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Schattengreifer – Die Zeitenfestung

Über den Autor

Stefan Gemmel, geb. 1970, ist mit über 30 Veröffentlichungen der meistübersetzte Schriftsteller in Rheinland-Pfalz.

Überregional bekannt wurde er auch durch seine originellen Lesungen und Schreibwerkstätten. Der erste Band der »Schattengreifer«-Trilogie Die Zeitensegler wurde mit dem »LeseDino 2010« ausgezeichnet, den von Kindern und Jugendlichen im Saarland vergebenen Buchpreis für das beste Kinder- und Jugendbuch. Für seine Nachwuchsförderung wurde Stefan Gemmel außerdem u. a. mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt. Er ist verheiratet, Vater von zwei Kindern und lebt in der Nähe von Koblenz.

Infos im Internet:

www.stefan-gemmel.de

www.schattengreifer.de

BASTEI ENTERTAINMENT

FLAMMEN AUF MASTSPITZEN

Flammen auf Mastspitzen

Sein Herz schlug ihm bis zum Hals. Es schlug so hart, dass Simon schon befürchtete, es könnte in seinem Inneren zerplatzen. Unbändige Wut wühlte ihn auf. Eine Wut – nein, ein Hass – beinahe greifbar.

Ein Hass auf sich und auf den Magier. Doch vor allem quälte Simon diese Ohnmacht.

Hier kniete er am Strand, hilflos und zurückgelassen.

Und nur er kannte die Wahrheit. Die fürchterliche Wahrheit um Leben und Tod und um eine Falle, in die seine Freunde und sein Vater in diesem Augenblick geradewegs hineinsegelten.

Er war außerstande, sich jemandem mitzuteilen. Er war unfähig, sie alle zu warnen.

Er war hier. Verzweifelt. Erschöpft. Und vor allem: völlig machtlos.

Noch immer flossen ihm Tränen heiß über das Gesicht.

Und noch immer … noch immer spürte er diese sanfte Berührung auf seiner Schulter.

Er wandte den Kopf und blickte seiner Mutter ins Gesicht. Auch ihr rannen Tränen über die Wangen. Auch ihr war die Ohnmacht anzusehen. Die Hilflosigkeit. Die Verwirrung einer Frau, die sich nicht mehr auskannte in ihrer eigenen Welt. Deren Mann und deren Sohn in ein Geheimnis verwoben waren, von dem sie bisher nichts gewusst hatte. Die einer Gefahr ausgesetzt waren, von der Jessica nichts hatte ahnen können.

»Möchtest du reden?«

Die Liebe, die aus ihrer Stimme in diesen drei Worten herausklang, ließ Simon innerlich ruhiger werden, und er nickte.

Sie beugte sich vor, nahm ihn fest in den Arm, und es waren abermals drei Worte, die endgültig den Hass aus seinem Herzen verdrängten. Wenn auch nur für diesen einen Moment: »Das ist gut«, flüsterte sie, während sie ihm auf die Beine half und ihn den steilen Weg hinaufbegleitete, vom Strand, an dem Bootshaus vorbei zu ihrem Haus. Sie ging dicht an seiner Seite.

Simons Blick fiel auf die Rotkopf-Klippe, deren Spitze weit über den Strand hinausragte und in deren Innerem sich eine Höhle befand, von der Simon bisher nichts gewusst hatte – die vielleicht niemand in der Stadt kannte – und in der doch alles seinen Ursprung genommen hatte, was jetzt sein Leben bedrohte.

Schnell wandte er den Blick wieder ab. Wortlos ließ er sich von seiner Mutter weiter zum Haus führen, zur Tür hinein und in die Küche, wo er am Tisch Platz nahm. Sie stellte ihm ein Glas Saft auf den Tisch und setzte sich ihm gegenüber. Sie schwieg immer noch, doch ihre Blicke sprachen Bände. Sie wollte Antworten. Jetzt. Hier. Doch sie drängte ihn nicht, und Simon war ihr dankbar dafür.

Er nahm das Glas in die Hand, und obwohl er keinen Durst verspürte, setzte er es an. Nur um Zeit zu gewinnen.

Wie sollte er anfangen? Das, was er ihr zu berichten hatte, war so unglaublich und so verworren.

Er trank einen Schluck, stellte das Glas ab und sagte: »Es waren Flammen. Flammen auf Mastspitzen, mit denen alles begann.« Sein Blick schweifte aus dem Fenster zu der riesigen Kastanie im Garten hinter dem Haus. Doch er sah keine Äste oder Zweige und auch nicht den kleinen Vogel, der so vorwitzig auf einer Astspitze saß und zu ihnen hereinschaute. Er blickte auf das Schiff, das ihm inzwischen so viel bedeutete: der Seelensammler. Er sah die beiden Masten mit ihren Fackeln obenauf. Und auch die Bugfigur, den riesigen Krähenkopf. Alles erschien so realistisch vor seinem inneren Auge, als stünde er jetzt gerade davor. Wie einst, als er das Schiff in seinen Träumen gesehen hatte. Damals, als dies alles hier seinen Anfang genommen hatte.

Er sah sich selbst, wie er in der ersten Nacht in seinem Boot zu dem Schiff gerudert war. Er sah sich die Strickleiter hinaufklettern und das Deck betreten.

Und während diese Bilder in seiner Erinnerung entstanden, begann er zu reden. Die Worte flossen nur so aus ihm heraus. Er schilderte seiner Mutter alles so genau, wie es ihm nur möglich war, und das Gefühl, jetzt tatsächlich an Deck des Schiffes zu sein, verstärkte sich.

Mit Wehmut sah er die Zeitenkrieger, seine Freunde, wie sie ihm überrascht entgegengeblickt hatten, in jener ersten Nacht. Und noch einmal verspürte er den Schlag gegen das Schiff. Es war ihm, als neige sich der Seelensammler in diesem Moment weit zur Seite, gerade so, wie er es immer tat, kurz bevor sein Erbauer erschien.

Der Magier – der Schattengreifer.

