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Schemen

Inhalt

  1. Cover
  2. Über den Autor
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. TEIL 1 - EIN GANZ GEWÖHNLICHER MANN
  7. 1. Kapitel
  8. 2. Kapitel
  9. 3. Kapitel
  10. 4. Kapitel
  11. 5. Kapitel
  12. 6. Kapitel
  13. 7. Kapitel
  14. 8. Kapitel
  15. 9. Kapitel
  16. 10. Kapitel
  17. 11. Kapitel
  18. 12. Kapitel
  19. 13. Kapitel
  20. 14. Kapitel
  21. 15. Kapitel
  22. 16. Kapitel
  23. 17. Kapitel
  24. 18. Kapitel
  25. 19. Kapitel
  26. 20. Kapitel
  1. TEIL 2 - WIR SIND DA
  2. 1. Kapitel
  3. 2. Kapitel
  4. 3. Kapitel
  5. 4. Kapitel
  6. 5. Kapitel
  7. 6. Kapitel
  8. 7. Kapitel
  9. 8. Kapitel
  10. 9. Kapitel
  11. 10. Kapitel
  12. 11. Kapitel
  13. 12. Kapitel
  14. 13. Kapitel
  15. 14. Kapitel
  16. 15. Kapitel
  17. 16. Kapitel
  18. 17. Kapitel
  1. TEIL 3 - NIEMANDSLAND
  2. 1. Kapitel
  3. 2. Kapitel
  4. 3. Kapitel
  5. 4. Kapitel
  6. 5. Kapitel
  7. 6. Kapitel
  8. 7. Kapitel
  9. 8. Kapitel
  10. 9. Kapitel
  11. 10. Kapitel
  12. 11. Kapitel
  13. 12. Kapitel
  14. 13. Kapitel
  15. 14. Kapitel
  16. 15. Kapitel
  17. 16. Kapitel
  18. 17. Kapitel
  19. 18. Kapitel
  20. 19. Kapitel
  21. 20. Kapitel

Über den Autor

Bentley Little wurde in Arizona geboren, kurz nachdem seine Mutter die Weltpremiere von Psycho besucht hatte. Vor seiner Karriere als Autor schlug er sich mit Gelegenheitsjobs als Reporter, Bibliothekar, Zeitungsbote oder Kassierer durchs Leben.

Mit seinem ersten Roman gewann Bentley Little den begehrten Bram-Stoker-Award und machte damit Stephen King auf sich aufmerksam. Seitdem gilt er als Meisterschüler des »King of Horror« und steht seinem Lehrer in nichts nach: Seine Romane begeistern weltweit Millionen Leser, und mit Furcht, Böse und Fieber hat er sich auch in Deutschland einen festen Fankreis geschaffen. Bentley Little lebt mit seiner Frau in Arizona und schreibt derzeit an seinem nächsten Roman.

 

Wie immer danke ich meinen Freunden

und meiner Familie.

Mein besonderer Dank gilt den Angestellten

der Stadtverwaltung von Costa Mesa,

für die ich von 1987 bis 1995 gearbeitet habe.

Er geht sowohl an die freundlichen,

intelligenten und kompetenten Kollegen als auch

an die engstirnigen, intriganten und bürokratischen

Arschlöcher, die ich immer gehasst habe.

1. Kapitel

An dem Tag, als ich den Job bekam, haben wir gefeiert.

Da lag meine Uni-Abschlussfeier bereits vier Monate zurück, und ich hatte die Hoffnung schon fast aufgegeben, jemals eine feste Anstellung zu finden. Ich habe an der University of Brea studiert und dort im Dezember meinen Bachelor of Arts in Amerikanistik gemacht - nicht unbedingt ein Studiengang für die praktisch Veranlagten dieser Welt.

Seitdem war ich auf Arbeitssuche.

Meine Professoren und Tutoren wurden nicht müde, mir zu versichern, dass ein Amerikanistik-Studium für einen Berufsanfänger nur von Vorteil sein könne, dass mich die Fähigkeit zur »interdisziplinären Teamarbeit« zu einem begehrten Arbeitnehmer machen würde und mir dies einen unschätzbaren Vorteil gegenüber den ganzen Fachidioten in der freien Wirtschaft verschaffte.

Schwachsinn!

Ich bin sicher, meine Dozenten haben mich nicht mit Absicht ins offene Messer laufen lassen. Vielmehr glaube ich, dass die Herren nach wie vor der Überzeugung sind, ein Abschluss in Amerikanistik wäre für Stellensuchende auf dem freien Arbeitsmarkt ebenso wertvoll wie für diejenigen, die eine universitäre Laufbahn einschlagen möchten. Wie dem auch sei, das Ergebnis meines Fehlgriffs war, dass mich kein Schwein einstellen wollte. In Talkshows wie Donahue und Oprah ist von den führenden Vertretern großer Firmen immer zu hören, man interessiere sich für umfassend gebildete und geschulte Allrounder, also nicht nur für die tüchtigen Betriebswirtschaftler, sondern durchaus auch für Studenten der Geisteswissenschaften.

Reines PR-Geschwafel - die Wirklichkeit sieht anders aus: Um die Betriebswirtschaftler reißt man sich förmlich, während ein Geisteswissenschaftler wie ich stundenweise jobben, genauer gesagt, bei Sears Herrenoberbekleidung verkaufen muss.

Doch das alles war meine Schuld. Ja, ehrlich. Ich hatte nie eine klare Vorstellung davon, was ich einmal werden wollte. Nach dem Schulabschluss habe ich mich für Amerikanistik eingeschrieben, weil mir der Studiengang »irgendwie interessant« erschienen war. Außerdem kollidierten die Vorlesungen nicht mit meinen Arbeitszeiten bei Sears. Nicht einen Gedanken verschwendete ich an so etwas wie Auskommen oder Karriere, geschweige denn daran, was ich nach dem Studium mit meinem Leben anfangen sollte. Ich hatte keine Ziele, keine Pläne; ich nahm die Dinge so, wie sie kamen, und ehe ich mich versah, hatte ich mich ins Abseits manövriert.

Wer weiß, vielleicht war mir meine Unentschlossenheit bis zu einem gewissen Grad auch bei den Vorstellungsgesprächen anzumerken. Vielleicht wurde ich ja deshalb von den Personalchefs nie ernsthaft in Betracht gezogen.

Natürlich spiegelte sich nichts von alledem in meinen Bewerbungsunterlagen wider. Die waren mustergültig auf dem Computer erstellt worden und wirkten, wenn ich das mal so sagen darf, verdammt professionell.

Ich stieß auf die Stellenanzeige in der öffentlichen Bibliothek von Buena Park. Dort liegt ein dicker Ordner aus, in dem sich Arbeitsangebote und Bekanntmachungen von allen möglichen Regierungsorganisationen und von privaten und staatlichen Unternehmen finden. Diesen Ordner durchstöberte ich immer montags, nachdem die Gesuche für die laufende Woche hereingekommen waren. Die Jobs, die in der Bibliothek angeboten wurden, erschienen mir durch die Bank attraktiver als die, die man im Anzeigenteil des Register oder der Los Angeles Times findet. Doch alles war besser als das so genannte Karriere-Center an der Universität von Brea.

In dem Inserat, das ich unter »Firmen und Gesellschaften« fand, wurde ein technischer Redakteur gesucht, und die Anforderungen lasen sich vielversprechend unspezifisch. Keine Berufserfahrung war vonnöten, und die einzige Voraussetzung war, dass der Bewerber einen Bachelor in Computerwissenschaften, Englisch oder einem anderen geisteswissenschaftlichen Fach vorzuweisen hatte.

Amerikanistik, das ist doch fast so etwas wie Freie Künste, dachte ich damals und notierte mir die Adresse der Firma. Danach fuhr ich zurück in meine Wohnung, hinterließ am Kühlschrank eine Nachricht für Jane und machte mich auf den Weg nach Irvine.

Die Firma residierte in einem riesigen gesichtslosen Gebäude in einem ganzen Block aus riesigen gesichtslosen Gebäuden. Ich ging durch die große Lobby und dann, den Anweisungen des Mitarbeiters am Empfangsschalter folgend, zum Fahrstuhl, der mich in die Personalabteilung brachte. Dort überreichte man mir ein Formular, ein Clipboard und einen Stift. Ich setzte mich in einen weich gepolsterten Bürostuhl und füllte meine Bewerbung aus. Insgeheim hatte ich mich schon darauf eingestellt, auch diesen Job nicht zu bekommen, dennoch trug ich pflichtgemäß alle Daten in den Fragebogen ein und gab ihn wieder ab.

Eine Woche später bekam ich eine E-Mail, in der man mich zu einem Bewerbungsgespräch einlud. Als Termin nannte mir man den kommenden Mittwoch um 13.30 Uhr.

Ich wollte da eigentlich nicht hingehen, und das sagte ich auch Jane. Trotzdem meldete ich mich Mittwochmorgen bei Sears krank und bügelte am Küchentisch mein einziges weißes Hemd auf einem Handtuch.

Zum Interview erschien ich eine halbe Stunde zu früh, und nachdem ich ein weiteres Formular ausgefüllt hatte, drückte man mir einen Computerausdruck mit meiner Jobbeschreibung in die Hand. Dann wurde ich von der Assistentin des Personalchefs zurück ins Foyer und zu einem Konferenzraum geleitet, in dem die Bewerbungsgespräche geführt wurden. »Vor Ihnen ist noch ein anderer Bewerber«, sagte sie mir und nickte in Richtung der geschlossenen Tür. »Setzen Sie sich doch. Sie sind gleich dran.«

Ich nahm auf einem schmalen Plastikstuhl vor dem Konferenzraum Platz. Die Leute im Karriere-Center hatten mir eingeschärft, mir meine Antworten in Bewerbungsgesprächen stets im Voraus zurechtzulegen und mich auf alle möglichen Fragen gut vorzubereiten. Doch das wollte mir einfach nicht gelingen, so angestrengt ich auch darüber nachdachte. Also lehnte ich mich ein Stück in Richtung Tür vor und versuchte etwas von dem aufzuschnappen, das mein Konkurrent da drinnen gefragt wurde. Zu meinem Leidwesen war der Lauschangriff nicht von Erfolg gekrönt, denn die Tür war schalldicht.

So viel zum Thema »Antworten vorbereiten«.

Ich ließ meinen Blick durchs Foyer schweifen. Es war recht hübsch. Groß und luftig und sehr hell. Der dezent getönte Teppich war pieksauber, die weißen Wände wirkten frisch gestrichen. Eine angenehme Arbeitsumgebung. In diesem Moment trat eine adrett gekleidete junge Frau aus einem der Flure in die Halle. Sie trug ein Aktenbündel und würdigte mich keines Blickes, als sie an mir vorbeiging.

Ich wurde nervös und spürte, wie mir der Schweiß in zwei dünnen Rinnsalen aus den Achselhöhlen am Körper hinablief. Gott sei Dank trug ich einen Anzug mit Jackett. Ich starrte auf die Jobbeschreibung in meiner Hand. Die Anforderungen in Bezug auf die Ausbildung waren klar - darüber musste ich mir keine Sorgen machen -, was mich allerdings irritierte, war, dass das Aufgabengebiet selbst nur sehr vage umrissen wurde, vergraben unter nichtssagenden, gestelzt formulierten Phrasen. In diesem Moment begriff ich, dass ich nicht den blassesten Dunst hatte von dem Job, auf den ich mich beworben hatte.

