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Schenk mir dein Herz, Rachel

Crystal Green

Schenk mir dein Herz, Rachel

Rachel hat ihrem ehemaligen Professor Gilbert Harrison viel zu verdanken: In dunklen Stunden war er stets ein väterlicher Freund. Als er jetzt entlassen werden soll, setzt sie sich für ihn ein – und bekommt einen attraktiven Mitstreiter: Der Reporter Ian Beck schlägt sich auf ihre Seite. Mit ihm fühlt Rachel sich stark! Bis Ian sie leidenschaftlich küsst. Denn seine Zärtlichkeit weckt gefährliche Gefühle: Nach dem tragischen Verlust ihres ersten Mannes hat Rachel sich geschworen, sich nie wieder zu verlieben ...

PROLOG

Liebe Rachel,

es tut mir sehr leid, dass du im nächsten Jahr nicht an die Uni zurückkommst – aber wie aufregend, dass du heiratest! Du ahnst nicht, wie ich mich für dich freue! Ich kann es kaum erwarten, alles über dein neues Leben mit Isaac zu erfahren. Lass unbedingt von dir hören!

Deine Freundin Cassidy

Liebe Rachel,

wir werden dich auf dem Campus vermissen – du hast allen Menschen Freude geschenkt, denen du begegnet bist. Ich wünsche dir viel Glück in deinem Leben und in deiner Ehe. Und bitte denk dran, wenn du irgendetwas brauchst, kannst du dich jederzeit an mich wenden. Es war mir eine Ehre, dass du an meinen Seminaren teilgenommen hast.

Professor Gilbert Harrison

1. KAPITEL

Der Kerl lässt wohl niemals locker, oder?

Rachel James joggte über den Spielplatz in einem westlichen Stadtteil Bostons und blickte stur geradeaus. Sie wollte um jeden Preis Blickkontakt mit dem Journalisten vermeiden, mit dem sie sich seit zwei Wochen heimlich traf. Ihr Atem kondensierte, während sie sich an dem kühlen Nachmittag im November bemühte, ihren Frust durch Sport zu vertreiben und nicht aus dem Tritt zu geraten.

Trotzdem … es war unausweichlich. Mit jeder Sekunde kam sie Ian Beck näher. Ian Beck, der auf einer Bank saß und die Arme ebenso einladend wie selbstbewusst über die Lehne gebreitet hatte. Er streckte die langen Beine von sich, stopfte die Hände in die Taschen der Lederjacke und grinste Rachel an.

Sie sah hin – obwohl sie sich gleichzeitig angestrengt dagegen wehrte.

Unwillkürlich krampfte ihr Magen sich zusammen, als hätte man einen Stromstoß hindurchgejagt.

Schmetterlinge im Bauch – weil sie zu schnell joggte?

Etwas anderes wollte sie sich nicht eingestehen.

„Ein schöner Tag zum Laufen“, bemerkte Beck, als sie an ihm vorbeitrabte. „Oder für ein weiteres Interview.“

Anstelle einer Antwort hielt Rachel nur die Hand hoch und grüßte ihn höflich, aber abweisend. Jetzt war der falsche Zeitpunkt, um sie mit weiteren Fragen zu bombardie-ren. Nervös dachte sie an morgen. Sie machte sich Sorgen, wie es ihrem guten Freund und Mentor Professor Gilbert Harrison bei der Anhörung vor der Fakultät wohl ergehen würde.

