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Schau in mein Herz

1. KAPITEL

Seit vielen Wochen lächelte Hannah zum ersten Mal wieder. Sie betrachtete den Mond. Er stand mitten am Nachthimmel und spiegelte sich im Fenster der letzten Wand, die von der alten Kirchenruine noch geblieben war. Von ihrem Platz auf der alten Steinbank aus sah sie wie gebannt den strahlenden Mond an, der von dem gewölbten Rund der Fensteröffnung umrahmt wurde.

Das Schauspiel war auch deshalb so einzigartig, weil es in diesem Monat bereits der zweite Vollmond war. „Ein blauer Mond“, flüsterte sie und fragte sich, wie viele Menschen außer ihr noch Zeugen dieses beeindruckenden Anblicks sein mochten. Sie lächelte versonnen.

Die Besitzerin des Landgasthofs hatte ihr den Tipp gegeben, hierherzukommen. Der Garten voller Wildblumen strahlte Ruhe und Frieden aus, und der Mond verlieh dem Ganzen einen Hauch von Magie. Einen kurzen Moment lang traten ihre Sorgen in den Hintergrund, und sie spürte, wie ihr leichter ums Herz wurde. Wenigstens war sie nicht mehr so niedergeschlagen wie vor einem Monat, als sie ihren Job gekündigt hatte.

Hannah stieß einen tiefen Seufzer aus. Wie hätte sie sich auch sonst fühlen sollen, nachdem sie herausgefunden hatte, dass sie im Büro eine Witzfigur war?

Wie hatte sie nur zulassen können, dass Milo Brisco aus ihr eine Marionette machte? Weil sie sich in den glatten, redegewandten Anwalt verliebt hatte, hatte sie sich von ihm überreden lassen, sich ihr dunkelblondes Haar platinblond zu färben, um mehr wie Marilyn Monroe auszusehen. Nicht nur das, sie opferte ihrer neuen Frisur auch ihre Locken und brauchte morgens Stunden für den modernen Look. Außerdem hatte er sie noch dazu überredet, ihre eher dezente Bürokleidung gegen Sachen auszutauschen, die trendy und sexy waren, und die er ausgesucht hatte.

Wie hatte sie nur so schwach sein können und sich von ihm manipulieren lassen? Hatte sie nicht mehr Rückgrat? Offensichtlich nicht.

Nachdem ihre Eltern vor zwei Jahren geschieden worden waren, hatte Hannah alles darangesetzt, eine unabhängige moderne Frau zu werden, die keinen Mann brauchte, um zu überleben. Nach der hässlichen Trennung ihrer Eltern hatte sie sich geschworen, nie in eine so schreckliche Lage zu kommen wie ihre Mutter. Dorothy Hudson war allein, depressiv und musste sich ihren Lebensunterhalt als Küchenhilfe bei McDonald’s verdienen.

Andererseits hatte sie auch nicht vor, zu einem passiven, klammernden Püppchen zu werden wie Cindy, die letzte Eroberung ihres Vaters. Cindy war gerade mal zwanzig und damit sechs Jahre jünger als sie.

Um ja nicht so zu werden wie diese beiden Frauen, hatte Hannah alles darangesetzt, sich eine solide Karriere aufzubauen. Doch dann hatte sie sich vor vier Monaten ausgerechnet in Milo Brisco verliebt. „In diesen egomanischen Mistkerl“, flüsterte sie.

Der erste Schlag war gewesen, dass sie ihn zufällig im Büro prahlen hörte, wie „genial“ er sie umgewandelt hätte. Sie hielt sich die Ohren zu, als könnte sie so den Klang seiner Stimme auslöschen. Aber sie wusste, es würde ihr niemals gelingen, den verächtlichen Ton zu vergessen, in dem er gesagt hatte: „Roth und ich haben uns totgelacht. Es war ein Kinderspiel für mich, eine mittelmäßige Managerin in eine Zuckerpuppe zu verwandeln.“

Zuckerpuppe! Sie zuckte zusammen. Hatte man je etwas Sexistischeres aus dem Mund eines Mannes vernommen?