Dies war der einzige Moment, in dem Simons Mutter kurz aufschreckte. Der Name des Magiers ließ sie erschauern. Doch sie fragte nicht nach. Sie ließ Simon weitersprechen, versuchte zu verstehen, was er ihr sagte. Versuchte dagegen anzukämpfen, dass dies alles völlig unglaublich klang. Sie kannte ihren Sohn. Er hatte sie noch nie belogen. Und das, was sie an diesem Tag bereits erlebt hatte, ließ sie erahnen, dass sie noch viel unglaublichere Dinge zu hören bekommen würde.

»Er greift sich deinen Schatten – dann, wenn die Not am größten ist«, berichtete Simon. »Er greift sich deinen Schatten und zerrt dich hinaus aus deiner Welt. Hinaus aus deiner Zeit. Auf dieses Schiff – den Seelensammler. Und niemand kann dich retten. Niemand weiß von dir. Niemand weiß von diesem Seelensammler.«

Es war Simon geradezu, als spräche Basrar aus ihm heraus. Diese Worte hatte Basrar benutzt, in der ersten Nacht. Der Junge aus Karthago. Der, den der Schattengreifer als Ersten zu sich genommen hatte, wie Simon damals noch geglaubt hatte.

»Er entführt die Jugendlichen und nimmt sie mit auf sein Schiff. Sie sind seine unfreiwilligen Gehilfen bei der Durchführung seines großen Plans. Er braucht ihre Fähigkeiten und ihr Wissen.«

Und Simon berichtete weiter. Alles, was geschehen war. Irgendwann wandte er den Blick vom Fenster ab und schaute auf seine Hände, die er offen auf den Tisch gelegt hatte. Seine Finger spielten mit der Haarlocke und der Raubtierkralle.

Jessica lauschte. Jedes einzelne Wort nahm sie in sich auf, mochte es noch so unglaublich klingen.

Schließlich erklärte Simon seiner Mutter den großen Plan des Schattengreifers: sein Vorhaben, die Welt zu versklaven, die Menschen seinem Willen zu unterwerfen, damit endlich alle Streitigkeiten und alle Kriege ein Ende hätten. Die Welt in seiner Hand, in seiner Obhut.

Und dann fiel Simon erschöpft in sich zusammen. Er hatte sicherlich zwei Stunden ohne Unterbrechung geredet. Nun fühlte er sich leer und matt und blickte mit müden Augen auf sein Saftglas, das er seit dem ersten Schluck nicht mehr angerührt hatte.

Jessica saß ihm mit offenem Mund gegenüber. Ihre Wangen glühten. Auch sie fühlte sich erschöpft. Und es war ihr anzusehen, dass sie noch immer versuchte, all das Unglaubliche zu verstehen.

Simon spürte, dass ihr die gesamte Tragweite seines Berichtes noch nicht bewusst geworden war. Er richtete sich in seinem Stuhl auf, und obwohl alles in ihm sich dagegen wehrte, sagte er knapp: »Es ist eine Falle.«

Und diese Worte ließen Jessica erneut aufhorchen. »Wie meinst du das?«

»Papa hat das Risiko auf sich genommen, um mich zu retten. Doch das war ein schlimmer Fehler. Er hat mich nicht gerettet, er hat uns beide in Gefahr gebracht!«

Jessica verlor das letzte bisschen Ruhe. »Was bedeutet das?«, fuhr sie Simon an. »Nun sag schon!«

»Der Schattengreifer hat Papa gefragt, wie weit er gehen würde, um mich zu retten. Das kann nur eines bedeuten: Er führt ihn wieder zu dem Moment zurück, an dem Papa von dem Schiff geflohen ist. Und Papa glaubt sicher, dass er mich rettet, wenn er dieses Mal auf dem Schiff bleibt. Wenn er den rettenden Sprung dieses Mal nicht wagt. Doch dann …«

»… ändert sich die gesamte Vergangenheit«, schloss Jessica bestürzt. Simon war überrascht, wie schnell sie diese besondere Situation erfasst hatte.

»Ich hätte ihn ja nie kennengelernt«, murmelte sie. »Und dich, Simon …«

»… mich würde es gar nicht geben.«

»Wenn dein Vater also nicht springt, so wie einst …«

»… dann werde ich verschwinden. Mich auflösen oder in mich zusammenfallen oder davonfließen. Wie auch immer: Springt Papa nicht von Bord, dann ist es mit mir aus.«

»Und wenn er springt?«

»Dann werden wir die Rache des Schattengreifers zu spüren bekommen«, gab Simon zur Antwort, und in derselben Sekunde schoss es ihm und seiner Mutter durch den Kopf: was immer dies für uns bedeuten wird. Doch keiner der beiden wagte es, diesen Gedanken laut auszusprechen.

Plötzlich war es wieder da, dieses Gefühl der Hilflosigkeit. Es zerrte an Simon. Augenblicklich erwachte wieder die Wut in ihm. Er musste seine Freunde warnen. Und auch seinen Vater. Doch er saß hier, festgehalten in seinem Zuhause, vor einem Glas Saft.

»Kann ich dir ein paar Fragen stellen?«, kam es Simon leise über die Lippen.

Jessica nickte. »Natürlich. Was willst du wissen?«

»Was hat Papa gesagt, bevor er sich auf den Weg zum Schiff gemacht hat?«

Sie zuckte die Schultern. »Eigentlich nichts. Er stammelte Dinge, die ich nicht verstanden habe. Die erst jetzt langsam einen Sinn für mich ergeben. Ein Geheimnis, von dem ich bisher nichts ahnen konnte. Ein Ereignis in seiner Jugend …«

Simon bohrte weiter nach: »Wie ist er auf das Schiff gekommen?« Er wusste zwar nicht, wohin ihn diese Fragen führen konnten, doch er hatte das dringende Bedürfnis, sich alldem zu stellen.

Seine Mutter lachte kurz auf. »Wenn ich dir das sagen könnte. Erst hat er im Garten nach etwas gesucht – nach dieser Kralle, die du in den Händen hältst.«

»Die Kralle? Was hat er damit getan?«

»Wenn ich dir das beschreiben könnte. Er murmelte unverständliches Zeug, und dann hat Christian sich mit der Spitze der Kralle in die Hand geschnitten. Allerdings erst, nachdem er auch eine Haarlocke von mir hatte.«

Noch einmal blickte Simon auf seine Hände, in denen er die Locke und die Kralle bewahrte. Doch dieses Mal schaute er nicht gedankenverloren darauf. Ein Zittern überkam ihn. Ein Hoffnungsschimmer. Gab es vielleicht doch einen Ausweg für ihn? Konnte es sein, dass er gerade die Lösung seines Problems in den Händen hielt? Wenn sein Vater es mit der Kralle auf das Schiff geschafft hatte, konnte dann möglicherweise auch Simon damit zum Seelensammler zurück?

