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Schattenturm

Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Über dieses Buch
  4. Über die Autorin
  5. Titel
  6. Impressum
  7. Widmung
  8. Zitat
  9. Prolog
  10. Staatsgefängnis Ely, Nevada
  11. 1. Waterford, Irland
  12. 2. Stinger’s Creek
  13. 3. Kapitel
  14. 4. Stinger’s Creek
  15. 6. Stinger’s Creek
  16. 7. Kapitel
  17. 8. Stinger’s Creek,
  18. 9. Kapitel
  19. 10. Stinger’s Creek
  20. 11. Kapitel
  21. 12. Stinger’s Creek
  22. 13. Kapitel
  23. 14. Stinger’s Creek
  24. 15. Kapitel
  25. 16. Fronleichnam
  26. 17. Kapitel
  27. 18. Stinger’s Creek
  28. 19. Kapitel
  29. 20. Sherman
  30. 21. Kapitel
  31. 22. Denison
  32. 23. Kapitel
  33. 24. Stinger’s Creek
  34. 25. Kapitel
  35. 26. Stinger’s Creek
  36. 27. Kapitel
  37. 28. Stinger’s Creek
  38. 30. Stinger’s Creek
  39. 31. Kapitel
  40. Epilog
  41. Danksagungen

Über dieses Buch

Nach dem blutigen und tragischen Ende einer Routineuntersuchung quittiert Detective Joe Lucchesi seinen Dienst bei der New Yorker Polizei und zieht mit Frau und Sohn in einen ruhigen Ort an der Ostküste Irlands. Sie sind glücklich. Sie fühlen sich sicher. Und sie werden einen Albtraum erleben, der weit schlimmer ist als jener, den sie hinter sich gelassen haben. Denn Joe Lucchesi hat einen Feind, der alles daransetzt, die Familienidylle zu zerstören. Ein Feind, der von unbändigem Hass getrieben wird.  

Über die Autorin

Alex Barclay wurde 1974 in Dublin geboren und arbeitete als Journalistin für britische Frauenmagazine. Ihren lang gehegten Wunsch, vor dem Erreichen des dreißigsten Lebensjahres einen Thriller zu schreiben, konnte sie mit dem Roman »Schattenturm« verwirklichen. Alex Barclay gilt als eine der größten Entdeckungen im modernen Psychothriller. »Blutbeichte« ist ihr zweiter Roman. Sie ist verheiratet und lebt in der Nähe von Dublin.

Alex Barclay

Schattenturm

Thriller

Aus dem Englischen von
Karin Meddekis

Für Brian, meinen Helden

Meinen Eltern

Das Meer steigt, der Strom fällt aus, Liebespaare umarmen einander, Kinder klammern sich an uns. In dem Augenblick, da wir einander nicht mehr festhalten und unser gegenseitiges Vertrauen zerstören, verschlingt uns das Meer, und das Licht erlischt.

James Arthur Baldwin

Prolog

New York City

Seine Hände glitten fahrig über den schmalen Gürtel, als er ihn um die Taille des achtjährigen Mädchens legte. Donald Riggs zeigte auf das Kästchen am Gürtel.

»Das ist ein Pieper, Kleine, damit die Polizei dich findet«, sagte er. »Weil du nämlich gleich nach Hause darfst, wenn deine Mama ein braves Mädchen ist. Deine Mama ist doch ein braves Mädchen, Hayley?«

Hayleys Mundwinkel zuckten, doch sie brachte kein Wort hervor. Sie biss sich auf die Lippe, schaute mit ängstlichem Blick zu Riggs auf und nickte zögernd. Riggs lächelte und strich ihr übers dunkle Haar.

Der vierte Tag ohne ihre Tochter Hayley war der letzte Tag, an dem Elise Gray einen kaum erträglichen Schmerz aushalten musste. Wut stieg in ihr auf, und sie atmete tief durch. Elise machte sich bittere Vorwürfe, denn es war wohl eher die Schuld ihres Mannes als die des Fremden, der ihr das Kind weggenommen hatte. Gordon Grays Unternehmen war kürzlich an die Börse gegangen. Das hatte ihn zu einem sehr wohlhabenden Mann und zu einer bevorzugten Zielscheibe für Kidnapper gemacht.

Jetzt saß Elise vor ihrem Haus, am Steuer des BMW ihres Mannes, und wartete darauf, dass dieser Scheißkerl sie auf dem Handy anrief, das er mitsamt den Lösegeldforderungen zurückgelassen hatte. Doch es war ihr Mann Gordon, an den Elise denken musste. Die Versicherungsgesellschaft hatte dem Ehepaar geraten, den Tagesablauf zu ändern. Mein Gott, Gordon hatte ja keine Ahnung, was es hieß, Abwechslung in die alltägliche Routine zu bringen. Dieser Mann kochte sich Kaffee, machte sich einen Toast und legte sich dann einen Apfel, eine Banane und einen Pfirsichjoghurt fürs Frühstück zurecht – jeden Morgen in derselben Reihenfolge. Jeden Morgen.

Dein dummer Mann, dachte Elise. Dein dummer, dummer Mann und seine dummen Rituale. Kein Wunder, dass ihm draußen vor dem Haus jemand aufgelauert hatte. Natürlich bist du schließlich aufgetaucht, weil du jeden Tag zur selben Zeit auftauchst, um Hayley von der Schule abzuholen. Keine Umwege, keine Stopps, um irgendwo Süßigkeiten zu kaufen, jeden Tag pünktlich auf die Minute.

Verzweifelt schlug sie die Stirn gegen das Lenkrad, als plötzlich das Handy auf dem Beifahrersitz klingelte. Als Elise die Taste suchte, um die Verbindung herzustellen, wurde ihr klar, dass das Handy die Melodie der Sesamstraße spielte.

Dieser kranke Scheißkerl hatte tatsächlich die Melodie der Sesamstraße aufgespielt.

»Fahr los, Miststück«, sagte er bedächtig.

»Und wohin?«

»Dahin, wo du deine Tochter zurückbekommst, wenn du dich anständig benommen hast.« Der Mann unterbrach die Verbindung.

Elise Gray ließ den Motor an und fädelte den BMW in den Verkehr ein. Ihr Herz klopfte laut. Das Kabel des Abhörgeräts scheuerte an ihrem verschwitzten Rücken. Indem sie die Polizei eingeschaltet hatte, würde sie dieser Sache ein anderes Ende bereiten, als dieser Hurensohn erwartete. Elise wusste nur nicht, ob es das Ende war, das sie sich erhoffte.

Detective Joe Lucchesi saß auf dem Fahrersitz des Streifenwagens und beobachtete. Zum wiederholten Mal fragte er sich, ob Elise Gray die Nerven hatte, die Anspannung, dass sie verkabelt war, bis zum Ende durchzustehen. Zumal niemand sagen konnte, wohin der Kidnapper sie bestellen und wie Elise reagieren würde, wenn sie es nicht bloß am Handy, sondern leibhaftig mit dem Kerl zu tun bekam.

Auf dem Beifahrersitz saß Detective Danny Markey, mit dem Joe seit fünf Jahren als Partner zusammenarbeitete. Alles an Danny war blass – seine Haut, seine Sommersprossen, sogar seine blauen Augen.

»Gehst du hin, wenn Old Nic nächsten Monat seinen Ausstand gibt?«, fragte Danny. Victor »Nic« Nicotero hatte sein Leben lang bei der Verkehrspolizei gearbeitet und ging in einem Monat in den Ruhestand.

Joe schüttelte den Kopf und atmete tief ein, um den Schmerz zu bekämpfen, der in seinen Schläfen hämmerte. »Ach ja, das hatte ich ganz vergessen«, sagte Danny. »An dem Tag sind deine Schwiegereltern aus Paris da, nicht wahr?« Er lachte. »Ein sechsstündiges Essen mit Leuten, die du nicht verstehst.«

Joe erwiderte nichts. Sein Blick ruhte auf Elise Grays Wagen, der sich jetzt in Bewegung setzte. Joe kämpfte gegen den Schmerz an, der in seinen Schläfen hämmerte, griff in die Ablage an der Fahrertür und nahm das Aspirin sowie die Pillen mit der abschwellenden Wirkung heraus. Er schluckte jeweils zwei Tabletten mit dem blauen Energy-Drink herunter, der in der Sonne lauwarm geworden war. Dann ließ er den Motor an und scherte hinter Elise Grays BMW aus.

Drei Fahrzeuge hinter ihnen folgte ein marineblauer Crown Vic mit den FBI-Agenten Maller und Holmes.

Elise fuhr ziellos durch die Stadt. Auf der Suche nach Hayley ließ sie den Blick über die Bürgersteige schweifen, als würde ihre Tochter an irgendeiner Ecke stehen und darauf warten, in den Wagen springen zu können.

Wieder erklang die Melodie aus der Sesamstraße. Elise drückte sich das Handy ans Ohr.

»Ja?«

»Wo bist du jetzt, Mutti?« Die ruhige Stimme des Mannes jagte Elise einen kalten Schauer über den Rücken.

