem schrecklichen Abend war ihre Existenz in den Grundfesten erschüttert worden. Und Aneesa hatte sich von der verwöhnten Prinzessin, die alles Gute in ihrem Leben als selbstverständlich erachtet hatte, zu einer erwachsenen jungen Frau verwandelt, die bereit war, der Realität ins Gesicht zu schauen.

Obwohl sie zunächst versuchte, Jamal die ganze Schuld an der unerträglichen Situation aufzubürden, musste sie schließlich doch zugeben, dass ihre geradezu sträfliche Naivität dabei auch eine gewisse Rolle gespielt hatte. Aber was nützte diese Erkenntnis angesichts Jamals kalter Warnung?

„Wenn du auch nur einen Moment glaubst, dich jetzt vor dieser Heirat drücken zu können, irrst du dich gewaltig. Denn eines schwöre ich dir … solltest du vor aller Welt die Wahrheit hinausposaunen, werde ich dich bis aufs Blut bekämpfen. Deine Karriere wäre beendet, und nach dem Skandal würde dich niemand mehr heiraten. Unsere Ehe ist die Garantie dafür, dass man mich gesellschaftlich respektiert, und unsere Kinder werden jeder Mutmaßung in eine andere Richtung für immer das Maul stopfen.“

Aneesa zweifelte keinen Moment daran, dass Jamal meinte, was er sagte. Sie wusste sehr wohl, dass sie in jedem Fall den Kürzeren ziehen würde, wenn sie sich gegen ihn auflehnte. So berühmt und beliebt sie auch sein mochte, er war der größere Star.

Außerdem gab es da noch ihre Familie. Sie war die Erste von ihren Geschwistern, die verheiratet werden sollte, und ihre geliebte Großmutter mit ihren stolzen neunundachtzig Jahren betonte immer wieder aufs Neue, dass sie nicht eher zu ihren Vorfahren aufbrechen würde, bis Aneesa verheiratet wäre.

Dazu kam, dass alle Welt dachte, ihre Familie schwimme in Geld, während allein Aneesa und ihre Mutter wussten, dass dem Seidenhandel, von dem sie bisher sehr luxuriös gelebt hatten, der Konkurs drohte. Dennoch hatte Aneesas Vater darauf bestanden, die Hochzeit seiner Tochter allein auszurichten und ihre finanzielle Unterstützung stolz zurückgewiesen.

Wie hätte sie ihren Eltern von Jamals Doppelleben erzählen können? Sie gehörten der gehobenen Mittelschicht an und waren extrem konservativ. Es hätte sie vernichtet. Respektabel war sozusagen ihr zweiter Familienname.

Aneesa spürte Jamals forschenden Blick wie ein zentnerschweres Gewicht auf sich lasten und konnte sich kaum überwinden, den Kopf nach links zu drehen. Denn dann hätte sie nur wieder den Ausdruck anbetender Liebe auf seinen glatten Zügen gesehen, den er sich im Laufe seiner Filmkarriere antrainiert hatte. Eine Maske, auf die auch sie hereingefallen war, als sie ihren ersten Film zusammen gedreht hatten.

Kein Wunder, dass er mich im Handumdrehen eingewickelt hat! dachte sie selbst in diesem Moment noch mit widerwilliger Bewunderung. Er hatte sie auf den ersten Blick richtig eingeschätzt: das naive, behütete Ding auf der Suche nach Abenteuern und der großen, echten Liebe. Andersherum waren es sein überwältigender Charme und das demonstrative Interesse an ihr gewesen, die ihre niedersten Instinkte geweckt und befriedigt hatten. Dafür würde sie sich ein Leben lang schämen.

Ihr Abschweifen in die Vergangenheit und die bitteren Selbstvorwürfe wurden von der Aufforderung an das Brautpaar unterbrochen, sich zu erheben. Jetzt folgte der gewichtigste Teil der Trauungszeremonie, nach dem für Aneesa jede Chance auf Flucht für immer und ewig vorbei sein würde.

Die Enden von ihrem Sari und Jamals Kaftan wurden miteinander verknüpft. So sollten sie, Seite an Seite, sieben Mal um das heilige Feuer gehen, während ihnen sieben Segnungen zugesprochen würden, von denen sich jede auf einen anderen Aspekt ihrer Ehe bezog.