Davon abgesehen, hatte sie dem Journalisten schon genügend Informationen geliefert. Als offensichtlich geworden war, dass die Universität Gilbert um Kopf und Kragen bringen wollte, hatte Rachel die Angelegenheit selbst in die Hand genommen und ein vertrauliches Gespräch mit Ian Beck geführt – ohne das Wissen ihrer Freunde. Sie hatte einen Plan ausgearbeitet, wie Gilbert gerettet werden konnte. Aber zu jenem Zeitpunkt war es ihr zu kompliziert gewesen, ihre Freunde einzuweihen, denn sie hätten endlos gestritten und debattiert, während Gilberts Lage sich mehr und mehr verschlimmert hätte. Deshalb hatte Rachel beschlossen, Ian Beck heimlich über ihren früheren Lehrer zu informieren. Sie hatte ihm alle Anekdoten über Gilbert erzählt, an die sie sich erinnern konnte. Eindringlich hatte sie sich über den Racheakt der Universitätsverwaltung gegen den beliebtesten Angehörigen der Fakultät ausgelassen, und Ian Beck schien alles geschluckt zu haben.

Warum auch nicht? Es war ein Skandal: Ein früherer Englisch-Professor und Baseball-Coach war in Ungnade gefallen und musste sich gegen üble Nachrede wehren. Stimmte es, dass er seine Studenten trotz schlechter Noten bevorzugt hatte? War es eigentlich erlaubt, so eng mit ihnen befreundet zu sein? Diese und viele andere Fragen musste er sich gefallen lassen. Obwohl das Gremium behauptete, dass die „Wahrheit“ über das Verhalten des überaus beliebten Professors bei den Anhörungen ermittelt werden sollte, wusste Rachel genau, was sich hinter den Kulissen abspielte: Die Verwaltung wollte ihn feuern.

Zweifel ausgeschlossen.

Gilbert hatte ein Gesuch eingereicht, an der Saunders-Universität bleiben zu dürfen, und aus Loyalität ihm gegenüber hatte Rachel zusammen mit einer Gruppe Exstudenten angeboten, in den bevorstehenden Anhörungen als Zeugin für den untadeligen Charakter des Professors auszusagen.

In diesem Moment hatte Rachels Freundin und Gilberts Assistentin Jane Jackson überraschende Informationen über den älteren Mann zutage gefördert – Dinge, die in einem geheimen Tresor eingeschlossen gewesen waren. Bücher mit rätselhaften Eintragungen. Stapelweise vertraulichste Unterlagen über Studenten, denen er in all den Jahren geholfen hatte.

Rätselhafte Vorgänge.

Jane hatte Rachel eines dieser persönlichen Dokumente gegeben, ohne Gilbert zu informieren. Soweit sie wussten, hatte er seit Monaten keinen Blick mehr in den Safe geworfen, und sie hofften, dass er es auch weiterhin nicht tun würde, bis sie herausgefunden hatten, was es mit ihrer Entdeckung auf sich hatte.

Je weiter Rachel sich beim Jogging von dem Journalisten entfernte, desto unsicherer wurden ihre Schritte. Unablässig kreisten ihre Gedanken um das spezielle Dokument, das Gilbert offenbar jahrelang im Safe versteckt hatte. Es handelte sich um eine private Urkunde, die ihr Leben gründlich durcheinandergewirbelt hatte. Sie fragte sich, ob sie ihm wohl jemals wieder vertrauen könnte.

Ihre eigenen Adoptionspapiere.

Es war nicht das erste und sicher auch nicht das letzte Mal, dass Rachel darüber grübelte, was ihr Mentor eigentlich im Schilde führte und wie solche persönlichen Unterlagen in seinen Besitz gelangen konnten.

Was hatte er vor? Hatte er ihr Vertrauen überhaupt verdient? Und falls er nicht der gute Freund war, den sie immer in ihm gesehen hatte, wer war er dann? Welchen Trumpf hielt er noch im Ärmel versteckt?

Rachel atmete tief durch und versuchte, die beunruhigenden Fragen aus ihrem Kopf zu verbannen. Vergeblich.

Heute wollte sie nicht mit Ian Beck sprechen, weil sie keine Ahnung hatte, was sie ihm erzählen sollte, jetzt, nachdem ihre Adoptionspapiere aufgefunden worden waren. Daher hatte sie sich in den vergangenen zwei Wochen von dem Journalisten zurückgezogen und seine Bitten um weitere Gespräche resolut abgeblockt. Sie war zu verwirrt, denn die Zweifel hatten sie zu sehr erschüttert.

