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Schattengreifer – Der Zeitenherrscher

Über den Autor

Stefan Gemmel, geb. 1970, ist mit über 30 Veröffentlichungen der meistübersetzte Schriftsteller in Rheinland-Pfalz.

Überregional bekannt wurde er auch durch seine originellen Lesungen und Schreibwerkstätten. Der erste Band der »Schattengreifer«-Trilogie Die Zeitensegler wurde mit dem »LeseDino 2010« ausgezeichnet, den von Kindern und Jugendlichen im Saarland vergebenen Buchpreis für das beste Kinder- und Jugendbuch. Für seine Nachwuchsförderung wurde Stefan Gemmel außerdem u. a. mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt. Er ist verheiratet, Vater von zwei Kindern und lebt in der Nähe von Koblenz.

Infos im Internet:

www.stefan-gemmel.de

www.schattengreifer.de

BASTEI ENTERTAINMENT

FLAMMEN AUF MASTSPITZEN

Flammen auf Mastspitzen

Simon rannte. Jagte davon. Seine Lunge drohte zu zerplatzen. Seine Beine spürte er schon lange Zeit nicht mehr. Alles in ihm wehrte sich gegen diese Anstrengung.

Doch er musste rennen. Weiter und weiter.

Den Blick starr vor sich auf die Straße gerichtet, lief er um sein Leben. Er war auf der Flucht, und er kannte seine Verfolger. Ebenso, wie er sich bewusst war, dass sie aufholten.

Simon kämpfte gegen die Erschöpfung und gegen die Schmerzen an. Er mühte sich weiter, Schritt für Schritt, den Blick fest auf die Straße geheftet.

Doch plötzlich schnitt ihm etwas ins Ohr. Simon schrie auf und warf den Kopf in den Nacken. Eine riesige Krähe war dicht an ihm vorbeigeflogen und hatte ihn mit ihren scharfen Flügelspitzen gestreift. Simon verfolgte ihren Flug mit seinen Blicken. Die Krähe beschrieb einen weiten Bogen, dann kam sie direkt auf Simon zugeflogen.

Sie gehörte zu seinen Verfolgern. Mit einem ohrenbetäubenden Krächzen kam sie auf den Jungen zugestürzt. Simon duckte sich und spürte ihren Luftzug im Gesicht, als sie über ihn hinwegfegte. Noch immer behielt Simon sie im Blick. Er drehte den Kopf, sah der Krähe hinterher, und im gleichen Augenblick bemerkte er seinen zweiten Verfolger. Nur wenige Schritte von ihm entfernt.

Im Licht der Nacht erkannte er hinter sich nur einen Schatten, der ihn verfolgte. Einen Schatten und dessen schneeweiße Hände, die aus dem schwarzen Umhang hervorschauten und sich im Mondlicht spiegelten: lange, spindeldürre Finger, die sich nach Simon reckten. Und weit hinter ihm, im Dunkel der Nacht kaum auszumachen, ein Schiff auf dem Meer, mit brennenden Fackeln auf seinen zwei Mastspitzen.

Schnell wandte Simon wieder den Kopf und hielt den Blick auf die Straße gesenkt. Da spürte er, wie er gepackt wurde. Wie sich eine Macht um seinen ganzen Körper legte, ihn einschnürte und ihm jede Bewegungsmöglichkeit nahm.

Simon schrie auf. Er versuchte, sich zu wehren, versuchte zu kämpfen, doch er war gefangen.

„Simon!“

Der Junge wandte den Kopf, versuchte weiter, sich zu befreien, doch …

„Du hast geschrien!“

Diese Stimme – so vertraut.

Er japste nach Luft, konnte sich noch immer nicht bewegen.

„Simon! Was ist mit dir?“

Allmählich schwanden die Bilder vor seinen Augen, und er kam zu sich. Er blickte verwirrt um sich, in die Richtung, aus der die Stimme kam. Seine Mutter saß neben ihm und sah ihn voller Sorge an. Ihre Hand ruhte auf seiner Schulter. „Albträume?“, fragte sie.

Simon sah an sich herunter. Er hatte sich im Schlaf so sehr in seiner Bettdecke gewunden, dass sie ihn wie eine zweite Haut umspannte und ihm jede Möglichkeit zur Bewegung nahm. Also doch kein Zauber, in dem er gefangen war. Seine eigene Decke hatte ihm einen Streich gespielt.

Nun kam auch sein Vater ins Zimmer gestürzt. Er rieb sich schlaftrunken die Augen. Dann warf er einen Blick auf seinen Sohn, der völlig verstört in seinem Bett lag. „Wieder Albträume?“, fragte auch er sofort, und Simon nickte stumm.

„Was ist nur mit dir los?“ Simons Mutter half, ihn aus der Bettdecke zu befreien. „Immer wieder diese Träume. Es war ja einige Zeit wirklich besser, und ich dachte schon, das hört von alleine auf. Aber in den letzten Wochen … beinahe jede Nacht …“

Simon blickte hilflos in die besorgten Gesichter seiner Eltern. Wie hätte er ihnen das alles erklären sollen? Wie hätte er ihnen sagen können, dass er bereits seit langer Zeit auf diese Träume gewartet hatte? Dass er diese Bilder kannte. Ja, dass er sie herbeigesehnt hatte?

Diese Träume waren Zeichen. Sie waren seine Verbindung. Wie ein Rufen aus der Unendlichkeit der Zeit. Und Simon wollte auf dieses Rufen antworten.

Er war bereit.

Langsam erhob er sich von seinem Bett. „Es geht schon wieder“, sagte er mit belegter Stimme. „Vielleicht hab ich gestern Abend nur etwas Falsches gegessen oder getrunken. Oder …“

„Klar!“, erwiderte der Vater. „Das wird es sein. Das Glas Milch zum Abendessen war bestimmt von einer Monsterkuh. Und deshalb bekommst du auch Monsterträume und …“

„He!“, unterbrach ihn Simons Mutter mit strengem Blick. Doch die Stimmung im Zimmer entspannte sich spürbar, und ihr war anzusehen, dass sie ihrem Mann sehr dankbar für seine Sprüche war.

„Es geht schon wieder“, brachte Simon hervor, und ohne einen weiteren Blick auf seine Eltern ging er ins Bad.

Endlich!