Das war ja schon schlimm genug, aber der zweite, viel schlimmere Schlag war das andere Wort gewesen – mittelmäßig. Diese gemeine Beschreibung brach ihr jedes Mal das Herz, wenn sie daran dachte. Hannah hatte in ihrem Job sehr hart gearbeitet, und sie dachte von sich, dass sie ihr Gehalt mehr als wert war. Vielleicht war es ja keine große Sache, die Finanzabteilung zu managen. Aber trotz der Schwierigkeiten, die es immer wieder mit ihren Mitarbeitern gab, trotz all ihrer persönlichen Macken und Eifersüchteleien hatte sie ihre Abteilung doch gut im Griff. Davon war sie jedenfalls immer ausgegangen.

Aber dann hatte sie mitanhören müssen, wie ein Mann sie herabsetzte, von dem sie geglaubt hatte, er würde sie mögen. Hannah war sehr beschämt, sie fühlte sich von ihm verraten. Wahrscheinlich hätte sie mit der Affäre und der Tatsache, dass er sie „Zuckerpuppe“ genannt hatte, fertig werden können. Aber mittelmäßig? Fünf Jahre lang hatte sie unglaublich hart für Jerric Oil gearbeitet. Doch offensichtlich waren harte Arbeit und unermüdlicher Einsatz nicht genug.

„Und Roth hat mitgelacht!“, sagte sie leise. Roth Jerric hatte über sie gelacht! Sie fand den charismatischen Gründer und Vorsitzenden der Firma attraktiv und respektierte ihn sehr. Das war offensichtlich ein Fehler, denn für ihn war sie nur mittelmäßig.

Nachdem man sie so verletzt und gedemütigt hatte, hatte Hannah eine schlaflose Nacht verbracht. Schließlich wurde ihr klar, dass es ihr nicht gelingen würde, zu beweisen, dass sie alles andere als mittelmäßig war. Für den Vorstandsvorsitzenden war sie eine Witzfigur, obwohl sie ihr Bestes gegeben hatte. Das war ein harter Schlag für Hannahs Selbstbewusstsein. Am nächsten Morgen hatte sie die Kündigung eingereicht.

Jetzt gingen ihre Ersparnisse langsam zur Neige, und sie brauchte einen Job. Aber vor allem musste sie sich selbst beweisen, dass sie nicht mittelmäßig war. Wie machte man das? Sie wusste es nicht, doch sie würde alles versuchen, um Milos Einschätzung zu widerlegen.

„Ich werde es dir zeigen“, sagte sie entschlossen. „Und Ihnen auch, Roth Jerric!“

„Verzeihung?“

Der Klang einer männlichen Stimme unterbrach sie in ihren Gedanken, und sie sah verwirrt auf. Die Stimme kam von hinten. Wenig später erschien ein Mann auf dem Pfad, hell beleuchtet vom Mondlicht. Als sie sein Gesicht sah, erstarrte sie.

Nicht er!

Sie erkannte seine markanten Gesichtszüge sofort. Schon immer hatte sie ihn sinnlich und attraktiv gefunden. Aber in diesem Wechselspiel von Licht und Schatten sah er nicht nur gut aus, sondern verkörperte geradezu das Idealbild von Ästhetik und Kraft. Der Anblick raubte ihr den Atem.

Auch seine Augen waren ihr vertraut. Im Mondlicht wirkten sie dunkel und abgrundtief, doch in Wirklichkeit waren sie von einem hellen, intensiven Blau. Sie sah auch seine breiten Schultern und die Art, wie ihm das schwarze Haar über den Kragen fiel. Aber ihr war völlig schleierhaft, warum das Schicksal ihr einen derart bösen Streich spielte.

Warum tauchte gerade Roth Jerric in diesem Moment auf, als sie an ihn gedacht hatte – als sie sogar seinen Namen laut ausgesprochen hatte, der jetzt einen negativen Beigeschmack für sie hatte? Hannah brauchte ein paar Sekunden, um sich von dem Schock zu erholen. Dann sagte sie entgeistert: „Was machen Sie denn hier?“

Ihr feindseliger Ton überraschte ihn. Offensichtlich war er es nicht gewohnt, unerwünscht zu sein. „Ich mache einen Spaziergang“, erwiderte er und sah sie stirnrunzelnd an.

Seine starke Präsenz ließ ihn im Mondlicht wie einen Gott erscheinen. Vielleicht hing es mit seiner Größe zusammen, oder damit, dass er ein weißes Hemd und eine helle Hose trug.