»Ecke Zweite Avenue und Dreiundsechzigste.«

»Dann fährst du jetzt Richtung Süden, biegst links auf die Neunundfünfzigste ab und fährst über die Brücke.«

»Links auf die Neunundfünfzigste und über die Brücke«, sagte Elise. »Ist gut.«

»Braves Mädchen.« Der Mann unterbrach die Verbindung.

Elises BMW, gefolgt von den zwei Polizeiwagen, fuhr über die Brücke zum Northern Boulevard East – das Schicksal eines jeden, der Donald Riggs in die Hände fiel.

Er rief Elise ein letztes Mal an. »Bieg links auf den Francis Lewis Boulevard ein«, sagte er, »dann auf die Neunundzwanzigste. Ich sehe dich dann schon. Und immer schön allein bleiben, kapiert?«

Elise bestätigte.

Joe und Danny, die mitgehört hatten, schauten sich an.

»Bowne Park«, sagte Joe und rief übers Handy den Chef der Sonderkommission an, Lieutenant Crane. »Sieht so aus, als würde er das Mädchen im Bowne Park absetzen. Kannst du ein paar Kollegen aus dem hundertneunten Distrikt hinschicken?«

Donald Riggs fuhr zügig; sein Blick glitt über die Straßen und die Menschen, während seine linke Hand über die rauen Narben auf seiner Wange strich, die mittlerweile verblasst waren und sich nur noch als helle Flecken von der gebräunten Haut abhoben. Die dunklen Augen weit aufgerissen, betrachtete er sich im Innenspiegel und strich mit den Fingern über die Rillen, die der breit gezinkte Kamm in sein mit Gel und Spray gestyltes Haar gezogen hatte. Im Nacken hatte er das Haar, das dicht über dem Hemdkragen endete, zur Mitte hin frisiert. Außerdem hatte er Aftershave aufgetragen und mit Zimtmundwasser gegurgelt.

Riggs nickte zufrieden und drehte sich zu dem Mädchen um, das hinten im Wagen unter einer stinkenden Decke auf dem Boden lag.

Es war 16.30 Uhr. In der Wache des zwanzigsten Distrikts, die Lieutenant Terry Crane leitete, saßen fünf Detectives, als Old Nic zur Tür schlurfte und sein ergrautes Haar glatt strich. Vielleicht reden sie gerade über meine Verabschiedung, überlegte Nic, kniff die grauen Augen zusammen und lauschte den leisen Stimmen, die aus dem Büro drangen.

Wenn diese Kerle ihm zur Pensionierung eine Stiluhr schenkten, würde er sie umbringen. Eine schicke Armbanduhr wäre ja noch okay; noch besser würde es Nic allerdings gefallen, wenn Joe Lucchesi seine Andeutungen aufgeschnappt und weitererzählt hätte: Old Nic hatte vor, seine Memoiren zu schreiben, und zwar mit einem teuren Kugelschreiber aus Silber.

Als Nic nun seine knöcherne Schulter gegen die Tür drückte, verrutschte die Dienstmütze auf seinem schmalen Kopf. Er hörte, wie Crane die Detectives instruierte.

»… haben soeben erfahren, dass der Täter in Richtung Bowne Park in Queens fährt, haben aber noch keine Informationen über die Identität des Mannes. Unsere Befragungen in der Gegend haben nichts ergeben, und am Tatort wurde nichts Aufschlussreiches gefunden. Der Kerl ist aus dem Wagen gesprungen, hat sich das Mädchen geschnappt und ist davongerast. Wir wissen nicht einmal, was für einen Wagen er gefahren hat. Der Vater des Mädchens hielt sich in der Eingangshalle seines Hauses auf, als es passierte, und hat nur noch das Kreischen der Reifen gehört. Auch die Untersuchung des Pakets, das der Bursche am nächsten Tag abgeliefert hat, hat nichts ergeben. Die Jungs im Labor haben bloß ein paar Fasern von der Kassette gefunden. Keine Fingerabdrücke, kein nichts.«

Old Nic öffnete die Tür und steckte den Kopf ins Zimmer. »Wo wurde das Mädchen entführt?«

»An der Ecke Zweiundsiebzigste und Central Park West«, sagte Crane.

»Wenn der Kerl jetzt zum Bowne Park unterwegs ist«, sagte Nic, »dürfte ihm die Gegend vertraut sein. Ich war früher im siebzehnten Distrikt. An der Ecke Zweiundvierzigste und Zweite ist eine Radarfalle. Falls der Hurensohn eine rote Ampel überfahren hat, haben wir vielleicht ein Foto von ihm. Ich würde es überprüfen lassen.«

»Vergesst die Stiluhr, Jungs«, sagte Crane grinsend. »Ein guter Tipp, Nic.« Old Nic hob eine Hand und schlurfte davon.

»Der alte Knabe ist unbezahlbar«, sagte Crane, bevor er bei der Verkehrspolizei anrief.

Dreißig Minuten später hatte er fünf Treffer, drei mit Vorstrafen, davon eine wegen versuchter Entführung.

Joe Lucchesi spürte die angenehme Linderung im Kiefer, als die Wirkung der Medikamente einsetzte. Er öffnete den Mund und schloss ihn wieder. In seinen Ohren knackte es. Er atmete durch die Nase ein und langsam durch den Mund wieder aus. Vor sechs Jahren hatte diese Sache angefangen. Seitdem wurde es immer schlimmer. Er bekam Kopfschmerzen, Ohrensausen und dermaßen starke Schmerzen im Kiefer, dass er an manchen Tagen weder essen noch sprechen konnte. Und Fremde reagierten nicht gerade begeistert auf einen stummen Cop.

Hayley dachte an Die Schöne und das Biest. Alle hielten das Biest für böse, dabei war es richtig nett. Es gab der Schönen Suppe, und es spielte mit ihr im Schnee. Vielleicht war auch der Mann gar nicht so böse. Vielleicht stellte sich ja heraus, dass er so nett war wie das Biest.

Der Wagen blieb stehen. Hayley war kalt.

Plötzlich hörte sie ihre Mama schreien.

»Hayley! Hayley!« Dann: »Wo ist meine Tochter? Sie haben Ihr Geld bekommen. Geben Sie mir meine Tochter zurück, Sie Scheißkerl!«

Mama hörte sich schrecklich wütend an. Hayley hatte sie noch nie so schreien oder so böse Worte sagen hören. Sie schlug gegen das Fenster. Plötzlich fuhr der Wagen weiter, diesmal sehr schnell, und Sekunden später konnte Hayley ihre Mutter nicht mehr hören.

Donald Riggs riss den Rucksack auf und strich mit der rechten Hand über die sorgfältig gebündelten Banknoten.

Joe ergriff das Funkgerät, um das Kennzeichen des Chevy Impala durchzugeben, der sich von Elise Gray entfernte. »Morddezernat Nord an Zentrale.« Er wartete auf die Bestätigung, ehe er die Nummer durchgab. »Adam David Larry, vier-acht-fünf-sechs. Ein Chevy Impala, 84er oder 85er Baujahr.«

Joe und Danny waren über Citywide One, einen Funkkanal, mit den FBI-Leuten Maller und Holmes sowie mit den Detectives des 109. Distrikts verbunden. Joe sprach schnell und deutlich. »Der Kerl hat das Geld, hat aber nicht gesagt, wo er das Mädchen freilässt. Wir müssen uns gedulden. Schließlich wissen wir nicht, wo er die Kleine versteckt hält. Alle sollen sich bereithalten.«

Danny sah ihn an und gab seinen üblichen Kommentar: »Und seine Stimme war wiederhergestellt, und die Freude war groß.«

Nachdem Donald Riggs die Neunundzwanzigste Avenue etwa fünfzig Meter weit gefahren war, stoppte er, drehte sich um und hob die schmuddelige Decke von dem Mädchen.

»Hau ab. Na los!«

Hayley zog sich am Sitz hoch. »Danke«, sagte sie leise. »Ich wusste, dass Sie ein netter Mann sind.«

Sie öffnete die Tür, stieg aus und schaute sich um, bis sie ihre Mutter sah. Dann rannte sie zu ihr, so schnell ihre kurzen Beine sie trugen.

Joe und Danny waren jetzt hinter Riggs; die Agenten Maller und Holmes folgten im Wagen hinter ihnen. Danny hatte das Funkgerät übernommen und wartete darauf, dass die Einsatzleitung ihm den Namen des Fahrzeughalters durchsagte. Joe saß verkrampft am Steuer. Er hatte jenes ungute Gefühl, das einen befällt, wenn plötzlich Stille einsetzt und alles scheinbar problemlos über die Bühne geht. Aber sie hatten es hier mit einem unberechenbaren Irren zu tun.

Joe schaute Danny an. »Warum sollte er das Mädchen ohne einen Kratzer seiner Mutter zurückgeben?« Er schüttelte den Kopf. »Das läuft mir alles zu einfach. Da stimmt was nicht.«

Er trat auf die Bremse, streckte einen Arm aus dem Fenster und winkte den Crown Vic vorbei. Agent Maller nickte kurz und fuhr rechts an Joe und Danny vorbei, ohne den Wagen vor ihm aus den Augen zu lassen.

