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Schattenkrieg

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KEELIN

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RONAN / BATURIX

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BATURIX

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EPILOG

DRAMATIS PERSONAE

Andreas Saumweber - SCHATTENSTURM

PROLOG

Ölbohrplattform Statfjord-C,

Nordmeer

Donnerstag, 10. September 1998

Die Außenwelt

Im Grunde genommen war es ein lausiger Job. Die Regierung bezahlte ein Viertel der Stunden überhaupt nicht, und auch die Sondervergünstigungen wurden mehr und mehr zusammengestrichen. Dazu kamen die Sicherheitslücken, die in der letzten Zeit aufgetreten waren und die Arbeit beinahe zu einem Himmelfahrtskommando machten. Ganze sieben Taucher waren in den letzten Wochen verschollen, allein vier bei Statfjord-C. Über das Jahr verteilt waren es bereits zwanzig Tote. Lars war ein routinierter Taucher, mit seinen knapp fünfunddreißig Jahren erfahrener als die meisten Berufstaucher der staatlichen Ölbohrgesellschaft. Doch seit neuestem starben nicht mehr nur junge, unerfahrene Draufgänger, sondern auch alte Hasen. Und da das Nordmeer wohl kaum von einem Jahr aufs andere gefährlicher geworden war, konnten nur die Einsparungen der Gesellschaft für die vielen Toten verantwortlich sein.

Der Sikorsky-Hubschrauber befand sich im Landeanflug. Durch das Seitenfenster sah Lars die gelben Kräne und den riesigen weißen Rumpf der Plattform. Dahinter zeichnete sich fern am Horizont die Silhouette der Küstengebirge schwarz vor dem Dunkelblau des Morgenhimmels ab. Vom Nebel, der während dieser Monate oft dick über dem Nordmeer lag, fehlte heute jede Spur.

Nicht, dass das für Lars interessant war. In den Tiefen des Nordmeers war es zu jeder Zeit stockfinstere Nacht. Ohne Taschenlampen und die Scheinwerfer der Tauchschlitten war eine Arbeit dort unten nicht möglich.

Der Pilot setzte den Hubschrauber sehr sorgfältig und sanft auf die Landeplattform. Seufzend öffnete Lars die Schnalle des Sicherheitsgurts und stand auf. Das ständige Hintergrundgeräusch der Rotoren schwoll zu einem mächtigen Dröhnen an, als sein Tauchpartner Sven die Seitenluke aufschob und nach draußen sprang. Gemeinsam machten sie sich daran, die schweren, unförmigen Taschen mit ihrer Tauchausrüstung nach draußen zu schaffen. Sie bedankten sich kurz bei dem Piloten für den ruhigen Flug und schleppten ihre Gerätschaften in den Schwebegang, der die Plattform mit dem Rest der Station verband. Hinter ihnen heulten die Motoren des Helikopters auf. Durch ein Sichtfenster beobachtete Lars, wie der Sikorsky abhob und in Richtung Südwesten davonflog.

Abgeschnitten, dachte er. Dieses mulmige Gefühl empfand er immer, wenn er neu auf eine Station kam. Dieses Mal war keine Ausnahme.

Er hörte laute Schritte auf dem Gitterboden des Ganges und riss seinen Blick vom Fenster los. Ein Mann in Jeans, Pullover und offener, gelber Regenjacke kam ihnen entgegen. Sein Gesicht war glatt rasiert und wurde von langen, gepflegten grauen Haaren eingerahmt. Ihm folgten zwei Arbeiter, die unter der unvermeidlichen Regenjacke ölverschmierte Blaumänner trugen.

»Willkommen auf Statfjord-C!«, begrüßte sie der Mann. »Ich bin Erik Sundskogen, technischer Leiter dieser Station.«

Die beiden Taucher stellten sich vor, während sie ihm die Hand schüttelten. Anschließend führte sie Erik durch den Schwebegang zum Lift. Die beiden Arbeiter folgten ihnen, die schwere Ausrüstung der Taucher schleppend.

»Wie war der Flug?«, fragte der Ingenieur, während sie auf die Kabine des Aufzuges warteten.

»Ruhig«, antwortete Sven. »Sehr schönes Wetter heute.«

»Ihr1 kommt von der Odin

»Ja.«

Die Türen des Lifts öffneten sich, und sie stiegen ein. Während sie nach unten in den Bauch der Station fuhren, konnte sich Lars ein Lächeln nicht verkneifen. Obwohl der Ingenieur lange Haare und legere Kleidung trug, sprach er die polierte und rhetorisch geschulte Sprache eines Managers. Damit stand er im massiven Gegensatz zu Sven, der mit seinen wild vom Kopf abstehenden Dreadlocks, den schmuddeligen Jeans und der alten zerschlissenen Armeejacke aussah wie aus irgendeiner Kommune entlaufen.

Den Ingenieur schien Svens Äußeres jedoch kaum zu beeindrucken – natürlich nicht, denn Taucher waren unter den Besatzungen der Ölplattformen schon immer als Exzentriker verschrien, und Sven war kaum das wildeste Beispiel dafür. Tauchern haftete der Mythos eines gewissen Heldenmutes an. Wie die Dinge zurzeit standen, war diese Heldenverehrung nicht einmal ganz unberechtigt. Der Gedanke ließ Lars erschaudern.

Nachdem Erik sie durch ein Labyrinth aus gleichartigen, monotonen Gängen geführt hatte, erreichten sie schließlich einen Konferenzraum. Dort warteten schon mehrere Techniker auf sie, die der Ingenieur der Reihe nach vorstellte. Lars vergaß die Namen sogleich wieder. Er hatte noch nie ein Talent für Namen gehabt, und außerdem waren seine Gedanken schon mit dem bevorstehenden Tauchgang beschäftigt. Nachdem sie sich gesetzt hatten, bot ihnen der Ingenieur ein Frühstück an. Sven nickte wortkarg.

»Für mich bitte nur einen Kaffee«, meinte Lars. Vor der Arbeit aß er nie. Er hasste das Gefühl, mit vollem Bauch im Taucheranzug zu stecken. Außerdem hatte er sich einmal die Maske vollgekotzt, weil er frühmorgens unbedingt die Reste der Pizza vom Vorabend hatte essen müssen. Er wäre damals beinahe erstickt – seitdem tauchte er nüchtern.

Erik gab die Bestellung an einen der Arbeiter weiter. Nachdem die beiden Taucher versorgt waren, kam er schnell zur Sache: »Vor zwei Tagen registrierten wir um 0:32 Uhr ein Seebeben der Stärke drei auf der Richterskala. Ab diesem Zeitpunkt begann die Station, instabil zu werden. Ihr spürt das Schwanken, wenn ihr darauf Acht gebt.«

Er wartete, sah sie auffordernd an. Lars nickte nachdenklich. Nun, da Erik es erwähnt hatte, war es tatsächlich zu spüren.

»Stärke drei kann doch einer Plattform nichts ausmachen!«, erwiderte Sven.

»Das dachten wir auch, aber die Tatsachen sehen anders aus. Jedenfalls habe ich sofort veranlasst, die Bohrer zu stoppen. Unsere Pumpen stehen still.«

Er wartete für einen kurzen Moment, und Lars war sich fast schon sicher, dass nun ein Satz »Ich muss euch kaum erzählen, welche Kosten hier für die Gesellschaft entstehen!« folgen würde.

Doch Erik ersparte ihnen einen solchen Kommentar. Er sprach weiter, nun jedoch nicht mehr mit der Touristenführer-Stimme, sondern ernster, hörbar bedrückt: »Laut den Geräten liegt das Problem an der Nordwest-Säule, die Nummer drei. Ich habe gleich ein Team nach unten geschickt, um sich die Sache einmal anzusehen.« Sein Blick ging zu Boden. Lars war schon fast klar, was nun kommen würde. »Der Kontakt ist zu beiden Tauchern abgerissen, beinahe gleichzeitig. Wir haben keinen Notruf bekommen, nichts. Sie waren auf einmal – weg

»Was ist mit den Schlitten?«, fragte Sven scharf.

Lars’ Kollegen war einmal bei einem Tauchgang der Schlitten mit sämtlichem Arbeitsgerät durchgegangen, zum ungünstigsten Zeitpunkt, der möglich gewesen war: Sven war gerade dabei gewesen, sich das Schweißgerät anzulegen, als der Schlitten plötzlich mit voller Kraft angefahren war und ihn in die Tiefe gezerrt hatte. Sven hatte sich mit größter Mühe losgeschnitten; wenn es ihm nicht gelungen wäre, hätte ihn der Unfall das Leben gekostet. Seitdem misstraute er den Tauchgefährten und vermied sie, wann immer es ging.

»Sie sind intakt«, antwortete Erik, »und senden immer noch ihre regulären Peilzeichen. Ich habe daraufhin die zweite Schicht geweckt und sie hinuntergeschickt.«

Lars nickte grimmig. Seit den neuesten Sparmaßnahmen der Gesellschaft gab es nur noch zwei Tauchteams auf jeder Bohrinsel. Da über den Tag verteilt immer wieder Tauchgänge anfielen, konnte so nicht ständig ein Reserveteam bereitstehen. Erik war hier jedenfalls kein Vorwurf zu machen.

»Es dauerte etwa eine halbe Stunde, bis die beiden Taucher so weit waren.«

Auch das war eine normale Zeitspanne. Taucher in hundert Metern unter der Wasseroberfläche benötigten einen besonderen Druckschutz. Es dauerte eine Weile, bis man in die speziellen Anzüge geschlüpft war. Und natürlich kostete es auch wertvolle Minuten, bis die Psyche eines Mannes von Tiefschlaf auf Tauchklar! geschaltet hatte.

»Mit Hilfe der Peilzeichen haben sie die Schlitten problemlos gefunden, aber von den Männern selbst gab es keine Spur. Ich habe angeordnet, die Kameras an den Schlitten auf Dauerbetrieb zu stellen und die Taucher etwa eine halbe Stunde lang suchen zu lassen. Dann habe ich abbrechen lassen und sie zu dem Schaden geschickt. Was dann kam, ist für mich völlig unverständlich, aber vielleicht versteht ihr das als Taucher besser als ich. Wenn ihr mit dem Frühstück fertig seid, könnt ihr euch in der Zentrale die Aufzeichnungen ansehen.«

»Wir sind so weit«, meinte Sven, dessen Heringsschnitte kaum angerührt war.

Kein gutes Zeichen, befand Lars. Sein Kollege war normalerweise ein guter Esser, zu jeder Tages- und Nachtzeit. Das Einzige, was ihn davon abhalten konnte, war eine durchsoffene Nacht. Doch erstens war das schon seit Jahren nicht mehr passiert, und zweitens wusste Lars zufälligerweise ganz genau, dass Sven am Vortag nichts getrunken hatte. Sie waren mit den Kollegen auf der Odin im Videoraum gewesen und hatten gemeinsam einen Actionfilm aus der Videothek der Plattform angesehen.

Sven hatte nicht etwa keinen Hunger, weil er einen Kater hatte. Er hatte Angst.

Sie schwiegen, während sie der Ingenieur in den Kontrollraum brachte. Lars spürte das leichte Schwanken der Bohrplattform nicht mehr, dafür befanden sie sich nun zu tief in der Station. Dafür spürte er umso deutlicher, wie auch in ihm selbst die Nervosität wuchs. Dass ein einzelnes Tauchteam verschwand, war schon oft passiert. Einmal hatte er selbst nach einem solchen Unfall die Leichen bergen müssen, damals noch mit seinem früheren Kollegen Albert, der inzwischen mit einem Hirnschaden in einem Heim für Schwachsinnige lebte. Lars hatte jedoch noch nie davon gehört, dass hintereinander gleich zwei Teams verlorengingen. Er hielt es für leichtsinnig, nun noch ein drittes hinunterzuschicken, ohne zusätzliche Vorsichtsmaßnahmen einzuleiten.

Schließlich erreichten sie die Tauchzentrale. Sie befand sich in einem der untersten Stockwerke, nahe dem Taucherlift und einer Gitter-Anlegestelle für kleinere Motorboote. In einem Nachbarraum befand sich die Druckausgleichskammer, die für Tauchunfälle benötigt wurde.

Die Zentrale war kleiner als die der Odin, ansonsten jedoch genauso aufgebaut. Auf einer Seite befand sich eine Reihe von Bildschirmen über einem großen Kontrollpult. Darunter surrten zahlreiche Rechner leise vor sich hin. Auf der anderen Seite befanden sich große Aktenschränke, in denen vermutlich auch das allerletzte Baudetail der Bohrplattform verzeichnet war. Ein blondes Mädchen und eine dunkelhaarige ältere Frau mit Kopfhörern saßen auf Drehstühlen. Sie nickten ihnen zu, als sie eintraten. Die Ältere nahm den Kopfhörer ab.

»Irgendetwas Besonderes?«, fragte Erik.

Sie schüttelte den Kopf, zeigte auf zwei flimmernde Bildschirme. »Wir registrieren immer noch Peilzeichen von drei der vier Schlitten, aber wir bekommen weder Kamerabilder noch Funkkontakt.«

»Scheiße«, murmelte Sven. Lars nickte.

»Was ist mit dem vierten Schlitten?«, fragte Erik.

Die Frau zuckte mit den Schultern.

»Kannst du die Aufzeichnungen vom letzten Tauchgang abspielen?«

»Natürlich.«

Die Frau nahm zwei Videokassetten vom Pult und legte sie in entsprechende Rekorder. Ihre Kollegin drehte sich auf dem Drehstuhl herum und wandte sich ab, als die Monitore aufflackerten – Lars fragte sich, ob aus Horror oder nur, um nicht in ihrer Konzentration gestört zu werden.

Die beiden Aufnahmen waren völlige Routine. Lars hatte solche Bilder schon Dutzende Male gesehen, wenn er als Reserveschicht einen Tauchgang beobachtet hatte. Die Kamera des Führungstauchers zeigte die monströse Betonsäule, an der sie entlang auf Tiefe gingen, während die des Hintermannes auf den Vordermann gerichtet war. Er trug einen roten Taucheranzug, Flossen in der gleichen Farbe und auf dem Rücken zwei neongelbe Sauerstoffflaschen. Mit den Armen hielt er sich an seinem Tauchschlitten fest, dessen Schraube nur als undeutliches Flackern zu erkennen war. Eine rote Sicherungsleine war an seinem Gürtel befestigt und verschwand nach oben.

»Hatte die erste Gruppe Sicherungsleinen?«, fragte Sven.

Die Frau schüttelte den Kopf.

Die vorbeiziehenden Markierungen an der Säule ließen Lars darauf schließen, dass sich die beiden Taucher nicht beeilt hatten. Man konnte zwar auch schneller, direkter runtergehen, doch das erhöhte die Gefahr eines Tiefenrauschs. Kein Wunder, dass die Kollegen bei einem so gefährlichen Tauchgang kein Risiko eingehen wollten.

Nicht, dass es ihnen etwas genutzt hätte … Lars fröstelte.

Die Lautsprecher gaben ein einzelnes, schnell auf- und abschwellendes Geräusch aus – wischwischwischwischwisch –, das von den Schrauben der Tauchschlitten stammte. Immer wieder war ein fernes, metallenes Ächzen zu hören, das vermutlich mit dem Schwanken der Station zusammenhing.

Erik ließ vorspulen, bis zu der Stelle, an der die Taucher auf die Tauchschlitten ihrer Vorgänger stießen. Offenbar waren beide noch völlig in Ordnung. Die Kameras waren zum Zeitpunkt des … Vorfalls … jedoch abgeschaltet gewesen, so dass es vom ersten Team keine Aufnahmen gab.

»Die Taucher haben eine halbe Stunde lang herumgesucht«, erklärte Erik, während er erneut auf Schnelldurchlauf schalten ließ, »und nichts gefunden. Wir spulen vor, bis sie tiefer runtergehen.« Als die Taucher das Seebett erreicht hatten, schaltete die Technikerin wieder auf normale Geschwindigkeit.

Das Licht des Scheinwerfers fiel auf den Meeresgrund. Alle Ausleger der Säule waren entweder abgebrochen oder aus dem felsigen Boden ausgerissen. Damit war zu rechnen gewesen, wenn die Station schwankte, Lars hatte das selbst schon mehrmals gesehen. Wenn eine Säule ihre Quersicherungen verlor, konnte sie sich in ihrem Bohrkanal leicht nach oben und unten bewegen, wenn der Seegang nur stark genug an der Plattform riss. Was er jedoch noch nie gesehen hatte, war das, was mit dem Loch selbst passiert war.

Aus einem engen, exakt an die Stahlsäule angepassten Bohrloch war eine Art unförmiger Tunnel geworden. Das Gestein schien einfach aus dem Boden gerissen und in der Umgebung verstreut worden zu sein.

»Mich laust der Affe!«, murmelte Sven.

Erik sah sie eindringlich an. »Habt ihr so etwas schon einmal gesehen?« Beide schüttelten den Kopf.

»Sieht aus wie gesprengt«, überlegte Lars laut.

»Davon hätten wir etwas mitbekommen«, meinte Erik.

»Habt ihr doch«, warf Sven ein. »Du hast doch von einem Seebeben erzählt, oder?«

»Eine Sprengung hört sich ganz anders an als ein Seebeben. Außerdem – wer sollte da unten sprengen?«

»Die Ökoterroristen von Greenpeace vielleicht?«, meinte Sven ironisch.

Die Taucher suchten etwa fünfzehn Minuten zwischen den Felstrümmern nach Spuren der beiden verschwundenen Kollegen. Dann war die Übertragung plötzlich beendet. Ein graues Flimmern ersetzte die Kamerabilder.

»Bjørn, Christoph, die Kameras sind tot!«, erklang die alarmiert klingende Stimme Eriks vom Tonband. »Was ist los?«

»#Keine Ahnung#«, kam mit einem Knacksen des Funkgeräts die Antwort.

»Das ist Björn«, kommentierte Erik.

»#Ich kriege so ein beschissenes Gefühl#«, murmelte eine andere Stimme, ebenfalls knacksend, bei der es sich wohl um Christoph handelte.

»#Ich glaube, da ist etwas …#« Bjørns Stimme. »#Da ist irgendetwas in diesem Loch!#«

»# Was machst du denn?#«, fragte Christoph. »#Du kannst doch nicht da hinein! Warte!#«

»#Ich glaube, da ist etwas drinnen! Etwas Rotes … Könnte ein Taucheranzug sein.#«

Die Diskussion wurde hektischer. »#Du bleibst da drin stecken, das ist viel zu eng!#«

»#Ach, das geht schon. Wenn ich das Tauchgerät vom Rücken nehme, dann passe ich hinein. Das Gerät ziehe ich hinter mir her!#«

»Brecht den Tauchgang ab!«, befahl Erik.

»#Du hörst, was der Boss sagt!#«, fügte Christoph hinzu.

»#Das dauert doch nur ein paar Minuten.#«

Es entstand eine längere Pause. Lars sah den Schweiß auf Svens Stirn stehen. Er selbst spürte sein Herz hart gegen seine Brust schlagen. Seine Hände hatten sich krampfartig um die Stuhllehne verkrallt und begannen zu schmerzen.

»#Er geht jetzt hinein.#« Christophs Stimme klang resignierend. Und kurz darauf: »#Bjørn, alles klar?#«

Eine Pause entstand. Sie zog sich in die Länge.

Bjørn meldete sich schließlich doch noch: »#Das ist so verdammt eng! Du###« Und dann störte das Funkgerät. »####helfen müs### da rauszukommen.#«

»#Der Empfang wird schlechter#«, kommentierte Christoph.

Dann veränderte sich Bjørns Stimme plötzlich. Ein neuer Unterton lag in ihr – der Unterton des Entsetzens. »# Verdammte Schei####« Der Ausruf ging im Rauschen der Statik unter. »#Christoph, wir ##### weg hier! ##### müss#####«

Doch Christoph antwortete nicht. Lars blickte zu Erik. Der Mann war aschfahl geworden.

»#Christoph! ##### melde ##### Mach jetzt kein###### Zentrale, was ist ####« Die Panik war nun deutlich zu hören. »#Bitte ##### zieht mich#####« Bjørns Stimme überschlug sich, als er schrie: »#HIIIIL#######«

Die Übertragung brach ab.

Bedrücktes Schweigen erfüllte den Kontrollraum. Lars sah zu Sven, dessen Augen seine eigenen Gefühle widerspiegelten – Angst. Er dachte an seine Frau Birgit und seine beiden Töchter …

Das Geräusch der zurückspulenden Kassetten wirkte unnatürlich laut in der Stille des Kontrollraums. Erik setzte dazu an, etwas zu sagen, als die Plattform plötzlich heftig schwankte. Gegenstände fielen vom Kontrollpult zu Boden, die junge Blonde rollte auf ihrem Drehstuhl davon, und Lars stürzte gegen die Schränke hinter ihm. Der kurze Tumult, der daraufhin ausbrach, beruhigte sich schnell wieder, als eines der Telefone läutete. Eine Technikerin ging ran und gab den Hörer sogleich an Erik weiter. Während dieser sprach, bemerkte Lars, wie die Plattform weiter schwankte, bei weitem nicht mehr so stark wie gerade eben, aber dennoch spürbar. Was passierte hier bloß?

Erik legte wieder auf. Nachdenklich starrte er in die Runde. »Die Nummer zwei ist ebenfalls locker. Wenn hier nicht bald was geschieht, dann reißt sich die Station los oder kentert. Sven, Lars, ich will euch eigentlich nicht da hinunterschicken. Doch wie die Dinge stehen, bleibt mir gar keine andere Wahl. Irgendjemand muss herausfinden, was dort unten vor sich geht! Macht euch bereit.«

Er gab beiden noch einmal die Hand, dann verließ er eilig den Kontrollraum.

