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Schatten über Manderley

1. KAPITEL

Der Blick aus den Panoramafenstern des Reisebusses zeigte mir eine fremde Welt. Überall sah ich Kiefern, keine Palmen.

Ich bin in St. Augustine in Florida aufgewachsen. Der tägliche Strandbesuch gehörte zu meinem Leben. Wenn ich meinen Labrador Jasper spazieren führte, hieß das, in der Brandung zu spielen und einen Tennisball in die Wellen zu werfen. Aus meinem Wagen stieg ich selten, ohne auf den heißen Sitzen festzukleben.

Und jetzt war ich hier gelandet. Das Mädchen, das aus der Wärme kam.

Wir fuhren einen Highway entlang, der von hohen, dichten sattgrünen Bäumen gesäumt war. Die Sonne hatte sich für heute bereits verabschiedet. Es waren zwölf Grad, dabei hatten wir erst den zweiten September. Meine Freunde zu Hause in St. Augustine gingen jetzt immer noch jeden Tag nach dem Unterricht schwimmen und besetzten die Tische vor den Restaurants. Ich vermisste das alles schon jetzt.

Ich ließ die ganze heimelige Wärme meines Zuhauses zurück, meine besten Freundinnen und ein richtig gemütliches riesiges Bett am Fenster. Von dem aus konnte ich den Strand überblicken, dessen sandiger und salziger Geruch mein Zimmer erfüllte. Auf all das verzichtete ich, um ein Internat im Norden zu besuchen. Wo ich niemanden kannte.

Meine Eltern hatten das eine „Überraschung“ genannt. Meine armen, irregeführten wunderbaren Eltern. Jedes Jahr hatten sie für mich eine Bewerbung abgeschickt, nachdem ich in der achten Klasse darum gebettelt hatte, in ein Internat gehen zu dürfen. Diese Schule hatte ich irgendwie ausgegoogelt und dann aufgeregt meine Eltern zu mir an den Computer gerufen, um ihnen vorzuschwärmen, wie super das doch da sein müsste.

Das war kurz nachdem ich sämtliche Harry-Potter-Bände ausgelesen hatte. Zu dem Zeitpunkt – große Überraschung! – hätte ich alles dafür gegeben, von hier mit dem Versprechen weggelockt zu werden, dass in meinem Leben noch was ganz Fantastisches auf mich wartete. Nachdem meine erste Bewerbung abgelehnt worden war, hatte ich wie ein Baby geheult.

Doch als meine Eltern mir dann nach Jahren die Früchte ihrer geheimen Bemühungen präsentierten, hatte ich gerade begonnen, mein einfaches Leben auf der hiesigen Highschool wirklich zu lieben. Das hatte nicht mal was damit zu tun, dass man erst zu schätzen lernt, was man hat, wenn es nicht mehr ist. Ich war die ganze Zeit wirklich happy. Es war ein behütetes und bequemes Leben.

Ich hatte eine beste Freundin, Leah, die in einer Beziehung steckte, die sie mit zuverlässiger Regelmäßigkeit beendete und wieder neu anfing. Dann gab es noch eine Crew von eher lockeren Freundschaften, die immer viel Spaß brachten. Dazu kam meine echt fantastische kleine Familie, auf die ich mich immer freute, wenn ich nach Hause kam.

Wenn mal wirklich alles in meinem Leben schieflief, versicherte mir meine Mutter, das einzig Wichtige, was ich bräuchte, wäre eine Pediküre. Und schon waren wir unterwegs. Mein Vater wiederum kam dann mit Pfefferminzschokolade und einer Packung Pringles vom Supermarkt, weil er wusste, dass man mich mit Junk Food glücklich machen konnte.

Meine vier Jahre alte Schwester Lily heiterte mich regelmäßig mit einer Kreidezeichnung auf. Ganz zu schweigen von der warmen Meeresbrise, die nachts durch mein Zimmer hauchte, während ich mit dem zu meinen Füßen zusammengerollten Jasper wegschlummerte.