Sein Vater hatte sich die Krallenspitze in die Haut geritzt, kurz bevor er zum Seelensammler gekommen war. Genau so, wie er mit der Spitze Simons Handfläche eingeritzt hatte, als er ihn von Bord des Seelensammlers geschickt hatte. Die unverständlichen Worte, von denen Jessica gerade berichtete, hatte Simon ebenfalls gehört. All das schien eine Möglichkeit zu bieten, das Schiff zu besuchen und zu verlassen. Doch was hatte es mit der Locke auf sich?

Simon wurde immer aufgeregter: »Was hat er genau getan, Mama?«, fragte er hektisch. »Was war es?«

»Was ist denn mit dir? Du …«

»Bitte, sag es mir: Was hat er getan?«

Wieder zuckte sie die Schultern. »Er kniete auf der Erde, murmelte diese Formeln und …«

Simon zeigte mit der linken Hand auf seine rechte. »Und die Haarlocke?«

»Die hat er mir abgeschnitten, kurz bevor er von Rückkehr sprach.«

Simon atmete auf. Jetzt war ihm alles klar! Die Locke hatte ihn hierher geführt. Für den Zauber brauchte man etwas von dem Ort, an den man reisen wollte. Wenn Simon also wieder auf den Seelensammler zurückkehren wollte, dann benötigte er diese Kralle, etwas von dem Schiff und die Formeln. Und er durfte keine Sekunde mehr zögern. Er musste zurück auf das Schiff.

Jetzt!

Hastig sprang er auf. »Wo hat Papa gegraben?«

»Simon, was ist denn plötzlich mit dir?«

»Bitte, sag mir, wo er gegraben hat.«

Sie wies aus dem Fenster. »Draußen im Garten, an der Kastanie. Wieso …«

Er stürzte nach draußen. »Ich darf keine Zeit verlieren. Ich muss los.«

Jessica sprang von ihrem Platz auf und rannte ihrem Sohn hinterher. »Was? Du musst los? Aber …«

»Verstehst du nicht? Ich muss auf das Schiff. Ich muss alle warnen!« Schon erblickte er die aufgeworfene Erde am Fuß der Kastanie. Christians Spaten steckte noch im Boden, und davor stand eine kleine Kiste mit geöffnetem Deckel. Auf Simon wirkte sie geradezu einladend. Er wollte darauf zulaufen, doch Jessica hielt ihn am Arm. Unbändige Angst sprach aus ihren Augen. Angst um ihren Sohn.

»Du willst zurück auf dieses Schiff? Gerade jetzt, wo ich dich endlich wiederhabe? Du glaubst nicht, was für Sorgen ich in den vergangenen Stunden ausgestanden habe. Um dich. Um deinen Vater.«

Simon versuchte, sich aus dem Griff zu lösen. »Ich muss zurück, Mama. Ich muss.«

»Du willst dich erneut in Gefahr begeben?«

Es gelang ihm nicht, ihren Griff zu lockern. »Verstehst du denn nicht? Ich bin in größerer Gefahr, wenn ich hierbleibe. Und Papa auch. Ich bin vermutlich der Einzige, der die hinterhältige Falle des Schattengreifers erkannt hat. Ich bin vielleicht der Einzige, der weiß, dass Papa gerade mit seinem und mit meinem Leben spielt.«

Der Griff um seinen Arm löste sich. Jessica blickte ihn verzweifelt an. »Und es gibt nur diese eine Möglichkeit?«

Simon nahm ihre Hände in seine. »Glaub mir: Ich muss zurück!«

Sie seufzte.

»Es tut mir leid.« Simon ließ ihre Hände los und wandte sich wieder der Kastanie zu. Vor der kleinen Kiste ließ er sich auf die Knie fallen. Er nahm die Kiste in beide Hände und schaute wie im Fieber hinein. Doch wie groß war seine Enttäuschung, als er erkannte, dass sie beinahe leer war. Einzig ein Stückchen Stoff, gerade so groß wie ein Geldstück, lag darin. Simon sah sich fieberhaft um. Ein Stofftaschentuch lag neben dem Spaten. Er beugte sich vor, griff danach und faltete es hektisch auseinander. Doch es stand nichts darauf geschrieben, wie er gehofft hatte.

Noch einmal ließ er seinen Blick schweifen, aber nirgendwo entdeckte er ein Blatt Papier oder ein weiteres Stück Stoff oder irgendetwas anderes, auf das die Formeln geschrieben sein könnten – die Formeln, die ihn zurück zum Seelensammler bringen könnten.

Sein Herz sackte. Alles in ihm wurde schwer.

Jessica trat an ihn heran. »In der Kiste ist nicht das, was du suchst, oder?«

Simon blickte zu ihr auf und schüttelte den Kopf.

»Das Stück Stoff, das dein Vater darin gefunden hatte, war etwas größer, aber …«

Simon wurde hellhörig. »Papa hat solch einen Stoff herausgenommen?« Schnell griff Simon in die Kiste, und urplötzlich lachte er auf. Er hätte sich ohrfeigen können, dafür, dass er durch die Suche nach den Zauberformeln dem Stoff keine Beachtung geschenkt hatte. Jetzt, hier zwischen seinen Fingern, wurde ihm urplötzlich klar, woher das Stückchen stammte. Er kannte dieses Gefühl. Er wusste, dass es sich um ein Stück Segel des Seelensammlers handelte.

Er strahlte. Dieses Stückchen Stoff, so klein es auch sein mochte, konnte ihn zu dem Schiff führen. Wenn er nur die Formeln kennen würde.

Noch einmal schaute er sich um. Seine Finger spielten mit der Kralle. Simon hätte platzen können vor Ungeduld. Er dachte an seine Freunde zurück, die jetzt nur noch eine Zauberformel weit von ihm entfernt waren. Er wollte sie wiedersehen. Er wollte sie in den Arm nehmen.