Joe drehte sich um und sah Mutter und Tochter auf dem Bürgersteig. Er stieg aus und nahm sein Handy vom Armaturenbrett, als ein Anruf kam. Es war Crane.

»Wir haben den Kerl. Riggs, Donald, männlich, weiß. Vierunddreißig Jahre. Geboren in einem Kaff in Texas. Saß wegen kleinerer Diebstähle, Betrügereien und Scheckbetrug. Außerdem wurde er schon mal am Tatort einer Entführung geschnappt.« Crane zögerte. »Und du solltest wissen, dass er 97 wegen C4 in Nevada gesessen hat. Der Typ spielt gern mit Sprengstoff.«

Joe ließ das Handy sinken. Das Herz drohte ihm zu zerspringen.

»Die Sondereinsatztruppe und die Experten für Geiselverhandlungen stehen bereit …«, sagte Crane, doch niemand hörte ihm mehr zu.

Joe rannte los.

Donald Riggs hatte die Ecke Hundertvierundfünfzigste Straße erreicht. Er wippte auf dem Fahrersitz vor und zurück, während seine kräftigen Finger das Lenkrad umklammerten und sein Blick wachsam umherschweifte, ohne dass er etwas Ungewöhnliches bemerkte. Doch plötzlich war seine Aufmerksamkeit geweckt. Hinter ihm fuhr ein schwarzer Ford Taurus auf den Bordstein, und ein dunkelblauer Crown Vic überholte den Ford. Sofort schrillten in Riggs’ Innerem sämtliche Alarmklingeln. Er fuhr weiter, atmete flach und verringerte die Geschwindigkeit, bis er an der nächsten Ecke hielt. Das jäh einsetzende hektische Treiben ließ seine Anspannung weiter wachsen. Riggs sah, wie am Eingang des Parks zwei Männer aus dem Lieferwagen eines Paketdienstes stiegen. Sie eilten zur Rückseite des Wagens und rissen die Türen auf. Zwei Männer sprangen heraus. Im Innenspiegel beobachtete Riggs, dass nun auch der dunkelblaue Crown Vic wieder in sein Blickfeld rückte und mit einem riskanten Manöver auf die falsche Fahrspur wechselte.

Riggs rutschte auf den Beifahrersitz, riss den Rucksack an sich, stieß die Tür auf, sprang aus dem Wagen und rannte in Richtung Park. Als Maller und Holmes Sekunden später mit kreischenden Reifen hielten, umstellten die vier FBI-Agenten in den Uniformen des Paketdienstes Riggs’ Wagen.

»Los, los, los!«, brüllte Maller, als er sah, dass sie ein leeres Fahrzeug umstellt hatten. Die Männer stürmten in Richtung Park.

»Du hast meinen Pieper benutzt!«, rief Hayley begeistert und zeigte auf den Gürtel, der um ihre Taille lag, sowie auf das schwarze Kästchen mit dem blinkenden gelben Licht. Ihre Mutter erhob sich verwirrt und hielt nach jemandem Ausschau, der ihr sagen konnte, was für ein Gerät das war, doch tief in ihrem Innern wusste sie die Antwort.

Ihr flehender Blick fiel auf Joe.

»Du Miststück, verdammtes Miststück …« Donald Riggs rannte keuchend durch den Park, den Rucksack unter den Arm geklemmt, und konzentrierte sich auf einen kleinen schwarzen Gegenstand in seiner Hand. Abrupt blieb er stehen, die Augen weit aufgerissen, den Blick leer. Seine körperlichen und geistigen Kräfte waren aufgebraucht. Als ein letztes Zucken durch seinen Körper ging, drückte der Daumen seiner rechten Hand instinktiv auf den Knopf des Auslösers.

Elise Gray kannte ihr Schicksal. Ein letztes Mal umarmte sie ihre kleine Tochter und drückte sie verzweifelt an ihre Brust. »Ich liebe dich, mein Schatz! Ich liebe dich!« Dann zerriss die Explosion die beiden Körper. Ein ohrenbetäubender Knall ertönte. Das grelle Licht stach in Joes Augen, der fassungslos zusah. Ein grotesker Konfettiregen aus roten und weißen Fetzen, Blättern und Borkensplittern ging an der Stelle nieder, wo Mutter und Tochter noch Sekunden zuvor gestanden hatten.

Joe war wie erstarrt. Er bekam keine Luft mehr. Wieder spürte er das Pochen und den Druck im Kiefer. Seine Augen tränten. Dann erst wurde ihm klar, dass sein Gesicht auf dem warmen Asphalt lag. Mühsam erhob er sich. Er zitterte am ganzen Körper.

Das Funkgerät an seinem Gürtel gab ein statisches Knistern von sich.

Maller meldete sich: »Wir haben ihn verloren, Joe. Er ist im Park, in der Nähe vom Spielplatz, und kommt auf dich zu …«

Grenzenlose Wut erfasste Joe.

»Deine Mama war kein braves Mädchen, Hayley! Deine Mama hat mich verscheißert!«, brüllte Riggs mit verzerrtem Gesicht und wühlte in der Innentasche seines Mantels, während er lief, so schnell er konnte.

Plötzlich brach Joe zwischen den Sträuchern hervor, die 9mm-Glock im Anschlag, und schnitt Riggs den Weg ab.

»Hände über den Kopf !«, brüllte er.

Riggs hob den Blick. Sein Arm schnellte in hohem Bogen nach rechts und wieder zurück, als Joe ihm sechs Kugeln in die Brust verpasste. Riggs wurde nach hinten geschleudert, prallte auf den Rücken und lag regungslos da, starrte mit leerem Blick zum Himmel, die Arme ausgestreckt, die Handflächen geöffnet.

Joe ging zu ihm und suchte nach einer Waffe, obwohl er wusste, dass er keine finden würde.

In Riggs’ geöffneter Hand lag eine braun-goldene Anstecknadel: ein Wüstenbussard mit leicht geöffneten Schwingen und zur Erde gerichtetem Schnabel. Riggs hielt die Nadel im Tod so fest umklammert, dass sie sich in die Handfläche gebohrt hatte.

Staatsgefängnis Ely, Nevada

Zwei Tage später

»Halts Maul, du dämliches Arschloch. Wen interessieren deine beschissenen Vögel, Reiher-Dukey?«

Duke Rawlins lag bäuchlings auf der Pritsche in seiner kleinen Zelle, jeder Muskel seines drahtigen Körpers angespannt.

»Nenn mich nicht so.« Duke presste seine vollen, blassen Lippen zusammen. Er rieb sich über den Kopf und zerzauste sein schmutziges blondes Haar, das im Nacken lang gewachsen und über seinen kalten blauen Augen kurz geschnitten war.

»Wie dann?«, sagte Kane. »Geier-Dukey?«

Duke hasste Gesellschaft. Wenn er mit anderen zusammen war, verriet er oft Dinge, die niemanden etwas angingen. Er konnte es nicht fassen, dass Kane ihn so nannte, wie seine Mitschüler ihn vor Jahren genannt hatten.

»Du krankes Arschloch«, sagte Kane.

Duke sprang von der Pritsche. Als er den Arm unter dem Kissen hervorzog, hielt er ein scharfkantiges Stück Plexiglas in der Hand. Mit der Scherbe fuchtelte er vor Kanes Gesicht herum. Kane wich zurück und stieß mit dem Rücken gegen die Wand. Duke hieb immer wieder mit der Scherbe zu und zerschnitt die Luft so nahe vor Kanes Gesicht, dass dieser schrille Schreie ausstieß.

»Willst du nach Carson City, Rawlins?«

Die peitschende Stimme des Gefängniswärters ließ Duke zusammenzucken. In Carson City befanden sich die Todeszellen des Staatsgefängnisses.

Der Wärter schloss die Tür auf, kam in die Zelle, streifte einen Latexhandschuh über, nahm Rawlins die Scherbe aus der Hand und trat zwei Schritte zurück. Seine Wachsamkeit hielt sich in Grenzen. Er wusste, dass Duke Rawlins zu clever war, sich so kurz vor seiner Entlassung noch etwas zu Schulden kommen zu lassen.

»Vielleicht interessiert dich das hier«, sagte der Wärter und hielt Rawlins einen Ausdruck der Website der New York Times vor die Nase.

Duke ging langsam auf den Aufseher zu und blieb wie angewurzelt stehen. Er blickte in Donald Riggs’ vernarbtes Gesicht.

KIDNAPPING ENDET MIT EXPLOSION

Mutter und Tochter tot

Kidnapper tödlich verwundet

Duke wurde blass. Er riss dem Wärter das Blatt aus der Hand.

Donnie! Nein, nicht Donnie!, schrie es in seinem Innern.

Die Knie wurden ihm weich, und er stürzte zu Boden. Ehe er die Besinnung verlor, ging ein Zucken durch seinen Körper. Dann übergab er sich und besudelte Schuhe und Hose des Wärters mit seinem Erbrochenen.

