Logo weiterlesen.de
Schatten der Vergangenheit oder Das verfluchte Dorf

Zu diesem Buch:

Der Roman führt in ein kleines Dorf in der Region Semmering. So verschieden wie die Menschen in dieser Geschichte sind, so unterschiedlich sind auch ihre Wünsche und Ziele – Liebe, Glück, Sex, Besitz und Reichtum. Die Lehrerin Iphigenie ist nicht mehr ganz jung, aber den Mann fürs Leben hat sie noch nicht gefunden. Iphi, so nennen sie ihre Freundinnen, lernt durch Zufall einen älteren Mann, der wie ein Einsiedler in einem abgelegenen Haus im Wald wohnt, kennen. John ist nicht auf der Suche nach einer Beziehung gewesen, aber den Gefühlen, die er für Iphi empfindet, kann er sich nicht entziehen.

Einer, der nur das Geld sucht, ist der in Wien lebende Otto, der durch vorgetäuschte Liebe und erfundene Geschäfte an das Vermögen der Frauen, die auf seine Versprechungen hereinfallen, kommen will.

Die gefährlichste Suche ist jene nach Rache. Die irre Ideologie der Nazizeit treibt einen Mann, der noch nach Jahrzehnten eine Schande seiner Familie rächen will. Sein Wahnsinn bedroht nicht nur Iphi und John, sondern auch die Bewohner des Dorfs.

Norbert Zagler

Schatten der
Vergangenheit
oder
Das verfluchte
Dorf

ZEITGESCHICHTE

Berichte von Zeitzeugen über die letzten Monate des Zweiten Weltkriegs und die letzten Kämpfe im Gebiet Semmering, Rax und Wechsel. Das bevorstehende Ende des Kriegs war abzusehen. Durch fanatisierte Mitglieder der NSDAP und der Hitlerjugend wurden in diesen Tagen noch Verbrechen an unschuldigen Zivilisten begangen. Wegen angeblichen Landesverrats wurden nach fadenscheinigen Prozessen Todesurteile ausgesprochen und unter grausamen Umständen vollstreckt.

31. März 1945: Die Aufregungen werden immer größer, da die Russen schon bis Kirchberg vordringen konnten. Unendliche Kolonnen von Flüchtlingen ziehen durch Schottwien.

1. April 1945: Um die Mittagsstunden konnten die Russen über Kirchberg bis Gloggnitz vordringen. Kleine Kämpfe in Gloggnitz und Schlöglmühl.

2. April 1945: Die Panzersperre in Schottwien wurde geschlossen, Schottwien geräumt. Die Russen rückten gegen Schottwien vor. Mittags 4 Russen in Schottwien gesehen…Nach kurzem Kampf fiel Schottwien in die Hände der Russen…Großer Waldbrand in Gloggnitz am Silbersberg…

3. April 1945: Am Nachmittag besetzten die Russen ohne Widerstand Klamm und die Ruine Klamm. Starker Waldbrand von Schottwien bei den Hirschstadeln bis zum Pfarrhof Klamm…SS Gebirgsjäger besetzen den Semmering, Breitenstein und den Kreuzberg, mit der höchsten Erhebung den Kobermannsberg…In der Ortschaft Klamm wurde die Lehrerin von den Russen vergewaltigt.

6. April 1945: Schießerei in den Adlitzgräben…

8. April 1945: Beschuss von Maria Schutz. Maierhof brannte…

12. April 1945: …um 15.15 begann bei uns der bis jetzt schwerste Kampf. Haus Wallner lag zwischen der deutschen SS und russischen Truppen.

23. April 1945: Da die Front beim Payerbacher Viadukt zum Stillstand gekommen war, wurde der am 1. April geräumte Gendarmerieposten Prein wieder besetzt. Neue Verhaftungswelle in Prein und Reichenau. Anna F. war mit ihren Bewachern bei ihrem Kaffeehaus in Reichenau, Hauptstraße 79, angelangt, wo sie in den Keller geführt und durch mehrere Pistolenschüsse getötet wurde. Die gerade vorbeikommende Gendarmeriestreife G. und Z. wurde von den schwer bewaffneten HJ-Burschen gezwungen, die Leiche der Anna F. aus dem Keller herauszutragen und an einem Gartenpfeiler aufzuhängen. Als den beiden Gendarmeriebeamten beim Anblick der entstellten Leiche übel wurde, wurden sie von den HJ-Jungen als alte Schlappschwänze bezeichnet. Anna F. war mit einem roten Fahnentuch umwickelt und trug um den Hals eine Tafel mit der Aufschrift „Ich war eine Verräterin!“

25. April 1945: Am Eichberg keine Schießereien. Den ganzen Tag kommen Russen ins Haus…

8. Mai 1945: Um 10.15 kam ein Russe und sagte, ein Deutscher Sender um 10.00 Uhr hat gesagt: Alle deutschen Truppen, auch in Österreich haben kapituliert.

10. Mai 1945: Auf der Straße fuhren unendliche Kolonnen von Pferden und Autos. Viele russische Flieger flogen ganz nieder über Wörth….zu Hause schaute es fürchterlich aus…Herr und Frau D. lagen noch immer unbeerdigt, so wie sie getroffen wurden, nur waren sie schon halb verwest.

11. Mai 1945: Herr B., Herr K. und Herr W. haben die Familie D. an Ort und Stelle ohne Sarg begraben. Diese Tagebücher sind noch nicht zu Ende, doch wiederholt sich alles, Gott sei Dank sind die Vergewaltigungen zurückgegangen, Plünderungen, Raub und Diebstahl leider weiter auf der Tagesordnung.

Sommer 1945: Zonengrenze in Tauchen. Nachdem die Engländer dann schon weg waren, hat die Jugend bei den Baracken am Sonntag oft mit der Ziehharmonika gespielt und getanzt. Einmal sind auch die Russen, zum Teil in Zivil gekommen, worauf die meisten aus Angst sofort nach Hause gelaufen sind. Aber es hat auch Österreicherinnen gegeben, die mit sowjetischen Offizieren Verhältnisse hatten. Ein sowjetischer Offizier, der bei einem Bauern oberhalb unseres Ortes ein Zimmer hatte, bekam immer Besuch von einer österreichischen attraktiven Frau. Im August 1955 haben uns die Russen dann verlassen. Das Haus meiner Tante haben sie mit langen Nägeln zugenagelt. Erst nach der Unterzeichnung des Staatsvertrages hat sie ihr Haus zurückbekommen.