Das schrille Klingeln der Schulglocke. Schulschluss!

Hastig packte Simon seine Sachen zusammen.

„Du gehst bestimmt wieder einmal nicht mit uns nach Hause, oder?“ Tom hatte sich an seine Seite gestellt. „Bist bestimmt wieder auf dem Weg zur Schulbibliothek? Fleißig lesen!“

Simon sah verlegen auf seine Tasche. „Ich hab da noch was zu erledigen. Ich muss …“

„… etwas nachschlagen. Ist schon klar“, unterbrach ihn Tom scharf. „Ich muss mir unbedingt die Telefonnummer von der Bibliothek besorgen. Falls ich mal mit dir sprechen will.“

Simon sah auf. „Bist du sauer?“

Tom winkte nur ab. „Ach, lass mal. Schon in Ordnung. Wirst deine Gründe haben.“

Grübelnd blickte Simon seinem besten Freund hinterher, dann machte er sich auf den Weg in die Bibliothek.

Die Leiterin empfing ihn mit einem Lächeln: „Simon. Ich hab mich schon gefragt, wo du bleibst! Schau mal, ich hab dafür gesorgt, dass dein PC-Platz frei ist.“

„Super, vielen Dank!“ Simon ging zu dem Computertisch und stellte die Tasche neben seiner halb vollen Wasserflasche ab, die er gestern dort vergessen hatte. Auch sein Geschichts-Lexikon lag noch dort. Aufgeschlagen, so wie er es liegen gelassen hatte.

Simons Herz tat einen Sprung, als er auf das Buch blickte. Seine Hand strich über die Buchstaben. Jeden Tag las er die wenigen Zeilen dieses Berichtes. Eine Randnotiz nur, doch für Simon die wichtigste Information in diesem tausendseitigen Band.

Kaum hatte Simon auf dem Stuhl vor dem Computertisch Platz genommen, zog er auch schon das Lexikon zu sich und ließ die Finger über die Stelle wandern, die er schon so oft gelesen hatte und doch immer wieder lesen musste.

Neben einem gezeichneten Stadtplan der historischen Stadt Karthago war ein längerer Text über den Untergang dieser Stadt abgedruckt. Von Scipio, dem römischen Konsul, war dort die Rede, der 146 vor Christus mit seinen Truppen die Stadt zerstört hatte.

Am Ende dieses Artikels gab es eine Randbemerkung, die Simon inzwischen auswendig hätte aufsagen können. Wort für Wort. Selbst dann, wenn man ihn nachts um drei aus dem Schlaf geschüttelt und ihn danach gefragt hätte.

Von einer Legende um einen Jungen aus Karthago war dort die Rede: Von Basrar, der mit seinen 13 Jahren in der Nacht des Untergangs einige hundert Menschen der Stadt gerettet hatte. Er sei gewarnt worden, hieß es, und er hätte alles darangesetzt, seine Familie, Freunde und Nachbarn in der Nacht des Untergangs zu warnen, um mit ihnen zu flüchten.

„Wer dem Jungen erschienen sein soll, ist bis heute ein Rätsel“, hieß es in dem Lexikon-Artikel. Und weiter: „Wissenschaftler vermuten, dass es wohl niemals einen Menschen geben wird, der dieses Geheimnis lüften kann.“

Simon lächelte. Er wusste genau, worauf diese Rettung zurückzuführen war. Und er kannte auch denjenigen, der Basrar gewarnt hatte. Denn derjenige saß hier, an diesem Tisch. Den Finger auf dem Artikel.

Und dies alles war erst der Anfang. Bald schon würde noch mehr geschehen. Schon sehr bald. Denn das verrieten ihm seine Träume der letzten Tage.

Er schaltete den Monitor an seinem Computer-Platz ein und rief das Online-Lexikon auf, mit dem er am liebsten arbeitete. Hier hatte er bisher noch alle Antworten auf seine Fragen erhalten. Und es waren viele Fragen, die ihn beschäftigten.

Schon sausten seine Finger über die Tastatur. „Pestzeit“ gab er ein und „Europa“. Sofort erschienen die vertrauten Bilder, und Simon ließ den Mauszeiger über die ebenso vertrauten Artikel wandern. Er musste sich alles genau einprägen. Er musste vorbereitet sein. Jeden Moment könnte es so weit sein, dass …

Jemand stieß ihm in die Seite. Simon sah von seinem Monitor auf.

„Na?“

Tom war in der Bibliothek erschienen. Er zog sich einen Stuhl heran und setzte sich neben Simon. Mit dem Kopf wies er in Richtung Monitor. „Mal wieder auf der Suche?“

Simon zog die Schultern in die Höhe. „Na ja, du kennst mich ja.“

„Gib mir Bescheid, wenn du deine Doktorarbeit beendet hast, ja?“ Tom grinste. „Entschuldige wegen vorhin.“

„Nein, kein Problem“, wehrte Simon schnell ab. „Ich kann dich ja verstehen.“

„Aber ich dich nicht“, erwiderte Tom. „Seit fast einem Jahr sitzt du jede freie Minute an diesem Platz. Vergräbst dich in Büchern, starrst auf den Bildschirm und springst durch die Vergangenheit. Was hat das alles zu bedeuten?“

Simon seufzte. „Ich werde es dir erklären. Irgendwann. Aber jetzt kann ich einfach noch nicht darüber sprechen. Ich muss vorbereitet sein. Für eine bestimmte Sache.“

Tom winkte ab. „Das hast du mir schon hundert Mal gesagt. Ich will dich ja auch nicht drängen. Aber …“

„Ja?“

„Kann ich dir vielleicht helfen?“

Über Simons Gesicht zog sich ein Lächeln. „Du meinst …“

„Die ganze Sache scheint dir sehr wichtig zu sein. Und du bist mir wichtig. Und da könnten wir uns doch zusammentun, oder?“

„Das wäre toll!“ Simon sah Tom dankbar an. Er musste Acht geben: Simon durfte nicht nur an seine Freunde aus der Vergangenheit denken, er durfte auch die Freunde der Gegenwart nicht vergessen.

