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Schattenmann

Über Paul Grossman

Paul Grossmann ist Journalist und arbeitete für Magazine wie »Vanity Fair«. Außerdem hat er erfolgreiche Theaterstücke geschrieben, u. a. über Hannah Arendt sowie den Eichmann-Prozess.

Im Aufbau Taschenbuch Verlag liegen seine Kriminalromane mit dem Ermittler Kraus vor: »Schlafwandler« und »Kindersucher«. Sein neuer Roman »Schattenmann« erscheint im Sommer 2014.

Wolfgang Thon lebt als freier Übersetzer in Hamburg. Er hat viele Thriller, u. a. von Brad Meltzer, Joseph Finder und Paul Grossman ins Deutsche übertragen.

Informationen zum Buch

Fluchtpunkt Paris

Juni 1933. Kraus, der hochdekorierte jüdische Kommissar aus Berlin, muss nach Paris fliehen. Hier hat er den Status eines unerwünschten Flüchtlings. Auch die Pariser Polizei ist an seinen Diensten nicht interessiert. Nur ein Detektiv bittet ihn um Mithilfe. Kraus soll einen jungen Studenten beobachten. Eine harmlose Aufgabe. Bis der Student auf offener Straße erstochen wird und Kraus an dessen zwielichtige Freundin Vivi gerät, die ihn sogleich fasziniert. Doch damit nicht genug – bald geschieht ein zweiter Mord, und Kraus begreift, dass er mitten in eine geheimnisvolle Verschwörung geraten ist, die ganz Paris in Atem hält.

Ein ungewöhnlicher Held in einer ungewöhnlichen, gefährlichen Stadt

Paul Grossman

Schattenmann

Kriminalroman

Aus dem Amerikanischen
von Wolfgang Thon

Buch Eins

Trompe l’Œil
Optische Täuschung

1. Kapitel

Juni 1933

Der Regen prasselte gegen die Scheiben, als das Taxi vor dem Maxim’s hielt. Der Türsteher sieht aus wie ein Schläger, dachte Kraus. Vielleicht lag es aber auch nur an den Schatten. Vielleicht deutete aber auch das schiefe Lächeln, mit dem der Mann ihnen aus dem Wagen half, gar nicht auf einen erbarmungslosen Halsabschneider hin. Im richtigen Licht betrachtet, schien ja fast jeder zweite Einwohner dieser Stadt bereit zu sein, einem die Kehle durchzuschneiden. Unter der heftig klatschenden Markise legte er seinen beiden Söhnen die Hände auf die Schultern, weil er sie in seiner Nähe haben wollte. Als der Türsteher mit den weißen Handschuhen sie hineinwinkte, stieg Kraus der Duft von Parfüm in die Nase. Er roch Moschus, so stark, wie er es noch nie in Paris gerochen hatte. Der Geruch überwältigte ihn beinahe.

In dem Art-Nouveau-Tempel sog Bettie Gottmann die Luft ein, als hätte sie das Nirwana betreten. »Man hat nichts geändert.« Ihr Blick streifte durch dieses geschmackvoll beleuchtete Paradies aus buntem Glas. »Als käme ich nach Hause.«

Ihr Ehemann Max zog seinen Trenchcoat aus. Ihm entging die Ironie ihrer Worte nicht. »In gewisser Weise stimmt das wohl. Ich bin jedenfalls einfach nur froh, dass wir es geschafft haben.«

Nach allem, was sie von den in Deutschland Gebliebenen wussten, hatte er natürlich recht. Sie waren zwar Flüchtlinge, aber sie hatten Glück gehabt. Trotzdem, Kraus konnte einfach das Gefühl nicht abschütteln, dass er nur so eben noch davongekommen wäre.

Er war vor sechs Wochen aus Berlin geflüchtet und hatte mit Mühe sein nacktes Leben über die Grenze retten können. Aber die Euphorie über die Freiheit und das Wiedersehen mit der Familie war schon bald düsterer Unsicherheit gewichen. Das Trauma seiner brutalen Entwurzelung wollte einfach nicht weichen. Er hatte versucht, es zu verbergen, vor allem vor seinen Söhnen, aber er spürte, dass seinem Wesen etwas Lebenswichtiges und Unersetzliches abhandengekommen war.

Die anderen waren bereits seit sechs Monaten in Paris und hatten Zeit gehabt, sich einzugewöhnen, wie Ava angemerkt hatte. »Du wirst schon wieder«, hatte sie ihm versichert. Kraus war sich dessen nicht so sicher. Er hatte das Gefühl, als wäre ihm einfach zu viel genommen worden, seine Vergangenheit, all das, wofür er so hart gearbeitet hatte, all seine Zukunftsträume. Obwohl er froh war, an diesem Abend wenigstens einen Hauch von der Alten Welt wieder einfangen zu können, war es nicht mehr als ein schöner Schein, das war ihm klar. Hier an diesem Tisch im Maxim’s hockten staatenlose Exilanten, ohne Aussicht, nach Hause zurückkehren zu können.

Ihm gegenüber saß Max Gottmann, der Patriarch der Familie. Der normalerweise so ausgeglichene Mann wurde zunehmend gereizter angesichts seiner Unfähigkeit, zwischen Sole Albert und Timbale de soles Joinville unterscheiden zu können. Seine Frau Bettie war davon überzeugt, dass Timbale eine Art von Schimmelpilz bezeichnete, und wollte verhindern, dass er wieder erkrankte. Sie bestand darauf, dass ihr Mann auf diese Speise verzichtete, obwohl der Kellner ihnen versicherte, dass Timbale kein Organismus sei, sondern eine Auflaufform. Kraus konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass seine Schwiegereltern zwar mit dem größten Teil ihres Vermögens den Nazis entkommen waren, aber dass sie sich nur so gerade mit den Fingerspitzen ans Leben krallten. Sollten sie sich in Frankreich um eine Einbürgerung bemühen oder ihr Glück in Amsterdam versuchen? Sollte Max die Firma Gottmann Lingerie noch einmal aufbauen? Er war fünfundfünfzig Jahre alt. Er hatte zwar gehört, dass sich in Südafrika viele Möglichkeiten boten, aber wen kannten sie da schon? Trotz ihres ganzen Geldes fühlten sie sich unsicher und isoliert.

»Ich erinnere mich noch an die Nacht, als Leopold II. mit dem Maharadscha von Kapurthala hier diniert hat.« Betties ältere Schwester Hedda hob ihr Opernglas an die Augen und sah sich um. Sie hatte einen Franzosen geheiratet und war schon vor Ausbruch des Krieges nach Paris gezogen. Sie fungierte jetzt als eine Art Gastgeberin, als wäre der deutsche Zweig ihrer Familie für einen verlängerten Urlaub zu Besuch. »Oder war es der Aga Khan? Jedenfalls war es damals viel eleganter. Mittlerweile wirkt es ziemlich kitschig, das muss ich schon sagen.«

Kraus starrte auf die Speisekarte und hatte das Gefühl, die in Kalligraphie geschriebenen Buchstaben würden in seinen Schoß tropfen. Seit die Nazis in Deutschland die Macht übernommen hatten, war es für ihn, als würde er sich in einem Albtraum befinden, aus dem er nicht aufwachen konnte. Und jetzt schien er, besitzlos, verloren und orientierungslos, in einem dieser bizarren, surrealistischen Gemälde aufgetaucht zu sein, die zurzeit in Paris so beliebt waren: Alles in seiner vertrauten Welt wirkte irgendwie deplatziert oder schien in Auflösung begriffen zu sein.

Er hatte sich in so vielem geirrt. In der Republik. In den Deutschen. In seinem Glauben an den Sieg der Gerechtigkeit. Bis seine Familienfotos zusammen mit dem Rest seiner Habseligkeiten zerschmettert auf dem Bürgersteig lagen, dank der Braunhemden, hätte er niemals geglaubt, dass die Willkür einer Bande Krimineller irgendwann an die Stelle des Gesetzes treten könnte. Und dass er, der berühmteste Kriminalbeamte seines Landes, wie ein Dieb in der Nacht flüchten müsste. In Deutschland hatte er nur seinen Ausweis zu zücken brauchen, damit man ihm Respekt zollte. Jetzt hatte er nichts mehr. Nicht einmal einen Führerschein.

Er war zwar gerade noch einmal der Todesliste entkommen, aber er war alles andere als frei. Vielmehr trug er die Bürde all dessen, was er aus Berlin mitgebracht hatte. Gram, Verzweiflung, Furcht und Wut. Bilder, die nicht aufhören wollten, ihn zu verfolgen. Drei Jahre an der Westfront waren nicht annähernd so schlimm gewesen wie drei Monate unter Hitler. Und doch, er vermisste die funkelnden Lichter des Ku’damms. Das Rattern der S-Bahn. Das verrückte Gewühl auf dem Potsdamer Platz. Sein Herz sehnte sich danach, nach Hause zurückzukehren, aber sein Kopf wusste, dass es kein Zuhause mehr gab.

»Ich nehme Cœur de filet de Charolais Renaissance.« Er hörte sich sprechen, hörte den Versuch, lebendig zu klingen. »Und für die Jungs Crêpes veuve joyeuse, bitte.«

Er war ohne Dokumente, Ausweis und Geld hier angekommen. Wenigstens war sein Französisch einigermaßen akzeptabel, obwohl sein Akzent unüberhörbar war. Und noch besser war es, dass er einen wohlhabenden Exschwiegervater hatte. Max hatte ihn beiseitegenommen, nachdem er in ihrer Wohnung im eleganten 16ème Arrondissement aufgetaucht war und seine Söhne, seine Schwägerin Ava und ihre Mutter Bettie ihn geherzt und abgeküsst hatten. »Wärst du nicht gewesen, würden wir jetzt am Bettelstab gehen, Willi. Also scheue dich nicht, uns zu sagen, was du brauchst. Und bleib bei uns, so lange du willst. Wir haben mehr als genug Platz.«

Die ersten zehn Tage blieb ihm auch nichts anderes übrig. Der Schock saß zu tief, als dass er irgendwelche Entscheidungen hätte treffen können. Er verbrachte den halben Tag im Bett. Die Jungs waren entzückt, dass er bei ihnen war. Manchmal krabbelte Stefan zu ihm unter die Decke. Aber die Anstrengung, ständig ein Lächeln zeigen zu müssen, war einfach zu groß. Er war vollkommen verzweifelt und ein zu schlechter Schauspieler, um den anderen etwas vorzuspielen. Sosehr er es auch hasste, seine Söhne wieder aufzugeben, er musste seinen eigenen Platz finden, das war ihm klar, jedenfalls fürs Erste. Denn sie hatten bei seinen Schwiegereltern ein weitaus besseres Leben, als er es ihnen jemals würde bieten können.