Sie brachte noch nicht einmal den Mut auf, mit ihrem Professor, den sie damals so sehr verehrt hatte, über die Sache zu sprechen.

Rachel bog um die Ecke und sprang über einen Laubhaufen auf dem Weg, den der Wind zusammengefegt hatte. Überall war es Herbst geworden, der Himmel war grau, und sie trug längst ein Sweatshirt, lange Hosen, Handschuhe und eine Strickmütze. Der fröhliche Lärm der Kinder, die an der Schaukel spielten, erregte ihre Aufmerksamkeit. Rachel verlangsamte das Tempo und versuchte krampfhaft, Gilbert endlich aus ihren Gedanken zu verscheuchen. Melancholisch lächelte sie bei dem Anblick der Mütter, die ihre Kleinen in die Arme schlossen … für manche Familien war das offenbar ganz selbstverständlich.

Plötzlich bemerkte sie hinter sich Schritte auf dem gepflasterten Weg. Noch ein Jogger, oder …

Sie blickte nach hinten über die Schulter.

Nein, Beck ließ niemals locker.

Rachel drehte sich um, trippelte rückwärts und sah dem Mann direkt in die Augen. „Hören Sie“, stieß sie hervor, schnappte nach Luft, zog sich die Handschuhe aus und stopfte sie in die Taschen des Sweatshirts. Ihre Lungen und ihre Haut schienen zu brennen. „Mehr kann ich Ihnen nicht über Gilbert erzählen, okay? Heute keine Sprechstunde. Der Laden hat geschlossen.“

Als er näher kam, nahmen seine eisblauen Augen sie einmal mehr gefangen. Er hatte das Gesicht eines attraktiven Boxers, eines jener Kämpfer aus früheren Zeiten, die man manchmal noch in Kinofilmen bewundern konnte. Sein Blick schweifte nicht lange umher, sondern traf direkt ins Ziel. Die Nase war leicht eingedrückt; vielleicht lag es daran, dass jemand, der Becks Hartnäckigkeit nicht zu schätzen wusste, einen gezielten Treffer gelandet hatte. Das braune Haar trug er kurz, und seine Lippen verzogen sich zu einem milden Lächeln. Er zog Rachel so sehr in seinen Bann, dass sie kurz davor war, ihre Deckung aufzugeben. Und dann hätte er zum entscheidenden Schlag ausholen können …

„Rachel, Sie sind meine beste Informationsquelle“, begann Ian, „was ist da los?“

Er trat einen Schritt näher. Wieder fühlte sie sich gegen ihren Willen zu Ian hingezogen, und die Anziehungskraft wärmte ihren Körper an Stellen, die schon seit Jahren tief zu schlafen schienen.

Und das ist der zweite Grund, weshalb ich ihm aus dem Weg gegangen bin, dachte sie. Wegen der Gefühle, die ihr auf beängstigende Art bewusst wurden, und weil sie plötzlich merkte, was alles möglich sein könnte …

Sie verlangsamte das Tempo. Es war sowieso höchste Zeit, der Angelegenheit ins Auge zu sehen.

Ian folgte ihr hartnäckig.

„Wahrscheinlich ist jetzt nicht unbedingt der richtige Zeitpunkt, um Sie zu einem Drink oder zum Abendessen einzuladen. Aber vermutlich würden Sie meine Einladung ohnehin niemals annehmen.“

Du liebe Güte, sie schwitzte immer noch am ganzen Körper. Ihre Haut – nie konnte sie ihren olivfarbenen Teint vergessen – war inzwischen bestimmt knallrot angelaufen. Sie wedelte mit der flachen Hand vor dem Gesicht herum, um sich abzukühlen, stellte aber zu ihrem Leidwesen fest, dass sie damit genau das Gegenteil erreichte.

Er wartete ab, aber sie schwieg hartnäckig.