Die Tür ging auf. Heraus trat ein gut aussehender, geschäftsmäßig gekleideter Mann, der um einiges älter war als ich. Er wirkte durch und durch professionell, das Haar war kurz und sorgfältig geschnitten, der Anzug sah kostspielig aus, genau wie die lederne Aktenmappe, die er trug. War das etwa mein Mitbewerber? Plötzlich fühlte ich mich miserabel vorbereitet, underdressed und unsagbar amateurhaft, was mein ganzes Auftreten hier anbetraf. Und ich war mir einmal mehr sicher, dass ich diesen Job nie im Leben bekommen würde.

»Mr Jones?«

Ich sah auf, als ich meinen Namen hörte.

In der Tür zum Besprechungsraum stand eine ältere Asiatin. »Bitte treten Sie ein.«

Ich erhob mich und folgte der Frau in den Konferenzraum. Wortlos deutete sie auf drei Männer, die hinter einem langen Tisch saßen. Dann nahm sie auf einem Stuhl direkt bei der Tür Platz.

Ich ging nach vorn. Das Trio hinter dem Konferenztisch wirkte fast bedrohlich auf mich. Die drei trugen nahezu identische graue Anzüge, und keiner der Herren lächelte, als ich vortrat. Der Typ auf der rechten Seite schien der älteste zu sein, ein untersetzter grauhaariger Mann mit scharf geschnittenem Gesicht und dicker, schwarz gerahmter Brille. Doch es war der jüngste der drei - er saß in der Mitte -, der hier offenbar das Sagen hatte. Er hielt einen Stift in der Hand und hatte einen Stapel mit Bewerbungsformularen vor sich, die genauso aussahen wie das, welches ich bei meinem ersten Besuch ausgefüllt hatte.

Der Mann in der Mitte stand auf und reichte mir die Hand. »Bob?«, fragte er.

Ich nickte.

»Schön, Sie kennen zu lernen. Ich bin Tom Rogers.« Er zeigte auf den Stuhl vor dem Tisch und bedeutete mir, Platz zu nehmen. Dann setzte auch er sich wieder hin.

Nun fühlte ich mich schon ein bisschen besser. Trotz der stocksteifen Atmosphäre, die hier herrschte, verströmte Rogers einen Hauch von Zwanglosigkeit. Auch seine Sprechweise war angenehm und so verbindlich, dass ich mich schon bald entspannte. Zudem war Rogers nicht viel älter als ich, was mir zum Vorteil gereichen konnte, wie ich hoffte.

Rogers überflog meinen Lebenslauf und nickte wohlwollend. Mit einem Lächeln sah er wieder zu mir auf. »Das sieht doch alles recht ordentlich aus«, meinte er. »Oh, fast hätte ich's vergessen, das ist Joe Kearns aus der Personalabteilung.« Er zeigte in Richtung des Mannes, der gerade aus dem Fenster starrte. »Und das ist Ted Banks, der Leiter der Dokumentationsabteilung.« Der ältere der drei nickte unmerklich.

Rogers nahm ein weiteres Blatt Papier zur Hand. Durch die Rückseite schimmerte eine gedruckte Liste hindurch. Eine Art Fragenkatalog für mich, wie ich annahm.

»Haben Sie schon einmal Computerdokumentationen verfasst?«, wollte er wissen.

Ich schüttelte den Kopf. »Nein.« Ich hatte beschlossen, bei diesem Thema ehrlich zu sein. Vielleicht brachte mir das ja einen Extrapunkt in Sachen Aufrichtigkeit ein.

»Sind Sie mit SQL und dBase vertraut?«

»Nein …«

Und so ging es weiter, eine technische Frage jagte die nächste. Inzwischen war ich sicher, hier auf verlorenem Posten zu stehen. Diese ganzen Computerfachbegriffe! Von den meisten hatte ich noch nie etwas gehört … Doch ich stand es bis zum Ende durch und führte tapfer meinen weit gefächerten Bildungshintergrund sowie mein Schreibtalent ins Feld. Schließlich erhob sich Rogers, schüttelte mir lächelnd die Hand und meinte, man werde sich wieder bei mir melden. Die beiden anderen, die sich während des gesamten Gesprächs in Schweigen gehüllt hatten, sagten auch jetzt nichts. Ich dankte den Herren für ihre Aufmerksamkeit, versuchte ein freundliches Nicken und verließ den Raum.

Auf der Fahrt nach Hause verreckte mir dann der Wagen.

Der miese Abschluss eines miesen Tages. Nicht dass mich das damals noch groß überrascht hätte. Irgendwie erschien es mir sogar folgerichtig, ja, geradezu angemessen. So vieles war schon seit Langem schiefgelaufen, und was mich einst geradewegs in Panik versetzt hätte, das ließ mich an jenem Tag völlig kalt. Ich war einfach müde. Also stieg ich aus dem Wagen, griff durch die geöffnete Fahrertür ans Steuer und schob die Karre an den Straßenrand. Das Auto war Schrott. Es war schon schrottreif gewesen, als ich's bei einem inzwischen pleitegegangenen Gebrauchtwagenhändler gekauft hatte. Ich spielte sogar mit dem Gedanken, den Blechhaufen an Ort und Stelle stehen zu lassen und einfach zu gehen. Doch wie immer waren das, was ich vorhatte, und das, was ich letztlich tat, zwei verschiedene Paar Schuhe.

Und so verriegelte ich pflichtschuldig den Wagen, ging über die Straße zu einem 7-Eleven und rief den Automobilclub an.

Das alles wäre nur halb so schlimm gewesen, wäre ich nicht so weit von zu Hause liegen geblieben. Doch die Karre hatte ihren Geist ja unbedingt in Tustin aufgeben müssen. Das lag gut zwanzig Meilen von Brea entfernt. Und so ließ mich der zänkische Neandertaler vom Automobilclub wissen, er könne mein Kraftfahrzeug nur dann kostenfrei in eine Werkstatt abschleppen, wenn diese innerhalb eines Fünf-Meilen-Radius von meinem Wohnort läge. Jede weitere Meile würde mich 2.50 Dollar kosten.

Ich hatte kein Geld und noch weniger Geduld, und so beauftragte ich ihn, das Auto zu Sears nach Brea zu bringen. Ich würde fürs Abschleppen bezahlen müssen, wie auch für die Reparatur, und ich würde mich zu allem Überfluss auch noch von jemandem nach Hause fahren lassen müssen.

Ich kam zur gleichen Zeit im Apartment an wie Jane. Kurz setzte ich sie über die Ereignisse des Tages ins Bild und gab ihr zu verstehen, dass mir nicht wirklich zum Reden zumute war. So verbrachte ich den Rest des Abends auf der Couch vor dem Fernseher und schwieg vor mich hin.

Am Freitagnachmittag riefen sie mich an.

Jane war ans Telefon gegangen und hatte mich dann an den Apparat gerufen. »Das ist die Firma«, wisperte sie.

»Hallo?«, fragte ich, als ich den Hörer entgegengenommen hatte.

»Bob? Hier spricht Joe Kearns von Automated Interface. Ich habe gute Nachrichten für Sie.«

»Ich hab den Job?«

»Sie haben den Job.«

Ich erinnerte mich noch gut an Tom Rogers, aber mir wollte ums Verrecken nicht mehr einfallen, wer von den schweigsamen Herren Joe Kearns gewesen war. Egal, dachte ich, ich habe den Job!

»Können Sie Montag anfangen?«

»Natürlich«, erwiderte ich.

»Gut, wir sehen uns dann. Melden Sie sich als Erstes in der Personalabteilung, damit wir die letzten Formalitäten regeln können.«

»Um wie viel Uhr?«

»Um acht.«

»Muss ich einen Anzug tragen?«

»Weißes Hemd und Schlips genügen völlig.«

Am liebsten hätte ich getanzt, wäre auf und ab gehüpft und hätte ins Telefon gejubelt. Stattdessen sagte ich nur: »Danke, Mr Kearns.«

»Also dann bis Montag.«

Jane starrte mich erwartungsvoll an. Ich legte auf und grinste. »Ich hab ihn!«

Wir feierten das große Ereignis bei McDonald's. Schon lange waren wir nicht mehr ausgegangen, und selbst dieser Trip in den Fastfoodtempel erschien uns damals wie purer Luxus. Als ich auf den Kundenparkplatz einbog, sah ich zu Jane hinüber und fragte mit snobistisch klingendem britischem Akzent: »Möchten Madam in den Drive-in fahren?«

Sie stieg darauf ein und erwiderte mit hochherrschaftlichem Gestus: »Ganz sicher nicht. Wir werden im Haus essen, im Speisesaal, um genau zu sein, wie zivilisierte menschliche Wesen.«

Dann brachen wir in schallendes Gelächter aus.

Als wir den McDonald's betraten, fühlte ich mich einfach toll. Die Luft draußen war kühl, aber im Gastraum war es warm und gemütlich. Es roch nach frischen Pommes frites. Wir beschlossen, es uns richtig gut gehen zu lassen - zum Teufel mit dem Cholesterin -, und bestellten uns Big Macs, die größte Portion Fritten, die größte Coke und zum Nachtisch Apfeltaschen. Da saßen wir also auf unseren Plastikstühlen an einem Vierpersonentisch in der Nische direkt neben der Statue von Ronald McDonald. An einem der Nachbartische aß eine Familie - Mutter und Vater, die ihren uniformierten kleinen Sprössling offenbar anlässlich der Pop-Warner-Aktion ausgeführt hatten. Während ich die drei über Janes Schulter hinweg beobachtete, spürte ich, wie der ganze Stress allmählich von mir abfiel.

Jane erhob ihren gewachsten Colabecher und bedeutete mir, es ihr gleichzutun. Dann stießen wir auf das große Ereignis an.

»Auf dein Wohl«, sagte Jane grinsend.

2. Kapitel

Automated Interface Inc.

Der Firmenname klang belanglos und bombastisch zugleich. So unspezifisch und hochtrabend wie der von zahllosen anderen Unternehmen in diesen Zeiten. Mir suggerierte er vor allem, dass der Laden, für den ich arbeiten würde, nichts wirklich Wichtiges produzierte, nichts von wahrem Wert. Und obwohl das Unternehmen fraglos eine Menge Geld machte, wäre es für die Menschheit wohl kein großer Verlust, wenn es schon morgen von der Bildfläche verschwände.

Und es war genau die Art von Firma, in der ich mir nie hatte vorstellen können, zu arbeiten. Insofern zog es mich ein bisschen runter, dass sie am Ende die Einzigen gewesen waren, die mich hatten haben wollen.

Um ehrlich zu sein, hatte ich mir niemals Gedanken darüber gemacht, was für einen Job ich gern machen würde. So weit im Voraus hatte ich nie geplant. Was mich an diesem Tag zu der Erkenntnis gelangen ließ, dass ich nicht der war, für den ich mich all die Jahre gehalten hatte - oder der ich hatte sein wollen. Ich hatte mich immer als einen intellektuellen, kreativen Menschen begriffen. Als eine Art Künstler, obwohl ich in nie auch nur etwas ansatzweise Künstlerisches zustande gebracht hatte. Mithin begriff ich am Morgen meines ersten Arbeitstags, dass mein Selbstbild wohl eher auf von mir geschätzten literarischen oder filmischen Vorbildern beruhte als auf meinen wahren Qualitäten.

Ich fuhr aufs Firmengelände und musste eine ganze Reihe reservierter Stellplätze hinter mir lassen, bevor ich schließlich meinen extrabreiten Buick in einen extraschmalen Parkplatz quetschte - zwischen einen roten Triumph und einen weißen Volvo. Ich stieg aus, rückte meinen Schlips zurecht und betrachtete zum ersten Mal das Gebäude, in dem ich von nun an arbeiten würde. Schon bei meinem ersten Besuch war es mir gesichtslos erschienen, und das tat es auch jetzt. Die Fassade strotzte vor Beton und Glas und wirkte modern, aber nicht modern genug, um so etwas wie Identität zu besitzen. Doch ungeachtet seines fehlenden Charakters sprach mich der Bau irgendwie an. Ich empfand ihn als freundlich, fast einladend, und zum ersten Mal an diesem Tag spürte ich so etwas wie Hoffnung in mir aufkeimen. Vielleicht war der Job ja doch nicht so schlecht.

