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Schenk mir diese letzte NachtJU_

1. KAPITEL

Ich hätte nicht herkommen sollen! Nicht zur Hochzeit meines Ex-Mannes. Panisch sah Sienna Fisher sich in der völlig überfüllten Kirche um und fragte sich, ob sie verschwinden könnte, ohne dass jemand es bemerken würde.

Unmöglich, stellte sie verzweifelt fest. Zusammen mit anderen Gästen war sie in der Kirchenbank eingepfercht. Neben ihr saß das kleine Mädchen, das sie weinend auf dem Friedhof aufgelesen hatte. Der Kummer des Kindes hatte ihre mütterlichen Instinkte geweckt, also hatte sie kurzentschlossen die Hand der Kleinen ergriffen und war mit ihr durch die Sakristei in die Kirche gegangen, wo das Mädchen seine Mutter wiedergefunden hatte. Diese saß auf der anderen Seite ihrer Tochter.

Der Organist begann zu spielen. Während die ersten Töne von Händels Ankunft der Königin von Saba erklangen, ergriff die Gemeinde eine allgemeine Unruhe. Alle Köpfe drehten sich zum Eingangsportal, weil jeder einen ersten Blick auf die Braut erhaschen wollte. Nur Sienna starrte geradeaus auf die breiten Schultern von Domenico De Conti, dem Mann, den sie vor zehn Jahren in genau dieser Kirche geheiratet hatte.

Neben Nico stand sein jüngerer Bruder Daniele. Beide waren ausgesprochen hochgewachsen, doch Nico war noch ein ganzes Stück größer als Danny. Obwohl sie fünf Jahre auseinander lagen, standen sich die beiden Brüder sehr nah. Daher überraschte es Sienna nicht, dass Nico seinen Bruder zum Trauzeugen gewählt hatte – genauso wie schon auf ihrer Hochzeit.

Als Nico den Kopf drehte, stockte ihr der Atem. Sie hatte erwartet, er werde seine Braut ansehen, doch stattdessen glitt sein Blick direkt zu ihr, als hätte sein sechster Sinn ihre Anwesenheit wahrgenommen. Sienna bemerkte, wie er erschrak. Offensichtlich verdeckte ihr ausladender Hut ihr Gesicht nicht so gut, wie sie gehofft hatte. Aber sie war auch nicht davon ausgegangen, lange genug zu bleiben, dass Nico sie überhaupt entdecken könnte. Ursprünglich hatte sie nur einen kurzen Blick auf jenen Mann werfen wollen, den sie einmal unendlich geliebt hatte, bevor er sie betrogen und ihr Herz gebrochen hatte.

Sienna hatte nie vorgehabt, in die Kirche zu gehen, sondern sich hinter einem Grabstein verborgen gehalten und von dort aus Nicos und Dannys Ankunft beobachtet. Augenscheinlich hatte Nico noch immer eine Leidenschaft für schnelle Autos, denn selbst zu seiner eigenen Hochzeit tauchte er mit einem schnittigen silbernen Sportwagen auf, den er selbst lenkte. Die beiden Männer hatten kurz mit dem Pfarrer gesprochen und waren anschließend in die Kirche gegangen. Gerade als Sienna verschwinden wollte, hatte sie das weinende kleine Mädchen entdeckt.

Und so saß sie nun gegen ihren Willen inmitten der Festgesellschaft. Nico warf ihr finstere Blicke zu. Ihr Platz war zu weit von ihm entfernt, um die Farbe seiner Augen zu erkennen. Doch sie erinnerte sich genau an das intensive Blau, das dem wolkenlosen Himmel über dem Hochmoor an einem Sommertag Konkurrenz machte.

Seine Augen und der schlanke Knochenbau waren ein Erbe seiner englischen Mutter. Alles andere war typisch italienisch: das fast pechschwarze Haar, das er heute gebändigt und aus der Stirn gestrichen hatte, die olivfarbene Haut, das impulsive Wesen.

