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Schenk mir Liebe, schenk mir Lust

1. KAPITEL

Fast wehmütig ließ Scarlett Morgan den Blick durch den einstmals eleganten, jetzt aber vom Verfall gezeichneten Speisesaal des Crimson Falls Hotels schweifen. “Ich weiß wirklich nicht, warum ich mich von dir habe dazu überreden lassen.”

“He, du wolltest doch kreative Vorschläge”, verteidigte sich ihr Freund J.D. Hazzard. “Ich bin lediglich deiner Bitte nachgekommen.”

“Ja, ja, dich da reinzuziehen war mein erster Fehler. Deinen Vorschlag auch noch anzunehmen der zweite.” Ärgerlich über ihren Mangel an Weitsicht schüttelte sie den Kopf. “Diese Lotterie war die reinste Schnapsidee.”

“Not macht eben erfinderisch”, meinte J.D. “Und es hat doch funktioniert.” Er lehnte sich auf seinem alten Eichenstuhl zurück und nahm ein Glas mit Limonade von einem nicht minder alten runden Eichentisch. Um ihn herum war ein ganzes Dutzend solcher Tische auf dem fadenscheinigen Teppich verteilt, der den unebenen Fußboden des Speisesaals bedeckte. “Du brauchtest Geld, um das Hotel weiterzuführen. Die Lotterie hat dir vierzig Riesen verschafft. Die Firmen, die die Nieten kauften, bekamen die gewünschte Steuerabschreibung. Die bekam der glückliche Gewinner auch und einen Anteil an deinem schönen alten Hotel. Jeder hat also profitiert.”

Neben J.D. saß Maggie, seine Frau. Er warf ihr einen flehentlichen Blick zu, damit sie ihm endlich zur Seite sprang.

Ehe Maggie Scarlett jedoch hätte beschwichtigen können, beklagte sich diese erneut.

“Wenn alle gewonnen haben, wieso fühle ich mich dann wie der große Verlierer?” Sie gestikulierte temperamentvoll mit dem Brief, den sie am Vortag erhalten hatte. Er informierte sie darüber, dass der Gewinner der Lotterie und damit auch der neue Mitinhaber ihres Hotels, Colin Slater, am nächsten Tag aus New York in Northern Minnesota eintreffen würde.

“Hört euch das an. ‘Ich werde am Fünften ankommen und mich für eine Weile bei Ihnen einquartieren.’ Einquartieren”, ereiferte sie sich. Ihr Gesicht glühte, und das lag nicht an der Hitze dieses Julitages. “Als wäre er ein Großgrundbesitzer, der seine Bauern herumkommandiert. Himmel, J.D.! Was war bloß in dich gefahren, diesem Witzbold ein Los zu verkaufen? Er mag ja ein Freund von dir sein, aber er hört sich an wie ein riesengroßer …”

“Colin ist ein netter Kerl”, fiel J.D. ihr ins Wort. “Sonst hätte ich ihn kaum an der Lotterie teilnehmen lassen. Komm schon, Scarlett, du kannst es ihm doch nicht verdenken, dass er sich ansehen will, wo sein Geld geblieben ist.”

Sie warf den Brief auf den Tisch. “Er hört sich an wie ein dicker, Zigarren rauchender Vorstandsmacker, der die Börsenkurse im Schlaf herunterbeten und nebenbei eine Firmenübernahme planen kann. Aber ich wette mit dir um mein schwindsüchtiges Bankkonto, dass er keine Ahnung davon hat, wie man ein Hotel führt – besonders ein so einzigartiges wie das Crimson Falls.”

“Dein schwindsüchtiges Bankkonto war doch der Grund, diese Lotterie überhaupt durchzuführen”, meinte J.D. nachsichtig. “Und darf ich dich daran erinnern, dass du auch keine Ahnung von der Führung eines Hotels hattest, als du es vor sechs Jahren gekauft hast und mit Sack und Pack von St. Paul hierhergezogen bist? Jedenfalls hat es dich nicht davon abgehalten, es zu versuchen.”

Scarletts Blick wurde schmal. “Willst du mir damit etwa zu verstehen geben, dass ich nur deshalb in den roten Zahlen stecke, weil ich keine Ahnung davon habe, wie man ein Hotel führt?”