Wie ich so dastand, fuhren weitere Wagen aufs Firmengelände. Geschäftig wirkende Männer und Frauen in schneidigen Businessoutfits entstiegen ihren superteuren, superschicken Karossen und betraten mitsamt ihren Aktentaschen das Gebäude.

Ich folgte ihnen.

Während meines ersten Bewerbungsgespräches hatte ich nur das Personalbüro und den Konferenzraum kennen gelernt, in dem das Interview stattgefunden hatte. Jetzt sah ich mich in der Eingangshalle genauer um. Irgendwie verblasste hier der sterile, brandneue Eindruck, den das Gebäude von außen machte. Ich entdeckte eine fadenscheinige Rille im burgunderfarbenen Teppichboden, und auf den Plastikpflanzen neben der Eingangstür lag eine dünne Staubschicht. Selbst das Holz des hohen runden Empfangstisches, hinter dem der Mann von der Security saß, wirkte irgendwie abgenutzt.

Meine zukünftigen Kollegen gingen zielstrebig durch die Lobby und nickten dem Security-Mitarbeiter auf ihrem Weg zum Aufzug zu. Ich war nicht sicher, ob ich das auch machen oder ob ich mich bei dem Typen anmelden musste. Also ging ich auf den Counter zu.

»Entschuldigen Sie bitte«, sagte ich.

Der Mann sah auf und durch mich hindurch, als ob er meine Anwesenheit gar nicht bemerkte. Stattdessen grüßte er einen übergewichtigen Anzugträger mit einem dicken Hornbrillengestell, der gerade die Halle betrat. »Jerry.«

»Entschuldigen Sie bitte«, sagte ich wieder, lauter diesmal.

Die Augen des Sicherheitsmannes hefteten sich auf mein Gesicht. »Ja?«

»Ich bin neu hier. Heute ist mein erster Arbeitstag, und ich bin nicht sicher, wo ich mich -«

Der Mann nickte in Richtung des Aufzugs. »Nehmen Sie den Lift in die Personalabteilung. Dritter Stock.«

Genau diese Worte hatte er mir schon bei meinem ersten Besuch gesagt. Ich war versucht, etwas Witziges darauf zu erwidern, doch er hatte mich schon aus seinem Gedächtnis getilgt und blickte zu den anderen Angestellten, die hinter mir die Lobby betraten.

Ich dankte ihm, obwohl er mir gar nicht zuhörte, und ging Richtung Aufzug.

Dort warteten bereits zwei Frauen, eine etwa Anfang dreißig, die andere Mitte vierzig. Die jüngere ließ sich gerade über ihr nachlassendes sexuelles Interesse an ihrem Ehemann aus. »Nicht dass ich ihn nicht liebe«, sagte sie zu ihrer Kollegin. »Aber ich kann einfach nicht mehr bei ihm kommen. Ich tue nur noch so als ob … möchte seine Gefühle nicht verletzen oder sein Selbstwertgefühl … aber es geht einfach nicht mehr. Meistens warte ich, bis er eingeschlafen ist, und dann mach ich's mir selbst.«

»Solche Dinge kommen und gehen«, meinte die Ältere. »Dein Interesse wird wieder erwachen, glaub mir. Mach dir deswegen mal keine Sorgen.«

»Und was soll ich bis dahin tun? Mir einen Liebhaber zulegen?«

»Mach einfach die Augen zu und stell dir vor, er wäre jemand anderes.« Die Frau legte eine kurze Pause ein. »Jemand … Größeres.«

Die beiden brachen in gackerndes Gelächter aus.

Da ich direkt neben der Jüngeren stand, bekam ich jedes Wort mit. Und ich konnte kaum glauben, dass die beiden in Gegenwart eines völlig Fremden so freimütig über ihr Sexleben plauderten. Peinlich berührt starrte ich angestrengt auf die Leuchtanzeige des Lifts.

Kurz darauf glitt die Tür auf, und wir betraten die Kabine. Die junge Frau drückte auf den Knopf für den fünften Stock, ich drückte auf die Drei.

In diesem Moment begann die Ältere sich über die Impotenz ihres Ehemanns zu beschweren.

Mehr als dankbar verließ ich den Aufzug, als er auf der dritten Etage anhielt.

Hinter dem Empfangscounter im Personalbereich zählte ich fünf Leute: zwei Männer mittleren Alters, die vor Computerbildschirmen arbeiteten; eine ältere Frau, die an einem Schreibtisch stand und gerade einen mitgebrachten Snack aus ihrer Handtasche holte; eine weitere ältliche Frau, die hinter einem der anderen Schreibtische saß, und eine hübsche Brünette in meinem Alter, die direkt am Tresen stand.

Ich suchte den Bereich nach Mr Kearns ab, obwohl ich keine Ahnung hatte, welcher der drei Männer, die mich interviewt hatten, er eigentlich gewesen war. Doch ich entdeckte niemanden, der mir auch nur ansatzweise bekannt vorkam. Also ging ich direkt auf das Mädchen hinter dem Counter zu. »Hallo«, begann ich. »Ich bin Bob Jones, und ich -«

Sie lächelte mich an. »Ja, wir haben schon auf Sie gewartet, Mr Jones.«

Ich erschrak. Bin ich etwa zu spät?, fragte ich mich in einem Anflug von Panik. Du liebe Güte, mein erster Tag, und ich bin zu spät …

Doch das Mädchen lächelte mich immer noch an, und als sie mir einen braunen Umschlag in die Hand drückte, stellte ich erleichtert fest, dass es noch nicht mal acht Uhr war. Warum also diese Bemerkung? Wahrscheinlich hatten sie mich schon erwartet, weil ich heute der einzige Neuzugang war.

Ich öffnete den Umschlag. Darin fanden sich ein taschenbuchgroßes Booklet mit dem Titel Leitfaden für Angestellte, einige Broschüren, ein Stift und ein paar Vordrucke, die ich offenbar ausfüllen sollte.

»Es sind noch ein paar Formalitäten zu erledigen, bevor Sie nach oben zu Mr Banks gehen können«, sagte die junge Frau. »Bitte füllen Sie das W-4-Formular aus und auch die Anträge für die Kranken- und die Lebensversicherung. Außerdem benötigen wir eine eidesstattliche Versicherung, dass Sie keine Drogen nehmen, sowie ein paar weitere Informationen, die nicht aus Ihrer Bewerbung hervorgehen.« Durch eine niedrige Schwingtür kam die junge Frau auf meine Seite des Counters. »Außerdem bieten wir ein, wie wir es nennen, Einführungsseminar für neue Angestellte an. Keine hochoffizielle Präsentation oder so, nur ein halbstündiges Video und einen anschließenden Fragebogen. Den Fragebogen finden Sie ebenfalls in dem Umschlag, den ich Ihnen ausgehändigt habe.«

Ich starrte sie ausdruckslos an, und das Mädchen lachte auf. »Ich weiß, das ist alles recht viel auf einmal, aber keine Sorge. Wir fahren jetzt erst einmal nach unten in den Konferenzraum. Dort können Sie sich entspannen und in Ruhe das Video ansehen. Danach gehe ich mit Ihnen gemeinsam die ganzen Formulare durch. Ich bin übrigens Lisa.« Sie lächelte mich an, dann blickte sie hinüber zu einer der älteren Frauen hinter dem Empfangsschalter und deutete den Flur entlang. Die andere Frau nickte.

Lisa führte mich in denselben Gang, in dem ich auf mein Bewerbungsgespräch gewartet hatte. Im Vorbeigehen warf ich einen Blick auf die geschlossene Tür, hinter der das Interview stattgefunden hatte. Noch immer begriff ich nicht, warum zum Teufel ich überhaupt eingestellt worden war. Aus den Fragen, die man mir gestellt hatte, ging hervor, dass man jemanden suchte, der etwas von IT verstand, zumindest aber jemanden, der mit dem Thema irgendwie vertraut war. Das traf auf mich ganz und gar nicht zu. Nicht nur hatte ich keine Ahnung von Computern, ich hatte nicht mal das leiseste Interesse daran.

War das alles womöglich ein riesengroßer Irrtum?

Wir liefen weiter den Flur entlang und blieben schließlich vor einer geschlossenen Tür stehen. Lisa drückte sie auf. Wir traten ein. »Nehmen Sie Platz«, sagte sie.

Der Raum war leer bis auf einen langen Konferenztisch, einige Stühle und einen Fernseher samt Videorekorder auf einem mobilen Metallgestell am Kopfende des Tisches. Ich setzte mich, während Lisa die beiden Geräte in Betrieb nahm. Das ging akrobatischer vonstatten als nötig, wobei der Frau ganz sicher bewusst war, wie sehr die enge Stretchhose über ihrem Hinterteil spannte, während sie sich vorbeugte. Ich konnte sogar sehen, wie sich ihr Slip unter dem elastischen Stoff abzeichnete. »Okay«, sagte sie schließlich. »Nehmen Sie bitte den Stift und den Fragebogen aus dem Umschlag. Sie werden beides brauchen, sobald das Video gelaufen ist.« Sie straffte sich. »Sie finden mich unten am Empfangsschalter. Wenn Sie hier fertig sind, helfe ich Ihnen mit den Formularen. Sie können den Videorekorder anlassen, aber machen Sie doch bitte den Fernseher aus, bevor Sie gehen. Wissen Sie, wie das funktioniert?«

»Das krieg ich schon raus.«

»Es ist dieser Knopf hier.« Sie drückte auf ein rotes Viereck in der unteren linken Konsolenecke. Das Fernsehbild erlosch. Dann drückte sie wieder darauf, und das Gerät erwachte zu neuem Leben. »Wir sehen uns dann in etwa einer halben Stunde.« Sie tippte auf eine Taste am Videorekorder, kam um den Tisch herum, tätschelte meine Schulter und verließ den Raum.

Ich lehnte mich zurück, um mir das Video anzusehen, doch schon nach den ersten Minuten wurde mir klar, dass es mir nicht gefiel. Ein professionell produziertes Werbefilmchen, keine Frage. Doch ungeachtet des etwas sterilen Looks, erinnerte mich der Streifen, vor allem aber die entsetzlich betuliche Kommentarstimme aus dem Off, an einen dieser Lehrfilme aus den frühen 60er-Jahren, die man uns in der Vorschule gezeigt hatte. Das deprimierte mich. Nostalgie deprimierte mich. Vermutlich mit ein Grund dafür, warum ich nur ungern über die Vergangenheit nachdachte. Nicht weil mich das daran erinnerte, was gewesen war, sondern weil es mir vor Augen führte, was hätte sein können. Meine Kindheit und Jugend waren alles andere als rosig gewesen, aber meine Zukunft, die sollte strahlend werden.

Und ganz sicher wollte ich meine Zukunft nicht damit verbringen, mir PR-Videos bei Automated Interface Inc. anzuschauen.

Ich mochte nicht darüber nachdenken. Weigerte mich, darüber nachzudenken. Ich versuchte, das Geplapper auszublenden und mich nur auf die Bilder zu konzentrieren, aber das klappte nicht. Und so erhob ich mich, ging zum Fenster und starrte auf den Parkplatz hinunter. Als der Ton erstarb, ging ich zum Tisch zurück und stellte fest, dass ich die Fragebogenanweisungen am Ende des Films nicht mitbekommen hatte. Doch das Formular war ziemlich selbsterklärend, wie ich feststellte. Also beantwortete ich die Fragen, schaltete Fernseher und Videorekorder aus und ging zurück in die Empfangshalle.