Sommer 1946: An der Demarkationslinie wurde Johanna S. ermordet aufgefunden. Sie war vollkommen entkleidet und durch mehrere Messerstiche getötet worden. Der Mord war jedoch am Dachboden der Villa K. erfolgt und die Leiche danach erst an den Auffindungsort gebracht worden. Es dürfte sich um eine Eifersuchtstragödie gehandelt haben. Dann wurde wieder eine Frau von zwei Männern in sowjetischer Uniform vergewaltigt. Die Täter konnten von der sowjetischen Militärpolizei ausgeforscht und verhaftet werden.

Textteile der Tagebuchaufzeichnungen der 14-jährigen Hansi W. und der 16-jährigen Hermine W. Sowie Berichte der 17-jährigen Maria K. und Wilfried G., alle im Originalwortlaut, aus dem Buch: Geflüchtet, Vertrieben, Besetzt, von Friedrich Brettner, erschienen im Kral-Verlag GmbH, 2560 Berndorf.

WERWOLF

Eine vom Reichsführer SS Heinrich Himmler im Herbst 1944 gegründete Organisation für den Guerillakampf. Über diese Organisation ist nur wenig dokumentiert, obwohl es einige Ausgaben einer Werwolf-Zeitung und einen eigenen Sender gegeben hat. Die Werwölfe, eine Bezeichnung aus der germanischen Mythologie, sollten hinter den alliierten Linien Anschläge verüben und den Vormarsch des Feindes ins Deutsche Reich stören. Die Aufrufe fanden in der kriegsmüden Bevölkerung kaum Gehör. Gegen die alliierten Truppen wurden nur wenige Aktionen ausgeführt. Mehr Opfer gab es unter der einheimischen Bevölkerung, wenn fanatische Nazis vermeintliche Verräter ermordeten. In der deutschen Stadt Aachen traf dieses tragische Schicksal den Oberbürgermeister Openhoff. Er hatte die Stadt den Amerikanern übergeben. SS-Truppen eroberten die Stadt zurück, und zwei Männer richteten den Bürgermeister mit einem Kopfschuss hin. In Südbayern wurden mit Hilfe von Zwangsarbeitern Waffendepots angelegt. Als das Regime bereits am Ende ist, sendet der Werwolf-Sender noch immer Durchhalteparolen. Einige Aktionen verursachten bei den Besatzungsarmeen eine Hysterie, die nach Kriegsende zu einer unterschiedslosen Verfolgung von fanatischen Nazis, aber auch vollkommen unbeteiligten Jugendlichen und jungen Männern führte.

© Quelle: Wikipedia

PROLOG

Sie wehrte sich verzweifelt, mit allem, was ihr zur Verfügung stand. Sie schwang ihren Rucksack und wollte ihn dem Mann ins Gesicht schlagen. Einen Schlag mit der Handkante wehrte er ab. Sie wollte ihm einen Tritt in die Hoden geben, traf aber nur den Oberschenkel. Der Mann war nicht mehr sehr sicher auf den Füßen, trotzdem hatte sie keine Chance gegen ihn. Er war groß und massig. Sie wich zurück, bis ihr der Zaun den Weg versperrte. Dann war der Mann über ihr, riss sie um und drückte sie auf den Boden. Sein Gewicht auf ihrem Körper nahm ihr die Luft. Sein Atem roch übel nach faulen Zähnen und Schnaps. Sie versuchte noch, ihm einen Finger ins Auge zu stoßen, konnte ihm aber nur die Wange blutig kratzen. Der Mann packte sie und schloss seine Hände um ihren Hals. Sie hörte noch das wütende Bellen ihres Hundes und das Meckern der Ziege hinter dem Zaun, dann wurde es schwarz vor ihren Augen.

Es war der erste schöne Sonntag im April. Iphigenie hatte für die heutige Runde mit Bertl den Weg zur Höhe eingeschlagen. Beim Felsen oben war sie stehengeblieben. Der Aufstieg war anstrengender als ihre anderen Routen rund ums Dorf, aber kein Problem für ihre sportliche Kondition. Oben angelangt wurde sie mit einer eindrucksvollen Aussicht belohnt. Von den grünen Rücken der Ausläufer der Wiener Alpen zur Ebene hin, nach Süden und Westen zu Rax und Schneeberg, deren Bergflächen noch mit Schnee bedeckt waren. Die Hänge und tiefer liegenden Erhebungen zeigten schon Grün, aber der Frühling machte sich rar. Dieses Panorama war zu jeder Jahreszeit beeindruckend. Iphigenie atmete tief ein, wie um alles nicht nur mit den Augen aufzunehmen, sondern als Depot gegen ihre fallweise aufkommenden Depressionen in der Seele zu speichern. Heute war Sonntag und ein Mann an ihrer Seite fehlte ihr mehr als sonst. Einer, der diese Wanderung mit ihr machte, mit ihr sprach, ein Mensch, mit dem sie alles teilen konnte, Gutes und Schlechtes, Freud und Leid. Und dem sie in derselben Weise zur Seite stehen konnte.

Sexuell ging ihr nichts ab. Alles andere, was eine Beziehung erst richtig ausfüllt, war ihr mit der Liaison mit Eugen verwehrt. Sie bückte sich, um Bertl, ihren Beagle, zu streicheln, der sich zu ihren Füßen niedergelassen hatte. Der wenigstens war treu und immer bei ihr. Aber Eugen war genau genommen nicht untreu, zumindest ihr nicht. Er war verheiratet, das war was Anderes. Und dass er zu schwach war, sich von seiner Frau zu lösen, war auch was Anderes als Untreue. Ein Hallodri war er nicht. Das tröstete Iphigenie ein wenig. Es würde sich alles zum Guten wenden, wenn seine Kinder mit dem Studium fertig wären. Aber bis dahin würde Iphigenie eine alte Jungfer sein, bildlich gesprochen.

