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Schattengreifer – Die Zeitensegler

Über den Autor

Stefan Gemmel, geb. 1970, ist mit knapp 30 Veröffentlichungen der meistübersetzte Schriftsteller in Rheinland-Pfalz. Überregional bekannt wurde er vor allem durch seine originellen Lesungen und Schreibwerkstätten.

Für seine Nachwuchsförderung wurde er mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Er ist verheiratet, Vater von zwei Kindern und lebt in der Nähe von Koblenz.

BASTEI ENTERTAINMENT

FLAMMEN AUF MASTSPITZEN

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NEIN!“

Mit einem lang gezogenen Schrei schreckte Simon aus dem Schlaf. Sein Herz hämmerte. Sein Atem raste. Heißer Schweiß rann ihm die Stirn hinunter.

Er setzte sich mit einem Ruck auf und blickte sich hektisch um. Er war in seinem Zimmer. In seiner vertrauten Umgebung. Das fahle Licht der Nacht suchte sich seinen Weg durch die dünnen Vorhänge am Fenster und warf verzerrte Schatten an die Wand.

Simon atmete tief ein. Es war also alles in Ordnung.

Zumindest schien es so.

Dennoch: Sein Herz wollte sich nicht beruhigen.

War dies wirklich nur ein Traum gewesen? Alles hatte so realistisch gewirkt, so echt.

Simon hatte die Bilder noch immer klar vor Augen. So klar, als wären all diese Dinge ganz greifbar hier in seinem Zimmer: dicke, schwarze Kohlestriche auf einer Felswand und eine Sanduhr, durch die blutroter Sand rieselte. Krähenschnäbel, die nach ihm hackten, und hohe Meereswellen, die über ihm zusammenschlugen.

Simon kannte diese Bilder. Immer und immer wieder tauchten sie in seinen Träumen auf.

Doch so lebendig und bedrohlich waren sie ihm noch nie erschienen.

Und viel schlimmer: Etwas völlig Neues hatte sich heute Nacht in seinen Schlaf geschlichen. Zwei Dinge, die er zuvor noch nie gesehen hatte. Nicht im Schlaf und nicht in der Realität: Brennende Fackeln auf zwei Schiffsmasten, deren gleißende Flammen meterhoch in den Himmel ragten. Und eine weiße, klauenartige Hand, die nach ihm greifen wollte. Lange, vertrocknete, tote Finger, die sich nach ihm streckten. Die sich Zentimeter um Zentimeter seinem Gesicht näherten, während die Krähen seinen Kopf umschwirrten – bis Simon schreiend aus seinem Traum erwacht war.

Noch immer schüttelte es ihn bei dem Gedanken daran.

Was hatte all das zu bedeuten? Was war nur los in seinem Kopf? Welcher Mensch hatte solche Träume?

Er wischte sich den Schweiß aus dem Gesicht und stand von seinem Bett auf.

Krähenschnäbel, Kohlestriche, Leichenfinger. In seinem Kopf wirbelten Gedanken und Bilder wild umher. Sanduhren, Fackellichter, Meereswellen. Es gelang ihm einfach nicht, sich zu beruhigen.

Sein Blick fiel auf die Vorhänge.

Frische Luft!, dachte er. Frische Luft und einen Blick auf das Meer. Das hatte bisher noch immer geholfen.

Er trat ans Fenster, zog die Vorhänge zur Seite, stützte die Hände auf die Fensterbank und schaute hinaus auf das Wasser, das wie schlafend unter dem sternenbehangenen Himmel lag und über dem der Mond …

Simon riss die Augen weit auf und stemmte beide Hände gegen das Fensterglas.

„Das ist unmöglich!“, flüsterte er fassungslos.

Das konnte nicht wahr sein.

Er schüttelte den Kopf und schlug sich mit einer Hand gegen die Stirn. Schlief er noch immer? War dies ein weiterer Traum?

Nein, er war wach. Hellwach.

Das Bild, das sich ihm bot, war keine Einbildung: Die brennenden Fackeln auf den beiden Masten dieses Schiffes vor ihm auf dem Meer waren echt. Ebenso wie die Krähen, die beide Masten umflogen und von denen Simon auf die Entfernung nur die schemenhaften Umrisse erkennen konnte, wenn sie dicht an dem gleißenden Licht der hohen Flammen vorbeiflogen. Alles spiegelte sich auf der glatten Oberfläche des Meeres.

Und alles war real!

Seine Albträume mussten Wirklichkeit geworden sein.

Wie lange er letztendlich so dagestanden und stumm auf das Schiff gestarrt hatte, das hätte er später niemals sagen können. Sein Blick war ewig auf das Schiff gerichtet. Und es schien ihm, als blicke das Schiff starr auf ihn zurück.

Das war verrückt. Und dennoch war dies Simons Empfinden: Ja, das Schiff starrte ihn an.

Mehr noch: Die Flammen auf den Masten wirkten wie Hände, die ihn zu sich winkten.

Plötzlich formte sich in ihm ein klarer, eindeutiger Entschluss: „Ich muss mir das ansehen“, flüsterte er mit Nachdruck. „Ich muss zu diesem Schiff!“

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Etwas wühlte ihn auf.

Etwas passierte in ihm.

Nein, etwas geschah MIT ihm.

Er schloss die Augen und öffnete weit seine Sinne.

Er fühlte.

Wie lange war das schon nicht mehr geschehen?

Es war, als erwache etwas in ihm. Eine Kraft.

Hoffnung?

Er riss seine Augen auf. Es war so weit.

Endlich. Der Moment war gekommen. Er war seinem Ziel noch nie näher gewesen.

Zum ersten Mal seit Jahren umspielte ein Lächeln seine blassen Lippen. Das erste Lächeln seit Jahrzehnten, vielleicht seit Jahrhunderten. Er hätte es nicht sagen können. Und es war ihm auch gleich. Die Zeit, wie die Menschen sie kannten, spielte für ihn keine Rolle. Das hatte sie noch nie getan.

Seine Zeit war das Einzige, was zählte.

Das Einzige.

Und nun war es so weit: Seine Zeit war gekommen.

Er erhob sich von seinem Platz und streichelte mit seinen weißen, spindeldürren Fingern über das Gefieder der riesigen Krähe, die an seiner Seite saß.

„Komm“, sagte er, ohne seine Lippen zu bewegen. „Es wird Zeit.“

Hart schlugen die Riemen im Wasser auf, während Simon mit aller Kraft an den Rudern zog.