Neferti.

Er sah ihr Gesicht. Ihr Lachen. Er sah, wie sich ihre Lippen bewegten, als sie ihm zuletzt noch zugerufen hatte: »Wir sehen uns wieder.«

Und auf einmal war es ihm, als könne er ihren Geruch wahrnehmen. Ihr Haar riechen. Ihre Stimme hören. Seine Sehnsucht nach ihr und nach seinen Freunden wurde übergroß. Seine Fantasie spielte ihm Streiche. Schon glaubte er, das Knarren der Planken zu hören und auch die Schreie der Krähen in den Körben. Er konnte das Meer riechen und das Salz auf seiner Haut spüren.

Sehnsucht.

In diesem Augenblick regte sich etwas tief in ihm. Eine Kraft, die er nicht kannte, bemächtigte sich seiner. Alles um ihn herum wurde für einen Moment schwarz, dann plötzlich sah er wirbelnde Sterne vor seinem geistigen Auge. Ein Sausen übertönte erst alle Geräusche, bevor er eine Stimme hörte. Jemand redete in einer Sprache, die er nicht kannte. Formeln wurden ausgesprochen. Und Simon verstand schnell, dass er es war, der diese Worte von sich gab.

Wie in Trance zückte er die Raubtierkralle in seiner Hand, hielt sie sich an die Handfläche und ritzte hinein. Das Blut strömte warm über seine Hand, über den Stoff, die Haarlocke seiner Mutter.

Das Wirbeln vor seinen Augen wurde stärker, bis plötzlich alle Sterne verschwanden und Simon einen letzten Blick auf seine Mutter werfen konnte, die ihm ängstlich und sorgenvoll, aber doch mit einem Hoffnungsschimmer in den Augen hinterhersah.

Dann drehte sich alles um ihn.

Secstart

Er wandte sich ab.
Die Zeit des Redens und des Verhandelns war vorüber.
Er hatte sich entschieden, und nichts konnte ihn davon abhalten. Auch nicht die vertraute Stimme, die nun nach ihm rief. Die ihn bat, zu bleiben und nicht zu gehen.
Doch er blieb unbeeindruckt. Beinahe genoss er es, den Verzweifelten hinter sich zu lassen. Ihn mit seiner Angst allein zu lassen in den langen Gängen seiner Festung.
Sollte er es ruhig als Strafe verstehen. Als Strafe für die Flucht, die er einst vorgezogen hatte.
Der Magier verdrängte die Rufe aus seinem Kopf und betrat die riesige Halle.
Er hatte sich entschlossen, neu zu beginnen. Auch wenn ihn das viel Mühe und Zeit kosten würde.
Er war bereit, sich noch einmal in Geduld zu üben und den Neuanfang zu wagen.
Den Neuanfang.
Dann, wenn das Alte aus dem Weg geräumt war.

Hart schlug er mit dem Kopf auf. Der Schmerz durchfuhr seinen ganzen Körper. Doch der Geruch nach altem morschem Holz ließ Simon sofort allen Schmerz wieder vergessen. Der vertraute Duft und der wunderbare Klang knarrender Bretter waren sein Willkommensgruß. Das Rumoren, von dem das ganze Schiff ergriffen wurde und das sich auch sacht auf Simons Haut legte, wirkte wie eine freundschaftliche Berührung.

Zu gern wäre Simon aufgesprungen, wäre über das Deck gerannt und hätte seine Freunde gesucht. Doch er musste sich zügeln. Er wusste ja nicht, ob der Schattengreifer an Deck war und in welcher Lage sich seine Freunde befanden.

Vorsichtig öffnete er die Augen. Die Flammen auf den Mastspitzen waren das Erste, was er erblickte. Es musste mitten in der Nacht sein. Der Himmel war ungewöhnlich schwarz. Nur ein einziger Stern war zu erkennen.

Auf dem Schiff war alles auffallend ruhig. Simon hatte Stimmen erwartet. Streit vielleicht. Zumindest Diskussionen. Er war davon ausgegangen, dass alle auf dem Deck versammelt waren. Dass die Zeitenkrieger den Magier zur Rede stellten oder dass Simons Vater mit dem Schattengreifer stritt.

Doch es herrschte eine außergewöhnliche Stille auf dem Schiff.

Was war hier los?

Vorsichtig drehte sich Simon auf den Bauch, stemmte sich in die Höhe und erhob sich langsam. Er befand sich in der Schiffsmitte, zwischen den beiden Masten. Hätte er alles so vorgefunden, wie er es erwartet hatte, dann wäre er längst entdeckt worden.

Die Segel waren gerafft. Die Kajüttür stand noch immer offen. Das gesamte Schiff wirkte, als läge es in tiefem Schlaf.

Noch einmal schaute sich Simon um, dann ging er zögerlich auf die Kajüte zu. Eine beklemmende Unruhe machte sich in ihm breit. Eine Ahnung und eine unbestimmbare Angst um seine Freunde.

Mit seiner rechten Hand berührte er beinahe zärtlich die Klinke und blickte auf das beschädigte Schloss, das direkt unter der Klinke halb aus der Tür ragte. Simon erinnerte sich an den Augenblick, in dem er es zerstört hatte, damals, als er die Tür auftreten musste, damit sie den erkrankten Schattengreifer in die Kajüte hatten bringen können.

Er riss sich von dem Anblick los und schritt durch die Tür. Alles war so, wie er es kannte: der lange Tisch mit dem einsamen Stuhl daran. Und in der Ecke neben der Tür hing an dem verrosteten Nagel noch immer der kleine Beutel … Darin lag der Schlüssel, mit dem Simon einst in die Welt des Schattengreifers hinabgestiegen war.

Doch auch hier: keine Menschenseele.

Allmählich geriet Simon in Panik. Wo waren alle?

Jetzt vergaß er alle Vorsicht! Ruckartig wandte er sich um und rannte in wilder Hatz über das Deck, auf die kleinere der beiden Bodenluken zu – zum Mannschaftsraum der Zeitenkrieger.

Die Luke war geschlossen. Simon bückte sich und ergriff den Eisenring, um die Luke zu öffnen, als er spürte, wie sich über ihm etwas regte.

