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Schattenflut

1.

Aus dem Kofferradio auf dem Fensterbrett verkündete die monotone Stimme des Nachrichtensprechers die Schlagzeilen des Tages: Helmut Kohl hatte sich entschlossen, für eine weitere Amtszeit zu kandidieren, und in den Vereinigten Staaten drehte sich alles um die Lewinsky-Affäre. Tony Gallo saß nachdenklich am Frühstückstisch, vor sich lediglich eine Tasse Kaffee. Aus dem Aluminiumbecher stieg Dampf, und ein verführerischer Duft machte sich in der kleinen Einbauküche breit. Gallo nahm weder den Duft noch die Regentropfen wahr, die in immer kürzeren Abständen an die Fensterscheibe klopften. Er blickte teilnahmslos durch das weiß gerahmte Fenster, durch die Birke, die im Innenhof stand und bereits die Hälfte ihrer Blätter verloren hatte, durch die Fassade der gegenüberliegenden Liegenschaft, in der die Gassenküche für die Obdachlosen untergebracht war, durch die Ereignisse der Vergangenheit, die ihn an den Rand der Verzweiflung gebracht hatten, und durch die Vorwürfe und Beschuldigungen, die die Staatsanwaltschaft in den letzten Tagen vor Gericht gegen ihn vorgebracht hatte.

Am heutigen Tag, der sich kalt und regnerisch präsentierte, würde er die Entscheidung des Gerichtes in der Angelegenheit Antonio Gallo erfahren. Er wunderte sich über seine Ruhe, seine Gelassenheit. Sein Anwalt hatte sein Verhalten als Niedergeschlagenheit eingestuft. Da täuschte er sich gewaltig! Gallos Gesichtszüge nahmen für einen kurzen Moment einen kämpferischen Ausdruck an. Nein, aufgeben würde er nie! Er hatte seine Reputation vollständig verloren. Der Prozess war eine grausame, von den Medien angeheizte Hetzjagd gewesen. Zu viele brave Anleger und Kleinsparer hatten Geld verloren, einige gar ihr gesamtes Vermögen. Die Wut der Betroffenen hatte sich gegen ihn gerichtet. Er war der einzige noch lebende Verwaltungsrat der ehemaligen Xorion AG. Ihm wurde vorgeworfen, die Sorgfaltspflicht im Rennen um das schnelle Geld über Bord geworfen zu haben. Die Gier nach Macht und Anerkennung habe solche Ausmaße angenommen, dass er kriminelle Handlungen vorgenommen habe. Gallo fuhr sich mit der Zunge über die Oberlippe. Er konnte die Vorwürfe verstehen. Er konnte auch nachvollziehen, dass sich niemand die Mühe machte, seine Sicht der Dinge näher zu betrachten, sich in seine Situation zu versetzen, das Umfeld und die vielen Zwänge, denen er ausgesetzt gewesen war, in die Beurteilung mit einzubeziehen.

Tony Gallo nahm einen Schluck aus der dampfenden Tasse. Er hatte sich eine Vorgehensweise zurechtgelegt und hoffte, mit einer bedingten Gefängnisstrafe davonzukommen, um sich sofort wieder an die Wiederherstellung seines guten Rufes machen zu können. Dafür würde er Geld benötigen. Geld, das er nicht mehr hatte.

Einer seiner verbliebenen Freunde war Schriftsteller. Dessen Idee eines biografischen Tatsachenberichtes aus der Sicht des letzten CEO der Xorion AG hatte Tony Gallo nicht von den Socken gerissen. Im Gegenteil, er hoffte, die Öffentlichkeit würde das Interesse an ihm und seiner Geschichte schnell verlieren.

Klar, auf einen Managementjob oder eine Tätigkeit als Berater konnte er nicht hoffen, aber vielleicht konnte er bei einem Start-up mithelfen. Schließlich hatte er enorme Erfahrung in der Gründung und im Aufbau von neuen, strategisch gut positionierten Unternehmen.

Es klingelte an der Haustür. Gallo schreckte aus seinen Gedanken hoch, griff nach dem Sakko, den er gestern Abend achtlos über die Stuhllehne geworfen hatte, nahm einen letzten Schluck von dem inzwischen lauwarmen Kaffee und ging mit entschlossenen Schritten durch den engen Flur.

Hans-Werner Roth machte einen nervösen Eindruck und schaute demonstrativ auf seine Rolex. Was soll das?, dachte Gallo. Seit einer halben Stunde sitze ich am Tisch und warte auf meinen Anwalt.

„Komm, Tony, wir sind spät dran.“

Wir sind spät dran. Wir! Tony musste unweigerlich grinsen.

Hans-Werner Roths und Tony Gallos Lebenswege hatten sich in den letzten zwanzig Jahren immer wieder gekreuzt, manchmal waren sie eine Zeit lang sogar parallel verlaufen, und zwar immer dann, wenn die GEVAG, ein Unternehmen, dem Tony lange als Geschäftsführer vorgestanden hatte, in einen Rechtsstreit verwickelt war. Er hätte nie gedacht, dass er die Dienste von Hans-Werner eines Tages als Privatperson würde beanspruchen müssen.

Am Haupteingang des Wohnblocks begegneten die beiden Männer der Hauswirtin, die freundlich grüßte. Tony Gallo hatte sich immer über die Bewohner des Hauses gewundert. Obwohl er in den Medien als Raubritter dargestellt wurde, der das Vertrauen der kleinen Leute und seiner Geschäftspartner missbraucht hatte, wurde er hier wie ein Durchschnittsbürger behandelt. Keine ausfälligen Bemerkungen, keine Drohungen, keine heimlichen Blicke und kein Getuschel. Lag es daran, dass er sich die Haare hatte wachsen lassen und auf Klingelbrett und Briefkasten nur sein Nachname stand? Spielte es eine Rolle, dass die große Mehrheit der Bewohner des Wohnblocks Ausländer waren, die sich nicht für Wirtschaftsdelikte interessierten und genügend mit dem eigenen Überleben beschäftigt waren?

Roth offerierte Tony einen Platz unter seinem – ziemlich kleinen – Regenschirm. Der Anwalt war einen Kopf kleiner als Tony, dafür aber eindeutig breiter, vor allem um die Hüfte herum. Als die beiden bei Roths Wagen ankamen, hatte jeder eine trockene und eine nasse Schulter.

„Siehst du, ich geh mit dir durch dick und dünn!“

Tony fand den Spruch zwar nicht sehr originell, rang sich aber trotzdem zu einem Lächeln durch.

Die Fahrt durch die Stadt war mehr als mühsam. Der morgendliche Stoßverkehr hatte seinen Höhepunkt erreicht. Auf dem Bahnhofplatz waren eine Straßenbahn und ein Lieferwagen zusammengestoßen. Der Fahrer des mit Südfrüchte Import GmbH beschriebenen Wagens fuchtelte mit den Händen in der Luft. Lieferwagen gegen Straßenbahn, freie Spurwahl gegen schienengebundenes Fahren, Privatverkehr gegen öffentlichen Verkehr. Die Schuldfrage würde schnell geklärt sein, dachte Tony. Wie bei mir … Die Sachlage war zu eindeutig, als dass sie zu einer genaueren Untersuchung eingeladen hätte.

Vor dem Gericht wartete die Pressemeute, die Kameras im Anschlag und die Mikrofone eingeschaltet. Roth warf Gallo einen hilflosen Blick zu. Auf seiner Glatze glänzte ein leichter Schweißfilm. Einen Hintereingang gab es nicht, oder er wurde den Angeklagten nicht zur Verfügung gestellt. Hans-Werner Roth hatte bei den Verantwortlichen auf Granit gebissen, als er versucht hatte, seinem Mandanten den allmorgendlichen Spießrutenlauf zu ersparen. Tony schien das bevorstehende Gerangel nichts auszumachen. Scheinbar entspannt saß er im Fond des eleganten Wagens und lächelte die Medienvertreter durch das Seitenfenster an, welches von kleinen Bächen vereinter Regentropfen durchquert wurde.