Als Viktor die Brücke des Seenotkreuzers verließ, zog ihm der Sturm beinahe die Tür aus der Hand. Heulend griffen die Windfinger nach seiner Regenjacke und versuchten, ihn von der Leiter zu zerren. Regen peitschte beinahe waagerecht aus tiefhängenden grauen Sturmwolken, gemischt mit Eiskristallen, denn zusammen mit dem Wettereinbruch war auch ein Temperatursturz gekommen. Viktor kämpfte sich die Reling entlang in das Heck des Schiffes, ständig auf der Suche nach nicht ordnungsgemäß befestigter oder verräumter Ausrüstung. Zum Glück für seine Mannschaft fand er keine, und so kehrte er trotz schwerer Regenjacke völlig durchnässt und deshalb übelgelaunt auf die Brücke zurück.

Mit ihm fuhr ein Windstoß durch die Tür und verteilte die Ausdrucke des Wettertickers im gesamten Raum. Einer seiner Männer, Karl, machte sich hektisch daran, die Zettel wieder aufzusammeln, bevor sie sich in den Pfützen am Boden vollsaugen konnten. Viktor stieß ein paar lästerliche russische Flüche aus, während er die Regenjacke auszog. Das Meer präsentierte sich prächtig durch die Sichtfenster – so aufgewühlt hatte der alte Kapitän das Nordmeer nur selten erlebt.

»Gib der Leitstelle Bescheid, dass wir die Patrouille abbrechen!«, befahl er seinem Stellvertreter Leif. »Wir waren jetzt lange genug da draußen, inzwischen sollten es sogar die langsamsten Kähne auf die Schleichwege geschafft haben!« Mit Schleichwegen meinte er die direkten Küstengewässer, die vom Rest des Nordmeers durch zahllose vorgelagerte Inseln abgeschnitten waren. Dort würde der Sturm viel weniger zu spüren sein.

Viktor nahm Karl die Papiere, die dieser gerade mühsam aufgesammelt hatte, aus der Hand und setzte sich auf seinen Kapitänssessel. Wütend blätterte er sie durch. Während sie sich in den einzelnen Daten geringfügig unterschieden, blieb die Aussage die gleiche: Eigentlich lag das Meer ruhig und sanft vor ihm, zwischen Schäfchenwolken schien die Sonne hindurch, und der Wind blies gerade mal stark genug, dass die Möwen nicht vor Langeweile vom Himmel fielen. Das Problem war einzig und allein, dass sich das Wetter einen feuchten Kehricht um den Wetterbericht scherte!

»Sehen diese Idioten im Wetterdienst eigentlich auch mal aus dem Fenster?«, schrie er wütend, den Papierstapel zur Seite wischend. »Sagt der Leitstelle, dass sie diese Wetterfrösche suspendieren sollen oder am besten gleich an die Wand stellen!«

Karl schnappte sich die Ausdrucke, bevor sie erneut zu Boden fielen. Währenddessen rief Leif über Funk nach der Leitstelle. Viktor nickte, zufriedengestellt. Seine Männer hatten schnell gelernt, dass ihr Skipper erwartete, dass seine Befehle immer ausgeführt wurden. Wenn Viktor seinen Männern sagte, sie sollten die Leitstelle anscheißen, dann war das nicht nur das Gemeckere eines Kommandanten, sondern tatsächlich eine Arbeitsanweisung. Andere Kommandanten hielten das vielleicht anders. Er hielt es so.

Leif begann, halblaut in das Funkgerät hineinzunuscheln.

»Die Leitstelle?«, fragte Viktor. Als Leif nickte, nahm er ihm kurzerhand den Hörer ab. Manche Dinge erledigte man am besten selbst.

»Hör mal, sind eure Wetterfrösche besoffen?«, schrie er, ohne sich zu melden. »Oder denkt ihr, es ist mal wieder Zeit, die Jungs auf den Booten zu verarschen? Schau mal aus dem Fenster und sag mir, wie man da einen solchen Wetterbericht ausgeben kann!«

Sein Gegenüber erkannte ihn natürlich sofort. Viktor war im gesamten Leitstellengebiet für seine permanente üble Laune bekannt, und das wusste er auch. »# Viktor, der Wetterdienst steht vor einem Rätsel#«, begann der Funker in beruhigendem Tonfall. »# Wir werden das besprechen, und dann werden wir sehen, ob die Jungs geschlafen haben oder nicht. Vorerst aber stehen sie ihre Schicht durch, genauso wie ich das hier am Funkgerät tun werde und du auf deinem Kahn. Bring ihn in einen der Fjorde, wenn du da draußen nasse Füße bekommst. Die meisten Schiffe in unserem Bereich sind schon wieder eingelaufen, und wer noch draußen ist, fährt auf den Schleichwegen. Also hör in Gottes Namen auf, Gift und Galle zu spucken!#«

»In Ordnung … aber wenn du dir den Wetterfrosch nicht krallst, der das versaut hat, werde ich es tun, verlass dich darauf.«

Damit unterbrach er die Verbindung. Sein Zorn hatte sich allerdings etwas beruhigt – die Aussicht, aus diesem Schweinewetter herauszukommen, war sehr verlockend. In Viktors Augen gab es nur wenige Momente, an denen Gott – oder wer auch immer für so was verantwortlich war – den Menschen spüren ließ, dass er nicht für das Meer bestimmt war, doch dies war so einer. Er war heilfroh, dass niemand da draußen in Gefahr war. Zum Glück tendierten viele Kapitäne dazu, sich lieber früher als später auf die Schleichwege zurückzuziehen, wenn ein Sturm aufzog. Kein Wunder, wenn man bedachte, wie viele Seelenverkäufer heute vor der Küste Norwegens unterwegs waren.

Um sein eigenes Schiff machte sich Viktor allerdings keine Sorgen. Es gab kaum ein Schiff, das so seetüchtig war wie ein Seenotkreuzer – außer einem U-Boot vielleicht, und das zählte nicht –, aber wenn er nun einen der vielen rostigen Frachter oder dünnhäutigen Tanker kommandieren würde, würde er auch lieber hinter dem Inselschutzwall Verstecken spielen, als sich diesen Elementen auszusetzen.

So aber konnte das Wetter fast noch Spaß machen! Eine kindische Jungenfreude befiel Viktor, während sich sein Schiff durch einen Brecher nach dem anderen fraß. Die Seen, die dabei in die Luft gewirbelt wurden, klatschten hart gegen die Sichtfenster der Brücke, so dass die Scheibenwischer kaum noch mit der Arbeit nachkamen. Der Kampf gegen die Elemente hatte fast schon etwas Heroisches, fand er. Er stauchte seinen Stellvertreter zusammen, als er bemerkte, dass der Angsthase direkten Kurs auf eine Lücke zwischen zwei Inseln gesetzt hatte, um sich auf einen Schleichweg zurückzuziehen. Stattdessen ordnete er an, nach Norden zu kreuzen, um wenigstens noch ein bisschen mehr von diesem Sturm zu erleben. Das war wirklich ein Wetter, das man nicht alle Tage erlebte!

Er stand auf, weil ihm das ständige Hin- und Hergerutsche auf dem Stuhl auf die Nerven ging. Lieber balancierte er die Höhen und Tiefen des Seegangs in den Knien aus. Auf der Seekarte deutete er für Leif mit dem Finger einen Kurs an, den er einschlagen sollte. In dem ruhigen Gewässer des Fjords konnten sie dann in aller Ruhe das letzte Stück nach Bergen gondeln.

»Ich mache noch einmal’nen Rundgang!«, meinte Viktor und griff nach seiner Regenjacke.

Grinsend trat er nach draußen in das Wetter, wohl wissend, dass sich seine Männer hinter seinem Rücken vielsagend an die Stirn tippen würden. Sofort griff der Sturm nach ihm. Viktor hielt sich eng an den Wänden, um nicht vollends von den Böen erfasst und davongeblasen zu werden. Die Temperatur war eisig. Mühsam arbeitete er sich nach vorn zum Bug und war fasziniert davon, dass das meiste Spritzwasser, das der Bug aus den Wellen riss, über seinen Kopf hinweg gegen die Vorderaufbauten und die Brücke des Schiffs schoss.

»Mensch, alter Wladimir, das hättest du dir nie träumen lassen, dass dein Sohn einmal ein echter Wikinger wird, was?«, rief er laut in den Sturm. Sein Vater stammte aus der russischen Hafenstadt Murmansk und war vor einem halben Jahrhundert über die Grenze nach Norwegen geflohen. Viktor war äußerst stolz darauf, dass er es nur eine Generation später geschafft hatte, einen angesehenen Posten als Schiffskommandant in der Küstenwache zu ergattern. Natürlich war er trotzdem Russe, wenn nicht dem Ausweis, dann zumindest dem Blute nach, doch in diesem Augenblick wusste er, was die alten Norweger dazu gebracht hatte, in diese trostlose Fjordlandschaft zu ziehen und zu Seeleuten zu werden.

»Käptn!«

Der Schrei riss Viktor aus seinen Gedanken. Wer wagte es –

»Käptn, Funkspruch!«

Seine üble Laune kehrte zurück. Warum verstanden es seine Männer nicht, wenn ein Mann einmal alleine sein wollte? Dieser eine Augenblick im Bug des Seenotkreuzers war so gut gewesen … Wütend stapfte er zurück zu seiner Brücke.

»Was?«, meinte er, als er zur Tür hereinkam, doch das Wort war mehr Fluch als Frage. »Hätte das nicht noch fünf Minuten Zeit gehabt?«

Leif hielt ihm wortlos die Funkkladde hin.

Zwei Worte waren darauf zu lesen:

NOTRUF – STATFJORD C

Viktor fiel die Kinnlade nach unten. Unmöglich! Er versuchte, im Blick seines Stellvertreters irgendwelche Ironie zu entdecken, ein Anzeichen darauf, dass der Mann einen Scherz machen wollte. Ha, er würde ihm das Fell über die Ohren ziehen … Doch er musste bestürzt feststellen, dass in der Miene des Mannes keine Spur davon zu erkennen war.

»Kursänderung!«, befahl er. »Neues Ziel: Statfjord-3! Wir fahren einen so direkten Kurs wie irgend möglich!« Dann griff er nach dem Bordsprechgerät und wählte den Maschinenraum. »Maschinen: zwei Mal Volle Kraft voraus!«

Er sank nachdenklich in seinen Sessel. Das ständige Rollen war in Vergessenheit geraten. Sein Seenotkreuzer war für Schiffsbesatzungen ausgelegt, nicht für die komplette Crew einer Bohrinsel. Wie viele Männer über dem Höchstlimit er wohl aufnehmen konnte? Und vor allem: Wie sollte er bei diesem Mistwetter, bei diesem Seegang überhaupt irgendjemanden retten?

»Zentrale, kann es sein, dass der Sturm schlimmer wird?«, fragte Lars nach oben. »Wir spüren die Seebewegung bis hier herunter!« Entweder es gab hier seit neuestem eine Strömung, die vorher noch niemand entdeckt hatte, oder das Meer war wegen irgendetwas sauer. Ziemlich sauer.

»#Sturm, Lars?#«, fragte die Stimme Eriks. »#Sturm ist gar kein Ausdruck! Sieht so aus, als ob Poseidon persönlich auf einen Besuch vorbeischauen wollte! Wenn wir nicht solche Probleme mit unserer Statik hätten, wär’s ein tolles Schauspiel. Aber solange wir das nicht in den Griff kriegen …#«

»#Könnte der Sturm die Station aus der Verankerung reißen?#«, fragte Sven, seine Stimme durch das Funkgerät genauso entrückt wie die Eriks oben im Kontrollraum, obwohl er keinen Meter weit von Lars entfernt war.

Nachdem sie gerade festgestellt hatten, dass auch die Standsäule 2 ausgegraben war, fand Lars diese Überlegung gar nicht so abwegig – ein Sturm und zwei lose Säulen konnten nicht gut sein für die Statik einer Bohrinsel. In der Geschichte der norwegischen Ölförderung waren bereits zwei Bohrplattformen ausgerissen worden, die Bravo und die Alexander Kielland

Er war dennoch erschüttert, als Erik Svens Frage bejahte: »# Wenn wir viel Pech haben … Ein Seenotkreuzer ist jedenfalls unterwegs. Ich hoffe trotzdem, dass ihr beiden vielleicht herausfinden könnt, was da unten eigentlich passiert ist! Vielleicht können wir so das Schlimmste vermeiden.#«

»# Verstanden!#«, bestätigte Sven.

Lars war in seinem Taucheranzug schweißgebadet vor Angst. Vor allem nun, da sie zu Standsäule 3 unterwegs waren, wo dieser Bjørn aus der letzten Schicht seine grausige Entdeckung gemacht hatte – und wo er zusammen mit seinem Gefährten verschwunden war. Er wusste, dass es Sven nicht anders erging. Als sie für ein paar Minuten allein gewesen waren, während sie ihre Anzüge angelegt hatten, hatte Sven davon gesprochen, den Tauchgang zu verweigern. Lars hätte ihm gerne zugestimmt … doch es war klar, dass sie das nicht nur die Anstellung gekostet hätte. Die Company hätte schon dafür gesorgt, dass sie in ganz Norwegen keinen Job mehr als Taucher bekommen würden.

So waren sie den Weg des vermeintlich kleineren Übels gegangen – auch wenn Lars diese Entscheidung nun bereute.

Immerhin waren sie komplett ausgerüstet. Erik hatte dafür gesorgt, dass trotz der Personalkürzungen unter den Tauchern alle sechs Tauchschlitten der Station weiter gewartet worden waren. So konnten sich Lars und Sven von den Fahrzeugen ziehen lassen und sich ihre Kraft sparen. Für was eigentlich? fragte sich Lars mit wachsender Furcht – und die Leute in der Zentrale bekamen Bilder der Schlittenkameras.

Wir sind zu ihrem ganz privaten Fernsehprogramm geworden, dachte er bitter. Ein Thriller in noch nie da gewesener Realitätsnähe! Happy End nicht zwingend vorgesehen …

Schweigend tauchten sie weiter durch die Finsternis. Das Seebett war übersät mit Felsentrümmern, die aus den Bohrlöchern der Standbeine gebrochen waren. Darüber stand eine etwa einen Meter starke Schicht aus feinem Sand, der vom unterseeischen Seegang hin- und hergetrieben wurde. Lars fragte sich, wie sie mit all dem aufgewirbelten Schmutz etwas in diesem Loch von Standbein 3 entdecken sollten. Eines war jedoch klar: Wenn irgendjemand von ihm verlangen würde, das Tauchgerät vom Rücken zu nehmen und in dieses Loch zu kriechen, würde er kündigen, sofort und auf der Stelle. Er hatte seinen Mut bewiesen, als er den Tauchgang akzeptiert hatte – alles, was darüber hinausging, war blanker Wahnsinn!

»#Sven, Lars, die Kameras sind tot!#« Eriks Stimme war eisig.

An Panik grenzende Angst befiel Lars. Doch auf diese Situation war er vorbereitet, auch darüber hatte er mit Sven gesprochen, als sie sich auf den Tauchgang vorbereitet hatten. Deshalb zitterte Lars’ Stimme auch nur ein wenig, als er antwortete: »Wir brechen den Tauchgang ab. Zentrale, wir tauchen auf.«

»#Aber Lars –#«, entgegnete Erik.

»Wir brechen den Tauchgang ab. Sven?«

»# Wir tauchen auf#«, bestätigte sein Partner.

Lars steuerte den Tauchschlitten nach oben. Nur mühsam gelang es ihm, sich zu beherrschen, nicht überhastet und übereilt aufzutauchen – das würde Taucherkrankheit und bei einer solchen Tiefe den fast sicheren Tod bedeuten. Stattdessen regulierte er die Geschwindigkeit des Schlittens sogar etwas nach unten.

Die Fahrt zog sich in die Länge. »Zentrale, was macht das Wetter?«, fragte er, um sich nicht gar so schrecklich alleine zu fühlen.

»#Es sieht nicht gut aus#«, antwortete Erik. »# Wind und Wellen kommen direkt von Westen.#«

Und Nummer 2 und 3 lagen auf der Westseite der Station …

»Ziemlich wackelig da oben, was?«

»#Das könnt ihr aber annehmen … Der Vergleich mit einem Rodeoritt ist zwar etwas übertrieben, aber …#« Er beendete den Satz nicht. Es war auch nicht nötig, Lars verstand ihn auch so.

»Vielleicht doch ganz gut, dass ihr den Seenotkreuzer bestellt habt!«

Die Zentrale antwortete nicht.

Lars wurde siedendheiß bewusst, dass Erik vorhin keineswegs den Satz offen gelassen hatte – die Verbindung war abgerissen!

»Zentrale?«, fragte er, um sich zu vergewissern. »Zentrale!«

Keine Antwort.

»Jetzt aber schnell!«, rief er und drehte die Geschwindigkeit nach oben. Taucherkrankheit hin oder her.

Er blickte sich um, um zu sehen, ob Sven zurückfiel.

Das Blut gefror in seinen Adern.

Da war kein Sven. Keine Spur von seinem Gefährten. Nicht einmal der Tauchschlitten mit seinen Scheinwerfern war zu sehen.

Und Lars wusste mit plötzlicher Gewissheit, dass er die Wasseroberfläche nicht mehr erreichen würde.

In diesem Moment schoss ein Strahl Wasser in seine Maske. Der Schreck ließ ihn instinktiv einatmen. Der Schmerz war höllisch, als sich das Salzwasser in seine Lungen fraß. Die Panik war nicht mehr aufzuhalten. Der Tauchschlitten glitt lautlos davon, während Lars in der zunehmenden Finsternis mit hektischen Bewegungen nach dem abgerissenen Schlauch seiner Sauerstoffflasche suchte.

Viktor war fassungslos. Der Sturm hatte sich beinahe ebenso schnell wieder beruhigt wie er aufgezogen war. Was jedoch noch weitaus unglaublicher war als der Sturm selbst war die absolute Ruhe, in die das Meer nun verfallen war. Die Wasseroberfläche war spiegelglatt, wie mit dem Lineal gezogen. Eine absolute Flaute, eine der tödlichsten Gefahren, die einem Segler drohte.

Der Seenotkreuzer war jedoch kein Segler und schoss deshalb mit fast 30 Knoten auf sein Ziel zu. Viktor fand es geradezu unheimlich, so weit auf hoher See zu sein, ohne den Seegang in den Beinen zu spüren.

Was ebenfalls unheimlich war, war die Tatsache, dass die Bohrplattform nicht auf dem Radar zu entdecken war. Dass sie sich nicht mehr über Funk meldete, war nicht allzu merkwürdig, es wäre nicht das erste Mal, dass ein Unwetter die Funkantennen einer Plattform verbog. Doch das Radar seines Schiffes war in Ordnung, zumindest behaupteten das seine Techniker, eigentlich müsste die Plattform zu sehen sein …

Ihm blieb lediglich übrig, auf die in den Karten verzeichnete Position von Statfjord-C zuzuhalten. Den bisher gelaufenen Kurs hatte er selbst in die Karte eingezeichnet, und so glaubte er – trotz des wohl recht großen Fehlers aufgrund des Sturms – die Plattform nicht verfehlen zu können. Zudem eine solche Bohranlage kaum zu übersehen war.

Laut Leitstelle waren inzwischen auch Flugzeuge gestartet. Sie hatten sich die erste Viertelstunde nach Aussetzen des Sturmes nicht in die Luft getraut und würden noch ein paar Minuten brauchen, bis sie eintreffen würden. Bis dahin würden die Männer, die Viktor mit Ferngläsern ausgerüstet auf den Balkon vor die Brücke befohlen hatte, Ausguck spielen müssen. Wenn modernste Funk- und Radartechnik versagte, musste man eben auf einfache – und tausendfach bewährte – Methoden zurückgreifen.

Einer dieser Ausgucks war es auch, der den Kapitän auf den Ölteppich aufmerksam machte. Viktor ließ sofort darauf zusteuern.

Der Seenotkreuzer lief näher heran und schließlich hinein. Viktor traute kaum seinen Augen. Der Ölteppich war so dick, dass die schwarze, schmierige Brühe beinahe über die Bordwand schwappte. Die von den beiden Schiffsschrauben aufgewühlte Hecksee war kaum zu erkennen, nicht einmal, als er sich über die Reling lehnte. Ihm war klar, woher dieses Öl stammte. Das Ölfeld, das 4000 Meter unter dem Kiel seines Schiffes lag, war leck geworden, vermutlich sogar an mehreren Stellen, und sprudelte nun ungehindert und unkontrolliert an die Oberfläche. An diesem Tag lernte Viktor ein Gefühl kennen, das er noch nie zuvor empfunden hatte: Er fühlte sich klein und unbedeutend, während sein Schiff durch einen Ölfleck von gigantischen Ausmaßen pflügte, auf der Suche nach einem knapp 650 000 Tonnen schweren Stahlungetüm von einer Bohrinsel.

Als aus heiterem Himmel der Sturm erneut mit voller Macht losbrach, traf er die Crew des Seenotkreuzers völlig unvorbereitet.

KEELIN

Inverness, Schottland

Mittwoch, 30. September 1998

Die Außenwelt

Es war 5:50 Uhr. Dicker Nebel, während der Nacht vom Loch Ness herübergezogen, hing über der Stadt. Es war unnatürlich ruhig, die Welt schien wie in Watte gepackt. Die kalte Luft roch nach Salz und Meer.

