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Schau mir ins Herz

1. KAPITEL

Wäre es Carol an jenem Tag zu heiß gewesen oder hätte ihre Neugier sie nicht bewogen, den steilen Weg hinaufzuwandern, auf dem man zur Grotte der Kalypso gelangte, würde dieses Buch auf der ersten Seite enden.

Der Strand schimmerte golden, hätte es begonnen. Die drei Urlauber lagen dösend in der Maisonne, bis es Zeit war, eine letzte Runde zu schwimmen. Am nächsten Tag war ihr Mittelmeerurlaub vorüber, und sie würden nach Hause fahren.

Aber da Carol sich eher rastlos und unternehmungslustig fühlte als träge und faul, brach sie auf. Der Weg schien nach ihr zu rufen, sie gleichsam zu sich zu locken, beinahe so, als würde er wollen, dass sie ihm folgte und ihn erkundete. So, als hüte er ein Geheimnis oder hielte ein ganz eigenes Glücksversprechen bereit.

Je weiter sie auf ihrem Weg vorankam, desto mehr hatte Carol den Eindruck, selbst zu einem Teil der Landschaft zu werden. Ein Gefühl vollkommenen Friedens erfüllte sie. Die breiten, flachen Steine, mit denen man den Weg gepflastert hatte, waren von Wind und Wetter geglättet. In den unregelmäßigen Ritzen dazwischen blühten Wildblumen – blaue, gelbe und purpurrote. Sie leuchteten in so lebhaften, fröhlichen Farben, dass Carol stehen blieb, um den Anblick in sich aufzunehmen.

Es war still bis auf das Summen der Bienen, die über den Kleeblüten schwebten, oder das gelegentliche Rascheln des Windes in den fedrigen Grasbüscheln und das entfernte Geräusch heranrollender Wellen auf dem Sand.

Sie gönnte sich einen Augenblick Zeit, um zu Atem zu kommen, und drehte sich um. Unter ihr lag der goldene Bogen des Strandes. Mit dem geübten Auge der Designerin nahm Carol die Umrisse der Felsen im tiefblauen Wasser wahr. Sie machte sich eine geistige Skizze der Silhouetten, die zauberhaft zur Geltung kommen würden in einer neuen Kollektion von Seidendrucken.

Lächelnd hob sie die Hand und winkte den beiden Sonnenanbetern zu, die dort unten lagen und so klein aussahen, dass sie wie Gestalten wirkten, die man durch ein verkehrt herum gehaltenes Fernglas betrachtete. Sogar John, ihr Bruder, der starke, ein wenig ungelenke John, erschien von hier aus nicht größer als eine Action-Man-Puppe.

Sie lagen auf dem Bauch und sonnten sich. Die beiden hatten nicht mitkommen wollen.

„Zu heiß“, hatte John rundheraus abgelehnt. „Und viel zu anstrengend.“

„Es ist doch unser letzter Tag“, hatte Rosie ihn unterstützt. „Die letzte Möglichkeit, Sonne zu tanken, bevor wir nach Hause müssen. Warum bleibst du nicht auch hier, Carol, und entspannst dich ein bisschen? Du hast so lange über diesen dämlichen Zeichnungen gebrütet, und es würde dir guttun, einfach nur in der Sonne zu liegen und zu faulenzen.“

Aber Carol hatte gelacht und erklärt, Rosie könne das viel besser als sie und solle sich für sie beide entspannen. Sie wolle herausfinden, wo der Weg hinführte.

„Auf den Berg“, hatte John gebrummelt. „Und wenn du es genau wissen willst, brauchst du nicht mal hinaufzuklettern.“ Aus dem Reiseführer hatte er zitiert: „Die Bucht von Ramla. Nicht nur liefert der Sand dort einen Bestandteil von erstklassigem Zement …“

Rosie hatte ihm das Buch aus der Hand gerissen. „John, du bist ein hoffnungsloser Fall, wirklich. Wenn man dir etwas von Rosen und Mondschein erzählt, erklärst du einem, wie man einen Komposthaufen anlegt. Ah ja, da ist es, unglaublich romantisch. ‚Oben auf der Steilküste, hoch über der Bucht befindet sich die Grotte, in der der Sage nach Odysseus sieben Jahre lang im Bann der Zauberin Kalypso lebte …“