„Ist das schon wieder ein Nein?“, fragte Ian hinter ihr.

Unwillkürlich musste sie lächeln. Sie konnte nur bewundern, wie rücksichtslos er seine Story verfolgte. Genauso wollte sie auch sein: entschlossen. Verbissen. Selbstbewusst. Unerschütterlich.

Seit seine Zeitung, die National Sun, den Skandal gerochen und Ian beauftragt hatte, an der Uni noch mehr Staub aufzuwirbeln, tauchte er überall auf. In erster Linie suchte er Kontakt zu den ehemaligen Studenten, die gebeten worden waren, Gilberts Ruf und seinen Job zu retten. Deshalb hatte Rachel sich bereit erklärt, mit ihm zu sprechen. Obwohl das Blatt in letzter Zeit an Renommee eingebüßt hatte, sprach aus seinen Artikeln eine Menschlichkeit, und Rachel hoffte, dass er damit die Öffentlichkeit auf die Seite des Professors ziehen würde.

„Wenn Sie hungrig sind“, sagte sie, während sie mit schnellen Schritten vorwärts eilte, „dann gehen Sie doch essen. Ein Stück weiter die Straße hinauf ist ein gutes Thai-Restaurant.“

„Mögen Sie die thailändische Küche?“

Der Kerl lässt wirklich niemals locker. „Wenn ich in Stimmung bin. Aber jetzt möchte ich eigentlich nur allein gelassen werden. Das können Sie doch wohl respektieren, oder?“

Ian eilte an ihr vorbei und versperrte ihr den Weg, indem er flehend die Hände hob und sie hinreißend anlächelte. „Bitte, Rachel. Nur eine kleine Unterhaltung“, erwiderte er, „das ist alles, worum ich bitte …“

„… sagte der Wolf zu Rotkäppchen“, unterbrach sie ihn und drängte vorwärts. Sie wollte nach Hause. „Ich habe es Ihnen schon einmal gesagt. Ich bin heute nicht zu sprechen.“

„Okay. Und wenn wir es nun nicht als Interview betrachten?“

Seine Augen glitzerten, und Rachel atmete tief durch. Ihr Herz schlug wilde Kapriolen, der Puls flatterte, und der Entschluss, Ian heute keine Beachtung zu schenken, geriet bedenklich ins Wanken.

„Was haben Sie gerade gesagt?“, fragte sie und blieb abrupt stehen.

Ian auch. Der Wind pfiff durch die Baumkronen und riss ein Blatt ab, das neben ihnen zu Boden schwebte.

„Wir sollten einfach gemeinsam eine Kleinigkeit essen und trinken … und es genießen.“ Er lächelte wieder, und plötzlich schien alles ganz normal zu sein. „Ohne an Schlagzeilen oder Zitate zu denken.“

Rachel verschränkte die Arme vor der Brust, als wollte sie sich schützen. „Ich mache mir nicht viel aus Dates“, meinte sie. „Falls Sie darauf hinauswollen.“

Sein Blick fiel auf den Finger ihrer entblößten Hand, an dem sie eigentlich einen Ehering tragen müsste. „Warum nicht?“

Krampfhaft grübelte sie über eine Antwort nach, als ihr der Schmerz ins Bewusstsein drang. Wie immer, wenn es um Isaac ging.

Nicht dass sie mit Ian jemals über ihren verstorbenen Ehemann gesprochen hatte. Den zärtlichen Mann mit den lachenden dunklen Augen und der Begabung, jedem Menschen ein Lächeln auf die Lippen zu zaubern.

Ians Stimme wurde sanfter. „Würde es Sie beleidigen, wenn ich Ihnen gestehe, dass ich bei all meinen Informationsquellen Erkundigungen über Sie eingezogen habe? Ich weiß, dass Ihr Mann Isaac vor fünf Jahren verstorben ist und dass Sie nicht wieder geheiratet haben. Und einen neuen Lebenspartner oder Freund haben Sie auch nicht …“

Sie hörte längst nicht mehr zu, weil sie wieder an Isaac denken musste. Er war der Mann gewesen, den sie geliebt hatte und der viel zu früh an einer Herz-Kreislauf-Erkrankung verstorben war.