Der Anwalt parkte seinen Wagen mit einem ruppigen Stopp auf einem der reservierten Parkfelder unmittelbar neben der Treppe zum Eingangsportal. Der Regen hatte inzwischen stark nachgelassen. Die beiden Männer fanden sich sofort von einer Horde Medienvertreter in Beschlag genommen. Sie kämpften sich ihren Weg zum Eingang frei, wischten immer wieder Mikrofone weg, die ihnen vors Gesicht gehalten wurden, ignorierten die immer gleichen Fragen und versuchten – so schwer es ihnen auch fiel –, zu lächeln und eine zuversichtliche Miene aufzusetzen. Kaum hatten sie den Haupteingang erreicht und das Gerichtsgebäude betreten, fanden sie sich in eine andere Welt versetzt: die Welt der hohen, säulenbestückten Räume, der grau und schwarz gekleideten Juristen und der laut nachhallenden Schritte.

Keine zehn Minuten später saß Tony auf der Anklagebank, erhob sich, als der glatzköpfige Richter mit der goldumrahmten Brille eintrat, und setzte sich wieder, als der Glatzkopf – einem Pfarrer gleich – die Anwesenden mit einer großzügigen Geste dazu einlud. Während der Richter mit seiner sachlichen, ja fast kalten Stimme die einleitenden Worte sprach, schweiften Tonys Gedanken zurück in die Vergangenheit.

2.

Tony Gallo, Sohn italienischer Einwanderer, befand sich auf dem Weg nach Hause. Wie fast jeden Tag benutzte er den Intercity, der Zürich um neunzehn Uhr zweiunddreißig verließ. Er setzte sich in ein freies, rot gepolstertes Ersteklasseabteil und zog ein dickes Bündel Papier aus seiner Aktenmappe. Gerade wollte er sich in die Unterlagen vertiefen, als ihn eine vertraute Stimme davon abhielt.

„Ist das nicht ...? Nein, du bist es wirklich!“

Tony, perplex und zu keiner Reaktion fähig, starrte den hoch aufgeschossenen Mann mit dem dichten blonden Haar und dem mit Sommersprossen übersäten Gesicht verblüfft an.

„René?“

„Ja, klar doch, so ein Zufall! Sag mal, Tony, wie lange haben wir uns nicht mehr gesehen?“

„Seit der Mittelschule, das wären dann … über zehn Jahre.“

Die vierzigminütige Fahrt verflog im Nu. René Wanner war, wie er Tony erklärte, selbstständiger Unternehmer und besaß eine Softwareentwicklungsfirma. Als Tony in Olten aussteigen musste, verabredeten sie sich für übernächste Woche zu einem Abendessen in Zürich.

Gedankenverloren verließ Tony den Bahnhof und machte sich zu Fuß auf seinen restlichen Heimweg. Nun, René war schon immer ein wacher Kopf gewesen. Er erinnerte sich an die Streiche, die sie den Mitschülern und den Dozenten gespielt hatten. Keine banalen Scherze wie Reißnägel auf den Stuhl legen oder Knoten in die Ärmel der an der Garderobe hängenden Jacken knüpfen. Nein, sie hatten ihr Umfeld mit fingierten Briefen und Telefonanrufen auf die Schippe genommen. Tony schmunzelte; keiner der Betroffenen war ihnen je wirklich böse gewesen.

Kaum dreißig und schon ein eigenes Unternehmen. René war ein Macher, ein Ruheloser, der immer eine zündende Idee im Hinterkopf hatte. Tony freute sich auf das Essen in zwei Wochen.

Als er seine Altstadtwohnung betrat, strömte ihm ein unverwechselbarer Duft entgegen. Lasagne! Barbara hatte ihm seine Lieblingsspeise gekocht. Die groß gewachsene Blondine mit dem melancholischen Gesichtsausdruck begrüßte ihn mit einem herzhaften Kuss. Er schaute sie fragend an.

„Ich dachte, du bist heute Abend unterwegs.“

Barbara arbeitete als Fotografin für eine Illustrierte.

„Nein, die Homestory mit Mona Hauswirth, unserer Nationalrätin, entfällt.“

Sie kicherte leise.

„Sie hat sich heute Morgen beim Verteilen von Wahlunterlagen vor dem Bahnhof einen Schnupfen geholt.“

„Tja, ein Wahlkampf ist keine ungefährliche Angelegenheit …“

* * * *

Zwei Wochen später saßen die beiden Männer im riesigen Wintergarten des Ausflugsrestaurants auf dem Uetliberg oberhalb von Zürich. Die Abendsonne schickte ihre letzten wärmenden Strahlen. Tony Gallo und René Wanner waren vor dem Essen noch die dreihundert Stufen zur Plattform des Aussichtsturmes heraufgeeilt, um ihren Appetit anzuregen oder auch nur, um sich wenigstens einmal am Tag richtig bewegt zu haben. René erzählte von seinem Unternehmen. Mindestens zweimal wurde er in seinem Redefluss unterbrochen. Der Kellner, der sie bediente, kommentierte jedes Produkt, das er auf den quadratischen Tisch aus Eschenholz stellte. Tonys Versuch, ihn mit einer ironischen, aber trotzdem eindeutigen Bemerkung zu verscheuchen, misslang. Im Gegenteil, der Mann wurde penetrant freundlich und aufdringlich.

Tony spürte, dass René mit einer bestimmten Absicht zum Essen erschienen war. Er zeigte sich aufmerksam und neugierig auf Tonys privates Umfeld. Seine Erkundigungen nach der allfälligen Familie und seinen Hobbys waren ehrlich gemeint, doch Tony spürte, dass kein besonderes oder vertieftes Interesse hinter den Fragen stand. Es war, als würde die alles entscheidende und beeinflussende Schlüsselfrage im Raum schweben, gewissermaßen über ihrem Tisch, aufgehängt an einem dünnen, brüchigen Faden, bereit, jeden Moment auf den – in der Zwischenzeit gedeckten – Tisch zu plumpsen.

„Tony, dein Job im Management der GEVAG ist anspruchsvoll und macht dir sicher viel Spaß.“

War das nun eine Frage oder eine Bemerkung? Tony signalisierte René, fortzufahren.

„Trotz deiner guten Position sind deine Einflussmöglichkeiten beschränkt.“

Tony wurde es nun zu bunt.

„Nun lass die Katze doch endlich aus dem Sack!“

René fühlte sich ertappt, zögerte einen kurzen Moment, rückte den Stuhl näher an den Tisch und senkte seine Stimme.

„Die Xorion AG ist für ein Butterbrot zu haben.“

Plumps – der Grund für das Treffen landete mit lautem Getöse auf dem Tisch.

„Die Xorion …?“ Tony zögerte. „Die Xorion AG ist ein börsennotiertes Unternehmen mit mehreren Hundert Angestellten.“

„Na und?“ In Renés Stimme schwang spürbar Verärgerung mit. Mit einer ruckartigen Bewegung setzte er sich auf, warf den Kopf in den Nacken, als wollte er eine Entspannungsübung machen, kontrollierte mit einem Blick die umstehenden Tische – keiner war besetzt – und begann in einem ruhigen und beherrschten Ton zu erzählen.

„Du hast wahrscheinlich den schnellen Aufstieg der Xorion AG vor sieben oder acht Jahren verfolgt. Xorion hat als eines der ersten Unternehmen einen Tintenstrahldrucker entwickelt und dieses Gerät erfolgreich auf den Markt gebracht. Die Konkurrenz, die damals noch voll auf Nadeldrucker gesetzt hatte, musste reagieren. Der frühe Markteintritt sicherte Xorion einen kleinen Vorsprung, den das damalige Management gnadenlos ausnutzte. Die gesamte Energie wurde darauf verwendet, den eigenen Drucker weltweit zu verkaufen. Auf eine Weiterentwicklung wurde dabei bewusst verzichtet.“

Tony runzelte die Stirn. René nickte mehrmals mit dem Kopf und lachte laut auf.