Sie folgte dem Weg weiter bis zu jenem Punkt, von dem aus man hinunter zur Stadt sah. Im Tal, zum Teil von einem Geländevorsprung verdeckt, breitete sich die kleine Stadt aus. Die Kirche mit einem Turm, der auch zu einer Burg gepasst hätte. Häuser, das Schloss auf einer Anhöhe, das Areal der großen Papierfabrik, der Fluss und dahinter die gerade Linie der Bahngleise, die dem Semmering zustrebten. Ein Bild wie eine Ansichtskarte, nur nicht so kitschig in den Farben. Es verleitete Iphigenie immer zum Philosophieren. Wie viele Menschen in diesen Häusern waren jetzt glücklich, wie viele unglücklich, wie viele besorgt über ihr Schicksal. Sie empfand etwas Tröstliches in diesen Gedanken, dass auch andere Leben nicht problemlos verliefen.

Iphigenie wollte sich zum Gehen wenden, als sie eine Rauchfahne bemerkte, die aus den Bäumen heraus in den Himmel stieg. Irgendwo da unten im Hang gab es ein altes Haus, von dem angeblich niemand im Dorf wusste, wer das gebaut und wer darin gelebt hatte. Beim Stammtisch nach der Chorprobe hatte Iphigenie einmal eine ältere Kollegin, eine Bäuerin gefragt, aber die glaubte nur zu wissen, dass es einmal als Jagdhaus gedient hätte und es seit Jahrzehnten leer stünde. Aber geh dort nicht hin, der Wald ist verflucht, dort sind Menschen verschwunden. Als Iphigenie weiter bohrte, murmelte die Frau nur etwas von der Nazi-Zeit, niemand redete gerne darüber. Iphigenie fragte sich, wieso da jemals einer eine Baugenehmigung bekommen hatte. Bei der heutigen Bauordnung wäre das nicht möglich. Aber in den Anfangsjahren des vorigen Jahrhunderts waren die Behörden noch nicht so streng. Oder es gab keine Vorschriften, keinen Gedanken an den Schutz der Umwelt. Ein Haus mitten im Wald hatte nicht als Gefährdung der Natur gegolten. Die restriktiven Normen für Bauland, Grünland, landwirtschaftliches Gebiet wurden erst später aufgestellt.

Iphigenie ging ein paar Minuten den Höhenweg weiter und hatte den dichter werdenden Rauch immer im Blick. Sie zögerte, den Notruf 122 zu wählen. Sie wollte sich selbst ein Bild machen. Ein Waldbrand konnte gefährlich werden. Aber es war April, gestern hatte es fast den ganzen Tag lang geregnet. Im Sommer war ein Brand viel bedenklicher. Iphigenie würde das klären. Mit der, durch viele Schuljahre erworbenen Autorität, würde sie die Sache in Angriff nehmen.

Ein zögerlicher Mensch wäre vielleicht stehengeblieben, hätte die Feuerwehr gerufen und das weitere Geschehen nur beobachtet. Iphi zögerte nicht und tat den ersten Schritt. Wie sehr der ihr weiteres Leben beeinflussen würde, konnte sie nicht voraussehen.

Ein steiler, verwachsener Pfad, der vom Weg abzweigte, schien die Richtung zum Haus zu weisen. Iphigenie und Bertl stolperten hinunter. Der Weg wurde breiter, flacher und endete vor einer Lichtung. Iphigenie erblickte ein Haus, das auf den ersten Blick wie eine kleine Ausgabe der Villen am Semmering wirkte. Erst bei näherem Hinsehen zeigte sich eine Verwahrlosung, wie sie entsteht, wenn ein Haus lange nicht bewohnt wird. Die Rauchsäule wurde stärker, sie kam nicht aus dem Rauchfang, sondern aus einem Fenster an der Seite.

Bertl bellte, dann war er wieder ruhig. Ein Beagle hat eher ein ruhiges Wesen, außer er stammt aus einer schlechten Zucht.

Das Bellen reichte, um Bewegung in die Sache zu bringen. Im Schatten eines großen Fliederbuschs bewegte sich etwas.

Iphigenie marschierte entschlossen darauf zu. In einem Liegestuhl saß ein Mann, der sich gerade aufrichtete. Seine Mühe dabei war nicht zu übersehen.

„Es raucht! Es brennt!“

„Ich bin Nichtraucher!“

„Ich will keine Zigaretten von Ihnen, es raucht aus einem Fenster!“

„Was?“

John dachte, was will die Frau von mir? Er war noch nicht klar im Kopf. Am Vormittag war alles schiefgelaufen. Zuerst hatte er beim Abwaschen sein liebstes Rotweinglas zerbrochen. Da ging immer was zu Bruch, aber dass es gerade dieses Glas sein musste. Danach hatte er im Wohnzimmer gearbeitet, wo er breite Deckenleisten montieren wollte. Er tat das nicht, weil ihn die fehlenden Leisten gestört hätten, beileibe nicht. Er werkte jeden Tag im Haus herum. Eine Therapie, die ihn davon abhalten sollte, in irgendeinem Sessel zu hocken, über sein Leben zu grübeln und sich mit Rotwein zuzuschütten. Die Gehrung mit der Handkreissäge ohne Schnittführung zu schneiden war mühsam. Nachdem er zwei Leisten verschnitten und bei der dritten den Winkel falsch gesetzt hatte, schmiss er alles hin. Er würde wieder ins Lagerhaus fahren müssen, was ihn genauso nervte wie der Einkauf von Lebensmitteln. Eigentlich nervte ihn alles, was von ihm abverlangt wurde, auch wenn er sich eine Arbeit selbst auferlegt hatte, um nicht ganz abzusacken, um halbwegs einen Sinn in sein Leben zu bringen. Und wieder die Flucht zu einem Buch. In das Leben anderer eintauchen, um das eigene für eine Weile zu vergessen. Wein und Mineralwasser, draußen im Liegestuhl. An dem Nordhang, an dem das Haus stand, war es schon auszuhalten. Irgendwann nach dem dritten Spritzer war er eingenickt. Später hatte er Hunger gespürt, eine Pfanne mit Öl auf den eingeschalteten Herd gestellt, um ein paar Erdäpfel zu braten. Irgendwas hatte ihn dann abgelenkt. Das war ihm schon öfters passiert. Eine Arbeit beginnen, an was Anderes denken, das eine stehen lassen, sich mit etwas Anderem beschäftigen. Er hatte sich wieder hingesetzt, weil er einen Gedanken zu Papier bringen wollte. Und während dessen war die Pfanne am Herd immer heißer und heißer geworden.