Ach, dieses Gefühl … Das fehlte mir jetzt schon.

Gestern Abend schien eine Ewigkeit her zu sein.

Jedenfalls, eines Nachmittags riefen mich meine Eltern in die Küche. Ich hatte mich im Garten hinterm Haus gesonnt und ein Hörbuch gehört. Lily saß am Tisch und verschlang Makkaroni mit Käse, und meine Eltern strahlten.

„Was gibt es denn?“ Meine Mutter, dieses offene Buch, sah aus, als würde sie jeden Moment platzen.

„Wir haben eine kleine Überraschung für dich“, sagte mein Dad grinsend.

„Du bist in die Manderley aufgenommen worden!“, rief meine Mutter aufgeregt.

Sie liebte es, freudige Nachrichten zu verbreiten, Klatsch und Tratsch. Aufregung, Partys und Wein waren einfach ihre Welt. Aufgewachsen war sie im Herzen von Paris, umgeben von nicht weniger wunderbaren Geschwistern. Wenn sie etwas sagte, sprudelte jedes Wort aus ihrem Mund wie prickelnder Champagner. Ich lächelte, weil mir gar nicht klar war, was sie mir da gerade eröffnet hatte und was das für mich bedeutete.

„Wie bitte?“

„Manderley Academy.“ Mein Dad hielt eine Broschüre hoch. „Wir wissen, wie sehr du dir das immer gewünscht hast. Du bist angenommen, Süße!“

Er kam auf mich zu, um mich zu umarmen. Meine Mutter, die aufgeregt hin und her hüpfte und ständig in die Hände klatschte, stürzte ebenfalls auf mich zu.

So wie das alles ablief, konnte ich gar nichts dazu sagen. Sie waren viel zu begeistert. In den folgenden Wochen ließ ich hier und da eine kleine Bemerkung fallen und durchblicken, dass es für nur ein Jahr vielleicht doch zu teuer wäre. Aber sie versicherten mir, das Schulgeld wäre längst bezahlt, und dieses Jahr würde mir dabei helfen, ein Stipendium für die Universität zu bekommen.

„Im Grunde sparen wir dabei sogar noch Geld“, behauptete mein Vater, während meine Mutter gurrte, das sei einfach super-duper-perfekt!

Meine beste Freundin Leah half mir geduldig, den restlichen Sommer über vor meiner Abreise so viel Heimat wie möglich in mich aufzusaugen. Jeden zweiten Tag bestellte ich Kokosnuss-Shrimps in meinem Lieblingsrestaurant, in der Hoffnung, dass es mir irgendwann zum Hals heraushing. Stattdessen sorgte ich wohl eher dafür, dass ich immer verzweifelter daran dachte, sie bald nicht mehr zu bekommen.

Leah und ich gingen jeden Tag an den Strand ohne Ausnahme. Ich müsste mich für das ganze Jahr vorbräunen, meinte sie. Das ganze, lange, kalte Jahr im Norden.

In diesen drei Monaten waren die Tage so kurz wie nie zuvor. Meine Freunde erschienen mir lustiger und ausgelassener denn je. Die Jungs kamen mir viel aufregender vor, die Nachbarn waren auf einmal viel freundlicher und mein Zuhause gemütlicher. Niemand stritt mit mir, niemand war schnippisch. Alles schien so perfekt.

Doch dann neigte sich der Sommer dem Ende zu, so wie das mit allen guten Dingen irgendwann passierte.

Ich verabschiedete mich von all meinen Freunden. Ich wusste, dass bei unserem Wiedersehen nichts mehr so sein würde, wie es war. Jasper bekam von mir die größte Umarmung. Meine Schwester tröstete ich mit einer riesigen Tüte Popcorn und dem Versprechen, bald wieder nach Hause zu kommen. Ich dankte meinen Eltern erneut für ihre gelungene Überraschung und trottete zum Flugzeug nach New Hampshire.