„Ja, ja, diese Haltung wurde damals auch nicht verstanden. Das Unternehmen war zu dieser Zeit noch eine kleine, nicht notierte Aktiengesellschaft, an der ausschließlich eigene Kadermitarbeiter beteiligt waren.“

Tony begriff.

„Sie brauchten also nicht auf die Wirkung in der Öffentlichkeit zu achten und konnten ihre Strategie ungehindert umsetzen.“

„Ja, so war es. Der Tintenstrahldrucker von Xorion wurde schon nach wenigen Monaten vom Markt verdrängt. Die Konkurrenz hatte schnell reagiert und Geräte auf den Markt geworfen, die dem Xorion-Drucker in Funktionalität und Qualität sehr ähnlich waren, aber nur noch die Hälfte kosteten.“

René unterstrich seine Aussage mit einer kurzen Pause.

„Aber die drei, vier Monate Vorsprung hatten Xorion genügt, um einen Riesenumsatz zu generieren. Das Geld wurde in der Folge gezielt in Nischenprodukte und in die Scannerentwicklung investiert. Die Xorion AG schaffte es tatsächlich, mit ihren Produkten eine permanente Marktpräsenz zu erzielen. Natürlich konnte das Husarenstück, das ihr zum Durchbruch verholfen hatte, nicht mehr wiederholt werden. Die Xorion AG sicherte sich aber einen festen Platz in der Gilde der erfolgreichen PC-Hardwareentwickler.“

René blickte Tony aus seinen grau-blauen Augen ernst an.

„Ich nehme an, die Fortsetzung der Geschichte kennst du?“

„In der Tat, es war über Wochen das Wirtschaftsthema Nummer eins gewesen. Die Xorion AG wollte sich zusätzlich im Telekommunikationsmarkt etablieren und hat damit Schiffbruch erlitten.“

„Richtig, das Management hat das Weite gesucht, und die Aktien sind in den Keller gefallen.“

Ein verschmitztes Lächeln huschte über das sommersprossige Jungengesicht.

„Ich habe zwei neue Mitarbeiter rekrutiert, die bis vor Kurzem bei Xorion gearbeitet haben.“

René lachte selbstgefällig.

„Diese Maßnahme hat sich ausgezahlt. Es gibt nichts über Xorion, was ich nicht wüsste. Ich sage dir, das Unternehmen besitzt weit mehr Substanz, als die Wirtschaftsexperten behaupten.“

Er schlug mit der flachen Hand auf den Tisch.

„Tony, wir müssen zugreifen, alles andere wäre ein riesiger Fehler.“

„Wir?“ Tony betrachtete zweifelnd sein Antlitz, das sich im Weinglas spiegelte.

„Wie stellst du dir das vor? Woher nehmen wir die finanziellen Mittel?“

René lächelte vielsagend, nahm einen Schluck von seinem Rioja, ließ den Wein in seinem Gaumen zirkulieren und genoss den lang anhaltenden Abgang.

„Bei der Gründung meiner eigenen Unternehmung habe ich wertvolle Kontakte knüpfen können. Ich bin überzeugt, dass ich die nötigen Investoren auftreiben kann. Erste Gespräche habe ich bereits geführt.“

Die Sache begann Tony gegen seinen Willen zu interessieren. Sein aktueller Job füllte ihn aus. Erst vor zwei Jahren hatte er bei der GEVAG die Geschäftsleitung übernommen. Die GEVAG war ein kleineres Unternehmen mit rund vierzig Mitarbeitern und im Bereich der Verkehrsplanung tätig. Aktuell befassten sie sich unter anderem mit dem Ausbau der U-Bahn in Berlin. Erstaunt hörte er sich selbst fragen:

„Was ist meine Rolle?“

Er hat angebissen, dachte René Wanner vergnügt.

„Deine Führungserfahrung ist Gold wert. Seit du die GEVAG führst, haben sich der Umsatz verdoppelt und der Gewinn verdreifacht. Ich selbst bin zu stark mit der Führung meiner eigenen Unternehmung beschäftigt und könnte mich nicht in ausreichendem Maß der Neupositionierung der Xorion AG widmen.“

Tony suchte nach dem Pferdefuß, der einfach vorhanden sein musste. Ja, er wünschte sich beinahe inständig eine Schwachstelle. Er brauchte sie, um sich dem unsichtbaren Sog zu entziehen, der ihn erfasst hatte.

„Es könnte Jahre dauern, bis die Xorion AG ihren Ruf wiederhergestellt hat. Wollen wir so lange ausharren?“

Tony wusste sofort, dass er die richtige Frage gestellt und damit seinen alten Freund bewusst in eine Sackgasse manövriert hatte. René spürte dies und gab sich mit einer theatralischen Geste geschlagen.

„Du bist nicht auf den Kopf gefallen. Darum bist du auch der richtige Mann für diesen Job. Ich gebe zu, meine Strategie ist nicht auf eine langfristige Sanierung ausgelegt. Ich möchte die Xorion AG zu den heutigen Bedingungen aufkaufen, ihre Reputation wiederherstellen und sie dann so schnell wie möglich wieder verkaufen.“

Er hob beschwörend den Zeigefinger.

„Der Wechsel in der Geschäftsleitung wird dank dir bereits eine positive Grundtendenz bewirken. Du bist in der Wirtschaftswelt eine bekannte Nummer, hast eine weiße Weste und verfügst über einen guten Ruf. Nachdem wir dich als neuen CEO vorgestellt haben, werden wir in einer Pressekonferenz einen neuen Businessplan präsentieren, und die Aktien – davon bin ich überzeugt – werden wieder anziehen.“

Tony kannte die momentane Stimmung in Bezug auf die Xorion AG. Sollte Renés Einschätzung zutreffen, wäre die Idee einer Übernahme sicherlich prüfenswert. Tony war sich durchaus bewusst, dass er – sollte die Aktion günstiger Kauf und teurer Verkauf – gelingen, seinen Ruf als seriöser Geschäftsführer einbüßen würde. Dafür würde er das Etikett Investor oder Finanzgenie umgehängt bekommen. Mit dem realisierten Gewinn würde er in der Folge die Möglichkeit haben, gezielt in andere Firmen zu investieren. Dem Betätigungsfeld wären keine Grenzen gesetzt. Eine verlockende Aussicht. Tony blieb trotzdem vorsichtig.

„Ich möchte deine aktuelle Einschätzung sehen. Nicht irgendeine Alibianalyse. Fakten, René, Fakten.“

* * * *

Zwei Wochen später trafen sich die beiden alten Freunde bereits um zehn Uhr morgens in einem Restaurant in der Nähe des Paradeplatzes. Zu dieser Zeit war das Lokal, dessen Inneneinrichtung konsequent in Weiß und Schwarz gehalten war, noch leer. Mit einem spitzbübischen Lächeln legte René die Unterlagen auf den Tisch: die letzte Bilanz, die aktuelle Ergebnisrechnung und die daraus abgeleiteten Prognosen für das Jahresergebnis.

Tony nahm sich Zeit, studierte die Unterlagen, stellte von Zeit zu Zeit eine gezielte Frage und machte sich Notizen. Nach über einer Stunde legte er die letzten Akten zur Seite und lehnte sich einen Moment zurück, so, als müsse er das Gelesene zuerst einmal verdauen. René saß angespannt da, die Hände gefaltet wie ein Sonntagsschüler.

„Die Verpflichtungen gegenüber den Partnern im Telekommunikationsgeschäft halten sich in Grenzen.“

René atmete erleichtert aus.

„Die Situation im Hardwaresektor ist stabil. Die Verkaufszahlen sind nicht rückgängig, die Entwicklungskosten sogar rückläufig.“

Tony fixierte sein Gegenüber.