„Eine Höhle?“, hatte John gefragt. „Wir haben gestern Dutzende davon besichtigt.“

„‚Bevor die Straße gebaut wurde“, war Rosie fortgefahren, „‚gab es nur einen einzigen Weg dorthin – den antiken gepflasterten Pfad … Oh Carol, du musst ihn unbedingt ausprobieren! Ich würde mitkommen, glaub mir, aber ich bin fix und fertig von diesen ganzen Tempelanlagen, durch die wir heute Morgen gelaufen sind.“

Lächelnd wandte Carol sich um und ging weiter. Die Sonne schien ihr auf den Rücken, wärmte ihn ebenso wie die glatten grauen Steine, auf die sie trat, und den Blumenteppich, der sich zu ihren Füßen ausbreitete: fedriger Fenchel, purpurrote Malve und blau blühender Borretsch. Ihr Blick blieb an einer silbrigen Distel hängen, und vor ihrem inneren Auge erschien der Umriss der Pflanze als gedrucktes Muster auf Samt – blau und grün auf grauem Untergrund, genau wie die Rosette stachliger Blätter hier vor dem grauen Stein.

Eine Eidechse huschte auf den Weg. Mit bebenden Flanken verharrte das Tier an einem sonnigen Fleck, und Carol bewunderte die Perfektion seines geschuppten Körpers. Ein winziger graugrüner Drachen mit verschleierten Augen.

Sie warf einen Blick auf den Weg, der vor ihr lag, und fragte sich, wie weit die Grotte wohl noch entfernt sein mochte.

Zu ihrer Linken entdeckte sie eine Villa, die sie zuvor nicht gesehen hatte, da sie hinter einem dichten Gürtel blühender Bäume verborgen lag. Das Haus war, wie fast alle Gebäude auf Gozo, aus gelblichen Steinquadern erbaut, die mit den Jahren ausbleichten und einen sanften, warmen Honigton annahmen. Doch wenn die Steine neu waren, so wie bei dieser Villa, leuchtete die Farbe beinahe wie Gold.

Dann bemerkte sie den Mann, der vor dem Haus stand und mit zusammengekniffenen Augen zu ihr schaute.

Ihre Blicke trafen sich, und Carol war, als ob ein Stromschlag durch sie hindurchraste. Ihr Herzschlag geriet ins Stolpern, und sie bekam keine Luft. Nie zuvor in ihrem Leben war sie sich der Gegenwart eines Menschen so überdeutlich bewusst gewesen.

Der Mann war hoch gewachsen. Einschüchternd groß, dachte Carol. Er war ein dunkler Typ mit so tief gebräunter Haut, dass es sich um einen Einheimischen handeln musste – obwohl sein schwarzes Haar glatt war, wie sie feststellte, und nicht gelockt wie das der Fischer von Malta. Die Art, wie er die Lippen aufeinanderpresste, hätte seinem Gesicht ein finsteres, beinahe grausames Aussehen verliehen, wären da nicht die Fältchen um seine Mundwinkel gewesen, die verrieten, dass er auch lachen konnte.

Aber es waren die Augen des Mannes, die Carol fesselten. Sie waren unverwandt auf sie gerichtet und besaßen die gleiche geheimnisvolle Tiefe wie das Meer hinter ihr.

Ganz schön unverfroren, dachte sie. Wie er mich mustert, und dann auch noch mit diesem Respekt gebietenden Blick. Sie wusste, dass sie hübsch war und dass Männer sie oft bewundernd anschauten, aber im Allgemeinen sahen sie fort, wenn sie zurückstarrte.

Was genau das war, was sie nun selber tat. Sie blinzelte und senkte den Blick auf den Weg vor ihr. Die Eidechse huschte in eine Ritze zwischen zwei Steinen und war verschwunden. Als Carol wieder hochschaute, war der Mann nicht mehr da.

Sie verspürte einen winzigen Stich der Enttäuschung, und die eigentümliche Aufregung, die sie durchflutet hatte, während sie ihn betrachtete, ließ nach. Sie zuckte die Schultern. Wahrscheinlich ohnehin nur ein Tourist, der die Augen wegen der Sonne zusammengekniffen hatte, und nicht ihretwegen. Oder doch …? Sie erinnerte sich an das Gefühl plötzlicher Wachheit, als sie geglaubt hatte, sein durchdringender Blick ruhe auf ihr.

