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Schattensturm

Inhaltsübersicht

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BATURIX

EPILOG

DRAMATIS PERSONAE

DANKSAGUNG

Schattenfluch

|9|PROLOG

Katakomben des Petersdoms, Rom

Montag, 05. April 1999

Die Außenwelt

 

 

Die Katakomben des Petersdoms erinnerten Christopher jedes Mal an das Labyrinth des Minotaurus. Lange, verwinkelte Korridore, schlecht belüftet und noch schlechter beleuchtet; Kerkerzellen, deren Insassen von der Menschheit vergessen vor sich hin vegetierten; ab und an ein gellender Schrei eines Folteropfers – so sah die Heilige Römische Kirche hinter ihrer Fassade aus Gold, Brokat und Weihrauch wirklich aus. Denn dies hier waren die Katakomben der Heiligen Inquisition.

Wie sich wohl Theseus gefühlt hatte, als er in das Labyrinth hinab gestiegen war, um das Monster zu erschlagen? Ein bisschen konnte sich Christopher in den Helden hineinversetzen. Auch hier lauerte die Gefahr an jeder Ecke. Selbst anderthalb Jahrtausende nach dem Fall des Römischen Reichs war Rom durchsetzt von Ränke und Intrige. Ein Spiel für die gelangweilten Potentaten der Kirche, die von ihrem ungeheuren Reichtum längst satt und stumpf geworden waren. Ein Spiel, das selbst die Mächtigsten stürzen und neue Emporkömmlinge ins Licht rücken konnte. Ein Spiel, in dem Gewalt und Verrat so alltäglich waren wie in der Unterwelt mancher gefallener Großstadt.

Christopher freute sich darauf, der Stadt bald wieder den Rücken zuzukehren. Er hasste die Arroganz, die Rücksichtslosigkeit, die Besessenheit der Potentaten. Denn besessen waren sie alle – die meisten von Macht und Reichtum, viele von perversen Lüsten, einige von Drogen. Eines machte sie gefährlicher als das andere.

|10|Trotz alledem war die Inquisition ein gut organisierter, effektiver Apparat. Von hier aus wurden mehr als zweihundert Inquisitoren gesteuert, mehr als tausend Agenten und weiß Gott wie viele Spione. Hier liefen die Fäden zusammen, hier war das Zentrum des Spinnennetzes. Nicht viele Geheimdienste arbeiteten besser als die Inquisition. Und keiner davon beschäftigte sich mit dem Übernatürlichen.

Christopher ließ die Katakomben hinter sich und war froh darüber. Die düsteren Korridore konnten einem Mann ziemlich auf das Gemüt schlagen, und das war haargenau ihr Zweck. Ein psychologischer Trick für Gefangene wie für Mitarbeiter. Wer nicht gestand, wer sich nicht an die Regeln hielt, endete hier, wo eine sinnlose Existenz und ein unendliches Leiden auf ihn warteten.

Die eigentlichen Arbeitsräume der Inquisition lagen zwar ebenfalls unterirdisch, hatten aber mit den Katakomben nicht mehr viel gemein. Hier gab es Teppichböden, Ventilatoren, Namensschilder, Überwachungskameras und Haussicherheit, nicht anders als in einer Konzernzentrale. Dies war auch ein gerne verwendetes Code-Wort für die Inquisition: Der Konzern

Christopher erreichte den Arbeitstrakt des Kardinals, wo zwei Wachmänner vor einer breiten Tür aus poliertem Mahagoni den Weg versperrten. Sie trugen Anzüge und Headsets, stets über Funk mit ihren Kollegen verbunden, und waren mit Maschinenpistolen bewaffnet. Sie hatten ihn längst bemerkt und mit ihren Blicken durchbohrt. Er wusste, dass sie ihn erkannt hatten. Andernfalls hätten sie bereits die MPis in Anschlag gebracht. So aber ließen sie ihn passieren, ohne sich länger mit ihm aufzuhalten.

Christopher war das nur recht – je schneller er die Sache hinter sich brachte, desto schneller konnte er Rom wieder verlassen. Er trat an den beiden Wachen vorbei in den Korridor und aktivierte die Ruftaste vor der Tür zum Vorzimmer des Kardinals. Das grüne Licht darüber brannte sofort, offenbar hatten die Wächter Matthäus bereits über seine Ankunft informiert. Er trat ein.

Die beiden Agenten aus dem Vorzimmer des Kardinals glichen |11|sich wie ein Ei dem anderen. Beide trugen weiße Hemden mit Schweißflecken unter den Achseln und dicke Pistolen in Schulterhalftern, ihr Haar war militärisch kurz geschnitten, ihre Gesichter waren glatt rasiert. Man sagte den beiden Zwillingen eine große Zukunft voraus, wenn sie ihre ersten Missionen bekamen, doch Christopher hielt sie für zu phantasielos für den Außendienst.

»Inquisitor Christopher«, meldete er, »zurück aus Norwegen und Deutschland.«

Einer der beiden hielt kurz inne mit seinem stupiden Kaugummikauen. »Wie war’s?« fragte er, und, als Christopher nicht gleich antwortete, »alles glatt gelaufen?«

»Kann ich rein?«, fragte Christopher.

Ein Schatten huschte kurz über das Gesicht des Agenten als er keine Antwort bekam. »Ja«, sagte er dann, »Sie werden erwartet.«

Christopher wandte sich zur Bürotür des Kardinals und trat nach kurzem Klopfen ein.

Matthäus’ Arbeitszimmer war geschmackvoll eingerichtet, mit holzgetäfelten Wänden, Möbeln aus Mahagoni und weich gepolsterten Ledersesseln. Aus den hinter großen Zimmerpflanzen versteckten Lautsprechern quoll gedämpft gregorianische Kirchenmusik, die zu den weniger anrüchigen Leidenschaften des höchsten Inquisitors gehörte. Auf seinem Schreibtisch standen Tastatur und Flachbildschirm des darunter verborgenen Rechners, eine Telefonanlage sowie ein Stapel Papiere. Es wirkte unaufgeräumter als sonst.

Kardinal Matthäus war ein Mann Anfang Sechzig, mit kantigem, glatt rasiertem Gesicht und ernst gescheiteltem grauen Haar. Er trug eine schwarze Anzugshose mit einem weißen Hemd. Die purpurne Krawatte um seinen Hals war der einzige Hinweis auf seine Zugehörigkeit zur Inquisition.

»Christopher.« Der Kardinal stand auf, trat ihm entgegen und reichte ihm die Hand.

»Eure Eminenz«, erwiderte Christopher, nachdem er sich über den Kardinalsring gebeugt hatte.

|12|»Setz dich, Christopher.« Matthäus ging zurück hinter seinen Schreibtisch und ließ sich in den Sessel sinken. »Kann ich dir etwas zu trinken anbieten?«

»Danke.« Er schüttelte den Kopf und setzte sich ebenfalls.

Der Kardinal ließ sich über die Sprechanlage ein Wasser kommen. Sie schwiegen, bis einer der Zwillinge Glas und Flasche auf dem Schreibtisch abgestellt hatte und wieder gegangen war.

»Nun, Christopher«, fragte Matthäus, als sich die Tür hinter dem Agenten geschlossen hatte, »wie ist es dir ergangen? Wir haben lange nicht mehr gesprochen. Deinen Bericht aus dem Kosovo habe ich gelesen. Was ist mit Maria?«

»Sie hat sich noch nicht zurückgemeldet?« Er ließ sich nichts anmerken, aber tatsächlich traf ihn die Nachricht mehr, als er erwartet hätte.

»Nein. Meine Berichte sagen, dass sie kurz in Trondheim gesehen wurde, offenbar, um sich mit dir zu treffen, aber seitdem ist sie verschwunden.«

Christopher nickte.

Maria hätte nicht in Norwegen auftauchen dürfen. Ihr Auftrag war es gewesen, die Mission auf dem Kosovo abzuschließen und sich dann direkt bei einem Kontaktmann in Rom zurückzumelden. Der Kosovo war beinahe abgeschlossen gewesen, sie hatten das Netzwerk der Schatten nahezu vollständig analysiert und waren bereit gewesen, sie zu eliminieren. Eine Aufgabe, die Maria auch selbstständig hätte lösen können. Niemand wusste, ob sie das getan hatte. Sie war seit ihrem Besuch in Norwegen verschwunden.

»Wenn wir sie finden«, erklärte Matthäus, »muss sie zum Schweigen gebracht werden.«

Christopher nickte noch einmal. Ihr Verschwinden war ein deutliches Anzeichen dafür, dass sie den Konzern verraten hatte. Es gab nur eine Strafe für Verräter der Inquisition.

»Erzähle mir mehr über Norwegen.«

»Otta war ein Fehlschlag«, begann Christopher ohne Umschweife. |13|»Die drei anderen Aufträge habe ich, soweit es mir möglich war, ausgeführt.«

»Dieser Heidenpriester lebt also noch immer?«

»Ja, Eure Eminenz. Der Keltenkult ist dort so weit fortgeschritten, dass er nicht mehr durch den Tod einer Einzelperson zu stoppen ist – im Gegenteil: Der Priester ist so angesehen, dass er zum Märtyrer wird, wenn er bei einem Anschlag ums Leben kommen würde. Einen Unfall vorzutäuschen hätte mehr Zeit in Anspruch genommen, als ich zur Verfügung hatte.«

»Ja …« Matthäus nickte nachdenklich, während er seine Lesebrille aus einer Schublade zog und sie bereit legte. »Und was ist mit dem Rest?«

Christopher ließ sich seine Überraschung nicht anmerken. Eigentlich hätte er nicht erwartet, so glimpflich davonzukommen. Er hatte zwar bisher noch nie versagt, aber er kannte Geschichten von anderen Inquisitoren. Eine Züchtigung war das Mindeste, womit er gerechnet hätte. Doch Matthäus’ Gedanken waren woanders, bei den Städten, der zweiten Hälfte seiner Mission.

»Die Städte«, fuhr er in seinem Bericht fort, »sind Pulverfässer, denen nur noch ein kleiner Funken zum Ausbruch fehlt. Bergen steht ein Krieg zwischen Renegaten und Schatten bevor. Hamburg erhält Menschentransporte aus Afrika. Berlin befindet sich am Rande eines Volksaufstandes.«

Nach einer kurzen Pause setzte Matthäus die Brille auf und ergriff Schreibblock und Papier. »Erzähl mir mehr davon.«

»Vor Bergen wurde letzte Woche ein gesunkener Frachter aus dem Sund gezogen, bis an den Rand gefüllt mit ertrunkenen Illegalen aus Somalia. Ich habe die Sache ein wenig weiter verfolgt und zwei Dinge herausgefunden. Zum einen wurden diese Transporte inzwischen umgeleitet, sie gehen nicht mehr nach Bergen, sondern nach Hamburg. Zum anderen dürften in den letzten zwei oder drei Jahren in Bergen selbst ungefähr zwanzig- bis dreißigtausend Menschen verschwunden sein. Ich gehe davon aus, dass der größte Teil davon von den Schatten in die Innenwelt gebracht |14|wurde.« Er hielt kurz inne, etwas irritiert davon, dass der Kardinal nicht wie sonst mitschrieb. »Die örtlichen Renegaten bereiten sich auf eine Eskalation vor und bringen Sprengstoffexperten und andere Spezialisten in die Stadt.«

»Hast du heute schon Nachrichten gehört?«

»Nein.«

»Es sieht so aus, als ob die Renegaten das Pulverfass bereits gezündet hätten. In der Nacht hat es in der Unterwelt Bergens zeitgleich drei Sprengstoffanschläge gegeben, zusätzlich Schießereien an mehreren Stellen der Stadt. Die Polizei spricht von einem eskalierten Bandenkrieg.«

Christopher schüttelte den Kopf. »Renegaten. Ganz sicher.«

»Berlin werden wir verlieren«, erklärte Matthäus. Er war wirklich nicht er selbst. Christopher hatte noch nie erlebt, dass der Kardinal solche Informationen preisgab, wenn es nicht die nächste Mission betraf. Und es klang im Moment nicht so, als ob ihn seine nächste Mission nach Berlin bringen würde …

»Was bleibt, ist Hamburg«, fuhr der Kardinal fort und bestätigte Christophers Überlegung. »Wenn wir eine Chance haben, unseren Einfluss nicht zu verlieren, dann dort.«

»Also Hamburg«, schloss Christopher. »Werde ich alleine gehen?«

»Aber Christopher … niemand hat gesagt, dass du nach Hamburg sollst. Ganz im Gegenteil! Du gehst nach Somalia.«

Nach innen war Christopher überrascht, auch wenn er es nach außen nicht zeigte. Afrika? Das war ein heißes Gelände. Es gab kaum Informationen, und außerdem trieben sich dort Agenten des Islams herum. Es gab zwar keinen offenen Krieg zwischen den Weltreligionen, aber die Möglichkeit, einen fremden Agenten auszuschalten, wurde gerne wahrgenommen. Auch die Übernatürlichen waren in Afrika gefährlicher: Die afrikanischen Stämme waren wilder und ruheloser als die europäischen, in den großen Städten gab es Schatten und Ratten im Überfluss.

Und dann ausgerechnet Somalia. Bitterer Bürgerkrieg seit fast |15|einem Jahrzehnt. Ob die Einheimischen dort schon vergessen hatten, was vor sechs Jahren zwischen ihnen und den Amerikanern vorgefallen war? Und ob sie die Erfahrungen auch auf Weiße anderer Nationalitäten übertragen würden?

Du bist ein Profi, beruhigte er sich.

»Wann?«

»So schnell wie möglich. Johannes hat dir ein Paket zusammengestellt.«

Christopher stand auf. »Dann mache ich mich auf den Weg. Was ist mit Maria?«

»Du gehst alleine. Die Zeit reicht nicht, einen Ersatz für deine Agentin zu suchen. Um Maria kümmern wir uns.«

»Eure Eminenz.« Noch einmal erhob er sich zum Gehen.

»Viel Erfolg, Inquisitor. Und möge Gott mit dir sein.«

Nachdenklich verließ Christopher die Katakomben.

 

Christophers Hotel lag in der Via Giovanni da Empoli im Stadtviertel Testaccio, etwa eine halbe Stunde vom Vatikan entfernt. Wie üblich waren die Straßen auf dem Weg dorthin vollgestopft mit hupenden Fiats und stinkenden Mofas. Überall am Straßenrand priesen fliegende Händler lautstark ihre Ware an, während ganze Schwärme von Taschendieben nach leichtfertigen Touristen Ausschau hielten.

Sein T-Shirt klebte an seinem Körper, als er schließlich den Eingang des Hotel Primus erreichte. Drei Sterne hatte der Besitzer darüber gehängt, mindestens einen zu viel, wenn es nach Christopher ging. Immerhin war das Personal verschwiegen und zurückhaltend, was der Inquisitor sehr schätzte. Er wusste, dass er ein begehrter Mann war. Er hatte Feinde. In acht europäischen Staaten hatte er bisher getötet, alles im Auftrag der Kirche. Nicht immer war er unentdeckt geblieben. Es gab genügend Menschen, die sein Gesicht kannten, ein paar wenige wussten sogar, dass er für die Kirche arbeitete. Über seine Spione hatte er erfahren, dass zwei von ihnen in Rom nach ihm suchen ließen.

|16|Und das waren nur seine Feinde außerhalb der Kirche. Der Vatikan selbst mit seinen Sünden und Intrigen war noch eine viel größere Gefahr. Es gab Kardinäle, die Matthäus für seine Arbeit für die Inquisition hassten, es gab andere, die seine Stelle begehrten. Wie viele davon würden davor zurückschrecken, einen seiner Inquisitoren zu erpressen oder gar zu foltern, um an Informationen zu gelangen, mit denen sich Matthäus selbst unter Druck setzen ließe? Welcher von Christophers sieben verbliebenen Agenten war ehrgeizig genug, ihn zu töten, um an seinen Posten zu gelangen? Und natürlich gab es Kollegen, andere Inquisitoren, die ihm seine Erfolge neideten oder ihn dafür hassten, dass Matthäus ihre Aufträge an ihn weiterleitete, wenn sie nicht vorankamen.

Der Portier, ein kleiner Mann mit Halbglatze, verschwitztem Hemd und dickem Bauch, gab ihm mit einem freundlichen Gruß den Zimmerschlüssel. Christopher eilte nach oben und beobachtete durch die Vorhänge im Treppenhaus hindurch eine Weile die Straße, um sich zu vergewissern, dass ihm niemand gefolgt war. Dann erst ging er zu seinem Zimmer im dritten Stock, das letzte im Korridor auf der rechten Seite.

Dort beugte er sich zu Boden, um sich zu vergewissern, dass sein Siegel noch unbeschädigt war. Es war ein Haar, mit Sekundenkleber zwischen Türrahmen und Tür gespannt, praktisch unsichtbar und nicht zu bemerken, wenn man nicht wusste, nach was man suchte. Es war noch dort. Leise steckte er den Schlüssel in das Schloss und öffnete die Tür.

In dem kurzen Gang, von dem Schlafzimmer und Bad abgingen, zog er seine SIG und verschloss die Tür hinter sich. Mit der Pistole im Anschlag warf er einen Blick in das Badezimmer, bevor er das Schlafzimmer betrat. Alles schien so, wie er es am Morgen hinterlassen hatte. Doch Christophers Job brachte eine gewisse Paranoia mit sich, so dass er sich erst entspannte, nachdem er sich auch vergewissert hatte, dass auch die Siegel an den Fenstern noch intakt waren. Nachdem er die Pistole auf den Tisch gelegt hatte, zog er das verschwitzte T-Shirt aus, schlüpfte aus Stiefeln und Socken |17|und nahm ein Bier aus dem Kühlschrank. Müde ließ er sich auf sein Bett sinken, legte die Beine auf den Tisch und schaltete mit der Fernbedienung den Fernseher ein. Fünf Minuten lang gaffte er irgendwelche brutalen Trickfilme, bei denen sich Comictiere gegenseitig in ihre Bestandteile zerprügelten, bevor es ihm zu dumm wurde und er weiterschaltete.

Die Tür des Badezimmers sprang auf. Noch bevor er zu seiner Waffe greifen konnte, war die Mündung einer Pistole auf ihn gerichtet. »Keine Bewegung!«, stieß die Frau dahinter aus.

Christopher erstarrte. In Sekundenbruchteilen hatte er erkannt, dass er die Pistole nicht rechtzeitig erreichen würde. Zu viel Zeit, in der sie schießen konnte. Und sie würde schießen. Ganz langsam hob er seine Hände nach oben und ließ sich zurück auf das Bett sinken.

»Hallo, Maria.«

»Hallo, Christopher.« Vorsichtig, die Pistole weiter auf ihn gerichtet, trat sie an den Tisch und nahm die SIG an sich. Sie steckte sie in ihren Hosenbund und setzte sich ihm gegenüber auf den kleinen Sessel. Sie trug weite, weiße Sommerhosen, ein hellblaues T-Shirt und Sandalen, ihre braunen langen Haare waren gelockt und gepflegt. Ihr sonnengebräuntes Gesicht war ungeschminkt, doch Maria hatte das noch nie nötig gehabt. Ihre großen braunen Augen, die vollen Lippen und ihre geschwungenen Wangenknochen machten sie auch ohne Schminke schön. »Hör auf, mich so anzusehen, Christopher!«, forderte sie barsch.

Er zuckte mit den Schultern und sah zur Decke. »Was willst du?«

»Als erstes deine Hosen.«

Christopher brauchte einen Moment, um das zu verarbeiten. »Was

»Deine Hosen. Solange du noch etwas anhast, weiß ich nicht, ob du nicht doch noch eine Waffe an dir hast.«

»Du weißt, dass ich nur eine Pistole trage!«

Nun war es an ihr, mit den Schultern zu zucken. »Die Zeiten ändern sich.«

|18|Schicksalsergeben stand Christopher auf und schlüpfte aus seiner Jeans. Er warf ihr einen kurzen Blick zu. Ihre kalte Miene war Aufforderung genug, und so schlüpfte er auch aus seiner Unterhose. Splitternackt setzte er sich wieder auf sein Bett. Er fühlte sich bescheuert, und das ärgerte ihn. Sie hatte es geschafft, ihm die Konzentration zu nehmen. Er hatte sie gut trainiert. »Kann ich jetzt wenigstens die Hände runternehmen?«, fragte er.

»Ja. Aber eine falsche Bewegung und du bist tot, Christopher.«

Er nickte. Er glaubte ihr. Langsam ließ er seine Arme neben sich auf das Bett sinken.

»Du hast einen riesigen Fehler gemacht«, erklärte er ihr.

»Nicht nur einen«, gab sie zurück. »Aber ich bin der festen Überzeugung, dass das hier kein Fehler ist. Es ist der erste Schritt, meine Fehler wiedergutzumachen.«

»Wie willst du etwas wiedergutmachen, wenn du tot bist?«

»Hat der Kardinal dir den Auftrag zu geben, mich umzubringen?«

»Natürlich nicht. Er weiß von unserer Affäre. Er ist nicht dumm.«

»Würdest du mich verraten?«

Christopher verdrehte die Augen. »Du kennst die Antwort.« Und sie lautete nein. Sein eigener, kleiner Verrat an der Kirche. Er liebte sie immer noch, auch wenn zwischen ihnen schon seit einem Jahr nichts mehr lief. Er wunderte sich bloß, ob sie ihm das glaubte. Wenn nicht, würde sie ihn erschießen. Er wollte nicht sterben. Nicht so. »Aber sie werden dich trotzdem finden, früher oder später. Du darfst sie nicht unterschätzen!«

»Was ich von dir will«, erklärte sie, entschlossen das Thema wechselnd, »sind Informationen.«

Christopher seufzte. »Welche?«

»Alle.«

»Du erwartest, dass ich die größten Geheimnisse der Kirche ausplaudere, nur weil du eine Pistole in meine Richtung hältst?«

»Nein. Wenn du mir nichts erzählst, behaupte ich bei deinen |19|Kollegen, dass du mir zuviel erzählt hast.« Ihre Stimme war kalt. Sie war entschlossen, daran bestand kein Zweifel.

Christopher dachte intensiv nach, bevor er antwortete. Wenn seine »Kollegen« ihr glaubten, würden sie ihn ohne Zweifel bei Matthäus anklagen. Das würde ihn seinen Kopf kosten, und zwar im genauen Sinne des Wortlauts. Aber würden sie ihr glauben? Was wusste Maria, das sie nicht wissen durfte? Hatte er ihr etwa schon zu viel erzählt, in der Zeit, in der sie ein Paar gewesen waren?

»Warum?«, fragte er, um mehr Zeit zum Nachdenken zu gewinnen. »Bist du ein Spion? Bist du zu einem anderen Inquisitor übergelaufen?« Er traute es ihr nicht zu, dazu kannte er sie zu gut, aber es würde sie ablenken. Und die beste Ablenkung waren Emotionen. »Gehst du mit ihm auch ins Bett?«, legte er deshalb noch nach. Er wusste, dass er sie damit verletzte. Er wollte es nicht, aber er musste jeden Vorteil nutzen, den er kriegen konnte. Ablenkung bedeutete Fehler. Maria hatte bisher keinen gemacht.