Vor zehn Jahren war Nico ein attraktiver, jungenhafter Bräutigam gewesen. Mittlerweile war er Mitte dreißig, und seine Gesichtszüge waren stärker ausgeprägt. Er sah sündhaft gut aus. Sein muskulöser Körper strahlte Kraft und Macht aus, ganz besonders in diesem grauen Cut.

Erschüttert, dass er noch immer diese Wirkung auf sie hatte, riss Sienna ihren Blick von Nico los. Seit acht Jahren schon waren sie geschieden, und sie war heute nur zur Kirche gekommen, um sich selbst zu beweisen, dass sie über ihn hinweg war. Während sie förmlich darauf wartete, dass er ihr eine Szene machen würde, saß sie mit klopfendem Herzen da. Zweifellos würde er die Zeremonie unterbrechen und sie aus der Kirche werfen lassen.

Sienna spürte, wie ihr angesichts der Vorstellung, vor all den Bürgern von Much Matcham, unter denen sie aufgewachsen war, gedemütigt zu werden, das Blut in die Wangen stieg. Auch wenn sie unter den Besuchern in der wunderschönen St. Augustine Kirche nicht viele Einwohner des kleinen Ortes in Yorkshire entdeckt hatte. Vermutlich gehörten die meisten Gäste zur High Society Londons oder Veronas. Dort lag der Hauptsitz der Hotelkette De Conti, die Nico gehörte.

Ihr Blick wanderte zurück zu seinem gefährlich attraktiven Gesicht, und eine plötzliche Hitze durchzog sie – ein Sehnen, das nur Nico in ihr auslösen konnte. Es verwirrte sie, dass sich plötzlich Besitzansprüche in ihr rührten. Er gehört mir, meldete sich eine schrille Stimme in ihrem Innern. In ein paar Minuten allerdings würde er einer anderen Frau seine Liebe versichern. Völlig unerwartet schossen ihr Tränen in die Augen, und sie war froh, dass er sich wieder umgedreht hatte.

Ihre Finger zitterten, als sie angelegentlich das Liederblatt studierte, das ihr jemand am Eingang in die Hand gedrückt hatte.

Als sie versucht hatte zu erklären, dass sie kein offizieller Gast war, hatte er sie ungeduldig unterbrochen. „Entschuldigen Sie, aber wir sind spät dran. Gehören Sie zur Braut oder zum Bräutigam?“

„Zum Bräutigam, denke ich. Aber …“

„Dann nehmen Sie bitte hier Platz.“ Der Mann hatte sie förmlich in die Bankreihe gedrängt, und nun war sie hier gefangen und musste mit ansehen, wie ihr Ex-Mann wieder einmal einer Frau ewige Treue schwor.

Mittlerweile war die Braut durch den Mittelgang geschritten und stand nun vorn am Altar.

Allerdings nicht neben Nico, wie Sienna verblüfft feststellte. Danny hatte die Braut in Empfang genommen.

Es ist Danieles Hochzeit! Die Gedanken wirbelten wild in Siennas Kopf herum.

Am vergangenen Wochenende hatte sie ihre neunzigjährige Großmutter in dem Seniorenheim besucht, in dem Rose seit Kurzem lebte.

„Dein Ehemann will also wieder heiraten?“, hatte Rose sie empfangen.

Heftiger als gewollt hatte Sienna ihre Teetasse abgestellt. Das feine Porzellan hatte bedrohlich geklirrt. „Es gibt keinen Grund, warum mein Ex-Mann nicht wieder heiraten sollte“, hatte sie kühl entgegnet, obwohl sich ihr der Magen bei dem Gedanken umgedreht hatte.

Doch ihre Großmutter ließ sich davon nicht beeindrucken. „Vermutlich braucht er eine Frau, die in Sethbury Hall ein bisschen aufräumt und ihm einen Erben schenkt“, drehte sie das Messer in der Wunde.

Ein scharfer Schmerz durchzuckte Sienna. Noch immer war es für sie eine Tragödie, dass sie keine Kinder bekommen konnte. Sie vermied jeden Gedanken daran – ebenso wie sie die Erinnerung an das Baby ausblendete, das sie damals verloren hatte.