Da der Mann verschwunden war, betrachtete sie in Ruhe die säulengeschmückte Vorderfront der Villa, vor der sich eine Terrasse erstreckte, die an allen vier Ecken von steinernen Statuen flankiert war. Sie entdeckte einen Brunnen mit einem flachen Becken darunter, in das jedoch kein Wasser sprudelte. Neben der Terrasse hatte man einen mächtigen Haufen gelber Steinblöcke abgeladen. Maurerwerkzeug lag achtlos überall auf dem Boden verstreut. Die Villa war eine Baustelle.

Das musste es sein: Der Fremde war ein Handwerker, und wahrscheinlich einer, der es nicht mochte, wenn Leute, die hier vorbeikamen, ihn bei der Arbeit störten. Verglichen mit den gutmütigen Maltesern waren die Gozitaner, wenn auch nicht wirklich abweisend, so doch reservierter und stolzer – und unabhängiger – in ihrer Art. Dennoch, dachte Carol, ich hätte ihn fragen sollen, wie weit es noch ist bis zur Grotte der Kalypso. Entweder war sie daran vorbeigelaufen, oder der Reiseführer enthielt falsche Informationen.

Sie folgte dem Weg weiter bergaufwärts. Nach ein paar Minuten gelangte sie zu einem massiven kleinen Gebäude, das aus dem gleichen gelblichen Stein errichtet war wie alle Häuser auf der Insel und an dessen Fenster ein Zettel hing. „Postkarten und Klöppelspitze aus Gozo“ stand darauf.

Das muss ich Rosie erzählen, dachte Carol. Die Freundin ihres Bruders vertrat die Ansicht, dass Stricken die Klöppelei als Nationalhandwerk auf der Insel abzulösen begann. John hatte dagegengehalten, dass die Spitzenherstellung auf Gozo eine ungebrochene Tradition sei, und den Reiseführer zitiert, um seinen Standpunkt zu untermauern. Rosie war nicht überzeugt gewesen und hatte gemeint, das wolle sie sehen, bevor sie es glaubte.

Und hier war der Beweis. Carol lächelte in sich hinein und beschloss, eine Kleinigkeit zu kaufen, ein Taschentuch oder ein anderes Mitbringsel aus Spitze, damit Rosie wusste, dass der Reiseführer doch recht hatte.

Carol ging um das Haus herum. Vor der Tür saß eine alte Frau, ganz in Schwarz gekleidet, auf einem Holzschemel, mit einer Klöppelarbeit beschäftigt. Der Anblick erschien Carol wie eine lebendig gewordene Illustration der Bekanntmachung im Fenster.

Die alte Frau sah hoch und lächelte, als Carol herankam. „Merhba“, begrüßte sie sie und fragte: „Möchten Sie sich meine Spitzen ansehen? Dann kommen Sie herein. Ich habe viele verschiedene Sorten, und sie sind alle erlesen. Kommen Sie, ich zeige sie Ihnen.“

Im Innern des Hauses war es kühl und dämmrig, beinahe dunkel nach dem gleißenden Sonnenlicht draußen. An einer Wand standen zwei Tische nebeneinander, auf denen die alte Frau Muster ihrer Arbeit ausgelegt hatte. Säuberliche Stapel von Deckchen und Servietten; Taschentücher, deren Ecken so gefaltet waren, dass man die Spitzenverzierungen mit ihren Blumen und Blättern und Vögeln sehen konnte. An der gegenüberliegenden Wand war ein prächtiges Tischtuch angeheftet.

„Wie schön!“, sagte Carol bewundernd.

Die alte Frau lächelte. „Für das da“, sie deutete auf das Tischtuch an der Wand, „habe ich zwei Jahre gebraucht. Deshalb ist es sehr teuer. Hundert Pfund. So viel Geld wollen die Leute nicht ausgeben.“

Hundert Pfund für zwei Jahre Arbeit erschienen Carol ein bescheidener Betrag. Kein Wunder, dass die jungen Frauen auf der Insel lieber strickten.