Mit jedem Schritt wuchs Aneesas Panik ins Unermessliche. Plötzlich war das taube Körpergefühl verschwunden, stattdessen begann sie angesichts der Ungeheuerlichkeit, die sie gerade beging, am ganzen Leib haltlos zu zittern.

Alle Kleinmädchenträume von der großen Liebe und der Märchenhochzeit waren längst zerschlagen. Aber wie konnte sie ihren ungeborenen Kindern eine so grausame Lüge zumuten?

In dieser atemlosen Sekunde dachte Aneesa an die durchdringenden blauen Augen des Fremden und fühlte sich von einer Kraft und Entschlossenheit durchströmt, wie sie sie noch nie zuvor erlebt hatte. Hin- und hergerissen zwischen Schockstarre und wilder Panik agierte sie mit einer Ruhe und Selbstsicherheit, die sie selbst überraschte.

Sie blieb abrupt stehen, beugte sich hinab und löste den Knoten zwischen Jamals und ihrem Hochzeitsgewand.

„Aneesa, was tust du da?“, zischte Jamal ihr fassungslos zu.

Ohne ihn zu beachten, trat sie aus dem Kreis, der sich um die Feuerstelle zog, und ging ruhig auf ihren Vater zu, der ihr mit offenem Mund entgegenschaute. Liebevoll umfasste sie seine Hände mit ihren und zog sie an die Lippen.

„Es tut mir leid, Papa“, flüsterte sie mit tränenerstickter Stimme, „aber ich kann das nicht tun. Ich werde dir alle Auslagen ersetzen. Bitte verzeih mir …“

Dann wandte sie sich ab und floh.

Während sie rannte, so schnell sie es in ihrem engen Sari konnte, nahm Aneesa ihre Umgebung gar nicht wahr. Sie wusste nur, dass sie so weit wie möglich von der Hochzeitsgesellschaft entfernt sein musste, wenn diese aus dem ersten Schock erwachte. Denn sobald das geschehen war, würde ihr Vater eine ganze Armada von Sicherheitsleuten hinter ihr herschicken.

Ihre armen Eltern! Doch an sie durfte Aneesa jetzt nicht denken, denn ein Zurück gab es für sie nicht.

Mit klopfendem Herzen blieb sie kurz stehen, um sich zu orientieren. Nachdem sie mehrere Treppen im Servicetrakt des Hotels hinaufgelaufen war, stand sie vor einer Stahltür, hinter der sich wahrscheinlich der Dienstbotenfahrstuhl verbarg. Auf Knopfdruck öffnete er sich lautlos. Mit einem Stoßseufzer flüchtete sich Aneesa ins Innere und hechtete förmlich aus der Kabine, sobald die Lifttüren wieder auseinanderglitten. Flüchtig wunderte sie sich über die elegante Ausstattung des Vorraums, in dem sie nur eine weitere Tür sah. Leise drückte sie die Klinke herunter und spähte um die Ecke. Alles war still und keine Menschenseele zu sehen.

Offenbar war sie in einer leeren Suite gelandet. Nach dem eleganten Interieur und den vielen Türen im Innern der Suite zu urteilen, musste es sich um eine der Nobelresidenzen innerhalb des riesigen Hotels handeln.

Erleichtert, wenigstens fürs Erste gerettet zu sein, schlenderte Aneesa durch die ultramodern eingerichtete Küche, die im Dämmerlicht lag. Gleich dahinter schlossen sich ein großzügiger Essbereich und ein noch größerer Wohnraum mit direktem Zugang zur Terrasse an. Hinter der raumhohen Glasfront sah sie die Skyline von Mumbai in der untergehenden Sonne glitzern.

Und plötzlich dämmerte es ihr. Dies ist keine normale Luxussuite, sondern das Penthouse des Hotels!

Automatisch dachte Aneesa an ihre eigene Honeymoon-Suite mit dem riesigen Himmelbett, das über und über mit Rosenblättern bestreut war, und spürte, wie ihre Knie zu zittern begannen. Als sie auf die Glastüren zuhastete und sie mit aller Kraft auseinanderschob, wäre sie beinahe über ihren bodenlangen Sari gestolpert. Luft! Sie brauchte unbedingt Luft zum Atmen!

Auf der ausladenden Terrasse riss sie sich die Blumengirlande vom Hals, ließ sie achtlos zu Boden fallen und atmete tief die kühle Abendbrise ein.

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