Er blickte hinauf und sah gerade noch, wie sich ein dünner Schatten auf ihn herabsenkte und sich im selben Moment etwas über ihn legte. Simon wehrte sich. Bis er begriff, dass er in einem Fischernetz gefangen war.

Mit einem Ruck wurde nun die Bodenluke aufgerissen, und Caspar sprang heraus. Er hatte eines seiner Messer gezückt und kam auf Simon zugerannt.

»Was …!« Abrupt blieb er stehen. Zuerst schien Caspar seinen Augen nicht zu trauen, dann strahlte er über das ganze Gesicht. »Simon?«

Er stürzte auf ihn zu und half ihm aus dem Netz. »Du bist hier?«

Nun kamen auch die anderen blitzschnell aus der Luke. Zuerst war Neferti zu sehen. Sie riss überrascht die Augen auf.

»Simon!«

Sie flog ihm in die Arme, gerade in dem Moment, als Caspar ihn befreit hatte, und drückte ihn fest an sich. Er spürte ihre Lippen an seiner Wange. »Du bist da!«, hauchte sie.

Augenblicklich war eine zweite Stimme zu hören. »Simon?« Nin-Si kam näher. »Wir hatten eine solche Angst!«, sagte sie, und Caspar pflichtete ihr bei: »Wir dachten schon, wir hätten dich verloren.«

»Simon!« Moon kletterte aus der Takelage des Schiffes.

»Hast du mir das eingebrockt?«, fragte Simon lachend und zeigte auf das Netz.

Moon lächelte zurück. »Wir haben beschlossen, in Zukunft vorsichtiger zu sein. Wir wussten ja nicht, dass du hier plötzlich …«

Caspar lachte: »Mit einem Fang wie dir hatten wir nicht gerechnet!«

»Aber es ist der netteste Fisch, den ihr hättet an Land ziehen können«, schloss Neferti und drückte Simon noch einmal an sich.

Mit einem lauten Freudenschrei kam nun auch die kleine Krähe vom Mastkorb auf Simon zugeflogen. Sie setzte sich auf seine Schulter.

Simon atmete auf. Wie gut es tat, seine Freunde um sich zu haben. Doch nun, während er das Gefieder der kleinen Krähe streichelte, stellte er die Frage, die ihn am meisten beschäftigte: »Wo ist mein Vater?«

Caspar blickte erst zum Meer hinaus, dann wieder in Simons Augen. »Wie soll ich dir das sagen …«

»Ja?«

»Der Schattengreifer hat ihn mitgenommen.«

»Mitgenommen?« Da war sie wieder, Simons panische Angst. »Wohin?«

»Kaum, dass du weg warst, sagte er nur etwas von einem Neuanfang«, erklärte Nin-Si. »Und dann hat er seinen Umhang um deinen Vater geworfen, und dein Vater ist ohnmächtig zusammengesunken. Die spitzen Krähenfedern erschienen auf der Haut des Schattengreifers, und dann ist er verschwunden, gemeinsam mit deinem Vater.«

Simon starrte sie fassungslos an. »Er hat ihn mitgenommen? Warum? Und wohin? Das macht keinen Sinn. Für einen Neuanfang muss der Schattengreifer mit dem Schiff zurück zu dem Moment, in dem mein Vater einst geflüchtet ist. Er muss ihn zwingen, seine Entscheidung von damals zurückzunehmen. Ihn daran hindern, von Bord zu springen und …«

»Wir verstehen es ja auch nicht«, gab Neferti zur Antwort. »Alles ist ganz anders verlaufen, als wir gedacht hatten. Wir hatten mit einem Vergeltungsschlag gerechnet, einem Racheakt wegen Salomons Flucht.«

»Oder mit einer neuen Zeitreise«, ergänzte Caspar. »So wie du es dir auch vorgestellt hast. Eine Reise, mit deinem Vater an Bord.«

»Doch das hier hat uns alle überrascht«, sagte Nin-Si. »Der Schattengreifer schien sehr zufrieden zu sein, als er von Bord ging.«

In Simons Kopf überschlugen sich die Gedanken. Das alles machte keinen Sinn für ihn. Er versuchte, das, was seine Freunde erzählten, in einen Zusammenhang zu bringen. Es war wie Puzzleteile zusammenzufügen, doch es schien beinahe, als wehrten sich die einzelnen Teile. Simon hasste Puzzlespiele.

Das Schiff rumorte wieder.

»Er hat uns nicht einmal einen letzten Blick zugeworfen«, fuhr Nin-Si fort. »Er schien es eilig zu haben, und er … er …« Sie stockte und hustete. »Er hatte sich … er …«

Nin-Si griff sich an den Hals. Caspar stürzte auf sie zu. »Was ist mit dir?«

»Ich …« Nin-Si röchelte. Sie wankte. Voller Panik schaute sie zu ihren Freunden. Keuchend rang sie nach Luft.

»Was hast du?«, rief Simon ihr zu.

Neferti versuchte, ihre Freundin zu stützen, doch Nin-Si versagten die Beine, und sie fiel der Länge nach hin. In ihren Augen war blanke Angst zu erkennen. »Ich …« Sie zitterte am ganzen Körper.

»Nin-Si!« Neferti blickte sie entsetzt an. »Sag mir, was ich tun kann!« Sie griff nach den Armen ihrer Freundin. »Sie ist eiskalt«, rief Neferti den anderen zu. »Was ist das? Was hat sie nur?«

Innerhalb weniger Sekunden verlor Nin-Si alle Farbe aus ihrem Gesicht. Sie wurde leichenblass. Auch ihre Augenfarbe verblasste.

»Sie … sie löst sich auf«, rief Caspar fassungslos. Und tatsächlich: Nin-Sis Haut wurde fahl und bleich. Schon konnte man das Holz des Schiffsdecks durch ihren Körper hindurchsehen – wie durch Glas.

»Nin-Si!« Neferti wurde fast verrückt vor Angst um ihre Freundin. »Was geschieht mit dir? Wie kann ich dir …«

Nin-Si zuckte noch einmal heftig auf, dann war sie plötzlich verschwunden. Wie ein Nebelhauch im Wind löste sie sich vor den Blicken ihrer Freundin auf.