„Warten Sie einen Moment“, sagte die alte Spitzenklöpplerin. „Ich habe noch etwas viel Schöneres, das ich Ihnen zeigen kann.“ Sie verschwand hinter einem Perlenvorhang, der vor der Tür zu einem Nebenraum hing. Als sie zurückkam, trug sie eine flache Pappschachtel auf ihren ausgestreckten Armen und setzte sie behutsam auf einem der Tische ab.

Carol fragte sich, was so Wertvolles in dem Karton sein konnte, das eine solche Vorsicht notwendig machte. Eine Altardecke? Es war jedenfalls etwas sehr Besonderes, das da in so viel Seidenpapier eingehüllt lag. Sie sah ein schimmerndes Gespinst, als die alte Frau schließlich ein fein gearbeitetes Spitzentuch auseinanderfaltete. Es war ein Brautschleier.

Carol hielt den Atem an. Der Schleier war traumhaft, hauchzart wie Spinnweben, aber von einem cremigen, satten Perlweiß. Die alte Frau hielt ihn hoch und sagte: „Legen Sie ihn an.“

Liebevoll, aber unbeirrbar drapierte sie ihr den Schleier auf den Kopf, heftete ihn mit Nadeln fest und drehte Carol zu einem Spiegel um, der an der Querwand hing.

Es war ein alter Spiegel, gelbstichig und mit blinden Flecken in der Silberbeschichtung, sodass der Hintergrund verschwamm und der Schleier sich fließend und schimmernd vor ihm abhob. Carol hatte kaum Zeit, den Anblick in sich aufzunehmen. Sie hörte, wie eine Tür aufflog, dann Schritte und einen barschen Ausruf, der in der Stille des Raumes zu explodieren schien.

Hinter ihrem eigenen Spiegelbild tauchte der Mann auf, der vor der Villa gestanden hatte. Carol zuckte zusammen. Ihr war, als sähe sie eine Erscheinung aus irgendeiner dunkleren Region der Welt, und irgendetwas im Gesicht des Unbekannten machte ihr Angst. Für einen kurzen Moment schien Leidenschaft darin aufzuflammen, dann war der Ausdruck verschwunden, und nur der Zorn, der schon vorher darin gewesen war, blieb.

„Da sind Sie also“, fuhr er sie an, „und gehen Ihrem Vergnügen nach.“ Bevor Carol ein Wort sagen konnte, packte er sie beim Handgelenk und riss sie zu sich herum.

„Sie tun mir weh!“, rief Carol empört.

Die alte Frau ließ ihren Blick bestürzt zwischen ihnen hin und her wandern. Dann verschwand sie in den Raum nebenan.

Als er ihre Stimme hörte, ließ der Fremde Carol los und trat einen Schritt zurück. Er musterte sie, nunmehr ohne jeden Zorn. Stattdessen lag ein Ausdruck von Sarkasmus in seinen Zügen.

„Ich fürchte, ich muss mich bei Ihnen entschuldigen“, sagte er mit der Miene eines Menschen, dem Reue fremd war.

Carol reckte ihr Kinn. Sie musste zu ihm hochschauen, um seinem Blick zu begegnen, und das ärgerte sie.

„Kann ich eine Erklärung erwarten?“, fragte sie kalt. „Oder habe ich es mit einem Verrückten zu tun?“

Sie bedauerte es, dass sie nicht größer war, und fühlte sich ihm auf lächerliche Weise unterlegen mit dem Brautschleier, den die alte Frau in ihrem Haar festgesteckt hatte.

„Hören Sie auf“, erwiderte er. Seine Stimme hatte einen so gebieterischen Unterton, dass Carol, ohne es zu wollen, die Luft anhielt. „Es ist schon genug Zeit verschwendet worden, und ich kann Ihnen versichern, dass ich keineswegs verrückt bin. Fragen Sie Ta Dentella. Ich werde Ihnen alles erklären, sobald wir losgefahren sind.“

„Ganz sicher nicht.“ Carol stemmte die Arme in die Seiten. „Sie stürmen hier herein, begehen eine Körperverletzung …“, sie warf einen sprechenden Blick auf das Handgelenk, das er so grob ergriffen hatte, „… und meinen, Ihre fadenscheinige Entschuldigung genügt, damit ich Ihnen widerspruchslos folge. Sind Sie es gewöhnt, dass man Ihren Befehlen gehorcht? Oder zählen Sie einfach auf Ihren umwerfenden Charme?“

Sie hatte damit gerechnet, dass er verärgert auf ihre sarkastische Bemerkung reagieren würde. Stattdessen erschien ein Funke Humor in seinen Augen, und seine Mundwinkel zuckten.

