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Schattenfluch

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PROLOG

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EPILOG

DRAMATIS PERSONAE

DANKSAGUNG

PROLOG

Festung Trollstigen beim Romsdalsfjord, Norwegen

Montag, 01. November 1999

Die Innenwelt

 

Es war, als träumte sie. Einen düsteren Traum, mit grauen Mauern, mit flackerndem Flammenschein, mit schwarzen Schatten. Ferne Schreie hallten durch die Dunkelheit, merkwürdig verzerrt und gedehnt, dunkle Stimmen klangen durch ihr Bewusstsein, eisenbeschlagene Stiefel dröhnten wie dumpfe Trommelschläge in der Nacht. Alles schien so unwirklich, sie war so benommen und wusste nicht einmal woher. Sie lag am Boden, so viel erkannte Veronika, doch der drehte sich unter ihr, ihr war schwindelig und übel.

Ein verschwommenes Gesicht tauchte in ihrem Sichtfeld auf. Der Mund vor ihren Augen bewegte sich und gab dröhnende Laute von sich, die keinen Sinn ergaben. Sie versuchte etwas zu erwidern, ihr Körper reagierte aber nicht auf ihren Willen. Der Mann machte sich an ihr zu schaffen, doch sie konnte nichts davon spüren. Er schob eine Hand unter ihre Knie und hob ihren Oberkörper an, so dass die Wände um sie herum zu schwanken begannen. Ihr Kopf fiel kraftlos in ihren Nacken, der Schwindel schwoll auf einmal so stark an, dass sie nicht einmal mehr wusste, wo oben und unten war. Ein kleiner Anteil ihres Verstandes begriff, dass sie hochgehoben worden war. Der Rest kämpfte ein verzweifeltes Rückzugsgefecht gegen den unüberwindbaren Schwindel.

Graue Mauern zogen an ihr vorbei, noch mehr verschwommene Gestalten, noch mehr Schreie, noch mehr Schritte. Noch immer spürte sie nichts, ihr Körper schien völlig von ihrem Geist abgetrennt zu sein. Sie verstand gar nichts, außer, dass sie endlich aufwachen wollte aus diesem merkwürdigen Traum. Ihr Gefahrensinn tief in ihrem Innern läutete hysterisch alle Alarmglocken, doch selbst das schien ihrem Körper kaum eine Reaktion zu entlocken.

Auf die grauen Mauern folgte schwarzer Nachthimmel mit tanzenden Schneeflocken. Kalte Luft brannte in ihren Lungen, sie hörte stapfende Schritte im Schnee. Doch ihre Haut fühlte nichts, keine Kälte, keine Berührungen. Erneut wurde ihr schwindelig, als sie der Fremde langsam in den Schnee legte. Sie wurde ein wenig hin und her gedreht, dann begann plötzlich alles um sie herum zu schaukeln, sie glaubte für einen Moment zu fallen, zu FALLEN, und dann wurde es schwarz um sie.

 

Ein dumpfer, pochender Schmerz in ihrem Bauch ließ Veronika jäh erwachen. Sie versuchte zu schreien, doch heraus kam nur ein müdes, schwaches Stöhnen, das gleich darauf kraftlos auf ihren Lippen erstarb. Als sie mit einer Hand nach den Schmerzen tasten wollte, stellte sie fest, dass etwas ihren Arm fest gegen den Boden presste. Erschrocken öffnete sie die Augen und sah in ein weiß geschminktes Gesicht.

»Sie ist wach«, erklärte der Fremde auf Norwegisch, eine Sprache, die sie mit einiger Mühe verstehen konnte.

»War sie vorhin auch«, kam eine Antwort von irgendwo, eine tiefe Männerstimme. »Das muss nichts heißen.«

»Nein«, widersprach der Geschminkte mürrisch. »Sie ist richtig wach. Awake. Våken. Vif. Wach.«

Ein dritter Sprecher mischte sich mit seltsam singendem Tonfall ein: »Ist das gut?«

»Sie ist zu stark verletzt«, gab der Mann mit der tiefen Stimme zurück. »Das hier ist das letzte Aufbäumen ihres Körpers. Meine Heilkraft kann ihr nicht mehr helfen.«

»Was willst du damit sagen, Tagaris?«, fragte der Dritte. »Heißt das, wir verlieren sie?« Sie hörte keine Antwort, aber etwas ließ den Mann verächtlich schnauben. »Das wird Rushai keine Freude bereiten!«

»Uns allen«, mischte sich wieder der Geschminkte in das Gespräch, »wird das keine Freude bereiten.«

»Was sollen wir dann tun?«, meinte der Dritte mit seiner Singsangstimme. »Wenn wir Rushai sagen, dass wir versagt haben, wird er uns die Hölle heißmachen! Sollen wir ihn anlügen?«

»Wenn du ihn anlügst, knüpft er dich mit deinen Eingeweiden am nächsten Baum auf.« Ein grimmiges Lächeln umspielte kurz die blutleeren Lippen des Geschminkten, ganz so, als ob ihm der Gedanke nicht besonders unwillkommen wäre.

»Ha! Hast du eine bessere Idee?«

»Wir verhindern«, sagte der, der gerade Tagaris genannt worden war, »dass der Fall eintritt, dass wir ihm ihren Tod berichten müssen. Wir retten sie.«

»Ich dachte, du kannst sie nicht retten!«

»Nein. Gewöhnliche Heilkräfte sind hier zu wenig. Sie hat viel zu viel Blut verloren. Es bleibt uns nur ein Weg offen.«

»Was meinst du?«, empörte sich der Dritte. Von seinem Singsang war plötzlich nicht mehr viel übrig.

Tagaris ließ sich viel Zeit mit einer Antwort. »Ich meine den Fluch«, sagte er schließlich leise.

»Schwachsinn! Wir können sie nicht verfluchen! Du kennst die Regeln, wir müssen sie austauschen!«

»Bis wir sie austauschen können, ist sie längst tot.« Tagaris blieb ruhig. Er hatte eine väterliche, besonnene Art an sich, beinahe dazu geeignet, Veronikas Sorgen zu zerstreuen. Wenn er nicht darüber sprechen würde, sie zu verfluchen …

»Rushai zieht uns das Fell über die Ohren!«, krähte der Dritte.

»Dann willst du ihm wohl lieber sagen, dass du sie verloren hast?«, mischte sich der Geschminkte ein.

»Nein …«

»Dann verfluchen wir«, beschloss Tagaris. »Es ist ohnehin meine Entscheidung.«

»Gut«, erklärte der Geschminkte.

Sofort verfielen sie in hektische Aktivität. Tagaris erteilte mit tiefer Stimme mehrere Befehle, die der Dritte mit einem gemurmelten »Ja, ja« kommentierte. Beide eilten zügigen Schrittes davon, so dass der Geschminkte allein bei ihr zurückblieb.

»Keine Angst«, erklärte er ihr. »Du wirst leben.«

»Wer …«, stammelte sie. »Wer seid ihr?«

»Deine schlimmsten Feinde«, gab der Geschminkte mit grimmiger Miene zurück. Schweigend sah er ihr ein paar Sekunden in die Augen, bevor er mit einem kalten Grinsen hinzufügte: »Aber nicht mehr für lange.«

Damit verschwand auch er und ließ sie verwirrt und alleine zurück. Sie hatte kaum etwas verstanden von dem, was die drei Männer besprochen hatten, abgesehen davon, dass sie ohne ihre Hilfe sterben würde. Ihr Gefahrensinn versuchte sie vor der Hilfe der Fremden zu warnen, aber was sollte sie tun? Sie spürte die Schwäche in ihrem Körper, sie spürte die Schmerzen, sie erinnerte sich an ihren Traum von gerade eben, in dem ihr Körper wie abgestorben gewesen war.

Sie befand sich am Rand des Todes. Oder war sie vielleicht schon darüber hinweg? Hatten die Männer sie womöglich bereits zurückgeholt?

Und was war überhaupt vorgefallen? Der Gedanke an eine Schlacht spukte in ihrem Hinterkopf, an ein verzweifeltes Gefecht, den Rücken zur Wand, aber an mehr konnte sie sich nicht erinnern. Jedes Mal, wenn sie versuchte, nach den Erinnerungen zu greifen, schienen diese sich zu verflüchtigen, sie waren so wenig greifbar wie Nebel an einem Herbstmorgen.

Der Schmerz wurde wieder stärker. Das dumpfe Pochen in ihrem Bauch schwoll zu einem scharfen Brennen an, das sich bald auf ihren gesamten Körper ausbreitete. Ihr Herz begann zu rasen, während sie rasselnd um Atem ringen musste.

Das ist das letzte Aufbäumen, hatte einer der Männer vorhin gesagt. Und war es nicht so, dass Schwerverletzte oft noch einmal aus ihrem Koma erwachten, bevor sie starben? Oder bildete sie sich das alles nur ein? Fantasierte sie? Gehörte dies etwa ebenfalls zu ihrem Traum?

Aber nein. Irgendwie wusste Veronika, dass sie wach war. Das hier war Realität. Sie starb, und das Einzige, was sie noch retten konnte, waren die Schatten.

Da! Da waren sie plötzlich, die Erinnerungen! Der Gedanke an die Schatten hatte ausgereicht, sie ihr zurückzubringen. Doch anstatt sie zu ermutigen, flößten sie ihr nur noch mehr Angst ein. Die Schatten! Es hatte eine Schlacht gegeben! Auf der Festung Trollstigen, die Schatten hatten sie angegriffen! Sie hatten sie … überrannt … Veronika schluckte, als ihr plötzlich die gesamte Tragweite der Geschehnisse bewusst wurde. Die norðmenn1 waren geschlagen worden und sie mit ihnen. Sie hatte ihren Stellvertreter Gunnar fallen sehen, ihn und so viele andere Männer der Garnison, die unter ihrem Kommando gedient hatten. Sie konnte sich noch zu gut an ihre letzte Verteidigung im Torturm erinnern, an den letzten verzweifelten Kampf gegen die Schatten und Trolle2, an den Pfeil, der sie im Bauch getroffen hatte – genau dort, wo jetzt der wütende Schmerz tobte …

Sie schloss die Augen, als die Erkenntnis sie überkam. Es war wahr. Alles war wahr. Trollstigen war gefallen, und sie war eine der wenigen, wenn nicht vielleicht sogar die einzige Überlebende, tödlich verwundet, mit der Gnade der Schatten als einzige Hoffnung auf Rettung. Die Gnade der Schatten … Ihr verächtliches Schnauben sandte einen neuen, heftigen Schmerz durch ihren Körper, der sie kurz aufstöhnen ließ. Nein, auf die Gnade der Schatten brauchte sie nicht zu hoffen. Eher auf einen … Fluch …

Tränen füllten plötzlich ihre Augen und rannen über ihre Wangen davon. Sie musste schniefen, doch schon diese geringfügige Bewegung reichte aus, den glimmenden Schmerz neu auflodern zu lassen. Sie biss die Kiefer fest aufeinander und begann, in Gedanken auf sich einzureden. Reiß dich zusammen, Veronika! Dein Heulen hilft dir hier auch nicht weiter! Die kleine, kritische Stimme in ihrem Hinterkopf hielt gehässig dagegen: Dein Hartsein aber auch nicht … Doch es gelang ihr, sich zumindest für den Moment wieder unter Kontrolle zu bringen.

Immerhin schien sich ihr Bewusstsein langsam zu erholen, denn mittlerweile fielen ihr auch Dinge auf, die sich nicht direkt vor ihren Augen abspielten. Neben ihr hatten ein paar Männer zwei große Tierhäute herbeigetragen und begannen nun, sie auf dem Schnee auszubreiten. An den Beinen der Lederstücke wurden Holzpflöcke in den Boden geschlagen, an denen die Häute aufgespannt wurden, so dass sie sich nicht mehr zusammenrollen konnten. Daneben kauerte ein Mann mit tiefschwarzem, gelocktem Haar und einem zerzausten Vollbart, der einen Dolch aus nachtschwarzem Glas unter seiner Fellweste hervorzog. Fackelschein spiegelte sich matt auf dem Blatt der Waffe. Emotionslos zog er sich die Klinge über die Handfläche und verteilte das hervorquellende Blut über das Glas, bevor er den Dolch vor sich in den Schnee steckte. Langsam beugte er sich nach vorne, den Blick zu Boden gewandt, bis Stirn und Hände den Schnee berührten. Dabei stieß er fremdartige Laute aus, knarrend, wie altes, trockenes Leder.

Das Geräusch weckte tief in Veronika eine urtümliche, fassungslose Angst, die ihr die kurzen Haare zu Berge stellte und den Schweiß aus all ihren Poren trieb. Ihr Herz begann zu rasen, ihr Mund wurde trocken, ihre Hände begannen zu zittern. Schattensprache, erinnerte sie sich. Wolfgang hatte ihr das einmal erzählt.

Wolfgang … Die Erinnerung an ihren Geliebten schmerzte sie beinahe noch mehr als die Wunde in ihrem Bauch. Sie würde ihn nicht mehr wiedersehen. Nie mehr. Ihre Liebe hatte nicht viel Zeit gehabt, nur einen einzigen Sommer, den sie mehr getrennt als beieinander verbracht hatten.

Sie hatte sich so auf den Winter gefreut …

Der Schatten richtete sich nach seiner kurzen Andacht wieder auf. »Das Opfer«, murmelte er leise. Sie erkannte ihn an der Stimme: Es war Tagaris, der Heilkundige, dessen Unterredung mit den anderen sie belauscht hatte.

Sie schluckte. Opfer … Konnte es sein, dass … Ihr Herz schien für einen Schlag auszusetzen, als sie sich schon auf einem dieser Lederstücke liegen sah, mit aufgerissener Brust, ihr noch immer schlagendes Herz blutig in der Hand des Schattens triumphierend in den Himmel gestreckt …

Doch als zwei in dicke Mäntel gehüllte Krieger einen zappelnden Mann heranzerrten, wurde ihr klar, dass mit dem Opfer nicht sie gemeint war. Der Gefangene war nackt, das Gesicht von zu vielen Schlägen verquollen und dunkelblau verfärbt. Sie brauchte eine Weile, um Torwald zu erkennen, einen ihrer Hauptmänner. Hatte er sich ergeben, nachdem die Türme gefallen waren? Hatte er auf die Gnade der Schatten gehofft, so wie sie nun darauf hoffen musste? War das etwa das Schicksal, das letztendlich auch ihr bevorstand?

Sie wollte wegsehen, als die beiden Trollkrieger versuchten, Torwald vor dem Schatten zu Boden zu drücken, doch es gelang ihr nicht. Der norðmaðr keifte und fluchte, er zappelte und biss, schließlich aber gelang es den beiden Trollen, ihn in die Knie zu zwingen. Tagaris murmelte etwas in seiner knarrenden Schattensprache, woraufhin sich Torwald nur noch mehr gegen seine Wächter stemmte. Währenddessen zog sich Tagaris die Kapuze seines Umhangs über den Kopf und verwandelte sich. Binnen Augenblicken magerten seine Hände ab, wurde seine wettergegerbte Haut ledrig grau, wurden seine Fingernägel zu langen, scharfen Klauen. Mit dem Verfall seiner Muskeln änderte sich seine ganze Statur, bis er schließlich zu einem grauen Monster geworden war, das sich ausgezehrt vornüberbeugte.

Es war die natürliche Gestalt der Schatten. Der Anblick jagte einen weiteren Schauer über Veronikas Rücken.

Mit einer raschen Bewegung stieß Tagaris seinen schwarzen Dolch nach vorne und schnitt Torwald über die Schläfe. Dickes Blut quoll hervor, der norðmaðr verzog gepeinigt das Gesicht, die Augen vor Entsetzen deutlich geweitet, der Atem in seiner Brust stoßweise und hart. Währenddessen begann der Schatten, mit dem blutigen Dolch feine Symbole auf eines der Lederstücke zu zeichnen. Immer wieder tunkte er dazu die gläserne Klinge in das Blut an Torwalds Schläfe. Die ersten Male zuckte der norðmaðr noch zurück, doch bald sank er im Griff seiner beiden Wächter erschöpft zurück und ließ den Schatten gewähren.

Dieser arbeitete erstaunlich schnell. Geschickt überzog er die Tierhaut mit Symbolen und Mustern, dabei nicht nur den Dolch, sondern auch seine Krallen benutzend. Es war eine Runenschrift, aber keine, die ihr Wolfgang je beigebracht oder auch nur gezeigt hatte. Bald schon war das erste Leder vollständig beschriftet. Plötzlich zuckte die Klinge in der Hand des Schattens nach vorne und schnitt auch Torwalds linke Schläfe auf, noch bevor dieser reagieren konnte.

Veronika spürte erneut die Angst in sich wachsen. Sie ahnte, dass etwas Schlimmes passieren würde, sobald Tagaris mit seiner Arbeit fertig war. Sie versuchte sich zusammenzureißen, sie wusste, dass sie mit ihrer eigenen Angst Torwald nur noch mehr beunruhigen musste – doch es half nichts. Das Wissen um die wachsende Bedrohung, ihr alter Gefahrensinn, der sie selbst jetzt nicht im Stich ließ, waren stärker als ihre Selbstbeherrschung. Ihr Atem ging schneller und schneller, bald war der Pulsschlag in ihren Ohren zu einem Dröhnen angeschwollen. Sie kniff die Augen zusammen, doch das Geräusch, mit dem der Schatten seine dunklen Runen auf das Leder schrieb, kratzte unerbittlich weiter. Schließlich wurde die Angst so groß, dass sie trotz des Schmerzes versuchte sich aufzurappeln, doch da trat der Geschminkte in ihr Gesichtsfeld und drückte sie sogleich wieder zu Boden.

»Du hast es gleich geschafft, Mädchen«, murmelte er. »Nur noch ein paar Minuten. Danach wird dir all das hier vorkommen wie das Paradies, also genieße die Augenblicke.« Der Geschminkte zwinkerte ihr zu, doch der Humor verschwand sogleich wieder aus seiner Miene.

Der Schattenzauberer war inzwischen mit dem zweiten Lederstück fertig geworden und versah nun auch Torwalds Haut mit Runen. Dieser begann, leise zu wimmern, mehr aus Angst als aus Schmerz – die Klauenzeichen wirkten nur aufgemalt, nicht eingeritzt, so geschickt arbeitete der Schatten mit seinen scharfen Werkzeugen. Als sein Werk schließlich vollendet war, wandte er sich Veronika zu.

Noch bevor sie darauf reagieren konnte, packte der Geschminkte ihren Kopf und hielt ihn fest, während sich einer der Trollkrieger auf ihre Beine setzte. Als Tagaris seinen Dolch zu ihrer Schläfe führte, bäumte sie sich auf und wand sich, doch sie entkam ihren Wächtern nicht. Stattdessen ließ ihre abrupte Bewegung in ihrem Bauch einen infernalischen Schmerz auflodern und brach ihren Widerstand. Kraftlos sackte sie in sich zusammen.

Der Schmerz, als der gläserne Dolch durch ihre Schläfe fuhr, war dagegen fast harmlos. Sofort lief Blut aus der Wunde ihren Schädel hinab, mit dem Tagaris seinen Dolch benetzte und anfing, auch ihren Körper mit Runen zu überziehen. Tatsächlich fügte er ihr dabei keine weiteren Schmerzen zu, doch er musste dafür die Decken wegziehen, die man über sie ausgebreitet hatte. Die Kälte griff mit eisigen Fingern nach ihr. Gänsehaut überzog ihren Körper und ließ sie erzittern.

Der Schatten bemalte Veronikas gesamte Körperoberfläche. Mit äußerstem Geschick nutzte er seinen Dolch dafür, ihr sämtliche Haare vom Schädel zu rasieren. Selbst vor ihren Augenbrauen machte er nicht halt. Zwei der Trollkrieger halfen ihm dabei, sie zu drehen, um an ihren Rücken zu gelangen. Als sie Veronikas Beine spreizten, sträubte und wand sie sich, doch sie hatte keine Chance. Erst als der Schatten selbst ihre Schamlippen mit Runen versehen hatte, schien er zufrieden. Veronika begann, leise zu schluchzen. Die Demütigung, die Angst, die Schmerzen, es war alles zu viel, viel zu viel. Sie hatte sich selbst immer für eine starke Frau gehalten, aber nun war sie erschöpft, ihre Stärke aufgebraucht. Es war nichts mehr davon übrig.

»Das Fleisch«, murmelte Tagaris mit verzerrter, nuschelnder Stimme. Der Geschminkte nickte einem in der Nähe stehenden Trollkrieger zu, der sich schnell umwandte und davonging.

Alles in Veronika schrie danach davonzulaufen, jetzt, bevor der Troll zurückkam und der Schattenzauberer mit seinem Ritual – seinem Fluch – fortfahren konnte. Der Gedanke war utopisch. Weitere Tränen rannen über ihre Wangen, während ihre Hände von ihrer Fellunterlage glitten und sich im eisigen Schnee verkrallten.

Es dauerte ein paar Minuten, bis der Krieger an der Spitze eines ganzen Trupps zurückkam. In seinem Schlepptau befanden sich sieben Gefangene, allesamt Frauen, allesamt an Armen und Beinen gefesselt, so dass sie nur kleine Schritte machen konnten. Es mussten Kriegsgefangene aus dem Süden sein, vermutete Veronika, aus dem Krieg gegen Stavanger, die die Schatten seither mit sich herumschleiften. Die Spuren dieser Kriegsgefangenschaft trugen sie unübersehbar an ihren Körpern. Zwei von ihnen hatten blaue Flecken an Gesicht und Hals, eine Dritte eine hässlich vernähte Narbe auf der Wange. Ihre Gesichter waren abgemagert und blass, die Augen müde und erschöpft. Nur eine von ihnen, ein junges blondes Mädchen kaum älter als achtzehn, schien sich noch verzweifelt an die Hoffnung zu klammern, suchte mit herumhuschenden Augen nach Rettung. Eine etwas ältere Schwarze sah Veronika traurig an.

Tagaris erhob sich und begann, mit monotoner, ledern krächzender Stimme zu reden. Dabei winkte er die erste der Gefangenen zu sich, eine weitere Afrikanerin, das Weiß ihrer angstgeweiteten Augen im scharfen Kontrast zu ihrer Hautfarbe. Sie sah sich hektisch um, doch schon waren zwei Trolle da und drängten sie nach vorne. Der Schatten musterte sie von oben bis unten. Seine Klauenhände gingen zu ihrem Umhang, lösten langsam die Fibel, die ihn geschlossen hielt, und rissen ihn zur Seite.

Die Frau war darunter nackt. Ihr üppiger Bauch und ihre schweren Brüste zeugten davon, dass sie in ihrer Gefangenschaft zumindest nicht Hunger gelitten hatte. Mittlerweile hatte sie auch aufgehört, sich zu sträuben. Als ob sie mit ihrem Umhang auch ihren Widerstandswillen verloren hätte, wartete sie still, die Nasenlöcher zwar noch immer gebläht vom hektischen Atmen, aber friedlich wie ein Lamm vor der Schlachtbank.

Veronika hatte nicht geahnt, wie passend der Vergleich war. Mit einer routiniert wirkenden Bewegung stieß der Schattenzauberer plötzlich den Dolch in ihren Körper, etwas unterhalb der Stelle, an der sich ihre Rippen zum Brustbein vereinigten, und schnitt damit ruckartig nach unten, hinab bis in die Mitte ihres Schamhügels. Ein riesiges Loch klaffte in ihrem Leib auf, ein Loch umgeben von gelblichem Fett, rotem Muskel und versprenkelten Tupfern grellroten Blutes. Die Eingeweide darunter waren rosafarbene Schlingen, die der Schattenzauberer mit einem weiteren Schnitt befreite. Därme quollen aus dem Bauch wie glänzende Schlangen, die sich am Ende ihres Gekröses kringelten.