»Ich verstehe dich, Willi.« Max nickte. »Du bist ein stolzer Mann. Meine Frau und meine Tochter halten dich manchmal für etwas zu stolz. Aber ich bewundere dich.«

Seine Söhne empfanden das ganz anders. »Warum können wir nicht mit dir zusammenleben?« Stefan, der Jüngere der beiden, weinte hemmungslos. Erich, der Ältere, konnte ihn nicht ansehen.

Kraus erklärte es ihnen, so gut er es vermochte. Bevor er sich um sie kümmern konnte, musste er sich um sich selbst kümmern. Er brauchte neue Papiere. Musste Geld verdienen. Er verschwieg ihnen, dass er auch sein Vertrauen in die Menschheit und das Gefühl, dass sie etwas wert wäre, wiedererlangen musste. Sie hätten seit dem Tod ihrer Mutter in Berlin doch auch getrennt gelebt, also müssten sie einfach nur noch etwas länger durchhalten, sagte er. Es war doch gemütlich bei Großvater, oder etwa nicht? Tante Ava war wie eine Mutter zu ihnen und manchmal sogar noch netter, war das nicht so? In der Schule kamen sie gut mit. Sie schlossen sogar Freundschaften.

»Aber das Einzige, was ich will, ist«, er legte Erich den Finger unter das Kinn und hob es hoch, damit der ihn ansah, »dass wir wieder eine Familie sind.«

Nur dieser Wunsch scheuchte ihn jeden Morgen aus dem Bett; sein Leben wieder neu aufzubauen erschien ihm ansonsten unmöglich, ja, er wollte es nicht einmal versuchen. Aber er hatte Angst, dass seine Kinder noch zu jung wären, um zu verstehen, wie stark es ihn verletzt hatte, als man ihn aus seinem Heimatland hinausgeworfen hatte. Und er fürchtete, dass es immer schwieriger werden würde, sie wieder zu vereinen, je länger sie getrennt lebten. Also nahm er seine ganze Kraft zusammen und machte den ersten Schritt.

Kleidung. Als er hier in Paris angekommen war, hatte er nur das gehabt, was er am Leibe trug, dazu eine nutzlose Dienstmarke der Kriminalpolizei von Berlin. Ava bestand darauf, dass er in Paris gut aussehen müsse, wie ein Franzose, nicht wie ein Deutscher. Also schleppte sie ihn in die besten Geschäfte und geriet mit ihm in Streit, weil sie ihn drängte, mehr zu kaufen. Dann half sie ihm, ein möbliertes Zimmer zu finden. Ihm genügte das erste, das sie sich ansahen. Es lag in der Nähe der Porte St. Denis.

»In der fünften Etage?« Sie runzelte unglücklich die Stirn. »Und es ist so klein. Willi, du musst nicht so bescheiden sein. Du hast doch gehört, was Vater gesagt hat.«

Aber genauso fühlte Kraus sich, bescheiden und klein, und das düstere Appartement, von dem aus man einen Blick auf eines der uralten Tore von Paris hatte, war ein ausgezeichneter Ort, um sich zu verkriechen. Er akzeptierte nur so viel Geld von Max, dass er die Miete für den ersten Monat bezahlen konnte, und zog mit seinen zwei vollen Koffern dort ein. Dann ließ er sich auf die Matratze fallen und versuchte herauszufinden, was zum Teufel er als Nächstes tun wollte.

Ein Fremder in einem fremden Land.

Wie alle Flüchtlinge musste er sich bei der Polizei registrieren lassen. Er füllte endlose Formulare aus, die seine Finanzen, seine Arbeitsnachweise und seine politischen Aktivitäten betrafen. Wenn alles in Ordnung wäre, sagte man ihm, würde er in zehn bis fünfzehn Wochen eine befristete Arbeitserlaubnis erhalten, womit er dann eine Aufenthaltsgenehmigung beantragen konnte. Anders als in Deutschland hing bei den Franzosen eine Einbürgerung vom Wohnsitz ab, nicht von der Rasse. Das Land von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit hatte Platz für alle, die kommen wollten, jedenfalls solange Arbeitskräftemangel herrschte. Um sich über Wasser zu halten, bis er legal arbeiten konnte, schlugen ihm die Beamten vor, er solle sich bei der HEAL melden, der Hebräischen Liga für Auswandererhilfe.

Diese Liga war von seinen Pariser Glaubensgenossen gegründet worden, die von dem plötzlichen Zustrom der einst am stärksten assimilierten Juden von Europa alarmiert waren. Sie boten den Flüchtlingen aus Nazideutschland nicht nur finanzielle Unterstützung, sondern auch die so dringend benötigten Arbeitszuteilungen. Bei dem Gedanken, dass er auf derartige Wohltaten angewiesen war, wäre Kraus am liebsten in die Seine gesprungen, aber er konnte nicht einfach untätig herumsitzen und auf die offizielle Aufenthaltserlaubnis warten.

»Moment, ich sehe nach, ob es irgendetwas in Ihrem Berufsfeld gibt.« Ein rothaariger Bursche mit teilnahmsvoll dreinblickenden braunen Augen führte das Bewerbungsgespräch. Levy. »Unglücklicherweise würden Sie niemals von der Pariser Polizei engagiert werden, es sei denn, Sie wären ein Bürger Frankreichs. Mir ist klar, wie tragisch das ist, angesichts Ihrer Referenzen. Aber wenn Sie unbedingt sofort etwas benötigen …« Levy senkte die Stimme, um klarzumachen, dass das inoffiziell war, als er Kraus eine Adresse zuschob.

Diese Adresse stellte sich als ein baufälliges Gebäude im Immigrantenviertel Belleville heraus. Es war eine jüdische Firma, die sich auf die Herstellung von pelzgesäumten Gewändern für Damen spezialisiert hatte. Sie engagierten Kraus als Hilfskraft und stellten keine Fragen. Was er zu tun hatte, brachten sie ihm in einer Viertelstunde bei: Er musste Glasaugen auf die Schnauzen von Fuchskrägen nähen. Den ganzen Tag starrten diese leeren Augen ihn an. Doch im Vergleich zu den Blicken, die ihm jeden Morgen im Spiegel begegneten, waren sie gar nicht so schrecklich. Am Ende der ersten Woche hatte er das Gefühl, er wäre mit Nadel und Faden in den Fingern geboren worden. Am Ende der dritten Woche mutmaßte er, dass er auch mit ihnen sterben würde. Er war daran gewöhnt, unterwegs zu sein, neue Menschen zu treffen, jeden Tag etwas anderes zu tun. In einer stickigen, düsteren Werkstatt zu arbeiten, in der es von deprimierten Flüchtlingen nur so wimmelte, kam ihm schlimmer vor als der Tod, so als wäre er lebendig begraben.

Dann kam die Wiederauferstehung, jedenfalls erschien es ihm so. Ein Anruf von Levy aus der HEAL. Ein Privatdetektiv mit einem Büro in der Nähe des Place de la République konnte eine Hilfe gebrauchen, sagte der junge Angestellte. Sein Ton deutete an, was für ein ungeheurer Massel das wäre. Kraus sollte den Mann am Freitag um zehn treffen.

Auf die Minute pünktlich klopfte er am fraglichen Morgen an die Tür in der vierten Etage eines Gebäudes auf dem Boulevard Voltaire. Henri Gripois sah aus wie ein Walross auf Diät. Hose, Gesicht, Schnauzbart, alles hing herunter. Sein winziges Büro stank nach Senf. An der Wand hing ein gerahmtes Dokument, seine Lizenz, daneben standen ein ramponierter Aktenschrank und ein alter hölzerner Schreibtisch. Darauf lag ein kleiner Stapel von Dokumenten neben einem gerahmten Foto seiner Frau, die überraschend elegant aussah. Henri verkündete, wie schrecklich glücklich er sei, Kraus zu sehen, weil er mehr Arbeit angenommen habe, als er bewältigen könne. Natürlich sei er sich bewusst, dass Kraus für die Arbeit überqualifiziert sei. Monsieur sei schließlich ein berühmter Detektiv. Trotzdem, wenn er bereit sei, sich ein wenig zu bescheiden …

Kraus war sich zwar nicht sicher, ob er überhaupt noch als Detektiv arbeiten wollte. Ganz gewiss jedoch wollte er nicht für den Rest seines Lebens in einer Fabrik begraben sein, wo er Glasperlen auf Fuchsköpfe nähen musste. Aber die Überzeugung, die ihn jeden Tag so stark angetrieben hatte, nämlich dass jeder Mensch Gerechtigkeit verdiente, lag in Schutt und Asche.

Der Auftrag sei nicht sonderlich ruhmreich, erklärte Gripois und zuckte mit seinen hängenden Schultern. Genau genommen war es einfache Laufarbeit, im Vergleich zu dem, was Monsieur in Deutschland geleistet hatte. Er sollte einfach nur einem jungen Mann folgen, der am Polytechnischen Institut immatrikuliert war. Gripois zog ein Foto von Philippe Junot aus der Tasche, einem jungen Mann, seinem Äußeren nach ein typischer Student, wenn auch ein bisschen pummelig. Er trug eine runde Schildpattbrille, hatte strähniges Haar und rosafarbene, herzförmig geformte Lippen. Seine Eltern wollten sichergehen, dass er tat, was er tun sollte, und nicht etwa irgendwelchen Ablenkungen erlag, Politik und dergleichen, wie es ja zurzeit bei so vielen französischen Studenten der Fall war. Alles andere als ein Mantel-und-Degen-Auftrag, bemerkte der Privatdetektiv mit einem bedauernden Glucksen.

Vor allem verdammt deprimierend, dachte Kraus. In Berlin war er zu einem der Besten seines Berufes aufgestiegen, mit einem ganzen Stab von Kriminalbeamten unter sich. Er hatte einige der grausamsten Fälle gelöst. Jetzt bot man ihm die Aufgabe eines Anfängers an, der einem Schuljungen folgen sollte. Andererseits hatte Gripois durchblicken lassen, dass die Familie des Studenten sehr wohlhabend war und Freunde in hohen Positionen hatte. Die konnten sich als nützlich erweisen, den Immigrationsprozess zu beschleunigen, und zwar nicht nur für ihn, sondern auch für seine Familie. Kraus nahm den Auftrag an. Was auch immer erforderlich war, damit sie bleiben konnten, würde er tun.

