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Schattenwolken

Dietfried Zink

Schattenwolken

Novelle in drei Teilen

ein Buch für

Schüler,

Lehrer

und für solche,

die ihre eigene Jugend nicht

ganz vergessen haben.

Inhaltsverzeichnis

1. Teil Der Krankenbesuch

Der Abend

Der Morgen

2. Teil Die dunklen Sonnentage

Die Vorbereitungen

Der erste Tag

Der zweite Tag

Der dritte Tag

Der vierte Tag

Der fünfte Tag

3. Teil Das Nachspiel

Der Vorabend des ersten Schultags

Der erste Tag des neuen Schuljahres

Anstatt eines Vorwortes:

Wer sich an seine eigene Kindheit nicht mehr deutlich erinnert, ist ein schlechter Erzieher

Marie von Ebner-Eschenbach

Der Abend

Es war Abend, kein Abend wie alle anderen zuvor. Dieser Herbstabend mit einem leichten Flügelschlag des Sommers war breit gefächert in seiner Spannweite. Es roch nach Herbstlaub und reifen Früchten, und der Abend fiel wie ein verdunkelnder Schattenschirm in die untergehende Sonne ein. Die Grenze zwischen hell und dunkel war rasch überwunden. Etwas Beunruhigendes hatte der Abend mit sich gebracht, so als wolle er mir die bevorstehende Nachtruhe rauben. Auch an meinem Schreibtisch konnte ich keine Ruhe finden. War ich doch etliche Male in meinem Arbeitszimmer auf- und abgegangen. Aus meinem Arbeitszimmer trat ich auf den Balkon hinaus. Eine milde Herbstluft umspielte mich. Ich genoss es, mit aufgestützten Armen auf dem Balkongeländer in den Sternenhimmel zu sehen. Da waren so viele Sterne in den Himmel geschrieben, unbekannte Zeichen und Sternbilder, die auf etwas hindeuten wollen, auf etwas Geheimnisvolles, das für uns Menschen unergründlich ist. Jemand hatte eine unentzifferbare Lichterkette angezündet, die jedoch für den einen oder anderen etwas aussagt; ein Weg wurde vorgezeigt, der irgendwohin, vielleicht auch ins Nichts führt. Wohin sollte ein Weg führen, wenn die verlockende Leuchtkraft da ist?

Eigentlich hätte ich an meinem Schreibtisch sitzen müssen und die Stoffverteilungspläne für das neue Schuljahr schreiben sollen, aber etwas in mir hielt mich davon ab, und es war nicht nur der sternenübersäte Nachthimmel, sondern es war ein Erlebnis, das mich gefangen hielt und daran hinderte, beruflichen Pflichten nachzugehen.

Dann schrillte das Telefon. Ich nahm den Hörer ab und konnte mir nicht vorstellen, wer noch zu dieser späten Stunde anriefe: „Entschuldigen Sie die späte Störung, ich bin Frau Stirner, die Mutter ihres Schülers Egon Stirner. Wie Sie ja wissen, liegt mein Sohn im „Sigmund-Freud - Krankenhaus“, und wir hoffen, dass er sich hier in guten Händen befindet. Er ist leider nur selten für kurze Zeit ansprechbar. Ich möchte Sie bitten, wenn es Ihre Zeit erlaubt, ihn zu besuchen. Es würde ihm bestimmt helfen.“

„Ja, natürlich werde ich Ihrer Bitte nachkommen. Ich hätte auch ohne diese Aufforderung dem kleinen Egon einen Krankenbesuch abgestattet.“