“Scarlett”, mischte sich nun Maggie ein. “J.D. will ganz bestimmt nicht andeuten, dass dein Management etwas mit deiner finanziellen Lage zu tun hat. Aber die ist leider ziemlich schlecht, wie du nicht bestreiten kannst. Er wollte dich bloß daran erinnern, dass du die Lotterie durchgeführt hast, weil du Geld zum Erhalt von Crimson Falls brauchtest, und dass Slater viel Geld für sein Los bezahlt hat, auch wenn seine Geschäfte außerordentlich gut laufen. Da ist es doch nur logisch, dass er gern sehen möchte, worin er überhaupt investiert hat.”

“Aber ein Besuch gehörte nicht zur Abmachung”, beharrte Scarlett. “Es war nicht vorgesehen, dass er seine Nase in meine Angelegenheiten steckt. Er ist ein Stadtmensch. Wir leben hier quasi in der Wildnis. Wieso kommt er da auf die Idee, hier aufzukreuzen?”

“Er hat nun mal das Recht dazu, Süße”, erklärte J.D., und seine Frau nickte zustimmend. “Sieh mich nicht so böse an. Das Ganze hätte ja vermieden werden können.”

Um ihre vor lauter Frustration unerwartet aufsteigenden Tränen zu verbergen, ging Scarlett zum Panoramafenster hinüber, von dem aus man einen atemberaubenden Blick auf die Crimson-Fälle hatte, die Wasserfälle also, nach denen das Hotel benannt war.

Ja, sie hätte dieses ganze Theater vermeiden können. J.D. und Maggie hatten ihr das Geld für die dringend notwendigen Renovierungen leihen wollen. Und ja, sie wusste, dass sie das ohne Weiteres gekonnt hätten. Denn J.D. betrieb ein florierendes Luftfrachtunternehmen, und Maggie hatte als eines der gefragtesten Models der Modeindustrie ein Vermögen verdient.

“Ich mag ja am Verzweifeln sein, aber ich werde auf keinen Fall meine Freunde anpumpen. Nicht mal, wenn das bedeuten würde, das Crimson Falls zu verlieren.”

“Scarlett.” J.D. ging zu ihr hinüber. Er und Maggie hatten diese Diskussion hundert Mal mit ihr geführt. Und hundert Mal auf Granit gebissen. Behutsam legte er ihr die Hände auf die Schultern und drehte Scarlett zu sich um. “Beruhige dich. Jetzt wird doch alles in Ordnung kommen.”

Widerstandslos ließ sie sich von J.D. umarmen. Er war wirklich ein guter Freund. Genau wie Maggie. Jedes Mal, wenn sie die beiden zusammen sah, war sie aufs Neue fasziniert, was für ein schönes Paar sie waren – Maggie, die klassische Schönheit, und J.D., der gut aussehende blonde Hüne. Ihre innige Liebe erinnerte sie auch daran, dass sie dergleichen nie in einer Beziehung gefunden hatte. Daran, was gefehlt hatte in ihrer zehnjährigen Ehe mit einem Machtbesessenen, der wohl immer noch nicht begriffen hatte, was er verlor, als er sie und ihre Tochter, Casey, vor sechs Jahren verließ.

“Zu schade, dass es keinen Klon von dir gibt”, beschwerte sie sich. “Es könnten gern ein paar nette Männer wie du hier herumlaufen.”

“Genau das habe ich Maggie gestern Abend auch gesagt”, erwiderte J.D. trocken.

“Und am Abend davor auch.” Schmunzelnd trat Maggie neben Scarlett und ihren Mann. “Gib Colin eine Chance, Scarlett. Wenn J.D. sagt, Colin ist in Ordnung, dann stimmt das auch. Und vergiss nicht, er hat dir eine Chance gegeben.”