Tom rückte sich auf seinem Stuhl zurecht. „Also, was kann ich tun?“

„Du kannst mich abfragen“, war die spontane Antwort. „Es gibt ein paar historische Ereignisse, über die ich genau Bescheid wissen muss. Und du kannst mir helfen, die Lücken zu füllen.“

„Kapiert. Womit fangen wir an?“

Schnell schob Simon seinem Freund eines der Lexika zu und setzte sich in seinem Stuhl zurück. Sein Blick ging nach draußen, auf die Klippe am Meer, die wegen ihrer besonderen Form und dem roten Sand, den es nur in dieser Gegend gab, Rotkopf-Klippe genannt wurde. Tatsächlich konnte man mit nur etwas Fantasie ein Gesicht in den Klippen erkennen. Einen Mann, der hinaus auf das Meer schaute. Auf Simons Meer. Er war schon lange nicht mehr mit seinem Vater rudern gewesen. Alles, was ihm früher wichtig gewesen war, hatte er zurückgestellt. Denn es gab etwas Neues in seinem Leben. Etwas, das …

„Fangen wir auch mal an?“, erkundigte sich Tom mit einem spöttischen Lächeln.

Simon riss sich wieder zusammen und wandte den Blick von der Rotkopf-Klippe ab. „Ja, klar. Pass auf!“ Und dann begann er zu erzählen, was er sich nun schon seit langer Zeit so genau wie möglich einzuprägen versuchte.

Er begann mit der längst untergegangenen Stadt Ur, die 2500 vor Christus die erste Hochkultur der Menschheit darstellte. „Die Stadt lag in Mesopotamien, im heutigen Iran“, erklärte Simon seinem Freund, der sich mehr und mehr beeindruckt zeigte von all dem Wissen, dass Simon sich angeeignet hatte. „Doch die Menschen wirkten von ihrem Äußeren her eher asiatisch.“

„Ist das wichtig?“, hakte Tom ein.

Und Simon nickte. Für ihn war das sehr wichtig. Denn in seinen Gedanken sah er sie wieder vor sich: Nin-Sis Augen. Und gleich daneben tauchte Neferti auf, die Ägypterin. Und Salomon, der Junge, der die erste große europäische Pestzeit erlebt hatte. Und natürlich Moon, der Lakota-Indianer. Simons Freunde der Vergangenheit.

Und seine Sehnsucht, sie alle wieder zu sehen, wuchs ins Unendliche.

Secstart

Sein Zauber zeigte Wirkung.
Er konnte die Angst des Jungen spüren, nachts, wenn er sich in dessen Träume schlich und ihn auf das Wiedersehen vorbereitete.
Er konnte den Jungen schreien hören in der Nacht.
Er konnte dessen Flüstern vernehmen. Ja, selbst das Geräusch seiner Herzschläge drang bis zu dem Magier.
Seine Macht über den Jungen war größer geworden.
Und das würde er zu nutzen wissen.
Bald schon.
Bald …

Gerade hatte Simon seine Schultasche in die Ecke geworfen und war ins Wohnzimmer gekommen, als er erschrocken zusammenzuckte. Sein Vater saß am Esstisch und blickte seinen Sohn mit einem Gesichtsausdruck an, bei dem es Simon kalt den Rücken hinunterlief.

Es war kein grimmiger Blick. Simon erkannte eher Verunsicherung darin. Und obwohl ihn sein Vater nicht direkt finster ansah, lag dennoch etwas Unheimliches in dessen Augen. Etwas, das Simon nicht geheuer war.

„Ist was?“

Sein Vater winkte ihn zu sich heran. „Können wir reden?“

„Natürlich.“ Simon setzte sich ihm gegenüber an den Tisch.

„Es geht um diese Träume in der letzten Zeit“, eröffnete ihm sein Vater ohne Umschweife. Er sah Simon sehr konzentriert an. Etwas schien seinen Vater zu beschäftigen. Sehr sogar.

„Ja?“

„Was genau träumst du nachts?“

Simon überlegte, wie er seinem Vater die Bilder erklären könnte. „Es ist nichts Greifbares“, sagte er. „Sehr verschwommen und durcheinander. Eher wie …“

„Träumst du immer dasselbe?“, unterbrach ihn sein Vater auf einmal.

Simon nickte.

„Jede Nacht?“

Wieder nickte Simon.

Sein Vater beugte sich zu ihm vor. Er sah Simon so fest in die Augen, dass dem Jungen der Ernst der Situation sofort klar wurde. Und noch etwas wurde Simon bewusst: Er würde seinem Vater alles erzählen. Jetzt. Einen ähnlichen Moment wie diesen hatte Simon noch nie erlebt. Nicht einmal während der unzähligen Tage, die Simon und sein Vater allein und vertraut rudernd oder segelnd auf dem Meer verbracht hatten. Es war der Blick des Vaters. Und sein fragender Gesichtsausdruck. Etwas ging in seinem Vater vor.

Der Vater atmete hörbar ein: „Es ist wichtig“, begann er langsam. „Denk bitte gut nach, bevor du antwortest, ja? Sag mir: Siehst du nachts in diesen Träumen …“

Die Tür wurde aufgerissen, und Simons Mutter kam herein. „Oh, störe ich?“

Sofort fiel alle Spannung von Simons Vater ab, und mit einer schauspielerischen Glanzleistung, die nichts von der innigen Stimmung der letzten Sekunden verriet, gab er zur Antwort: „Nein, überhaupt nicht. Wir reden nur ein bisschen.“

„Dann ist es ja gut. Ich könnte mal eure Hilfe gebrauchen.“

„Klar!“

Simon und sein Vater erhoben sich zeitgleich. Sein Vater nickte ihm kurz zu, um ihm zu bedeuten, dass das Gespräch auch später fortgesetzt werden könnte.

Doch Simon war enttäuscht. Vielleicht hätte es gutgetan,

sich jemandem anzuvertrauen; Endlich einmal über all das zu sprechen, was ihn in den letzten Monaten beschäftigt hatte.

Aber er musste wohl warten.

Dunkelheit. Ein kurzes Flackern. Ein Schatten an der Wand. Und dann wieder: Dunkelheit.

Dazu diese kalte, feuchte Luft.

Simon konnte das Meer rauschen hören. Wie aus der Ferne und doch sehr nahe.

Wo war er? Und wie war er hierhergekommen?

Wieder flammte Licht auf. Wieder sah er den Schatten an der Wand, doch dieses Mal wurde Simon klar, dass es sein eigener Schatten war, auf den er blickte.