Keelin fragte sich, wie lange das noch so sein würde. Die Ölpest hatte bereits die Orkney-Inseln erreicht – wenn der Ölteppich schließlich den Moray Firth herauf nach Inverness gespült worden war, würde die Stadt vermutlich nur noch nach Öl und verendeten Tieren stinken.

Die Straßen waren noch menschenleer, als sie mit dem Fahrrad zur Arbeit strampelte. Wer nicht unbedingt rausmusste, blieb zu Hause. Die Stadt war während der Nachtstunden schon lange nicht mehr sicher. Straßengangs übernahmen dann das Kommando und zogen randalierend und grölend durch die Straßen.

Keelin riskierte es trotzdem beinahe jeden Tag. Busse fuhren um diese Tageszeit noch nicht, und die Frühschicht im Raigmore Hospital begann um sechs. Natürlich fühlte sie sich nicht wohl dabei – doch was blieb ihr anderes übrig? Im Gegensatz zu so vielen anderen, die ohne Arbeit und Hoffnung auf der Straße von Almosen und der Hilfe der Heilsarmee lebten, besaß sie wenigstens einen Job. Sie musste mit der Gefahr leben.

Eigentlich mochte Keelin diese kalten Herbsttage sogar. Der Nebel reduzierte die Welt auf ihre nächste Umgebung, schloss alles andere aus. Man konnte sich einbilden, alles wäre gut – kein Dreck auf den Straßen, keine Penner mehr und keine Junkies … keine Sorgen, keine Probleme. Keine Erinnerungen

Normalerweise brauchte sie am Morgen nicht mehr als zehn Minuten in die Arbeit, doch heute würde es länger dauern. Sie hatte kaum geschlafen und war völlig fertig. Sie würde wieder einmal zu spät kommen, wie so oft, seitdem sie diese merkwürdigen Träume hatte.

Endlich angekommen, sperrte sie ihr Fahrrad ab und hetzte durch die noch ruhigen Kellerkorridore des Krankenhauses. Eilig zog sie sich um und rannte die Feuertreppen nach oben. Ein Blick auf die Uhr sagte Keelin, dass sie bereits zehn Minuten zu spät war, als sie den Stationsstützpunkt betrat. Die Übergabe der Nachtschicht hatte schon begonnen. Sie murmelte ein »Morgen« und setzte sich an den Tisch.

Nachtschwester Margaret berichtete gerade darüber, dass Mr. Wood vom Bett Nr. 312 heute Nacht gestorben war. Keelin registrierte die Information nur am Rande. Ihre volle Aufmerksamkeit war auf den Kaffee gerichtet, den sie sich einschenkte. Ohne Kaffee würde sie den Tag heute nicht überleben!

Während die Nachtschwester ihre Übergabe weiter herunterleierte, verglich Keelin den an der Wand hängenden Dienstplan mit den anwesenden Leuten. Zwei fehlten, Jenny und Roberta. Sie konnte sich nicht daran erinnern, wann die Schicht das letzte Mal voll besetzt war. Das würde Überstunden bedeuten. Wieder.

»Kee-lin!«, schreckte sie Beths durchdringende Stimme auf. »Deine Betten sind dran!«

»Sorry.« Es war zu leicht, während Margarets Übergaben abzuschweifen. Vor allem, wenn man nicht ausgeschlafen war.

Sie kämpfte sich tapfer durch den Rest des Vortrags. Alles in allem hatte sich zu gestern nicht viel verändert: Der Zustand der beiden Frauen in 318 und 319 hatte sich weiter verschlechtert, das Mädchen in 321 hatte wieder einen Anfall erlitten, und der verrückte alte Mann in 325 hatte Nachtschwester und Mitpatienten die ganze Nacht wach gehalten. Ein harter Tag stand ihr bevor.

Als um 06:30 Uhr die Übergabe zu Ende war, trudelten die Schwesternschülerinnen ein. Ihre Schülerin hieß Barbara, war ein hübsches, brünettes Ding und stinkfaul. Von ihrer Seite rechnete Keelin kaum mit Unterstützung. Sie schickte sie zu dem Opa in 325 und wusste, dass Barbara so für mindestens eine Stunde beschäftigt sein würde. Der Rest der Arbeit blieb Keelin.

Sechzehn Patienten, von denen zwölf zu waschen waren, das war eigentlich nicht menschenmöglich für eine einzige Schwester. Irgendwie würde sie den Tag trotzdem überstehen, mit einer Mischung aus Hektik, Unfreundlichkeit und Oberflächlichkeit. Den Wäschewagen vor sich herschiebend, die Patientenakten unter den Arm geklemmt, machte sie sich an den täglichen Waschkrieg.

Ab 07:00 Uhr begann das Telefon zu klingeln. Die Assistenzärzte krochen verschlafen über die Gänge und versuchten, von den Schwestern die Neuigkeiten zu erfahren, die ihnen Dr. Fisher vom Nachtdienst nicht sagen konnte. Fisher hatte sich einmal mehr am Morphium vergangen und lag nun völlig stoned auf der Liege im Untersuchungszimmer. Keelin ließ die Ärzte abblitzen. Sie hatte zu viel zu tun und konnte sich darum nicht auch noch kümmern. Es war nicht ihr Problem, dass sich die Ärzte nicht trauten, gegen ihren Vorgesetzten Beschwerde einzulegen.

Um acht schlich Keelin erschöpft und mit zitternden Knien in das Stationszimmer und brachte die Akten von ihrem Durchgang zurück. Zwei Patienten mit zu hohem Blutdruck hatte sie in Eigenverantwortung Tabletten gegeben, Temperaturen und Pulse nur sporadisch gemessen. Die fehlenden Werte würde sie während ihrer zehnminütigen Frühstückspause in die Akten hineinfrisieren.

Zum Essenausteilen war Barbara verschwunden. Niemand wusste, wo sie steckte, und Keelin hatte keine Zeit, sie zu suchen. Eilig teilte sie ihren Patienten die Frühstückstabletts aus und fütterte im Schnellverfahren diejenigen, die es am nötigsten hatten. Elaine erlöste sie schließlich zur Frühstückspause.

Als sie den Stützpunkt betrat, war der Tisch schon fertig gedeckt und Brote geschmiert. Keelin lächelte – Elaine war ein Goldschatz und unersetzlich. Sie fragte sich oft, woher die Kollegin die Zeit für solche Nettigkeiten nahm. Sie versorgte ihre Patienten nicht schlechter, soweit Keelin das beurteilen konnte, und schummelte auch mit den Akten nicht mehr als andere. Keelin beneidete sie oft. Elaine wurde manchmal auf Station von ihrem Mann besucht, der sogar zuweilen aushalf. Die beiden waren ein enges, eingespieltes Team.

Für den Moment jedoch war sie einfach nur froh darüber, dass es Elaine gab. Sie nahm sich einen Teller mit Marmeladenbroten und eine Tasse Kaffee und trug beides in den Nebenraum zum Schreibtisch.

Während sie arbeitete, hörte sie von drüben die Stimmen der anderen Schwestern und Schülerinnen, die sich zum Essen versammelten. Elaine rollerte mit ihrem Schreibtischstuhl durch die Tür zu ihr, und Keelin machte Platz.

»Bist du gut durchgekommen?«, fragte Elaine.

»Gut ist übertrieben«, meinte Keelin mit vollem Mund. »Barbara ist verschwunden. Hab fast alles alleine machen dürfen.«

Für zwei Minuten arbeiteten sie schweigend nebeneinander.

Dann meinte Elaine, ohne herüberzublicken: »Du siehst schlecht aus.«

»Danke!«, knurrte Keelin. Sie wusste, dass sie nicht wie das blühende Leben wirkte. Die schlaflosen Nächte, die merkwürdigen Träume hatten ihre Spuren hinterlassen. Sie hatte dunkle Augenringe, ihre Haare bekamen nicht genügend Pflege und benötigten dringend einen neuen Schnitt. Sie sah alt aus. Und sie hatte schon wieder abgenommen.

»Kommst du mit zum Rauchen?«, fragte Elaine.

»Nur wenn du mir versprichst, mich mit dem Thema in Ruhe zu lassen!«

»Vergiss es. Dann gehe ich eben alleine.«

Keelin zuckte nur mit den Schultern. Sie wollte jetzt nicht darüber sprechen, außerdem hatte sie sowieso keine Zeit für eine Zigarette, so schön es auch wäre. Sie machte mit ihren Akten weiter.

Als sie gerade normale Messwerte des Patienten in Bett 316 improvisierte, fragte Elaine über Keelins Schulter gebeugt: »Bist du dir sicher mit Mr. Burke? Ich habe ihn heute Morgen auf dem Gang gesehen. Ich fand, dass er fiebrig ausgesehen hat.«

Mr. Burkes Temperaturkurve der letzten Tage war normal, und auch Blutdruck und Puls zeigten keine Unregelmäßigkeiten. Keelin sah auf.

»Mr. Burke wird morgen entlassen, woher sollte er jetzt noch Fieber bekommen?«

»Und seit wann frisierst du seine Kurve? Wann hast du ihn das letzte Mal gemessen?«

Ziemlich verunsichert, wollte Keelin schon aufstehen und ein Thermometer holen, doch Elaine hielt sie zurück.

»Ich gehe schon. Siehst aus, als ob du noch einen oder zwei Schluck Kaffee vertragen könntest!« Damit verschwand sie aus dem Stützpunkt.

Keelin starrte auf die Fieberkurve des Patienten. Wann hatte sie Mr. Burke das letzte Mal gemessen? Es war so leicht, sich mit den erschummelten Werten selbst zu betrügen … Müde stützte sie ihren Kopf auf die Hand und blätterte in der Akte, doch ihre Gedanken waren längst woanders.

Cannich. Das Fußballspiel …

Das Spiel war ein voller Erfolg gewesen, Inverness’ zweite Frauenmannschaft hatte 4 zu 1 gegen das Team aus Cannich gewonnen. Sie war Libero, der letzte Spieler vor dem Torwart, eine Position, die ihr niemand so recht zutrauen wollte, aber an jenem Samstag hatte sie ein hervorragendes Spiel geleistet. Das Gegentor war nun wirklich nicht ihre Schuld gewesen.

Doch als ihr Team abends mit dem Bus zurück nach Inverness gefahren war, hatte sie selbst in dem Dorf übernachtet und war am nächsten Morgen hoch ins Glen Affric1 gelaufen, wo sie einmal um den wunderschönen Loch Affric2 gewandert war. Erschöpft war sie spät in der Nacht nach Hause gekommen und war, ohne noch etwas zu essen oder zu trinken, sofort zu Bett gegangen. Sie hatte erwartet, traumlos und lang zu schlafen, bis sie mittags ihr Wecker zur Spätschicht zurückholen würde.

Stattdessen hatte sie Mühe gehabt, überhaupt einzuschlafen. Ihre Gedanken waren um die Geschehnisse des Tages gekreist. Vor allem die Erinnerungen an das Glen hatten ihr keine Ruhe gelassen, was Keelin überraschte. Normalerweise dachte sie über derartige Dinge nicht nach. Sie hatte eigentlich genügend andere Probleme, die sie nachts wach hielten …

Als sie dann gegen Morgen doch noch eingeschlafen war, träumte sie. Es war einer dieser Träume, bei denen man schon im ersten Moment wusste, dass es nicht wirklich war. Und dennoch – oder gerade deshalb?– war er ihr realistischer erschienen als alles, was sie je zuvor geträumt hatte.

Sie lief wie durch dichten Nebel, ohne Gefühl für Zeit und Raum. Es kam ihr vor, als wäre sie Stunden, ja Tage unterwegs, in einer eintönigen, endlosen Landschaft. Selbst der Untergrund, auf dem sie lief, war so monoton und substanzlos, dass sie sich nicht einmal sicher sein konnte, ob sich überhaupt etwas unter ihren Füßen befand. Erst nach einer scheinbaren Ewigkeit ließen sich um sie herum die Umrisse einer Landschaft erkennen.

Sie folgte einem breiten Pfad, neben dem sich ein vom Torfmoor bierbraun gefärbter Bach in seinem breiten Kiesbett entlangschlängelte. Um Pfad und Fluss waren zahllose kleine Felder angelegt, auf denen Roggen und Gerste angebaut wurden. Das Getreide wartete in goldgelben Ähren auf seine Ernte oder war bereits zu dicken Garben zum Trocknen zusammengebunden. Schwärme rotblauer Buchfinken balgten sich um die Körner und verschwanden laut zeternd in den dichten Hecken zwischen den Feldern, wenn Keelin ihnen zu nahe kam. Auf einer entfernten Vogelscheuche saß eine Krähe und beobachtete sie. Der blaue Himmel über ihr war mit zahllosen Schäfchenwolken betupft. Die Luft war angefüllt mit dem Geruch nach Stroh und Heidekraut.

In Keelin machte sich das Gefühl breit, den Ort zu kennen, doch je mehr sie nach der Erinnerung griff, desto mehr schien sie ihr auszuweichen. Mit einem Schulterzucken gab sie es schließlich auf, danach zu suchen.

Schließlich erreichte sie einen dunkelbraunen See, der die Talsohle ausfüllte. Die Hänge waren von dunkelgrünem Kiefernwald bedeckt, aus dem sich kahlgraue Bergkuppen erhoben. Auf einer Landzunge vor ihr war eine Handvoll kleiner Gebäude errichtet, runde Gebilde mit Wänden aus Weidengeflecht und Lehm und Dächern aus Stroh, aus denen langsam dünner Rauch quoll. Nur die größten von ihnen waren rechteckig und zumindest zum Teil aus Steinen errichtet. Keelin konnte sich nicht daran erinnern, jemals ein solches Dorf gesehen zu haben.

Etwas verspätet traten auch die Geräusche in ihr Bewusstsein: das Plätschern des Baches, der aus dem See gespeist wurde, das regelmäßige Schlagen einer Holzfälleraxt, der Schrei eines Raubvogels, der hoch über ihr seine Kreise zog. Keelin glaubte sogar, Kinderstimmen aus der Siedlung zu hören.

Sie folgte weiter dem Pfad. Die mysteriöse Siedlung verschwand immer wieder aus ihrem Blickfeld, wenn sich der Weg vom Ufer etwas tiefer in den Kiefernwald wand, doch nie für längere Zeit.

Und dann war sie sich plötzlich ganz sicher, Stimmen gehört zu haben, vor sich und sehr nahe. Schlagartig hatte sie Angst. Was war, wenn man sie hier entdeckte? Eilig drückte sie sich in eine Hecke aus Ebereschengebüsch. Während sie besorgt abwartete, zerdrückte sie mit den Händen orangefarbene Vogelbeeren und fragte sich unsinnigerweise, wie man die Flecken der orangeroten Früchte aus der Wäsche bekommen konnte.

Die Besitzer der Stimmen ließen nicht lange auf sich warten. Eine dunkelhaarige Frau führte einen Ochsen den Weg entlang, der einen kleinen mit Mist beladenen Wagen zog. Hacken und Schaufeln steckten im Mist, am Holzrahmen des Wagens waren weitere Werkzeuge wie Sensen und Sicheln aufgehängt. Hinter dem Wagen ging ein stämmiger Mann, der eine schwere Hanftasche auf dem Rücken trug, gefolgt von zwei weiteren, jüngeren Männern. Der Stoff ihrer Kleider war derb, ungefärbt und schmutzig und in einem merkwürdigen Stil geschnitten. Er erinnerte Keelin an den Mittelalterbasar, der vor ein paar Wochen in Inverness stattgefunden hatte. Die Männer trugen sowohl Bart als auch Haupthaar lang und zu Zöpfen gebunden und unterhielten sich auf Gälisch, das Keelin zwar erkannte, aber nicht verstand.

Ungläubig starrte sie der kleinen Gruppe hinterher. Erst als die merkwürdigen Leute hinter einer Wegbiegung im Wald verschwunden waren, verließ Keelin verwirrt ihr Versteck und folgte weiter dem Pfad.

Ihr Traum wurde immer absurder. Normalerweise waren ihre Nächte von Alpträumen angefüllt, teilweise unsinniges Zeug, von Monstern und Stürzen aus großen Höhen, teilweise auch Träume, gespeist von den Ereignissen ihrer Kindheit und Jugend. Ein solcher Traum war ihr bisher jedoch noch nie untergekommen.

Nach nur wenigen Schritten ging der Wald plötzlich in eine Schafweide über und gab so erneut den Blick auf die Siedlung frei. Die Häuser waren aus der Nähe betrachtet nicht ganz so klein wie sie zuerst angenommen hatte. Sie war nun nahe genug, um genauere Details erkennen zu können: Balken, die knapp unter den strohgedeckten Dächern aus der Wand ragten, waren über und über mit geschnitzten Mustern verziert. An den Wänden hingen Felle und bunt bemalte Schilde, in hölzernen Gestellen lehnten Speere. Auf dem Boden verstreut lagen Arbeitsgeräte wie Fischreusen und Netze, Äxte, Hämmer, Hacken und vielerlei mehr. Im hohen Gras nahe dem Seeufer sah sie mehrere hölzerne Ruderboote. Sie hörte vielerlei Tierstimmen, von Schafen, Schweinen, Ziegen und Geflügel. In der Luft hing der Geruch von gebratenem Fisch.

Dann flog plötzlich ein dunkelbrauner, unförmiger Ball zwischen den Gebäuden hindurch auf die Wiese.

Keelin erstarrte.

Der Junge, der kurz darauf aus derselben Richtung erschien, bemerkte sie nicht sofort. Er war wohl ungefähr fünf oder sechs Jahre alt, hatte langes, wirres braunes Haar und trug nur schmutzige Hosen. Keelin starrte zu ihm hinüber, während er den Ball aufhob.

Jetzt bemerkte er Keelin.

Seine braunen Augen starrten über die Entfernung hinweg in die ihren. Keelin schickte ein Stoßgebet in den Himmel, doch unsichtbar zu sein – doch in diesem Moment wirbelte der Junge herum und verschwand laut rufend zwischen den Gebäuden.

Im Bewusstsein, etwas falsch gemacht zu haben, wich Keelin zurück und rannte davon.

»Hal-lo!« Die durchdringende Stimme Elaines klang so, als ob sie dieses eine Wort schon mehrmals wiederholt hätte. »Hey, was ist denn los mit dir? Bist du krank?«

Keelin schreckte auf. Die Erinnerungen waren so wirklich, so real erschienen, dass sie sich ganz darin verloren hatte. Unter dem Füller in ihrer Hand hatte sich ein riesiger blauer Fleck auf der Krankenakte gebildet. Sie murmelte einen halblauten Fluch und wollte sich schon daranmachen, ein frisches Blatt für die Akte anzulegen, doch Elaine hielt sie zurück.

»Sieh zu, dass du einen der Ärzte zu Mr. Burke schaffst. Der Mann hat vierzig Grad Fieber! Um deine Akten kümmere ich mich.«

Noch immer benommen, nickte Keelin und stand auf. Nach kurzem Suchen fand sie Dr. Williams, der sich gerade zur Frühstückspause von der Station stehlen wollte. Maulend folgte er ihr zu Bett 316. Als er Mr. Burkes Zustand sah, wurde er plötzlich sehr ernst und befragte Keelin nach seinen Temperaturen und Pulsen in den letzten Tagen. Sie beichtete ihm, dass sie keine Ahnung hatte, worauf er mit einer wortlosen Untersuchung begann. Anschließend gingen sie gemeinsam zurück zum Stützpunkt.

»Lungenentzündung«, erklärte Dr. Williams dort. »Hoffe nur, dass wir das wieder hinkriegen!«

Keelin erschauderte. Lungenentzündung! Das konnte schon bei jungen und ansonsten gesunden Patienten tödlich enden, und Mr. Burke war weder jung noch gesund … Sie spürte, wie das Blut ihr in die Beine sackte, und taumelte schwindelig, doch sie rettete sich auf einen Stuhl. Diese Lungenentzündung hatte sie zu verantworten. Falls Dr. Williams die Umstände an den Oberarzt weitergab, konnte sie das ihren Job kosten!

»Alles in Ordnung, Miss Winters? Sie sehen blass aus!« Der Arzt blickte besorgt.

Keelin nickte schwach, während sie gegen die aufsteigende Übelkeit ankämpfte. Dr. Williams glaubte ihr offensichtlich nicht. Er murmelte etwas und verschwand eilig aus ihrem Sichtfeld. Sie spürte noch, wie ihr Schweiß auf die Stirn trat, dann wurde ihr schwarz vor Augen.

Etwas später fand sich Keelin auf der Liege im Untersuchungszimmer wieder. Dr. Williams saß an seinem Schreibtisch und tippte etwas. Als sie sich zu rühren begann, wandte er sich ihr zu.

»Wie geht es Ihnen, Miss Winters?«

Anstelle einer Antwort zuckte sie nur mit den Schultern. Sie ließ die Beine von der Liege gleiten und setzte sich auf.

»Ich denke, Sie sollten nach Hause gehen und sich einen Tag freinehmen«, fuhr der Arzt fort. »Sie sind überarbeitet.«

»Auf dieser Station ist jeder überarbeitet! Ich kann nicht einfach so abhauen!«

»Wenn Sie so weitermachen, werden Ihnen noch öfter Dinge passieren wie heute mit Mr. Burke. Ich kann Sie nicht immer decken. Sie wissen so gut wie ich, dass Sie das Ihren Job kosten kann. Ist es das, was Sie wollen?«

Keelin presste nachdenklich die Lippen aufeinander. Natürlich hatte der Arzt recht – doch das würde noch mehr Überstunden für ihre Kollegen bedeuten und noch schlechter versorgte Patienten. Sie saß in der Zwickmühle.