„Ich bin ebenfalls der Ansicht, dass Xorion zurzeit über mehr Substanz verfügt, als in der Öffentlichkeit spekuliert wird.“

René nickte zufrieden, doch Tony stoppte seinen aufkommenden Übermut mit einer relativierenden Handbewegung.

„Sachte, sachte, nichts übereilen. Meine Erfahrung und die vorliegenden Zahlen zeigen mir, dass Xorion zu wenig in die Zukunft investiert hat und vor einer schwierigen Phase steht.“

René wiegte brummend den Kopf hin und her.

„Hm, ja, einverstanden. Aber es wird uns schon irgendetwas einfallen.“

Tony lachte kurz und ansatzlos. Renés Einschätzung der Ist-Situation konnte er teilen. Das Unternehmen war gesund. Die Investitionen im Telekommunikationsbereich waren stufenweise geplant worden. Ein großer Teil der Gelder war noch nicht geflossen, und die vertragliche Situation ließ einen Ausstieg zu. Was sollte er unternehmen? Unbewusst biss er sich auf die Unterlippe.

„René, dir ist bewusst, dass wir die Investitionspläne so schnell wie möglich stoppen müssen?“

„Absolut!“

René bewunderte Tonys schnelle Auffassungsgabe.

„Weiter müssen wir eine Geschäftsstrategie entwickeln, die Xorion das Überleben in den nächsten ein, zwei Jahren sichert.“

Ein zustimmendes Brummen.

„Ich möchte ein gesundes Unternehmen verkaufen. Sollte Xorion wenige Wochen oder Monate nach dem Verkauf stranden, geht der erarbeitete Goodwill flöten und wir Teller waschen.“

* * * *

Der Summton seines Tischtelefons riss Tony aus seinen Gedanken.

„Ich habe einen Anrufer für Sie auf Leitung zwei.“

„Wer ist es?“

Die Stimme seiner Assistentin bekam einen hilflosen Unterton.

„Ich weiß es nicht, er wollte seinen Namen nicht nennen, meinte aber, es handle sich um eine äußerst wichtige Angelegenheit.“

Tony kannte solche Anrufe. Politiker, die ein Verkehrsprojekt stützen oder stürzen und noch einige Insiderinformationen beschaffen wollten, oder potenzielle Auftragnehmer, die sich einen Wissensvorsprung bei der Ergatterung eines öffentlich ausgeschriebenen Auftrags zu verschaffen versuchten.

„Na gut, stellen Sie durch.“

In der Leitung war es einen unheimlichen Moment lang still.

„Hallo?“ Tony wollte bereits auflegen.

„Antonio Gallo?“ Die Stimme klang seltsam verzerrt.

„Ja, mit wem spreche ich?“

„Lass die Finger von der Sache, sonst mache ich dich fertig!“

„Hallo?“

Klick … ein endloser Summton ertönte.

Verwirrt legte Tony den Hörer auf und schaute nachdenklich aus dem Fenster, wo gerade eine Straßenbahn stoppte. Aus seiner Perspektive konnte er lediglich die Werbebanden erkennen, die auf dem Dach des Fahrzeuges angebracht waren. Als die Straßenbahn mit einem Ruck wieder Fahrt aufnahm, stand er auf und ging ins Vorzimmer.

„Gabriela, bitte geben Sie mir die Nummer des letzten Anrufers.“

Die attraktive Assistentin mit dem strengen Blick brauchte die Anruferliste im Menü der Telefonzentrale nicht zu konsultieren.

„Ich muss Sie enttäuschen. Die Nummer des Anrufers ist unterdrückt worden.“

3.

Tonys Arbeitstage wurden länger und länger. Die GEVAG buhlte um einige größere Aufträge im Rahmen des Ausbaus des schweizerischen Schienennetzes und des öffentlichen Verkehrs im Großraum Berlin. Am Abend widmete er sich der Entwicklung eines Businessplans für die Xorion AG. Seiner Freundin Barbara missfielen diese Aktivitäten.

„Du tanzt auf einer Hochzeit zu viel.“

Er hatte ihr geantwortet, dass er mit dieser Taktik am Schluss die attraktivere Braut wählen könne. Ein Fehler, denn seine Freundin sah sich ebenfalls in der Rolle der Braut und fand diesen Vergleich demzufolge nicht sehr originell.

„Am Freitag werde ich die Unterlagen zusammenhaben, dann kann René übernehmen.“

Sie hatten ausgemacht, dass sein Freund für die Verpflichtung der Investoren zuständig wäre.

Sollte kein Problem darstellen, dachte er mit einem ironischen Lächeln. Wie René bei ihrer letzten Begegnung bemerkt hatte, standen die Investoren Schlange. Doch so lang konnte die Schlange nicht sein, auf jeden Fall hatte sein Freund für nächste Woche einen Flug nach New York und dann weiter nach Los Angeles gebucht. Auf dem Rückweg wollte er noch in Tokio und Hongkong einen Halt einlegen.

Ja, das Projekt lief auf Hochtouren. Für Tony gab es kein Zurück mehr. Seine Beziehung litt derweil, ohne dass er es groß bemerkt hätte.Er war ausschließlich auf die Übernahme von Xorion fokussiert. Am Mittwochabend, zwei Tage vor dem Termin, standen die Unterlagen für die Investoren zur Verfügung. Tony war müde, aber zufrieden. Auf dem Weg zum Hauptbahnhof rief er Barbara an und lud sie zum Essen ein.

„Was gibt‘s zu feiern?“

Die Frage war ihm peinlich. Das Thema Xorion wollte er aus den Gesprächen mit Barbara heraushalten.

„Ach, ich habe einige wichtige Dossiers abschließen können und habe nun Zeit, um wieder einmal richtig durchzuatmen.“

„Aha.“ Mehr als diese kurze Bestätigung kam nicht. Tony versuchte, einen anderen Weg einzuschlagen.

„Worauf hast du Lust?“

„Auf mehr Zeit mit dir …“ Das hatte gesessen. Seine darauf folgenden Worte brachte er eher kleinlaut hervor.

„Ich meinte, was oder wo du essen möchtest?“

Barbara hatte ein Einsehen mit ihm, sodass ihr gemeinsamer Abend in der Alten Mühle erstaunlich harmonisch verlief.

* * * *

Am nächsten Tag schaute René bei ihm vorbei und holte die Werbeprospekte ab, wie Tony die Unterlagen für die Investoren nannte. René hatte die Tür beim Verlassen von Tonys Büro kaum zugezogen, als die Gegensprechanlage summte.

„Ja.“

Gabrielas Stimmer klang aufgeregt.

„Auf Linie eins ist wieder dieser Anrufer, der …“ – sie stockte einen Moment – „seinen Namen nicht nennen möchte.“

Tony atmete tief durch und gab sich Mühe, seiner Stimme einen festen, selbstsicheren Klang zu verleihen.

„Tony Gallo am Apparat. Wer spricht?“

Die Stimme ging nicht auf Tonys Frage ein.

„Ich habe dich gewarnt: Wenn du nicht sofort aussteigst, hat das Konsequenzen.“

Tony lief ein kalter Schauer über den Rücken. Die Stimme hatte etwas Gespenstisches. Schweiß trat ihm auf die Stirn, krampfhaft versuchte er, ruhig zu bleiben.

„Ich habe keine Ahnung, wovon Sie sprechen.“

Klick. Die Leitung war tot. Tony fühlte sich leer und schlaff. Soll ich René informieren? Ach was, das ist nur ein Spinner. Außerdem reist René morgen nach New York.