„Was ist los?“

„Drehen Sie sich doch um, dann sehen Sie es selbst!“

Bertl bellte wie zur Unterstützung und John rappelte sich hoch und tat wie geheißen. Der Mann war groß, schlaksig und dünn wie ein ausgehungerter Marathonläufer.

Iphigenie hatte wenig Erfahrung mit Betrunkenen. Denen war sie immer aus dem Weg gegangen. Aber dass der Mann einiges intus hatte, erkannte auch sie. Als er endlich stand, überragte er sie um gut zwanzig Zentimeter. Iphi war mittelgroß, sie musste zu dem Mann aufschauen.

Er sah zum Haus hin und setzte sich in Bewegung. Bertl bellte und zog an der Leine. Iphigenie folgte ihm und so gelangten alle drei ins Haus.

In einer Pfanne am Elektroherd brannte Öl. Das Feuer hatte auf die Wandverkleidung aus Fichtenholz übergegriffen. Die Flammen zogen hinauf und hatten bereits den Plafond erreicht.

„Verdammte Scheiße!“

„Schnell, Wasser!“ Iphigenie suchte nach einem geeigneten Gefäß und einem Wasserhahn.

„Nein, nur das nicht, da wird es nur schlimmer. Da spritzt das brennende Öl weg!“

John rannte in den Abstellraum, betätigte den FI-Schalter und schnappte den Feuerlöscher. Das Ding funktionierte und nach zwei Minuten waren Herd, Geschirr, Wand und Boden mit einem stinkenden Schaum bedeckt.

„Ich habe den FI Schalter gedrückt, jetzt kann nichts mehr passieren.“

„Das hätte schlimm enden können.“ Iphigenie wollte zum gekippten Fenster, um es ganz zu öffnen.

„Nicht, ich mache das“. Er drängte sie weg vom Fenster. „Kommen Sie hinaus an die frische Luft“.

Iphigenie konnte noch einen Blick hinaus machen und sah drei kleine längliche Erdhaufen. Nicht mit einem Zwischenraum wie am Friedhof, sondern dicht nebeneinander. Auf jedem lagen dürre Zweige. Die wirkten wie Kreuze.

Gräber für Kinder, fiel Iphigenie als erstes ein.

Der Mann nahm sie am Arm und zog sie hinaus. Das gefiel Bertl gar nicht. Er knurrte und bellte. Iphigenie fühlte sich gar nicht wohl in dem Haus, so nahe bei einem Mann, von dem sie nichts wusste.

„Der Brand ist gelöscht, ich gehe jetzt wieder.“

John ließ sie los. „Ich muss die Sauerei beseitigen.“

„Also dann, auf Wiedersehen!“

„Auf Wiedersehen“, und nach einigem Zögern, „und danke noch, dass Sie mich geweckt haben.“

Iphigenie erwiderte nichts. „Bertl, komm wir gehen“, diese Ankündigung wurde mit kurzem Wedeln des Schwanzes begrüßt. Die beiden marschierten den steilen Pfad hinauf zum Höhenweg. Sie wusste, dass der Mann ihr nachschaute, sie spürte seinen Blick im Rücken. Iphigenie war verwirrt. Auf Befragen hätte sie nicht erklären können, worauf das beruhte. Auf der Aufregung wegen des Brands oder auf dem Mann oder sonst was. Der Mann sah zerknittert aus, sowohl im Gesicht als auch im Gewand. Er zog sie an, zugleich war er auch unheimlich. Er hatte schöne blaue Augen, obwohl die etwas getrübt waren. Vielleicht hatte sie zu viele Krimis gelesen. Oder machte ihr das düstere Haus Angst und diese seltsamen Hügel mit den Kreuzen? Das alles wirkte auf sie wie der Ort für einen Gruselfilm. Iphigenie war erleichtert, als sie den Höhenweg erreicht hatten und ab da bei leichtem Gefälle zurück ins Dorf gingen.

John hatte ihr wirklich nachgeschaut, bis die Frau samt Hund oben am Weg aus der Sicht kam. Es störte ihn, dass jemand in sein Refugium eingedrungen war. Andererseits konnte er ihr keinen Vorwurf machen. Er musste ihr sogar dankbar sein, dass sie den Rauch bemerkt und Schlimmeres verhindert hatte. Die Frau war auf eine eigene Art attraktiv. Ein bisschen streng vom Typ her. Keine Illustrierten-Beauty, aber ein intelligentes Gesicht, ausdrucksvolle Augen und eine angenehme Stimme. Früher einmal hätte er gerne ihre Bekanntschaft gemacht, aber diese Wallungen waren lange vorbei. Jetzt wollte er nur mehr so leben, wie er es sich früher vorgestellt hatte. Wie ein englischer Landedelmann.

John war anglophil. Er wusste, dass es lächerlich klang, sich selbst so zu bezeichnen, aber es war so. Sein längliches Gesicht passte dazu. In den Jahren seines beruflichen Weges hatte er begonnen, sich nach englischem Stil zu kleiden. Solide Stoffe, Tweed, hatte Pfeife geraucht und englische Romane gelesen. Aus Johann war dann John geworden und alle Freunde hatten ihn nur mehr so genannt. Nach seiner gescheiterten Ehe, den enttäuschenden Affären danach und der letzten Intrige einer bösartigen Frau war er fast zum Frauenfeind geworden. Vorläufig einmal. Er musste das noch verarbeiten, es beschäftigte ihn nicht immer, aber doch, besonders in der Nacht, wenn er grübelnd im Bett lag. Er hatte kein Interesse, keine Kraft für eine neue Beziehung. Er war in dieses heruntergekommene Haus gezogen, weil er weg wollte. Und weil er es geerbt hatte. Weg von der Stadt, weg von den Menschen. Hier wollte er seinen Traum von einem ungestörten Leben verwirklichen.