»Nein«, antwortete sie ruhig. Sie hatte sich gut unter Kontrolle. Er hatte trotzdem das Zucken bemerkt, das kurz durch ihr Gesicht gelaufen war. »Ich will nur endlich wissen, worum es geht.«

»Worum es geht?« Er stellte sich dumm.

»Es, ja. Die Arbeit, die wir machen. Der Krieg gegen die Ketzer. Es steckt mehr dahinter, als es den Anschein macht. Viel mehr.«

»Wie kommst du darauf?«

»Sie bekämpfen sich gegenseitig, das habe ich nun schon mehrfach erlebt. Es sind nicht einfach die Ketzer. Sie haben Parteien und kämpfen für verschiedene Ziele. Und ich glaube, dass sie nicht alle schlecht sind.«

»Was genau hast du erlebt?«

»Hör auf damit! Ich stelle hier die Fragen!«

Christopher nickte. Er hatte nicht damit gerechnet, viel mehr aus ihr herauszubekommen. »Fang an.«

»Was weißt du über Phantome?«

Diese Frage überraschte ihn nun doch. »Wo hast du denn davon gehört?«

|20|»In Norwegen. Du weißt, dass ich dort nach dir gesucht habe?«

»Ja.«

»Nun, in Trondheim bin ich über einen Ketzer gestolpert, während ich auf den Kontaktmann gewartet habe. Es war reiner Zufall. Er kam mit einem Bus aus den Hügeln, sprach einen fürchterlichen Akzent und fragte einen Mann neben mir, ob er ihm den Fahrplan erklären könnte.«

»Hätte auch einfach jemand sein können, der etwas zurückgezogen lebt.«

»Nein. Er hatte sooo breite Schultern.« Sie deutete kurz mit den Händen an, wie breit sie waren. Zum ersten Mal war die Pistole für einen Moment nicht auf ihn gerichtet. Sie entspannte sich langsam. Ein gutes Zeichen. »Und mein Instinkt sagte mir, dass ich recht hatte. Nun, ich dachte mir, wenn ich dich schon nicht finde, um Antworten zu erhalten, kann ich vielleicht ihn danach fragen, also bin ich ihm zusammen mit Marten gefolgt. Er nahm den Bus in Richtung Åndalsnes. Bei Kleive wurden wir dann angegriffen.«

»Wovon?«

»Etwas Riesigem. Es hat den Bus von der Straße gefegt, als ob es Spielzeug gewesen wäre, und anschließend damit begonnen, die Insassen umzubringen. Der Ketzer und ich sind zum Glück bei dem Unfall aus dem Bus geschleudert worden, sonst hätte es uns wahrscheinlich ebenfalls getötet. Ich habe ihn beobachtet, wie er zurück ist und sich dem Ding gestellt hat. Sie haben gekämpft, er mit einem winzigen Dolch, gegen dieses Phantom, eine Schlange einen Meter im Durchmesser, vielleicht zwanzig lang. Ich bin davon. Oben auf der Straße sammelte mich Tom auf. Als der Ketzer aus dem Wald kam, haben wir ihn mitgenommen.«

»Und? Was hast du von ihm erfahren?«

Maria verzog das Gesicht. »Nichts.«

»Nichts?«

»Nein. Ich war zu schockiert, um ihm Fragen zu stellen. Er hieß Ronan, so viel weiß ich immerhin. Und es war ein Phantom.« Ihre Miene verfinsterte sich plötzlich, als sie bemerkte, dass schon wieder |21|er die Fragen stellte und nicht sie. »Ich sagte gerade schon, dass du aufhören sollst damit! Ich möchte wissen: Wer sind die Parteien? Wofür kämpfen sie? Und was ist die Rolle der Kirche bei alledem?«

Christopher musste nicht mehr lange nachdenken. Er hatte inzwischen genügend Informationen gesammelt. Maria würde ihn nicht verraten. Sie hatte auch nicht vor, zur Kirche zurückzukehren. Sie stand kurz davor, einen persönlichen Feldzug gegen das Böse anzutreten. Sie brauchte seine Informationen, um zu entscheiden, wer für sie das Böse war. Wenn sie diese Information hatte, würde sie losziehen und kämpfen. Die Kirche hatte nichts von ihr zu befürchten. Und somit beschloss er, ihre Fragen zu beantworten. Es war sein Todesurteil, sollte sie jemals in die Fänge seiner Kollegen geraten. Aber er liebte sie immer noch.

»Es gibt drei große Parteien«, begann er. »Die eine Partei sind die Schatten, teuflische Kreaturen, die nicht von dieser Welt stammen. Sie sind sadistisch, gewalttätig und aggressiv, besitzen magische Kräfte und kämpfen um so etwas wie die Weltherrschaft. Die Zelle auf dem Kosovo, das waren Schatten. Ihre Gefolgsleute sind die Rattenmenschen, denen wir in Sarajevo begegnet sind. Sie entführen große Menschenmengen, um sie in die Innenwelt zu bringen.«

»Ist das wirklich eine Parallelwelt?«

Christopher zuckte mit den Schultern. »Genau weiß das keiner. Außer Schatten und Hexern ist von dort noch niemand zurückgekehrt.«

»Hexer?«

»Hexer sind die zweite Partei. Soviel ich weiß, leben sie in der Innenwelt in einer Art Stammeskultur. Sie sind Erzfeinde der Schatten und versuchen eher, den menschlichen Fortschritt aufzuhalten und die Natur zu schützen. Noch vor sechzig Jahren haben sie Forscher getötet und Universitäten in die Luft gejagt. Außerdem hassen sie die Kirche, aus welchem Grund auch immer. Angeblich stört unsere Religion ihre Magie.«

»Was war vor sechzig Jahren?«

|22|»Der Zweite Weltkrieg.«

Maria verdrehte die Augen. »Wirklich?«

»Immer mit der Ruhe«, beschwichtigte Christopher. »Der Zweite Weltkrieg war mehr als nur das, was in den Geschichtsbüchern steht. Die Hexer nennen ihn den Letzten Germanenkrieg. Damals sind sich in der Innenwelt die Hexer der Germanen und einer Allianz der anderen gegenseitig an die Gurgel gegangen. Die Germanen existieren seitdem nicht mehr, und der Rest ist sehr geschwächt. Momentan haben sie ihre Hände voll damit, die Schatten in Zaum zu halten, und lassen die Kirche größtenteils in Ruhe.«

»Und die Phantome?«

»Phantome sind böse Geister. Geister der Schatten. Sie sind selten hier in unserer Außenwelt, und wenn, dann selten von besonderer Macht. Was du beschreibst, ist ungeheuerlich stark für ein Phantom.«

»Also war dieser Ronan ein Hexer«, dachte sie laut nach. »Und Veronika wahrscheinlich auch …«

»Veronika?«

»Veronika Wagner. Du hast bestimmt von ihr gehört.«

»Ja.« Noch vor ein paar Wochen hatte der Name sämtliche Schlagzeilen gefüllt. Eine deutsche Offizierin, die auf dem Kosovo einem ihrer Männer den Kopf abgeschnitten hatte. »Du bist ihr begegnet?«

Maria nickte. »Ich war es, die ihr den Tipp gegeben hat, ihm den Kopf abzuschneiden. Er war ein Kontaktmann der Zelle und wahrscheinlich ein Schatten, wenn ich mir das so überlege.« Für eine kurze Zeit schwieg sie nachdenklich. »Es kam mir so vor, als ob sie selbst nicht wusste, was sie war. Als ob sie noch ahnungsloser war als ich. Ist das möglich?«

»Ja. Soviel wir wissen, kann jeder Mensch zu einem Hexer werden. Die Stämme suchen die Außenwelt ständig nach jungen Hexern ab, aber manchmal übersehen sie welche. Außerdem gibt es Leute, die ein paar magische Fähigkeiten haben, ohne Hexer zu |23|sein. Sie nennen sie Talente. Die fallen offenbar weniger auf und werden deshalb seltener entdeckt.«

»Und die Kirche? Was ist die Rolle der Kirche bei alledem?«

»Wir jagen alles, was übernatürlich ist. Die Schatten sind böse, und die Hexer sind unsere Feinde.«

»Was? Das ist alles?« Maria schien es nicht fassen zu können.

Christopher zuckte mit den Schultern.

»Hast du schon mal daran gedacht, dass diese Schatten höchstwahrscheinlich viel gefährlicher sind als die Hexer? Vielleicht können wir uns mit den Hexern verbünden!«

Einhunderttausend Mal bereits, dachte er. Doch das sagte er nicht »Ich bin nur ein Inquisitor, Maria. Die Kurie entscheidet über Politik. Ich erledige bloß meinen Job.«

Sie schnaubte. »Ja. Ohne Bedenken und Gewissen. Ein perfekter Killer.«

Er gab ihr keine Antwort. Sie brauchte ein paar Augenblicke, um das zu realisieren. »Was ist deine nächste Mission?«, fragte sie schließlich.

»Somalia. Vielleicht freut es dich zu hören, dass ich dort gegen die Schatten operieren werde. Und du? Was wirst du tun?«

»Ich weiß es noch nicht … Ich glaube, als Erstes werde ich versuchen, Veronika aus dem Gefängnis zu holen. Ich kann das, was ich vorhabe, nicht alleine machen. Und wenn sie tatsächlich eine Hexerin ist, hat sie vielleicht Kräfte, die mir helfen könnten.«

Christopher nickte. Noch einmal schwiegen sie sich an. »Darf ich mich wieder anziehen?«, fragte er schließlich.

Sie zog kurz die Augenbrauen nach oben. »Nein. Damit wartest du schön, bis ich hier weg bin.« Sie stand auf und ging zur Tür.

»Meine SIG«, erinnerte er sie.

»Die werfe ich in den Mülleimer am zweiten Treppenabsatz.

« Er nickte. Sie sperrte die Tür auf. Ihre Pistole steckte sie erst dann in ihre Jacke, als sie nach draußen trat.

»Viel Glück«, rief er ihr hinterher.

Sie konnte es brauchen …

|24|VERONIKA

Haftanstalt Berlin-Moabit, Deutschland

Sonntag, 11. April 1999

Die Außenwelt

 

 

Es war Sonntagabend. Bald war es Sonntagnacht. Auf den langen Korridoren herrschte Totenstille. Kein Flüstern, kein Seufzen, kein Schreien, keines der üblichen Geräusche, die sonst die Abende und Nächte ausfüllten. Eine ängstliche Stille, unheilsschwanger und dräuend. Denn jeder hier wusste, was in den Nächten zwischen Freitag und Montag passierte im Block III der Haftanstalt Moabit, dem Frauentrakt. Jeder. Es gab keine, die nicht Angst davor hatte.

In den langen Wochenendnächten waren sie Freiwild. Freiwild für die Aufseher der anderen Blöcke, die den Wächterinnen von Block III gutes Geld dafür bezahlten, dass sie am Wochenende ihren Spaß haben konnten.

Missbrauch. Notzucht. Schändung. Es gab viele Worte für die gleiche Tat.

Vergewaltigung.

Letzte Woche hatte sich ein Mädchen mit einem Betttuch erhängt, nachdem sie das ganze Wochenende lang missbraucht worden war. Seitdem wechselten die Wachmänner durch, jede Nacht eine andere. Niemand war sicher. Früher oder später erwischte es jede. Gestern war es Mareike aus ihrer Zelle gewesen. Eine Neue hier im Knast, ihr Kopf kahlrasiert von der Entlausung. So wie Veronika. Glatzköpfig zu sein war kein Ausschluss, neu zu sein dagegen ein Bewerbungsschreiben. Und Veronika war erst seit drei Wochen hier.

Sie war noch neuer als Mareike.

|25|Schweigend und schwitzend lag sie in ihrer Koje, mit rasendem Herzen und stoßweisem Atem. Sie hatte Angst. Angst so nahe an der Panik, dass sie kaum noch fähig war, klar zu denken. Sie fragte sich, wie viel mehr Angst es brauchte, um einen Herzinfarkt oder Schlaganfall auszulösen. Es konnte nicht viel sein. Ihr Blutdruck hatte bestimmt sämtliche Höchstwerte längst hinter sich gelassen. Jeder Pulsschlag sandte einen stechenden Schmerz durch ihren Schädel.

Sie wusste, dass es sie heute treffen würde. Sie wusste es. Ihre Intuition war gut. Wenn sich auch ihr gesamter restlicher Verstand längst verflüchtigt hatte, so konnte sie sich doch ihrer Intuition sicher sein. Heute war sie dran.

»LASST MICH HIER RAUS!«, kreischte sie hysterisch mit sich überschlagender Stimme. »ICH WILL HIER RAUS!!!«

»Halt die Fresse!«, blaffte Mareike ihr gegenüber vom zweiten Stockbett.

Veronika starrte die Decke an, einen halben Meter über ihrem Gesicht. Mareike hat leicht reden, stimmt’s? Sie war gestern dran, sie kann es heute nicht noch einmal erwischen!

Leicht reden … Veronika hasste sich für den Gedanken. Er war niederträchtig und gemein und so tief, wie sie nie hatte sinken wollen. Genauso, wie sie sich für ihre Feigheit und Schwäche hasste. Jahrelang hatte sie es geschafft, eine starke Frau zu sein, bei der Bundeswehr – zuerst als Sanitäter, dann als Fallschirmjäger, anfangs als einfache Soldatin, später als Unteroffizierin, schließlich sogar als Offizierin. Zwei Feldbeförderungen hatte sie erhalten, die bekam man nicht als Feigling. Veronika war stark!

Doch sie war keine starke Frau. Sie war nur ein Mädchen, fünfundzwanzig zwar, aber nur ein Mädchen. Ein Mädchen, das leben wollte! Einfach nur leben! Stattdessen war sie zur Bundeswehr gekommen, sie hatte das Geld gebraucht, und plötzlich waren da die Beförderungen gewesen, eine nach Somalia 1993 nach der großen Schlacht von Mogadischu, in die die deutschen Sanitäter irgendwie hineingeraten waren, eine nach Sarajewo, und mit ihnen die |26|Gehaltserhöhungen, die sie so dringend brauchen konnte, die Versetzung zu den Fallschirmjägern und die Verpflichtung, Männer anzuführen. Plötzlich hatte sie nicht mehr ein Mädchen sein können, plötzlich hatte sie die starke Frau spielen müssen, um sich unter den Machos, den Schießwütigen und den Rechtsradikalen unter den Fallschirmjägern durchzusetzen. Das hatte sie den letzten Rest ihrer Jugend gekostet, ihren Verstand und ihre Freiheit. Und wenn die Wächter wieder gegangen waren, würden sie auch noch ihren Selbstrespekt mitnehmen, und das letzte Stück Unbeschwertheit, das sie bis jetzt retten konnte durch all die schwere Zeit.

Sie würden kommen. Sie würden sie mitnehmen. Sie würden sie –

»ICH WILL HIER RAUS!!!« Ruckartig setzte sie sich auf und schlug sich dabei beinahe den Kopf an der Decke an. Sie ließ sich vom Bett gleiten und rüttelte an den Gittern. »UM GOTTES WILLEN, LASST MICH DOCH RAUS!«

Sofort waren ihre Mitgefangenen zur Stelle, Petra und Nicole, die beiden Gewaltverbrecherinnen. Kräftige Hände packten sie an den Schultern und zerrten sie von den Stäben. »Beruhige dich!«, zischte Petra, und als Veronika noch einmal zum Schreien ansetzte, verpasste sie ihr eine schallende Ohrfeige.

Wie im Traum kletterte Veronika zurück auf ihr Bett, wickelte sich wieder ein in ihre Decke.

Sie war wahnsinnig. Und sie war hier am falschen Ort. Sie gehörte in eine geschlossene Anstalt, nicht in den Knast. Ob sie dort auch Frauen vergewaltigten? Sie hätte es dem Richter gestehen müssen, dass sie durchgedreht war, doch nun war sie hier in Untersuchungshaft und wartete auf den Schauprozess, den die Presse haben wollte, weil man daran zweifelte, dass für Offiziere der Bundeswehr die gleichen Gesetze galten wie für den Rest der Bevölkerung.

Sie war angeklagt, weil sie einen Menschen getötet hatte. Einen ihrer Männer. Den Zugfeldwebel Ulrich, um genau zu sein. Sie |27|hatte ihm den Kopf vom Hals geschnitten. Man hatte sie gefunden, gemeinsam mit der kopflosen Leiche. Der Kopf war nie wieder aufgetaucht. Wenn man der Boulevardpresse glauben wollte, hatte sie ihn gegessen.

Aber selbst wenn nicht: Tot war er, so viel stand fest. Sogar in ihrer trügerischen Erinnerung hatte sie ihn tot gesehen. Getötet von ihrem Schwertanhänger, ein Familienerbstück, das sie über Jahre hinweg als Medaillon um ihren Hals getragen hatte und das plötzlich ein echtes Schwert gewesen war.

Eines war verrückter als das andere. Es war völliger Wahnsinn.

In ihrer Erinnerung war es Notwehr gewesen. Ulrich war plötzlich in ihrem Zimmer aufgetaucht, nur dass es nicht Ulrich gewesen war, sondern ein Monster, eine Kreatur mit Reißzähnen und Klauen in Ulrichs Uniform. Es hatte sich vor ihren Augen verwandelt, und dann war es tatsächlich Ulrich gewesen. Er hatte ihre Pistole ergriffen und sie auf sie gerichtet. Er war drauf und dran gewesen, abzudrücken …

Purer Wahnsinn!

Und als ob das nicht schon reichte, war plötzlich diese Frau durchs Fenster geflogen und hatte ihn niedergestreckt, Fatima, eine Freundin, die sie auf den Straßen Gnjilanes kennengelernt hatte und die von sich behauptet hatte, eine Agentin der Inquisition zu sein. Sie war es, die Veronika dazu aufgefordert hatte, das Schwert zu nehmen und Ulrichs Kopf abzuschlagen.

Dass sie im Gefängnis saß, war nur folgerichtig. Sie war nicht mehr zurechnungsfähig. Sie hatte in ihrem Wahn einen Mann getötet und phantasierte sich eine völlig durchgedrehte Erklärung zusammen. Zugegeben, am Vortag hatte er versucht, sie zu töten, aber das war kein Argument für einen solchen Mord. Und selbstverständlich hatte sie keine Beweise für seine Absichten gehabt.

Aber dass sie dafür durchmachen musste, was ihr nun bevorstand? Sie begann, zu weinen, bitterlich und hysterisch. »HALT DOCH ENDLICH DIE FRESSE!«, rief ihr Mareike hasserfüllt zu, und Veronika konnte sie verstehen. Mareike wusste nicht, was |28|sie wusste. Sie wusste nur, dass es sie gestern erwischt hatte, dass sie das Schlimmste durchgemacht hatte, während Veronika nur zu einer kleinen Wahrscheinlichkeit dasselbe erleiden würde. Ihrer Meinung nach hatte Veronika nicht das Recht darauf, hysterisch zu sein.

Abgesehen davon, dass sie es eben doch hatte. Sie würden kommen. Veronika wusste es. Und sie würden sie mitnehmen.

Wahnsinn.

Ein kleiner Hoffnungsschimmer glomm in ihr auf. Wenn sie wahnsinnig war, war ihre Gewissheit, heute dranzukommen, ebensolcher Wahnsinn. Sie klammerte sich daran, mit all ihrem Verstand, all ihrer Hoffnung.

Zu dumm, dass davon nicht mehr viel übrig war …

 

Sie kamen wieder in Vierergruppen. Die Springerstiefel auf den Gitterböden waren schon von weitem zu hören. Die Lichtkegel ihrer Handscheinwerfer tasteten sich durch den Korridor wie die Finger einer kranken, übergroßen Hand.

Veronika ignorierte ihre Ankunft für den Moment. Sie starrte die Visitenkarte in ihrer Hand an. Sven Lukas, Rechtsanwalt, stand darauf geschrieben, sowie eine Telefonnummer. Er hatte sie besucht, heute Morgen erst, und ihr angeboten, ihr beim Ausbruch zu helfen. Er hatte sogar Andeutungen gemacht, zu wissen, was ihr passiert war, ganz so, als ob sie nicht vollkommen übergeschnappt war. Als sie ihn gefragt hatte, warum er sie befreien wollte, hatte er behauptet, sie für irgendeinen merkwürdigen Krieg zu brauchen. Sie hatte abgelehnt. Sie war zwar Soldatin gewesen, doch sie hatte schon immer versucht, Gewalt zu verhindern, nicht damit anzufangen, sowohl in Sarajevo als auch auf dem Kosovo. Sie fragte sich, wie real ihre Erinnerung an diesen Lukas wohl war. Hatte er ihr tatsächlich angeboten, mit ihr auszubrechen? Oder war er nur ein einfacher Rechtsanwalt, der sie frei kriegen wollte, und nun erbastelte ihr kranker Verstand zusätzliche Erinnerungen, damit sie in ihre bisherige Wahnvorstellung passten? Und sie fragte sich, wie |29|sie seine Hilfe nur hatte ausschlagen können, wenn ihre Erinnerung tatsächlich stimmen sollte. Wie hatte sie nur so dumm sein können! Alles, wirklich alles war besser, als hier darauf zu warten, dass die Männer kommen würden …

Aber halt, rief sie sich plötzlich in die Gegenwart zurück. Das Warten war vorüber. Sie waren bereits da.

Und etwas war anders als sonst …

Sonst waren die Schritte langsam, geradezu sadistisch langsam, während sich die Männer in dem Gefühl badeten, die absoluten Machos zu sein, die Überkerle, die sich nach freiem Willen eines der Hühner herauspicken konnten, um es zu schlachten. Sonst verschwanden die Lichtfinger in regelmäßigen Abständen aus dem Korridor, wenn die Wächter mit ihren Taschenlampen in die Zellen leuchteten und sich überlegten, ob ein ausreichend hübsches Huhn dabei war.

Nicht heute. Heute lag etwas Zielstrebiges in ihren Schritten.

Ein eiskalter Schauer lief Veronika über den Rücken. Sie wusste, was das zu bedeuten hatte. Die Panik des Vorabends ergriff erneut von ihr Besitz.

Oh mein Gott oh mein Gott oh mein Gott bitte lass sie vorbeigehen bitte mach dass es nicht geschieht bitte bitte bitte …

Sie hatte die Augen fest zusammengepresst, um nicht sehen zu müssen, wenn sie da waren. Wenn man sie nicht sah, sahen sie einen auch nicht, oder? Es war ein alter Kinderglaube, und Veronika wusste nur zu genau, welcher Blödsinn das war, aber es war ein Strohhalm, und ein Ertrinkender klammerte sich an alles, was sich ihm bot.