* * * *

René hasste das Fliegen. Die langen Wartezeiten in den Terminals, die trockene Luft, die vielen gesichtslosen Menschen, die Einsamkeit inmitten des hektischen Gewusels. Er hatte einen Kunststoffsitz unmittelbar an der großen Glasfront ergattern können und beobachtete ohne großes Interesse den Flugbetrieb. Beinahe im Minutentakt hob ein Passagierjet ab und gewann in atemberaubender Geschwindigkeit an Höhe. Nervös klopfte er mit den Fingern auf die Stuhllehne und stellte erleichtert fest, dass der Tankvorgang bei der Boeing 767 endlich abgeschlossen war. Er schätzte die Spannweite auf annähernd fünfzig Meter, nur unwesentlich kürzer als der riesige Vogel selbst, der über den Passagiertunnelmit dem Fingerdock vernabelt war.

„Boarding, please.“

Der Aufruf des Abfertigungspersonals holte ihn wieder in die Gegenwart zurück. Während die Touristen mit gezückten Pässen Richtung Abfertigungsdesk drängten, ließen sich die Geschäftsreisenden von der allgemeinen Hektik nicht beirren und blieben, scheinbar unbeteiligt, sitzen. René Wanner stand als einer der Letzten auf und reichte der ewig lächelnden Angestellten sein Ticket, um zwei Sekunden später seine Bordkarte mit der Standardklausel „Have a nice flight“ entgegenzunehmen. Zwei Positionen hinter ihm durchlief Augenblicke später ein Zweimeterriese, der in seinem Designeranzug deplatziert wirkte, die gleiche Prozedur.

* * * *

Tony lief über die alte Brücke, als er hinter sich Schritte wahrzunehmen meinte. Mach dir nichts vor, deine Nerven sind zurzeit nur ein wenig angespannt. Kein Wunder bei der doppelten beruflichen Belastung. Er ging weiter.

Da war das Geräusch wieder! Schnell drehte er sich um, spürte sein Herz bis in den Hals klopfen.

Nichts zu sehen. Das fahle Licht der Beleuchtung, die unter dem dunklen Holzdach angebracht war, wurde durch den mitternächtlichen Nebel gedämpft.

Ich sehe nur Gespenster, alles ist in Ordnung. Tony ging weiter.

Klopf, klopf.

Tony ging schneller. Die Frequenz der unsichtbaren Schritte erhöhte sich, wurde zu einem Stakkato. Tony schaute über die Schulter.

Ein Schatten!

Er begann zu laufen. Die Angst kroch wie eine kalte Wolke über ihn, nahm von ihm Besitz. Schneller, schneller! Die Furcht schien ihm die Lunge zusammenzuschnüren. Eine unsichtbare Hand hielt ihn an der Schulter zurück. Im Mondlicht spiegelte sich die Scheide eines riesigen Messers. Er schlug wild um sich und schrie verzweifelt um Hilfe.

Plötzlich grelles Licht. Eine Hand legte sich um seinen Hals.

„Tony, aufwachen!“

* * * *

Als die Maschine der American Airline mit René Wanner an Bord auf der asphaltierten Landebahn 31L aufsetzte und die beiden Pratt--Whitney-Triebwerke Umkehrschub gaben, schreckte auf der anderen Seite des Atlantiks Tony schweißüberströmt aus seinem Albtraum hoch.

René benötigte eine gute Stunde, um sein Gepäck zu ergattern, dem Immigration Officer den Zweck seines Besuches zu erklären und den Terminal vier mit weit ausholenden Schritten zu durchqueren. Am Rande des ovalförmigen Platzes in der Ankunftshalle stand ein groß gewachsener Mann, dessen fettiges Haar nicht recht zu seinem Anzug passte. Er führte offensichtlich nur Handgepäck mit sich und hatte die Einreiseformalitäten als einer der Ersten seiner Maschine hinter sich gebracht.

René verließ das Gebäude und war erstaunt über die warmen Temperaturen. Instinktiv lockerte er den Knoten seiner Krawatte.

Vor fast hundert Jahren hatte eine Untersuchung der Universität Chicago ergeben, dass Gelb die am leichtesten zu erkennende Farbe war. Diese Erkenntnis hatte sich der Gründer der Yellow Cab Company zu Herzen genommen. Als sich René suchend umschaute, sah er die Kolonne der wartenden Taxis sofort. Er gratulierte der Universität Chicago zu ihrer banalen und gleichzeitig so hilfreichen Erkenntnis und steuerte auf den gelben Pulk zu, der sich beim Näherkommen in zwei Kolonnen strukturierte. Wie ein Startfeld in der Formel eins, ging es René durch den Kopf. Er winkte dem Fahrer zu, der sein Taxi auf der Poleposition stehen hatte und nun dienstfertig den Kofferraum öffnete.

René nannte dem Fahrer, der wahrscheinlich aus der Karibik stammte und ein weißes Hemd trug, das lose über seine Hose hing, eine Adresse in Brooklyn.

Die Fahrt in das benachbarte Brooklyn dauerte lediglich zwanzig Minuten. Dies war auch der Grund, warum der Fahrer bei Bekanntgabe des Reisezieles ein langes Gesicht gemacht hatte; offensichtlich hatte er sich eine Fahrt ins weiter entfernte Manhattan erhofft.

Das gelbe Taxi hielt vor einem roten Backsteinhaus. Die Feuertreppen und der Zwanzigerjahrebaustil verliehen dem Gebäude einen Schuss Nostalgie. Im Gegensatz zu vielen anderen Häusern im Hafenviertel war dieses Gebäude gut unterhalten. Dieser Eindruck bestätigte sich, als René durch die Eingangstür in den Empfangsbereich trat und dort von der modernen Inneneinrichtung überrascht wurde. Hinter dem Empfangstresen saß eine dunkelhaarige Frau, die ihn an Eliane, die Bedienung im Engel, erinnerte. Als die Frau den Mund öffnete und ihn mit einer aufdringlichen Mickymaus-Stimme begrüßte, stellte er den Vergleich mit Eliane mit einem enttäuschten Lächeln ein.

„Tyler Monroe erwartet mich.“

Der Name schien etwas in ihr auszulösen. Sie wischte sich eine schwarze Strähne aus dem Gesicht und nahm eine kerzengerade Haltung ein.

„Dort vorne links finden Sie den Lift. Herr Monroes Büro befindet sich in der siebten, der obersten Etage. Ich werde Sie anmelden.“ Mit der Hand wies sie ihn Richtung Aufzug.

Im Lift rückte er sich die Krawatte zurecht und warf einen letzten kontrollierenden Blick in den Spiegel, der die ganze Rückwand der Kabine einnahm. Er hatte großen Respekt vor dem bevorstehenden Gespräch. Er musste Tyler Monroe von seinem Investitionsplan überzeugen. Das Konzept sah vor, dass die Investoren ihre Mittel den beiden zukünftigen Mehrheitsaktionären, René Wanner und Tony Gallo, zur Verfügung stellten. Zu welchen Konditionen dies geschehen sollte und auf welche Weise die indirekten Investoren ihr Mitspracherecht wahrnehmen konnten, war im Vorfeld in einem Mustervertrag geregelt worden.

Ein leiser Gong kündigte das Öffnen der Tür an. Die beiden Flügel glitten zur Seite, und René trat in den hell beleuchteten Flur. Er folgte einem Schild mit der Aufschrift Empfang und stand kurz darauf in einem leeren Büro. Er wollte sich gerade in einen Sessel fallen lassen, als eine ältere Assistentin in den Raum stürmte. Die Frau war klein, schlank und sprach so, wie sie sich bewegte: schnell und präzise.

„Sie sind Mr. Wanner, nicht wahr?“

René bestätigte dies.

„Nehmen Sie doch bitte Platz. Mr. Monroe wird Sie jeden Augenblick empfangen können.“

Tyler Monroe war eine unauffällige Erscheinung. René hatte einen dynamischen, wortgewandten Geschäftsmann erwartet. Stattdessen saß ihm ein unscheinbarer älterer Herr – Monroe war bestimmt siebzig – in einem gestreiften braunen Pullover gegenüber. Die weißen Haare hatte er zu einem sauberen Scheitel gekämmt. Unter dem Pullover trug er ein grünes Hemd mit Krawatte, von der nur der kümmerliche Knoten zu sehen war. Hemd und Pullover passten im Ton überhaupt nicht zueinander.