»Nin-Si!«

Neferti klammerte sich verzweifelt an Simon. »Wo ist sie hin? Was ist mit ihr geschehen?«

»Komm zurück!« Rasend vor Wut trat Christian gegen die Eisenstäbe seines Gefängnisses. »Sprich mit mir!« Er rüttelte an den Stangen und trat noch einmal kräftig dagegen. Doch allmählich wurde ihm bewusst, dass es vergeblich war, und er gab seinen Widerstand resigniert auf. Seine Stimme verweigerte ihm inzwischen ohnehin den Dienst. Christian hatte sich bereits heiser geschrien, ohne dass der Schattengreifer sich gerührt hatte. Der Magier hatte ihn einfach hier zurückgelassen, in diesem Verließ.

Es roch modrig. Kaltes Wasser lief in dünnen Rinnsalen an den steinernen Wänden herab oder fiel als dicke, graue Tropfen von der Decke herunter. Selbst die Eisenstäbe, gegen die er sich lehnte, waren feucht. Christian blickte sich um. Er vermutete, dass er sich in einer Höhle befand oder zumindest in einer Art Stollen unter der Erde.

Der Raum, in den er eingesperrt worden war, bot nicht viel Platz. Es schien eine Nische in einer Felswand zu sein, eine Art enge Höhle, vor deren Ausgang fünf Eisenstäbe Christian den Weg hinaus versperrten. Das einzige Licht kam von einer dünnen Fackel, die in eine Felsspalte gesteckt worden war. Direkt darunter bot ein morscher Baumstumpf die Möglichkeit, sich zu setzen.

Christian fror. Er zog die Fackel aus der Wand, doch die Flammen gaben nur wenig Wärme ab.

Er führte die Fackel durch zwei Eisenstäbe und versuchte, einen Blick aus seinem Gefängnis zu werfen. Doch vergeblich. Das schwache Licht wurde von der Dunkelheit geschluckt. Was für ein Raum sich auch immer vor dem Verließ befand, er führte scheinbar tief in die Erde hinein. Vielleicht ein Stollen, dachte Christian und fragte sich gleichzeitig, wohin der Gang wohl führen mochte.

Und dann vernahm er plötzlich Geräusche. Etwas näherte sich seiner Zelle.

Christian konnte das Schlurfen von Schritten hören und ein unheimliches Knurren. Sofort zog er die Fackel zurück und entfernte sich ein Stück von den Stäben.

Die Schritte wurden lauter, und bevor Christian etwas erkennen konnte, wusste er das Knurren einzuschätzen. Es war das tiefe Knurren eines wilden Tieres.

Erschrocken schrie Christian auf, als der Säbelzahntiger im fahlen Licht der Fackel zu erkennen war. Ein riesiges Tier mit gewaltigen Zähnen.

Christian trat einen weiteren Schritt zurück und drückte sich mit dem Rücken gegen die feuchte Höhlenwand. Er ließ das Tier keine Sekunde aus den Augen. Und auch der Tiger starrte bewegungslos zu ihm in das Verließ hinein. Die Stoßzähne blitzten im dünnen Schein der Flamme gleißend weiß auf.

Christian hielt den Atem an. Er konnte kaum glauben, dass er einem lebenden Säbelzahntiger gegenüberstand. Er starrte dem Tier in die Augen, als dieses plötzlich den Kopf herumwarf und so markerschütternd brüllte, dass Christian vor Schreck die Fackel aus den Händen fiel.

Mit einem leisen Zischen erstarb das Licht in einer Pfütze am Boden, und Christian stand in völliger Dunkelheit an die Höhlenwand gepresst, mit der Gewissheit, von einem Raubtier bewacht zu werden, von dem er nur das kehlige Knurren vernahm.

»Was ist denn nur mit ihr geschehen?« Nefertis Gesicht war tränenüberströmt. Immer wieder sah sie von Simon zu dem Platz, an dem Nin-Si gerade verschwunden war, und wieder zu Simon.

Doch er konnte ihr auch nicht helfen. Er wusste selbst keine Antwort.

Moon strich mit beiden Händen über die Planken. Gerade so, als versuche er, das Unbegreifbare mit seinen Fingern zu fassen.

»Das war er!«, brachte Caspar hervor und sprach damit das aus, was allen bereits bewusst war. »Er hat sie vom Schiff geholt.«

»Aber wozu?«, stieß Neferti hervor.

Alle blickten ratlos und betroffen auf die leere Stelle. Nur die kleine Krähe begann mit einem Mal, nervös mit dem Kopf zu rucken. »Ich fürchte, ich weiß, was das bedeutet«, krächzte sie aufgeregt.

»Du fürchtest?«, hakte Simon nach.

Die Krähe ignorierte ihn. »Wenn ich recht habe, verheißt das nichts Gutes«, wiederholte sie düster.

»Nun sag schon«, bat Neferti.

»Der Schattengreifer hat sie nach Hause gebracht.«

Die Ägypterin blickte den Vogel überrascht an. »Du meinst, zu ihr nach Hause? In die Stadt Ur?«

»Ja! In ihre Zeit. Zurück in die Gefahr.« Die Krähe schaute mit bangem Blick zu Simon. »Er dreht das Rad der Zeit zurück. Er will von vorn beginnen, das waren seine Worte.«

Neferti pflichtete ihr bei: »Ja, das hatte er gesagt, bevor er mit Simons Vater verschwand: das Rad der Zeit zurückdrehen.«

Der Vogel ruckte aufgeregt mit dem Kopf. »Er beginnt von vorn. Ihr habt seine Pläne durchkreuzt. Mit euch als seinen Zeitenkriegern kann er nicht mehr rechnen.«

Jetzt verstand auch Caspar: »Und nun braucht er neue Zeitenkrieger für seinen Plan.«

Noch einmal nickte die Krähe. »Und bevor er neue auf das Schiff bringt …«

»… müssen erst einmal die bisherigen von Bord!«, beendete Simon den Satz. Er sah Moon, Caspar und Neferti voller Sorge an. »Ich denke, die Krähe hat recht. Das alles macht Sinn: Der Schattengreifer bringt euch zurück in eure Epochen. Er hat euch aufgegeben. Er führt euch zurück zu dem Zeitpunkt, an dem er euch entführt hatte.«

»Aber …« Neferti blickte erschrocken um sich. »Aber damit führt er jeden von uns zurück zu dem Moment, in dem sein Leben höchst bedroht war.«

»Und ich vermute, er möchte, dass euch das bewusst ist«, fügte die Krähe an.