Die Schritte hielten vor ihrer Zelle an. »Die da oben«, sagte eine beinahe jugendlich klingende Stimme. Dieselbe Stimme, die gestern Mareike ausgesucht hatte. Keine Chance, dass er noch einmal Mareike wollte. Es gab die Abmachung. Niemals die gleiche hintereinander. Er meinte Veronika.

Als sie den Schlüssel im Schloss hörte, blieb ihr Herz für einen Moment stehen. Ein benommenes Gefühl machte sich in ihr |30|breit, und sie wünschte sich, jetzt in diesem Moment zu sterben. Oder zumindest ohnmächtig zu werden.

Aber ihr Körper erwies ihr den Gefallen nicht. So klein und zierlich er war, in ihm steckten Sprung- und Kampfausbildung der Fallschirmjäger. Es brauchte mehr als nur Angst, um ihr das Bewusstsein zu nehmen. Sie schrie, als vier starke Arme nach ihr griffen und sie vom Bett zerrten.

Kalte Handschellen verschlossen sich hinter ihrem Rücken um ihre Handgelenke. »Komm schon, mach’s dir nicht schwerer, als es sein muss!«, murmelte eine weiche Männerstimme hinter ihr. Für einen Moment sah sie das vorfreudige, grinsende Gesicht des Jungen, der sie ausgewählt hatte, schweißüberströmt, eine Speckrolle im Nacken, glatzköpfig wie sie. Die Vorstellung, dass er sie gleich …

Es passiert nicht. Du drehst durch. Du bist wahnsinnig. Du brauchst Medikamente. Du brauchst einen Psychiater. Du bist krank.

Sie sagte es in ihren Gedanken auf wie ein Mantra, während die Tränen über ihr Gesicht rannen. Vielleicht würde es wahr werden, wenn sie nur fest genug daran glaubte. Vielleicht konnte sie fest genug daran glauben, wenn sie es nur oft genug dachte.

Sie erreichten die Waschräume. Einer von ihnen betätigte einen Schalter. Grelles Neonlicht flackerte über ihnen auf. Jemand öffnete ihre Handschellen. »Du kannst jetzt duschen«, erklärte eine harte Stimme. Sie gehörte dem Ältesten der Gruppe, graue kurze Haare, ein brauner Schnurrbart, ein unscheinbares Gesicht, wahrscheinlich Familienvater. Keine Regung war in seiner Miene zu erkennen.

Die Regungen in den Gesichtern der anderen waren dafür nur zu deutlich. Der Junge grinste über beide Ohren. Er war bestimmt noch keine zwanzig. Der mit der weichen Stimme war etwas älter, dreiundzwanzig vielleicht, kurzes schwarzes Haar, gebrochene Nase, breite Schultern. Er hatte die Miene eines Fleischers. »Nicht schlecht«, kommentierte er, als er seinen gierigen Blick ihren Körper entlang wandern ließ. Die Stimme wollte nicht zu seinem Äußeren |31|passen. Der Letzte war ungefähr dreißig und erinnerte sie, abgesehen davon, dass er etwas kleiner war, stark an Thomas, ihren letzten Freund. Er war nicht Thomas, aber er hatte dieses gleiche Lächeln, das Mädchenherzen schmelzen ließ, wenn man es nicht genau kannte und durchschaute.

Drei von ihnen starrten sie an. Nur der Familienvater stand abseits, als ginge ihn das alles nichts mehr an. Sie trugen ihre Uniform, mit Schlagstöcken, Pistolen und Schirmmützen. Sie versuchte, die Beulen zu ignorieren, die sich unter ihren Gürtelschnallen gebildet hatten.

»Bitte«, flehte sie. »Bitte …« Ihre Stimme versagte. Sie fand auch keine Worte mehr. Gab es überhaupt Worte, die sie aus ihrer Lage retten konnten? Bitte, lasst mich gehen, ich will doch bloß leben, bitte zerstört mich nicht!, dachte sie verzweifelt, aber das würde die Männer ebenso unberührt lassen wie alles andere.

»Zieh dich aus«, meinte der Fleischer mit der weichen Stimme und dem harten Gesicht, während er quietschend einen Hahn aufdrehte. »Ab in die Dusche!« Wasser begann zu rauschen.

»Oh, Gott, bitte –«

Der Thomas machte einen energischen Schritt in ihre Richtung. Hastig zog sich Veronika das Sweatshirt über den Kopf. Sie trug darunter nur den BH, für ein T-Shirt war ihr der Tag schon lange viel zu heiß gewesen. Das Grinsen des Jungen wurde breiter. Auch die anderen beiden konnten sich die Vorfreude nicht mehr verkneifen.

Veronika zog sich weiter aus und ließ sich Zeit dabei. Das ist nicht schlimm. Du weißt, was auf dich zukommt, dachte sie währenddessen. Es ist wie beim Frauenarzt. Mach die Augen zu und denk an etwas anderes. An etwas Schönes. Sie werden ihre Schwänze reinstecken, ja und? Alles rein körperlich! Es ist nichts anderes als wenn du masturbierst. Sie können dich damit nicht verletzen! Inzwischen trug sie nur noch ihren Slip. Als sie ihre Finger an den Gummibund legte, begannen ihre Hände so sehr zu zittern, dass sie ihn nicht greifen konnte. Erneut stiegen ihr Tränen in die Augen, so schnell, dass sie ihr |32|schon über die Wangen liefen, bevor sie überhaupt begriff, dass sie weinte. Sie wusste: Es ist nicht wahr! Du kannst dich nicht davor verstecken! Es gibt nichts, was dich davor beschützen wird! Es ist nicht wahr! »ES IST NICHT WAHR!«, kreischte sie laut, doch das hätte sie nicht tun sollen. Schnell packten sie die zwei Männer von den Seiten, der Thomas links, der Fleischer rechts, und rissen ihr den Slip vom Leib. »Schnauze!«, flüsterte der Thomas in ihr Ohr. »Sonst prügeln wir dich so lange, dass du uns am Ende darum anbettelst, dich endlich durchzuvögeln!«

Hastig schlüpfte der dicke Junge aus seinen Hosen. »Scheiß auf die Dusche«, keuchte er heiser, »mir geht jetzt schon fast einer ab!«

»Auf die Knie!«, flüsterte der Thomas.

Sie ließen sie los.

Als sie dem nackten Unterleib des Jungen vor sich sah, sein Penis hart und steif, die blanke Eichel dunkelrot geschwollen, kam endlich die Erkenntnis, die alles vernichtete. Die Erkenntnis, dass es passieren würde. Dass niemand ihr helfen würde, dass sie nichts, aber auch gar nichts tun konnte, um es zu verhindern. Sie würden es tun.

Veronika wusste nicht, ob ihr Verstand das noch mitmachen würde. Er war ohnehin schon mehr als angekratzt, hatte einen Mord auf dem Gewissen und noch ein paar Leichen mehr. Würde er das hier überstehen? Würde sie das hier überstehen? Sie hasste sich ohnehin schon. Was würde aus ihrem Selbsthass, wenn das hier vorüber war? Konnte sie danach überhaupt noch weiterleben?

Als sie langsam in die Knie ging, fasste sie den Entschluss.

Sie wollte so nicht weiterleben.

Sie würde sich wehren.

Was auch immer danach mit ihr passierte.

Vielleicht würden sie sie umbringen. Vielleicht würden sie sie so lange … so lange … so lange, bis sie tot war? Sie würden sie schlagen, das auf alle Fälle, bis sie nicht mehr wiederzuerkennen war. Und dann?

|33|Veronika stellte fest, dass es ihr plötzlich egal war. Sie hatte abgeschlossen. Noch immer rannen ihr Tränen über die Wangen, doch nun waren es Tränen des Mitleids. Sie hatte Mitleid mit dem Mädchen, das sie gerne gewesen wäre und nie hatte sein können. Doch als sie nach dem harten Schwanz des Jungen griff, war sie bereits nicht mehr das Opfer. Sie war bereit zum Angriff. Kostete es, was es wollte.

Sie rückte ganz nah an seinen Körper. Der Junge legte seine Hände auf ihre Schultern. »Nimm ihn in den Mund!«, flüsterte er. Es kostete eine kurze Überwindung, zu tun, was sie tun musste. Sie begann bei seinen Eiern. Seine Haut schmeckte salzig auf ihrer Zunge, seine Schamhaare in ihrem Mund waren so ekelhaft, dass sie würgen musste. Sie spürte einen seiner Hoden, spürte ein Zittern durch seinen Körper laufen. Sie schob ihn mit der Zunge zwischen ihre Zähne.

Dann biss sie zu, mit aller Kraft, die sie aufbringen konnte.

Der Hoden platzte mit einem fleischigen Geräusch, dann krachten ihre Zähne mit einem harten Klacken aufeinander. Plötzlich hatte sie den Mund voller Blut. Das Kreischen des Jungen war fürchterlich.

Sie kam hoch, riss den Schlagstock aus seinem Gürtel, wirbelte herum. In einer Welle aus Adrenalin kehrte ihr Kampfsinn zurück, an den sie schon nicht mehr geglaubt hatte, plötzlich spürte sie die Hände der beiden Männer hinter ihr zupacken, noch bevor sie sie berührt hatten. Sie wich ihnen aus, legte den ganzen Schwung der Drehung in einen Rückhandschlag mit dem Stock, traf den Fleischer mitten im Gesicht. Sie hörte Knochen krachen und Zähne splittern, er stieß einen ganz kurzen Schrei aus und ging hart zu Boden. Der Familienvater, vier Meter entfernt, fummelte an den Verschlüssen seines Pistolenholsters, und Veronika wusste plötzlich, dass der Holster des Thomas ungesichert war. Im nächsten Moment hatte sie seine Pistole in der Hand, richtete sie im beidhändigen Anschlag auf den Vater, drückte ab. BAMMM donnerte der Schuss in dem kleinen Raum, und noch einmal, |34|BAMMM, und noch einmal, BAMMM, der Mann stürzte zu Boden, während rote Blumen auf seinem Uniformhemd knospten, BAMMM, dann lag er, und Veronika musste auf ihn zugehen, um weiter auf seine Brust zielen zu können, BAMMM, BAMMM,

BAMMM, Klick.

Abrupte Stille setzte ein.

Es war vorbei.

Der Schlitten der Pistole war zurückgefahren, das Magazin leer. Von der Mündung stieg eine dünne Rauchfahne auf. Eine Patronenhülse rollte mit metallischem Geräusch über den Boden. Eine zerbrochene Fliese fiel von der Wand. Die Blutlache unter dem Familienvater wurde rasch und lautlos größer. Der Junge saß zusammengekrümmt in einer Ecke und wimmerte leise. Der Fleischer lag regungslos unter der rauschenden Dusche. Sein Blut vermischte sich mit dem Wasser und lief als fleischige Brühe in den Abfluss. Der Thomas stand mitten im Raum, zur Salzsäule erstarrt, seitdem sie seine Pistole gezogen hatte. Selbst jetzt, wo ihr Magazin leergeschossen war, wagte er nicht, sich zu rühren. Ihr Kampfsinn sah in ihm schon lange keine Bedrohung mehr, er war ein Mann der großen Worte und der kleinen Taten.

Veronika ging neben der Leiche des Familienvaters in die Knie und nahm die Pistole aus seiner Hand. Sie nahm auch die Handschellen von seinem Gürtel und die Schlüssel aus seiner Tasche. Dann erst wandte sie sich wieder zu dem Thomas, der sie anstarrte wie einen Dämon aus der Hölle.

»Deine Klamotten«, stieß Veronika aus.

 

Die Schüsse waren gehört worden. Sirenen schrillten, Hundegebell hallte durch die Gänge, Wächterinnen schrien mit sich überschlagenden Stimmen Kommandos. Unter normalen Umständen hätte sich Veronika darüber gefreut, dass sie nicht die einzige Frau war, die ihre Stimme in solchen Situationen nicht ganz unter Kontrolle hatte, doch im Moment registrierte sie es nur am Rande. Ihre Flucht nahm ihre vollste Aufmerksamkeit in Anspruch. Sie rannte. |35|Ihr Atem kam rau und stoßweise. Heißer Schweiß lief ihren Nacken hinab und saugte sich in ihr Shirt. Ihr Herz schlug hart gegen ihre Brust.

Das Adrenalin in ihrem Körper hatte die Hyperwahrnehmung in ihr geweckt. Die, die zu ihren Feldbeförderungen geführt hatte. Sie wusste, wo sie war. Sie wusste, wo ihre Verfolger waren. Sie wusste, wie die Korridore angeordnet waren und wo sich die Sicherheitstüren befanden. Selbst die Wachmänner wurden von ihrem Instinkt erfasst.

Es war ein weiterer Schritt in den Wahnsinn.

Sie warf sich flach auf den Boden, als sie einen ihrer Verfolger vor sich spürte. Und tatsächlich lief nur einen Augenblick später vor ihr eine Wächterin in den Gang. Ihr Scheinwerfer flammte auf, Veronika rollte sich zur Seite, und der lange, blasse Strahl tastete sich an ihr vorbei bis zum Ende des unbeleuchteten Ganges. Die Wächterin rannte zurück und verschwand im Querkorridor.

Veronika rappelte sich auf. Wenn das Wahnsinn ist, dachte sie, während sie sich langsamer zu der Kreuzung schlich, warum habe ich dann verdammt noch mal so oft recht?! Sie hatte gewusst, dass sie auf dem Boden in Sicherheit sein würde! Sie lief den Querkorridor in der entgegengesetzten Richtung davon und gelangte an eine weitere Sicherheitstür. Ihr Gefahrensinn blieb stumm. Hastig schloss sie auf und arbeitete sich eine weitere Sicherheitsstufe nach draußen.

Neben der Tür hing ein anthrazitfarbenes Telefon an der Wand. Sie fragte sich kurz, ob man von hier wohl nach draußen rufen konnte, griff nach dem Hörer und tippte auf die Null. Das Freizeichen erklang. Hastig wählte sie die Nummer, die sie in den langen Stunden des Tages so oft angestarrt hatte, dass sie sie längst auswendig kannte, und zog dann den Hörer mit sich in einen Türrahmen.

Während das Telefon tutete, schien das Hundegebell langsam näher zu kommen. Nimm endlich ab, beschwor sie Lukas. Jeder |36|Moment, den sie hier verlor, konnte der entscheidende sein. Zwar waren die Wächter bisher verdammt schlecht darin gewesen, den Weg vor ihr abzuriegeln, doch mit den Hunden war es nur eine Frage von Minuten, bis sie sie hatten. Abgesehen davon würden sie es wahrscheinlich irgendwann doch noch schaffen, sich zu organisieren.

»Lukas«, meldete sich eine verschlafene Stimme.

Ihr Herz machte einen Satz. »Hier Wagner! Veronika Wagner! Sie haben mir angeboten, mich hier herauszuholen, Sie erinnern sich?«

»Ja. Haben Sie –«

»Hören Sie, ich brauche Ihre Hilfe JETZT. Ich bin aus meiner Zelle entkommen, aber sie sind hinter mir her. Ich weiß nicht, wie lange ich mich vor ihnen verstecken kann.«

Ohne Übergang war Lukas’ Stimme plötzlich der Ausdruck purer Sachlichkeit. »Okay, bleiben Sie ruhig. Wir haben Ihren Ausbruch bereits vorbereitet. Wenn Sie es schaffen, unten an das Ende des Ostflügels zu gelangen, können wir Ihnen helfen. Aber halten Sie sich von der Mauer fern!«

»Ich versuche es.« Damit hängte sie auf und hetzte weiter.

Der nächste Korridor war beleuchtet. Sie hastete ihn entlang so schnell sie konnte, achtete nicht auf ihre brennenden Lungen oder ihre schmerzenden Beine. Sie spürte eine Wächterin vor sich, doch die Seitentüren des Ganges waren verschlossen, es gab kein Versteck. Sie riss die Pistole hoch in beidhändigem Anschlag, zielte etwas zu hoch, um sicherzugehen. In dem Moment, bevor die Wächterin um die Ecke bog, drückte sie ab.

Der Schuss krachte wie Donner. Die Wächterin, zu Tode erschrocken, warf sich zu Boden, als Veronika auch schon über ihr stand, die Pistole mit beiden Händen auf sie gerichtet. »Keine Bewegung«, zischte sie, »und weg mit der Waffe!«

Die Wächterin legte ihre Pistole vorsichtig zu Boden und ließ sie mit schreckgeweiteten Augen in ihre Richtung schlittern. Veronika stoppte sie mit dem Fuß, wollte sich schon danach bücken, |37|doch ihr Gefahrensinn trieb sie weiter. Mittlerweile konnte sie bereits das wütende Geifern der Hunde hören.

Sie rannte einen weiteren Querkorridor entlang, dann noch einen. Der Ausgang, den sie sich ausgesucht hatte, lag klein und unbedeutend am Rand der Flurkarte in ihrem Kopf. Ein Seitenausgang, im Chaos ihres Ausbruchs und der Sonntagnacht, in der die Wächterinnen nicht auf ihren gewohnten Posten standen, vielleicht unbewacht. Von dort aus sollte es ihr eigentlich gelingen, es zu ihrem Treffpunkt mit Lukas zu schaffen.

Falls er kam.

Falls sie sich das Telefongespräch mit ihm nicht eingebildet hatte.

Dann war das Bellen plötzlich und abrupt hinter ihr. Direkt hinter ihr. Ihre Zeit war abgelaufen. Sie bog noch einmal ab, sah vor sich den Ausgang. Unbewacht. Sie hetzte den Korridor entlang, riss schon auf halbem Wege den Schlüssel aus der Tasche. Ihre Intuition verriet ihr, welcher der richtige war.

Sie prallte auf die Tür. Mühevoll fummelte sie den Schlüssel ins Schloss. Als er endlich drinnen war, warf sie einen kurzen Blick über die Schulter und bereute ihn sofort. Drei Schäferhunde rannten auf sie zu, mit angelegten Ohren und wütendem Knurren, viel näher, als sie erwartet hatte. Mit einem spitzen Schrei riss sie die Tür auf, sprang nach draußen und schlug sie hinter sich zu. Das Bellen verstummte schlagartig.

Japsend ließ sie sich gegen die Türe sinken. Ihre Lungen schienen zerreißen zu wollen, so sehr musste sie nach Luft schnappen, ihr Puls hämmerte im Stakkato in ihrer Brust. Sie konnte für ein paar Augenblicke an nichts anderes denken als an ihren Atem.

Aber sie hatte es geschafft, dachte sie, als sie sich wieder ein wenig beruhigt hatte – für den Moment zumindest. Sie sah sich hastig um. Der Ausgang, aus dem sie gerade gekommen war, war ein Notausgang gewesen, in irgendeinem Wachraum leuchtete jetzt bestimmt ein Warnsignal auf. Doch ob das bereits von den Wächtern bemerkt worden war? Der Platz vor ihr lag jedenfalls noch in |38|Dunkelheit, abgesehen von den Scheinwerfern auf den Wachtürmen, deren Leuchtfinger sich über das Gelände tasteten. Die Mauer selbst war beleuchtet, nur am Ende des Ostbaus war einer der Lichtmasten ausgefallen. Sie fragte sich kurz, ob es Zufall war, dass Lukas sie ausgerechnet dort haben wollte. Jetzt war nur noch die Frage, wie sie es bis dahin schaffen sollte.

Sie hatte den Gedanken gerade zu Ende gedacht, als das Schrillen der Sirenen plötzlich hinter einem dumpfen, dennoch unglaublich lauten Knall verschwand. Beton- und Mauerstücke flogen Veronika um die Ohren. Von einem Moment auf den anderen war die Luft erfüllt von Staub und Korditgeruch. Wachen schrien aus ihren Türmen, plötzlich waren die Leuchtfinger der Scheinwerfer auf die immer größer werdende Staubwolke gerichtet.

»FRAU WAGNER!«, brüllte jemand.

Veronika rannte los. Es waren etwa sechzig Meter bis zur Mauer, fünfzig davon den Ostbau entlang. Ein Scheinwerfer strich auf halbem Weg über sie, doch nichts passierte, niemand schoss. Mit pochendem Herzen lief sie durch die Bresche in der Mauer, wo zwei Männer mit alten Bundeswehr-Parkas und Sturmhauben über dem Gesicht warteten. Beide trugen Maschinenpistolen, mit denen sie auf die angrenzenden Wachtürme zielten.

»Frau Wagner?«, fragte einer der beiden.

Veronika nickte atemlos.

»Kommen Sie!«

Der Mann huschte zwischen zwei Gebäuden hindurch auf eine große, vierspurige Straße, wo bereits ein dunkelgrüner Lada-Geländewagen mit laufendem Motor wartete. Der Mann hielt ihr die Tür zur Rückbank auf, sie rutschte hastig hinein. Die beiden Maskierten stiegen zu ihr, einer von ihnen klopfte dem Fahrer gegen den Oberarm, worauf dieser einen Gang einlegte und losfuhr. Veronika ließ sich erschöpft in den durchgesessenen, staubigen Sitz sinken.

Der Fahrer nahm eine Hand vom Lenkrad und reichte ihr damit ihr Schwert-Medaillon nach hinten. Es war Sven Lukas, doch |39|das nahm sie nur ganz am Rande wahr, denn ihre Aufmerksamkeit war vollständig auf das Medaillon gerichtet. Tränen stiegen ihr in die Augen, sie musste lachen wie ein kleines Kind, als sie die Erkenntnis traf. Ihr Kampfsinn existierte. Ihr Gefahrensinn existierte. Das Gespräch mit Sven Lukas hatte offenbar genau so stattgefunden, wie sie es in Erinnerung gehabt hatte. Konnte da die Erinnerung an jene Nacht mit dem Ulrichmonster und Fatima eine Täuschung sein?

Sie schüttelte den Kopf. Sie war nicht wahnsinnig …

|40|MICKEY

Heart’s Dancing Club, Bergen, Norwegen

Montag, 12. April 1999

Die Außenwelt

 

 

Der Catwalk des Heart’s Dancing Club war verwaist, der Zuschauerraum leer und still. Es gab niemanden, der über das Mikrophon die Vorzüge der Tänzerinnen anpries, es gab keine Bedienungen, die sich um die Bedürfnisse der Gäste kümmerten ohne zusammenzuzucken, wenn sie eine Männerhand an ihrem Hintern spürten, es fehlten die notgeilen Männer, die sich kaum noch den Sabber zurückhalten konnten, während sie die Mädchen anstarrten. Es war Montag. Montag war Ruhetag im Heart’s Dancing Club.

Das einzige Licht innerhalb des großen Clubraums schien an der Theke, wo ein paar heruntergekommene Gestalten eingehüllt von einer Wolke aus Zigarettenrauch am Tresen lehnten. Aus verborgenen Lautsprechern war das leise Gedudel eines lokalen Popsenders zu hören. Für diese Auswahl war Jackson verantwortlich, der Barkeeper, der aufgedunsen und gelangweilt hinter seiner Theke lehnte.