Nach diesem Anruf war an Schlaf nicht mehr zu denken. Ich wälzte mich im Bett hin und her und konnte nicht einschlafen. Die ganze Zeit musste ich an unser gemeinsames Erlebnis im Schullandheim denken und an die Konsequenzen, die sich für den kleinen Egon daraus ergeben hatten. Ich wollte ergründen, welche Fehler mir unterlaufen waren, als ich dieses Schullandheim leitete, das dem kleinen Egon irgendwie zum Verhängnis wurde. Alles in allem war mir bewusst, dass ich nur einer inneren Stimme folgte, als ich mich zum vorgesehenen, planmäßigen Ablauf der fünf Schullandheimtage entschieden hatte. Aber die Frage ist die: Habe ich richtig gehandelt, habe ich alles getan, um mich selbst von jeglicher Schuld freizusprechen, habe ich auf die unvorhersehbaren Ereignisse, die unser Schullandheim bedrohten, richtig reagiert, habe ich die Gefahr richtig eingeschätzt und versucht, diese von uns abzuwenden? So viele Möglichkeiten des alternativen Handelns in dieser Situation gab es ja gar nicht. Ich glaube schon, dass ich im Sinne des Schutzes der Gemeinschaft gehandelt hatte, ohne die Geschehnisse heraufbeschworen zu haben, obwohl ich viele Hinweise auf bevorstehende Ereignisse, verworrene Andeutungen sowie ungenaue Äußerungen eines Schülers unberücksichtigt gelassen hatte. Wie konnte ich auch diesen vagen Aussagen Beachtung schenken, die - wie ich annahm eines Realitätsbezugs entbehrten.

Ich schreibe hier über das Ende einer selbst erlebten Geschichte, die sich wie eine erfundene Geschichte anhört. Das Ende ist aber immer schwieriger als der Anfang, schon deshalb, weil sich am Anfang immer etwas zusammenbraut, weil sich etwas rein zufällig zusammenfügt, so wie wenn eine unsichtbare Hand Mikado - Holzstäbchen aus der geballten Faust der Umklammerung loslässt und diese Stäbchen auseinanderfallen und sich sternförmig in Abständen, Überlagerungen und Querstellungen anordnen. Dieses ist die Ausgangssituation, aus der heraus sich das Spiel entwickelt. Das Ende hingegen ist geprüfter, sorgenvoller und von Freude und Überraschung, Ärger oder gar Zweifeln ausgefüllt. Nicht so, dass ein Ende nicht auch einer schicksalhaften Bestimmung unterliege, aber für die Beteiligten, für die Mitspieler ist der Ausgang in Frage gestellt. Das Ende hat viel mehr Gewicht als der Anfang und lässt den Wunsch aufkommen, wieder zum Anfang zurückzukehren oder diesen gar ungeschehen zu machen. Verständlicherweise verwünscht man den Anfang nur dann, wenn er sich zu einem folgenschweren Ende entwickelt hat, wie das Aufkommen eines leichten Windstoßes, der nachher zu einem Wirbelsturm oder gar zu einem Orkan anwächst.

Der Morgen

Der Morgen war eine Mischung aus Unausgeruhtsein, schlechtem Beigeschmack und Erlöstsein zugleich. Wie gut, dass ich am Abend vergessen hatte, den Rollladen herabzulassen, so konnte ich im Fenster das Tageslicht wie auf einer Mattscheibe erkennen, und ein gebrochener Sonnenstrahl fiel als gelber Einzelstrich auf mein Kissen. Vielleicht hätte ein Maler dieses Bild als modernes Bild in einer Ausstellung zeigen können unter dem Titel „Der verirrte Sonnenstrahl.“ Ich hatte schon immer Schwierigkeiten, so rasch aus dem Schlaf in den Wachzustand überzugehen, das heißt, aus dem Zustand der Nachtruhe in den neu angebrochenen Tag einzusteigen. Auf alle Fälle ging das nicht so nahtlos, ohne dabei auch Hilfsmittel anzuwenden. Eines dieser Hilfsmittel war eine Tasse starken Kaffees. Und damit sah der neue Tag wirklich etwas freundlicher aus.