„Wen wird Nico denn heiraten?“, erkundigte sie sich stattdessen betont beiläufig, während sie die Zeitung durchblätterte und die Promi-Nachrichten überflog.

Dort stand es Schwarz auf Weiß. Mr. Domenico De Conti würde am zehnten Juni Miss Victoria Harington in der St. Augustine Kirche in Much Matcham heiraten.

Während Sienna das Paar vor dem Altar betrachtete, wurde ihr klar, dass die Zeitung die Vornamen der beiden Brüder verwechselt haben musste.

Wie in einem Schleier aus Nebel zog die Hochzeitszeremonie an ihr vorüber. Als das Brautpaar durch den Mittelgang schritt und die Gäste nach und nach folgten, schlüpfte Sienna durch die Sakristei wieder hinaus – in der Hoffnung, niemand werde sie bemerken.

„Sienna? Was, um alles in der Welt, machst du hier?“

Der vertraute italienische Akzent ließ sie erstarren. Nicos tiefe Stimme hatte ihre Knie schon immer weich werden lassen. Sie richtete sich kerzengerade auf und drehte sich zu ihm um.

„Hallo Nico.“ Gehört diese atemlose, aufreizende Stimme tatsächlich mir? Als sie den leichten Spott in seinem Blick sah, fluchte Sienna insgeheim und errötete schon wieder. Er musterte sie mit einem überraschend besitzergreifenden Blick, der vor dem Hintergrund ihrer gemeinsamen Geschichte vollkommen unpassend war. Dennoch spürte sie, wie ihre Brustknospen hart wurden. Und leider würde auch ihm das unter ihrer dünnen Seidenbluse wohl kaum verborgen bleiben.

Aus der Nähe betrachtet sah er noch besser aus. Das Sonnenlicht tanzte in seinem nachtschwarzen Haar und ließ seine männlichen Züge noch stärker hervortreten. Und die würzige Note seines Aftershaves verbunden mit seinem ganz persönlichen, unverwechselbaren Duft hatte sich nicht verändert.

Unwillkürlich musste sie daran denken, wie er sich entspannt und zufrieden im Bett ausgebreitet hatte, nachdem sie zusammen geschlafen hatten. Und wie schnell er stets wieder bereit für sie gewesen war. Er hatte sie auf sich gezogen, und sie hatten sich wieder und wieder geliebt.

Ihre Leidenschaft war eine explosive Mischung gewesen. Anfangs hatten sie kaum die Finger voneinander lassen können. Doch das war gewesen, bevor Sienna ihr Baby verloren hatte. Danach war ihr Sex nicht mehr dem Rhythmus ihrer Lust, sondern dem ihrer fruchtbaren Tage gefolgt. Der Wunsch, wieder schwanger zu werden, hatte sich zu einer Besessenheit ausgewachsen. Das hatte ihre Ehe nicht ausgehalten.

Heute hierherzukommen, war idiotisch. Es wäre besser gewesen, ihn nie wiederzusehen. Denn Sienna trauerte noch immer ihrer gemeinsamen Zeit nach, auch wenn sie sich regelmäßig sagte, dass sie ihre Ehe mittlerweile romantisch verklärte.

„Ich habe deinen Namen gar nicht auf der Gästeliste gesehen“, drang seine Stimme durch ihre Gedanken. „Dabei bin ich sicher, dass Danny es mir erzählt hätte, wenn er dich zu seiner Hochzeit eingeladen hätte.“

„Ich … ähm …“ Diese verdammte Röte im Gesicht! „Ich habe in der Zeitung von der Hochzeit gelesen und wollte ihm und seiner Braut gratulieren.“

Zweifelnd sah er sie an. „Wie seltsam. In der Zeitung haben sie seinen Namen doch mit meinem vertauscht.“

„Stimmt, aber meine Großmutter hat es mir erzählt.“ Heimlich kreuzte Sienna ihre Finger hinter dem Rücken. „Rose hält noch immer Kontakt zu deiner Großmutter, daher wusste sie von der Verwechslung.“ Sie reckte das Kinn und hielt Nicos prüfendem Blick stand. Auch wenn ihr Herz raste, versuchte sie, einen lässigen Eindruck zu machen, und hoffte, überzeugend zu wirken.