Ohne lange nachzudenken, hatte er sich Jeans, Shirt und Turnschuhe angezogen, war aus dem Haus geschlichen, um dem vermeintlichen Ruf des Schiffes zu folgen.

Mit dem Ruderboot seines Vaters kannte er sich bestens aus. Schließlich gab es kaum ein Wochenende, an dem die beiden nicht hinausruderten. Boote und Schiffe waren die große Leidenschaft der beiden. Sie gingen eher wie Freunde miteinander um, nicht wie Vater und Sohn. Vor allem über die Schifffahrt hatte Simon in den vergangenen Jahren eine Menge von seinem Vater lernen können.

Auch an diesem Abend hatte er das Boot mit geübten Handgriffen und in Sekundenschnelle aus dem Bootshaus gesteuert: hinaus aufs offene Meer. Stetig näherte er sich dem fremden Schiff. Zug um Zug.

Erst als er etwa die Hälfte der Strecke geschafft hatte, hielt er inne und verschnaufte. Die Muskeln in seinen Armen und Beinen schmerzten und der Schweiß lief ihm über das Gesicht. Simon seufzte erschöpft. Er wandte sich zu dem Schiff um, wollte die Entfernung zum Schiff abschätzen …

… und fuhr mit einem Schrei des Entsetzens zurück: Die weiße, spindeldürre Hand bewegte sich auf ihn zu!

Simon duckte sich und hielt die Hände schützend über den Kopf, doch nichts geschah.

Sekundenlang verharrte er so und hielt den Atem an. Nur langsam traute er sich, wieder aufzuschauen. Vorsichtig wandte er sich um.

Die Hand war verschwunden. Nur das Schiff war zu sehen. Ruhig lag es im Meer.

Simon setzte sich auf. Es gelang ihm kaum, wieder zur Ruhe zu kommen. Was geschah hier nur mit ihm? Allmählich wurde ihm die Lage bewusst, in die er sich gebracht hatte. Hier saß er, allein in einem Boot, mitten auf dem Meer, und ruderte auf ein Schiff zu, wie es seltsamer nicht sein konnte. Und das nur, weil ihn Träume dazu gebracht hatten.

Er blickte sich in seinem engen Ruderboot um. Nicht einmal etwas zu essen hatte er sich mitgenommen. Außerdem hatte er seinen Eltern auch keine Nachricht hinterlassen. Dabei wusste er rein gar nichts: nicht, ob er auf dem Schiff willkommen war. Und noch nicht einmal, ob sich überhaupt jemand an Deck befand!

Sollte er umkehren?

Simon schaute angestrengt zum Ufer und auf die kleine Stadt, in der er lebte. Das Haus seiner Familie war von hier schon fast nicht mehr zu erkennen. Lediglich die Dachspitze konnte er noch ausmachen.

Er wandte sich wieder um und blickte zum Schiff, und es schien ihm mehr denn je, als rufe es nach ihm. Als warte es nur auf ihn!

Erneut seufzte er laut auf. Dann ergriff er die Enden seiner Ruder und legte sich wieder ins Zeug. Er konnte nicht zurück nach Hause. Er musste dieses Rätsel lösen. Er musste wissen, was all dies zu bedeuten hatte. Und vielleicht würden dann ja auch endlich diese seltsamen Träume aufhören, die ihn quälten.

Ruhiger, wenn auch mit einem bangen Gefühl im Magen, näherte er sich endlich dem Schiff.

Nebel zog auf und der Geruch verbrannten Teers stach Simon in die Nase. Er sah an den Schiffsplanken hinauf zu den dicken Rauchschwaden, die von den Fackeln zum Himmel stiegen.

Inzwischen war er dem Schiff so nahe, dass er die Wände mit seinen Händen berühren konnte. Vorsichtig, beinahe andächtig, streckte er die rechte Hand aus und fuhr mit den Fingerspitzen über das Holz, zog sie jedoch mit einem Ruck sofort wieder zurück: Das rissige, alte, morsche Holz war vom Wasser und von dem Salz so zersetzt – es fühlte sich beinahe an wie die dünne Haut eines alten Menschen. Simon gewann immer mehr den Eindruck, dass das Schiff lebte.

Er ließ den Blick die Wand entlanggleiten, bis hinauf zur Bordwand. Das Schiff war riesig! Simon kam es beinahe so vor, als befände er sich mit seinem kleinen Boot neben einem walgroßen Tier. Einem riesigen Tier aus Holz, dessen Holzplanken laut knarrten und knirschten.

Und in diesem Moment verspürte er es zum ersten Mal. Eine Bewegung. Hauchfein. Ein Vibrieren, das von dem Schiff ausging. Kurz nur. Ein sanfter Impuls. Beinahe wie ein Herzschlag, der sich vom Schiffsrumpf über die Wellen auf Simons Boot übertrug und schließlich dessen ganzen Körper erfasste.

Ein Schiff, das lebte?

Verlor er nun endgültig den Verstand?

Egal. Er musste einfach mehr über dieses geheimnisvolle Schiff erfahren.

Schnell richtete er sich in seinem Boot auf und griff erneut nach den Rudern. Anstelle der anfänglichen Furcht verspürte er auf einmal eine geradezu unwiderstehliche Neugierde. Er hatte das Schiff ja noch gar nicht richtig ansehen können! Von seinem Schlafzimmerfenster aus hatte er es nur als Schemen wahrgenommen. Und von hier aus blickte er lediglich auf den hinteren Teil der rechten Seite. Nun wollte er endlich einmal das ganze Schiff in Augenschein nehmen.

Ganz sachte senkte er die Ruder wieder ins Wasser und der Kahn glitt mit langsamen Schlägen die Schiffswand entlang in Richtung Bug.

Das Alter des Schiffes war kaum einzuschätzen. Und dabei kannte sich Simon wirklich aus. In den vergangenen Jahren hatte er unzählige Bücher zum Thema Seefahrt geradezu verschlungen und eine Menge Filme über Meeresexpeditionen gesehen. Aber ein Schiff wie dieses war nie darin vorgekommen: Die Holzplanken, aus denen die Schiffswand bestand, mussten unendlich alt sein. Sie wiesen tiefe Risse und Löcher auf. Eine Mischung aus Salzgeruch und modrigem Gestank ging davon aus. Ganz bestimmt hatte dieses Schiff schon viele Meere bereist!

Vorsichtig ruderte Simon weiter. Er hatte inzwischen beinahe die Mitte des Schiffes erreicht, als sich ein Schatten über ihn legte. Ruckartig blickte er nach oben. Eine Art Flügel hatte sich zwischen ihn und das Licht der Fackeln auf den Masten geschoben. Ein Flügel aus Holz.