Eine Ratte, die Popmusik hört, was für eine Schande! Mickey schüttelte den Kopf, als er den Clubraum betrat. Jacksons harte Tage waren schon lange vorbei.

Müde kletterte er auf einen Barhocker. »Whisky«, befahl er, »aber ganz schnell!« Er fummelte seine Zigaretten aus der Tasche und steckte sich eine an. Als ihm Jackson das Glas vor die Nase stellte, kippte er seinen Inhalt mit einem Zug hinunter und bestellte das nächste, während sich der Alkohol beißend seine Kehle hinunterbrannte.

Armstrong, ein mit einem Meter achtzig geradezu riesiger Rattenmensch |41|mit der Figur eines Bodybuilders, blies eine Qualmwolke in seine Richtung. »Wie sieht’s aus?« Die Anspannung der letzten Tage hatte tiefe Augenringe in sein unrasiertes Gesicht gezeichnet.

»Wie soll es schon aussehen«, erwiderte Mickey ruppig. »Beschissen sieht es aus!« Er griff nach dem zweiten Whisky und stürzte ihn dem ersten hinterher. Als er endlich spürte, wie sich die Wärme in seinem Körper ausbreitete, lehnte er sich mit einem langen Seufzer zurück. »Aaaahhh. Das hab’ ich gebraucht. Jackson, gibt’s hier auch was zu essen?«

»Klar. Sobald du Armstrongs Frage beantwortest hast.« Der Barkeeper wartete seine Antwort jedoch gar nicht ab, sondern verschwand gemächlichen Schrittes in der Küche.

Die Neugier seiner Rudelbrüder drängte ungebremst in sein Bewusstsein. Sie hatten gespürt, dass er vor Jackson nicht sprechen wollte, doch nun brannten sie auf seine Neuigkeiten. Er seufzte erneut, dieses Mal jedoch aus Unwohlsein. Die Neuigkeiten, die er von der Versammlung der Rudelanführer mitbrachte, waren nicht gut.

»Wir haben mehr als dreißig Tote«, erklärte er schließlich mit Grabesstimme. Trauer und Wut des Rudels erfassten ihn, in einer Intensität, die ihm das Weitersprechen schwierig machte. »Die Schatten«, zwang er sich, »hat es kaum besser erwischt. Von ihnen wurden ungefähr zwanzig vernichtet. Im Gegenzug haben wir ganze drei Hexer getötet.« Er nahm die Zigarette zum Mund und inhalierte tief.

Für einen Moment herrschte fassungslose Stille. Jeder hier wusste von gefallenen Freunden und Bekannten, und keiner hatte sich vorgemacht, dass der Krieg zwischen ihnen und den Schatten auf der einen Seite und den Renegaten und Hexern auf der anderen zu ihren Gunsten verlief. Doch dass es so schlimm stand, damit hatte niemand gerechnet.

Sheffield, ein erfahrener Mann mit Nickelbrille, langen braunen Haaren und frischrasiertem Kinn fasste schließlich zusammen, |42|was alle dachten: »Das ist die Hälfte des Clans …« Er nahm sich die Brille aus dem Gesicht und rieb sich die Augen.

Mickey ließ nachdenklich den Rauch aus seiner Nase entweichen. »Ja«, meinte er schließlich. »Wir sitzen gewaltig in der Scheiße.«

Eine Weile schwiegen sie sich an. »Was ist mit den Portalen?«, fragte schließlich White. Er war der jüngste Rattenmensch in Mickeys Rudel, kaum fünfzehn, hellblonde Haare, blaue Augen: ein Bilderbuch-Norweger, wäre er etwas größer als einssechzig.

»Das Hafenportal ist gestern Nacht in unsere Hände gefallen. Snowmans Rudel hat den Angriff angeführt. Snowman ist tot, die Hexer haben sich zurückgezogen. Damit haben wir wieder alle Stadtportale unter Kontrolle.«

»Und wie geht’s weiter?«, wollte Sheffield wissen.

»Ashkaruna glaubt, Derrien Schattenfeind ist zurück bei seinen Waldläufern in der Innenwelt. Er hat Rushai zurückgeholt, um ihn dort anzugreifen. Der Schattenfeind wird überrascht sein und versuchen, über die Portale zu entkommen. Unsere Aufgabe ist es, die Portale so dicht zu halten, dass ihm die Flucht nicht gelingt.«

»Und was ist, wenn der Schattenfeind nicht in der Innenwelt ist?« Diese Frage hatte kommen müssen, und wie immer war es Spider, der den Schwachpunkt in der Argumentation entdeckte. Spider war so groß wie Armstrong, aber dürr wie ein Schilfrohr und blass wie der Vollmond. Er war ein Albino, mit weißen Haaren und roten Augen.

Mickey zuckte mit den Schultern. »Dann hängt der Schattenfeind jetzt bei uns in der Außenwelt fest. Wahrscheinlich greift er dann eines der Portale an, um zu entkommen. Dann wird noch mehr Rattenblut fließen …« Das war das Problem: Reisende aus der Innenwelt waren üblicherweise für ein paar Momente desorientiert, wenn sie im Portal erschienen – ideal, um sie zu überraschen und anzugreifen. Ein Angriff von der Außenwelt jedoch würde die Ratten selbst überraschen. Es ist kein schöner Gedanke … |43|Er nahm noch einmal einen Zug von seiner Zigarette und wunderte sich, wie lange Jackson denn noch für sein Essen brauchte. »Ich habe den anderen Anführern empfohlen, bei einem Angriff aus der Außenwelt die Portale aufzugeben.«

»Das wird Ashkaruna nicht schmecken«, murmelte White.

»Ja und?«, erwiderte Armstrong kampfeslustig. »Er ist schließlich schuld daran, dass wir überhaupt so wenige sind! Er hat die überstürzten Befehle zum Angriff gegeben!«

»Und außerdem hat er die Schlacht verloren«, fügte Spider hinzu. Die Schlacht, ohne die die Hexer Bergen gar nicht erst erreicht hätten, ergänzte Mickey in Gedanken. Spider brauchte das nicht zu erwähnen. Jeder wusste, was er meinte.

Die Gefühle seines Rudels waren intensiv: Sheffields Ärger war ein dumpfes Pochen in seinen Schläfen, Whites Verunsicherung ein Schauer, der seinen Rücken hinablief. Spiders Wut war ein Grollen in seinen Ohren, doch wie immer war es Armstrong, dessen Emotionen am stärksten kochten, ein heißglühendes Stück Metall im Vordergrund seiner Wahrnehmung. Es kostete Mickey einiges an Überwindung, nicht aufzuspringen und seine Kampfgestalt anzunehmen. Doch er war nicht umsonst seit Jahren unumstrittener Anführer des Rudels. Nach dem ersten Gefühlssturm war es nicht weiter schwierig, einen kühlen Kopf und klare Gedanken zu bewahren.

Er seufzte. Ashkaruna war im Moment nicht besonders beliebt beim Clan der Rattenmenschen. Er gab den idealen Sündenbock ab, obwohl er nicht der Einzige war, der Fehler gemacht hatte. Immerhin war es Aufgabe des Clans gewesen, sicherzustellen, dass die Renegaten die Stadt verlassen hatten. Und sie waren sich sicher gewesen. Solange, bis Renegaten und Hexer vor einer Woche in einer neu geschlossenen Allianz über die Portale hergefallen waren.

Jackson tauchte endlich wieder aus seiner Küche auf und brachte ihm ein mit Tomaten und Gurken belegtes Knoblauchbaguette. Das Wasser lief in seinem Mund zusammen, als er sich darüber hermachte.

|44|Inzwischen war ihm auch klar geworden, wo und wann diese Allianz geschmiedet worden war. Er war selbst dort gewesen, er hatte sogar eine ihrer Hexerinnen entdeckt und gestellt. Doch sein Magiegespür hatte bei dem Mädchen versagt, so dass er sie für nichts Schlimmeres gehalten hatte als eine Agentin der Kirche. Und so hatte er sie gehen lassen. Er schüttelte den Kopf. Er hatte die einmalige Gelegenheit gehabt, die Pläne ihrer Feinde zu durchkreuzen, und er hatte sie einfach laufen lassen. Die ewige Schwäche der Ratten: Frauen. Nun hatte der Clan für seinen Leichtsinn bezahlt.

»Was steht nun für uns an?«, fragte Sheffield. »Sollen wir auch ein Portal bewachen?«

Mickey schüttelte den Kopf, während er sich Knoblauchbutter aus dem Bart wischte. »Wir bewachen weiter Ashkaruna und hoffen, dass Rushai den Schattenfeind schnappt.«

»Damit ihn Ashkaruna noch einmal entwischen lässt?« Spiders Stimme war eisig.

Mickey verzog verärgert das Gesicht. »Hört endlich mit diesem Geläster auf! Wenn Ashkaruna euch so reden hört, dann ist die Kacke wirklich am Dampfen!«

»Ha, und wenn schon!« Armstrong verschränkte die Arme vor der Brust. »Ich finde, wir haben uns genug von ihm herumscheuchen lassen. Ich sehe nicht mehr ein, noch länger Kanonenfutter für ihn zu spielen!«

Mickey warf ihm einen bösen Blick zu. »Ich sagte: Hört auf damit! Das gilt für alle, auch und besonders für dich, Armstrong!«

»Wie lange willst du denn noch warten?«, erwiderte Armstrong zornig. »Bis er uns auf noch ein Todeskommando schickt? Müssen erst Ratten aus dem Rudel sterben, bevor du aufhörst, ihm in den Arsch zu kriechen?«

Mickey war außer sich vor Wut. Doch er hielt sich zurück, ließ sogar eine kurze Pause entstehen, bevor er mit schneidender Stimme befahl: »Nimm das zurück!«

»Warum? Seit wann verträgst du die Wahrheit nicht mehr?!«

|45|»Ich sage es nicht noch einmal.« Seine Stimme war noch einmal leiser geworden.

»Ha! Sonst was?«

»Sonst beiße ich dich!« Mickey sprang auf. Sein Barhocker stürzte laut scheppernd zu Boden. Magie pulsierte durch seinen Körper, die Verwandlung dauerte nur einen Augenblick. Im nächsten Moment hatte er die Kampfgestalt angenommen, er war zu einem gedrungenen Monster geworden, auf halbem Wege zwischen Ratte und Mensch, aber der Muskelmasse von zwei Menschen. Seine Ohren waren angelegt, die Nackenhaare gesträubt, seine krallenbewehrten Pfoten zum Angriff erhoben.

»Was ist nun?«, flüsterte er, ein kehliges Knurren ausstoßend.

Eisige Stille. White und Sheffield waren von Armstrongs Seite gewichen, während sich Spider auf die Bierflasche in seinen Händen konzentrierte. Armstrongs Augen glitzerten wütend. Seine Hände waren zu Fäusten geballt, so fest, dass die Knöchel bereits weiß geworden waren. Für einen Moment glaubte Mickey, dass er ebenfalls die Gestalt wechseln und somit einen Kampf um die Anführerschaft erklären würde.

Aber er täuschte sich. Armstrongs Hände entspannten sich plötzlich, und er wandte sich ab. »Entschuldigung, Boss«, murmelte er leise. »Ich hätte mein Maul halten sollen.«

»Hättest du.« Langsam floss Mickey zurück in seine Menschengestalt. »Kannst deinen Mut heute Nacht zur Wache abkühlen.«

»Ja, Boss.«

Mickey griff nach der Zigarettenpackung, die in Armstrongs Hemdtasche zu sehen war, und steckte sich eine in den Mund. Den Rest ließ er in seiner Jacke verschwinden. »Und Spider, du kannst ihm dabei Gesellschaft leisten.«

Spider nickte nur, aber Sheffield warf ein: »Ich übernehme das, ich schulde Spidy noch eine Wache. Okay, Boss?«

»Macht doch, was ihr wollt …« Mickey ging zur Tür.

Draußen regnete es in Strömen. Die Beleuchtung des Clubs war abgeschaltet, und tiefhängende Wolken blockierten den Mond, so |46|dass es stockfinster war. Obwohl er im Windfang stehen blieb, brauchte er drei Versuche, bis die Zigarette brannte. Er inhalierte tief, ließ dann mit einem Seufzer den Rauch aus der Nase entweichen.

Die Stadt stank. Der Regen ließ die Gullys überlaufen und die Scheiße über den Asphalt rinnen. Ein paar echte Ratten huschten über die Straße, triefend und schmutzig und auf der Suche nach einem neuen Unterschlupf.

Viel Glück dabei, dachte er bei sich.

»Du weißt, Boss«, meinte Sheffield hinter ihm, »dass er nicht ganz unrecht hat.«

Mickey hatte ihn längst gehört und erschrak nicht. »Ich weiß. Zigarette?«

»Ja, gerne.«

Er reichte ihm Armstrongs Packung, bevor er weitersprach: »Die Queen höchstpersönlich ist nicht begeistert von Ashkaruna, deshalb hat sie mir ja den Auftrag gegeben, ihr regelmäßig Bericht zu erstatten. Aber es bringt nichts, jetzt Unruhe zu stiften. Solange die Queen nicht entschieden hat, wie es weitergehen soll, erfüllen wir unsere Pflichten den Schatten gegenüber, Ashkaruna mit eingeschlossen. Dann sehen wir weiter.«

»Ist gut, Mickey.«

Gemeinsam standen sie schweigend da und rauchten. Die Kippen warfen sie in den Gully und sahen zu, bis sie davongespült waren. Mickey wandte sich nach drinnen. »Ich hau’ mich hin.«

»Gute Nacht, Boss.«

»Ach, und Sheffield …«

»Ja?«

»Halte die Augen offen. Ist ’ne scheiß-dunkle Nacht heute!«

 

Als er das erste Mal erwachte, war sein Rudel der Auslöser dafür. Schlaftrunken rollte er sich zur Seite, um ihnen Platz zu machen. Während sich die anderen unter Geschiebe und Gedränge zu ihm ins Bett legten, identifizierte er die Stimmen von Ricky, Spider, |47|White und Armstrong. Er wunderte sich kurz, warum Armstrong hier war und nicht Spike, die siebte Ratte des Rudels, aber er war zu müde, um sich damit zu beschäftigen. Er knuffte White in die Seite, als der versuchte, sich halb auf ihn zu wälzen, und trat nach einem eiskalten Fuß, der sich an ihm wärmen wollte. Dann schlief er in der Geborgenheit seines Rudels wieder ein.

Das zweite Mal erwachte er, als sich ein Arm unsanft auf sein Gesicht legte. Die Unruhe im Bett ließ darauf schließen, dass sich irgendjemand verschoben hatte und nun die Neuausrichtung der Schlafenden begann. Mickey drückte die Hand zur Seite und schloss erneut die Augen.

Als er das dritte Mal erwachte, brach ihm der Schweiß aus allen Poren, und sein Herz schlug so schnell, dass er die einzelnen Schläge schon gar nicht mehr wahrnehmen konnte. Panische Todesangst lief durch seinen Körper wie Strom durch einen Kupferdraht.

Es dauerte ein paar Augenblicke, bis Mickey erkannte, dass es nicht seine Angst war, die er verspürte. Spike. Er war tödlich verwundet. Mickey spürte, wie sein Rudelbruder panisch versuchte, an seinem Leben festzuhalten, und wie es ihm nicht gelang. Seine Furcht verblasste schnell. Eine zweite Blume der Angst flammte in Mickeys Bewusstsein auf. Sheffield. Was auch immer mit Spike passiert war, Sheffield war das gleiche zugestoßen. Sein Geist war stärker, und es gelang ihm, ein paar Augenblicke länger durchzuhalten, bis auch sein Leben flackerte und erlosch; Augenblicke, in denen seine Panik wellenartig über den Rest des Rudels hereinbrach.

Seine Brüder waren inzwischen ebenfalls erwacht. Ihre Bindung zu Sheffield und Spike war schwächer als die des Rudelanführers, doch die Intensität der Empfindungen reichte aus, um sie aufzuschrecken. Noch bevor sich Mickey von seinem Schock erholt hatte, hatte sich der Rest des Rudels in ihre Rattengestalt verwandelt und panisch die Flucht ergriffen. Der Fluchtreflex einer Ratte war stark, besonders, wenn das ganze Rudel gleichzeitig davon betroffen war. Durch die empathische Verbindung sickerte nun |48|auch noch ihre Panik in sein Bewusstsein, er spürte, wie er von ihr ergriffen wurde und stemmte sich mit aller Kraft dagegen. Seine Zähne knirschten aufeinander, seine Hände krallten sich um die Bettpfosten, als ginge es um sein Leben, Schweiß quoll aus all seinen Poren, während er mit sich selbst kämpfte. Die Panik von drei Ratten gleichzeitig war stark, und dazu hing noch immer ein Rest der Todesangst der beiden anderen in seinem Bewusstsein. All das kämpfte gegen ihn an, und Mickey hatte nichts anderes als seinen puren, eisernen Willen, den er dagegen stemmen konnte. Er stöhnte auf, er begann zu zittern, als die Angst übermächtig zu werden drohte.

Dann war es plötzlich vorbei, und er war wieder Herr über sich selbst. Sein T-Shirt klebte schweißnass an seinem Körper, seine Kiefer schmerzten, so fest hatte er sie aufeinander gepresst. Es kostete Mühe, die Fäuste zu entspannen und sich aufzurichten.

Im Erdgeschoss fiel mit hartem Krachen ein Schuss, gleich darauf zwei weitere. Ein Mann schrie gequält auf. Glas splitterte. Der Adrenalinschub reichte aus, um Mickey endlich aus seiner Schockstarre zu reißen. Er grapschte nach seiner Pistole auf dem Nachttisch, schlüpfte in Jeans und Lederjacke und folgte seinen Brüdern durch die Tür. Er widerstand der Versuchung, sich ebenfalls in eine Ratte zu verwandeln und zu fliehen; stattdessen nahm er die Kampfgestalt an. Als Mittelding zwischen Ratte und Mensch, ausgestattet mit harten Muskeln und scharfen Klauen, machte er sich auf die Suche nach seinem Herrn.

Unter ihm fielen erneut Schüsse, laut und dumpf, als er vor Lord Ashkarunas Zimmertür stand. Ein wütender Schrei, Jacksons Stimme. Plötzlich ein Gurgeln. Mickey klopfte leise an die Tür.

Ashkaruna öffnete ihm. Der Schatten hatte seine Naturform angenommen, in seinem Falle ein bleiches, knöchernes Skelett. Mickey erschauderte kurz. An die Formen der hiesigen Schatten hatte er sich in all den Jahren gewöhnt, aber die Afrikaner … Er schüttelte den Kopf, versuchte, dem Blick der grünen Flammen in Ashkarunas leeren Augenhöhlen zu entgehen. »Wir müssen hier |49|weg«, erklärte er sinnigerweise, während erneut Schüsse aus den unteren Geschossen krachten.

Ashkaruna nickte nur. Er trug nichts bei sich als ein dickes, in Leder gebundenes Buch, weder Waffe noch Kleidung. Mickey wusste, dass ihm das beim weiteren Verlauf ihrer Flucht Schwierigkeiten bereiten würde, doch erstmal mussten sie hier rauskommen. Wenn sie Zeit damit verschwendeten, für den alten Mann noch Klamotten zu suchen, würden sie sie wahrscheinlich nicht mehr brauchen.

Mit einem Krächzen landete Ashkarunas Rabe auf dem blanken Schlüsselbein seines Herrn und ließ Mickey zusammenzucken. Er bedachte ihn mit einem Der-Tag-war-schon-schlecht-undjetzt-kommst-DU-Blick und wandte sich ab. Er hatte gehofft, das Biest endlich los zu sein.

Aus dem Augenwinkel sah er eine Bewegung im Flur. Sich auf den Boden zu werfen und die Pistole in Anschlag zu bringen war eine einzige, fließende Bewegung. Die Gestalt vor ihm machte keine Anstalten, sich zu verschanzen, und bot in dem engen Korridor ein perfektes Ziel. Doch gerade als sich Mickeys Zeigefinger um den Abzug krümmen wollte, erkannte er in seinem Gegenüber Armstrong in Kampfgestalt.

»Wo sind die anderen?«, zischte er.

»Kommen«, knurrte Armstrong, der in dieser Gestalt noch nie ein großer Redner gewesen war.

Mickey wartete kurz, und tatsächlich, sie kamen! Verschämt wichen sie seinem Blick aus, wohl wissend, dass ihre Panik ihren Anführer beinahe ebenfalls die Kontrolle gekostet hätte, aber immerhin kamen sie, und das war mehr, als er erwartet hätte. Für eine Sekunde war er stolz auf sein Rudel. Oder das, was davon übrig war. Doch dann überkam ihn wie eine Welle der Schmerz über den Verlust von Spike und Sheffield. Er schüttelte den Kopf. Nicht jetzt!, dachte er mit zusammengebissenen Kiefern. Später war noch Zeit genug, sie zu betrauern. Erst einmal musste er sich darum kümmern, dass es überhaupt ein Später gab!

|50|Er schlich zum Nottreppenhaus, in der Hoffnung, dass dieses bisher unentdeckt geblieben war. Vorsichtig öffnete er die Tür einen Spalt weit und zischte leise: »White!« Trotz der scharfen Sinne, die ihm die Kampfgestalt verlieh, sah er die helle graue Ratte kaum, die an seinen Beinen vorbei durch die Tür flitzte.

Sie warteten. Nervöse Anspannung sickerte durch die empathische Verbindung zwischen den Rudelmitgliedern und ließ Armstrong mit den Zähnen knirschen und White mit den Pfoten am Boden scharren. Mickey widerstand dem Impuls, an seinen Krallen zu nagen. Hinter sich hörten sie schnelle, schwere Schritte aus einem Seitenflur. Er nickte Armstrong und Spider zu. Die beiden Rattenmenschen sanken wortlos in zwei gegenüberliegende Türrahmen und richteten ihre Pistolen nach hinten.

White tauchte wieder auf. Sein Quieken war leise, aber für Mickeys Rattensinne deutlich zu hören: ~Keine Gefahr, Boss!~

»Gut.« Er stieß die Tür des Nottreppenhauses ganz auf und eilte hindurch, das Skelett an einem Arm hinter sich herziehend. Jetzt nur noch runter in den Keller, dann den Geheimgang …

Das war der Moment, in dem alles schiefging. Durch die Tür im Erdgeschoss hörte er den Ruf »Pass auf, da ist noch ’ne Tür!«, doch da war es zu spät, um umzukehren, und zu früh um rechtzeitig davonzukommen. Er verpasste Ashkaruna einen Stoß, der das Skelett die Treppe hinunterpurzeln ließ, und wirbelte gerade noch rechtzeitig zu einem Halbkreistritt herum.