Jetzt jedoch, weit weg von dem nach Senf stinkenden Büro, umringt von seiner Familie und der Pracht des Restaurants Maxim’s, kam er sich allmählich dumm vor. Was waren das für Eltern, die ihren Sohn beschatten ließen? Und was war das eigentlich für ein Detektivbüro, das dieser Gripois führte?

»Kann es sein, dass das der ist, für den ich ihn halte?« Tante Hedda setzte ihr Opernglas an wie ein erfahrener Ornithologe. »Was für ein Anblick!«

Kraus blickte über den Gang und sah die beiden herausgeputzten Gäste an einem Tisch in der Nähe. Dort plauderte ein gutaussehender Mann mit einer breiten, apricotfarbenen Krawatte mit einer langbeinigen Frau in einem rückenfreien Cocktailkleid. Die breite, bunte Krawatte hätte eigentlich lächerlich aussehen sollen, fand Kraus. In Berlin hätte sie das auch getan. Aber dieser Mann hier trug sie mit echtem savoir faire.

»Adrienne und André Duval.« Triumphierend ließ Hedda ihr Glas sinken. »Sie sehen noch besser aus als auf den Fotos in der Paris-Soir.« Sie schien nicht abgeneigt zu sein, einen weiteren Blick zu riskieren.

Nach einer kleinen Pause, mit der sie ihre Aufregung kaschierte, erkundigte sich Bettie Gottmann, wer die beiden seien.

»Sie haben irgendetwas mit Kommunalobligationen zu tun«, zirpte Hedda, den Mund voller Kaviar. »Jeder, der in der Lage ist, ein paar Sous zusammenzukratzen, setzt auf Duval.« Sie leckte ihre Fingerspitzen ab. »Es ist wirklich die reinste Manie!« Ihre Augen funkelten vor reinem Entzücken.

Max machte klar, dass er alles über diesen Mann wusste. »Er ist schon seit Jahren ein echtes Phänomen«, erklärte er. »Ein Jude.«

»Sehr gut aussehend«, setzte Bettie hinzu. »Nicht wahr?«

Kraus konzentrierte sich auf einen vergoldeten Spiegel zu seiner Linken, in dem er den Mann im Profil betrachten konnte. Die funkelnden Kronleuchter schienen einen Heiligenschein um seinen Kopf zu legen. Angefangen von den Schuhen aus Krokodilleder, bis hin zum Smaragdring am kleinen Finger, entsprach er vollkommen dem Bild des Bonvivants. Dichtes, kupferfarbenes, locker gewelltes Haar und darunter eine große Nase und freundlich blickende graue Augen. Seine übertriebenen Gesten, das breite Lächeln und die exaltierten Kopfbewegungen wären in Deutschland als geschmacklos empfunden worden, als Versuch, zu beeindrucken. Aber dieser Duval schien sich in seiner Haut sehr wohl zu fühlen. Kraus beneidete ihn unwillkürlich. Wie selbstsicher er war. Und wie liebevoll er seine Frau behandelte. Er ließ ihre Hand kaum lange genug los, dass sie essen konnte. Wirklich rührend, dachte Kraus. Bis er im Spiegel Ava sah. Ihre funkelnden Augen wirkten dunkel vor Missbilligung. Wie diese Franzosen ihr Gefieder spreizen, schien sie zu denken. Und sie übertreiben alles bis zum Exzess.

Ein Anflug von Verwirrung überkam ihn. Die Kluft zwischen ihnen schien noch größer zu werden, und er wusste immer noch nicht genau, warum. In der schrecklichen Zeit nach Vickis Tod war ihre jüngere Schwester die Einzige gewesen, die der Warmherzigkeit seiner geliebten Frau auch nur nahegekommen war. Als sie die Verantwortung für Erich und Stefan übernommen hatte, waren sie sich alle sehr nahegekommen. Kraus hatte sich eingeredet, dass sie sich irgendwann ineinander verlieben und eine neue kleine Familie gründen würden.

Aber seitdem die Nazis die Macht ergriffen hatten, war er nicht mehr derselbe Mann. Der Glaube an sich selbst, an seine Wahrnehmungen und Entscheidungen, ja sogar an seine eigenen Gefühle war zerstört worden. Er wusste nicht mehr, ob das, was er in jenen letzten Monaten in Berlin empfunden hatte, real gewesen war oder nur der Versuch, an einer Welt festzuhalten, die ihm entrissen worden war. Er wusste nicht mehr, ob er noch für sich selbst sorgen konnte, ganz zu schweigen für jemand anderen. Er hatte kein Selbstvertrauen mehr. Also hatte er sich zurückgezogen. Und jeder Versuch von Ava, die Kluft zu überbrücken, hatte ihn nur weiter weggestoßen.

Manchmal spielte er mit dem Gedanken, einen sauberen Schlussstrich zu ziehen. Er wollte 1933 zum Jahr null erklären. Von jetzt an sollte alles neu sein. Aber dann überlegte er, was aus den Jungs werden sollte. Was wäre das Beste für sie? Und dann verschwamm wieder alles.

Er warf einen Blick über den Tisch. Stefan, der fast neun Jahre alt war, hatte sich die Serviette in den Kragen gestopft und erzählte seinem Großvater irgendeine langatmige Geschichte über seinen Schultag. Der elfjährige Erich blätterte die Weinkarte durch. Einen Moment sah er hoch, aber als er bemerkte, dass Kraus ihn beobachtete, blickte er wieder in die Karte. Kraus wusste, dass sein Ältester sehr launisch sein konnte, vor allem wenn das Thema Berlin aufkam. Als sie weggegangen waren, hatte er sich Sorgen gemacht, dass er seine Heimat nie wiedersehen würde. Kraus hatte ihn gescholten und ihm gesagt, sie seien nur für eine kurze Zeit weg. Jetzt schien der Junge wirklich böse auf ihn zu sein. Aber weshalb? Weil er ihm nicht die Wahrheit über die Nazis erzählt hatte? Oder weil er nicht zu ihnen und ihren Großeltern gezogen war, als er in Paris angekommen war, sondern sich eine eigene Wohnung genommen hatte? Vielleicht trauerte er ja auch noch um seine Mutter. Drei Jahre waren keine sehr lange Zeit. Und über so etwas kam man nie so leicht hinweg, richtig? Andererseits, dachte Kraus dann, war Erich vielleicht gar nicht wütend. Vielleicht projizierte er nur sein eigenes Gefühl von Verlust und Verzweiflung auf seinen Sohn.

»Ich glaube, es wird Zeit für einen Toast.« Ava war es, die schließlich den Grund für ihre Anwesenheit hier zur Sprache brachte, und sie strich sich dabei eine Strähne ihres kastanienbraunen Haares zurück. Kraus bemerkte, wie entzückend sie heute Abend aussah. Sie hatte sehr vornehme Gesichtszüge, und ihre Augen schimmerten im Licht der Kristallleuchter. Sie wirkte intelligent, majestätisch, mit einem klaren Blick für die Welt. Wenn er sie nur so hätte lieben können, wie er ihre Schwester geliebt hatte. Das würde das Leben so viel einfacher machen. Das ganze Paket wäre so schön ordentlich geschnürt. Und die Kinder würden hervorragend hineinpassen.

»Auf meine wundervollen Eltern, Max und Bettie Gottmann.« Alle hoben ihre Gläser mit Champagner. »Auf ihren dreiunddreißigsten Hochzeitstag.« Avas Stimme brach, als plötzlich Gefühle in ihr die Oberhand gewannen. Sie sah alle der Reihe nach an, ihre Mutter, ihren Vater, Tante Hedda, und allen traten die Tränen in die Augen, und die Gläser in ihren Händen zitterten. Als ihr Blick schließlich den von Kraus traf, durchzuckte ihn ein kleiner Schock. Es war ein fast körperlich spürbarer Blick des Verstehens von der anderen Seite des Tisches aus.

»Worte können nicht beschreiben, wie sehr ich euch alle liebe. Mutter, Vater, mögen eure weiteren gemeinsamen Jahre euch das Glück bringen, das ihr verdient habt.«

Die Gläser klangen, als sie anstießen.

»… das wir alle verdient haben!«, erklärte Max und trank einen Schluck. »Komm, gib mir einen Kuss.« Er beugte sich zu Bettie.

Jetzt liefen bei allen die Tränen, selbst bei Kraus. Es war wunderschön anzusehen, wie Max und Bettie sich küssten; und außerdem vermissten sie alle Vicki so sehr.

Und Berlin.

»Eigentlich sollten wir doch fröhlich sein«, bemerkte Stefan. »Warum weinen dann alle?«

»Schon gut, mein Schatz.« Seine Großmutter umarmte ihn. »Erwachsene sind manchmal wie große Kinder.«

Kraus bemerkte, wie sich der Maître d’ hôtel auf der anderen Seite des Gangs vorbeugte und dem Mann mit der apricotfarbenen Krawatte etwas zuflüsterte. Der hob die Brauen, und als sein freundlicher Blick dem von Kraus begegnete, schien darin aufrichtiges Glück zu flackern.

Kraus suchte noch kurz die Toilette auf, bevor sie gingen. Zu seiner Überraschung sprach ihn der Mann mit der apricotfarbenen Krawatte am Urinal an. »Bitte verzeihen Sie. Sie sind also Willi Kraus, der berühmte Berliner Kriminalbeamte?«

»Ja.« Kraus fragte sich, ob der Mann erwartete, dass er ihm die Hand schüttelte, während er pinkelte. Was für ein sonderliches Benehmen, merkwürdig wie so vieles hier. Andererseits fühlte es sich nicht schlecht an, erkannt zu werden. In Berlin war ihm das ständig passiert, aber in Frankreich war es das erste Mal. Orsini ausgenommen. Aber der zählte eigentlich nicht.

Zwei Tage nachdem er Asyl beantragt hatte, war er in den Justizpalast bestellt worden, Raum 602. Er hatte in der Nacht davor Blut und Wasser geschwitzt, weil er wusste, dass sich in diesem Gebäude auch das Hauptquartier der Pariser Polizei befand. War die Vorladung ein gutes oder ein schlechtes Zeichen? Als er am nächsten Tag dort auftauchte, stellte er zu seiner Verblüffung fest, dass in Raum 602 der Polizeichef residierte.

Victoir Orsini war einer der mächtigsten Männer von Paris. Sein Büro glich einer königlichen Suite und gewährte einen Blick auf Notre-Dame. Orsini saß hinter einem schweren Louis-XIV-Schreibtisch, umgeben von mittelalterlichen Wandteppichen, die Szenen aus dem Alten Testament darstellten. Einschließlich, wie Kraus bemerkte, der großartigen jüdischen Königin Esther, wie sie bei ihrer Krönung strahlend lächelte. Eine Porzellanuhr auf dem Schreibtisch bimmelte, als Kraus sich setzte. Die bemalten Figürchen darauf tanzten einen Walzer.

