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Schattenspäher

Inhalt

  1. Cover
  2. Titel
  3. Impressum
  4. Widmung
  5. DANKSAGUNGEN
  6. 1. TEIL
  7. 1. KAPITEL
  8. FÜNF JAHRE ZUVOR
  9. 2. KAPITEL
  10. 3. KAPITEL
  11. 4. KAPITEL
  12. 5. KAPITEL
  13. 6. KAPITEL
  14. 7. KAPITEL
  15. 8. KAPITEL
  16. 9. KAPITEL
  17. 10. KAPITEL
  18. 11. KAPITEL
  19. 12. KAPITEL
  1. 2. TEIL
  2. 13. KAPITEL
  3. 14. KAPITEL
  4. 15. KAPITEL
  5. 16. KAPITEL
  6. 17. KAPITEL
  7. 18. KAPITEL
  8. 19. KAPITEL
  9. 20. KAPITEL
  10. 21. KAPITEL
  11. 22. KAPITEL
  12. 23. KAPITEL
  13. 24. KAPITEL
  14. 25. KAPITEL
  15. 26. KAPITEL
  16. 27. KAPITEL
  17. 28. KAPITEL
  18. 29. KAPITEL
  19. 30. KAPITEL
  1. 3. TEIL
  2. 31. KAPITEL
  3. 32. KAPITEL
  4. 33. KAPITEL
  5. 34. KAPITEL
  6. 35. KAPITEL
  7. 36. KAPITEL
  8. 37. KAPITEL
  9. 38. KAPITEL
  10. 39. KAPITEL
  11. 40. KAPITEL
  12. 41. KAPITEL
  13. 42. KAPITEL
  14. 43. KAPITEL
  1. ÜBER DEN AUTOR

DANKSAGUNGEN

Ein großes Dankeschön geht wie immer an die Jungs des Clockwork-Storyboook-Autorenkollektivs: Bill Willingham, Chris Roberson, Mark Finn und Bill Williams fürs Mutmachen und für ihr Feedback beim Schreiben dieses Buches.

Wie schon bei Midwinter schulde ich darüber hinaus Bill Willingham meinen ausdrücklichen Dank, da er mir großzügigerweise gestattet hat, auf einige seiner Ideen zurückzugreifen, die Eingang fanden in seinen (immer noch!) unvollendeten Roman Just Another Ranker. Dies geht auf jene Zeit zurück, da unsere Geschichten noch in ein und demselben Universum angesiedelt waren. Falls er sie jemals zurückhaben will, hätte ich ein Problem.

Danke an Dave Justus, der unermüdlich am Originalmanuskript gearbeitet hat, und an meinen Lektor bei Pyr, Lou Anders, der einfach sensationell ist.

Danke an Margaret und Kevin, die in dieser arbeitsreichen Zeit auf unsere Mädchen aufpassten.

Danke auch an Samantha, Amy, Jenn, Terrie, Lynn, Emma, Jacob, Abby, Patti, Nate, Jeremy, James, Alison und Yvonne, die in diesen Tagen immer wieder meine Batterien aufgeladen haben.

Und ein ganz besonderes Dankeschön an meine Frau Stacy und meine Töchter Millie und Mercy, die mir erlaubt haben, sie während der Arbeit an diesem Buch ganze zwei Monate lang im Stich zu lassen.

Pibil.

1. TEIL

Uvenra schlief unter der Asche in Belekh; die Tochter von Uvenchaud starb durch die Hand ihres Vaters Uvenchaud und schlief nun unter der Asche.

Eine Woche und einen Tag weinte der König. Dann nahm Uvenchaud seinen Streitwagen und fuhr nach Prythme, wo die Götter wohnen. Um die Götter zur Rede zu stellen. Am Tor erhob er sein Schwert; am Tor erhob er seinen Schild. Uvenchaud ließ sein Schwert auf die Erde niedersausen, und die Erde erzitterte. Das Tor in seinen mächtigen Angeln öffnete sich unter Uvenchauds Zorn.

Uvenchaud ging in den Hof von Prythme und rief: »Ich bin Uvenchaud mit der eisernen Faust. Ich bin Uvenchaud, der die wilden Fae-Clans vereinigte. Die Fae haben sich meinem Willen unterworfen. Und als ihr Führer stehe ich nun hier und verlange eine Unterredung.«

Eine Woche und einen Tag stand Uvenchaud im Hof. Und eine weitere Woche und einen Tag blieb er ohne Antwort. Da ließ Uvenchaud sein Schwert abermals auf die Erde niedersausen, und einer der Götter erschien. Es war der bärtige Althoin, der Gott der Weisheit, dessen Gabe die Innensicht ist. Und er kam, um sich mit Uvenchaud zu messen.

»Warum bist du hier?«, fragte der weise Althoin.

»Warum kommt Uvenchaud hierher und stört die Gedanken der Götter?«

»Meine Tochter Uvenra schläft unter der Asche. Sie starb durch meine Hand, weil sie mich an meinen Feind Achera verriet; an Achera den Drachen, der so viele tötete.«

»Und du kamst, auf dass die Götter dich richten?«

»Nein, ich kam nicht, auf dass mich die Götter richten. Ich kam, um dem Urteil der Götter zu trotzen.«

Althoin sprach. Er sagte: »Du kannst dem Richturteil der Götter nicht entgehen. Wir thronen über dir, um dich zu richten und zu befehligen.«

»Und wer hat euch auf diese Throne gesetzt?«

»Das haben wir selbst getan.«

»Dann werde ich euch entthronen.« Uvenchaud ließ sein Schwert auf die Erde niedersausen, und der Gott lachte.

»Du kannst keinen Gott töten«, sagte Althoin.

Eine Woche und einen Tag hieb Uvenchaud mit seinem Schwert auf Althoin ein. Nach einer weiteren Woche und einem Tag hielt er inne, doch Althoin war unverletzt. »Du kannst keinen Gott töten«, sagte Althoin.

Da kam Ein, der Gott des Krieges, dessen Gabe die Führerschaft ist, um sich mit Uvenchaud zu messen. Eine Woche und einen Tag hieb Uvenchaud mit seinem Schwert auf ihn ein. Eine Woche und einen Tag kämpften sie, doch Ein ward nicht besiegt.

»Du kannst keinen Gott töten«, sagte Ein.

»Was ich nicht töten kann, das kann ich fesseln«, sagte Uvenchaud. Uvenchaud besaß ein Seil, das aus den Fasern der Tulukpflanze gemacht war. Das Seil war mit Drachenblut getränkt. Uvenchaud fesselte Ein mit dem Seil. Ein versuchte sich zu befreien, doch vergebens.

Einer nach dem anderen kamen die Götter, um sich mit Uvenchaud zu messen, und Uvenchaud fesselte sie alle. Er fesselte Senek. Er fesselte Urul. Er fesselte Penithe und Althoin. Er fesselte Tur und Loket. Auch Obore und Reinul fesselte er. Wie auch Ehreg und Purek.

Und Tenul.

So fesselte Uvenchaud jeden der zwölf Götter an Prythme.

Ja, in Prythme liegen die Götter. An Prythme sind sie gebunden. An Prythme sind sie gefesselt durch Tulukfasern und Drachenblut.

Und kein Gott richtete Uvenchaud dafür, dass er Uvenra erschlagen hatte.

- aus Das Chthonische Buch der Mysterien,

übersetzt von Feven IV. zu Smaragdstadt

1. KAPITEL

Die Sonne in Annwn verweilt auf ewig am Horizont, zieht in gemächlichen Kreisen dahin, sodass sie am Tag gerade einmal drei Stunden in voller Größe zu bewundern ist. Nie ist es in Annwn heller als am Morgen und dunkler als zur Abenddämmerung, weshalb sich diese Welt in einem fortwährenden Stadium des Übergangs befindet - stets eintreffend, aber niemals ankommend.

Vor langer, langer Zeit wurde Annwn von den Fae entdeckt und galt für viele Jahrhunderte als eine Bastion des Elfenvolkes. Später dann wurde das Land von den Leuten aus der Nymaen-Welt, den so genannten Menschen, erobert. Mit der Zeit gingen die beiden Gemeinschaften ineinander auf und wurden zu einem neuen Volk. Weder Fae noch Nymaen sind die Bewohner dieser Welt heute einfach nur die Annwni und vereinigen als solche so manchen Vorzug beider Urvölker auf sich.

In Annwn gibt es viele Dörfer, aber nur eine Stadt, und ihr Name ist Blut von Arawn. Blut von Arawn wurde von ihren Gründern auf sieben riesigen Hügeln aus Erde und Stein inmitten des ansonsten flachen Graslandes dieser Welt errichtet. Die ältesten Gebäude der Stadt - das Kolosseum, die Villa des Penn, die Tempel - bestanden allesamt aus Marmor, doch mit der Zeit verfielen etliche der Bauwerke und wurden durch Backsteingebäude ersetzt. Allein der Obelisk auf dem Großen Markt, der Romwlls Nadel genannt wird, überstand die fünfzehn Jahrhunderte unbeschadet.

Es heißt, dass zwei Thaumaturgen in einem steinernen Raum unter dem Obelisken zu seiner Erhaltung unablässig Bindungszauber sprechen. Denn man glaubt, dass wenn die Nadel fällt, auch Blut von Arawn niedergehen und ganz Annwn zu Staub zerfallen wird.

- Stil-Eret, »Das Licht in Annwn«,

aus Reisen daheim und unterwegs

FÜNF JAHRE ZUVOR

Kurz nach Mitternacht blitzten die ersten Hexenlichter am Horizont auf. Und so ging es die ganze Nacht, wobei das Flackern stündlich näher kam.

Paet hastete durch die gescheckte Dunkelheit und scherte sich nicht weiter um den Himmel.

Der Angriff war keine Überraschung gewesen, doch Mabs Armee hatte selbst die Vorhersagen der Pessimisten und Bangemacher noch übertroffen. Und so gipfelte die Rettung und Vernichtung der Dokumente in der Seelie-Botschaft - eine Vorsichtsmaßnahme, die vor drei Tagen noch recht entspannt ihren Anfang genommen hatte - zuletzt in einer überaus hektischen Aktion. Hastig wurden Taschen gepackt, Wertgegenstände in die Säume der Kleidung eingenäht, leere Kerosinfässer mit Akten vollgestopft und in Brand gesteckt.

Nichts davon kümmerte Paet.

Blut von Arawn war eine alte Stadt. Vielleicht nicht so alt wie ihre Seelie-Gegenstücke, doch erschien sie aufgrund einer gewissen, sich durch alle Jahrhunderte ziehenden Unschlüssigkeit hinsichtlich ihrer Erbauung und Instandhaltung deutlich betagter. Das Pflaster in den Straßen war buckelig, teilweise löchrig, und Paet konnte Karren und Fuhrwerke über den holprigen Fahrweg rumpeln hören, der jenseits der dunklen Gasse lag, durch die er gerade lief. Auch hörte er aufgeregte Stimmen und gelegentliche Schreie; ein Teil der Stadtbewohner schien sich des schlechten Rufs der hereinbrechenden Eroberer durchaus bewusst und hatte wohl beschlossen, die Flucht anzutreten. Paet konnte es ihnen nicht verübeln; das Leben unter Unseelie-Herrschaft würde für jene, die geblieben waren, sicherlich kein Zuckerschlecken werden.

Eine Gruppe Chthoniker-Mönche, es mochte etwa ein Dutzend von ihnen sein, kam hinter Paet die Straße hinauf. Ihre Mienen strahlten nichts als Ruhe aus, ihr sprichwörtlicher Gleichmut stand ihnen in dieser Nacht gut zu Gesicht. Die Säume ihrer safrangelben Kutten strichen beim Laufen über das Kopfsteinpflaster, die Glöckchen, die in den Stoff eingenäht waren, bimmelten leise. Als inoffizielle Staatsreligion würde es den Chthonikern erlaubt sein, auch weiterhin ihren Glauben auszuüben, solange sie Mab als Göttin anerkannten, die noch über ihren eigenen Göttern stand. Es war zu vermuten, dass sich die Chthoniker gern auf diesen Handel einlassen würden; man würde Mab öffentlich preisen und sie ansonsten ignorieren. Ihre eigenen Götter waren vor Äonen unterworfen worden und dürften sich über dieses Abkommen wohl kaum beschweren. Wie dem auch sei, Paet für seinen Teil hatte nichts übrig für Religion.

Am Himmel flammte ein Blitz auf. Gleich darauf erbebte der Boden, und Paet geriet ins Straucheln. Er blieb stehen und lauschte dem dumpfen Grollen der reitischen Explosionen, das in der Gasse widerhallte. Die ersten Hitzewellen von der tobenden Schlacht vor den Toren rollten bereits über die Stadtmauern hinweg, noch bevor Paet die Botschaft verlassen hatte. Jetzt war es in der Stadt so stickig wie in einer Tavernenküche, und so roch es auch. Überall stank es nach Schweiß und vergammeltem Essen. Paet spürte, dass auch er unter seinem schweren Leinenwams schwitzte. Er rannte weiter.

Die einzelnen Bezirke der Stadt wurden Kollws genannt. Kollws Vymynal erhob sich auf dem kleinsten der sieben Hügel von Blut von Arawn. Das Osttor befand sich am Fuß des Viertels, womit es der Schlacht jenseits der Stadtmauer am nächsten lag. Hier konnte Paet das Waffengeklirr wie auch das Geschrei der Pferde und Kämpfer vernehmen, das sich mit dem Geräusch donnernder Hufe und reitischer Explosionen vermischte.

Wann hatte er die Botschaft verlassen? Seine innere Uhr sagte ihm, dass es kaum zwanzig Minuten her war. Das gab ihm gerade genug Zeit, Jenien zu retten und sich mit ihr zur Port-Herion-Plattform durchzuschlagen, bevor die Meister das Ding dichtmachten und sie in Annwn zurückbleiben mussten. Nicht das Ende der Welt, aber nah dran.