„Du bist also nicht gekommen, weil du gehofft hast, mich zu treffen?“

„Aus welchem Grund sollte ich wohl hoffen, dich wiederzusehen? Zum Glück ist das Desaster unserer Ehe lange vorbei.“

„Ich würde es nicht unbedingt ein Desaster nennen“, erwiderte er. „Es war eine schöne Zeit.“ Sein Tonfall bekam einen zärtlichen Klang, und Sienna erschauerte. „Sehr schön sogar“, fügte er hinzu.

„Im Bett, meinst du?“ Sie hatte ironisch klingen wollen, doch ihre Stimme glich eher einem Krächzen. Warum musste er auch so dicht vor ihr stehen? Unwillkürlich fuhr sie sich mit der Zungenspitze über die trockenen Lippen. „Zu einer Ehe gehört mehr als nur fantastischer Sex.“

Er verzog die Lippen zu einem spöttischen Lächeln, und sie hasste ihn dafür. „Aber er war in der Tat fantastisch, nicht wahr, cara?“ In seinen Augen lag jetzt ein gefährliches Glitzern.

„Lass das“, warnte sie ihn scharf und versuchte zu ignorieren, dass ihr Herz bei seinen Worten einen freudigen Satz gemacht hatte.

Als Nico mit seiner Hand sanft über ihre Wange strich, wappnete sie sich gegen seine Berührung und widerstand der Versuchung zurückzuzucken. Seine tiefblauen Augen zogen sie in ihren Bann, und sie war unfähig, sich auch nur einen Schritt von ihm weg zu bewegen. Es schien, als gäbe es nur noch sie und ihn. Alles um sie herum verblasste. Hier, in dieser Kirche, hatten sie sich einst versprochen, einander zu lieben und zu ehren, bis der Tod sie schied.

Nico neigte den Kopf, und seine Lippen waren nur noch Zentimeter von ihren entfernt. „Du bist noch schöner als in meiner Erinnerung, Sienna.“ Bei ihm klang ihr Name wie eine Liebeserklärung. „Ich frage mich, wie ich dich gehen lassen konnte.“

Mit diesen Worten zerstörte er den Zauber, und sie schaffte es, einen Schritt zurückzutreten. „Nun, du hast mit deiner Sekretärin geschlafen“, erinnerte sie ihn kühl, obwohl Schmerz und Demütigung wieder in ihr wüteten, als wäre es gestern gewesen. „Nicht du hast mich gehen lassen, sondern ich habe dich verlassen“, stellte sie klar.

„Oh, Nico, da bist du ja“, erklang eine Stimme hinter ihr. Als Sienna sich umwandte, stand sie seiner Großmutter gegenüber.

Wenn Iris Mandeville die letzten Worte gehört hatte, so ließ sie es sich zumindest nicht anmerken. „Sienna, wie schön, dich zu sehen.“ Mit einem warmen Lächeln streckte die ältere Dame ihr die Hand hin. „Wie geht es Rose? Ich habe seit Monaten nichts von ihr gehört.“

Fragend sah Nico sie an. In seinen Augen erkannte sie ein amüsiertes Funkeln. Am liebsten wäre Sienna im Erdboden versunken.

Doch bevor er sie weiter in Verlegenheit bringen konnte, sprach Iris schon weiter. „Domenico, der Fotograf wartet, wir wollen Bilder mit der Familie machen. Sienna, meine Liebe, könntest du mir mit dem Rollstuhl helfen? Ich wollte eigentlich Jacqueline bitten, aber sie möchte auf allen Fotos zu sehen sein.“

Nicos Mutter liebte es, im Mittelpunkt zu stehen. Ihr extravaganter Hut hatte es unmöglich gemacht, sie bei der Trauung zu übersehen. Auf ihrer Hochzeit mit Nico hatte ihre Schwiegermutter ein maßgeschneidertes, elfenbeinfarbenes Kostüm getragen, das Siennas Brautkleid in den Schatten gestellt hatte. Wie jung und unsicher ich damals war. Und jeder in der Kirche hatte gewusst, dass sich unter dem voluminösen Hochzeitskleid ein Babybauch verbarg.