Der Polizeichef war ein kleiner, gedrungener Mann mit gewölbter Brust und Hakennase und berühmt dafür, dass er fünf Zentimeter hohe Absätze unter seinen Schuhen trug. »Herr Kriminalinspektor!« Kraus fühlte sich durch die Verwendung seines früheren Titels irgendwie gerührt, obwohl er nicht genau wusste, ob Orsini diese Anrede herablassend gemeint hatte. »Glauben Sie nicht, dass wir Sie nicht im Blick behalten hätten. Wir alle machen uns schreckliche Sorgen, was die Ereignisse jenseits der Grenze angeht. Jeden Tag treffen mehr Exilanten ein. Natürlich ist unsere Wirtschaft nicht gegen die weltweite Krise gefeit, so dass es nicht allen möglich sein wird, zu bleiben. Aber Sie sind genau die Art Flüchtling, die wir mögen! Ein Mann, dessen Talente für uns sehr nützlich sein könnten.«

Er lächelte auf eine Art und Weise, dass Kraus das Gefühl hatte, ihm würde gleich irgendeine traumhafte Stellung bei La Crim angetragen, der französischen Kriminalpolizei. Stattdessen tauchte ein Mann mit einer Kamera auf einem Dreibein auf, und in einer Wolke aus Phosphorschwaden wurden die beiden zusammen fotografiert. Das Foto erschien in etlichen Spätausgaben der Zeitungen mit Unterschriften wie: Orsini heißt hervorragenden deutschen Kriminalbeamten auf der Flucht vor den Nazis willkommen. Wurde er willkommen geheißen oder einfach nur ausgenutzt? Kraus war wütend, als er das Foto sah. Er hatte versucht, unauffällig zu bleiben, und wegen dieses Egomanen wusste nun jeder in Paris, dass er hier war, auch die Gestapo.

»Sie sind ein viel zu guter Mann, als dass wir Sie nicht einsetzen könnten.« Der Polizeichef hatte ihm aufmunternd auf den Rücken geklopft, während er ihn zur Tür führte. »Machen Sie sich keine Sorgen; Sie werden schon sehr bald von uns hören.«

Das war vor Wochen gewesen, und Kraus hatte zunehmend den Verdacht, dass diese Unterredung nur ein Werbegag gewesen war. Nichts regte ihn mehr auf, als wenn man ihn ausnutzte, und in seinen finsteren Momenten dachte er, dass er genau damit hätte rechnen müssen. Als Schuljunge hatte man ihm alle möglichen Arten rassistischer Vorurteile gegen seine Nachbarn von der anderen Rheinseite eingeimpft, hatte ihm erzählt, die Franzosen seien Lügner, Aufschneider und Heuchler. Natürlich hatte er als gebildeter Erwachsener solche kulturellen Stereotype durchschaut. Jetzt jedoch, wo er hier lebte und auf ihre Gnade angewiesen war, war er sich plötzlich nicht mehr so sicher.

»Ich bin ein großer Verehrer von Ihnen.« Der Mann mit der apricotfarbenen Krawatte blieb neben ihm am Urinal stehen. »Ich habe alles über Sie in der französischen Presse gelesen. Ich bin hoffnungslos süchtig nach Kriminalmagazinen. Was meine Frau in den Wahnsinn treibt. Jeder weiß, dass die Berliner Kripo die beste in Europa ist, mit Ausnahme vielleicht von Scotland Yard. Hier verhält sich das anders; unsere Polizei ist nicht gerade auf dem neuesten Stand.« Er zog den Reißverschluss seiner Hose zu und leistete Kraus dann am Waschbecken Gesellschaft. »Darf ich Sie vielleicht irgendwann auf einen Schluck einladen?« Sein Gesicht strahlte fast vor jungenhafter Vorfreude. »Sie haben keine Ahnung, wie sehr es mich freuen würde, von Ihren Taten zu hören.«

Kraus war nicht der Typ, der es genoss, wenn man ihm schmeichelte, aber sein angeknackstes Ego reagierte doch auf diese gewaltige Dosis Komplimente. Außerdem, dachte er, während er sich von dem Aufwärter ein Handtuch reichen ließ, kann es nicht schaden, so viel wie möglich über die französische Polizei zu erfahren. Und auch wenn er nicht genau wusste, woran das lag, empfand er ein merkwürdiges, brüderliches Gefühl für diesen Mann.

»Warum nicht? Nehmen wir einen Drink zusammen.«

»Très bon!« Der Finanzier streckte die Hand aus. »Mein Name ist André Duval.«

2. Kapitel

Die École Polytechnique, gegründet unter dem Regime von Bonaparte, war das elitärste der großen Institute. Sie war der traditionsreiche Ausbildungsort von Frankreichs zukünftigen Führungspersönlichkeiten. Von den jährlich 10 000 Bewerbern wurden weniger als vierhundert angenommen. Laut des lückenhaften Berichtes, den Gripois ihm gegeben hatte, war einer davon der einundzwanzigjährige Phillipe Junot. Kraus lehnte sich an einen Baum, als der junge Student über die Straße schlurfte und durch das Tor der Universität verschwand. Trotzdem, es war besser, als jeden Tag Fuchsgesichter anzusehen. Aber der Auftrag war, gelinde gesagt, dennoch merkwürdig.

Abgesehen von der Demütigung, einen Studenten beschatten zu müssen, erschien ihm der ganze Fall bereits nach ein paar Tagen vollkommen absurd. Drei Morgen hintereinander war Junot aus dem Gebäude, in dem er wohnte, getreten, war das Stück über die Straße zu seinen Kursen gegangen und dort den ganzen Tag geblieben. Von der anderen Straßenseite aus hatte Kraus die verkniffene, leicht angespannte Miene auf seinem ansonsten so friedfertigen Gesicht bemerkt. Die École Polytechnique war eine der Akademien mit dem größten Konkurrenzdruck in ganz Europa. Jede Nacht, wenn der junge Mann wieder durch das Haupttor herauskam, ging er alleine zu einem kleinen Bistro am Ende der Straße, wo er ein leichtes Abendessen zu sich nahm und die ganze Zeit in seinen Büchern las. Danach begab er sich nach Hause, ebenfalls alleine. In seinem Schlafzimmer brannte bis zwei Uhr morgens Licht. Soweit Kraus das beurteilen konnte, hatte er keinerlei Freunde und pflegte keinen gesellschaftlichen Umgang. Also, worüber zum Teufel machten seine Eltern sich so große Sorgen?

Gripois hatte behauptet, die Familie sei wohlhabend, aber nichts, was Kraus sah, schien dazu zu passen. Das Mietshaus, in dem der Student lebte, war heruntergekommen. Er trug billige Kleidung, und seine Haltung war lausig. Je länger Kraus ihn beobachtete, desto weniger glaubte er daran, dass der junge Mann aus elitären Verhältnissen stammte oder etwa ein zügelloses Leben führte. Er wusste zwar, dass die meisten Studenten der Oberschicht angehörten, aber zumindest eine Handvoll musste doch auch aufgrund eines Stipendiums hier sein, oder nicht? Vielleicht war Junot einer von ihnen. Warum jedoch sollte Gripois etwas anderes behaupten? Und wer bezahlte überhaupt Kraus’ Honorar?

Kraus war am Tag zuvor in das nach Senf riechende Büro seines neuen Arbeitgebers gegangen. »Zögern Sie nicht, kleinere Ausgaben zu tätigen, die Ihrer Meinung nach für die Tarnung wichtig sein könnten: Zeitungen, Speisen, Kleidung et cetera.« Gripois hatte sehr großzügig mit Geld um sich geworfen, aber mit Fakten war er ausgesprochen geizig gewesen. Als Kraus nachfragte, was genau Junot studierte oder in welche politischen Aktivitäten er verwickelt sein könnte, hatte der Mann nur geknurrt. Selbst als er ihn um den Stundenplan des jungen Mannes gebeten hatte, damit er nicht den ganzen Tag vor dem Tor warten musste, war das eingefallene Gesicht des Detektivs seltsam ausdruckslos geblieben. Als Kraus nun an einem Baum lehnte und auf die Studenten starrte, wünschte er sich, dass er diesen sonderbaren Auftrag einfach fahren lassen könnte, ganz gleich, was wirklich dahintersteckte. Visionen von Staatenlosigkeit und Armut spukten jedoch warnend in seinem Kopf herum. Da er nicht die Absicht hatte, weitere Wohltaten von seinen Schwiegereltern anzunehmen, blieb er einfach dort stehen. Vielleicht war er wirklich zu stolz.

Es war kühl für Juni, und feucht dazu. Er hatte die Hände in die Hosentaschen geschoben. Die modische Kleidung, zu der Ava ihn überredet hatte, wirkte hier seltsam deplatziert. Zweireiher sahen vielleicht auf der Avenue Foch großartig aus, aber hier im Quartier Latin fielen sie nur auf. Er brauchte etwas Dezenteres. Wieder wünschte er sich, er hätte den Stundenplan des jungen Mannes, damit er jetzt losgehen und sich etwas kaufen könnte. Aber er hatte ihn nicht. In seiner Hosentasche hielt er das einzige Souvenir umklammert, das er aus seinem früheren Leben mitgebracht hatte: die Berliner Polizeimarke. Wenn er nur eine in Paris bekommen könnte! Allein die feste Form des Lederetuis schien ihm Kraft zu verleihen, und plötzlich kam ihm ein Gedanke. Warum nicht? Überall reagierten Menschen auf eine Dienstmarke, war es nicht so? Jedenfalls war es besser, als einfach nur hier herumzustehen.

Er überquerte die Straße und trat zum ersten Mal durch die Pforte der berühmten Akademie. Die Flure waren voller ernster Gesichter, deren Augen von dunklen Ringen umrändert waren und aus deren Mienen das blanke Elend sprach. Alle waren viel zu beschäftigt, um sich auch nur daran erinnern zu können, wo das Büro der Registratur war. Kraus fand es auch ohne Hilfe. »Bonjour, Monsieur.«

Er nahm seinen Hut ab und lächelte den Mann mit dem teigigen Gesicht hinter dem Tresen an. »Können Sie mir vielleicht weiterhelfen?« Der Mann versteifte sich und zog den Hals zurück, als witterte er einen unangenehmen Geruch. Kraus überlief es kalt. Er wusste, was der Grund war: sein verfluchter deutscher Akzent.