»Reden Sie doch mit Ihren Kolleginnen, ob Sie sich den Rest des Tages freinehmen können«, schlug Dr. Williams vor.

Ihr war klar, wie die Antwort lauten würde: Elaine würde sie sofort nach Hause schicken und auf irgendeine mysteriöse Art und Weise trotzdem ihre Arbeit schaffen; Tamara würde nicken und zu weinen beginnen, sobald Keelin um die Ecke verschwunden wäre; und Beth würde nur mit der Schulter zucken – irgendwie hatte die erfahrene Krankenschwester es immer geschafft, ihre Schicht zu überstehen, und das würde sie auch heute … Wozu sich also aufregen?

Der Gedanke, nach Hause zu gehen, fühlte sich an wie Verrat.

Keelin stand von der Liege auf und ging ein paar wacklige Schritte zur Tür. Der Arzt beobachtete sie misstrauisch. Bevor sie das Untersuchungszimmer hinter sich lassen konnte, rief er ihr noch einmal hinterher, nach Hause zu gehen.

Fünf Minuten später schob sie ihr Fahrrad über die Straßen. Die Luft roch nach Öl.

RONAN

Kêr Bagbeg am Romsdalsfjord, Norwegen

Montag, 21. Oktober 1998

Die Innenwelt

Ronans Halle war die größte der alten Wikingerbauten, die in Kêr Bagbeg den Letzten Germanenkrieg überstanden hatten, etwa vierzig Meter lang und fünfzehn breit, aus alten Eichenbalken errichtet, mit Fichtenbrettern gedeckt. Die Wände waren fensterlos, um dem kalten norwegischen Winter Widerstand zu bieten. Zwei schwere, eisenbeschlagene Türen an den Längsseiten waren die einzigen Zugänge von draußen. Genau zwischen den Eingängen befand sich eine Feuerstelle, deren Rauch sich im Gebälk sammelte und durch ein Loch unter dem Giebel an der Stirnseite der Halle abzog.

Neben ihrer Bauart erinnerte jedoch kaum noch etwas an die früheren Bewohner. Ronan hatte viel Wert darauf gelegt, die Spuren der Wikinger zu beseitigen: Drachenköpfe, welche die Enden der Balken geschmückt hatten, waren abgeschlagen, Runensteine aus dem Holz gebohrt, die germanischen Bänderungen abgeschliffen und durch keltische Muster ersetzt.

Normalerweise war die Halle angefüllt mit Tauen und Krabbenkörben, Netzen und Segeltuch, Webspindeln und Kisten voller Rohwolle, die die Frauen während den dunklen Wintertagen zu Fäden sponnen. Heute jedoch war all dies zur Seite oder in den Schuppen geräumt, um zusätzlichen Bänken und Tischen Platz zu machen.

Nun hockten auf den Bänken wettergegerbte, bärtige Seeleute, die Tische waren beladen mit hölzernen Krügen und Tellern, mit Schneidbrettern und Essbesteck. Rußende Fackeln befanden sich an den Balken und tauchten die Halle in rötliches Licht und tanzende Schatten. Die Luft war angefüllt vom Geruch nach Zwiebelsuppe und gebratenem Fisch. Frauen in Kleidern und Schürzen aus derber Wolle eilten umher, um Bier und Wasser nachzuschenken und die Teller gefüllt zu halten. Ein Barzh1 saß abseits an einer Harfe und zupfte eine melancholische Melodie.

Ronan saß am Kopfende der mittleren Tafel. Er war tief in Gedanken versunken. Sein Kinn war auf die linke Hand gestützt, die Rechte spielte abwesend mit einer Strähne seines langen braunen Haars. Besorgniserregende Dinge hatten sich in den letzten Tagen und Monaten ereignet, Dinge, die ein Druide seines Ranges nicht unbeachtet lassen konnte. Und dieses Mal betrafen sie nicht irgendwelche Kelten ein paar Dutzend oder hundert Meilen weit weg, sondern die Bretonen, Ronans eigenen Stamm. Als Stellvertreter des Häuptlings war es seine Pflicht, sich darüber Sorgen zu machen.

Um Ronan herum saßen seine engsten Vertrauten: links die eigenen Gefolgsleute, mit seinem Bannerträger Fagan und seinen wichtigsten Hauptmännern Gireg, Luner und Meogon. Ihnen gegenüber saß der glatzköpfige Seog mit seinen eigenen Männern. Seog war neben Ronan der einzige Druide unter den Fischern Bagbegs und diente somit als Ronans rechte Hand.

Die Stimmung war gedrückt. Zwei Tage lang hatte ein wüster Sturm vor der Küste Norwegens getobt und die Fischer am Auslaufen gehindert. Von denen, die bei Anbruch des Wetters draußen gewesen waren, waren längst nicht alle zurückgekehrt. Ronan hatte seit seiner eigenen Rückkehr stundenlang an der Hafeneinfahrt gestanden und hatte nach seinen Männern Ausschau gehalten, doch noch immer wurde ein gutes Dutzend Boote vermisst. Bestimmt hatten ein paar von ihnen irgendwo anders im Romsdalsfjord Schutz gefunden, aber gewiss nicht alle.

Der Sturm war von einer übernatürlichen Qualität gewesen. Ronan war nicht der Einzige, der darin die Handschrift der Schatten zu erkennen glaubte. Stürme dieser Art waren in den letzten Wochen häufiger geworden, und immer wurden im Anschluss Boote vermisst. Der stärkste von ihnen hatte sich jedoch in der Außenwelt ereignet und war so stark gewesen, dass er eine komplette Ölplattform verschlungen hatte. Sturm- und Meeresgeister, die Ronan um Rat und Hilfe gebeten hatte, waren in Aufruhr und berichteten, dass etwas Fremdartiges in die tieferen Ebenen der Geisterwelt eingedrungen war und dort Jagd auf sie machte. Alles schien auf ein Phantom hinzudeuten, ein von den Schatten verdorbener Geist. Ein mächtiges Phantom. Woher die Schatten jedoch nach all den Jahren Ruhe plötzlich die Fähigkeiten und Ressourcen besaßen, ein Phantom solcher Kraft zu beschwören, war ein Rätsel, dessen Lösung Ronan bisher entgangen war.

Seog leerte mit einem kräftigen Zug seinen Bierkrug. Nachdem er sich mit dem Ärmel über den Mund gefahren war, erklärte er: »Die Stürme rücken immer näher, Herr. Beim nächsten oder übernächsten Mal haben wir das Phantom im Romsdalsfjord direkt vor unserer Haustür. Dann, mögen uns die Götter gnädig sein, haben wir ein weitaus größeres Problem als nur ein paar vermisste Boote!«

Ronan nickte langsam. Er hatte inzwischen selbst eingesehen, dass das Problem zu groß geworden war, um es weiter zu ignorieren. »Ich habe bereits mit Häuptling Nerin gesprochen.«

Seogs Augen blitzten kampfeslustig auf. »Und? Was werden wir unternehmen?«

»Kongar wird zusammen mit Nerin auf Otrøy einen Wächterling beschwören. Wir hoffen, dass das das Phantom abhält, in den Fjord einzudringen.«

»Und das ist alles?«, fragte Seog mit zusammengezogenen Augenbrauen. »Ihr wollt es da draußen weiter sein Unwesen treiben lassen?«

»Nein«, beantwortete Ronan die Frage mit einem Seufzer. Er hatte den Einwand bereits kommen sehen. Seogs Baumzeichen war die Kiefer, ein kriegerisches Zeichen, und so war sein Pfad der des Kriegers. Der junge Druide litt darunter, dass in seinem Gefolge Männer waren, die bereits an großen Schlachten teilgenommen hatten, während er selbst noch nicht einmal einen Kampf auf Leben und Tod gefochten hatte. Er brannte darauf, endlich selbst seinen Wert beweisen zu können. »Aber im Moment«, versuchte Ronan ihn zu bremsen, »können wir es nicht angreifen.«

»Wieso können wir es nicht angreifen? Ich bin bereit, mit meinen Männern in jeden dieser verfluchten Stürme hinauszusegeln und mich dem Phantom zu stellen! Wenn es uns angreift, werden wir ja sehen, wie stark es wirklich ist!«

Müde sah ihn Ronan an. Es war nicht das erste Gespräch dieser Art, das er mit Seog führte. Das Temperament des jungen Druiden war anstrengend. Kein Wunder, war doch Seogs Mutter eine Wikingerfrau gewesen, die erst durch das Ritual der Entwurzelung das spirituelle Erbe der Germanen verloren hatte. Jeder wusste, wie hitzköpfig die Germanen gewesen waren. Auch Seogs Erscheinung zeugte von seiner Abstammung von diesem kriegerischen Volk: Er war hochgewachsen, mit muskulösen, breiten Schultern, sein Bart war blond und am Kinn zu zwei schmalen Zöpfen zusammengefasst, das Kopfhaar ganz kahl rasiert.

»Du willst kämpfen?«, fragte Ronan. »Mit der Klinge in der Hand gegen ein Phantom?«

»Es gibt genügend Legenden, die von solchen Kämpfen berichten! Bran hat den Kampf mit dem Schwarzen Mann gewonnen, und jeder kennt die Geschichte von Cynan und seinem Speer …«

Ronan hob die Hand, um ihn zu unterbrechen. »Ja … Manchmal mag das gutgehen … Aber der Schwarze Mann beging den Fehler, seinen See zu verlassen und Bran an Land gegenüberzutreten, und von Cynan berichtet die Legende ebenfalls, dass er die Seeschlange auf den Klippen erschlagen hat. Aber du willst hinaussegeln, um das Phantom in seinem eigenen Element angreifen? Bei Wind, Sturm und Wellen, die größer sind als unsere Boote? Wie willst du kämpfen, wenn der Geist dein Boot versenkt, bevor er dich angreift? Etwa schwimmend?«

Seogs Mundwinkel zuckten. Ronan hatte den wunden Punkt in der Argumentation des jungen Druiden getroffen. »Wenn es sein muss …«, murrte er, aber ohne große Überzeugung.

»Um ein Phantom dieser Macht zu bekämpfen«, erklärte Ronan, »benötigen wir die Hilfe unserer Geister. Aber es kostet Kraft, einen diesem Phantom ebenbürtigen Geist zu erwecken. Kraft, Vorbereitung, die richtigen Sternkonstellationen und Vorzeichen. Der Häuptling ist bereits dabei, nach dem geeigneten Zeitpunkt zu forschen. Bis dahin muss der Wächterling ausreichen, um das Phantom abzuschrecken.«

Seog brummte etwas Unverständliches und lehnte sich in seinem Stuhl zurück, das Knie gegen den Tisch gestützt, die Arme vor der Brust verschränkt, vermutlich in Gedanken bei einem heldenhaften Kampf Mann gegen Phantom, während um ihn herum die Gischt spritzte und das Meer tobte.

Ronan seufzte leise. Er fand die Lösung selbst mehr als zweifelhaft – sie brauchten Vorräte für den Winter, und außerdem war Fisch das wichtigste Handelsgut der Stadt. Dazu reichte es nicht, nur im Romsdalsfjord zu fischen. Er würde Männer hinausschicken müssen, an Otrøy und dem Wächterling vorbei zu den Fischgründen der Sunde, im Wissen, sie vielleicht in den Tod zu schicken. Es gab keine Alternative.

Eine Hand auf seiner Schulter riss ihn aus seinen Gedanken. Überrascht sah er in das Gesicht seiner Frau, Maela. Der Moment dauerte nur einen kurzen Augenblick, dann huschte sie auch schon weiter, um ihre Arbeit zu verrichten, doch dieser Moment genügte, um wieder ein Lächeln auf Ronans Gesicht zu zaubern. Sein Blick blieb an ihr hängen, der Frau, die er liebte und für die er bereit wäre, alles in seinem Leben aufzugeben. Ihre blonden Haare, so typisch norwegisch, die dunklen Augen, die funkeln konnten wie glühende Kohlen, wenn sie wütend war, die Nase mit der Narbe, die sie früher so unglücklich gemacht hatte, und der Mund mit den vollen Lippen, so ausdrucksstark, wenn es galt, ihren Dickkopf zu behaupten, und so weich, wenn sie sich liebten … Sie warf ihm noch einmal ein Lächeln zu, ehe sie im Durchgang zum hinteren, abgetrennten Teil des Langhauses verschwand.

Ronan drängte die Gedanken an das Phantom zur Seite. Es gab Arbeit zu verrichten. Als Druide und Herr über die Fischer des Romsdalsfjords war Ronan auch für die Rechtsprechung unter seinen Gefolgsleuten zuständig. Er war die letzten beiden Tage – seit Beginn des Sturms – auf hoher See gewesen, weshalb sich ein paar Fälle angesammelt hatten. Fagan stritt sich mit Meogon um einen Stapel Holz. Ein auswärtiger Fischer beschwerte sich über den Leibeigenen seines Nachbarn, der angeblich seine Tochter belästigt hatte. Ein weiterer Fischer hier aus Kêr Bagbeg war von Häuptling Nerin bestraft worden, weil er einen Händlergesellen geschlagen hatte, und verlangte, dass sich Ronan als sein Herr für ihn einsetzte.

Er hörte sich die Anliegen geduldig an. Wie immer waren die Fälle komplizierter – einfache Fälle wurden üblicherweise vor Ort gelöst. Streitigkeiten unter Leibeigenen schlichteten ihre freien Herren, bei Zwist unter den Freien die örtlichen Ältesten, ein ansässiger Druide oder einer von Ronans Hauptmännern. In allen drei Fällen war dies nicht möglich.

Er seufzte. Der Streit zwischen Meogon und Fagan war alt. Keiner wusste mehr, wie er entstanden war, Tatsache war jedenfalls, dass sich die beiden Unterführer spinnefeind waren. Er diskutierte mit den beiden, stellte jedoch schnell fest, dass ohne eine Aussage des Bauern, von dem das Holz stammte, kein Urteil gefällt werden konnte. Er wandte sich zu dem Fischer, der von Nerin bestraft worden war. Er lauschte geduldig, was der Mann zu sagen hatte, und versprach ihm, mit dem Häuptling darüber zu sprechen. Als Letztes wandte er sich dem Mann zu, dessen Tochter vom Leibeigenen des Nachbarn belästigt worden war. Im Grunde wäre der Fall nichts für Ronan, da das Wort des Freien mehr galt als das des Unfreien, doch der Herr des Leibeigenen verteidigte ihn, weshalb sie zu Ronan gekommen waren.

Er war gerade dabei, den Fall an seinen Hauptmann Luner zu delegieren, als Maela wieder bei ihm auftauchte. Ihr fröhlicher Gesichtsausdruck war einer finsteren Miene gewichen. »Wartet!«, meinte Ronan zu seinen Gefolgsleuten, dann stand er auf und trat mit seiner Frau zwei Schritte vom Tisch weg.

»Dein Bruder ist hier«, erklärte sie ihm ohne Umschweife. »Er will dich sprechen.«

Ronan zwinkerte verwirrt. »Mein Bruder? Hier?«

»Ich habe ihm ausrichten lassen, dass du deine Gefolgsleute versammelt hast und er bis morgen warten soll, aber das hat ihn nicht interessiert.« Ihr Tonfall konnte Meerwasser zu Eis gefrieren lassen.

Maela und Derrien hatten sich noch nie leiden können. Seine Frau hielt Ronans zwei Jahre jüngeren Bruder für einen Tunichtgut, der sich vor den Verpflichtungen als Druide drückte und nur nach Kêr Bagbeg zurückkehrte, um schlechte Neuigkeiten zu überbringen. Derrien mochte Maela nicht, weil er glaubte, dass sie Ronan schlecht beriet. Beide besaßen ein Temperament, das aus solchen Lappalien eine lebenslange Feindschaft gemacht hatte. Dieser Streit war der Grund, warum Derrien seit Jahren keinen Fuß mehr in Ronans Halle gesetzt hatte.

Sie muss kochen vor Wut, dass er sich so über ihren Einwand hinweggesetzt hat!

Doch was half es? Derrien brachte meistens wichtige Neuigkeiten. Schlechte wichtige Neuigkeiten.

Müde erhob Ronan sich. »Du weißt, wie es ist«, entschuldigte er sich bei seiner Frau.

Zorn funkelte in Maelas Augen. »Er bringt nur Schwierigkeiten!«

Ich weiß, dachte er traurig. Er entschuldigte sich kurz bei der Versammlung und eilte nach draußen.

Der Abend war mittlerweile weit fortgeschritten. Die Sturmwolken hatten sich inzwischen restlos verzogen. Dünne Rauchsäulen quollen durch die Strohdächer der Stadt und stiegen in einen sternklaren Nachthimmel auf. Das Meer war ruhig, sogar für die Verhältnisse hier in Bagbeg, die Brandung leise und friedlich.

Ronan blieb am Hafen stehen. Das Schaukeln der Fischerkähne an den Stegen war auf dem glatten Wasser kaum wahrzunehmen. Ronan zählte sie ein weiteres Mal durch, nur um festzustellen, dass weiterhin elf Boote fehlten. Wie sein eigener Kahn waren es kleine Gefährte, nicht mehr als zehn Schritte lang, mit einem einzelnen Mast, an dessen horizontal befestigter Rahe das Segel aufgerollt war. Die tiefer im Hafen vor Anker liegenden Handelsschiffe waren, bis auf ihre Größe, beinahe exakte Kopien davon. Diese waren vollzählig, die Händler des Häuptlings hatten das Glück gehabt, kein Schiff auf hoher See zu haben, als der Sturm losgebrochen war.

Das Plätschern von Rudern ließ Ronan aufblicken. Ein einzelnes kleines Boot, das Segel an der Rah befestigt, schob sich mit langsamem Ruderschlag an den Stegen entlang.

Ronan hob die Hände zum Mund und rief: »Wer fährt dort?«

Das Boot hielt mit dem Ruderschlag inne, und eine dunkle Silhouette erhob sich. »Das ist Neals Boot!« Es war jedoch nicht Neals Stimme, ein alter, weiser Fischer, der in Fagans Halle einen Ehrenplatz besaß.

»Was ist mit Neal selbst?«, fragte Ronan deshalb.

Die Pause zog sich etwas. »Er ging über Bord, gestern Abend schon, im Kjerringsund.«

Ronan nickte, die Lippen zusammengepresst. Er hatte Neal gut gekannt, in seiner Jugend war er selbst ein paar Mal auf seinem Boot gefahren. »Willkommen zu Hause«, brachte er schließlich hervor und wandte sich ab. Sein Bruder wartete.

Die Fischerstadt war still, beinahe zu still. Nirgendwo waren mehr Stimmen zu hören, obwohl mehr Lichter brannten als sonst üblich. In Nächten wie dieser schlief man entweder den Schlaf der Gerechten, wenn man zu Tode erschöpft nach Hause gekehrt war, oder man wartete in bedrücktem Schweigen auf die Rückkehr der Liebsten. Selbst in der Herberge, sonst immer ein Ort von Musik und Tanz, rührte sich nichts.

Ronan ließ die Fischerhütten hinter sich und passierte das reichere Viertel der Handwerker. Es war Häuptling Nerins Verdienst, dass in Kêr Bagbeg die wichtigsten Berufe ansässig waren, und so passierte Ronan auf seinem Weg die Langhäuser mehrerer Bootsbauer, die Hütte eines Segelmachers, das Steingebäude eines Waffenschmieds, das Langhaus zweier Bogenbauer und schließlich die Halle der Brauerei. Gerber besaßen ihre Gruben im Norden der Stadt, die Seilerbahn befand sich im Osten. Dennoch gab es genug, was die Stadt nicht hatte und von Nerins Handelsschiffen in die Stadt gebracht werden musste: Flachs oder Tuch aus dem Jütland, Eisenbarren aus Nordnorwegen, Silber aus Schweden, Pelze aus dem Baltikum, und alle wollten das Gleiche von den Bretonen aus Kêr Bagbeg: Fisch. Zwar verschiffte Nerin auch die graue, übel stinkende Ambra aus dem Gedärm geschlachteter Wale oder den ein oder anderen zur Verbannung Verurteilten, doch hauptsächlich war es der Fisch aus den so fischreichen Gewässern der norwegischen Schären und Fjorde.

Die, die das Phantom nun bedroht.

Schließlich gelangte Ronan zu den im südöstlichen Teil der Stadt gelegenen Bauernhäusern. Die Bauern des Kêrs ernährten sich von den kargen Erträgen, welche die norwegischen Böden lieferten, und waren meist noch ärmer als die Fischer. Die Gebäude hier waren deshalb kleine Rundhäuser, aus Lehm und Weidengeflecht errichtet, in denen meist eine Sippe mitsamt ihren Leibeigenen und ihrem Vieh zusammenlebte. Nichts regte sich, als Ronan vorüberging. Er war ein Tierherr. Die Tiere der Stadt kannten seinen Geruch und ersparten ihm Gebell und Geschnatter.