John ging zurück ins Haus und in die Küche. Betrachtete das Chaos und konnte sich nicht aufraffen mit dem Putzen zu beginnen. Er überlegte eine Radikallösung. Den alten Herd und die abgenutzten Möbel entsorgen, einen neuen Fußboden legen, eine Pantry kaufen, so was hatte er im Baumarkt gesehen. Eine Einheit aus Kühlschrank, Abwasch und E-Herd. Alles kein Problem, nur Geld würde es kosten. Und mit dem musste er sorgsam umgehen. John schenkte einen roten Spritzer ein und ging hinaus in den Garten, um über seine Baustellen nachzudenken. Irgendwie würde sich alles lösen lassen, so wie sich alles in seinem bisherigen Leben irgendwie ausgegangen war. Meistens aber nicht zu seinem Vorteil. Nur aktiver sollte er sein. Auch dieser Tag würde zerbröseln, verrinnen in Grübeleien, das wusste er schon jetzt. Nichts weitergebracht, viele Gedanken, vage Pläne, aber mehr als Laissez-faire kam meistens nicht heraus. Die Dinge laufen lassen, Nichts-Tun, die Franzosen drückten es eleganter aus. Manchmal fragte er sich, ob er nur aus Feigheit die Einsamkeit suchte. Kontakt zu anderen meiden, um nichts Falsches zu tun oder zu sagen, um über das eigene Verhalten nicht nachdenken zu müssen.

Nach einem Spritzer raffte sich John auf, suchte im Schuppen ein Brett, malte mit schwarzer Farbe die Worte: PRIVATBESITZ – KEIN DURCHGANG darauf. Das Brett nagelte er an einen Baumstamm an der oberen Grenze des Grundstücks. Dort wo der schmale Pfad in Johns Wiese einmündete. Etwa zweihundert Meter unterhalb des Hauses zweigte eine geschotterte Straße von der Landstraße ab. Auf der erreichte man mit dem Auto nach etwa fünf Minuten die Einfahrt des Grundstücks. Dort standen wie Torposten zwei dicke Bäume, auf denen ebenfalls Schilder mit PRIVATBESITZ befestigt waren. Manche Wanderer ließen sich nicht abhalten, die Straße zum Haus zu gehen. Erst wenn sie merkten, dass sie nicht weiterkamen, drehten sie um. Das Übel unserer Zeit, dachte John: jeder glaubt, dass die Regeln und Gesetze nur für die anderen gelten, nicht für ihn selbst. Er war nicht besser, nicht anders, aber das blendete er aus.

Gegen elf Uhr nachts setzte das angsteinflößende Geheul der Sirene eines Ortes im anderen Tal ein. Wenig später folgte die Sirene von Hochdorf, der Ort, in dem Iphi lebte. Er lag auf einem Plateau, das nördlich und südlich von Flusstälern begrenzt wurde. In der Rekordzeit von zehn Minuten trafen die ersten Wehrmänner aus einer Stadt im Tal ein und machten sich fertig für den Einsatz. Ein Bauernhof brannte! Etwa fünf Kilometer außerhalb des Dorfs gelegen. Als der erste Löschtrupp einlangte, schlugen die Flammen schon meterhoch aus den Fenstern des ersten Stockwerks und aus dem Dachstuhl. Ein alter Bauernhof, das Erdgeschoss gemauert, der erste Stock ein Holzbau. Weitere Feuerwehren trafen ein, darunter auch die von Hochdorf. Alle waren machtlos gegen die wütenden Flammen, die wie bei einem gigantischen Sonnwendfeuer in den nächtlichen Himmel loderten.

Die Wehren konzentrierten sich darauf, ein Übergreifen des Feuers auf Stall und Nebengebäude zu verhindern. Mehr konnten sie nicht mehr tun. Zum Glück gab es am Hof keine Viehzucht mehr, der alte Bauer hatte schon vor Jahren seine Kühe verkauft und die Futterwiesen verpachtet. Die Männer des Dorfs wussten, dass er und seine Frau hier lebten. Da die beiden bis jetzt nicht erschienen waren, musste man das Schlimmste befürchten. Ein Trupp, der mit Atemgeräten ausgerüstet war, ging unter Gefahr für das eigene Leben ins Haus, konnte aber das Ehepaar im Erdgeschoss nicht finden. Ein Vordringen ins Obergeschoss war unmöglich. Wenn die beiden den Weg aus dem ersten Stock hinunter aus dem Haus nicht geschafft hatten, war das Schlimmste zu befürchten.

Das bewahrheitete sich am Morgen, als die verkohlten Leichen entdeckt wurden. Die zwei alten Menschen waren im Schlaf überrascht worden und hatten sich nicht mehr retten können. Später am Vormittag begannen die Ermittler mit ihrer Arbeit. Die Brandursache war schnell gefunden worden. Ein Feuerteufel hatte zwei Kanister Benzin über den Stapel Holz an der Hinterfront des Hofs ausgeleert.

Einen Tag darauf wurde im Briefkasten des Hauses ein handgeschriebener Zettel gefunden.

Das ist die verdiente Strafe dafür, dass der Bauer im Krieg Deserteure versteckt und mit Essen versorgt hat. Die aufrechten deutschen Männer haben im Kampf gegen die rote Brut ihr Leben geopfert und diese feigen Hunde konnten sich verstecken. Nichts bleibt ungesühnt.

Der Werwolf!

Verena Schmidt stand nackt vor dem Spiegel im Vorzimmer. Also nicht ganz nackt, Höschen und BH, vor kurzem bei Palmers erworben, hatte sie an. Sie drehte sich hin und her und freute sich, dass die Figur nicht aus dem Leim gegangen war, soweit wollte sie es nicht kommen lassen. Sie war vollschlank, kein am Hungertuch nagendes Haut-Couture-Model, genau jene Figur, die viele Männer liebten. Verena hatte einige Kolleginnen, die ihren Frust über den falschen Mann mit Essen kompensierten. Sie war da anders. Viele Frösche hatte sie geküsst. Ein paar hatten sich in einen Prinzen verwandelt, um nach kurzer Zeit wieder in das grüne Kostüm zu schlüpfen. Ein jeder in der Meinung, die Frau läge ihm nun zu Füßen, jede weitere Anstrengung sei überflüssig. Das glaubten sie so lange, bis Verena mit ihrem Fuß draufgetreten war und das Hüpftier zerquetscht hatte. Sinnbildlich halt.