Die Straßen in Kollws Vymynal waren verschlungen, führten allzu oft wieder zurück zu ihrem Ausgangspunkt, und die winzig kleine altertümliche Beschriftung der Schilder war kaum zu entziffern. Die Bewohner des Viertels hatten sich entweder in ihren Häusern verschanzt, die Vorhänge geschlossen und die Jalousien heruntergelassen, oder sich den verzweifelten Flüchtlingsströmen angeschlossen. Die meisten von ihnen flohen Richtung Südwesttor, wodurch Paet gezwungen war, sich durch das Gedränge zu kämpfen. Viele der Städter würden um eine Passage in eine andere Welt betteln oder darauf hoffen, in einem der Dörfer in den Ebenen Annwns untertauchen zu können.

Die Uhr am nahegelegenen chthonischen Tempel schlug drei, und Paet fluchte. Das dauerte alles viel zu lange.

Am Ende einer Sackgasse fand Paet endlich den Ort, nach dem er gesucht hatte: ein vierstöckiges Wohnhaus, in dem es nach Bratfett, Paprika und Moder stank. Es war die Adresse, die Jenien in ihr Logbuch geschrieben hatte, bevor sie am Morgen die Botschaft verließ - das war lange vor dem Zeitpunkt gewesen, an dem die Nachricht von Mabs Invasion die Stadt erreichte. Nur die Adresse und einen Namen: Prae Benesile. Jenien hatte ihm lediglich mitgeteilt, dass sie eine »interessante Person« aufsuchen wolle, was so ziemlich alles bedeuten konnte. Bei Einbruch der Nacht, während die Rettungsmaßnahmen in Blut von Arawn auf Hochtouren liefen, war sie immer noch nicht zurück gewesen. Paet hatte auf sie gewartet, bis es fast zu spät war, und sich dann aufgemacht, sie zu suchen.

»Wir können das Portal für Euch nicht ewig offen halten«, hatte ihn Botschafter Traet besorgt wissen lassen. Traet war die Unverbindlichkeit und Unschlüssigkeit in Person; das Amt war ihm nie mehr als ein bequemes Ruhekissen und von jeher Gegenstand des allgemeinen Spotts gewesen. Ja, in glücklicheren Zeiten galt ganz Annwn als Hort der Ruhe und Behaglichkeit. Doch jetzt war Traet mit der Situation heillos überfordert, hatte jedoch immerhin genug Verstand, um dies einzusehen. »Wenn Ihr nicht vor Sonnenaufgang zurück seid«, hatte der Botschafter gesagt, während er hektisch eine Reisetasche mit Dokumenten vollgepackt hatte, »dann seid Ihr auf Euch allein gestellt.«

Paet atmete zehn Mal tief ein und aus. Dann verlangsamte er den Schlag seines Herzens und vertrieb die letzte stechende Hitze aus seinem Blut. Die körperlichen Symptome der Furcht konnten einfach unter Kontrolle gebracht werden, aber für die angsterfüllten Gedanken gab es keine Abhilfe. Allein Taten vermochten sie für eine Weile zu vertreiben.

Am Ende der Straße zertrümmerte jemand die Schaufenster einer Bäckerei und stahl unter den erschreckten Ausrufen der Umstehenden einen Korb mit Brot.

Paet betrat das Wohnhaus und huschte die Stufen hinauf. Kein Fae oder Annwni hätte ihn dabei hören können, doch die waren seine geringste Sorge. Diejenigen, die er am meisten fürchtete, waren weder das eine noch das andere, und sie hatten ausgezeichnete Ohren. Unter anderem.

Der Hausflur war erfüllt von Körperausdünstungen und Essensgerüchen. Als er den dritten Stock erreichte, schlich er vorsichtig vom Treppenabsatz in den engen Flur. Der war leer. Einige der Türen standen offen; ihre Bewohner sahen offensichtlich keinen Sinn darin, sie hinter sich abzuschließen. Viele der älteren, ärmeren Bewohner Annwns hatten vor zwanzig Jahren im Sechswochenkrieg gegen Mabs Armee gekämpft und scheinbar auf alle Zeiten genug von den Unseelie.

Die Wohnung, die Paet suchte, lag am Ende des Gangs. Auch ihre Tür stand offen, wiewohl in ihr noch Licht brannte. Paet zog ein langes Messer mit Sägeklinge unter seinem Umhang hervor und prüfte, einer alten Gewohnheit folgend, die Klinge mit seinem Daumen. Dann drückte er sacht die Tür auf, wartete, lauschte. Seine hart erkämpfte Besonnenheit rang im Geiste mit seiner Ungeduld. Wenn es jemals an der Zeit gewesen war, ein Risiko einzugehen, dann jetzt. Leise fluchend betrat er die Wohnung.

Das Apartment war klein, lediglich ein einziger Raum, der durch ein einsames Hexenlicht erhellt wurde, das in einem Wandleuchter brannte. Der giftgrüne Schein warf harte Schatten auf das Mobiliar, zauberte eingebildete Gegner in jede Ecke. Unter dem Wachspapierfenster stand eine schäbige Pritsche. Ein angeschlagener Nachttopf in der Ecke. Überall lagen Bücher, Papierfetzen und Schriftrollen auf dem Boden, manche waren zu schiefen Türmen entlang der Wand aufgestapelt, andere lagen verstreut auf der Lagerstatt. Doch nirgends ein Zeichen von Jenien.

Denk in Ruhe nach. Entspann dich und ebne die Ränder deines Bewusstseins. Paet nahm ein beliebiges Buch zur Hand und schlug es auf. Es war ein von Prae Benesile persönlich verfasstes philosophisches Werk, in dem es dem Titel nach um die »Thaumaturgische Geschichte der chthonischen Religion« ging. Er legte es zurück und hob ein anderes auf. Ein Thule-Gedichtband. Gebete an die gebundenen Götter, Bittgesänge, Weissagungen über Erlösung und Untergang. Paet stellte fest, dass auch die anderen Bücher im Zimmer in der Hauptsache heilige Texte, religiöser oder philosophischer Natur waren - darunter viele zu den Chthonikern, aber auch arkadische Schriftrollen sowie einige wenige Kodizes zum Annwni-Kaiserkult. Einige von ihnen waren in Sprachen verfasst, die Paet nicht kannte. Nichts in diesem Zimmer deutete darauf hin, dass der hier lebende Prae Benesile etwas anderes war als ein einsiedlerischer Gelehrter.

Paet schnüffelte. Blut. Frisches Blut. In diesem Zimmer war erst kürzlich Blut vergossen worden. Er kniete nieder und untersuchte die staubigen Bodendielen. Zu viele Schatten. Paet sah zum Fenster hinüber, zuckte die Achseln und erschuf ein stärkeres reinweißes Hexenlicht, das den gesamten Raum erfüllte. Das Blut am Boden war klebrig und braun, die Schlieren wie bei einem Kampf verschmiert. Paet vernahm ein stockendes Husten; es kam von unter der Pritsche; die Blutspur führte direkt dorthin. Er umfasste den Griff seines Messers und kanalisierte Bewegung. Kraft seiner Gabe zog er die Lagerstatt ein gutes Stück nach vorn.

Jenien lag zusammengekauert am Boden, die Hände auf den Bauch gepresst; ihr Atem ging stoßweise. Sie sah zu ihm auf, und ihre Augen weiteten sich in ihrem blassen Gesicht.

»Vorsicht«, flüsterte sie. »Es sind Bel Zheret hier.«

Bei der Erwähnung des Namens machte Paets Herz einen Satz. Er wirbelte herum, schwang das Messer, doch da war nichts.

Er wandte sich wieder zu Jenien um und ging vor ihr auf die Knie. »Falls sie noch hier sind, hab ich mich irgendwie an ihnen vorbeischleichen können, oder sie sind schon lange weg.«

»Sie sagten, sie kämen noch mal zurück … wegen mir«, keuchte Jenien. Sie hatte Probleme zu atmen. Behutsam nahm Paet ihre Hände von ihrem Bauch und hob den zerfetzten Stoff ihrer Bluse an. Jenien war tödlich verwundet; er konnte nichts mehr für sie tun. Das waren Verletzungen, von denen sich nicht einmal ein Schatten erholen konnte.

Paet fand ein Kissen auf der Pritsche und schob es unter Jeniens Kopf. Ihr Haar war nass von Schweiß. Sie griff nach seinem Handgelenk, umfasste es mit schwachem Griff.

»Mab kommt«, sagte sie. »Dachte, wir hätten noch ein paar Tage Zeit.«

»Ja, die Lage in der Botschaft ist, gelinde gesagt, ein wenig unübersichtlich geworden.«

Jenien kicherte leise. »Und Traet rennt rum wie ein Hahn ohne Kopf?«

»Genau.«

»Ist das Messer scharf, Paet?«, fragte sie nach einer kurzen Pause.

»Ich hole dich hier raus«, erwiderte er. »Ruh dich nur noch ein Weilchen aus.«

»Weißt du noch … in jener Nacht in Sylvan?«, fragte sie. Ihre Worte kamen nun schleppend und undeutlich; ihr Körper zitterte. »Dieses kleine Theater mit dem schrecklich schlechten Stück?«

»Ja, ich erinnere mich«, sagte Paet lächelnd.

»Schätze, wenn wir normal wären, hätten wir uns an diesem Abend ineinander verliebt«, meinte sie seufzend.

Paet spürte, wie sich seine Emotionen verflüchtigten, während sie sprach. Die Welt um ihn herum wurde flach. Jenien war ein Objekt, ein blutendes Etwas ohne Nutzen. Ein Problem, das es zu lösen galt. War diese Gefühlsarmut ihm schon immer eigen gewesen, oder hatte sie sich erst mit der Zeit eingestellt? Er konnte sich nicht mehr daran erinnern. War diese Leere in ihm entstanden, als er zu einem Schatten geworden war, oder hatte ihn ebendiese Leere erst für den Job qualifiziert? Es spielte keine Rolle.

»Das lag am Glühwein«, sagte er, während er ihren Oberkörper aufrichtete. »Der war stark. Wegen des Zimts und der ganzen Nelken hat man's aber nicht geschmeckt.«

Sie stöhnte vor Schmerz auf, als er sich hinter sie bewegte. »Du hast einfach toll ausgesehen. Hast einen dieser roten Umhänge getragen, die damals so in Mode waren.«

»Hatte mich nur optisch angepasst«, meinte er, und dann, nach einem kurzen Moment: »Was war so wichtig an diesem Prae Benesile, Jenien?«

Traurig schüttelte sie den Kopf, hatte Mühe, klar zu sprechen. »Jemand aus der Stadt Mab kam hierher, um sich mit ihm zu treffen. Fünf Mal in den letzten Jahren. Ich war nur neugierig. Die Bel Zheret tauchten auf, als -« Sie keuchte auf vor Schmerz.

Paet hob sein Messer. »Sie haben ihn mitgenommen?«

Jenien nickte. »Er wehrte sich, da haben sie ihn getötet.«

»Aha.«

»Ich will nicht sterben«, sagte sie. Es war kaum mehr als eine Feststellung.

»Wir waren für eine sehr lange Zeit tot«, flüsterte er ihr ins Ohr. Dann zog er ihr in einer schnellen, sicheren Bewegung die Klinge seines Messers über die Kehle und drückte ihren Kopf in den Nacken, um die Blutung zu beschleunigen. Sie zuckte in seinem Arm; ihre Brust hob sich, dann noch ein zweites Mal. Er sah ihr fest in die Augen, um sicherzustellen, dass sie auch wirklich tot war, wartete, bis sämtliches Leben in ihnen erloschen war. Das dauerte seine Zeit. Das Sterben dauerte immer seine Zeit.

Paet holte tief Luft und stemmte sein Knie in Jeniens Rücken. Er legte die gezackte Klinge seine Messers wieder an ihren Hals, wobei er sich am Verlauf des ersten Schnitts orientierte. Seine andere Hand vergrub sich in ihrem Haarschopf, zog ihren Kopf fest in den Nacken. Dann begann er zu sägen.

Sehnen wurden durchschnitten, Metall arbeitete sich durch Muskeln, Sehnen und zuletzt das Rückgrat. Mit einem enervierenden Knirschen brach das letzte Stück des Halswirbels. Lautlos durchtrennte er die Haut im Nacken, dann baumelte Jeniens Kopf in einer fast obszönen Weise in seiner Hand.

Er legte ihn sanft auf den Boden und griff in die Falten seines Umhangs. Unter den wenigen Dingen, die er aus der Botschaft mitgebracht hatte, war auch eine gewachste Leinentasche, die nur diesem einen Zweck diente. Er öffnete die Tasche und legte Jeniens Kopf, von dem noch immer Blut und Schweiß tropften, behutsam hinein.

Das war der Preis, den man als Schatten zu zahlen hatte.

Er hörte sie weniger, als dass er spürte, wie sie in den Raum glitten.

Paet drehte sich um und sah zwei große schlanke Gestalten bei der Tür stehen. Für den Bruchteil einer Sekunde wirkten sie ebenso überrascht wie er, doch im Gegensatz zu Paet erholten sie sich rasch von ihrem Schreck. Die erste hatte schon sein Schwert gezogen, noch bevor Paet überhaupt reagieren konnte.

Paet machte einen Schritt zurück, berührte mit den Füßen die kopflose Leiche hinter sich und bewegte sich rasch hinter sie. Dann ging er in Angriffsstellung, das Messer kampfbereit in seiner Hand.

Der erste Schwertkämpfer trat auf ihn zu, und Paet konnte ihm direkt in die Augen sehen. Augen, so schwarz und leer wie die Unendlichkeit.