Und natürlich waren mit dem Morgen auch die Alltagssorgen wieder da, die mich wie mit einer Zange umklammert hielten. Es war ein Samstag, ein schulfreier Tag, aber mein Vorhaben war sogar auf dem Terminkalender vermerkt: „Krankenbesuch bei Egon Stirner in der Klinik.“

Ich setzte mich in mein Auto und fuhr zur Sigmund-Freud - Klinik. Die Anlage stand auf einer kleinen Anhöhe, auf einem großen Plateau und war von einer gepflegten Parkanlage umgeben. Der Gebäudekomplex hatte das Aussehen einer Festung, die für den Besucher uneinnehmbar schien und umgekehrt den Eindruck erweckte, dass sich der dort eingelieferte Patient eines auserwählten Schutzes erfreuen durfte. Die Festung strahlte Ruhe, Geborgenheit und Frieden aus. Nach der Einfahrt fuhr man noch eine Allee entlang, die aufrecht gewachsene Pappeln säumten, die wie schlanke, in die Höhe gezogene Riesensoldaten aussahen. Vom Parkplatz führte dann rechter Hand ein von Ziersträuchern eingefasster Fußweg zum Hauptportal der Klinik. In Gedanken versuchte ich mir ein Gespräch zurechtzulegen, das ich unter Umständen mit dem kleinen Egon zu führen gedachte. Da plötzlich sprang eine Person aus dem Gebüsch hervor und versperrte mir den Weg. Ich erschrak, wich ruckartig zurück, stand reglos da und wartete ab, was nun dieser Mann im bordeauxroten Morgenmantel als Nächstes tun werde. Dieser pflanzte sich selbstbewusst mit Siegesmiene einen Meter weit vor mir auf und fragte mich: „Weißt du, wer ich bin?“ Ich verneinte durch Kopfschütteln. „Wieso kennst du mich denn nicht? Alle kennen mich, alle wissen, wer ich bin. Ich bin nämlich Johann Wolfgang von Goethe.“ „Aha“, sagte ich, „dann weiß ich, wer du bist. Ich wusste nur nicht, dass du da bist.“ „Ja, das hättest du nicht vermutet, dass ich in einer psychiatrischen Klinik bin. Ich bin ja auch nicht freiwillig hier. Sie haben mich eingeliefert, weil sie glauben, ich sei krank. Bin ich aber nicht.“

Ich konnte beim besten Willen nicht feststellen, was es mit einer Ähnlichkeit mit Goethe auf sich habe, außer dass dieser Mann schütteres weißes Haar und eine hohe Stirn hatte. Er machte einen Schritt auf mich zu, und ich wich instinktiv einen Schritt zurück. „Stell dir vor“, sagte er, „sie haben mir meine Ulrike von Levetzow geraubt, gerade als ich ihr meine sechs Gedichte zeigen wollte, die ich ihr in Marienbad geschrieben und gewidmet habe.“ Er machte dabei ein ganz trauriges, altes Gesicht. „Ja“, sagte ich, „das ist schon nicht in Ordnung, man müsste der Sache auf den Grund gehen.“ Dann nestelte er an der Seitentasche des Morgenmantels herum und holte eine mit Gummiband gebundene Papierrolle hervor, die er mir zeigen wollte. Aber er zog sie rasch zurück, als ich diese entgegennehmen wollte, um die Gedichte zu lesen. „Nein“, und er lachte ein zynisches Lachen, „nein, nein diese gebe ich dir nicht, du willst sie mir wegnehmen.“ An seinem Lachen merkte ich, dass dieser Mensch vom Normalen abwich. Es war ein krankhaftes Lachen, das eigentlich nur in seine eigene konstruierte Welt eines Persönlichkeitswahns passte. Er drehte sich brüsk um, und mit einem Satz verschwand er hinter den Büschen.

Dieses also war eine andere Welt, der wir -Gott sei Danknicht angehörten. Was nur spielte sich im Bewusstsein dieser Menschen ab, was für Gründe müssen vorliegen, um Menschen in diese Welt zu bringen, um Menschen aus unserer normalen Welt zu vertreiben? Und wie schmal ist dieser Grat zwischen diesen beiden Welten, der normalen und der abnormalen. Vielleicht aber auch bezeichnen die Kranken unsere Welt als eine unwirkliche Welt, in die sie nicht mehr zurück wollen, weil sie unwirtlich und unmenschlich ist, voller Hass, und wo Terror die Peitsche knallen lässt.