Sie war nun im fünften Jahrzehnt ihres Lebens und noch immer auf der Suche nach einem Mann, bei dem es Klick machen würde, bei ihr und auch bei ihm. Schlecht war es ihr in den Jahren der Affären nicht ergangen. Manche Verabschiedungen waren einfach, andere etwas schmerzlicher. Dann genoss Verena den Schmerz, gab sich ihm hin. Vielleicht für eine Woche oder auch zwei, aber dann war es vorbei. Also ein Indiz, dass die ganze Sache keinen Tiefgang gehabt hatte. Das beste Mittel gegen Liebeskummer war Shoppen. Eine Tour durch die City, eine neue Bluse, ein neues Kleid, Ohrhänger mit Amethyst oder ein Ring mit Bernstein, alles wirksamer gegen Liebeskummer als Essen oder Beruhigungsmittel. Oder ein Urlaub, bei dem dann ein neuer zu erlösender Frosch auftauchen konnte.

Akademiker, 50+, 184, NR, sucht feminine Begleiterin für kulturelle Veranstaltungen und Wanderung in der Natur. Diese Erlebnisse sollen die Basis für einen Gedankenaustausch und gemeinsame Stunden bilden. Zuschriften unter „13677825“ an die PRESSE.

So war es an einem Samstag in der PRESSE Rubrik – Er sucht Sie - zu lesen. Verena hatte ein kurzes Schreiben verfasst, ohne allzu viel von sich preiszugeben, allerdings hatte sie ihre Handynummer angegeben, sie hatte nichts zu verbergen. Und gegen einen lästigen Anrufer würde sie sich zu wehren wissen. Acht Tage später läutete gegen sechs Uhr abends das Telefon. Verena war ganz Ohr. Eine angenehme, sonore Stimme. Er habe einige Zuschriften erhalten, ihr Brief habe ihm besonders gut gefallen und er würde sie gerne kennenlernen.

Das beruhte auf Gegenseitigkeit und es wurde für den nächsten Sonntag ein Rendezvous im Café Diglas in der Wollzeile vereinbart. Nach Verenas Erfahrungen ein gutes Zeichen, denn verheiratete Männer hatten an einem Wochenende nie Zeit. Als Erkennungszeichen würde die PRESSE am Tisch liegen. Der neue Frosch würde ein dunkelblaues Leinensakko tragen und eine flaschengrüne Krawatte mit schmalen roten Querstreifen und kleinen goldenen Wappen anlegen.

Verena war es recht so. Wenn er ihr nicht gefiel, konnte sie jederzeit das Café verlassen, ohne sich zu erkennen zu geben. Nach dem kurzen Gespräch war sie aufgeregt. Sie wusste nicht einmal seinen Namen. Er hatte sich am Telefon vorgestellt, aber Verena hatte das nicht genau verstanden und wollte nicht nachfragen. Im Moment war es ihr egal. Einen Teil des Abends verbrachte sie vor dem vierteiligen Kleiderschrank in vollkommener Unschlüssigkeit. Das Date war für Sonntag, zwei Uhr, ausgemacht. Heute war Donnerstag, sie hatte also genug Zeit, sich am Freitagnachmittag in der City nach der neuesten Frühjahrsmode umzusehen. Geld sollte dabei keine Rolle spielen.

Das Haus muffelte wie immer, wenn Otto es nach Wochen der Abwesenheit wieder aufsuchte. Kein Wunder, alles war alt, abgewohnt, seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten, nichts erneuert. Möbel aus dem vorigen Jahrhundert, für Nostalgiker alles von großem Reiz. Ihm war es egal. Er hatte es für ein Jahr über einen Makler gemietet und im Voraus bezahlt. Der Makler, eine zwielichtige Gestalt, war froh, die Provision in bar zu kassieren. Er hatte das Geld genommen, ohne von Otto einen Ausweis zu verlangen. Der Eigentümer lebe in England und dem sei alles egal, der sei vermögend, wolle nichts investieren, verkaufen jedoch auch nicht. Zuletzt sei das Haus vor zwei Jahren an ein junges Paar vermietet gewesen. Als denen das Geld ausging, mussten sie ausziehen, so erzählte ihm das der Makler.

Ein Kabinett war mit einer grellroten Farbe ausgemalt, die in den Augen schmerzte. Egal, Otto musste es nicht betreten.

Das Haus passte sehr gut zu seinen Plänen. Die Miete war günstig, er hatte das Geld von seinem Kapital genommen, das dahin schmolz wie der letzte Schnee in der Märzsonne. Am Zustand des Hauses hatte er nichts geändert. Er hatte nur die Fenster geputzt, Küche, Bad und Klo gereinigt, die Teppiche und Sitzmöbel gesaugt, dann war das Haus benutzbar, vorausgesetzt einer wollte es nicht für den Rest seines Lebens zum Wohnsitz machen. Er öffnete alle Fenster und Türen und ging hinaus in den Garten. Der war, im Gegensatz zum Haus, sehr erfreulich anzusehen. Zumindest nach seinem Geschmack. Ein großes, verwildertes und verwachsenes Areal, in dem sich einer verlieren konnte. Das war eine Umgebung, die zum Verstecken einlud. Sich verbergen vor neugierigen Blicken. Die Gärten mit weiten Rasenflächen hatte er nie gemocht. Die Rückfront bildete die Mauer des Friedhofs Rodaun, rechts und links grenzten Gärten an. Dichte Thujen an den Zäunen aus Maschendraht verwehrten von außen den Einblick in das Grundstück. Vorne an der Kheckgasse, einer stillen Rodauner Seitengasse, boten sich nur die Küchenfront und die Fenster des Klos und Abstellraums dem neugierigen Passanten. Aber da ging sowieso selten jemand vorbei.

Mit einem Glas Zweigelt setzte er sich hinter dem Haus in einen der alten, stoffbespannten Liegestühle. Nostalgie in Reinkultur. Das Leben hier ließe sich genießen, wenn seine Finanzlage nicht so prekär wäre.