Fasziniert schaute Simon den Flügel an und folgte dessen Maserungen bis zum Schiffsbug. Ihm bot sich ein schier unglaublicher Anblick: Der gesamte Bug bestand aus einem riesigen Krähengesicht! Dort, wo sich bei alten Segelschiffen eigentlich die Galionsfigur befand, ragte ein krummer Krähenschnabel hervor, der sich weit über die Wellen zog.

Erst jetzt erkannte Simon, dass dieses Krähengesicht in den Holzflügel mündete, in dessen Schatten er vorhin gerudert war.

Langsam stand Simon auf. Er wollte versuchen, das Schiff in seiner gesamten Größe zu sehen. Zwar hatte er einige Mühe, das Gleichgewicht in dem Boot zu halten, aber nun konnte er alles sehen. Von dem Krähenkopf am Bug bis hin zu dem hohen Kajütenaufbau am Heck, Einzelheiten, die Simon vorher nicht wahrgenommen hatte: Die gesamte Front der Kajüte bestand aus Fenstern. Simon glaubte, einen schwachen Lichtschein wahrzunehmen. Doch er konnte nicht erkennen, ob der Schein von Kerzen herrührte oder ob sich vielleicht nur die Flammen der Mastfackeln im Glas der Fenster widerspiegelten.

Dieses Schiff war unheimlich. Und überwältigend. Alles war so perfekt, so lebensecht gearbeitet, dass Simon glaubte, einem riesigen Vogel gegenüberzusitzen. Der Bug als Kopf, der Rumpf als Körper, mit gewaltigen Flügeln aus Holz an den Seiten.

Auf was für ein Wunderwerk war er hier gestoßen?

Plötzlich hatte er nur noch einen einzigen Wunsch: Er musste unbedingt auf dieses seltsame Schiff! Er wollte nur noch über dessen morsche Planken laufen und mit seinen Händen die Masten berühren.

An der Backbordseite entdeckte er eine Strickleiter, die von der Bordwand herabhing. Er ruderte näher an das Schiff heran, und trotz der Wellenbewegungen des Meeres gelang es ihm, die unterste Sprosse der Leiter zu ergreifen.

Gerade wollte er sich daran hochziehen, als ihm doch starke Zweifel kamen. So beeindruckend dieses Schiff auch war, Simon hatte nicht die geringste Ahnung, was ihn dort oben erwartete. Er wusste nicht, was für eine Mannschaft diesen Kahn steuerte!

Und er wusste nicht einmal genau, wo er sich befand. Sollte er sich wirklich auf dieses unheimliche Schiff wagen?

Er atmete tief ein und versuchte noch einmal, einen Blick auf sein Zuhause zu werfen. Doch vergeblich. Der Nebel, der das Schiff umhüllte, war inzwischen so dicht, dass er die Umrisse der gesamten Stadt verschluckt hatte.

Also zog sich Simon mit einem kräftigen Ruck an der Strickleiter in die Höhe. Seine Füße fanden Halt auf den ersten Sprossen und unter einiger Anstrengung kletterte er im Zeitlupentempo an der Strickleiter nach oben.

Es war ihm unmöglich, sich geräuschlos zu bewegen. Immer wieder stieß er mit seinen Schultern gegen den Schiffskörper.

Dann, endlich konnte er einen ersten Blick über die Bordwand wagen: dunkles, morsches Holz, wohin er blickte. Auf dem rissigen Holzdeck standen Fässer und in allen Ecken lagen aufgerollte Taue. Eine schmale Holztreppe führte hinten auf das Kajütdach zum Steuerrad des Schiffes. Und dann war da natürlich die Kajüte selbst: Dunkel, beinahe bedrohlich, ragte sie am Heck herauf. In den Fenstern war kein Licht. Simon hatte vorhin wohl tatsächlich nur den Widerschein der Fackeln gesehen.

Doch das war schon sehr merkwürdig. Er konnte keinerlei Anzeichen von Leben auf diesem Schiff ausmachen: keine Laternen, keine Kleidung, Decken, Geschirr oder irgendetwas anderes, das auf eine Besatzung hingedeutet hätte.

Und dennoch war dieses Schiff hier wirklich.

Simon zuckte zusammen. Sollte er etwa auf ein Geisterschiff gestoßen sein?

Zum ersten Mal in dieser Nacht spürte er richtige Furcht in sich aufsteigen. Nackte Angst.

Es ist doch falsch gewesen, hierherzukommen!, durchfuhr es ihn mit eiskalter Klarheit. Mit seinem rechten Fuß tastete er aufgeregt nach der ersten Sprosse der Strickleiter, um so schnell wie möglich wieder nach unten zu gelangen. Er hatte plötzlich nur noch einen Gedanken: Fort von hier! Weg! Diese Leblosigkeit des Schiffes versetzte ihn urplötzlich regelrecht in Panik.

Er blickte nach unten, suchte die nächste Sprosse, und erstarrte mitten in der Bewegung: Er hatte in seiner Aufregung das Boot nicht ordentlich festgebunden! Nun trieb es davon – zwar war es nur wenige Meter von Simon entfernt im Wasser, doch schon zu weit weg, um hinterherzuschwimmen. Außerdem kannte Simon die unberechenbaren Strömungen des Meeres.

Und tatsächlich: Plötzlich drehte das Boot, schwankte auf den Wellen hin und her und im nächsten Moment wurde es fortgezogen, in den dichten Nebel hinein. Simon fühlte sich so hilflos, dass ihm die Tränen in die Augen traten. Aber es blieb ihm wohl wirklich nichts anderes übrig, als sich wieder in die Höhe zu ziehen! Langsam kletterte er über die Bordwand und ließ sich erschöpft und entmutigt auf das Schiffsdeck fallen.

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Da.

Da war es wieder gewesen.

Dieses Gefühl.

Allerdings dieses Mal tiefer. Intensiver.

Er atmete hörbar ein und genoss für eine Sekunde die Ströme, die seinen Körper durchzogen. Seine dunklen Augen verengten sich zu Schlitzen und ein wohliges Raunen entfuhr seiner Kehle.

Nun gab es keinen Zweifel mehr.

Das, worauf er gewartet hatte, war angekommen.

Alles verlief nach Plan und fügte sich zusammen. Wie bei einer Kette, deren Glieder miteinander verbunden waren.

Nun fehlten nur noch wenige Teile. Nur noch wenige Glieder.

Mit der Hand fuhr er sich über den kahlen Kopf und strich über sein Gesicht, auf dem sich wieder ein Lächeln zeigte.