Er wandte sich um. Hinter ihm lag eine Fackel auf dem Boden. Die Flamme war kurz davor zu erlöschen. Simon bückte sich und hob die Fackel vorsichtig in die Höhe. Er pustete sanft gegen die winzige Flamme, und als hätte er sie damit geweckt, bäumte sie sich knisternd auf und erhellte den ganzen Raum.

Simon befand sich in einer Höhle. Sie war nicht viel höher als sein eigenes Zimmer, dafür aber führte sie tief in einen Felsen hinein.

Langsam drehte er sich mit der Fackel in der Hand im Kreis und sah sich um. Vor dem Höhleneingang, nur durch einen sehr schmalen Sandstreifen getrennt, konnte Simon das Meer erkennen. Das Rauschen der Wellen wurde in der Höhle verstärkt. Dadurch wirkte es gleichzeitig so nah und doch so fern.

Auf einer der Wände konnte Simon Zeichnungen entdecken. Höhlenmalereien, wie er sie aus Büchern kannte: Jagdszenen und auch Tierzeichnungen. Simon ging näher darauf zu. Echte Höhlenmalereien. Und kein bisschen verblasst. Im Gegenteil. Es schien beinahe so, als wären sie gerade erst gemalt worden. Langgliedrige Menschen konnte er erkennen, mehrere Raubtiere, gegen die sich die Menschen wehrten, und sogar ein Mammut.

Simon riss sich von diesem beeindruckenden Anblick los und inspizierte weiter die Höhle. Das Ende konnte er nicht ausmachen. Wie ein langer, schmaler Schlauch zog sich die Höhle durch das Gestein.

Schließlich wandte sich Simon den Höhlenmalereien an der Wand gegenüber zu und stutzte. Kohlestriche erkannte er dort. Kohlestriche, wie er sie nur zu gut kannte. Wieder trat er näher heran. Diese Linien, dicht beieinander. Kein Zweifel, dies war eines der Bilder aus seinen Träumen. Diese Kohlestriche waren ihm vertraut. Er hatte sie wieder und wieder gesehen. Nachts.

Langsam streckte er eine Hand danach aus und berührte mit den Fingerspitzen eine der schwarzen Linien. Er fuhr darüber und war überrascht, dass er die Kohle verstreichen konnte. Diese Striche mussten frisch sein. Simon drehte seine Hand und blickte auf seine rußgeschwärzten Fingerkuppen. Wie konnte das sein?

Er hielt die Hand näher vor seine Augen, um den Ruß auf seinen Händen besser betrachten zu können, und zog auch die Fackel immer näher zu sich heran. Plötzlich schrie er auf und ließ die Fackel fallen. Er hatte sich mit der Flamme seinen Zeigefinger verbrannt.

„Mist!“

Schnell hob er die Fackel auf und betrachtete seine Hand. Der Zeigefinger schmerzte und war bereits rot angelaufen. Doch Simon schenkte dem keine Beachtung. Genauso, wie er die aufkommende Angst in sich ignorierte. Er musste herausbekommen, was das alles zu bedeuten hatte.

Noch einmal trat er mit der Fackel an die Wand heran und betrachtete eingehend die Kohlestriche. Es waren nicht viele. Simon zählte nach: zehn Linien.

Er ging noch näher heran und streckte schon wieder seine Hand danach aus, als Bewegung in die Linien kam. Simon dachte zunächst, er wäre einer optischen Täuschung erlegen, verursacht durch das Flackern der Flamme. Doch die ersten drei Linien bewegten sich eindeutig aufeinander zu. Sie fanden mit ihren unteren Enden zueinander und bildeten gemeinsam die Form eines Fächers. Die Striche wurden nun dicker und breiter. Sie verformten sich. An den oberen Enden entstanden Spitzen, und plötzlich zuckte dieses Gebilde auf, die drei Striche bewegten sich wie die Finger einer Hand, und aus dem Fächer entstand augenblicklich eine Vogelkralle. Sie löste sich aus der Wand und griff nach Simon.

Der Junge wich schnell zurück und hielt die Fackel vor sein Gesicht.

Hinter der Kralle bildete sich ein Fleck auf der Wand. Erst nur so groß wie eine Hand, doch die schwarzen Umrisse wuchsen schnell an, bis sie die Form eines Vogels annahmen.

Simon trat einen weiteren Schritt zurück. Er dachte daran, zu flüchten, doch etwas hielt ihn auf. Wie erstarrt blickte er zur Wand. Der Vogel löste sich aus dem Schatten. Als schwarze Krähe flatterte er mit den Flügeln. Die Krähe schrie auf und funkelte Simon an, bevor sie davonflog, in Richtung des Höhleneingangs.

Simon rannte ihr nach, mit der Fackel in der Hand. Die Krähe verließ die Höhle und flog auf das offene Meer hinaus.

Simon blieb stehen und sah ihr nach. Die Krähe schoss über das Meer auf ein Schiff zu, dessen Anblick Simon aufatmen ließ. Er lachte. Alle Anspannung fiel in diesem Moment von ihm ab.

Auf dem Meer vor ihm lag der Seelensammler, das Schiff, auf dessen Ankunft Simon seit einem Jahr so sehnsüchtig gewartet hatte.

Er ließ die Fackel fallen und rannte zum Höhleneingang. Schon sah er die bekannten Flammen auf den Mastspitzen und die zerfetzten Segel des Schiffes. Er schrie vor Freude auf: Dort vor ihm waren seine Freunde aus der Vergangenheit und erwarteten ihn.

Er rannte, so schnell es ging, aus der Höhle heraus, als er jäh gestoppt wurde. Jemand hatte seinen Arm ergriffen und hinderte ihn daran, weiterzulaufen. Der Junge wurde herumgewirbelt, und aus den Augenwinkeln konnte er sehen, was seinen Lauf gestoppt hatte: eine klauenartige Hand mit weißen, spindeldürren Fingern daran.

Mit einem lauten Schrei fuhr Simon herum, befreite sich mit einem Ruck aus dem Griff und stürzte zu Boden.

Zusammengekrümmt lag er da, hielt die Hände schützend über den Kopf und wartete darauf, dass etwas geschah. Gleich würde er wieder ergriffen oder auf die Beine gezerrt werden.

Doch nichts passierte.