Für morgen hatte er Termine im Café Mozart und im Café Museum ausgemacht, für übermorgen im Café Diglas und im Prückl. Bei ihm hieß das immer nur Termin, nicht Rendezvous. Schließlich handelte es sich ja um ein Geschäft, irgendwie halt. Auf seine Annonce hatte er in der Vorwoche zwölf Briefe erhalten. Heute hatte er noch ein Sammelkuvert der PRESSE vorgefunden. Nochmals fünf Zuschriften. Er bevorzugte dieses altmodische System der Akquisition. Da konnte er seine wahre Identität leichter verbergen, als wenn er seine Fühler übers Internet ausstreckte. Bei diesen Betrügereien kannte er sich nicht so gut aus. Aus der ersten Welle der Briefe hatte er neun ausgewählt. Nach einem System, das er auf Grund seiner jahrelangen Erfahrungen mit Frauen aufgestellt hatte. Drei Schreiben waren gleich in der Rundablage gelandet. Krakelige Schrift, wenige Zeilen, strotzend von orthografischen Fehlern. Das wollte er sich nicht antun, ein wenig Spaß sollte es doch machen. Die Post von heute würde er sichten. Wenn da weitere interessante Damen dabei waren, konnte er das am darauffolgenden Wochenende erledigen. Und dann die Arbeit im Detail angehen. Zu viel auf einmal erforderte eine genaue Planung. Bei so vielen Namen war es kompliziert. Er war nicht mehr der Jüngste. In der Anzeige hatte er 50+ geschrieben. Heuer hatte er den sechzigsten Geburtstag gefeiert. Also nicht wirklich gefeiert. Es gab niemanden, der ihm gratuliert hätte. Die Feier bestand in einem Besäufnis mit dem teuersten Rotwein, den er in einem Super-Markt hatte finden können. Und mit Erinnerungen an Patricia, an Hongkong, an Gwendolyn, an New Jersey, an das prachtvolle Anwesen in Montvale. Und an vieles andere, an das er nicht hatte denken wollen. Wie auch immer, Geburtstage waren eh nicht interessant. Man glaubt nur, einen gewissen Tag feiern zu müssen. Weil man sich für wichtig hält. Weil man glaubt, für andere wichtig zu sein. Das mit fünfzig plus ging locker durch. Niemand würde ihn auf sechzig schätzen. Als Knabe in der Pubertät hatte er gelitten, weil der Bart nicht sprießen wollte. Alle Freunde konnten am Kinn herum schaben, nur bei ihm tat sich nichts. Nun war die späte Entwicklung ein Vorteil.

Otto Karl Sedlacek war immer ein Schwindler gewesen, ein Angeber. Mehr scheinen als sein. In den letzten Jahren hatte er sein Leben nur durch krumme Geschäfte finanziert. Er hatte schon gearbeitet, aber immer nur den bequemsten Weg gesucht und auch gefunden. Davor hatte er sich von zwei Ehefrauen erhalten lassen. Sein gutes Aussehen und die glatten Manieren, seine Eloquenz und Belesenheit hatten die Frauen fasziniert. Seine Erscheinung war das einzige Kapital, das noch nicht verbraucht war. Und nun war es an der Zeit, es wieder zu nützen. Bevor die Zeit auch das in Falten legen würde.

Der Abend war lau, der Frühling hatte im Garten sein Werk begonnen, aber trotzdem konnte Otto sich nicht entspannen. Er kreiste im Labyrinth des Gartens, weil er ruhelos war. Vom Wein war er noch nicht genug betäubt, um nicht an jenen Tag im Frühling des vorigen Jahres denken zu müssen, an dem sich die unglückliche Affäre mit Beate erledigt hatte. Also nicht direkt durch ihn, aber irgendwie doch.

Otto wollte den Namen aus seinem Gehirn verbannen. Darum hatte er es als Fall B. bezeichnet, als ob es sich nicht um einen Menschen gehandelt hätte, sondern um eine Sache, einen schlecht verlaufenen Geschäftsfall. Diese Frau, mit ihrer maßlosen Überheblichkeit, hatte geglaubt, ihn in die Knie zwingen zu können. Natürlich war sie ihm geistig überlegen. Sie musste seine substanzlose Attitüde des Intellektuellen bald durchschaut haben, aber in ihrer schwärmerischen Verliebtheit hatte sie das lange verdrängt. Nach und nach war ihr ein Licht aufgegangen. Und nicht nur das. Sie hatte begonnen, ihn zu überwachen. Als sie Klarheit über seine Scheinexistenz, Schauspielerei und Verlogenheit gewonnen hatte, war sie ihm gefährlich geworden. Sie wollte ihn blamieren und hatte mit einer Anzeige gedroht. Während einer kleinen Wanderung im Wechselgebiet war es zum Eklat gekommen. Beate hatte ihn mit einer Nagelfeile attackiert. Sie wollte ihm das Gesicht zerschneiden. Er hatte sich wehren müssen. Sein Gesicht war das einzige Kapital, über das er verfügte. Vielleicht war seine Abwehr zu hart gewesen. Beate war auf der Forststraße gestürzt und liegengeblieben. An das, was dann geschehen sein mochte, wollte er nicht denken. Er war bis zum Wirtshaus in dem kleinen Dorf gewandert und hatte sich dort betrunken. Er hatte nichts mehr von Beate gehört. Hatte sie sich wirklich umgebracht? Otto lebte in so vielen Scheinwelten, dass er beliebig an etwas glauben oder es leugnen konnte. Und was war mit den Beweisen für seine Betrügereien, mit denen sie immer wieder gedroht hatte? Die Polizei war nicht bei ihm erschienen. Schuldig fühlte er sich nur in geringem Maß. Und mit dieser Sicht der Dinge beruhigte er sich selbst. Seine immense Fähigkeit, alles zu verdrängen, hatte sich schon früher bewährt. In letzter Zeit jedoch war ihm das schwergefallen. Der Fall B. war doch ganz anders als die unzähligen Affären der letzten Jahre. Eigentlich war es dabei gar nicht um Geld gegangen wie sonst. Der Sex hatte ihn süchtig gemacht. Sie war ein Vulkan im Bett, jede Stunde mit ihr glich einer Lesung aus dem Kamasutra. Otto hatte nie versucht, bei ihr Geld herauszuholen. Er hatte sie quasi als Zweitfrau halten wollen. Aber natürlich hatte er andere Frauen getroffen, die seinem Geschäftsmodell entsprachen. Schließlich musste er Geld verdienen. Beates Eifersucht hatte zu gewaltigen Streitereien geführt. Heute war er von Bad Hofgastein zurück nach Wien gekommen. Dort hatte er eine Zeitlang die Witwe eines deutschen Industriellen hofiert und auf deren Kosten gut gelebt. Er wurde alt. In früheren Zeiten wäre er nach Paris oder sonst wohin geflogen, um mit einer neuen Umgebung neue Projekte zu beginnen. Nun musste Bad Hofgastein genügen. Das Budget gab großartige Reisen nicht mehr her. Jedenfalls waren neue Kontakte dringend erforderlich, um die Finanzlage zu verbessern. Mit diesen Gedanken ging er ins Haus und trank weiter. Der Fall B. musste weggeschwemmt werden. Der ging ihm manchmal doch auf die Nieren.