„Hey.“ Ian beugte sich hinunter und fing ihren gesenkten Blick auf.

Obwohl ihr die Tränen längst nicht mehr so oft wie früher kamen, passierte es doch hin und wieder, dass sie weinte. Besonders in kalten Nächten, wenn der Regen gegen die Fensterscheiben trommelte und sie niemanden neben sich im Bett hatte, an den sie sich kuscheln konnte. Wenn sie morgens aufwachte, war sie allein. Kein Isaac beim Zeitunglesen in der Küche. Kein Isaac, der von der Baustelle nach Hause kam und sie fest in die Arme schloss. Sie vermisste die bedingungslose Liebe, nach der sie sich ihr ganzes Leben lang gesehnt hatte – die Liebe, die ihre Adoptiveltern ihr niemals gegeben hatten.

Ihr fehlte ein Mann, der ganz für sie da war und sie von ganzem Herzen liebte. Einmal – wenn auch nur für kurze Zeit – hatte sie dieses Glück erleben dürfen, das sie für eine ziemlich freudlose Kindheit entschädigte. Konnte sie auf eine zweite Chance hoffen, auf die zweite große Liebe?

„Alles in Ordnung.“ Rachel sah wieder zu Ian. „Ich gehe nur selten aus. Ich … ich bin einfach zu beschäftigt, falls Sie verstehen.“

Der Journalist nickte, wirkte aber nicht sonderlich überzeugt. Er schien begriffen zu haben. „Ich kenne Ihren Terminkalender. Drei Tage pro Woche arbeiten Sie als Anwaltsgehilfin in der Kanzlei von Nate Williams. In der übrigen Zeit helfen Sie dem Professor, die Beweise … nein, das ist nicht ganz richtig. Sie haben dem Professor geholfen.“

Rachel schluckte. Ian hatte also bemerkt, dass sie sich von Gilbert zurückgezogen hatte. Unmöglich, jemanden zu täuschen, der von Berufs wegen seine Nase ständig in Angelegenheiten stecken musste, die ihn eigentlich gar nichts angingen.

Ian hielt locker mit ihr Schritt, als sie weiterging. Er war so groß, dass sie den Kopf heben musste, wenn sie ihm einen verstohlenen Blick zuwerfen wollte. Aber zu groß war er auch wieder nicht.

Seine Größe ist ideal für einen Kuss. Ihre Lippen prickelten bei dem Gedanken.

Sie sah, dass er weitersprach, und die Worte drangen wie durch einen Filter aus Sehnsucht und Einsamkeit an ihr Ohr.

„Rachel, ich habe festgestellt, dass Sie in letzter Zeit sogar Ihre Freunde vernachlässigen“, fuhr er fort.

„Kann sein.“ Sie wandte den Blick ab und starrte auf die halb beschlagene Fensterscheibe einer Bäckerei auf Kuchen und Torten. „Ich war sehr beschäftigt.“

Ian konnte nicht widersprechen und nickte nur. Hatte er möglicherweise davon Wind bekommen, was ihre Freunde ihr nachsagten? Sandra und David Westport zum Beispiel, die Gilbert ebenfalls bewunderten und sie oft gefragt hatten, warum sie sich in letzter Zeit so sehr zurückzog.

Die Adoptionspapiere. Das Geheimnis ihres Lebens war in einem Safe eingeschlossen gewesen.

Gemeinsam mit Ian ging sie an den Buchläden und Boutiquen vorbei. Unablässig dachte sie an die Gerüchte, die über Gilbert kursierten – Fragen über sein Verhältnis zu einigen Studenten, Spekulationen über gesellige Runden in seiner Sprechstunde, die die Jüngeren voller Optimismus wieder verließen.