„Wenn Sie mich charmant erleben wollen“, erwiderte er, „müssen Sie warten.“ Er tat einen Schritt auf sie zu und hob sie hoch, als wäre sie ein Kind. „Sie sind klein, und ich bin groß. Und aller Wahrscheinlichkeit nach bin ich auch stärker als Sie. Machen Sie sich das klar. Lassen Sie mich Ihnen sagen, dass ich für meine Rücksichtslosigkeit bekannt bin, wenn es um Dinge geht, die mir wichtig sind, und vergessen Sie nicht, dass ich ein Mann bin und Sie …“, er hielt inne, trug sie nach draußen und stellte sie draußen neben einem roten Sportwagen auf die Füße, „… eine Frau. Also, steigen Sie jetzt ein?“ Er öffnete die Beifahrertür und wartete.

„Sie könnten mich wenigstens bitten“, gab Carol zurück. Sie war ärgerlich und durcheinander, aber sie würde diesem unberechenbaren Irren gegenüber keine Angst zeigen.

Er runzelte kurz die Stirn, dann breitete sich ein so offenes, warmes Lächeln auf seinen Zügen aus, dass Carols Furcht augenblicklich schwand.

„Bitte“, sagte er. Sein Lächeln vertiefte sich, und sein Blick hielt ihren in einer Weise fest, als sei er darauf aus, sie seinem Willen zu unterwerfen. „Steigen Sie ein. Sie würden mir damit einen Gefallen tun. Einen großen Gefallen.“

Carol lachte. „Sie haben mich überredet“, erwiderte sie, „aber Sie müssen mich in spätestens einer halben Stunde zurückbringen. Mein Bruder ist unten am Strand, und er wird die Polizei alarmieren, wenn ich zu lange wegbleibe. Könnte ich ihm nicht wenigstens eine Nachricht zukommen lassen, wo ich bin?“

„Dafür ist keine Zeit“, antwortete der Fremde, „und es ist auch nicht nötig. Ta Dentella kann ihn beruhigen, falls er hier hochkommt und nach Ihnen sucht.“ Die alte Frau stand am Fenster und blickte zu ihnen heraus. Sie nickte lächelnd und hob ihre Hand, beinahe so, als wolle sie sie segnen.

„Sehen Sie? Sie wird Ihrem Bruder sagen, dass Sie in guten Händen sind. Und wir werden nicht lange brauchen. Ich habe es genauso eilig wie Sie.“

Das stimmt, dachte Carol ein paar Minuten später, als er das Auto mit kreischenden Reifen durch die erste Kurve jagte und eine gelbliche Staubwolke hinter ihnen aufwirbelte. Es erstaunte sie, dass sie keine Angst hatte, sondern nur ein eigentümlich erhebendes Gefühl von Freiheit und Abenteuer.

„Und in wessen guten Händen bin ich?“, wollte sie wissen. Sie passierten zwei Männer, die unweit der Straße, in die sie abgebogen waren, gelbe Steinquader zurechtschnitten, eine Schar Schulkinder und schließlich einen alten Bauern auf einem hoch mit Heu beladenen Eselskarren.

„Ich heiße Nicolas de Piro, Barone de Comino“, sagte der Mann an ihrer Seite. „In meiner Familie werde ich Nick gerufen, und meine Freunde …“, er lächelte und entblößte dabei seine strahlend weißen Zähne, „nennen mich Diablo, glaube ich. Aber hinter meinem Rücken. Und wie heißen Sie?“

Carol sagte ihm ihren Namen, während sie im Stillen befand, dass „Diablo“ hervorragend zu seinem dunklen Typ passte. Sie kamen durch eines der kleinen Städtchen, die auf Gozo nicht größer waren als ein Dorf, und fuhren an einer Gruppe schwarzhaariger Frauen vorbei, die strickend unter einem Baum auf dem Platz in der Mitte des Ortes saßen. Die Frauen blickten von ihrer Arbeit auf, doch sie hatten sie hinter sich gelassen, bevor Carol sehen konnte, ob ihr ungewöhnlicher Anblick sie überraschte.