Die Krallen seines Hinterlaufs fetzten durch das Gesicht des Mannes, der plötzlich in der Tür aufgetaucht war. Der ging schreiend zu Boden, doch hinter ihm kamen noch mehr. Viel mehr. Jemand streckte ihm eine Maschinenpistole entgegen. Er wich zur Seite aus, grapschte nach dem Lauf und zerrte die Waffe mitsamt dem Mann durch die Tür. Blechern krachten die Schüsse durch den Schalldämpfer und schlugen in die gegenüberliegende Wand. Querschläger heulten durch das Treppenhaus. Irgendetwas traf ihn hart in der Seite. Er polterte die Treppe nach unten, schnellte zurück auf die Beine, gerade rechtzeitig, um dem Hieb eines Dolches |51|zu entgehen, dessen Klinge im Taschenlampenlicht blitzte. Sein Gegner, zwei Stufen über ihm, hatte den Höhenvorteil. Seine Attacken kamen rücksichtslos, hart und schnell, wilde Hiebe und Stiche, die Mickey an den Kampfstil der Hexer erinnerte. Der Mann war mit Sicherheit ein Hexer, ein Druide wahrscheinlich. Sein wüster Bart, sein struppiges Haar mit den Schläfenzöpfen, vor allem aber sein Gestank ließen keinen anderen Schluss zu.

Dem Hexer folgten mehr Männer in das Treppenhaus, die Mickey noch weiter vom Rest seines Rudels abdrängten. Er konnte es nicht verhindern, hatte alle Hände voll mit seinem eigenen Überleben zu tun. Ein zweiter Gegner tauchte bei ihm auf und bedrängte ihn, während der Hexer sich in eine Berserkerwut steigerte. Wütend spuckte er irgendwelche Flüche aus, sinnlose, lispelnde Worte in einer fremden Sprache. Seine Attacken waren so hart geschlagen, als fällte er Holz. Mickey konnte ihn kaum blocken und musste weiter nach unten weichen, immer mit der Gefahr, den Halt auf den Stufen zu verlieren. Sein einziger Vorteil war die vom Flackern der Taschenlampen unterbrochene Dunkelheit, in der sich seine Rattenaugen weitaus besser zurechtfanden als die des Hexers. Doch es gelang ihm nicht, den Vorteil zu nutzen. Jedes Mal, wenn er versuchte, in die offene Deckung seines Gegners zu stoßen, drängte der zweite Gegner dazwischen, ein junger Mann, defensiv und vorsichtig, höchstwahrscheinlich ein gewöhnlicher Mensch, aber geschickt genug, seinen Herrn zu beschützen.

Dann kam das, was er die ganze Zeit über bereits befürchtet hatte: das plötzliche Anschwellen von Panik erfüllter Pein in seinem Bewusstsein, gleichzeitig mit dem keuchenden Schrei eines seiner Brüder, weiter oben auf der Treppe. Im selben Moment wusste er, dass es White war, der getroffen worden war. Mickey versuchte, an seinem Gegner vorbei einen Blick nach oben zu erhaschen, sah White zu Boden gehen, sah den Ring aus Gegnern um ihn herum, deren Klingen sich hoben und senkten. Noch einmal eine Welle aus Schmerz, dann war die Verbindung tot, genauso wie der Rattenmensch, den Mickey seinen Bruder genannt hatte.

|52|Trotz der Ablenkung gelang es ihm, die Klinge des Hexers auf Distanz zu halten. Dafür kam der Tritt, der sein Standbein zur Seite schlug, völlig unerwartet. Mickey stürzte hart, der Hexer warf sich schreiend auf ihn, und gemeinsam rutschten sie den Treppenabsatz hinab. Jede Stufe schlug hart gegen Mickeys Hinterkopf und ließ Sterne vor seinen Augen tanzen. Irgendwie gelang es ihm, sein Bewusstsein zu bewahren. Für einen Moment sah er das Gesicht des Hexers vor sich, spürte seinen nach Knoblauch und Zahnfäule stinkenden Atem auf den Wangen, dann biss er zu.

Das Geschrei wurde zu einem wütenden Heulen. Der Hexer verlor den Dolch aus der Hand, und für ein paar Augenblicke hatte Mickey mit seinen Klauen und Zähnen den Vorteil. Seine Fänge suchten nach dem Hals des Hexers, auf der Jagd nach einer Schlagader, seine Krallen rissen tiefe Schrammen in den Rücken des Mannes, während dieser versuchte, mit seinem Arm den Hals zu decken. Grunzend und stöhnend setzte er sich zur Wehr, doch Mickey gewann langsam die Oberhand.

Dann flammte erneut der empathische Schmerz in ihm auf, vermischt mit Rickys Todesangst, hart und grausam, einen Moment später abgeschwächt reflektiert von Armstrong und Spider. Im Moment der Ablenkung fand der Hexer seinen Dolch auf dem Boden und rammte ihn in Mickeys Schulter.

Der Schmerz war grauenhaft und ließ Mickey schreien wie am Spieß. Seine plötzliche Panik war so stark, dass sie über ihre empathische Bindung sowohl Armstrong als auch Spider in blinder Flucht davontrieb, die Treppe nach oben, weg von dem Blutbad. Mickey hatte Zeit genug, um sich bewusst zu werden, dass er nun alleine war, doch sogleich bemerkte er den Irrtum: Er konnte noch immer Ricky spüren, der tapfer am letzten Rest seines Lebensfunkens klammerte. Die Angst des Gefährten war einer Entschlossenheit gewichen, jener traurigen, bitteren Entschlossenheit, die die Erkenntnis des sicheren Todes mit sich brachte.

Der Hexer hatte sich von Mickey gelöst und sich aufgerappelt, |53|Mickey nutzte den Moment, um ebenfalls auf die Beine zu kommen. Plötzlich ein ohrenbetäubendes Krachen, ein kurzer Lichtblitz über ihm auf der Treppe, eine heftige Druckwelle, angefüllt mit Feuer und Splittern. Ihre Wucht fegte den Hexer die Treppen hinab und riss Mickey von den Füßen. Sein Kopf prallte mit voller Wucht gegen die Wand. Er verlor das Bewusstsein, noch bevor er zu Boden sinken konnte.

 

Als er wieder zu sich kam, war der Kampf vorbei. Nichts regte sich, und selbst die Leuchtkegel der beiden noch brennenden Taschenlampen rührten sich nicht. Mickey hob mühsam den Kopf und sah nach oben. Drei Leichen lagen verkrümmt und über Kreuz auf den Treppen, ihre Körper blutverschmiert und zerschmettert. Vom Treppenabsatz im Erdgeschoss ragte eine Hand hervor. Blut tropfte von ihr herab auf die nächste Stufe.

Mühsam richtete sich Mickey auf. Die tiefe Stichwunde schmerzte so stark, dass er sich auf die Zunge beißen musste, um nicht aufzuschreien. Es war ein Hexerdolch gewesen, der sie geschlagen hatte, eine magische Waffe, und so konnte ihm seine Regenerationsfähigkeit dabei nicht helfen; stattdessen arbeitete sie bereits mit voller Kraft an den Splitterverletzungen von der Granate sowie seiner Schädelverletzung. Mickey wartete ein paar Augenblicke, bis es aufhörte, besser zu werden, und humpelte dann dem Hexer hinterher die Treppe nach unten.

Im Keller angekommen, ließ er sich auf alle Viere hinab und verwandelte sich. Rapide verschwanden die zusätzlichen Muskeln der Kampfform, das ruppige Fell wurde wieder kürzer und geordneter. Die Augen rückten auf die Seite seines Kopfs, der Schwanz wurde noch einmal länger. Sein Herz begann, schneller zu schlagen. Die Schrumpfung und die Aufteilung in seine drei Körperratten kamen zuletzt und waren der befremdlichste Vorgang der ganzen Verwandlung.

Seine Schnurrhaare zuckten, als sich seine Nase orientierte. Die Witterung des geflohenen Schattenlords hing in der Luft wie eine |54|Leuchtreklame. Sein Fell sträubte sich, als er die zweite Spur wiedererkannte: Die herbe Mischung aus altem Schweiß, Zahnfäule und Knoblauch war besser als eine Leuchtreklame.

Hastig huschte er in drei Rattenkörpern durch den langen Kellerkorridor, die rechte Pfote mit der verletzten Schulter angezogen und schonend. Über ihm verliefen tiefhängende Heizungsrohre und Stromkabel, die Türen an den Seiten waren größtenteils aus feuerfestem Stahl. In einem Kasten hingen ein rostiges Stemmeisen und eine Axt. Die Tatsache, dass sich keiner der Flüchtigen dafür interessiert hatte, ließ seine Rattenherzen noch einmal schneller schlagen. Offenbar hatte der Hexer seinen Dolch wiedergefunden. Der Gedanke allein reichte aus, um den dumpfen, pochenden Schmerz in seiner Schulter wieder deutlich spürbar zu machen.

Er ließ die drei Rattenkörper verschmelzen und wechselte zurück in die Kampfgestalt, holte aus und schlug seine Faust durch das Brechglas. Dann riss er die Axt aus ihrer Halterung und rannte weiter. Die Spur war in der Kampfgestalt deutlich schlechter wahrzunehmen, aber immer noch stark genug, um ihr zu folgen. Er lief und lief und erreichte schließlich ein weiteres Treppenhaus, das den Keller des Heart’s Dancing Club mit der Unterwelt verband.

Hastige Schritte hallten durch den Schacht. Mickey warf einen Blick nach unten und erkannte zwei Umläufe unter sich den Hexer von vorhin, blutüberströmt, aber mit Sicherheit bereits erholt von den Splitterverletzungen, hinter ihm sein wehender grauer Mantel. Von Ashkaruna war nichts zu sehen, dafür hörte er das Krächzen des Rabens.

Sein Herz hämmerte laut in seinen Ohren. Mickey strengte sich an, rannte, was die harten Muskeln der Kampfgestalt hergaben. Eine ganze Windung holte er so auf, bis er den rauen Atem des Hexers hören konnte. Doch auch der kam seiner Beute näher, und Mickey wurde klar, dass er ihn nicht rechtzeitig einholen würde. Ashkaruna würde vermutlich sterben, noch bevor er eingreifen konnte – der Schattenlord war kein Kämpfer, wohingegen |55|der Hexer mit Sicherheit einer war. Fieberhaft arbeitete sein Hirn an einer Lösung ...

und fand sie. Er hatte noch eine halbe Umdrehung aufgeholt, und nun war der Feind direkt unter ihm. Mickey rannte zur Wand, wandte sich um zum Treppenschacht, holte einmal kurz Atem, schätzte Entfernung und Geschwindigkeit.

Dann rannte er los, sprang mit einem Bein auf das Geländer, stieß sich ab -

- hing für einen langen Augenblick im Treppenschacht -

- und schlug auf der anderen Seite auf, eine halbe Windung tiefer, direkt vor den Beinen des Hexers. Er hatte ihn nicht getroffen, doch das Bedauern darüber hielt nur für den Bruchteil einer Sekunde an, während er sich abrollte und hochkam.

Oder es versuchte. Der Hexer prallte gegen ihn, unkontrolliert und überrascht von seinem plötzlichen Auftauchen. Sie gingen beide zu Boden, stürzten ein paar Treppenstufen weiter. Mickey verlor seine Axt, doch auch die Hände des Hexers waren leer, als er sich aufrappelte. Der Mann versuchte, zu dem Dolch zu gelangen, der zwei Stufen weiter oben auf den Stufen lag. Mickey stürzte sich mit einem kehligen Schrei auf ihn. Er landete auf dem Rücken des Hexers, schlang den linken Arm um seinen Hals, biss ihm mit aller Kraft in den Nacken. Der Blutgeschmack auf der Zunge ließ ihn schon triumphieren –

Der Hexer wälzte sich schneller zur Seite, als Mickey schauen konnte, so dass er plötzlich unter ihm lag. Der Hinterkopf des Hexers schlug ihm heftig ins Gesicht, einmal, zweimal, dreimal, und auf einmal war das Blut in seiner Schnauze sein eigenes. Beim vierten Schlag ließ er locker, worauf der Hexer seiner Umklammerung entkam. Mickey wälzte sich hastig herum und kam zeitgleich mit seinem Gegner auf die Beine. Der Hexer hatte es irgendwie geschafft, den Dolch aufzunehmen. Mickey wich einen Schritt zurück und griff nach der Axt.

So standen sie sich gegenüber, beide in Kampfesstellung geduckt, beide abwartend lauernd. Mickey spürte Blut durch das Fell |56|an seiner Schulter laufen, doch auch die Bisswunde im Gesicht des Magiers war noch nicht verheilt.

Ein Rattenmensch gegen einen Krieger-Hexer, kommentierte Mickey in Gedanken. Rattenmenschen waren gute Kämpfer und hatten normalerweise durchaus eine Chance, einen Zweikampf gegen einen Hexer zu bestehen. Aber gegen einen Krieger …? Er stellte seine Ohren nach hinten, brachte die Axt nach oben und verlagerte seinen Schwerpunkt.

Der Tanz beginnt …

|57|DERRIEN

Heart’s Dancing Club, Bergen, Norwegen

Montag, 12. April 1999

Die Außenwelt

 

 

Der Schankraum des Nachtclubs lag in Trümmern. Stühle waren umgeworfen, Tische zerbrochen, der Boden war übersät mit Glassplittern und Patronenhülsen. Eine abgebrochene Neonröhre hing aus ihrer Fassung von der Decke, zwei weitere waren ausgefallen, die letzte flackerte in irrem Rhythmus. Die Dimmerbeleuchtung, deren Birnen größtenteils intakt geblieben waren, reichte nicht aus, den großen Raum aufzuhellen.

Mehrere Männer mit Springerstiefeln und Sturmhauben waren gerade dabei, die Einrichtung zielgerichtet in ihre Einzelteile zu zerlegen. Es klirrte und krachte, während sie Möbel zerschlugen und Regale von den Wänden rissen. Andere gingen von Tür zu Tür und wühlten sich durch die Seitenräume.

»Glaubst du, wir haben sie alle?«, fragte Alistair. Er saß auf einem der Barhocker und lud seine Makarov-Pistole nach, ein durchschnittlich wirkender Mann mit durchschnittlichen, braunen Augen. Seine Sturmhaube war an der Seite zerrissen und blutverklebt, doch seine Haut darunter war intakt. Er war ein Druide, seine Regenerationskraft hatte seine Wunden längst geheilt.

Derrien schüttelte den Kopf. »Man kriegt niemals alle, wenn man gegen Ratten kämpft. Es kommen immer ein paar davon.« Er hielt inne mit seiner Beschäftigung, das eingetrocknete Blut von seiner Klinge zu kratzen. »Der springende Punkt ist: Haben wir Rabenfeder?«

Alistair antwortete nichts und wandte den Blick ab. Derrien machte mit seiner Putzarbeit weiter.

|58|Das Schwert in seiner Hand war kein gewöhnliches Schwert. Die Klinge war von einem Meisterschmied in der Bretagne in einer Esse aus elementarem Feuer nach den Geheimnissen der Damaszener geschmiedet worden und zeigte das durch den vielfachen Faltungsvorgang entstandene Wellenmuster. Die Parierstangen waren im Stile zweier sich küssender Fische gehalten, das Heft war lederumwickelt und für zwei Hände ausgelegt, obwohl die Waffe auch mit einer zu führen war. In den Knauf war ein strahlendblauer Saphir eingelegt. Es war Wasserklinge, das Druidenschwert seines Bruders Ronan. Seines einzigen Bruders. Der, der vor einer Woche in der Schlacht von Espeland gefallen war. Die Erinnerung war noch frisch und ließ Derrien mit den Zähnen knirschen.

Ronan hatte den Kelten den Sieg gebracht, hatte man Derrien erzählt. Der Schildwall war bereits an zwei Stellen gebrochen, die Schlacht damit so gut wie verloren gewesen. Aber Ronan hatte das Zentrum gehalten und war schließlich selbst durchgebrochen, was den Grundstein für den letztendlichen Triumph bedeutet hatte. Doch Ronan hatte keine Gelegenheit bekommen, seinen Erfolg auszukosten – ein schwarzer Pfeil, ein Schattenpfeil, hatte ihn in den letzten Minuten der Schlacht getötet.

Derrien war währenddessen nicht untätig geblieben. Während in der Innenwelt die Schlacht getobt hatte, hatte er den Kampf in die Außenwelt getragen. Mit Hilfe seiner Waldläufer-Druiden und den Bergener Renegaten hatte er in einer blutigen Nacht Bergens Pforten erobert und dabei mindestens ein Dutzend Ratten getötet. Die vom Schlachtfeld geflohenen Schatten benutzten die Pforten, um in die Außenwelt zu gelangen, und waren ihnen dort ins offene Messer gelaufen. Fünfzehn Schatten hatten sie erschlagen, in einer einzigen Nacht! Dann kam der überstürzte Gegenangriff des Feindes mit einem weiteren Dutzend toter Ratten. Drei Renegaten waren gefallen, dazu ein paar gewöhnliche Menschen und Talente, keiner von Derriens Druiden. Alles in allem war der Feldzug ein großer Erfolg.

|59|Aber sie waren keinem ihrer drei Hauptziele näher gekommen. Ashkaruna, der Rabenlord, hatte die Schlacht zwar verloren, sich aber allen Anschein nach an den besetzten Pforten vorbei retten können – zumindest war seine Leiche noch nicht aufgetaucht. Und während Ronan mit der Ratsarmee bei Espeland kämpfte und Derrien die Bergener Pforten stürmte, hatte Lord Rushai, ein weiterer mächtiger Schattenlord, eine zweite Armee in Richtung Süden geführt und dort die Druidenarmee aus Dachaigh na Làmthuigh1 vernichtend geschlagen. Und eine Antwort auf die große Frage – Wie vermehren sich die Schatten, und woher kommen sie? – hatte sich bisher auch noch nicht ergeben. Es geschah im Frühjahr, das war alles, was sie wussten. Aber wie? Und wo? Was mussten sie tun, um sie zu stoppen? Der ganze Feldzug verlor an Bedeutung, wenn anschließend zwei Dutzend neue Schatten aus ihren Eiern schlüpften und sich zum Kampf gegen die Druiden rüsteten!

»Dmitriy!«

Derrien sah auf, als er seinen Codenamen hörte. In einer Wand hinter dem Laufsteg hatte sich eine verborgene Tür geöffnet. Der Mann, der daraus hervorgetreten war, war Padern, einer seiner Waldläufer-Druiden. Seine schwarze Kleidung hing nur noch in Fetzen an ihm, auf der rechten Seite fehlten das gesamte Hosenbein, der Stiefel sowie der Ärmel. Er war über und über mit Ruß verschmiert und ging mit deutlichem Hinken.

Derrien stand auf und lief ihm entgegen. »Was ist passiert?« Es schien, als ob er endlich erfahren würde, woher die dumpfe Explosion gekommen war, die sie alle während des Kampfes gehört hatten.

»Handgranate«, erwiderte Padern nur. Er winkte ihn hinter sich her und verschwand in der Tür. Derrien folgte ihm, Alistair im Schlepptau.

Dahinter schloss sich ein kurzer Korridor an, mit mehreren Türen zu beiden Seiten. Die Tür am Ende des Gangs war aus ihrem |60|Rahmen gerissen und lag auf dem Boden. Padern ging zielstrebig auf die verbliebene Öffnung zu und verschwand dahinter.

Es war dunkel. Derrien nahm den Handscheinwerfer vom Gürtel und schaltete ihn an. Hinter dem Durchgang befand sich ein Treppenhaus. Der Lichtkegel fiel auf rußgeschwärzte Fliesen, ein zersplittertes Treppengeländer, Blutspritzer und schließlich eine Leiche – der Körper eines Rattenmenschen, das helle Fell rot und schwarz gefärbt von Blut und Ruß. Ihm fehlten ein Arm und der Großteil seines Kopfes.

»Alles in Ordnung«, hörte er Padern murmeln. »Wir haben gewonnen! Wir bringen dich raus hier!«

Derrien leuchtete in seine Richtung. Padern hatte sich zu einem Mann auf dem Boden gebeugt, den die Explosion beinahe ebenso schwer erwischt hatte wie die Ratte. Karanteq.

Karanteq war ebenfalls Druide und war wie Padern und Derrien Bretone. Normalerweise war er braungebrannt, doch im Licht des Scheinwerfers schien sein Gesicht aschfahl. Seine Augen waren blutige Höhlen, seine Haare größtenteils verbrannt, sein rechter Unterarm war nur noch über einen blutigen Fetzen Fleisch mit seinem Ellbogen verbunden. Sein rechtes Bein fehlte ganz.

»Kümmert euch um ihn«, befahl er zwei Männern, die ihnen gefolgt waren. Er wartete, bis sie den verstümmelten Mann unter den Achseln gepackt und nach draußen gebracht hatten, und untersuchte währenddessen weiter das Treppenhaus. Karanteqs Schicksal ließ ihn kalt. Der Mann war Druide, seine Heilungskräfte waren stark genug, um die schrecklichen Verletzungen zu regenerieren. Ganz im Gegensatz zu der Ratte.

Er suchte weiter und fand zwei weitere Tote. Dieses Mal verzog er das Gesicht. Es waren Leif und Magnus, zwei seiner eigenen Männer. Gute Männer. Leif war sogar ein Talent, ein Mensch, der einzelne Druidenkräfte besaß, ohne ein Druide zu sein. Ihn zu ersetzen würde Derrien sehr, sehr schwerfallen … Als Letztes fand er den Oberkörper eines weiteren Rattenmenschen, dieses Mal jedoch mit dunklem Fell. Blutiges Gedärm hing aus seinem Leib in |61|einer enormen Pfütze aus geronnenem Blut. Derrien fragte sich kurz, wo der Rest von ihm steckte.

»Was ist passiert?«, fragte er Padern, als Karanteq nach draußen geschafft und erneut Ruhe eingekehrt war. »Und bei den Göttern, wo steckt der Wolf?« Damit meinte er Murdoch MacRoberts, ein weiterer Druide seines Gefolges.

»Er ist dem Rabenlord hinterher. Ist er noch nicht zurückgekehrt?«

Ein Schauer lief durch Derriens Körper. Also war Rabenfeder tatsächlich hiergewesen. Wenn Murdoch auf seiner Fährte war, standen die Chancen gut, dass sie ihn erwischten. Murdoch war einer der erfahrensten Druiden unter den Waldläufern. Und einer der brutalsten …

Ob sie den Rabenlord brauchen für ihr Ritual? Ob nur er den Dämon binden kann, der seit Monaten die Küste heimsucht? Vielleicht bekamen sie bald die Antwort auf jene Fragen.

»Wir haben hier ein ganzes Rudel Rattenmenschen überrascht«, fuhr Padern mit der Erklärung fort. »Fünf Stück, plus ein Skelett-Schatten und ein Rabe. Das Skelett ist geflohen, nach der Granatexplosion ist ihm Murdoch hinterher. Er war der Erste, der sich wieder erholt hatte.« Er kratzte sich an der Stirn, dort, wo ein Teil seiner Sturmhaube fehlte und sein verkohlter Haaransatz zum Vorschein kam.