Kane lachte hämisch. »Reiher-Dukey macht schlapp. Mann, ist das ein schöner Anblick.«

»Kümmere dich um deinen eigenen Kram, Kane«, befahl der Wärter, ehe er der stinkenden Zelle den Rücken kehrte.

1. Waterford, Irland

Ein Jahr später

Das Danaher’s war die älteste Kneipe im Südosten – Steinboden, rustikales Holz, schummriges Licht. Die Balken unter der niedrigen Decke stammten von gestrandeten Schiffen und boten Stellflächen für verrostete Bierkrüge und alte grüne Fischernetze. Im großen Steinofen brannte ein Feuer. Die Toiletten wurden »Jacks« genannt; sie befanden sich draußen und waren kaum mehr als zwei Verschläge, einer davon ohne Tür. »Bis jetzt wurde noch keine Scheiße gestohlen«, pflegte der Kneipenbesitzer Ed Danaher zu sagen, wenn jemand sich beschwerte.

Joe Lucchesi musste sich an der Theke einem Verhör unterziehen.

»Hast du jemals ›Keine Bewegung, Hurensohn!‹ gesagt, so wie im Film?«, fragte Hugh, der seine Brille auf die Nase schob. Hugh war groß und schlaksig und stets darauf vorbereitet, den Kopf einzuziehen, falls er durch eine niedrige Tür musste. Sein schwarzes gekräuseltes Haar war zu einem Pferdeschwanz gebunden. Mit seinen langen Fingern strich er ein paar lose Strähnen zurück.

Sein Freund Ray verdrehte die Augen.

»Oder hast du mal was gesagt oder getan, das bei Gericht gegen dich verwendet werden konnte?«, fragte Hugh.

Joe lachte.

»Oder Erdnussschalen in den Hosen von jemandem gefunden?«

»Idiot«, sagte Ray. »Du darfst es Hugh nicht übel nehmen, Joe. Aber mal im Ernst. Hast du jemals Beweise gefälscht?«

Alle lachten. Es war jedes Mal dasselbe. Joe hatte noch nie einen Abend in dieser Kneipe verbracht, ohne dass ihn jemand auf seinen alten Job in New York angesprochen hätte. Sogar seine Freunde löcherten ihn immer wieder mit Fragen.

»Ihr müsstet hier wirklich mal rauskommen«, sagte Joe.

»Ach, komm, in diesem Nest passiert doch nichts«, erwiderte Hugh.

Mountcannon war in der Tat ein kleines Nest, ein Fischerdorf. Dank seiner Frau Anna war Joe hier seit nunmehr sechs Monaten zu Hause. Besorgt um ihre Ehe und ihren gemeinsamen sechzehnjährigen Sohn Shaun hatte Anna nach dem letzten Fall darauf bestanden, dass Joe seinen Dienst quittierte; aber diesen Wunsch erfüllte er ihr nicht. Schließlich hatten sie sich auf ein Jahr unbezahlten Urlaub geeinigt – eine Art befristeten Ruhestand, der Joe Zeit genug verschaffte, sich darüber klar zu werden, ob er in die USA zurückging oder nicht.

Anna, die als freiberufliche Innenarchitektin arbeitete, hatte der Vogue Living den Vorschlag unterbreitet, ein altes Anwesen, das die Zeitschrift gekauft hatte, zu renovieren und die verschiedenen Stadien der Arbeiten in einer Fotoserie zu dokumentieren. Bei dem Anwesen handelte es sich um Shore’s Rock, mehrere alte Wohngebäude sowie ein verlassener, halb verfallener Leuchtturm am Rande der Klippen außerhalb von Mountcannon, dem Dorf, in das Anna sich schon als Siebzehnjährige verliebt hatte. In Mountcannon kannte man seine Nachbarn. Man schloss seinen Wagen nicht ab, und auf den Straßen war man sicher.

Als sie nach Irland gezogen waren, verstand Joe zwar Annas Gefühle, doch ihm fehlte das geschäftige, brodelnde New York. Zu seinem alten Partner Danny Markey hatte er gesagt: »Wenn zu Hause was Aufregendes passiert, ruf mich zwei Tage später an, damit ich weiß, worüber du sprichst.« Die New Yorker hatten ein romantisches Bild von Irland, doch wenn man neben einem verlassenen Leuchtturm in der Nähe eines kleinen Dorfes wohnte, bestand Irland nicht nur aus sentimentalen Balladen, und das Leben war alles andere als einfach. Verglichen mit New York, lebte man hier auf einem anderen Planeten.

Joe stand auf, warf ein paar Scheine auf die Theke und verabschiedete sich von den Männern am Tresen. Bis nach Hause brauchte er fünfzehn Minuten. Er freute sich immer, wenn er um die letzte Kurve bog und der in frischem Weiß gestrichene Leuchtturm aus der Dunkelheit hervortrat.

Joe stieß das Tor auf und lief die letzten hundert Meter bis zur Eingangstür.

Auf dem abschüssigen Grundstück stand Shore’s Rock – mehrere Gebäude aus dem 18. Jahrhundert, die seit Jahrzehnten verlassen waren. Von den drei einzeln stehenden, zweistöckigen Häusern konnten zwei als Wohnhäuser genutzt werden. Das eine bestand aus einem Eingangsbereich, einer Küche, einem Wohnzimmer und einem Arbeitszimmer, die im Erdgeschoss lagen, sowie dem Schlafzimmer, einem Gästezimmer und einem Bad im ersten Stock. Das zweite, düstere Haus mit den schmalen Fenstern, das tiefer in die Klippen gebaut war, wirkte wie eine große Souterrainwohnung des anderen Hauses. Im Erdgeschoss befand sich Shauns Zimmer; darunter war ein Weinkeller. Das dritte Gebäude war der Leuchtturm selbst, der hinter dem Haupthaus stand. Von außen wirkte er ziemlich gut erhalten, doch das Innere stellte eine bauliche Herausforderung dar. Oberhalb der Häuser schließlich stand ein großer Schuppen, der in eine gut ausgestattete Werkstatt verwandelt worden war, in der Joe bereits einige der »rustikalen Hausmöbel« gezimmert hatte, wie Anna sie nannte.

Sie hatte sich zum Ziel gesetzt, das Haus bis zum Ende des Jahres zu restaurieren, wohnlich zu gestalten und dabei möglichst viel von der Grundsubstanz zu erhalten. Zimmerleute, Maurer, Gärtner und andere Handwerker ließen sich in diesem Teil des Landes problemlos auftreiben. Doch Anna begriff schnell, dass sie es mit der zeitlichen Planung nicht so genau nehmen durfte wie in New York; in Irland tickten die Uhren langsamer. Und eine Erwähnung in der Vogue, die für einen New Yorker einen gewaltigen Anreiz darstellte, interessierte die Leute hier kaum. Dennoch hatten sie geholfen, innerhalb von nur sechs Monaten die feuchten, baufälligen Gebäude von innen und außen instand zu setzen.

Als die Familie Shore’s Rock zum ersten Mal zu Gesicht bekam, hatte es den Anschein gehabt, als hätte irgendeine Katastrophe die einstigen Bewohner gezwungen, die Häuser fluchtartig zu verlassen. Es stank nach Meer, Feuchtigkeit und verrottetem Holz. Joe und Shaun war der Fall hoffnungslos erschienen, doch für Anna war der alte Leuchtturm mit seinen Nebengebäuden das ideale Objekt, um ihre Träume zu verwirklichen.

Mittlerweile präsentierten sich der Leuchtturm und die anderen Gebäude in frischer Farbe. Im Haus war eine Fußbodenheizung installiert; Wände und Böden waren weiß gestrichen, und rustikale Möbel verliehen den Zimmern etwas Heimeliges.

Es war ein schmuckes Zuhause.

»Das volle irische Programm?«, fragte Joe. Nur mit einer Jeans bekleidet, beugte er sich über den Herd und zeigte Anna einen schmutzigen Pfannenwender.

»Nein«, erwiderte sie lachend. »Ich weiß sowieso nicht, wie sie das hier jeden Morgen machen. Eier, Speck, Würstchen, Blutwurst, Presssack …« Sie schüttelte den Kopf und lief barfuß zum Geschirrschrank. Um an das oberste Fach zu gelangen, musste sie sich auf die Zehenspitzen stellen.

»Aber dann wird ein richtiger Kerl aus mir«, sagte Joe.

»Dann wird ein fetter Kerl aus dir«, konterte Anna.

»In den Augen einer Französin ist jeder Mann fett«, sagte Joe.

»Jeder Amerikaner vielleicht.«

»He!«, rief Shaun, der sich auf seinen Stuhl setzte und die Beine zu beiden Seiten des Tisches ausstreckte. »Lass dir das nicht gefallen, Dad. Wir Amerikaner müssen zusammenhalten.« Er nahm Messer und Gabel und lächelte wie sein Vater. Die väterlichen Gene der Lucchesis waren bei dem Jungen stärker als die mütterlichen der Briaudes, doch es war vor allem der Kontrast zwischen dem dunklen Haar und der hellen Haut des Vaters und den blassgrünen Augen seiner Mutter, der Shaun sein gutes Aussehen verlieh.

»Danke, mein Sohn«, sagte Joe.