Scarlett löste sich aus J.D.s freundschaftlicher Umarmung und atmete tief durch. “Du hast ja recht.” Trotzdem hatte sie Angst. Neben Casey war das Hotel das Wichtigste in ihrem Leben. Manche Leute mochten nichts Besonderes daran finden – fünfzehn Gästezimmer, ein undichtes Dach und sich senkende Fußböden –, aber sie wollte es nicht verlieren. Noch schlimmer jedoch war die Aussicht, die Kontrolle über ihr Hotel zu verlieren. Bisher hatte sie erst einmal die Kontrolle aus der Hand gegeben. Dieser Fehler hatte sie nicht nur eine gescheiterte Ehe gekostet, sondern auch ihren Stolz und ihre Unabhängigkeit. Und sie hatte die letzten sechs Jahre gebraucht, um sich zu fangen. Jetzt wurde ihr Seelenfrieden wieder bedroht. Nicht nur durch Slaters Einmischung in ihr Leben, sondern auch noch durch die Pläne von Dreamscape Development, den Wald zu roden und neben den Wasserfällen Ferienwohnungen zu errichten.

“Ich verspreche euch, ihm eine Chance zu geben”, lenkte sie ein. “Aber wehe, wenn er hier mit einem Aktenkoffer voller neumodischer Management-Ideen auftaucht und das Crimson Falls in ein Fünf-Sterne-Hotel verwandeln will! Dann wird er ganz unfreiwillig unten im See baden gehen.”

Eine Stunde später, als sie zusah, wie die Hazzards in ihrem Wasserflugzeug über den Legend Lake zu ihrem Sommerhaus flogen, brachte Scarlett die Vorstellung, Mr Colin Slater vom Bootssteg aus ins Wasser zu schubsen, trotz all ihrer Sorgen zum Schmunzeln.

Doch das Lachen verging ihr, als sie am Spätnachmittag des folgenden Tages von der Verandatreppe ihres Hotels aus das Boot mit ihrem neuen Partner am Steg anlegen sah.

Die Entfernung bis zum Seeufer betrug etwa zwei Häuserblocks, und das war zu weit, als dass sie das Gesicht des Mannes im dunklen Anzug genau hätte erkennen können. Doch als er vorsichtig einen Fuß auf den neuen Holzsteg setzte, war ihr klar, dass das Slater sein musste.

Als das Boot plötzlich zu schaukeln anfing, verlor er, mit einem Fuß schon an Land, mit dem anderen noch an Bord, die Balance und stürzte ins Wasser.

Scarletts Laune hob sich ein wenig, als er wild mit den Armen fuchtelnd und panisch “Ich kann nicht schwimmen!” schreiend untertauchte.

Sie schüttelte den Kopf. Wenn er länger als zehn Sekunden brauchte, um zu merken, dass er sich in nur gut einem Meter tiefen Wasser befand, dann war er nicht die Mühe wert, gerettet zu werden.

“Hallo, Schatz”, begrüßte sie Casey, als die sich zu ihr gesellte.

Mit schadenfrohem Grinsen beobachtete nun auch ihre fünfzehnjährige Tochter, wie Slater sich wie ein gestrandeter Wal im Flachwasser abzappelte. “Ist das Mr Money?”

“Ich fürchte ja.” Mit einer Mischung aus Belustigung und Resignation sah Scarlett wieder zu Slater. “Tust du mir einen Gefallen, Liebes? Geh und fisch unseren neuen Partner aus dem See. Aber lass dir Zeit damit. Es ist heiß heute. Er soll sich ruhig noch ein wenig im Wasser vergnügen.”

Mit einem letzten Blick auf das Spektakel am Seeufer ging sie ins Hotel, um sich um ihre Gäste zu kümmern.

Langsam ging Colin Slater neben seiner jugendlichen Retterin her, bemüht zu ignorieren, dass sie schadenfroh grinste und seine durchnässten italienischen Slipper bei jedem Schritt quietschten.

“Sind Sie wirklich in Ordnung?”

Wenn das weniger amüsiert geklungen hätte und es ihm weniger peinlich gewesen wäre, dass er die Balance verloren hatte und im flachen Wasser gelandet war, das ihm nicht einmal bis zur Brust reichte, dann hätte er ihr wahrscheinlich freundlicher geantwortet. So jedoch brummte er nur etwas Unverständliches vor sich hin und umfasste den Griff seines Koffers fester.