Die Bel Zheret.

Paet war ein gefährlicher Mann. Doch es mit zwei Bel Zheret gleichzeitig aufnehmen zu wollen, grenzte an Selbstmord. Er trat zurück, näherte sich dem Fenster aus Wachspapier.

»Ihr seid ein Schatten, oder nicht?«, fragte der erste Schwertkämpfer. »Ich heiße Katze, und es wäre mir eine Freude, einen von euch zu töten.«

»Es wäre mir eine Freude, wenn Ihr es nicht tätet.«

»Eben darum muss ich darauf bestehen. Im Übrigen hab ich nie zuvor einen von euch getötet.«

»Wenn das so ist, werde ich mich erst recht nicht auf einen Kampf mit Euch einlassen«, erwiderte Paet und schob sein Messer zurück ins Futteral.

Der Bel Zheret hielt kurz inne, sein Grinsen erstarb und machte einem Ausdruck aufrichtiger Enttäuschung Platz. »Wieso nicht?«

»Wenn ich sowieso sterben muss, so werde ich Euch weder zu der Genugtuung noch zu gewissen Einsichten verhelfen, die ein Kampf mit mir zur Folge haben würde. Es gilt zu verhindern, dass Ihr Kenntnisse über unsere Taktik, Schnelligkeit und Reflexe besitzt, wenn Ihr das nächste Mal auf einen Schatten trefft. So könnt Ihr durch einen meiner Kameraden einfacher bezwungen werden.«

Katze schien darüber nachzudenken, wobei er Paet jedoch nicht aus den Augen ließ. »Nun«, sagte er und zuckte die Achseln, »wir können Euch immer noch foltern.«

Er winkte den anderen Bel Zheret herbei. »Kümmer dich um ihn, Natter.«

Natter bewegte sich erstaunlich schnell und geschmeidig. Es schien, als ginge er nicht durch das Zimmer, sondern entfaltete sich vielmehr Stück für Stück in ihm; seine Gliedmaßen wirkten bemerkenswert elastisch, als besäßen sie zusätzliche Gelenke. Egal, wie oft Paet Zeuge dieser Fähigkeit wurde, sie verwirrte ihn jedes Mal aufs Neue.

Paet holte tief Luft und zog erneut sein Messer, um eine Vorwärtsattacke gegen Katze auszuführen, die Stofftasche mit Jeniens Kopf behutsam in der anderen Hand wiegend. Katze machte sich bereit, den Angriff abzublocken, aber der Angriff erfolgte nicht. Stattdessen nutzte Paet seinen Schwung, stieß sich mit seinem hinteren Fuß vom Boden ab und sprang rückwärts durch das Fenster ins Freie. Durch das Fenster im dritten Stock.

Den Blick zum Nachthimmel gewandt, stürzte er in die Tiefe und sah den näher kommenden Boden nicht. Er kalkulierte im Geiste seine Überlebenschancen. Der Fall schien eine Ewigkeit zu dauern. Er konzentrierte sich erneut, verlangsamte seinen Herzschlag, ließ seine Muskeln erschlaffen. Er zwang sogar seine Knochen dazu, weicher und damit biegsamer zu werden, wusste allerdings nicht, ob das eine gute Idee war oder ob es überhaupt funktionieren würde.

Schließlich knallte er mit dem Rücken hart aufs Kopfsteinpflaster, in eben dem Winkel, den er sich ausgerechnet hatte. Gleichzeitig schlug Jeniens Kopf in der Tasche mit einem enervierenden, dumpfen Knall auf dem Boden auf. In der Eile hatte Paet das Messer in seiner linken Hand völlig vergessen. Jetzt spürte er, wie ihm der Griff durch den Aufprall das Handgelenk zertrümmerte. Wie viele Knochen wirklich brachen, konnte er zu diesem Zeitpunkt nicht sagen. Mehr als einer, so viel war klar. Noch verspürte er keinen Schmerz, aber der würde sich in wenigen Sekunden einstellen - auch das war klar.

Im Moment beschäftigte ihn jedoch vor allem der Schmerz entlang seiner Wirbelsäule, zudem die Tatsache, dass er nicht atmen konnte, wie auch der Umstand, dass sein Hinterkopf gerade mit einem hässlichen Geräusch auf den Steinen aufschlug. Möglicherweise war der errechnete Aufprallwinkel doch nicht so optimal gewesen … Egal, er lebte, und seine Beine konnte er auch noch bewegen, das war alles, was zählte.

Er rappelte sich langsam auf und sah am Haus hinauf. Katze zog gerade seinen Kopf aus dem Fluchtfenster zurück. Das Wachspapier der zerstörten Scheibe trudelte unter dem Windzug, der durch die Gasse blies, in einem verrückten Tanz zu Boden. Schon konnte er Schritte im Treppenhaus hören; einen Moment später trat Natter hinaus auf die Straße. Paet schnappte sich die Tasche mit Jeniens Kopf und rannte los.

Blindlings jagte er aus der Sackgasse und wandte sich dann aus keinem besonderen Grund nach rechts. Er würde sich für seinen Rückzug Richtung Westen halten müssen; das war jedoch weder auf dem schnellsten noch auf dem sichersten Wege möglich. Er musste willkürliche Haken schlagen, wahllos hier und da abbiegen, lästigerweise im Kreis laufen, um die beiden Bel Zheret irgendwie abzuschütteln. Und die würden bei ihrer Verfolgung all diese Finten bereits in Betracht ziehen können, während Paet noch darüber nachdachte. Sie waren in der Überzahl, nicht auf der Flucht, und keiner von ihnen war drei Stockwerke tief aufs Pflaster geknallt. Das waren handfeste Vorteile, von denen Paet beim besten Willen nicht wusste, wie sie seinen Verfolgern doch noch zum Nachteil gereichen konnten. Auf der anderen Seite, und das konnte ihm nutzen, geriet die Nacht, in die er sich flüchtete, von Minute zu Minute chaotischer.

Er lief weiter. Das Klingeln in seinen Ohren, das der Sturz verursacht hatte, wurde abgelöst von schnellen Schritten und Hufschlägen sowie Geschrei. Er roch Rauch; irgendwo in der Nähe brannte ein Gebäude. Auf einigen der Gesichter, die an ihm vorbeizogen, war die Sorge der Panik gewichen. Die Unseelie waren nicht länger unterwegs hierher, sie waren da. Und das Leben in Annwn würde sich auf immer ändern.

Paet bog um eine weitere Ecke. Vor ihm lag eine breite Straße, die zurück zum Kollws Kapytlyn führte. Er merkte, dass er immer noch das Messer mit seiner linken Hand umklammerte. Im nächsten Moment stieß er heftig mit dem Handkarren eines Töpfers zusammen, der in die andere Richtung gezogen wurde. Seine Sicht verschwamm, und ihm wurde übel, als der Schmerz des gebrochenen Handgelenks sich seinen Arm hinauffraß und ihm auf den Magen schlug. Er lief weiter und erwog, die Tasche fallen zu lassen. Er konnte sich nicht verteidigen, solange er sie bei sich trug.

Als er sich über die Schulter blickte, sah er, wie Natter ebenfalls auf den Markt einbog. Der Bel Zheret entdeckte ihn ebenfalls und hielt auf ihn zu. Dabei schleuderte er den Karren eines Obsthändlers mit einer Leichtigkeit aus dem Weg, die Paet zusammenzucken ließ. Kaiserin Mabs Schergen wurden immer stärker, schneller und intelligenter. Um welche schwarze Kunst es sich auch handeln mochte, mit deren Hilfe die Bel Zheret in den Eingeweiden ihrer fliegenden Städte herangezüchtet wurden, sie wurden mit jedem Jahr besser.

Gut, der eine war ihm auf den Fersen, aber wo war der andere? War der zweite vorgelaufen, um einen Hinterhalt zu planen, oder hielt er sich gleich hinter seinem Kameraden? Wen hatte er am Fenster gesehen? Wen im Treppenhaus gehört? Bei alldem Schmerz und der ganzen Hektik konnte Paet es beim besten Willen nicht mehr sagen.

Die Verwirrung des Geistes tötet schneller als Gift. Einer von Meister Jedrons Lieblingssprüchen.

Paet huschte in einen Torweg und gestattete es sich, für einen Moment die Augen zu schließen, um sich zu sammeln, den Schmerz in seinem Handgelenk zu eliminieren, seinen Herzschlag zu beruhigen und die Essenz der Furcht aus seinem Blut zu verbannen. Lieber büßte er einen Teil seines Vorsprungs ein, als dass er aufgrund all des Schmerzes und der Panik den Kopf verlor.

Er rannte weiter, bog in eine andere Gasse ein. Sie war dunkel und kalt und sehr eng. Auch war es hier ruhiger; der Lärm der Stadt wurde zu einem gedämpften Grollen. Andererseits war der Brandgeruch hier stärker; das Feuer näher. Schwitzwasser tropfte von den moosbedeckten Hauswänden. Obwohl Paet Blut von Arawn recht gut kannte - er hatte vor einigen Tagen Stunden damit zugebracht, Stadtpläne zu studieren -, hatte er keine Ahnung, wo genau er sich eigentlich befand. Würde dieser Weg in eine weitere Straße münden, oder rannte er am Ende in eine Sackgasse? Wie dem auch sei, er hatte einen unerwarteten Weg eingeschlagen, und das war im Moment seine einzige Verteidigung.

Die Gasse führte hinaus auf eine große Allee, und Paet rannte geradewegs ins Herz der Stadt hinein, wo sich auf dem höchsten Punkt von Kapytlyn der riesige Obelisk in den nächtlichen Himmel schraubte. Natter war nirgends zu sehen. Hier, im Zentrum, waren deutlich mehr Leute auf den Straßen; die Bürger schienen auf Neuigkeiten oder weitere Anweisungen zu warten. Paet wusste, dass diese Anweisungen erst kommen würden, wenn Mabs Beamte die Kontrolle über die Stadt erlangt hatten. Der rechtmäßige Exarch war längst über alle Berge; er und seine wichtigsten Beamten hatten schon vor vielen Stunden um Asyl im Seelie-Königreich nachgesucht. Alle anderen Regierungsangehörigen hatten sich ins Hinterland geflüchtet.

Paet hielt an, um sich zu orientieren - tatsächlich entfernte er sich immer weiter von der Port-Herion-Plattform, anstatt sich dorthin zu bewegen. Er verfluchte sich im Stillen, wandte sich wieder um und rannte weiter. Die Menge und das Chaos um ihn herum wären ihm normalerweise hinderlich gewesen, doch jetzt war er dankbar dafür. Zu jeder anderen Zeit wäre ein hinkender, schweißüberströmter Fae, der ein blutiges Messer umklammerte, zweifellos aufgefallen. Die erste Regel der Schatten lautete: Ziehe niemals Aufmerksamkeit auf dich! Nicht umsonst bezeichnete man sie als Schatten, wenngleich das nicht ihr wahrer Name war.

Paet holte tief Luft und konzentrierte sich erneut, in der Hoffnung, sein Handgelenk wieder so weit in Ordnung zu bringen, dass er damit kämpfen konnte. Sein re war niedrig; er hatte heute ziemlich oft hinausgreifen müssen, und dafür war eine Menge seiner gespeicherten magischen Essenz draufgegangen. Er gab sein Bestes und machte sich dann auf zu einer Seitenstraße, von der er wusste, dass sie direkt zum Kollws Ysglyn führte, hinter dem die Port-Herion-Plattform lag.

Der Bel Zheret namens Katze erwartete ihn schon dort, mit gezogenem Schwert.

Paet ließ die Tasche fallen und stürmte auf ihn zu, hoffend, dass sein Schwung den Gegner umreißen würde, doch der Bel Zheret blieb auf den Beinen. Zwar konnte er sein Schwert nicht mehr einsetzen, rammte Paet aber bei dem Zusammenprall eine Faust in den Magen. Paet spürte, dass aus den Mittelhandknochen seines Widersachers so etwas wie Stacheln gewachsen waren, die sich ihm nun tief in den Leib bohrten. Nicht tief genug, um Paets Umhang mit Blut zu tränken, doch alles in allem ziemlich schmerzhaft.

Paet wich zurück und trat Katze gegen das Knie. Ein guter Tritt, denn der Bel Zheret krümmte sich und taumelte gegen die Wand. Aus eigener Erfahrung wusste Paet, dass ein ausgekugeltes Kniegelenk zu den schmerzhaftesten Erfahrungen gehörte, die man im Kampf machen konnte. Umso überraschter war er, dass Katze noch immer in der Lage war, aufrecht zu stehen und - weitaus beunruhigender - sein Schwert zu schwingen.

Für den Bruchteil einer Sekunde sickerte die nackte Angst in Paets Bewusstsein, und er war sicher, dass er jetzt sterben würde. Gleich hier in dieser Gasse. Mit dem abgesägten Kopf einer Frau im Gepäck, mit der er mal geschlafen hatte, und all seiner Reue vergossen auf den nasskalten Pflastersteinen. Wo war Meister Jedron mit seinen klugen Sprüchen jetzt? Ob er wohl einen zum Thema »unausweichlicher Tod« in petto hatte? Mit Sicherheit, und mit Sicherheit kamen Worte wie Duldsamkeit und Stärke darin vor. Nun ja, besser in einer dunklen Gasse zu sterben als in einem zwielichtigen Verhörraum der Bel Zheret. Dort würden sie ihn foltern - langsam und effektiv -, und trotz seines Willenstrainings würden sie am Ende alles aus ihm herausholen, was sie wissen wollten. Mit ihren Zähnen.