Monroe kam ohne einleitendes Geplänkel direkt zum Thema.

„Warum soll ich Ihnen mein Geld geben?“

Seine Stimme war sanft und weich – und trotzdem spürte René eine unbedingte Entschlossenheit.

Eine Stunde später verließ er das Gebäude. Der Alte hatte ihn gehörig in die Zange genommen. Er dankte Tony in Gedanken für die detaillierten Unterlagen, die ihn im Geschäft gehalten hatten. Ohne diese Hilfe wäre er Monroe gnadenlos ausgeliefert gewesen.

Doch anscheinend hatte es geklappt. Monroe hatte zum Schluss des Gesprächs versprochen, ihm den unterschriebenen Vertrag innerhalb einer Woche zuzustellen.

Als René auf der Straße stand und nach einem Taxi Ausschau hielt, spürte er, wie die Müdigkeit von ihm Besitz ergriff. Die Zeitverschiebung hatte es mit sich gebracht, dass er nun schon weit mehr als vierundzwanzig Stunden auf den Beinen war. Wenn er gewusst hätte, dass das Gespräch mit Monroe lediglich eine Stunde dauern würde, hätte er das Taxi warten lassen. So stand er nun da und beschloss, auf die Hotelsuche zu verzichten und direkt zum Flughafen zurückzufahren. Dort wollte er einen Flug nach Los Angeles buchen. Im Flieger würde er sich einige Stunden ausruhen können.

„Geld her!“

René erschrak beinahe zu Tode. Vor ihm stand ein bärtiger Typ, dessen Augen gefährlich funkelten und der in seiner rechten Hand ein Messer hielt. Die Spitze der Waffe zeigte auf Renés Bauchnabel.

Ruhig bleiben, nichts Unüberlegtes tun.

René langte mit seiner Rechten demonstrativ langsam in die linke Innentasche seines Sakkos, wie er es aus dem Kino kannte, holte seine Brieftasche heraus und wollte dem Räuber einige Scheine abzählen.

„Her mit der Brieftasche!“

Der Bärtige erhöhte den Druck so, dass René die Messerspitze an seiner Bauchwand spürte, woraufhin er dem Angreifer widerstandslos die gesamte Brieftasche übergab.

Eine angedeutete, sehr theatralisch wirkende Verneigung beendete den Auftritt. Der Räuber verschwand hinter der nächsten Straßenecke.

Was jetzt? René setzte sich ratlos auf die Stufen eines Hauseingangs. Ohne Kreditkarten und Ausweise war er restlos aufgeschmissen.

* * * *

Der Bärtige freute sich über seinen erfolgreichen Fischzug. Als er einen leisen Luftzug spürte und aus den Augenwinkeln einen Schatten wahrnahm, war es schon zu spät. Ein dumpfes Geräusch, und der Mann sackte bewusstlos zu Boden.

Der Riese mit den ungepflegten Haaren warf die Holzlatte achtlos zur Seite und beugte sich über die Gestalt, welche reglos auf dem Gehsteig lag. Mit nur einem Griff hatte der Mann, was er suchte. Prüfend betrachtete er den Inhalt der Brieftasche. Verschiedene Kredit- und Kundenkarten, ein Pass, eine Identitätskarte, Papiergeld, einige Münzen und verschiedene Rechnungsbelege.

Wenige Augenblicke später gab ein kleiner Junge einem verblüfften René Wanner die Brieftasche zurück. Wie erwartet waren die Geldscheine weg; die Kreditkarten und Ausweispapiere hingegen waren noch vorhanden. René atmete erleichtert auf. Schnell begab er sich in eine belebte Straße und winkte einem Taxi.

* * * *

„Ich habe alle nötigen Zusagen erhalten.“

René konnte seine Genugtuung nur schlecht kaschieren. Tony verspürte neben Zufriedenheit noch ein anderes, undefinierbares Gefühl. War es die Angst vor der Zukunft? Respekt vor der herausfordernden Aufgabe oder eine gewisse Unsicherheit über die Richtigkeit seines Handelns? Er verdrängte die aufkeimende Beklommenheit.

„Wann werden die Zahlungen eintreffen?“

„Die ersten Anzahlungen sind bereits getätigt worden. Die restlichen Mittel werden bis Freitag überwiesen.“

Tony blieb vorsichtig.

„Ich hoffe, niemand hat unseren Deal spitzgekriegt.“

René nickte.

„Ich denke nicht. Die Investoren wollen selbst massiv mitverdienen und wissen genau, dass ein Durchsickern von Informationen den Aktienwert erhöhen würde. Diesen Effekt wollen wir ja schließlich erst nach unserem Kauf erzielen.“ René lachte herzhaft.

Tony hatte die Frage nicht umsonst gestellt: Die beiden anonymen Telefonanrufe wollten ihm nicht aus dem Kopf gehen. Irgendjemand hatte sehr wohl Kenntnis von ihren Absichten. Wer nur? Warum wurden nur unbestimmte Drohungen ausgesprochen? Welche Interessen vertrat der Unbekannte?

* * * *

Die versprochenen Finanzspritzen der Geldgeber trafen in den nächsten Tagen ein. Zuletzt wurden die dreizehn Millionen von Takuma Nakashima, einem Mitbesitzer des japanischen Spielekonsolenherstellers Minoto, überwiesen. Bereits einige Stunden später waren die Kaufaufträge bei den Brokern platziert. René und Tony wollten nicht unnötig Zeit verlieren. Das Geschäft war extrem heikel. Ein kleines Leck, ein klitzekleiner Hinweis, ein Gerücht, und schon könnte der Kurs der Xorion-Aktien steigen wie der Meeresspiegel in der Bretagne bei einsetzender Flut.

Alle Investoren hatten vertragliche Zusicherungen erhalten: einen garantierten fixen Zins auf ihre Einlage und eine Gewinnbeteiligung. Sollte das Geschäft scheitern, wären René und Tony nicht einmal in der Lage, den Zinsverpflichtungen nachzukommen. Entsprechend angespannt war ihre Stimmung. Sie standen an einem Stehtisch an der Zürcher Börse und verfolgten gespannt die Kursentwicklung. Über Telefon standen sie in ständigem Kontakt mit ihrem Makler und konnten so die Käufe terminieren. Es galt, die ersten Käufe unauffällig zu tätigen, ohne Aufmerksamkeit zu erregen und ohne den Kurs in die Höhe zu treiben.

Am Ende des Börsentages hatten die beiden an die drei Prozent der Aktien in ihren Besitz gebracht.

„Eine respektable Leistung.“

Tony war mit der Ausbeute zufrieden. Die Kurse hatten sich im Verlauf des Tages nur leicht bewegt. Der Schlusskurs entsprach dem Einstiegskurs.

„Morgen noch eine ähnliche Performance, und wir können die Gespräche mit den wichtigsten Aktionären aufnehmen.“

Die beiden waren sich einig, dass ein Paket von ungefähr fünf Prozent eine gute Grundlage für den Verhandlungseinstieg darstellen würde. Die potenziellen Verkäufer konnten damit von der Ernsthaftigkeit des Angebots überzeugt werden. Selbstverständlich würden sie den Großaktionären einen Preis anbieten, der spürbar über dem Börsenkurs lag.

Der zweite Tag verlief ähnlich wie der erste, und obwohl der Schlusskurs diesmal knapp höher lag, konnten René und Tony nicht widerstehen und hängten noch einen dritten Börsentag an. Die Absicht war klar: möglichst viele Aktien zum günstigen Börsenkurs erwerben.