Die Frau stieß einen einzigen, gellenden Schrei aus. Gleichzeitig erwachte sie aus ihrer Angststarre und versuchte sich zu befreien. Schmerz und Todesangst verliehen ihr übermenschliche Kräfte, denn plötzlich reichten die beiden Krieger, die sie an den Schultern gepackt hatten, kaum noch aus, sie zu bändigen. Weitere Trolle eilten ihren Gefährten zu Hilfe und halfen dabei, das Opfer zu überwältigen. Auch die anderen Frauen, die nun gesehen hatten, was ihnen bevorstand, gerieten in Panik und schrien und versuchten sich zu befreien. Doch die herbeieilenden Trollkrieger hatten keine Mühen, die Frauen unter Kontrolle zu bringen.

Vom Flehen und Betteln seiner verzweifelten Opfer unbeeindruckt ging der Schattenzauberer langsamen Schrittes weiter zum nächsten, dem blonden Mädchen, das Veronika bereits aufgefallen war. Veronika versuchte, den Blick abzuwenden, aber sie konnte nicht, als Tagaris der Blonden ebenfalls den Bauch aufschnitt, vom Brustbein bis zum Becken, und ihre Eingeweide aus ihrem Körper quellen ließ. Auch diese Frau stieß einen markerschütternden Schrei aus, verlor aber gnädigerweise sogleich das Bewusstsein, so dass sie gestürzt wäre, wenn nicht ihre Wächter sie festgehalten hätten. Dampfender Urin lief ihre Beine hinab zu Boden.

Und immer noch sprach der Schattenzauberer seine Zauberformeln, monoton und in einem fort. Er ging zu seinem nächsten Opfer, eine brünette Frau in ihren Dreißigern, mit grauen Strähnen an ihren Schläfen und einem plötzlich zornigen Gesichtsausdruck. Mit einer unerwartet raschen Bewegung befreite sie sich aus dem Griff ihrer Wächter und trat mit einem wütenden Schrei Tagaris zwischen die Beine. Der Schatten schien den Schmerz kaum zu spüren, als seine Hand nach oben schnellte und mit seiner Ohrfeige ihren Kopf zur Seite drosch. Seine Klauen hinterließen böse Risse in ihrem Gesicht, aus denen das Blut hinab zu ihrem Kinn lief und von dort auf ihre Brüste tropfte.

Veronika wollte nicht länger zusehen. Sie wollte die Augen zusammenpressen, die Schreie aus ihrer Wahrnehmung ausblenden, doch weder das eine noch das andere gelang ihr. Wie gebannt beobachtete sie, wie der Schattenzauberer auch den Übrigen die Bäuche aufschlitzte und ihre Eingeweide hervorzerrte. Während die so gemarterten Frauen im Kreis um ihn und Veronika herum aufgestellt wurden, rezitierte er mit dem blutigen Dolch in der Hand wieder seine Zaubersprüche. Auf eine Geste hin wurde die Erste von ihnen, die Schwarze mit den traurigen Augen, vor einer der beiden Tierhäute auf die Knie gezerrt. Der Schattenzauberer trat hinter sie und durchtrennte mit schnellen Schnitten das Gekröse, das ihre Eingeweide mit dem Körper verband. Die Frau schrie auf, schrill und durchdringend, bevor auch sie vor Schmerzen bewusstlos wurde. Dieses Mal floss Blut aus den Schnittflächen, viel Blut, hellrot und pulsierend. Veronika konnte nicht anders als zusehen, wie die Blutspritzer aus den offenen Adern mit jedem Pulsieren schwächer wurden, bis sie schließlich ganz versiegten. Die Schwarze wurde unter ihrer dunklen Haut blass, totenblass, Schweiß trat auf ihre Stirn. Als ihr Atem plötzlich ins Stocken geriet und kurz darauf ganz aussetzte, schleiften die Männer sie respektlos davon.

Ungerührt verteilte der Schattenzauberer mit dem Stiefel das losgeschnittene Gedärm auf dem Leder. Veronika starrte fassungslos auf die Darmschlingen, die nicht etwa blau anliefen und abstarben, sondern sich weiter wanden wie sich ringelnde Regenwürmer. Übelkeit stieg in ihr auf, sie spürte die Säure aus ihrem Magen ihren Rachen hinauf brennen, während Tagaris mit den anderen Opfern weitermachte und schließlich auch die letzte der Frauen auf diese Art und Weise ermordet hatte. Es war die mit den Kratzern im Gesicht, die, die sich gewehrt hatte. Wie durch ein Wunder war sie immer noch bei Bewusstsein, während das Blut aus ihren Wunden sprudelte. Der Schatten packte sie an den Haaren, zerrte ihren Kopf in den Nacken und schnitt mit dem Dolch durch ihren Hals, so dass unter ihrem Kinn ein zweiter Mund aufklaffte, obszön grinsend und heftig blutend. Tagaris sägte weiter, durchtrennte Haut und Muskeln, Adern und Nerven, bis der Kopf schließlich nur noch über die Wirbelsäule mit dem Rest ihres Körpers verbunden war. Er riss einmal heftig an ihren Haaren. Mit einem scharfen Knacken brachen die Gelenke der Wirbel, gaben die verbliebenen Bänder nach. Den abgerissenen Kopf warf er zu den Därmen auf das Leder. Dort drehte dieser sich von selbst herum und öffnete die Augen. Ihr gehässiger Blick musterte Veronika. Die Wildheit, mit der sich die Geopferte gerade eben noch gegen den Schatten gewehrt hatte, war noch deutlich zu erkennen, doch das Grinsen in ihrem blutleeren Gesicht war nun eindeutig bösartig. Süffisant leckte sie sich mit einer bläulichen Zunge über die Lippen und bleckte die Zähne in Veronikas Richtung, die hastig die Augen abwandte.

Mittlerweile hatte sich der Schattenzauberer wieder Torwald zugewandt, der gerade von zwei Trollkriegern auf das zweite, noch unbesudelte Leder gezerrt wurde. Er sträubte sich und schrie, doch es half ihm genauso wenig wie zuvor den Frauen. Stricke wurden um seine Arme und Beine geschlungen und an die Pfosten gebunden, an denen auch schon das Leder aufgespannt war.

Tagaris ging zu ihm. Sein Gemurmel wurde schneller, energischer. Torwald schrie mit sich überschlagender Stimme, angsterfüllt, panisch, verzweifelt, während sich der Schattenzauberer langsam zu ihm beugte und mit der Spitze des Dolchs Kreise über seinem Körper beschrieb. Unterdessen tauchte der Geschminkte bei Veronika auf, ging neben ihr in die Hocke. »Ruhig«, murmelte er. Er schob einen Arm unter ihre Knie, einen weiteren unter ihren Rücken und hob sie an. Doch als Veronika erkannte, dass er sie auf dem zweiten Leder absetzen wollte, auf dem sich noch immer die Darmschlingen wanden, verkrampfte sie sich, sträubte sich, versuchte sich panisch seinem Griff zu entwinden. Wie zuvor war ihre Abwehr kläglich. Jede Bewegung schmerzte, der Blutverlust machte sie schwach und langsam. Sie starrte in das Gesicht des Geschminkten, in seine dunklen Augen, suchte nach einer Spur von Mitgefühl, von Mitleid, aber da war nichts. Sein Griff blieb hart und fest, als er sie schließlich auf dem Leder absetzte.

Sie spürte, wie sich unter ihr warm und weich die Eingeweide bewegten. Es kostete Veronika jedes letzte bisschen ihrer Selbstbeherrschung, ihren Verstand beisammenzuhalten. Ihre Augen suchten nach etwas, irgendetwas, das sie ablenkte davon, was unter ihr vorging, blieben schließlich an Torwald hängen. Die Runen auf seinem Körper und auf dem Tierfell hatten zu leuchten begonnen, dunkelrot und blutig. Tagaris machte eine Geste in ihre Richtung, während er noch schneller, noch eindringlicher mit seinem Zauberspruch fortfuhr. Plötzlich glühten auch die Runen auf ihrem eigenen Körper.

Torwald brüllte, lang und gellend, bis die dunkle Klinge in der Hand des Schattenzauberers wie eine Schlange zweimal schnell zustieß und die Schlagadern in seinem Hals durchtrennte. Der abgerissene Kopf an Veronikas Schulter fauchte auf, als Torwalds Blut in pulsierenden Fontänen durch die eisige Luft spritzte. Plötzlich wurden die Eingeweide unter Veronika hektischer, aufgeregter. Veronikas Herz hämmerte in ihrer Brust wie ein Maschinengewehr, sie schickte ein Stoßgebet zum Himmel, es platzen zu lassen, bevor das grausige Ritual ein Ende finden konnte, gleichzeitig flehte sie um ihr Leben. Als die ersten Darmschlingen begannen, über ihren Körper zu kriechen, auf ihren nackten Bauch, zwischen ihre Brüste, um ihren Hals, zwischen ihre Schenkel, schrie Veronika mit sich überschlagender Stimme. Der Kopf schrie ebenfalls, triumphierend und jubelnd. Gleichzeitig packten Trolle das Leder an seinen vier Enden und rollten es um Veronika zusammen. Plötzlich endete die Rezitation des Zauberspruchs, plötzlich klangen die Geräusche um sie herum weit weg und dumpf, plötzlich war es dunkel, als Veronika mitsamt den wogenden Därmen zusammengerollt wurde. Sie spürte etwas Blutiges in ihrem Mund, biss panisch danach, bis ihr Kiefer aufgepresst wurde und ein schleimiges Etwas ihre Kehle hinabglitt. Als es ihr die Luft abschnürte, bäumte sich Veronika auf, die Schmerzen in ihrem Bauch völlig ignorierend, versuchte, mit ihren Händen nach dem Ding zu greifen. Doch ihre Arme waren bereits an ihre Seiten gefesselt, sie war völlig wehrlos. Ihr Herz hämmerte weiter, schneller, immer schneller, während in der Dunkelheit vor ihr weiße Punkte zu tanzen begannen. Die Luftnot wurde stärker und stärker, ihr Herz begann zu stolpern, raste in einem wirren, panischen Takt.

Dann war es aus.

SEOG (1)

Irgendwo am Romsdalsfjord, Norwegen

am Vortag, Sonntag, 31. Oktober 1999

Die Innenwelt

 

Seogs Erwachen war wie das Auftauchen aus tiefem Wasser. Langsam trieb sein Bewusstsein zurück an die Oberfläche aus einem Meer von wirren Träumen, in dem er sich verloren hatte, bis er schließlich nach und nach wacher wurde, verstört und mit klopfendem Herzen. Bald nahm er einen dumpfen Schmerz in seinem Rücken wahr, der sich wie im Zeitlupentempo über seinen Körper ausbreitete, bis er schließlich von seinem Hinterkopf über seinen Rücken bis hin in seine gesamten Beine erstreckte. Er lag unbequem, völlig verdreht und viel zu eng. Er versuchte, sich herumzudrehen, doch irgendetwas behinderte ihn. Verwirrt öffnete er die Augen.

Finsternis umfing ihn. Absolute Finsternis.

Er zwinkerte, doch an der Dunkelheit änderte das nichts. Er hob die Hand zum Gesicht und schrammte mit dem Handrücken schmerzhaft an einer hölzernen Oberfläche entlang, bis er sie vor seine Augen halten konnte. Es machte keinen Unterschied. Mit dem Zeigefinger überprüfte er, ob sich seine Augen beim Zwinkern tatsächlich bewegten. Sie taten es. Seine Augen mussten also offen sein.

Angst machte sich in Seog breit, ein Gefühl, das er sonst nur selten empfand. War er blind? Mühsam versuchte er, sich aufzurichten, mit dem Erfolg, dass seine Beine und sein Rücken noch viel mehr schmerzten und sein Kopf an die gleiche hölzerne Begrenzung schlug wie seine Hand zuvor. Vorsichtig begann er zu tasten. Als er auf Widerstand stieß, spürte er unter seinen schwieligen Fingern grobe Holzbretter, nicht nur über ihm, sondern rings um ihn herum.

Wie bei einer Kiste, dachte er verwirrt. Warum stecke ich in einer Kiste?

Er legte seine Hände flach gegen die Decke und stemmte sich dagegen. Als sie etwas nachgab, ergoss sich mit einem rieselnden Geräusch eine Ladung Sand in sein Gesicht.

»Autsch!«, fluchte er und ließ die Arme schnell wieder sinken, um sich den Sand aus den Augen zu reiben. Dann probierte er es noch einmal, diesmal mit geschlossenen Augen. Vorsichtig hob er die Bretter nach oben, ignorierte den Sand und stellte fest, dass nach anfänglicher Anstrengung sein Vorhaben überraschend einfach war – die Sandschicht war nur sehr dünn, und war der Sand erst mal beiseitegeschoben, war der Rest ein Kinderspiel. Mühsam stemmte er sich hoch und kletterte mit knackenden Gelenken aus der Kiste.

Er befand sich in einem Erdloch, unregelmäßig geformt und auf einer Seite von etlichen Wurzeln durchstoßen. Zur anderen Richtung war das Loch offen und gab den Blick auf einen mit Kiefern bewachsenen Berghang frei. Leiser Nieselregen fiel aus einem grauen Himmel, hin und wieder hörte er das Korksen eines Raben oder das Keckern einer Elster.

Es war kalt, stellte Seog fest. Sein ganzer Körper war bereits von einer Gänsehaut überzogen. Mit Überraschung traf ihn eine weitere Erkenntnis: Er war nackt. Man hatte ihn nackt in diese Kiste gesteckt. Aber wozu?

Er warf noch einmal einen Blick hinein. Aha! Der Stoff, auf dem sein Kopf gebettet gewesen war, hatte gar nicht zu einem Kissen gehört, sondern zu einer groben Hose und einem ebenso groben Hemd aus Wolltuch. Er schlüpfte hinein und stellte fest, dass ihm die Kleider ein gutes Stück zu klein waren, fast so wie die Kiste. Die Hosenbeine endeten knapp unterhalb seiner Knie, das Hemd spannte eng über seine Brust. Seog befürchtete, dass die Nähte aufplatzen würden, sobald er einmal tief einatmete.

Er stieg aus dem Erdloch und sah sich um. Rings um ihn herum war Wald, überall dunkelgrüne, flechtenbehangene Kiefern, nur hier und da von einer Birke oder einer verkrüppelten Buche unterbrochen. Der Hang fiel steil hinab zum Ufer eines Fjordes, des Romsdalsfjordes, wie Seog vermutete. Hier und da stiegen dünne Rauchfahnen in den Himmel.

Und das war alles. Keine Leute. Kein Pfad. Kein Menhir oder anderer Hinweis darauf, dass in dem von einer umgestürzten Kiefer gerissenen Erdloch ein Druide begraben worden war.

Er stieß einen lauten Seufzer aus. Er fühlte sich einsam. Einsam und traurig, denn er hatte keinen blassen Schimmer, wie er mit seiner Situation umgehen sollte. Stetig fiel der Regen auf ihn herab und durchnässte seine Kleider. Er fröstelte, als er langsam auskühlte, doch das störte ihn kaum, zu sehr war er mit sich selbst beschäftigt. Kälte hatte ihm noch nie viel ausgemacht. Kälte war nicht gemein. Kälte war nicht böse. Menschen waren böse. Kälte war einfach nur da.

Es ist ein Rätsel, beschloss Seog schließlich nach einiger Zeit des Grübelns. Er lächelte kurz. Das war gut, für ein Rätsel galten schließlich ganz bestimmte Regeln.

Bist du dir nicht sicher, wie ein Rätsel zu lösen ist, hörte er die Stimme seines Vaters in seinem Kopf, dann verschaffe dir mehr Informationen. Ein Rätsel ohne genügend Informationen lösen zu wollen funktioniert nur im Spiel, nicht im Leben. Es war eine der Silbernen Regeln, die ihm seine Eltern beigebracht hatten. Seog musste sich mehr Informationen verschaffen. Dabei half ihm sogleich eine weitere Silberne Regel: Der Mensch weiß sehr viel. Nur hat er manchmal vergessen, dass er es weiß. Also setzte er sich auf das Holz des Kistendeckels und versuchte sich daran zu erinnern, was geschehen war.

Er war irgendwo am Romsdalsfjord in einer Kiste vergraben worden. Er, ein Druide. Das war nicht logisch, Druiden wurden normalerweise verbrannt oder mit reichen Grabbeigaben beerdigt, in einer großen Zeremonie im Heiligen Hain auf der Insel Sekken. Aber das hier war nicht die Insel Sekken, denn die hatte er mittlerweile im Fjord erspäht. Also hatten ihn wohl seine Feinde begraben. Aber warum dann die Kiste? Warum an einer so entlegenen Stelle? Das Grab war ja hier oben richtiggehend versteckt!

Aha!, dachte Seog mit einem Lächeln. Es war ein Versteck! Jemand hatte ihn hier begraben, weil er nicht wollte, dass man ihn fand. Vielleicht, weil er nicht wollte, dass man herausfand, dass man ihn umgebracht hatte. War das logisch? Seog war sich nicht sicher. Schließlich erklärte das immer noch nicht die Kiste und auch nicht die Kleidungsstücke darin. Es war fast so, als ob derjenige, der ihn hier begraben hatte, damit gerechnet hatte, dass Seog irgendwann aufwachen und zurückkommen würde. Ja, das schien zu passen. Die Kiste war ja nur sehr flach eingegraben gewesen, und mit den Kleidern war er nun auch nicht mehr nackt.

Ha! So schwer war das Rätsel nun gar nicht zu lösen gewesen! Mit sich selbst zufrieden ballte er die Hand zur Faust.

Er warf noch einmal einen Blick in die Kiste, ob sich vielleicht noch mehr darin befand, doch diese war nun bis auf den Sand leer. Seog zuckte mit den Schultern, kletterte aus dem Loch und begann die Bergflanke hinabzusteigen.

Er kam nicht weit, ehe er erneut stehen blieb. Seine Selbstzufriedenheit war plötzlich wie weggefegt. Von wegen das Rätsel gelöst! Seog, du Narr! Einen bewusstlosen Druiden würde man bis zu seinem Erwachen im Haus eines Heilers unterbringen, ganz bestimmt nicht irgendwo in der Wildnis. Warum also hatte man ihn hier versteckt? Einem Druiden zu helfen war Ehrensache und konnte einen großen Gefallen einbringen. Warum sollte man das verheimlichen? Wer konnte ein Interesse daran haben, die Heilung eines Druiden zu verzögern?

Seog leckte sich über die Lippen. Ein Gegner natürlich. Druiden besaßen in der Innenwelt nicht viele Gegner. Denn dass dies die Innenwelt war, daran hatte Seog keinen Zweifel: In der Außenwelt hätte er längst Flugzeuge am Himmel und Schiffe auf dem Meer gesehen. Abgesehen davon war der allgegenwärtige Lärm der Außenwelt am gesamten Fjord bis hinauf auf die umliegenden Berggipfel zu hören. Doch auch der Lärm fehlte, also musste es die Innenwelt sein. Logisch. Zurück zu den Gegnern. Eigentlich dürfte keiner der Gegner der Druiden hier am Romsdalsfjord eine Bedrohung darstellen, doch irgendetwas in ihm regte sich bei dem Gedanken an Gegner … Der Hauch einer Erinnerung …

Es hatte einen Kampf gegeben … in Kêr Bagbeg3, seiner Heimatstadt, die auch irgendwo am Romsdalsfjord lag. Aber wer hatte sie dort angegriffen? Nain4? Das Siedlungsland der Bretonen5 war schon lang von den Nain bedroht, aber etwas in Seog verwarf diesen Gedanken. Es waren keine Nain gewesen …

Ein Frösteln lief durch seinen Körper. Er ignorierte es. Kälte konnte ihm als Druiden nichts anhaben, seine Regenerationskräfte würden ihn vor Krankheiten ebenso bewahren wie vor Wunden. Nachdenklich leckte er sich über die Lippen. Für einen kurzen Moment glaubte er sich an den Kampf erinnern zu können. An einen Schildwall an der Furt der Rauma bei Kêr Bagbeg. Der Regen war herabgeprasselt, als ob der Wettergott Tarannis höchst persönlich den Kelten gezürnt hätte, und plötzlich waren da Feinde in der Furt gewesen, heulend und kreischend und blutrünstig, und hatten sich gegen seinen Schildwall geworfen. Sie hatten ihn überrannt, er selbst war verwundet worden …

Nein. Seog schüttelte den Kopf. Er war getötet worden. Plötzlich erinnerte er sich haargenau daran, wie er im Gedränge gestürzt war, wie dieser blutüberströmte Kerl mit dem merkwürdigen Symbol auf der Stirn über ihm aufgetaucht war, wie er mit seiner Klinge auf ihn eingeschlagen hatte. Da war dieser furchtbare, dieser grausige Schmerz in seinem Hals gewesen, als der Mann ihn getroffen hatte, und dann war alles ziemlich schnell verblasst – die Farben, die Geräusche, ja selbst der Schmerz in seinem Hals. Dumpf hatte er gespürt, dass der Mann ein zweites Mal auf ihn eingehackt hatte, verschwommen hatte er gesehen, dass das Schwert sogar ein drittes Mal zum Schlag ausgeholt wurde – und das war das Letzte, woran er sich erinnern konnte.

Man hatte ihn in diesem Gefecht an der Furt getötet, so viel wusste er nun. Zu seinem Glück hatte sein Angreifer jedoch keine magische Klinge besessen, sonst wäre Seog nun wirklich tot. So aber hatte seine druidische Regeneration begonnen, die Wunde zu reparieren, während irgendjemand seinen Körper hier versteckt hatte.

Seog leckte sich über die Lippen. Man hatte ihn versteckt, weil man seine Heilung nicht in aller Öffentlichkeit hatte abwarten können, so viel war ihm nun klar. Das aber konnte nur bedeuten, dass die Bretonen verloren hatten – nicht nur das Gefecht an der Furt, sondern den gesamten Krieg. Wer auch immer ihr Gegner gewesen war, war nun Herrscher über den Romsdalsfjord. Deshalb hatte man ihn versteckt. Deshalb hatte man ihn nur so flach eingegraben, dass er sich selbst befreien konnte, sobald er wieder zum Leben erwacht war.

Ich muss vorsichtig sein, dachte er, als er weiterging. Mühsam quälte er sich den Hang hinab, halb steigend, halb rutschend. Seine Kleider waren bald über und über verdreckt, während ihm das Regenwasser über den kahlrasierten Schädel rann.

Es war eine Festnacht gewesen, erinnerte er sich. Die Mittsommernacht. Er konnte sich daran erinnern, in den frühen Morgenstunden geweckt worden zu sein. Derrien Schattenfeind, der erfahrenste und angesehenste unter den bretonischen Druiden, hatte ihn wecken lassen, um auf den Berg zu klettern und nach dem Signalfeuer der heiligen Insel Sekken zu sehen. Irgendetwas hatte Derrien misstrauisch gemacht. Seog war betrunken gewesen vom süffigen Bier, sein Schädel hatte geschmerzt, als wäre eine Ochsenherde darüber hinweggestampft. Er trank nur selten Alkohol, und er war sich ziemlich sicher, dass er sich an jenem Abend unsterblich blamiert hatte. Ständig darüber nachdenkend, wie er diese Blamage überstehen konnte, war er den Berg hinaufgestiegen und hatte fast schon den Zweck der nächtlichen Wanderung vergessen. Als er sich umdrehte, um nach dem Leuchtfeuer zu sehen, lag die Insel Sekken in völliger Dunkelheit. Kein Leuchtfeuer. Keine Gefahr. Er wäre beinahe wieder hinabgestiegen, doch dann entdeckte er die Truppen, die unten am Uferpfad den Fjord entlang marschierten, direkt auf Kêr Bagbeg zu. Der Schrecken darüber hatte ihn schlagartig nüchtern werden lassen. Er hatte sein Horn geblasen, um die Stadt zu warnen, dann war er zurückgerannt, so schnell er konnte. Zweimal hatte er auf dem Weg erbrechen müssen, als sein Magen gegen die Kombination aus zu viel Essen, zu viel Alkohol und zu viel Anstrengung rebellierte, aber er hatte es noch vor dem Feind zurück in die Stadt geschafft.