Derriens Hütte war ein besonders kleines Rundhaus. Er bewohnte es nur selten, wenn es ihn einmal in die Stadt verschlug, und dann auch nur für kurze Zeit. Aufgrund seines Status als Druidenfürst und Held der Trollstigenschlacht würde ihm eigentlich eine Halle zustehen, so groß wie die Ronans, doch Derrien zog die Hütte am Stadtrand vor, von wo er sich jederzeit in die Nacht davonstehlen konnte. Seit seinem letzten Besuch vor ein paar Monden hatte sich offenbar niemand mehr darum gekümmert: Die Wände der Hütte waren schräg und baufällig, dem Strohdach entströmte der süßliche Geruch nach Fäulnis. Ronan verzog das Gesicht und klopfte widerwillig an.

»Herein!«, rief Derriens Stimme.

Innen bestand die Hütte nur aus einem einzigen Raum. In der Mitte lag eine Feuerstelle, über deren Flammen ein großer, nach Met riechender Kessel hing. Links davon stand eine hölzerne Truhe, während sich rechts ein Tisch mit zwei Stühlen befand. Das Lager aus schimmelndem Stroh befand sich gegenüber dem Feuer auf der Rückseite der Hütte. Sein Bruder hatte eine Lederplane darübergebettet und schien sich nicht daran zu stören.

Derrien rollte sich vom Lager. »Da bist du ja endlich«, meinte er.

Ronan zuckte mit den Schultern. »Ich bin sofort losgegangen. Wenn es nach meiner Frau gegangen wäre, wäre ich erst morgen gekommen!«

»Natürlich.«

Sie musterten sich. Derrien hatte sich kaum verändert seit ihrer letzten Begegnung. Sein glatt rasiertes Gesicht war wettergegerbt und kantig, zu der kleinen Narbe rechts vor dem Ohr war in der Zwischenzeit keine neue hinzugekommen. Augenringe, die Ronan auch von sich selbst kannte, warfen dunkle Schatten unter die braunen Augen der Familie. Derriens braune Locken fielen ihm ungebändigt auf die Schultern, noch immer ohne die grauen Schlieren, die Ronans Haar bereits seit fünfzehn Jahren durchsetzten. Sein Körper, etwas kleiner als Ronans eigener, war weiterhin athletisch und kraftvoll. Gekleidet war er in eine lederne Hose und ein wollenes Hemd. Er sah gut aus für einen Mann von fünfundvierzig Jahren.

»Du hast dich nicht verändert«, meinte Derrien in ernstem Tonfall.

»Du auch nicht. Schön, dich mal wieder zu sehen.«

»Ja …«

Sie umarmten sich kurz. Dann ging Derrien zum Tisch. »Met?«

Ronan nickte.

Derrien schöpfte aus dem Kessel zwei Becher und reichte ihm einen davon. »Wie geht es Ergad und deinen Töchtern? Ist schon wieder eine dazugekommen?«

»Jetzt hör aber mal auf«, empörte sich Ronan, doch ein kurzes Lächeln huschte über sein Gesicht. Die Linie, der die beiden Brüder angehörten, brachte nicht viele Männer hervor. Und wenn doch einmal einer geboren wurde, wurde das mit einer Unmenge von Töchtern ausgeglichen. Die Anspielung darauf war ein alter Scherz in ihrer Familie. »Sie entwickeln sich großartig, und es geht ihnen gut. Genauso gut übrigens«, fügte er mit einem Anflug von Missbilligung hinzu, »wie unseren Schwestern. Du könntest ruhig einmal vorbeischauen.«

Derrien zuckte mit den Schultern. »Ergad muss sich furchtbar einsam vorkommen unter all diesem Weibervolk!«

»Er hat genügend Freunde im Dorf.«

»Betet er immer noch jede Nacht darum, ein Druide zu werden?«

»Nein, das hat vor drei oder vier Monaten aufgehört. Maela glaubt, dass das mit den Mädchen zu tun hat.«

Sein Bruder nickte abwesend, vermutlich dachte er an sein eigenes gestörtes Verhältnis zu Frauen. Derrien hatte nicht geheiratet. Seine einzigen intensiveren Kontakte zum anderen Geschlecht bestanden, soweit Ronan davon wusste, in unregelmäßigen Besuchen in den Bordellen der Außenwelt. Ronan konnte das nicht gutheißen, doch sein Bruder ließ darüber nicht mit sich reden. In seinem Leben, so behauptete er stets, war kein Platz für Frauen.

»Was gibt es für Neuigkeiten?«, fragte Ronan, um auf das eigentliche Thema zu kommen. Sosehr er seinen Bruder auch liebte – immer noch und trotz all der Unterschiede zwischen ihnen –, so hatte er doch Verpflichtungen zu Hause, sowohl seinen versammelten Fischern gegenüber als auch seiner Frau!

»Keine guten.«

»Das hätte mich auch gewundert. Schatten im Niemandsland?«

Sein Bruder nickte.

Derrien war Anführer der Waldläufer, einer Gruppe aus wild lebenden Druiden und ihrer Gefolgsleute, die es sich zur Aufgabe gemacht hatten, die Niemandsländer zu beobachten.

Nach dem Letzten Germanenkrieg und der Besiedelung Skandinaviens durch die Kelten gab es nicht mehr genügend Menschen, um das riesige Land zu bevölkern. Große Teile waren seither verwildert und leer und wurden von den Kelten als Niemandsland bezeichnet. Die Schatten – einst nicht mehr als eine lästige Plage – hatten angefangen, diese wilden Gebiete für sich in Anspruch zu nehmen und dort ihre menschlichen Gefolgsleute, die Fomorer, anzusiedeln. Schatten und Fomorer zusammen trugen den Namen Nain. Sie siedelten für zwei oder drei Jahre, bis sie stark genug waren, die Kelten auf dem Schlachtfeld herauszufordern. Erst vor zehn Jahren hatte es einen großen Kriegszug gegeben. Die Nain hatten in Bergen gesiedelt und waren unentdeckt geblieben, bis sie einen Feldzug nach Norden gewagt hatten. Sie hatten die Helvetier zwischen Sognefjord und Nordfjord völlig überrascht, die meisten von ihnen zu Fomorern gemacht und sie in ihre Armee eingegliedert. Sie waren weitergezogen, hatten die Helvetier des Jostedalsbreen in einer Feldschlacht vernichtet und waren nach Norden in Richtung des Romsdalsfjordes marschiert, um die Bretonen anzugreifen. Dort waren sie von Waldläufern entdeckt worden. Derrien entsandte eine Warnung zum Rat von Dùn Robert sowie nach Kêr Bagbeg, wodurch es der hastig zusammengestellten Ratsarmee gelungen war, den Feind in der Schlacht von Trollstigen abzuwehren. Derriens Warnung hatte die norwegischen Bretonen gerettet. Seitdem führte er seinen ganz persönlichen Krieg gegen die versprengten Überreste der Nain-Armee. Und jedes Jahr kam er zu Ronan, um ihn vor den Schatten im Niemandsland zu warnen. Wenn es nach ihm ginge, hätte der Rat von Dùn Robert schon lange eine neue Ratsarmee aufgestellt, um die Niemandslande zu durchsuchen.

»Diesmal ist es schlimmer«, erklärte Derrien nun. »Viel schlimmer. Wenn wir nicht bald handeln, ist die Region zwischen Sogne- und Nordfjord bald fest in der Hand der Nain!«

»Bergen liegt nicht im Einflussbereich des Rates von Dùn Robert«, erinnerte Ronan seinen Bruder. »Geh nach Dachaigh na Làmhthuigh, wenn du dort Krieg führen willst!«

»Der Rat von Dachaigh na Làmhthuigh reagiert aber nicht!«, entgegnete Derrien gereizt. »Entweder sind ihre Patrouillen blind und taub oder im Bann der Schatten! Ich war erst kürzlich in der Außenwelt und habe mich mit den Bergener Renegaten getroffen, und die sagen, dass es in der Stadt nur so von Schatten wimmelt!« Er stand auf und begann, auf und ab zu gehen.

»Hah! Renegaten!« Unbeeindruckt vom Temperament seines Bruders, nahm Ronan einen kräftigen Zug vom Met, bevor er weitersprach: »Du glaubst also lieber diesem verräterischen Pack als den Vertrauensleuten von Dachaigh na Làmhthuigh?«

»Ob ich ihnen glaube oder nicht, spielt keine Rolle!« Derrien eilte wieder zu seinem Platz gegenüber Ronan und starrte ihn an. »Ich erzähle dir etwas: In zwei oder drei Monaten wirst du in Bergen keinen Renegaten mehr finden. Sie verlassen die Stadt!«

Ronan kniff die Augen zusammen. »Sie verlassen die Stadt? Warum?« Er kannte sich nicht sonderlich gut mit den abtrünnigen Druiden aus, aber er hatte noch nie davon gehört, dass sie einer Stadt einfach so den Rücken kehrten.

»Was denkst du, warum sie gehen? Weil es in Bergen zu viel regnet? Sie haben Angst, Ronan, irgendetwas passiert dort! Sie sagen, es gibt inzwischen so viele Schatten, dass sich ihre einzelnen Schwärme schon gegenseitig zerfleischen … Außerdem haben die Renegaten ein Gerücht aufgeschnappt, das sich die Rattenmenschen erzählen. Es geht um ein großes Ritual. Überleg doch mal: Nicht einmal vom Loch Ness in Schottland sind die Renegaten geflohen, und dort gibt es einen Dämon

Langsam begannen Derriens Neuigkeiten wirklich bedrohliche Ausmaße anzunehmen. Maela hatte recht gehabt, als sie ihm Schwierigkeiten prophezeit hatte. »Was ist mit der Innenwelt?«, fragte Ronan. »Haben sie Fomorer?« Wenn Schatten Fomorer erschufen, war es ein guter Hinweis darauf, dass sich der Feind darauf vorbereitete, gegen die Kelten in den Krieg zu ziehen.

»Ich habe keine gesehen«, meinte Derrien. »Aber alles spricht dafür. Es verschwinden immer mehr Leute aus Bergen, besonders in den Armenvierteln. Spurlos. Der Nebel breitet sich aus. Dicke, graue, nach Öl und Moder stinkende Schwaden, die aus dem Nordmeer und aus dem Fjord aufsteigen. Dort könnten sie eine ganze Armee von Fomorer-Kriegern verstecken.«

»Du redest von Schattennebel?«, fragte Ronan skeptisch nach.

»Ganz recht. Schattennebel.«

Ronan fröstelte, trotz des Feuers. Das war kein gutes Zeichen. Wenn der Schattennebel in der Innenwelt auftauchte, so war es ein sicheres Zeichen dafür, dass die Außenwelt krank geworden war – er bedeutete Umweltverschmutzung, Verarmung, Verfall und Gewalt. Vor allem aber bedeutete der Nebel eines: Phantome! Von allen Ecken Europas hörte man Berichte über den Schattennebel, aber irgendwie hatte Ronan gehofft, dass das in Norwegen nicht passieren würde. Vergeblich, wie es schien.

Mit Unbehagen dachte er zurück an das Phantom, das irgendwo draußen auf hoher See sein Unwesen trieb. Wenn die Schatten so stark geworden waren, wie Derrien vermutete, erklärte das den bösen Geist, der vor der Küste sein Unwesen trieb.

»Bist du dir auch sicher, dass es Schattennebel war?« Etwas in Ronan sträubte sich noch immer, Derrien zu glauben.

»Ja. Kein normaler Nebel sollte so dunkel sein und so schlecht riechen. Ich habe etwas recherchiert. Bergen ist die Stadt mit der höchsten Schwermetalleinleitung in das Nordmeer. Die Industrie schmiert Stadtverwaltung und Regierung, dass sie die Augen geschlossen halten. Den Polizeibericht gibt es in zwei Varianten: einen offiziellen mit geschönten Zahlen, einen inoffiziellen mit den echten. Aus dem inoffiziellen lässt sich herauslesen, dass sich Selbstmordrate und Gewaltverbrechen in einem einzigen Jahr verdreifacht haben. Du weißt, was das bedeutet!«

Ronan nickte. Ja, er wusste, was das bedeutete. Es bedeutete, dass der Schatteneinfluss überhandnahm. Es bedeutete, dass es tatsächlich kein gewöhnlicher Nebel war.

Es bedeutete Krieg.

Sein Herz rebellierte bei dem Gedanken. Die Erinnerungen an die beiden Schlachten des Schattenfeldzuges hatten tiefe Narben in seiner Seele hinterlassen.

»Ich werde so schnell wie möglich zum Rat nach Dachaigh na Làmhthuigh reisen«, meinte er, ins Feuer starrend. »Vielleicht kann ich die dortigen Fürsten davon überzeugen, zu handeln, ehe es zu spät ist!«

Derrien blieb stehen, starrte ihn an. Dann lief er zum Tisch, setzte sich ihm gegenüber, griff nach seinem Arm. »Du hast noch immer nicht begriffen! Das ist nicht mehr allein das Problem des dortigen Rates! Wir brauchen beide Ratsarmeen, vielleicht sogar die Pikten aus dem Norden, um die Armee der Nain zu schlagen, die sich in Bergen zusammenbraut. Ich habe einen meiner Druiden als Kurier geschickt. Er wird versuchen, Dachaigh na Làmhthuigh klarzumachen, dass wir einem Krieg nicht mehr aus dem Weg gehen können. Ich brauche dich, um unseren Rat zu überzeugen!«

»Warum? Wenn der Rat von Dachaigh na Làmhthuigh beschließt, in den Kampf zu ziehen, werden sie schon Gesandte schicken!« Derrien konnte nicht von ihm verlangen, auch noch darum zu bitten, in den Krieg geschickt zu werden.

»Uns fehlt die Zeit!«, blaffte sein Bruder. »Wie lange braucht der Rat, um die Armee zu mobilisieren? Einen Monat? Zwei? Wir müssen kriegsbereit sein, wenn die Gesandten aus dem Süden hier eintreffen. Der Kriegszug muss stattfinden, sobald im Frühjahr die Pässe offen sind!«

»Warum? Wenn wir riskieren, so früh zu marschieren, könnten wir eingeschneit werden und viele Männer verlieren!«

»Du unterschätzt die Größenordnung, Bruder! In Bergen tummeln sich momentan mehr Schatten als in Inverness!« Seine Stimme wurde leiser. »Und du weißt, dass Inverness ein Teufelsloch geworden ist. Bergen könnte das Gleiche passieren.«

»Inverness hat einen Dämon gebraucht, um so zu werden!«, meinte Ronan.

»Ja, aber wer sagt dir, dass sie nicht einen Dämon erschaffen können, wenn sie nur stark genug werden? Oder heraufbeschwören? Niemand weiß, woher sie kommen!«

»Wenn die Schatten Dämonen erschaffen könnten, hätten sie es in den anderen Teufelslöchern bereits getan! Aber es gibt keinen Dämon außer dem in Schottland!« Als Teufelsloch bezeichneten die Kelten Landstriche, in denen sich der Nebel gelichtet hatte und ein neues, verdorbenes Antlitz zum Vorschein gekommen war. Insgesamt gab es in Europa acht solcher Gegenden, die die Kelten unter genauester Beobachtung hielten. Niemand wusste, wie und ob der Prozess rückgängig zu machen war.

»Und was ist mit den Legenden?«, bohrte Derrien weiter. »Den Drachen und Monstern aus den alten Sagen und Überlieferungen?«

Ronan schüttelte den Kopf. »Das waren Phantome, keine Dämonen! Die Schatten heute sind viel stärker als damals, und trotzdem gibt es keine Berichte über neue Dämonen. Früher waren die Schatten viel schwächer, woher hätten sie da die Macht hernehmen sollen, das Monster in Loch Ness zu beschwören? Nein, Derrien. Wenn sie es könnten, hätten sie es schon getan!«

»Willst du darauf dein Volk verwetten, Bruderherz?« Sein Bruder seufzte. »Wie dem auch sei: Ich habe auch mit anderen Renegaten gesprochen, nicht nur mit denen aus Bergen. In den letzten Wochen war ich in Hamburg und Rotterdam, in Fort William und Inverness. Sie alle haben mir eines über die Schatten erzählt.« Mit durchdringendem Blick fixierte er Ronan. »Im Frühling vermehren sie sich. Keiner weiß, wie, keiner weiß, warum. Aber sie alle haben beobachtet, dass es passiert. Willst du das abwarten? Willst du es riskieren, in der Schlacht auf noch mehr Schatten zu treffen?« Da Ronan nicht antwortete, nahm seine Stimme einen beschwörenden Unterton an. »Ich brauche deine Hilfe, Bruder!«

»Ich verspreche dir nichts, außer, dass ich darüber nachdenken werde.«

Derrien verdrehte die Augen. »Wann warst du das letzte Mal in der Außenwelt?«

Ronan zuckte mit den Schultern. »Am Anfang August, zur letzten Ratsversammlung.«

»Dann habe ich noch eine Neuigkeit für dich. Die Schatten haben eine Bohrinsel versenkt. Eine norwegische Bohrinsel, sollte ich vielleicht dazusagen. Es wird vermutet, dass die Operation von Bergen aus geplant und ausgeführt worden ist. Das Nordmeer steht vor einer Ölkatastrophe. Und weißt du, was das Beste ist? Das Öl treibt nach Westen! Die Briten werden euch bei der nächsten Versammlung die Hölle heißmachen, wenn sie die Brühe an ihrer Küste haben!«

»Ist ja schon gut!«, erwiderte Ronan gereizt. Er hatte von der Bohrinsel bereits gehört, ihm war bisher nur noch nicht eingefallen, dass das die Briten auf den Plan rufen könnte. »Ich habe doch schon gesagt, dass ich darüber nachdenken werde!«

Und er fügte in Gedanken hinzu: Und trotzdem – das ist zuerst einmal das Problem von Dachaigh na Làmhthuigh … Ronan hatte nicht vor, das Leben seiner Männer – vielleicht sogar das seines Sohns!– zu riskieren, nur weil sein Bruder aus Sorge heraus die Probleme maßlos übertrieb. Doch sein Herz war schwer. Es klang diesmal noch um einiges ernster als das letzte Mal … Und falls sich tatsächlich die Briten bei der nächsten Ratsversammlung einmischten …

»Ich verlasse mich auf dich!«, sagte Derrien. Es klang fast wie ein Flehen. Als er jedoch Ronans steinernen Blick bemerkte, zuckte er plötzlich mit den Schultern. »Sieh zu, dass du nach Hause kommst, deine Familie wartet auf dich. Denk darüber nach, was ich dir gesagt habe!«

Ronan verabschiedete sich, überrascht davon, wie plötzlich Derrien das Gespräch beendet hatte. Ob sein Bruder zornig darüber war, dass sich Ronan nicht dafür begeisterte? Den kurzen Fußmarsch zurück nach Hause verbrachte er tief in Gedanken versunken.

Wie sehr hatte er gehofft, nicht noch einmal in seinem Leben mit dem Schreckgespenst des Krieges konfrontiert zu werden … Ob es wohl doch ausreichen würde, den Rat von Dachaigh na Làmhthuigh von der Notwendigkeit eines Feldzuges zu überzeugen? Es konnte doch kaum sein, dass eine ganze Ratsarmee nicht genug war, um ein Nest der Nain auszuräuchern! Sollten die doch ihre Söhne in den Krieg schicken – sie waren es schließlich, durch deren Unachtsamkeit die Schatten so stark geworden waren!

Ronan seufzte. Der Kriegszug der Schatten vor zehn Jahren hatte Norwegen endgültig zersplittert. Vorher schon hatten die vier großen Fürstenräte – Chidhe na Muice-mara, Dùn Robert, Dachaigh na Làmhthuigh und Ceum Ceàird – kaum noch Kontakt gehabt. Die Pikten in Chidhe na Muice-mara verhielten sich genauso geheimniskrämerisch und zurückgezogen wie in ihren Stammlanden in den entlegenen Highlands von Schottland, der Rat des bevölkerungsreichen Ceum Ceàird stand viel mehr mit dem slawischen Schweden und dem britonisch besiedelten Dänemark in Kontakt als mit der norwegischen Westküste. Der Krieg vor zehn Jahren hatte nun auch den Kontakt zwischen den beiden Westküsten-Räten verschlechtert: Dùn Robert warf Dachaigh na Làmhthuigh vor, für das Erstarken der Fomorer verantwortlich gewesen zu sein, während diese die Vorwürfe über Jahre hinweg ignoriert hatten.

Und doch … Was, wenn Dachaigh na Làmhthuigh um Hilfe bitten würde? Würde der Rat von Dùn Robert sie ausschlagen? Konnte er sie ausschlagen?

Würde Ronan einen Weg finden, seinen Sohn aus einem Krieg herauszuhalten?

Als er schließlich nach Hause kam, war es schon tiefste Nacht. Die Versammlung war bereits aufgelöst, seine Gefolgsleute waren nach Hause gegangen. Maela empfing ihn mit großen Augen an der Türe. Wortlos drückte er sie an sich, wollte sie nicht wieder loslassen.

»Schlechte Neuigkeiten«, stellte sie nach einer Weile fest.

Ronan zögerte mit der Antwort. Als er schließlich doch dazu ansetzte, hob Maela ihren Zeigefinger vor die Lippen. Dann küsste sie ihn.

»Komm erst mal herein. Vielleicht gelingt es mir ja doch noch, dich irgendwie aufzumuntern.«

Erst später, als Maela neben Ronan lag, den Kopf auf seine Brust gebettet, befragte sie ihn über sein Gespräch mit Derrien.

»Mein Bruder will, dass wir in den Krieg ziehen«, erklärte er ihr mit schwerem Herzen.

»Das will er doch schon seit Jahren …«

»Diesmal ist es schlimmer.« Er fasste kurz zusammen, was ihm Derrien über die Bohrinsel und die Situation in Bergen erzählt hatte.

»Denkst du, der Rat würde sich überzeugen lassen?«

»Derriens Wort hat großes Gewicht. Er war es, der uns damals vor dem Zug der Helvetier gewarnt hatte. Der Rat wird dies nicht vergessen haben.«

Sie schwieg. Ronan lauschte in die Dunkelheit. Maelas Atem ging ruhig. Von draußen hörte er das Klappern von Tellern, wo sich seine Schwestern Aziliz und Youenna um den Abwasch kümmerten.

Maela schmiegte sich wieder an ihn. »Du wirst viel zu tun haben, nehme ich an, falls der Krieg kommt.«

Ronan nickte. »Wir müssten die Keltenglocke Andraste schlagen und die Heerschau einberufen.« Er seufzte. »Es wird so viel zu erledigen sein …« Er fröstelte. Ihm musste es einfach gelingen, Dachaigh na Làmhthuigh ohne Unterstützung von Dùn Robert in den Krieg zu schicken.

»Ich stehe hinter dir«, meinte Maela. »Du musst dich zu Hause um nichts kümmern, das weißt du. Wenn ich dir sonst irgendwie helfen kann …«

»Lass dir etwas einfallen, wie ich den Jungen aus alldem heraushalten kann, wenn es zum Äußersten kommt«, murmelte er. »Auf Trollstigen habe ich geschworen, meine Familie nie wieder einem Krieg auszusetzen. Wenn ich schon diesen Schwur brechen muss, kann ich vielleicht wenigstens unseren Sohn davor bewahren!«

Maela hob den Kopf und stützte sich auf ihren Arm. Nachdenklich sah sie ihm in die Augen. Schließlich meinte sie: »Du weißt, wie sehr er sich wünscht, es dir nachzutun … einem der Helden von Trollstigen. Ich höre ihn so oft das Lied singen.«

»Ich weiß. Aber es ist besser, ihn jetzt zu verletzen – egal, wie hart es ihn treffen wird –, als ihn später zu Grabe zu tragen. Falls es zur Schlacht kommt, wird es Hunderte von Toten geben, bevor die Schatten geschlagen sein werden!«

Natürlich wusste er, wie viel Ergad daran lag, mit ihm in den Krieg zu ziehen. Er war da genauso unvernünftig wie alle anderen Jungen in seinem Alter. Ronan war auch bewusst, wie es sich auf die Zukunft seines Sohnes auswirken würde, wenn er ihn zu Hause ließ, während alle anderen kämpften. Der Junge würde für den Rest seines Lebens ein Mensch zweiter Klasse sein, ein einfacher Seemann, auf den die Überlebenden der Schlacht herabblickten, den sie verachteten. Es würde sein Leben nicht einfach machen. Aber zumindest hätte er ein Leben! Ergad war sein einziger Sohn, und Ronan wollte ihn nicht verlieren, selbst wenn es bedeutete, ihn einer schweren Zukunft zu überlassen.

Er hörte Maela schluchzen. »Ich weiß, was er dir bedeutet! Was er uns bedeutet! Ich hatte solche Angst um dich, als auf Trollstigen die Schlacht tobte!« Sie schlang ihre Arme um ihn, stieg über ihn, küsste ihn. Er spürte ihre Tränen auf seiner Wange. »Ich will dich nicht nach Bergen lassen, hörst du? Bleib bei mir! Bleib bei deinen Töchtern und deinem Sohn! Wir brauchen dich!« Sie küsste ihn erneut, drängender. »Versprich mir, dass du bei uns bleibst! Was wäre die Sippe ohne dich?«

»Es wird nicht dazu kommen!«

»Versprich es mir!«

»Ich verspreche es!« Es war ein hohles Versprechen, geboren aus Verzweiflung und Angst.

KEELIN

Inverness, Schottland

Samstag, 31. Oktober 1998

Die Außenwelt

Keelin erwachte. Es war Nacht geworden und dunkel in der Küche des Schwesternwohnheims. Der Fernseher flimmerte mit leisem Rauschen. Er und der fies grinsende Halloween-Kürbis daneben waren die einzigen Lichtquellen im Raum. Mühsam stemmte sie sich hoch. Ihr Rücken schmerzte vom langen Liegen auf der Eckbank. Sie schaltete den Apparat ab und blies die Kerze im Kürbis aus, dann ging sie in ihr Zimmer. Sie fiel wie ein Stein in ihr Bett.

Heute war ein besonders schlimmer Tag gewesen, einer von der Sorte, wie sie sich in der letzten Zeit häuften. Zwei ihrer Kolleginnen waren nicht erschienen. Wie so oft war die anstehende Arbeit nur durch Überstunden zu bewältigen gewesen. Tamara hatte einen Nervenzusammenbruch erlitten und hatte eine Viertelstunde lang auf dem Stationsgang herumgeschrien, bis es Dr. Hoover, Elaine und Keelin gelungen war, sie in das Arztzimmer zu befördern. Tamara war fertig. Sie würde wahrscheinlich nicht wiederkommen.

Keelin befürchtete, dass ihr selbst bald das Gleiche passieren würde. Im Moment lebte sie nur noch für das Krankenhaus, war nicht in der Lage, irgendein soziales Leben jenseits der Station zu führen – und während der Arbeit war schon gleich gar nicht daran zu denken. Seit Cannich hatte sie kein Fußballfeld mehr betreten. Ihr Körpergewicht hatte den Schwellenwert für Essstörungen durchbrochen und befand sich weiter im Sturzflug.

Inverness verwandelte sich langsam, aber sicher in einen Alptraum. Keelin konnte sich noch gut daran erinnern, wie glücklich sie hier in den ersten Wochen und Monaten gewesen war. Es war eine Flucht gewesen, weg von zu Hause, weg von den Erinnerungen, weg von den Eltern und vor allem auch weg von ihrem Bruder. Der Job im Krankenhaus hatte ihr anfangs Spaß gemacht, zum ersten Mal in ihrem Leben hatte sie sich frei gefühlt. Die Bezahlung war nie gut gewesen, doch da es ihr erstes regelmäßiges Gehalt war, kam sie damit zurecht. Sie stritt sich zwar manchmal mit ihren Mitbewohnerinnen, aber das war auch alles – niemand schlug sie, niemand bedrohte sie, und nachts brauchte sie keinen Schrank vor die Zimmertür zu ziehen.

Die Arbeit wurde jedoch immer schlimmer. Immer mehr Schwestern wurden entlassen, immer mehr krank. Diejenigen, die noch kamen, taten es aus Angst um ihren Arbeitsplatz und ließen sich bis auf die Knochen schinden. Frauen wie Elaine, die dem Job immer noch positive Seiten abgewinnen konnten, wurden weniger und weniger.

Mit der Stadt war es das Gleiche. Inverness konnte schön sein, im Morgennebel oder im Sommer bei Sonnenschein. Nun aber kam der Winter, die Tage wurden kürzer, und außerdem stank es überall nach diesem verfluchten Öl. Der Ölteppich hatte längst damit begonnen, das Hafenbecken zu verlassen und in die Stadt zu kriechen. Der Fischmarkt war inzwischen bei jedem Sturm geschlossen, weil kein Mensch öligen Fisch kaufte, und als Keelin einmal bei etwas stärkerem Wind im Hafenviertel gewesen war, war sie schwarz nach Hause gekommen.

Ihr war schmerzlich bewusst, dass sie mit voller Geschwindigkeit in eine Depression schlitterte, wenn es ihr nicht gelang, sich irgendwie aus dem Teufelskreis aus Erschöpfung, Stress und Erinnerungen zu befreien. Es wäre nicht das erste Mal. Keelin hatte bereits Bekanntschaft gemacht mit dem Schreckgespenst Depression. Sie hatte es zu fürchten gelernt.

Mit letzter Kraftanstrengung gelang es ihr, die Gedanken in eine andere Richtung zu lenken. Die Träume! Noch immer träumte sie von dem Tal, und jeder dieser Besuche war Balsam für ihre Seele. Dort konnte sie sich entspannen und erholen, selbst wenn sie es bisher nicht gewagt hatte, mit den Bewohnern des Dorfes in Kontakt zu treten. Gesehen hatte sie inzwischen schon viele: Kinder, die sich rauften und zankten, beim Schwimmen im See oder beim Spielen; Frauen bei der Feldarbeit, beim Kühemelken oder beim Wäschewaschen; und Männer beim Holzfällen oder Fischen. Schon oft hatte sie sich vorgenommen, mit ihnen zu sprechen, doch bisher hatte sie jedes Mal den Mut verloren. Sie fürchtete sich davor, dass sie dadurch etwas zerstören könnte, und das wollte sie auf gar keinen Fall. Sie liebte den ständig wiederkehrenden Traum vom Loch Affric.

Doch seitdem suchten sie auch andere Träume heim, düstere Alpträume, die sie nachts mit heftig pochendem Herzen und nassgeschwitzter Wäsche aufweckten. In ihnen ging Keelin durch das nächtliche Inverness, alleine, zu einer Stunde, zu der sich kein vernünftiger Mensch auf die Straße wagte. Die Stadt wirkte noch düsterer, der Gestank des nahen Loch Ness noch übler. Und sie wurde verfolgt.

Immer.

Es begann jedes Mal mit einem merkwürdigen Kribbeln zwischen den Schulterblättern, eine ungute Ahnung, beobachtet zu werden. Sobald sie dann versuchte, sich zu verstecken oder schneller zu gehen, wurde das Gefühl der Bedrohung größer. Ihr war es inzwischen schon gelungen, einen Blick auf ihre Verfolger zu werfen, doch dieser Anblick hatte ihren Mut noch weiter sinken lassen: Es waren schemenhafte Gestalten in grauen Kapuzenumhängen, schnell, kaum wahrzunehmen in der Dunkelheit. Bisher hatte Keelin ihnen entkommen können, aber mit jeder Nacht ging die Jagd knapper aus. Es schien nur noch eine Frage der Zeit zu sein …

Diese Träume erfüllten sie jedes Mal mit einer Art Urangst, die sie nicht begreifen konnte. Keelin kannte Angst sehr gut – mit der Angst, die mit ihren Erinnerungen kam, hatte sie umzugehen gelernt. Dem Terror aber, den diese neue Art von Alptraum in ihr auslöste, war sie nicht gewappnet.

Schließlich hörten ihre Gedanken auf zu kreisen. Die Müdigkeit griff nach ihr und zog sie in einen tiefen Schlaf.

Sie träumte wieder vom Loch Affric. Kein Stern war zu sehen, kein Mondlicht drang durch den dicken Nebel, um ihr die Richtung zu weisen. Sie begann, ziellos umherzuwandern. Früher oder später würde sich der Dunst lichten, wie jedes Mal.

Und tatsächlich konnte Keelin bald die ersten Sterne über sich erkennen. Bald darauf fanden ihre Füße den Pfad, eingerahmt von Hecken, Feldern und dem kleinen Flusslauf. Es dauerte nicht lange, bis sie den See erreichte.

Der Anblick, der sich ihr dieses Mal bot, war jedoch völlig anders.

Das Wasser des Sees war pechschwarz. Um sein Ufer herum waren girlandenartige Lichterketten ausgelegt, die sich auf der Oberfläche spiegelten. Auch das Dorf war von einer solchen Lichterkette umschlossen. In seinem Zentrum brannte ein großer Scheiterhaufen. Hoch über dem Glen brannten Leuchtfeuer auf den Gipfeln der Berge. Grün leuchtende Nordlichter tanzten vor einem kalten, klaren Sternenhimmel.

Leise Trommelschläge hallten über das Wasser. Es bestand kein Zweifel, dass diese Nacht etwas Besonderes war für die Dorfbewohner. Ob sie sich wohl nackt ausgezogen hatten und nun um die Feuer tanzten? Neugierig, auch ein wenig beunruhigt, ging Keelin weiter.

Als sie näher kam, erkannte sie, dass es sich bei den Lichtern um ausgehöhlte und mit Kerzen versehene Kürbisse handelte. Sie musste beinahe lachen über die Ironie. Gerade eben noch hatte sie einen solchen Kürbis neben ihrem Fernseher stehen sehen, und nun baute sie ihr Unterbewusstsein mit ein in ihren Traum. Angewandte Psychologie, dachte sie. Die Erkenntnis nahm dem Erlebnis jedoch nichts von seiner Intensität.

Das Dorf selbst schien ausgestorben, das ferne Pochen des Trommelschlags wie der ferne Pulsschlag einer anderen Welt. Die Kürbisköpfe grinsten ihr flackernd entgegen. In der Stille und der Dunkelheit wirkten sie mehr als unheimlich.

Kindereien, ermahnte sie sich, doch das mulmige Gefühl ließ sich nicht vertreiben. Und war es nicht so, dass viele Feste früher einmal heidnische Bräuche gewesen waren? Aus den tanzenden Indianern ihrer Phantasie wurden plötzlich menschenopfernde Wilde. Ihr Herz begann, schneller zu schlagen.

Mehrere Minuten stand Keelin so da und nahm die Eindrücke dieser fremdartigen Nacht in sich auf. Schließlich jedoch bezwang ihre Neugierde die Angst. Entschlossen trat sie hinter der wild wuchernden Hecke hervor, hinter der sie das Dorf beobachtet hatte, und machte sich daran, das Dorf zu umrunden. Sie wollte sehen, woher diese Trommeln kamen.

»Stad!«, rief plötzlich eine tiefe Männerstimme. »Cò a tha ann?«

Keelin erstarrte. Sofort war die Angst wieder da, um vieles stärker als noch gerade eben. Was sollte sie tun? War sie entdeckt?

Langsam, ganz langsam ging sie in die Knie. Es war dunkel, trotz der Kürbislichter, und sie befand sich am Rand einer dornigen, wilden Hecke. Vielleicht entschloss sich ihr Rufer, sich doch getäuscht zu haben, wenn sie lange genug stillhielt?

Die Zeit erstreckte sich zur Ewigkeit. Bei den Gebäuden regte sich nichts. Doch der Ruf war auch nicht von dort gekommen … Auf der anderen Seite der Hecke vielleicht? Oder an dem Waldrand gegenüber? Regungslos versuchte sie, die Dunkelheit mit ihren Blicken zu durchdringen. Ihre Ohren waren aufs Äußerste geschärft.

Plötzlich erklang links von ihr ein kurzer Ruf, und etwas brach mit dem Geräusch berstender Äste durchs Gebüsch. Von rechts rannte eine Gestalt direkt auf sie zu. Mit der dichten Hecke in ihrem Rücken blieb Keelin nur ein einziger Fluchtweg. Sie rannte los, lief quer über die Wiese an den aufgereihten Kürbissen vorbei in das Dorf und schlüpfte zwischen den ersten beiden Gebäuden hindurch. Hinter sich hörte sie dichtauf die Schritte ihrer Verfolger, einer rief ein paar gälische Worte. Keelin hetzte in wilder Flucht durch die Siedlung. Zu ihrem Glück war hier sonst niemand unterwegs. Sollte sie sich in einem der Häuser verstecken? Aber sie hatte nicht genügend Vorsprung, um sich ungesehen abzusetzen …

Kurz darauf ließ sie das letzte der Gebäude hinter sich und erkannte vor sich den Pfad. Die Schritte hinter ihr waren zurückgefallen. Wenn sie es in den Wald schaffte, bevor ihr Verfolger um die Ecke bog … Mit aller Kraft spurtete sie über ein schmales Feld, überquerte erneut eine Kürbisreihe und erreichte den Waldrand.

Dann ging alles ganz schnell. In ihrem Augenwinkel sah Keelin eine Bewegung. Noch bevor sie reagieren konnte, schlug plötzlich etwas von rechts gegen ihren Körper. Die Wucht des Schlages schleuderte sie vom Pfad in das Unterholz, wo sie sich einmal überschlug, bevor sie unsanft von einem Busch gebremst wurde.

Ihre rechte Seite brannte wie Feuer, Sterne tanzten vor ihren Augen. Sie versuchte, sich aufzurappeln, doch für den Moment verweigerte ihr Körper den Gehorsam. Einer der Angreifer nutzte ihre Hilflosigkeit, packte sie und warf sie sich über die Schulter. Keelin strampelte und schrie, während der Mann mit ihr zurück zum Dorf lief. Als sie an den Kürbissen vorbei waren, nahm er sie von der Schulter und warf sie unsanft auf den Boden. Sie versuchte, hochzukommen. Als sie jedoch die Klinge in seiner Hand sah, in der sich der Flackerschein der Kürbisfratzen widerspiegelte, hielt sie schreckensstarr inne.

Ein zweiter Mann tauchte auf, schwer atmend. Die beiden begannen, auf Gälisch zu diskutieren. Die Angst lähmte Keelins Körper, doch ihr Verstand arbeitete auf Hochtouren. Hastig sog sie die Details in sich auf, um sich für einen Fluchtversuch vorzubereiten.

Der Kleinere der beiden, derjenige, der sie niedergeschlagen hatte, war ein wahres Muskelpaket. Er war kaum größer als sie selbst, wog aber vermutlich das Doppelte von ihr. Die Klinge in seiner Hand war lang, länger als einen halben Meter, und blitzte bedrohlich, wenn sie sich etwas bewegte. Der Größere war schlanker, doch auch seine Figur war athletisch. Er hatte einen langen Speer in der Hand. Beide trugen Vollbart, das Haar lang und wild, nur an den Schläfen zu zwei kleinen Zöpfen geflochten. Ihre Kleidung bestand aus dem schottischen Großkilt, den beide länger trugen, als Keelin es kannte, so dass er ihnen bis über die Knie reichte. Darunter hatten sie Hemden aus grober Wolle und Lederstiefel. Beide trugen ein großes, silbernes Amulett um den Hals, auf denen ein filigranes Muster zu erahnen war.

Die beiden beendeten ihren Disput. In beinahe akzentfreiem Englisch fragte der Größere: »Wie kommst du hierher?«

Sie sprechen Englisch! Ein riesiger Stein fiel Keelin vom Herzen, obwohl die Schwierigkeiten damit keineswegs aus der Welt waren. Was sollte sie antworten? Es war nicht fair, in einem Traum solche Fragen beantworten zu müssen! Denn egal, was sie sagen würde, die beiden Männer würden sich zum Narren gehalten fühlen. Und Keelin wollte niemanden zum Narren halten, der mit einem Schwert auf sie zeigte.

Was wohl passiert, wenn er damit zusticht? Ob ich dann aufwache?

Sie beschloss, es nicht auszuprobieren zu wollen. »Ich weiß es nicht …«, murmelte sie und versuchte es mit der Wahrheit. »Ich … träume euch …«

Die beiden blickten sich an. Dann nickten sie, als ob es für sie eine ganz vernünftige, normale Erklärung wäre. Der etwas Kleinere reichte ihr den Arm und meinte in breitem schottischem Akzent: »Entschuldige! Habe dich für einen Fomorer gehalten!«

Obwohl Keelin selbst Schottin war und im Krankenhaus schon ziemlich wilden Dialekten begegnet war, hatte sie Mühe, ihn zu verstehen. Seine Rs rollten wie das Donnergrollen eines schlimmen Unwetters, seine Vokale klangen nach allem, aber nicht nach Englisch.

Keelin ergriff die Hand und ließ sich auf die Beine ziehen. »Ich denke schon«, erwiderte sie und fragte sich, was wohl ein Fo-Morr war.

Der Größere stellte sich vor: »Ich bin Robb. Der Mann mit der scheußlichen Sprache heißt Malcolm. Wir sind Urquharts. Du brauchst dir keine Sorgen machen, wir sind keine Barbaren, auch wenn wir vielleicht so aussehen. Wir erwarten hier nur normalerweise keine Gäste.«

»Nur Fo-Morra, wie?« Keelin konnte ihre Zunge nicht in Zaum halten.

Die beiden blickten sich an und diskutierten kurz auf Gälisch. Schließlich ergriff Robb erneut das Wort: »Du brauchst keine Angst zu haben. Aber es ist wohl besser, wenn wir dich zu einem unserer Druiden bringen. Der weiß bestimmt mehr mit dir anzufangen als wir!«

Keelin erstarrte. Wie bekannt ihr der Ausspruch vorkam … Du brauchst keine Angst zu haben … Sie spürte, wie sich die Haare auf ihren Unterarmen aufstellten. Ein Schauer lief über ihren Rücken. Männer sagten solche Dinge, um ihre Beute in Sicherheit zu wiegen. Alles in ihr schrie danach davonzulaufen.

Doch was würde es nützen? Die beiden waren ihr körperlich überlegen und kannten sich hier besser aus. Und wohin sollte sie laufen, falls es ihr tatsächlich irgendwie gelang, die beiden abzuhängen? Bisher hatten die Träume immer geendet, bevor sie sich eine solche Frage stellen konnte. Wäre es ihr überhaupt möglich, diesen Ort aus eigener Kraft zu verlassen? Was passierte, wenn sie aus dem Tal hinauslief?

Sie wünschte sich nichts mehr als endlich aufzuwachen …

Malcolm murmelte etwas auf Gälisch. Er verschwand im Dorf und ließ Keelin mit Robb alleine zurück. Sie spannte sich an, bereit, sich zu wehren, doch Robb rührte sich nicht. »Wir warten auf Malcolm«, erklärte er nur.

Es dauerte nicht lange, bis dieser zurückkehrte. »Hier«, meinte er zu Keelin und reichte ihr ein silbernes Amulett, wie es auch die beiden trugen.

»Wozu ist das?«

»Es ist ein Schutzzauber gegen böse Geister«, erklärte Robb.