»Es würde trotzdem nichts schaden, wenn du dir ein Hemd anziehst, Dad«, meinte Shaun.

»Du bist ja bloß neidisch auf meinen Body. Außerdem koche ich immer oben ohne. Dann stinkt mein Hemd hinterher nicht nach meinen Kochkünsten.« Joe servierte das Essen auf zwei Platten. »Deine Mutter weiß nicht, was ihr entgeht.«

»Doch. Übergewicht«, sagte Anna und beäugte ihn kritisch, worauf Joe sich auf den Bauch schlug.

»Sind doch nur ein paar Pfunde, Liebling«, sagte er. »Außerdem kann ich sowieso nicht mit einer Frau konkurrieren, die ihre Kleidung in der Kinderabteilung kauft.«

Anna lächelte. Joe zog ein weißes, langärmeliges T-Shirt über den Kopf und ging zum Kessel, nahm den Kaffeebereiter aus dem Regal, goss kochendes Wasser hinein und spülte die Kanne sorgfältig aus. Als sie heiß war, schüttete Joe das Wasser aus und gab vier Löffel Kaffeepulver in die Kanne, füllte sie bis zum Chromrand mit Wasser, spülte den Pressfilter in kochendem Wasser, setzte ihn obenauf und drehte den Deckel zu. Nach vier Minuten drückte er den Pressfilter vorsichtig hinunter und beobachtete, wie das Kaffeepulver langsam in die Kanne gedrückt wurde. Dann drehte Joe den Deckel so, dass das Sieb im Deckelrand im Ausguss saß und der Kaffee hindurchlaufen konnte.

»Dein Vater hat gestern Abend angerufen«, sagte Anna.

»Ach ja?« Joe stellte den Kaffee auf den Tisch.

»Ja. Er heiratet.«

Joe starrte sie an. »Du willst mich wohl verscheißern.«

»Drück dich nicht so ordinär aus. Es ist wirklich so. Glaubst du vielleicht, ich denke mir so etwas aus? Er will, dass du kommst.«

»Mein Gott. Ist Pam die Glückliche?«

»Natürlich. Wer sonst.«

»Na, bei dem Kerl weiß man nie.«

»Großvater ist unglaublich«, sagte Shaun.

»Das kann man wohl sagen«, murmelte Joe.

»Sag mal, Mom«, wandte Shaun sich an Anna, »hast du eigentlich Baby-Fotos von mir mit hergebracht?«

»Glaubst du vielleicht, ich hätte nicht daran gedacht? Die Fotos sind so süß, dass ich ein paar in mein Tagebuch gelegt habe. Warte.«

Anna holte ihr Tagebuch aus dem Schlafzimmer und zog drei Fotos aus einem Umschlag, der zwischen den Seiten steckte.

»Hier.« Anna hielt das erste Foto hoch. Es zeigte den zweijährigen Shaun in der Badewanne, wie er grinsend im Schaum planschte. Auf dem zweiten Foto war er vier Jahre alt. Er trug eine Art Kampfanzug und hielt ein Plastikgewehr in der Hand. Auf dem dritten Bild blies er fünf Kerzen auf einem Kuchen aus, der die Gestalt eines Maikäfers hatte.

»Der Kuchen war ein Albtraum«, meinte Anna. »Dein Vater stand die ganze Zeit hinter mir, weil er Angst hatte, der Kuchen würde nicht wie ein Käfer aussehen.«

»Er sieht auch jetzt nicht wie ein Käfer aus«, sagte Shaun lachend. »Ich nehme das Soldatenfoto. Süß, aber politisch inkorrekt. Genau wie ich.«

»Wozu brauchst du es?«, fragte Anna.

»Für unsere Schul-Website«, erwiderte Shaun. »Die St. Declan’s geht ins Internet. Mr Russell, unser Mathelehrer, hat in den Neunzigern in einer großen Computerfirma gearbeitet. Dann hat er das Burn-out-Syndrom bekommen und als Lehrer angefangen. Ein cooler Typ. Er will, dass jeder Schüler der fünften Klasse auf der Website einen Beitrag mit seiner Biographie veröffentlicht. Darum muss jeder von uns Fotos mitbringen. Nach dem Motto: vorher – nachher. Vom geschniegelten Schnösel zum abgedrehten Freak.«

Anna lachte. »Mein kleiner Soldat ist hübsch frisiert, aber nicht geschniegelt«, sagte sie und betrachtete das Foto. »Und was ist überhaupt freakig? Jungs in Baggy-Pants und T-Shirts, die bis zu den Knien reichen?«, fragte sie mit Blick auf seine weiten Jeans.

»Nein. Ein Freak ist jemand, der neben einem Leuchtturm wohnt.«

Anna verpasste ihm mit dem Tagebuch einen Klaps. Joe lachte. Shaun schnappte sich die Schultasche.

»Wir sehen uns heute Abend bei der Show«, rief er und schlug die Tür hinter sich zu.

Anna drehte sich zu Joe um und zeigte mit dem Finger auf ihn. »Ruf deinen Vater an.«

»Oui, isch ruf mein Vater an«, erwiderte er und ahmte Annas französischen Akzent nach.

»Blödmann«, sagte sie und warf ihm einen bösen Blick zu.

Der kleine, pausbäckige Sam Tallon stand im alten Dienstraum hoch oben im Leuchtturm und schüttelte den Kopf.

»Mensch, da werden Erinnerungen wach«, sagte er. »Hier hat der Leuchtturmwärter immer am Schreibtisch gesessen und seine Berichte geschrieben.« Er streckte die Hand aus. »Da, die Farbe auf den Leitersprossen«, sagte er. »Die müssen sie noch wegspachteln.« Der achtundsechzigjährige Sam Tallon, einst als Ingenieur für die irische Leuchtturmbehörde tätig, war Annas Restaurationsexperte. Sie hatte ihn soeben über die schmale Wendeltreppe in den ehemaligen Dienstraum geführt.

Sam zog sich die Sprossen einer Leiter hinauf; dann kroch er durch eine eiserne Falltür in den Laternenraum. Als Anna ihm folgte, stieß er einen leisen Pfiff aus.

»Hier wartet noch ’ne Menge Arbeit auf Sie«, sagte er.

»Ich weiß.« Anna schaute auf die Risse in den verrosteten Wänden.

»Das muss alles abgekratzt werden«, sagte Sam. »Da sind mehrere Schichten Lackfarbe drauf. Die ist bestimmt steinhart.«

In der Mitte des Raumes stand ein Podest mit einer Quecksilberwanne, die das Fünftonnengewicht des Linsensystems der Laterne hielt. Im Laternenraum konnte man nur den unteren Teil davon sehen; der größere Teil befand sich in der Galerie darüber. Sam überprüfte das Messgerät neben der Quecksilberwanne.

»Der Quecksilberpegel ist ein wenig gesunken. Deshalb haben die Rollen unter den Linsen vermutlich etwas mehr Gewicht zu tragen, als es der Fall sein sollte. Aber das ist kein großes Problem, vor allem, wenn das Licht nicht immer brennt.«

»Hoffentlich wird es überhaupt eines Tages wieder brennen.«

»Oh, das kriegen Sie schon hin«, meinte Sam. »Ich wüsste nicht, warum man Ihnen untersagen sollte, hin und wieder das Licht einzuschalten, wenn der Strahl nur ins Landesinnere zeigt.«

Anna hielt den Atem an, als Sam aufmerksam die Basis des Linsensystems betrachtete und den Uhrwerkmechanismus überprüfte, der die Linsen drehte.

»Kaum zu glauben«, sagte er schließlich. »Es scheint alles in Ordnung zu sein. Nach fast vierzig Jahren! Wir müssen die Gewichte bewegen, aber ich glaube, Sie haben Glück.«

»Gott sei Dank.«

»Da drinnen brennt ein Glühstrumpf. Man kann ihn mit dem Docht einer Kerze vergleichen«, sagte Sam mit Blick auf das Linsensystem. »Ohne Glühstrumpf gäbe es kein Licht. Er ist bloß ein kleines, seidenes Ding, das Sie in Ihre Tasche stecken könnten.« Er kicherte. »Also, das Prisma im Linsensystem bündelt das Licht. Die Linsen rotieren, und dann haben Sie Ihren wundervollen Leuchtturmlichtstrahl, der übers Meer wandert.« Als Sam die Leiter ins Linsensystem hinaufstieg, wischte er mit dem Ärmel Spinnweben zur Seite, die sich im Laufe der Jahre gebildet hatten.

»Verdreckt«, sagte er. »Damit müssen Sie sich später beschäftigen … vielleicht, nachdem Sie die Wände gestrichen haben. Und Sie müssen sich ein paar neue Glühstrümpfe besorgen …«

Sie stiegen die Leuchtturmtreppe wieder hinunter und traten durch die alten Türen ins Freie.

»Die Türen müssen auch ersetzt werden«, sagte Sam.

»Die sind schon unterwegs.«

»Gut«, sagte Sam. »Dann werde ich die Rollen reinigen und den Druck in den Petroleumtanks überprüfen. Das Reinigen der Linsen und der Messingteile überlasse ich Ihnen.« Er lächelte.