All seine Bestrebungen!

All sein Tun …

Es würde von Erfolg gekrönt sein.

Er musste sich beeilen.

Das Ziel war zum Greifen nahe.

Allmählich kam Simon wieder zu Kräften. Die Kälte der Nacht fuhr ihm durch die Kleidung und unter die Haut und vertrieb das Gefühl der Hilflosigkeit.

Es half nichts, hier auf dem Deck zu liegen. Er musste etwas tun!

Langsam rappelte er sich auf. Er beschloss, das Schiff weiter zu erkunden und ging auf die Kajüte zu. Zaghaft rüttelte er am Türknauf, doch es war abgeschlossen. Er stellte sich vor eines der Fenster und versuchte, einen Blick ins Innere zu werfen, doch vergebens. Die Scheiben waren so schmutzig, dass er nichts erkennen konnte.

Und in diesem Moment war es wieder da: das kurze Vibrieren. Derselbe Impuls, wie ihn Simon unmittelbar nach seiner ersten Berührung des Schiffes bemerkt hatte. Doch hier, auf Deck, waren diese Ströme viel intensiver spürbar. Die Bewegung ging eindeutig von den Schiffsplanken aus!

Simon blickte auf das Deck, und erst jetzt bemerkte er, dass er auf einer riesigen Bodenluke stand: Sie war in das Schiffsdeck eingearbeitet, hatte eine quadratische Form und war etwa zweimal so groß wie die Tür zur Kajüte. Ihre Seiten und die Ecken waren mit Eisenrahmen verstärkt.

Erneut vibrierte es. Kurz. Dann war alles ruhig.

In der Mitte der Luke befand sich ein Eisenring, mit dem sich die Luke anscheinend öffnen ließ. Simon machte einen Schritt zur Seite. Er ging in die Hocke, schloss die Hände um den Eisenring, um die Luke mit einem Ruck zu öffnen, als …

Er stockte.

Da war doch etwas gewesen.

Ein Geräusch.

Genau hinter ihm.

Simon ließ von dem Eisenring ab und spitzte die Ohren. Was passierte da hinter seinem Rücken?

Da wieder: ein Schritt. Ein Scharren.

Direkt hinter seinem Rücken.

Er war nicht allein!

Jemand musste hinter ihm stehen.

Simon hielt den Atem an und wartete darauf, dass etwas geschah.

Doch wer auch immer hinter ihm stand – jetzt regte er sich nicht. Vielleicht wartete er Simons Reaktion ab.

Gewiss vergingen nur Sekunden, doch Simon kam es wie eine Ewigkeit vor, bis er schließlich die Hände ganz von dem Eisenring nahm und sich vorsichtig umwandte.

Im dichten Nebel konnte er gleich fünf Gestalten ausmachen. Jedoch nur schemenhaft. Eher Schatten als Konturen.

Er trat einen Schritt zurück und hielt den Blick auf die Schatten gerichtet.

Warum geschah nichts? Diese reglosen Gestalten und diese beängstigende Stille – das war kaum noch auszuhalten!

Das Schiff vibrierte. Endlich gab sich Simon einen Ruck: „Wer seid ihr?“

„Wer bist DU?“, scholl es ihm entgegen.

Simon kniff die Augen zusammen, aber sosehr er sich auch anstrengte: Durch den Nebel hindurch konnte er einfach nicht mehr erkennen. Er wagte es auch nicht, einen Schritt nach vorn zu machen. Dazu fehlte ihm einfach der Mut.

„Wer bist du?“, ertönte es noch einmal scharf. Trotzdem nahm Simon einen freundlichen Unterton wahr und ein Teil seiner Angst verflog.

„Ich – ich bin Simon“, gab er zur Antwort.

Einige Sekunden passierte wieder nichts. Dann rührten sich die schattenhaften Gestalten in ihrer Nebelhülle und kamen langsam auf Simon zu. Aus den Schemen wurden Konturen und aus den Konturen wurden Menschen.

Das sollte die Mannschaft sein?, dachte Simon erstaunt: Er stand fünf Jugendlichen gegenüber! Drei Jungen und zwei Mädchen, die etwa in seinem Alter sein mussten. Sie blickten ihn ebenso verwundert an wie er sie.

Es war seltsam genug, auf diesem Schiff Fremden zu begegnen, noch dazu Gleichaltrigen. Doch das Seltsamste war ihr Aussehen. Unterschiedlicher konnten fünf Menschen wohl kaum sein: Eines der Mädchen sah irgendwie orientalisch aus. Sie trug ein wunderschönes Kleid mit zahlreichen ineinander verschlungenen Linien. Die Haare hatte sie kunstvoll hochgesteckt, nur an den Seiten hingen lange Strähnen herab und rahmten ihr Gesicht ein.

Das andere Mädchen jedoch … Simon blinzelte verwirrt: Ihre klaren, grünen Augen hatten Simon fest im Blick. In einem dünnen weißen Kleid, mit dem goldenen Stirnband auf ihren glatten schwarzen Haaren sah sie aus wie … wie … wie eine Ägypterin! Allerdings wie ein Mädchen aus dem frühen, alten Ägypten. So, wie Simon es von Zeichnungen und Bildern kannte.

Dann war da dieser Junge mit den langen schwarzen Haaren: Er trug hellbraune Lederhosen, an deren Seiten sich bunter, geknüpfter Schmuck befand, und auf dem Kopf ein dünnes Lederband. An dem Band, direkt über seinem linken Ohr war eine lange Vogelfeder befestigt, die ihm – wie seine langen schwarzen Haare – bis zu den Schultern reichte. Simon war von dieser ungewöhnlichen Erscheinung und deren selbstbewussten Auftreten fasziniert.

Konnte es sein, dass er hier einem Indianer gegenüberstand?

Und der Junge daneben, das könnte glatt ein Römer sein: Er trug ein weißes Hemd mit kurzen Armen, das ihm fast bis zu den Knien reichte. Um die Taille hatte er ein braunes Lederband gebunden, an dessen Seite ein Dolch in der Scheide steckte. Auch dieser Junge beeindruckte Simon sehr. Er war athletisch gebaut und besaß ganz bestimmt unbändige Kraft. Allerdings blickte er Simon finster und misstrauisch an.