Er schüttelte den Kopf. Er war gerade rechtzeitig gekommen, um das Gefecht an der Furt zu verlieren. Weder er noch seine Krieger hatten dem Ansturm der Germanen viel entgegenzusetzen gehabt.

Germanen? Er hielt erneut inne. Für einen Moment zweifelte er an den eigenen Gedanken. Die Germanen waren seit dem Letzten Germanenkrieg ausgerottet, besiegt von der Allianz der Stämme – den Kelten, den Slawen, den Finnen, den Römern und all den anderen.

Und doch …

Es waren Germanen gewesen. Zu gut konnte sich Seog an die im Regen verlaufenen Berserkerrunen erinnern, die einige der Angreifer auf der Stirn getragen hatten, zu eindrucksvoll kehrte ihm ihr Sturmangriff auf seinen Schildwall zurück ins Gedächtnis. Die Germanen waren da. Offenbar hatten sie die Bretonen geschlagen und herrschten nun über den Romsdalsfjord. Vermutlich waren die Bewohner des Fjordes in Leibeigenschaft geraten.

Doch warum hatte ihnen niemand geholfen? Mittlerweile war Herbst, seit der Mittsommernacht war schließlich eine geraume Zeit vergangen! Was war mit den Schotten und Walisern, den Iren und Helvetiern6? Warum hatten sie die Zeit nicht genutzt, um zurückzuschlagen und ihre bretonischen Brüder zu befreien?

Doch mittlerweile vermutete Seog, dass sie selbst angegriffen worden waren. Die Rückkehr der Germanen, so befürchtete er, hatte ein weitaus größeres Ausmaß als nur den Überfall auf den Romsdalsfjord.

Mittlerweile hatte er den Waldrand erreicht. Unter ihm befanden sich matschige Wiesen, die einen guten Ausblick auf den Fjord boten. Endlich konnte er sich orientieren und stellte fest, dass er sich am Südufer befand, deutlich westlich Kêr Bagbegs. Graue Berge, mit weißen Schneefeldern betupft, erhoben sich majestätisch um das Wasser und verschwanden bald in der niedrig hängenden Wolkendecke. Direkt unter ihm sah Seog nun eine Siedlung, am Ende der Weiden, die sich den Hang hinab erstreckten. Nach Maßstäben des Romsdalsfjords war es eine große Siedlung, mit gut einem Dutzend stattlicher Langhäuser und zahlreichen kleinen Rundhütten. Ilan Keoded7, wenn Seog richtig vermutete.

Ihm fiel auf, dass auf der grauen Oberfläche des Fjords kein einziges Segel zu sehen war, doch das wunderte Seog nicht sonderlich. Schon seit Monaten machte ein Wasserdämon die Gewässer der Gegend unsicher und behinderte den Fischfang. Vermutlich hatten auch die Germanen noch keine Lösung für dieses Problem gefunden. Auch sonst war weit und breit keine Menschenseele zu sehen, die Menschen versteckten sich unter ihren Dächern vor Regen und Kälte und beschäftigten sich mit Winterarbeit. Zum Glück besaßen die Wohnhäuser keine oder kaum Fenster, so dass er eine gute Chance hatte, ungesehen in das Dorf zu gelangen. Dennoch musste er vorsichtig sein. Die Germanen durften ihn nicht sehen, und auch vor den Leibeigenen durfte er nicht gleich alles preisgeben. Es genügte ein einziger Mann, der ihn bei den Germanen verpfiff, um seine Freiheit und vielleicht sogar sein Leben in Gefahr zu bringen.

Ilan Keoded, überlegte er. Aber was sollte er dort tun? Wenn die Germanen zurück waren, bedeutete das doch, dass die Druiden getötet waren. Bei dem Gedanken daran, dass mit den Druiden auch alle Fürsten tot sein könnten, inklusive Häuptling Nerin, Fürst Ronan und dessen Bruder Derrien Schattenfeind, wurde ihm angst und bange. Wer würde ihm sagen, was er tun sollte, wenn nicht die Fürsten?

Die Silbernen Regeln, Seog. Denke an die Silbernen Regeln!

Er nickte. Die Silbernen Regeln. Natürlich. Auch das hier war ein Rätsel, das es zu lösen galt. Er brauchte mehr Informationen. Wer wusste schon, ob das, was er sich da zusammengesponnen hatte, auch tatsächlich stimmte? In seiner Kindheit und Jugend, bevor man den magischen Funken in ihm entdeckt hatte, der ihn zum Druiden machte, war Seog oft genug als dumm und tölpelhaft verspottet worden. Se-og Og-se, hatten ihm die Kinder in Kêr Bagbeg früher oft hinterhergerufen. Se-og Og-se, Se-og Och-se. Natürlich nur, wenn sie zu dritt oder zu viert waren, denn Seog war schon als Kind groß und kräftig gewesen. Wachsen, das hatte sein Vater einmal gesagt, konntest du schon immer gut. Es hatte ihn vor allzu bösartigen Drangsalierungen bewahrt.

Doch die Kinder hatten nicht ganz unrecht gehabt. Einmal, nach einer besonders heftigen Prügelei, weil sie ihn erneut als Ochsen beschimpft hatten, war er nach Hause gelaufen und hatte seine Mutter direkt darauf angesprochen.

»Mama, bin ich dumm?«, hatte er gefragt.

Sie hatte ihn entsetzt angesehen und gefragt: »Hast du dich schon wieder mit den anderen Kindern gerauft?«

Seog hatte zu Boden gesehen, weil er genau wusste, dass sie ihm das verboten hatte. »Ja.«

Ein harter Ausdruck war in ihr Gesicht getreten, wie immer, wenn sie unzufrieden war mit ihm. »Setz dich draußen auf die Bank und arbeite!«, hatte sie streng gesagt. »In der Kiste sind noch Netze, die geflickt werden müssen.«

Mit hängendem Kopf hatte er eines der Netze aus der Kiste gezerrt und sich draußen an die Arbeit gemacht. Tränen waren ihm in die Augen gestiegen, weil ihn die anderen Kinder nicht leiden konnten und weil seine Mutter ihm zürnte. Er hatte geweint, still und leise, und erst gemerkt, dass sich sein Vater neben ihn gesetzt hatte, als ihm dieser die Hand auf die Schulter gelegt hatte.

»Wir müssen reden, Junge«, hatte sein Vater gesagt.

Und dann hatte er mit ihm das Gespräch geführt, das für immer sein Leben verändern sollte. Er hatte ihm nicht gesagt, dass er dumm war, nicht direkt. Aber er hatte ihm so vorsichtig und feinfühlig wie möglich beigebracht, dass er nicht so war wie die anderen Jungen. »Seog«, hatte ihm sein Vater gesagt, »du bist kein schneller Denker. Du brauchst viel länger als die anderen, und deshalb halten dich die anderen für dumm. Aber das bist du nicht. Wenn du dir Zeit nimmst und sorgfältig darüber nachdenkst, findest du die Antworten auf deine Fragen.«

Im Anschluss daran hatten seine Eltern begonnen, ihm die Silbernen Regeln beizubringen. Sie hatten ihm stets geholfen, wenn er sich unsicher war, wenn er vermutete, dass seine langsamen Gedanken ihm ein weiteres Mal im Wege standen.

Und deshalb brauchte er nun jemanden, mit dem er sprechen konnte. Jemanden, der ihm sagen konnte, was sich in den letzten Monaten zugetragen hatte, der wusste, wie die Machtverhältnisse nun standen. War es wirklich so, dass jetzt die Germanen über den Fjord herrschten? Wie erging es den Bretonen in ihrer Kriegsgefangenschaft? Wie konnte Seog ihnen helfen? Hatten noch andere Druiden überlebt? Er musste mit einem der kriegsgefangenen Bretonen reden. Das wiederum barg das Risiko, dass sich einer von ihnen bei den Germanen verplapperte – oder ihn gar bewusst verriet, in der Hoffnung auf Gefälligkeiten ihrer Herren. Seog musste jemanden finden, dem er vertrauen konnte. Doch wen kannte er in Ilan Keoded?

Er wusste, dass die Druiden Padern und Karanteq hier gelebt hatten, doch die beiden waren vermutlich tot. Die Germanen hätten niemals irgendwelche Druiden am Leben gelassen. Angestrengt dachte Seog zurück und erinnerte sich an zwei Brüder, mit denen er in der Schlacht von Espeland gekämpft hatte, Brelivet und Gwezhenneg. Brelivet hatte zu Seogs Leuten an der Furt gehört, wo er wahrscheinlich wie alle anderen gefallen war. Aber was war mit Gwezhenneg? Lebte er noch?

Seog beschloss abzuwarten. Falls tatsächlich die Germanen zurückgekehrt waren und die Herrschaft über den Romsdalsfjord an sich gerissen hatten, schwebte er in Lebensgefahr. Sie durften niemals erfahren, dass einer der bretonischen Druiden überlebt hatte. Deshalb wäre es töricht, noch vor Einbruch der Dunkelheit etwas zu unternehmen. Bis dahin würde er beobachten und Informationen sammeln. Er zog sich etwas tiefer in den Wald zurück und machte es sich unter den dichten Zweigen einiger junger Fichten so gut es ging bequem. Er lauschte in sich, hörte auf seinen langsamen Herzschlag, den ruhigen Atem in seiner Brust, verfolgte die Wasserströme, die von seinem kahlen Schädel in seinen Nacken liefen und von dort weiter seine Wirbelsäule entlang nach unten oder nach vorne, über die Augenbrauen an seinen Augen vorbei über die Wangen hinweg zum Kinn, von wo aus das Wasser zu Boden tropfte, tropf, tropf. Er beobachtete ein paar Krähen über sich in einer Kiefer, die dort mit eingezogenen Köpfen saßen und sich ebenfalls vor dem Regen versteckten. Sie sahen aus, als ob sie gar keine Hälse hätten, als ob ihre Köpfe gleich auf ihren Schultern festgewachsen wären. Aus einem Erdloch zu seinen Füßen streckte eine Maus eine zitternde Nase, doch sie verschwand sofort wieder nach drinnen und ward nicht mehr gesehen. Schade, dachte Seog. Er mochte Tiere. Das war der Grund, warum er, obwohl er dem Pfad des Kriegers folgte, nie das Bogenschießen erlernt hatte. Irgendwann musste jeder Schütze einmal jagen gehen. Für Seog war es schon schlimm genug, die Fischnetze einzubringen, wenn er mit seinem Boot auf dem Nordmeer auf Fangtour gewesen war. Hunderte von zappelnden, glitschigen Fischen, die atemlos und verzweifelt um ihr Leben rangen – es brach ihm jedes Mal das Herz.

Der Regen wurde stärker, so dass das Dorf am Ende der Hangwiesen bald hinter dem Regendunst zu verschwimmen begann. Im Bergwald über ihm begrüßte ein einsamer Wolf die einsetzende Dämmerung mit einem ausgedehnten Heulen. Langsam, aber sicher begann die Kälte Seog nun doch zu stören, und er spielte mit dem Gedanken, sofort loszugehen und nach Gwezhenneg zu suchen. Doch dann fragte er sich: Was würde Derrien in meiner Situation tun? Diese Überlegung hatte ihm schon oft weitergeholfen, Derrien war sein großes Vorbild. Würde sich der bretonische Volksheld von simpler Unbequemlichkeit dazu verleiten lassen, vorschnell seine Deckung aufzugeben? Seog schüttelte den Kopf. Natürlich nicht. Er würde warten, solange es nötig war, ganz egal, welche Unannehmlichkeiten er dafür erdulden musste. Also wartete auch Seog.

Doch Tarannis, der Wettergott, schien es gut mit ihm zu meinen. Der Regen ließ mit fortschreitender Dämmerung nach, bis schließlich nur noch ein penetrantes Tropfen aus den nassen Bäumen davon übrig blieb. Währenddessen versank das Dorf in der sich ausbreitenden Dunkelheit.

Seog machte sich auf den Weg. Seine Schritte schmatzten in den feuchten Wiesen, er rutschte und stolperte und ärgerte sich über das Vieh, deren Hufe und Kuhfladen den Hang aufgeweicht und glitschig gemacht hatten. Feuchtigkeit und Dreck sogen sich seine Hosenbeine hinauf und besudelten seine Kleider.

Unter ihm flammte ein flackerndes Licht auf. Seog ließ sich in den Dreck fallen und wartete regungslos. Ein Mann mit einer Fackel erschien im Eingang einer Hütte, beugte sich zu Boden und stellte etwas ab. Dann verschwand er wieder in der Hütte, aus der er gekommen war, und hinterließ ein kleines, orange flackerndes Licht vor seiner Tür. Es war so klein und schwach, dass es nichts in seiner Umgebung beleuchtete, eher eine Art Schmucklicht oder Gedenkkerze, als tatsächlich zur Beleuchtung gedacht. Während sich Seog noch darüber wunderte, was das zu bedeuten hatte, stellte andernorts ein anderer Mann ein zweites solches Licht ab. Seog wartete ab. Und tatsächlich, nur ein paar Augenblicke später war da ein drittes und ein viertes, es wurden immer mehr, bis schließlich vor beinahe jedem Hauseingang ein oder mehrere solcher Lichter brannten. Seog wartete weiter, bis er sich schließlich sicher war, dass sich dort unten nichts mehr tat. Erst dann stand er zögernd auf und ging vorsichtig weiter. Die Wiese endete, er stieg über einen Weidezaun und erreichte ein brachliegendes Feld, wo er bis über die Knöchel im Matsch versank.

Als er näher kam, wurde ihm schließlich klar, was die Lichter zu bedeuten hatten. Es waren Rübenlichter, Kerzen oder Öllampen, die in ausgehöhlten und mit Fratzen versehenen Rüben steckten. Gehässig grinsende Mäuler und böse kleine Äuglein flackerten ihm entgegen, als ob sie auf ihn warteten.

In diesem Moment wurde ihm klar, welcher Tag heute war. Es war Samhain – neben Beltane das höchste Fest der Kelten. Es war die Nacht der Toten, die Nacht, in der die Grenze zwischen dem Reich der Lebenden und der Verstorbenen besonders dünn war. Traditionellerweise baute man an Samhain die Rübenlichter in ganzen Ketten um die Siedlungen auf, während die Bevölkerung auf der Insel Sekken ein berauschendes Fest feierte. Auf den Berggipfeln um den Romsdalsfjord herum würden große Feuer brennen, deren Brandwächter die ganze Nacht darüber wachten, dass sie nicht erloschen. Doch stattdessen waren dort unten gerade ein paar Dutzend Lichter. Es war ein deutlicher Hinweis darauf, dass die Kelten nicht mehr Herren über den Fjord waren. Seogs Vermutungen schienen sich zu bestätigen.

Das brachte ihn auf eine Idee – er könnte sich selbst als Geist ausgeben! Das würde vielleicht verhindern, dass er verraten wurde. Die Geister waren selbst für ihn, einen Druiden, sehr mysteriöse Geschöpfe. Wie viel mysteriöser und furchteinflößender mussten sie da für einen gewöhnlichen Menschen sein? Seog kratzte sich nervös an der Nase. Wie würden die Geister dazu stehen, wenn er sich als einer der ihren ausgab? Würden sie ihm zürnen? War es ein Frevel? Doch es klang nach einem guten Plan … Würde sich Derrien von solchen Bedenken aufhalten lassen? Wohl kaum! Seog leckte sich über die Lippen, während er sich die passenden Worte zurechtlegte. Dann machte er sich auf den Weg.

Ein paar Hunde schlugen an, als er die letzten Meter auf eine der Hütten zuging, eine Rundhütte mit Wänden aus Lehm und einem strohgedeckten Dach. Seog versuchte, die Tiere zu ignorieren. Die hölzerne Eingangstür war flankiert von zwei Rübenfratzen. Aus dem Haus drangen leise Stimmen an sein Ohr. Sie klangen ein wenig beunruhigt, vermutlich wegen der Hunde. Seog ballte die Hand zur Faust und klopfte an.

Die Gespräche verstummten schlagartig. Nichts rührte sich. Das Bellen der Hunde hielt an, die Augen der Kürbisse flackerten boshaft zu ihm auf. Die Menschen in der Hütte schienen zu Stein erstarrt zu sein. Seog klopfte erneut.

»Wer da?«, fragte eine Männerstimme. Sie klang ein wenig gepresst.

Seog bemühte sich, seine Stimme so tief wie möglich klingen zu lassen. »Mein Name ist Kareg. Ich habe eine Botschaft zu überbringen.«

»Wer schickt Euch?«

»Ich wurde durch die Nebel geschickt von Brelivet, einem Eurer besten Krieger, mit einer Nachricht für seinen Bruder Gwezhenneg.«

»Brelivet ist tot!« Die Stimme klang triumphierend, so, als ob sie ihn bei einer Lüge ertappt hätten und nun nicht zu öffnen brauchten.

Seog versuchte seine Stimme noch ein klein wenig tiefer klingen zu lassen. »Ja«, brummte er, »das stimmt. Brelivet ist tot.«

Eine Pause entstand. Die Hunde bellten noch immer, aus dem Himmel fielen die ersten Tropfen eines neuen Regens. Seog wartete geduldig. Schließlich jedoch, nachdem ihm angemessen erscheinende fünf Minuten verstrichen waren, klopfte er erneut, nur eine Spur energischer als vorhin.

»Äh …«, erklang eine Stimme von drinnen, die gleiche Männerstimme wie vorhin. »Wer … wer da?«

»Kareg. Ich habe eine Nachricht zu überbringen.«

Nach einer kurzen Pause kam die Antwort: »Äh, Kareg, ja … Eine Nachricht von Brelivet, sagtet Ihr?«

»Ja.«

»Ähm … Dann geht hinunter zum Ufer. Zur großen Hütte neben den drei Hallen. Ihr findet Gwezhenneg dort.«

»Habt Dank. Wie ist dein Name?«

Erneutes Zögern deutete an, dass der Mann mit dem Gedanken spielte zu lügen. »Gireg«, kam schließlich die Antwort.

»Dagda sei mit dir, Gireg.« Mit der Erwähnung des Totengottes wandte er sich ab und ging den schlammigen Weg weiter hinab, stolz darauf, an das Detail mit dem Gott gedacht zu haben.

»Und mit Euch«, rief ihm die Stimme unsicher hinterher.

»Dessen bin ich mir gewiss.«

Seogs Herz schlug schneller, während er durch das dunkle Dorf ging. Die Rübenfratzen zu den Seiten des Weges schienen ihn zu beobachten. Die Hunde bellten noch immer, doch offenbar war niemand gewillt, dem nachzugehen. Wer würde in der Nacht der Toten wohl draußen sein, dachten sie vermutlich. Durch ein paar Türritzen sah er Licht fallen, aber die meisten der Gebäude waren nicht mehr als düstere Umrisse in der Nacht. Es roch nach Regen, nach übergelaufenen Latrinen und nach Holzfeuern, deren Rauch langsam durch die Strohdächer sickerte und vom Wind verweht wurde.

Schließlich sah er vor sich drei nebeneinander errichtete große Hallen aus der Dunkelheit auftauchen. Ganz früher, vor dem Letzten Germanenkrieg, als Norwegen noch norwegisch gewesen war, hatten sie germanischen Jarlen8 und ihren engsten Gefolgsleuten gehört, nach dem Krieg dann den Druiden Padern und Karanteq sowie ihren Hauptmännern, zu denen auch Gwezhenneg und Brelivet gehört hatten. Seog vermutete, dass die Germanen bei ihrer Rückkehr erneut Anspruch auf die herrschaftlichen Hallen erhoben hatten. Vor ihren Türen fehlten die Rüben, ein weiteres Indiz dafür, dass hier keine Kelten mehr lebten.

In der linken Halle öffnete sich eine Tür. Im von flackerndem Feuerschein erhellten Türrahmen erschien der schwarze Umriss eines großgewachsenen Mannes. »Wer ist dort?«

»Gireg«, antwortete Seog, nach dem erstbesten Namen greifend, der ihm einfiel. »Entschuldigt, Herr!«

»Verschwinde! Du machst die Hunde unruhig!«

Die Worte klangen irgendwie norwegisch, doch obwohl Seog fließend Norwegisch sprach, musste er die Laute einmal in seinem Kopf wiederholen, um zu verstehen, was der Mann ihm sagen wollte. Es war ein fremdartiger, merkwürdiger Dialekt, der Seog noch nicht untergekommen war. »Ja, Herr!«, murmelte er mit angemessen unterwürfiger Stimme. »Entschuldigt!«

Der Mann brummelte etwas, bevor er wieder in seiner Halle verschwand und die Tür hinter sich zuwarf. Seog stieß einen Seufzer der Erleichterung aus. Nun fiel ihm auch ein, welcher Dialekt es wohl gewesen war, nämlich vermutlich irgendeine Art von Altnordisch, eine Sprache, die mit der Rückkehr der Germanen wohl wieder zum Leben erwacht war. Egal. Seog war noch einmal davongekommen. Erleichtert wandte er sich nach rechts in Richtung einer recht groß wirkenden Rundhütte, von zwei Rübenlichtern flankiert. Er atmete kurz durch, klopfte dann an die Tür.

»Wer ist da?«, rief eine angespannt klingende Männerstimme, die Seog sofort als die Gwezhennegs erkannte.

»Mein Name ist Kareg«, antwortete Seog mit seiner Totengeiststimme. »Ich bringe eine Nachricht von Eurem Bruder.«

Auch dieses Mal entstand eine kurze Pause. »Kommt herein«, bat der Veteran schließlich.

»Ich kann nicht an den Wächterlichtern vorbei«, erwiderte Seog, erneut stolz auf seinen Einfall. Schließlich war der Sinn und Zweck der Rübenlichter der, während Samhain die Totengeister aus den Behausungen zu halten. »Kommt heraus, Gwezhenneg.« Auf diese Art und Weise würde er mit dem Mann, mit dem er im Schildwall von Espeland gestanden hatte, zuerst alleine sprechen können, bevor er sich seiner Familie zu erkennen geben musste.

»Sofort, Herr.«

Es dauerte nicht lange, bis sich die Tür öffnete. Ein etwa Dreißigjähriger sah ihm entgegen, nicht viel kleiner als Seog selbst, sein braunes glattes Haar im Nacken zusammengebunden, mit kleinen dunklen Augen und einem schmalen Schnurrbart auf der Oberlippe. Ein Rattengesicht, befand Seog, passend zu einem rattigen Mann. Nie hätte Seog Gwezhenneg zugetraut, genügend Mumm zu besitzen, um in einem Schildwall zu bestehen. Doch der Fischer hatte bestanden, mit einem alten, schartigen Dolch und einem einfachen Schild ohne Schildboss und Beschläge. Er war kein Held, hatte nicht gekämpft wie ein Löwe oder getobt wie ein Stier, doch er hatte seine Aufgabe erfüllt, hatte den Wall gehalten und seinen Nachbarn Mut zugesprochen, bis die Schlacht an anderer Stelle entschieden worden war. Jetzt hielt Gwezhenneg eine Fackel in der Linken und einen Dolch in der Rechten, doch seine schwarzen kleinen Augen waren demütig zu Boden gerichtet.

»Folgt mir, Gwezhenneg«, erklärte Seog. »Ihr und niemand sonst.« Er sprach so laut, dass auch die Leute in der Hütte durch die offene Türe mithören konnten. »Meine Nachricht ist nur für Eure Ohren bestimmt.« Damit wandte er sich um und ging davon.

»Wohin gehen wir?«, fragte Gwezhenneg hinter ihm mit gefasster Stimme.

»Zu einer leeren Hütte, wo Ihr nicht nass werdet, Gwezhenneg. Zeigt mir den Weg.«

»Jawohl, Herr.«

Der Veteran ließ sich nicht anmerken, was er von der Situation oder Seogs Schauspielkünsten hielt. Wortlos führte er ihn in einen kleinen Stall. Seogs Nase sagte ihm sofort, dass hier keine Tiere mehr gehalten wurden. Der Geruch war zu alt, zu abgestanden. Er ließ sich auf einen schimmelnden Heuballen sinken und deutete auf einen zweiten. Gwezhenneg setzte sich, die Fackel weiterhin in der Hand haltend. Im Flackerlicht war nur zu deutlich zu erkennen, wie abgemagert er seit ihrer letzten Begegnung war.

»Du weißt, wer ich bin?«, fragte Seog, seine Stimme nun nicht mehr verstellend.

»Ja, Herr.« Gwezhenneg stand auf und sank vor ihm auf die Knie. »Den Göttern sei Dank, Ihr lebt! Es ist schon so lange her, niemand von uns hat daran geglaubt, dass Ihr Euch noch einmal erholen würdet!«

Seog nickte. Offenbar hatte Gwezhenneg davon gehört, dass man ihn im Bergwald versteckt hatte – wahrscheinlich war der Mann sogar daran beteiligt gewesen. »Setz dich wieder«, forderte er ihn auf, »es gibt keinen Grund, vor mir zu knien. Habe ich dir das Versteck oben im Bergwald zu verdanken?«

»Es waren mehrere Leute daran beteiligt, Herr«, meinte der Veteran, während er aufstand und sich erneut auf dem Strohballen niederließ. »Sagt, wie kann ich Euch dienen?«

Ein Lächeln huschte über Seogs Lippen. Genau so hatte er gehofft, empfangen zu werden. Er lehnte sich zurück gegen die Wand der Hütte. »Erzähl mir, was in der Zwischenzeit passiert ist.«

Also begann Gwezhenneg zu erzählen, eine Geschichte, bei der Seog oft grimmig nicken musste. Er hatte die Situation überraschend gut eingeschätzt. In ganz Mittel- und Nordeuropa hatte sich in der Mittsommernacht das längst für ausgestorben gehaltene Volk der Germanen erhoben und einen Großteil seiner früheren Siedlungsgebiete zurückerobert. Zehntausende, Hunderttausende Kelten und Slawen und Angehörige anderer Völker waren innerhalb von nur wenigen Tagen in germanische Kriegsgefangenschaft geraten. Zu Seogs Überraschung waren die Druiden und Priester jedoch nicht etwa getötet, sondern in ihre Stammlande geschickt worden, unter den heiligsten Schwüren, den Kampf gegen die Germanen nicht wieder aufzunehmen. Auch die Fürstin Aouregan, Häuptling der norwegischen Bretonen, hatte überlebt und war mit einigen anderen Druiden in das Exil nach Britannien verbannt worden.

Der Dämon, der nun schon seit mehr als einem Jahr den Fjord bedrohte, existierte noch immer. Auch den Germanen – den norðmenn, wie sich die Norweger hier nannten – war bisher keine Lösung für dieses Problem eingefallen. Und so blieben die Bewohner des Romsdalsfjordes abgeschnitten von den Fischgründen, die den Bretonen über Jahrzehnte hinweg so reichhaltige Fänge beschert hatten. Es herrschte Hunger. Und es waren nicht nur die kriegsgefangenen Leibeigenen, die nichts zu essen hatten, nein, angeblich hungerten auch ihre germanischen Herren. Fürstin Gudrun, die Anführerin der norðmenn, die in der Außenwelt den Namen Veronika getragen hatte, schickte Handelskarawanen in die Lande der Helvetier und der umliegenden Germanenstämme, um die Not zu mildern. Anscheinend war sie eine sympathische junge Frau, der es bisher ohne Waffengewalt gelang, die Bretonen ruhig zu halten.

Seog erkundigte sich, wo sich diese Gudrun nun aufhielt, immerhin würde sie vermutlich bald zu seinen ärgsten Feinden gehören. Gwezhenneg erklärte ihm, dass sie für die nächsten Wochen auf der Festung Trollstigen lebte, die am Ende des Isterdals den Aufstieg zum Trollstigenpass bewachte. Die Germanen hatten Angst vor den Nain-Armeen im Süden.

Seog seufzte. Die Nain im Süden waren ebenfalls Feinde, mindestens genauso schlimm wie die Germanen. Vor einem halben Jahr war die Ratsarmee von Dùn Robert9 nach Bergen marschiert, um sie zu vernichten, und hatte in der Schlacht von Espeland einen deutlichen Sieg errungen. Doch während die Kelten aus dieser Schlacht selbst deutlich geschwächt hervorgegangen waren, hatte eine zweite Nain-Armee tief im Süden das keltische Ratsgebiet von Dachaigh na Làmthuigh10 erobert, weshalb die Schatten nun Tausende neuer Kriegsgefangener besaßen, die sie zu Fomorern machen konnten. Trotz ihrer Niederlage bei Espeland waren sie nun stärker denn je, kein Wunder, dass diese Gudrun den Trollstigenpass so sorgfältig überwachte. Ohne die Festung Trollstigen waren die Nain nicht in der Lage, zum Romsdalsfjord vorzudringen.

Immerhin wusste Gwezhenneg, dass sich in den Bergwäldern bis vor kurzem noch einige Waldläufer versteckt gehalten hatten, die im Auftrag Derrien Schattenfeinds die Germanen beobachteten und darauf hofften, den Fjord zurückzuerobern. Seog wollte schon aufatmen – Derrien lebte, er würde Seog zu sich holen und ihm die nötigen Befehle geben, um sein Volk aus der Sklaverei der Germanen zu befreien –, als Gwezhenneg niedergeschlagen hinzufügte, dass die Waldläufer seit zwei Wochen spurlos verschwunden waren. Es hieß, dass die Germanen sie erwischt hatten.

Seog zog eine Grimasse.

Er war allein.

Und er hatte keine Ahnung, was er nun tun sollte.

BATURIX (1)

Die Treppe zur Festung Trollstigen, Norwegen

Montag, 01. November 1999

Die Innenwelt

 

Es war eine bittere Winternacht, der klare Himmel mit kalt leuchtenden Sternen übersät. Ein eisiger Wind wehte vom Pass herab über den mit frischem Neuschnee bedeckten Hang. Der festgefrorene, harsche Altschnee darunter knackte und knirschte mit jedem Schritt.

Baturix stand abseits der großen Treppe, eingehüllt in seinen Umhang aus dickem Leder, den Schal über die Nase gewickelt, die Mütze bis über die Augenbrauen gezogen. Immer noch ungläubig beobachtete er die nicht enden wollende Kette von Kriegern, die die Treppe hinabstiegen in das Tal des Romsdalsfjords. Viele von ihnen trugen Fackeln, und so konnte er den Verlauf der Treppe in der Tiefe anhand ihrer flackernden Lichter erahnen, ein riesiger Wurm, der sich daranmachte, die Bewohner des Fjordes zu verschlingen.

Baturix hatte seinen Teil dazu beigetragen. Derrien Schattenfeind, der Anführer der Waldläufer, hatte ihn damit beauftragt, den Schutzzauber der Festung außer Kraft zu setzen. Die Festung, am nördlichen Ende des Trollstigenpasses gelegen, bewachte die große Treppe, die vom Pass hinabführte in das Isterdal, von wo man direkt nach Kêr Bagbeg und zum Romsdalsfjord gelangte. Wer die Festung kontrollierte, kontrollierte den Pass.

Vor dieser Nacht waren die Germanen die Herren von Festung und Fjord gewesen, eine Herrschaft, die sie vom Keltenvolk der Bretonen errungen hatten. Der Schattenfeind war selbst Bretone, insofern hatte es Baturix nicht verwundert, dass Derrien versuchen würde, die Germanen von dort zu vertreiben. Ohne den Schutzzauber war die Festung für einen Angriff aus dem Pass anfällig, weshalb sich niemand gewundert hatte, tags darauf – heute – Kampfeslärm zu hören. Derrien versuchte, sich die Festung zurückzuholen.

Doch sie hatten sich getäuscht. Es waren keine Kelten gewesen, die Trollstigen attackiert hatten und nun in geballter Macht ins Tal marschierten. Es waren weder Druiden noch Waldläufer. Es waren Nain, der schlimmste Feind der Kelten, schlimmer noch als ihre germanischen Rivalen. Es waren Schatten und Fomorer, die sich nun wie ein Sturzbach die Treppe hinab in das Isterdal ergossen. Der Romsdalsfjord gehörte praktisch schon ihnen – Trollstigen war seit Jahrhunderten die letzte Verteidigungslinie des Fjordes vor Übergriffen aus dem Süden. Weder die norðmenn noch ihre kriegsgefangenen Leibeigenen hatten auch nur den Hauch einer Chance.

Baturix fühlte sich schuldig. Zwar lagen die Kelten im Krieg mit den norðmenn, doch der Stamm der Helvetier war – obwohl ebenfalls keltisch – neutral geblieben in diesem Konflikt. Somit empfand auch der Helvetier Baturix kein großes Bedürfnis, den norðmenn Schaden zuzufügen, insbesondere da er nicht immer ein Kelte gewesen war. Er war in der Außenwelt geboren, ein Norweger und damit schon beinahe selbst ein norðmaðr, der erst durch das Ritual der Entwurzelung11 zu einem Kelten, einem Helvetier geworden war. Doch nun hatte er – wenn auch unwissentlich – dazu beigetragen, dass die Nain eine wichtige Schlacht gewonnen hatten, die ihnen den gesamten Romsdalsfjord bringen würde. Hunderte, wenn nicht Tausende von Germanen würden ihnen in die Hände fallen.

Warum?, fragte sich Baturix einmal mehr. Warum hatte Derrien Schattenfeind einen solchen Verrat begangen? Wie konnte der Anführer der Waldläufer, der schon seit Jahrzehnten Krieg gegen die Nain führte, so plötzlich gemeinsame Sache mit ihnen machen? Sein Verrat würde nicht nur Germanen, sondern auch Tausende bretonische Leibeigene den Schatten ausliefern. Baturix’ Hände ballten sich zu Fäusten. Ein scharfer Schmerz zuckte durch seine Rechte, dort, wo er einmal in einem Kampf gegen einen Schatten zwei Finger verloren hatte. Morrigan und Dagda!, betete er inbrünstig zu seinen Göttern, Morrigan, blutige Göttin des Krieges! Dagda, Herr der Toten! Bitte macht, dass ein Plan hinter all dem steht! Ein Plan, kein Verrat!

Ein Frösteln lief durch seinen Körper, von dem er genau wusste, dass es nicht der Außentemperatur geschuldet war. Die Kälte kam aus seinem tiefsten Inneren heraus. Das Schuldgefühl, für all das mitverantwortlich zu sein, hatte sein Herz zu einem einzigen, großen Klumpen Eis verwandelt.

Frierend wandte er sich um und stapfte den Hang entlang zurück zu den Schneeverwehungen, hinter denen die Sieben warteten, die ihm folgten. Vier davon waren Schotten, die er von Derrien erhalten hatte, doch die anderen drei waren Bretonen, die sich ihm angeschlossen hatten, um nicht in die Kriegsgefangenschaft der Germanen zu geraten. Er konnte sich vorstellen, was sie empfinden würden, sobald sie erfuhren, dass nun Nain über den Romsdalsfjord herrschten. Norðmenn als Herren waren schlimm – doch Nain waren eine Katastrophe. Bald schon konnte er sie sehen, dunkle Silhouetten vor dem schneeweißen Untergrund, geduckt und zusammengekauert, um von der Treppe aus nicht gesehen zu werden.

»Wer ist es?«, fragte eine harte Stimme, sobald er in Hörreichweite war. Es war Robert MacRoberts, der unangenehmste und aufsässigste seiner Männer.

»Baturix«, erwiderte er.

Ein abfälliges Schnauben ertönte. »Das sehen wir. Wir wollen wissen, wer diese Krieger sind! Sind das Helvetier?«

Baturix zog eine Grimasse. Seine Männer hatten das Gespräch nicht mit angehört, das Baturix mit dem Anführer der Feinde, dem Schattenlord Rushai, geführt hatte. Sie wussten noch nicht, dass es Nain waren. Für einen Moment spielte er mit dem Gedanken, sie anzulügen, um den Männern die grausige Erkenntnis zu ersparen, doch er verwarf diesen Gedanken sogleich wieder. Sie mussten zurück zu den Waldläufern, die irgendwo auf dem Pass auf sie warteten, und dazu mussten sie noch in dieser Nacht die Treppe hinaufsteigen und die Festung passieren. Spätestens wenn sie die Nain aus der Nähe sahen, sie reden hören und ein paar kurze Worte mit ihnen wechseln konnten, würden sie herausfinden, um wen es sich handelte. Die Wahrheit ließ sich nicht vor ihnen verbergen. Traurig schüttelte er den Kopf. »Nain.« Seine Stimme war rau.

Für einen Augenblick herrschte Schweigen. Zu schrecklich war diese Nachricht für seine Bretonen und viel zu unerwartet. Dann aber ergriffen sie alle zugleich das Wort. »Das ist nicht möglich!«, stieß Budog aus. »Wie meint Ihr das, Herr?«, fragte Rieg ängstlich. »Wieso Nain?«, wollte Alan wissen. Die vier Schotten tauschten verwirrt Blicke aus.

Baturix wartete, bis sich die erste Aufregung gelegt hatte. »Es sind Nain«, erklärte er schließlich noch einmal, »angeführt von Lord Rushai persönlich.«

Die Bretonen starrten ihn an, für den Moment fassungslos, völlig überwältigt von der schlechten Nachricht. Es war Robert, der zuerst das Wort ergriff: »Was habt Ihr getan?«, presste er zwischen den Zähnen hervor. »Wie konntet Ihr uns nur so in die Irre führen?«

Baturix hatte mit Vorwürfen gerechnet – allerdings von Seiten der Bretonen, nicht der Schotten. Aber er hätte es sich denken können, dass Robert MacRoberts jede sich bietende Gelegenheit nutzen würde, sich weiter querzustellen. »Ich wusste ebenso wenig von Derriens Plänen wie ihr«, gab er müde zurück.

»Und wer glaubt Euch das?« Breitbeinig und mit gestrafften Schultern stemmte Robert die linke Hand in die Hüfte, während er den Daumen der rechten hinter seiner Gürtelschnalle einhakte, verdächtig nahe am Heft seines Schwerts.

Die Körpersprache des Schotten sprach Bände – Robert glaubte offenbar allen Ernstes, dass der Disput in einer offenen Auseinandersetzung enden konnte! Die Erkenntnis jagte ihm einen kalten Schauer über den Rücken. Er war sich nicht sicher, einen Zweikampf mit dem Schotten gewinnen zu können, immerhin war dieser mindestens zehn Jahre jünger, und Baturix’ Waffenhand war seit seiner Verletzung nicht mehr so stark wie früher. Er versuchte, seine Unsicherheit mit harten Worten zu überspielen: »Du kannst glauben, was du willst! Ich bin dein Hauptmann. Du hast dich meinen Befehlen zu beugen!«

»Und wenn wir das nicht tun?«, fragte Robert lauernd.

Kenzie, wie Robert ein großer Mann mit breiten Schultern und harten Muskeln, hatte abweisend die Arme vor der Brust verschränkt. Duncan, schmaler und sehniger, wandte den Kopf zu Boden und wich seinem Blick aus. Er hatte die Hände in die Ärmel des jeweils anderen gesteckt, vermutlich um schnell an das Wurfmesser zu gelangen, das er – das war ein offenes Geheimnis in der Gruppe – an seinem linken Handgelenk trug. Leod hatte einen Schritt zurück gemacht, als ob ihn das alles nichts anging, der Speer in seiner Hand zeigte noch immer in den Himmel. Die Bretonen wirkten noch zu schockiert, um auf Roberts Ränkespielchen einzugehen. Baturix hoffte, dass sie sich auf seine Seite schlagen würden, falls es tatsächlich zum Äußersten kam.

Langsam wurde er wütend, richtig wütend. Seine Bereitschaft, sich von Robert auf der Nase herumtanzen zu lassen, hatte sich erschöpft. Er legte seine Linke um die Schwertscheide, bereit, mit der Rechten Waldsegen zu ziehen, das Druidenschwert, das ihm der Schattenlord Rushai als Bezahlung für Derriens Verrat gegeben hatte. Vielleicht konnte die magische Waffe die Männer ein wenig einschüchtern. »Dann zieh deine Klinge, Robert«, knurrte Baturix. »Und bete darum, dass dieses Schwert nicht so gut ist, wie die Legenden behaupten.« Es war zu dunkel, um eine Reaktion im Gesicht des Schotten zu erkennen, aber Baturix hoffte, ihn damit verunsichert zu haben. »Aber vorher erzähl mir noch eines. Was wirst du tun, falls es dir gelingt, mich zu töten? Wirst du dich weiterhin wie geplant mit den Waldläufern treffen? Derrien wird nicht begeistert sein, wenn er erfährt, was du getan hast. Und er wird es erfahren, oder hast du vor, einen Druiden zu belügen? Oder wirst du die Treppen hinabsteigen, dorthin, wo bald die Nain herrschen werden? Es gibt nur diese beiden Möglichkeiten, Robert! Hast du wirklich vor, zu den Schatten überzulaufen?«

Er sah, wie seine Worte ihre Wirkung nicht verfehlten: Duncan zog langsam seine Hände aus den Ärmeln, Kenzie nickte kurz. Nur Robert wirkte noch kampfeslustig – doch Baturix kannte Typen wie ihn zu gut, ein Großmaul, das die Gruppe brauchte, um stark zu sein. »Das dachte ich mir«, meinte er deshalb, mit dem Spott in der Stimme seine Erleichterung kaschierend. »Dann halte das nächste Mal dein Schandmaul zurück, wenn du mit deinem Hauptmann sprichst! Kommt, Männer. Wir haben noch einen langen Weg vor uns!«

Baturix wandte sich um und stapfte, ohne einen Blick zurückzuwerfen, auf die Treppe zu.

 

Der Strom an Fomorern, der ihnen auf der Treppe entgegenkam, schien nicht abreißen zu wollen. Baturix hatte längst seine erste Vermutung korrigiert – es waren nicht Hunderte, sondern Tausende von Nain, die hinab nach Kêr Bagbeg marschierten. Entgegen der Schlacht von Espeland, wo der Feind auch Frauen in den Kampf geschickt hatte, begegneten sie hier nur Männern. Die Krieger waren dick in Wolle und Leder gehüllt, steckten in Fellen und Pelzen, die die Kälte abhalten sollten. Sie trugen Äxte und Beile, Schwerter und Speere, Schilde und Bögen, Rüstungen aus Leder und Eisen. Es waren die Truppen, mit denen Rushai im Süden Krieg gegen den Rat von Dachaigh na Làmthuigh geführt hatte. Ihre gute Ausrüstung war ein deutliches Zeichen dafür, wie erfolgreich dieser Feldzug verlaufen war.

Es war schwierig, sich gegen den Strom nach oben zu arbeiten, insbesondere auf der vereisten Treppe, deren Schneedecke längst von den Stiefeln der Krieger davongetrampelt war. Die meisten trugen flackernde Fackeln, die gerade ausreichten, die Gesichter der Krieger zu beleuchten – grimmige Männer mit verkniffenen Mienen und harten Zügen, die Augen auf die tückische Treppe gerichtet. Baturix fragte sich, wie viele dieser Fomorer den Schatten bereitwillig folgten und wie viele nicht mehr als Leibeigene waren, von ihren Herrn in einen Krieg getrieben, den sie nicht wollten – und wie viele von den Schatten in die Irre geführt wurden und gar nicht wussten, was sie taten.

So wie Baturix nicht gewusst hatte, was er tat, als er den Nain geholfen hatte, die Festung Trollstigen zu erobern.

Die Treppe wand sich weiter den steilen Hang hinauf, bis sie schließlich unter den grauen Nordmauern der Festung ankamen. Nur ein wenige Meter breiter Felsensims befand sich zwischen dem Abgrund und dem Burgtor, über dem ein mächtiger Turm errichtet war.

Der Glockenturm, erinnerte sich Baturix, benannt nach der magischen Glocke Andraste im Stockwerk oberhalb des Wehrganges. Wurde Andraste geschlagen, war ihr Klang im gesamten Gebiet des Romsdalsfjordes zu hören. Das Alarmsignal konnte das ganze dort lebende Volk zur Verstärkung in die Burg rufen, weshalb Trollstigen nur äußerst schwer einzunehmen war. In der gestrigen Nacht war Baturix mit seinen Männern aus dem Isterdal die Treppe hinaufgestiegen, um die Magie der Glocke zu stören. Für diese Aufgabe hatte Derrien ihm einen mit Zaubern belegten Pfahl gegeben, den Baturix im Schutze der Nacht unter dem Turm an die Burgmauern gelehnt hatte. Anschließend war er mit seinen Männern den Hang hinabgestiegen, um eventuelle Boten abzufangen. Die Germanen hatten zwei davon geschickt, sobald sie gemerkt hatten, dass die Magie der Glocke aus irgendeinem Grund versagte und die Verstärkung ausblieb, zwei junge Männer, beide gewiss nicht älter als zwanzig. Baturix hatte beide getötet, mit Bolzen aus seiner Armbrust. Er hatte seine Aufgabe erfolgreich ausgeführt. Er hatte es den Schatten ermöglicht, Trollstigen zu erobern. Er fühlte sich schäbig.

Ein dürrer Mann in schwerem Schuppenpanzer wartete am Tor. Über ihm hing eine Öllampe an der Mauer, in den Händen hielt er ein Stück Leder und einen Kohlestift. Seine Augen, mit denen er misstrauisch die Fomorer zählte, die an ihm vorbei aus dem Tor quollen, waren zu schmalen Schlitzen zusammengezogen. »Wo zur Hölle glaubt ihr, dass ihr hinwollt?«, fragte er barsch, als Baturix mit seinen Männern auf ihn zukam. Er sprach Norwegisch mit britischem Akzent.

»Wir sind die Waldläufer, die die Glocke ausgeschaltet haben«, erwiderte Baturix. Er war in der Außenwelt geboren und aufgewachsen, Norwegisch war seine Muttersprache. »Lord Rushai garantiert uns freies Geleit auf den Pass.«

»Waldläufer also«, knurrte der Mann und spuckte aus. Dann aber stahl sich ein grimmiges Lächeln in sein Gesicht. »Ihr habt gute Arbeit geleistet. Die Festung war ein harter Brocken. Wenn die Bastarde Verstärkung geschickt hätten, hätten wir uns richtig anstrengen müssen!«

Innerlich zuckte Baturix vor dem Lob zurück, als wäre es Gift. In gewisser Weise war es das auch – der Schmerz, den er bei dem Gedanken empfand, den Schatten geholfen zu haben und für den Tod so vieler Menschen verantwortlich zu sein, war beinahe körperlich. Er erwiderte jedoch nichts. Es kostete ihn alle Mühe, seine Züge einigermaßen neutral zu halten.

»Na ja, wie auch immer«, brummte der Mann. »Kommt mal mit.« Er hob die Hand und brüllte: »ALLES HAAAALT!«

Der lange Zug der Fomorer hielt an. Ein paar murrten leise, doch die meisten blieben einfach nur mit gesenkten Köpfen stehen und warteten auf das nächste Kommando. Wie Schafe, dachte Baturix und fragte sich, ob er selbst so anders war als sie. Früher, bevor er einer von Derriens Waldläufern geworden war und die Leibgarde des Fürsten Cintorix angeführt hatte, hatte er die Befehle seines Herrn geradezu blind befolgt …

Der Hauptmann – oder Schatten, wie Baturix mittlerweile vermutete – winkte die Waldläufer hinter sich her und arbeitete sich unsanft durch die Fomorer-Herde, die den Durchgang unter dem Glockenturm blockierte. Baturix folgte ihm mit steigendem Unwohlsein – die Festung wirkte auf ihn wie die sprichwörtliche Höhle des Löwen. Dass er den Schatten bereits seit seinem Gespräch mit Rushai vor einer guten Stunde völlig ausgeliefert war, änderte nichts an seinem unguten Bauchgefühl.

Trollstigens Burghof war ein unregelmäßiges Viereck, jede Ecke von einem Turm bewacht. An der Mauer gegenüber dem Torturm war eine große Rundhütte niedergebrannt, die Strohmatten des Hüttendachs daneben waren zu Boden gezogen, um das Feuer an der Ausbreitung zu hindern. Zur Linken des Tors befand sich ein großer Stall, rechts eine noch größere Wohnhalle, die der Garnison wohl als Unterkunft gedient hatte. Die Schlange an Fomorer-Kriegern erstreckte sich quer über den Burghof vom Tor im Torturm bis hin zum Tor im Glockenturm. Baturix versuchte erfolglos, nicht an das Leid und Unglück zu denken, das diese Krieger den am Romsdalsfjord lebenden Menschen bringen würden.

Erst dann fielen ihm die Leichenberge auf, die die Nain unter dem Südwall aufgeschichtet hatten. In mehreren Haufen lagen dort Dutzende, nein, Hunderte von Toten, nackt und blass und blutüberströmt. Der Bretone Rieg übergab sich geräuschvoll.

»Ein guter Sieg!«, erklärte der Schatten. »Das nächste Mal, wenn wir euch Waldläufern über den Weg laufen, machen wir mit euch das Gleiche! Kommt mit, ich bringe euch zum Tor.«

»Warte, Kru’shaark!« Ein weiterer Mann lief auf sie zu, eine bärtige Gestalt, über deren dicken Bauch sich ein rußgeschwärztes Kettenhemd spannte. »Sind das die Waldläufer?«

»Ja«, knurrte der Schatten namens Kru’shaark. »Was willst du von ihnen? Sie stehen unter Rushais Schutz, wir können sie nicht umbringen!«

Baturix schluckte kurz, erschrocken über die Beiläufigkeit, wie der Schatten über sein Leben sprach, im nächsten Moment aber auch erleichtert darüber, wie viel Gewicht das Wort des Schwarzen Baums12 besaß.

»Das hat hier auch niemand vor. Aber Rushai hat mir gesagt, dass die Waldläufer die Anführerin sehen müssen.«

»Was?« Kru’shaark betonte das Wort wie einen besonders ekelhaften Fluch.

»Wir sollen ihnen die Anführerin der Garnison zeigen. Die Fürstin Gudrun. Es geht um eine Abmachung, die Rushai mit dem Weißen Baum13 getroffen hat.«

Kru’shaark schüttelte den Kopf, presste grübelnd die Lippen aufeinander. Schließlich deutete er zum Westturm und meinte skeptisch: »Geht dorthin.« Er machte keine Anstalten, sie begleiten zu wollen.

»Wartet hier!«, befahl Baturix seinen Männern, bevor er selbst losging. Er spürte die misstrauischen Augen des Schattens in seinem Rücken und widerstand der Versuchung, sich nach ihm umzudrehen, bis er den Turm fast erreicht hatte. Erst dann warf er einen Blick über seine Schulter und sah, dass sich Kru’shaark mittlerweile abgewandt hatte und zurück zu seinem Tor marschierte. Baturix’ Männer standen verloren inmitten des Burghofes, eng zusammengedrängt wie eine kleine Schafherde inmitten eines riesigen Wolfsrudels.

Sie brauchen uns gar nicht zu bewachen, stellte Baturix fest. Die Angst, hier inmitten ihrer schlimmsten Gegner etwas Falsches zu tun und damit die Wut der Schatten zu provozieren, war besser als jeder Aufpasser.

Unter dem Westturm arbeiteten zwei Männer im Schein einiger Fackeln. Einer – ein dunkel gelockter, gedrungener Mann in dunklen Hosen und einem wollenen Kleidungsstück, das Baturix in seinem alten Leben in der Außenwelt als »Pullover« bezeichnet hätte – war gerade dabei, mit einem Strick einen ledernen Sack zuzubinden, aus dem nur noch ein Kopf heraussah. Das Frauengesicht war blass und blutleer, regungslos und totenstarr. Baturix wandte mit einem flauen Gefühl im Bauch den Blick ab und sah zu dem zweiten Mann, einem hageren, hochgewachsenen Gesellen mit weiß geschminktem Gesicht, der an der Mauer lehnte, die Hände in die Taschen seines langen Mantels gesteckt. Baturix stolperte beinahe über einen weiteren Leichnam, der vor den beiden auf dem Boden lag, sein Körper nackt und von Kopf bis Fuß mit dunklen Runen bemalt. Er lag auf einer einfachen Tierhaut, Arme und Beine an Pflöcken festgebunden.

Schwarze Magie, dachte Baturix mit einem Schauer und schickte ein Stoßgebet zu Dagda. Herr der Toten, lass sie ein in dein Reich, bevor ihre Seelen der ewigen Verdammnis der Schatten zum Opfer fallen!

»Was willst du?«, fragte der geschminkte Mann gelangweilt.

»Verzeiht, Herren«, murmelte Baturix und deutete eine kurze Verbeugung an. Für einen Moment hasste er sich dafür, sich so vor dem Feind zu erniedrigen. »Man hat mich hierhergeschickt, weil ich die Fürstin Gudrun sehen soll.« Als die beiden nicht sofort reagierten, fügte er hinzu: »In der Außenwelt hieß sie Veronika Wagner.«

Der Blick des Geschminkten huschte kurz zu dem Sack mit dem Frauenkopf. »Und man hat dich tatsächlich hierhergeschickt?« Plötzlich wirkte der Mann hellwach, geradezu angespannt. »Welcher Idiot war das?«

Baturix schluckte. »Der Mann mit dem Schuppenpanzer … Der am Tor die Männer zählt …« Die plötzliche Angst machte seinen Mund trocken. Der Geschminkte benahm sich ganz so, als ob Baturix etwas gesehen hätte, was er nicht hätte sehen dürfen – und er verstand noch nicht einmal, was es war!

»Kru’shaark also. Dieser Narr!« Der Geschminkte ließ langsam seinen Dolch aus der Scheide an seinem Gürtel gleiten.

Baturix starrte die Klinge an, in der sich der flackernde Schein der Fackeln widerspiegelte. Langsam wich er davon.

»Zurück, Geshier!«, rief der gelockte Schatten mit erstaunlich tiefer Stimme. »Kru’shaark hat Recht getan. Ich weiß, wo sich diese Gudrun befindet.«

Baturix beobachtete gebannt, wie der Geschminkte, der offenbar den Namen Geshier trug, die Klinge wieder in die Scheide schob, ohne jedoch auch nur ein einziges Mal seine Augen von Baturix zu nehmen. Das Gefühl, hier etwas verpasst zu haben, was möglicherweise wichtig war, wurde riesengroß. Doch Baturix blieb keine Zeit darüber nachzudenken. »Ihr wisst, wo ich sie finden kann?«, erkundigte er sich und machte einen Schritt auf den Gelockten zu. Dabei warf er noch einmal einen unauffälligen Blick auf das Gesicht der Toten im Sack, doch er hatte sich beim ersten Mal nicht geirrt: Das dort war definitiv nicht Gudrun, selbst wenn Geshiers Verhalten kurz darauf hingedeutet hatte.

Plötzlich riss die Frau fauchend die Augen auf. Baturix stieß einen kurzen Schrei aus und sprang zurück, noch im Landen das Schwert aus seiner Scheide reißend. Im nächsten Moment wurde ihm klar, dass er damit wohl sein Todesurteil besiegelt hatte – die Schatten würden kaum eine Klinge in seiner Hand tolerieren, schon gar nicht so nahe einer Kreation ihrer schwarzen Magie!

Doch anstatt ihn anzugreifen, begann der geschminkte Mann zu lachen, laut und hämisch.

»WASSS GLOTZZZZZT DU SSSSSSO?!«, zischte die Frau.

»Ich … Was … Ich verstehe nicht …« Das Schwert zitterte in seiner Hand wie Espenlaub, doch noch immer wagte er es nicht, es fallen zu lassen oder gar in die Scheide zurückzustecken. Er rechnete jeden Moment damit, dass die Tote – die Untote oder vielleicht das Phantom14 oder was auch immer das ist! – jederzeit aus ihrem Sack hervorschnellen und ihn angreifen würde.

Geshier hielt plötzlich mit dem Lachen inne und bellte: »Runter mit der Waffe!«

Das Kommando war so hart, so durchdringend, dass sich Baturix’ Hand wie von selbst öffnete. Die Klinge fiel geräuschlos in den Schnee. Für einen Moment stand er da, zur Salzsäule erstarrt, dann sank er auf ein Knie, verbeugte sich so tief, dass sein langes Haar über seinen Kopf herabfiel und seine Stirn fast den Boden berührte. »Verzeiht«, flüsterte er, das Blut in seinen Ohren rauschend, »mein törichtes Verhalten, Herren!«

»Wir verzeihen dir«, brummte der mit den Locken. »Geshier, zeig ihm den Kopf.«

Der Geschminkte nickte kurz. »Los!«, befahl er mürrisch. »Steh auf und hör auf, meine Zeit zu vergeuden.«

Baturix rappelte sich hastig auf. Schnell steckte er sein Schwert zurück in die Scheide und eilte dem Geschminkten hinterher, der mit großen Schritten auf den Torturm zuging. Dort angelangt, folgte er ihm eine Leiter hinauf auf den Südwall des Wehrganges. Geshier betrat von dort aus den Torturm und verschwand die schmale Wendeltreppe hinauf.

Oben auf dem Turm angekommen, warf Baturix einen Blick den Pass entlang. Das gesamte Vorfeld der Burg war ausgefüllt von einem gigantischen Feldlager, in dem noch Tausende von Nain darauf warteten, weiter nach Süden marschieren zu können. Baturix versuchte abzuschätzen, wie viele Lagerfeuer es wohl waren, scheiterte aber kläglich. Es waren zu viele. Viel zu viele.

»Kommst du nun endlich?«, knurrte der Geschminkte. Nachdem Baturix zu ihm geeilt war, deutete Geshier auf vier abgeschlagene Köpfe, die auf dort aufgestellte Speerspitzen gepflanzt waren. Zwei davon waren klar als Männerköpfe zu erkennen – einer davon trug noch deutlich die verschmierten Reste einer Rune auf der Stirn –, doch die anderen beiden waren völlig verkohlt.

»Das hier«, meinte der Geschminkte und deutete auf einen der beiden verbrannten Schädel, »ist Gudruns Kopf. Ist leider in das Feuer dort unten gefallen.« Er zeigte dabei mit angewidertem Blick auf die verkohlten Überreste der Hütte im Burghof. »Deshalb ist nicht mehr davon übrig geblieben. Aber wir haben bei dem Leichnam ein gutes Schwert gefunden. Ein sehr gutes Schwert. Hervorragend. Exzellent. Utmerket.«

Baturix nickte und griff nach dem Schädel, um ihn auf seinem Pfahl herumzudrehen. Er hatte zu einem kleinen Kopf gehört, was zu Gudrun passen würde, die kaum größer als eins sechzig gewesen war. Der Schädel grinste ihn mit rußgeschwärzten Zähnen an, die Augenhöhlen waren dunkel und leer. Er könnte sonst wem gehören, so gründlich waren Fleisch und Haare von dem verkohlten Knochen gebrannt. Baturix war sich nicht einmal sicher, es mit einem Frauenschädel zu tun zu haben. Er wusste zwar nicht, weshalb die Schatten lügen sollten, doch wer wusste schon, was in einem Schattengehirn vorging. Falls überhaupt noch jemand in der Lage war, den Schädel zu identifizieren, war dies Derrien.

Doch als er den Schädel von der Speerspitze ziehen wollte, um ihn mitzunehmen, schlug Geshier seine Hand zur Seite. »Nimm die Finger weg! Den brauchen wir noch!« Der Schatten zwinkerte ihm spöttisch zu. »Für unsere Rituale …«

»Derrien wird den Kopf als Beweis haben wollen«, wagte Baturix hervorzubringen.

Der Spott verschwand aus der Miene des Schattens, als ob er nie dagewesen wäre. »Fühlst du dich hier tatsächlich so sicher, dass du glaubst, aufmüpfig werden zu können? Bloß weil Rushai sein Wort gegeben hat, euch nichts zu tun?«

Baturix spürte Schweiß auf seine Stirn treten. Vorsicht!, beschwor er sich. Bloß weil diese Schatten so aussahen wie Menschen, bedeutete das nicht, dass sie auch nur einen Hauch von Menschlichkeit in sich trugen. Wer wusste schon, wie viel Provokation es bedurfte, damit sich einer von ihnen über Rushais Wort hinwegsetzte … Nicht viel, vermutete er mit bangem Herzen. »Nein, Herr!«, flüsterte er mit gesenktem Blick. »Entschuldigt!«

Der Schatten schwieg. Schweiß rann von Baturix’ Schläfe die Wange hinab und schmeckte salzig auf seinen Lippen.

Als die Stille schließlich kaum noch auszuhalten war, meinte Geshier: »Nun gut. Richte Derrien aus, dass er den Kopf nicht bekommen wird, und wenn er sich auf den Kopf stellt und Walzer tanzt. Dein Zeugnis wird ihm wohl genügen müssen.«

»Ja, Herr.«

»Und nun verschwinde von hier, so schnell du kannst. Und sei versichert, dass ich mir etwas ganz Spezielles für dich einfallen lasse, falls wir uns tatsächlich noch einmal wiedersehen.« Damit winkte ihn Geshier mit einer abfälligen Geste davon.

Baturix beeilte sich, dem Befehl Folge zu leisten. Als er die Wendeltreppe hinabeilte, hörte er, wie Geshier hinter ihm in schallendes Gelächter ausbrach. Das Lachen verfolgte ihn die Leiter hinab in den Hof, und selbst dort war es zu hören, bis er schließlich mit seinen Männern die Festung durch den Torturm verlassen hatte. Erst auf dem Vorfeld der Burg, das bereits zum Trollstigenpass gehörte, verstummte die Stimme des Schattens hinter ihm.

Trotz der Kälte war Baturix schweißgebadet, sein Herz schlug wild und hart in seiner Brust. Er hatte das Gefühl, nur ganz knapp mit dem Leben davongekommen zu sein. Geshier war ein Mörder, da hatte Baturix keine Zweifel. Ein Schattenmörder.

Er versuchte den Gedanken abzuschütteln. Dennoch wurde er den Gedanken an den geschminkten Mann nicht los. Selbst als sie schon längst die tiefe Finsternis des Passes erreicht hatten und durch Schnee und Dunkelheit stapften, hatte er noch das Gefühl, verfolgt zu werden. Er betete darum, bald auf die Waldläufer zu treffen, die hier irgendwo auf sie warteten, doch er wusste nicht, ob er sich auf die Begegnung mit Derrien freuen sollte. Der Schattenfeind schuldete ihm ein paar Antworten.

Baturix war sich nur nicht sicher, ob er tatsächlich den Mut hatte, sie sich anzuhören.

DERRIEN (1)

Auf dem Trollstigen-Pass, Norwegen

Montag, 01. November 1999

Die Innenwelt

 

Die Nacht war eisig kalt, so kurz vor dem Winter, so hoch auf dem Pass. Eisklümpchen hatten sich in Derriens Bierkrug gebildet und stießen jedes Mal klimpernd aneinander, wenn er trank. Mit jedem Atemzug tanzten kleine Dampfwölkchen vor seinem Mund. Ein unruhiger Wind zerrte an den Zeltwänden.

Derrien störte sich nicht an der Kälte. Er besaß die Kraft der Zähigkeit, die ihn viel unempfindlicher machte als gewöhnliche Menschen. Abgesehen davon konnte er sich als Druide von Erfrierungen folgenlos erholen. Es war ein Willenstest, der Kälte zu widerstehen, einer, den er gewinnen würde. Außerdem half ihm die Kälte, seine Gedanken auf das Wesentliche zu konzentrieren.

Das Wesentliche war die Festung Trollstigen. Die, die er ans Messer geliefert hatte, indem er Baturix und seine Männer geschickt hatte, um den Zauber der Alarmglocke Andraste auszuschalten. Wenn alles so passiert war wie geplant, hatten in dieser Nacht die Nain unter Rushais Kommando die Festung im Sturmangriff genommen. Wenn alles nach Plan gelaufen war, war Veronika Wagner jetzt tot.

Er sah auf, als er draußen Stimmen hörte. Fackelschein flackerte auf den Zeltwänden, schlecht zu erkennen im Licht der Morgendämmerung. Verschwendung guter Fackeln, dachte er. Vermutlich waren es Baturix’ Männer, die nach Vollendung ihrer Mission die halbe Nacht lang durch die Einsamkeit und Stille des verschneiten Passes marschiert waren. Wenn ihnen Licht und Wärme ihrer Fackeln geholfen hatten, trotz der Strapazen nicht aufzugeben, konnte Derrien das gerade noch akzeptieren.

Schwere Schritte knirschten im Schnee. »Derrien?«, fragte eine raue Stimme von draußen. Sie gehörte Orgetorix, einem helvetischen Druiden, der seit etwa einem halben Jahr zu den Waldläufern gehörte. »Die Männer von der Festung sind zurück.«

»Baturix?«

»Ist auch dabei. Soll ich ihn herbringen?«

»Ja. Ihn und die Druiden. Es wird Zeit, Kriegsrat zu halten.«

»Jawohl, Herr.« Die Schritte entfernten sich wieder.

Derrien griff nach der Öllampe auf seinem Klapptisch und hob das Glas an, um den Docht darunter etwas zu verlängern. Bisher war er in fast vollständiger Dunkelheit gesessen, doch er wusste, dass die Männer seine Angewohnheit als eher merkwürdig empfinden würden. Nicht, dass das etwas Neues für sie wäre, doch heute musste er vorsichtig sein, musste den perfekten Anführer mimen. Schließlich hatte er mit seinem Verrat nicht nur die Germanen in der Festung, sondern auch den kompletten Romsdalsfjord ans Messer geliefert – wo nicht nur Germanen, sondern auch der Stamm der Bretonen lebte. Drei seiner Druiden waren Bretonen – Padern, Karanteq und Gwenhael. Derrien war sich nicht sicher, ob seine Druidenkraft der Anführerschaft ausreichen würde, sie bei der Stange zu halten, sobald sie erfuhren, was er getan hatte.

Ihm war klar, dass ein wenig mehr Licht in seinem Zelt nur minimalen Einfluss auf den Verlauf der Versammlung haben würde. Aber selbst minimalste Auswirkungen konnten hier entscheidend sein. Derrien hatte nicht alles auf diese eine Karte gesetzt, nur um sie dann leichtfertig zu verspielen. Deshalb setzte er sogar ein Lächeln auf. Es fühlte sich merkwürdig an. Lächeln war noch nie seine Stärke gewesen. Mit einem Seufzer lehnte er sich in seinem Stuhl zurück und wartete.

»Herr Derrien?«, erklang Baturix’ Stimme von draußen.

Der Helvetier war der Erste. Der Mann hatte vermutlich seit sechsunddreißig oder gar achtundvierzig Stunden nicht geschlafen, und dennoch folgte er ohne Murren Derriens Befehl, während seine Männer von den Waldläufern mit heißem Eintopf und warmem Met versorgt wurden. Derrien kannte niemanden, der diensteifriger und loyaler war als Baturix.

»Komm rein!«, rief er.

Der Zelteingang wurde aufgezogen, doch der Mann, der eintrat, sah im ersten Moment völlig anders aus als der Baturix, den Derrien in Erinnerung hatte. Er wirkte hager und schmal, seine Wangen eingefallen und mager. Baturix hatte tiefe Ringe unter den Augen. Der sonst recht sorgsam gepflegte Bart war einfach nur einmal quer abgeschnitten, pragmatisch und gedankenlos. Das Haar, das unter seiner Wollmütze zum Vorschein kam, war dunkel und strähnig. Der Helvetier verbeugte sich steif und begann, sich den Waffengurt abzuschnallen, den er über seinem Umhang trug. Derriens Herz schlug ein wenig schneller, als er die Scheide wiedererkannte, die an dem Gurt hing. Es war Waldsegen …

»Herr«, murmelte Baturix und reichte ihm das Schwert.

Als Derrien danach griff, war es, als ob er die Klinge nie aus der Hand gegeben hätte. Das Gewicht der Scheide in seiner Linken war ihm so vertraut wie das seiner Arme oder Beine. Als er die Rechte um den mit Leder umwickelten Griff legte und die Klinge etwa eine Handbreit aus der Scheide zog, war ihm, als ob das kalte Metall kurz aufstrahlte. Es war natürlich eine Illusion, doch das magische Pulsieren des Druidenschwertes, das über seinen Arm in seinen Körper lief, war Realität.

Er hatte Waldsegen wieder. Für einen Moment waren Sorge und Unsicherheit vergessen.

»Herr?« Baturix räusperte sich umständlich.

Derrien begriff, dass er die Augen geschlossen hatte. Mit einem Ruck und einem metallischen Klacken schob er die Klinge zurück in die Scheide und sah den Helvetier an. »Was?«

»Herr, ich habe eine Frage an Euch.« Baturix sah ihm mit festem Blick in die Augen und holte tief Luft. »Warum habt Ihr Trollstigen an die Nain ausgeliefert?«

Derrien musste zwinkern, die Worte zweimal durch seinen Kopf gehen lassen, um zu akzeptieren, dass sie tatsächlich aus Baturix’ Mund gekommen waren. Eine solche Frage, so selbstbewusst ausgesprochen, war etwas, was ganz und gar nicht zu dem stets gehorsamen, beflissenen Hauptmann passen wollte. Offenbar hatte sich in den letzten Wochen nicht nur Baturix’ Äußeres verändert.

Eigentlich stand dem Helvetier eine solche Frage nicht zu. Doch es würden noch andere nachfragen, Männer, denen Derrien eine Antwort schuldig war, weshalb er beschloss, Baturix nicht wegen seiner Unverfrorenheit zu maßregeln. »Gedulde dich noch für ein paar Augenblicke«, antwortete er stattdessen und versuchte, seinen Ärger hinunterzuschlucken. »Sobald die Druiden hier sind und deinen Bericht gehört haben, wirst du eine Antwort bekommen. Setz dich! Die anderen kommen gleich.«

Der Helvetier neigte den Kopf und murmelte: »Habt Dank, Herr«, bevor er sich am Rand des Lagers niederließ. Es gab nur einen Stuhl in Derriens Zelt.

Die Druiden ließen nicht lange auf sich warten. Ryan der Fuchs war der Erste, ein kleiner, leicht untersetzter Ire Ende vierzig, mit wettergegerbtem Gesicht und zerzaustem, kupferrotem Haupthaar. Seinen ausladenden Bart hatte er mittlerweile abgeschnitten und nur die Koteletten stehen lassen. Ihm folgten Padern und Karanteq, die beiden Vettern, beides Kundschafter-Druiden, die sich zum Verwechseln ähnlich sahen, etwa eins achtzig groß, mit schlaksigem Körperbau. Die beiden Bretonen waren die Einzigen von Derriens Druiden, die sich noch immer die Mühe machten, ihr Gesicht glatt zu rasieren, so dass ihre Gesichter geradezu jugendlich wirkten. Ihr braunes Haar war wie Derriens eigenes kurz geschnitten, ein Tribut an ihre häufigen Besuche der Außenwelt, in der man als Mann mit langen Haaren einfach zu sehr auffiel. Der nächste war der Helvetier Orgetorix, ein Mann mit athletischem Körperbau, etwa so groß wie Derrien selbst. Sein brauner Vollbart war zu zwei Zöpfen geflochten, auf seinen Lippen lag ein selbstbewusstes Grinsen, das ihm nur sehr selten abhandenkam. Murdoch, genannt der Wolf, trug den braunblauen Großkilt des Clans MacRoberts und war ein massig gebauter Hüne. Sein Haar war kurz und struppig, bis auf zwei schmale Zöpfe, die an seinen Schläfen herabbaumelten, sein Bart wüst und ausladend. Der Letzte schließlich war der Bretone Gwenhael, dessen Magie erst kurz vor dem Germanenaufstand entdeckt worden war und der sich Derriens Waldläufern in den Wirren danach angeschlossen hatte. Der Sechzehnjährige besaß noch nicht einmal ein Baumzeichen und hatte als einfacher Fischer nur eine sehr rudimentäre Kampfausbildung genossen, doch immerhin hatte das harte Leben auf dem Boot ihm einen sehnigen Körperbau ohne überflüssiges Fett eingebracht. Er überragte Murdoch und die beiden Vettern noch um einen halben Kopf und war damit der Größte unter Derriens Druiden.

»Setzt euch, Männer!«, befahl Derrien, nachdem sich alle Druiden versammelt hatten und es eng geworden war in seinem Zelt. »Und hört Baturix’ Bericht von der Festung Trollstigen.«

Baturix nickte kurz. Sein langer Dienst unter Fürst und Heerführer Cintorix machte sich nun deutlich bemerkbar, der Hauptmann zeigte keinerlei Befangenheit, vor so vielen Ranghöheren zu sprechen. »Herren Druiden, meine Informationen sind etwa acht Stunden alt. Trollstigen ist gefallen und in der Hand Rushais. Ein Teil seiner Armee befindet sich bereits auf der Treppe hinab in das Tal des Romsdalsfjords. Eine noch viel größere Menge an Truppen lagert auf dem Vorfeld der Burg. Meine Schätzung beläuft sich auf eine Menge von ungefähr zehn- bis fünfzehntausend Mann.«

»Eher fünfundzwanzigtausend«, lispelte Murdoch zahnlos.

Kurz huschte Überraschung über Baturix’ Miene, doch er überspielte sie schnell, indem er fortfuhr: »Wie gesagt, es sind nur Schätzungen. Neben Rushai sind wir in der Festung zwei oder drei anderen Schatten begegnet. Einer davon trägt Plattenpanzer und heißt Kru’shaark, ein weiterer schminkt sein Gesicht weiß und hört auf den Namen Geshier.« Dabei warf er Derrien einen fragenden Blick zu.

Derrien zuckte mit den Schultern. Trotz der erfolgreichen Schlacht von Espeland, in deren Umfeld zahlreiche Schatten vernichtet worden waren, gab es noch viel zu viele von ihnen, als dass Derrien alle kennen konnte. Vor allem war seitdem eine neue Generation von Jungschatten herangereift. Niemand wusste, woher die Jungschatten jedes Jahr kamen oder was zu tun war, um sie aufzuhalten. Es war das große Geheimnis, der Fluch, an dem der Krieg gegen die Schatten litt. Die Stämme konnten töten, soviel sie wollten, aber wenn sie nicht bald herausfanden, wie sich ihre Vermehrung stoppen ließ, würde es zu spät werden dafür. Die Schatten drohten schon jetzt die Überhand zu gewinnen, ohne eine Lösung dieses Problems war der Krieg zum Scheitern verurteilt.

»Den Geschminkten nennen sie Jokerface«, murmelte Padern.

»Du kennst ihn?«, fragte Derrien überrascht. »Was wissen wir über ihn?«

»Nichts. Die Renegaten haben uns nur den Namen gesteckt, als wir ihm einmal begegnet sind. Ist aber kein Jungschatten, den gab’s letztes Jahr auch schon.«

Derrien brummte unzufrieden, zuckte aber dann mit den Schultern. »Weiter.«

»Als ich durch die Burg kam«, ergriff Baturix erneut das Wort, »waren Männer sowohl in der Halle als auch in den Ställen einquartiert. Falls das die neue Garnison ist, gehe ich von mindestens zweihundert Fomorern aus, eher noch mehr.«

Aber genau werden wir die Zahl erst wissen, wenn wir dort sind, grübelte Derrien. Und dann besteht keine Möglichkeit mehr umzukehren. Er seufzte innerlich und schüttelte den Kopf. Die Möglichkeit umzukehren gibt es schon lange nicht mehr.

»Und noch eines: Ich bin auf eines ihrer Rituale gestoßen. Sie haben eine Frau in einen ledernen Sack eingenäht, so dass nur noch ihr Kopf herausgeschaut hat. Eine Art Untote – ihrem Gesicht nach war sie mit Sicherheit tot, aber sie hat gesprochen, gehässig und boshaft.« Baturix zögerte kurz, bevor er weitersprach: »So, wie ich mir ein sprechendes Phantom vorstellen würde. Sowohl auf dem Sack als auch in ihrem Gesicht waren haufenweise Runen.« Er sah kurz zu Derrien. »Keine Runen, wie Ihr sie im Gesicht tragt, Herr, andere.« Der Hauptmann spielte dabei auf die Schattenrunen an, die der Schattenlord Ashkaruna in Derriens Gesicht geschnitten hatte, um ihn auf ein großes Ritual vorzubereiten. Mit Hilfe der Göttin Morrigan war er damals entkommen, doch die Narben der Runen trug er noch immer in seinem Gesicht. »Sahen ein wenig so aus«, fuhr Baturix fort, »als ob sie eingekratzt worden wären. Daneben lag noch eine zweite Leiche auf einem Stück Leder. Ein Mann.«

»Klauenzeichen der Rattenmenschen15«, erwiderte Derrien.

»Es gibt aber doch keine Rattenmenschen in der Innenwelt«, warf Gwenhael ein.

»Das stimmt«, erwiderte Karanteq, »aber ich habe davon gehört, dass ein paar der Schattenzauberer die Magie oder zumindest die Runen der Ratten übernommen haben.«

Derrien nickte. Baturix’ Beschreibung erinnerte ihn an die Überreste eines Schattenrituals, über das er im letzten Jahr gestolpert war. Doch von einem Sack mit einem Toten hatte er nichts mitbekommen, nur von einer mit Klauenzeichen markierten Leiche auf einem Stück Leder. »War der Tote an Pflöcken festgebunden?«

Baturix sah überrascht auf. »Ja, Herr.«

»Befanden sich Runen auf dem Sack und auf dem Lederstück des Toten oder nur auf dem Sack?«

»Nur auf dem Sack. Aber vielleicht waren sie auch auf der Rückseite des –«

»Nein.« Das Lederstück, auf dem der Tote damals gelegen hatte, war völlig frei von Runen gewesen. Die Schatten hatten beides völlig achtlos zurückgelassen, insofern vermutete Derrien, dass der Sack das Entscheidende war. »Die Tote in diesem Sack … War es zufälligerweise Gudrun?« Gudrun war der Innenwelt-Name Veronika Wagners, der Frau, die seinen Neffen getötet hatte. Er hasste sie dafür fast so sehr wie Lord Rushai.

Der Hauptmann schüttelte den Kopf. »Nein, Herr, mit ziemlicher Sicherheit nicht. Ihr Kopf war vom Typ her viel zu dunkel für Gudrun. Aber die Schatten haben mir einen anderen Kopf gezeigt, bis zur Unkenntlichkeit verbrannt, von der Größe her jedoch passend. Eines der Gebäude im Innenhof der Burg ist abgebrannt, Geshier hat behauptet, dass sie in die Flammen gestürzt ist.«

Derrien schnitt eine Grimasse. Wie praktisch es doch für Rushai war, behaupten zu können, dass es sich bei einer nicht mehr identifizierbaren Leiche um die Wagner gehandelt hatte. Das stank geradezu nach Vertuschung. Konnte es sein, dass sie irgendwie aus der Todesfalle Trollstigen entkommen war? Trieb Lord Rushai etwa noch ein ganz anderes Spiel und hielt sie für seine eigenen Zwecke zurück? Für einen Moment hätte er schwören können, dass man sie in den Sack gesteckt hatte und irgendein finsteres Ritual mit ihr plante, doch Baturix wusste, wie die Wagner ausgesehen hatte. Wenn er sich sicher war, dass sie es nicht gewesen war …

»Wie kommt es, dass du in der Burg warst, ohne dass dich die Schatten festgenommen haben?«, fragte Ryan, seine Augen zu misstrauischen Schlitzen zusammengepresst. »Wie kommt es, dass du sogar mit ihnen gesprochen hast?« Dann starrte er, ohne sich weiter mit Baturix aufzuhalten, direkt in Derriens Augen. Ryan, den man aufgrund seiner Haarfarbe und seiner Schläue auch den Fuchs nannte, war klar, dass der helvetische Hauptmann nur die Befehle seines Anführers ausgeführt hatte.

Derrien lehnte sich zurück, holte tief Luft. Nun kam er, der entscheidende Moment, auf dem seine gesamten Pläne ruhten. Würden seine Waldläufer ihm weiter folgen, wenn sie erfuhren, was er getan hatte? Würde die Magie der Eiche, die seines Baumzeichens, die ihn als den idealen Anführer erscheinen ließ, ausreichen, ihre Loyalität zu sichern? Oder würden sie sich bestürzt abwenden? »Männer«, erklärte er mit pochendem Herzen. »Ihr alle wisst, dass man mich den Schattenfeind nennt. Ihr wisst, dass ich sie aus tiefster Seele hasse, insbesondere ihren Anführer, Lord Rushai, den Schwarzen Baum. Mehr als zehn Jahre lang führe ich nun schon die Waldläufer auf der Suche nach Nain in das Niemandsland. Ich war es, der damals den Rat von Dùn Robert vor dem ersten großen Feldzug der Schatten gewarnt hat. Ich war es, der damals zusammen mit meinem Bruder und dem Fürsten Nerin Trollstigen gehalten hat, bis endlich die Verstärkung aus dem Tal heran war. Ich war es, der letztes Jahr dem Rat auch die Meldung über den zweiten großen Feldzug der Schatten gebracht hat. Ohne mich wäre das Ratsgebiet von Dùn Robert längst schon von den Nain überrannt worden.« Er wartete kurz, sah die zustimmenden Gesichter seiner Druiden, sah Ryans Misstrauen, Baturix’ Skepsis. Die anderen schienen neutral, während Gwenhaels Gesicht eindeutig Stolz zeigte, Stolz darüber, nun ebenfalls zu den Waldläufern zu gehören. Mal sehen, wie lange dein Stolz anhält … Derrien schluckte kurz, noch immer unsicher darüber, wie er das eigentliche Thema am besten zur Sprache brachte. Er entschloss sich schließlich für den direkten Weg. »Ich habe mich …« Seine Stimme war rau und trocken. Er musste sich räuspern, ehe er fortfahren konnte. »Ich habe mich vor zwei Wochen mit Lord Rushai getroffen.«

Für einen Moment herrschte absolute Stille. Dann fingen plötzlich alle gleichzeitig an zu reden, verwirrt, schockiert, empört.

Derrien wartete, bis sich das Chaos ein wenig beruhigt hatte, während er innerlich die Augen verdrehte. Wenn sie ihn hätten ausreden lassen, hätten sie die Antworten schneller erfahren! Er musste sich beherrschen, um nicht in seine sonst übliche, schroffe Art zu verfallen. »Lasst mich zu Ende erzählen«, verlangte er schließlich. Die Männer wurden wieder leise. Ihre Augen wirkten größer, verschreckter, überraschter. Kein Wunder. Ich hätte es mir selbst nicht geglaubt! »Ich habe mich mit Lord Rushai getroffen, um mit ihm über Trollstigen zu verhandeln. Und ja«, erhob er seine Stimme über die erneut aufquellende Empörung seiner Druiden, »es ging tatsächlich darum, dass ich ihm helfen würde, die Festung einzunehmen. Ich habe einen guten Preis –«

Dies war der Punkt, an dem selbst seine laute Stimme nicht mehr gegen die Empörung ankam. »Ihr habt Trollstigen ausgeliefert?«, schrie Gwenhael entsetzt. »Das bedeutet Kêr Bagbeg!«, flüsterte Orgetorix erschrocken. »Unser Volk!«, jammerte Karanteq. »Das ist Verrat«, stieß Padern aus.

»RUHE, VERDAMMT!«, brüllte Derrien. »RUHE! Ihr WERDET zum Sprechen kommen, aber zuerst lasst mich sagen, was ich zu sagen habe! Ja, es ist so, wie ihr denkt! Ich habe Trollstigen verraten. Ich habe die Germanen verraten, die als Garnison über die Festung gewacht haben. Ja, wenn ihr es so wollt, habe ich auch die Bretonen verraten, die als Kriegsgefangene der Germanen unten im Fjord leben. Aber sagt mir eines: Sind das wirklich noch Kelten? Ist das wirklich noch unser Volk? Oder sind das nicht eher zukünftige Germanen, die zu stolzen Kriegern ihres neuen Stammes werden, sobald sie entwurzelt sind? Sagt mir eins: Glaubt ihr wirklich daran, dass unser keltisches Volk nach dem Schattenkrieg und dem Germanenaufstand jemals wieder so stark sein wird, dass wir die verlorenen Gebiete von den Germanen zurückerobern und unser Volk befreien können? Wohlgemerkt, in einem Krieg, in dem wir zuerst einen Großteil unserer eigenen Leute bekämpfen müssten? Glaubt ihr wirklich daran? Ich nicht! Ich glaube, unser Volk ist uns unwiederbringlich verloren! Für mich sind sie schon tot …«

Er wollte schon weitersprechen, als erneut der Tumult losging. Wieder waren sie fassungslos, wieder waren sie schockiert und verstört, wieder schimpften sie ihn einen Verräter. Dieses Mal beschloss er jedoch, sich das nicht noch einmal gefallen zu lassen, sondern schrie sie wütend nieder.

»Aber wenn mein Plan aufgeht«, sprach er endlich weiter, als schließlich wieder Stille in seinem Zelt eingekehrt war, »dann können wir sie wieder zum Leben erwecken! Es ist der einzige Plan, der einen Sinn hat, der einzige, mit dem wir auf einen Schlag die Dominanz Rushais und seiner Schatten brechen können! Also wollt ihr euch anhören, was ich vorhabe? Oder wollt ihr mich weiter beleidigen und davonlaufen, jetzt, da die Bretonen bereits in den Händen der Nain sind? Wir können das Geschehene nicht rückgängig machen!«

Eisiges Schweigen folgte. Das kurze Zischen des Dochts in der Öllampe wirkte unnatürlich laut. Die Druiden starrten ihn an, schockiert, hasserfüllt. Nur Murdoch grinste leicht. Der Wolf war noch nie mit besonders viel Mitgefühl gesegnet gewesen, er war ein brutaler Killer, der Spaß an dem hatte, was er tat. Derrien wartete, warf einen herausfordernden Blick in die Runde, doch es fand sich weiterhin niemand, der gegen ihn das Wort erhob.

»Gut«, meinte er, sich die Erleichterung über das Schweigen nicht anmerken lassend. Dann begann er, von seinem Plan zu berichten.

WOLFGANG (1)

Elbwatt bei Hamburg, Deutschland

Montag, 01. November 1999

Die Innenwelt

 

Wolfgang sank in die Knie und schloss die Augen. Erschöpft lauschte er in sich hinein, folgte dem hämmernden Pulsschlag in seinen Ohren, dem rasselnden Atem in seiner Brust. Seine Arme zitterten, seine Hände waren so kraftlos, dass ihm das Kurzschwert entglitt und mit einem schmatzenden Geräusch in den Wattschlamm fiel. Nur langsam ließ der Schmerz der vielen Schrammen und Verletzungen nach, als seine Regeneration die Wunden heilte. Bald würde nichts an seinem Körper mehr an diese Nacht erinnern.

Der Körper vergisst, dachte er müde, aber die Seele bleibt narbengezeichnet zurück … Sein rechtes Lid begann nervös zu zucken. Er presste die Augen zusammen, was es für den Moment besser machte. Aber es würde wiederkommen, da machte er sich nichts vor.

Um ihn herum hörte er das Weinen von Frauen und Kindern. Er hörte die Stiefel von Herwarths Sachsenkriegern im Watt schmatzen, hörte, wie sie die Leichen der gefallenen Trolle plünderten, hörte, wie sie ihnen die Kleider von den Leibern zogen und mit Dolchen die Ringe von den Fingern schnitten. Er hörte, wie sie die Verwundeten versorgten, die vier überlebenden der zehn Krieger, die mit Wolfgang den Schildwall gehalten hatten, bis Herwarths Boot endlich aus den Nebeln aufgetaucht war. Er hörte auch, wie sie die sechs Toten zurück zum Boot schafften. Sechs Mann, die in Wolfgangs Führung vertraut hatten und die dabei umgekommen waren. Und wäre Herwarth auch nur fünf Minuten später gekommen, hätte es niemand von seinem Trupp mehr lebend aus den Schattennebeln Hamburgs heraus geschafft.

Nicht einmal ich selbst.

Einmal mehr war er nur knapp mit dem Leben davongekommen, wie so oft in den letzten Wochen. Zu oft. Die ständige Todesgefahr zermürbte ihn, und er ertappte sich bei dem Gedanken, die sechs Gefallenen zu beneiden. Gemäß dem germanischen Glauben saßen sie nun auf den Bänken in Wotans Halle in Walhall und feierten eine endlose Party.

So wie Gudrun.

Hilflos ballte er die Hände zu Fäusten, aber das würde sie nicht zurückbringen. Nichts würde sie wieder zurückbringen, sie war gefallen, oben in Norwegen, die Liebe seines Lebens, während er selbst in Deutschland war und vergebens versucht hatte, das große Ritual der Hamburger Schatten aufzuhalten.

Die Krieger machten einen Bogen um ihn – er war ein Jarl, somit ein Magier16 und Anführer, und sie wussten nicht, wie sie mit seiner sonderbaren Haltung und Stimmung umzugehen hatten. Wolfgang war ohnehin nicht nach Reden zumute. Doch er würde reden müssen – schwere Schritte stapften auf ihn zu, und er wusste nur zu gut, zu wem sie gehörten.

»Ihr seid zu spät«, murmelte Wolfgang, noch immer ohne die Augen zu öffnen.

»Zu spät?«, erwiderte von oben Fürst Herwarths tiefe Stimme. »Für mich sieht es so aus, als ob wir genau zur richtigen Zeit gekommen wären!«

Wolfgang verzog das Gesicht. Vielleicht zum richtigen Zeitpunkt, um den größtmöglichen Schaden unter der Trollpatrouille anzurichten. Aber zu spät für die Krieger, die Ihr mir mitgegeben habt! »Sechs der Männer sind tot. Für mich ist das nicht der richtige Zeitpunkt …«

»Ich weiß. Aber dafür haben wir ein Dutzend ihrer Trolle erschlagen. Ein Dutzend Trolle und zwei Schatten gegen sechs Krieger –«

Wütend öffnete Wolfgang die Augen. Es war eine düstere Nacht, mit dunklen Wolken am Himmel und öligen Nebelschwaden über der Erde. Trotz der Fackeln, die einige der Sachsenkrieger trugen, war Herwarth nicht viel mehr als ein großer, breitschultriger Umriss in der Finsternis über ihm. »Ja und?«, brauste Wolfgang auf. »Ihr haltet das wohl für einen guten Tausch, wie? Als ob es nur auf die Zahlen ankommen würde! Aber es geht hier nicht nur um Zahlen! Das waren sechs Menschen, Männer unter meinem Kommando!«

Herwarth machte einen Schritt auf Wolfgang zu, packte ihn an den Rändern seines Helms und zerrte ihn daran auf die Beine. »Hör mir zu, Junge«, zischte der Fürst, leise genug, dass ihn seine Männer nicht verstanden, aber nicht so leise, dass Wolfgang seine Wut überhören konnte, »du hast es falsch verstanden. Komplett falsch. Krieg bedeutet sehr wohl Zahlen, Krieg ist Mathematik und Logistik! Du gewinnst eine Schlacht, indem du ihnen mehr wehtust, als sie dir wehtun, und darauf kommt es an, auf gewonnene Schlachten! Wir haben ein Dutzend von ihnen getötet und ungefähr zwanzig ihrer Trollfrauen entführt, sogar mit ihrer Einwilligung. Wenn wir sie auf unsere Felder stellen, können wir zwanzig unserer Bauern zu Kriegern machen und müssen nicht einmal Wachen abstellen, um auf diese Frauen aufzupassen. Abgesehen davon gehörte ihre Patrouille zu den besser ausgerüsteten ihrer Männer, Ausrüstung, die nun uns nützt und ihnen fehlt. Du siehst, wir gewinnen, und zwar in jedem Aspekt!«

»Aber …« Wolfgang war fassungslos. »Aber es waren Menschen

»Glaubst du wirklich, ich wüsste das nicht?« Herwarths Stimme zitterte vor Wut, doch er hatte sich noch immer so weit unter Kontrolle, dass er nicht lauter wurde. »Glaubst du vielleicht, es macht mir Spaß, meine Männer in den Tod zu schicken? Nein, das macht es mir nicht! Aber ich tue, was getan werden muss, um diesen Krieg zu gewinnen, und wenn dazu gehört, die Leben meiner Männer gegen die der Gegenseite einzutauschen, dann werde ich das nicht mögen, aber ich werde es tun! Es herrscht Krieg, und es werden Leute sterben, noch viel, viel mehr. Gewöhne dich an den Gedanken, wir haben nicht den Luxus, uns ein kuschelwarmes Gewissen leisten zu können!« Damit wandte sich der Fürst abrupt ab und stapfte davon. »Macht, dass ihr fertig werdet!«, befahl er mit lauter Stimme. »Wir haben nicht die ganze Nacht Zeit!«

Frustriert und mit noch immer zu Fäusten geballten Händen sah ihm Wolfgang hinterher. Schließlich beugte er sich zu Boden nach seinem Kurzschwert, wischte es an seinem ohnehin völlig verdreckten Umhang ab und steckte es zurück in die Scheide an seiner Seite. Anschließend stapfte er durch das Watt zu Herwarths Boot.

 

Auf der Rückfahrt zur Harburg, dem germanischen Vorposten an der Süderelbe, herrschte Totenstille. Das Glucksen der mit Fellen umwickelten Riemen und das leise Knarren des Bootes wirkten unnatürlich laut. Niemand redete, zu groß war die Angst davor, von ihren Gegnern entdeckt zu werden. Eigentlich hatten die Sachsen schon dem ersten Gefecht aus dem Weg gehen wollen – niemand glaubte, dass ihr Glück noch für ein zweites ausreichen würde. Dreißig Augenpaare versuchten angespannt, die Finsternis zu durchbohren und Anzeichen einer Bedrohung auszumachen, doch es war nichts zu sehen. Der Schattennebel, der über dem faulig stinkenden Wasser der Norderelbe hing, war zäh und undurchdringlich. Gewöhnliche Sinne würden hier nicht weiterhelfen.

Deshalb hatte Wolfgang sowohl seine verstärkten Sinne als auch sein Magiegespür aktiviert. Die Anstrengung, beide Zauber gleichzeitig aufrechtzuerhalten, ließ seine Hände zittern und Schweiß von seiner Stirn rinnen. Deshalb nahm er deutlich mehr wahr als die anderen – den angestrengten Atem der Ruderer, den feinen Ölgeruch inmitten der Fäulnis der Schattennebel, die Totenblässe in den Gesichtern der befreiten Kinder, den rötlichen Schimmer Herwarths magischer Aura als Jarl –, aber nichts, was auf irgendeine Bedrohung schließen ließ. Falls sie von einem Phantom verfolgt wurden, was sie alle fürchteten, hatte er es noch nicht entdecken können.

Die Ebbe hatte den Wasserpegel um mehr als einen Meter sinken lassen, so dass die vielen kleinen Elbinseln mit ihrem Bewuchs aus Schilf und Strauchwerk aufragten wie kleine Türme. Wolfgang beobachtete sie misstrauisch. Eine Handvoll Bogenschützen auf einer solchen Insel könnte ihrem Boot sehr schnell zum Verhängnis werden. Von oben herab boten den Sachsen nicht einmal die Schilde an den Bordwänden Deckung.

Plitsch, machten die Riemen jedes Mal, wenn sie alle gemeinsam in das Wasser tauchten. Wolfgangs verstärkte Sinne ließen ihn deutlich spüren, wie das Boot mit jedem Ruderschlag an Fahrt gewann, wie es dazwischen jedes Mal wieder langsamer wurde. Plitsch

Dabei waren weder Phantome noch versteckte Bogenschützen die größte Gefahr, die ihnen drohte, ja, nicht einmal gegnerische Boote, die die Hamburger Trolle angeblich gebaut hatten. Eine viel größere Bedrohung hing über dem Landstrich wie ein schwarzer Schleier. Es gab einen Dämon in Hamburg.

Wolfgang griff instinktiv zu dem kleinen Amulett in Form eines Thorshammers, das um seinen Hals hing. Er zwinkerte ein paar Mal mit den Augen, um seine Gedanken in eine andere Richtung zu lenken. Doch es gelang ihm nicht. Zu machtvoll, zu grauenerregend war die Präsenz des Dämons, hatte man erst einmal an ihn gedacht. Wolfgang hatte ihn gesehen, aus nächster Nähe, eine feurige Kreatur, die alles verbrannt hatte, was ihr vor die flammenspeienden Nüstern gekommen war. In der Nacht seiner Beschwörung hatte das Monster in Utgard17 halb Hamburg in Schutt und Asche gelegt. Als Wolfgang das letzte Mal nach Midgard18 gewechselt war und somit keine Nachrichten mehr hören konnte, waren die Brände noch keineswegs unter Kontrolle gewesen – und all dies, nachdem das Monster in einem beachtlichen Zweikampf einen zweiten Dämon aus der Stadt vertrieben hatte.

Das war gestern Nacht gewesen, der Nacht von Sonntag auf Montag, vom einunddreißigsten Oktober auf den ersten November. Halloween. Ein Halloween, das Hamburg die nächsten hundert Jahre nicht vergessen würde. Die Erschöpfung dieser Horrornacht saß Wolfgang tief in den Knochen, obwohl er heute beinahe den ganzen Tag geschlafen hatte. Alpträume hatten ihn geplagt, und natürlich der Kummer über Veronika, als am frühen Abend die Nachricht über die Schlacht auf der Trollstigenfestung durchgekommen war. Doch Herwarth hatte ihm keine Zeit zum Trauern gegeben, hatte darauf gedrängt, seinen Krieg der Raubzüge und Plünderungen fortzuführen, so schnell es ging. »Das Scheißvieh«, hatte der Fürst laut und selbstüberzeugt über den Dämon behauptet, »hat in einer Nacht soviel Energie verbrannt, wie ein hundertjähriger Geist in zehn Jahren nicht aufbringen kann.« Herwarth setzte darauf, dass sich der Dämon jetzt erst einmal erholen musste.

Wolfgang betete zu Wotan, dass dies stimmte. Denn wenn nicht, wenn die Sachsen in dieser Nacht auf das Monster stießen, war das ihr aller Todesurteil, das musste man schlichtweg akzeptieren. Vielleicht würden sich zwei oder drei schwimmend retten können, doch das hätte weder etwas mit Geschick noch mit Verstand zu tun, sondern allein mit dem Glück, von dem Dämon übersehen zu werden. Einmal hatte Wolfgang bereits dieses Glück gehabt – auf ein zweites Mal konnte und wollte er nicht spekulieren.

Tatsache war, dass niemand wusste, wo die Kraft eines Dämons seine Grenzen hatte. Vielleicht war er tatsächlich erschöpft und musste sich ausruhen – vielleicht war das Monster aber noch so frisch, dass es problemlos nach Berlin oder Dresden oder sonst wohin fliegen und eine zweite oder gar dritte Stadt abfackeln konnte. Niemand wusste es. Herwarth spielte ein riskantes Spiel. Doch Wolfgang hatte es sich verkniffen, diesbezüglich etwas zu sagen – er kannte den Fürsten gut genug, um zu wissen, dass Herwarth ohnehin nicht auf ihn gehört hätte.

Aber die Nacht blieb ruhig, schwarz in grau, grau in schwarz, ohne jegliche Spur eines roten Schimmers, der die Anwesenheit von Magie in den Nebeln angezeigt hätte. Langsam, sehr langsam ließ der Gestank nach Fäulnis und Altöl nach, und schließlich erkannte Wolfgang vor sich zur Linken die Einmündung eines breiten Stromes.

»Süderelbe voraus«, meldete er. »Etwa hundert Meter.«

Kurz darauf erreichten sie den Zusammenfluss. Mit einemmal war der ölige Nebel verschwunden, der Fäulnisgestank verblasen, als die neue Strömung das Boot erfasste. Sie hatten die Schattennebel hinter sich gelassen, nun mussten sie nur noch die Süderelbe hinauf zur Harburg.

Herwarth wartete mit dem Wendemanöver, bis das Boot sicher im Strom lag. Erst dann gab der Fürst neue Befehle: »Ruderer backbord langsam zurück! Steuerbord langsam voran!« Mit leisen Rufen gab er den Männern den Takt vor.

Ohne Vorwärtsschub, sich mit der Strömung treiben lassend, drehte sich das Langschiff langsam herum, bis sein Bug genau entgegen der Strömung stand.

»Alle vorwärts!«, rief Herwarth.

Ein Ruck ging durch das Boot, als es sich nun mit lauterem Plätschern gegen die Strömung stemmte. Bald schon begannen die Ruderer heftiger zu atmen, als sie der schnellere Rhythmus des Fürsten außer Puste brachte. Erneut war Wolfgang froh, nicht selbst rudern zu müssen. Eine solche Anstrengung hätte er in dieser Nacht vermutlich nicht mehr zustande gebracht.

Als ihm kalter Ostwind ins Gesicht blies, holte er eine Mütze aus der Tasche seines Umhangs und zog sie über seinen Kopf. Er beschloss, zumindest den Zauber für seine verschärften Sinne vorerst fallenzulassen. So fern von Hamburg glaubte er nicht mehr, noch auf Trolle zu stoßen, und vor Phantomen – oder dem Dämon – würde ihn auch das Magiegespür alleine warnen.

Ein paar Sterne sowie eine dünne Mondsichel tauchten zwischen den Wolken am Himmel auf, während sich das Boot langsam die Süderelbe hinaufkämpfte. In einem Wäldchen am Ufer buhte ein Kauz, von irgendwoher kam das Platschen eines gesprungenen Fisches. Haribert, einer von Wolfgangs vier Überlebenden, begann laut zu schnarchen, als ihn die Anspannung des Schattennebels verließ und er in tiefen Schlaf fiel. Als ob dies ein Startsignal gewesen wäre, erwachten auch die Frauen aus ihrer Angststarre und versuchten, es sich auf dem engen Raum etwas bequemer zu machen. Leise Unterhaltungen kamen auf.

»Wolfgang?«, rief Herwarth von hinten.

»Herr?«

»Leg dich schlafen. Wenn uns der Dämon fressen wollte, hätte er uns längst angegriffen.«

»Wie befohlen.« Wolfgang war müde genug, um dem Befehl Folge zu leisten, ohne groß darüber nachzudenken. Er wickelte sich ganz in seinen Umhang, drehte sich im Bug herum und zog die Kapuze über die Mütze tief ins Gesicht. Müde schloss er die Augen.

 

»Wir sind da! Wacht auf, Herr!«

Wolfgang zwinkerte verschlafen, bevor er sich Kapuze und Mütze aus dem Gesicht streifte und sich in eine sitzende Position aufrichtete. »War irgendetwas?«, fragte er. Im nächsten Moment schalt er sich selbst dafür. Man hätte ihn kaum schlafen lassen, wenn etwas passiert wäre.

Im Osten hatte die Morgendämmerung begonnen. Dünne Nebelschleier hingen über dem Wasser, während am grauen Himmel langsam die letzten Sterne verblassten. Die Wolken der Nacht hatten sich größtenteils verzogen.

Etwa fünfhundert Meter vor dem Boot lag eine mit einem Palisadenwall umringte Insel, auf deren Mitte sich ein steinerner Turm erhob. Vom Südufer her war ein Damm aufgeschüttet, der bis zur Insel reichte und sie mit dem Land verband. Der Damm schirmte das Wasser flussabwärts von der Strömung ab und bildete somit einen idealen Anlegepunkt, in dessen Schutz bereits sechs Langboote Seite an Seite am Ufer lagen. Auf dem Damm darüber patrouillierten Wachen, zwei weitere hielten vom Dach des Turms aus Ausschau.

Die nach oben gezogenen Bug- und Heckspriete germanischer Langboote waren normalerweise mit geschnitzten Figuren versehen, die dazu dienten, bösartige oder feindliche Geister zu verscheuchen. Doch die Harburg war freundliches Gebiet, deren Geister Herwarth nicht erschrecken wollte, deshalb ließ er nun die Figuren abnehmen und in der Bilge verstauen. Als das Boot das ruhige Wasser unterhalb des Damms erreichte, gab der Fürst den Befehl, die Riemen einzuziehen. Die restlichen Meter glitten sie auf dem Schwung ihrer bisherigen Fahrt dahin, bis der Bootsrumpf schließlich knirschend auf den Grund traf. Der Bug schob sich einen Meter weit den Damm hoch, bis das Boot festgefahren liegenblieb.

Aus dem Tor der Harburg kam ungefähr ein Dutzend Männer gelaufen, um ihnen zu helfen. Herwarth begann sofort, Befehle zu verteilen – es gab Verwundete und Tote zu versorgen, sie hatten einen kleinen Berg Ausrüstung erobert, die Frauen und Kinder waren einzuquartieren, bis sie mit dem nächsten Versorgungstrupp nach Süden in Herwarths Siedlungsgebiet um Lhiuniburc19 gebracht werden konnten.

Keiner dieser Befehle betraf Wolfgang. Er stieg über die Bordwand und kletterte den Damm hinauf. Oben kam ihm Æthelbert entgegen, der Kommandant der Harburg. Wasserblaue Augen über dicken Tränensäcken sahen Wolfgang fragend an. »Wie ist es gelaufen?«

»Das kommt darauf an, ob du bereit bist, das Ganze mathematisch zu sehen«, gab Wolfgang unwirsch zurück. Er hatte keine Lust, darüber zu sprechen.

Æthelberts Augen zogen sich ärgerlich zusammen, doch er fragte nicht weiter. Stattdessen rief er zum Boot hinab: »Fürst Herwarth, willkommen zurück. Ich habe ein paar gute Neuigkeiten für Euch!«

Wolfgang hielt inne. Gute Nachrichten waren selten geworden in diesen Tagen.

»Was?«, blaffte Herwarth.

»Wir haben eine Gefangene.«

»So. Warte!« Herwarth gab einem seiner Männer noch einen letzten Befehl, bevor er schließlich von Bord ging und zu ihnen auf den Damm geklettert kam. »So«, meinte er dann noch einmal, diesmal mit deutlich leiserer Stimme. »Was für eine Gefangene?«

»Eine der Kelten, die in der Nacht des storthings20 geflohen sind.«

Wolfgang sog scharf die Luft ein. Die große Versammlung vor einem knappen Monat, bei der die Germanen eigentlich einen Waffenstillstand mit den Kelten und den anderen Stämmen hatten schließen wollen, war ein Fiasko gewesen. Gleich in der ersten Nacht hatte ein Attentäter versucht, Gudrun zu töten. Im daraus entstandenen Chaos war es zu Kämpfen zwischen Germanen und den Gesandten der anderen Völker gekommen, zu Verwundeten und Toten, so dass die Verhandlungen vorzeitig abgebrochen worden waren. Die diplomatische Situation zwischen den Germanen und ihren Feinden hatte sich zum Schlechteren gewandt anstelle zum Besseren. Der Attentäter selbst war nie gefasst worden, ihm und einer Handvoll anderer war im Tumult der Nacht die Flucht gelungen.

Jeder, der in dieser Nacht geflohen war, war verdächtig, dem Attentäter geholfen zu haben. Einem Attentäter, der seine Gudrun hatte töten wollen! Die wütenden Ahnenstimmen in Wolfgangs Kopf kreischten nach Vergeltung. Es war, als ob seine Müdigkeit nie existiert hätte. Töte sie!, brüllten sie und warfen sich wutentbrannt gegen das Gefängnis, das Wolfgang in seinem Kopf für sie errichtet hatte. Wir wollen ihr Blut sehen! Töte sie! Töte sie!

Wolfgangs Herz begann, wild in seiner Brust zu schlagen. Bring sie um!, brüllte eine durchdringende Stimme, Auge um Auge! Er spürte kaum, wie sich seine Hand um das Heft des Kurzschwerts an seiner Seite legte. Du hast sie geliebt, keifte eine, sie haben sie angegriffen, jetzt ist sie tot! Der Zusammenhang war unlogisch, argumentierte der immer kleiner werdende, rational denkende Teil in Wolfgangs Verstand, schließlich war es dem Attentäter nicht gelungen, Gudrun zu töten. Sie war erst auf Trollstigen im fernen Norwegen umgekommen, gestern oder vorgestern. Aber die Ahnen hatten sich noch nie um Logik geschert.

Sie ist im Turmkeller!, zischte eine ungewöhnlich kohärente Stimme. Nimm deine Autorität als Jarl und verschaffe dir Zugang! Quetsche sie aus, tu ihr weh, lass sie schreien! Sie weiß, wer noch dabei war!

Rote Nebelschleier quollen in Wolfgangs Bewusstsein. Er nahm seine letzte Kraft zusammen und brüllte verzweifelt: »HAAAAAAAALT!«

Plötzlich waren die Stimmen verschwunden. Die Krieger in der Nähe starrten ihn überrascht an, und selbst Herwarth und Æthelbert, die als Jarle die Ahnenstimmen aus eigener Erfahrung kannten, waren überrascht.

Wolfgang atmete tief durch. So schlimm war es noch nie gewesen. Die Bilder, die ihm die Ahnen in den Kopf gesetzt hatten …

»Alles in Ordnung?«, fragte Herwarth.

»Ja …« Wolfgang wischte sich kalten Schweiß von der Stirn. »Es waren nur die Stimmen. Ich musste an das Attentat denken. An Gudrun …«

Der Fürst nickte verständnisvoll und klopfte ihm sanft gegen die Schulter. »Wir vermissen sie auch«, murmelte er leise. Dann ging er mit Æthelbert im Schlepptau davon.

Was wisst ihr schon!, wollte Wolfgang ihm schon hinterherschreien, doch er hielt sich zurück. Ihm war klar, dass auch das sie nicht zurückbringen würde.

KEELIN (1)

Harburg bei Hamburg, Deutschland

Montag, 01. November 1999

Die Innenwelt

 

Dunkelheit umgab Keelin. Um sie herum war nichts als Dunkelheit. Dunkelheit und Stille.

Es war die absolute Finsternis, die man nur in einem geschlossenen, fensterlosen Raum finden konnte, so düster, dass Keelin sich immer wieder durch Zwinkern vergewissern musste, dass ihre Augen tatsächlich offen waren. Es gab nichts zu sehen außer Schwärze.

Mit einem Seufzer richtete sie sich in eine sitzende Position auf und lehnte sich an das kalte Mauerwerk des Verlieses. Die Kette, mit der ihre gefesselten Handgelenke mit der Wand verbunden waren, klimperte kurz. Dann war wieder alles ruhig.

Die Abstände, in denen sie sich bewegen musste, wurden immer kürzer. Ihre Blase drückte, doch sie konnte sich noch immer nicht dazu durchringen, den hölzernen Eimer zu benutzen, den die Germanen in ihr Gefängnis gestellt hatten. Sie hatte keine Lust, hier ihre Hose herunterzuziehen. Zum einen wollte sie nicht auf dem Topf erwischt werden, falls sich irgendwann doch noch einmal jemand in ihrem Gefängnis blicken ließ, zum anderen hatte sie die Befürchtung, mit ihren gefesselten Händen ihre heruntergelassene Hose nicht mehr hinaufziehen zu können. Keelin konnte einfach nicht aus ihrer Haut. Die Vorstellung, hier unten ohne Hosen von einem Mann erwischt zu werden, machte ihr Angst. Solche Angst, dass sie lieber die Bauchkrämpfe ignorierte, mit denen sie von ihrer Blase bestraft wurde.

Schon längst war die Kälte aus der Wand durch ihr Hemd in ihren Körper gedrungen. Fröstelnd starrte Keelin in die Finsternis. Sie fühlte sich ausgebrannt und leer. Sie konnte nicht einmal Ärger darüber empfinden, dass die Germanen sie in Fesseln gelegt und in dieses Verlies gesteckt hatten. Die Fähigkeit, Emotionen zu empfinden, schien in ihr abgestorben. Und dies war vermutlich auch gut so. Keelin standen keine Gefühle mehr zu. Sie hatte mit Gefühlen abgeschlossen, so wie sie mit ihrem Leben abgeschlossen hatte. Die Zeit, die sie noch unter den Lebenden verbrachte, war nicht mehr ihre eigene. Sie gehörte der Eibe.

Jeder Druide hatte ein Baumzeichen. Die Eibe war ihres. Als Brynndrech gestorben war, ihr einziger Freund, den sie zu lieben gelernt hatte in dem Jahr, das sie miteinander verbracht hatten, hatte sie Eibe um Hilfe angefleht. Doch ihr Baumzeichen hatte ihr nicht geholfen. Stattdessen hatte es auch ihr Leben gefordert. Keelin war mehr als bereit gewesen, es ihr zu geben.

Keelin war Heilerin. Eibe hatte sie losgeschickt, um die tiefe Kluft zu heilen, die zwischen den beiden wichtigsten europäischen Völkern bestand – den Germanen und den Kelten. Die Nain wurden immer mächtiger, es war längst Zeit für die Völker, sich zu verbünden und gemeinsam gegen die Schatten zu kämpfen. Doch die Ahnen beider Völker wollten keinen Frieden. Sie hatten sich gegenseitig jahrhunderte-, nein, jahrtausendelang gehasst, es gab keinen Magier, der nicht ihre bösen Stimmen hörte, wann immer er einem Vertreter des anderen Volkes begegnete. Oft genug kam es deshalb zu unkontrollierten Gewaltausbrüchen, zum Teil mit Verletzten oder gar Toten. Das Blutvergießen wiederum schürte den Hass der Gegenseite, so dass die Ahnen eine beständige Spirale der Gewalt antrieben.

Doch wenn die Völker weiter Krieg führten, würden am Ende die Schatten gewinnen. Die Welt würde zugrunde gehen. Keelin konnte dabei nicht untätig zusehen. Der Wunsch der Eibe hatte ihr aus tiefstem Herzen gesprochen. Die Völker brauchten Heilung. Die Welt brauchte Heilung.

Das war der Grund, weshalb sie zur Harburg zurückgekehrt war. Natürlich hatte sie nicht mit einem freundlichen Empfang gerechnet, schließlich war sie erst vor anderthalb Monaten von hier geflohen. Das storthing, die große Versammlung zwischen den Völkern, war phänomenal schiefgegangen, während der Nacht war es plötzlich zu Tumult und Blutvergießen gekommen. Neben ein paar anderen waren auch Brynndrech und Keelin geflohen, hinaus in das Elbwatt. Die Germanen würden sich kaum freuen, sie jetzt wiederzusehen.

Brynndrech war draußen im Elbwatt umgekommen. Er war während ihrer Flucht verletzt worden, von einer magischen Klinge, deren Wunde die druidische Regeneration nicht heilen konnte. Anderthalb Wochen später, in denen sie völlig hilflos und verloren durch die Sümpfe gewandert waren, war Brynndrech an den Folgen dieser Verletzung gestorben, an simplem Wundfieber. Trotz ihres Wissens über Heilpflanzen und Medizin hatte Keelin hilflos dabei zusehen müssen.

Und nun war sie zurückgekommen. Sie hatte mit den Jarlen, wie die Germanen ihre Magier nannten, reden wollen, nur reden; stattdessen hatte man sie nahezu wortlos in das Kellergeschoss des Turms der Harburg gesperrt, wo sie nun der Dinge harrte, die da kommen mochten.

Über sich hörte sie schwere Schritte, beginnend aus der Richtung, wo sie die Eingangstüre zum Turm vermutete. Es waren mehrere Personen, doch Keelin konnte nicht einschätzen wie viele. Eine Zeitlang rumorte es, die leisen Stimmen einer gedämpften Unterhaltung drangen durch die Spalten in den Holzbalken der Decke zu ihr herab. Es waren allesamt Männerstimmen, was Keelin nicht sonderlich überraschte. Die Harburg war ein Vorposten im Niemandsland des Elbwatts, von dem aus die Germanen Raubzüge in das von den Schatten verseuchte Hamburg unternahmen. Es war kein Ort für Frauen, die bei den Germanen wie bei den Kelten größtenteils traditionelle Rollen wie Hausarbeit und Kindererziehung zu erfüllen hatten. Es war einer der wenigen Punkte, die Keelin an der Innenwelt sauer aufgestoßen waren. Heute war es ihr egal. Selbstverwirklichung der Frau? Lächerlich. Die Schatten hatten die Stämme mit dem Rücken zur Wand, Überleben stand an erster Stelle. Die Selbstverwirklichung der Frau konnte warten.

Keelin schüttelte den Kopf. Sie war zynisch geworden im letzten Jahr.

Bald wurde es wieder ruhig. Keelin vermutete, dass die Männer zu einer Bootsbesatzung gehört hatten, die gerade von einer Patrouille oder einem Raubzug zurückgekehrt waren. Nein, vermutlich nicht von einem Raubzug: Nach dem Untergang Hamburgs in der Feuersbrunst des Dämons würden es die Germanen gewiss nicht wagen, den Feind nur eine Nacht später wieder zu provozieren.

Erneut begann ihre Lage unbequem zu werden. Ihre Ketten klimperten, als sie sich wieder hinlegte. Ein Krampf durchlief ihren Unterleib und ließ sie für ein paar Sekunden erstarren. Als er vorüber war, entschied sie, nun verzweifelt genug zu sein. Mühsam stand sie auf, zog ihre Hose hinab und hockte sich über den Kübel. Sie seufzte, als sie sich endlich entspannen konnte.

Über ihr quietschte in der Decke ein Balken und erschreckte Keelin. Gleich darauf hörte sie Schritte, leise Schritte, die ihr ohne das Quietschen gar nicht aufgefallen wären. Sie führten zielstrebig zur Falltür.

Keelin verdrehte die Augen. Das muss natürlich jetzt sein!, fluchte sie innerlich, während sie sich hochstemmte und versuchte, ihre Hose hochzuziehen. Einmal mehr verwünschte sie die Germanen, die die eisernen Armringe um ihre Handgelenke nicht nur mit der Wand verbunden hatten, sondern auch untereinander, so dass sie sie größtmöglich behinderten.

Sie schaffte es gerade noch rechtzeitig, bevor sich die Falltür öffnete und der flackernde Lichtschein einer Fackel herabfiel. Verschämt schob sie mit dem Fuß den Kübel zur Seite und versuchte den intensiven Uringeruch zu ignorieren. Die Leiter wurde nach unten gelegt, ein Mann kletterte herab. Er sah sich kurz um, steckte die Fackel in seiner Hand in einen gusseisernen Halter an der Wand und wandte sich Keelin zu.

Sie blinzelte im Licht, versuchte, die Tränen wegzuzwinkern, die die plötzliche Helligkeit nach Stunden der Finsternis in ihre Augen trieb. Ihr Besucher war ein kleiner, muskulöser Mann, so viel konnte sie erkennen, doch seine Züge blieben in den Schatten verborgen, die das flackernde Licht der Fackel in sein Gesicht warf.

»Du hast dem Mörder geholfen«, erklärte er auf Englisch. Seine Stimme war eine unauffällige Männerstimme, etwas höher vielleicht als der Durchschnitt, sein Tonfall neutral und emotionslos.

Keelin zog die Augenbrauen nach oben. Interessanter Beginn. »Welchem Mörder?«, fragte sie nach, überrascht darüber, keine Angst zu verspüren.

Der Germane seufzte. »Bitte lass diese Spielchen, ja?« Er hatte fettiges braunes Haar, das flach an seinem Kopf klebte, wie wenn er noch vor kurzem einen Helm getragen hätte. Seine Kleider hatten zahlreiche Schnitte und Risse, deren Ränder oft dunkelbraun verfärbt waren. Er musste in diesen Kleidern gekämpft haben, schloss Keelin. Dem intensiven Schweißgeruch nach zu urteilen, war es noch nicht allzu lange her.

»Das sind keine Spielchen«, erwiderte Keelin. »Ich weiß wirklich nicht, wovon Ihr redet, Herr.«

Der Mann sah zur Seite, schnaubte abfällig, fuhr sich mit einer Hand durch das fettige Haar. Er wirkte nicht so, als ob er jetzt gerne hier unten war. »Alles klar. Du weißt natürlich von gar nichts.«

Keelin unterdrückte einen Seufzer. Das hier konnte ein sehr anstrengendes Gespräch werden. »Nein, Herr.«

»Du bist einer der Druiden, die vom storthing geflohen sind?«, erkundigte er sich.

Keelin versuchte erfolglos, nicht an Brynndrech zu denken. Die Flucht, der Kampf Brynndrechs gegen den germanischen Jarl, in dem er verletzt worden war, weil Keelin zu feige gewesen war, ihm zur Seite zu stehen … Sie schluckte mehrmals, nickte schließlich. »Ja.« Ihre Stimme klang belegt.

Der Germane sah bedrückt zu Boden. »Warum wolltet ihr sie töten?«, flüsterte er schließlich. »Warum bloß wolltet ihr sie töten?«

»Wen denn, Herr? Um wen geht es denn überhaupt?«

»Um Gudrun!« Der Mann blickte auf, sah ihr fest in die Augen. Seine Augen waren braun, rehbraun und unendlich traurig. Dann ließ er seinen Blick jedoch wieder sinken und hob seine Hand zu seinem Mund, um an einem der Nägel zu kauen. Sein rechtes Augenlid zuckte nervös. »Die Frau, die am storthing die Rede gehalten hat.«

Keelin dachte scharf nach. Ja, da war eine Frau gewesen – die einzige, um genau zu sein. Eine kleine Frau, noch kleiner als Keelin selbst, mit kurzen blonden Haaren und einem blassen Teint, schlank und drahtig. Sie hatte die Begrüßungsrede gehalten. Eine gute Rede, wie Keelin damals empfunden hatte, freundlich und respektvoll. Sie hatte sich bei den alliierten Völkern für ihr Kommen bedankt, hatte sich sogar für die Toten des Germanenaufstandes entschuldigt. In Keelins Augen war diese Frau die willkommenste Mitstreiterin für den Frieden gewesen, die sie sich hätte wünschen können. Sie umbringen zu wollen war völlig absurd.

Sie hielt abrupt mit dem Gedanken inne. Beim storthing waren ausschließlich germanische Fürsten geladen gewesen. Das bedeutete, dass der Mann, der vor ihr stand, ein Jarl war …

»Jetzt weißt du, wovon ich spreche«, murmelte der Germane.

Keelin nickte, denn plötzlich traute sie sich nicht mehr, den Mund aufzumachen. Ihre Ahnenstimmen hatten angefangen, gegen den Mann zu hetzen. Ein Jarl der Germanen, schimpften sie, wir dulden ihn nicht! Eine schärfere Stimme, klar und gut verständlich, zischte plötzlich: Tu etwas! Los, tu etwas!

Doch Keelin konnte nichts tun, ihre Arme waren gefesselt, und selbst ohne ihre Ketten wäre sie nicht bereit gewesen, auf diesen fremden Jarl loszugehen. Sie war eine Botin des Friedens, sie würde ihren Stimmen nicht nachgeben. Stattdessen riss sie sich zusammen und wartete mit demütig gesenktem Haupt darauf, dass der Germane weitersprach.

»Ich möchte doch nur wissen warum, das ist alles!«, stieß dieser aus. »Was hat sie euch je getan? Sie hat alles dafür getan, die Opfer des Aufstandes so gering wie möglich zu halten! Sie hat sich so angestrengt, es allen recht zu machen, sie hat sich wortgetreu an die Abmachung mit Häuptling Aouregan gehalten! Was hätte sie denn noch tun sollen?« Seine Stimme begann bei den letzten Worten zu zittern, Keelin konnte spüren, wie sehr sich der Mann beherrschen musste, um nicht in Tränen auszubrechen.

»Ich weiß es nicht«, erwiderte sie gepresst. »Wo hat sie denn geherrscht?«

»In Åndalsnes«, murmelte er. »Das liegt am Romsdalsfjord.«

Keelin horchte auf. Für einen Moment hielten sogar die Stimmen inne, vielleicht waren sie ebenso überrascht wie sie. Derrien Schattenfeind stammte vom Romsdalsfjord. Er hatte wie sie zur keltischen Delegation beim storthing gehört.

»War Derrien Schattenfeind unter denen, die dem storthing entkommen konnten?«, fragte sie nach.

»Derrien Schattenfeind?« Der Germane starrte sie intensiv an. »War der etwa dort?«

»Ihr kennt ihn?«

»Er ist der Anführer der Waldläufer«, knurrte der Jarl. »Seine Männer haben schon einmal versucht, Gudrun zu töten. Wenn er zu der Gesandtschaft gehört hat, dann –«

– hat Derrien auch das Attentat verübt, dachte Keelin seinen Satz zu Ende. Ja, zuzutrauen wäre es dem Schattenfeind jedenfalls. Das Einzige, was sie daran wunderte, war die Tatsache, dass er nicht erfolgreich gewesen war. Bei etwas zu versagen war so gar nicht Derriens Art … »Also ging das Attentat doch von den Kelten aus«, murmelte der Germane. Sein Blick glitt ins Leere, seine Hände ballten sich zu Fäusten.

»Ich fürchte es, Herr.«

Er schwieg, doch sein Atem wurde langsam lauter, angestrengter. Keelin sah, dass er seine Schultern gestrafft hatte, seine Hände zu Fäusten geballt. Ein Zittern lief durch seinen Körper. »Nein!«, stammelte er, während Schweißperlen auf seine Stirn traten.

»Alles in Ordnung?«, fragte Keelin besorgt. Ihre Beinfesseln klirrten, als sie instinktiv einen halben Schritt auf ihn zumachte.

»Bleib weg!«, zischte er. »Bleib mir vom Leib!« In seiner Stimme klang deutlich Wut hervor. Keelin verstand nicht ganz, woher sein Ärger so plötzlich kam. Sie sah, dass er zitterte, die Kiefer so hart aufeinanderpresste, dass die Kaumuskeln in seinen Wangen und Schläfen deutlich hervortraten.

»Aber ich wollte Euch doch nichts tun«, versuchte Keelin ihn zu besänftigen. »Ich wollte doch bloß helfen –«

»Nein!«, rief der Germane erschrocken, »Hört auf!« Seine Stimme klang plötzlich verzweifelt. Er wich vor ihr davon, rückwärts, mit vorsichtigen Schritten in Richtung der Leiter. »Ihr habt keine Macht über mich!«

Und dann verstand Keelin plötzlich das Problem. Entsetzt starrte sie ihn an. Es waren die Stimmen. Er war ein Jarl, somit vermutlich ebenso für die Stimmen anfällig wie sie selbst. Sie versuchten ihn aufzustacheln, flüsterten in diesen Augenblicken ihre hasserfüllten Forderungen in sein Ohr. Keelin war völlig klar, dass sie es war, die den Zorn seiner Ahnen hervorgerufen hatte. Eine Welle aus Angst jagte durch ihren Körper, doch sie hielt ihr stand und hob langsam ihre Hände. »Beruhigt Euch, Herr. Ich bin nicht hier, um mit Euch zu streiten!«

»Schweig still!«, schrie er. »Ich will nicht, dass … Nein! Nein, hört auf! Hört …« Er erstarrte, jeder einzelne seiner Muskeln zum Zerreißen gespannt. Ein erneutes Zittern lief durch seinen Körper.

Keelin drehte ihre Handflächen in seine Richtung, so dass er sehen konnte, dass sie nichts in ihnen verbarg. »Ich wollte Euch nichts tun, Herr«, murmelte sie und fügte, an Brynndrechs Schicksal zurückdenkend, verbittert hinzu: »Ich wollte niemandem etwas tun …«

Doch er hörte sie nicht mehr. Der Jarl war zu weit weggetreten, um noch etwas von seiner Umgebung wahrzunehmen. Er war an dem Ort, an den sich Jarle und Druiden zurückzogen, um das letzte Verzweiflungsgefecht gegen die Stimmen zu schlagen, kurz bevor sie sich wieder unter Kontrolle bekamen – oder in die Blutwut der Ahnen verfielen. Keelin wagte es nicht, sich zu bewegen, aus Angst, die Entscheidung in die falsche Richtung zu lenken.

Es machte keinen Unterschied. Sie konnte mit ansehen, wie sich seine Mimik langsam von erschrocken-verzweifelt umwandelte in entschlossen-wütend. Er kämpfte, aber er verlor.

Schicksalsergeben schloss sie die Augen. Bormana und Lug, betete sie, steht mir bei in dieser dunklen Stunde. Lug, strenger Fürst, habt Nachsicht in Eurem Urteil über mich! Bormana, Mutter meines Volkes, nehmt mich auf in Euren Schoß! Morrigan und Dagda, steht mir –

Weiter kam sie nicht mehr. Der Jarl stieß einen hasserfüllten Schrei aus und warf sich auf sie. Sein Angriff traf sie nicht unvorbereitet, doch ihre Konstitution war nicht dafür geschaffen, seine Schläge wegzustecken. Ein heftiger Schmerz flammte in ihrem Bauch auf, genau unterhalb der Stelle, an der ihre Rippen aufeinandertrafen, und ließ sie wie ein angestochener Luftballon zu Boden gehen. Sie schmeckte Galle auf ihrer Zunge, als sie japsend versuchte zu Atem zu kommen. Sie spuckte aus und konzentrierte sich auf ihre Magie, auf die Kraft der Schmerzkontrolle, mit der sie versuchte, die Prügel zu ignorieren, die der Jarl auf sie herabregnen ließ. In seiner Wut waren seine weiteren Schläge ungezielt und schwach, er traf sie zwar mehrere Male an Hüfte und Brustkorb, doch ihre Magie ließ den Schmerz aus ihrem Körper fließen wie Wasser durch einen Abfluss.

Dann holte er mit seinem Bein aus und trat zu.

Sein schwerer Stiefel traf sie in der Flanke. Sie hörte ein ganz deutliches Knacken, während der Schmerz wie ein Blitz durch ihren Körper zuckte. Hart fiel sie auf den Bauch, versuchte erneut, ihre Magie heraufzubeschwören, als sie schon der nächste Tritt traf und noch einer und noch einer. Es gelang ihr, sich auf die Seite zu drehen, in eine fötale Position mit angewinkelten Beinen und eingezogenem Kopf, während weitere Schläge und Tritte auf sie herunterprasselten. Sie wusste nicht, wie oft sie getroffen wurde, an Beinen und Hüften, am Bauch, an der Brust, immer wieder an den Armen und mehrmals am Kopf, so dass Sterne vor ihren Augen tanzten. Einer der Tritte riss ihr fast das Ohr ab, die Welt drehte sich, ihr wurde speiübel. Ihre Magie war vergessen, ohne Konzentration unerreichbar. Und noch immer steckte sie ein, weitere Tritte, immer noch mehr. Sie spürte Blut auf ihren Armen und Beinen, schmeckte Blut auf der Zunge, spürte es mit jedem Atemzug in ihrer Lunge rasseln. Ein harter Tritt erwischte ihren Kopf und brach krachend Schneidezähne aus ihrem Kiefer.

Dann hörte es schlagartig auf.

Keelin regte sich nicht. Sie wagte nicht, die Augen zu öffnen, auch nur einen einzelnen ihrer Muskeln zu entspannen, aus Angst, damit weitere Schläge zu provozieren. Doch die Schmerzen ließen nach, als die große Wärme der druidischen Regeneration durch ihren Körper lief und anfing, die Schäden zu reparieren. Als die Prügel noch immer ausblieben, konzentrierte sie sich auf ihre Kraft und bannte die noch verbliebenen Schmerzen davon.

Vorsichtig blinzelte sie. Der Jarl stand noch immer über ihr, wandte ihr jedoch inzwischen den Rücken zu. Am Fuß der Leiter stand eine mächtige Gestalt, ein großer Krieger mit Schultern wie ein Bär und Armen so dick wie ihre Oberschenkel. Seine Hände waren zu Fäusten geballt, sein kantiges Gesicht mit dem buschigen Schnurrbart war zu einer Fratze des Zorns verzogen.

»Bei Donars Hammer!«, bebte der Mann. »Bei den Eisriesen Niflheims! Aus meinen Augen! SOFORT!«

Für einen Moment dachte Keelin, die beiden würden aufeinander losgehen. Doch zu ihrer Überraschung gab der kleine Jarl sofort nach. Wie ein getretener Hund, mit zu Boden gewandtem Blick und fassungslosem Gesicht wich er dem Neuankömmling aus und kletterte hastig nach oben. Der Hüne sah ihm hinterher, bis der Jarl in der Dunkelheit über der Luke verschwunden war.

Der Mann atmete mehrere Male laut durch, um sich zu beruhigen, bevor er sich schließlich zu ihr umwandte. »Es tut mir leid. Ich hoffe, er hat Euch keinen bleibenden Schaden zugefügt.«

Keelin spürte, wie sich gerade zwei neue Schneidezähne durch ihr Zahnfleisch bohrten, um die alten zu ersetzen. Die oberflächlichen Schürfungen und Hautverletzungen hatten sich bereits geschlossen, während sich in ihrer Brust bereits die Enden der zerbrochenen Rippen aufeinander zubewegten. Sie hatte die Kraft der Schmerzkontrolle noch immer aktiviert, weshalb sie die Unannehmlichkeiten der Regeneration nicht einmal spürte. Sie schüttelte den Kopf, spuckte dann einen Mundvoll Blut aus, bevor sie sprach. »Es ist alles in Ordnung.«

»Ihr seht nicht so aus.«

Keelin brachte sich in eine sitzende Position. »Doch, doch. Er hat mir nicht allzu sehr wehgetan.«

Der Mann reichte ihr den Arm. »Hier«, murmelte er und zog sie auf die Beine. »Ich werde jemanden holen, der Euch etwas Warmes zu essen und etwas Frisches zum Anziehen bringt.« Er rümpfte dabei kurz die Nase.

Erst jetzt fiel Keelin auf, dass der Kübel umgefallen war. Ihr Hosenbein war nass und kalt, was nicht davon kam, dass es sich voll Blut gesaugt hätte. Sie nickte dem Germanen dankend zu. »Keelin«, nannte sie ihren Namen und streckte ihm eine Hand entgegen.

Der Mann sah sie zögernd an. »Herwarth«, brummte er schließlich und ergriff sie mit einer seiner großen Pranken. »Ich bin Fürst dieses Haufens hier, Wolfgang ist einer meiner Männer. Ich bitte Euch noch einmal um Entschuldigung.«

»Angenommen.« Keelin versuchte ein schwaches Lächeln. »Aber ich bin wohl noch immer Eure Gefangene?«

Er nickte. »So lange, bis wir davon überzeugt sind, dass Ihr nichts mit dem Attentäter zu tun hattet.«

»Ich wusste bis gerade eben noch nicht einmal etwas von einem Attentat«, gab Keelin zu bedenken.

»Das fürchte ich auch. Habt keine Angst, wir werden Euch genau erklären, was wir Euch vorwerfen, bevor Ihr Euch verteidigen müsst.« Fürst Herwarth unterdrückte ein Gähnen. »Morgen. Wir haben alle einen langen Tag hinter uns.« Er sah nachdenklich an ihr vorbei. »Einen sehr langen Tag. Wir sprechen uns morgen.« Damit wandte er sich um und kletterte die Leiter nach oben. Keelin hörte durch die offen stehende Falltür, wie er seinen Männern Befehle gab.

Ein Frösteln lief durch ihren Körper. Sie setzte sich auf den Boden, zog die Beine an und schwang ihre Arme darum. Frierend wartete sie auf ihre frischen Kleider.

MICKEY (1)

Bergen, Norwegen

Dienstag, 02. November 1999

Die Außenwelt

 

Es war bereits tiefste Nacht, als die MS Jupiter am Bergener Kai anlegte. Im Schein der Laternen war deutlich der Nieselregen zu erkennen, das klassische Wetter, für das die Stadt in ganz Norwegen traurige Berühmtheit erlangt hatte. Nur wenige Leute waren auf den Straßen, nicht mehr als dunkle Schemen in der Finsternis, die eilig ihren Geschäften nachgingen, um so schnell wie möglich wieder nach drinnen zu verschwinden.

Es lag nicht am Regen, wusste Mickey. Wenn die Bevölkerung Bergens etwas gewöhnt war, dann war es Regen. Nein, es waren die Schatten, die heimlichen Herrscher der Stadt, die den Leuten Angst vor der Dunkelheit machten. Nachts verschwanden Menschen. Spurlos.

Und Mickey war nicht ganz unbeteiligt daran. Jahrelang hatte er im Auftrag der Schatten Menschen gejagt und sie mittels Bestechung, Versprechungen oder manchmal einfach nur simpler Gewalt gefügig gemacht, ihm in die großen, unterirdischen Gefängnisse zu folgen, die er extra für diesen Zweck hatte anlegen lassen. Er hatte gewusst, dass sie später auf den Opferaltären der Schatten landen oder als ihre niedersten Diener in die Innenwelt gebracht würden, eine Parallelwelt, die ihm als Rattenmenschen verschlossen blieb. Niemals hatte er seine Handlungen hinterfragt, der alte Hass, den die Rattenmenschen auf die echten Menschen hegten, war als Rechtfertigungsgrund immer gut genug gewesen.

Doch seit Hamburg ist alles anders.

Eine große Hand klopfte ihm unsanft auf die Schulter und schreckte ihn aus den Gedanken. »Kommst du oder was?«, blaffte Armstrong, eine der Ratten aus Mickeys Rudel. Der Mann war für einen Rattenmenschen beachtliche eins achtzig groß und wirkte mit seiner Bodybuilderfigur mehr wie eine Schrankwand als wie ein Rattenmensch. »Das verdammte Boot wartet nicht auf dich, weißt du?«

Mickey brauchte nicht auf die Uhr zu sehen, um zu wissen, dass es noch ein oder zwei Stunden dauern würde, bis die MS Jupiter ihre Rückreise in den Süden antreten würde. Aber im Grunde hatte Armstrong Recht: Es hatte keinen Sinn, hier noch länger Zeit zu vertrödeln. »Ich komme«, murmelte er und packte seine Sachen zusammen.

Seine Besitztümer waren nicht zahlreich, gerade mal eine Trinkflasche, die ihr Leben als Plastikbierflasche begonnen hatte, ein Bündel frischer Wäsche, geklaut in einem Bekleidungsgeschäft in Stavanger, sowie die schmutziggelbe Regenjacke eines in der Nacht erfrorenen Penners aus Hirthals. Er spielte kurz mit dem Gedanken, die Sachen hier einfach liegen zu lassen – schließlich hatte er in seiner Bude in der Stadt genügend eigenes Zeug –, aber er entschied sich dagegen. Man wusste ja nie. Er schlüpfte in die Regenjacke, was ihm mit seinem gelähmten rechten Arm nicht leichtfiel, trank das restliche Wasser in der Bierflasche aus und stopfte den Plunder dann in einen kleinen Rucksack.

»Hamburg hat uns reich gemacht«, kommentierte Spider. Wie Armstrong war er eins achtzig, doch hier endeten sämtliche Gemeinsamkeiten: Wo Armstrong breit war, war Spider schmal, Armstrongs Hauttyp war dunkel, während Spider ein Albino war, aus dessen blasser Haut die Adern hervorstachen, wie mit blauem Farbstift aufgemalt. Seine roten Augen funkelten zynisch, als er hinzufügte: »Reich und mächtig.«

Mickey machte sich nicht die Mühe, ihm zu antworten. Stattdessen trat er an ihm vorbei und übernahm die Führung seines kleinen Rudels. In den spiegelnden Fenstern des Speiseraums sah er, dass Armstrong ihm dichtauf folgte, während Spider mit einer spöttischen Verbeugung Colt den Vortritt ließ und selbst die Nachhut übernahm. Über eine der Treppen erreichten sie schnell das Hauptdeck, wo an der Landebrücke ein gelangweilter Steward wartete.

»Großartiger Job«, kommentierte Armstrong hämisch. »Macht es Spaß, Junge?« Der Mann holte Luft für eine Antwort, doch Armstrong beruhigte ihn mit einer Geste. »Hier, haste was für deine Geduld. Kauf dir ’n Drink oder was.« Er drückte dem Steward etwas in die Hand, bevor er den anderen über die Gangway auf den Kai folgte.

»Was hast du ihm gegeben?«, fragte Mickey müde. »Eine Krone?« Er kannte seine Ratten gut genug und konnte sich nicht vorstellen, dass Armstrong die Gelegenheit ausgelassen hatte, den Mann noch weiter zu provozieren.

»Einen Hosenknopf. Meinen letzten Hosenknopf. Ich sag dir, das Arschloch, von dem ich die Klamotten habe, hat sich einen Dreck um seine Sachen gekümmert!«

»Es war ein verdammter Penner«, mischte sich Colt in das Gespräch. Colt war mit seinen siebzehn Jahren die jüngste Ratte des Rudels. Er war sportlich gebaut, mit seinen eins siebenundsechzig gerade so groß wie Mickey, und trug seine braunen Haare in einer grauenerregenden Vokuhila-Frisur. Seine Ohren waren mehrfach gepierct, seine braunen Augen nervös und unruhig, sein mädchenhaftes Kinn war mit mehr gutem Willen als Talent rasiert. »Was hast du erwartet? Designerscheiße von Adidas?«

»Ach«, blaffte Armstrong, »halt die Schnauze, wenn sich Erwachsene unterhalten!«

Mickey ignorierte das Gezanke seiner Rudelratten und zog die Jacke enger um sich. Nach dem beheizten Speiseraum des Fjordline-Schiffs war es draußen unangenehm kalt. Der Wind blies ihm den Regen ins Gesicht, die Tropfen trommelten in unregelmäßigem Rhythmus auf seine Kapuze und sickerten durch eine undichte Naht an seiner rechten Schulter. Bald brannten seine Augen, ein sicheres Zeichen dafür, dass der saure Regen in der Gegend noch ein bisschen saurer geworden war.

Willkommen zu Hause, Mickey.

Die von einer schmierigen Rußschicht bedeckten Fenster des Bistros am Ende des Kais waren hell erleuchtet. Neben ein paar gewöhnlichen Gästen in speckigen Mänteln oder bunten Regenjacken saß ein Rattenmensch, der ihnen entgegenstarrte. Mickey fühlte nur zu deutlich, wie er gescannt wurde, dann sprang der Mann auf und verschwand. Kurz darauf ging die Eingangstür auf, und drei Typen erschienen. Mickey kannte sie alle – es waren Cannon und zwei seiner Rudelratten. Die beiden trugen Regenjacken, der eine blau, der andere schwarz, mit über den Kopf gezogenen Kapuzen. ...

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