Ist diese „unsere Welt“ eine „normale Welt“, sind diese Menschen hier, die eine Auseinandersetzung mit anderen Menschen suchen und durch Selbstmordattentate andere unschuldige Menschen in den Tod reißen, sind sie alle „normale Menschen?“ Diese dürften doch auch nicht zu unserer „normalen Welt“ gehören, aber auch die abnormale Welt braucht diese Menschen nicht. Wir wissen bald nicht mehr, wie wir die Menschen diesen beiden Welten zuordnen sollen. Ich weiß nicht, warum wir Menschen unentwegt denken müssen, ist nicht schon dieses grüblerische Nachdenken etwas Krankhaftes, warum nicht einfach meditieren, versuchen das Denken auszuschalten, frei sein vom Ballast der Gedanken, an nichts denken, sich auf den Weg der buddhistischen Erleuchtung machen mit den hochgestellten buddhistischen Forderungen.

Solche und ähnliche Gedanken gingen mir durch den Kopf, als ich mich bei der Anmeldung nach dem Patienten Egon Stirner erkundigte, der im Zimmer 207 untergebracht war.

Es gab im großen vierstöckigen Haupttrakt nur Dienst-Aufzüge. Für Patienten und Besucher kam nur das Treppenhaus in Frage. Das Zimmer 207 lag im zweiten Stockwerk und konnte bei geübtem Treppensteigen mit Leichtigkeit ohne zu keuchen erreicht werden. Ich hatte mich aber inzwischen eines anderen besonnen. Ich wollte, bevor ich noch mit dem kleinen Egon Verbindung aufnahm, mit dem behandelnden Arzt sprechen. Man sagte mir bei der Auskunft, dass Prof. Dr. Siegfried Klamer für diesen Fall „Egon Stirner“ zuständig sei. Ich fand ihn an seinem Schreibtisch sitzend, in seinem Arbeitszimmer, das ich durch höfliches Anklopfen nach einem deutlichen „Herein“ betrat. Er forderte mich auf, vor seinem Schreibtisch auf dem mir zugewiesenen Stuhl Platz zu nehmen. Erst jetzt konnte ich meinem Gegenüber so richtig in die Augen schauen, und dabei zuckte ich zusammen. Hier saß ja Nostradamus mit seinem lang gezogenen Gesicht, der langen spitzen Nase, dem weißgrauen Vollbart und dem gepflegt hinunter hängenden Schnurrbart, mit seinen geschwungenen Lippen, dem Lippenbärtchen und seinem stechenden Blick, der mich durchbohrte. Am Kopf trug er zwar nicht die schwarze Sechskantmütze des 16. Jahrhunderts, dafür aber seine weiße Arztmütze. So saß er hier wie der Leibarzt von Karl IX., so als arbeite er eben an seinen „Centuries“. Ich konnte mich von dieser frappierenden Ähnlichkeit kaum erholen und musste ihn unbedingt darauf ansprechen, auch wenn er es mir unter Umständen übel genommen hätte. „Herr Prof. Klamer, ich möchte Ihnen nicht zu nahe treten, aber Sie weisen dem Aussehen nach große Ähnlichkeiten mit dem Arzt und Astrologen Nostradamus auf.“ Er lächelte etwas verlegen und antwortete: „Sie sind nicht der Erste, der diese Ähnlichkeit feststellt, diese haben auch meine Kollegen und sogar das Dienstpersonal der Klinik wahrgenommen, und für alle meine Kollegen bin ich der „Nostra.“ (Diesen Spitznamen hat mir meine auffallende Ähnlichkeit mit Nostradamus eingebracht.)“ Und irgendwie war ich dann doch beruhigt, dass ich Dr. Klamer durch meine Bemerkung, (die auf die Ähnlichkeit mit dem großen Astrologen zielte,) nicht verletzt hatte. Mir schien erst recht, dass er diese Ähnlichkeit mit Nostradamus bewusst angenommen hatte, vielleicht sehr überzeugend in diese Rolle geschlüpft war und sich im Licht dieser anerkannten Persönlichkeit badete. Und ich dachte so insgeheim: Sieh mal an, hier in dieser Klinik wimmelt es von Persönlichkeiten, egal ob Patienten oder Ärzte, zuerst Goethe, dann Nostradamus, und wenn ich weiter forschen sollte, würde ich noch etliche Persönlichkeiten aufspüren. Und dadurch fand ich meinen Gedanken, den ich vor Betreten dieses Arztzimmers hatte, bestätigt. Diese Klinik stellt eine andere Welt dar. (Sie ist anders als unsere „normale Welt.“) Es ist eine scheinbar normale Welt, eine abgekapselte Welt, deren Leben sich in einer Nussschale abspielt, eine von der großen Welt abgenabelte Welt, die ihre eigenen Anschauungen, eine eigene Lebensweise und vielleicht auch ihre eigenen Gesetze hat, zu der wir „gesunde Menschen“ keinen Zugang haben.