Der dritte Junge hingegen schaute ihm offen, beinahe neugierig entgegen und wirkte auf Simon weniger ungewöhnlich als die anderen. Seine Hautfarbe war ebenfalls weiß, er trug jedoch keinerlei Waffen und war zudem ganz anders gekleidet als der finstere Athlet. Er hatte lediglich ein dünnes Stoffhemd mit einer schwarzen Weste an und ebenso dünne schwarze Hosen. Der Junge war der Einzige der fünf, der richtige Schuhe anhatte: schwarze Lederschuhe. Simon war sich sicher, so musste die Kleidung im Mittelalter ausgesehen haben.

Sprachlos starrte Simon die fünf an, die genauso sprachlos zurückstarrten. Was ging auf diesem Schiff nur vor?

Schließlich war es das Mädchen, das wie eine Ägypterin aussah, welches das Schweigen brach: „Woher kommst du, Simon?“, fragte sie wieder in diesem scharfen Ton und trat einen Schritt auf ihn zu. Auch die anderen der Gruppe kamen näher. Simon konnte ihre prüfenden Blicke auf sich spüren.

Er zeigte mit einem Finger in Richtung des Ufers. „Ich komme vom Festland dort drüben. Aus einer kleineren Stadt, die …“

Die Ägypterin hob energisch eine Hand und Simon schwieg sofort. „Ich meine nicht den Ort“, erklärte sie. „Ich möchte wissen, aus welcher Zeit du stammst.“

Simon blickte sie verständnislos an. „Aus welcher Zeit?

„Ich meine: Aus welcher Epoche bist du zu uns gekommen?“

Noch immer verstand Simon kein einziges Wort. „Ich komme aus dem Heute“, gab er zur Antwort und merkte selbst, wie dämlich das klang.

Auch das Mädchen gab sich damit nicht zufrieden, sondern forschte weiter nach: „Aus welchem Jahrhundert stammst du?“

Endlich glaubte Simon zu verstehen, was sie meinte. „Ich – ich komme aus dem dritten Jahrtausend“, gab er zur Antwort und war überrascht, was er mit dieser Aussage auslöste. Alle fünf rückten auf einmal ein Stück von ihm ab. Und ihren Blicken haftete urplötzlich etwas Beängstigendes, beinahe Bedrohliches an.

Simon bemühte sich vergeblich, die ganze Situation zu begreifen.

Wo war er hier nur hineingeraten?

„Ich komme aus dem Beginn des dritten Jahrtausends“, fügte er hastig hinzu. „Genauer gesagt aus dem Jahr Zweitausendund…“ Simon verstummte.

Das Mädchen mit den kunstvoll hochgesteckten Haaren löste sich aus der Gruppe und kam langsam auf ihn zu. Sie berührte mit ihren Fingerspitzen erst sein Gesicht, dann sein T-Shirt.

„Drittes Jahrtausend“, flüsterte sie. „Drittes. Jahrtausend. Drittes …“ Murmelnd ging sie um Simon herum.

Unbehaglich sah der zu Boden. Es war ihm äußerst unangenehm, so betrachtet zu werden, und er hätte sich gern dagegen gewehrt. Doch er wollte seine Gegenüber keinesfalls mit einer unbedachten Äußerung verärgern. Diese fünf, so eigenartig sie ihm auch vorkamen, waren vermutlich der Schlüssel zum Geheimnis dieses Schiffes. Nur sie konnten ihm erklären, was hier vor sich ging. Und so wartete er ungeduldig ab, bis die Orientalin ihre Runden beendet und sich wieder zu der Gruppe gesellt hatte.

Wieder musterten sie sich gegenseitig und nur das Krächzen der Krähen und dieses merkwürdige Vibrieren des Schiffes unterbrachen von Zeit zu Zeit die angespannte Stille.

„Wir sollten es ihm sagen“, murmelte auf einmal der Junge mit dem weißen Hemd. Die anderen nickten und der Junge ging einen Schritt auf Simon zu. „Du wirst noch nicht von uns gehört haben“, sagte er, dann musterte er Simon noch eingehender: „Oder doch? Kennt man uns im dritten Jahrtausend?“ Er deutete auf seine Leute hinter sich. „Wir sind die Zeitenkrieger. Zumindest werden wir so genannt.“

„Zeitenkrieger?“

„Du hast also noch nichts von uns gehört?“

„Ich … nein!“

Der Junge trat näher an Simon heran. Sein Gesichtsausdruck veränderte sich auf einmal, bevor er mit ruhiger Stimme erklärte: „Wir reisen durch die Zeit für die Zeit. Wir lassen das Alte hinter uns, um Neues zu schaffen.“ Er schwieg einen kurzen Moment und fügte dann hinzu: „So wurde es uns gesagt und daran glauben wir.“

Simon schüttelte den Kopf. Alles schien nur noch verwirrender zu werden. „Ihr reist durch die Zeit?

Der Junge nickte. „Ich stamme aus einer Epoche, die lange vor der deinen liegt. Sehr lange.“

Vorsichtig wagte Simon noch einmal einen Vorstoß: „Bist du Römer?“, fragte er leise.

„Was?“ Der Junge zuckte zusammen und lief vor Wut rot an: „Römer? Ich?“, brüllte er, so laut, dass nun auch die anderen zusammenzuckten: „Du nennst mich einen Römer? Willst du mich beleidigen?“

Hastig trat die Ägypterin zwischen die beiden. „Lass ihn. Er hat es sicher nicht böse gemeint.“

„Natürlich nicht“, fügte Simon eilig hinzu. „Entschuldige! Ich wollte doch nicht … Ich dachte nur, dass du … deine Kleidung …“

Der andere blickte erst an sich herunter, dann wandte er sich erneut Simon zu. „Ich bin kein verfluchter Römer. Ganz gewiss nicht. Ich stamme aus Karthago!“

„Karthago?“ Simon horchte auf. „Das kann nicht sein. Karthago existiert nicht mehr. Es wurde …“

„Halt ein!“, unterbrach ihn der Junge barsch. „Willst du in offenen Wunden bohren? Musst du mich an das Unglück meines Volkes erinnern?“

Wieder bat Simon rasch um Entschuldigung. „Ich wollte dich nicht … ich hatte nicht die Absicht …“ Was für ein seltsames Gespräch führte er hier eigentlich? „Ich dachte einfach nur an … an … na ja, eben an das, was ich aus dem Unterricht von Karthago weiß und …“

„Du denkst zu laut“, wurde er von dem Karthager abermals unterbrochen. „Du sprichst ohnehin zu viel“, fügte er mürrisch hinzu und wandte sich mit gereizter Miene von Simon ab.