Es dauerte weitere zwanzig Minuten, bis ich auch die anderen Vordrucke abgearbeitet und die Fragen beantwortet hatte, die mir von Lisa gestellt wurden. Obwohl ich auch ein zweiseitiges Formular mit persönlichen Informationen für meine Krankenversicherung ausfüllen musste, erklärte Lisa mir, dass ich die Wahl zwischen drei Versicherungsmodellen hätte und dass die Informationen an eine Krankenkasse meiner Wahl weitergeleitet werden würden.

»Falls Sie noch Probleme oder Fragen haben, egal zu welchem Thema, können Sie sich jederzeit an mich wenden.« Wieder lächelte sie, und es schien mehr als nur Freundlichkeit in diesem Lächeln zu liegen. Es war schon eine Weile her, dass ich noch auf dem Markt zu haben war oder gar auf der Suche gewesen wäre, und vielleicht interpretierte ich die Signale falsch, doch ich konnte mich des Eindrucks nicht erwehren, dass sie an mir interessiert war. Ich musste an die leichte Berührung meiner Schulter im Konferenzraum denken und an die aufreizende Art, wie sie sich am Fernseher vorgebeugt hatte. Lisa reichte mir die Krankenkassenbroschüren, und unsere Hände berührten sich für den Bruchteil einer Sekunde. Ich spürte kühle Haut und Finger, die einen Moment zu lange auf meinen verweilten.

Keine Frage, sie flirtete mit mir.

Erst jetzt bemerkte ich, dass sie keinen BH trug, sah, wie sich ihre Nippel durch den dünnen Stoff ihrer Bluse drückten.

Mein Gesicht fühlte sich plötzlich heiß an, doch ich versuchte, die Sache mit einem Lächeln zu überspielen, nickte ihr zum Dank zu und trat langsam vom Counter zurück. Ich fühlte mich geschmeichelt, aber ich war nicht mehr auf dem Markt zu haben und wollte bei ihr keinen falschen Eindruck hinterlassen.

»Mr Banks' Büro ist im fünften Stock«, erklärte Lisa. »Möchten Sie, dass ich Sie dorthin begleite?«

Ich schüttelte den Kopf. »Danke, aber das finde ich schon.«

»Gut, aber melden Sie sich, falls Sie Hilfe brauchen, okay?« Sie winkte mir lächelnd nach.

»Werde ich, danke.«

Ich erreichte die Aufzüge, wartete ungeduldig und wagte nicht, mich umzusehen, wusste ich doch, dass Lisas Blick noch immer auf mir ruhte. Schließlich glitten die Metalltüren auf. Ich trat in die Kabine und drückte den Knopf für die fünfte Etage.

Ich winkte ihr zum Abschied, bevor sich die Türen wieder schlossen.

Ted Banks zu finden war kein Problem. Er wartete bereits vor dem Aufzug und reichte mir die Hand, sobald ich aus der Kabine getreten war. »Schön, Sie wiederzusehen«, sagte er, obwohl er alles andere als erfreut wirkte. Jetzt erinnerte ich mich wieder an sein Gesicht. Banks war der deutlich ältere Mann des Trios gewesen, der während meines Bewerbungsgesprächs kein Wort gesagt hatte. Er hörte auf, mir die Hand zu schütteln und lächelte mich an. Ein aufgesetztes Lächeln, das nie seine Augen erreichte. Nicht dass ich seine Augen hinter den dicken Brillengläsern und dem schwarzen Gestell sonderlich gut erkennen konnte. »Was halten Sie davon, wenn wir in mein Büro gehen, damit wir uns näher kennen lernen?«

»Okay«, erwiderte ich.

»Gut.«

Ich folgte ihm in sein Büro. Auf dem Weg dorthin sprach keiner von uns ein Wort, und schon bald wünschte ich mir, ich hätte Lisas Angebot angenommen, mich von ihr hinaufbegleiten zu lassen. Ich konnte Banks' Gesicht nicht sehen, starrte vielmehr auf seinen Hinterkopf, und doch erschien mir der Mann irgendwie verärgert. Etwas an seiner Haltung strahlte eine gewisse … Feindseligkeit aus. Unwillkürlich fragte ich mich, ob man mich am Ende gegen sein Votum eingestellt hatte, und kam zu dem Schluss, dass es wohl so gewesen sein musste.

Im Büro angekommen, setzte sich Banks in seinen schwarzen Chefsessel und bedeutete mir, auf dem Besucherstuhl vor seinem Schreibtisch Platz zu nehmen. »So«, meinte er, »dann wollen wir uns mal unterhalten.«

Und das taten wir. Wobei Banks die meiste Zeit sprach und ich nur zuhörte. Er sprach über die Firma, über die Abteilung, über meinen Job. Automated Interface, so erklärte er, sei nicht nur der Branchenführer im Bereich kommerzieller Unternehmenssoftware, sondern auch ein Ort, an dem man gut arbeiten könne. Die Firma bot eine komfortable, wenngleich professionelle Arbeitsumgebung wie auch unbegrenzte Möglichkeiten des Aufstiegs für fähige Mitarbeiter mit Ambitionen. Und die wichtigste Abteilung im Unternehmen sei, laut Banks, die Dokumentationsabteilung, denn nicht zuletzt aufgrund klar verständlicher Softwaredokumentationen werde der Kunde die Benutzerfreundlichkeit eines Produkts bewerten. Die Hochwertigkeit der Dokumentationen sei sowohl wichtig für eine erfolgreiche Öffentlichkeitsarbeit als auch für den Kundensupport, und letzten Endes sei der fortgesetzte Erfolg der Firma auch auf die Qualität ihrer Dokumentationen zurückzuführen. Meine Tätigkeit, so Banks weiter, habe also im Guten wie im Schlechten direkte Auswirkungen auf das Ansehen der Abteilung selbst und damit in letzter Konsequenz auch auf den Erfolg des Unternehmens.

Ich nickte, während Banks redete, stimmte ihm zu und tat so, als wüsste ich genau, wovon zum Teufel er eigentlich sprach. Dabei hatte ich nur eine vage Vorstellung davon, was er hier gerade lang und breit ausführte. Software-Dokumentation? Anwenderfreundlichkeit? Das waren Worte, mit denen ich nichts anfangen konnte. Sicher hatte ich solche Begriffe schon mal irgendwo aufgeschnappt, mich jedoch tunlichst nicht damit auseinandergesetzt. Das war weder meine Sprache noch meine Welt.

»Haben Sie bis hierher noch Fragen?«, wollte Banks wissen.

Ich schüttelte den Kopf.

»Gut«, sagte er.

Doch es war alles andere als gut. Er sprach weiter, und ich hörte ihm wieder zu, doch … tja, wie soll ich's beschreiben? Die ganze Atmosphäre war entsetzlich unbehaglich. Lag es daran, dass es keinen Austausch zwischen uns gab? Dass wir gänzlich unterschiedliche Typen waren? Ja, all dies traf wohl zu, und doch war es nicht nur das, was ich an jenem Morgen in diesem Büro zu spüren bekam. So wie wir dort saßen und einander ansahen, begriffen wir beide ziemlich schnell, dass wir uns einfach nicht mochten - und uns auch wohl niemals mögen würden. Es gibt so etwas wie spontane gegenseitige Abneigung zwischen Leuten, die nie im Leben miteinander auskommen werden, ein unausgesprochenes Abschätzen und Erkennen - und genau das war hier geschehen. Sicher, das Gespräch blieb freundlich, sachlich, die äußere Form wurde gewahrt, und doch gärte da etwas unter der Oberfläche. Kurz: Die Verbindung, die zwischen uns geschmiedet wurde, war keine freundschaftliche.

Wären wir uns beide im Alter von zehn Jahren auf dem Schulhof begegnet, dann wäre Ted Banks mit Sicherheit einer von denen gewesen, die mir liebend gern die Fresse poliert hätten.

»Ron Stewart ist Ihr direkter Vorgesetzter«, sagte Banks. »Ron ist Koordinator für innerbetriebliche Abläufe und Phase-II-Dokumentation, und in Zukunft erstatten Sie ihm Bericht.«

Wie auf Kommando klopfte es an der Tür. »Herein!«, rief Banks.

Die Tür wurde geöffnet, und Ron Stewart betrat das Büro.

Ich konnte ihn vom ersten Moment an nicht leiden.

Keine Ahnung, warum. Es gab keinen rationalen Grund dafür. Ich kannte den Mann ja nicht einmal und fand keinen Grund für meine Antipathie, doch mein erster Eindruck war kein positiver.

Selbstsicher schritt Stewart durch den Raum. Er war groß und gut aussehend, tadellos gekleidet in einen grauen Anzug. Dazu trug er ein weißes Hemd und einen roten Schlips. Lächelnd reichte er mir die Hand, aber da war etwas an seinem arroganten Gehabe und an der Art, wie er sich bewegte, das mich auf der Stelle gegen ihn einnahm. Trotzdem lächelte ich ebenfalls, erhob mich und schüttelte ihm die Hand.

»Schön, Sie an Bord zu haben«, sagte mein zukünftiger Vorgesetzter. Seine Stimme war schneidend, sein Ton geschäftsmäßig. Der Händedruck war fest. Zu fest.

Schön, Sie an Bord zu haben. Noch bevor er den Mund aufgemacht hatte, wusste ich, dass er so etwas sagen würde, dass er den Sportsmann herauskehren und mich »an Bord« oder »im Team« begrüßen würde.

Ich nickte höflich.

»Ich freue mich auf die Zusammenarbeit mit Ihnen, Jones. Wie man so hört, sind Sie ein wertvoller Mitarbeiter für die A II.«

Wie man so hört? Ich sah zu, wie Stewart sich setzte. Was mochte er bloß über mich gehört haben?

»Ich habe Jones schon in den allgemeinen Firmenbetrieb eingeführt«, erklärte Banks. »Erzählen Sie ihm doch ein bisschen zum Thema innerbetriebliche Abläufe und Phase-II-Dokumentation.«

Und das tat Stewart, wobei er offenkundig eine einstudierte Rede abspulte. Ich hörte zu, nickte an den richtigen Stellen, hatte aber Mühe, mich auf seine Worte zu konzentrieren. Seine Sprechweise war betulich und eintönig, so als hätte er ein geistig zurückgebliebenes Kind vor sich, und obwohl ich mir nichts anmerken ließ, ärgerte ich mich darüber.

Schließlich stand Stewart wieder auf. »Kommen Sie mit«, sagte er. »Ich zeige Ihnen die Abteilung.«

»Okay«, erwiderte ich.

Mit dem Aufzug fuhren wir nach unten in den vierten Stock und durchquerten den Hasenstall mit den Arbeitskojen, in denen die Phase-II-Programmierer saßen. Stewart stellte mich jedem von ihnen vor: Emery Phillips, Dave DeMotta, Stacy Kerrin, Dan Chan, Kim Thomas, Gary Yamaguchi, Albert Connor und Pam Greene. Nette Kollegen, soweit man es beurteilen konnte, denn sie waren allesamt sehr in ihre Arbeit vertieft. Nur Stacy, eine kleine, überaus tüchtig wirkende Blondine, machte sich die Mühe, von ihrem Computermonitor aufzublicken, als ich ihr vorgestellt wurde. Unsere Blicke trafen sich, sie nickte kurz, schüttelte meine Hand und wandte sich dann wieder ihrem Bildschirm zu. Die anderen rangen sich kaum mehr ab als ein Nicken oder hoben kurz die Hand zum Gruß.