In der Gasse wurden Schritte laut. Zwei bullige Stadtwachen kamen auf sie zu, die Knüppel gezogen und einsatzbereit. Dennoch wirkten die beiden furchtsam und verkrampft. Man hatte ihnen wohl befohlen, bis zum bitteren Ende die Stellung zu halten und für Ruhe in der Stadt zu sorgen. Keiner der beiden wirkte sonderlich erfreut darüber.

Katze wirbelte Paet herum und stieß ihn mit dem Gesicht voran hart gegen die Wand. Im nächsten Moment drang eine Messerklinge in seinen Rücken und durchbohrte etwas in Paets Körper. Eine Niere? Mit einem Ruck wurde das Messer in seinem Leib hochgerissen und traf auf einen harten Widerstand. Ein Rückenwirbel. Aufgrund seiner verbesserten Sinne seinen eigenen Körper betreffend, spürte Paet jedes qualvolle Detail, spürte, wie das Nervengewebe von der Klinge zerfetzt wurde wie Spinnweben. Wieder wurde er von hinten gestoßen und krachte mit der Nase voran in die Ziegelwand.

Paet sackte zu Boden und sah, wie Katze sich daranmachte, die beiden Wachen abzuschlachten. Sie hatten kaum Zeit, erschrocken aufzukreischen, bevor er ihnen höchst methodisch zu Leibe rückte. Einer der wenigen Schwächen der Bel Zheret war, dass sie ein bisschen zu viel Gefallen daran fanden, anderen Schmerz zu bereiten; möglicherweise ein unerwünschter Nebeneffekt bei ihrer Erschaffung, wie immer die auch vonstattengehen mochte. Vielleicht aber auch - und das war weitaus schlimmer - eine durchaus beabsichtigte Eigenschaft.

Mit dem letzten Rest seines re versuchte Paet, die zerstörten Nerven in seinem Körper zu reparieren, suchte sich einen Weg hinein zu der verletzten Niere und entsandte seine Heilkräfte in das Organ. Das waren und blieben tödliche Verletzungen, aber vielleicht würden sie ihn nun ein bisschen langsamer töten. Vielleicht hatte er ja noch Zeit, das Portal zu erreichen, bevor er starb. Er griff hinein in Blut von Arawn. Er suchte nach Leben, suchte nach re, das er stehlen konnte. Zwei Kinder in einem nahegelegenen Haus, zusammengekauert in ihren Betten. Er zog ihnen nur so viel re ab, wie er vermochte, ohne sie zu töten. Sie würden sich ein paar Tage schlecht fühlen, mehr nicht. Und so, wie die Dinge standen, war das noch ihr geringstes Problem. Falls unbedingt nötig, würde er diese Kinder töten, doch es war nicht nötig. Noch nicht.

Während sich der Bel Zheret weiterhin mit den beiden Wachen vergnügte, verließ Paet die Gasse in der anderen Richtung so leise wie möglich. Vorsichtig nahm er die Tasche vom Boden auf, dann rannte er. Unerträgliche Schmerzen wüteten in der Messerwunde in seinem Rücken, ließen das gebrochene Handgelenk dagegen wie einen Kratzer erscheinen. Er spürte, dass sich in seinem Körper Flüssigkeiten miteinander vermischten, die sich nicht vermischen sollten, dass Blut in Bereiche hineinsickerte, in die es nicht gehörte. Trotz aller Bemühungen konnte es sein, dass er es nicht rechtzeitig schaffte.

Wieder erwog er, Jeniens Kopf einfach zurückzulassen. Ein lockerer Pflasterstein könnte das Problem lösen. Mit ihm könnte er ihr Gehirn so zerschmettern, dass es nicht mehr auszulesen war. Aber das konnte er nicht tun. Sie zu töten, war schlimm genug gewesen. Und er wollte die Stofftasche auch nicht einfach in eins der brennenden Gebäude werfen, an denen er auf seiner Flucht vorbeikam.

Die Uhr im Haupttempel schlug zur vollen Stunde, und Paet spürte, wie ihm das bisschen Blut, das noch in ihm war, in die Beine sackte. Die Port-Herion-Plattform würde bald geschlossen. Jeden Moment konnte es so weit sein. Und sie würden nicht auf ihn warten.

Er rannte. Seine Brust hob und senkte sich unter seinem Keuchen. Es war ihm längst schon egal, ob man ihn sah oder welchen Eindruck er auf seine Umwelt machte. Es rechtzeitig zum Tor zu schaffen, durch das Portal zu treten, hinaus auf Seelie-Gebiet, das war alles, was zählte.

Am Fuß des Kollws Kapytlyn gab es eine Straße, dort, wo sich das Südwesttor befand. Paet erreichte sie außer Atem nach einer Zeit, die ihm wie Stunden erschien. Die Straße war leer und verlief entlang eines Kamms, von dem aus man die endlosen Weiten Annwns überblicken konnte. In der Ferne hob ein Hwch Ddu Cwta, eines jener riesigen, tentakelbewehrten Wildschweine, seinen Kopf und blickte ungeachtet des ganzen Tumults in den dunklen Nachthimmel.

Paets Beine fühlten sich an, als wären sie von kaltem Eisen umwickelt, sein Atem ging stoßweise. Blut lief an seinem Rücken herab und gerann an seinen Oberschenkeln. Er taumelte, dann noch einmal. Er hätte diese Kinder töten sollen; am Ende wäre es doch nötig gewesen. Er hatte geschworen, die Kinder des Seelie-Königreichs zu beschützen, nicht die von Annwn.

Er kämpfte sich wieder auf die Beine. Die Schmerzen in seinem Rücken, seiner Brust, seinem Handgelenk - sie alle schienen sich jetzt gegen ihn verschworen zu haben. Ein jeder besaß seine eigene Persönlichkeit, seine eigene Handschrift der Pein.

Das Stadttor war bereits hochgezogen worden; unbewacht lag es da. Dahinter, in der Ferne, konnte Paet schon die Plattform leuchten sehen. Das Portal war noch immer offen!

In diesem Moment griff ihn einer der Bel Zheret von hinten an, rammte ihm seine Schulter in die Messerwunde. Die Tasche mit Jeniens Kopf wurde bei der Attacke ein Stück weit davongeschleudert. Ob es sich bei dem Angreifer um Katze oder Natter handelte, konnte Paet nicht sagen. Nicht dass es noch eine Rolle spielte. Falls es Katze war, dann hatte sich sein Wunsch, einmal einen Schatten zu töten, am Ende doch noch erfüllt.

Aber Jenien würde er nicht kriegen. Mit letzter Kraft kroch Paet auf die Tasche zu und bot dem Bel Zheret damit seinen ungeschützten Rücken. Eine Chance, die sich der Angreifer nicht entgehen ließ. Er trat Paet hart in die Nierengegend.

Paet brach über der Tasche zusammen. Mit bloßen Händen zertrümmerte er Jeniens Kopf. Es war schwieriger als gedacht, doch nun würde Mab nie an ihre Geheimnisse gelangen.

Der Bel Zheret kniete sich über ihn und begann in wohl bedachter Weise und ohne besondere Eile auf Paets Rücken einzustechen. Dann drehte er sein Opfer um und widmete sich dessen Gesicht. Paet fühlte, wie seine Nase zertrümmert wurde, dann brach sein Unterkiefer in zwei Teile. Zähne kullerten ihm auf die Zunge; einen verschluckte er. Er spürte, wie seine Rippen brachen, erst eine, dann zwei weitere. Etwas platzte in seiner Brust, und dann konnte er plötzlich nicht mehr atmen. Auch hörte er nichts mehr, bis auf das dumpfe Rauschen in seinen Ohren. Die Welt geriet ins Trudeln, das Klopfen, das Pochen, all das ebbte ab, um schließlich auf immer zu verstummen.

Wenige Minuten später stolperte Traet, der Seelie-Botschafter im wahrsten Sinne des Wortes, über Paet. Er befand sich in Begleitung einiger Angestellter, die Koffer und Kisten schleppten, allesamt bis zum Platzen gefüllt mit Dokumenten.

»Du liebe Güte!«, rief Traet aus und blickte auf die Leiche hinab. »Wie entsetzlich!«

»Ist er noch am Leben?«, fragte einer der Angestellten und kniete sich neben den leblosen Körper.

»Dafür haben wir jetzt keine Zeit«, brummte Traet und ging weiter. »Mit Verlusten muss nun mal gerechnet werden.«

»Aber, mein Herr! Das ist Paet!«

Mit aufgerissenen Augen wirbelte der Botschafter herum. »Dann hebt ihn auf! Schnell!«

Der kniende Angestellte fühlte Paets Puls. »Er ist tot, mein Herr. Vielleicht sollten wir uns lieber nicht -«

»Seid kein Narr«, erwiderte Traet. »Gebt mir euer Gepäck und nehmt ihn mit. Auf der Stelle!«

Weder die Angestellten noch Traet bemerkten die Stofftasche, die Paet im Todeskampf entglitten war und nun in einem Gebüsch jenseits des Stadttores lag.

Als die Gruppe um Botschafter Traet sicher durch die Schleuse auf die Plattform getreten war, öffnete der Portalmeister eine kleine Tür an der Seite des massiven Konstrukts. Nachdem er den Mechanismus der altertümlichen Maschine eingestellt hatte, mischte sich ein lautes Brummen in die Kakofonie der Kriegsgeräusche aus der umkämpften Stadt. Während ein Sextett aus äußerst entschlossen wirkenden königlichen Seelie-Wachen die Menge zurückdrängte, die als Möchtegernflüchtlinge das Portal umlagerte, schloss der Meister die Tür und nahm sodann ein besonders schwer wirkendes Teil des Mechanismus an sich. Rasch trat er auf die Plattform und signalisierte den Wachen, ihm zu folgen. Die zogen sich zur Sicherheit der anderen Passagiere nur Stück für Stück zurück in das schimmernde Portal. Ihre gezückten Schwerter waren das Letzte, was von ihnen zu sehen war. Als auch der Letzte hindurch war, erlosch das Portal, und statt des Durchgangs blieb nur mehr eine Wand aus poliertem schwarzem Stein zurück. Die aufgebrachte Menge hämmerte mit den Fäusten dagegen, einige weinten und jammerten, anderen schrien vor Wut und Verzweiflung.

Kurz vor Morgengrauen ertönte die Alarmglocke in der Stadt; bald darauf wurde die Unseelie-Flagge auf dem Obelisken gehisst. Dann wurde es totenstill in Blut von Arawn. Die Menge an der Port-Herion-Plattform zog sich widerstrebend vom Portal zurück und ging ihrer eigenen Wege - einige kehrten mit hängenden Köpfen in die Stadt zurück; andere schlugen sich ins Hinterland durch, ohne sich umzuschauen.

2. KAPITEL

Titania ist das Land, und das Land ist Titania.

Sie versteht das Lied der Vögel und spürt die gepflügte Erde auf ihrer Haut.

- Anonymer Verfasser, »Ode an Titania«

Heute

Regina Titania, Faekönigin der Seelie, Reinstes Blut der Reinsten Elfen, saß auf ihrem steinernen Herrschersitz, das Kinn in die Hand gestützt, und ließ die Füße baumeln. Die Lichter im Thronraum waren gedämpft, und das Klacken ihrer Absätze auf dem Boden hallte in der Dunkelheit wider.

Sie sah zu ihrem Ehemann hinüber. König Auberon, Abas leiblicher Sohn, fläzte sich untätig auf seinem eigenen Thronsessel. Seit Jahrhunderten hatte er nicht mehr gesprochen, nicht mehr, da sie ihn am Tage ihrer Hochzeit seiner Kräfte und seines Geistes beraubte.

»Mein Gatte, ein Wandel vollzieht sich«, sprach sie mit sanfter Stimme. »Vor langer Zeit schon hattest du mich vor diesem Tage gewarnt, doch ich verspottete dich. Nun jedoch kommt die Einsicht.«

Auberons Kopf rollte zur Seite, und er schluchzte lautlos auf.

3. KAPITEL

Alle Gaben kommen von Aba,

dem Gott über allen Göttern.

Für jenen, der da klar sieht,

ist dies keine Frage des Glaubens;

es ist eine Unumstößlichkeit.

- Alpaurle, Magus, übersetzt von Feven IV zu Smaragdstadt

Silberdun saß im Vestibül von Abt Estianes Büro und zitterte vor Kälte. Tebrit hatte ihm einfach die Novizenrobe über den Kopf gezerrt, ohne dass sich Silberdun zuvor hatte abtrocknen können. Nun tropfte er auf den Fußboden.

Nach einigen Minuten öffnete Abt Estiane die Tür und geleitete Silberdun in sein Büro, nicht ohne bei seinem Anblick ein Grunzen auszustoßen. Das Büro war beengt, aber warm. Es war dem Abt gestattet worden, eine kleine Kohlenpfanne aufzustellen, da das Rheuma ihn plagte. Zumindest behauptete er das. Silberdun jedoch wusste, dass Estiane die Kälte schlicht und einfach hasste und der Meinung war, er habe sich, um es in des Abts eigenen Worten zu formulieren: »als Klostermönch lange genug grundlos den Arsch abgefroren«.

Einige Minuten lang schwieg Estiane, kramte stattdessen in den zahlreichen Schriftrollen und Büchern herum, die auf seinem Tisch lagen. Schließlich gab er die Suche auf, langte nach unten und brachte eine metallene Flasche zum Vorschein, die er Silberdun reichte.

»Hier«, sagte er. »Ein kleiner Eisbrecher.«

Silberdun nahm einen Schluck und wurde mit dem wohl besten Kognak belohnt, den er je getrunken hatte. »Bei den Titten der Königin, Vater, wo habt Ihr das Zeug bloß aufgetrieben?«

Estiane lächelte. »Wir haben alle unsere kleinen Geheimnisse, Silberdun. Oder glaubt Ihr, ich würde diesem Laden noch vorstehen, wenn ich nicht ein paar Beziehungen hätte?«

Silberdun nickte und nahm einen weiteren Schluck.