„Lass es gut sein, Basrar!“ Die Ägypterin kam auf den Karthager zu und legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Er hat dich gewiss nicht verletzen wollen. Sieh doch nur, wie verwirrt er ist.“

Sie drehte sich zu Simon um und sagte: „Mein Name ist Neferti. Ich stamme aus Ägypten, aus dem königlichen Geschlecht des Echnaton.“

Echnaton? Der Pharao? Ja, aber … das muss doch über dreitausend Jahre her sein, wenn nicht sogar …“

„Ich bin eine seiner vielen Großnichten. Mein Vater war der Verwalter seiner Herden in Amarna.“

Ägypten. Karthago. Simon schwirrte der Kopf. „Das kann doch alles nicht wahr sein. Das ist doch verrückt …“

„Es ist so unglaublich wie deine Aussage, dass du aus dem dritten Jahrtausend kommst, nicht wahr?“, erwiderte der Indianerjunge.

Auch er trat jetzt näher an Simon heran. „Glaub mir“, versuchte er Simon zu beruhigen. „Keiner von uns konnte am Anfang glauben, was mit uns hier auf diesem Schiff geschehen ist. Wir alle standen ebenso ratlos da wie du gerade.“

Simon spürte, wie sich bei diesen Worten alles in ihm sträubte. Er wollte nicht glauben, was er hier zu hören bekam! Trotzdem fragte er den Jungen, der ihn vorhin so neugierig angesehen hatte: „Und wer bist du?“

„Ich heiße Salomon“, lächelte der und zupfte seine schwarze Weste zurecht. „Und ich bin nach deiner Zeitrechnung 1334 geboren.“

„1334!“ Ruckartig drehte sich Simon jetzt zu dem Jungen um, den er als Indianer einschätzte. „Und du?“

„Nenn mich einfach Moon. Ich komme vom Stamme der Lakota, aus der Zeit, die du das 19. Jahrhundert nennst.“

Schließlich zeigte Simon auf das orientalische Mädchen. „Und du?“

„Nin-Si“, war die knappe Antwort. „Ich komme aus einer Zeit, die sehr, sehr lange vor der deinen liegt. Ich stamme aus der ersten Dynastie in Ur.“ Sie machte eine Pause und fügte langsam hinzu: „Über 4000 Jahre, bevor du geboren wurdest.“

4000 Jahre.“ Simon blickte fassungslos in die Runde. In die Gesichter dieser Jugendlichen, die so, wie sie da waren, eigentlich gar nicht vor ihm stehen konnten!

„Ich glaube das einfach nicht!“, flüsterte er und trat einige Schritte zurück. Dabei stieß er mit dem Fuß gegen den Eisenring der Bodenluke, verlor das Gleichgewicht und fiel rückwärts zu Boden.

Die fünf kamen langsam auf ihn zu.

„Geht weg!“, brüllte Simon. „Geht weg. Das alles kann doch gar nicht sein, das ist doch Wahnsinn!“

Neferti, das ägyptische Mädchen, reichte ihm beide Hände. „Komm, steh auf. Es ist so, wie Moon es gesagt hat: Auch wir haben das alles erlebt, was du gerade durchmachst. Lass dir helfen.“

Simon sah unsicher zu ihr auf. Konnte er ihr trauen? Konnte er irgendjemandem hier trauen? Oder spielten sie nur ein Spiel mit ihm?

Das Mädchen lächelte ihm zu: „Komm!“

Schließlich gab Simon nach. Was hätte er sonst auch tun sollen? Er griff nach den Händen der Ägypterin und ließ sich auf die Beine helfen. Er hatte keine andere Chance. Er musste sich auf diese Gruppe einlassen und ihnen vertrauen. Erst einmal zumindest …

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Seine Finger griffen nach der Krähe auf seiner Schulter. Er zog sie zu sich herunter und umklammerte den Kopf. Mit den Handballen drückte er die Flügel fest gegen den kleinen Vogelkörper.

Die Krähe zuckte. Sie versuchte, sich zu wehren.

Er führte die Krähe nahe an sein Gesicht heran, so nahe, dass ihre Schnabelspitze beinahe sein Gesicht berührte. Dann schaute er dem Vogel tief in die Augen und in diesem Moment gab die Krähe ihren Widerstand auf und blickte starr in die schwarzen Augen ihres Gegenübers.

Magische Formeln wurden geflüstert.

Wieder und wieder.

Noch einmal wand sich die Krähe in dem engen Griff, dann durchzuckte es den Menschenkörper plötzlich heftig. Er richtete sich auf und sackte im nächsten Moment völlig in sich zusammen.

Die dürren Finger spreizten sich. Die Krähe war frei und flog davon.

Der Mensch warf sich auf die Erde, er krümmte sich und stieß Schreie aus.

Spitze Schreie, welche die Stille der Nacht durchschnitten.

Sein Gesicht verformte sich. Die Augen rückten eng zueinander, Mund und Nase wurden eins, bis sie zusammen einen spitzen Schnabel bildeten.

Aus dem Körper des Mannes stachen winzige schwarze Spitzen hervor, die sich in die Länge zogen und schließlich zu Federn formten. Mehr und mehr. Sie überdeckten bald die gesamte Haut.

Arme wurden zu Flügeln, Finger zu Federn, Zehen zu Krallen.

Noch einmal ein lang gezogener Schrei, dann saß der Mann als riesige Krähe auf der Erde.

Der Zauber hatte gewirkt.

Wieder einmal.

Nun, als schattenhafter, schwarzer Vogel, konnte er den Übergang wagen.

Den Übergang von seiner Welt in die andere Welt.

Dorthin, wo alles darauf wartete, seinen Plan auszuführen.

Dorthin, wo der Ursprung all dessen war, was er sich erträumte.

Sein Reich: sein Schiff.

Simon saß den Jugendlichen auf dem Schiffsdeck gegenüber und versuchte zu verstehen, was sie ihm zu sagen hatten. Er ließ sie reden, berichten, doch die Worte, die er zu hören bekam, waren so absurd, dass ihm der Kopf schwirrte. Sie erzählten von Besuchen in verschiedenen Epochen, von einer gigantischen Maschine und einem jahrtausendealten Zauber, von Raub und Katastrophen, Kriegen und Krankheiten, von zerstörten Hoffnungen und zerschlagenen Wünschen. Je mehr Simon von den Fremden erfuhr, desto verwirrter war er.

Die einzelnen Worte, die er hörte, waren wie Puzzleteile, die vor ihm ausgeschüttet wurden. Aber sie ließen sich nicht zusammenfügen. Sie ergaben kein Bild. Und vor allem ergaben sie keinen Sinn.

Simon verdrehte die Augen. Er hatte Puzzlespiele noch nie gemocht.