Wieder einmal schlug diese unmögliche Ironie des Schicksals zu. Obwohl er in Deutschland geboren und aufgewachsen war, war er in eben diesem Deutschland immer ein Ausländer, ein Fremder geblieben. Ein Jude. In Frankreich war er auch ein Jude, aber er war noch etwas viel Schlimmeres, ein Boche, ein Deutscher. Ein Erzfeind. Gewiss, es stimmte, dass er vor fünfzehn Jahren in seiner Tätigkeit als vorgeschobener Beobachter dazu beigetragen hatte, dass Artilleriegranaten auf die französischen Truppen herunterprasselten. Und er hatte auch in der Uniform des Kaisers Mann gegen Mann gegen mehr als einen Franzosen gekämpft – vielleicht sogar gegen diesen hier oder gegen dessen Sohn. Und doch war er jetzt hier und suchte Schutz bei denen, gegen die er in den Krieg gezogen war, weil jene, für die er das getan hatte, ihm nach dem Leben trachteten. Aber der Deutschenhass war hier weit verbreitet. Keine Nation hatte im Krieg mehr gelitten als Frankreich, und die Narben waren noch nicht verheilt. Kraus’ Akzent war unmöglich zu überhören.

Der Angestellte stand regungslos da.

Kraus hatte Gripois gegenüber seine Bedenken geäußert, bevor er diese Aufgabe übernommen hatte. Sein Chef hatte ihm einfach nur geraten, nichts zu sagen. »Beschatten Sie einfach den Jungen und erstatten Sie mir Bericht.« Dann hatte sich sein gewaltiger Schnauzbart ein wenig gehoben. »Falls jemand Fragen stellt, erzählen Sie einfach, Sie wären Schweizer.«

Stattdessen schob Kraus jetzt seine Dienstmarke über den Tresen. »Ich hätte gerne den Vorlesungsplan eines Ihrer Studenten.« Er sprach die Worte mit großer Sorgfalt aus und hoffte, dass der Anstand über die Vorurteile siegen würde. »Es geht um etwas, das ihm letzten Sommer in Berlin gestohlen wurde.«

»Verstehe.« Der Angestellte warf einen Blick auf die Dienstmarke, hütete sich aber, sie zu berühren. »Ich habe von der Effizienz der Deutschen gehört. Wirklich erstaunlich. Selbstverständlich müssen Sie ein Formular ausfüllen und warten, bis ich Pause mache. Wie lautet sein Name?«

Fest entschlossen, die Ehre der französischen Ineffizienz aufrechtzuerhalten, kam der Mann tatsächlich mit dem, was Kraus wollte, zurück – fünfundvierzig Minuten später.

»Merci, merci.«

Phillipe-Jacques Junot stand kurz vor dem Abschluss seines dritten Jahres und hatte als Hauptfach Mathematik belegt. Den größten Teil der Woche verbrachte er in seinen Seminaren oder leistete Forschungsarbeit für zwei Professoren, die Doktoren Dominique und Frédéric Pasquier. Das waren entweder Geschwister oder Eheleute, wie Kraus vermutete. Junot hielt sich jeden Tag in dem Institut auf, außer sonntags. Damit schien sich zu bestätigen, was Kraus beobachtet hatte: Junot war der reinste Langweiler. Wieso also machten sich seine Eltern Sorgen? Als Kraus wieder draußen in der feuchten Frühsommerluft stand, prägte er sich den Stundenplan ein und zerriss ihn sicherheitshalber. Dann überquerte er die Rue Descartes auf der Suche nach einem Herrenausstatter.

Er hatte nicht nur genug Zeit, angemessenere Kleidung zu kaufen, sondern er konnte sogar mit der Métro nach Hause fahren, zu Mittag essen, die Zeitung lesen und war immer noch eine Stunde früher zurück als nötig. Warum hatte Gripois ihm diese Informationen nicht einfach geben können?

Um achtzehn Uhr war er wieder da und behielt das große Tor vor dem Polytechnikum im Blick. Mit seiner Lederjacke, der schwarzen Hose und einer Kappe mit kurzem Schirm fiel er jetzt endlich nicht mehr auf. Ein steter Strom von Studenten verließ nach der Sechzehn-Uhr-Vorlesung über »Ökonomische Dynamik« das Gebäude. Kraus betrachtete aufmerksam die Gesichter. Er vermutete, dass Junot ganz vorne saß, weil er immer einer der Letzten war, die das Gebäude verließen. Schließlich richtete Kraus sich auf und nahm die Hände aus den Taschen. Da kam er.

Junot trug wie immer keine Krawatte. Sein strähniges braunes Haar verdeckte halb die runden Brillengläser, und seine herzförmigen Lippen waren fest zusammengepresst. Er ging über den Bürgersteig und schwenkte seine schwere Büchertasche zur Seite, um einer Mutter mit zwei Kindern Platz zu machen. In den wenigen Tagen, die Kraus ihn beschattete, hatte er den Jungen fast liebgewonnen. Er war ganz offensichtlich intelligent, arbeitete hart und war rücksichtsvoll. Gestern Abend hatte er Kraus damit überrascht, dass er einen Pudel verfolgte, der einem alten Mann entlaufen war. Die Belohnung des dankbaren Mannes hatte Junot abgelehnt und den Eindruck gemacht, als wollte er einfach nur möglichst schnell wieder an die Arbeit zurück. Aber ein Laster könnte er haben, dachte Kraus, während er den Jungen beobachtete, als der nur mit seinen Büchern als Gesellschaft nach Hause trottete. Er könnte spielen. Kraus hatte zweimal eine Zeitung auf seinem Bistrotisch gefunden, bei der die Pferderennen aufgeschlagen waren. Die Worte Daily Double waren mit Tinte eingekreist gewesen.

Junot nahm seinen üblichen Platz an einem Tisch auf dem Bürgersteig vor dem Les Pipos ein. Dann schlug er ein großes Buch mit braunem Einband auf. Glücklicherweise bot die Bank an einer Bushaltestelle unmittelbar gegenüber einen unbeleuchteten Beobachtungspunkt, was Kraus ausgesprochen zweckdienlich fand. Die Vorstellung heute Abend war reine Routine. Dem Nicken des Kellners entnahm Kraus, dass Junot wie gewohnt Suppe mit Brot und Wein bestellt hatte. Danach hockte er wie ein Mönch über seinem Buch und unterbrach seine Lektüre nur, um Notizen zu machen oder sich einen Löffel in den Mund zu schieben. Es fiel Kraus schwer, nicht zu gähnen. Dann jedoch nahm die Geschichte eine unverhoffte Wendung.

Eine attraktive junge Brünette mit kurzem lockigem Haar hatte das Bistro betreten und steuerte geradewegs auf Junots Tisch zu. Kraus sah, dass sie sich zu kleiden verstand. Sie strahlte wie so viele französische Mädchen ihres Alters reine Sinnlichkeit aus. Als Junot sie sah, sprang er auf, umarmte sie und küsste sie leidenschaftlich.

Kraus spürte, wie sich sein Puls beschleunigte. Dieser Auftrag ist gerade erheblich interessanter geworden, dachte er.

Von seinem Platz aus beobachtete er, wie die beiden eine Flasche Wein zusammen leerten und sich dabei näher zueinander beugten. Nach einer Weile fiel ihm auf, dass die junge Frau einen Schuh ausgezogen hatte und mit ihren Zehen unter Junots Hosenbein dessen Schienbein massierte. Kraus rutschte unruhig auf der Bank hin und her, verlegen, weil sich auch in seiner Hose etwas rührte. Diese Mademoiselle war très sexy. Schließlich zahlte Junot, und die beiden verließen untergehakt das Bistro. In einem Punkt hatten seine Eltern recht, dachte Kraus, während er aufstand, um ihnen zu folgen. Ihr Sohn war keineswegs nur ein Bücherwurm.

Die beiden schwankten über den Bürgersteig und taten beschwipster, als sie tatsächlich waren. Dabei lachten sie wie Kinder. Junot, der zuvor einen eher ungelenken Eindruck gemacht hatte, legte nun eine männliche Eleganz an den Tag, die ansteckend wirkte. Als sie schließlich in seinem Wohnhaus verschwanden, blieb Kraus auf dem Bürgersteig stehen und empfand ein fast erschreckendes Gefühl von Verlassenheit. Er ertappte sich dabei, dass er sich tatsächlich nach einer Möglichkeit umsah, um in Junots Fenster im zweiten Stock zu blicken. Er redete sich ein, dass die beiden ja Spione oder Drogenhändler oder Gott weiß was sein könnten, aber in Wirklichkeit wollte er einfach nur nicht allein hier draußen bleiben.

Es dauerte eine Stunde, bis die junge Frau wieder auftauchte. Sie fuhr sich mit der Hand durch ihr Haar. Kraus stand immer noch auf der anderen Straßenseite und trat von einem Fuß auf den anderen, um nicht einzuschlafen.

»Vivi!«, rief Junot gedämpft aus dem Fenster und winkte.

Sie drehte sich erschreckt zu ihm herum.

»Bonne nuit!« Sie warf ihm einen Handkuss zu, hob dann einen Fuß und zog die Riemen an ihrem Schuh gerade.

»Bonne nuit!« Junot lächelte ihr vollkommen verzückt hinterher.

Die Frau schaffte es nicht einmal bis zur nächsten Straße, bevor ein bärtiger Mann aus dem Schatten eines Torbogens trat. Er wirkte recht grobschlächtig, trug eine schwarze Baskenmütze und packte ihren Arm. Kraus wollte sich ihr gerade nähern, um sie zu verteidigen, hielt sich jedoch zurück, als er sah, dass der Kerl ihr offenbar nur Vorhaltungen machte. Jedenfalls fuchtelte er mit dem Zeigefinger vor dem Gesicht dieser Vivi herum. Kann das jemand sein, den sie kennt?, fragte sich Kraus. Ein Verwandter vielleicht? Erleichtert sah er, wie sie sich von dem Mann befreite und beleidigt über den Bürgersteig davonrauschte. Einen Moment lang befürchtete er, der Kerl mit der Baskenmütze würde sie verfolgen, aber der Bursche wandte sich in die andere Richtung. Kraus atmete erleichtert auf, froh, dass die Geschichte ein friedliches Ende gefunden hatte. Das hätte ihm gerade noch gefehlt, dass er sich in die Sache hätte einmischen müssen, um ihr zu Hilfe zu eilen.