Derrien nickte nachdenklich.

»Was ist mit den restlichen Ratten passiert?«, fragte Alistair. »Ich sehe hier nur zwei ihrer Kadaver.«

»Zwei sind abgehauen.« Padern deutete die Treppe nach oben. »Keine Ahnung, wo der Letzte hin ist.«

Alistair murmelte: »Ein paar kommen immer davon.« Es waren Derriens Worte, die er da wiederholte.

Derrien leuchtete mit dem Scheinwerfer auf den Treppenabsatz unter ihnen. »Wo führt das hin?«

»Nach unten.« Padern zuckte mit den Schultern.

Derrien warf ihm einen bösen Blick zu und ging hinab. Sein |62|Licht glitt über metallene Treppenstufen, stieß immer wieder auf Brocken und Fetzen, die die Explosion aus dem Geländer, den Wänden, Kleidern und Körpern gerissen hatte. »Irgendwelche Besonderheiten bei den entkommenen Ratten bemerkt?«

»Von der ersten weiß ich nicht viel«, antwortete Padern hinter ihm. »Ich dachte eigentlich, dass ich ihn angeschossen hatte, aber er hat sich gegen Murdoch bis zur Explosion halten können. Die anderen waren beide ziemlich groß, einer massiv und kräftig, der andere dürr wie der Tod. War ein Albino, der zweite.«

»Eine Missgeburt also«, murmelte Derrien nachdenklich. »Und trotzdem hat er es geschafft, davonzukommen …« Er musste unweigerlich an den buckligen Brynndrech denken, ein walisischer Druide, ebenfalls missgeboren und trotzdem ein begnadeter Kämpfer.

Auf dem Treppenabsatz angekommen fand sein Scheinwerfer einen großen Fleck geronnenen Blutes. Derrien ging daneben in die Knie. »Von wem stammt der hier?«, wollte er wissen. »Ich dachte, ihr habt dort oben gekämpft!«

Padern schlug mit der Faust in die Handfläche. »Ich wusste, dass ich ihn erwischt habe!«

»Wen?«

»Die erste Ratte. Die von Murdoch!«

»Und?«

»Schau dir die Menge Blut an! Muss ein Schnellheiler sein, wenn er den Blutverlust so schnell wegstecken konnte!«

Padern hatte recht. Derrien nickte widerwillig. Er hatte den Schluss noch nicht selbst gezogen.

»Was ist das?«, fragte Alistair.

Derrien sah auf. Sein Blick folgte dem Lichtstrahl aus Alistairs Taschenlampe. Auf der letzten Stufe vor dem Treppenabsatz lag ein großes Buch, sein Einband aus dunklem Leder aufgeschlagen, die Seiten teils ausgerissen. Derrien stand auf und griff danach.

Der raue Einband fühlte sich kalt an, viel kälter als seine Umgebung. Derrien ließ es vor Überraschung beinahe fallen. Ein |63|Schauer lief durch seinen Arm und hinterließ Gänsehaut, die sich über seinen ganzen Körper ausbreitete. Die Kälte kam und ging, rhythmisch und langsam. Ein eisiger Pulsschlag.

»Leuchtet mal her!«, befahl er den anderen und schlug die Seiten auf.

Das Leder fühlte sich in seiner Hand hart und rissig an. Die Seiten waren aus altem, nachtschwarz gefärbtem Pergament. Im ersten Moment schienen sie leer zu sein, dann erst erkannte er, dass sie mit bräunlicher Farbe beschrieben waren. Nach mehr als zehn Jahren Krieg gegen die Schatten kannte er ihren Sadismus gut genug, um zu wissen, dass der Farbstoff Blut sein musste.

»Mehr Licht!«, befahl er und drückte Padern seine Taschenlampe in die Hand.

Als er die Schriftzeichen endlich deutlicher sehen konnte, lief ihm ein eisiger Schauer den Rücken hinab. Obwohl er nicht wusste, was sie bedeuteten, kannte er einen Teil der Symbole gut genug.

»Das sind die Zeichen aus deinem Gesicht«, flüsterte Alistair.

Derrien reagierte kaum. Zu präsent war die Nacht, in der Rabenfeder jene Schriftzeichen in sein Gesicht geritzt hatte, zu präsent war der infernale Schmerz des Dolches aus Obsidianglas, der ebenfalls die Symbole getragen hatte. Er war als Opfer vorgesehen gewesen für ein schwarzes Ritual, ein Bindungsritual, mit dem die Bergener Schatten den Dämon unter ihre Gewalt bringen wollten. Sein Herz begann wild zu pochen, als er erkannte, welch einen Fund sie hier gemacht hatten.

Nun besaß er ihre Schriften. Vielleicht hielt das allein schon die Schatten von einem erneuten Ritualversuch ab. Vielleicht stand darin sogar die Antwort auf die große Frage …

Woher kommen diese verfluchten Biester?

Er drückte das Buch Padern in die Hand und versicherte sich mit einem kurzen Blick nach oben, dass sie noch immer alleine waren. »Kümmere dich darum. Bring es nach draußen zu unserem Treffpunkt. So, dass weder Ratten noch Renegaten etwas davon mitbekommen. |64|Das hier ist unser Fang.« Er sah sich noch einmal um. »Und kein Wort darüber, zu niemandem. Es gibt kein Buch!«

»Jawohl.« Padern nahm es, steckte es unter die Überreste seiner Jacke und klemmte es mit dem Ellbogen fest. Als Versteck war es nicht besonders effektiv. Aber Padern war ein Kundschafter-Druide und konnte sich im Notfall tarnen, um unentdeckt zu bleiben.

»Alistair, du wirst ihn begleiten.«

Der Druide nickte ihm zu, und beide wandten sich zum Gehen. Derrien folgte ihnen, um nach Orgetorix zu suchen. Der Helvetier war der Letzte seiner Druiden hier in der Außenwelt. Ansonsten hatte er nur noch Ryan, dem er für den Moment das Kommando über die Waldläufer übertragen hatte. Seine restlichen Druiden waren vor Monaten schon im Kampf gegen Lord Rushai gefallen.

Er fand Orgetorix im Schankraum, dort, wo er selbst vorhin mit Alistair gewartet hatte. Eine halbvolle Flasche Whisky stand vor ihm auf der Theke. Auf den Trümmern einer ledernen Sitzgruppe hatten es sich drei seiner Männer gemütlich gemacht. Am Haupteingang stand Martin, der Anführer der Renegaten, und besprach etwas mit einem seiner Hauptmänner. Er war ein älterer Herr, mit einer fleckigen Halbglatze und einer großen, von Mitessern gepunkteten Nase. Als er ihn sah, winkte er den Mann mit einer Geste davon und kam ihm entgegen.

»Ich würde sagen«, erklärte Martin, »dass uns hier eine gute Tat voll geglückt ist.« Er rümpfte die Nase. »Es wird wohl niemand so schnell auf die Idee kommen, diesen Laufsteg für irgendwelche delikaten Spielchen zu nutzen.«

Derrien verkniff sich einen entnervten Kommentar. Stattdessen fragte er direkt: »Du hast einen Bericht?«

»Sehr wohl. Es scheint, als ob meine Männer hier etwa ein knappes Dutzend ihrer Mäuseriche getötet haben. Außerdem haben sie kofferweise Banknoten gefunden. Es wird allein ein paar Tage dauern, bis wir die Geschäftsunterlagen gesichtet haben, aber |65|etwas ist uns schon jetzt ins Auge gefallen.« Er zog einen sauber gefalteten Zettel hervor und reichte ihn Derrien.

Das Papier war leer bis auf eine mit Bleistift geschriebene lange Zahl. Derrien warf dem Renegaten einen skeptischen Blick zu. »Was soll das sein?«

»Eine Telefonnummer. Vorsichtshalber haben wir natürlich alle Nummern gesichert, die von den Apparaten hier gewählt wurden, aber diese hier scheint etwas Besonderes zu sein. Sie stammt aus einem Zimmer mit einem Vogelkäfig.«

»Rabenfeder?«

»Daran besteht wohl kein Zweifel. Wie ich bereits vermutet hatte, war der Anführer der hiesigen Schatten hier. Es stellt sich wohl nur noch die Frage, ob wir ihn erwischt haben.«

»Und?« Derrien hasste es, auf die Folter gespannt zu werden. »Wem gehört diese Nummer?«

»Wir werden das noch herausfinden. Im Moment wissen wir nur, dass das ein Anschluss in Somalia ist. In Mogadischu.«

»Somalia …« Derrien fuhr sich nachdenklich durch die Haare. Somalia … Martin hatte den Ort erwähnt, als ob es selbstverständlich wäre, dass man ihn kannte. Doch Derrien war in der Innenwelt geboren und aufgewachsen, weshalb in seinem Allgemeinwissen große Lücken klafften. Nicht annähernd so groß wie in dem der meisten anderen Innenweltdruiden zwar, die größtenteils um einiges weltfremder waren als er selbst, aber deutlich größer als bei einem Menschen, der sein ganzes Leben lang in der Außenwelt verbracht und wahrscheinlich sogar irgendeine Schule besucht hatte. »Ist das Afrika?«, wagte er eine Vermutung.

Martin nickte.

Derrien presste die Lippen zusammen. Es würde passen. In den letzten Monaten hatten sie in der Innenwelt mehr und mehr Probleme mit Afrikanern bekommen. Neben illegalen Einwanderern aus dem ehemaligen Ostblock und gewöhnlichen Norwegern rekrutierten die Schatten zunehmend Afrikaner in die Innenwelt, um sie zu Fomorern zu machen, ihren hörigen Sklaven, das Kanonenfutter |66|für ihren Krieg gegen die Kelten. Die Schlacht von Espeland war ein vorläufiger Höhepunkt dieses Krieges gewesen. Angeblich hatte die Fomorerarmee zu einem Viertel aus Schwarzen bestanden. Nur über Menschenschmuggel konnten die Schatten so viele Afrikaner nach Norwegen bringen. Diesen Schmuggel zu unterbinden wäre ein weiterer Eckpfeiler für den Erfolg in diesem Krieg. Die Afrika-Verbindung wurde immer wichtiger. Vielleicht war diese Telefonnummer ein Anfang dafür …

»Wir werden der Sache nachgehen«, meinte er und steckte den Zettel ein.

Martin nickte. »Nachdem ich dir mit so vielen Neuigkeiten gedient habe, kannst du die Gefälligkeit erwidern?«

Derrien deutete mit dem Daumen über die Schulter. »Dort hinten im Treppenhaus sind noch zwei tote Ratten. Zwei weitere sind entkommen, ein Albino und ein Muskelschrank. Rabenfeder ist mit einer dritten vorläufig entwischt, aber Maksim ist ihm hinterher.« Maksim war Murdochs Codename. Auf Martins fragenden Blick zuckte Derrien mit den Schultern. »Er ist noch nicht zurück. Ich werde sogleich mit der Suche beginnen.« Mittlerweile hatten Alistair und Padern erfolgreich das Buch aus dem Club gebracht, Martin hier weiter abzulenken war nicht mehr nötig.

»Darf ich euch meine Hilfe anbieten?«, fragte der Renegat, nichtsahnend, welcher Schatz ihm gerade vor der Nase weggeschnappt worden war.

Derrien nickte.

»Gut. Dann lasst uns eilen! Die Polizei wird sich nicht lange ablenken lassen.«

»Olov!«, befahl Derrien. »Komm mit! Der Tag ist noch nicht vorüber!«

Mit einem übertriebenen Seufzer erhob sich Orgetorix von seinem Barhocker. »Kommt schon«, meinte er zu seinen Männern. »Der Boss ruft.«

Gemeinsam machten sie sich auf die Suche nach Murdoch.

|67|BATURIX

Feldlager der Ratsarmee, nahe Bergen, Norwegen

Dienstag, 13. April 1999

Die Innenwelt

 

 

Mit lautem Donner zuckte ein Blitz in der Abenddämmerung, direkt gefolgt vom Krachen des nahen Einschlags. Mit wildem Wiehern stieg Baturix’ Reitpferd auf die Hinterbeine und warf ihn beinahe ab. Als der Wallach zurück auf die Vorderläufe fiel, musste Baturix erst einmal tief durchatmen.

»Ruhig, Vitellius«, flüsterte er vornübergebeugt seinem Reitpferd in die Ohren. »Ruhig! Ist nur ein Gewitter! Nur schlechtes Wetter!«

Der Wallach schnaubte unruhig und sah sich misstrauisch um. Erst dann schien er den Schenkeldruck zu registrieren, mit dem ihn Baturix zum Weitergehen aufforderte. Mit einem weiteren Schnauben setzte sich das Pferd in Bewegung.

»Puh«, seufzte Baturix und zog sich die Kapuze wieder über den Kopf, die ihm in den Nacken gerutscht war.

Nicht, dass das viel Sinn ergab: Der Regen war unerbittlich und hatte ihn schon längst durchweicht. Seit einer Woche regnete es jetzt schon, und dies fast ununterbrochen. Der Himmel war ein Meer aus grauen, tiefhängenden Gewitterwolken. Es schien ganz so, als ob das Land selbst Ronans Tod beweinte, den Tod des Druiden, der die Schlacht von Espeland für die Kelten gewonnen hatte. Ronan war es gewesen, der das feindliche Zentrum durchbrochen hatte, als jedem anderen schon die Niederlage vor Augen stand. Ein großer Mann. Und, wie viele Kelten in diesen Tagen zum ersten Mal erfuhren, ein Wetterdruide. Es regnete, seitdem er tot war.

Seitdem folgte eine schlechte Nachricht der anderen. Während |68|sie die Schlacht von Espeland gewonnen hatten – wenn auch unter schrecklichen Verlusten –, hatte Lord Rushai, den sie den Schwarzen Baum nannten, mit einer zweiten Streitmacht die Ratsarmee aus Dachaigh na Làmthuigh vernichtet. Berichte aus dem Süden kamen spärlich, aber es hieß, dass Rushai dreißigtausend Krieger um sich gesammelt hatte und mit diesen zurück nach Norden zog, um die Keltenarmee zu stellen. Und Cintorix, Feldherr der Armee und Baturix’ Fürst, schien unentschlossen. Ein Mann, der noch nie zuvor unentschlossen gewesen war.

Baturix klopfte Vitellius auf den Hals. »Komm schon«, murrte er, mehr zu sich als zu dem Tier.

Das beständige Prasseln des Regens und das Schmatzen von Vitellius’ Hufen im Matsch waren die einzigen Geräusche. Die Stille über dem Lager wirkte unnatürlich und falsch. Kaum zu glauben, dass hier noch immer knapp zehntausend Krieger versammelt waren. Doch noch vor einer Woche waren sie zwanzigtausend gewesen. Es gab niemanden, der nicht Freunde oder Verwandte verloren hatte, und der verfluchte Schattennebel, der sich trotz des Regens über dem Land hielt, verstärkte Trauer und Sorge nur noch. Niemand war nach Scherzen und Lachen zumute, am allerwenigsten Baturix selbst, dessen Sohn Markus unter Lucius’ Banner gefallen war.

Schließlich erreichte er das Zentrum des Lagers, dort wo ein paar eingefallene und notdürftig ausgebesserte Ruinen den Standort einer längst verlassenen Wikingersiedlung anzeigten. Aus manchen der Gebäude quoll Rauch. Im Mittelpunkt der Ruinen stand eine große, vom Gift des Schattennebels gekrümmte Linde, an deren Ästen Cintorix’ Henker mehrere Männer aufgeknüpft hatte. Beinahe täglich kamen neue hinzu.

Es waren vor allem Bretonen, die dort baumelten. Vor vier Tagen war die Nachricht im Lager herumgegangen, dass Kêr Bagbeg1 von |69|Schatten überfallen und geplündert worden war. Seitdem verging kaum ein Tag, an dem nicht eine Handvoll Bretonen versuchte, sich vom Heer abzusetzen, um nach Hause zu reisen und endlich zu erfahren, was mit Heim und Familie geschehen war. Seit Ronans Tod besaßen sie keinen mächtigen Fürsprecher mehr im Rat, der sie schützen konnte, und deshalb baumelten sie als Deserteure, wenn sie erwischt wurden, als Warnung für die, die es ihnen nachtun wollten. Baturix versuchte, sie nicht zu beachten, elf Männer, nackt und blass, die träge im Regen schaukelten. Zumindest hielt das Grollen des Donners Raben und Krähen von den Toten ab.

Vor Cintorix’ Langhaus hielt ein Mann mit einem Speer in der Hand Wache. Er war kein Gardist, was Baturix überraschte. Er selbst hatte Magnus und Majestus zum Wachdienst eingeteilt. Hatten sie den Mann dort hingestellt, um selbst andere Dinge zu erledigen? Aus dem Gebäude drangen ausgelassene Rufe und raues Gelächter nach draußen, was ihn noch mehr verwunderte. Gespannt schwang er sich vom Pferd und warf die Zügel über einen Pflock. Dann ging er zum Eingang, nickte dabei der Wache kurz zu und öffnete die Tür.

Die Halle war mit einer Reihe Fackeln beleuchtet. Ihr Gebälk war alt und teilweise heruntergebrochen, so dass die Löcher im Dach mit Lederplanen abgehängt werden mussten. Im hinteren Teil brannte ein Feuer, um das die Klapptische und Stühle aus dem Reisegepäck des Fürsten gruppiert waren. An den Wänden waren die Lager der Gardisten aufgeschlagen, von denen eines Baturix gehörte.

Das Geschrei stammte aus dem vorderen Teil der Halle. Eine Gruppe Männer – alles Helvetier, Baturix’ eigener Stamm – hatte dort einen Kreis gebildet und jubelte und schrie. Der Name Magnus fiel immer wieder. Baturix trat näher und legte seine Hand auf die Schulter eines Mannes. Dieser sah sich genervt um, erkannte ihn jedoch sofort als den Anführer der Garde und ließ ihn murrend vorbei. Baturix schob sich weiter nach vorne, bis er endlich sehen konnte, was vor sich ging.

|70|Mitten im Ring und mit dem Rücken zu ihm stand Magnus von Allobroga, ein Gardist, der sich im Kampf gegen feindliche Kundschafter eine Wunde am Oberschenkel zugezogen hatte – eine Wunde, die Baturix mitverschuldet hatte. Seitdem war ihr ohnehin nicht besonders freundlicher Umgang noch eine Spur unfreundlicher geworden. Magnus trug nur Stiefel und eine lederne Hose, sein Oberkörper war nackt und glänzte vom Schweiß. Ihm gegenüber stand ein Mann, den Baturix nicht kannte, seine Kleidung verdreckt und durchnässt. Er schwankte bereits vor Erschöpfung, eines seiner Augen war zugeschwollen, die Oberlippe aufgeplatzt. Blut troff aus seinem Bart.

Noch bevor Baturix die Situation begriffen hatte, ging Magnus auf den Mann los. Dieser versuchte, ihn mit einem taumelnden Schlag zu treffen, doch Magnus war trotz seiner Verwundung viel zu schnell für ihn. Er blockte den Schlag mit dem linken Arm und schlug seinerseits zu, ein einziges Mal, tief in die Magengrube. Der Mann ging zu Boden wie ein Sack Mehl und würgte, während die Versammelten in neuen Jubel ausbrachen.

»In Cintorix Namen«, rief Baturix mit kaum unterdrücktem Ärger. Seine Stimme verpuffte im Geschrei. Er holte tief Luft und brüllte: »IN CINTORIX NAMEN!«

Diesmal hörten sie ihn. Schlagartig herrschte Stille, als sich aller Anwesenden Köpfe zu ihm wandten. Auch Magnus drehte sich zu ihm um. Er grinste breit, doch seine Augen wurden hart, als er ihn sah.

»Was geht hier vor?« Baturix’ Stimme war schneidend.

»Nur ein kleiner Kampf«, erwiderte Magnus ruhig. »Nichts Außergewöhnliches, Germane. Er hat damit angefangen.«

Baturix ließ sich nicht von dem »Germane« provozieren. Er war zwar ein Norweger aus der Außenwelt und damit streng genommen germanischer Abstammung, doch er hatte das Ritual der Entwurzelung längst hinter sich und galt somit als Kelte. »Er hat angefangen, wie?«, wiederholte Baturix mit einem Hauch Ironie. Er trat in den Kreis und ging um Magnus herum zu dem Mann, der |71|sich inzwischen in eine sitzende Position gebracht hatte. Er stank nach Alkohol und Urin. »Wer bist du?«

Der Mann wich vor ihm zurück und hob einen blutverschmierten Arm, ganz so, als ob er auch von Baturix Schläge erwartete. Baturix blieb stehen, bemühte sich um einen freundlichen Tonfall: »Wie heißt du?«

Die Stimme des Mannes war verwaschen, als er antwortete: »Kenan.«

»Und du hast diesen Mann herausgefordert?«

Kenan sah ihn verständnislos und angsterfüllt an. Seine Zunge leckte das Blut von seiner Lippe.

»Welchem Stamm gehörst du an?«

Es war Magnus, der hinter ihm die Antwort gab: »Er ist ein Bretone.« Das Wort kam wie gespuckt.

Baturix langte sich in Gedanken an die Stirn. Natürlich war es ein Bretone. Darauf hätte er auch selbst kommen können.

»Was genau ist passiert?«, fragte er in die Runde.

Die Männer wichen seinem Blick aus, was kein Wunder war. Er war Hauptmann der Garde des Fürsten und somit nur einem Druiden gegenüber rangniedriger. Ihre Augen gingen zu Magnus und einem weiteren Mann, seitlich in der ersten Reihe. Er folgte ihren Blicken und entdeckte Majestus, den er bisher noch nicht bemerkt hatte.

»Er ist ein Verräter.« Magnus zuckte mit den Schultern. »Er ist dort draußen bei den Toten aufgetaucht und hat herumgebrüllt. Er wird sich rächen und so’n Zeug. Und als wir gekommen sind, hat er uns angegangen.«

»Und ihr habt ihn nicht provoziert.« Baturix hielt seine Stimme flach, emotionslos.

»Er war betrunken!«, brach es aus Majestus hervor, mit zweiundzwanzig Jahren der Jüngste der Garde. »Er war so betrunken, das war Provokation genug!«

»So? Und wer hier in diesem Raum war noch nie so betrunken, dass er dummes Zeug geredet hätte?«

|72|Der Arm des Bretonen legte sich um Baturix’ Bein, als sich der Mann angstvoll an ihn klammerte. Offenbar hatte er inzwischen verstanden, dass Baturix hier war, um ihn zu verteidigen.

»Kriegsherr Cintorix hat klare Anweisungen gegeben!«, erklärte Magnus im Tonfall höchster Selbstgerechtigkeit. »Betrunken oder nicht, die Worte waren Verrat!« Er verschränkte abweisend die Arme vor der Brust. Sein Kinn war arrogant in die Höhe gereckt.