Sie hielt den wehenden Schleier mit einer Hand zusammen und klammerte sich mit der anderen am Griff an der Beifahrerseite fest, um nicht gegen Nicolas geworfen zu werden, wenn er in halsbrecherischem Tempo in die Kurven fuhr, und war kaum in der Lage aufzunehmen, was er ihr währenddessen erzählte.

Es ging um eine Filmcrew, die einen historischen Film auf der Insel drehte – Carol hatte Gäste im Hotel darüber reden hören, wie sie sich nun erinnerte – und die Hauptdarstellerin, die spurlos verschwunden war, nachdem sie gedroht hatte, ihre Koffer zu packen und abzureisen.

Der Geringschätzigkeit nach zu urteilen, mit der er von ihnen sprach, schien Nicolas nicht viel von den Leuten zu halten und froh zu sein, wenn er sie bald loswurde.

„Jedenfalls können sie die letzten Szenen nicht drehen ohne die Hauptdarstellerin“, schloss er.

„Wäre das nicht in Ihrem Sinne?“, fragte sie ihn.

„Ich will, dass sie den Film fertigstellen und verschwinden!“, antwortete er. „Sie zahlen mir eine Menge Geld für die Dreherlaubnis auf meinem Besitz, aber bevor die unberechenbare Madrilena sich eines Besseren besinnt und zurückkommt, sind sie bankrott. Und jetzt setzt auch noch der Hauptdarsteller sie unter Druck und droht, nach Hause zu fliegen, wenn Madrilena nicht wieder auftaucht. Ich hoffe, wir kommen nicht zu spät.“

Ich bezweifle, dass wir überhaupt ankommen, wenn er weiter so schnell fährt, dachte Carol, aber so eigensinnig, wie Nicolas war, unterließ sie es lieber, ihren Gedanken laut zu äußern. Sie befanden sich nun auf einer Straße, die so nah entlang der steil abfallenden Klippen verlief, dass Carol nicht wagte, hinunterzublicken.

„Was mir nicht klar ist“, sagte sie und bekämpfte tapfer das Bedürfnis, die Augen zu schließen, „ist, wie ich in die Sache hineinpasse. Ich habe keine Ahnung, wo diese Schauspielerin sein könnte. Ich weiß nicht mal, wie sie aussieht.“

„Genau darum geht es.“ Nicolas schien direkt auf die Klippen zuzusteuern, um im letzten Moment das Steuer herumzureißen und eine der scharfen Haarnadelkurven zu nehmen, in denen sich die Straße zur Küste wand.

Eine Traube von Menschen – Kameraleute, Schauspieler in ihren Kostümen, das Scriptgirl und ein Mann mit einem Megafon – erschien in ihrem Blickfeld, als das Cabriolet kurz darauf bremste. Die Wirkung ihrer Ankunft war so dramatisch, als ob jemand einen Zauberstab geschwungen hätte. Sämtliche Gesichter waren ihnen zugewandt, alle standen da wie vom Donner gerührt.

Dann löste sich der Mann mit dem Megafon aus der Gruppe und kam auf das Auto zu. Er trug eine Sonnenbrille, einen weißen Leinenhut und blaue Shorts zu einem orangeroten T-Shirt. Er war nicht sonderlich groß, doch sein Spitzbart gab ihm das Aussehen von Wichtigkeit, und er schien vor Energie zu sprühen.

Mon cher baron, Sie haben sie gefunden!“, rief er aus. „Aber wie ist das möglich? Sie hat uns doch aus Sizilien angerufen. Nun ja, wahrscheinlich war das auch wieder einer ihrer miesen Tricks.“

Er wandte sich zu Carol. „Sieh dir die Leute an. Hast du eine Vorstellung, wie viel sie mich pro Minute kosten?“ Mit einer ausladenden Bewegung wies er auf die Matrosen, Bauern und Kameraleute. „Wieso spielst du ständig Katz und Maus mit mir? Das Hochzeitskleid gefällt dir nicht, es ist zu eng, du kriegst keine Luft, wenn du es anhast. Du musst vom Set weg, du kannst deinen Filmpartner nicht ausstehen. Ich, Varelle, bin ein Ungeheuer, ich behandele dich nicht mit dem nötigen Respekt. Du weigerst dich, die Trauungsszene abzudrehen! Und was ist das Ding, das du auf dem Kopf hast, wenn nicht ein Brautschleier?“

Er ließ seine Tirade vom Stapel, und Carol fragte sich, ob sie von einem Irren an den andern geraten war. Während der ganzen Zeit saß Nicolas schweigend da, die Arme vor der Brust verschränkt, und lächelte auf eine Art, die sie auf die Palme brachte.