Am nächsten Tag stellte er überrascht fest, dass Junot einer der Ersten war, der die Vorlesung verließ. Er hatte gehofft, dass der Junge plante, dieses Mädchen wiederzusehen, Vivi. Kraus hatte den ganzen Tag immer wieder an sie denken müssen und sie sich dabei nackt vorgestellt. Doch statt zu seinem gewohnten Bistro, Les Pipos, wandte sich Junot in die andere Richtung, gefolgt von einem enttäuschten Kraus.

Jemanden im Quartier Latin zu beschatten hatte gewisse Vorteile. Auf den Straßen wimmelte es von ungewöhnlich aussehenden Menschen, so dass man nicht so leicht auffiel. Andererseits jedoch war dieses Viertel eines der ältesten von Paris und bildete ein Labyrinth aus uralten Straßen. Man konnte sich sehr schnell dort verlieren, wenn man sich nicht auskannte, und Kraus kannte sich nicht aus. Als Junot in eine Gasse trat, durch die er noch nie gegangen war, spannte Kraus sich unwillkürlich an. Was hatte dieses Gewohnheitstier vor?

Bei dem Zickzackkurs zwischen den Gebäuden der Sorbonne musste Kraus dem Jungen unangenehm dicht auf den Fersen bleiben, und er bekam feuchte Hände. Ihm war klar, dass er ihn nicht wiederfinden würde, wenn er ihn erst einmal aus den Augen verloren hatte. Und er hatte nicht den geringsten Schimmer, in welche Richtung sie überhaupt gingen. Schließlich erreichten sie die Rue des Écoles, die Kraus kannte. Dann gelangten sie auf den Boulevard Saint-Michel, und Junot schlug die Richtung zum Fluss ein. Vielleicht wollte er in den vielen Antiquariaten oder Kunst-Verkaufsständen stöbern, die entlang dieser berühmten Straße am linken Seineufer standen. Aber der junge Mann ging weiter, vorbei an den Antiquariaten, den Verkaufsständen und den Bistros.

Kraus zog sich die Mütze tiefer in die Stirn und achtete darauf, dass sich mindestens vier Menschen zwischen ihm und Junot befanden. Es war bewölkt und neblig. Die feuchte Luft strich über sein Gesicht. Der große Boulevard vor ihm verschwamm zu einem impressionistischen Gemälde, und die Balkone und Mansardendächer waren zu einem verwaschenen Grau verblasst. Paris besaß eine Schönheit, von der Berlin nur in seinen trunkensten Momenten phantasieren konnte, ein Flair von Zeitlosigkeit und Romantik. Dafür jedoch besaß Paris nicht Berlins Tempo, sein verrücktes, drängendes Treiben. Hier schien es niemand wirklich eilig zu haben, es sei denn, man wollte von der Arbeit nach Hause. Warum also beeilte sich Junot heute Abend so? Fürchtete er, zu spät zu einer Verabredung zu kommen?

Am Place Saint-Michel glaubte Kraus, der Junge könnte sich einer kleineren politischen Demonstration anschließen. War es das, was seine Eltern fürchteten? Etwa zwanzig Menschen standen vor einem barocken Springbrunnen und hielten Plakate hoch, auf denen sie die Bücherverbrennungen der Nazis im letzten Monat anprangerten. Zehntausende sogenannter »entarteter« Bücher waren verbrannt worden. Auf einem der Plakate stand: Dort, wo man Bücher verbrannt hat, verbrennt man am Ende auch Menschen – Heinrich Heine. Kraus wandte den Blick ab. Er hatte keine Zeit, über die Tragödie seines Heimatlandes nachzudenken. Junot war in die Métro hinabgestiegen.

Jemandem unter der Erde zu folgen war schwierig, und in Paris waren die Züge sehr schmal und überfüllt und die Leute aggressiv. Kraus wusste, dass er an Junot dranbleiben musste; der Junge verließ sein gewohntes Terrain. Das konnte etwas zu bedeuten haben. Zu seiner Erleichterung sah er, wie der junge Mann die Treppe zur Linie 4 hinabstieg, die nach Norden fuhr. Auf dem Bahnsteig wimmelte es von Menschen. Als der Zug ankam, war kaum noch genug Platz, um sich hineinzuquetschen. Dennoch gelang es Kraus, in denselben Wagen zu steigen wie Junot, wenn auch nicht durch dieselbe Tür. Er behielt den Jungen nur mit Mühe im Auge. Heute hatte er noch keinen richtigen Blick auf ihn werfen können, jetzt jedoch bemerkte er, dass Junots Miene angespannt war. Er schien irgendetwas auf dem Herzen zu haben.

Junot stieg am Gare d’Est aus. Was hatte der junge Mann vor? Kraus hoffte nur, dass er nicht beabsichtigte, die Stadt zu verlassen. Er hatte morgen eine Verabredung mit seinen eigenen Kindern, wollte mit ihnen den Bois de Boulogne besuchen und wollte unter keinen Umständen diese Verabredung verpassen. Als sie wieder ans Tageslicht gelangten, sah er, wie der Student glücklicherweise den Bahnhof verließ. Dieses Viertel lag nur ein paar Minuten Fußweg von seiner eigenen Wohnung entfernt und war weit weniger belebt, ja fast einsam. Einige Geschäfte in den Mietshäusern aus der Haussmann-Ära hatten bereits die Rollläden heruntergelassen. Schritte hallten wie Trommelwirbel auf dem Bürgersteig. Kraus musste fast einen ganzen Wohnblock Abstand zwischen sich und Junot lassen und sich im Schatten der Häuser halten, für den Fall, dass der junge Mann sich umdrehte.

Einige Minuten später erfüllte ein salziger Gestank die Luft. Sie hatten den Canal Saint-Martin erreicht. Es war sehr ruhig dort bis auf ein paar Barkassen, die über den Fluss glitten. Plötzlich blieb der junge Mann stehen und drehte sich um. Kraus presste sich an eine Hauswand. War er entdeckt worden? Aber nein, Junot schien einfach nur sein Ziel erreicht zu haben. Er benutzte einen Türklopfer und verschwand in einem Eingang.

Kraus näherte sich ihm von der gegenüberliegenden Straßenseite. Das Gebäude Quai de Valmy Nummer 234 wirkte heruntergekommen, die Fensterläden drohten herabzufallen. Noch eigenartiger war, dass nirgendwo Licht brannte. Das ganze Haus war dunkel. Ein Geruch drang Kraus in die Nase, und er ging ein Stück gegen den Wind. Paris mochte wunderschön sein, aber wohin auch immer man kam, es stank nach Pisse. Er vergrub die Hände in den Taschen und seufzte. Es blieb ihm nichts weiter übrig als zu warten.

Er lehnte sich gegen das Geländer und ließ den Blick über das Ufer schweifen. Abfall aller Art trieb vorbei. Ein zerbrochenes Fass. Ein Stuhl. Er erwartete fast, auch eine Leiche zu sehen. Er hoffte nur, dass Junot nicht zu lange brauchte, ganz gleich, was er dort vorhatte. Ein frommer Wunsch.

Junot brauchte über zwei Stunden. Als er wieder herauskam, hatte er es eilig und hastete über den Bürgersteig. Kraus hätte gern das Gesicht des jungen Mannes gesehen. Aber in der Dunkelheit erblickte man nichts als Schatten. Er hoffte, dass sie jetzt nach Hause gingen, aber Junots Nacht war noch nicht vorbei. Er stieg wieder in die Métro am Gare d’Est und fuhr diesmal in Richtung Place de Bastille. Kraus war noch nie in diesem Teil der Stadt gewesen, kannte aber seinen Ruf. Ein Stück nördlich von der Stelle, wo einst das berüchtigte Gefängnis gestanden hatte, erstreckte sich eines der schmutzigsten Viertel von Paris. Kleine Hotels, die Comfort Moderne versprachen und deren Fassaden mit Ruß und Schmutz bedeckt waren. Frauen mit rot angemalten Lippen, die ihnen aus Hauseingängen zunickten. An jeder Ecke lungerten Zuhälter und Schläger herum. Was hatte der Junge vor? Aber Junot schien sehr genau zu wissen, wohin er wollte.

Kraus sah, wie er die schmalste und schmutzigste Straße betrat, in der die Musik am lautesten spielte und sich die meisten Menschen drängten. Er wartete einen Moment und folgte Junot dann in die Rue de Lappe. Die Bürgersteige, die so schmal waren, dass man sie kaum betreten konnte, säumten Bars, Bordelle und Tanzschuppen, ein Etablissement reihte sich an das nächste. Die Jungfräuliche Tante, Das Beschmutzte Hemd, Die Fruchtschale. Aufreizende Melodien aus Java und Pariser Akkordeonwalzer drangen aus jeder Tür. Braungebrannte Seeleute und grobgesichtige Arbeiter drehten sich zur Musik mit Frauen, die Netzstrümpfe trugen und zu viel Make-up aufgelegt hatten.

Kraus beobachtete aus sicherer Entfernung, wie Junot in etlichen dieser Absteigen verschwand und ebenso rasch wieder herauskam. Was suchte er dort? Oder wen? Vielleicht musste er eine Besorgung erledigen. Er beobachtete durch ein Fenster, wie der junge Mann im Beschmutzten Hemd mit einem kahlköpfigen Barkeeper flüsterte. Hatte er ihm etwas zugesteckt? Kraus konnte es nicht genau erkennen. Was war in diesen hart arbeitenden Mathematikstudenten gefahren?

Als Junot schließlich nach etlichen Minuten immer noch nicht aus einer Absteige namens Das Rote Zimmer herausgekommen war, warf Kraus einen Blick durch die Tür. Er wagte es nicht, irgendwo reinzugehen, wo er möglicherweise bemerkt werden konnte, aber dieses Etablissement schien groß genug zu sein, zudem war es düster und sehr belebt. Er schlüpfte hinein. Es herrschte dicke Luft, von all dem billigen Parfüm und dem Zigarettenrauch. Nach einiger Zeit stellten sich seine Augen auf die Dunkelheit ein. Die Leute drängten sich an Tischen oder einer Bar, alle redeten miteinander und lachten. Sie wirkten betrunken und feierten fröhlich, als gäbe es kein Morgen. Kraus hatte ganz vergessen, dass die Menschen sich immer noch so gehen ließen. Die Mädchen trugen allesamt lange Röcke und Strapse, und alle hatten sich Locken ihres geölten Haares auf die Stirn gedrückt. Die Männer trugen Kappen, die sie weit in den Nacken geschoben hatten. Nirgendwo war eine Krawatte zu sehen. Kraus war froh, dass er wenigstens darauf verzichtet hatte, eine Krawatte anzulegen.