Da war ich nun Stunden später, fuhr durch Viertel mit großen alten viktorianischen Häusern und versuchte Palmen und Mangosoße zu vergessen, verdrängte jeden Gedanken an Ballspiele abends am Strand.

Die Abstände zwischen den Häusern zu beiden Seiten der Straße wurden größer, bis es schließlich gar keine Bebauung mehr gab. Dann bogen wir in eine lange schmale Kiesauffahrt ein, die zu beiden Seiten von riesigen grünen Bäumen gesäumt war. Taxis, Privatautos und andere Busse standen in der Auffahrt. Eine Viertelstunde brauchten wir, bis wir durch den Stau ans Ziel kamen. Und dann sah ich das besagte Internat zum ersten Mal in Natura.

Manderley.

In dem Moment, wo es vor meinen Augen auftauchte, nahm es mir buchstäblich den Atem. Das Gebäude war alt, riesig groß, und in der Dämmerung konnte ich undeutlich erkennen, dass es dicht mit Efeu bewachsen war. Goldenes Licht strömte aus den Fenstern mit den Rollläden. Ringsumher sprossen jadegrüne Wiesen, umgeben von einem schmiedeeisernen Zaun.

Die schattenhaft an der kreisförmigen Auffahrt herumwuselnden Figuren wurden von hohen Lampen beleuchtet. Alle hievten ihre Koffer und Taschen aus Kofferräumen und liefen den langen gepflasterten Weg zum Haupteingang hoch.

Wir stiegen aus dem Bus, und eiskalte Luft umfing meine nackten Schenkel. Alle um mich herum trugen lange Jeans und Pullover. Mein Rettungsschwimmer-Sweatshirt, die ausgefransten Jeansshorts und die Flip-Flops wirkten echt ziemlich fehl am Platz. Ich war davon überzeugt gewesen, dass es hier noch nicht so kalt sein könnte.

Außerdem schleppte ich von allen im Bus das meiste Gepäck mit. Während der Fahrt hatte ich so einige Blicke auf mich gezogen, und ich nahm an, das war der Grund gewesen. Aber gab es nicht auch Neuzugänge und Wechsler? Warum war das denn so merkwürdig, dass ich Sachen für ein Jahr mitnahm, wenn ich vorhatte, ein Jahr zu bleiben?

Im Foyer sah ich eine Frau, die alle hereinkommenden Schüler in eine Reihe vor die Handyabgabe dirigierte. Achja. Die Handyabgabe.

Im Bemühen, etwas „traditioneller“ zu sein, hatte die Schulleitung beschlossen, dass Handys nur zwischen sieben und neun Uhr abends und an den Wochenenden benutzt werden durften. Und wir mussten sie dann jedes Mal abholen und unsere Zimmerschlüssel als Pfand dort lassen. Leah und ich hatten das alles bereits in den Briefen gelesen. Wir hatten auf ihrer hinteren Veranda im graublauen mückendichten Zwielicht gesessen, während ihr Dad für uns Burger und Hotdogs gegrillt hatte. Und wir lasen alles über die neuen Regeln, denen ich mich zukünftig zu beugen hatte.

Ich würde mir das Zimmer mit einem Mädchen teilen, das ich noch nie vorher gesehen hatte. Nächtliche Besuche zwischen Jungen und Mädchen würde es nicht geben, keine Internetgemeinschaften, außer auf einem speziellen Computer in der Bibliothek. Wir würden Uniformen tragen. Das Frustrierendste war für mich als neue Schülerin aber hier das Ding mit den Handys.

Das war wie im Gefängnis. Kein Kontakt zu meinen Freunden. Keine Besucher.

Nachdem ich zögernd mein geliebtes neues iPhone abgegeben und den Schlüssel in Empfang genommen hatte, fiel mir auf, dass ich gar nicht wusste, wo es langging.