»Wie ich hörte, habt Ihr Tebrit wieder mal gegen Euch aufgebracht«, sagte Estiane.

»Was kein Kunststück ist.«

»Ihr habt das Morgengebet verpasst, richtig?«

»Schätze, mein Brummschädel ist dafür verantwortlich, dass ich jetzt hier vor Euch sitze.« Silberdun zuckte die Achseln. »Aber im Vertrauen, ich glaube nicht, dass mich Tebrit besonders ins Herz geschlossen hat.«

Estiane wedelte den Gedanken beiseite. »Unsinn. Tebrit nimmt lediglich seine Aufgaben als Prior ernst, um sicherzustellen, dass Euer Noviziat auch eine Zeit der Läuterung darstellt, auf dass Ihr Euch bestens von allen weltlichen Dingen lossagen könnt.«

Er nahm Silberdun die Flasche ab und trank seinerseits einen Schluck, bevor er sie wieder in seinem Schreibtisch verschwinden ließ. »Ach, wem will ich was vormachen«, fuhr der Abt fort. »Der Mann verabscheut Euch. Und das aus gutem Grund.«

»Aber dass er so viel Freude dabei empfindet, mich zu schikanieren, macht ihn nicht gerade zu einem Heiligen«, meinte Silberdun pikiert.

»So lasst diesem Mann doch seine kleinen Freuden. Er hat einen wirklich schwierigen und undankbaren Job. Aber ob Ihr's glaubt, oder nicht, es gab in diesem Tempel noch weitaus schlimmere Novizen als Euch.«

»Ach, wirklich?«

»Ja, ich war ein richtig übler Bursche. Während meiner Novizenschaft hab ich mal zwei Zwillingsschwestern in die Sakristei geschmuggelt und sie dann mit dem heiligen Wein betrunken gemacht.«

»Nein!« Silberdun schlug auf den Tisch. »Ihr Schuft! Und trotzdem hat man Euch zum Priester geweiht?«

»Es ist nie rausgekommen.«

»Ich wusste gleich, warum ich Euch mag«, sagte Silberdun. »Nun, ich schätze, Ihr werdet mich bestrafen müssen. Einen Monat Dienst im Aborterker, richtig?«

»Eigentlich zwei Monate. Einen fürs Fernbleiben beim Morgengebet und einen fürs Trinken in Anwesenheit Eures Abtes.« Estiane grinste und lehnte sich in seinem Stuhl zurück. »Ha! Damit habt Ihr wohl nicht gerechnet, was?«

»Ihr alter Lumpenhund. Ich begreife nicht, wie Ihr's zum religiösen Oberhaupt gebracht habt.«

»Ganz einfach.« Estiane beugte sich vor, und sein Lächeln verblasste. »Seht Euch doch um. Seht Ihr hier vielleicht irgendwelche Gläubigen? Irgendeine andere verlorene Seele außer Euch, die gekommen ist, um mich um spirituelle Führung zu bitten? Ich bin Beamter. Würde ich zum mustergültigen Ordensmitglied taugen, wäre ich jetzt da draußen und würde meinen Glauben praktizieren.« Estiane seufzte. »In Wahrheit ist die Beförderung zum Abt keine Belohnung, sondern eine Strafe.«

Silberdun spürte, wie ihm in dem geheizten Büro allmählich wärmer wurde. »Das mag Eure Meinung sein. Doch ich durfte einst Vestar aus dem Aba-Tempel in Sylvan kennen lernen. Nie traf ich einen frommeren Mann als ihn!«

Was von Estianes Lächeln noch übrig war, erstarb in diesem Moment. Er sah zu Boden. »Musstet Ihr jetzt unbedingt diesen alten Mann ins Spiel bringen, Silberdun? Gerade als es mit Euch ein bisschen lustig zu werden versprach …«

Er seufzte. »Manchmal ist auch Unsereins gezwungen, ein frevelhaftes Verhalten an den Tag zu legen, um den Irrungen und Wirrungen in der Welt mit Humor zu begegnen. In den Augen Abas, der alles sieht, ist ein jeder von uns ein Sünder. Doch einige kommen dem Ideal schon sehr, sehr nahe. Einige von uns sind so stark, dass sie keine Robe zwischen sich und dem Wind brauchen. Vestar war ein solcher Mann.«

»Also gebt Ihr zu, ein lausiger Abt zu sein«, feixte Silberdun.

»Dergleichen hab ich nie zugegeben!«, sagte Estiane. »Vestar war ein Heiliger. Es ist einfach so, dass es mehr Kirchen als Heilige gibt, das ist alles. Wir vollbringen das Bestmögliche mit den uns gewährten Gaben. Die meisten von uns waren und sind gezwungen, um unser Seelenheil willen Kompromisse zu schließen. Die Tatsache, dass Vestar dies nie tat, legt einmal mehr Zeugnis ab von seiner einzigartigen Gabe.«

»Seine einzigartige Gabe kostete ihn das Leben«, bemerkte Silberdun. »Er erhob sich gegen Purane-Es, wiewohl er fliehen und sich in Sicherheit bringen konnte.«

»Da habt Ihr's!«, sagte Estiane. »Da habt Ihr's!«

»War das dann alles?«, fragte Silberdun. »Oder sind hier vielleicht noch irgendwelche Pasteten versteckt, von denen ich kosten könnte, bevor ich mich zu meinen Brüdern setze, um meinen morgendlichen Haferschleim herunterzuwürgen?«

»Als ob ich meine Pasteten mit Euch teilen würde«, erwiderte Estiane und zupfte seine Robe in Form.

Silberdun erhob sich zum Gehen, doch der Abt bedeutete ihm, sich wieder hinzusetzen. »Hört zu, Silberdun. Da Ihr schon mal hier seid, würde ich gern etwas mit Euch besprechen.«

»Also, falls Euch wieder mal der Sinn nach hübschen Zwillingsschwestern steht, bräuchte ich dafür schon ein paar Tage … und natürlich auch den Schlüssel zur Sakristei«, erwiderte Silberdun.

Estiane schwieg; ihm war ganz offenbar nicht mehr zum Scherzen zumute.

Silberdun zog seine Robe enger um sich. »Nun gut, um was geht's denn?«

»Ich war mir unsicher, ob ich die Sache überhaupt zur Sprache bringen soll, aber ich schätze, es wird wohl das Beste sein. Ich hab erfahren, dass Lord Everess Euch zu sprechen wünscht.«

Silberdun richtete sich auf. »Ach, wirklich? Doch woher weiß Everess eigentlich, dass ich hier bin? Unterliegt meine Anwesenheit hier nicht so etwas wie einer heiligen Schweigepflicht?«

»Ruhig Blut, Silberdun. Ihr müsst wissen, dass Lord Everess erfährt, was immer er zu erfahren wünscht. Tatsächlich hab ich ihm erzählt, dass Ihr hier seid.«

Silberdun schaute sein Gegenüber finster an. »Warum habt Ihr das getan, Abt? Ich möchte nicht mehr mit weltlichen Angelegenheiten behelligt werden. Ich möchte einfach meine Ruhe haben. Deswegen kam ich schließlich hierher.«

»Ja, und das ist genau der falsche Grund, um hierherzukommen. Und eben deshalb seid Ihr auch ein so mieser Novize. Wenn Ihr die Einsamkeit sucht, so kenne ich zahllose abgeschiedene Inseln in der Westsee, die sich für ein Einsiedlerleben besser eignen würden.«

»Ich möchte Aba folgen«, sagte Silberdun mit schwacher Stimme.

»Ein Mann kann auch Spaß haben, ohne sich einer Zirkustruppe anzuschließen, Silberdun.«

»Was soll das heißen?«

»Das heißt, dass man kein Mönch werden muss, um Aba zu gefallen. Und das wisst Ihr auch.«

»Genug, genug. Was hat das alles mit Everess zu tun? Was will er denn von mir?«

»Das soll er Euch selbst sagen«, erwiderte Estiane. »Und ich schlage vor, dass Ihr ihm Gelegenheit dazu gebt. Soll ich ihn also wissen lassen, dass Ihr zugestimmt habt, ihn zu treffen, oder nicht?«

Silberdun dachte darüber nach. Der Nebel in seinem Hirn verflüchtigte sich, doch sein Geist wollte die Arbeit noch immer nicht aufnehmen, wollte stattdessen von der Wärme an einen bequemen, ruhigen Ort getragen werden. Ein fast andächtiger Moment, dachte er nicht ohne Ironie, wie er ihn, seit er ins Kloster gekommen war, noch nicht erlebt hatte.

»Also gut, ich treffe ihn«, sagte Silberdun. »Aber ich behalte mir das Recht vor alles zu ignorieren, was er erzählt.«

»Ausgezeichnet«, rief Estiane. »Eure Entscheidung freut mich umso mehr, da ich ihn schon hierher eingeladen habe. Er trifft morgen ein.«

Silberdun starrte den Abt verdrießlich an. »Ihr seid wirklich ein ausgemachter Lumpenhund, wisst Ihr das …«

Estianes Grinsen kehrte zurück. »Habt Ihr nicht noch ein paar Latrinen zu säubern, Novize? Ich schlage vor, Ihr fangt schleunigst damit an, sonst werdet Ihr das ganze Mittagsgebet hindurch stinken wie eine Jauchegrube.«

Am folgenden Tag war es windig und kalt, und es regnete noch viel stärker. Der Herbst hatte sich über das Kloster gelegt und schien entschlossen, mit aller Macht auf sich aufmerksam zu machen. Trotz allem kommandierte Tebrit Silberdun vergnügt in den hauseigenen Nutzgarten ab, wo dieser nun pflichtbewusst, wenngleich stinksauer, Kohlköpfe aberntete. Nach einer Stunde tat ihm das Kreuz weh; bis zu den Schienbeinen hinauf war er schlammverschmiert, und seine Fingerspitzen fühlten sich taub an. So versuchte Silberdun von Zeit zu Zeit ein bisschen Hexenfeuer für sich zu entfachen, aber der starke Regen machte ihm jedes Mal einen Strich durch die Rechnung. Ja, es schien, als wache Aba selbst über ihn, wie um sicherzustellen, dass er Tebrits Strafe auch bis zum bitteren Ende erduldete.

Der Tempel Aba-Nylae stand auf einem bewaldeten Hügel außerhalb von Smaragdstadt. Insofern war er dem vom Inlandmeer kommenden Seewind ungeschützt ausgeliefert. Erbarmungslos fegte er um diese Jahreszeit über die Anhöhe hinweg und ließ die Erde kalt und feucht zurück, während in der Stadt selbst der schönste Sonnenschein herrschte.

Silberdun kniete im Dreck und zerrte gerade an einer widerspenstigen Wurzel, als eine ihm bekannte Stimme durch den Garten dröhnte.

»Bei Auberons haarigem Arsch! Wenn das nicht Perrin Alt, Lord Silberdun, ist, der sich als unzivilisierter Unfreier verkleidet hat!« Es folgte herzhaftes Gelächter.

Silberdun sah auf und entdeckte Edwin Sural, Lord Everess, der feixend und winkend unter dem Kloster-Portikus stand.

»So kommt doch endlich aus dem Regen, Silberdun«, kicherte Everess. »Ich hab den langen Weg schließlich nicht gemacht, um Euch bei der Landarbeit zuzusehen.«

Silberdun erhob sich schwerfällig und spie ein bisschen Regenwasser aus. Sein Haar war klatschnass und klebte in dicken Strähnen an seinem Nacken, die Novizenrobe war ebenfalls regendurchtränkt; Hände und Füße schlammverkrustet. Für einen Moment schloss er die Augen, bevor er den langen Weg durch den matschigen Gemüsegarten antrat.

»Also um ehrlich zu sein, Perrin Alt …«, kicherte Everess, als Silberdun nah genug heran war, »… ich glaube nicht, dass das Klosterleben das Richtige für Euch ist.«

Silberdun hatte Everess nie sonderlich leiden können. Für seinen Geschmack fand dieser Mann ein wenig zu sehr Gefallen an Spott und Hohn. »Man gewöhnt sich dran«, erwiderte er lahm. Jede geistreiche oder gar schlagfertige Erwiderung schien, wie schon zuvor seine Hexenlichter, in diesem Garten ersoffen zu sein.

»Bei den Zähnen der Königin, Silberdun! So ist es also wahr, was man sich erzählt - Ihr habt Euch in der Tat verändert!«

Automatisch griff Silberdun an sein Gesicht. Er berührte seine Nase, die einst gerade und edel geformt war und auf der nun ein unschöner Höcker saß. Seine vormals ausgeprägten Wangenknochen waren kaum mehr der Rede wert, und auch sein Kinn war nicht mehr halb so markant wie früher. Er hatte sich die falsche Frau zum Feind gemacht, und die hatte sich bitterlich an ihm beziehungsweise an seinem Antlitz gerächt. Faella, die junge Mestina, die er aus irgendeinem Grunde nicht vergessen konnte. Königin Titania hatte ihm gesagt, dass Faella etwas ganz Besonderes war, da sie die so genannte Dreizehnte Gabe besaß - die Gabe der Verwandlungsmagie. Silberdun hegte den dumpfen Verdacht, dass Titania ihm dies nicht allein um der Information willen mitgeteilt hatte.

»Das ist die gute Landluft«, meinte Silberdun. »Die wirkt Wunder an der Haut.«

»Ach, kommt endlich aus dem Regen und hört auf, Plattitüden von Euch zu geben. Wir haben wichtige geschäftliche Dinge zu besprechen.« Everess winkte Silberdun in Richtung Kalefaktorium, wofür ihm Silberdun insgeheim dankbar war. Die Wärmestube des Klosters war der einzige Raum, in dem Tag und Nacht ein Feuer brennen durfte.