Montagabends um sieben Uhr Chorprobe. Iphigenie freute es heute gar nicht. Nach Schulschluss hatte sie sich mit Eugen im Café im Nachbarort, etwa 10 Kilometer entfernt, getroffen. Da war sie schon schlecht gelaunt gewesen. Sie hatten eine Weile über die Herausforderungen ihres jeweiligen Schultages geredet.

„Iphi, fahren wir in die Bücherei?“, fragte Eugen und setzte sein charmantes Lächeln auf, dem sie so oft verfallen war. Fesch war er ja, ähnelte ein wenig Joachim Fuchsberger, einem Filmstar der 60-er Jahre. Eugen war fast acht Jahre älter als Iphi. Grau an Haupt und Schläfen, gerade diese Reife hatte sie in seine Arme geführt. Anflüge eines Vater-Komplexes hatte Iphi sich eingestanden. Ihr Vater, Professor für Deutsch und Griechisch, war fast bis zu ihrem dreißigsten Jahr der bestimmende Teil ihres Lebens gewesen. Iphigenie Clarissa war sein Ein und Alles und ihre späte Heirat hatte ihn schwer getroffen. Die Ehe war nur vier Jahre lang gut gegangen, dann hatte die Unreife ihres etwas jüngeren Mannes und ihre eigene Starrsinnigkeit, ein Auf und Ab von Streitereien und anschließenden Versöhnungen letztendlich doch zur Scheidung geführt.

Bücherei war das Codewort für den Parkplatz beim Wanderweg zur Schutzhütte am Lärchenkogel. Den Code konnten sie auch benutzen, wenn sie in einer Runde von Kollegen zusammensaßen. Unter der Woche war kaum jemand unterwegs zur Schutzhütte. Eugen stellte sein Auto etwas weiter weg ab und stieg zu ihr ein. Sie schmusten und vögelten am Rücksitz wie Teenager. Wann immer er seine Abwesenheit für eine oder mehrere Nächte zu Hause mit beruflichen Erfordernissen begründen konnte, war sie ihm nach Wien oder sonst wohin gefolgt. Dann verbrachten sie die Nacht miteinander. War der sinnliche Rausch dieser wilden erotischen Stunden verflogen und wenn sie ermattet nebeneinander im Bett lagen, hatte Iphi immer die Frage gestellt, wann er sich endlich von seiner Ehefrau trennen würde. Die Antwort war immer die gleiche. Sie müsse verstehen, dass er die Kinder nicht allein lassen könne. Er liebe seine Frau nicht, die Ehe sei zerrüttet. Seine Frau und er würden nur wegen der Kinder und seiner Stellung als Direktor des Gymnasiums den Schein wahren. Sobald die Kinder großjährig wären, würde er die Scheidung einreichen. Iphigenie hatte sich beruhigen lassen, hatte sich bereitwillig immer wieder dem Selbstbetrug hingegeben.

Aber heute war alles anders. Gestern abends war sie zu einem Entschluss gekommen.

„Nein, heute nicht und morgen nicht und nie mehr!“ Das kam schärfer heraus als sie beabsichtigt hatte. Es war, als müsse sie ihren Standpunkt durch lautes Verkünden vor sich selbst verteidigen.

„Iphi, was ist denn? Du weißt doch, wie es mir geht!“

Er denkt nur an sich selbst, ging es ihr durch den Kopf.

„Es muss einmal eine Entscheidung geben, entweder für deine Frau oder für mich!“

„Aber gerade jetzt kann ich mich nicht scheiden lassen. Ich habe vorige Woche erfahren, dass ich gute Chancen für die Stelle des Bezirksschulinspektors habe. Eine Scheidung geht jetzt gar nicht!“

Iphigenie überfiel von einem Moment auf den anderen eine Gleichgültigkeit. Wie banal ist das Gerede, dachte sie, wie viele Paare auf der weiten Welt führen diese Diskussion. Warum habe ich mich diesem Mann immer wieder in die Arme geworfen? Nur aus Einsamkeit? Iphi verfügte über genug Selbstkritik um sich einzugestehen, dass auch ihr Bedürfnis nach Sex eine Rolle gespielt hatte. Aber einmal musste Schluss sein!

Sie stand auf und sagte: „Überlege es dir, es ist deine Entscheidung!“, und verließ den verdutzten Eugen und das Lokal.

Sie fuhr schnell weg, als gäbe es hier eine Gefahr für sie. Erst zu Hause fragte sie sich, was heute in ihr vorgegangen sei, fand aber keine Antwort. Vielleicht war es richtig so, vielleicht auch falsch. Iphi war mit sich selbst nicht im Reinen. Und darum war sie schlecht gelaunt, wollte die Chorprobe spritzen. Ihr Pflichtgefühl, auch wenn es nur um die Probe ging, ließ sie ihren Entschluss ändern. Außerdem würde sie auf andere Gedanken kommen. Und noch was ging ihr durch den Kopf. Elli, die Gemeindesekretärin, sang auch beim Chor, die konnte sie zu dem Haus im Wald fragen. Dieser Gedanke war jäh entstanden. Nur fragen halt, nichts weiter.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Schatten der Vergangenheit - Das verfluchte Dorf" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple Books

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen