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Schattenkiller

Inhalt

  1. Cover
  2. Titel
  3. Impressum
  4. Widmung
  5. Vorspann
  6. ERSTER TEIL Enrico Mancini
  7. 1
  8. 2
  9. 3
  10. 4
  11. 5
  12. 6
  13. 7
  14. 8
  15. 9
  16. 10
  17. 11
  18. 12
  19. 13
  20. 14
  21. 15
  22. 16
  23. ZWEITER TEIL Das Team
  24. 17
  25. 18
  26. 19
  27. 20
  28. 21
  29. 22
  30. 23
  31. 24
  32. 25
  33. 26
  34. 27
  35. 28
  36. 29
  37. 30
  38. 31
  39. 32
  40. 33
  41. DRITTER TEIL Der Schatten
  42. 34
  43. 35
  44. 36
  45. 37
  46. 38
  47. 39
  48. 40
  49. 41
  50. 42
  51. VIERTER TEIL Die Tode Gottes
  52. 43
  53. 44
  54. 45
  55. 46
  56. 47
  57. 48
  58. 49
  59. 50
  60. 51
  61. 52
  62. 53
  63. 54
  64. 55
  65. 56
  66. 57
  67. EPILOG
  68. ANMERKUNGEN DES AUTORS
  69. DANKSAGUNG

Mirko Zilahy

SCHATTEN-
KILLER

Thriller

Aus dem Italienischen von
Katharina Schmidt und Barbara Neeb

 

Der erste Sinn, der ihm schwindet, kaum dass das lodernde Feuer ihn trifft wie ein Schlag, ist das Sehen. Die Wimpern verbrennen sofort mit einem Zischen, die Augäpfel pochen. Er schwankt. Die Wände drehen sich wie ein unaufhörlich saugender Strudel. Züngelnd greifen die Flammen auf die Baumwolle über, die sofort mit der Haut verschmilzt, verbrennen das Fleisch, durchtrennen die Muskeln, legen die Nerven bloß. Einer nach dem anderen schwinden die übrigen Sinne, ein schrilles Pfeifen überflutet die Trommelfelle, alles schwankt. Er bekommt keine Luft, die Flammen wabern auf seiner Kleidung, dringen in die Nasenlöcher und schlängeln sich durch den Nasengang ins Gehirn. Er öffnet den Mund, will atmen, schreien, doch das Feuer verschmort seinen Gaumen, verbrennt seine Zunge, dringt tief in ihn ein.

Unvermittelt wird er gepackt, umgeworfen, wie von einer eisigen Windbö. Dann blitzschnell eingehüllt, wie in den Kokon einer riesigen Schwarzen Witwe. Ist das die letzte Umarmung des Feuers?, kann er noch denken, bevor er auf dem Boden aufschlägt.

Der Aufprall ist hart, schmutzig, schlammig. Er kracht auf den Boden, rollt weiter, angetrieben von dieser unsichtbaren Kraft. Die heiße Haut trifft auf die Feuchtigkeit, wird zum Lehmpanzer, er ist gefangen, versiegelt in dieser Puppe aus getrocknetem Schlamm. Spürt die ersten Zuckungen, Nachbeben des Lebens, das aus ihm weicht.

Dann wird alles dunkel.

Als er aufwacht, liegt er auf der Seite. Er öffnet das, was von seinen Lidern noch übrig ist, und lässt den Blick aus seinem linken Auge ein Stück nach oben wandern. Das Display über der Tür zeigt 07:13 Uhr.

Das Atmen kostet ihn große Mühe, fortlaufende, quälende Versuche, in winzigen Dosen Luft zu bekommen. Die Haut an den Armen, im Gesicht und über der Brust ist buckelig, wie Pappmaschee. Er muss husten, reißt vor Schmerz die Augen auf. Neben sich im Schlamm, den die Flammen ausgetrocknet haben, erblickt er ein verbranntes Gesicht.

Träumt er?

Das ist ein Albtraum, ein schmerzhafter, nur allzu realer Albtraum. Sogar die Haut auf dem Kopf ist verbrannt, verdorrt. Er versucht, den Mund zu öffnen, aber als die Lippen sich voneinander lösen, drängt erneut die Hitze in ihn, füllt die Lungen, die Haut auf der Brust knackt wie Luftpolsterfolie zwischen den Fingern eines gelangweilten Kindes. Die Luft, die er schließlich einsaugt, ist flüssiges Feuer.

Das schwarz verschmierte Gesicht, keinen halben Meter von ihm entfernt, bewegt sich jetzt, kommt näher. Er sieht zu, reglos, unfähig zu reagieren. Das Gesicht neigt sich ihm entgegen, legt sich auf seine Brust und verharrt dort. Lauscht seinem unbeständigen Atem, erspürt die Schläge seines erschöpften Herzens, sekundenlang, hebt sich wieder.

Wer ist das?

Am ganzen Körper pulsiert das Fleisch, als hätte man ihn in den rauchenden Krater eines Vulkans geworfen. Er kann nicht jedes einzelne Zucken erfassen, die simultane Fülle des Schmerzes erschöpft ihn, überführt ihn seiner wahnsinnigen Verzweiflung.

Verliert er den Verstand?

Dem Mund entschlüpfen sinnlose Silben, spröde, das Gurgeln einer tonlosen, zusammengeschrumpften Stimme.

»Warum?«

Er kann nicht glauben, dass die Stimme ihm gehört. Das Gesicht erhebt sich weiter von seiner Brust, weicht zurück, wendet sich schließlich ab und verschwindet. Seine eingetrockneten Augen füllen sich mit Tränen, er kann sie sogar zählen, zwei, drei, vier, fünf. Sie rinnen die verbrannten Wangen hinunter, als schließlich ganz tief aus seiner Kehle wie aus einem schwarzen Brunnen des Schmerzes ein bizarres, singendes Stöhnen aufsteigt.

ERSTER TEIL

Enrico Mancini

1

Rom, Montag, 1. September, Nacht

Die bleiche Mondscheibe hing verschwommen über dem hohen Stahlgeflecht, während der Himmel wahre Wassermassen über die Stadt ausschüttete. Am Ufer des Tiber, zwischen den Überresten der alten Seifenfabrik Mira Lanza, schob sich ein Schatten durch das Labyrinth aus Gestrüpp. Zahlreiche Trampelpfade zeugten vom vielen Hin und Her zwischen diesem Versteck am Lungotevere Gassman und der Straße. Rasch schlich er voran, den Oberkörper gebeugt, um nicht aus den Fenstern am Viale Marconi gesehen zu werden, die in Richtung der Industrieruine zeigten.

Es war kalt an diesem Abend. Durchnässt und hungrig war er immer noch auf der Suche nach Essensresten oder ein paar Münzen. Er hatte sich weit aus seinem Unterschlupf gewagt, die Straße entlang bis zum Imbiss in der Via degli Stradivari. Doch der Regen hatte die Menschen in ihre Häuser getrieben, und so war dort an diesem Montag Anfang September kein einziger Kunde. Der fette Koch mit der roten Mütze hatte gerade an der Hintertür die letzten Züge seiner filterlosen Camel geraucht, also hatte er ihn um ein Brötchen gebeten. Mehr hatte er jedoch nicht erbetteln können, denn der andere Typ, der mit dem schwarzen T-Shirt und dem rasierten Schädel, hatte ihn angebrüllt, die Bierflasche in der Hand: »Du schon wieder? Hau ab, du Dreckszigeuner.«

Er hatte sofort auf dem Absatz kehrtgemacht, wohl wissend, dass er nicht mehr bekommen würde, aber das höhnische Gelächter und der Schlag der Bierflasche in den Rücken, kurz bevor sie auf dem Boden zerschellte, hatten ihn kurz zusammenzucken lassen. Er war Hals über Kopf auf seinen schmutzigen, dünnen Beinen durch den Regen geflohen, jedoch am Ponte di Ferro nicht gleich rechts abgebogen, wo er sich im Schutz des dichten, vertrauten Gebüschs hätte fortbewegen können. Seine Wut darüber, ohne Essen heimzukehren, war stärker gewesen als die Vernunft, und so hatte er die Brücke überquert, war auf die Schotterstraße eingebogen und schließlich zu den Metallzäunen gelangt, welche die ewigen Baustellen rund um den Flusshafen umgaben.

Der Regen nahm zu und verschleierte den Mond über dem Stahlskelett des großen Gasometers. Getroffen vom silbrigen Schein, verwandelten die Stützen, die umlaufenden Streben, die beweglichen Stahlkränze und die unverrückbaren Bolzen die hohe Metallkonstruktion in ein Ungeheuer – halb Bauwerk halb Maschine –, gehüllt in einen eisigen stählernen Mantel. Die Regentropfen daran, hängend, vom bleichen Licht erfasst, verwischten den Umriss, fast so, als gerate die bizarre, zylindrische Form in einer Drehung um sich selbst in Bewegung.

Beschützt von drei identischen, wenn auch deutlich kleineren Gasometern sowie einer Vielzahl verfallender Gebäude, wachte der Stahlkoloss über die Tiberbiegung. Hier war achtzig Jahre zuvor das größte und produktivste Industriegebiet der Stadt beheimatet gewesen, die Gasversorgungsbetriebe, das Wärmekraftwerk und das alte Zollamt, während sich auf der anderen Seite des Flusses die eingefallenen Gebäude und der Ziegelschornstein der Seifenfabrik befanden, das Getreidesilo der landwirtschaftlichen Genossenschaft und die Mühlen der Firma Biondi, die schon seit Langem nicht mehr in Betrieb waren.

Rechts fiel das Ufer ein Dutzend Meter steil ab, hinunter zu den Büschen und Bäumen, die im Moment knapp unterhalb des Wasserspiegels lagen. Nach dem sehr heißen August hatten die Regenfälle der vergangenen Woche den Flusspegel rasch ansteigen lassen, nun führte der Tiber Hochwasser. Schmutzig grün floss es voran, klatschte gegen die Uferdämme und die Pfeiler des Ponte di Ferro. Vor dem Jungen erhoben sich drei fahle Bauten mit dunklen Dachschrägen, die Fenster durch überkreuzte Holzbalken verrammelt. Er huschte eilig vorbei und auf die riesigen, sandfarbenen Gebäude des ehemaligen Großmarkts zu, wo die schlafenden Mastinos gleich wachsam und stumm ruhten.

Der Junge suchte Schutz am ersten Haus, und verschnaufte unter dem Vordach ein wenig. Er ließ seinen Blick schweifen, hinauf zu den beiden gewaltigen Stahlarmen, die sich über das Ufer hinweg bis auf den Fluss erstreckten, Verladebrücken, welche einst die riesigen Winden zum Verladen von Kohle und anderen Waren auf die Lastkräne getragen hatten.

Seine Neugier war geweckt, und als der Regen nachließ, verließ er das schützende Dach und drang weiter zwischen den im Dunkel liegenden Häusergerippen vor. Links von ihm erhoben sich zwei kleine Stahlbetontürme, auf denen gewaltige zylindrische Tanks ruhten – Eisenkonstruktionen, Gittergerüste und Wasserspeicher, deren Sinn und Zweck er nicht verstand. Die Luft war drückend, und das Atmen fiel ihm schwer, trotz der kräftigen Windböen, die irgendwo in der Ferne eine Glocke zum Schwingen brachten. Das Heulen des Windes und ein düsteres, leises Echo ließen ihn erschaudern.

Aber er hatte keine Angst, sollten die Jungs aus seinem ehemaligen Lager doch reden, diese beiden Blödmänner, mit denen er gewettet hatte, wer mehr verwertbare Reste in den Müllcontainern fand oder wie viele Autos zwischen zwei Rotphasen passieren würden. Nach dem Tod seiner Mutter hatten sie angefangen, ihn zu hänseln, und manchmal verprügelten sie ihn auch. Sie hatten ihm immer die schwierigsten Aufgaben übertragen und ihn »Hosenschisser« genannt wegen seiner Heidenangst vor den streunenden Hunden im Lager. Aber was hätte er denn machen sollen, wenn die ihn bellend verfolgten, sobald er zum Pinkeln in die Latrine ging? Deshalb war er im August aus dem Lager weggelaufen und dort unten an den Fluss gezogen. Er hatte sich im Gebüsch bei der alten verlassenen Seifenfabrik versteckt und sich dort in den drei verbliebenen Mauern eines teilweise überdachten kleinen Anbaus einen Unterschlupf eingerichtet. Innen wuchs ein großer Feigenbaum, dessen Stamm durch die eingestürzte Decke ragte. Die aschgraue, ehemals glatte Rinde trug unzählige, milchige Narben, die Spuren seines Taschenmessers, sein persönlicher Kalender. Die Feigen der unteren Zweige hatte er gleich nach seiner Ankunft gegessen, und die länglichen Blätter nutzte er als Klopapier, wenn er nichts Besseres fand. Sogar ein Bett hatte er sich gebaut, aus einer Matratze, die neben einem Müllcontainer gelegen hatte, und Laken, die er von einem Balkon am Viale Marconi gestohlen hatte.

Man konnte ihm viel nachsagen, nicht aber, dass er ein Angsthase war. Er war jetzt elf Jahre alt und lebte schon allein. Na gut, er schaffte es nicht jeden Tag, das Nötigste zu besorgen und mit vollem Magen schlafen zu gehen, aber er konnte nicht klagen. Immer noch besser, als mit einem Plastikbecher in der einen und einem schmuddeligen Heiligenbildchen in der anderen Hand an Ampeln, in der U-Bahn oder vor San Paolo fuori le mura betteln zu gehen.

Ein paar Dutzend Meter weiter blieb er stehen. Er kauerte sich hin, suchte mit einer Hand den Boden ab, bis er einen großen porösen Stein fand, einen dieser grauen. Er packte ihn und stand auf, suchte mit dem Blick nach einem Ziel, das im Halbdunkel zu erkennen war. Er straffte die Schultern, drehte sich wie ein Diskuswerfer auf dem linken Fuß einmal um die eigene Achse, holte Schwung, blieb abrupt stehen und warf den Stein kräftig ab. Er flog weit, direkt auf einen Bau zu, der in der Dunkelheit glänzte, wie eine hohe Kathedrale aus Stahl, mit zwei weißen Wasserspeichern als Kirchtürmen. Der Junge meinte zu erkennen, dass der Boden im hufeisenförmigen Innenraum aus Metall war.

Der Stein fiel, doch der Boden warf kein Geräusch zurück, nicht einmal ein helles Scheppern, wie der Junge es erwartet hätte.

Vielleicht habe ich ja etwas getroffen, dachte er in der Hoffnung, dass es kein streunender Hund war, der dort Unterschlupf gefunden hatte, oder gar ein Obdachloser an seinem Schlafplatz. Die ausgetretenen Flipflops rutschten über das schlammige Pflaster, als er auf seinen dünnen Beinen auf das Gebäude zu rannte.

Aus der Nähe wirkte es noch gespenstischer, hoch wie ein fünfstöckiges Wohnhaus, dazu vier Ecktürme und im weitläufigen Innenraum zwei Reihen riesiger Stahlflaschen. Im Inneren des hufeisernen Raumes fühlte sich der Junge an einen Brennofen erinnert, von dessen höchstem Punkt viele kleine Rohre waagrecht zu den oberen Enden der Stahlflaschen führten. Mit wenigen Schritten war er in der Mitte des Raumes, suchte aufmerksam den Boden nach dem Stein ab, fand aber nichts. Das Einzige, was er beim Gehen bemerkte, war ein schwacher säuerlicher Geruch, abstoßend und zugleich irgendwie vertraut, ohne dass er hätte sagen können, woher er rührte.

Er beschloss, alle Wände des rechteckigen Raumes abzugehen, der von zwei kurzen Seitenwänden und einer etwas längeren Rückseite begrenzt war. Er wandte sich nach links, als er in der Mitte der längeren Seite eine drei Meter hohe Öffnung bemerkte, breit wie ein Höhleneingang. Er trat darauf zu und sah sich äußerst wachsam um.

Es war die Öffnung zum eigentlichen Ofen.

Ein Blitz zuckte durch die Luft und erhellte für den Bruchteil einer Sekunde den Raum. Gleich darauf wurde der Regen wieder stärker, das Prasseln lauter. Der Junge glaubte im Lichtblitz eine Bewegung im Innern des Ofens ausgemacht zu haben. Einen dunklen Fleck, eine Augentäuschung.

Und dann sah er es.

Wenige Meter vor ihm, in der Mitte der Metallkonstruktion, lag ein undefinierbarer Gegenstand. Draußen prasselte der Regen auf das Pflaster und schirmte die Kathedrale durch eine Wasserwand von der Außenwelt ab. Ein weiterer Blitz zuckte über den Himmel, sein flüchtiger Schein jagte über die glänzenden Flächen des Raumes, erhellte das Zentrum des Ofens.

Ein Körper. Vor ihm lag ein Körper.

Der Junge erstarrte.

Sein Blick suchte in der Dunkelheit nach den Umrissen der Gestalt. Und nach einem Lebenszeichen. Es donnerte, dann erhellte abermals ein Blitz den Raum, und erst da entdeckte er in einer Ecke, nahe einer Wand aus Stahlblech, den Stein, den er geworfen hatte. Meine Güte, dachte er, ich habe den armen Kerl getroffen und ihn getötet! Er machte eilig einen Schritt auf den Körper zu, um nachzusehen, ob er noch atmete.

Vereinzelte Regentropfen fielen leise klirrend in den silbern schimmernden alten Ofen. Der Junge schluckte trocken und tat noch einen Schritt, denn er war kein Hosenschisser, und hier gab es keine streunenden Hunde. Noch ein Schritt, dann verharrte er wenige Zentimeter von dem Körper entfernt.

Der bewegte sich nicht, er musste ihn also an der Stirn getroffen haben. Er beugte sich vor, um nach einer Verletzung zu suchen. Die Gestalt war in einen blauen Sack gehüllt, verschlossen mit einem langen Metallreißverschluss, aus dem aber ein Teil des Kopfes und die Füße herausragten. Der Junge ließ seinen Blick von seinen schmutzigen Flipflops zu den Spitzen eines Paars beinahe neuer Laufschuhe wandern, die aus dem Sack hervorstachen, und machte sich dann mit flinken Fingern an das Aufknoten der Schnürsenkel. Die Schuhe waren zu groß, aber das war ihm egal.

Er würde den Sack öffnen müssen, um den Spann befreien und die Schuhe ausziehen zu können. Ohne zu zögern zog er am Reißverschluss.

Der klemmte. Er probierte es noch einmal, vergeblich. Versuchte es mit Gewalt, bis ihm mit einem Mal aufging, warum er ihn nicht aufbekam. Das Teil war schmutzig, vollkommen verkrustet. Nachdenklich stand der Junge auf.

Und plötzlich begriff er.

Ein Schreckensschauer kitzelte ihn im Nacken, lief ihm kalt die Wirbelsäule hinunter bis zum Steißbein.

Der Typ in dem Sack … Wenn er da so eingewickelt lag, konnte er ihn mit seinem Stein gar nicht getötet haben.

»Heiliger Himmel«, konnte der kleine Niko gerade noch hervorstoßen, dann wurden aus der kaum merklichen Bewegung von zuvor drei schnelle Schritte.

Und selbst der ferne Schein des Mondes erlosch.

2

Rom, Dienstag, 9. September, 08:15 Uhr

Enrico Mancini, Beamter bei der Kriminalpolizei im Revier Monte Sacro, stand in seinem Büro über seinen Schreibtisch gebeugt und blätterte im Messaggero.

Er faltete die Zeitung einmal mit seinen Fingern, die in braunen Lederhandschuhen steckten, dann beugte er sich noch weiter vor, um besser lesen zu können. Schlug die schmale schwarze Krawatte zurück, die er zu dem über die Jeans hängenden grauen Hemd trug, weil sie nun vor seinem Blickfeld baumelte. Doch er kam nicht dazu, die ersten Zeilen des Artikels zu studieren, denn in diesem Moment enterte, von Kopf bis Fuß durchnässt, ein blonder Höhlenmensch den Raum, langer Bart, die Augen so blau wie die Hose und das Hemd, das er trug. Walter Comello, der jüngste Ispettore der Kriminalpolizei.

»Haben Sie schon gehört, Commissario?«, sprudelte es aus ihm heraus. »Drüben bei San Paolo ist die Hölle los! Dort wurde eine Leiche gefunden!« Er hielt kurz inne, um Luft zu holen, wartete auf eine Reaktion, die jedoch ausblieb, und fuhr fort: »Eine Frauenleiche, brutal aufgeschlitzt.«

»Beruhig dich. Und dann erklärst du es mir«, sagte Mancini, ohne den Blick von der Zeitung zu heben.

»Offenbar eine grauenhafte Geschichte. Heute Morgen wurde auf dem unbefestigten Gelände vor der Basilika …«

»Von wem kam die notitia criminis?«

»Eine Studentin hat den Fund gemeldet. Die Leiche einer Frau, so um die vierzig, zerteilt wie ein Tier. Einmal der Länge nach und einmal quer, mit einem Kreuz in der Mitte wie bei einer Pagnotta …«

»Hör auf damit, Walter.« Mancini seufzte und atmete dann langsam aus. »Wer ist diese Studentin? Was wollte sie um diese Zeit dort?«

»Ihr Name ist Paola Arduini. Sie hat ausgesagt, vor einer anstehenden Prüfung dort zur Messe gewesen zu sein. Die Dritte Universität liegt dahinter, in Ostiense, in der Gegend wimmelt es von Studenten«, erklärte Comello seinem Vorgesetzten, der immer noch reglos vor seiner Zeitung stand.

»Du siehst jetzt erst mal zu, dass du dich mit dem Händetrockner halbwegs trocknest, und dann kommst du wieder her.«

Mancini musterte Comello eingehend, schüttelte den Kopf angesichts des traurigen Anblicks, den der durchnässte Riese bot, um dessen alte weiße Adidas-Schuhe sich jetzt zwei große Pfützen auf dem Boden ausbreiteten. Der Polizist verschwand, kehrte aber bereits fünf Minuten später zurück, die goldblonden Haare zerzaust.

»Wer ist mit dem Fall betraut?«, fragte Mancini.

»Das für die Gegend zuständige Kommissariat.«

»Na dann«, Mancini legte eine Pause ein und warf seinem Untergebenen einen Blick zu, »betrifft uns die Sache wohl kaum, wir sitzen schließlich auf der anderen Seite von Rom.«

»Man kann nie wissen …« Comello grinste verschwörerisch.

Ispettore Comello, das Faktotum der Station – Fahrer, Computerfreak, Vertrauensmann und wenn nötig Schläger –, kannte Mancini nur zu gut. Comello war dreißig Jahre alt, arbeitete seit zwei Jahren als Ispettore bei der Polizei, was die beiden goldenen Fünfecke auf der Epaulette seiner Uniform bezeugten, die er ausschließlich zu offiziellen Anlässen trug. Er hatte Mancinis Karriere schon zu seiner Zeit als einfacher Streifenbeamter verfolgt und diesen Profiler aus dem eigenen Haus für seine internationalen Erfolge bewundert. Nach seiner Beförderung war er im Polizeirevier Monte Sacro gelandet, demselben, in das Enrico Mancini sich vor anderthalb Jahren, als seine Frau erkrankt war, hatte versetzen lassen, um näher an seinem Wohnort zu sein. Kurz gesagt, Comello kannte die verschlungenen Pfade, die den Commissario menschlich wie beruflich in dieses kleine Revier geführt hatten.

Einen Moment herrschte Schweigen. Das kalte Neonlicht des Raumes schien von den vergilbten und mit grauen Flecken überzogenen Wänden regelrecht aufgesaugt zu werden. Zu den wenigen Einrichtungsgegenständen im Raum gehörten ein Papierkorb in einer Ecke und ein altes Ledersofa, das irgendein längst pensionierter Beamter beschafft hatte. An der Wand hinter Mancinis Schreibtisch befanden sich ein Polizeikalender und das Foto des Staatspräsidenten, auf dem Tisch ein alter Computer und drei grüne Aktenmappen.

Als an der Tür das gedämpfte Geräusch von Fingerknöcheln auf Holz erklang, wandten sich die beiden Männer gleichzeitig der Türöffnung zu, aus der die schwere Stahltür entfernt und an die benachbarte Wand gelehnt worden war.

In der Öffnung stand Caterina De Marchi, Ispettrice und zudem die Fotografin des Reviers. Klein und zierlich, mit kupferrotem Haar und tiefgrünen Augen und schlank aufgrund jahrelangen, frühmorgendlichen Joggens.

»Cate«, begrüßte Comello sie.

»De Marchi«, sagte Mancini beiläufig.

»Wir können jetzt los, zum Haus von Dottor Carnevali.« Caterina De Marchis Versuch, Blickkontakt mit Mancini aufzunehmen, scheiterte.

An diesem Morgen stand der Ortstermin in Mauro Carnevalis Villa an, einem als vermisst gemeldeten Chirurgen. Fünfundfünfzig Jahre alt, geschieden und Vater eines Sohnes, war er alleiniger Bewohner eines imposanten Landhauses in der Nähe von Rom. Er arbeitete im Poliklinikum Gemelli, wenn er nicht Patienten in seiner Privatpraxis in Parioli empfing. Er hatte keine Hobbys und verreiste nie, die Medizin war, wie man so sagt, seine Lebensaufgabe. Am Morgen seines Verschwindens hätte er eine Operation durchführen sollen, war aber nicht im Krankenhaus erschienen. Die Stationsschwester auf der Onkologie hatte beständig versucht, ihn auf seinem Handy zu erreichen, jedoch immer nur ein Freizeichen als Antwort erhalten.

All das stand in der Akte mit der Aufschrift »Vorgang Carnevali« auf dem Schreibtisch des Commissario. Was nicht in der Akte stand, sich aber wie mit flammenden Buchstaben in Mancinis Hirn gebrannt hatte, war die Tatsache, dass durch eine seltsame Laune des Schicksals Carnevali der behandelnde Arzt … nein, der Arzt gewesen war, der versucht hatte, Marisas Krebserkrankung zu behandeln.

»Wir warten im Wagen auf Sie«, sagte Caterina und verließ den Raum.

»Noch ein Kaffee, dann komme ich«, rief Mancini ihr hinterher. Comello wartete in der Tür auf ihn.

Mancini stand vor der Kaffeemaschine, als das schrille Klingeln des altmodischen Bakelitapparats auf seinem Schreibtisch die Stille durchbrach. Ungläubig und verärgert wandte Mancini sich um und warf einen Blick auf die Uhr an der Wand. Zwanzig nach neun.

»Ja?«, blaffte er in den Hörer. Nickte, lauschte eine Weile schweigend und legte schließlich auf. Dann strich er sich mit den Fingerspitzen über die Lider und sagte knapp, ohne Comello anzusehen: »Das war Questore Gugliotti. Er hat mich ›gebeten‹, Commissario Lo Franco bei den Ermittlungen zu unterstützen. Erst einmal rein informell …«

Comellos Antwort kam schnell: »Ich wusste es, Dottore. Ich wusste es.«

»Lass das.« Aus Mancinis dunklen Augen war jeder Glanz gewichen. »Ich muss los. Dann müsst eben ihr zwei den Ortstermin in Carnevalis Haus erledigen.«

»Zu Befehl«, antwortete Comello.

Mancini hatte dem nichts hinzuzufügen. Er wandte sich um, trat ans Fenster, schob mit zwei Fingern die Jalousie beiseite und sah hinaus.

Es regnete.

Seit Tagen litt Rom unter einem lähmenden Regen. Schmutzwasser, grau wie der Himmel, aus dem es herabströmte, überflutete die Via Nomentana, seit die unzureichenden Abwasserkanäle der Hauptstadt sprudelnd überliefen. Die Kanalschächte konnten die ungeheuren Wassermassen nicht mehr aufnehmen, Abfälle und Papiermüll trieben die Straße entlang, wo sich der Verkehr, gesättigt von Kohlenmonoxyd, wildem Hupen und Fluchen, wie eine riesige Raupe auf der breiten Hauptverkehrsader vorwärtsschob. Der Aniene war am Ponte Nomentano über die Ufer getreten und hatte, begleitet von unermüdlichen Strudeln, eine schmutzig gelbe Farbe angenommen.

Diese meteorologische Tortur wird die Römer kaum in die Knie zwingen, dachte Mancini, schließlich haben sie im Laufe der Jahrhunderte gelernt, sich nicht mehr über irgendetwas zu wundern, sondern stattdessen lieber zu fluchen und weiterzumachen. Allerdings war das Wetter gerade dabei, Einfluss auf seine persönliche Stimmung zu nehmen. Tief in seinem Inneren spürte er, wie sich das inzwischen gewohnte Grau in das Schwarz der schlimmsten Momente verwandelte. Das ihn bald in eine seiner Krisen hineinziehen würde.

Er war gerade dabei, sich dies einzugestehen, als seine Beine sich wie von selbst auf die lederne Aktentasche zubewegten, die am Fuß des Schreibtischs lehnte. Er bückte sich, und seine Hand glitt automatisch hinein.

Sie war da. Er wusste es.

Mancini richtete sich auf, lauschte einen Augenblick, bis er sicher war, allein zu sein. Er seufzte, presste die Augen fest zu und hob den Hals der immer noch eisgekühlten Flasche an seinen Mund.

3

Rom, Dienstag, 9. September, später Vormittag

Um elf Uhr betrat Commissario Enrico Mancini mit seinen eins siebenundachtzig, den ausgeblichenen Trenchcoat eng um den Leib geschnürt, gemächlichen Schrittes die Polizeiwache des Reviers Garbatella, jenen hässlichen ockergelben Betonklotz im rationalistischen Stil, dessen einfallslose Geradlinigkeit für den jetzigen Verwendungszweck wie geschaffen schien.

Mancini fischte ein Päckchen Kaugummi aus der Tasche seiner Jeans, riss es auf und schob sich einen Streifen in den Mund. Commissario Lo Franco erwartete ihn schon in seinem Büro mit den zwei roten Sesseln und Zimmerpflanzen in jeder Ecke.

»Dario.«

»Enrico, wie geht’s?« Sein Gegenüber musterte ihn durch die Gläser seiner rechteckigen Brille.

»So lala.« Mancini ließ sich in einen der Sessel vor dem Schreibtisch fallen. »Ich arbeite am Fall des vermissten Dottore Carnevali«, sagte er, augenscheinlich mehr zu sich selbst.

»Ich habe davon gehört.« Lo Franco richtete den linken Bügel seiner Brille, der mit Klebeband befestigt war.

»Aber es gibt nichts Neues, von einer Spur ganz zu schweigen«, fuhr Mancini fort. »Hier, sieh dir das an.« Er holte den Messaggero aus der geräumigen Tasche seines Trenchcoats und zeigte Lo Franco die Schlagzeile der Lokalseite.

RÖMISCHER CHIRURG VERSCHWUNDEN
ENTFÜHRUNG ODER LIEBESFLUCHT?

»Wenn die nichts zu schreiben haben, saugen sie sich eben was aus den Fingern.« Lo Franco kniff seine kleinen dunklen Augen unter dem spärlichen roten Stoppelschopf zu jenem schroffen Ausdruck zusammen, der so typisch für ihn war.

»Du weißt, warum ich hier bin, oder?«

»Klar, Gugliotti hat mich angerufen.«

»Und – was hat er dir gesagt?«, fragte Mancini trocken.

»Ich soll dich vorübergehend mit rumschnüffeln lassen. Aber, na ja … Wenn es ganz dumm läuft und das nur der Anfang ist, wirst du demnächst sowieso bis zum Hals mit drinstecken«, warnte Lo Franco.

Mancini ließ seine Lider für einen Moment entspannt ruhen, dann riss er sie wieder auf und zwinkerte mehrfach heftig, wie bei einem plötzlichen Tic. »Es tut mir wirklich leid für die arme Frau, aber es gibt keinen Hinweis darauf, dass es sich um die Tat eines Serienmörders handelt.«

Commissario Lo Franco musterte seinen ehemaligen Teamkollegen. Die schwarzen Locken, die die Ohren halb bedeckten, die hohen Wangenknochen über dem dreieckigen Gesicht, das in einem Grübchen in der Mitte des Kinns auslief. Er wirkte müde, verbraucht, als wäre er über Nacht gealtert. Der kürzliche Tod Marisas nach fünfzehn gemeinsamen Jahren hatte ihn offensichtlich in ein anderes Leben katapultiert. Davon zeugten auch die kleine graue Strähne ganz oben auf dem Kopf sowie einige Falten unter den Augen und die trockenen Lippen, die Mancini auch jetzt wieder befeuchtete. Ein Leben, in dem er sich ganz offensichtlich nicht wohlfühlte.

»Und – wie geht es dir? Du siehst müde aus«, sagte Dario.

»Lass uns keine Zeit verlieren.« Mancini trat auf den Freund zu und nahm ihn am Arm, woraufhin dieser keine andere Wahl hatte, als aufzustehen. »Sag mir, was du über diese Frau weißt, und dann schauen wir, ob ich dir helfen kann.« Er hielt inne, zog die Handschuhe straff bis über die Handgelenke, dann schob er die Akte auf die andere Seite des Schreibtischs und setzte sich wieder, dieses Mal in den anderen Sessel.

Lo Franco beobachtete ihn, fasziniert von den geschmeidigen Bewegungen des Kollegen, die ihn an eine große Raubkatze erinnerten. Er kommentierte es jedoch nicht, sondern setzte sich in den Sessel, den vor einer Minute noch Mancini belegt hatte. »Na gut.« Mit einem Seufzer hob er die Akte an. »Ich habe hier eine erste Rekonstruktion des Tathergangs.«

Mancini schlug die Beine übereinander und beugte sich vor.

»Wir wissen schon einmal, um wen es sich handelt, denn das Opfer hatte seinen Personalausweis bei sich. Nora O’Donnell, eine Irin. Und wir wissen auch, dass sie in einem Pub in Santa Maria Maggiore gearbeitet hat. Einer der Beamten am Fundort ist Stammgast dort und hat sie wiedererkannt«, erklärte Lo Franco seinem Gegenüber sichtlich zufrieden. »Außerdem haben wir herausgefunden, dass Nora O’Donnell sich gestern Abend, also am achten September, in der Nähe der ENI-Zentrale im Stadtviertel EUR aufgehalten hat. Am See.«

»Sie wurde dort von den Straßenhändlern gesehen.«

Dario sah Enrico ungläubig an. »Woher weißt du …«

Marokko, Bangladesch, Pakistan, Ukraine. Die Straßenhändler aus sämtlichen Winkeln der Erde und nunmehr über die ganze Stadt verteilt waren die eigentlichen Augen und Ohren, vor allem aber der Mund Roms. Das wusste Mancini nur zu genau, hatte er im Austausch gegen einen wertvollen Hinweis doch selbst schon hier und da ein Auge zugedrückt, wenn es um eine abgelaufene Aufenthaltsgenehmigung oder nicht ganz regelkonforme Lizenz ging.

»Erzähl weiter.«

»Also, es scheint nicht so, als hätte jemand versucht, sich ihr zu nähern. Sie ist einfach verschwunden, wenn man so will.«

»Haben wir die Zeugenaussagen der Straßenhändler? Hast du einen von deinen Männern hingeschickt?«

»Ja, aber dabei ist nichts rumgekommen. Außer, dass sie die Frau auf der Fotokopie ihres Personalausweises wiedererkannt haben, die wir ihnen gezeigt haben. Diese Leute muss man schon auf die Wache bringen, damit sie reden. Sie haben Angst, deshalb sagen sie nichts.«

»Verstehe, sie wollen nicht als Spitzel dastehen.« Mancini führte die Hand ans Kinn. »Wie ist sie gestorben?«

»Laut vorläufigem Bericht ist sie erwürgt worden. Sie verlor das Bewusstsein, als der Mörder sie an den Haaren schleifte. An der rechten Schläfe fehlt eine Haarsträhne.«

»Und?«

»Das ist alles. Vielleicht hat er sie in einem Wagen weggebracht.«

»Und dann?«

»Dann … dann hat eine Studentin sie auf dem unbefestigten Gelände neben der Basilika tot aufgefunden.«

»Einzelheiten bezüglich des Auffindens?«

»Die Leiche wurde heute Morgen um 06:50 Uhr entdeckt. Sie war mit einer beigen Jacke bekleidet, die zugeknöpft war und die Verstümmelung verbarg.« Lo Franco entnahm der Akte vier Fotos und hielt sie Mancini hin. »Ein Kreuz: ein senkrechter Schnitt, der unter dem Kinn ansetzt und bis zur Scham geht, der andere verläuft waagerecht von der Milz bis zur Leber. Beide Schnitte wurden sorgfältig genäht. Kurz gesagt: Nachdem er getan hatte, was er wollte, hat unser Mann sich offensichtlich gedacht, doppelt hält besser, und sowohl die Schnitte als auch die Jacke ordentlich verschlossen.«

»Was aber wollte er?«, fragte Mancini leise.

»Ins Blaue gesprochen würde ich sagen, dass es sich um ein Ritual handelt.« Lo Franco reckte das Kinn und richtete den Blick nachdenklich auf einen Punkt an der Zimmerdecke. »Der Mund ist mit Angelschnur zugenäht und die Zunge wurde … an der Wurzel ausgerissen. So steht es im Bericht: ausgerissen. Die Zunge wurde nicht bei der Leiche gefunden. Sie ist also verschwunden«, schloss er ein wenig verlegen. Dann schüttelte er langsam den Kopf und fügte, kaum hörbar, fast wie ein Geständnis, hinzu: »Ich habe so etwas hier bei uns noch nie gesehen.«

»Kann ich mir vorstellen«, antwortete Mancini ebenso gedämpft.

Und das stimmte, Italien war schließlich nicht Amerika. Rom war nicht Wisconsin und dieses Grauen war nicht das Werk eines Serienkillers wie Ed Gein. Trotzdem war Mancini immer wieder verblüfft, wie fassungslos Menschen waren, was die Existenz von Serienkillern oder den Anblick verstümmelter Leichen oder brutaler Morde im Fernsehen betraf. Für ihn galt das nicht. Schon lange nicht mehr. Die jahrelange Arbeit bei der UACV, der Einheit zur Analyse von Gewaltverbrechen, das Studium der Kriminalpsychologie bei Professor Carlo Biga und seine Fortbildung im Bereich Criminal Profiling in Quantico, Virginia, dazu die Leidenschaft für forensische Anthropologie, die er mit seinem früheren Dozenten teilte, hatten Mancini zu einer in Italien beinahe einzigartigen Kapazität auf seinem Gebiet gemacht. Einst war er stolz auf diesen Status gewesen. Aber diese Zeit gehörte einem Leben an, das Lichtjahre entfernt war.

Es erstaunte ihn, dass selbst seinen Kollegen angesichts solcher Verbrechen die Worte fehlten. Dem armen Dario ging es anscheinend nicht anders. Doch was wusste er schon vom Grauen? Wenn es eben nicht um einen einzelnen Tod ging, einen Auftragsmord, ein Eifersuchtsdelikt, sondern um Tod, der nicht in der Einzahl daherkam, Morde, die nach Plan verübt und zelebriert wurden. Was wusste er über das Gehirn wahnsinniger Verbrecher, über deren Scharfsinn, Strategien und Rituale? Über den durchdringenden Verwesungsgeruch, der einem beim Betreten eines Schuppens entgegenschlug, der sich in ein Schlachthaus für menschliches Fleisch verwandelt hatte? So riecht die Hölle, dachte er jedes Mal, wenn er ihn wahrnahm.

Also, was konnte er schon von ihm erwarten? Dario war achtundvierzig, seit dreißig Jahren im Dienst, seit fünfundzwanzig mit Donna aus Lafayette, Louisiana, verheiratet. Ein Familienmensch, Vater von George und Lucy, achtzehn und dreizehn Jahre alt. Häuschen samt Schäferhund, winzigem Garten und ordentlich zwischen zwei Weiden gespannter Hängematte, ganz in der Nähe der Wache. Er war immer noch derselbe wie früher, hatte sich nicht sehr verändert, außer vielleicht, dass ihm inzwischen ein paar Haare fehlten. Ein sanfter Mann, der trotzdem beherzt eingreifen konnte, wie Mancini von ihrer gemeinsamen Zeit bei der Drogenfahndung wusste. Er hatte vonseiten seines Kollegen immer eine Art Neid gespürt, wenn auch wohlwollend, wegen der Karriere, die Enrico bis in die Vereinigten Staaten gebracht hatte. »Grüß mir meine Heimat«, hatte Donna jedes Mal mit diesem harten amerikanischen T gesagt, wenn sie sich alle vier auf eine Pizza am Viale di Trastevere trafen.

Marisa saß dann am oberen Ende des Tisches – er sah sie regelrecht vor sich –, in einem edlen Rollkragenpullover. So wie im Dezember, vor einem Jahr. »Eine Capricciosa, oder?«, hatte sie ihn neckisch gefragt, da sie wusste, dass Enrico immer das Gleiche wählte. Sie bestellte in der Pizzeria stets nur gefüllte Reiskroketten und Stockfischfilet und hatte sich über Lo Franco lustig gemacht: »Pizza isst man mit den Händen, Commissario!«

Mancini versuchte, die Erinnerungen abzuschütteln, konzentrierte sich auf die Fotos in seiner Hand. »Abgesehen von ihrem Ausweis und den Tatsachen, dass sie in einem Pub arbeitete und am See gesehen wurde, wissen wir nichts über diese Frau? War sie verheiratet? Hatte sie Kinder? In welchem Umfeld hat sie sich bewegt?«

Lo Franco blätterte in einem roten Büchlein nach seinen Notizen. »Sie lebte schon ewig in Italien, fast zwanzig Jahre. Unterrichtete auch Englisch an einer kleinen Privatschule. Hinter ihrem Ausweis lagen eine Zugangskarte und ihr Unterrichtsplan. Sie hat seit Beginn des Sommers dort gearbeitet. Das ist alles.«

»Okay.«

»Bis jetzt haben wir nichts Weiteres gefunden.«

»Verstehe.« Mancini legte das Kinn zwischen Daumen und Zeigefinger.

»Einer unserer Männer kümmert sich darum, vielleicht stößt er ja noch auf etwas. In ein paar Tagen wissen wir mehr.«

»Wer war am Fundort?«

»Ein Streifenwagen mit zwei Beamten.«

»Und dann?«

»Wurde ich informiert und habe den Bereich sofort absperren lassen.«

»Hast du mit jemandem im Polizeipräsidium gesprochen?«

»Ja, mit dem Leiter der Bereitschaftspolizei.«

»Und die Staatsanwaltschaft?«

»Kam eine Stunde nach dem Fund der Leiche.«

»Wer?«

»Dottoressa Foderà.«

»Giulia Foderà?«

»Hm … attraktiv, oder?«

»Sie macht ihren Job sehr gut«, fertigte Mancini ihn kurz ab.

»Freust du dich, dass sie dabei ist?«

»Ja«, gab Mancini zu.

»Wirklich?«

»Ja, wirklich, denn dann braucht ihr mich nicht.«

»Aber Gugliotti …«

»Giulia Foderà wird sich zeitnah um die Ermittlungen kümmern, und ich kann ich mich dann wieder auf den Fall Carnevali konzentrieren.«

Lo Franco schien bestürzt, was Mancini jedoch ignorierte. »Welche Untersuchungen hat die Staatsanwältin angeordnet?«

»Vor Ort waren die Leute und Fotografen von der Spurensicherung, mit irgendwelchem Hightech- Spielzeug, die …«

»Wer noch?«, drängte Mancini.

»Der Gerichtsmediziner natürlich.«

»Wen hat man geschickt?«

»Rocchi.«

»Gut.« Mancini stand auf und verabschiedete sich mit einem Winken seiner behandschuhten Finger. »Ich geh kurz bei ihm vorbei und sehe mich dann mal am See im EUR-Viertel um, damit der Polizeipräsident Ruhe gibt. Das hier nehme ich mit«, schloss er und nahm ein Passbild von Nora O’Donnell vom Schreibtisch.

Kurz darauf war er durch die Tür. Lo Francos »Okay, ich halte dich auf dem Laufenden« verhallte in der Leere seines Büros.

4

Rom, Dienstag, 9. September, 14:00 Uhr

»Woran ist sie gestorben, Antonio?« Mancini überflog zerstreut die beiden Seiten des Computerausdrucks.

»Gute Frage. Kann ich dir im Moment noch nicht sagen. Tut mir leid. Mehr als das hier habe ich nicht.«

Gutachten Nr.346: Obduktion, durchgeführt von Dr. Antonio Rocchi am Leichnam von Nora O’Donnell, geboren am 05.03.71 in Cork, Irland.

[…] Der Leichnam weist zwei Schwellungen auf, eine in Höhe des Nackens und eine an der rechten Schläfe. Der Mund wurde mittels eines transparenten Nylonfadens mit sieben Stichen durch die Lippen zugenäht. In der Mundhöhle wurde die Zunge an der Wurzel ausgerissen. Die Leiche wurde an allen behaarten Stellen rasiert – Kopf, Scham, Achseln, Wimpern und Augenbrauen. In Anbetracht der Präzision, mit der sowohl der schmale Längsschnitt vom Schambein bis zum Kinnansatz als auch der tiefe Schnitt von rechts nach links von der Leber bis zur Milz auf Höhe des Nabels durchgeführt wurden, wurden die Wunden vermutlich mit einer sehr scharfen, aber leichten Schnittwaffe zugefügt. Die inneren Organe – Leber, Pankreas, Gallenblase, Dünn- und Dickdarm sowie der Zwölffingerdarm – wurden mit großer Präzision aus dem Körper geschnitten, wenn auch nicht von geübter Chirurgenhand. Beide Schnitte wurden vernäht, sodass der Leichnam […]

»Ich brauche mehr«, unterbrach Mancini seine Lektüre. Er kaute heftig auf seinem Kaugummi herum, der die Luft mit scharfem Zimtgeruch erfüllte, und blickte vom Obduktionsbericht auf.

»Wir können mittlerweile verschiedene Dinge ausschließen.« Rocchis Lächeln entblößte einen abgebrochenen Schneidezahn in der oberen Reihe, und seine schwarze Lesebrille war ein Stück den Nasenrücken hinuntergerutscht. »Es wurde keine sexuelle Gewalt ausgeübt, außerdem weist die Leiche keine Kampfspuren auf, es gibt keine Hämatome oder Abschürfungen in Folge eines Sturzes oder eines Handgemenges, zum Beispiel aufgrund eines versuchten Diebstahls.«

»Okay, aber was gibt es Auffälliges? Algor? Livor? Rigor?«

»Bei meinem Eintreffen, das war um 7:40 Uhr, habe ich sofort rektal die Körpertemperatur ermittelt. Der algor mortis lag bei 28,7° C.«

»Wie lange war sie tot?«

»Ungefähr neun Stunden. Der rigor mortis scheint dies zu bestätigen.«

»Und wie sieht es mit der Hypostase des Leichnams aus?«, fragte Mancini.

»Was die livores mortis angeht, so scheint die Lippenfarbe von Nora O’Donnell, die ins Hellbraune ging, meine Hypothese zu stützen.«

»Totenflecken?«

»Ja, sicher. Während der Obduktion habe ich zweierlei Verfärbungen unterschiedlicher Ausprägung bemerkt. Das Blut hat sich schwerkraftbedingt durch das Gewebe nach unten abgesetzt.«

»Die Veranlagung zum Abstieg …«, flüsterte Mancini und schloss dabei unmerklich die Lider.

»Was?«

»Ach, nichts. Das habe ich irgendwo gelesen.«

Rocchi musterte Mancinis Gesicht in Sekundenschnelle von oben bis unten. Was er sah, gefiel ihm nicht. »Hey, sollen wir eine Pause machen?«

Mancini durchfuhr plötzlich eine Art Schauder, zumindest kam es Rocchi so vor, doch dann hob er den Kopf, als wäre er aus einem Albtraum erwacht. »Also bestätigen die Totenflecken, dass sie post mortem bewegt wurde?«

»Ja, genau«, antwortete Rocchi. »Zuerst hat sich das Blut auf der rechten Seite abgesetzt, auf die sie wahrscheinlich direkt nach dem Tod gelegt wurde. Dann am Rücken. Das war die Position, in der die Leiche gefunden wurde.«

»Jetzt müsste man nur noch wissen, wie sie dahin gekommen ist.«

»Was meinst du?«

»Zwischen dem EUR, wo sie zum letzten Mal lebendig gesehen wurde, und San Paolo, wo sie tot aufgefunden wurde, liegen in etwa vier Kilometer. Und zwischen dem Verschwinden der Frau und dem Auffinden ihrer Leiche sind acht oder neun Stunden vergangen …«, sagte der Commissario nachdenklich. Dann sah er auf. »Ich muss noch zu dem See. War das alles?«

»Bis jetzt ja. Bei der ersten Untersuchung fällt vor allem eins auf: dass, wer auch immer sie umgebracht hat, so reißerisch wie in einem billigen Thriller vorgegangen ist. Sie wurde wie ein Tier aufgebrochen …«

»Das klingt vielleicht makaber, aber alles in allem handelt es sich doch um das normale Werk eines verrückten Kriminellen«, unterbrach Mancini ihn. »Und dann?«

»Dann hat er sie wieder zugemacht.«

»Das habe ich gelesen …«

»Er hat zuerst den Längsschnitt durchgeführt und erst danach den Querschnitt, mit dem er ihren Bauch geöffnet hat. Dabei ist er ziemlich präzise vorgegangen, aber auf der vertikalen Schnittlinie sind ein paar Punkte zu sehen, kleine Bereiche …«

Mancini schluckte trocken, das Blut rauschte in seinen Ohren. »Das sind doch vermutlich die Stellen, an denen die Nadel oder was auch immer die Haut durchbohrt hat, oder?«

»Ja, aber … Vielleicht sollte ich dir das besser zeigen, lass uns mal nach drüben gehen.« Rocchi zeigte in Richtung Autopsiesaal, stand auf und ging voran.

Mancini rührte sich nicht. Er war nicht zum ersten Mal in einer solchen Situation oder an diesem Ort. Und er hatte bereits Dutzende toter Menschen gesehen, verstümmelte, verbrannte, ertrunkene, ohne jemals auch nur mit der Wimper zu zucken. Der Tod ist die natürlichste Sache der Welt und jedem Lebewesen auf dieser Erde beschieden, hatte ihm sein Vater von Kindesbeinen an eingeschärft. Aber warum war er dann in diesem Moment wie gelähmt?

Der Gerichtsmediziner prüfte mit einem Blick über die Schulter, ob der Commissario ihm folgte, doch der brachte nur zwei leise Worte hervor: »Lieber nicht.«

»Aber …«

»Ich kann nicht. Es tut mir leid. Ich schaff das einfach nicht.«

Im gleichen Moment kramte Mancinis Gehirn eine entlegene Erinnerung hervor. Sie dachte, sie wäre allein im Haus, stand vor dem Spiegel. Der nackte Oberkörper. Die Narbe an der linken Brust. Er hatte sie nur überraschen wollen, war aber wie gelähmt stehen geblieben, hatte sich mit den Blumen in der Hand und einem eingefrorenen Lächeln auf dem Gesicht im Spiegelbild gesehen. Marisa hatte sich bedeckt, als hätte er sie noch nie nackt gesehen, als wären sie nicht intim miteinander. Und da hatte Mancini begriffen, dass die Krankheit sie verändert hatte. Bei der Operation war ihr nicht nur ein Stück Haut und Gewebe entfernt worden, sondern auch ein Teil ihrer Weiblichkeit, ihrer Identität.

Rocchi kam zurück. »Ich versteh schon, Enrico.«

»Das bleibt unter uns, okay?«

»Natürlich, mach dir keine Gedanken. Aber es gibt da etwas, das du dir ansehen musst.« Rocchi trat neben den Tisch, zog eine Schublade des Metallcontainers auf und holte dann ein iPad heraus. »Das benutze ich bei der Arbeit. Ich habe am Fundort ein paar Aufnahmen gemacht und dann die Obduktion gefilmt. Keine Angst, ich will dir nur ein Detail zeigen.«

Mancini trat neben seinen Freund, der eine Datei öffnete.

»Hier.« Rocchi deutete auf mehrere dunkle Stellen vom Brustbein an aufwärts, die sich deutlich auf Nora O’Donells extrem heller Haut abhoben.

»Was ist das?«

»Siehst du das? Kleine nekrotische Bereiche rund um die Einstiche, in denen die Naht … nicht ganz so säuberlich ist. In Höhe des Thorax weisen die Hautränder einige Ausfransungen auf.«

»Warum?«, fragte Mancini knapp.

»Das kann ich dir nicht sagen. Es sieht so aus, als sei die Haut … gedehnt worden.« Rocchi unterstrich seine Antwort mit einer Handbewegung, als würde er einen Stoff spannen.

»Na klar. Aber da ist noch etwas«, fuhr Mancini fort, der plötzlich wieder ganz bei der Sache war.

»Was?« Rocchi schaltete das iPad aus.

»Du hast geschrieben, dass die inneren Organe mit großer Präzision aus dem Körper geschnitten wurden. Was bedeutet das genau?«

»Das bedeutet, dass der Mörder exakte Schnitte zwischen den einzelnen Organen ausgeführt hat. Die Organe sind nacheinander entfernt worden und dann …« Der Gerichtsmediziner fuhr sich mit der Zunge über die Lippen.

»Und dann was?«

»Wieder an ihrem Platz eingesetzt worden.«

Mancinis Augen glitten über den Bericht, als suche er dort nach einer Bestätigung für Rocchis Worte. »Und warum sollte jemand sie erst herausschneiden, um sie dann wieder an ihrem alten Platz einzusetzen?«, fragte er stirnrunzelnd.

»Das kann ich dir nicht sagen, aber seltsam ist es auf jeden Fall. Sollte ein Täterprofil erstellt werden, könnte das vielleicht nützlich sein.«

Mancini stieß einen Seufzer aus, der für Rocchi eher resigniert als wirklich verärgert klang, und widersprach: »Es gibt keinen Serienmörder. Das ist ein Einzelfall, Antonio.«

»Du lehrst mich doch immer, dass auch unsere Mörder es in sich tragen, oder?«, warf der Gerichtsmediziner ein, in dem Versuch, die Stimmung aufzulockern.

Doch die Gesichtszüge des Commissario wurden hart, und sein Blick verschwand hinter einem Schleier, der seinen Augen die typische onyxdunkle Strahlkraft nahm. »Ich habe nichts, was ich irgendjemanden lehren könnte.«

Rocchi wich ein Stück zurück und hob entschuldigend die Hände: »Schon gut, Enrico. Kehren wir zu den Fakten zurück. Eins steht auf jeden Fall fest: Nachdem unser Freund sie aufgeschnitten und all diese hübschen Sachen gemacht hatte, wurde ihm die Haut knapp, die nach derartigen Schnitten normalerweise nachgibt und entspannt.«

»Da haben wir doch den Grund für die nekrotischen Bereiche rund um die Nahtstellen.«

»Vielleicht. Meiner Meinung nach musste er die beiden Ränder unter Kraftanwendung zusammenziehen, nachdem er die Organe zurück an ihren Platz gesetzt hatte und alles wieder zumachen wollte. Die Stiche waren sehr fest, weil er Angelschnur verwendet hat, und haben die Haut eingerissen, sodass sich diese dunklen Stellen gebildet haben. Das ist für mich die einzig plausible Erklärung.«

»Aber wenn ich dich recht verstanden habe, tappen wir völlig im Dunkeln, was das Motiv betrifft.«

»Ja. Und wie ich schon sagte, ist es zu früh für die Bestimmung der Todesursache.«

»Wie lange brauchst du noch, Dottore?«

»Der Bericht ist noch nicht ganz fertig. Um Genaueres sagen zu können, muss ich letzte toxikologische Untersuchungen durchführen, außerdem eine genaue Gewebeuntersuchung. Ich sag dir sofort Bescheid, wenn ich etwas habe.«

»Ruf mich an. Ich mach mich wieder an Carnevali.« Mancini schnaubte verärgert. »Diese Sache hier sollte mich eigentlich gar nichts angehen, aber Gugliotti hat mich dazugerufen …«

»Du bist eben eine Berühmtheit, Enrico. Und das weißt du auch. Wenn der Polizeipräsident dich dabeihaben will, bedeutet das, dass die Ermittler mehr dahinter vermuten. Vielleicht eine richtig große Sache …«

»Vielleicht auch nicht.« Mancini schwieg einen Moment. »Aber falls es wirklich so ist, wie du sagst, dann laufen bei der UACV eine Menge fähiger Leute rum.«

»Bei der UAVC laufen eine Menge fähiger Experten zur Ermittlung von Gewaltverbrechen herum, aber meiner Meinung nach fehlt ein Profiler wie du.«

»Richtig«, sagte Mancini. »Deiner Meinung nach.«

5

Über dem mittleren Torbogen packt ein geflügelter Genius den Stier bei den Hörnern, um ihn zu Boden zu zwingen. Hinter dem beeindruckenden steinernen Eingangsportal werden die niedrigen Gebäude von Reihen quadratischer Laternen gesäumt. In früheren Zeiten wurden sie vom weiter unten am Tiberufer gelagerten Gas gespeist, aber inzwischen sind sie nicht mehr in Gebrauch. In dieser Nacht erleuchtet nur der matte Schein des hinter Dunstschleiern verborgenen Mondes den alten Schlachthof von Testaccio.

In der Schlachthalle werden die Vorrichtungen zum Aufhängen der Fleischstücke von zehn gusseisernen Säulen getragen. Über den drei kleinen Ställen erstrecken sich die Dachstuhlsparren in regelmäßigen Reihen, darunter stützen massive Verstrebungen aus Doppel-T-Stahlträgern die Wände. Durch die breiten Lünetten und das Oberlicht gleitet ein schwacher Lichtschein über die metallene Rohrbahn, erhellt die Ketten und Haken daran.

Auf den Innenseiten der dicken gelben Vorhangwände, die fast bis zum Boden reichen, markieren schmale Travertinfliesen die Sockel der Wände sowie die Schwellen und Pfosten der Türen.

Er ist da.

Der bärtige kleine Mann stöhnt, zieht die Nase hoch. Schaut nach oben, folgt mit dem Blick der Schiene, die sich durch das alte Gebäude zieht. Er steckt eine Hand in die Kutte, fingert nach dem Zettel, findet ihn, faltet ihn auseinander und führt ihn dicht vor die Augen. Liest noch einmal, was er mit zittriger Schrift notiert hat: »1 Uhr, Brühstation der Schweine«.

Ja, er ist am richtigen Ort. Er ist dem breiten Weg entlang der Wasserspeicher gefolgt, hat sich zum Schutz vor dem Regen unter dem von massiven Betonpfeilern gestützten Vordach gehalten. Die Stimme am Telefon hat ihn erschreckt. Die Stimme einer Frau, rau, von Tränen gebrochen. Sie wirkte sehr jung, fast kindlich. Da konnte er nicht Nein sagen.

Obwohl er das hier in seinem Alter eigentlich nicht tun sollte. Sondern ins Kloster zurückkehren. Seine Füße in den engen Ledersandalen schmerzen, aber das ist nicht wichtig, das kann er ertragen. Er wird bestimmt nicht lange brauchen, sie zu überzeugen.

Die doppelflügelige Tür ist zugeschwungen, wie die eines Saloons, und immer noch nicht zur Ruhe gekommen. Als kleiner Junge hat er diese alten Western geliebt, die Pferde, die zwischen Kakteen und Steppenhügeln dahingaloppierten. Dann kam der Abschied von den Eltern, das Priesterseminar, im Herzen der Herr und gemeinsam mit Ihm ein langer, steiniger Weg.

Seitdem ist viel Zeit vergangen, er ist nicht mehr derselbe, aber wie viele unschuldige Leben hat er doch retten können, indem er mit dem heiligen Wort zu ihren Herzen vordrang. Und wie viele hat er auf dem Totenbett begleitet, sie zum letzten Mal getröstet und gesegnet. Girolamo ist seit vielen Jahrzehnten Franziskanermönch und mit sich im Reinen, trotz seines Alters und der damit einhergehenden Beschwerden.

Der Ort ist seit Langem ungenutzt, und es stinkt fürchterlich. Eine Mischung aus Brackwasser und totem Fleisch verpestet die Luft innerhalb der Mauern. Wie viele arme Tiere mögen hier durchgetrieben worden sein, denkt er. Für einen Augenblick meint er fast, sie sehen zu können, an den Haken hängend, wie sie ihr Leben durch die Schnauze aushauchen.

Wieder wird er in die Vergangenheit katapultiert.

Er erinnert sich genau. Es war der dritte Januar, der Tag des Schweineschlachtens. Wie jedes Jahr, gemeinsam mit den Onkeln und Tanten und Cousins und Cousinen. Ein Tag voller Blut und Euphorie, alle hatten ihre Rolle in diesem Ritual des Schreckens. Dazu der Gestank des aufgebrochenen Fleisches, die alte Schüssel mit den Schweineabfällen und der saure Geruch des Rotweins. Dann der Rausch des Festes, gepaart mit einer wilden, unnatürlichen Trauer.

Das war, bevor Mama und Papa und seine Schwester Elena von ihm gingen. Durch den Verkehrsunfall. An einem Sonntag, auf dem Rückweg von einer Woche Strandurlaub. Er lächelt bei dem Gedanken an den Urlaub, die Familie war nicht häufig am Meer gewesen. Sie stammte aus einem kleinen Ort im Valnerina, und wenn die Eltern im Juni mit ihm und seiner Schwester aus ihrem kleinen umbrischen Dorf an die Strände der Marken fuhren, war das etwas ganz Besonderes. Und dann war da der Hügel gewesen, ein Lastwagen, der ins Schleudern geriet, und der stechende Harzgeruch des riesigen Baumstammes, der den Wagen so abrupt zum Stehen gebracht hatte.

Nur er hatte überlebt. Er hatte sich die Nase, die Handgelenke und die Knie gebrochen. Die Zeit danach war nichts als Leere. Abgesehen von der Erinnerung an das Seminar. Lange, glückliche, auch verzweifelte Jahre. Bis zur Erleuchtung, zu jenem Geschenk des Glaubens und der Hoffnung, die wieder in ihm aufstieg. Jesus hatte ihn aus der Einsamkeit gerettet, und er wiederum hatte ihm sein Leben geweiht, um Gutes zu tun.

Er kontrolliert auf der Armbanduhr von Papa die genaue Zeit. Fünf vor eins.

In diesem Moment ist er nur ein alter Franziskanermönch, der sich vorgenommen hat, ein weiteres Leben zu retten. Vielleicht das letzte Mal. Und wieder einmal, wie so oft, eine Abtreibung zu verhindern.

Aber nun ist er so alt, dass ihm die Schmerzen in den Handgelenken und den Knien, die ihn einst nur bei Wetterwechseln plagten, einfach keine Ruhe mehr gönnen. So alt, dass die Augen sich mit der Abendlektüre der Heiligen Schrift schwertun. So alt, dass die Ohren das leichte Flattern der Fledermaus auf dem Dach des Heuschobers nicht mehr wahrnehmen.

Genauso wenig wie das leise metallische Geräusch hinter ihm.

Klirr.

»Phase eins.«

Ein erstickter Laut und gerade genug Zeit für die Wahrnehmung der Bewegung und den Versuch, sich umzudrehen. Dann die Flammen der Hölle, die seine Schultern durchstechen und in den Nacken eindringen. Ein blendendes Licht hinten in den Augen, ein Rauschen in den Ohren und schließlich vollkommene Schwärze.

»Betäubung und Ruhigstellung«, beendet die monotone Stimme die Aussage, die der alte Mann nicht mehr hören kann.

6

Rom, Dienstag, 9. September, 16:00 Uhr

Als Mancini das Kellergeschoss des Gerichtsmedizinischen Instituts in der Poliklinik verließ und die Treppe mit der abblätternden gelben Farbe hinaufstieg, wurde er unverhofft Zeuge des einzigen sonnigen Moments der ersten Septembertage.

Er schirmte die Augen ab, die bereits hinter einer getönten Ray-Ban verborgen waren, schnaubte unwillig und sah sich suchend nach der U-Bahn-Station der Linie B um.

Fünfundzwanzig Minuten und zwölf Haltestellen später stieg er an der Station EUR Fermi aus und ging langsam die nasse Freitreppe bis zum Platz beim Viale America hinauf. Zu dieser Tageszeit wirkten die Verkaufsstände verlassen und trostlos mit all den Taschen, billiger Kleidung, bunten Ohrringen und sonstigem Schmuck.

Mancini näherte sich dem erstbesten Pakistani, gab vor, sich für einen orangefarbenen Schal mit aufgedruckten Sonnen und schwarzen Giraffen zu interessieren, den er durch die behandschuhten Finger gleiten ließ, und suchte dann weiter.

Er nahm zwei Schachteln mit Räucherstäbchen in die Hand, legte die eine zurück und führte die andere zur Nase. Dann fragte er den jungen Kerl mit der Nike-Basecap, der ihn von der anderen Seite des Stands beobachtete: »Was macht das?«

»Zwei Euro, Chef.«

Mancini griff in die Tasche und holte einen Zwanziger heraus. Legte ihn auf den Tresen und starrte den jungen Mann kurz an. »Der hier ist für dich, wenn wir uns kurz unterhalten können. Fünf Minuten.« Dann zückte er seinen Dienstausweis und deutete mit dem Kopf zum Lieferwagen, in dem der Händler die Ware aufbewahrte. Der junge Mann stand auf und folgte ihm schweigend.

»Ist schon jemand vorbeigekommen und hat Fragen gestellt?«

»Ich nix wissen.«

»Ist auch nicht so wichtig. Hast du gestern Abend hier eine Frau gesehen? Eine mit Sommersprossen, roten Haaren, großen grünen Augen? Sie trug einen Rock und eine beige Jacke. Sie wurde gesehen, wie sie dort drüben am See spazieren ging. Hier, das ist sie.« Er zog das Foto hervor. »Ich will wissen, ob du sie gesehen hast und ob jemand bei ihr war.«

»Ich sie nicht gesehen«, antwortete der Pakistani, wich seinem Blick aber aus.

»Sicher?«

»Kasim.« Der junge Mann zeigte auf einen Landsmann zwei Stände weiter.

»Wer, der da? Der weiß etwas?«

»Ja. Hat gesehen.«

»Behalt das Geld.«

Der junge Mann lief zu seinem Stand und steckte den Schein schnell in eine Holzkiste, die mit einem geschnitzten Brotlaib verziert war. Der Commissario trat auf den anderen fahrenden Händler zu.

»Kasim.« Mancinis Ansprache an den hageren großen Kerl mit den kurzen, ein wenig grau melierten Locken war kurz. Der Mann war Mitte vierzig, trug weiße Jeans und einen dünnen blauen Baumwollpulli. Der Händler zwinkerte seinem jungen Kollegen zu, der ihn soeben verraten hatte, und wandte sich mit einem »Ja, Chef?« Mancini zu, der sich zum zweiten Mal an diesem Nachmittag mit dieser Anrede konfrontiert sah.

»Ich brauche eine Information. Dein Freund da drüben sagt, dass du gestern Abend eine Frau gesehen hast, die hier in der Nähe spazieren gegangen ist.«

»Nix Prostituierte, Chef.«

»Nein, das weiß ich. Sie war ein bisschen kleiner als du, hatte grüne Ballerinas an und eine beigefarbene Jacke. Und rote Haare, an die wirst du dich doch wohl erinnern.«

Der Pakistani wurde ernst: »Weiß nicht, Chef. Ich gesehen Frau mit rote Haare, ist am Abend hier gekommen.«

»Ist sie das?« Mancini zeigte ihm das Foto.

Kasim hielt das kleine Foto unter das Licht der Neonröhre. »Ja, das sie.«

»Gut. Um wie viel Uhr war das?«

»Nach Arbeit. So zehn.«

»Wo war sie, als du sie gesehen hast?«

»Ich schon gesagt andere Polizist. Da hinten … und dann runtergegangen zu See.«

»Wo? Zeig es mir.«

Der Händler kam hinter seinem Stand hervor und ging zu einer Stelle, von der aus man den unteren Platz vor der U-Bahnstation überblicken konnte. Mit seinem knochigen Finger deutete er auf das Labyrinth aus Hecken und Kirschbäumen zwischen dem ENI-Gebäude und der von den feinen Nadeln des Nieselregens gekräuselten Wasseroberfläche.

»Da.«

»Und was hast du gesehen?«

»Nix, Chef. Nur Frau, die dort lang gehen nach Treppe. Dann sie geht nach rechts, hinter Bäume. Vor Glaspalast. Dann weiter.«

»Der Japanrundweg«, murmelte der Commissario verblüfft.

Dort standen sie, die Bäume von Marisa, schoss es ihm durch den Kopf. Ihre japanischen Zierkirschen. Wie hätte er die Nachmittage Ende März vergessen können, an denen sie unter diesen rosabeladenen Ästen dort hanami, das Kirschblütenfest, gefeiert hatten. »Der prunus serrulata«, sagte sie jedes Mal mit vorgetäuscht belehrendem Ton, »ist eine schwache Pflanze und wegen ihrer kurzen Lebensdauer für die Japaner das perfekte Sinnbild der Vergänglichkeit. Aber auch der Wiedergeburt und der Schönheit, welche die gesamte Existenz umgibt.«

Ahnungslos und zufrieden hatte sie ihm in der ersten, noch matten Frühlingssonne über die schwarzen Locken gestrichen. Und er, der seinen Kopf auf ihre im Schneidersitz überkreuzten Beine gebettet hatte, konnte endlich die Lider entspannen und die erschöpften Augen ausruhen. Nur bei ihr. Zu Hause, auf dem Sofa vor dem Fernseher, in der Nacht im Bett, zusammen mit Marisa und ihrem Stapel unlesbarer Bücher, die vom Boden aus die Steppdecke eroberten, die so grün war wie das Gras, auf das Enrico gerade starrte.

»So wie diese zarte Blüte voll vergänglichem Zauber, die mitten in ihrer Pracht stirbt und für immer ihren Ast verlässt, ist der Samurai bereit, in der Schlacht sein Leben hinzugeben. Sie ist das Sinnbild eines idealen Todes, fern von der Hinfälligkeit des Lebens und der Eitelkeit irdischer Dinge«, hatte Marisa mit sanfter Stimme verträumt deklamiert.

Für ihn war Marisa immer wie eine jener Kirschblüten gewesen, zart und vollkommen. Ihre letzten Monate jedoch waren von Leid gekennzeichnet gewesen, von einem langsamen unerbittlichen Dahinwelken. Sie hatte eher einem Samurai geähnelt, der sich in einem verzweifelten Kampf ohne Waffen vollkommen verausgabte. Einem Kampf gegen die unbarmherzige Härte einer dunklen bösartigen Natur. Gegen die Vergänglichkeit des Seins.

Mancini ließ den Blick über die lange Reihe bleicher Baumstämme schweifen. Wie einer von ihren Zweigen war er nun nackt zurückgeblieben, ohne seine Blüte, ohne die sanfte Liebkosung jenes unaufdringlichen Rosas. Ein Stück brauner Rinde, die inzwischen fast vertrocknet war. Ein Ast, dem die Hoffnung auf eine neue Blüte versagt war. Ein leichter Tränenschleier trübte seine Augen, die feucht glänzten.

»Mehr ich nicht wissen, Chef.«

»Was? Ja, ist gut. Oder nein. Hast du etwas Ungewöhnliches bemerkt? War an der Frau etwas merkwürdig? Lief sie komisch? Hat sie gehustet, wirkte sie erschrocken? Hat sie auf jemanden gewartet?«

»Glaub nicht. Aber ich sicher, sie nix beigefarbe Jacke an.«

Mancini schüttelte die Erstarrung ab: »Was redest du da?«

»Doch, Chef. Ich sicher, sie tragen Regenmandel.«

»Was?«

Kasim drehte sich zu seinem Stand um und zeigte auf einen leuchtend grünen Stoff. »So in ähnlich. Sie tragen Regenmandel in diese Farbe.«

»Das kann nicht sein.«

»Ich sicher, Chef. Ich ihr vorher verkauft, fünfzehn Euro.«

Mancini ließ den Blick weitergleiten, hin zu dem Glasturm der ENI. Ohne ein weiteres Wort lief er los, um die Stände herum, die Treppen zum Ufer hinunter, auf dem Weg, den Nora O’Donnell eingeschlagen hatte.