Langsam zog er die Hände zurück und öffnete vorsichtig die Augen. Er kauerte wieder auf dem Fußboden seines eigenen Zimmers, direkt neben seinem Bett, und tiefe Enttäuschung machte sich in ihm breit. Wieder nur ein Traum? Hatte er doch nicht das Schiff gesehen?

Er zog sich am Bett hoch und stellte sich auf die Füße.

„Autsch!“

Sein linker Zeigefinger schmerzte. Er drehte die Hand und erschrak: Quer über die Fingerkuppe zog sich eine frische rote Brandverletzung. Die anderen Finger waren von Ruß geschwärzt.

„Was …?“ Verblüfft sah er sich um, und erst jetzt bemerkte er den Lichtstrahl. Ein schwaches Licht nur, doch es zog sofort Simons ganze Aufmerksamkeit auf sich. In dem Jungen regte sich ein Hoffnungsschimmer. Er stürzte zum Fenster, und tatsächlich: Dort vor ihm auf dem Meer sah er den Seelensammler. Die Flammen auf den Mastspitzen reckten sich in den Himmel. Die Segel bäumten sich im Wind auf. Sogar die außergewöhnliche Bugfigur, der übergroße Krähenkopf, war von hier aus klar und deutlich zu sehen.

Nein, dies war gewiss kein Traum!

„Man erwacht nicht von einem Traum in den nächsten“, flüsterte Simon, während seine Hände bereits nach seinem T-Shirt suchten. Er zog sich hastig das Shirt über, schlüpfte in seine Jeans und in seine Schuhe. Endlich, der Moment war gekommen. Der Augenblick, auf den er seit einem Jahr gewartet hatte.

Seine Freunde waren zurück!

Am liebsten wäre er jubelnd die Treppe hinuntergesprungen, doch stattdessen schlich er mit angehaltenem Atem an dem Schlafzimmer seiner Eltern vorbei. Sie durften ihn nicht erwischen. Er hatte keine Zeit, sich auf Erklärungen einzulassen. Und das Gespräch mit seinem Vater, das er so gern noch geführt hätte, musste warten.

Er musste los. Rauf auf das Schiff. Jetzt!

Nachdem er die Haustür leise geschlossen hatte, war er nicht mehr zu halten. Wieder rannte er, so schnell er konnte. Doch dieses Mal flüchtete er nicht. Er lachte. Wie ein kleines Kind kam er sich vor, das sich auf dem Weg zur Großmutter befand, wohl wissend, dass ein großes Geschenk auf es wartete.

Simons Geschenk bestand aus seinen vier Freunden aus der Vergangenheit: Neferti, Nin-Si, Salomon und Moon, die ihn auf dem Schiff erwarteten. Zwei Mädchen und zwei Jungen, wie sie unterschiedlicher nicht sein konnten. Aber es waren auch vier Freunde, wie man sie sich im Leben wünscht.

Wäre Tom nur auch dabei!

Im Bootshaus sprang er ins Ruderboot und legte sich in die Riemen. Zum zweiten Mal in seinem Leben trat er diesen ungewöhnlichen Weg an: Er ruderte durch die Nacht auf das geisterhafte Schiff zu. Immer heller leuchteten die Fackeln auf den Masten zu Simon in seinem kleinen Boot hinüber, während er sich stetig dem Seelensammler näherte – einem Schiff, wie es kein zweites auf der Welt gab.

Etwa auf der Hälfte der Strecke blickte er sich um. Der Krähenkopf am Bug schien ihm entgegenzulachen. Und die hölzernen Flügel, die an den beiden Schiffsseiten herausragten, wirkten geradezu einladend auf ihn.

Aber wo war die Mannschaft? Simon hatte erwartet, dass die Zeitenkrieger ihn an der Reling willkommen hießen. Dass sie ihm vielleicht entgegenwinkten oder ihm etwas zuriefen. Doch der Seelensammler lag ruhig auf den Wellen. Alles wirkte wie ausgestorben.

In Simon machte sich Beklemmung breit. Er stieß die Paddel wieder tief ins Wasser und zog an den Rudern, bis er die Strickleiter an der Backbordseite erreicht hatte.

Trotz seiner Unruhe nahm er sich die Zeit, das Ruderboot mit mehreren Knoten an der Strickleiter zu vertäuen. Er wollte nicht noch einmal denselben Fehler begehen wie bei seinem ersten Besuch, als der Strick des Bootes sich gelöst hatte.

Mit einiger Mühe zog sich Simon schließlich an der Strickleiter in die Höhe und kletterte die Sprossen empor. Oben angekommen, hielt er inne und wagte einen Blick auf das Deck. Keine Menschenseele. Alles lag wie verlassen da. Fässer, Taue, und auch die riesige Kiste neben der Kajüttür, in der sich Simon bei seinem ersten Besuch verstecken musste, waren zu sehen. Alles auf dem Schiff war, wie Simon es kannte. Nur die Besatzung fehlte. Keine Spur von den Zeitenkriegern.

Simon kletterte über die Bordwand. Ein Raunen ging durch das Schiff und Simon spürte, wie die Beklemmung ein wenig von ihm wich. Unwillkürlich lächelte er. Was ihn bei seinem ersten Besuch noch erschreckt hatte, wirkte nun wie der erste herzliche Willkommensgruß des Schiffes. Die Zeitmaschine, im Inneren des Schiffes, vibrierte wie zur Begrüßung, und Simons Blick fiel unwillkürlich auf die riesige Bodenluke vor der Kajüte, unter der die Zeitmaschine sich befand.

Für einen kurzen Moment schloss er die Augen und genoss es, hier zu sein. Das Knarren der Schiffsplanken, das Plätschern der Wellen gegen die Schiffswand. Selbst die leisen Bewegungen der Krähen in ihren Mastkörben glaubte er zu hören.

Simon fühlte sich wie zu Hause. Er war zurückgekommen. Nein, er war angekommen.

Er öffnete wieder die Augen und ließ seinen Blick über das Deck schweifen, nach vorn, an den Bug des Schiffes. Dort, nahe der Rückseite der übergroßen Bugfigur, befand sich eine viel kleinere Bodenluke: der Eingang zu dem Mannschaftsraum im Schiffsinneren. Die Luke war geschlossen.

Was war hier los?