Der dritte Tag verlief turbulenter. Erstmals war eine spürbare Nachfrage nach Xorion-Aktien zu verzeichnen. René und Tony mussten zwischenzeitlich ein größeres Paket auf den Markt werfen, um den Kursanstieg zu glätten. Am Abend zogen sie bei einem Bier am Limmatquai Bilanz. An den ersten beiden Tagen hatten sie rund fünf Komma acht Prozent der Aktien erworben, am dritten Tag waren es noch null Komma sieben Prozent gewesen.

„Die Quelle ist am Versiegen.“

„Aber sie sprudelte kräftiger als erhofft.“

Das Potenzial an der Börse war eindeutig erschöpft, darüber waren sie sich einig. Bisher war alles nach Plan gelaufen. Sie gingen zuversichtlich zur zweiten Phase über und begannen, die Besitzer der größeren Aktienpakete abzuklappern. Die Reihenfolge hatten sie bereits im Vorfeld festgelegt; sie richtete sich nach den Erfolgsaussichten.

4.

 

Drei Monate später stand Tony das erste Mal offiziell im großen Sitzungssaal des Hauptsitzes der Xorion AG. Durch die imposante Fensterfront, die gegen Süden ausgerichtet war, sah man den tiefblauen See. Die Sicht war außerordentlich gut, und die Voralpen mit ihren schneebedeckten Kuppen rundeten das idyllische Bild ab. Ein wenig wehmütig erinnerte sich Tony an den letzten Freitag. Die GEVAG hatte ihm zu Ehren eine Abschiedsparty veranstaltet. Seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter waren von seinem kurzfristigen Rücktritt überrascht worden. Die ersten Reaktionen waren sehr unterschiedlich ausgefallen. Die meisten seiner Kadermitarbeiter verstanden seine Handlungsweise und betrachteten seine Entscheidung als logischen Schritt innerhalb seiner beruflichen Karriere. Doch nicht alle dachten so. Seine Assistentin hatte ihm klar und unmissverständlich mitgeteilt, was sie von seinem Weggang hielt:

„Sie hätten bei der GEVAG noch viele spannende Herausforderungen gefunden. Warum nur gehen Sie dieses Risiko mit der Xorion AG ein?“

Tonys Antwort war kurz ausgefallen: „Eben dieses Risiko reizt mich. Ich möchte wissen, ob ich in der Lage bin, Xorion wieder zu einem schlagkräftigen und international erfolgreichen Unternehmen zu formen.“

Die emotionalen Reaktionen auf seine Rücktrittsankündigung hatten sich glücklicherweise in Grenzen gehalten. Ihn erstaunte, wie schnell man bei der GEVAG zur Tagesordnung überging, und war darüber ein wenig enttäuscht, was er selbstverständlich nie zugegeben hätte. Obwohl Tony noch einige Geschäfte sauber zu Ende führen wollte, spürte er, wie sich das Machtgefüge innerhalb der Firma zu verändern begann. Von einem Tag auf den anderen war seine Meinung nicht mehr gefragt, seine Rolle als Entscheidungsträger hatten andere übernommen. Dies war ein normaler Prozess, Tony wusste das. Der Mensch neigt grundsätzlich dazu, sich selbst viel zu wichtig zu nehmen. Bei solchen Gelegenheiten wurden einem die Realitäten aufgezeigt. Der Gedanke, dass er sich und seine Fähigkeiten beim Xorion-Deal überschätzte, war ihm in diesem Zusammenhang mehrmals gekommen. Doch wie viele erfolgreiche Manager besaß er die Gabe, Selbstzweifel schnell aus dem Weg zu räumen. Die vielen positiven Stimmen und Dankesworte, die er bei seiner Abschiedsparty am Freitag hatte entgegennehmen dürfen, hatten ihn gefreut und ihn in seiner Haltung, die richtige Entscheidung getroffen zu haben, bestärkt. Einziger – aber gewichtiger – Wermutstropfen: Barbara war nicht mitgekommen. Seine neue Tätigkeit stieß bei ihr auf Ablehnung.

 

Der anschwellende Geräuschpegel holte ihn in die Gegenwart zurück. René stand – die linke Hand in der Hosentasche – an der offenen Saaltür und begrüßte die eintreffenden Xorion-Mitarbeiter. Tony gesellte sich zu ihm und schüttelte Hände. Er lächelte den ernsten Gesichtern aufmunternd zu. Er würde sich für die Zukunft dieser Leute einsetzen und ein überlebensfähiges Unternehmen an die Nachfolger – wer immer diese auch sein würden – weitergeben. Er dachte an Barbara. Genau dies war der Punkt, wo ihre Vorstellungen voneinander abwichen. Barbara war der Auffassung, er suche nur das schnelle Geld und das Schicksal der Xorion-Belegschaft sei ihm egal. Tony schüttelte kaum merklich den Kopf. Er würde ihr das Gegenteil beweisen. Trotzdem konnte er ihre Zweifel problemlos nachvollziehen. Viele Unternehmen waren in der Vergangenheit von Investitionsgesellschaften aufgekauft worden, ohne dass auf die strukturellen Anpassungen wirkliche Sanierungsmaßnahmen folgten. Das Erkennen von lukrativen und Erfolg versprechenden Produkten oder Dienstleistungen gehörte nun einmal zum Handwerk eines Investors. Die entscheidende Frage war absolut simpel: Fand eine Sanierung der überlebensfähigen Teile statt oder wurden diese einfach verkauft?

Tony hielt nichts vom schnellen Geld, das wollte er vor allem der Belegschaft beweisen, auf deren Goodwill er angewiesen war. Niemals wollte er in den Medien als skrupelloser Finanzjongleur bezeichnet werden. Er würde seinen guten Ruf festigen und sah sich künftig in der Rolle des Unternehmenssanierers.

Der Saal hatte sich in der Zwischenzeit gefüllt. René und Tony nahmen auf einer leicht erhöhten Bühne Platz. Die Medien hatten in den letzten Tagen ausführlich über die Übernahme berichtet. Die Kommentare waren sehr unterschiedlich ausgefallen. Die Boulevardblätter sprachen von einem unfriendly Take-over, während die arrivierten Tageszeitungen und die Wirtschaftsmagazine den Sachverhalt wahrheitsgemäß darstellten. In Bezug auf die Zukunftsaussichten unter der neuen Führung zeigten die Medien eine selten gesehene Übereinstimmung. Neue Hoffnung für Xorion, frische Kräfte am Steuer der Xorion AG oder Xorion im Aufwärtstrend lauteten die Schlagzeilen.

Die Mienen der meisten Anwesenden spiegelten diese Hoffnung wider. René und Tony wollten die momentane Stimmung nutzen und die Angestellten zu Bestleistungen motivieren.

Die Moderation der Veranstaltung übernahm Werner Nuberdorf, der alte und neue Kommunikationschef von Xorion. René und Tony wollten an einem großen Teil der bisherigen Geschäftsleitung festhalten und damit der Belegschaft signalisieren, dass sie die Absicht hatten, die bewährten Kräfte weiterhin zu beschäftigen. Nach einer kurzen Einleitung – er wollte die Anwesenden nicht zu lange auf die Folter spannen – übergab Nuberdorf das Wort an René und Tony.

Die beiden stellten sich vor und zeigten die neuen Besitzverhältnisse auf. Danach ergriff Tony als neuer Geschäftsführer das Wort und skizzierte die Ziele für die nächsten Monate. Anhand konkreter Beispiele stellte er dar, wie er diese Ziele zu erreichen gedachte.

Er spürte die kritische Haltung der Angestellten. Sie hingen an seinen Lippen, er nahm gleichzeitig zustimmendes Nicken und zweifelnde Blicke wahr und versuchte, seine Stimme noch überzeugender klingen zu lassen und Gefühle zu zeigen. Am Schluss seiner frei gehaltenen Rede erhöhte er die Lautstärke, und seine Stimme wurde noch eindringlicher. Sein Aufruf, zusammenzustehen und die Chance zu ergreifen, verhallte nicht ungehört. Die sekundenlange Stille unmittelbar nach dem letzten Satz diente den Zuhörern zur Verdauung der eindrücklichen Worte. Dann, mit Verzögerung, setzte ein lang anhaltender Applaus ein. Tony nickte dem Publikum dankend zu. Intensiv wie noch nie spürte er das Bedürfnis, diese Menschen nicht enttäuschen zu wollen.