Zögerlich streifte sie sich das Amulett über. Sie war nicht abergläubisch, hielt es jedoch für sicherer, den beiden Männern nicht zu widersprechen.

Malcolm trat vor und griff nach dem Kragen ihrer Jacke. Keelin zuckte zurück, doch der Griff des Mannes war zu stark. »Ruhig, ruhig!«, versuchte Robb, sie zu beschwichtigen. »Wir tun dir doch nichts!«

Mit pochendem Herzen beobachtete sie, wie Malcolm einen Bund Kräuter mit einer großen runden Fibel an ihrer Jacke befestigte. Sie bemerkte, dass beide Männer einen ähnlichen Bund trugen. Der intensive Geruch von Thymian und Basilikum stieg ihr in die Nase, doch sie roch noch weitere Kräuter.

»Auch gegen böse Geister. Es ist gefährlich, während der Samhain-Nacht den Schutz der Kürbisse zu verlassen.«

Genau das taten sie jedoch. Die beiden Männer nahmen sie zwischen sich und folgten einem Pfad am Seeufer entlang durch die Nacht. Während sie liefen, unterhielten sich die beiden Männer leise in ihrer Sprache.

Keelins Gedanken kreisten, kreisten um Kleinigkeiten, um sich mit dem großen Problem – Was um alles in der Welt ist bloß los mit mir? – nicht auseinandersetzen zu müssen. Sie wunderte sich über das unterschiedliche Englisch der beiden, die ja offenbar demselben Clan entstammten: der eine schwer akzentuiert, der andere perfekt und völlig ohne Dialekt. Sie bemerkte, dass die Stimme Robbs öfter fragend klang, die Malcolms öfter belehrend, obwohl sie vermutete, dass sie etwa gleich alt waren.

Keelins Augen entgingen nicht die Unregelmäßigkeiten in den Kleidungsstücken der beiden: Nähte waren krumm und unregelmäßig, die Schnittführung des Tuchs unsauber. Sie war sich sicher, dass sämtliche Kleidung der beiden Handarbeit war. Malcolm, der vor ihr ging, trug das Schwert an der linken Seite in einer Lederscheide, den Holzschild, den er an der Stelle des Angriffs wieder aufgelesen hatte, hatte er über den Rücken geworfen. Darauf waren mit schwarzer Farbe die groben Umrisse eines Wildschweins gemalt.

War der Keiler nicht tatsächlich das Wappentier der Urquharts?

Sie schüttelte den Kopf. Ihr Traum wurde immer komplizierter …

Das Trommeln wurde lauter. Bald war auch ein aus vielen Männerstimmen zusammengesetzter Chorgesang zu hören, der vom Hang auf ihrer rechten Seite zu kommen schien. Sie marschierten weiter und gelangten schließlich an eine Abzweigung. Ein Pfad führte weiter entlang dem Seeufer nach Westen, während der andere nach Norden den Hang hinaufwies. Sie bogen ab, worauf der Weg einem Gebirgsbach folgend steil und anstrengend wurde. Ihren beiden Begleitern schien dies nichts auszumachen, doch Keelin musste bald schwerer atmen und langsamer gehen. Immer wieder drehte sie sich um, um die Kulisse dieser Nacht aufzunehmen, mit den Feuern auf den Gipfeln und den Kürbisringen um den See und das Dorf.

Schließlich kamen sie an den Waldrand, und es wurde klar, wohin sie unterwegs waren. Der Weg führte zum Sattel zwischen zwei mächtigen Berggipfeln, dem Càrn Eige und dem Mam Sodhail, deren Gipfelfeuer sie jetzt deutlich erkennen konnte. Etwa hundert Meter unter dem Sattel ragte eine mächtige Baumkrone auf, deren Stamm hinter Felsen verborgen war. Von dort kam auch der Widerschein eines Feuers, sowie der Trommelschlag und der Gesang. Nun hörte sie sogar, dass in den Gesangspausen eine einzelne, klare Männerstimme etwas sprach. Der Text war in Gälisch gehalten, so dass Keelin kein Wort verstand.

Malcolm blieb stehen.

»Was ist, gehen wir nicht weiter?«, fragte Keelin verunsichert.

Malcolm schüttelte den Kopf und drehte sich zu ihr um.

Keelin erschrak. Vor ihr Malcolm, hinter ihr Robb, fühlte sie sich plötzlich bedrängt. Würden die beiden nun doch noch …? Eine Woge der Erinnerungen, jahrelang verdrängt und doch keineswegs vergessen, schwappte hoch und entfachte ihre Angst zu einem lodernden Feuer.

Panik nahm von ihr Besitz, und sie trat zu.

Malcolm hatte wohl nicht mit einem Angriff gerechnet und sackte mit einem schmerzerfüllten Stöhnen in die Knie. Keelin duckte sich und entging damit Robbs zupackenden Armen, dann rannte sie davon. »Bleib stehen!«, rief Robb ihr hinterher, doch sie ignorierte ihn. Die Angst beflügelte sie. Sie hetzte den Weg zurück zum Waldrand hinab, wo sie den Pfad verließ und weiterlief. Sie hatte gesehen, dass die Kiefern an anderer Stelle beinahe den Grat erreichten, und hoffte, dort ungesehen emporklettern und das Tal verlassen zu können. Sie rannte wie eine Verrückte, strauchelte mehrmals, stürzte sogar, doch der Boden war weich und bestand größtenteils aus Kiefernnadeln, die sie vor einer Verletzung bewahrten. Die Spur, die sie hinterließ, musste sogar in der Nacht deutlich zu sehen sein, doch das war ihr egal – wenn es ihr doch nur gelang, rechtzeitig aus dem Traum zu entkommen!

Normalerweise hätte ihr ein solcher Lauf keine Schwierigkeiten machen sollen, auch nicht bergauf. In ihrer momentanen Verfassung aber besaß ihr Körper einfach keine Reserven mehr. Sie war in Kürze erschöpft und außer Atem, konnte nur noch taumelnd weitergehen, während ihr Pulsschlag in ihren Ohren hämmerte. Sie verfluchte sich dafür, nicht genügend zu essen, ärgerte sich darüber, keine Zeit mehr für ihr Fußballtraining zu haben, verwünschte ihre Arbeit, die sie so fertigmachte, dass sie, wenn sie müde nach Hause kam, nur noch den Fernseher anschalten konnte und dann davor einschlief.

Keelin kämpfte sich weiter den Berghang hinauf. Kalter Schweiß trat auf ihre Haut und ließ sie frösteln, aber ihre Angst trieb sie voran. Sie wagte nicht, daran zu denken, was passieren würde, wenn man sie einholte. Immerhin kam sie inzwischen wieder etwas besser voran: Sie hatte sich an den Untergrund und die schlechten Lichtverhältnisse gewöhnt, so dass sie nicht mehr so oft stolperte.

Ihr Pech suchte sich genau diesen Moment aus, um zuzuschlagen. Ihr Fuß traf ein Erdloch und knickte mit einem durchdringenden, schnalzenden Geräusch um. Keelin ging zu Boden. Ein höllischer Schmerz tobte in ihrem Bein und hielt sie davon ab, allzu hastig wieder aufzustehen. Mühsam brachte sie sich in eine halb sitzende Position und lauschte mit leise keuchendem Atem in die Dunkelheit.

Der Gesang und die Trommeln waren verstummt. Hatte ihr Entkommen die Zeremonie gestört? Oder war sie ohnehin zu Ende gewesen? Letztendlich war es gleichgültig – ob zwei oder zweihundert Verfolger, Keelins Flucht war vorüber.

In der Stille hörte sie den Ruf einer Eule. Ein leichter Wind rauschte leise in den Kiefern. Was Keelin nicht hören konnte, waren Schritte.

Erleichtert atmete sie auf. Sie streifte die Kiefernnadeln ab, die sich beim Sturz in ihre Hände gebohrt hatten, und untersuchte ihren Fuß. Der Schmerz hatte schon wieder nachgelassen und war einem dumpfen Pochen gewichen. Vorsichtig stand sie auf und humpelte weiter. Jeder Schritt sandte eine neue Welle aus Schmerz durch ihr Bein, und jedes Mal schien er ein wenig stärker zu werden. Besorgt setzte sich Keelin auf einen Stein und zog mit zusammengebissenen Zähnen den Schuh vom Fuß. Vorsichtig tastete sie ihn ab und stellte fest, dass er bereits angeschwollen war. Hatte sie sich nicht vorgenommen, sich hier in diesem Traum nicht zu verletzen?

Doch was sollte sie tun? Hier warten, bis sie von den Männern wieder gefunden werden würde? Vor allem Malcolm würde sich kaum freuen, sie wiederzusehen … Oder weiterhumpeln? Der Schmerz war jetzt schon kaum noch auszuhalten. Und wenn es ihr tatsächlich gelang, den Bergkamm zu erklimmen, was dann? Verließ sie mit dem Glen auch den Traum? Oder würde sie nur das nächste Glen erreichen?

Unglücklicherweise war Warten ebenfalls keine Option. Sie spürte schon die Kälte in sich kriechen. Sie fror leicht, seitdem sie so abgenommen hatte. Außerdem erinnerte sie sich an die Zeitungsartikel der letzten Winter, die von den vielen erfrorenen Pennern in und um Inverness berichtet hatten. Was konnte sie sonst noch tun? Um Hilfe rufen?

Das wäre die allergrößte Erniedrigung, jetzt noch Malcolm und Robb um Hilfe anbetteln zu müssen!

Wenn sie doch endlich aufwachen würde!

In diesem Moment machten ihre inzwischen an die Dunkelheit gewöhnten Augen eine Gestalt aus, die schräg den Hang emporstieg. Sie war recht klein und trug eine auffällige weiße Kutte, deren Kapuze sie über den Kopf gezogen hatte.

Die Gestalt bemerkte sie. Eine tiefe Frauenstimme fragte sie: »He, Kleines, alles in Ordnung?«

Keelin war etwas überrascht. Eigentlich hatte sie einen Suchtrupp erwartet … oder zumindest die beiden Männer, denen sie entkommen war. Doch eine einzelne Frau?

Sie schüttelte den Kopf. Nichts ist in Ordnung …

Die Frau zog sich die Kapuze vom Kopf und trat auf sie zu. »Ich bin die Druidin Fiona Mackenzie. Für dich Fiona.« Sie streckte ihr die Hand entgegen.

Zögerlich griff Keelin danach und schüttelte sie. »Keelin.«

Fiona war wohl – soweit sie in der Dunkelheit erkennen konnte – in mittleren Jahren und trug ihre dunklen Haare zu zwei dicken Zöpfen geflochten. Zwei weitere, kleinere Zöpfe baumelten über ihre Schläfen herab. Sie hatte ein recht rundes, pausbäckiges Gesicht und einen kräftigen Händedruck.

»Malcolm und Robb haben mir von dir erzählt. Du glaubst, dass du gerade träumst, ja?« Fiona setzte sich neben sie.

Keelin nickte schwach.

»Es ist alles recht verwirrend im Moment, stimmt’s?« Ohne eine Antwort abzuwarten, fuhr sie fort: »Es tut mir leid, dass ich dir jetzt nicht alles erklären kann. Wir müssen uns in deiner Welt treffen, dann erfährst du alles!«

»Ist das denn möglich?«

»Das ist ein Kinderspiel. Du sagst mir, wann und wo. Ich werde da sein!«

»Am Mittwoch irgendwann?«, schlug Keelin vor. Das war ihr nächster freier Tag.

»Mittwoch, ja? Sind noch einige Tage hin bis dahin. Wo bist du gerade? Wo steht dein Bett, meine ich.«

»In Inverness.«

Die Stimme der Druidin nahm plötzlich einen eiligen Tonfall an. »Dann haben wir nicht viel Zeit! Wir müssen uns früher treffen!«

»Wieso denn? Ich habe diese Träume schon seit zwei Monaten, da werden die paar Tage auch nicht weiter stören, oder?«

»Seit zwei Monaten? Bei Arduina und Tarannis! Es geht um dein Leben, Keelin! Sie suchen dich bestimmt schon!«

»Warum?«, stammelte Keelin. »Was … was passiert denn mit mir?«

»Komm mit!« Die Druidin eilte los, zurück in die Richtung, aus der sie beide gekommen waren. Keelin stand vorsichtig auf. Als sie ihr verletztes Bein belastete, stellte sie überrascht fest, dass der Schmerz wieder nachgelassen hatte. Sie humpelte Fiona hinterher, verbissen die Stiche in ihrem Knöchel ignorierend. Währenddessen sprach die Druidin weiter: »Wenn du diese Träume hast, dann besitzt du eine Aura. In Inverness wimmelt es nur von Schatten, die deine Aura riechen können. Wenn sie dich finden, erschlagen sie dich, und das ist noch das Beste, was dir passieren kann! Du musst aufwachen und fliehen, denn wenn sie dich in deinem Bett erwischen, ist es aus!« Sie hielt an und schaute sich um. Keelin rannte beinahe in sie hinein. Fiona griff nach ihren Schultern und blickte ihr eindringlich in die Augen. »Begreifst du, wie wichtig dieses Treffen ist?«

Keelin nickte verstört, ohne ein Wort verstanden zu haben.

»Dann beeilen wir uns lieber!« Fiona ging zügig weiter. »Ich gehe nicht davon aus, dass du weißt, wie du hier herauskommst?«

»Nein …«

»Keiner weiß es, wenn er noch nicht eingeweiht ist!« Der Ärger in ihrer Stimme war deutlich herauszuhören. »Die Götter könnten wenigstens das für uns regeln, Arduina und Tarannis! Immer dann, wenn es brenzlig wird, finden sie nicht mehr zurück! Einfach im richtigen Moment aufzuwachen wäre doch nicht zuviel verlangt!«

Keelin spürte, dass die Frage nicht ihr galt, und blieb still. Stattdessen konzentrierte sie sich auf den Hang, denn Fiona bewegte sich trotz der Dunkelheit schnell und geschickt und hatte schon einen großen Vorsprung.

»Nicht so schnell«, rief sie ihr hinterher.

»Beweg dich nicht vom Fleck! Ich komme zurück!«, war die kurze Antwort. Lautlos verschwand die Druidin völlig in der Dunkelheit.

Kraftlos ließ sich Keelin zu Boden sinken. Hoffnungslosigkeit machte sich in ihr breit. Sie hatte diesen Ort geliebt, und nun schickte man sie davon! Es war nicht fair! Sie spürte Tränen ihre Wangen hinablaufen, den salzigen Geschmack auf der Zunge. Sie rang mit sich, versuchte die Fassung zu behalten, doch es gelang ihr nicht. All die Verzweiflung, die Einsamkeit und Frustration, die Angst und die Erinnerungen, monate- und jahrelang angestaut, brachen sie sich ihren Weg aus ihr heraus. Sie weinte, wie sie schon lange nicht mehr geweint hatte.

Sie wusste nicht, wie lange sie so dasaß. Schließlich war das Schlimmste vorbei, und die Tränen liefen ihr lautlos über die Wangen. Dann kehrte Fiona zurück. Keelin spürte, wie die Druidin neben ihr in die Knie ging und sie mit ihren Armen umschlang. Sie legte Keelins Kopf an ihre Schulter und strich ihr mit der Hand über das Haar.

»Ich wünschte, ich könnte dir gleich helfen! Aber ich muss dich zurück in die grausame Welt schicken … Sag mir schnell einen Treffpunkt, ich oder einer meiner Leute werden dort so lange warten, bis du kommst!«

»The Wallace«, schluchzte Keelin.

»The Wallace«, wiederholte Fiona. Wortlos hielt sie sie noch eine Weile fest. Dann aber schob sie Keelin auf Armes Länge und meinte: »Du musst jetzt tapfer sein, versprochen?«

Keelin wischte sich mit dem Ärmel über die Augen und nickte.

»So ist es schon besser.« Die Druidin zog aus ihrem Mantel ein kleines Tongefäß hervor. Sie entkorkte es und reichte es Keelin.

»Was ist das? Ein Zaubertrank?«

»So etwas Ähnliches. Es wird bewirken, dass du aufwachst.«

»Und was soll ich dann tun?«

»Deine Vorfahren werden dich führen. Trink jetzt! Und sieh zu, dass du so schnell wie möglich zum Treffpunkt kommst!«

Keelin lagen noch so viele Fragen auf der Zunge … Doch der Blick der Druidin sagte ihr, dass sie von ihr keine Antworten mehr zu erwarten hatte.

Mit vor Angst zitternden Händen hob sie den Krug an den Mund und trank.

DERRIEN

Kêr Bagbeg am Romsdalsfjord, Norwegen

31. Oktober 1998

Die Innenwelt

»Derrien«, sagte Nerin, ohne sich nach ihm umzudrehen. »Ich wusste, dass du kommen würdest.« Der alte Häuptling der Bretonen saß an einem Tisch mit dem Rücken zur Tür. Er trug seinen Wolfsfellumhang und die alte Widderhornkappe, ganz so, als ob er tatsächlich Gäste erwartet hatte. Auf dem Tisch standen zwei Krüge. Es duftete nach Met und Gewürzhölzern. Von seiner Sippschaft fehlte jede Spur – vermutlich befanden sie sich auf der Insel Sekken zu den Samhain-Festlichkeiten, wo eigentlich auch Nerin hätte sein sollen.

»Häuptling Nerin …« Derrien deutete eine Verbeugung an.

»Nenn mich nicht Häuptling. Es ist schon längst an der Zeit, dass ich dieses Amt weitergebe.« Erst jetzt wandte sich der Alte zu ihm um.

Nerin sah älter aus als seine siebzig Jahre. Ein schütterer grauer Bart konnte die Sicht auf die faltige Haut darunter nicht verbergen. Große Altersflecke ergaben einen scharfen Kontrast zu seiner eigentlichen Blässe. Die Augen jedoch, kohlrabenschwarz und im Licht der Fackeln spöttisch funkelnd, zeugten davon, dass in diesem alten Körper ein noch sehr aufmerksamer Geist steckte.

»Ich hätte mehr von dir erwartet, Derrien«, stichelte Nerin weiter. »Was bist du für ein Waldläufer, dass es dir nicht einmal gelingt, dich an einen alten Mann heranzuschleichen?«

Das selbstgefällige Lächeln, das so typisch für den Häuptling war, ließ Derrien mit den Zähnen knirschen. Doch anstelle des ausfälligen Kommentars, der ihm auf den Lippen lag, zuckte er nur mit den Schultern. »Der Wächtergeist der Stadt wird Euch von meiner Ankunft berichtet haben.«

Nerin nickte. »Und du hast keine Mittel und Wege, dich vor seinen Augen verborgen zu halten?«

Innerlich verdrehte Derrien die Augen. Der Alte wollte die Verantwortung abgeben, die auf seinen Schultern lastete, wollte nicht einmal mehr Häuptling genannt werden – aber auf die kleinlichen Machtdemonstrationen seiner Position zu verzichten schien ihm schwerzufallen.

»Ich hätte vielleicht nicht an Eurem Wächtergeist vorbeischleichen können, Häuptling«, gab er verärgert zurück, »aber wenn es lebensnotwendig gewesen wäre, unentdeckt zu bleiben, so hätte ich ihn vernichten können!« Wenn der Alte Wert auf solche Spielchen legte, sollte er sie haben!

»So, meinst du das?« Nerin zog amüsiert die Augenbrauen nach oben.

»Ja, das meine ich.« Derrien verschränkte die Arme. »Mein ganzes Leben lang höre ich Euch davon sprechen, dass die germanischen Wurzeln Norwegens unsere keltischen Geister nicht erstarken lassen. Warum sollte ich dann Euren Wächtergeist fürchten?«

Der Alte ließ eine kurze Pause entstehen. Ein Windstoß fuhr durch die noch immer offen stehende Tür, zerrte an Derriens Kleidung, rüttelte an den Fensterläden und ließ das Feuer auflodern. Funken stoben in den Raum, als der Häuptling mit entseelter Stimme sagte: »Weil Samhain ist.«

Es war nicht schwer, die Taschenspielertricks zu durchschauen, die der Zauberer verwendete – dennoch erfüllten sie ihren Zweck. Samhain … Es hieß, dass zu Samhain die Verbindung zur Welt der Toten offen stand. Derrien verstand nicht genug vom Wesen der Geister, um zu wissen, wie Samhain auf sie wirkte.

Sein Schweigen schien den Alten davon überzeugt zu haben, dass er die Auseinandersetzung für sich entschieden hatte. »Setz dich und trinke mit mir!«, forderte er ihn auf. »Es ist sehr kalt draußen.«

»Kälte macht mir nichts aus«, grummelte Derrien. Dennoch rückte er den Stuhl gegenüber dem Alten zurecht und nahm darauf Platz.

»Ach ja, ich vergaß – eine deiner Eichenkräfte, die übernatürliche Zähigkeit. Nun, wo ich alt geworden bin, wäre ich gern selbst eine Eiche. Aber ich schweife ab. Wo war ich stehengeblieben? Ach ja, bei meinem Amt …«

Derrien erwiderte nichts. Er wusste bereits, worauf der Alte hinauswollte – ein solches oder ein ähnliches Gespräch hatten sie in den letzten Jahren schon öfter geführt. Stattdessen griff er nach dem Krug und nahm einen kräftigen Schluck. Der Met war warm und noch süßer, als er erwartet hatte. Zuckerte Nerin seinen Met etwa noch zusätzlich?