Gerade wollte Simon auf die kleine Luke zugehen, als er in den Augenwinkeln eine Bewegung ausmachte. Dicht an der Kajüttür stand jemand, den Rücken fest an die Wand gepresst, den Schatten ausnutzend, den das kleine Vordach im Licht des Mondes warf.

Simon wollte sich schnell verstecken, doch es gab in seiner Nähe nichts, das ihm hätte Schutz bieten können. Und es war auch zu spät. Er spürte bereits die Blicke des anderen auf sich ruhen.

Simon strengte seine Augen an und versuchte, mehr von der Gestalt im Dunkeln auszumachen. Zwar konnte er dessen Gesicht nicht wahrnehmen, doch Teile der offensichtlich zerrissenen Kleidung und vor allem die Füße konnte Simon durch das Licht der flackernden Mastfackeln erkennen. Seiner Gestalt nach zu urteilen schien es sich um einen Jungen zu handeln, allerdings um keinen seiner Freunde! So viel stand fest.

Aber – wer stand dort im Dunkeln? Und wo waren Simons Freunde? Was war hier geschehen?

In Simon stieg Angst auf. Angst um seine Freunde.

Hatte der Schattengreifer sie davongejagt? Hatte er sie vertrieben? Oder gar Schlimmeres mit ihnen angestellt?

Simon konnte erkennen, wie der andere kurz den Kopf drehte, in das Fenster der Kajüte spähte und dann den Kopf wieder Simon zuwandte.

Erneut vibrierte das Schiff.

Dieses starre Warten zerrte an Simons Nerven. Er musste handeln.

Vorsichtig trat einen Schritt nach vorn, und im gleichen Moment reagierte der andere, indem er an seine Seite griff und ein Messer hervorzog, dessen Klinge im Mondlicht aufblitzte.

Simon erstarrte und spannte die Muskeln an. Sollte es zu einem Kampf kommen, war er bereit.

Endlich sprach der andere. Es war mehr ein Flüstern, doch Simon konnte jedes Wort verstehen: „Du bist keiner von uns“, raunte der Fremde.

„Von uns?“

Simon konnte deutlich sehen, wie sein Gegenüber die andere Hand an den Gürtel gleiten ließ und ein weiteres Messer hervorzog.

„Wie bist du hierhergekommen? Niemand hat dich eingeladen.“

„Ich …“ Die Bedrohlichkeit der Situation ließ Simon den Atem stocken. Er fühlte sich machtlos angesichts dieses bewaffneten Fremden. Zu gern hätte er gewusst, mit wem er es zu tun hatte.

„Wer bist du?“, fragte Simon zurück.

Erneut sah der Fremde kurz in das Kajütfenster und wandte sich dann wieder Simon zu. „Geh wieder“, raunte er kaum hörbar aus der Dunkelheit heraus. „Verschwinde dahin, wo auch immer du hergekommen bist.“

Simon verlor die Geduld. Er musste etwas tun. Also trat er langsam auf den Fremden zu.

„Hör mal …“

Weiter kam er nicht. Was nun geschah, lief so schnell ab, dass Simon es in den wenigen Sekunden kaum registrieren konnte: Der Fremde schoss aus dem Schatten heraus und warf sich auf Simon, sodass dieser den Halt verlor und hintenüber auf das Schiffsdeck fiel. Trotz der beiden Messer in seinen Händen konnte der andere Simon packen, herumschleudern und ihn auf den Bauch drehen. Schon im nächsten Moment saß er auf Simons Rücken, eine der Klingen an Simons Hals.

„Du bist nicht gerade sehr gescheit, oder?“, fragte der Angreifer. „Ich hatte dich gebeten zu verschwinden. Was war daran unverständlich?“

Simon keuchte. Noch immer hatte er keinen Blick auf das Gesicht des Fremden werfen können. Dazu war alles viel zu schnell gegangen. Hätte er doch nur gewusst, mit wem er es überhaupt zu tun hatte!

„Ich war schon einmal hier. Ich bin …“, versuchte er eine Erklärung, doch sein Gegner fuhr ihm ins Wort. „Wenn ich Geschichten hören möchte, besuche ich meine Großmutter. Ich möchte, dass du gehst. Ich möchte …“ Die Klinge drückte sich nun fester an Simons Hals. „Ich möchte, dass du …“

„Halt!“ Ein Schrei ließ den Gegner innehalten. „Lass ihn los!“

Simons Gesicht hellte sich auf. Er kannte die Stimme.

„Lass ihn los!“

Der Fremde zögerte noch, doch dann lockerte er tatsächlich seinen Griff und zog das Messer langsam zurück. Mit einem Satz sprang er von Simons Rücken herunter, und Simon konnte sich endlich aufrichten.

Vor ihm stand Neferti. Ihre Augen strahlten ihn an. Doch nur für eine Sekunde. Dann sprang sie auf ihn zu und fiel ihm um den Hals. „Du bist wieder da!“

Im nächsten Moment lief Nin-Si zu Simon und nahm ihn in die Arme. „Endlich. Es kam mir wie eine Ewigkeit vor!“

Hinter den beiden Mädchen erschienen jetzt auch Salomon und Moon. Hastig kletterten sie aus der Luke am Bug, ihrer Schiffskammer.

„Simon!“, rief Moon und suchte sich einen freien Platz am Körper seines Freundes, um ihn ebenfalls zu drücken.

„Na, jetzt lasst mir auch was übrig von ihm“, lachte Salomon. „Schön, dich zu sehen.“

„Ihr – ihr kennt ihn?“

Simon löste sich aus der Umarmung und wandte sich um. Endlich konnte er seinem Angreifer in die Augen sehen. Ein etwa 13-jähriger Junge stand vor ihm. Er hatte die gleiche Größe wie Simon. Seine Kleidung war tatsächlich völlig zerrissen, und unter seiner Stoffmütze schauten schulterlange braune Locken hervor. Die beiden Messer noch immer in seinen Händen, besah er sich mit wachsamen Augen die Szene. Wie ein lauerndes Tier stand er hinter den anderen, bereit zum Sprung und zum Angriff.