»Okay«, sagte Anna.

»Anschließend können wir einen Probelauf machen und überprüfen, ob alles noch funktioniert.«

»Das kann aber ein bisschen dauern, Sam. Ich sag Ihnen Bescheid, wann es passt, ja?«

»Kein Problem.«

Die Gespräche verstummten, und die Zuschauer wandten sich der Bühne zu. Katie Lawson trat aufs Podium und trug ihr Lied vor. Shaun lächelte, als seine hübsche Freundin die Zuhörer mit der süßesten Stimme verzauberte, die er je gehört hatte.

Katie hatte sein Leben verändert. Er war seinen Eltern widerwillig nach Irland gefolgt, hatte den Baseball, das Kabelfernsehen und vor allem die Großstadt wahnsinnig vermisst. Und dann kam Katie. Gleich am ersten Tag an seiner neuen Schule hatte Shaun nur Augen für sie gehabt, und bald darauf hatte es zwischen beiden gefunkt. Katie war ein hübsches Mädchen mit frischen, roten Wangen, dunklem Haar und braunen Augen.

Nun kam sie von der Bühne und setzte sich neben Shaun. Sie senkte den Kopf; der Applaus machte sie verlegen.

»Wow«, flüsterte Shaun. »Du warst super. Du stichst alle aus.«

Katie errötete. »Das stimmt doch gar nicht«, sagte sie und schüttelte den Kopf.

»O doch«, sagte Shaun. »Du warst echt geil.«

Ali Danaher, Katies beste Freundin, war als Nächste an der Reihe. Sie trug ein selbst verfasstes Gedicht vor. Shaun grinste, noch bevor Ali auch nur ein Wort vorgetragen hatte, denn er wusste, das Gedicht würde so düster sein wie Alis Kleidung und ihr Lidschatten. Ali hatte blond gefärbtes Haar, und wenn sie die Ärmel hochkrempelte, waren winzige Abdrücke von Rasiermessern auf den Armen zu sehen. Dabei ging es ihr einzig darum, die Leute zu schockieren. Niemals hätte sie zugegeben, dass sie aus einer glücklichen Familie stammte, weil ihre Kunst darunter gelitten hätte.

Feierlich beendete sie ihr Gedicht:

»… durch den morschen Kern tropft’s hindurch,

und bald bröckelt die glänzende Fassade,

die düst’re Vergangenheit zum Vorschein kommt,

und zu spät ist’s, sie zu verschleiern.«

Shaun und Katie übertönten mit ihrem Jubel den höflichen Applaus der Eltern. Ed Danaher, Alis Vater, blickte seine Frau an und verdrehte die Augen, klatschte aber am längsten.

Nach dem Schulfest machte Joe sich mit Ed auf den Weg zur Kneipe, während Petey Grant, der Hausmeister der Schule, zu Anna kam. Petey hatte blasse Haut und kurzes, dunkelbraunes Haar. Seine mandelförmigen Augen unter den dichten Brauen waren von einem zarten Blau. Beim Sprechen lehnte er sich stets zu einer Seite, hielt seine großen Hände vor den Bauch und streckte und beugte seine schlanken Finger, als wollte er einen Basketball fangen.

»Hallo, Mrs Lucchesi. Schön, Sie hier zu sehen. Hat Ihnen das Programm gefallen? Ich fand’s toll. Katie ist ’ne großartige Sängerin und ein hübsches Mädchen. Ich habe ihr neulich beim Üben zugehört.« Er errötete. »Ist Ihr Mann hier? Ich könnte morgen in seine Werkstatt kommen, wenn er möchte. Oder hat er schon was anderes vor? Ich hab morgen frei, wissen Sie. Da könnte ich ihm bei dem Tisch helfen, an dem er gerade arbeitet.«

Petey gab gern jeden Gedanken preis, der ihm in den Sinn kam. Seit seiner Kindheit hatte er mit Schwierigkeiten zu kämpfen. Die Schüler waren in zwei Lager geteilt. Die einen machten ihm das Leben schwer, die anderen verteidigten ihn vehement. Anna mochte Petey. Er war höflich, begeisterungsfähig, sensibel und für einen Fünfundzwanzigjährigen auf eine charmante Art naiv. Gleich zu Beginn hatte Petey in Joe einen Freund gefunden, zumal er Joes Interesse für Leuchttürme teilte – Peteys Lieblingsthema, das er bei jeder sich bietenden Gelegenheit anschnitt. Wenn Joe Möbel für das Haus schreinerte, kam Petey häufig in die Werkstatt, lehnte sich an die Werkbank und sprach stundenlang über die Geschichte der irischen Leuchttürme.

»Sie sind uns jederzeit willkommen, Petey«, sagte Anna. »Schauen Sie nach der Arbeit doch mal vorbei.«

»Danke, Mrs Lucchesi, das wäre schön, und …«

Petey stockte, zögerte. Er wusste nie, wann ein Gespräch beendet war.

Anna blieb noch zwei Stunden und räumte nach Ende der Veranstaltung mit ein paar anderen »Supermüttern« auf, wie Joe sie nannte. Als sie sich allein auf den Heimweg machte, war es Mitternacht. In Gedanken versunken, ging sie an der Kirche vorbei.

»Wenn das nicht die schöne Anna ist«, rief jemand mit gehässigem Unterton aus der Dunkelheit.

Anna zuckte zusammen. Dann sah sie John Miller im Licht einer Straßenlaterne stehen und erschrak. Sie wusste, dass seine glasigen Augen, die roten Flecke im Gesicht und der unsichere Gang an seiner Trunkenheit lagen, doch alles andere war ein Schock für sie: das ergraute, fettige Haar, das aufgedunsene Gesicht, das Hemd, das sich über seinem Bauch spannte. Er taumelte.

»Ich weiß, ich sehe aus wie ein Stück Dreck«, sagte er und streckte die Arme aus.

»Nein«, widersprach Anna und zwang sich, ruhig zu bleiben. »Überhaupt nicht.«

»Red keinen Scheiß. Du bist Französin. Du siehst verdammt perfekt aus.«

Anna wusste nicht, was sie sagen sollte.

»Du heißt jetzt Anna Lutschisi, hab ich gehört. Schöner Name.«

»Lucchesi«, verbesserte sie ihn mit einem schwachen Lächeln.

»Du hast also diesen Cop geheiratet. Der Glückliche. Was für ein verdammt glücklicher Bursche!« Miller grinste. »Haste Lust, mit mir zu vögeln?«

»Mein Gott, John!«, rief Anna aus und sah sich um. »Was redest du da?«

»Ich will mit dir vögeln. Ist das so schwer zu begreifen?«

»Wo ist deine Frau?«

»Immer noch in Australien. Hat mich rausgeschmissen. Haha! Stell dir vor. Ich wohne wieder hier bei meiner Mutter, oben auf dem Berg. Ist schon verrückt. Ich übernehme jetzt die Leitung der Obstplantage … genau das, was ich mir geschworen hatte, niemals zu tun.«

»Dein Pech, John.« Anna wandte sich zum Gehen.

»Du bist ein großartiges Mädchen. Ein wunderbares Mädchen«, rief er ihr hinterher.

Anna ging weiter. Ihre Hände zitterten, ihr Gesicht brannte.

Plötzlich stand Miller hinter ihr, packte sie, drehte sie herum und drückte sie gegen die Wand. Sein Atem stank nach Zwiebeln und Alkohol, und seine Kleidung roch durchdringend nach Fisch. Auf seinem Kinn war ein schmieriger Fleck, und die Mundwinkel waren weiß und verkrustet. Anna stieß den Betrunkenen zurück.

»John, hör auf ! Geh nach Hause und schlaf deinen Rausch aus!«

»Du warst immer schon ein tolles Weib, Anna … Ich bin scharf auf dich.«

»Den Eindruck habe ich auch!«, stieß sie hervor und musterte ihn, ohne eine Spur jenes Mannes zu entdecken, den sie einst geliebt hatte.

2. Stinger’s Creek

North Central Texas, 1978

»Er beißt dich nicht, Duke. Nicht der Schnabel ist gefährlich, sondern die Krallen. Seine Fänge sind seine Waffen. Ein Wüstenbussard kann so fest zupacken, dass er dir den Arm zerquetscht.«

Duke sah ängstlich zu seinem Onkel Bill hoch. Bill lächelte.

»Keine Bange, Solomon tut dir nichts«, sagte er. »Er kennt seine Freunde. Aber wenn er trotzdem nach dir schlägt, erschieß ich ihn.«

»Das darfst du nicht, Onkel Bill!«, rief Duke.

Bill kicherte und zerzauste Dukes Haar, bevor er auf den Raubvogel blickte, der auf seinem Unterarm saß, und die Lederriemen löste, mit denen der Bussard festgebunden war. Dann streckte er den Arm aus. Mit kraftvollem Flügelschlag schwang das Tier sich in die Luft. Sie beobachteten, wie es auf einem Baumwollbaum über ihren Köpfen landete.