 

* * * *

 

Das Szenario vom Vortag wiederholte sich. Nur die Zahl der Stühle hatte sich halbiert. Auf dem Podium standen erneut René Wanner und Tony Gallo.

Zwischen der Information der Mitarbeiter am gestrigen Nachmittag und der Pressekonferenz von heute Morgen lag nur eine Nacht. Tony versuchte, nicht daran zu denken und sich auf die bevorstehenden heiklen Aufgaben zu konzentrieren. Doch immer wieder rollten die Erinnerungen an den gestrigen Abend wie Wellen auf ihn zu. Barbara würde ihn verlassen. Das tat weh. Er hatte diese Entwicklung kommen sehen, ihre Probleme aber immer wieder verdrängt. Hatte er zu wenig für ihre Beziehung getan? War es endgültig aus, oder bestand noch eine kleine Chance? Und wenn ja, welche? Wie wäre diese Chance zu packen? Tony versuchte zum x-ten Mal, diese Gedanken zu verdrängen. Als er schließlich ans Rednerpult trat, tat er dies wie im Traum: unbewusst, geleitet von einem inneren Automatismus. Er hörte seine Stimme, hörte seine Worte, spürte aber keine Emotionen für das, was er sagte, für den Augenblick. Sein Herz war weit weg. Doch dann, als sich die Blitze der Fotoapparate durch seine Rede bohrten, war er schlagartig – oder in diesem Fall blitzartig – hellwach, fixierte die Vertreter der Medien mit seinem Blick und informierte in überzeugender Weise über die neuen Besitzverhältnisse und seine Strategie, die den Turnaround ermöglichen sollte.

 

Im Gegensatz zur gestrigen Mitarbeiterinformation wurde sein Beitrag nicht mit Applaus belohnt. Die Medienvertreter suchten, wie die ersten Fragen zeigten, nach dem sprichwörtlichen Haar in der Suppe und nicht nach einem Erfolgsmärchen.

„Welche Werte von Xorion haben Sie zum Kauf motiviert?“

„Wo besitzt Xorion noch Substanz?“

Die Fragen zielten alle auf das Szenario ab, das die meisten Blätter bereits im Vorfeld der Pressekonferenz gezeichnet hatten: das Ausschlachten der Unternehmung durch den Verkauf der vorhandenen Ressourcen wie Land und Produktionsmittel, aber auch der laufenden Verträge und Vereinbarungen mit Lieferanten und Kunden.

Tonys Antworten waren überzeugend. So überzeugend, dass ihn René bei ihrem abendlichen Bier im Bahnhofsbuffet darauf ansprach.

„Ist unsere Verkaufsstrategie für dich noch richtig?“

Tony hatte den nervösen Unterton herausgehört und lachte entspannt.

„Klar, wir werden verkaufen … aber erst, wenn Xorion saniert ist.“

„Saniert? Ein weiter Begriff.“

Tony wunderte sich über die plötzliche Halsstarrigkeit seines Freundes.

„Wir zwei werden die Xorion AG verkaufen, sobald sie ohne uns überlebensfähig ist.“

Als er den mit Missmut angereicherten Blick seines Gegenübers wahrnahm, fügte er hinzu:

„In ein, zwei Jahren werden wir so weit sein.“

Renés eingefrorene Züge tauten wieder auf.

„Ich hatte schon befürchtet, dass du Xorion nie mehr hergeben willst …“

„Mach dir keine Sorgen, wir stehen kurz vor einem großen Erfolg.“

René lachte und sah demonstrativ auf seine elegante Armani-Uhr.

„Ich muss den nächsten Intercity erwischen, sonst verpasse ich einen Termin.“

Beim Verlassen des Restaurants suchte Tony vergeblich nach seinem Regenmantel.

„Hattest du Wertsachen in den Taschen?“

„Ja, ein Päckchen Kaugummi und Papiertaschentücher.“

Lachend eilten sie zum Gleis vierzehn. Kaum waren sie eingestiegen, fuhr der Zug auch schon los.

 

* * * *

 

Die nächsten Wochen waren die arbeitsintensivsten, die Tony je erlebt hatte. Er war froh darum. Barbara war ausgezogen, und seine Wohnung schien jeden Abend ein Stück leerer und kälter zu werden. Mittlerweile hielt er es zu Hause kaum mehr alleine aus und benutzte seine Wohnung nur noch zum Schlafen. Als Erstes kontrollierte er jeden Abend den Anrufbeantworter, in der Hoffnung, dort auf eine Nachricht von Barbara zu stoßen.

Das Blinken des roten Lämpchens hatte seinen Puls beschleunigt. Erwartungsvoll drückte er die Play-Taste. Rauschen, dann ein akustisches Signal.

„Gallo!“

Tony erkannte die kalte Stimme sofort.

„Das war ein Fehler, eine Dummheit, für die du büßen wirst!“

Die Panik überfiel ihn aus heiterem Himmel und ergriff von ihm Besitz. Die verdrängten Ängste umkreisten ihn von Neuem und lähmten ihn. Minutenlang tat er keinen Wank, dann suchte er in der Kommode mit zittrigen Fingern nach Barbaras Zigaretten.

Er fand ein halbes Päckchen, steckte sich eine an und taumelte auf die Terrasse. Die Kirchenuhr schlug zehnmal, einige Jugendliche liefen laut diskutierend durch die Hauptgasse. Er drückte die Zigarette am gusseisernen Geländer aus und warf die Kippe in einen leeren Blumentopf. Er beschloss, René anzurufen und ihn um Rat zu fragen.

 

Er wollte bereits auflegen, als auf der Gegenseite doch noch abgenommen wurde.

Eine schläfrige Frauenstimme meldete sich.

„Wanner.“

Tony war einen kurzen Moment lang perplex. Richtig, René hatte einmal erwähnt, dass er verheiratet war. Das Geschäftliche hatte ihre Gespräche immer dominiert. Für private Themen war kaum Platz geblieben. Tony hatte René gegenüber seine Beziehungsprobleme mit Barbara nie erwähnt, so wie er die anonymen Anrufe nie angesprochen hatte.

„Hallo?“ Die Stimme hatte eine dunkle Färbung, einen erotischen Touch. Er wischte den Gedanken irritiert, fast verschämt, weg.

„Hier ist Tony Gallo … ein Geschäftspartner von René.“

„Hallo, Tony.“

Die direkte, unkomplizierte Anrede verunsicherte Tony.

„Hallo?“

„Mein Name ist Nena, hat René mich nie erwähnt?“

Eine Spur von Enttäuschung schwang in ihrer Stimme mit.

„Doch, doch. Tut mir leid, ich hatte nur Ihren Namen vergessen.“

„Macht nichts. Wir werden uns bestimmt noch näher kennenlernen.“

Die Art, wie Nena diese Bemerkung platzierte, weckte Tonys Aufmerksamkeit, ohne dass er in der Lage gewesen wäre, den Grund zu nennen.

„Ja, das wäre nett.“ Eine belanglose Floskel, für die er sich selbst hätte ohrfeigen können.

„Um zum Grund meines Anrufes zu kommen ...“

„Ja?“

„Ich muss unbedingt mit René sprechen.“

„Da muss ich Sie enttäuschen, er ist nicht zu Hause.“

„Ist halb so schlimm, ich werde ihn morgen im Büro anrufen.“

 

* * * *

 

Die Nacht war sternenklar. René beschloss, die Jurakette – wie er es fast immer tat – auf der Kantonsstraße zu überqueren, und steuerte seinen neuen BMW bei Sissach von der Autobahn.

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