Jedenfalls merkte Hannah, dass ihr Puls sich beschleunigte, was sie ärgerte. Warum musste ihr Körper so eindeutig auf einen Mann reagieren, der über sie gelacht hatte?

„Ich wollte allein sein, um nachzudenken.“ Das stimmte nicht ganz, eigentlich wollte sie alles vergessen und zur Ruhe kommen.

„Genau wie ich“, erwiderte er. „Ich habe Sie nicht gesehen. Falls ich Ihr Ego beleidigt haben sollte, möchte ich mich gern dafür entschuldigen, Miss.“

„Um mein Ego geht es hier nicht.“ Er hatte sie „Miss“ genannt. Aber warum? Sie stand auf. „Dass Sie so tun, als würden Sie mich nicht kennen, finde ich beleidigend.“

„Kennen wir uns denn?“, fragte er erstaunt und betrachtete sie genauer. „Sie kommen mir bekannt vor.“

Hannah verschränkte die Arme. „Das hoffe ich doch. Ich habe fünf Jahre lang für Sie gearbeitet, die letzten sechs Monate übrigens als Leiterin Ihrer Finanzabteilung.“ Als mittelmäßige Leiterin der Finanzabteilung, setzte sie in Gedanken hinzu. Ihre Unterlippe zitterte, und sie war den Tränen nahe.

„Ich bin die Zuckerpuppe.“ Hannah zuckte zusammen. Wie hatte sie das nur aussprechen können? Eigentlich hatte sie sich vorstellen wollen.

Zuerst reagierte er darauf nicht. „Die Zucker…?“ Er machte eine kleine Pause und meinte dann nur: „Oh.“

Sie hatte das Gefühl, als würde eine Mauer aus Ziegelsteinen über ihr zusammenbrechen. Ihr war schlecht, denn er hatte sie anscheinend wirklich nicht erkannt. Kein Wunder, jetzt war sie wieder dunkelblond und trug Jeans und ein übergroßes T-Shirt statt der engen figurbetonten Kleidung, die Milo für sie ausgesucht hatte.

Mit dem letzten Rest an Selbstbeherrschung richtete sie sich auf und sah ihm direkt ins Gesicht. „Mein Name ist Hannah Hudson. Ich war bis vor kurzem die Leiterin Ihrer Finanzabteilung. Ende Mai habe ich gekündigt.“

Er betrachtete sie aufmerksam. „Natürlich. Miss Hudson.“ Ihr Name klang völlig neutral. „Seit Ihrer Beförderung haben wir uns bei verschiedenen Meetings getroffen.“

„Zwei oder drei Mal“, korrigierte sie ihn.

„Bitte, verzeihen Sie, wenn ich Sie nicht sofort erkannt habe.“ Er streckte die Hand aus. „Aber Ihr Gesicht war im Halbschatten.“

Hannah ignorierte seine ausgestreckte Hand. „Sie bleiben doch nicht etwa hier, oder?“ Hoffentlich nicht! Als sie diesen zweiwöchigen Aufenthalt am Grand Lake in Northeastern Oklahoma gewonnen hatte, war sie überglücklich gewesen. Sie wollte den Urlaub nutzen, um sich über ihre Zukunft klar zu werden. Das Letzte, was sie brauchte, war jemand, der um ihren schlechten Ruf wusste – besonders, wenn sein Name Roth Jerric war.

„Ich bin Gast hier“, gab er zurück.

„Wie lange bleiben Sie?“

„Ein paar Wochen.“

Also genauso lange wie sie. Furchtbar!

„Oh nein! Ich auch“, sagte sie entsetzt.

„Wie schmeichelhaft.“ Das klang sehr ironisch.

„Verstehen Sie denn gar nicht, wie schlimm es für mich ist, Sie hier zu treffen?“

„Nein.“

„Ich will … ich bin hierhergekommen, um allem zu entfliehen … Sie wissen schon, was ich meine.“

„Leider nein.“

„Sie können sich doch sicher denken, warum ich Ihre Firma verlassen habe.“

„Ich nehme an, weil Sie ein besseres Angebot bekommen haben.“

„Das nehmen Sie an?“, erwiderte sie sarkastisch. „Nun, da irren Sie sich aber gewaltig.“ Erregt ließ sie sich wieder auf die Bank sinken.