„Sagen Sie ihm“, verlangte sie schließlich, als der kleine Mann eine Pause machte, um Luft zu holen, „dass ich nicht die leiseste Ahnung habe, wovon er spricht, und erklären Sie mir, wieso Sie mich hergebracht haben. Etwa damit er mich beschimpft?“

Nicolas hob eine Augenbraue. „Ich dachte, das wäre völlig klar“, sagte er.

„Völlig.“ Carol begann, die Nadeln herauszuziehen, mit denen der Schleier in ihrem Haar festgesteckt war. „Erst entführen Sie mich. Dann fahren Sie, als wollten Sie uns beide umbringen. Und dann …“, sie schob sich den Schleier vom Kopf, sodass er ihr auf die Schultern fiel, „… geben Sie mich als jemand aus, der ich nicht bin.“

Der Mann mit dem Bart starrte sie an. Er war im Begriff gewesen, seine Strafpredigt fortzusetzen, doch nun sah er aus wie eine Figur auf der Filmleinwand, wenn der Ton abgedreht war. Seine Lippen bewegten sich stumm.

Dann ging er hinüber zur Fahrerseite, schlug Nicolas auf die Schulter und brach in brüllendes Gelächter aus.

„Sie sind ein Zauberer, mein Freund. Wo haben Sie sie gefunden? Nein, sagen Sie nichts. Sie haben irgendeine Beschwörung gemurmelt, und voilà, da war sie, unsere Hauptdarstellerin.“

Carol zuckte zusammen. „Ich bin keine Schauspielerin“, protestierte sie.

Nicolas lächelte. „Beinahe“, sagte er zu Varelle gewandt.

„Jedenfalls fand ich sie an einem verzauberten Ort, in der Nähe der Kalypso-Grotte. Und ich dachte auch erst, sie sei Madrilena. Als sie sich der Villa näherte, war ich mir nicht sicher, aber als sie in Ta Dentellas Haus stand und diesen Brautschleier trug, fiel ich tatsächlich auf die Ähnlichkeit herein.“

Darum also hatte er sie so durchdringend gemustert. Nicht weil er sich von ihr angezogen fühlte, sondern weil sie aussah wie jemand anderes.

„Nun verstehe ich auch, wieso Sie sich im Haus der alten Frau wie ein Verrückter aufgeführt haben“, sagte sie. „Aber ich habe keine Ahnung, was ich hier soll, und wenn Sie glauben, die Hauptrolle in diesem Film ließe sich mit mir besetzen, sind Sie verrückter, als ich dachte. Ich bin keine Schauspielerin. Meine Stimme ist anders. Und ich reise morgen ab. Ich kann Ihnen nicht helfen.“

Beide Männer sahen sie an. Nicolas mit einem anerkennenden Lächeln, Varelle abschätzend.

„Wer ist sie überhaupt?“, fragte der Regisseur. „Ich würde mich an sie erinnern, wenn sie bei den Komparsen gewesen wäre. Dieses Haar – nun ja, wir werden es färben müssen. Oder …“ Er drehte sich um und brüllte: „Kate! Eine dunkle Perücke. Und ein bisschen dalli, wenn ich bitten darf. Glattes Haar, wie bei Madrilena. Und sag Antonio, dass alles in Ordnung ist.“ Er wandte sich wieder zu Nicolas, der im Begriff war, aus dem Wagen zu steigen. „Nick, mein Freund, wie heißt sie?“

„Sie haben versprochen, mich zurückzubringen“, mischte Carol sich ein. „Mein Bruder wird schon Suchtrupps nach mir ausgeschickt haben.“ Aber als Nicolas ihr die Hand hinhielt, um ihr aus dem Auto zu helfen, ergriff sie sie.

„Erlauben Sie mir zuvor, Sie mit Monsieur Georges Varelle bekannt zu machen“, sagte er. „Er ist der Regisseur vieler erfolgreicher Filme. Monsieur Varelle, dies ist Miss Goodwin.

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