Sienna zwang sich, die alten Geschichten beiseitezuschieben. Sie lächelte Nicos Großmutter an. „Natürlich, gern.“

„Nico?“, meldete sich jetzt eine weitere Stimme, und der Kies knirschte unter eiligen Schritten. „Der Fotograf will die Gruppenfotos machen, und Veronica dreht fast durch, weil du verschwunden bist.“ Direkt vor Sienna blieb Daniele De Conti stehen. Verblüfft sah er sie an. „Was machst du denn hier? Wow – du siehst großartig aus.“

„Hallo, Danny.“ Schon als Teenager hatte er ungeniert mit ihr geflirtet, doch sie war nie darauf eingegangen. Jetzt nahm sie es einfach als unverbindliches Kompliment – immerhin hatte er vor kaum fünf Minuten geheiratet.

Unwillkürlich sah sie zu Nico hinüber, und ihr Herz schlug schneller, als sie den Ausdruck von Besitzerstolz in seinen Augen erkannte. Sie registrierte kaum, dass Danny weiterhin mit ihr sprach.

„Ich muss zugeben – mit dir hätte ich heute so ziemlich als Letztes gerechnet, Sienna.“

„Ich wollte nur …“, begann sie und fuhr zusammen, als sie Nicos Hand an ihrer Hüfte spürte.

„Sienna ist hier, weil ich sie eingeladen habe“, fiel er ihr ins Wort. „Aber weil bis zum Schluss nicht feststand, ob sie es schaffen würde, nach Yorkshire zu kommen, habe ich nichts verraten. Zum Glück hat es geklappt.“

Welcher Teufel reitet ihn denn jetzt? Sienna war sich bewusst, dass Danny und Iris gespannt von einem zum anderen sahen.

Sie erkannte das vertraute Funkeln in seinen Augen, und ihr Herz schlug einen Salto. Ihr Verstand sagte ihr, dass sie sofort Abstand schaffen, die Flucht ergreifen, laut schreien sollte – vermutlich sogar alles zusammen. Doch in Gegenwart dieses Mannes war sie noch nie vernünftig gewesen. Also öffnete sie den Mund, um zu erklären, dass sie nicht auf Nicos Einladung hier war.

„Eigentlich ist das nicht …“ Der Rest des Satzes blieb ungesagt, denn Nico verschloss ihren Mund mit seinen Lippen und küsste sie, bis ihr schwindlig war. Dabei hielt er sie mit stahlhartem Griff fest, und die Art, wie er seinen Arm um ihre Hüfte geschlungen hatte, war mehr als besitzergreifend.

Ihr Kopf verlangte, sich sofort von ihm zu lösen und empört zu fragen, was er da eigentlich tue. All ihre Sinne aber reagierten unweigerlich auf die Wärme seines Körpers, und noch während er sie küsste, erfasste sie ein schier unbändiges Sehnen.

Die vergangenen Jahre spielten keine Rolle mehr. Sie war wieder achtzehn, ein Mädchen an der Grenze zur Frau. Sie stand mitten im windgepeitschten Moor und war überwältigt von der Leidenschaft, die Nico in ihr weckte. Als sie nun ihre Lippen öffnete und seinen Kuss erwiderte, erschauerte sie. Sofort erkannte ihr Körper seine Berührungen wieder, und die Lust strömte wie glühend heiße Lava durch ihre Adern, während er sie nur noch inniger küsste.

Und dann – ebenso plötzlich wie unerwartet – war es vorüber. Als er den Kopf hob, sah sie den Triumph in seinen Augen. Zutiefst beschämt erkannte sie, wie schnell und schamlos sie kapituliert hatte. Werde ich denn nie begreifen, wie gefährlich er für mein Seelenheil ist?