Roth Jerric blieb einen Moment lang stumm. Der warme Juniwind strich über die Blumen. Sie raschelten in der Dunkelheit, als würden sie miteinander flüstern. „Ich verstehe nicht, warum Sie sich so aufregen.“ Er räusperte sich. „Dann sollte ich wohl besser gehen.“

Hannah sah starr geradeaus und rührte sich nicht.

„Es war faszinierend, Sie zu treffen, Miss Hudson“, sagte er mit deutlichem Zynismus.

Sie hätte gern etwas darauf erwidert, ließ es dann aber. Vor allem wollte sie, dass er sie in Ruhe ließ, und das würde nicht geschehen, wenn sie ihre Unterhaltung fortführten.

Daher versuchte sie, innerlich ruhig zu zählen … eins … zwei … drei … „Also gut!“ sagte sie, dann brach es aus ihr heraus: „Nur, dass Sie es wissen, ich bin für niemanden eine Zuckerpuppe! Ich habe gehört, wie Milo mich so genannt hat, und wie andere … ihm zugestimmt und mich ausgelacht haben.“ Sie zum Beispiel, hätte sie am liebsten gesagt, doch dazu konnte sie sich nicht überwinden. „Danach konnte ich natürlich nicht länger in der Firma bleiben.“ Hatte sie zu viel verraten? Sie biss sich auf die Lippen.

Roth war bereits in Richtung Gasthof unterwegs, doch bei ihrem Ausbruch blieb er stehen. Zuerst wirkte er überrascht, dann sah es so aus, als würde er lachen.

Lachen?

Er lachte sie aus?

Schon wieder!

Gut, wenn er Krieg haben wollte, konnte er ihn haben. „Sie haben eine komische Art von Humor, Mr. Jerric! Finden Sie meine Demütigung etwa lustig?“

Er öffnete den Mund, aber sie hob die Hand. „Bitte nicht! Ihre Meinung interessiert mich nicht. Verschwinden Sie einfach.“ Nach kurzem Zögern nickte er und ging weiter.

Erregt drehte Hannah sich um, dann beruhigte sie sich langsam. Ihr Blick fiel auf das gewölbte Fenster in der alten Steinwand. Der Mond war inzwischen weitergezogen.

Aus der Entfernung sah sie, wie Roth Jerric gerade um die Ecke bog und auf die Vordertür des Gasthofs zuging. Sie schloss die Augen und sog die frische Nachtluft in tiefen Zügen ein.

„Okay, Hannah“, flüsterte sie. „Versprich mir, dass du dich von diesem selbstzufriedenen, beunruhigenden Bastard fernhalten wirst.“

Nach dem Zusammentreffen mit Hannah kam Roth sich wie ein Schuft vor. Aber er ärgerte sich nicht nur, er war auch verwirrt. Offensichtlich hasste sie ihn, doch der Grund war ihm schleierhaft. Er hatte manchmal bei einem Meeting kurz mit ihr gesprochen und war sich nicht bewusst, sie irgendwie beleidigt zu haben – oder sogar der Grund für ihre Kündigung zu sein.

Er hatte gerade eben auch nicht über sie gelacht. Aber wie jemand wegen einer Äußerung von Milo den Job hinschmeißen konnte, war ihm ein Rätsel. Milo war zwar ein kompetenter Anwalt, aber auch ein arroganter Prahlhans und Wichtigtuer. Das hätte er Miss Hudson gern gesagt, wenn sie ihm die Gelegenheit dazu gegeben hätte. Doch offensichtlich war seine Meinung ebenso wenig erwünscht wie seine Anwesenheit.

„Lass es gut sein“, sagte er zu sich selbst. „Du hast genug eigene Probleme.“ Er eilte die Stufen hoch und ging über die hölzerne Veranda auf die Vordertür zu.

Obwohl sie jetzt weiß gestrichen war, war es noch immer dieselbe Tür, die er aus seiner Jugendzeit kannte, als dieses Haus seiner Familie gehört hatte. Roth legte die Hand auf den Türknopf aus Messing und hielt einen Moment lang inne. Der Türknopf kam ihm kleiner vor, als er in Erinnerung hatte. Aber damals war er schließlich auch erst zehn gewesen. Früher war dies das Pfarrhaus gewesen und hatte zu der alten Kirche gehört, die im Jahr 1910 niedergebrannt war.