Sie betraten das Kalefaktorium, und Silberduns Robe begann augenblicklich zu dampfen. In einer Ecke des Raums standen Holzzuber mit heißem Wasser. Bevor Silberdun auch nur daran denken konnte, sich mit Everess zu unterhalten, wusch er sich erst einmal das Gesicht, die Hände und die Füße. Er seufzte vor Wonne, als wieder Gefühl in seine Gliedmaßen zurückkehrte, wenngleich in Begleitung von kleinen schmerzhaften Nadelstichen.

Nachdem er den Eindruck hatte, wieder halbwegs vorzeigbar zu sein, setzte sich Silberdun an den langen Tisch beim Feuer, an dem Everess bereits Platz genommen hatte und sorgfältig eine Pfeife stopfte.

»Ich bin erfreut, dass Ihr zugestimmt habt, Euch mit mir zu treffen, Perrin«, sagte Everess herzlich; sämtliche Häme schien von ihm abgefallen zu sein. »Was wir zu bereden haben, ist eine Angelegenheit von größter Wichtigkeit.«

»Verstehe«, entgegnete Silberdun. »Dennoch solltet Ihr wissen, dass ich diesem Treffen eigentlich nicht zugestimmt hatte. Dieser Bastard Estiane hatte sich an meiner Stelle dazu bereit erklärt.«

»Und doch sitzen wir uns hier nun einander gegenüber, nicht wahr?«

»Kein Wunder, hier brennt ja auch das einzige Feuer weit und breit.« Silberdun seufzte. Dieser Schlagabtausch war ermüdend.

Everess hatte sich seit ihrer letzten Begegnung vor fünf Jahren im Oberhaus kaum verändert. Immer noch feist und rotgesichtig, trug er nach wie vor seinen braunen, mittlerweile jedoch grau melierten Backenbart. Er hatte eng stehende Äuglein, die von seinen buschigen Augenbrauen teilweise verdeckt wurden, sodass er den Eindruck erweckte, ständig zu blinzeln. Er zog an seiner Pfeife und stieß eine kleine Rauchwolke aus. Silberdun winkte mit dem Zeigefinger, und der Rauch formte sich zu zwei ineinandergreifenden Ringen, die zur Decke aufstiegen.

»Hört auf mit diesem Unsinn, Silberdun«, sagte Everess. »Wir haben viel zu bereden, und ich wäre gern wieder in der Stadt, bevor der Regen die Straße endgültig fortwäscht.«

»Ihr habt meine ungeteilte Aufmerksamkeit«, erwiderte Silberdun.

»Es ist an der Zeit, dass Ihr wieder aus der Deckung kommt«, begann Everess. »Ich verstehe, dass Ihr Euch eine Weile von allem zurückziehen wolltet, doch nun werdet Ihr anderenorts dringend gebraucht.«

»Das sehe ich anders. Ich bin sehr glücklich hier.«

»Seid kein Narr, Silberdun. Ihr hattet eine Weile Euren Spaß als Mönchlein, aber diese Zeiten sind vorbei, und das wissen wir beide. Ihr gehört nicht hierher. Das habt Ihr niemals und werdet es auch niemals. Die Askese passt nicht zu Euch. Genauso wenig wie ein Leben hinter Mauern.«

»Im Gefängnis von Crere Sulace war ich eine ziemlich lange Zeit zu einem Leben hinter Mauern verdammt. Ich kann mich nicht erinnern, dass Ihr mich auch nur einmal dort aufgesucht hättet.«

»Stimmt, aber als Mauritane Euch die Möglichkeit bot, dort herauszukommen, da habt Ihr sie ergriffen. Und das, obwohl Ihr wusstet, dass sich diese Mission möglicherweise als Todeskommando entpuppen könnte.«

»Mauritane meinte, er würde mich eigenhändig umbringen, wenn ich mich seiner Sache nicht anschließen würde.«

»Ach, hört auf, Euch wie ein Idiot zu benehmen!«, rief Everess verärgert aus. »Der Punkt ist doch, dass Ihr am Ende mitgegangen seid. Ihr habt Crere Sulace als Verbrecher verlassen und seid als Held aus der Schlacht von Sylvan heimgekehrt. Ihr habt bewiesen, dass Ihr die Fähigkeit besitzt, das zu tun, was für das Wohl des Königreichs am besten ist. Und genau das erwarte ich nun von Euch.«

»Lasst es gut sein, ich bin hier sehr zufrieden.«

»Ach ja?«, meinte Everess. »So schaut Euch doch mal um. Für mich sieht's so aus, als hättet Ihr nur die eine Zelle gegen eine andere eingetauscht.«

Darauf fiel Silberdun, der normalerweise nie um eine Antwort verlegen war, nichts mehr ein. Also stand er einfach auf und wandte sich zum Gehen.

»Kommt zurück in die Stadt, Silberdun«, rief ihm Everess nach, »und hört Euch erst mal an, was ich zu sagen habe. Und wenn Euch das wider Erwarten nicht gefällt, könnt Ihr Euch von mir aus wieder hier verkriechen und bis ans Ende Eurer Tage in diesen Mauern verrotten.«

Das saß!

Der Kurier auf der kräftigen Stute beobachtete, wie Lord Everess' Kutsche im Regen verschwand. Er stand auf dem Hügel, von dem aus man den Tempel überblickte. Als er sich davon überzeugt hatte, dass Everess' sichere Rückreise gewährleistet war, führte er sein Pferd den Grasabhang hinab und ritt Richtung Tempel-Ställe.

Er reichte einem vorbeikommenden Mönch seine Zügel und versicherte ihm, er werde bald wieder zurück sein. Tatsächlich kehrte er schon wenige Minuten später erneut aus dem Kloster zurück, saß auf und ritt schweigend davon.

Als Silberdun das Kalefaktorium verließ, war ihm zwar warm, aber auch ein bisschen seltsam zumute. Er und Everess waren nie Freunde gewesen - schön und gut, sie hatten sich ein paarmal im Senat gesehen, und eine Kusine zweiten Grades hatte einen Neffen von Everess geheiratet, doch Silberdun war nicht mal auf der Hochzeit gewesen. Warum also hatte Everess ausgerechnet ihn aufgesucht?

Silberdun schlich leise durchs Refektorium und zurück ins Dormitorium. Die Klausen der Mönche waren um diese Zeit alle leer - die Mittagsruhe war vorüber und die Nachmittagsgebete hatten begonnen. Silberdun kümmerte das alles nicht. Er sank auf seine Pritsche und lehnte sich gegen die Wand; die Kühle der Steine wirkte beruhigend auf seinen Geist.

Auf einem Regalbrett über seiner Schlafstatt lag noch immer der Beutel, in dem sich seine Alltagskleidung befand, die er vor zehn Monaten bei seinem Eintritt ins Kloster getragen hatte. Die Sachen waren gewaschen und gestärkt. Seine Stiefel, gereinigt und poliert, standen einträchtig neben seinem Bündel. Darunter lag das Schwert, das Mauritane ihm auf der Siegesfeier nach der Schlacht von Sylvan übergeben hatte. Auf der Klinge war der Silberdun-Halbmond eingraviert, umrahmt von fünf Sternen - jeder Stern stand für einen seiner Gefährten auf jener schicksalhaften Reise, die ihn aus dem Exil in Crere Sulace ins Leben zurückgeführt hatte.

Zwei seiner Kameraden waren tot: Honigborn hatte sich gleich zu Beginn ihrer Mission für die Gruppe geopfert; Graugänger hatte seine Gefährten hintergangen und seine Verfehlung mit dem Leben bezahlen müssen. Brian Satterly rettete irgendwo in den Faelanden menschliche Babys vor den Wechselbalg-Händlern. Raieve, inzwischen Mauritanes Ehefrau, war nach Avalon zurückgekehrt, um in ihrer Heimat den Frieden zu sichern. Mauritane hatte wohl seinen Posten als Hauptmann der Königlichen Garde aufgegeben und kämpfte zweifellos an ihrer Seite.

Zumindest nahm Silberdun das an. Seit Monaten schon hatte er niemanden aus seinem alten Leben mehr wiedergesehen. Und er vermisste seine Schicksalsgefährten. Ja, er vermisste selbst den törichten Menschen Satterly, was schon irgendwie niederschmetternd war.

Es klopfte an der Tür. Silberdun rechnete schon mit einem weiteren Überfall von Tebrit, doch es war Estiane, der nun in seine Klause trat. Der Abt schloss leise die Tür; auf seinem Gesicht lag ein merkwürdiger Ausdruck. Das Klosteroberhaupt hielt einen Umschlag in der Hand, und Silberdun erkannte das gebrochene Siegel von Marcuse, dem Oberhofmeister der Königin. Estiane setzte sich auf die Kante von Silberduns Pritsche und drehte den Umschlag in seinen Fingern. Es sah aus, als hantiere er mit höchst empfindlichen Trockenblumen oder zerbrechlichem Porzellan.

»Wir wollen ganz aufrichtig miteinander sein, ja?«, begann Estiane. »Kein Geplänkel, keine Machtspielchen, keine Tricksereien. Wir sind beide Gefolgsmänner Abas, die ihr Bestes geben, um ihrem Gott zu dienen, und die bei dem Versuch doch allzu oft kläglich scheitern. Ich denke, Ihr könnt mir bis hierhin zustimmen?«

Silberdun setzte sich auf. Ihm lag eine launige Bemerkung auf der Zunge, doch er schluckte sie herunter. »In Ordnung«, grummelte er.

»Mir ist bekannt, warum Everess Euch heute aufgesucht hat«, sagte Estiane. »Er und ich hatten in den letzten Monaten einige recht ernste Gespräche.«

»Tatsächlich?«, fragte Silberdun. »Ist Everess denn Arkadier. Das hätte ich nun nicht von ihm gedacht.«

»Nein, nein«, sagte Estiane. »Diese Gespräche waren rein politischer Natur. Wir hängen es zwar nicht an die große Glocke, aber die Kirche ist mit der Staatspolitik genauso eng verbunden wie jede andere große Organisation. Wir besitzen Macht und Einfluss und Erfahrung, und all dies muss auch eingesetzt werden.«

Estiane schlug mit dem Umschlag sacht gegen seine Fingerspitzen. »Wie Ihr vielleicht wisst, verfügt die Kirche über ein beachtliches Netzwerk bei den Unseelie. Zwar ist uns nicht exakt bekannt, wie viele Anhänger wir in Mabs Kaiserreich tatsächlich haben, denn die Bel Zheret foltern die Arkadier nur zu gern, um genau solche Dinge zu erfahren, weshalb die Kirche bemüht ist, so wenige Interna wie möglich offenzulegen.

Viel nützliches Wissen, das die Königin über die Unseelie besitzt, kam von uns. Wir haben Anhänger auf fast jeder Regierungsebene und in allen militärischen Rängen. Und bisweilen treibt ihr Gewissen sie dazu, gewisse Dinge zu enthüllen.«

Silberdun lächelte. »Und Ihr tauscht dann dieses Wissen gegen Einfluss im Senat und am Königlichen Hof ein.«

»Selbstverständlich.« Estianes Stimme wurde lauter. »Wir wären doch dumm, wenn wir es nicht täten. Das alles hat wenig mit unserem Dienst an Aba zu tun; die Kirche an sich ist keine heilige Institution. Die Kirche ist eine Organisation, die in Zeit und Raum existiert und tut, was getan werden muss, um zu überleben - und dies erfolgreich. Erinnert Euch: Als Ihr noch ein kleiner Junge wart, war das Arkadiertum praktisch verboten.« Ohne großen Erfolg versuchte Estiane seine Schuldgefühle zu verbergen, die er offenbar empfand. »Und das führt uns zu Euch, Perrin Alt. Lord Silberdun.«

Silberdun seufzte. »Ich hab mich schon gefragt, wann ich ins Spiel kommen würde. Worum geht's also?«

»Da bin ich mir gar nicht wirklich sicher, um ehrlich zu sein«, erwiderte Estiane. »Ich weiß, dass Everess sehr daran gelegen ist, Euch wieder in die Hauptstadt zurückzuholen, ich weiß nur nicht, aus welchem Grund. Ich denke, es hängt irgendwie mit dem Außenministerium zusammen.«

»Also ehrlich, Abt!«, sagte Silberdun. »Was hat das alles noch mit Heiligkeit zu tun?«

»Heiligkeit?«, zischte Estiane. »Heiligkeit ist das Privileg der Seligen wie Tebrit, Eurem Peiniger. Tebrit muss keine Entscheidungen darüber treffen, wie der Einfluss der Kirche in Bezug auf aktuelle Entwicklungen genutzt werden soll, oder ob solche Entwicklungen überhaupt stattfinden dürfen, oder welche grässlichen Folgen sich für die Kirche und ihre Anhänger ergäben, würden diese Entwicklungen einfach ignoriert. Tebrit wird kein Blut an seinen Händen haben, falls es zu einem neuen Krieg kommen sollte, weil er nichts tun konnte, um ebendiesen zu verhindern.

Von mir hingegen wird erwartet, dass ich Entscheidungen fälle. Und ich habe keine Möglichkeit, mir dabei nicht die Hände mit Blut zu beschmutzen. Ich besitze nicht das Privileg der Unbeflecktheit.«

Silberdun lehnte sich zurück und nickte. »Jetzt verstehe ich. Everess braucht Eure Informationen. Und Ihr habt beschlossen, Euch dafür bezahlen zu lassen. Er hat zugestimmt, mich für die Rolle zu besetzen, die ihm für mich vorschwebt, da er weiß, dass ich als Euer Interessenvertreter agieren werde, und im Gegenzug werdet Ihr ihm Informationen liefern.«

»Nicht nur Informationen«, sagte Estiane.

»Auch Geld?« Silberdun war bestürzt.