Simon stimmte ihr zu: »Aus seiner Sicht haben alle versagt. Keiner von uns wusste zu schätzen, dass wir Teil seines großen Plans waren. Er ist enttäuscht.«

Neferti nahm Simon an der Hand. »Auch dich wird er bestrafen. In der Sekunde, in der dein Vater sich entschließt, nicht zu springen.«

»Vielleicht ist das der große Abschluss der Erneuerung«, überlegte Simon. »Wenn er meinen Vater dazu bringt, nicht von Bord zu springen – wenn er es schafft, ihn hierzubehalten, dann wird er anschließend beginnen, neue Zeitenkrieger auf den Seelensammler zu führen.«

»Und so wird er vielleicht doch noch seinen Plan verwirklichen«, bekräftigte Moon.

»Aber das dürfen wir nicht zulassen«, stieß Caspar hervor, und unbewusst legte er seine Hand auf eines der Messer an seinem Gürtel. »Wir müssen uns wehren!«

»Doch zuerst müssen wir Nin-Si beistehen«, warf Neferti ein. »Sie ist in größter Gefahr.«

»Was können wir denn tun?«, fragte Simon, obwohl er die Antwort bereits ahnte. Ganz sicher formte sich in diesem Augenblick dieselbe Idee auch in den Köpfen seiner Freunde.

Caspar setzte gerade zu einer Antwort an, als Moon hervorschoss und ihm rasch eine Hand auf den Mund legte. Caspar wehrte sich, doch Moon gab ihm schnell einen Wink. Er deutete mit seinem Blick nach oben zur Mastspitze. Die Jugendlichen folgten seinem Blick und entdeckten die große Krähe, wie sie aufmerksam auf der Rahe saß. Ihr krummer Schnabel hob sich dunkel gegen das Blau am Himmel hervor.

Die Freunde verstanden augenblicklich. Innerlich verfluchte Simon diesen Spion des Schattengreifers. Er drehte den Kopf der kleinen Krähe zu, die noch immer auf seiner Schulter saß.

»Du beherrschst doch einige Zauberformeln«, flüsterte er ihr zu. »Kennst du vielleicht einen Zauberspruch, mit dem du die Krähe dort für eine kleine Weile unschädlich machen kannst? Es ist ganz bestimmt von Vorteil, wenn der Schattengreifer nicht gleich erfährt, was wir planen.«

Die Krähe legte den Kopf schief. »Hm … ich weiß nicht … meine Fähigkeiten sind nicht so groß und …«

»Nicht so bescheiden«, mahnte Simon. »Du hast schon mehrfach bewiesen, dass du außerordentliche Kräfte besitzt. Du musst ihr ja auch nichts Gefährliches antun. Schick sie in einen Schlaf, oder hetz ihr einen Lähmungszauber ins Gefieder.«

Die Krähe schnalzte. »Hah! Ihr Federlosen stellt euch das immer so einfach vor. Einen Lähmungszauber! Als könne man so etwas einfach aus dem Flügel schütteln. So etwas habe ich bisher noch nie gemacht.«

Simon ahnte, dass der Vogel wieder einmal übertrieb. Daher zuckte er zweimal mit der Schulter, sodass die Krähe auf und ab wippte, und flüsterte: »Nun versuch es doch mal!«

Die Krähe zierte sich noch ein wenig, doch schließlich gab sie wie erwartet nach. »Ich kann es ja mal versuchen. Es hilft bestimmt, dass ich den Krummschnabel da oben sowieso nicht mag.«

Sie spreizte die Flügel weit aus und verengte ihre Augen zu Schlitzen. Bestimmt ging sie davon aus, dass sie ungemein gefährlich oder wenigstens etwas unheimlich wirkte.

»He, bitte weniger Hülle und etwas mehr Inhalt«, ulkte Simon.

Doch die Krähe ging nicht darauf ein. Sie starrte nach oben zu ihrer Rivalin, und endlich murmelte sie leise krächzend eine Formel.

Die Jugendlichen blickten wieder nach oben.

Die Krähe mit dem krummen Schnabel saß ungerührt auf der Rahe und schaute weiterhin auf die Gruppe herunter. Sie versuchte wohl zu verstehen, was da unten vor sich ging. Doch anscheinend fehlte ihr der Mut, zu ihnen hinabzufliegen.

»Die ganz große Zaubernummer war das nicht«, spottete Simon weiter. Doch noch immer ging die kleine Krähe nicht darauf ein. Sie starrte weiter nach oben und murmelte erneut eine unverständliche Formel.

Die größere Krähe zuckte nur kurz, dann klapperte sie mit dem Schnabel und verharrte wieder in ihrer Position.

»Als Zauberkünstler würdest du verhungern«, sagte Simon.

»Hah!«, war die einzige Antwort, die er bekam. Die kleine Krähe wies mit ihrem Schnabel nach oben, und tatsächlich: Plötzlich krächzte die Große auf. Sie taumelte, verlor das Gleichgewicht und fiel von der Rahe herunter. Caspar reagierte blitzschnell und fing den Vogel auf.

»Hah!«, krächzte es erneut auf Simons Schulter. »Was sagst du nun?«

»Ich bin beeindruckt«, gab Simon ehrlich zu. »Ich muss schon sagen …«

»Von wegen verhungerter Zauberkünstler. Die Welt würde mir zu Füßen liegen, wenn ich öffentlich auftreten würde. Ganze Bäume würde man nach mir benennen. Und … und … außerdem …«

»Achtung – sie erwacht!«, mahnte Caspar. Die Kleine verstummte augenblicklich.

Simon grinste sie kurz an, dann rannte er zu der großen Kiste, die vor der Kajüttür stand und die ihm einst als Versteck gedient hatte. Er zog hinter der Kiste einen Sack hervor und hastete damit zu der Gruppe zurück.

Keine Sekunde zu früh. Gerade schlug die große Krähe ihre Augen auf und hackte Caspar mit der Schnabelspitze in die Hand.

»Au!«

In Windeseile stülpte Simon den Sack über den Vogel und hielt ihn mit beiden Händen verschlossen, während Moon nach einer Schnur suchte und damit den Sack zuband.