An ihrer Trennung wäre sie fast zerbrochen, am Ende aber war sie daran gewachsen. Sie war wieder auf die Beine gekommen und hatte sich ein eigenes, gutes Leben aufgebaut. Deshalb durfte sie nicht zulassen, dass ein einziger Kuss ausreichte, um sie wieder zum Fußabstreifer von Nico De Conti zu machen.

Er nahm seinen Arm von ihrer Hüfte, und sie fühlte sich, als fehlte ein Teil ihres Körpers. Reiß dich zusammen, befahl sie sich wütend. Es war eine Frechheit von ihm, mich zu küssen, und er hätte es verdient, dafür geohrfeigt zu werden. Noch während sie das in Erwägung zog, drehte Nico sich um und ging.

„Komm, der Fotograf wartet“, erinnerte er seinen Bruder knapp, der ihn völlig entgeistert ansah. „Sienna, es wäre nett, wenn du Grandma helfen könntest. Wir sehen uns dann später beim Empfang.“

Da kannst du lange warten! Sie ballte die Hände zu Fäusten und blickte ihm nach, wie er davonschlenderte. Seine Arroganz ließ sie schäumen vor Wut, doch aus Respekt der älteren Dame gegenüber schluckte sie ihren Ärger hinunter.

„Domenico hat immer so einen befehlenden Ton – genauso wie sein Großvater“, murmelte diese, während Sienna den Rollstuhl über eine Rampe die Stufen bis zum Wagen hinunterschob. Hier wartete bereits der Chauffeur und half Iris einzusteigen.

„Ich werde nicht zum Empfang kommen“, sagte Sienna. „Und ich habe keine Ahnung, warum Nico behauptet hat, er habe mich zu Dannys Hochzeit eingeladen. Vielleicht hat seine eigentliche Begleitung abgesagt.“ Der Gedanke, dass er sie als Lückenbüßerin für seine Freundin ausnutzen könnte, behagte ihr nicht. Nico hatte ein sehr aktives Sexleben, und es war undenkbar, dass es derzeit keine Frau in seinem Leben gab.

Sie war erleichtert und sehr dankbar, dass Iris den Kuss mit keiner Silbe erwähnte. Doch sie selbst konnte nicht so einfach darüber hinweggehen. Ihre Lippen kribbelten noch immer von seiner Berührung. „Heute Nachmittag muss ich nach London zurück, weil ich mich das ganze Wochenende auf eine wichtige Konferenz am Montag vorbereiten muss“, erklärte sie entschuldigend.

Iris nickte. „Rose hat mir erzählt, dass deine Bio-Hautpflegeserie sehr erfolgreich ist. Du hast schon mehrere Preise gewonnen, nicht wahr? Sie ist sehr stolz auf dich.“

Schuldbewusst dachte Sienna, dass sie ihre Großmutter viel zu selten besuchte. Sie versuchte, einmal im Monat nach Yorkshire zu fahren, aber ihre Firma ließ ihr nur wenig Zeit. Stirnrunzelnd überlegte sie, wann sie sich zum letzten Mal mit Freunden auf einen Drink getroffen hatte. Und ihr letztes Date mit einem Mann lag gut ein Jahr zurück.

Wie hatte sie zulassen können, dass ihr Privatleben praktisch nicht existierte? Immerhin war sie erst neunundzwanzig, und doch hatte sie in diesem Moment das beklemmende Gefühl, als flösse das Leben an ihr vorbei. Sienna liebte ihren Beruf und ihre Unabhängigkeit, aber ihr war bewusst, dass etwas fehlte. Liebe. Partnerschaft. Sex. Woher kam dieser Gedanke auf einmal? Es war, als hätte Nicos Kuss sämtliche Tore geöffnet und als könnten all ihre Zweifel sich nun ungehindert in ihrem Kopf ausbreiten.

Doch alle Grübeleien erstarben, als sie Iris neben sich nach Luft schnappen hörte. Panisch fasste sich die alte Dame ans Herz.

„Was ist los? Geht es dir nicht gut?“, fragte Sienna bestürzt.