Das junge Mädchen warf ihm einen belustigten Seitenblick zu. Unter anderen Umständen hätte er ihre unbekümmerte Art charmant gefunden. Aber die Umstände waren nun mal nicht anders.

“Ich bin übrigens Casey. Meine Mom dachte schon, Sie würden gar nicht mehr kommen.”

“Hätte durchaus sein können”, erwiderte er. Wenn es nach ihm gegangen wäre, dann wäre er jetzt bestimmt nicht an diesem abgeschiedenen See am Ende der Welt. Sondern immer noch in Manhattan und würde vermutlich den Deal mit Lawton zum Abschluss bringen, an dem er das letzte Vierteljahr gearbeitet hatte.

Doch es war nicht nach ihm gegangen. Und das ärgerte ihn zunehmend.

Er warf der kleinen Rotblonden einen bösen Blick zu, musste aber vor ihrem neuerlichen Lächeln kapitulieren. Kopfschüttelnd ließ er sie vor ihm die Treppe hinaufeilen, die, wie er annahm, zu seinem neuen Spekulationsobjekt führte.

Er besah sich das alte, renovierungsbedürftige Gebäude näher, das er schon vom Bootssteg aus gesehen hatte, und atmete tief durch. Es war in der Tat ein Spekulationsobjekt. Und der beste Beweis, dass er, Colin Slater, der Selfmade-Millionär und geniale Geschäftsmann, wie ihn das Wall Street Journal einmal genannt hatte, der größte Dummkopf des Jahrhunderts war.

Er konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. J.D. Hazzard hatte seinen Beruf verfehlt. Statt ein Vermögen mit Luftfracht zu verdienen, sollte er lieber Sand an Wüstenscheichs verkaufen. Wenn er sie nicht überzeugen konnte, dass sie noch mehr Sand brauchten, dann würden sie trotzdem welchen kaufen, nur, um J.D. loszuwerden. Genau deshalb hatte er ihm auch die dämlichen Lotterielose abgekauft.

“Betrachte es doch als gute Tat”, hatte J.D. mit jenem gewinnenden Grinsen gemeint, mit dem er jeden bei Slater Corporation in seinen Bann zog, seit sie vor ein paar Jahren miteinander ins Geschäft gekommen waren.

Hazzard hatte genau gewusst, dass Colin immer tief in die Tasche griff, wenn es darum ging, eine gute Sache zu unterstützen. “Was sind schon ein paar Riesen bei deinem Einkommen?”, hatte er hinzugefügt.

Es stimmte. Die Summe, die er ausgegeben hatte, um vielleicht eine Beteiligung an diesem altmodischen und äußerst renovierungsbedürftigen Hotel zu gewinnen, hatte ihn nicht weiter belastet.

Aber verflixt, er hatte doch nicht damit gerechnet, tatsächlich zu gewinnen. Und selbst wenn, so wäre es ihm nie eingefallen, seinen Anspruch geltend zu machen.

“Vielen Dank euch allen”, murmelte Colin und meinte damit nicht nur J.D., sondern auch seinen Bruder, Cameron, der darauf bestanden hatte, dass er sich endlich mal aus dem Arbeitsstress ausklinken müsse. Selbst seine Sekretärin, Edith, hatte sich an der Verschwörung, ihn aus New York hinauszumanövrieren, beteiligt.

“Ehe du zusammenklappst!”, hatten sie immer wieder gedrängt. Und am Morgen war er zu seinem Privatjet begleitet worden, damit er auch wirklich abflog, während Cameron ihm Order gab, mindestens zwei Wochen wegzubleiben.

Als Colin sich jetzt umsah, überlegte er, ob man wohl nur per Flugzeug oder Boot hierher kam. Ringsum gab es nur Wasser, Bäume, Felsen, Himmel.

Das war kein Ausklinken aus dem Arbeitsstress. Das war ein Ausklinken aus der Zivilisation.

Scarlett stellte die Schüssel mit Schokoladenglasur so heftig auf den Küchentresen, dass es klirrte. “Du hast was?”

“Ich habe ihm Belindas Zimmer gegeben”, erwiderte Casey, offenbar höchst zufrieden mit sich selbst. Sie naschte von der Glasur und wich dabei kichernd ihrer Mutter aus, als diese spielerisch nach ihrer Hand schlug.