Auf einer Seite des Raumes spielte ein Duo mit Akkordeon und Trommel ein sehr französisches, sehr romantisches und etwas vulgäres Stück. Eine verspiegelte Kugel über der Tanzfläche warf Lichtreflexe auf die Paare, die sich dort drängten, wobei sie herumhopsten und sich wie Figuren auf einem Karussell drehten.

Kraus wandte sich einmal schnell herum, konnte Junot aber nicht entdecken. An den Wänden hingen Warnschilder: Schütze dich vor Syphilis! oder Achte auf deine Handtasche! Die Bänke aus Lederimitat waren auf dem Boden festgenagelt, wahrscheinlich um zu verhindern, dass sie bei einer Schlägerei als Waffe benutzt werden konnten. Welches Kind wohlhabender Eltern würde eine solche Absteige aufsuchen? Hier wurde eine Aufforderung zum Tanz nicht von einer Verbeugung oder einem Knicks begleitet, sondern es genügte ein Blick, ein Nicken und ein Zischen. Wenn ein neues Lied begann, hörte man dieses Zischen im ganzen Raum, wie den Paarungsruf von Insekten. Aber trotzdem hatte das Ganze etwas Reizvolles, das begriff Kraus. Als er die Paare auf der Tanzfläche beobachtete, wie sie sich in ihrem eigenen kleinen Universum drehten, begann sein Herz ihm wehzutun. Er fühlte sich allein.

Dann sah er Junot. Was auch immer der Junge den ganzen Abend gemacht hatte, als er von einem Ort zum anderen gerannt war, er schien am Ende doch sein Glück in den Armen seiner begehrenswerten Freundin gefunden zu haben. Kraus war eifersüchtig. Vivis Augen blitzten vor Erregung, als sie sich mit Phillipe auf dem Tanzboden drehte. Ihre dunklen Haare hatte sie unter eine Baskenmütze gesteckt, und ein roter Seidenschal wehte von ihrem Hals. Sie strahlte über das ganze Gesicht, war sinnlicher als je zuvor und warf beim Tanzen den Kopf zurück, um ihren weißen Hals zu zeigen. Die beiden Tänzer drehten sich erst in die eine Richtung, dann in die andere und hielten sich dabei fest umklammert. Mit einer Hand hielt Vivi seinen Hinterkopf fest, die andere lag auf seinem Herzen. Junot drückte sie von hinten fest an sich. Ihre Gesichter waren nur Zentimeter voneinander entfernt, so nah, dass ihre Nasen sich fast berührten. Kraus verspürte eine solche Gier, dass es ihn fast schmerzte.

Er ließ sich gegen eine Wand sinken. Nachdem er Vicki begraben hatte, waren seine Bedürfnisse so lange unterdrückt gewesen. Jetzt sehnte er sich nach Intimität, nach Sex. Aber nicht nach der Art, die man in den Hotels in diesem Viertel bekam. Sondern von der Art, wie man sie mit jemandem erlebte, den man liebte und glücklich machen wollte. Jemand, bei dem man dankbar war, dass man jeden Morgen neben ihm aufwachte. Elf Jahre lang hatte er diese Freude mit Vicki geteilt. Würde er sie jemals wieder erleben können?

3. Kapitel

»Ein Hotel?« Ava kniff skeptisch die Augen zusammen.

Sie saß am nächsten Tag neben ihm auf einer Bank im Bois de Boulogne, dem wunderbaren Park von Paris, und sah zu, wie seine Söhne die Schwäne fütterten. Kraus hatte während des Gesprächs beiläufig erwähnt, dass er von André Duval, dem großen Financier, am Abend zu einem Aperitif eingeladen war, bei ihm zu Hause. Avas Reaktion war äußerst gereizt. Sie schien noch mehr Vorurteile zu haben als ihre Mutter. »Sie wohnen in einem Hotel?« Sie bestand darauf, französisch zu sprechen, weil sie der Meinung war, die Leute würden sie schief ansehen, wenn sie Deutsch redeten. Kraus schmerzte von dem ständigen Französisch den ganzen Tag über bereits der Kopf, und er verfiel wieder in ihre Muttersprache.

»Welchen Unterschied macht es, wo er lebt, solange er es sich leisten kann?«

»Es klingt einfach nicht nach einem brillanten Finanzier, das ist alles …« Sie verfiel wieder ins Französische. »Ein Hotel, und das für einen solch hervorragenden Finanzmagnaten. Und dann auch noch ausgerechnet das Lutetia. Es ist so protzig!«

Kraus versuchte seinen Ärger nicht zu zeigen. Wenn Ava so geschickt im Umgang mit Geld war, warum hatte sie denn nicht auch ein paar Millionen verdient wie Duval? Aber woher stammte ihr Familienvermögen? Vom Verkauf von Unterwäsche! Um der Kinder willen verkniff er sich eine entsprechende Bemerkung.

Sie versuchten, ihre gereizte Stimmung in einem Café im Park aufzuheitern, aber zu allem Überfluss landeten sie ausgerechnet neben den Hollanders, Nachbarn der Gottmanns aus Berlin. Paris war sehr groß, und es waren Zehntausende deutscher Juden hierher geflüchtet. Deshalb konnte es nicht allzu sehr überraschen, jemandem aus der Heimat zu begegnen. Die Hollanders waren erst vor wenigen Tagen aus Deutschland entkommen. Ohne auch nur im Geringsten Rücksicht auf die empfindsamen Gemüter der Jungs zu nehmen, platzten sie mit schrecklichen Geschichten heraus über den Judenboykott der Nazis vom letzten April.

»Um Punkt neun Uhr morgens stürzten sich die Braunhemden mit Farbeimern auf das Geschäft.« Frau Hollander rang die Hände, als hätte sie die Nazis wieder leibhaftig vor Augen. »Sie schmierten das Wort Jude in riesigen Buchstaben auf das Schaufenster und malten dazu Gesichter mit riesigen Nasen.« Kraus wollte sie zum Schweigen bringen. War ihr denn nicht klar, dass seine beiden Kinder ebenfalls Opfer des Nazihasses waren, dass sie ebenfalls von zu Hause vertrieben worden waren und ihre Zukunft im Ungewissen lag? »In einer knappen halben Stunde tauchten ganze Wagenladungen der Braunhemden auf und brüllten: Das jüdische Ungeziefer muss ausgemerzt werden! Ich hatte noch nie so große Angst.« Die schockierten Mienen der Kinder konnten sie nicht aufhalten. Frau Hollanders Bedürfnis, ihre Erlebnisse mitzuteilen, überwog alles andere. »Den ganzen Tag wurde jeder, der sich unserer Ladentür näherte, übel beschimpft, sogar Frauen. Wir haben nicht ein einziges Teil verkauft.«

»Und danach kamen die Erlasse!«, mischte sich ihr Ehemann ein. »Jeder, der auch nur einen jüdischen Großvater oder eine jüdische Großmutter hat, ist jetzt ein Nichtarier. Ihm ist verboten, irgendwelche offiziellen Ämter oder Positionen zu bekleiden. Es ist ihm sogar verboten, als Arzt in staatlichen Institutionen zu arbeiten.« Kraus schickte Stefan und Erich schließlich zu der Eisbude, damit sie nicht länger zuhören mussten. »Sie versuchen uns Luft und Lebensraum zu nehmen, Willi, genau wie sie es angekündigt haben.« Herr Hollander redete ohne Pause weiter. »Wir haben Max für verrückt gehalten, weil er sein Geschäft verkauft hat, aber jetzt begreifen wir, wie recht er damit hatte. Wir können von Glück reden, dass wir mit dem entkommen sind, was wir am Leib trugen.«

Manchmal glaubte Kraus, Paris war nicht weit genug weg.

Das Hotel Lutetia lag gegenüber der Place Boucicaut und dem Kaufhaus Le Bon Marché und war in der Tat eine der ersten Adressen auf dem Rive Gauche, dem linken Ufer. Es hatte zeitweilig Berühmtheiten wie Josephine Baker und James Joyce beherbergt, und seine kunstvoll gestaltete Fassade aus dem Jahr 1910 war einer der ersten großen Erfolge der Bewegung Arts Décoratifs et Industriels Modernes, die man als Art déco kannte. Die Rotunda-Suite im obersten Stockwerk, in der die Duvals residierten, war wie ein Meer aus indirektem Licht, hochglanzpolierten Intarsien und prachtvollen Möbeln.

»Ah, Herr Kriminalinspektor …« Duval empfing ihn in einem Hausrock und türkischen Pantoffeln. »Welche Ehre!« Dabei entblößte er lächelnd seine strahlend weißen Zähne.

Kraus schätzte ihn auf etwa vierzig. Er war zweifellos herausgeputzt, aber trotzdem alles andere als dünkelhaft. Kraus hatte das Gefühl, in seinem Glanz zu baden, als sie sich die Hände schüttelten. Der Finanzier konzentrierte sich auf ihn, als wäre dies einer der ganz großen Momente in seinem Leben.

»Es ist ein bisschen wie damals, als ich Houdini kennengelernt habe. Er ist auch Jude, müssen Sie wissen. Die Art von Jude, die ich bewundere. Zäh, genau wie Sie! Furchtlos. Sie glauben mir nicht, dass ich alles über Sie gelesen habe? Dann kommen Sie mal mit.«

Er nahm Kraus am Arm und führte ihn in ein mit Rosenholz getäfeltes Arbeitszimmer. Dort zeigte er ihm Bücherregale voller Kriminalromane und zog dann einen schweren, in Leder gebundenen Folianten heraus, der, wie er behauptete, sämtliche jemals gedruckten Ausgaben von Frankreichs beliebtestem Kriminalmagazin Detective enthielt.

»Sie«, er schlug den Folianten auf, »sind auf vielen Titelbildern zu sehen. Hier, die Mietskasernenmorde von Neukölln, und da, der weiße Sklavenring vom Prenzlauer Berg. Und hier, gleich drei Ausgaben über den Kinderfresser-Fall! Würden Sie mir die Exemplare signieren?« Er nahm die drei Hefte aus dem Ordner. »Mein Sohn und ich sind krimisüchtig. Ich weiß, dass es vielleicht kindisch klingt, aber ich finde nichts Schlimmes daran, wenn ein Erwachsener das ein oder andere Steckenpferd aus seiner Kindheit beibehält. Was denken Sie darüber?« Er hielt Kraus einen Füllfederhalter hin.

»Nein, daran ist gar nichts schlimm.« Kraus dachte an seine eigenen Söhne und empfand es fast wie einen Makel, dass er kein gemeinsames Hobby mit ihnen hatte. Vielleicht war er zu erwachsen geworden.