Das Haus war etwa hundert Jahre alt und sehr solide gebaut. Nach dem Tod seines Vaters war seine Mutter mit ihm und seiner älteren Schwester Grace nach Oklahoma City gezogen, wo sie als Sekretärin arbeitete. Bis heute war er nicht mehr hierher zurückgekommen. Er hatte impulsiv entschieden, nach seinen Wurzeln zu suchen. Das hing mit einem persönlichen Konflikt zusammen, dem er nicht länger ausweichen konnte, und der ihn von innen her zu zerfressen schien.

Zwischen seinen Lebensträumen und der Wirklichkeit hatte sich ein tiefer Graben aufgetan. Auch wenn er nach außen hin erfolgreich wirkte, war er doch nicht glücklich. Das Scheitern seiner Ehe hatte ihm alle Illusionen geraubt. Kurz davor war ihr gemeinsamer Sohn Colin gestorben. Er hatte nur einen Monat gelebt. Das war vor sechs Jahren gewesen. Danach hatte Roth sich in die Arbeit gestürzt und emotional nichts mehr an sich herangelassen.

Er wusste, dass seine Kollegen ihn um seinen Reichtum und sein Junggesellendasein beneideten. Aber tatsächlich machte er gerade eine schwere Krise durch. Daher hatte er sich in einem nostalgischen Moment dafür entschieden, wieder in das Haus zurückzukehren, das damals seiner Familie gehört hatte, und in dem sich heute der Blue Moon Inn befand. Vielleicht hatte er damit an eine Zeit anschließen wollen, als sein Leben noch nicht ausschließlich aus Arbeit bestanden hatte.

Er lehnte sich an die Tür und merkte plötzlich, wie erschöpft er war. Oberflächlich betrachtet hatte ihm das Leben alles gegeben. Aber tatsächlich hatte er das verloren, was ihm am kostbarsten war – seine Frau und seinen Sohn. Alles andere – Geld, Macht und Erfolg schien im Vergleich dazu nichts wert zu sein.

Roth richtete sich entschlossen auf. Schluss mit dem Selbstmitleid! Er drehte den Türknopf und trat ein.

Das hell erleuchtete Foyer zeigte deutlich, wie abgenutzt der Holzfußboden war. Die verblichenen Perserteppiche und die Ölgemälde mussten dringend gereinigt werden. Es hingen noch andere, neuere Bilder an den Wänden, von unterschiedlicher künstlerischer Qualität.

Der Blue Moon Inn war nicht gerade die Art von Luxushotel, an die Roth gewöhnt war. Aber er war auch nicht hierhergekommen, um ein romantisches Wochenende mit einer Freundin zu erleben. Hier war sein Herz zu Hause gewesen, bevor das Leben es gebrochen hatte. Er wusste nicht, ob es ihm gelingen würde, doch in den nächsten zwei Wochen wollte er alles tun, um seine Lebensfreude zurückzugewinnen.

„Oh, hallo, Mr. …“, ertönte in diesem Moment die Stimme seiner Wirtin.

Er ging auf sie zu. „Jerric“, half er nach. „Roth Jerric.“

Die beleibte ältere Frau kam durch die Empfangshalle auf ihn zu. Hinter ihr schlurfte eine drahthaarige graue Promenadenmischung. „Ich dachte, Sie wären schon zu Bett gegangen.“ Sie kam aus dem angrenzenden Salon, in dem eine einsame Lampe trübes Licht spendete und die alten Möbel schwach beleuchtete. Der Blue Moon Inn hatte wirklich schon bessere Tage gesehen.

Wie gewohnt lächelte Roth sie charmant an. „Hallo, Mrs. Peterson.“ Er sah auf seine Armbanduhr. Kurz vor Mitternacht. „Sie sind ja auch noch spät auf.“

„Es gibt immer eine Menge zu tun, Mr. Johnson.“

„Jerric“, korrigierte er sie.