»Wir wollen doch ehrlich miteinander sein, oder nicht, Silberdun? Ihr lest nun mal nicht die Berichte, die ich zu lesen bekomme. Die Listen mit den Namen der Märtyrer, die tagtäglich auf meinem Schreibtisch landen. Die Unseelie haben ein abartiges Vergnügen daran, Arkadier zu jagen und zu töten. Was glaubt Ihr würde passieren, wenn sie Regina Titania zu Fall brächten? Die Kirche würde aufhören zu existieren. Abas Werk in den Faelanden würde enden!«

Estiane lehnte sich vor, und Silberdun nahm den schwachen Geruch von Weinbrand in seinem Atem wahr. »Und ich werde nicht zulassen, dass das passiert.«

Silberdun erhob sich und nahm sein Schwert vom Regalbrett. Er zog es aus der Scheide und stieß damit ein paarmal frustriert in die Luft. »Und was, wenn ich mich weigere? Was, wenn ich einfach nur ein Mönch bleiben will?«

Auch Estiane stand auf. Er strich sich die Robe glatt. »Ihr wolltet doch nie ein Mönch sein, Perrin. Ihr brauchtet lediglich einen Ort, an den Ihr Euch eine Weile verkriechen konntet. Die Zeit des Rückzugs ist indes vorbei - ich schmeiße Euch raus.«

»Das könnt Ihr nicht tun!«

»Ich bin der Abt. Ich kann tun, was ich will.«

Silberdun ließ das Schwert erneut durch die Luft sausen, erschlug einen imaginären Gegner.

»Also gut«, meinte er. »So werft mich raus. Dann kehre ich eben zurück nach Oarsbridge, friste mein Dasein als exzentrischer Landedelmann und heirate die hübsche, dumme Tochter eines benachbarten Barons, die mich des Nachts wärmt. Wie klingt das?«

Estiane lächelte, dann ging er zur Tür. »So einfach ist das nicht, Perrin. So einfach ist das Leben nicht.«

»Könnte es aber sein.«

»Hier.« Estiane reichte Silberdun den Briefumschlag. »Der wurde abgeliefert, gleich nachdem Everess von hier aufbrach. Es waren zwei Botschaften darin. Eine war an mich gerichtet, die andere an Euch. Meine Botschaft besagte lediglich, dass ich Euch die andere aushändigen solle, bevor ich Euch gestatte, das Kloster zu verlassen.«

Silberdun nahm das Kuvert entgegen. Wieder fiel sein Blick auf das Siegel des Oberhofmeisters. Im Umschlag lag ein einzelner Bogen Papier, beschrieben mit fließenden, schön anzusehenden Zeilen. Es war nicht die Schrift des Oberhofmeisters Marcuse. Doch er erkannte sie sofort, wusste auf Anhieb, wer diese Botschaft verfasst hatte.

Perrin Alt, Lord Silberdun:

Als wir uns zuletzt trafen, sagte ich Euch, dass einst der Tag kommen würde, da ich nach Euch rufen lassen würde. Dieser Tag ist nun da. Prüft mit Bedacht das Ansinnen, das an Euch gestellt wird. Ihr seid jemand, der - ähnlich einem wertvollen Rennpferd - nur dann brilliert, wenn er an der Startlinie steht. So geht nun dorthin, wo ihr zu brillieren vermögt.

Die Nachricht war nicht unterzeichnet, aber das war auch nicht nötig; sie war von der Königin höchstpersönlich verfasst worden.

»Scheiße«, fluchte Silberdun. »Scheiße! Scheiße! Scheiße!«

Er griff in das Regal über seiner Pritsche und schnappte sich seine Stiefel.

4. KAPITEL

Ein noch ungeklärtes Problem ist folgendes:

Die Standardformel für eine Elementar-Entfesselung über Entfernung erfordert einen tonalen Auslöser (zum Beispiel das Entfesselungswort), damit physisch mit der Bindung interagiert werden kann. Ist die Entfernung d, die Tongeschwindigkeit r, so kostet der Effekt des Entfesselungswortes Zeit = t. Es ergibt sich also die Formel: t = d/r. Bei Versuchen unter kontrollierten Bedingungen hat sich jedoch gezeigt, dass die Entfesselung zeitgleich mit dem Auslöser erfolgt. Die Thaumaturgen haben diesen Umstand seit Jahrhunderten erörtert, jedoch keine zufriedenstellende Erklärung anbieten können. Nachdem die reitischen Kräfte über Entfernung exponentiell abnehmen, ist dies in der Praxis indes kaum ein Problem. In den meisten Fällen wird dem Student daher empfohlen, auf die Standard-Entfesselungsbefehlskettenformel zurückzugreifen.

- Dynamik, Kapitel 7: »Indirekte Auslösemechanismen in verteilten Systemen«

Der Morgen dämmerte schon, und Eisenfuß war noch immer wach. In seinem Kopf pochte es, während er über der Landkarte grübelte. Das Ding war so groß, dass ein örtlicher Schreiner eigens einen Tisch für sie hatte anfertigen müssen, damit man sie ganz entrollen konnte. Es war eine topografische Karte, die vor etlichen Jahren von einem hiesigen Gouverneur angefertigt worden war. Der Mann schien eine Schwäche für die Geografie gehabt zu haben; darüber hinaus hatte er sich wohl erhofft, durch die Silberminen zu Wohlstand zu gelangen. Die Karte war dem Gouverneur nie von Nutzen gewesen, außer dass sie sein Selbstwertgefühl gestärkt hatte. Für Eisenfuß hingegen war sie unbezahlbar.

Sämtliche Messwerte, die von der Forschungsstätte hereinkamen, trug Eisenfuß sorgfältig als Datenpunkte in die Karte ein. Mit einem Lineal zog er perfekt gerade Strahlungslinien von einem Punkt zum anderen. Allmählich kristallisierte sich so etwas wie ein Muster heraus, doch es reichte noch nicht aus.

Unbeherrscht schlug er mit der Faust auf den Tisch. Die vielen Jahre als Gelehrter hatten sein Temperament nicht zu zügeln vermocht. Er war sich dessen bewusst, und es ärgerte ihn maßlos.

Er rieb sich die Augen und trank einen großen Schluck Kaffee. Die Tasse beschwerte die untere linke Ecke der Karte, die sich nun wieder ein wenig einrollte. Geistesabwesend strich er sie mit der Hand glatt. Dann griff er mechanisch zum nächsten Papierstreifen, doch da lag keiner mehr.

Eisenfuß stand auf. Sein Rücken und die Schultern schmerzten, die Müdigkeit kroch ihm in jede Faser seines Körpers. Er hätte sich von einem der Sanitäter mit einem Erfrischungszauber stärken lassen können, aber die wirkten nur auf den Körper, nicht auf den Geist. Was er brauchte, war Schlaf. Echten Schlaf.

Er schlug die Zeltklappe beiseite und wurde sogleich vom staubigen Wind empfangen, der Tag und Nacht über die Grabungsstätte hinwegfegte. Der Dreck drang überall ein; in die Kleider, die Stiefel, die Instrumente und Gerätschaften. Ein Teil des Staubes mochte aus den Unseelie-Steppen im Süden zu ihnen herübergeweht sein, doch ein anderer Teil - und darüber wollte Eisenfuß lieber nicht nachdenken - stammte gewiss von den hier eingeäscherten Faemännern, -frauen und -kindern. Den Nachfahren der Gründer dieser einst ältesten elfischen Stadt.

»Armin«, rief er nach seinem Gehilfen, der am Rande des Kraters stand und Wasser aus einem Metallbecher schlürfte. Armin war jung, noch Student, doch er lehrte bereits an der Universität und würde sicherlich zum Ordinarius aufsteigen, wenn sie wieder nach Smaragdstadt zurückkehrten.

»Hier drüben, Meister Falores«, antwortete Armin, wobei er nach wie vor gebannt in den Krater starrte. Eisenfuß ging zu ihm.

»Ich wünschte, Ihr würdet mich einfach Eisenfuß nennen. Wie jeder andere auch.«

»Tut mir leid, aber das würde meine Mutter nicht dulden«, sagte Armin. Er war ein gewissenhafter, pflichtbewusster Schüler. Und wenn er darüber hinaus ein wenig altmodisch sein wollte, so war es Eisenfuß auch recht.

Unter ihnen durchkämmte eine Studentengruppe die Ruinen im Krater, inspizierte jedes Stück Schutt, jeden Knochen, jedes Stück Metall. Jeder Schüler trug einen Intensitätsindikator bei sich, dessen Daten alle paar Minuten abgelesen wurden. Die Ergebnisse wurden sodann auf einem Streifen Papier festgehalten, um zuletzt von Eisenfuß in die Karte eingetragen zu werden. Die Schüler hatten zuerst ein bisschen genörgelt, als man ihnen die Aufgabe übertrug. Niemand von ihnen hatte so recht verstanden, wozu das alles gut sein sollte, doch am Ende hatten sie ihren Widerstand aufgegeben. Für die Aussicht auf freie Verpflegung und selbst den kärglichsten Lohn, würde sich jeder Student mit Freuden von einem beliebigen Körperteil trennen, das wusste Eisenfuß.

»Sollen wir runtergehen?«, fragte Armin. »Nachsehen, ob es neue Erkenntnisse gibt?«

Eisenfuß nickte. »Es wird nicht mehr lange dauern. Vielleicht noch ein, zwei Tage, dann haben wir alles zusammen, was es hier zu holen gibt.«

Armin und Eisenfuß begannen unwillkürlich durch den Mund zu atmen, als sie den Abstieg in den Krater antraten. In den Krater, an dessen Stelle noch vor einem Jahr die Seelie-Stadt Selafae gestanden hatte.

Am Fuße des Trichters herrschte ein absonderlicher Gestank, einer, den niemand so recht in einem Wort zu beschreiben vermochte, obwohl er sich aus Gerüchen zusammensetzte, die allen wohlvertraut waren: ein leichter Hauch von Zimt, der Duft von gebratenem Schinken, fast angenehm, wäre da nicht der beißende Gestank nach verbranntem Teer, der einem ebenfalls in die Nase stieg. Sie waren nun schon sechs Wochen hier, und niemand hatte sich bisher daran gewöhnen können. Einige der Schüler trugen ein Stück Stoff über Mund und Nase, aber auch das schien nicht viel zu nützen. Ein Dozent der Elemente, der sie vor Ort besuchte, hatte angeboten, den Gestank mit Hilfe einer einfachen Transmutation zu beseitigen, doch Eisenfuß hatte es abgelehnt. Er wollte die Forschungsstätte im vorgefundenen Zustand erhalten.

Die Studenten und Ausgräber konnten ein Lied davon singen. Auf Eisenfuß' Anweisung hin durfte nicht der kleinste Atemzug re an der Forschungsstätte genommen werden. Auch der Einsatz jedes noch so kleinen Glücksbringers war strengstens verboten. Wie auch das Rezitieren von Cantrips, um den Schmerz aus den Muskeln zu vertreiben.

Während sie durch die Trümmer wanderten, legte sich der Gestank auf all seine Sinne, und Eisenfuß schrak unwillkürlich davor zurück. Etwas an dem Geruch erschien ihm vertraut. Und wichtig. Er konnte nur nicht sagen, was es war. Er weckte eine Erinnerung in ihm, gemahnte an eine Erfahrung, die er vor langer Zeit gemacht hatte; er registrierte ihn stets mit einem komischen Gefühl im Magen, wie man einen charakteristischen Duft registriert, den man vor langer, langer Zeit wahrgenommen hatte. Doch Eisenfuß konnte ihn beim besten Willen nicht zuordnen, und genau das machte ihn fast wahnsinnig.

»Wie läuft's denn so, Beman?«, fragte Armin einen der Studenten, einen großen blassen Jungen. Er sah aus, als hätte er seit dem Beginn seiner Ausbildung nichts Anständiges mehr zu sich genommen und würde erst jetzt, unter Eisenfuß' Fittichen, wieder etwas Fleisch ansetzen.

»Es geht voran, Professor. Ich hoffe, mit meinem Sektor bis zum Mittagessen fertig zu sein.« Beman tätschelte sein Messgerät.

Eisenfuß jedoch blickte finster drein und nahm ihm das Gerät ab. »Ihr macht das nicht richtig«, sagte er und demonstrierte dem Studenten dann, wie es korrekt war. »Man muss es so weit wie möglich vom Körper entfernt halten, damit das eigene re das Ergebnis nicht verfälscht. Seht Ihr, so …«

Der Intensitätsindikator war ein Gerät, das Eisenfuß während seiner eigenen Lehrzeit selbst entwickelt hatte. Damals hatte er noch unter Meisterelementarist Luane gedient, der fast im Alleingang das Fachgebiet der Induktiven Thaumatologie begründet hatte. Das Instrument bestand aus einer Messingröhre, die Eisenfuß fast bis zur Taille reichte. Sie besaß eine silberne Spitze und an der Außenseite eine Markierungslinie mit Gradeinteilung. In der Röhre befand sich eine silberne Platte und ihr direkt gegenüber eine aus kaltem Eisen. War kein re gegenwärtig, so berührten sich die beiden Platten fast, da ihre natürliche Abstoßung in diesem Fall nicht stattfand. Berührte man jedoch mit der silbernen Spitze ein Objekt oder ein Lebewesen, das mit der magischen Essenz erfüllt war, stieß die Silberplatte die Eisenplatte im Verhältnis zur vorhandenen re-Stärke ab, wodurch sich die Nadel entlang der Markierungslinie bewegte. Eisenfuß war mehr als nur ein bisschen stolz auf seine Erfindung.