„Das ist Simon“, erklärte Nin-Si dem Fremden. „Wir haben dir doch von ihm erzählt.“

Der andere zog eine Augenbraue in die Höhe. „Das soll Simon sein? Den habe ich mir anders vorgestellt. Stärker. Geschickter. Anders.“

„Danke!“, brummte Simon zurück. „Und wer bist du?“

Der Junge baute sich auf und streckte sich. „Mein Name ist Caspar.“

„Caspar? Ein seltener Name.“

„Nicht dort, wo ich herkomme.“

Sofort wichen alle Angst und Zurückhaltung von Simon, und er trat auf Caspar zu. „Bist du ebenfalls aus der Vergangenheit hierhergekommen?“

„Ich wurde 1199 geboren. Wenn das für dich zur Vergangenheit zählt …“

Salomon trat zwischen die beiden. „Er ist ein neuer Zeitenkrieger. Er ist erst sehr kurz bei uns und …“

Simon erschrak. „Neuer Zeitenkrieger? Heißt das …“

Mit betretenem Gesicht sah Salomon ihn an. „Ja. Nachdem du nach Hause zurückgekehrt bist, hat der Magier mit uns eine weitere Zeitreise angetreten. In die Zeit, die du Mittelalter nennst. Zu Caspar. Wir waren machtlos. Wir …“

„Wir hatten versucht, Kontakt zu dir aufzunehmen und zu verhindern, dass der Schattengreifer wieder jemanden auf das Schiff holt“, erklärte Neferti. Und bevor Simon nachhaken konnte, was sie damit meinte, sagte sie: „Aber es ist uns nicht gelungen. Seit kurzer Zeit ist deshalb Caspar hier.“

Simon sah zu ihm hin. „Ich habe noch nie einen Menschen gesehen, der sich so schnell bewegt.“

Jetzt strahlte Caspar stolz über das ganze Gesicht.

Simon suchte Nefertis Blick. „Wo seid ihr denn vorhin gewesen? Das ganze Schiff lag wie ausgestorben da. Nur Caspar …“

„Wir haben uns versteckt. Wir wussten nicht, wo diese Reise hingehen sollte. Wir waren verängstigt. Deshalb haben wir uns erst einmal in unseren Raum gesetzt. Nur Caspar wollte mehr herausfinden. Hätten wir gewusst, dass wir zu dir reisen …“ Sie lachte ihn an, und die anderen nickten.

„Und du bist auf Deck geblieben?“

„Ja, ich wollte alles beobachten.“

„Beobachten? Was …“

Ein plötzliches Knarren ließ Simon innehalten. Das Geräusch kam aus Richtung der Kajüte hinter seinem Rücken. Jemand öffnete die Tür.

Caspar, Neferti und Salomon, die Simon gegenüberstanden, blickten entsetzt zum Heck des Schiffes.

Schritte folgten dem Knarren. Und Simon wusste sofort, wer gerade aus der Kajüte das Deck betrat. Es war nicht nötig, dass er sich umwandte. Diese Schritte hätte er noch in Hunderten von Jahren wiedererkannt. Der Schattengreifer war hier. Er war es also gewesen, den Caspar beobachtet hatte, als Simon auf dem Schiff angekommen war.

Das Schiff rumorte und knarrte immer lauter.

Die eiskalte, krächzende Stimme ließ Simon erstarren. „So bist du also meinem Ruf gefolgt.“

Nun drehte sich Simon doch langsam herum. Der Schattengreifer kam auf ihn zu, die schmalen Lippen in seinem weißen Schädel zu einem unheimlichen Lächeln verformt. Seine Klauen mit den langen Fingern streckte er Simon zum Gruß entgegen.

Die Zeitenkrieger wichen einen Schritt zurück, doch Simon blieb bewegungslos auf der Stelle stehen. Zu gern hätte er ebenfalls Schutz in den Winkeln des Schiffes gesucht, doch er wollte jetzt keine Schwäche zeigen.

Der Schattengreifer trat nahe an ihn heran. Der Mond spiegelte sich auf der schneeweißen Kopfhaut des Magiers.

„Willkommen zurück auf meinem Seelensammler!“ Die Worte des Schattengreifers waren deutlich zu hören, doch seine schmalen, dunklen Lippen bewegten sich nicht. „Ich sehe, meine Nachricht hat dich erreicht. Du hast meine Bilder in deinen Träumen erhalten.“

„Meine Träume“, brachte Simon mit erstickter Stimme hervor, doch mit jedem weiteren Wort wurde seine Stimme fester. „Das war Euer Werk?! Aber was hat das alles zu bedeuten? Wofür stehen die Kohlestriche an der Wand? Wo ist diese Höhle?

Und …“

Der Schattengreifer lachte auf. Ein scharrendes, ohrenbetäubendes Geräusch. „Der gute alte Simon. Noch immer voller Fragen. Doch dieses Mal sollst du deine Antworten erhalten. Dieses Mal habe ich dich gerufen, um dir Antworten zu geben, so wie ich es dir zugesagt hatte. Bald schon wirst du Bescheid wissen. Bald schon.“

Nach diesen Worten entfernte sich der Schattengreifer von Simon. „Hab Geduld“, warf er ihm nur noch zu, dann streckte er seinen rechten Arm aus, und nur wenige Sekunden darauf landete eine riesige Krähe auf seinem Arm. Gleichzeitig bildete sich eine dichte Nebelwolke am Bug des Schiffes, gleich hinter der Bugfigur. Der Schattengreifer trat mit seiner Krähe auf dem Arm in die Wolke hinein und war kurz darauf verschwunden.

Simon atmete heftig ein und aus. Sein Herz raste, und er versuchte, sich zu beruhigen. Er blickte noch immer zum Bug, dorthin, wo der Magier verschwunden war und wo nun auch die Nebelwolke mehr und mehr verblasste, als Nin-Si an ihn herantrat und leise sagte: „Es ist gut, dich wieder bei uns zu haben.“

Secstart

Der Auftritt hatte gewirkt.
Seine Bemühungen der letzten Zeit – die Träume, die er dem Jungen geschickt hatte, die Bilder, die er ihm zeigen konnte – all das hatte seine Wirkung nicht verfehlt.
Er hatte es spüren können. Vorhin, als er ihm gegenüberstand.
Er hatte Simons Angst gefühlt. Aber auch seinen Wissens-durst und vor allem seinen Respekt. Den Respekt vor ihm, dem Magier. Alles ging seinen Weg. Alles verlief nach Plan.
Nur noch kurze Zeit, und er würde den Jungen einweihen. Er würde ihm die Antworten auf all seine Fragen geben, und dann wären sie dem Ziel so nahe wie nie zuvor.
Der Junge als sein Schüler.
Als sein Partner.
Im großen Plan.
Auf dem Weg zu dem großen Ziel.