Der Zauberer schien zu erkennen, dass Derrien ihm bei dem Gespräch nicht weiterhelfen würde. »Du weißt, dass du der beste Kandidat bist, sowohl für den Fürstenrat in Dùn Robert als auch für meine Nachfolge.«

Derrien zuckte nur wieder mit den Schultern.

»Man könnte fast schon sagen, als ein Eichendruide ist es geradezu deine Pflicht, das Amt anzunehmen, wenn ich es dir anbiete.«

Die Arroganz, mir zu sagen, was meine Pflicht ist! Ha! Derrien spürte seinen Zorn von neuem aufwallen. »Ich bin bereits Anführer«, erklärte er. »Ihr wisst so gut wie ich, dass ich mit meinen Waldläufern da draußen im Niemandsland mehr für unsere Sicherheit tue als irgendein anderer Bretone!«

»Und ich werde das nie vergessen. Ohne dich hätte es die Schlacht von Trollstigen nie gegeben. Und trotzdem –«

»Mein Bruder wird, wenn seine Zeit gekommen ist, ein besserer Häuptling werden, als ich es je sein könnte!«

Der Alte runzelte die Stirn. »Ronan ist in manchen Dingen besser als du, zum Beispiel darin, den Zorn, den ihr von eurem Vater geerbt habt, zu unterdrücken. Er leistet gute Arbeit im Rat, er ist ein gerechterer Richter, als ich es mir bei einem Heißsporn wie dir je vorstellen könnte. Sein Pfad ist der eines Kriegers, selbst wenn er ständig versucht, auf den eines Tiermeisters umzuschwenken. Aber er ist keine Eiche. Du bist der geborene Anführer für unser Volk!«

Derriens Zorn wuchs. Er stritt oft mit Ronan – doch egal, wie unterschiedlich sie auch waren, sie waren Brüder. »Der Pfad des Tiermeisters«, rief er wütend, »hat ihn immerhin zur Wetterzauberei gebracht! Wir verlieren weniger Fischkutter an die See als die anderen Stämme, von den momentanen Problemen mit dem Phantom einmal abgesehen. Seine Nähe zum Meer erbringt uns die größten Fischfangerträge im Ratsgebiet!«

»Natürlich«, giftete der Alte. »Ich werde Ronans Wert nie unterschätzen. Er gibt den besten Landhüter ab, den man sich vorstellen kann. Aber ich brauche keinen Landhüter, sondern einen Nachfolger, und da wäre mir jemand recht, der etwas kriegerischer eingestellt ist als dein Bruder!«

Derrien biss sich auf die Lippen. Mühsam brachte er sein Temperament wieder unter Kontrolle. Seine letzten Worte hatte er beinahe geschrien, und eine solche Respektlosigkeit konnte er sich dem Häuptling gegenüber eigentlich nicht leisten. »Auf Trollstigen und am Jostedalgletscher hat mein Bruder gezeigt, wie kriegerisch er sein kann«, murmelte er.

»Ja, da hatte er auch mit dem Rücken zur Wand gestanden. Weißt du, dass er mir von sich aus nichts von deiner letzten Warnung erzählt hätte?«

Derrien fuhr auf. »Dieser Narr!« Vor einem Monat hatte er Ronan zuletzt besucht und ihn gebeten, sich mit seinem Bericht über die Schattennebel an Nerin und den Fürstenrat zu wenden. Derrien hatte jedoch die Nacht über nicht schlafen können und deshalb beschlossen, selbst mit dem Häuptling zu sprechen. Wie es schien, war es das einzig Richtige gewesen. Ronan hatte nichts unternommen.

Zum Glück ließ der Alte den Fluch gegen seinen Bruder unkommentiert. Stattdessen meinte er bloß: »Ich nehme an, dass dich auch das nicht überzeugen wird, zurück nach Bagbeg zu kommen?«

Derrien schüttelte den Kopf. »Ich kann nicht.«

Der Alte zuckte mit den Schultern und nahm einen Schluck aus seinem Krug. »Und nun«, erklärte er dann, »möchte ich wissen, warum du gekommen bist. Du warst erst letzten Monat hier, es muss einen besonderen Grund geben.«

»Meine Männer haben am Nordufer des Sognefjords zwei Fomorer aufgegriffen. Ihre Ausrüstung war sehr gut: Pferde, Nahrung für mehr als zwei Wochen, Jagdbögen, Klingen aus Eisen.«

»Kundschafter?« Nerin warf ihm einen besorgten Blick zu.

Derrien nickte. »Kundschafter.«

Er musste nicht weiterreden. Der Alte hatte genug Kriegserfahrung, um zu wissen, was das zu bedeuten hatte. Die Schatten waren stark geworden. Ein Späher so weit von zu Hause entfernt ließ darauf schließen, dass sie inzwischen eine große Menge an Fomorern zur Verfügung hatten. Einem Späher eine solche Ausrüstung mitzugeben hieß, dass es ihnen auch daran nicht mangelte. Die Schatten hatten ihre Armee bereits zusammen.

Der Alte starrte eine lange Zeit nachdenklich ins Feuer. In seinen Augen spiegelten sich die Flammen.

Derrien leerte seinen Krug und lehnte sich in seinem Stuhl zurück, mit den Gedanken bereits bei den Planungen für die nächsten Wochen. Er würde ein paar zusätzliche Männer zu Pilix schicken, der den Sognefjord beobachtete. Das Feldlager musste weiter nach Süden verlegt werden. Und er war gespannt darauf, was Quintus von seiner Patrouille am Jostedalsbreen erzählen würde. Ob er wohl auch Fomorern begegnet war?

»Dein Bruder fürchtet dich als Überbringer schlechter Neuigkeiten«, murmelte der Alte, gerade als Derrien geglaubt hatte, dass er eingeschlafen war. »Du weißt, dass er nicht unrecht hat damit.«

Derrien nickte. Er war es schließlich gewesen, mit dessen Warnung bereits der letzte Krieg begonnen hatte. »Ich tue, was getan werden muss. Das bringt selten die Anerkennung, die es verdient.« Er stand auf. »Ich werde wieder zurückreiten. Nicht dass mich die Leute hier sehen und Angst bekommen …« Der Sarkasmus in seiner Stimme war nur halb gespielt.

»Wir haben Samhain. Vielleicht solltest du dich für ein paar Stunden erholen und das Fest besuchen, bevor du zurück nach Süden in deinen persönlichen Krieg gegen die Schatten reitest.«

»Samhain … Ich mag das viele Gerede über Tod und Wiedergeburt nicht.«

»Glaubst du etwa nicht daran?«

»Ich bin nicht für den Glauben geboren. Es gibt genügend Menschen, die besser dafür geeignet sind als ich. Ich versuche, den Göttern meinen Respekt zu erweisen, indem ich ihr Volk beschütze. Dies ist meine Vorstellung von einem Götterdienst.« Er sah auf. »Und warum seid Ihr nicht dort?«

Nerin schürzte die Lippen, zögerte. Schließlich antwortete er kryptisch: »In meinem Alter macht man den Tod nicht unnötig auf sich aufmerksam.«

Derrien nickte kurz, bevor er ihm den Rücken zukehrte und davonging.

Es war eine kalte Nacht, nicht ungewöhnlich für die Jahreszeit. Ein eisiger Westwind ließ seinen Umhang flattern und zerrte an seiner Kapuze. Der Himmel war bedeckt, hielt sich jedoch mit dem Regen zurück. Derrien vermutete darin die Hand seines Bruders.

Sein Pferd schnaubte unruhig, als er sich ihm näherte. Es war ein Waldläufer-Pferd, ein kleines, weißgeschecktes Tier, das ihn nicht kannte und von den Hunden der Stadt eingeschüchtert war. Derrien legte ihm die Hand auf die Nase und flüsterte ein paar beruhigende Worte. Dann schwang er sich in den Sattel und ritt davon. Der Kette aus ausgehöhlten und leuchtenden Kürbissen um die Stadt herum schenkte er keine Beachtung. Aberglaube! dachte er abfällig und schüttelte den Kopf. Wenn es sich ein Totengeist in den Kopf gesetzt hatte, die offene Sphärenpforte von Samhain zu benutzen und zurückzukehren, würde er sich wohl kaum von etwas Gemüse aufhalten lassen! Auch auf die Brandwächter, die auf den Gipfeln der umliegenden Berge postiert waren, um auf die dort entzündeten Feuer aufzupassen, verschwendete er keinen Gedanken. Der Blick in das Feuer zerstörte sämtliche Nachtsicht, so dass für sie alles andere in völliger Dunkelheit verschwinden musste.

Während des Ritts kehrten seine Gedanken zurück zu Ronan. Es war nicht alleine die Schuld seines Bruders, dass noch immer nichts passiert war. Dass Bergen trotz des Krieges vor zehn Jahren noch immer eine Brutstätte der Schatten war, hatte Derrien schon lange vermutet. Er hätte viel früher mit dem Alten sprechen sollen …

Und natürlich hätte er Männer in Bergen selbst postieren müssen. Die Schlacht am Jostedalsbreen hatte zwar den Krieg vor zehn Jahren beendet, aber die Überreste des geschlagenen Nain-Heers hatten sich überall im Niemandsland verstreut. Wie alle anderen hatte damals zunächst auch er geglaubt, dass man nur noch die Reste abarbeiten musste. Niemand war auf die Idee gekommen, nach Bergen zu ziehen und den Herkunftsort der Schatten genauer zu ergründen. Stattdessen hatte Derrien lange Zeit damit vergeudet, hinter kleinen versprengten Nain-Gruppen herzujagen.

Erst sechs Jahre später hatte er einsehen müssen, dass das vielleicht ein Fehler gewesen war. Neue Fomorer waren aufgetaucht. Sie hatten mit den Fähren über den Sognefjord übergesetzt, der die Bergen-Halbinsel vom nördlichen Niemandsland trennte, und hatten begonnen, an dessen Nordufer zu siedeln. Erneut war er gegen sie gezogen, erneut hatten seine Waldläufer den Sieg davongetragen. Erst dann war er zum Rat von Dachaigh na Làmhthuigh gegangen und hatte sie davor gewarnt, dass Bergen noch immer verseucht war. Der Rat hatte Patrouillen eingerichtet, die die Gegend beobachten sollten, und Derrien hatte geglaubt, dass das Bergen-Problem damit erledigt war.

Dann war der Schattenlord Rushai wieder aufgetaucht, mit einigen anderen Schatten im Schlepptau. Derrien hatte auch ihn besiegt, aber seitdem war ihm klar, dass Bergen noch immer unter der Herrschaft des Feindes stand. Aber er hatte sich nicht durchgesetzt, hatte geglaubt, dass der Rat von Dachaigh na Làmhthuigh oder sein Bruder schon auf ihn hören würden …

Sein Ritt hatte ihn die Bergflanke entlang nach oben geführt, bis er schließlich den Wald hinter sich gelassen hatte. Die Aussicht auf den nächtlichen Fjord und die Feuer auf den umliegenden Gipfeln war bemerkenswert. Inzwischen war auch die Insel Sekken zu sehen, die von Kêr Bagbeg aus durch die Krümmung des Fjords verdeckt war. Die heilige Insel der Bretonen war hell erleuchtet von den Samhain-Feuern. Nur zu gut konnte er sich das Fest dort vorstellen, den Bratenduft in der Nase und die Musik im Ohr, die lachenden jungen Mädchen beim Tanze …

Er hielt inne und schloss die Augen.

Großer Adler, Herr der Himmel, Gebieter der Wolken! Luft unter Deine Schwingen und Beute in Deine Klauen! Ich bin nur ein Nichts, an den Boden gefesselt, die Weiten der Lüfte ersehnend! Gewähre mir einen Blick durch Deine Augen!

Derrien spürte, wie ihn Magie durchströmte, als er den Zauber sprach. Dann öffnete er wieder die Augen. Ein einziger Gedanke ließ die Insel plötzlich näher rücken, bis er die vielen Menschen um das Feuer herum erkennen konnte. Er sah die Musiker mit ihren Harfen und Sackpfeifen, die tanzenden Jungen und Mädchen im Kreis um die Flammen, in denen die Samhain-Fratzen verbrannt worden waren, die Druiden in ihren weißen Zeremonienkleidern. Für einen Augenblick glaubte er sogar, seinen Bruder erkannt zu haben, doch er täuschte sich – es war der Landhüter Kongar, der ihm in der unförmigen weißen Kutte ein bisschen ähnlich sah. Der sonst fröhliche, etwas verschrobene Druide hatte eine sorgenvolle Miene aufgesetzt, die diese Ähnlichkeit zu Ronan noch unterstrich – wahrscheinlich fürchtete er bei all den ungewohnten Feuern auf seiner Insel um den heiligen Hain.

Mit einem Schnauben ließ Derrien den Zauber fallen. Er hatte keine Zeit für solche Spielchen und musste weiter. Sein Ziel lag noch ein wenig weiter den Hang entlang, wo am Fuße einer aus dem Berghang aufragenden Felsnadel eine steinalte, mindestens fünfzig Meter hohe Weißtanne ragte, umgeben von einer Gruppe kleinerer Fichten.

Die Aura von Magie umspülte ihn, sobald er die ersten Bäume erreicht hatte. Dies war ein heiliger Ort. In dem Baum lebte ein alter, mächtiger Geist, der sich noch an Tage erinnern konnte, als es noch keine Wikinger in Norwegen gegeben hatte. Es war ein Wächtergeist, der dieses Heiligtum bewachte, so wie Nerins Wächter die Stadt behütete, nur ungleich stärker.

Derrien gestattete es seiner Seele, sich für einen kurzen Augenblick der Mystik dieses Ortes zu öffnen. Er sank in die tieferen Schichten der Magie und fühlte dort noch weitere, noch größere magische Entitäten neben sich auftauchen: der schlafende Geist des Berges, gegen dessen Ungeheuerlichkeit selbst die Präsenz des Baumgeistes verblasste wie ein Streichholz im Wind, und die Geister der Stürme, fern und verschwommen.

Es kostete Mühe, sich aus der Umarmung der Magie zu befreien und solch großartige Wesen hinter sich zu lassen, nur um sich wieder auf diese Welt und ihre leidigen Problemchen zu konzentrieren. Es dauerte einen Moment, bis es Derrien gelang, die Perspektive zurückzugewinnen. Dann war er wieder er selbst.

Wie alle Orte von solcher magischen Aktivität war auch dieser hier eine Pforte, durch die Druiden – und Schatten – zwischen der Außen- und der Innenwelt wechseln konnten. Derrien war jedoch nicht deshalb hierhergekommen. Diese Pforte war zugleich ein ausgezeichnetes Versteck, da nur Druiden und Waldläufer von ihr wussten.

Er stieg vom Pferd und führte es am Zügel um die Klippe herum. In deren Basis befand sich ein mit Fellen verhangener Eingang. Als er die Felle zur Seite schob, quoll ihm ein Schwall warmer, nach Pferdemist stinkender Luft entgegen.

Vor ihm öffnete sich eine geräumige Felsenhöhle. Vier Männer saßen auf dem Boden und löffelten Eintopf aus ihren Tellern. Der dazugehörige Topf hing in ihrer Mitte über einem Lagerfeuer. Derrien zählte fünf Pferde, dazu ein ganzes Sammelsurium an Decken, Sätteln, Taschen, Rucksäcken, Rüstungen und Waffen.

Zwar hatten die Kelten bisher weder Pforte noch Höhle entdeckt, aber die Germanen vor ihnen hatten sie gekannt und genutzt. Von ihnen stammten die große steinerne Pferdetränke, die eisernen Ringe, an denen die Pferde festgebunden waren, die Feuerstelle und die schwarz verfärbten Wände. Unter dem Ruß waren noch die Malereien zu erkennen, mit denen die Germanen die Höhle geschmückt hatten: Wikingerboote und Streitäxte, Drachen und Bändermuster. Doch seitdem die Germanen ausgelöscht waren, war dieser Ort verlassen. Nur Waldläufer verirrten sich noch hierher.

Die Männer sprangen auf, als sie ihn sahen. Drei von ihnen trugen graublau karierte Großkilts. Sie waren MacRoberts und hatten Derrien hierher begleitet: Sheridan, ein drahtiger pockengesichtiger Mann mit fleckig wachsendem Bart und einer beginnenden Glatze am Hinterkopf; Bryce, etwas kleiner, athletisch gebaut, mit rasiertem Kinn und wallendem Schnurrbart; und Clyde, etwas jünger und deutlich kleiner als die anderen beiden, mit Vollbart und kurzem, lockigem schwarzem Haar. Die anderen beiden trugen ihr Haar lang, doch allen dreien waren die dünnen Zöpfe gemein, die aus dem Haupthaar über ihre Schläfen herabbaumelten.

»Gut, Euch zu sehen, Herr!«, begrüßte ihn Clyde. »Ihr wart länger weg, als wir erwartet haben.«

»Ja«, brummte Derrien, während er dem Schotten die Zügel des Pferdes in die Hand drückte und sein Druidenschwert Waldsegen abschnallte. »Mein Besuch ist nicht ganz nach Plan verlaufen.« Eigentlich hatte er das Gespräch mit Nerin vermeiden wollen. Er hatte gerechnet, dass der Alte ebenfalls bei den Samhain-Feierlichkeiten auf Sekken sein würde, und deshalb eine Nachricht vorbereitet. Nun zog er das beschriftete Lederstück aus der Tasche und warf es ins Feuer.

Während sich Clyde um das Pferd kümmerte, holte Derrien aus einer Packtasche Teller und Löffel und setzte sich zu den anderen. Nachdem er sich eingeschenkt hatte, blickte er zu Alarix, dem vierten Mann.

Der Gallier trug eine Hose aus schwerer Wolle sowie eine Fellweste über einem Hemd. Er behauptete von sich selbst, siebzehn zu sein, doch Derrien schätzte ihn jünger. Seine langen Haare waren dunkelblond, sein jugendliches Gesicht war noch weitgehend verschont vom Bartwuchs.

»Alarix, ich habe Schotten hier zurückgelassen. Ich hätte nicht damit gerechnet, bei meiner Rückkehr einen Gallier zu finden.«

Der Junge verbeugte sich kurz. »Herr, Quintus schickt mich mit einer Nachricht zu Euch.«

»Quintus?« Hatte er nicht vorhin an den Helvetier gedacht? Es sah so aus, als ob er die Neuigkeiten aus dem Süden weitaus früher als erwartet hören würde. »Sprich!«, befahl er.

»Quintus hat am Fuße des Jostedalsgletschers Siedlungen der Fomorer entdeckt, Herr, und –«

Mit einer Handbewegung brachte Derrien den Gallier zum Verstummen. »Er hat was entdeckt?«, flüsterte er.

»Fomorersiedlungen …« Alarix verstummte verängstigt.

»Fomorersiedlungen, was?« Derrien war von der Frechheit der Schatten gleichermaßen erbost wie überrascht. Seine Wut schäumte über. »Fomorersiedlungen! Wie kommen Fomorer zum Jostedal? Meine Männer beobachten den Sognefjord! Die Helvetier kümmern sich um den Osten! Und trotzdem tauchen dort ganze Siedlungen von ihnen auf! Wie kommen die dahin, möchte ich wissen!« Wütend trat er gegen einen leeren Eimer, der krachend in seine Einzelteile zerbrach.

Alarix war sichtlich nicht wohl in seiner Haut. Derrien sah ihm an, dass das noch nicht das Ende der schlechten Nachrichten war. »Was gibt es denn noch? Raus mit der Sprache, niemand bestraft dich für das, was du mir zu berichten hast!«

»Quintus hat mir aufgetragen, eine persönliche Nachricht von ihm auswendig zu lernen.« Derrien nickte ihm zu, woraufhin Alarix die Augen schloss und begann:

»›Derrien,

am Jostedalsbreen treibt sich ein Trupp aus dreißig Reitern herum, der in den Dörfern Blutgeld eintreibt. Ihr Anführer trägt eine Augenklappe und hat eine große Narbe durch sein Gesicht. Sein Feldzeichen ist ein schwarzer Baum auf grünem Tuch. Lydix hat ihn als Schatten erkannt. Ich bin mir sicher, es ist Lord Rushai. Der Schwarze Baum lebt. Mein Trupp ist nicht stark genug, um ihn anzugreifen. Ich schicke deshalb einen Melder zurück und beobachte ihn weiter. Ich werde alle drei Tage einen weiteren Reiter senden, um Euch auf dem Laufenden zu halten. Gruß, Quintus.‹«

Alarix öffnete die Augen, sah zu Derrien auf. »Das war alles, Herr.«

Lord Rushai … Stimmen wurden in seinem Hinterkopf laut, flüsternde Stimmen, die Stimmen seiner Ahnen, die ihm eine ganz andere Art von Wut versprachen als die, die er gerade eben noch empfunden hatte, eine rasende Wut, die Druidenwut, die ihn alles um sich herum vergessen lassen würde … Das Angebot war verlockend, ebenso verlockend wie vorher das Angebot, sich vom Strom der Magie mitreißen zu lassen. Seine Hände ballten sich zu Fäusten, seine Zähne knirschten aufeinander. Er benötigte alle Kraft, um den Anfall niederzukämpfen und die Stimmen zum Schweigen zu bringen.

Lord Rushai … der Name brachte böse Erinnerungen mit sich. Rushai war ein alter Schatten, gefährlich und gerissen. Er war beim Überfall auf die helvetischen Siedlungen am Jostedal dabei gewesen, damals vor zehn Jahren, was den Krieg ausgelöst hatte. Auch an der Belagerung Trollstigens hatte er teilgenommen, aber bei der Feldschlacht am Jostedalsbreen hatte ihn niemand gesehen.

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