Die Berichte klangen so unglaublich. Doch Simon spürte, dass diese Jugendlichen es ernst meinten. Und allmählich vertraute er ihnen.

Plötzlich horchte er auf: Moon, der Lakota-Indianer, hatte von Gefangenschaft gesprochen.

„Wer?“, fragte Simon. „Wer hält euch gefangen?“

Die fünf blickten sich kurz an. Simon bemerkte die Angst, die in ihnen hochkam.

„Wir werden schon lange festgehalten auf diesem Schiff“, wich Basrar Simons Frage aus. „Vielleicht schon seit vielen Jahren.“

„Oder seit vielen Jahrhunderten“, warf Neferti ein. „Wir wissen es nicht genau.“

Nin-Si nickte: „Wir wurden aus unserer Zeit gerissen und auf dieses Schiff gebracht, wo wir nun seine Gefangenen sind.“

Neferti rutschte nahe an Simon heran und sprach so leise zu ihm, dass Simon sie kaum verstand: „Er ist ein Wesen, das mit keinem anderen vergleichbar ist.“

Auch Nin-Si setzte sich näher zu den beiden. „Er ist mächtig“, flüsterte sie. „Mächtiger als alles, was dir bisher begegnet sein wird. Selbst im dritten Jahrtausend wird es nichts geben, das es mit ihm aufnehmen kann.“

„Seine Kraft ist unendlich“, ergänzte Basrar. „Und sein Zauber ist stark. Niemand kann ihm entrinnen. Nicht hier und auch nicht in einer anderen Zeit.“

„Er hat uns in seiner Hand“, erklärte Moon, und er bemühte sich, ebenso wie die anderen, seine Stimme nicht zu laut werden zu lassen. Sie saßen so eng beieinander, dass Simon den Atem der anderen spüren konnte. Alle hatten die Köpfe vorgeneigt aus Angst, auch nur eines ihrer Worte könnte aus dem Kreis der Gruppe hinaus den Weg finden zu dem, über den flüsternd berichtet wurde.

„Er hat uns in der Hand“, wiederholte Moon. „Und er wird uns erst freilassen, wenn er sein Ziel erreicht hat.“

Basrar stimmte ihm zu. „Sein Ziel: durch die Zeit für die Zeit. Für eine neue Zeit: seine Zeit.“

Simon schüttelte den Kopf. „Ich verstehe das alles nicht“, brummte er. „Ich …“ Er blickte in die Runde: „Wer ist es? Wer ist er? Wer hält euch gefangen? Sagt mir seinen Namen!“

„Seinen Namen?“ Die anderen zogen ihre Köpfe erschrocken zurück.

Nur Basrar kam jetzt noch dichter an Simon heran. So dicht, dass sich die Nasen der beiden Jungs beinahe berührten. Und es schien Simon, als ob er den Karthager eher denken als sagen hörte: „Er ist der Fürst zwischen den Welten.“

Seltsam, wieder wirkte Basrars Stimme so fremd und monoton, fand Simon. „Er ist der Herrscher der Zeit und der Wächter der Seelen. Er ist der Albtraum in der Nacht und der Schrecken des Tages. Er ist der Gedanke, der dich aufschrecken lässt.“

Kaum hörbar fügte er hinzu: „Du willst seinen Namen wissen? Er wird dir nicht gefallen. Er ist – der Schattengreifer.“

In dem Moment bebte das gesamte Schiff erneut und Simon gefror bei diesen Worten das Blut in den Adern. Simon blickte Basrar noch immer fest in die Augen.

Die Worte des Karthagers schienen Simons Innerstes zu durchfluten.

„Schattengreifer?“, hörte er sich flüstern.

Basrar nickte. Er rutschte wieder zurück an seinen Platz im Kreis der Gruppe. Der junge Karthager wirkte jetzt lebhafter und sprach nun mit seiner normalen Stimme weiter: „Der Schattengreifer ist ein Reisender durch die Zeit“, erklärte er. „Mit diesem Schiff – dem Seelensammler, wie er es nennt – sucht er eine Epoche nach der anderen auf. Mit diesem Schiff und mit seiner Mannschaft. Mit uns – seinen Zeitenkriegern.“

Bevor Simon ihm antworten konnte, zeigte Neferti in die Runde. „Das ist der Name, den er uns gegeben hat: seine Zeitenkrieger. Wir leben auf diesem Schiff, weil er es so bestimmt. Wir sind Gefangene in seinem Universum. Und wir reisen mit ihm durch die Zeit, wann immer er es befiehlt.“

„Aber was hat er denn mit euch vor?“

Nin-Si warf die Arme in die Luft. „Das ist für uns das Geheimnis. Er spricht nicht darüber. Wir sind Teil eines großen Planes. Seines Traumes.“

„Sprecht ihr vom Traum dieses … Schattengreifers?“ Wie merkwürdig das alles klang!

Nin-Si blickte zur Seite. „‚Eines Tages werden wir verstehen‘, sagt er. Dann, wenn alles erreicht ist, werden wir die Ersten sein in der neuen Zeit. In seiner Zeit.“

Simon sah sich auf dem Schiff um. Ein ungutes Gefühl beschlich ihn. „Wo – wo befindet er sich denn in diesem Augenblick? Ist er jetzt hier?“

Schnell winkte Neferti ab. „Nein. Hab keine Angst. Auf dem Schiff leben nur wir. Der Schattengreifer betritt es selten.“

„Er lebt in seiner eigenen Welt“, ergänzte Basrar. „Nur dann, wenn er unsere Hilfe benötigt, kommt er auf das Schiff. Er wandelt zwischen den Welten. Zwischen seiner Welt der Schatten und unserer Welt auf diesem Seelensammler.“

„Sobald eine weitere Zeitreise ansteht, erscheint er auf diesem Deck“, erklärte Nin-Si. „Eine neue Zeitreise, die ihm helfen soll, seinen großen Plan zu verwirklichen …“

Erschrocken brach sie ab und starrte zu Salomon hinüber: Die ganze Zeit hatte er nur still dagesessen und zugehört, doch auf einmal schlug er so unvermittelt und kräftig mit der Faust auf das Deck, dass sogar eine der Krähen auf dem Mast aufschreckte und schreiend davonflog.