„Ja, ja, natürlich“, erwiderte sie zerstreut. Sie war höchstens einssechzig groß, trug ein grünes Baumwollkleid und eine weiße Schürze darüber. „Waren Sie draußen?“

Er nickte. „Warum fragen Sie?“

„Haben Sie zufällig eine junge Frau gesehen? Vielleicht im Garten bei der Ruine der alten Kirche?“

„Ja. Suchen Sie sie?“

Er spürte, wie etwas sein Bein streifte, und sah herunter. Es war die Hündin, Roth rückte ein Stück von ihr weg.

„Ich habe sie selbst dorthin geschickt. Ich meine …“ Mrs. Peterson wirkte ausgesprochen besorgt. „Sie sind doch nicht etwa in ihre Nähe gekommen, oder?“

Was für eine seltsame Frage. „Allerdings, ja. Wir haben uns kurz unterhalten.“

„Ach, du lieber Gott!“ Sie schlug die Hände zusammen. „Wollen Sie wirklich behaupten, Sie hätten neben dieser Bank gestanden – im Mondlicht? Mit ihr?“

Er nickte, verwundert über ihre Panik.

„Oh nein!“ rief sie entsetzt aus. Die Hündin bellte laut auf, es klang fast wie die schrille Stimme ihrer Besitzerin. „Pst, Miss Mischief!“, fuhr sie das Tier an und strich sich aufgewühlt durch das kurze graue Haar. „Sie haben all meine Pläne ruiniert!“

Was, zum Teufel, war hier los? Roth war erst seit zwei Stunden im Gasthof, hatte ausgepackt, war dann spazieren gegangen und hatte schon zwei Frauen gegen sich aufgebracht. „Ihre Freundin im Garten war auch nicht besonders begeistert, mich zu sehen“, sagte er. „Wären Sie so freundlich, mir zu erklären, was so falsch daran war, mit ihr zu sprechen?“

„Falsch?“, wiederholte sie entgeistert. „Alles war falsch daran.“ Sie sah ihn entrüstet an. „Alles ist schiefgelaufen.“ Sie holte ein Taschentuch aus ihrer Schürze.

„Was ist denn los?“

Sie putzte sich die Nase und steckte das Taschentuch wieder ein. Dann hob sie den Kopf und versuchte, sich zu fangen. „Bitte, entschuldigen Sie mein Verhalten, Mr. Johnson.“

„Jerric ist mein Name“, erwiderte er. Ob sie das je behalten würde?

„Ja, ja.“ Sie nickte und wirkte immer noch ziemlich verwirrt. „Bitte, entschuldigen Sie, ich bin eine alte Frau, die zwei junge Menschen glücklich machen wollte. Doch leider hatte ich Pech.“ Sie versuchte zu lächeln. „Es war nicht Ihre Schuld. Sie hatten ja keine Ahnung.“

„Keine Ahnung wovon?“ Ohne zu wissen, was er angerichtet hatte, hatte er die alte Dame offensichtlich fast zum Weinen gebracht. Aber warum? Das Gespräch mit Hannah Hudson war ja auch nicht besonders erfreulich gewesen.

„Sie wussten nichts … über den blauen Mond … und über …“ Sie schüttelte den Kopf. Ihre Augen wirkten sehr betrübt. „Wahrscheinlich fanden Sie die junge Frau ganz reizend, stimmt’s?“

Diese Bemerkung überraschte ihn. Obwohl er Hannah attraktiv fand, hatte ihn ihre feindselige Haltung eher abgestoßen. „Warum?“

„Weil es gar nicht anders möglich ist“, sagte sie traurig. „Das Schicksal hat es so gewollt, mein Lieber.“

Roth hatte keine Ahnung, was sie damit sagen wollte. Aber sie war noch nicht fertig. „Wenn der Sheriff kommt, würden Sie ihm bitte mitteilen, dass er zu spät gekommen ist?“

„Der Sheriff? Zu spät wofür?“

„Für sie.“ Sie gab sich Mühe, freundlicher zu sein. „Er hätte schon vor einer Stunde hier sein sollen. Deacon Vance ist sein Name. Ein ausgesprochen netter Mann. Er ist Witwer und erst fünfunddreißig.“ Sie wandte sich ab und seufzte. „Wie schade! Aber die Wege des Schicksals sind nun einmal unergründlich.“ Sie setzte sich in Bewegung und stieß den Hund an. „Komm, Missy Mis. Gute Nacht, Mr. Johnson.“

Roth wollte sie korrigieren, ließ es dann aber. Jetzt ging es um Wichtigeres. Was steckte hinter ihrem verwirrten Gerede? „Was, zum Teufel, geht hier vor?“, fragte er ratlos.