Er gab dem Studenten das Messgerät zurück, der recht erleichtert zu sein schien, als Eisenfuß und Armin ihren Weg durch den Krater fortsetzten. Eisenfuß kniete nieder, um Bemans letzte Aufzeichnungen zu studieren: Jedes Fundstück, vom kleinsten Kiesel bis zum größten Mauerbruchstück, war mit Runen beschriftet, welche die Richtung und Stärke des eingebetteten re anzeigten. Neues Futter für die Karte.

Waren erst mal alle Proben gekennzeichnet, sämtliche Daten gegengecheckt und auf Fehler hin analysiert, waren erst mal alle Ergebnisse im Hinblick auf die ineinandergreifenden re-Auren, die jede Fae-Stadt durchdrangen, hin korrigiert, dann, und erst dann konnte Eisenfuß in die ernsthafte Phase seiner Forschung eintreten. Zu seinem Glück (hingegen weniger zu dem der Bürger von Selafae) war die Druckwelle, welche die Stadt zerstört hatte, immens gewesen, ihre reitische Schlagkraft so enorm, dass sie nahezu das gesamte Grund-re vernichtet hatte, das vor dem Einschlag in der Stadt vorhanden gewesen war.

Eisenfuß war erpicht darauf, seine Untersuchung zu beenden, erpicht darauf, das Problem zu lösen und sich dem nächsten zuzuwenden. Probleme zu lösen, das war Eisenfuß' Job. Um welche Art von Problem es sich dabei handelte, war ihm normalerweise egal, solange die Arbeit interessant war und ihn aus der Stadt herausführte. Doch diese Aufgabe hier war etwas Besonderes. Sie war von größter Bedeutung.

War die Arbeit an der Karte erst einmal abgeschlossen, würde er an die Königinnenbrück-Akademie zu Smaragdstadt zurückkehren und das tun, was seiner Meinung nach die größte Leistung auf dem Gebiet der Investigativen Thaumatologie darstellte: Er würde jene monströse Magie rekonstruieren, welche die Stadt in einem Atemzug ausgelöscht hatte. Ja, er würde »Einszorn« nachbauen, indem er sich allein an den Auswirkungen dieser Waffe orientierte.

Und danach? Was dann? Konnte nach diesem Projekt noch irgendetwas von Bedeutung kommen? Jener Teil von ihm, der die Quelle seiner Wut und Ungeduld war, sprach in letzter Zeit wieder häufiger zu ihm: Es ist an der Zeit weiterzuziehen.

Er und Armin setzten ihren Weg fort, lauschten den Geräuschen, welche die Instrumente verursachten, wenn sie auf die Trümmer trafen, und den leisen Gesprächen der arbeitenden Studenten. Jemand sang einen alten arkadischen Choral:

Gebettet in dem heil'gen Grund,

lass deinen Geiste mich umfangen.

Geleit' mich zur Erneuerung,

und durch Erde, Wind und Woge,

oh, erwecke mich.

Die Melodie war einprägsam, wunderschön, und plötzlich wurde Eisenfuß bewusst, dass dies nicht nur ein weiteres Projekt, eine beliebige Forschungsstätte war. Dieser Ort war ein gigantischer Friedhof, ein Beinhaus nie da gewesenen Ausmaßes. Die weißen Stücke, die überall zwischen den zerbrochenen Steinen verstreut lagen, das waren keine Steinfragmente - es waren Knochenreste.

Er ließ Armin bei einem der Studenten zurück, der eine Frage zu einem abweichenden Messergebnis hatte, und ging weiter, darauf achtend, auf nichts anderes zu treten als auf Schutt.

Eisenfuß war Gelehrter, doch es hatte eine Zeit gegeben, da war er auch Soldat gewesen, und die Echos der Gewalt weckten in ihm Gedanken an Rache. Bilder und Gefühle, von denen er geglaubt hatte, sie wären seinem jüngeren Ich vorbehalten geblieben. Nein, der Wille zum Sieg hatte ihn nie verlassen. Doch darüber nachzugrübeln förderte nichts Gutes zutage.

Und so schob er diese Gedanken weit von sich. Er hatte Arbeit zu erledigen und keine Zeit für Reue.

Als Eisenfuß eine Stunde später zu seinem Zelt zurückkehrte, wurde er von einem älteren Edelmann erwartet. Der Besucher hielt sich wegen des Gestanks ein Tuch vors Gesicht.

Armin bereitete bei Eisenfuß' Eintreffen Tee am kleinen Lagerofen vor; er wirkte ein wenig nervös.

»Ein Lord Everess wünscht Euch zu sprechen, Meister Falores«, sagte er.

Everess verbeugte sich leicht in Richtung Eisenfuß. »Welch eine Freude, Euch kennen zu lernen, Falores. Eine aufrichtige Freude.«

Er war nicht der erste Adlige, der zur Forschungsstätte gekommen war, um ein bisschen herumzuschnüffeln. Die meisten wollten von Eisenfuß durch die Trümmer geführt werden und mit ihm ein bisschen über die Technologie zu fachsimpeln, die bei der Zerstörung der Stadt zum Einsatz gekommen war. Einige schienen ernsthaft besorgt wegen der »Einszorn«-Waffe, die überwiegende Mehrheit jedoch wurde nur aufgrund einer morbiden Faszination hierhergetrieben. Eisenfuß wusste nicht zu sagen, von welcher Sorte dieser Everess war.

»Die Freude ist ganz auf meiner Seite, Lord Everess«, erwiderte Eisenfuß mit der gebotenen tiefen Verbeugung. »Wie kann ich Euch zu Diensten sein?«

»Ah«, meinte Everess lächelnd. »Das ist die große Frage, nicht wahr?«

»Vor allem ist es diejenige, die ich Euch gerade stellte«, antwortete Eisenfuß.

»Ein Gelehrter und ein Spaßvogel.« Wieder lächelte Everess. Falls ihn Eisenfuß' freche Erwiderung irgendwie brüskiert hatte, so ließ er es sich nicht anmerken. »Ich sehe, Ihr seid ein beschäftigter Mann, so komme ich also direkt zur Sache. Wollen wir nicht ein paar Schritte zusammen gehen?« Er nahm seinen Spazierstock zur Hand und deutete mit ihm durch das Lager.

Eisenfuß geleitete Everess zum Rand des Kraters und bedeutete ihm, weiterzugehen. »An dieser Stelle kann man am besten hinabsteigen«, sagte er.

»Oh, ich muss da nicht runter«, meinte Everess. »Ich war schon mal hier. Eine Woche, nachdem es passiert ist. Und ein Mal hat mir gereicht, das kann ich Euch sagen.«

Eisenfuß war verwirrt. »Entschuldigt, Lord Everess, aber wenn Ihr keine Führung durch den Krater wünscht, warum seid Ihr dann hier?«

»Wegen Euch«, sagte Everess. »Ich kam wegen Euch, Meister Falores.«

»Bitte nennt mich doch Eisenfuß. Wie alle anderen auch.«

»Freilich«, sagte Everess. »Nun, gibt es hier irgendwo einen Platz, an dem es nicht stinkt wie in einer Gerberei und wo wir unter vier Augen reden können?«

»Morgens kommt der Wind von Norden, sodass die Luft unten am Fluss um diese Zeit recht angenehm ist.«

»Führt mich dorthin«, sagte Everess. »Eisenfuß.«

Sie nahmen den Pfad hinab zum Fluss und erreichten die Stelle, an dem das Forschungsteam seine Wäsche wusch. Der Fluss schlängelte sich um die Ruinen der Stadt nach Norden, und Eisenfuß schlug diese Richtung ein.

»Wisst Ihr, Ihr seid ein recht interessanter Bursche«, sagte Everess. »Die Verkörperung der Gegensätze, wie man sagt.«

»Danke sehr, mein Herr«, sagte Eisenfuß. »Ich betrachte mich gern als einzigartig.«

»Der Sohn eines Schäfers aus der Provinz, der es schaffte, für seinen Alleingang im Gnomkrieg mit einer Aufnahme an der Königinnenbrück-Akademie belohnt worden zu sein. Und hier seid Ihr nun, Jahre später, ein respektierter Thaumaturg und Lehrstuhlinhaber an einer der renommiertesten Universitäten in den Faelanden. Das ist mehr als interessant, das ist verdammt beeindruckend.«

»Danke schön«, erwiderte Eisenfuß. »Dennoch hatte auch das Glück seinen Anteil daran.«

»Das Glück ist mit den Tüchtigen«, sagte Everess. »Ihr habt einen exzellenten Verstand und seid ein vortrefflicher Soldat.«

»Ich möchte nicht unhöflich erscheinen, mein Herr, aber ich bin mir sehr wohl darüber im Klaren, wer ich bin und was ich getan habe. Darf ich daher fragen, weshalb Ihr wirklich hier seid?«

Everess lachte, ein bellendes Geräusch, bei dem sich Eisenfuß sehr unbehaglich fühlte. Er lächelte höflich zurück.

Everess' Miene wurde ernst. Er sah hinaus auf den Fluss. Das Licht der aufgehenden Sonne in ihrem Rücken brach sich auf der Wasseroberfläche. »Ich weiß, was Ihr hier tut, welches Ziel Ihr verfolgt.«

»Ist das so?«

»Und ich weiß auch, dass Euer Dekan an der Königinnenbrück-Akademie denkt, dies sei unmöglich. Er erwägt, das Projekt einzustellen.«

»Diese Art von Forschung ist teuer«, sagte Eisenfuß. »Und es besteht in der Tat die Möglichkeit, dass unsere Bestrebungen nicht von Erfolg gekrönt sind.«

»Bei allem Talent, mein Sohn, seid Ihr ein lausiger Politiker.«

»Keine Laufbahn, die ich jemals angestrebt hätte.«

Der Pfad wurde steiler, und Everess schwieg für eine Weile, während er mit seinem Stock die Steigung erklomm. Oben angekommen, hielt er inne und bewunderte die Aussicht. Die zerstörte Stadt lag hinter ihnen, vor ihnen breitete sich das Flusstal aus, an das sich das Ackerland anschloss. Die meisten Felder waren jedoch unbestellt, da die Stadt nun nicht mehr existierte und somit eine Bewirtschaftung sinnlos war.

»Wisst Ihr, welche Position ich innehabe, Eisenfuß?«, fragte Everess.

»Ich fürchte nein. Wie Ihr bereits festgestellt habt, zählt die Politik nicht gerade zu den Themen, bei denen ich mit meinen überragenden Fähigkeiten glänzen könnte.«

»Ich bin der Außenminister, was bedeutet, dass ich große Verantwortung für dieses Land trage. Und um dieser Verantwortung gerecht zu werden, dürfen nun einmal nur die besten und talentiertesten Männer und Frauen für mich arbeiten.«

»Bietet Ihr mir eine Stellung an, mein Herr?«

»Was, wenn ich Euch - für den Fall, dass Ihr für mich arbeitet - jegliche thaumaturgische Forschung Eurer Wahl finanzieren würde, während ich Euch gleichzeitig zu ein wenig körperlicher Betätigung verhelfe.«

»Mein Herr?«

»Ihr wart es doch, der sich über die Grenze in die Umfochtenen Lande gestohlen hat, um die Arbeiten an einer uralten Arami-Ausgrabung zu untersuchen, oder etwa nicht? Eine Unseelie-Expedition, wie ich hinzufügen möchte.«

»Das war durchaus interessant!«

»Ach ja? Wir nahmen lange Zeit an, Ihr wäret ein Spion, bis ich Euch dann überwachen ließ.«

»Ihr habt mich beobachtet? Ich verstehe nicht.«

»Nur die Besten und Talentiertesten«, wiederholte Everess. »Ich biete nicht jedem eine solche Gelegenheit.«

»Wieso glaubt Ihr, ich würde die Universität verlassen wollen?«, fragte Eisenfuß.

»Ich weiß genau, aus welchem Grund Ihr sie verlassen würdet. Und ich weiß auch, dass Ihr Euch längst mit diesem Gedanken tragt.«

»So? Und warum?«

»Weil Ihr Euch langweilt.«

Eisenfuß wusste nichts darauf zu erwidern.

»Ich weiß das Angebot durchaus zu schätzen«, sagte er nach einer Weile, »aber wie Ihr ja wisst, bin ich derzeit mit einer ziemlich wichtigen Sache befasst.«

»Dem stimme ich zu«, sagte Everess. »Und deshalb ist eine der Voraussetzungen für Eure Arbeit im Ministerium, dass Ihr diese Aufgabe zuvor abschließt. Wie Ihr Euch sicherlich denken könnt, sind wir überaus interessiert an den Ergebnissen.«

»Ich weiß.« Eisenfuß drehte sich vom Fluss weg und sah hinüber zum Krater. »Ich bin mir nicht sicher, wie ich zu der Idee stehen soll, die Pläne für etwas, das eine solche Zerstörungskraft hat, an wen auch immer auszuhändigen.«

»Tja, sollte die Waffe jemals wieder zum Einsatz kommen, so ziehe ich es jedenfalls vor, dass sie gegen die Unseelie eingesetzt wird und nicht gegen uns.«

»Ja«, sagte Eisenfuß. »Ich schätze, mir geht's genauso.«

»Also gut. Wenn Ihr zurück in Smaragdstadt seid, werde ich Euch eine Botenfee schicken.«

Schweigend standen sie eine Weile da, schauten hinab auf das, was einst das altehrwürdige Selafae gewesen war, und nahmen dann den Pfad zurück ins Lager.

Vier Tage später war es vorbei. Eisenfuß sammelte die letzten Messergebnisse ein, die er in seinem behaglichen Zimmer in der Akademie in die Karte eintragen würde. Die Zelte waren abgebaut, die Wachsoldaten abgezogen worden. Die arkadischen Priester und Hinterbliebenen, die sich so viele Monate vom zerstörten Selafae hatten fernhalten müssen, strömten wieder hinein in die Ruinen der Stadt - die Priester, um ihre ...

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