Auf dem unteren Platz hielt er kurz an, griff in die Manteltasche und kontrollierte sein Mobiltelefon. Das war noch so ein Tic von ihm neuerdings: Er wartete auf eine SMS von ihr. Die niemals kam.

Schnell lief er die kurze Treppe hinunter und bog dann nach rechts auf den Japanrundweg ein. Die Luft war gesättigt von der Feuchtigkeit aus Wasseroberfläche und Nieselregen und erfüllt vom Duft nach nassem Gras.

Mancini lief etwa dreißig Meter weit, den Blick fest auf den Boden geheftet. Wie ein Spürhund konzentrierte er sich auf die Linie zwischen dem Rasenrand und dem roten Weg. Seit Tagen regnete es fast ununterbrochen, und Mancini war sich durchaus bewusst, dass es unter diesen Umständen nahezu unmöglich war, überhaupt etwas zu finden.

Er passierte die Vorderseite des ENI-Gebäudes, die sich in dem künstlich angelegten See spiegelte, folgte dem Weg über drei Kurven, rechts, links, rechts, und blieb stehen. Der Regen lief über sein Gesicht und an seinem Hals entlang. An einer Stelle zwischen dem Wasser und einer kleinen Zypressengruppe ging er in die Hocke und näherte sich in dieser gebückten Haltung den Bäumen. Betrachtete auf seinem Weg jeden einzelnen Grashalm. Dann hielt er erneut an, senkte den Kopf noch tiefer, ungefähr zwanzig Zentimeter über den Boden, bis er den Geruch des nassen Rasens wahrnahm. Er sog den Duft der Erde ein und schob vorsichtig ein Grasbüschel beiseite.

Daneben lag ein kleiner Brocken hellerer Erde. Mancini bewegte sich noch einen halben Schritt vorwärts, bis er sich genau über einer zehn Zentimeter langen und knapp vier Zentimeter breiten Furche befand.

Ein Schauder durchfuhr ihn, jenes alte Gefühl, das er wiedererkannte. Ohne die unbequeme Haltung aufzugeben, wich er zurück, bis er mit den Füßen wieder auf dem befestigten Weg stand. Erst da richtete er sich auf, musterte aus dieser Distanz den Erdbrocken, schätzte die Entfernung zu den Bäumen und machte sich gedanklich eine Notiz.

Dann beugte er sich erneut über den Rand des Rasens. So nah, bis er mit der Nase fast die Erde berührte, und sog den Duft tief ein.

»Ja«, flüsterte er und zog ein kleines Messer aus der Tasche seines Trenchcoats. Er klappte es auf und bohrte die Klinge in die regennasse Erde, stach mit vier Schnitten, keiner länger als fünf Zentimeter, ein Viereck aus, setzte die flache Klinge an und hebelte es heraus. Das Bild von einem Skalpell, das ins Fleisch schneidet, blitzte vor seinen Augen auf und schob sich wie ein Schleier vor seinen Blick. Seine Hand erstarrte, unsicher, fürchtete, ihr wehzutun. Doch das hier war nicht die Haut einer Frau, schüttelte Mancini das Bild ab. Das war nicht Marisas Körper. Er grub doch nicht, weil er das Bösartige suchte, oder?

Die Erde löste sich vom Boden, weich und duftend. Mancini nahm einen durchsichtigen Plastikbeutel aus der Tasche, öffnete ihn und ließ den kleinen Brocken hineinfallen. Dann verschloss er den Beutel mit einem Knoten, richtete sich auf und ließ seinen Blick an der riesigen Silhouette des Glaspalastes entlang nach oben wandern. Hinter ihm, jenseits des Sees, erzitterten die hölzernen Gerippe der Kirschbäume im leisen Windhauch unter den Tränen des Himmels.

7

Rom, Dienstag, 9. September, 19:00 Uhr
Monte Sacro, Haus von Carlo Biga

Zwischen den grünen Ufern des Aniene und dem Viale Adriatico lag das Herz des früheren Gartenviertels: der Park mit den Karussells und der kleine Markt mit seinen Ständen, der sich wie eine Krippe in den Schutz des klassischen Halbrunds von Santi Angeli Custodi schmiegte und zu der Kirche emporblickte. Direkt daneben die Piazza Sempione, mit dem Uhrturm und den Bogengängen, dem Postamt, einigen Geschäften und dem ehemaligen Kino. Über dem Eingang zum Bürgeramt prangte ein blauer Schild, darauf ein Hügel und acht fünfzackige Sterne sowie der Wahlspruch des Viertels: Numquam sine luce. Niemals ohne Licht.

Inmitten der Gassen von Monte Sacro, in einer Querstraße vom Viale Carnaro, stand am Ende einer schmalen Treppe, zwischen zwei Reihen mit schweren Eisenketten verbundener Marmorpfeiler, die kleine Villa von Professor Carlo Biga, Kriminologe und Universitätsdozent im Ruhestand, der noch immer Vorlesungen für Anwärter der UACV und andere interessierte Polizisten hielt.

Professore Biga, jenseits der siebzig und etwa fünfzehn Kilo schwerer als Statur und Alter angemessen, senkte den Kopf und musterte sein kleines, eng zusammengerücktes Auditorium über die Brille hinweg. »Wir wissen alle, dass die forensische Entomologie in erster Linie …«, hier legte er eine Pause ein, umfasste den Daumen der rechten Hand mit seiner linken und hielt ihn hoch, »… auf den unterschiedlichen Reifestadien von Insekten basiert, die der Leiche und der Umgebung, in der sie sich befindet, entnommen werden.«

Vier Augenpaare – Mancini, Comello, De Marchi und ein blonder Neuling, ein Ispettore, dessen Namen der Professor vergessen hatte – folgten der grünen Weste mit Rautenmuster, die sich auf dem kleinen Podest vor der Schiefertafel auf und ab bewegte. Die Absätze der abgewetzten Mokassins klapperten gedämpft auf den Holzbrettern.

»Unter Berücksichtigung der Tatsache, dass die Besiedlung der Leiche – wenn auch nur innerhalb eines bestimmten Rahmens – vorhersehbar verläuft, ist es möglich, mit einiger Wahrscheinlichkeit den genauen Todeszeitpunkt zu bestimmen.«

Er hielt inne, und einen Moment lang füllte einzig das Gurgeln des Wassers in der Regenrinne das weiträumige Wohnzimmer mit seinem Nachklang. Der Professor kniff die Augen ein wenig zusammen und fuhr dann fort: »Andererseits verlangt die forensische Botanik eine äußerst aufmerksame Bewertung und Datierung von Wurzeln, Blättern, Samen und Erdreich, die an der Leiche gefunden werden, um den Zeitpunkt zu bestimmen, an dem der Leichnam vergraben und der äußeren Umgebung ausgesetzt wurde.«

Ein Arm aus der Gruppe reckte sich nach oben.

»Ja? Bitte, De Marchi.« Professore Biga nahm die Brille ab, schloss sie über der Brust und ließ sie an der Kette herunterhängen.

»Ich möchte wissen«, begann Caterina, »ob es neben dem, was Sie uns genannt haben, auch eine Gruppe von Faktoren gibt, die eine verlässlichere und genauere Bestimmung für die Datierung des Todeszeitpunkts erlauben.«

»Das ist eine sehr gute Frage … aber sie könnte noch etwas präziser sein.«

Drei der vier Teilnehmenden berieten sich untereinander, als die linke Hand des vierten sich hob, die in einem dünnen Lederhandschuh steckte.

»Commissario Mancini, möchten Sie es auf den Punkt bringen?«

»Die fraglichen Faktoren können zweifach zu einer zeitlichen Bestimmung herangezogen werden, nämlich zu der des Todeszeitpunkts und zu der des Ablegens am Fundort.« Mancinis Tonfall war monoton. »Für Ersteres ist die entomologische Untersuchung am dienlichsten. Für Letztere kommen in erster Linie die Analysen botanischer Natur infrage.«

Caterina drehte sich mit einem Lächeln auf den Lippen um, das angesichts der ernsten Miene Mancinis sofort erstarb.

»Man muss jedoch berücksichtigen«, fuhr der Commissario fort, »dass inzwischen in ganz Europa das ADD – die Abkürzung steht für ›Accumulated Degree Days‹ – Verwendung findet. Das ist ein mathematisches Modell zur Einschätzung des Zeitraums, der ab dem Todeszeitpunkt bis zum Auffinden der Leiche verstrichen ist. Es basiert auf zwei Faktoren: der Umgebungstemperatur und dem Verwesungszustand der Leiche.«

Biga winkte ab und kniff erneut die Augen zusammen. »Ja sicher, aber heute interessiert uns die entomologische Analyse, insbesondere die der Grauen Fleischfliege. Diese Sarcophaga carnaria, ein ebenso hässliches wie für unsere Zwecke offenkundig nützliches Insekt, gehört in der Ordnung der Diptera zur Familie der Sarcophagidae

Der Professor sprach begeistert weiter, vollkommen verzaubert vom Universum dieser winzigen Flügel, die er schon durch das Zimmer schwirren zu hören glaubte. »Dieses Insekt, von hellgrauer Farbe mit dunklen Streifen und einer Länge von ungefähr 15 Millimetern, hat die besondere Eigenschaft, dass es nicht Eier in das tote Fleisch ablegt, sondern bereits perfekt ausgebildete Larven.«

Gefolgt von den Blicken der Anwesenden, stieg er etwas unsicher von dem niedrigen Podest und trat an ein Regal aus Walnussholz, das eine große Fenstertür umrahmte. Biga ließ seine Hand über die Regalbretter gleiten, den Blick nach draußen, in Richtung der Rückseite des Hauses gerichtet, und dozierte: »Das Studium der Lebenszyklen dieser Fliegen zeigt, dass wir sie zu Untersuchungen hinsichtlich des Todeszeitpunkts hinzuziehen können. Insbesondere die Dauer des Entwicklungszyklus der Fleischfliege in einer Umgebung mit einer bestimmten Temperatur und einem gewissen Feuchtigkeitsgrad kann uns wichtige Informationen für den Zeitrahmen post mortem liefern.«

Es regnete stark, vom Hortensienbeet stieg ein dünner weißer Dunst auf. Der Mann drückte die Klinke herunter, öffnete die Tür und sog gierig den Duft der nassen Erde ein, jenen Duft, der für ihn voller Erinnerungen steckte. Die Feuchte des Erdreichs erfüllte ihn mit einem Gefühl von innerer Ruhe und von Schutz, mit Bildern von Kindheit und Tod.

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