Verdammt. Sie sollte es besser wissen, wenn es um ihren Mentor ging. Ihr gegenüber war er immer fürsorglich und unterstützend gewesen. Wie konnte sie ihn da jetzt verdächtigen?

Sie näherten sich dem Thai-Restaurant. Ian verlangsamte den Schritt und deutete mit einem Kopfnicken auf den Eingang. „Kommen Sie“, forderte er sie auf, „nur auf einen kleinen Snack.“

Rachel fuhr sich mit der Hand über den flachen Bauch. Sie war bei Pflegeeltern aufgewachsen, die ihr erklärt hatten, dass sie das Essen nicht wert war, das sie ihr auf den Tisch stellten. Und mehr als einmal war sie ohne Nachtisch ins Bett gegangen.

„Ich bin nicht hungrig“, erwiderte sie, obwohl ihr Magen sich ein bisschen flau anfühlte. Aber das musste nicht unbedingt am Hunger liegen.

Oder es handelte sich um eine andere Art Hunger.

Wieder schlug ihr Herz wilde Kapriolen. Ian Beck.

Reinstes Junkfood.

„Sparen Sie sich Ihre Ausflüchte“, entgegnete er und zupfte sie am Sweatshirt. „Lassen Sie uns reingehen. Drinnen ist es wärmer.“

Rachel protestierte, aber er hörte nicht zu. Sie ertappte sich dabei, dass sie viel zu schnell nachgab und ihm die schmale Treppe hinunterfolgte, die in das aufregend duftende Restaurant hineinführte. Fünf Tische waren um die Theke herum gruppiert. Die Speisekarte bot Gerichte wie Panaeng nuea und Tom yam goong an.

Ian bestellte Pad thai und sah sie erwartungsvoll an. Seine blauen Augen glänzten. „Mögen Sie es scharf?“

Irgendwie hatte sie das Gefühl, dass er nicht nur das Essen meinte. Die Röte stieg ihr in die Wangen, und sie erwiderte sein freches Lachen. Zum Teufel noch mal, warum denn nicht? Damals auf der Uni hatte man sie schließlich Miss Popularity genannt, weil sie ausgesprochen beliebt gewesen war. Hatte sie sich nicht genug geärgert? Da konnte es nicht schaden, mit dem Journalisten ein bisschen zu lachen – auch dann nicht, wenn sie sich gefährlich nahe an einen Flirt mit ihm heranwagte.

„Ich bin nicht in der Stimmung für scharfe Sachen“, gab sie zurück und hoffte, dass er ein Gespür für ihren Unterton besaß. Dann wandte sie sich an die Bedienung. „Bitte nur einen Tee und ein Glas Wasser.“

„Fühlen Sie sich eingeladen.“ Ian griff in die hintere Hosentasche, zog eine Brieftasche hervor und zählte mehrere Geldscheine hin.

Rachel erklärte ihm, dass sie kein Geld bei sich hätte, und Ian hielt dagegen, dass er die Rechnung übernehmen würde. Trotzdem wusste sie, dass selbst dieser kleine Betrag ihr Budget überfordert hätte. Seit Isaac krank geworden war, hatten ihre finanziellen Probleme drastisch zugenommen. Es war so schlimm gewesen, dass sie damals beinahe ihr Haus verkaufen musste, um all die Arztrechnungen zahlen zu können. Zum Glück hatte ihr Chef Nate Williams einen Rückzahlungsplan ausgearbeitet, nachdem sie sich kategorisch geweigert hatte, finanzielle Hilfe von ihm anzunehmen. Und sie hatte Gilbert zu danken, weil er ihr über Jahre hinweg immer wieder mit kleineren Beträgen unter die Arme gegriffen hatte, obwohl die beiden sich nicht mehr so nahe standen wie noch zu ihrer Studienzeit.

Bevor sie ihn enttäuscht hatte, weil sie das Studium nicht beendet hatte.