»Und ihr habt den Mann offenbar dafür bestraft.« Baturix reichte dem Bretonen eine Hand, um ihn auf die Beine zu ziehen. Doch Kenan war so ungeschickt, dass er ihn stattdessen beinahe mit sich zu Boden zog. Erst beim zweiten Versuch gelang es ihm. »Aus dem Weg.«

Die Männer vor der Tür traten zur Seite, um ihm Platz zu machen. Ihre Gesichter waren zum Teil beschämt, zum Teil aber auch abweisend und wütend. Immerhin wagte es keiner, sich seinem Befehl zu widersetzen.

»Was hast du vor, Baturix?«, fragte Magnus, seine Stimme schneidend. Er war es auch, der sich ihm in den Weg stellte.

»Ich bringe ihn zurück zu seinen Leuten«, erwiderte Baturix. »Ich glaube, er bereut schon genug, was er gesagt hat.«

»Auf Verrat steht die Todesstrafe!«, zischte Majestus hinter ihm.

Baturix ignorierte ihn. »Aus dem Weg, Magnus.«

»Er hat recht.« Magnus bewegte sich keinen Millimeter. »Auf Verrat steht die Todesstrafe.«

»Und du glaubst, es hilft diesem Lager, wenn noch mehr Bretonen am Strick hängen?« Baturix fing an zu schwitzen. Es war natürlich wahr, und Cintorix würde auch in Zukunft nicht davor zurückschrecken, Leute aufzuhängen. Sein Zeichen war die Spinne, und so war er auch, kaltblütig und giftig. Dennoch war es falsch, was hier passierte, da war sich Baturix ganz sicher. »Glaubt ihr nicht auch, dass wir ähnlich reagieren würden, wenn wir die Nachricht von Zuhause erhalten hätten, dass unsere Dörfer geplündert und gebrandschatzt worden sind? Würden wir nicht auch nach Hause wollen, um unseren Liebsten zu helfen, um wenigstens zu |73|erfahren, was mit ihnen passiert ist?« Er war sich bewusst, dass seine eigenen Worte bereits an Verrat grenzten. Das Eis, auf dem er sich bewegte, war gefährlich dünn.

Ein paar der Helvetier nickten oder sahen beschämt zur Seite. Nicht so Magnus. »Befehl ist Befehl.«

Ermutigt von seinen harten Worten rückten ein paar andere zu ihm auf.

»Befehl ist Befehl«, wiederholte Baturix. »Dann lass dir hiermit gesagt sein, dass es keine Bitte ist, mir auf der Stelle aus dem Weg zu treten! Noch bin ich Hauptmann der Garde! Muss ich euch daran erinnern, dass mein Wort dem des Fürsten gleicht?« Er zweifelte daran, damit bei Magnus durchzukommen, aber vielleicht konnte er die Männer an seiner Seite einschüchtern.

Und ja, seine Worte verfehlten ihre Wirkung nicht. Ein paar der Kerle, die sich an Magnus’ Seite gestellt hatten, verschmolzen wieder mit der Menge. Magnus bemerkte dies mit einem angewiderten Blick. »Was hast du mit ihm vor?«, blaffte er.

»Ich nehme ihn in meine Verantwortung. Und jetzt geh mir aus dem Weg! Ich werde es nicht noch einmal sagen.«

Magnus starrte ihn noch einen langen Augenblick an. Dann zog er geräuschvoll die Nase hoch, spuckte vor ihm auf den Boden und trat langsam zur Seite. »Der Fürst wird davon hören!«, murmelte er, als Baturix mit dem Bretonen an ihm vorbei ging.

»Dann erzähle ihm auch gleich, wie du dich meinem Befehl widersetzt hast!«, giftete Baturix zurück. Damit verließ er das Gebäude und zog hinter sich die Tür zu.

Der Wächter stand noch immer dort. »Geh und suche den Gardisten Septus oder Alarix!«, befahl er ihm. »Er soll sich und ein Dutzend Mann für einen Ritt zur Pforte bereit machen. Ich treffe ihn am Lagertor.« Dies war der eigentliche Grund gewesen, an diesem regnerischen Abend zu Cintorix’ Halle zu reiten. Er hatte nach einer Eskorte gesucht. Aber irgendwie hatte er die Lust verloren, mit Magnus oder Majestus zu reiten … Der Mann nickte und verschwand im Regen und der Dunkelheit.

|74|Es war mühsam, den betrunkenen Bretonen in der Dunkelheit durch die schlammigen Zeltstraßen in den bretonischen Abschnitt des Lagers zu bringen. Der Mann weinte und brabbelte wirres Zeug vor sich hin, völlig fertig mit der Welt. Mehrmals glitt er aus, und es war nicht einfach, ihn im Matsch wieder auf die Beine zu bringen. Als sie endlich am Ziel ihres Marsches waren, war Baturix’ Kleidung beinahe ebenso dreckig wie die Kenans.

Als ein weiterer Blitz die Dunkelheit zerriss, sah er direkt vor sich, nur drei Meter entfernt, einen Mann mitten auf dem Weg stehen. Er trug einen schweren Umhang mit einer Kapuze auf dem Kopf und schien einfach so auf der Straße zu warten. Baturix erschrak, seine Hand ließ den Bretonen los und ging zum Heft seines Schwerts. Kenan ging zu Boden wie ein nasser Sack.

»Wer seid Ihr?«, rief Baturix und blieb stehen.

Der Mann ließ sich Zeit mit der Antwort. »Ein Bretone«, erklärte er schließlich.

Baturix fluchte. Ihm war kalt, eisig kalt sogar, ein langer Ritt mitten durch die Nacht stand ihm noch bevor, mit Magnus und Majestus hatte er Dinge in Bewegung gesetzt, deren Auswirkungen er noch nicht abschätzen konnte, und noch dazu hatte ihn das plötzliche Auftauchen des Mannes mehr erschreckt, als er zuzugeben bereit war. Seine Nerven lagen blank. Und er war absolut nicht bereit dazu, die Spielchen dieses Bretonen mitzuspielen. Wenn er nur ein gewöhnlicher Krieger war, hatte er nichts mehr hier draußen verloren! »Verschwinde von der Straße, Bretone!«, rief er zurück. »Es ist Ausgangssperre!«

»Ausgangssperre«, erwiderte der Unbekannte nachdenklich. »Ja, Ausgangssperre, ich erinnere mich. Aber sagt mir, Herr«, – Baturix atmete schon auf, der Mann hatte ihn als einen Ranghöheren erkannt. – »wie kommt es, dass diese Ausgangssperre nur für uns Bretonen gilt und nicht für Euch Helvetier und Waliser?«

»Das ist Blödsinn, und das weißt du ebenso wie ich!« Baturix war nun richtig wütend. Die Ausgangssperre galt für alle gleichermaßen und konnte nur von den Druiden und ihren Hauptmännern |75|ignoriert werden. Wie kam der Mann überhaupt darauf, so etwas zu behaupten?

Ja, wie kommt er darauf?, dachte Baturix noch einmal. Ein eisiger Schauer lief über seinen Rücken. Würde er sich des Nachts in den strömenden Regen stellen, um einem Ranghöheren blödsinnige Beschuldigungen an den Kopf zu werfen? Baturix schüttelte den Kopf. Es musste mehr dahinter stecken. Er hatte die enge Verbundenheit zwischen Cintorix und dem Waliserhäuptling Medredydd schon vor einiger Zeit bemerkt, und deren beider Stämme waren es auch, die den Wachdienst im Lager unter sich aufteilten. War es tatsächlich so, dass hier mit zweierlei Maß gemessen wurde?

»Blödsinn«, wiederholte der Bretone nachdenklich das Wort. »Ja, richtig. Blödsinn. Deshalb taucht Ihr hier auch auf, mitten in der Nacht, und bringt uns einen unserer Männer zurück, windelweich geprügelt, wie es aussieht, und hofft darauf, dass wir still in unseren Zelten bleiben und uns das bieten lassen.« Er spuckte aus.

»Hör zu.« Was auch immer hier vorging, Baturix hatte keine Zeit dafür. Er hatte einen Auftrag zu erledigen. »Dein Mann hier, Kenan, war betrunken. Ich habe ihm kein Haar gekrümmt, und –«

»Natürlich!« Beißender Sarkasmus klang aus seiner Stimme. »Er ist in seinem Rausch gefallen und hat sich dabei so stark verletzt. Ich verstehe

»Du verstehst gar nichts!«, giftete Baturix.

Aber er irrte sich. Er irrte sich in der Person. Er selbst war es, der gar nichts verstanden hatte, und das wurde ihm klar, als er hinter sich im Schlamm hastige, schmatzende Schritte hörte. Der Mann hatte ihn hingehalten, bis sein Kumpan in seinem Rücken war. Baturix versuchte herumzukommen, seine Hand riss das Schwert aus der Scheide, als ein gleißendes Feuerwerk vor seinen Augen explodierte.

Die Wucht des Schlages war so groß, dass es ihn von den Füßen riss. Sein Helm bewahrte ihn zwar vor Schlimmerem, aber er blieb dennoch für einen Moment benommen liegen, bis sich der Nebel über seinen Sinnen wieder verzogen hatte. Doch da |76|waren sie bereits über ihm, drei Gestalten, nein vier, oder waren es fünf? Sie traten nach ihm, nach seinen Beinen, seinem Bauch, seinem Schädel. Er krümmte sich zusammen, versuchte, sein Gesicht zu schützen, während der Schmerz in seinem Körper tobte. Für einen Moment fragte er sich, ob sie wussten, dass er ein Kettenhemd trug, und deshalb so heftig zutraten; wenn nicht, glich der Angriff einem Mordversuch. In diesem Moment traf ihn etwas im Gesicht und ließ erneut Sterne vor seinen Augen explodieren. Er schmeckte Blut auf der Zunge, presste seinen Kopf nur noch fester gegen seine Arme. Mehr Schläge prasselten auf ihn ein. Baturix schickte ein Stoßgebet zu Dagda, dem Totengott, und flehte darum, ihn zu verschonen …

Plötzlich hörte es auf. Die Männer beugten sich über Kenan, der neben ihm ein Stück weiter im Dreck lag. Sie murmelten und flüsterten in ihrer Sprache, doch mit dem Helm auf dem Kopf, dem prasselnden Regen und dem dröhnenden Schmerz in seinem Kopf verstand er sie nicht. Du könntest um Hilfe schreien, fiel ihm ein, doch er beschloss, es nicht darauf ankommen zu lassen. Aller Wahrscheinlichkeit nach würde das in diesem Teil des Lagers nur noch mehr Bretonen auf den Plan rufen. Stattdessen legte er seine gesamte Konzentration darauf, wieder auf die Beine zu kommen. Es war anstrengend, seine getretenen Muskeln brannten wie Feuer, aber es gelang ihm.

»Er ist tot!«, rief plötzlich einer der Bretonen. »Er ist tot

Es dauerte ein paar Momente, bis die anderen akzeptierten, was gesagt worden war. Sie ließen Kenans Körper zu Boden gleiten und wandten sich hasserfüllt zu ihm. »Du hast ihn getötet!«, zischte einer, »Du hast ihn umgebracht!« ein anderer.

Langsam standen sie auf, die Schultern gestrafft, die Fäuste geballt. Zwei von ihnen zückten ihre Messer. Aber sie hatten den Moment der Überraschung verloren. Baturix hielt sein Schwert bereits in der Hand.

»Na, kommt schon«, zischte er, dabei Blut spuckend. »Wer will der Erste sein?« Die Situation erinnerte ihn plötzlich an einen seiner |77|früheren Kämpfe, ein Gefecht in den frühen Morgenstunden im Wald des Niemandslandes, in dem er drei Fomorern gegenübergestanden hatte, ebenfalls nur mit Dolchen bewaffnet. Er hatte in dem Kampf zwei Finger seiner rechten Hand verloren, und für einen Moment wunderte er sich, ob ihn dieser hier nicht noch mehr kosten würde.

Doch sie griffen ihn nicht an. Jeder von ihnen wusste, dass der Erste sein Leben auf Baturix’ Klinge lassen würde.

»Lauf, du Bastard!«, rief einer, während Baturix langsam zurückwich. »Feige Ratte!«

»Wir kennen dich«, stieß ein anderer aus. »Und wir kriegen dich, früher oder später!«

»Verpiss dich! Lass dich hier nie wieder blicken!«

Sie folgten ihm nicht, während Baturix langsam die Entfernung vergrößerte. Schließlich wandte er sich herum und rannte, so schnell er konnte. Sie warfen ihm ein paar Steine hinterher, doch es war dunkel, und so gingen die Geschosse größtenteils daneben.

Als er wieder Cintorix’ Langhaus erreichte, war der Tumult darin vorbei. Majestus stand vor dem Eingang Wache, in der Hand eine Fackel, und gab sich Mühe, Baturix zu ignorieren. Baturix war das nur recht. Er ignorierte ihn ebenfalls, ging mit schleppendem Gang zu seinem Pferd und stemmte sich in den Sattel. Dann ritt er zum Lagerausgang, um mit Septus und seiner Eskorte zur Pforte zu reiten.

 

Die Pforten waren die Verbindungen zwischen Außen- und Innenwelt. Für die Kelten waren es heilige Orte, an denen sie Steinkreise errichteten und ihre geweihten Haine pflanzten, wo sie die Götter verehrten und ihrer Ahnen gedachten. Sie wurden von Schutzgeistern bewacht, die die Schönheit der Natur behüteten und eifersüchtig darauf aufpassten, dass niemand die Pforte benutzte, der ihrer nicht würdig war.

Die Bergpforte jedoch war eine gefallene Pforte, eine, die schon |78|seit Jahren unter Kontrolle der Schatten stand. Sie lag an einem Hang voller verbrannter Bäume und moderndem Unterholz. Die Luft roch abgestanden und faul, nach verwesendem Fleisch und altem Öl. Trotz Regen und Feuchtigkeit brannten noch immer vereinzelte Feuer, die Flammen erhalten von verdorbener Magie. Orangerot schienen sie flackernd durch den drückenden, zähen Schattennebel, der sich um die Pforte herum besonders verdichtet hatte.

Der Ritt war anstrengend gewesen, kalt und nass. Baturix fühlte sich elender als je zuvor. Die Schläge und Tritte, die er hatte einstecken müssen, stachen mit jedem Schritt seines Pferdes schmerzhaft in sein Bewusstsein, und selbst wenn er Vitellius kurz stoppte, um sich nach dem weiteren Weg umzusehen, blieb in seinen geschundenen Muskeln und Knochen ein dumpfes Brennen zurück. Immerhin hatte in der Dunkelheit niemand seine Verletzungen bemerkt. Die Folgen für den Frieden im Lager wären nur schwer abzusehen, wenn sich herumsprechen würde, dass die Bretonen einen helvetischen Hauptmann verprügelt hatten.

Die Stimmung im Trupp war miserabel, auch wenn der Regen seit etwa einer halben Stunde aufgehört hatte. Der Schattennebel zerrte an ihren Nerven, jener mystische Nebel, der über das Land zog, wenn die Schatten die Außenwelt verdarben. Er machte depressiv und aggressiv, und dementsprechend hatten die Männer während des Ritts gestritten und geflucht und waren schließlich in eine brütende, verzweifelte Stille gefallen.

Wenigstens waren sie auf dem Weg keinen Fomorern begegnet, obwohl sich noch immer Dutzende von ihnen in den Nebeln versteckten. Ein Gefecht war so ziemlich das Letzte, was sich Baturix wünschte. Selbst ohne die Prügel der Bretonen hatte er noch immer nicht seine volle Kampfkraft zurückerlangt. Die drei verbliebenen Finger seiner rechten Hand waren noch immer schwach und neigten dazu, in ungünstigen Momenten ihre Kraft zu verlieren.

»Was für ein von den Göttern verlassener Ort«, murmelte Septus, ein wuchtiger, kahlköpfiger Mann von fünfunddreißig Jahren, |79|als sie ihre Pferde den schmalen Pfad die Bergflanke entlanglenkten, vorbei an düsteren Nebelbänken und flackernden Bränden.

Baturix nickte. »Dantes Inferno.« Er war so tief in seinen Gedanken versunken, dass ihm zu spät einfiel, dass der Gardist in der Innenwelt geboren war. »Ein Poet aus der Außenwelt«, fügte er deshalb hinzu, »der versucht hat, die …« Er musste kurz nachdenken. Hölle war kein Konzept, das in der keltischen Mythologie bekannt war. »… die Welt der Toten zu beschreiben.«

»Feuer im Totenreich?«, fragte Septus zweifelnd. »Weiß man in der Außenwelt nicht, dass es dort kalt ist?«

»Man kennt dort nicht einmal die wahren Götter. Vergiss nicht, die meisten dort draußen sind Christen.«

»Ah. Christen Aus Septus’ Mund klang das Wort wie ein Fluch. Und kein Wunder: Die Druiden sahen in der Ausbreitung des Christentums in der Außenwelt die Ursache für den Rückgang der Magie und predigten dies oft genug.

Vor ihnen schälte sich groß und schwarz der Umriss eines Höhleneingangs aus dem Nebel. Zwei Feuer brannten vor der Öffnung, um den richtigen Weg zu weisen. Baturix atmete dankbar auf. Sie waren am Ziel ihrer Reise angekommen.

»Halt!«, rief auf Helvetisch eine Stimme aus dem Nebel. »Wer ist dort?«

»Baturix von Allobroga, im Auftrag des Heerführers Cintorix!«

»Kommt näher!«

Langsam ritt er weiter. Doch erst als er den Eingang erreicht hatte, erkannte er die Männer, die sich darin versammelt hatten. Es waren fünf, in von der Nebelfeuchtigkeit triefenden Kleidern, mit an den Köpfen klebenden Haaren, gerüstet und bewaffnet. Sie standen Schulter an Schulter, die Schilde in den Händen, bereit, sie jederzeit in einen Schildwall zu heben.

»Ich bin hier, um Derrien Schattenfeind abzuholen«, erklärte Baturix weiter und hoffte, dass sie seine Ankunft bereits erwartet hatten.

|80|Eine weitere Gestalt trat von hinten zu den Männern. »Zeig dein Gesicht!«, befahl er.

Baturix kletterte mühsam aus dem Sattel und zog die Kapuze vom Helm. Der Neuankömmling drängte sich an den Männern vorbei und trat nach vorne, wo er an den Feuern eine Fackel entzündete. Er war deutlich älter als die anderen und offenbar ihr Anführer. Sein Haar war weit von seiner Stirn gewichen und ergraut, der Bart schütter und fransig.

»Scipio?«, fragte Baturix unsicher.

Der Alte grinste plötzlich. »Genau der. Hätte nicht gedacht, dich so bald schon wiederzusehen!«

Als die Krieger sahen, wie sich die beiden herzhaft die Hände schüttelten, entspannten sie sich. »Habt ihr Neuigkeiten aus dem Lager?«, fragte einer, während ein anderer anbot: »Kommt erst mal rein und wärmt euch auf.«

»Kümmert euch um die Pferde!«, befahl ihnen Scipio. Dann wandte er sich zu Baturix: »War sicher kein angenehmer Ritt.«

Baturix schüttelte den Kopf. »Nein.«

Der alte Waldläufer nickte und führte sie in die Höhle. Hier drinnen wurde der Nebel noch einmal dichter, so dass die Sicht nicht einmal von einer Wand zur anderen reichte. Scipio hielt sich an der rechten Wand, wo in regelmäßigen Abständen Fackeln in Halterungen an der rauen Granitwand hingen. Ihr Ruß rann dick und schwarz die Wände herab und tropfte von der Decke.

Nach einer Biegung erreichten sie ein Feuer, umringt von einer Reihe schmutziger Stiefel, von den Waldläufern zum Trocknen aufgestellt. Darum herum hatten sie ihre Lager aufgeschlagen. Rucksäcke und Ausrüstung standen kunterbunt zwischen Lederplanen und Wolldecken, in denen ein paar Waldläufer eingewickelt lagen und schliefen. Eine Gruppe aus vier Mann saß um eine umgedrehte Packkiste und spielte Würfel. Weder sie noch einer von den Schläfern machte einen gepflegteren Eindruck als die Waldläufer vom Eingang.

»Viele Leute«, kommentierte er.

|81|Scipio nickte. »Seitdem wir die Pforten in Bergen wieder verloren haben, ist dies unsere letzte Pforte in der Gegend. Draußen im Nebel wartet ein ganzes Rudel Phantome darauf, uns die hier auch noch wegzunehmen.«

»Phantome?«

»Sie schleichen jede Nacht um den Höhleneingang«, erklärte Scipio. »Die Pforte lockt sie an.«

Baturix schluckte. Phantome … Ein Wunder, dass sie ihn und seine Männer auf dem Weg hierher nicht angegriffen hatten! Was für ein elender, verlorener Posten …

Scipio rief währenddessen: »Derrien, Baturix ist hier, um Euch abzuholen.«

»Wurde aber auch Zeit«, grummelte eine Stimme aus dem Hintergrund. »Esst etwas und legt euch schlafen. Wir reiten morgen.« Halb im Nebel verborgen saß dort ein Mann an die Höhlenwand gelehnt, auf dem Schoß ein dickes, schwarzes Buch. Es war viel zu dunkel, um zu lesen, aber genau das schien er zu tun. Sein bretonischer Dialekt und die Tatsache, dass er die Befehle gab, ließen nur den Schluss zu, dass es sich um Derrien handelte.

Baturix verneigte sich kurz. »Habt Dank, mein Herr.«

Der Mann reagierte nicht mehr auf ihn, sondern blätterte weiter.

Scipio scheuchte einen der Würfelspieler auf, sich um etwas Verpflegung zu kümmern, bevor er sich selbst mit knackenden Knien auf ein Lager sinken ließ. »Erzähl uns von der Schlacht«, meinte er. »Du als der Bannerträger der Spinne musst doch eine glänzende Aussicht gehabt haben!«

»Ja.« Baturix wandte seinen Blick zu Boden. Er sprach nicht gerne über das Gefecht, in dem Markus umgekommen war. Deshalb fasste er sich so kurz wie nur irgend möglich. »Zuerst sind sie zweimal durch unseren Wall gebrochen. Ein Loch hat unsere Reserve gestopft, das zweite die Reiterei. Dann sind wir durch ihren Wall gebrochen, und das hat die Panik ausgelöst. Ab dann war es ein Gemetzel.« Die Gesichter der versammelten Waldläufer, die |82|sich erwartungsvoll zu ihm gedreht hatten, wandten sich enttäuscht ab, als sie bemerkten, dass er ihnen keine spannende Unterhaltung bieten würde. Baturix war das ganz recht. Er hasste es, im Zentrum der Aufmerksamkeit zu stehen. »Danke«, meinte er zu einem Mann, der ihm einen Becher Wasser und einen Teller mit Brot und etwas warmem Eintopf reichte.