Die Krähe wehrte sich. Sie schimpfte und schrie, doch schließlich ergab sie sich ihrem Schicksal und verharrte reglos in ihrem engen Gefängnis.

»Es ist nur für eine kurze Weile«, redete Simon auf sie ein. »Versprochen.« Und damit wandte er sich augenzwinkernd der kleinen Krähe zu. »Die Welt zu deinen Füßen? Ganze Bäume, die deinen Namen tragen?«

Die Kleine tat schnippisch. »Hab ich euch geholfen oder nicht?«

Neferti beendete die Albernheiten: »Das hast du. Und wir danken dir dafür. Nun lasst uns überlegen, wie wir Nin-Si beistehen können.«

Secstart

Es durchfuhr ihn.
Ein unbekanntes Gefühl. Wie eine Lähmung.
Gerade so, als habe man ihm eine Hand auf den Rücken gebunden oder eines seiner Augen geschlossen.
Er wusste sofort, was dies zu bedeuten hatte.
Doch er ließ sich nicht beirren.
Er ging seinen Weg weiter.
Er hatte geahnt, dass es ihn nicht nur Mühe kosten würde, sondern dass er vielleicht auch Opfer bringen müsse.
Er verschwendete keine weiteren Gedanken an seine Gehilfin auf dem Deck des Schiffes.
Er schenkte dem Vorfall keine Beachtung. Die Vollendung seines Plans war das Einzige, was wichtig war.
Die Sonne beschien heiß seinen Rücken. Doch Hitze oder Kälte spürte er schon lange nicht mehr.
Er blickte stur geradeaus, auf den Boden, auf den Sand, auf dem er ging.
Er beobachtete die Schatten. Beide Schatten, wie sie vor ihm über den Sand und die kleinen Gesteinsbrocken glitten.
Zwei Schatten: sein eigener Schatten, schmal, hager und lang.
Und der andere Schatten. Der des Mädchens. Der sich krümmte in den Händen des hageren Schattens.
Der Magier grinste. Sie wand sich. Sie wehrte sich. Sicherlich spürte dieser Schatten des Mädchens, dass sie ihrem Ziel bereits ganz nahe waren.

Mit vereinten Kräften zerrten Moon, Neferti und Simon an dem Tau. Sie stemmten sich mit den Füßen gegen die Bordwand der Backbordseite, um mithilfe des Taus – wie bei einem Flaschenzug – die Zeitmaschine aus dem Rumpf des Schiffes herauszuhieven. Schon bald war die Raubtierkralle auf dem goldenen Bogen zu sehen, der den riesigen Globus der Maschine umspannte. Einige Handgriffe noch, und die Glaskugel zeigte sich, mit dem Herz des Schattengreifers darin. Sie war eingefasst in die runde Steinplatte, die als Uhr diente.

Und schließlich tauchte die Sanduhr aus dem Inneren des Schiffes auf, mit ihrem blutroten Sand, der die Stunden maß, in denen die Jugendlichen sich in anderen Epochen bewegen konnten. Mit einem mächtigen Schlag, der das ganze Schiff erbeben ließ, hakte die Vorrichtung ein, und die Zeitmaschine stand in ihrer ganzen beeindruckenden Pracht auf Deck.

Simon wischte sich den Schweiß aus dem Gesicht. Das Herz im Inneren der Uhr blähte sich zitternd auf und fiel in sich zusammen. Das Schiff vibrierte kurz.

»Wir sind nicht sehr viele«, stellte Caspar unbehaglich fest. »Vier Freunde immerhin. Aber wir müssen uns der Macht eines mächtigen Magiers stellen.«

»Wären Basrar und Salomon nur hier«, gab ihm Simon recht. »Sie wären eine große Hilfe.«

»Lasst uns keine Zeit mehr verlieren«, bat Neferti. »Ich habe Angst um Nin-Si.«

Caspar griff hinter sich und legte sich mit einem Ruck den Beutel auf die Schultern, in den er vorhin die Vorräte gesteckt hatte: Brot und Äpfel für alle und dazu einige Feldflaschen mit Wasser.

Simon trat zuerst an die Maschine. Die kleine Krähe saß erneut auf seiner Schulter. Er rief sich Nin-Sis Gesicht vor Augen und legte beide Hände in die Mulden der Steinplatte.

Wind kam auf. In Sekundenschnelle nahm er an Stärke zu und brauste ohrenbetäubend über das Deck.

Als Neferti ihre Hände in die Mulden legte, kam das Meer in Bewegung. Der Seelensammler wurde von den Wellen hin und her geworfen.

Kaum hatte Caspar seine Hände auf der Platte, da bäumten sich bereits vor und hinter dem Schiff die riesigen Wände aus Wasser auf, die schließlich über ihnen hereinbrachen, als Moon seine Hände zur Platte ausstreckte.

Simons letzte Gedanken galten Nin-Si und auch seinem Vater. Wo mochte er sein? Befand er sich auch in Nin-Sis Zeitepoche? Begleitete er den Magier in die Stadt Ur?

Ich hoffe, es geht dir gut, Papa, dachte Simon noch, bevor die Wassermassen das Schiff überspülten und der Seelensammler die Zeitreise antrat.

Das Wasser hatte inzwischen Christians Shirt völlig durchnässt. Er zitterte am ganzen Leib vor Kälte.

Das Knurren des Tigers war nur noch selten zu hören. Vielleicht war das Tier eingeschlafen.

Er musste etwas tun! Christian konnte nicht einschätzen, wie lange der Schattengreifer ihn in diesem Verließ gefangen halten wollte. Und er konnte ja nicht Stunden oder gar Tage an diese Wand gelehnt stehen bleiben.

Die Fackel!, schoss es ihm durch den Kopf. Vielleicht gelang es ihm, wieder Licht zu entfachen.

Er ließ sich langsam auf die Knie sinken und spürte, wie erneut Wasser in seine Kleidung eindrang. Mit den Händen tastete er den Boden ab, strich über Steine und durch Matsch und Pfützen hindurch.

Ihn schauderte.

Er rutschte ein Stück vor und versuchte es weiter. Dann noch einmal ein Stück. Und endlich bekam er etwas zu fassen.

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