»Programmierer müssen dauernd hochkonzentriert bei der Sache sein«, erklärte Stewart. »Nehmen Sie's also nicht persönlich, wenn sie nicht so gesprächig sind, wie's vielleicht manchmal wünschenswert wäre.«

»Keine Sorge«, meinte ich.

»Sie werden eng mit den Entwicklern zusammenarbeiten, wenn Sie erst einmal mit der Systemdokumentation befasst sind. Und dann werden Sie auch feststellen, dass die Programmierer nicht halb so unkommunikativ sind, wie es zunächst den Anschein hat.«

Wir verließen die Entwicklungsabteilung und passierten eine Reihe gläserner Büros, in denen die Software getestet wurde und weitere begleitende Arbeiten stattfanden. Stewart stellte mich Hope Williams vor, der Abteilungssekretärin, des weiteren Lois und Virginia, den beiden Stenotypistinnen, die wir uns mit dem dritten Stock teilten.

Dann war es an der Zeit, mein Büro in Augenschein zu nehmen.

Mein Büro. Das klang für mich nach einem weiten Raum mit flauschigem Teppich, Holzpaneelen und Eichenschreibtisch. Ein Arbeitsplatz mit toller Aussicht. Und Bücherregalen. Etwas in der Art von Banks' Chefzimmer. Stattdessen wurde ich in ein enges Zimmerchen geführt, das nur unwesentlich größer war als der begehbare Kleiderschrank meiner Eltern. Darin standen zwei Schreibtische, hässliche Metallmonster, die fast den gesamten Platz einnahmen und so nah beieinanderstanden, dass dazwischen nur ein kleiner Durchgang blieb. Beide Tische sahen auf eine nackte weiße Stellwand. Diese war in gleich große Segmente unterteilt, von oben bis unten zusammengehalten von dünnen Metallstreben. Dahinter erhob sich eine Reihe grauer Metallaktenschränke.

Am Schreibtisch bei der Tür saß ein alter Mann mit weißem Haarkranz. Er hatte kleine, kalt wirkende Augen und den streitlustigen Blick des unverbesserlichen Kleingeistes. Und er sah mich fast feindselig an, als ich eintrat.

Das ist mein Revier, und du dringst darin ein, so lautete die Botschaft. Unmissverständlich.

All meine Hoffnung auf einen interessanten Job in angenehmer Arbeitsatmosphäre erstarb augenblicklich und für immer, als ich mich zwang, dem Miesepeter lächelnd zuzunicken, den Stewart einfach »Derek« nannte.

»Hallo«, sagte Derek nur. Aus seinem Gesicht sprang einen die geballte Dummheit förmlich an: Mopsnase, kleiner Mund mit dicker Unterlippe, unduldsame Schweinsäuglein. Ein Gesicht, das auf null Toleranz gegenüber ethnischen Minderheiten, jüngeren Mitmenschen oder Frauen schließen ließ. Er stand auf, langte über den Tisch, ergriff meine ausgestreckte Hand und schüttelte sie. Doch an seiner Miene war abzulesen, dass er mich für viel zu jung hielt, um mich auch nur ansatzweise ernst zu nehmen. Sein Händedruck war schlaff und klamm. Im nächsten Moment hatte er sich schon wieder hingesetzt und kritzelte irgendwas auf ein Blatt Papier.

»Nehmen Sie sich ein, zwei Stunden Zeit, um sich hier einzurichten. Derek wird Sie einweisen, nicht wahr?«

Der alte Mann sah kurz auf und nickte schweigend.

»Sie können ja erst mal Ihren Schreibtisch in Augenschein nehmen, das behalten, was Sie brauchen, und das ausmisten, was Sie nicht brauchen. Nach der Mittagspause komme ich dann wieder vorbei, damit ich Sie mit Ihrem ersten Projekt vertraut machen kann.«

Wie schon im Falle Banks, gab es auch hier offenbar mehrere Kommunikationslevel. Das gesprochene Wort mochte unverbindlich, ja, höflich daherkommen, doch dahinter schwang etwas mit, das mir unmissverständlich zu verstehen gab, dass ich niemals zum »Team« gehören würde, egal, wie sehr ich mich auch bemühte.

»Also dann bis später«, sagte Stewart. Wieder schüttelte er mir die Hand, quetschte sie hart. Dann war er fort.

Ich schob mich an Dereks Schreibtisch vorbei und voran zu meinem eigenen Arbeitsplatz, in diesem vollgestopften, nun todstillen Büro. Zögernd setzte ich mich auf den alten Drehstuhl, den man mir zugedacht hatte.

Keine Frage, das alles lief nicht wirklich so, wie ich's mir vorgestellt hatte. Irgendwo in meinem Hinterkopf hatte ich gedacht, mein Einstieg ins Berufsleben würde so sein wie in Wie man Erfolg hat, ohne sich besonders anzustrengen. Ich hatte den Film als kleiner Junge gesehen, und obwohl ich mir nie eine Karriere in der Geschäftswelt erträumt hatte, glorifizierte ich diese Welt auf rätselhafte Weise in meiner Vorstellung. So sehr sogar, dass selbst realistischere Produktionen dieses Zerrbild kaum zu korrigieren vermochten.

Doch die adretten durchgestylten Büros und Vorstandszimmer, durch die Robert Morse sich gesungen hatte, hatten nichts gemein mit dem klaustrophobischen Kämmerchen, in dem ich mich nun wiederfand.

Ich öffnete die Schreibtischschubladen, hatte aber keine Ahnung, was ich entsorgen konnte. Ich wusste einfach noch zu wenig über meinen Job, um zu wissen, was davon gebraucht wurde oder auch nicht.

Ich warf einen raschen Blick zu Derek. Er schenkte mir ein Lächeln, war jedoch nicht schnell genug, sodass ich den unfreundlichen Ausdruck noch erhaschte, der Sekunden zuvor auf seinem Gesicht gelegen hatte.

»Jaja, der erste Arbeitstag.« Er schüttelte den Kopf und tat irgendwie mitfühlend.

»Ja«, erwiderte ich, weil ich nicht wusste, was man auf solche Floskeln antworten sollte.

Mein Blick wanderte über die Schreibtischplatte. Die metallenen Postkörbchen waren voll bis oben hin. Daneben stand eine Reihe von Büchern: Roget's Thesaurus, Webster's New Collegiate Dictionary, Wie man kreative technische Handbücher verfasst, Lexikon der Computerterminologie.

Wie man technische Handbücher verfasst? Computerterminologie? Schon jetzt fühlte ich mich wie ein Hochstapler, und dabei hatte die Arbeit noch nicht einmal begonnen. Was, zum Teufel, wusste ich denn schon von all dem Zeug?

Nach wie vor war ich mir im Unklaren über mein eigentliches Aufgabengebiet. Zwar hatte Lisa mir eine einseitige Jobbeschreibung ausgehändigt, doch die war genauso wenig aufschlussreich wie die, welche man mir anlässlich meines Bewerbungsgesprächs übergeben hatte. Okay, ich hatte eine vage Vorstellung davon, was von mir erwartet wurde, doch die genauen Aufgaben und Anforderungen, die man an mich stellte, waren nie zur Sprache gekommen. Ich fühlte mich verloren. Kurz erwog ich, Derek zu fragen - immerhin sollte er mich ja »einweisen« -, doch als ich kurz zu ihm hinübersah, war er so ostentativ in das vor ihm liegende Schriftstück vertieft, dass ich ihn nicht zu stören wagte.

Seinem Beispiel folgend, nahm ich mir den Poststapel aus dem Eingangskorb vor und sah ihn Blatt für Blatt durch. Ich hatte keine Ahnung, was ich da eigentlich vor mir hatte, aber es schien auch keine Rolle zu spielen. Derek sprach mich nicht an, und so blätterte ich weiter durch die Seiten und tat so, als wüsste ich Bescheid.

Etwa eine Stunde später summte das Telefon auf meinem Schreibtisch zweimal. Zu diesem Zeitpunkt fühlte ich mich, als hockte ich schon den halben Tag hier herum.

»Das ist Mr Stewart«, sagte Derek - seine ersten Worte seit dem mysteriösen »Jaja, der erste Arbeitstag« - und nickte in Richtung des Apparats. »Drücken Sie Stern und die Sieben.«

Ich nahm den Hörer auf und betätigte die Stern- und Siebentaste. »Hallo?«, meldete ich mich.

»Nein«, drang Stewarts Stimme barsch an mein Ohr. »Am Telefon melden Sie sich bitte schön mit ›Abteilung für innerbetriebliche Abläufe und Phase-II-Dokumentation - Bob Jones am Apparat.««

»Entschuldigung«, sagte ich. »Das wusste ich nicht.«

»Jetzt wissen Sie's. Und ich möchte nicht noch einmal erleben, dass Sie sich in unangemessener Weise am Telefon melden.«

»Entschuldigung«, wiederholte ich.

»Hab's möglicherweise vergessen, zu erwähnen«, fuhr Stewart fort, »aber Sie haben das Recht auf zwei fünfzehnminütige Pausen sowie auf eine einstündige Mittagspause täglich. Die kleinen Pausen können um zehn Uhr morgens und drei Uhr nachmittags genommen werden, die Mittagspause von zwölf Uhr mittags bis eins. Die kleinen Pausen dürfen Sie am Schreibtisch oder im Pausenraum im vierten Stock verbringen. Zur großen Mittagspause dürfen Sie das Gebäude verlassen und Ihr Lunch einnehmen, wo immer Sie wünschen, solange Sie Punkt eins wieder an Ihrem Schreibtisch sitzen.«

»Okay«, sagte ich. »Danke sehr.«

In meinem Ohr ertönte ein klickendes Geräusch. Voller Panik starrte ich aufs Telefon, weil ich befürchtete, während des Gesprächs mit dem Kabel herumgespielt und Stewart versehentlich abgewürgt zu haben, doch meine Hand war nicht mal in der Nähe des Apparats. Da begriff ich, dass mein Vorgesetzter einfach aufgelegt hatte.

Ich blickte hinüber zu Derek. »Wo ist denn der Pausenraum?«, fragte ich.

Mein Kollege sah nicht einmal von seiner Arbeit auf. »Ende der Halle, dann rechts.«

»Danke.« Ich stand auf, ging an seinem Schreibtisch vorbei und verließ das Büro.

Der Frühstücksraum war kaum größer als unser Wohnzimmer daheim. An der einen Wand standen ein Kühlschrank und ein Getränkeautomat, an der anderen eine durchgesessene Couch. Mitten im Zentrum befanden sich zwei nicht zueinander passende Esstische. Der Raum stank nach alten Frauen, muffigem Leinen und billigem Parfüm. Daneben nahm ich den schwachen Geruch von gekühltem Mittagessen und Körperausdünstungen wahr.

An einem der Tische saßen drei alte Schabracken, die allesamt viel zu bunte geblümte Blusen und Hosenanzüge trugen - Klamotten, die vielleicht in den 70er-Jahren modern gewesen sein mochten. Eine der Frauen - ihr Haar war in einem Ton gefärbt, der ihr nicht wirklich schmeichelte - nuckelte an einem Strohhalm und starrte ins Nichts. Die beiden anderen tranken Kaffee und blätterten in zerlesenen Ausgaben von Redbook. Keine von ihnen sprach ein Wort, keine sah auf, als ich den Raum betrat.