Während Kraus die drei Hefte signierte, streifte sein Blick rasch die vielen Fotos an der Wand hinter dem Schreibtisch Duvals. Sie zeigten ihn mit berühmten Leuten. Mit dem Herzog von Windsor. Greta Garbo. Premierminister Daladier. Und dem Polizeichef der Pariser Polizei, Victoir Orsini, dessen Hand er schüttelte. Das immerhin hatten sie gemein.

»Merci.« Duval heftete jede signierte Ausgabe wieder ordentlich ab. »Claude wird sehr glücklich sein. Sie haben ebenfalls einen Sohn in seinem Alter, nicht wahr?«

Kraus fragte sich, ob das ebenfalls in dem Detektivmagazin erwähnt worden war.

»Die beiden müssen sich irgendwann einmal kennenlernen.«

»Aber ja, ich bin sicher, das würde Erich gefallen.«

Duval führte Kraus ins Wohnzimmer und machte dabei einen Kommentar über das prachtvolle Dekor. »Ein Mann mit Namen de Brunhoff hat all das entworfen.« Er sprühte vor Begeisterung. Sein ausdrucksvolles Gesicht, seine Offenheit, all das kam Kraus ein wenig unpariserisch vor. Seiner Erfahrung nach waren die Franzosen allgemein eher ein wenig reserviert. Aber dann rief er sich ins Gedächtnis, dass Duval ebenfalls ein Jude war. Er musterte dessen schmale, semitische Gesichtszüge. War das vielleicht der Grund für dieses brüderliche Gefühl?

»Er ist einer der besten Pariser Designer. Im Augenblick arbeitet er an der Einrichtung eines Ozeanliners, der Ihrer deutschen Bremen Konkurrenz machen soll.«

»Nicht meiner!«, erwiderte Kraus ein bisschen zu scharf. »Nicht mehr.«

»Nein, natürlich nicht.« Duval warf ihm einen verständnisvollen Blick zu.

»Allerdings war ich einmal an Bord der Bremen, und zwar während des Kinderfresser-Falls.«

»Richtig, als Sie diesen Wissenschaftler aus dem Gesundheitsministerium verfolgt haben. Das war sehr clever.«

Es wurde dämmrig, der ideale Zeitpunkt für Aperitifs al fresco. Ein marokkanischer Diener mit einem roten Fez auf dem Kopf brachte ihnen Pastis mit Grenadine. Unterhalb der Terrasse funkelten die Lichter des Rive Gauche im purpurnen Zwielicht. Sie lagen behaglich auf Deckstühlen, wie Passagiere auf einer Kreuzfahrt, während Duval Kraus nach Einzelheiten seiner Fälle aushorchte. Dabei verriet er durch seine Bemerkungen, dass er sie wirklich kannte. Er fragte zum Beispiel, wie der Prenzlauer Ring so ungestraft hatte operieren können oder warum das Berliner Büro für vermisste Personen, die Berliner Polizeidienststelle, die für die Vermisstenanzeigen zuständig war, nicht gemerkt hatte, dass so viele Frauen verschwunden waren, während sie schlafwandelten. Doch das eine Thema, über das Kraus wirklich reden wollte, schien sein Gastgeber zu meiden.

»Unsere Polizei?« Er zuckte mit den Schultern, als Kraus schließlich doch das Gespräch darauf lenkte. »Sie ist mehr oder weniger in Ordnung. Wir haben gute und schlechte Einheiten. La Crim ist ziemlich anständig. Natürlich nicht vergleichbar mit Ihrer Kriminalpolizei. Und es gibt auch niemanden wie Sie dort.«

Aber Kraus war nicht auf Komplimente aus. Was er wollte, war etwas Glauben an die Zukunft. Tief in seinem Herzen hegte er immer noch die Hoffnung, dass ihm sein Ruf irgendwie ermöglichen könnte, in ein anderes System zu wechseln und eine richtige Arbeit bei der Pariser Polizei zu finden. Ihm war klar, dass dieser Gedanke angesichts seines Einwanderungsstatus sehr weit hergeholt war. Aber er wusste, dass in Paris, weit mehr als in Berlin, die Regeln ein wenig lockerer gehandhabt werden konnten. Und die richtigen Verbindungen bedeuteten hier weit mehr als irgendwelche Formalien.

»Ich habe dieses Foto gesehen. Sie kennen also den Polizeichef Orsini.«

»Aber ja.« Duval lächelte. »Er ist in Paris berühmter als der Louvre. Ein beeindruckender Bursche. Er hat die größte Wohltätigkeitsorganisation in ganz Frankreich gegründet. Was auch ganz gut ist, jetzt, wo die Arbeitslosigkeit steigt. Es ist zwar noch nicht so schlimm wie in Deutschland, aber die Lage verschlimmert sich täglich. Die Franzosen müssen endlich aufwachen.«

Kraus seufzte. Duval wollte ganz offensichtlich nicht über die Pariser Polizei sprechen.

»Verzeihen Sie.« Duval hatte seinen Blick bemerkt. »Ich rede ständig über Deutschland, als wenn Sie dort noch lebten. Es muss schrecklich für Sie sein, alles hinter sich gelassen zu haben und in einem fremden Land ein neues Leben anzufangen. Ich kann es mir nicht einmal vorstellen. Aber Sie sollten deswegen nicht so niedergeschlagen sein. Eine Diktatur wie diese kann nicht lange dauern.«

»Da bin ich mir nicht so sicher.«

Duval senkte den Kopf, und seine Augenbrauen zogen sich besorgt zusammen. Kraus war überrascht, als der Mann seinen Arm ausstreckte. »Geben Sie nicht auf wegen dieser Mistkerle.« Er drückte Kraus’ Schulter. »Die Welt kann so schön sein.«

Zum ersten Mal, seit Kraus seinen besten Freund Fritz verloren hatte, fragte er sich, ob er vielleicht jemanden gefunden hatte, der ihn verstand.

»Ich habe eine Idee.« Duval rieb sich das Kinn. »Ich werde diesen Mittwoch an die Küste fahren. Kommen Sie doch mit. Es dauert nur zwei Stunden, jedenfalls so, wie ich fahre. Ich würde mich über Ihre Gesellschaft freuen. Und wenn Sie die Normandie noch nie gesehen haben … Vertrauen Sie mir.«

Er schwor, dass Kraus die Welt ein klein wenig anders sehen würde, wenn er sich nur einen einzigen Tag entspannte.

»Du fährst mit ihm in die Normandie?« Ava gab sich keine Mühe, ihr Missfallen zu verbergen, als er sie anrief und ihr sagte, dass er seine Pläne mit den Kindern ändern wollte. »Willi, um Himmels willen, du weißt, wie sehr ich dich respektiere. Im Allgemeinen ist deine Menschenkenntnis vorbildlich. Immerhin hast du meine Schwester geheiratet. Aber dieser Kerl? Also wirklich! Er ist vollkommen oberflächlich und hat keinerlei Substanz.«

»Ich will ihn ja nicht heiraten, Ava. Ich fahre nur mit ihm an die Küste.«

Duval fuhr seinen offenen, schwarz-gelben Bugatti am nächsten Morgen, als hätte sich die Startflagge von Le Mans gesenkt. Er trug dünne Lederhandschuhe und schaltete krachend herunter, um Kurven zu nehmen; auf den Geraden beschleunigte er wieder und wich Pferdefuhrwerken und älteren Damen aus. Kraus hielt sich fest, so gut er konnte. Sie schienen die mäandernde Seine ein Dutzend Mal zu überqueren, so kam es ihm jedenfalls vor, und die Landschaft wurde allmählich immer schöner, wie Duval es ihm versprochen hatte. Schmale, von hohen Pappeln gesäumte Straßen, lange, gerade, schimmernde Kanäle und kleine Dörfer mit Natursteinhäusern inmitten von Wiesen und Weiden.

Die Augen hinter einer dunklen Brille versteckt und mit im Fahrtwind flatternden Haar hielt Duval ausgedehnte Monologe, wie er als Junge zu einem klassischen Geiger ausgebildet worden war und jede Minute seines Unterrichts gehasst hatte, wie er Adrienne in der Pariser Oper zum ersten Mal begegnet und ihr augenblicklich und hoffnungslos verfallen war. Jetzt, ein Dutzend Jahre später, liebte er sie noch mehr. Er beschrieb, wie seine Firma, Confiance Royale, selbst seine kühnsten Erwartungen übertroffen und ihm ein Vermögen eingebracht hatte, das seine wildesten Träume noch übertraf. Jetzt jedoch arbeitete er an seinem ehrgeizigsten Plan, einem Vorhaben, um ganz Kontinentaleuropa von seinem ökonomischen Elend zu befreien: der Pan-Europa-Obligation. Das Konzept, das Duval recht ausführlich schilderte, klang großartig in Kraus’ Ohren, aber wer war er schon, dass er darüber ein Urteil hätte fällen können? Duval war der Finanzexperte. Außerdem, was kümmerte es Kraus? Die Pappeln flogen vorbei, der Wind strich ihm über das Gesicht, und das mächtige Dröhnen des Bugatti-Motors hatte ihn apathisch gemacht. Es war so erleichternd nach allem, was er durchgemacht hatte, einfach nur zu entspannen und sich in guten Händen zu wissen.

Das eigentliche Ziel ihres Ausflugs stellte sich als ein pittoresker Bauernhof heraus, der etwa zehn Kilometer südlich von Deauville lag, in einer der Hauptregionen für Pferdezucht in Frankreich. André hatte in diesem Sommer beim Grand Prix ein Vollblutpferd angemeldet und musste sich mit seinem Trainer besprechen.

»Ich verrate Ihnen jetzt ein Geheimnis«, sagte er, als sie auf einen staubigen Hof fuhren und ausstiegen. »Ich würde augenblicklich alles aufgeben, um hier draußen leben zu können.« Er deutete mit einem Nicken auf die langen, weißen Stallungen, das Fachwerkhaus und die baumbestandenen Hügel in der Ferne. »Aber Adrienne braucht die Stadt. Sie braucht ihre Geschäfte, ihre Freunde. Für die, die man liebt, bringt man Opfer, habe ich recht? Man kann nicht alles haben. Das habe ich vor langer Zeit gelernt. Jedenfalls nicht alles auf einmal!« Er lachte und legte Kraus einen Arm um die Schultern.

Als sie das Bauernhaus erreicht hatten, klopfte er Kraus auf den Rücken und fragte ihn, ob es ihm etwas ausmachte, draußen zu warten, damit er alleine mit Deschevaux, dem ...

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