„Der große Plan, der große Plan!“, schrie er. „Was soll das schon heißen? Niemand von uns weiß, was er vorhat. Niemand von uns weiß, wohin er verschwindet, wenn er hier gewesen ist. Und das Schlimmste: Wir wissen nicht, was mit uns geschehen soll. Nicht mal, ob wir jemals wieder zurückkönnen. Zu unseren Familien. Und Freunden …“ Tränen schossen ihm in die Augen. „Wir werden nur immer mehr und mehr. Und nun bist du also auch einer von uns, Simon, und …“

„Nein!“ Neferti sprang auf ihre Füße. „Nein. Das glaube ich nicht!“

Salomon blinzelte und wischte sich rasch übers Gesicht. Auch die anderen sahen Neferti überrascht an.

„Was?“

Sie ging einmal um die ganze Gruppe herum. „Es hat keine Zeitreise gegeben, bevor du kamst“, erklärte sie. Simon verstand wieder einmal kein Wort. Wohl aber die anderen.

„Das stimmt“, erwiderte Nin-Si mit leuchtenden Augen. „Etwas ist anders. Du bist der Erste, der von selbst auf dieses Schiff gekommen ist. Der Schattengreifer hat dich nicht gefangen.“

„Hm … Wir lagen einfach nur vor der Küste …“, grübelte Moon und strich nachdenklich seine langen Haare zurück.

„Genau!“, fiel ihm Basrar ins Wort. „Und dann bist du ganz plötzlich hier aufgetaucht. Neferti hat recht: Es gab keine Zeitreise. Du bist keiner von uns!“

Auch Nin-Si sprang jetzt auf und baute sich vor Simon auf. Wieder musterte sie ihn eingehend. Doch ihr Blick hatte nun alle Wärme verloren und Simon rückte erschrocken von ihr ab. „Du bist anders als wir Zeitenkrieger“, sagte sie. „Basrar hat recht. Vielleicht … vielleicht …“

„… vielleicht ist er ein Spion des Schattengreifers!“ Basrar sah ihn auf einmal feindselig an. „Vielleicht reicht es ihm nicht mehr aus, uns seine Krähen zu schicken. Vielleicht musste es jetzt ein Junge sein? Ein Junge aus dem dritten Jahrtausend?“ Er ballte die Fäuste und es sah so aus, als wollte er sich auf ihn stürzen, doch Neferti griff nach seinem Arm und hielt ihn zurück.

„Nein! Er ist bestimmt kein Spion. Schau ihn dir doch an. Er hat überhaupt noch nicht verstanden, was mit ihm geschieht. Seine Angst ist echt. Und seine Verwirrung auch.“ Sie wandte sich Nin-Si zu: „Seht in seine Augen! Auch ihr hattet diesen Blick, als ihr dieses Schiff zum ersten Mal betreten habt. Er ist zwar nicht durch die Zeit gereist, aber trotzdem gehört er nun zu uns.“

Basrar blickte Simon scharf an, dann entspannten sich seine Gesichtszüge. „Ich will dir glauben, Neferti“, gab er zur Antwort. „Erst einmal.“

Und zu Simon gerichtet, zischte er: „Doch ich behalte dich im Auge, Simon aus dem dritten Jahrtausend! Keine Spielchen! Ich warne dich …“

„Ich bin kein Spion, glaubt mir“, sagte Simon hastig. „Neferti hat recht. Ich verstehe im Moment gar nichts mehr. Ich meine, wieso können wir uns denn überhaupt miteinander verständigen? Ich meine … ihr kommt doch alle aus ganz unterschiedlichen Kulturen … und Zeiten und Ländern. Müsstet ihr nicht völlig verschiedene Sprachen sprechen?“

„Wir leben hier in einer Art Zwischenwelt“, erklärte Neferti mit ihrer ruhigen Stimme. „Hier gelten deine Gesetze nicht mehr. Wir sind alle Gefangene dieses Universums, das nur der Schattengreifer beherrschen kann.“

Ein erneutes Vibrieren durchzog das Schiff und plötzlich schoss Simon ein erschreckender Gedanke durch den Kopf: Was, wenn er tatsächlich so etwas wie ein Spion war – es aber selbst nicht wusste? Möglicherweise würde er sich selbst ja nicht mehr trauen können? Woher sollte er denn wissen, ob ihn der Schattengreifer nicht längst manipuliert und zu seiner Marionette gemacht hatte?

Entsetzt griff er sich mit beiden Händen an die Stirn. Er hatte das Gefühl, sein Kopf würde gleich zerspringen.

„… geht es dir gut?“ Neferti war dicht an ihn herangetreten, ohne dass Simon es bemerkt hatte.

Ich weiß es nicht“, gab er mit unterdrückter Stimme zur Antwort. „Dies alles hier … das Schiff … ihr … dieser – Schattengreifer …“

Sie legte eine Hand auf die seine. „Beruhige dich. Er hat bisher niemandem von uns Schmerzen zugefügt. Er behandelt uns gut und …“

„Abgesehen davon, dass er euch entführt, euch euer Leben gestohlen, euren Familien geraubt und auf diesen Kahn gebracht hat, meinst du?“ Simon war fassungslos.

Sie blickte ihn traurig an. „Entschuldige, ich wollte dir nur deine Angst ein wenig nehmen.“

Sie wandte sich zum Gehen um, doch schnell ergriff Simon ihre Hand. „Nein. Entschuldige.“ Er seufzte. „Das war gemein von mir. Tut mir leid, ich …“

Neferti drehte sich zu ihm um. „Ist schon gut!“

Er blickte wieder auf das Meer und Neferti stellte sich an seine Seite. Sie ließ ihren Blick ebenfalls über die Wellenspitzen schweifen. „Ich stehe oft hier an der Bordwand und schaue auf das Meer“, sagte sie mit verträumter Stimme. „Und dann frage ich mich, ob es dasselbe Meer ist, auf das auch meine Brüder blicken. Und ich schicke ihnen meine Grüße und meine besten Wünsche. Über diese Wellen, weit über das Meer, bis an den Nil. In mein Land, an meine Ufer, in meine Zeit ...“ Das Licht des Mondes spiegelte sich schimmernd in den Tränen, die sich in ihren Augen bildeten. „… zu meiner Familie.“

Verlegen sah Simon zur Seite und strich mit einer Hand über die Bordwand.

„Kannst du mir sagen, wie es funktioniert?“, fragte er – dieses Mal eher, um Neferti abzulenken und auf andere Gedanken zu bringen. „Wie geht das mit der Zeitreise?“

Sie wischte sich die Tränen aus den Augen und suchte seinen Blick. „Du versuchst noch immer, alles zu verstehen, nicht wahr?“

„Nun ja, ich versuche eben nur …“, er brach ab und sah sie hilflos an.

„Er hat eine Maschine“, erklärte Neferti und lächelte ihn verständnisvoll an.

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