»Mein Bruder hat die Schlacht gewonnen.«

Baturix sah auf. Derrien hatte das Buch zur Seite gelegt und war unbemerkt zu ihnen getreten. Sein Gesicht war rau und wettergegerbt von einem Leben draußen in den Wäldern, die Züge gleichmäßig und kantig. Haar und Bart des Bretonen waren als Tribut an seine häufigen Reisen in die Außenwelt kurz gehalten, weswegen er nicht halb so verwahrlost aussah wie der Rest seiner Männer. Baturix hatte bereits von den Runen gehört, die ein Schatten während Derriens Gefangenschaft in sein Gesicht geschnitten hatte, doch die Narben entstellten ihn nicht so sehr, wie Baturix erwartet hatte.

»Ja«, antwortete er ihm direkt und ohne Umschweife. »Euer Bruder hat die Schlacht gewonnen. Er und Eure Historikerin.«

Derrien lächelte grimmig. »Das macht deine Spinne vermutlich wahnsinnig, dass ihm eine Frau die Butter vom Brot genommen hat.«

Baturix senkte seinen Blick wieder zu Boden und widmete sich dem warmen Essen. Für einen Moment hatte er gehofft, dass es ein Waldläufer-Eintopf war, mit viel Fleisch und frischen Pilzen. Doch die Waldläufer hatten in den letzten Wochen kaum Zeit zum Jagen gehabt, ihr Essen entstammte genauso wie das Lageressen den Vorräten des feindlichen Trosses: Getreidebrei, Bohnen und Karotten, dazu etwas verkochtes Pferdefleisch. Die ständige Feuchtigkeit des Schattennebels hatte das Brot schimmeln lassen. Baturix zwang es dennoch hinunter. Das schale Wasser trank er in einem Zug hinterher, wischte sich dann mit dem Ärmel über den Mund. »Er ist froh darüber, die Schlacht gewonnen zu haben«, antwortete er schließlich diplomatisch.

|83|»Ha!«, stieß Derrien aus. »Das glaube ich …« Er schüttelte den Kopf. »Du würdest im Leben nichts über deinen Herrn kommen lassen, was?«

»Natürlich nicht!« Baturix war überrascht von der Direktheit des Bretonen. »Selbst wenn, läge es nicht an mir, das zu äußern. Ihr entschuldigt mich …«

Baturix hielt es für klüger sich zurückzuziehen, bevor Derrien noch etwas sagte, was er nicht hören wollte. Deshalb stand er noch einmal auf und vergewisserte sich, dass seine Männer gegessen und getrunken hatten, bevor sie sich schlafen legten. Dann sah er nach den Pferden, die in einem Abgang der Haupthöhle untergebracht waren. Die Waldläufer hatten ihnen bereits die Sättel vom Rücken genommen und ihnen Futterbeutel vor die Mäuler gehängt. Zwei Männer waren damit beschäftigt, ihnen das Fell zu striegeln. Er bedankte sich bei ihnen und ging zurück zum Feuer.

Derrien hatte sich zum Glück wieder in seine Ecke verzogen und widmete seine Aufmerksamkeit erneut dem Buch, so dass Baturix eine weitere unangenehme Unterhaltung über seinen Fürsten erspart blieb. Er zog seine nassen Kleider aus und schlug sein Lager auf. Er glaubte zwar nicht, dass in der Feuchtigkeit des Nebels irgendetwas trocknen würde, legte aber dennoch seine Kleider an das Feuer, bevor er sich hinlegte. Seine Decke war ebenfalls nass, aber wenigstens nicht völlig durchgeweicht wie der Rest seiner Sachen. Er legte sich hin.

Auf dem unbequemen Lager konnte er jeden Schlag, den ihm die Bretonen verpasst hatten, einzeln spüren. Er wusste, er würde heute Nacht nicht einschlafen. Stattdessen grübelte er darüber nach, wie es die Waldläufer wohl aushielten, Tag für Tag in dieser feuchten, kalten, nebligen, verzweifelten Dunkelheit auszuharren.

Er lag keine fünf Minuten wach, so stark war die Erschöpfung. Dann fiel er in einen tiefen, traumlosen Schlaf.

|84|DERRIEN

Die Bergpforte, Niemandsland nahe Bergen, Norwegen

Mittwoch, 14. April 1999

Die Innenwelt

 

 

Als ihn seine Männer bei Morgengrauen weckten, war der Dunst in der Höhle noch dicker als am Vorabend. Das feuchte Holz des Kochfeuers brannte unruhig und knackend, darüber hing ein dampfender Topf, in dem einer seiner Männer mit einer großen Kelle rührte. Um die Feuerstelle herum lagen die Waldläufer und Baturix’ Helvetier verstreut und schliefen den tiefen Schlaf der Erschöpften. Die Luft war schlecht und stank nach Schweiß, Rauch und Fäulnis.

Derrien setzte sich auf und schlüpfte in seine Kleider, die in der Nacht kaum getrocknet waren. Dann gesellte er sich zu dem Schotten am Feuer und ließ sich einen Napf Eintopf einschenken. »Etwas losgewesen in der Nacht?«, fragte er ihn.

Der Mann schüttelte den Kopf. »Nein, Herr.«

Derrien nickte. Er nahm den Napf und einen Löffel, riss sich von dem bereitliegenden Brot einen Kanten ab und schöpfte sich mit seinem Krug Wasser aus einem Fass. Sein Blick fiel auf Baturix, der, in seine Decke gewickelt, tief und fest schlief. Sein Auge war mittlerweile blau angelaufen und geschwollen, die Schramme an der Wange und das blutige Nasenloch waren verkrustet. Er fragte sich, wer oder was den Mann so zugerichtet hatte. Die Verletzungen waren gestern Abend beinahe noch frisch gewesen. Schließlich zuckte er mit den Schultern und ging nach draußen. Es war nicht sein Problem.

Am Höhleneingang saß Scipio mit ein paar Männern und war damit beschäftigt, mit seinem Dolch den Schimmel von seiner Lederrüstung |85|zu kratzen. »Guten Morgen, Herr«, begrüßte er ihn, ohne dabei aufzusehen.

»Guten Morgen«, erwiderte Derrien und setzte sich neben ihn auf den Fels. »Was macht der Husten?«

Draußen dämmerte der Tag heran. Die Sonne war im dichten Nebel nicht mehr als ein verwaschener heller Fleck über dem Horizont. Der Hang war übersät mit den verkohlten Überresten verbrannter Bäume, der Boden bedeckt von Asche, die die Feuchtigkeit des Nebels aufgesogen hatte und zu grauem Schlamm geworden war. Dennoch hielten sich hartnäckig ein paar Feuer, um deren orangerote Flammen giftiggrüne Auren flackerten. Derrien begann, sein Frühstück zu essen. Er störte sich nicht daran, dass es das gleiche war wie am Vorabend, nämlich Nahrung aus den eroberten Vorräten des Feindes. Als Waldläufer hatte er schon deutlich schlimmer gegessen, und oft genug hatte es auch gar nichts gegeben.

»Hört Ihr mich husten?«, fragte Scipio.

»Ich habe dich heute Nacht husten gehört.«

Scipio blickte auf, starrte nachdenklich in den Nebel. »Ich bin nun vierundsechzig Jahre alt, Herr. Der Husten erinnert mich daran. Ich wäre Euch dankbar, wenn Ihr nicht davon sprechen würdet.«

»Du magst alt sein, aber du bist ein zäher Bursche. Du bist nicht der Einzige, den der Nebel hier krank macht, einige der Jüngeren husten ebenfalls.«

»Dies ist ein verfluchter Ort.« Scipio fuhr mit seiner Arbeit fort.

Derrien nickte. Es war ein verfluchter Ort. Schweigend aß er sein Frühstück zu Ende und stand dann auf. »Sobald ich das Feldlager der Waldläufer erreicht habe«, erklärte er, »lasse ich dich hier ablösen.«

Scipio nickte.

»Ihr werdet nicht bis zu ihrem Feldlager müssen, Herr«, erklang eine Stimme hinter ihm. Derrien musste sich nicht umdrehen, um sie zu erkennen.

|86|»Baturix. Setz dich zu uns.«

Der Hauptmann von Cintorix’ Garde war ein wenig größer als er selbst. Sein Haar, das er heute im Nacken zusammengebunden hatte, wirkte durch die Nässe dunkler, als es tatsächlich war. Sein Vollbart war relativ kurzgeschnitten und gepflegt, er hatte braune, nachdenkliche Augen, von denen eines heute fast zugeschwollen war. An der rechten Hand des Gardisten fehlten Ring- und Kleinfinger, Erinnerung an den Kampf gegen einen Schatten. Seine Kleidung bestand aus einer ledernen Hose und einem Wams aus Wolle, unter dem seine Kettenrüstung kaum auszumachen war. Darüber hatte er einen Umhang gezogen, der ihn wohl vor Regen schützen sollte – eine sinnlose Übung, war seine komplette Kleidung doch immer noch triefend nass. Auch er hatte einen Napf Frühstück dabei.

»Warum werde ich nicht zum Lager müssen?«, hakte Derrien nach.

»Ryan hat die Waldläufer vor zwei Tagen zurück zum Heerlager gebracht. Seitdem setzt sie Cintorix zur Außensicherung des Lagers ein.«

»Und warum hat Ryan meine Männer aus der Stadt zurückgezogen?« Derriens Stimme verbarg nicht den Ärger, den er darüber empfand, dass sich Ryan seinen ausdrücklichen Befehlen widersetzt hatte. Der Auftrag des irischen Druiden war gewesen, Bergen nach den Geheimnissen der Schatten zu durchkämmen.

Im Frühjahr vermehren sie sich. Das war der einzige Hinweis, den sie über die Herkunft oder Fortpflanzung der Schatten besaßen. Derrien würde Gift darauf nehmen, dass es hier in der Innenwelt geschah. Und wo sonst sollte es geschehen, wenn nicht in Bergen, der Stadt, die seit Jahrzehnten von den Schatten beherrscht war? Deshalb hatte sein Plan auch vorgesehen, nach der Schlacht so schnell wie möglich zu Ryan zu gelangen, um ihn bei der Suche zu unterstützen. Erobere ihre Pforten, vernichte die von der Schlacht fliehenden Schatten, und dann durch die Pforten und zu Ryan, so hatte er sich das vorgestellt. Doch der Gegenangriff der Ratten war |87|zu schnell gekommen. Trotz herber Verluste war es den Biestern gelungen, sie von den Pforten zu drängen und Derrien somit in der Außenwelt zu halten. Ansonsten hätten sie nie am Angriff auf den Heart’s Dancing Club teilgenommen. Derrien grinste grimmig. Wenn es nach seinem Plan gegangen wäre, wäre ihm niemals das Buch in die Hände gefallen. Er widerstand der Versuchung, die Tasche zu tätscheln, in der er das Artefakt unter seinem Umhang trug.

»Ryan berichtet von einer großen Menge an Schatten, die durch die Stadtpforten gekommen sind, Herr«, erklärte Baturix. »Deshalb hat er sich zurückgezogen. Er hat ein paar seiner Kundschafter verloren, heißt es, aber ansonsten hat die Truppe einen intakten Eindruck gemacht. Ryan behauptet, der Schwarze Baum hätte sie angeführt.«

Derrien brummte missmutig. Was Baturix da sagte, ergab einen Sinn. Eigentlich war der Schwarze Baum weit im Süden, an der Spitze des zweiten Nain1 –Heeres, das sich durch das Ratsgebiet von Dachaigh na Làmtuigh plünderte. Doch vielleicht war er zurückgekehrt, weil die Schatten Angst davor hatten, dass die Waldläufer ihr großes Geheimnis erfahren würden? Jedenfalls glaubte er kaum, dass Lord Rushai sein Fomorerheer gern zurückgelassen hatte.

»Wie viele sind tot?«, fragte Scipio.

»Ich weiß es nicht. Ich habe nicht mit Ryan persönlich gesprochen.«

Nachdem sie für den Rest des Frühstücks geschwiegen hatten, erklärte Derrien schließlich: »Sieh zu, dass du deine Männer in die Sättel bekommst, Baturix. Es wird Zeit loszureiten.«

Der Helvetier nickte, ließ sich Derriens Napf geben und verschwand im Höhleneingang.

Erst als Baturix weg war, meinte Derrien: »Ich habe gehört, dass ihr beide es gewesen seid, die vor der Schlacht das feindliche Heer entdeckt haben.«

 

|88|Scipio nickte.

»Was hältst du von ihm?«

Der alte Mann zuckte mit den Schultern. »Er ist kein Waldläufer.«

»Das weiß ich selbst.«

»Ansonsten … In seiner Loyalität zu seiner Spinne ist er geradezu blind. Aber er hat Mumm in den Knochen, auch wenn er es selbst nicht weiß. Bevor wir das Heer entdeckt haben, sind wir auf Kundschafter gestoßen. Er hat zwei von ihnen getötet, einen davon aus dem Hinterhalt. Er hat es gehasst, aber er hat getan, was nötig war. Er ist zuverlässig. Vielleicht etwas zu korrekt für meinen Geschmack, aber alles in allem ein guter Mann.«

Derrien sah nachdenklich in den Nebel. Scipios Lob war eine Seltenheit.

 

Etwa eine halbe Stunde später waren sie aufbruchbereit. Baturix’ Männer hatten ihre Ausrüstung zusammengepackt, ihre ledernen Rüstungen angelegt und ihre Pferde gesattelt. Derrien hatte Murdoch geweckt, der noch immer die Wunden vom Kampf gegen den Rattenmenschen im Gesicht trug. Sein Fieber hatte nachgelassen, so dass er reiten konnte.

Am Höhleneingang verabschiedeten sie sich von Scipio. »Sei vorsichtig«, warnte Derrien ihn, »und halte die Augen offen. Es sind Phantome im Nebel. Wahrscheinlich warten sie nur darauf, dass Murdoch und ich von hier verschwinden. Sie spüren unsere Magie. Gut möglich, dass sie angreifen, sobald wir von hier fort sind.«

»Sollen nur kommen«, meinte der Alte. »Meine Männer sind bereit. Wir halten die Stellung.«

Derrien nickte. »Los, auf!«, rief er dann. »Wir haben einen langen Ritt vor uns.« Damit schwang er sich in den Sattel der schwarzen Stute, die ihm Baturix als Reitpferd mitgebracht hatte.

Während die anderen aufsaßen, beobachtete er Murdoch. Der schottische Druide sah aus, als ob die Ratte unter dem Heart’s mit den Krallen X und O in seinem Gesicht gespielt hätte. Der Verband an seinem Hals war schon wieder durchgeblutet.

|89|»Geht es?«, fragte er ihn, als sich der Wolf, wie Murdoch genannt wurde, in den Sattel gekämpft hatte.

»Muss«, lispelte Murdoch mürrisch. Sein Gesicht war so verbissen, dass ihm kein Schmerz anzusehen war. Seine Körperhaltung ließ jedoch keinen Zweifel, dass der Druide noch deutlich angeschlagen war.

Es lag an der Art der Verletzung, dass Murdoch noch immer daran litt. Es brauchte Magie, um einen Druiden dauerhaft zu verletzen, und wenngleich die Klauen und Zähne eines Rattenmenschen nicht magisch waren, waren die Rattenmenschen selbst übernatürliche Kreaturen, weshalb die Wunden zur Heilung Tage statt Stunden benötigten und sich oftmals infizierten.

Baturix ritt als Erster seinen braunen Wallach den Hang hinab und winkte seinen Männern zu, ihm zu folgen. Derrien ließ drei von ihnen vor, bevor er seine Stute hinter ihnen her lenkte. Das Tier war unruhig und nervös und ließ sich nur widerwillig auf seine Kommandos ein. Es war der Schattennebel, der ihm zu schaffen machte.

Derrien wandte sich im Sattel um und sah zurück zum Eingang der Höhle. Schon jetzt war dort nichts mehr zu sehen als dunkelgraue Nebelschleier, nicht einmal der Schein der Feuer drang mehr zu ihnen durch. Scipio und seine Männer schienen bereits einer anderen Welt anzugehören.

»Glaubst du, sie werden angreifen?«, fragte Murdoch, der sein Pferd neben ihn gelenkt hatte.

»Ja. Das sind wilde Geister dort draußen. Es ist ihre Pforte, ihr Heiligtum. Ihr Hass wird sie angreifen lassen.«

Murdoch spuckte aus. »Scipio ist ein erfahrener Hund. Sie werden ihn nicht mit heruntergelassener Hose erwischen. Wenn er rechtzeitig seinen Schildwall baut, können sie ihm nichts anhaben.«

»Wenn sie besondere Kräfte haben, wird der Schildwall nicht viel nützen. Ein Furchtzauber kann einen Schildwall ebenso effektiv auseinandertreiben wie ein Schlafzauber ihn stören kann.« |90|Derrien seufzte. »Aber diese verfluchte Pforte ist zu wichtig, als dass ich sie dem Feind kampflos überlassen will.« Auch wenn es einen guten Mann wie Scipio das Leben kostete …

Ein fernes Donnergrollen ließ ihn aufblicken. Durch den Dunst waren graue Wolken zu erkennen, die der Wind von Westen her herantrieb. Es schien so, als ob dieser miserable Ritt noch eine Spur miserabler werden würde.

Nach etwa zwanzig Minuten hatten sie den Berghang verlassen und folgten einem ebenerdigen Pfad den Fjord entlang nach Norden. Schwarze, kahle Buchen mit aufgerissenen Rinden und geborstenen Ästen bildeten einen krankhaft entstellten Waldrand zu ihrer Linken, während rechts von ihnen ein steiler Geröllhang hinab zur Wasseroberfläche des Fjordes führte, die durch den Dunst bereits nicht mehr zu erkennen war. In der Stille des Nebels war das rhythmische Rauschen der Brandung das einzige Geräusch, das nicht durch die Reiter verursacht wurde.

»Herr Derrien?«, fragte einer von Baturix’ Helvetiern hinter ihm nach einer Weile.

»Ja?«

Als ob sein Ja eine Erlaubnis oder gar eine Aufforderung gewesen war, lenkte der Mann sein Pferd nach vorne. Derriens Stute schnaubte unruhig und spannte sich an.

»Herr Derrien?« Es war ein großgewachsener Mann von hagerem Wuchs und einem pockennarbigen Gesicht, der zusammengesunken im Sattel saß, die Kapuze eines mehrfach geflickten Umhangs über den Kopf gezogen. Sein Pferd war ein braunweiß gescheckter Wallach, der ebenso nervös wirkte wie Derriens Stute.

»Was ist?«, fragte ihn Derrien. Doch der Mann ließ sich mit einer Antwort Zeit, so lange, dass er ungeduldig hinzufügte: »Los, heraus mit der Sprache!«

»Herr«, setzte der Helvetier von neuem an, »glaubt Ihr denn …« Sein Blick ging nach unten, zur Seite, in den Himmel, überall hin, nur nicht in Derriens Gesicht. »Meint Ihr«, fasste sich der Helvetier schließlich ein Herz, »wir können den Krieg noch gewinnen?«

|91|»Was?« Ruckartig starrte Derrien ihn an.

Der Helvetier senkte den Blick. »Ich weiß, ich sollte Euch das nicht fragen –«

»Du hast recht!«, blaffte Derrien. »Du solltest das nicht fragen! Wir haben gerade erst eine Schlacht gewonnen, was fällt dir ein?!«

Seine Stute tänzelte irritiert zur Seite, hob den Kopf, um den Wallach neben ihr besser anstarren zu können. Derrien ignorierte ihre Unruhe, so erbost war er über den Mann. Eine so vorlaute Frage musste bestraft werden, es fragte sich nur noch, wie …

Der Helvetier ließ immer noch nicht locker. »Ich stamme aus der Außenwelt, müsst Ihr wissen, und ich bin nicht dumm. Ich kann eins und eins zusammenzählen –«

»Ach«, unterbrach ihn Derrien, »scher dich nach hinten!«

Die Stimme des Helvetiers nahm einen verzweifelten Ton an. »Ich will doch bloß wissen –«

Diesen Moment suchte sich Derriens Stute aus, um den Wallach zu beißen. Das Tier sprang erschrocken zur Seite, verlor den Halt auf dem schlüpfrigen Fels und stürzte den Geröllhang hinab. Schmerzensschreie von Pferd und Reiter drangen durch den Nebel. Derriens Stute stieg mit einem wilden Wiehern auf die Hinterbeine und warf ihn um ein Haar aus dem Sattel. Das Pferd trampelte panisch, Matsch und Kies spritzten unter ihren Hufen nach allen Seiten. Irgendwo im Nebel unter ihnen hörte er ein räudiges Knurren und schmerzerfülltes, schrilles Wiehern.

Murdoch kam heran und griff nach den Zügeln, die Derrien im Schreck hatte schießen lassen. Derrien glitt aus dem Sattel, ließ den Schotten mit dem Pferd zurück und rutschte auf dem Geröll schlitternd den Abhang hinab. Das Geschrei des Helvetiers wurde lauter, bis sich schließlich kurz vor der Wasseroberfläche die Umrisse des gescheckten Pferdes aus dem Nebel schälten, unter dem der Mann begraben lag. Von oben hörte Derrien das Prasseln von Kies, als seine Männer ihm den Abhang hinab folgten.

»Vorsicht!«, stöhnte dieser auf, im selben Moment, in dem Derrien hinter sich erneut jenes kehlige Knurren vernahm.

|92|Er wirbelte herum. Ihm gegenüber, nur drei Schritt entfernt, kauerte ein großer schwarzer Wolf sprungbereit im Gebüsch, die Ohren zum Kampf nach hinten an den Kopf gelegt, die Nackenhaare zu Berge gestellt, die Zähne gefletscht. Und er war nicht allein, aus den Augenwinkeln erkannte Derrien weitere dunkle Umrisse im Nebel. Einen Moment lang starrte er in die ölig-irisierenden Augen des Tiers. Geisteraugen, und was für ein Geist wird es schon sein, so tief im Schattennebel wie hier?

»PHANTOM!«, brüllte er und riss das Schwert aus der Scheide.

Der Wolf sprang im selben Augenblick. Derrien drehte sich zur Seite, schwang die Waffe mit einem Rückhandschlag in die Flanke des Geistes. Wasserklinge schnitt durch den Geisterkörper wie durch Butter. Ein Sturzbach aus Rauch floss aus der Wunde und verwandelte den Wolf, noch ehe er auf den Boden schlagen konnte, in eine graue Wolke.

Derrien wirbelte herum, das Schwert hoch zum Schlag erhoben. »Na, kommt doch!«, keifte er, während das Blut in seinen Ohren rauschte und die Stimmen seiner Ahnen nach mehr Blut lechzten. »Wer will noch mal? Kommt und schmeckt meine Waffe! Das ist eine magische Klinge, sie tötet euch!«

Doch die Phantome schienen begriffen zu haben, wie wehrhaft ihre Beute war. Das Knurren wich einem kurzen Kläffen, dann verschwand der Rest des Rudels im Nebel.

»Na wartet!«, brüllte er in den Nebel. »Euch kriege ich auch noch!

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