„Herr Klamer, da ist mir ein Patient aus dem Gebüsch in den Weg gesprungen. Ist es da für die Besucher nicht gefährlich, wenn sie sich solchen Anmachen ausgesetzt sehen, kann da nicht der eine oder andere gar handgreiflich werden? Ich meine, der Vorfall war für mich interessant und vielleicht auch aufschlussreich, aber ob wohl alle so darüber denken, glaube ich nicht. Der Kranke gab sich für Goethe aus.“

„Ach ja“, sagte der Professor unberührt, „das ist ja unser Dichter, der fügt niemandem ein Leid zu. Der ist jetzt nur auf uns böse, weil wir ihm seine Ulrike weggenommen haben. Die Krankenschwester heißt tatsächlich Ulrike, war aber nur vorübergehend bei uns in Ausbildung und machte ihr Praktikum hier. Sie musste aber zurück zu ihrem Medizinstudium. Ja, aber Sie sind sicher nicht gekommen, um mit mir über berühmte Persönlichkeiten zu sprechen, sondern haben bestimmt ein anderes Anliegen.“ Damit wollte er mir zu verstehen geben, dass er dieses einleitende Gespräch mit informativem Charakter für beendet hielt und dass ich mich nun dem eigentlichen Grund meines Erscheinens zuwenden solle.

„Selbstverständlich, ich bin eines anderen Falles wegen hier, den Sie, Herr Professor, auch betreuen. Egon Stirner ist mein Schüler und ist vor ein paar Tagen hier auf die Station B eingeliefert worden, und ich möchte, bevor ich ihn besuche, mit Ihnen über Ihren kleinen Patienten sprechen.“

„Da gibt es leider nicht viel zu sagen. Seit Mon-tag ist er bei uns und befindet sich nach einem Ohnmachtsanfall in einem Zustand der Katalepsie, der ganz selten, nur ab und zu von Äußerungen unterbrochen wird, in denen er sich dann an seine Umwelt wendet. Sonst hat er dieses Symptom totaler Ablehnung von außen her kommender Einflüsse. Irgendein Vorfall, ein Erlebnis muss bei ihm einen Schock ausgelöst haben, der dann zu diesem Zustand des Zurückweisens und der Nahrungsverweigerung führte. Vielleicht würden wir mit unserer Therapie einen entscheidenden Schritt vorankommen, wenn Sie uns über die dem Ohnmachtsanfall vorausgegangenen Ereignisse berichten.“

„Ja, ich möchte gerne dieser Aufforderung nachkommen, aber zuerst muss ich den Krankenbesuch bei Egon machen.“