“Wie gemein du sein kannst, Kind.” Scarlett begann Glasur auf der Torte zu verteilen, die sie für ihre Gäste als Dessert vorgesehen hatte. “So wenig es mir behagt, dass er hier ist, in dem Zimmer kann Mr Slater nicht bleiben. Belinda wird ihm die Hölle heiß machen.”

Casey strahlte. “So wie sie jedes Mal tut, wenn wir einem Mann ihr Zimmer geben.”

“Weswegen wir es ja auch nur an weibliche Gäste vermieten.”

“Komm schon, Mom. Sei keine Spielverderberin. Irgendwie vermisse ich sie.”

Scarlett schnaubte entrüstet. “Ich auch … etwa wie Zahnschmerzen. Sie macht viel zu viel Ärger.”

“Aber es macht auch Spaß. Die Gäste finden es immer sehr aufregend, wenn Belinda mal wieder loslegt.”

“Doch nur, weil wir alles tun, um sie davon zu überzeugen, dass sie harmlos ist. Denn eigentlich finden die Leute Hausgeister beängstigend.”

“Also, Mr Slater schien es nichts auszumachen.”

Scarlett sah ihre Tochter argwöhnisch an. “Du hast ihm von Belinda erzählt?”

“Mehr oder weniger.”

“Ich nehme an, eher weniger.”

“Es ist doch nicht meine Schuld, dass er mir nicht geglaubt hat.” Casey grinste von Neuem. “Ich kann es gar nicht erwarten, dass Belinda mit ihrem Schabernack anfängt.”

“Wie kann man nur so boshaft sein.” Scarlett konnte sich ein Grinsen kaum verkneifen. Dass Belinda als Störenfried in Aktion treten könnte, erschien ihr so reizvoll, dass sie Casey am liebsten ihren Willen gelassen hätte. Einem so stinkreichen, langweiligen Typen wie Slater gegenüber womöglich einen Vorteil zu haben – welchen auch immer –, war eine große Versuchung.

Sie stellte die glasierte Torte beiseite und sah nach dem Braten, den sie ihren Gästen in einer Stunde als Dinner servieren wollte. “Was würde J.D. wohl dazu sagen, wenn wir Mr Slater Belinda auslieferten?”

“Oh, daran habe ich gar nicht gedacht. Die beiden sind Freunde, nicht wahr?” Unbeeindruckt nahm Casey einen Stapel Teller aus einem Schrank, um im Speisesaal die Tische zu decken. “J.D. braucht es ja nicht zu erfahren, oder?”

“J.D. braucht was nicht zu erfahren?”

Beim Klang der unbekannten Männerstimme fuhr Scarlett herum. Überrascht starrte sie den Mann an, der da in ihrer Küchentür stand.

“Dass Sie vom Bootssteg gefallen sind”, erklärte Casey schnell und strahlte ihn dabei mit großen Augen an. “Wir sprachen gerade davon, dass wir Ihnen diese kleine Blamage ersparen könnten. Stimmt’s, Mom?”

Scarlett hätte sich bestimmt gefragt, seit wann ihre süße, unschuldige Tochter sich zu einer solchen Schwindlerin entwickelt hatte, wenn sie nicht so abgelenkt gewesen wäre. Zum Beispiel von breiten Schultern und tiefbraunem Haar, das perfekt gestylt und vom unfreiwilligen Bad im See noch etwas feucht war. Und dem hypnotisierenden Blick eines stahlgrauen Augenpaares, das zu einem ausgesprochen sympathischen Gesicht gehörte.

So, das ist also Colin Slater, dachte sie, vollkommen irritiert, dass sich ihr unwillkommener Hausgast als so attraktiv entpuppt hatte.

Um sich wieder in den Griff zu bekommen, atmete sie tief durch. Von der Verandatreppe aus hatte sie vorhin kaum mehr von ihm gesehen als einen dunklen Anzug und fuchtelnde Arme. Jetzt, aus der Nähe, war sofort klar, dass er definitiv kein beleibter Zigarrenraucher war.