Simon blickte sich in der Runde um. Hier am Feuer, das Moon in einer riesigen Silberschale angefacht hatte, kam es ihm vor, als hätte es das vergangene Jahr gar nicht gegeben. Ihm war, als hätte er nicht eine Sekunde das Schiff verlassen. Noch immer wirkte alles so vertraut auf Simon. Er fühlte sich wohl – hier, inmitten seiner Freunde.

Wieder schloss er die Augen und genoss für einen Moment die Klänge der Nacht und die Geräusche des alten Seelensammlers. Was taten wohl die Krähen in ihren Körben an den Mastspitzen? Schliefen sie? Lauschten sie?

Simon öffnete die Augen. Einzig Caspar, der ihm gegenübersaß, war fremd für ihn. Und Simon wusste ihn nicht so recht einzuschätzen. Der Junge aus dem Mittelalter war so ganz anders als die übrigen Zeitenkrieger. Zumindest kam es Simon so vor. Aber sie hatten auch einen schlechten Start gehabt. Eine Klinge am Hals und ein Knie im Rücken waren keine gute Ausgangsbasis, um einander kennenzulernen.

„Wann bist du hierhergekommen?“, fragte Simon ihn daher. Vielleicht konnten sie beide einfach von vorn beginnen. Mit seiner Geschichte statt mit seinen Waffen.

„Was weiß denn ich?“, begann Caspar ruppig. „Dieser Seelensammler hat ja seine eigenen Regeln und Gesetze. Das habe ich schon verstanden. Anscheinend können wir auch nur deshalb miteinander reden, obwohl wir aus völlig verschiedenen Ländern stammen und auch aus völlig verschiedenen Epochen. Und Zeit hat hier, wie’s scheint, auch keine echte Bedeutung. Dennoch würde ich sagen, dass es erst ein paar Tage her sein kann, dass ich dem Schattengreifer begegnet bin.“

„Ein paar Tage nur.“ Simon nickte. Caspar war somit selbst noch ein Fremder auf dem Schiff. Das erklärte einiges.

„Wir alle hatten noch keine rechte Gelegenheit, uns vorzustellen“, wandte sich Salomon jetzt mit entschuldigendem Gesichtsausdruck an Caspar. „Wir Zeitenkrieger waren zwar dabei, als dich der Schattengreifer zu einem von uns machte, doch wir wissen nichts über dich. Wir haben lediglich die Küste gesehen, an der er dich gesucht hat. Und die Schiffe. Die Zelte, die Männer mit ihren Schwertern. Und vor allem diese vielen, vielen verzweifelten Mädchen und Jungen. Doch was das alles zu bedeuten hatte, das wissen wir nicht.“

Die Zeitenkrieger sahen nun voller Interesse auf Caspar, seine Geschichte erwartend. Nur Simon ließ seinen Blick noch einmal über seine vier Freunde schweifen. Sie alle waren von dem Schattengreifer aus allerhöchster Gefahr errettet worden. Neferti zum Beispiel, die Ägypterin – „die Katze“, die unter dem besonderen Schutz einer ägyptischen Katzengöttin stand und die behauptete, wie eine Katze sieben Leben zu besitzen. Sie hatte der Schattengreifer retten können, als die Gegner des Pharaos, in dessen Palast sie lebte, einen blutigen Aufstand ausführten.

Und Salomon, der direkt neben ihr saß, hatte der Schattengreifer aus der Pestzeit hierher gebracht. Der Schattengreifer hatte den Jungen ebenso vor dem sicheren Tod bewahrt wie Moon, den Indianerjungen, der von dem Magier während eines Massakers gerettet wurde. Nur Nin-Sis Geschichte kannte niemand auf diesem Schiff. Ihre Erziehung verbot es ihr, darüber zu sprechen.

Alle Zeitenkrieger wurden aus Katastrophen heraus gerettet, gleichzeitig jedoch auch ihrer Schatten beraubt, und seitdem waren sie an den Schattengreifer und das Schiff gebunden. Deshalb war Simon auch sicher, dass Caspar ebenfalls aus höchster Not heraus auf dieses Schiff gefunden hatte. Salomons Worte schienen das zu bestätigen, und so sah nun auch Simon erwartungsvoll zu dem Jungen aus dem Mittelalter hinüber.

Caspar ließ sich jedoch Zeit mit der Antwort. Er blickte zu Boden und schluckte hart. Im Licht des Feuers konnte Simon es nicht klar erkennen, doch er glaubte zu sehen, wie sich das Gesicht des Jungen verzog. Caspar kniff die Augen zusammen, gerade so, als wehre er sich gegen die Bilder, die Salomons Frage wohl in ihm heraufbeschworen hatte.

Für einen Moment fühlte sich Simon dem Jungen sehr nahe. Das Messer am Hals war vergessen. Hier litt jemand unter der Vergangenheit, aus der er kam. Anscheinend war Caspar nicht nur der raue Kerl, der er vorgab zu sein.

Sie alle ließen Caspar Zeit.

Der Junge verharrte noch einen Moment in seiner Position, dann hob er den Kopf und blickte sich in der Runde um, als zögere er noch, seine Vergangenheit preiszugeben.

„Ich wollte immer Schildknappe werden“, begann er schließlich. Aus seinem Gürtel zog er eines seiner Messer hervor und ließ es von einer Hand zur anderen wandern. „Doch dieser Traum war hoffnungslos. Ich habe sehr früh meine Eltern verloren und bin als Waise in einem Kloster groß geworden. Man weiß nur, dass sie einfache Bauersleute waren. Völlig verarmt. Mit acht Jahren verließ ich das Kloster und schlug mich mit Betteln und mit kleinen Arbeiten durch. Mal half ich auf Feldern, mal hütete ich Schafe, doch meist bettelte ich auf den Marktplätzen.“ Er rollte das Messer verspielt zwischen seinen ausgestreckten Händen. „So einer wie ich kann kein Schildknappe werden. Das ist unmöglich. Dann jedoch lernte ich Albert kennen. Er war ...

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