Wo in aller Welt war ich hier bloß gelandet, fragte ich mich entsetzt? Gleichzeitig wünschte ich mir, ich hätte den Halbtagsjob bei Sears behalten. Dann hätte ich hier auf der Stelle in den Sack gehauen und wäre nach Hause gefahren. Mit unseren beiden Teilzeitlöhnen wären Jane und ich zwar mehr schlecht als recht über die Runden gekommen, aber es hätte schon irgendwie geklappt. Hätte ich gewusst, wie's hier zuging, ich hätte die Stelle niemals angenommen und mich tapfer weiterbeworben.

Stattdessen war ich nun im Arsch und saß in diesem komischen Laden fest, bis ich irgendwann etwas Besseres fand.

Ich nahm mir fest vor, mich so bald wie möglich um eine neue Stelle zu bemühen.

Eine Cola kostete fünfzig Cent. Ich hatte drei Vierteldollar in der Tasche und steckte zwei davon in den Getränkeautomaten. Der spuckte daraufhin eine Dose Shasta Cola aus. Shasta? Was zum Teufel … Auf dem Automaten prangte doch das Coca-Cola-Logo.

Irgendwie wunderte mich das nicht.

Als ich wieder ins Büro zurückkehrte, saß Stewart an meinem Schreibtisch. Er drehte sich auf meinem Stuhl zu mir um. »Wo waren Sie?«, verlangte er zu erfahren.

Mein Blick wanderte zur Uhr über den Aktenschränken. Ich war keine zehn Minuten fort gewesen. »In der Pause«, erwiderte ich.

Er schüttelte den Kopf. »Sie werden mir doch nicht einer von denen sein, oder?«

Ich hatte keine Ahnung, was er meinte.

»Nach dem Gesetz stehen Ihnen die kleinen Pausen zwar zu«, sagte er, »aber Sie sollten dieses Privileg nicht überstrapazieren.«

Ich wollte etwas darauf erwidern, wollte ihm sagen, dass er es doch gewesen war, der mich angerufen und mich auf die fünfzehnminütigen Pausen hingewiesen hatte, dass ich mich doch nur sieben oder acht Minuten von meinem Arbeitsplatz entfernt hatte, doch ich traute mich nicht. Stattdessen nickte ich. »Okay.«

»Also gut.«

Ich wartete. Stewart schien nicht die Absicht zu haben, mir meinen Stuhl wieder zu überlassen, lehnte sich stattdessen darin zurück und deutete auf den Stapel Papier in seiner Hand. »Am ersten Januar«, begann er, »wird Automated Interface ein neues Softwarepaket namens PayPer veröffentlichen. PayPer ist ein Gehaltsund Personalverwaltungsprogramm, das es dem Anwender ermöglicht, die Daten aller Angestellten zu verwalten und die Lohnbuchhaltung zu automatisieren. Des Weiteren übernimmt PayPer die Berechnung sämtlicher Abzüge wie Lohnsteuer und sonstiger Abgaben wie auch der Krankengeldzahlungen und so weiter. Ich möchte, dass Sie eine Produktbeschreibung für die Presseerklärung verfassen, die ich derzeit vorbereite.«

Einmal mehr fühlte ich mich hoffnungslos überfordert, doch ich nickte, wie ich hoffte, in zuversichtlicher und kompetenter Weise.

»Ich lasse Ihnen diese Produktübersicht hier.« Stewart lehnte sich vor und legte den Papierstapel auf meinen Schreibtisch. Dann erhob er sich. »Ich glaube nicht, dass Sie damit irgendwelche Schwierigkeiten haben werden; falls ja, rufen Sie mich an. Sie können mir die Produktbeschreibung reinreichen, bevor Sie heute Feierabend machen, oder auch morgen Früh - ganz wie Sie möchten. Damit hätten Sie mehr als genug Zeit, die Aufgabe zu erledigen.«

Wieder nickte ich und presste mich eng gegen die Wand, um Stewart vorbeizulassen, als dieser um meinen Schreibtisch herumkam.

Dann setzte ich mich an meinen Arbeitsplatz und schaute mir die Unterlagen an, die er mir dagelassen hatte. Ich war mir alles andere als sicher, was von mir verlangt wurde. Eine Beschreibung? Was hieß denn das? Ich hatte weder formale noch stilistische Vorgaben erhalten. Keine älteren Presseerklärungen des Unternehmens, an denen ich mich hätte orientieren können. Niemand hatte mir gesagt »Das wollen wir« oder »Das wollen wir nicht«. Ich hatte nicht einmal eine grobe Richtlinie in Bezug auf die Länge des gewünschten Elaborats. Ich war auf mich allein gestellt, und mir dämmerte, dass diese Aufgabe so eine Art Einstiegstest darstellte und dass ich gut daran tat, ihn auch zu bestehen.

Ich sah zu Derek hinüber, und diesmal lag ein echtes Lächeln auf seinem Gesicht.

Ein Lächeln, das mir nicht gefiel.

Soweit ich verstanden hatte, wollte Stewart eine Presseerklärung verfassen, und ich hatte eine Kurzbeschreibung des PayPer-Systems zu erstellen, die dann bei Veröffentlichung ebendieser Presseerklärung beigelegt werden sollte. Ich studierte das Material, das er mir gegeben hatte - im Grunde eine aus technischer Sicht verfasste detaillierte Darstellung des Programmpakets - und begriff, dass ich das Ganze einfach nur umschreiben, also straffen und sprachlich vereinfachen musste.

Ehe ich mich versah, war es zwölf. Derek schob seine Unterlagen zusammen und machte sich daran, in die Mittagspause zu gehen. Ich bemerkte, dass auf dem Gang vor unserem Büro andere Mitarbeiter entlangliefen. Einige trugen mitgebrachte Snacks oder klimpernde Autoschlüssel in der Hand. Ich wollte meine Pause unter keinen Umständen in Gesellschaft von Derek verbringen, und so wartete ich ein paar Minuten, nachdem er das Büro verlassen hatte, um mich dann meinerseits Richtung Aufzug in Bewegung zu setzen.

Ich hatte mir nichts zu essen mitgebracht und verspürte auch wenig Lust, eine Stunde lang im Firmengebäude rumzuhängen. Also nahm ich den Aufzug ins Erdgeschoss und ging zu meinem Wagen. Ich hatte auf dem Freeway ein Taco-Bell-Restaurant gesehen und beschloss, dorthin zu fahren.

Offensichtlich hatten eine Menge anderer Leute die gleiche Idee gehabt, denn das Taco Bell war brechend voll. Es dauerte eine halbe Stunde, bis ich endlich an der Reihe war und meine Bestellung bekam. Da alle Tische besetzt waren, sah ich mich gezwungen, im Wagen zu essen. Als ich wieder auf den Firmenparkplatz einbog, war meine einstündige Pause schon fast vorüber.

Ich beschloss, mir mein Mittagessen künftig von zu Hause mitzubringen.

In diesem Moment sah ich Lisa aus ihrem Wagen steigen. Ich winkte ihr lächelnd zu, als ich über den Parkplatz lief. Sie sah mich ausdruckslos an und dann wieder weg. Zu spät erkannte ich, dass die Freundlichkeit, die sie mir gegenüber oben im Personalbüro entgegengebracht hatte, nichts weiter als Show gewesen war. Zu keinem Zeitpunkt hatte sie mit mir geflirtet, sie hatte schlicht und einfach ihren Job gemacht. Offensichtlich lächelte sie jeden auf die Art an, wie sie mich angelächelt hatte, berührte jeden auf die Weise, wie sie mich berührt hatte …

Als ich in mein Büro zurückkehrte, fühlte ich mich gleichermaßen geläutert und erniedrigt.

Gegen zwei Uhr war ich mit meiner Produktbeschreibung fertig, musste aber noch drei Stunden totschlagen. Also nutzte ich die Zeit, meinen Text zu redigieren und ihn perfekt zu machen. Dann tippte ich das Ganze auf der Schreibmaschine, die neben meinem Tisch stand, ins Reine und brachte es gegen halb fünf in Stewarts Büro. Er sagte nichts, als er meine Arbeit mit ausdruckslosem Gesicht las, lobte sie weder als brillant noch nannte er sie unbrauchbar. Insofern nahm ich an, dass er halbwegs zufrieden war.

Schließlich verstaute er mein Elaborat in seinem Schreibtisch. »Das nächste Mal«, begann er, »möchte ich, dass Sie den PC benutzen, damit wir Ihre Dokumente bei Bedarf am Bildschirm bearbeiten können. Ich werde veranlassen, dass man die Schreibmaschine aus Ihrem Büro entfernt.«

Ich war nicht sonderlich vertraut mit Textverarbeitungsprogrammen, doch ich hatte mal eins im Kommunikationskurs am College benutzt. Insofern war ich mir sicher, die Bedienung rasch zu erlernen. Ich nickte. »Ich hätte ja gern das Schreibprogramm benutzt«, erklärte ich, »aber es hat mir niemand gesagt, wo ich's finde.«

Stewart sah mich einige Sekunden lang schweigend an. »Manchmal muss man eben selbst die Initiative ergreifen«, sagte er dann.

Wieder nickte ich und schwieg.

 

Jane bereitete gerade das Abendessen vor, als ich heimkam. Ich streifte mein Jackett ab, löste meine Krawatte und warf beides über die Couch. Dann ging ich in Richtung Küche. Es war komisch, so nach Hause zu kommen. Das Apartment war warm und erfüllt mit Essensgerüchen, im Fernsehen liefen die Nachrichten, und obwohl das alles Tag für Tag passierte, fühlte ich mich irgendwie außen vor und fehl am Platze. Vielleicht lag's daran, dass diese Dinge schon im Gange gewesen waren, als ich dazustieß. Ich war nicht in der Wohnung gewesen, als Jane die Fenster wegen der Nachmittagshitze geschlossen hatte. War nicht da gewesen, als sie den Fernseher angestellt hatte, um sich Donahue anzusehen. Hatte nicht gesehen, wie sie mit den Vorbereitungen zum Abendessen begann. Ich kam mir vor wie ein Fremder, ein Außenseiter. Vielleicht hatte ich mich schon zu sehr an unser bisheriges Leben gewöhnt, daran, nur vormittags zu arbeiten und dann den Rest des Tages in der Wohnung herumzuhängen. Ich musste zugeben, dass diese Veränderung unseres Tagesablaufs mich weit mehr aus der Bahn warf, als ich angenommen hatte.

Als ich die Küche betrat, drehte Jane sich zu mir herum, wobei sie noch immer die Spaghettisoße umrührte. »Na, wie war's?«

Zwar fragte sie nicht »Wie war dein Tag, Liebes«, aber für mich kam's aufs Gleiche hinaus, und es nervte mich. Das hier war mir alles zu … Ozzie and Harriet. Ich zuckte die Achseln und setzte mich. »Ganz okay.« Ich wollte eigentlich mehr erzählen, wollte ihr von Lisa und Banks und Stewart und Derek berichten, von diesem schrecklichen Büro, diesem schrecklichen Pausenraum und meinem noch viel schrecklicheren Job, doch ihre stereotype Betulichkeit schnürte mir irgendwie die Kehle zu. So saß ich schweigend da und starrte durch die offene Küchentür auf den Fernseher im Wohnzimmer.

Später dann, während des Abendessens, wurde ich gesprächiger und erzählte ihr alles. Auch entschuldigte ich mich für meine miese Laune beim Heimkommen. Keine Ahnung, warum ich sie für meinen Frust verantwortlich gemacht hatte - das war eigentlich nicht meine Art -, doch sie nahm's mir nicht übel und zeigte sich überaus verständnisvoll.

»Die ersten Tage sind immer die schlimmsten«, meinte sie, während sie den Tisch abräumte und das Geschirr zur Spüle trug.