Aus diesem Grund hatte sie sich geschworen, Gilbert alles zurückzuzahlen, wenn sie nur wieder aus dem Gröbsten heraus war. Sie hatte sich vorgenommen, ihr Leben endlich selbst in die Hand zu nehmen. Um jeden Preis. Dieses Ziel hatte sie an ihrem dreißigsten Geburtstag erreichen wollen, aber einmal mehr war es ihr nicht gelungen. Sie war immer noch nicht über den Berg und spielte nach wie vor mit dem Gedanken, ihr Haus zu verkaufen.

Ian nahm den Zettel mit der Bestellnummer an sich und führte Rachel zu einem Tisch an einem großen Fenster. Er lehnte sich in seinem Stuhl zurück, streckte wieder die Beine aus und stellte seine Schuhe zur Schau, während er sich durchs Haar fuhr und seine Frisur durcheinanderbrachte.

„Und wie geht’s jetzt weiter? Wir hängen hier herum, das Herz rast, und wir machen überflüssige Ahs und Ohs über die asiatischen Nudeln, oder wie?“

„Wenn Sie etwas essen würden, wäre ich sofort dafür.“ Wieder schenkte er ihr ein hinreißendes Lächeln, und sie schwiegen für einen Augenblick.

„Was?“, fragte sie unschlüssig, nahm ihre Wollmütze ab und richtete sich das lange Haar, das ihr über die Schultern fiel.

„Ich bin nur …“ Ian beugte sich vor und senkte die Stimme. „Sie sind mir ein Rätsel, Rachel James. Ich durchschaue Sie nicht so richtig, und das kommt bei mir reichlich selten vor.“

„Dann recherchieren Sie doch einfach noch ein Weilchen weiter.“ Sie lächelte der Bedienung zu, die die Getränke und das Essen servierte.

„Machen Sie sich keine Sorgen. Ich werde der Geschichte auf den Grund gehen.“ Sobald die Bedienung sich entfernt hatte, konzentrierte Ian sich aufs Essen. Als er die Plastikgabel halb zum Mund geführt hatte, sagte er: „Immerhin weiß ich über Isaac Bescheid. Außerdem über Ihren Job und über Ihren Terminplan. Ich lege größten Wert darauf, weil ich zuverlässig auf meine Informationsquellen zugreifen will, wenn ich sie brauche.“

Er überlässt wohl gar nichts dem Zufall, dachte sie und leerte das Wasserglas fast in einem Zug. Und für ihn bin ich nichts weiter als eine Informationsquelle, trotz dieses privaten Snacks.

Nicht gerade eine Entdeckung, bei der sich das Herz zu überschlagen drohte und die Fantasie mit ihr durchging. Aber war es nicht besser, wenn man sich ausschließlich auf das Geschäftliche konzentrierte?

Während Ian sich die Nudeln in den Mund stopfte, trank Rachel das Wasser aus und nippte an ihrem süßen Tee.

Merkwürdig, dass die beiden sich nichts zu sagen zu haben schienen, wenn Ian nicht gerade versuchte, eine neue Schlagzeile aus ihr herauszupressen. War jetzt der richtige Zeitpunkt, um einen vertraulicheren Tonfall anzuschlagen? Schon auf den ersten Blick hatte Rachel sich sein Aussehen in allen Einzelheiten eingeprägt: Ein Ohr saß etwas höher als das andere, sie wusste, an welchen Stellen seine Lederjacke abgenutzt war, ohne hinsehen zu müssen, und sie kannte diesen Blick, der ihr weiszumachen schien, dass er über alles genau Bescheid wusste. Und der Schatten, der manchmal während eines Interviews über seine Augen glitt …

Nein, für einen lockeren Ton reichte ihre Schlagfertigkeit nicht aus.

Um das unangenehme Schweigen zu brechen, begann sie, ohne Punkt und Komma zu reden, obwohl sie Ian gerade erst deutlich zu verstehen gegeben hatte, dass sie nicht über die Anhörungen sprechen ...

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