Nach ein paar Minuten schlug eine Tür mit lautem Knall zu. Offensichtlich hatte seine Wirtin sich in ihre Privaträume zurückgezogen.

Dann klingelte plötzlich das Telefon, und er zuckte zusammen. Seine Nerven waren anscheinend auch nicht mehr die besten. Da sonst niemand da war, ging er zum Empfang und nahm den Hörer auf. „Jerric am Apparat.“

„Wie bitte?“

Roth kam sich wie ein Idiot vor. „Ich meine, Blue Moon Inn.“

„Mit wem spreche ich?“

„Mit wem spreche ich denn?“

„Hier ist Sheriff Deacon Vance.“

„Oh, Sheriff Vance. Roth Jerric, ich bin hier Gast. Mrs. Peterson ist heute schon zu Bett gegangen. Sie bat mich, Ihnen auszurichten, dass Sie zu spät gekommen sind.“

„Zu spät?“

Erleichtert vernahm Roth, dass auch der Sheriff verwirrt zu sein schien.

„Ja, das hat sie gesagt, und noch eine ganze Menge anderer Dinge – irgendetwas über die unergründlichen Wege des Schicksals und so. Ich frage mich … kann es sein, dass die alte Dame ein Alkoholproblem hat?“

Lautes Lachen erklang am anderen Ende der Leitung. „Nein, aber sie liebt es, Menschen miteinander zu verkuppeln. Sagen Sie mal, Mr. Jerric, kann es sein, dass eine junge attraktive Frau bei Ihnen zu Gast ist?“

Roth dachte an Hannah, an ihren schlanken Körper und ihr dunkelblondes Haar. Er musste an ihre außergewöhnlichen graugrünen Augen denken und daran, wie sie ihm zum ersten Mal aufgefallen waren. Es geschah im Aufzug, als sie sich zufällig trafen. Die ungewöhnliche Schönheit ihrer Augen berührte ihn so tief, dass er aus seinen Gedanken gerissen wurde. Das passierte ihm eigentlich nie, deshalb hatte er es auch nicht vergessen. Und er erinnerte sich an ihr Lächeln – es war berückend. Immer, wenn sie lächelte, hatte er das Gefühl, in ihre Seele blicken zu können.

Heute hatte sie nicht gelächelt. Im Gegenteil. Doch trotz ihrer feindseligen Haltung fand er sie ausgesprochen anziehend. „Allerdings.“

„Ah.“

„Was wollen Sie damit sagen?“

„Dass Joan Peterson wieder jemanden verkuppeln will“, sagte er. „Sie hat mich unter dem Vorwand angerufen, dass jemand auf dem Grundstück herumstreunen würde. Ich sollte sofort zu ihr kommen. Leider wurde ich auf dem Weg aufgehalten. Ein junges Pärchen ist mit seinem Pick-up vom Weg abgekommen. Kein Wunder, wenn man bedenkt, dass sie sich bei hundert Stundenkilometern heiß geküsst haben. Sie hatten verdammtes Glück, dass sie angeschnallt waren und der Graben, in dem sie gelandet sind, nicht besonders tief war.“

Ein paar Sekunden lang herrschte Schweigen am anderen Ende der Leitung. „Bitte, sagen Sie ihr doch, ich hätte dienstlich zu tun gehabt, und dass mir die Sache mit dem blauen Mond leidtut.“

„Okay.“ Das Letzte hatte Roth nicht ganz verstanden. „Was ist mit dem blauen …“

Aber es war zu spät, der Sheriff hatte bereits aufgehängt. „Sind hier eigentlich alle verrückt geworden?“, fragte Roth in den leeren Raum hinein.

Er kam hinter der Rezeption hervor und blickte den Flur hinab, in den Joan Peterson verschwunden war. Plötzlich wurde er wütend. Er war in den verdammten Gasthof gekommen, um neue Kraft und Zuversicht zu schöpfen. Bis jetzt war es ihm aber nur gelungen, den Zorn aller versammelten Damen auf sich zu ziehen.

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