»Was ist mit dir, Donnie? Willst du es mal versuchen? Ich glaube, unser Duke hat Angst.«

Duke kniff wütend die Augen zusammen, rannte an seinem Onkel vorbei, ging auf seinen besten Freund Donnie los, stieß ihn zu Boden und warf sich auf ihn.

»Ich hab keine Angst!«, zischte Duke.

»Eh, Dukey, beruhig dich, Junge!«, rief Onkel Bill. »Alles in Ordnung, Donnie?«

»Klar, Sir.«

Duke rappelte sich auf, klopfte seine Hose ab und streckte die Arme nach dem Lederhandschuh aus. Bill reichte ihm den Handschuh und nahm ein Stück rohes Fleisch aus dem Ranzen, der über seiner Schulter hing. Er drückte das Fleisch zwischen Daumen und Zeigefinger des Handschuhs und erklärte dem Jungen, was er tun musste.

»Jetzt streck den Arm aus, an dem du den Handschuh trägst, und dreh die Schulter nach vorn. Dann rufst du den Vogel und wartest, bis er auf deiner Hand landet.«

Der Junge tat wie geheißen. Solomon stieß aus dem Baum herab, landete auf Dukes Hand und zerrte an dem Fleischbrocken, bis er ihn zu fassen bekam.

»Jetzt zeig ihm deine geöffnete Hand, damit er weiß, dass du nichts mehr zu fressen für ihn hast.« Duke hielt dem Greifvogel seine zitternde Hand hin.

»Gut. Jetzt nimmst du die Lederriemen an seinen Beinen und schiebst sie dir zwischen die Finger. Du musst sie gut festhalten, damit er nicht wegfliegen kann.«

Duke fummelte an den Lederriemen. Solomon schlug mit den Flügeln, blieb aber sitzen, bis Duke die Riemen fest in der Hand hielt.

»Gut gemacht, Duke. Und jetzt lass ihn fliegen, wie ich ’s dir gezeigt habe.«

Solomon flog davon.

Onkel Bill ging zu der gebogenen Stange, auf der sein zweiter Wüstenbussard festgebunden war.

»So, Sheba, jetzt bist du an der Reihe.« Er ließ den zweiten Vogel frei, der auf einem anderen Baumwollbaum landete und den Kopf von einer Seite auf die andere legte.

Bill ließ die beiden Wüstenbussarde nicht aus den Augen. »Sie beobachten immer ganz genau, was vor sich geht«, erklärte er den Jungen. »Sie behalten alles im Auge und warten.«

Plötzlich stürzte Solomon in die Tiefe und schoss an Duke und Donnie vorbei. Sheba, der zweite Bussard, folgte ihm. Onkel Bill lief den Tieren hinterher und rief den Jungen zu, ihm zu folgen.

»Sie haben was entdeckt!«, rief er. »Das kann man daran sehen, wie sie fliegen!«

Donnie und Duke gelangten auf freies Gelände und erblickten in einiger Entfernung eine einsame Virginiawachtel.

»Ah, darauf also haben sie ’s abgesehen«, sagte Bill.

Solomon jagte in tiefem Flug auf die Wachtel zu. Kurz bevor er sie erreichte, suchte die Wachtel verzweifelt Schutz unter vertrockneten Sträuchern neben den Mesquitebäumen, verharrte dann abrupt auf der Stelle. Solomon verfehlte seine Beute, jagte an ihr vorbei und war gezwungen, hoch auf einem der Bäume zu landen, da er seinen Kurs nicht so schnell ändern konnte. Doch nun schoss Sheba so schnell auf die Wachtel zu, dass er sie gepackt und getötet hatte, bevor sie ein zweites Mal reagieren konnte. Sekunden später war auch Solomon wieder zur Stelle und packte den Kopf der Wachtel. Die beide Wüstenbussarde zerrissen ihre Beute.

»Wie Jekyll und Hyde«, sagte Onkel Bill. »Eben noch sitzen sie hoch am Himmel und blicken auf die Schöpfung herunter, und einen Moment später reißen sie einen Teil dieser Schöpfung in Stücke.«

Wanda Rawlins war einst die Attraktion in der Amazon-Bar in Stinger’s Creek gewesen. Betrunkene, zahnlose, abgerissene Männer, die sich in ihrem ganzen Leben nie weiter als dreißig Meilen von ihrem Heimatort entfernt hatten, schworen Stein und Bein, Wanda sei schöner als die »Schlampen vom Broadway«, und waren deshalb froh, dass sie bei ihnen in der tiefsten Provinz blieb, um für sie zu tanzen.

Zehn Jahre später, als Wandas Brüste erschlafften, hatte sie nichts mehr zu bieten als einen Hafen im Sturm. 10 Dollar mit der Hand, 20 Dollar für eine einfache Nummer mit Kondom, 30 Dollar für einen Rundum-Service. Für LSD gab es alles umsonst. Wenn man Koks hatte, durfte man sogar das ganze Wochenende bleiben.

Zwei Minuten an einem dieser Wochenenden waren alles, die einer von Wandas treuen Fans benötigt hatte, um den kleinen Duke zu zeugen, der inzwischen acht Jahre alt war, Wanda aber das Gefühl gab, hundert zu sein.

Das erste Mal, als Duke seine Mutter überraschte, war er vier Jahre alt. Der kleine Junge bekam den Schock seines Lebens, denn er glaubte, seine Mom würde erdrosselt: Ein großer nackter Mann kniete hinter ihr und stieß immer wieder mit dem Unterleib nach vorn, während er den rechten Arm gegen die Wand über ihrem Kopf presste und mit der linken Hand einen rosafarbenen Seidenschal festhielt, der um Wandas Hals geschlungen war. Ihr Gesicht war knallrot, ihre Augen glasig, ihre Lider schwer. Der Mann stierte mit trunkenem, lüsternem Blick zu dem kleinen Duke und setzte glückselig fort, wofür er bezahlt hatte.

Der entsetzte Duke warf sich herum und flitzte aus dem Zimmer. Ein paar Minuten später kam seine Mutter in die Küche; unter dem verblichenen Bademantel war sie nackt. Sie funkelte Duke böse an. »Was ist?«, schrie sie und schlurfte zum Schrank, auf dem die Kaffeemaschine blubberte. Als sie mit dem Kaffeebecher an Duke vorbeiging, kreischte sie ihm »Hau ab!« ins Ohr.

Dukes kindliche Unschuld ging für immer verloren, als der nächste Freier erschien.

Westley Ames war ein untersetzter, schniefender Mann mit wässrigen Augen und kriecherischer Haltung. Er hatte eine unscheinbare, verschüchterte Frau, die ihm drei Töchter schenkte – blasse, farblose Mädchen. Jahrelang focht Westley einen inneren Kampf aus, war aber zu schwach, um die kranken Phantasien zu vertreiben, die ihm im Kopf herumspukten.

Langsam bahnte er sich einen Weg zwischen dem Schutt und Müll in Wanda Rawlins’ Garten, ein halbes Gramm Koks in einem sauber gefalteten Papierblatt in der Jackentasche.

»Tag, Westley«, sagte Wanda, die sich an den Türrahmen lehnte und eine Hand über die Augen legte, um sie vor der Sonne zu schützen. In jungen Jahren war sie eine hübsche Frau gewesen, mit gebräunter Haut, verführerischen Kurven und einem süßen Lächeln. Jetzt spannte sich die weiße Haut über ihrem knochigen Körper, und die einst so strahlend blauen Augen waren stumpf. Die dürren Beine waren leicht gekrümmt und drückten gegen die Seiten ihrer abgetragenen, weißen, fast kniehohen Stiefeletten.

Heute war Westleys zweiter Besuch, und diesmal wollte er das ganze Wochenende bleiben. Beim letzten Treffen mit Westley hatte Wanda geglaubt, vor Langeweile sterben zu müssen, ehe der Montag kam.

Der kleine Duke, eine von Kopf bis Fuß in Rot und Blau gekleidete Gestalt, stürmte aus der Seitentür des Hauses.

»Wen haben wir denn da?«, sagte Westley, dessen Begierde wuchs. »Du bist wohl Superman! Was für ein hübscher kleiner Bursche.« Er lächelte. Duke starrte ihn an und versteckte sich hinter den Beinen seiner Mutter. Westley schaute Wanda an und sah, wie ein Ausdruck von Panik in ihren Augen erschien. Er starrte in ihre geweiteten Pupillen, ehe er sich wieder Duke zuwandte. »Lass mich mal kurz mit deiner Mommy allein, ja?«

Eine halbe Stunde später war Wanda allein in der Küche. Das Radio war eingeschaltet, und sie sang mit Tony Orlando im Duett, wobei sie sich immer wieder über die Arbeitsplatte des Schrankes beugte, das Kokain schnupfte, das Westley mitgebracht hatte und beschloss, die qualvollen Schreie aus dem Schlafzimmer zu ignorieren.

Als Duke zwei Wochen später den Schulhof überquerte und Westley Ames am Tor sah – eine furchteinflößende schwarze Silhouette vor der hellen Sonne –, begann er am ganzen Leib zu zittern. Der Magen drehte sich ihm um, und er erbrach sich auf seine Turnschuhe.

»Reiher-Dukey«, rief Westleys Tochter Ashley mit hämischem Lachen, als sie an ihm vorbeirannte und in die Arme ihres Vaters sprang.

Lächelnd ging Duke nach seinem Besuch bei Onkel Bill nach Hause. Er hatte die Wüstenbussarde nie zuvor gesehen und sie erst recht nie auf dem Arm gehalten. Er war gern bei seinem Onkel. In Bills Haus wurde keinem etwas zuleide getan. Nur die arme Wachtel hatte sterben müssen. Zerfetzt. Duke fielen ein paar Leute ein, mit denen er gern dasselbe getan hätte. Als er vor dem Haus seiner Mutter um die Ecke bog, stand einer von ihnen dort und wartete auf ihn. Mit steifen Fingern kämmte er sein dünnes braunes Haar zurück. Er war Anfang dreißig mit einem weichen, jungenhaften Gesicht. Der Mann stand regungslos da, nur seine blauen Augen bewegten sich hinter der schwarzen Brille und nahmen alles in sich auf. Die Hände in die Hüften gestemmt, die Füße in glänzenden schwarzen Schuhen, Hemd und Hose sauber und frisch gebügelt, wartete er. Duke blieb stehen und neigte den Kopf zur Seite, um ihn zu betrachten. Dieser Bursche war ein richtiges Monster. Duke nannte ihn »Huh-Huh«, denn bei seinen ersten Besuchen hatte er immer versucht, die Tränen zu unterdrücken. Der Name war geblieben. Die Tränen waren lange versiegt.

3.

Anna saß auf dem Sofa, ein aufgeschlagenes Buch über irische Leuchttürme auf dem Schoß. Fast zweitausend Meilen Küste und zweiundachtzig Leuchttürme.

Sie drehte sich zu Joe um.

»Weißt du, wie das Motto der irischen Leuchtturmwärter lautet? In salutem omnium – für die Sicherheit aller. Es ist seltsam, aber wenn ich auf unseren Leuchtturm schaue, fühle ich mich wirklich sicher. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie es ist, im Sturm draußen auf See zu sein, von hohen Wellen hin und her geworfen zu werden und zu wissen, dass dein Leben allein vom Licht des Leuchtturms abhängt.«

»Du hättest die Leuchtturmwärter bewundert.«

»Sam kennt ein paar tolle Geschichten über sie. Einige von denen haben sogar per Morsezeichen mit den Einheimischen gepokert …«

Das Telefon klingelte. Anna sprang auf und nahm den Anruf in der Küche entgegen.

»Hi, Chloe«, sagte sie und lauschte eine Zeit lang, wobei sie auf und ab ging und die gelbe Schnur hinter sich herzog. Joe sah, wie sie die Stirn runzelte.

»Nein. Ich brauche niemanden, der herkommt und hier seine traditionellen Vorstellungen verwirklicht, weil ich meine eigenen Pläne …«

Als Anna unterbrochen wurde, schaute sie Joe an und verdrehte die Augen.

»Nein, hör zu. Ich habe Brendans Arbeiten gesehen. Das ist etwas ganz anderes. Er wird all die schrecklichen Klischees vermeiden. Ich habe ein paar Telefonate geführt, und offenbar ist er erstaunlich …«

Sie verstummte erneut.

»Ich habe nicht gesagt, dass ich irische Models will! Wir nehmen amerikanische oder französische Mädchen. Aber das ist gar nicht der Punkt. Es geht um Architektur, Chloe. Die Mädchen sollten nicht im Mittelpunkt stehen …«

Anna hielt den Hörer von sich weg; erst als Chloe verstummte, drückte sie ihn wieder ans Ohr.

»Okay, okay. Ich rufe ihn an und sag ihm, dass er dir sein Buch und den Artikel aus der irischen Zeitschrift schicken soll. Dann triffst du deine endgültige Entscheidung.«

Anna legte auf.

Joe schaute sie erstaunt an. Auch Meilen vom Büro entfernt fühlte sie sich selbstsicher genug, mit dem Fuß aufzustampfen. »Chloe ist so dumm

»Und ich hab Hunger. Was gibt’s zu essen?«

Anna seufzte und ging zum Kühlschrank. »Sandwiches mit Fleischklößen und Barbecuesauce.«

Joe kniff sie zärtlich in den Po und legte ihr die Arme von hinten um die Taille. »Ich liebe deine Klöße.«

Anna musste lachen.

Nach dem Essen fuhr Rays Lieferwagen polternd den Steinweg hinauf. Anna winkte ihn zum Leuchtturm. Ray bog links ab und fuhr ein Stück den grasbewachsenen Abhang hinunter, um sich der Leuchtturmtreppe so weit wie möglich zu nähern. Dann stieg er aus und winkte Anna.

»Was jetzt?«, rief er ihr zu.

Anna lief zu ihm.

»Ich muss Verstärkung rufen«, sagte sie.

»Mir gefällt dein Polizeijargon.«

»Darf ich mal sehen?«, fragte sie mit Blick auf den Lieferwagen.

»Na klar.« Ray öffnete die Hecktüren und hob eine grüne Plane an.

Anna schlug eine Hand vor den Mund. »Sind die schön! Das hast du großartig gemacht.«

»Danke. Ich hatte das Bild der alten Leuchtturmtür an meine Pinnwand geheftet und immer vor Augen.«

»Sie sind phantastisch.«

»Unbezahlbar, nicht wahr?«

»Hör auf !«, sagte Anna lachend. »Jedes Mal machst du dich über mich lustig.«

»Flirtest du wieder mit meiner Frau?«, sagte Joe, als er zu ihnen kam. »Ich werde bald vierzig. Dreißigjährige Charmeure machen mir Angst.« Ray und Anna waren etwa gleich groß, doch Ray wirkte aufgrund seiner breiten Statur kleiner. Seine permanent gerunzelten Brauen verliehen ihm das Aussehen eines sehr sensiblen oder sehr dummen Menschen. Beides traf nicht zu.

»Die Türen sind erstklassig«, sagte Joe, wobei er über das Holz strich.

»Mach mal halblang, sonst bilde ich mir am Ende noch was ein«, sagte Ray. »Wie kriegen wir die Dinger aus dem Auto? Wo ist deine Unterstützung, Anna?«

»Ich hole Hugh.«

Anna verschwand und lockte Hugh von seinem Tee und seinen Zeitungen weg. Mit vereinten Kräften schleppten sie die Türen zu viert zum Leuchtturm und hängten sie in die Angeln. Anna verriegelte sie.

»Großartig«, sagte sie. »Wie kann ich dir danken?«

Ray kicherte. »Ich wüsste da schon was.«

»So dankbar ist Anna nun auch wieder nicht«, sagte Joe und legte Ray eine Hand auf die Schulter.

»Ehrlich gesagt«, gestand Ray, »warte ich ungeduldig auf die Models, die sich für die Fotosession um mich scharen werden. Ich werde den Raubeinigen mimen. Ich könnte meinen Aran-Pullover anziehen und meine Jeans in die Stiefel stopfen …«

»Brauchst du mich noch?«, fragte Hugh.

»Nein. Danke für deine Hilfe«, sagte Anna.

»Tja, ich mach mich dann auch wieder auf die Socken.« Ray verabschiedete sich und fuhr davon.

Anna drehte sich zu Joe um und ergriff seine Hand.

»Komm, ich zeig dir meinen Albtraum.« Sie öffnete die neuen Türen und führte Joe die Wendeltreppe hinauf. Sie erreichten den Dienstraum des Leuchtturms und kletterten über die schräge Leiter in den Laternenraum.

»Schau dir die dicke Farbschicht an«, sagte Anna und drückte eine Fingerspitze in einen der Risse in der Wand. »Hart wie Beton.«

»Abbeizer?«, schlug Joe vor.

»Keine Chance.«

»Wir lassen uns schon was einfallen. Musst du das hier überhaupt machen? Das Ding funktioniert doch sowieso nicht mehr«, sagte Joe mit einem Blick auf den alten Quecksilberbehälter. »Und werden nicht bloß Außenaufnahmen gemacht?«

»Darauf gebe ich dir keine Antwort«, sagte Anna. Außerdem kannte er ihren Plan nicht.

In dem kleinen Container, der neben dem Fußballplatz aufgestellt war, ließ Shaun seine Tasche zu Boden fallen.

»Was ist denn das für ’ne Umkleidekabine? Gibt’s hier keine Spinde?«, fragte er.

»Nee«, sagte Robert. »Wir ziehen uns hier drin um, auch wenn wir uns dabei die Eier abfrieren. Leg deine Klamotten einfach irgendwohin.«

Bald darauf rannten die Jungen in ihrer Mannschaftskleidung aufs Spielfeld. Für die Jahreszeit war es ungewöhnlich kalt. Der Trainer, Richie Bates, lief in seinen schwarzen Nike-Sportsachen am Spielfeldrand auf und ab. Er war fünfundzwanzig Jahre alt, über eins neunzig groß und wog 210 Pfund. Jeder Zentimeter seines Körpers bestand aus Muskeln.

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