Ich schloss den Deckel der Dose mit dem Parmesankäse. »Das hoffe ich.«

Sie kam an den Tisch zurück, griff nach unten und kniff kurz in meinen Penis. »Keine Sorge, dich werde ich später schon noch aufmuntern.«

Nach dem Essen schauten wir ein wenig fern, unser Standardmontagsprogramm an Sitcoms. Danach sagte ich ihr, dass ich beizeiten ins Bett gehen wolle, weil ich schon um sechs Uhr wieder aus den Federn musste. So machten wir uns bereits um zehn auf ins Schlafzimmer, anstatt um elf, wie wir's bisher gewohnt waren.

»Lust, gemeinsam mit mir zu duschen?«, fragte mich Jane, als ich mich auf die Bettkante sinken ließ.

Ich schüttelte den Kopf. »Bin nicht in der Stimmung.«

»Zu müde?«

Ich lächelte. »Ja«, sagte ich, »zu müde.«

»Zu müde«, das war unser Codewort für Oralsex, etwas, das auf die Anfangszeit unserer Beziehung zurückging. Jane hatte richtigen Geschlechtsverkehr mit mir haben wollen, doch ich war mir damals noch nicht sicher gewesen, ob ich schon dafür bereit war, also hatte ich ihr gesagt, ich sei zu müde. Dann hatte ich meine Augen geschlossen, und das Nächste, woran ich mich erinnerte, war, dass sie ihren Mund öffnete und in Aktion trat. Es war fantastisch gewesen, und seither hatte der Terminus »zu müde« für uns seine ganz eigene Bedeutung.

Jane gab mir einen flüchtigen Kuss. »Bin gleich wieder da.«

Ich zog mich aus und kroch unter die Bettdecke. Ich war erregt und hatte bereits eine Erektion, und doch hatte ich nicht gelogen: Ich war auch hundemüde. Ich lehnte mich im Bett zurück, schloss die Augen und lauschte dem Plätschern aus dem Badezimmer. Und als Jane schließlich aus der Dusche kam, da war ich tief und fest eingeschlafen.

3. Kapitel

Assistent des Koordinators für innerbetriebliche Abläufe und Phase-II-Dokumentation.

Ungeachtet meines hochtrabenden Titels war ich nicht mehr als ein Büroangestellter, ein besserer Handlanger. Ich tippte Memos, die abgetippt werden mussten, las Gebrauchsanweisungen Korrektur, die Korrektur gelesen werden mussten, und erledigte all die Jobs, die der Koordinator für innerbetriebliche Abläufe und Phase-II-Dokumentation keiner Sekretärin anvertrauen mochte, aber auch nicht selbst tun wollte.

Dass ich an meinem ersten Tag eigenverantwortlich hatte arbeiten dürfen, war entweder auf ein großes Missverständnis zurückzuführen, oder aber das Ergebnis war so entsetzlich in die Hose gegangen, dass Stewart es nicht wagte, mich noch einmal mit einer wichtigen Aufgabe zu betrauen.

Ich hatte Angst, ihn nach den Gründen zu fragen.

An den ersten Tagen hatte ich noch versucht, mich mit Derek zu unterhalten. Hatte ihn am Morgen gegrüßt und mich zum Feierabend von ihm verabschiedet. Gelegentlich hatte ich während des Tages versucht, ein Gespräch mit ihm anzufangen. Doch alle meine Versuche wurden mit dem gleichen eisigen Schweigen quittiert wie am ersten Tag, und ich gab's schnell auf. Offiziell waren wir Kollegen, doch in Wahrheit waren wir weniger als das. Wir teilten nicht mehr miteinander als das Büro. Punkt.

Das Deprimierende an der Sache war, dass es nicht nur Derek war, der auf Distanz ging. Niemand in der Firma, so schien es, verspürte große Lust, mit mir zu reden. Und ich hatte keine Ahnung, woran das lag. Ich war neu hier, kannte niemanden, und in dem Versuch, mich mit meinen Kollegen bekannt zu machen, nickte und winkte ich den anderen freundlich zu, wenn sich unsere Wege kreuzten, sagte »Hi« oder »Guten Morgen«, oder »Wie geht's?«. Doch in den meisten Fällen erntete ich nur stumme Blicke, meine Begrüßungen wurden ignoriert. Nur selten winkte mal jemand zurück, lächelte oder sagte gar »Hallo«. Das war die große Ausnahme, nicht etwa die Regel. Die ganz große Ausnahme, um ehrlich zu sein.

Im Kreis der Programmierer wurde ich gerade so toleriert. Ich hatte nicht regelmäßig mit ihnen zu tun, doch in den ersten Tagen musste ich einige Male in ihre Abteilung, um Kopien von Memos abzuliefern oder Unterlagen abzuholen, die gegengelesen werden mussten. Bei jedem meiner Besuche ließen sie mich ihre Verachtung deutlich spüren, indem sie mich einfach ignorierten und wie einen Sklaven behandelten. Als wäre ich ein gefühlloser Automat, der nur seine Arbeit verrichtete.

Ab und an traf ich einen von ihnen im Pausenraum. Jedes Mal versuchte ich das Eis zu brechen und so etwas wie eine persönliche Beziehung zu dem Betreffenden aufzubauen. Und jedes Mal scheiterte ich. Zweimal sprach ich auch mit Stacy Kerrin, der blonden Entwicklerin, und zwischen den Zeilen hörte ich heraus, dass ihre Abteilung meinen Vorgänger sehr geschätzt hatte. Offenbar war er sogar mit einigen der Programmierer eng befreundet gewesen. Stacy sprach fast liebevoll von ihm - und wie von einem Gleichgestellten.

Ich dagegen war ein Individuum zweiter Klasse.

Dabei wollte ich mich diesen Leuten eigentlich überlegen fühlen, ja, sollte es sogar. Das waren doch alles nur Fachidioten, Nerds, Freaks. Stattdessen fühlte ich mich in ihrer Gegenwart deplaziert und dumm und eingeschüchtert. Im wahren Leben, da mochten diese Typen vielleicht zu den Verlierern zählen, aber in ihrer Welt waren sie die Norm und ich der Outcast.

Ich ging dazu über, die Pausen an meinem Schreibtisch zu verbringen. Allein.

Am Freitag wies mich Stewart an, ein altes Kapitel aus dem Richtlinien-Handbuch der Abteilung grammatikalisch zu überarbeiten. Ich fummelte fast eine Stunde herum, bis ich das Papier richtig in den Drucker eingelegt hatte. Eigentlich hätte die Aufgabe vor der Mittagspause erledigt sein sollen, doch stattdessen musste ich warten, bis mein Text Seite für Seite ausgedruckt war und würde daher zu spät zu meiner Mittagspause kommen.

Um halb eins schließlich hatte ich das redigierte Kapitel kopiert und das Original auf Stewarts Schreibtisch gelegt - erst jetzt konnte ich Pause machen und das Firmengebäude verlassen.

Die zwei BMW, zwischen denen ich meinen Wagen abgestellt hatte, waren weg, sodass ich ohne Probleme aus der Parklücke setzen konnte. Der Buick fuhr auf dem letzten Tropfen Benzin, doch zwischen hier und dem Freeway gab's keine einzige Tankstelle. Also beschloss ich, in der anderen Richtung zu suchen. Vielleicht fand ich ja dort oder auf einer der Nebenstraßen eine Shell- oder Texaco-Tankstelle.

Zehn Minuten später hatte ich mich hoffnungslos verfranzt.

Ich war noch nie durch Irvine gefahren, hatte das Städtchen auf meinen Touren nach San Diego immer links liegen lassen. Einmal hatte ich auf dem Weg zum Strand einen Zipfel von Irvine tangiert, doch wirklich in der Stadt herumgekurvt war ich noch nie. Die Stadt war mir also fremd, und als ich von Emery aus Richtung Süden fuhr, war ich erstaunt, wie eintönig Irvine doch war. Ich legte Meile um Meile zurück, ohne auch nur ein einziges Geschäft, eine Tankstelle oder ein Einkaufszentrum zu entdecken. Stattdessen rollte ich an einer schier endlosen Reihe zweistöckiger Wohnhäuser aus braunem Backstein vorbei. Ich passierte vier Ampeln und wandte mich nach der fünften nach rechts. Keiner der Straßennamen sagte mir was. Ich bog wieder nach rechts ein, dann nach links, dann wieder nach rechts und links auf der erfolglosen Suche nach einer Tankstelle oder zumindest einem Spirituosenladen, wo ich nach dem Weg hätte fragen können. Doch außer den nicht enden wollenden Häuserreihen aus braunem Backstein zu beiden Seiten der Fahrbahn war nichts zu sehen. Mit seiner schachbrettartigen Straßenführung erinnerte Irvine mich irgendwie an eine dieser futuristischen Satellitenstädte. Allmählich begann ich mir ernsthaft Sorgen zu machen, denn der Tank war fast leer, andererseits fand ich diesen Ort auch irgendwie faszinierend. So etwas wie das hier hatte ich noch nie gesehen. Irvine, so erkannte ich, war eine dieser Städte vom Reißbrett, wo man in der einen Ecke das Büroviertel und in der anderen die Wohnbezirke vorgesehen hatte. Die Geschäftsmeile mit Läden und Tankstellen befand sich offenbar wieder in einem völlig anderen Distrikt. Irgendwas an diesem Konzept gefiel mir, und obwohl ich Blut und Wasser schwitzte, weil ich jeden Moment liegen bleiben konnte, fühlte ich mich seltsam wohl hier. Die Uniformität der Gebäude und schnurgerade angelegten Straßen befremdete und begeisterte mich gleichermaßen.

Schließlich fand ich eine Arco-Tankstelle, gut getarnt in einem unscheinbaren Eckgebäude, das dieselbe Farbe besaß wie die allgegenwärtigen Backsteinbauten. Ich tankte und fragte den Angestellten, wie man am schnellsten zurück nach Emery kam. Der Weg war überraschend einfach und kurz - ich war gar nicht so weit von meinem Ursprungsort entfernt, wie ich geglaubt hatte. Ich bedankte mich für die Hilfe und machte mich auf den Rückweg.

Dank meines kleinen Ausflugs war ich wesentlich entspannter, ja fast beschwingt, als ich an meinen Arbeitsplatz zurückkehrte. Und ich schwor mir, dass dies nicht die letzte Mittagspause gewesen war, um auf Erkundungstour durch Irvine zu gehen.

 

Meine Arbeitstage waren öde und zogen sich zäh wie Kaugummi.

Der Job war stupide und nervtötend, umso mehr, da mir meine Tätigkeit völlig sinnlos erschien. Meiner Einschätzung nach geriet Automated Interface ohne mich wohl kaum in Schwierigkeiten. Schlimmer noch, die Firma hätte meine Stelle ersatzlos streichen können, und es wäre niemandem aufgefallen.

Ich erwähnte dies Jane gegenüber, als wir eines Abends beim Dinner zusammensaßen, doch sie wandte ein, dass bei Licht betrachtet die meisten Jobs mehr oder weniger nutzlos wären. »Stell dir vor, du arbeitest in einer Firma, die Fußdeodorants herstellt oder Kühlschrankmagneten in Sandwich- und Keksform. Kein Mensch braucht dieses Zeug. Solche Jobs sind doch auch nicht wirklich wichtig.«

»Schon, aber die Leute kaufen diesen Mist. Wollen ihn unbedingt haben.«

»Okay, aber die Leute wollen auch das ganze Computerzeug haben.«

»Aber ich produziere ja nicht mal was davon! Ich entwickle nichts, stelle nichts her, vermarkte und verkaufe nichts -«

»Jobs wie deinen gibt's doch in jeder Firma.«

»Das macht es auch nicht besser.«

Sie sah mich merkwürdig an. »Was willst du eigentlich? Hungernde Kinder in Afrika füttern, oder was? Ich glaube nicht, dass du der Typ dafür bist.«

»Das meine ich doch gar nicht.«

»Was meinst du dann?«

Ich ließ das Thema fallen, denn ich war scheinbar nicht in der Lage, ihr mein Problem zu verdeutlichen. Ich fühlte mich nutzlos und überflüssig in meinem Job - dazu hatte ich ein ziemlich schlechtes Gewissen, weil ich Geld bekam, ohne wirklich etwas dafür zu tun. Es war ein merkwürdiges Gefühl, das ich Jane gegenüber nicht zum Ausdruck bringen konnte. Doch es machte mir zu schaffen, und ich war nicht imstande, es zu ignorieren.