Seinen durchnässten Anzug hatte er gegen ein kurzärmeliges weißes Hemd und eine dunkelgrüne Baumwollhose getauscht. Das war zwar noch weit von abgeschnittenen Jeans und T-Shirt entfernt, der Standard-Sommerkluft hier oben, aber auf jeden Fall weniger förmlich als ein Anzug. Und es bewies zweifelsfrei, dass er keinen Bauch hatte – es sei denn einen flachen, durchtrainierten.

Die Richtung, die ihre Gedanken nahmen, irritierten Scarlett. Wie kam sie dazu, über seinen Bauch zu spekulieren – oder sonst einen Teil seines beeindruckenden Körpers?

“Geh die Tische decken, Casey. Mr Slater und ich müssen uns über sein Zimmer unterhalten.”

“Feigling”, brummte Casey im Hinausgehen.

“Gibt es da ein Problem?”, hörte Scarlett Slater fragen, während sie sich ganz auf das Schwingen der Schwingtür konzentrierte.

Leider lenkte seine wohlklingende, sinnliche Stimme ihre Gedanken weiterhin in eine Richtung, die sie sich gerade verboten hatte.

Entschlossen setzte sie eine geschäftsmäßige Miene auf und lächelte freundlich. “Zuerst die Förmlichkeiten.” Sie wischte ihre Hand an einem Küchentuch ab, ehe sie sie ihm hinstreckte. “Wir haben uns einander noch gar nicht vorgestellt. Ich bin Scarlett Morgan.”

“Colin Slater, wie Sie sich schon gedacht haben.”

Im Gegensatz zu seinem Lächeln, das kühl, wenn auch höflich war, war seine Hand warm, sein Blick intensiv. Wieder war sie fasziniert vom ungewöhnlichen Grau seiner Augen. Es war eine atemberaubende Mischung aus Rauchgrau und Silbergrau – und wenn sie nicht alles täuschte, schien er im Moment zwischen kühler Reserviertheit und offener Bewunderung zu schwanken. Er musterte sie ungeniert, genau wie sie ihn.

Nimm dich zusammen, befahl sie sich streng. Das Problem war nur, dass sie mit Überraschungen nicht gut umgehen konnte – und Colin Slater war definitiv eine Überraschung.

Weil er immer noch ihre Hand festhielt, nahm sie überdeutlich wahr, wie groß und kräftig seine Hand war und wie muskulös seine Unterarme wirkten. Und seine breite Brust fand sie wirklich beeindruckend. Die Art und Weise, wie seine Hose seine schmalen Hüften und langen Beine zur Geltung brachte, löste ein unerwartetes, angenehmes Prickeln in ihr aus.

Schön, er war ganz und gar nicht so, wie sie sich einen Mann aus der Stadt vorgestellt hatte, der hauptsächlich im Büro saß. Na und? Bloß weil er attraktiv war, hieß ja nicht, dass er weniger bedrohlich war. Sein Besuch behagte ihr immer noch nicht. Und noch weniger behagte ihr, dass es ihr plötzlich unangenehm war, wie rau sich ihre Hand, die er immer noch festhielt, anfühlen musste.

Schnell entzog sie sie ihm und griff nach ihrem Küchentuch. Die Arbeit im Hotel war zarter, weicher Haut nun mal nicht zuträglich, egal wie viel Handcreme sie jeden Abend einmassierte.

Und warum kümmert es dich überhaupt, was er von deinen Händen hält, schalt sie sich insgeheim, während ihre Reaktionen sie immer nervöser machten.

“Sie … Sie sehen etwas anders aus im trockenen Zustand”, sagte sie, entschlossen, die Situation zu meistern. Doch weil sich das so idiotisch anhörte, errötete sie leicht. “Also, das war nun wirklich keine sehr taktvolle Bemerkung. Entschuldigen Sie.”

“Kein Problem. Ich fühle mich trocken auch ganz anders.”

Sie lächelte widerstrebend. “Sie meinen, Sie werden die nächsten zehn Minuten nicht damit zubringen, Ihr Missgeschick zu rechtfertigen?”

“Und weitere zehn, um zu erklären, warum es nicht meine Schuld war, dass ich mich lächerlich gemacht habe?” Er schüttelte den Kopf. “Nicht mein Stil.”