Zimmer 207. Ich klopfte leise an der Tür an. Und richtig. Ich erhielt eine Aufforderung „Herein.“ Es war eine Krankenschwester, die sich am Flaschenwechsel des Tropfes, an dem Egon hing, zu schaffen machte. Zunächst war ich überrascht, wie einfach und wie nüchtern dieses Krankenzimmer eingerichtet war. Ganz und gar nicht wie man das in den Krankenhaus-Serienfilmen sieht, wo der Patient an vielen Schläuchen angeschlossen ist und mit mehreren modernen Geräten und einer ganzen Apparatur in Verbindung steht. Rein gar nichts war davon zu sehen, nur Egon mit seinem schmalen, bleichen Gesicht in den weiß bezogenen Kissen liegend, wobei seine linke Hand einen Plastikschlauch zeigte, der die Verbindung zum Tropf herstellte. Sein Kopf lag zur Seite gekehrt, und seine Augen waren geschlossen. Er schien zu schlafen, aber die Schwester ermutigte mich und sagte, ich solle ruhig auf ihn einreden, vielleicht erkenne er meine Stimme und öffne dann die Augen. „Vielleicht haben wir Glück, und er gibt wieder ein Lebenszeichen von sich. Er befindet sich in einem Wachzustand, ohne Reaktionen zu zeigen“, meinte die Krankenschwester.

Ich trat an sein Bett und nahm seine kleine zarte Hand in meine beiden Hände und sprach mit ihm:

„Hörst du mich, kleiner Egon, ich bin dein Klassenlehrer. Ich möchte, dass du das weißt, dass alle deine Mitschüler dich lieben und nach dir fragen. Sie lassen dich schön grüßen und wünschen dir gute Besserung, sie wollen, dass du bald wieder in unserer Mitte bist. Wir möchten wieder mit dir zusammen sein, mit dir nicht nur lernen, sondern auch gemeinsam Spiele austragen und unseren Spaß haben.“

Ich hatte den Eindruck, dass ich einfach nur so daher redete, als ob ein Tonband liefe und ich in das Mikrophon zurechtgelegte Aussagesätze nicht sehr geistreich aneinander reihte, nur um ein Pflichtinterview zu geben. Der Grundgedanke wiederholte sich in immer gleichen Formulierungen.

„Nicht aufgeben, nicht unterbrechen“, sagte die Schwester. „Erst wenn er wirklich ein Wort hört, das ihm wichtig scheint, erst dann reagiert er.“ Sie fügte noch ein „vielleicht“ hinzu. Und ich setzte mein monotones, leeres Gerede fort.

„Wir wollen, dass du wieder gesund unter uns weilst, so als wärst du überhaupt nicht weg gewesen.“ Ich nahm zwei Orangen aus der Jackentasche, die ich dem kleinen Egon mitgebracht hatte, weil es seine Lieblingsfrüchte waren und legte sie auf das weiße Nachtkästchen, das eine aufklappbare Tischplatte als Verlängerung hatte. Und zu Egon gewandt, nahe an seinem linken Ohr sagte ich: „Ich habe dir Orangen mitgebracht, die dir so gut schmecken, die hast du doch im Schullandheim in großen Mengen verzehrt.“ In diesem Augenblick schlug er die Augen auf und zwar nicht beim Wort „Orangen“ sondern beim Wort „Schullandheim.“ Er sah mich mit seinen großen dunklen Augen an. Und ich fragte ihn: „Weißt du, wer ich bin?“ Er reagierte nicht. Und ich fuhr fort: „Ich bin dein Klassenlehrer, mit dem du im Schullandheim warst.“ Und als ich dieses sagte, leuchteten seine Augen auf. Es gab ein kurzes Aufflackern seines Blickes, der danach wieder starr wurde. Es war nichts zu machen, sein Zustand blieb nach wie vor unverändert. Und ich dachte bei mir, er brauche Zeit, um wieder zu genesen, bekanntlich heilt ja die Zeit alle Wunden.

Irgendwie traurig, so wenig oder fast gar nichts mit meinem Besuch bei Egon bewirkt zu haben, ging ich zu Professor Klamer, der neugierig war, wie der kleine Patient auf mein Erscheinen reagiert habe. Der Professor wiederholte seine Aussage:

„Vielleicht kommen wir weiter, wenn Sie uns, das heißt mir, über dieses fragwürdige Erlebnis etwas sagen, das bei Egons Ohnmachtsanfall eine ausschlaggebende Rolle gespielt hatte.“

Ich rückte meinen Stuhl näher an den Schreibtisch des Professors heran und begann die Geschichte vom Schullandheim zu erzählen.

2. Teil

Die dunklen Sonnentage

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