Und obwohl ich meinen Job nicht mochte, hasste ich ihn auch nicht so sehr, um ihn an den Nagel zu hängen. Irgendwo im Hinterkopf hegte ich die Hoffnung, dass das alles nur vorübergehend war, eine Art Übergangsphase, bis ich irgendwann in einer Position saß, die mir wirklich zusagte. Kurz: Ich redete mir ein, das sei nun mal die unvermeidliche Durststrecke zwischen Ausbildung und wahrer Berufung.

Wobei ich keine Ahnung hatte, welcher Art meine wahre Berufung denn war.

Recht schnell hatte ich kapiert, dass es unter den Kollegen jeder größeren Firma offenbar ein ungeschriebenes Gesetz gab, auch dann überaus beschäftigt zu wirken, wenn man es gar nicht war. Es wäre ein Leichtes für mich gewesen, die Aufgaben einer Woche, die man mir am Montag aufs Auge drückte, schon am Mittwoch als erledigt abzuhaken. Im Fernsehen arbeiten die Angestellten ihre Projekte immer in Rekordzeit ab und baten sogar um mehr, um ihre Vorgesetzten zu beeindrucken und auf der Karriereleiter nach oben zu klettern. Mir jedoch wurde unmissverständlich klargemacht, dass ein solcher Einsatz nicht nur nicht gewürdigt wurde, sondern den anderen nachgerade sauer aufstieß. Meine Kollegen hatten Pfründe zu verteidigen, hatten Jahre dazu gebraucht, ein aus ihrer Sicht gesundes Gleichgewicht zwischen Arbeit und Nichtarbeit zu etablieren. Wenn ich nun damit begann, mich zu profilieren, indem ich Dokumentationen am Fließband produzierte, machte ich den anderen ihren Schnitt kaputt. Das würde ihre Leistung in einem schlechten Licht erscheinen lassen. Und es würde meinen Vorgesetzten nicht gut aussehen lassen - wie auch dessen Vorgesetzten und so fort. Alles, was man von mir erwartete, war, an die Produktivität meines Vorgängers heranzukommen oder sie nur geringfügig zu übersteigen. Punkt. Ich hatte mich einzufügen in die schon vorhandene Nische, die man für mich geschaffen hatte, ohne mich über ihre Grenzen hinwegzusetzen. Das Peter-Prinzip in Reinkultur.

Was darauf hinauslief, dass ich jede Menge Zeit totschlagen musste.

Schnell lernte ich, es den anderen gleichzutun, und fand zahlreiche Wege, den Eindruck harter Arbeit zu hinterlassen. Wann immer Stewart oder Banks ins Büro kamen, um sich nach dem Fortgang irgendeiner Sache zu erkundigen, wühlte ich in Papierstapeln herum, schob Unterlagen auf der Schreibtischplatte hin und her oder durchsuchte die Schubladen. Keine Ahnung, ob Derek das Spektakel durchschaute, doch falls er es tat, so hüllte er sich auch in diesem Punkt in Schweigen. Vermutlich zog er seinerseits dieselbe Show ab, denn auch er wirkte von einem Moment zum anderen merklich emsiger, wenn der Abteilungsleiter im Büro aufkreuzte.

Ich vermisste die Schule und dachte viel an diese Zeit zurück. Die Jahre am College hatten Spaß gemacht, und obwohl mein Abschluss erst ein halbes Jahr zurücklag, schien das alles unendlich lange her zu sein. Ich sehnte mich nach Leuten meines Alters, sehnte mich nach süßer Untätigkeit und danach, einfach nur mit meinen Kumpels herumzuhängen. Ich musste daran denken, wie ich mal mit Craig Miller ins Erogenous Zone gegangen war, einem »Spielzeug«-Laden für Erwachsene, der in einer schäbigen kleinen Einkaufsstraße nahe des Campus lag. Zu jener Zeit waren wir ziellos mit dem Auto herumgefahren, und Craig schlug vor, dem Laden einen Besuch abzustatten. Ich war noch nie dort gewesen, war neugierig und erklärte mich einverstanden. Also fuhren wir auf den winzigen L-förmigen Parkplatz. Wenig später betraten wir den Sexshop. Über unseren Köpfen bimmelte laut und vernehmlich das Türglöckchen. Alle drei Verkäufer und sämtliche Kunden sahen zu uns herüber und riefen wie aus einem Munde »Craig!«. Die Szene erinnerte mich an eine Folge aus Cheers, in der die Leute in der Bar zur Begrüßung unisono »Norm!« schreien, und ich musste unwillkürlich lachen. Craig grinste verlegen, doch ich fand damals, wiederum in Erinnerung an Cheers, dass es irgendwie klasse war, an einen Ort zu kommen, »wo jeder deinen Namen kennt«.

Bei Automated Interface kannte niemand meinen Namen.

Noch immer hatte ich keine Ahnung, warum man mich überhaupt eingestellt hatte, vor allem, weil sowohl Stewart als auch Banks mich offenbar geringschätzten. War ich so eine Art Quotenarbeitnehmer? Erfüllte ich irgendwelche besonderen Kriterien? Hatte ich einfach nur das richtige Alter oder den passenden ethnischen Hintergrund? Ich wusste es nicht. Was ich allerdings wusste, war, dass ich den Job niemals gekriegt hätte, wenn es bei meiner Einstellung nach Banks oder Stewart gegangen wäre.

Ted Banks sah ich nur selten, doch wenn er seine gelegentlichen Runden durch die Abteilung machte, dann war er mir gegenüber unnötig barsch und kurz angebunden. Ohne Anlass ließ er sich verächtlich über meine Frisur, meine Krawatte oder meine Körperhaltung aus - was ihm gerade so in den Sinn kam. Ich wusste nicht, was er gegen mich hatte, doch ich versuchte, seine Spitzen zu ignorieren.

Ron Stewart zu ignorieren war nicht ganz so einfach. Zwar zeigte er seine Abneigung mir gegenüber nicht halb so offensichtlich wie Banks, begegnete mir vielmehr mit übertriebener Höflichkeit, doch er hatte etwas an sich, was mich zutiefst kränkte. Wenn er zu mir sprach, dann immer in einem leicht herablassenden Ton. Egal, wie freundlich er auch tat, es war klar, dass er sich mir gegenüber in jeder Beziehung überlegen fühlte. Schon bald stellte ich fest, dass ich mich in seiner Gegenwart fast unterwürfig gebärdete und mich wie ein ehrerbietiger Kriecher verhielt, der vor dem selbstgefälligen Aufseher buckelte. Ich hasste mich dafür, konnte jedoch nichts dagegen tun.

Irgendwann fragte ich mich, ob ich allmählich paranoid wurde. Vielleicht behandelten Banks und Stewart ja jeden auf diese Weise.

Nein. Banks witzelte mit den Programmierern und scharwenzelte um die Sekretärinnen und Stenotypistinnen herum. Stewart war zu jedem anderen, der unter ihm stand, freundlich, ja, er plauderte gar mit Derek.

Mit anderen Worten: Ich war und blieb das einzige Ziel ihrer Feindseligkeiten.

Etwa einen Monat, nachdem ich eingestellt worden war, hörte ich, wie Stewart und Banks sich im Gang vor meinem Büro unterhielten. Sie sprachen laut, standen direkt vor der Tür, als ob sie sichergehen wollten, dass ich auch jedes Wort mitbekam.

Und das tat ich.

Banks: »Wie macht er sich denn so?«

Stewart: »Also ein Teamspieler ist er nicht. Und er setzt sich so gut wie überhaupt nicht ein.«

Banks: »Für Drückeberger ist hier kein Platz.«

Meine erste Leistungsprüfung sollte erst in zwei Monaten stattfinden. Ich wusste, die beiden wollten mich nur provozieren, und doch machte es mich wütend. Eine solche Anschuldigung konnte ich einfach nicht auf mir sitzen lassen. Ich sprang auf, kam um meinen Schreibtisch herum und stürmte in den Gang. »Zu Ihrer Information«, sagte ich. »Bisher habe ich noch jede mir gestellte Aufgabe erledigt und das stets rechtzeitig.«

Stewart sah mich ruhig an. »Das ist schön für Sie, Jones.«

»Hören Sie, ich habe mitgekriegt, was Sie da eben über mich gesagt haben und -«

Auf Banks' Gesicht erschien ein nachsichtiges Lächeln. »Aber wir haben doch gar nicht von Ihnen gesprochen, Jones. Wie kommen Sie nur darauf?«

Ich starrte ihn schweigend an.

»Und was fällt Ihnen überhaupt ein, unsere private Unterhaltung zu belauschen?«

Darauf hatte ich ebenfalls keine Antwort, die nicht nach einer erbärmlichen Rechtfertigung geklungen hätte. Also zog ich mich mit hochrotem Kopf wieder in mein Büro zurück. Derek grinste hinter seinem Schreibtisch.

»Geschieht Ihnen ganz recht«, murmelte er.

Leck mich!, hätte ich ihm am liebsten zugerufen. Friss Scheiße und stirb!

Stattdessen beachtete ich ihn nicht, nahm die Kappe meines Stifts ab und machte mich wieder an die Arbeit.

Als ich an diesem Abend nach Hause kaum, wollte Jane irgendwas unternehmen. Wir waren nicht mehr ausgegangen, seit ich den Job angetreten hatte, und ihr fiel allmählich die Decke auf den Kopf. Mir ging's ähnlich, und so beschlossen wir, ein wenig zu bummeln.

Wir fuhren nach Balboa, um im Crab Cooker etwas zu essen. Mit zwei Portionen Muschelsuppe setzten wir uns auf eine Bank vor dem Restaurant und beobachteten die vorbeiflanierenden Leute. Danach fuhren wir an der Halbinsel am Pier entlang bis zur Amüsiermeile. Direkt am Ufer parkten wir. Die Stelle war schon immer so etwas wie »unser« Platz gewesen. Ein beliebter Treffpunkt zu jener Zeit, als wir kaum Geld hatten. Hierher hatte ich Jane bei unserer ersten Verabredung gebracht, und hier hatten wir auch das erste Mal rumgeknutscht. Und wann immer wir in den ersten beiden Jahren unserer Beziehung kein Geld fürs Kino hatten, kamen wir hierher, schlenderten über die Amüsiermeile, drückten uns an den Schaufenstern der Surf- und T-Shirtläden die Nasen platt, beobachteten die Kids in den Spielhallen, verfolgten die Fahrt der Boote in der Bucht und gingen anschließend zu Ruby's, dem Hamburgerstand am Pier.

Am Ende dann, wenn die meisten Leute schon längst wieder fort waren und auch die letzten Läden geschlossen hatten, hatten wir uns auf dem Rücksitz meines Buick geliebt.

Es war ein seltsames Gefühl, wieder hier zu sein. Zum ersten Mal hätten wir's uns leisten können, eines der T-Shirts zu kaufen. Hätten ein paar Dollars in einer der Spielhallen verzocken können.

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