Sein Stil war, so schien es, zu seinem Missgeschick zu stehen, es aber nicht zu dramatisieren. Das überraschte sie.

Und seine nächste Bemerkung überraschte sie noch mehr. “Ich weiß, es ist eine Zumutung, aber ich hoffe, es macht Ihnen nichts aus, dass ich hier bin.”

“Natürlich nicht”, erwiderte sie schnell im gleichen höflichen Ton wie er. Dann fragte sie sich, warum ihr die Worte nicht im Hals stecken geblieben waren, denn es war glatt gelogen. Es machte ihr etwas aus. Sehr viel sogar.

Zu lügen – selbst aus Höflichkeit – war normalerweise nicht ihre Art. Aber sie nahm ihre Lüge nicht zurück, im Gegenteil, sie spann sie weiter. “Immerhin gehört Crimson Falls nun zur Hälfte Ihnen. Da ist Ihr Interesse nur verständlich.”

Sie geriet immer tiefer in ihr Lügengespinst. Sie hatte überhaupt kein Verständnis für seinen Besuch. Und sie begriff nicht, warum sie nicht wusste, wie sie sich diesem Mann gegenüber verhalten sollte oder warum er sie derart nervös machte.

Doch, du begreifst es sehr wohl, gestand sie sich schließlich ein. Sie reagierte körperlich auf ihn. Und zwar heftig.

Sie hatte diese Gefühlsregung zunächst nicht richtig eingeordnet, weil sie sie sehr lange nicht mehr verspürt hatte. Sie war der Meinung gewesen, ihre Erfahrung mit John und ihre Scheidung hätten sie für immer immun gegen das andere Geschlecht gemacht. Offenbar ein Irrtum.

Es war nicht so, dass sie nie attraktive Männer traf – auch wenn die meisten Männer, die im Hotel wohnten, zugegebenermaßen in erster Linie am Angeln interessiert waren. Aber der eine oder andere gut aussehende Single hatte durchaus Interesse bekundet. Ihres jedoch war nie geweckt worden.

Was also war anders bei diesem Mann? Sicher, er war sexy und selbstbewusst. Kultiviert, weltgewandt und unglaublich attraktiv. Und seine Stimme würde auch beim Verlesen des Wetterberichts verführerisch klingen.

Aber es war mehr als das. Es war seine Fähigkeit, ihr bewusst zu machen, dass sie eine Frau war. Eine Frau, die ihre Sinnlichkeit viel zu lange ignoriert hatte und der es an einer gewissen Weltgewandtheit mangelte, wie dieser Mann sie ausstrahlte.

“Scarlett?”

“Ja?” Erst jetzt wurde sie gewahr, dass sie die ganze Zeit schweigend neben dem Küchentresen gestanden hatte. “Was ist? Haben Sie etwas gesagt?”

Er lächelte. Zögernd, jedoch ohne Zweifel amüsiert. “Ich habe gehört, diese kurzen Ausflüge ins Reich der Fantasie sollen traumhaft sein.”

Sie fühlte, wie ihr die Röte ins Gesicht stieg. “Oje. Entschuldigen Sie. Ich war wohl etwas in Gedanken. Die Vorbereitungen fürs Dinner und so weiter, Sie verstehen.” Sie merkte, dass Colin Slater sie nun neugierig musterte. Ärgerlich warf sie das Küchentuch auf den Tresen. Dieser Mann hatte sie gründlich aus dem Gleichgewicht gebracht. Sie log nie. Sie verstellte sich nie. Und sie nannte die Dinge immer beim Namen. Es war höchste Zeit für ein wenig Ehrlichkeit. “Um der Wahrheit die Ehre zu geben, Mr Slater, ich bin Ihretwegen etwas durcheinander. Ich habe geschwindelt, als ich sagte, es sei kein Problem, dass Sie hier sind. Und dass ich Verständnis dafür habe, dass Sie Ihre Investition überprüfen möchten. Tatsache ist …”

“Sie ärgern sich über meinen Besuch? Sie wollen nicht, dass ich mich einmische?” Er trat neben sie.

Sie reckte das Kinn. “Tut mir leid, aber genauso ist es. Es geht nicht gegen Sie persönlich. Es ist nur …”

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