„Ein Asthmaanfall“, keuchte Iris. „Ich dachte, ich hätte mein Spray für den Notfall in der Handtasche. Aber ich finde es nicht.“

„Soll ich einen Notarztwagen rufen?“

„Es reicht, wenn wir schnell zu mir nach Hause fahren und das Spray holen. Könntest du mich begleiten?“

„Ich sage Nico Bescheid.“

„Bitte nicht“, bat Iris eindringlich. „Ich möchte die Feier nicht stören.“

Sienna wollte keine Zeit mit Diskussionen verlieren, darum rannte sie auf die andere Seite des Wagens und sprang hinein. Die Fahrt dauerte nur wenige Minuten. Als der Fahrer die Auffahrt von Sethbury Hall hinauffuhr, fühlte sich Sienna seltsam zu Hause. In diesem imposanten Herrenhaus hatte sie einst mit Nico gelebt. Dabei war sie sich immer wie eine Hochstaplerin vorgekommen. Die Tochter des Dorfwirts, die über ihrem Stand geheiratet hatte – sie wusste, was einige Leute im Ort redeten. Cinderella hatte ihren Prinzen gefunden, aber das Märchen endete in einer erbitterten Scheidung.

„Weißt du noch, wo mein Schlafzimmer ist?“, fragte Iris mit letzter Kraft. „Das Spray ist in meinem Nachttisch. Bitte, beeil dich.“

2. KAPITEL

Nico entdeckte seine Großmutter in der Orangerie. Von Sienna aber fehlte jede Spur. Wie zufällig schlenderte er zu den weit geöffneten Glastüren hinüber und sah sich auf der Terrasse um, doch auch hier war sie nicht.

Er biss die Zähne zusammen. Gegen seinen Willen war er enttäuscht. Es überraschte ihn, dass Sienna sich seinem Wunsch widersetzt hatte. Während ihrer Ehe war sie immer darauf bedacht gewesen, ihm zu gefallen – besonders im Bett. Manchmal hatte ihn ihre völlige Unterwerfung irritiert, aber sie war ja auch noch sehr jung gewesen, schüchtern, süß und fügsam.

Als er an die Vorwürfe dachte, die sie ihm gemacht hatte, als sie sich von ihm trennte – etwas, womit er niemals gerechnet hätte –, runzelte er unwillkürlich die Stirn. Im Rückblick erkannte er, dass es ihn nicht so hätte überraschen dürfen. Himmel, aber er selbst war auch noch sehr jung gewesen! Gleichzeitig hatte die Bürde der Verantwortung auf seinen Schultern gelastet. Und auch für Sienna hatte er sich verantwortlich gefühlt. Sie war schwanger gewesen und hatte Angst vor ihrem aufbrausenden Vater gehabt. Also hatte Nico das einzig Richtige getan und ihr angeboten, sie zu heiraten.

Verdammt. Eine Reise in die Vergangenheit war das Letzte, was er heute wollte. Als er Sienna vorhin in der Kirche bemerkt hatte, war er anfangs überzeugt gewesen, sich ihre Anwesenheit nur eingebildet zu haben. Denn dort vorn zusammen mit seinem Bruder vor dem Altar zu stehen, hatte Erinnerungen an seine eigene Hochzeit vor zehn Jahren geweckt.

Nico erinnerte sich an den Anflug von Panik, der ihn an seinem Hochzeitstag ergriffen hatte. Er hatte das Gefühl gehabt, in die Falle getappt zu sein. Kurz hatte er mit dem Gedanken gespielt, die Kirche fluchtartig im letzten Moment zu verlassen. Doch genau in dem Moment war Sienna durch das Portal getreten. Sie hatte wundervoll ausgesehen in ihrem schlichten Brautkleid und mit dem kleinen Bouquet cremefarbener Rosen. In ihrer Nervosität hatte er seine eigene wiedererkannt.

Er hatte akzeptiert, dass sie und das Baby eine unabänderliche Tatsache waren. Und während er verfolgte, wie sie auf ihn zukam, ertappte er sich dabei, dass er sich wünschte, die Feierlichkeiten wären schon vorbei und er hätte Sienna ganz für sich allein. In seinem Bett.

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