Ich nahm meinen Mut zusammen und sprach zwei Mädchen auf der Treppe an. „Hallo. Ähm, tut mir leid, aber weiß eine von euch, wo es hier zum Zimmer fünfzehn geht?“

Die Mädchen wechselten einen bedeutungsvollen Blick. Die Brünette mit den großen Perlenohrringen und einer sehr schmalen Nase warf ihr Haar zurück und sah mich an. „Also du bist die Neue?“

„Ja, ich …“

„Super. Ich heiße Julia. Das hier ist Madison. Wir wohnen direkt bei dir gegenüber.“

„Ah, gut.“ Ich lächelte.

Sie verzog keine Miene.

„Du kannst uns folgen. Wir gehen gerade nach oben.“

„Okay.“

Folgen war ein komischer Ausdruck. Keine Rede von mitkommen. Oder uns begleiten. Stattdessen sollte ich wie ein Hündchen hinterherlaufen?

Sie machten sich auf den Weg, und ich versuchte mit ihnen Schritt zu halten.

„Wisst ihr beide eigentlich, wer in meinem Zimmer wohnt?“

Wieder wurden Blicke getauscht.

Die, die sich als Julia vorgestellt hatte, sah weiter geradeaus und erwiderte nur: „Ja.“

„Aha.“ Um das Schweigen zu unterbrechen, fragte ich: „Diese Handyverbote sind ja echt ätzend, oder? Wie haltet ihr das denn aus?“

Madison drehte sich zu mir um. „Du wirst dich dran gewöhnen.“

Es war klar, dass ich keine weiteren Fragen stellen sollte. Die nächsten zwei Treppenabsätze schwieg ich.

Die Türen auf den Gängen standen alle offen, und überall waren schwatzende und lachende Mädchen. Der Krach verstummte plötzlich, als wir hochkamen. Alle starrten uns an. Oder besser: mich.

„Hier ist es“, sagte Julia und deutete auf die einzige verschlossene Tür auf dem Flur.

Alle waren jetzt mucksmäuschenstill, und keines der Mädchen machte sich die Mühe, mich etwas unauffälliger anzustarren.

Ich streckte die Hand nach dem Türgriff aus, zögerte und klopfte schließlich. Keine Antwort. Ich drückte die Tür auf und stellte überrascht fest, dass im Zimmer Licht brannte und meine Zimmergenossin mit einem Buch in der Hand auf ihrem Bett saß.

„Hallo, bist du Dana?“, fragte ich. Dann fiel mir auf, dass beide Zimmerhälften bewohnt aussahen. „Bin ich im falschen Zimmer?“

Hatten sie mich deshalb alle angestarrt? Versuchten sie mich in Verlegenheit zu bringen?

„Nein.“

„Nein, du bist nicht Dana, oder nein …“

„Du bist hier richtig“, unterbrach sie mich ungeduldig, ohne aufzublicken. Ihr Gesicht war von einem glänzenden schwarzen Vorhang von Haaren verdeckt.

Ich stand da und fühlte mich wie eine Idiotin. Sie war nicht gerade entgegenkommend. „Tut mir leid, aber … warum sind dann die ganzen Sachen von jemand anders hier?“

„Das sind Beccas Sachen.“

Ein paar Sekunden des Schweigens vergingen, während sie langsam eine Seite ihres Buches umblätterte.

„Hm. Ach so.“ Ich räusperte mich wieder und trat von einem Bein aufs andere. Die ganze Zeit war ich mir der gespannten Stille hinter mir bewusst. Ich hatte den Eindruck, dass es Dana völlig egal war, ob ich hier für den Rest meines Lebens stehen bleiben würde, und überlegte, ob ich nun eintreten sollte oder nicht.

Schließlich hob sie den Kopf. Sie sah aus wie ein Gruftie. Die Haut spannte sich über ihren hohen spitzen Wangenknochen und war so weiß wie Julias Perlen. Sie hatte lange schwarze Wimpern, und ihre asiatisch wirkenden Augen waren dick mit Eyeliner umrandet. Sie sah ziemlich exotisch aus.

„Kommt sie … später vorbei, um ihre Sachen abzuholen?“, erkundigte ich mich, als sie nichts weiter sagte.

„Weiß ich nicht.“

„Was soll ich dann damit machen?“ Mir wurde heiß im Gesicht, und mein Selbstbewusstsein zerbröckelte langsam.

Mit ihren Katzenaugen blickte sie zur anderen Zimmerhälfte. „Ich habe schon was für sie zusammengepackt.“

Ich folgte ihrem Blick und entdeckte einen Louis-Vuitton-Koffer unter dem anderen Bett.

„Sieht so aus“, sagte ich.

Nachdem sie über irgendetwas nachgedacht hatte, sah sie mich wieder an. „Du solltest die Bettwäsche nicht benutzen.“

Ich ging ein paar Schritte auf das zweite Bett zu. Die Bodendielen ächzten.

„Halt“, sagte sie schnell. Sie legte ihr Buch beiseite, stand auf und kam herüber.

Ich wich einen Schritt zurück, als sie sehr langsam und bedächtig den Bezug von der Decke abzog. Bevor sie das Kissen berührte, zögerte sie einen Moment. Sie drückte es kurz an sich und entfernte dann den Bezug. Sehr merkwürdig. Aber ich sagte nichts.

Als sie fertig war, ging Dana schweigend zu ihrer Zimmerhälfte zurück und begann ihr eigenes Bett abzuziehen. Dann bezog sie ihre Decke und ihr Kissen mit Beccas Bezügen. Mir lief es eiskalt den Rücken hinunter. Irgendwann fiel mir auf, dass der Lärm draußen wieder eingesetzt hatte.

Als sie fertig war, legte sie sich aufs Bett und schloss die Augen. Ich kam mir sofort wie ein Voyeur vor und sah schnell weg.

Meine Koffer waren noch nicht angekommen. So setzte ich mich einfach auf die mit Nylonstoff bespannte Matratze, die man mir so widerwillig überlassen hatte. Nach einem verstohlenen Blick auf meine Zimmergenossin lehnte ich mich vor und betrachtete die Polaroidfotos an meiner Wand.

Die meisten zeigten ein hübsches Mädchen mit langem platinblonden Haar und einem affektierten Lächeln. Ich betrachtete die verschiedenen Schnappschüsse, auf denen sie mit unterschiedlichen Freundinnen zu sehen war. Immer in Pose, nie natürlich und entspannt. Meist war ein Typ dabei, bei dem es sich wahrscheinlich um ihren Freund handelte. Auf mehreren Fotos küssten sich die beiden. Er sah wirklich gut aus. Nicht einfach heiß und sexy, sondern richtig attraktiv mit seinem dunklen Haar und den hellen Augen. Auf keinem der Fotos lächelte er. Irgendwas war an ihm, das einen in Bann hielt.

Als es an der Tür klopfte, zuckte ich erschrocken zusammen. Ich warf einen Blick zu Dana hinüber, die sich nicht rührte.

„Herein!“, sagte ich und stand auf. Es waren Madison und Julia.

„Kommt ihr später runter zur Party?“, fragte Julia.

„So ’ne Willkommensparty?“

Madison verzog grinsend die Augenbrauen. „Nein …“

Ich zögerte und wog die Möglichkeiten ab. Einerseits riskierte ich Ärger, andererseits wäre ich gleich als Außenseiterin abgestempelt, wenn ich im Zimmer bleiben würde. Was konnte schlimmstenfalls passieren? Dass ich wieder nach Hause zurück musste?

„Ja, klar.“

Die beiden grinsten. „Cool“, sagten sie und gingen wieder. Ich blieb allein mit Dana im Zimmer zurück, die sich immer noch nicht rührte.

„Gehst du auch?“

Sie öffnete die Augen und starrte an die Decke. „Vielleicht. Eher nicht.“

„Okay.“ Ich setzte mich wieder aufs Bett. Nach ein paar weiteren Minuten wurde endlich mein Gepäck gebracht. Ich bat den Typen, es einfach auf dem Boden abzustellen. Dann stand ich vor dem Haufen und überlegte eine ganze Weile.

„Dana?“, sagte ich leise. Sie sah auf, und ich wurde unsicher. „Tut mir leid. Also … Meinst du nicht, ich sollte diese Fotos und den Rahmen und das alles abnehmen?“

Sie sagte nichts. Es war wirklich eine ungemütliche Situation.

„Ich meine, ich kann alles einpacken …“, schlug ich lahm vor und freute mich nicht gerade auf diese Aussicht.

Sie sagte noch immer nichts. Ich wünschte mir inzwischen nichts sehnlicher, als Leah eine SMS zu schicken und ihr mitzuteilen, wie vollkommen verrückt das hier alles war. Ich wollte sie wissen lassen, dass ich es gar nicht abwarten konnte, bis dieses Jahr vorbei wäre. Wir hatten beide eine Zusage von der Florida State University bekommen. Und obwohl die Boston University meine Bewerbung ebenfalls angenommen hatte, wollte ich mit Leah zur FSU und mir mit ihr dort ein Zimmer teilen.

Doch mein Handy lag in einem Schließfach. Ich versuchte, meine Klamotten in den Kartons und Koffern so anzuordnen, dass ich leicht rankam. Nachdem das erledigt war, legte ich mich auf mein neues Bett und versuchte die hellblauen Augen zu ignorieren, die mich von fast allen Fotos anstarrten. Ich holte den ersten Harry-Potter-Band heraus, in der Hoffnung, wieder etwas Enthusiasmus für Internate aufzubringen. Und wartete darauf, dass Madison und Julia kamen, um mich zu der Party mitzunehmen, mit der alles anfangen sollte.

2. KAPITEL

Vor einem Jahr

Becca sagte empört: „Also, ist das zu glauben, dass die mich hierher. geschickt haben?“

Sie saß mit übergeschlagenen Beinen und verschränkten Armen auf dem Rücksitz. Eigentlich war sie sich nicht mal sicher, ob der Taxifahrer sie verstand. Er nickte zwar ab und zu, schwieg aber ansonsten. Das war ihr jedoch völlig gleichgültig, sie musste Luft ablassen. „Und wissen Sie, warum?“

Der Taxifahrer warf ihr über den Rückspiegel einen Blick zu.

Becca lehnte sich vor. „Weil ich meine ‚Leistungen nicht halten kann‘. Glauben die denn, das wird jetzt einfacher? Die Typen hier werden doch wahrscheinlich büffeln wie die Idioten. Bestimmt sind alles nur Superhirne.“ Sie lehnte sich wieder zurück und schnaufte verächtlich. „Ich meine, das ist ja nicht der einzige Grund, warum sie mich hierhergeschickt haben. Ich hasse meine Eltern, alle beide. Meine Mutter war ja eigentlich immer okay, aber jetzt macht sie bloß immer das, was mein Dad sagt.“

Ein beifälliges Nicken vom Taxifahrer.

„Jawohl, das ist echt ätzend. Sie wissen nicht, wie sie mit mir umgehen sollen, also verfrachten sie mich hierher. Wunderbare Erziehungsmethoden.“ Becca schwieg einige Minuten, bis ihr ein weiterer Gedanke kam. „Außerdem ist es sowieso ihre Schuld. Hat das nicht immer was mit der Erziehung zu tun? Sind die Probleme mit sogenannten schwierigen Teenagern nicht die Auswirkungen von Vernachlässigung und Ablehnung?“

Nicken.

„Genau.“ Sie seufzte, als sie in die Einfahrt nach Manderley einbogen. Der Taxifahrer hielt hinter all den anderen auf dem langen Zufahrtsweg und stieg aus, um Beccas Koffer und Kartons auszuladen.

„Eine ganze Menge Zeug“, bemerkte er grinsend, als Becca auf ihren hochhackigen Stiefeln zu ihm nach hinten gestakst kam.

„Ja, weil das nämlich meine letzten zwei verdammten Jahre auf der Highschool sein werden. Die wollen mich noch nicht mal in den Ferien zu Hause haben. Also habe ich alles mitgebracht.“

„Geld.“ Er hielt die Hand auf.

„Ach so.“ Sie kramte in ihrer Handtasche, reichte ihm ihre Kreditkarte und wartete, während er damit im Wagen verschwand. Nach einem Augenblick brachte er ihr die Rechnung. Sie unterschrieb, und im nächsten Augenblick war er auch schon wieder eingestiegen und fuhr los.

Einen kurzen Moment überkam sie ein merkwürdiges Gefühl, als sie ihm hinterhersah. Sie war jetzt allein. Das war ihr erstes Jahr in einer völlig neuen Schule; sie kannte hier niemanden.

Becca seufzte, straffte die Schultern und folgte den anderen Schülern, die sich in einer Reihe vor einer Art Schalter anstellten, um ihr Handy abzugeben und den Zimmerschlüssel in Empfang zu nehmen. So lange konnte sie unmöglich warten. Sie ging zu dem Vordersten in der Schlange. Glücklicherweise war es ein Junge.

„Hallo, ich bin neu hier. Ist mir wirklich peinlich, aber ob du mich vielleicht vorlassen könntest? Ich würde sonst nicht fragen, aber mir ist so schlecht von der Fahrt hierher …“

Er musterte sie und nickte. „Okay geh vor.“

„Vielen, vielen Dank“, flötete sie. Entschuldigend sah sie alle anderen in der Reihe hinter ihm an. „Tut mir leid!“

Man bedachte sie mit verständnisvollen Blicken. Sie ging zum Schalterfenster vor. „Rebecca Normandy.“

Der Junge hinter dem Fenster reichte ihr ein Formular.

„Füll das mal aus.“ Sie trug ihre Daten ein und gab ihm den Zettel wieder.

„Hier ist dein Schlüssel und Informationsmaterial“, sagte der Junge.

„Super. Und wo sind die Zimmer?“

Er zeigte auf den Zugang zu den Mädchenschlafräumen. Sie lächelte ihn an und warf dann dem Schüler, der sie vorgelassen hatte, ebenfalls ein Lächeln zu.

Als sie sich umwandte, bemerkte sie, dass fast alle in der Eingangshalle sie beobachteten. Das gefiel ihr.

Was für eine Menge von grauen Mäusen, dachte sie.

Jetzt, wo sie in Manderley war, hatte sie nichts mehr zu verlieren. Sie könnte genauso gut beschließen, während ihres Aufenthalts hier der Hit zu werden. Wenn sie dann wieder ging, würde sich jeder an sie erinnern. Vielleicht aus einem anderen Grund als das letzte Mal, wo sie die Schule verlassen hatte. Die Waterford Highschool hatte ihr nicht gerade eine Gedenktafel gewidmet.

Die Blicke folgten ihr den ganzen Weg über bis hoch zu ihrem Zimmer. Als sie endlich davor angekommen war, fand sie die Tür offen vor. Ein dunkelhaariges Mädchen saß auf einem der beiden Betten, die andere Seite des Zimmers war leer.

„Ich heiße Rebecca. Du kannst mich Becca nennen, wenn du willst“, sagte sie mit einem kurzen Blick auf das Mädchen.

„Ich heiße Dana Veers.“

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