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Schatten der Erinnerung

Inhalt

  1. Cover
  2. Titel
  3. Impressum
  4. WIDMUNG
  5. DANKSAGUNG
  6. 1. KAPITEL
  7. 2. KAPITEL
  8. 3. KAPITEL
  9. 4. KAPITEL
  10. 5. KAPITEL
  11. 6. KAPITEL
  12. 7. KAPITEL
  13. 8. KAPITEL
  14. 9. KAPITEL
  15. 10. KAPITEL
  16. 11. KAPITEL
  17. 12. KAPITEL
  18. 13. KAPITEL
  19. 14. KAPITEL
  20. 15. KAPITEL
  21. 16. KAPITEL
  22. 17. KAPITEL
  23. 18. KAPITEL
  24. 19. KAPITEL
  25. 20. KAPITEL
  26. 21. KAPITEL
  27. Über die Autorin

WIDMUNG

Für den echten David Mitchell, der bei einer Wohltätigkeitsauktion einen großzügigen Betrag bot, um eine Figur in meinem Buch zu werden. Ich hoffe, es macht Ihnen genauso viel Spaß, Ihre fiktionalen Abenteuer zu lesen, wie es mir Spaß gemacht hat, sie zu schreiben.

DANKSAGUNG

Vielen Dank an Sue Hughes vom St. Richard's Hospital in Chichester für ihre Hilfe und ihren Einsatz. Beides wusste ich sehr zu schätzen.

Und einen sehr großen Dank an Wayne Ashman aus Brighton für seine wertvolle Hilfe zu allen Brighton betreffenden Themen. Das war weit mehr als Pflichterfüllung! Hüten Sie sich in Zukunft davor, im Flugzeug mit fremden Damen ins Gespräch zu kommen!

1. KAPITEL

»Aus, Toto!«, rief David, als er sah, dass der Nachbarhund an etwas zog, das ungefähr dreihundert Meter weiter den Steinstrand hinunter halb im Wasser lag.

Es war sechs Uhr an einem wunderschönen Maimorgen, und die meisten Bewohner von Selsey waren noch nicht aufgestanden. David Mitchell, zweiunddreißig Jahre jung, kam um diese Zeit immer mit dem Terrier seines Nachbarn her und joggte über den Küstenpfad, während Toto über den Strand tobte.

Der Hund ließ von seinem Fund ab und bellte laut. »Ich komme!«, rief David und sprang vom Pfad auf die Kiesel des Strands. Von dort aus erkannte er, dass das Objekt, das Totos Aufmerksamkeit erregt hatte, alarmierend wie ein Körper aussah.

Als er näher kam, wurde David zu seinem Entsetzen klar, dass es eine Frau war, denn ihre nackten Beine lagen noch immer im Wasser, und die hereinrollenden Wellen hoben den Rock ihres Kleides und bauschten ihn auf. Ihr Kopf kam erst in sein Blickfeld, als er sie fast erreicht hatte, und er sah, dass sie jung war, vielleicht Mitte zwanzig, schlank und hübsch mit brutal kurzgeschorenem Haar.

Nachdem David sich von seinem ersten Schock erholt hatte und nur noch leicht zitterte, überlegte er, was er tun sollte. Er nahm an, dass sie tot war, und hatte Angst, dass die Flut sie wieder ins Meer ziehen würde, bevor er jemanden über den Fund benachrichtigen konnte. Er atmete tief ein, beugte sich zu ihr hinunter und legte die Hände unter ihre Arme, um sie an den Strand zu ziehen. Doch als er sie anhob, gab sie einen Laut von sich, nicht direkt ein Husten, mehr ein Seufzen, und ihre Augenlider flatterten.

Vor Schreck hätte er sie fast fallen lassen.

»Wer sind Sie?«, fragte er schließlich und ließ sich neben ihr auf den Kies sinken. Er hob sie in eine sitzende Position und lehnte sie gegen seine Schulter. Dann umfasste er ihr Handgelenk, und obwohl sich ihre Haut eiskalt anfühlte und von der langen Zeit im Wasser ganz schrumpelig war, konnte er einen schwachen Puls fühlen.

»Ich muss einen Krankenwagen rufen. Keine Angst, ich bin gleich wieder bei Ihnen«, sagte er, als sie auf seine Frage nicht antwortete. Nachdem er sie vorsichtig auf die Seite gelegt hatte, deckte er sie mit der Fleecejacke zu, die er um seine Hüften gebunden hatte.

Er wünschte, dass jemand in der Nähe wäre, denn er wollte sie hier nicht allein zurücklassen, aber der Pfad oberhalb des Strands war verlassen. Er fragte sich, welche Nationalität sie wohl haben mochte, denn ihr blaues, hochgeschlossenes, langes Kleid wirkte sehr altmodisch, wie aus einem Film der fünfziger Jahre. Während er noch überlegte, ob sie wohl aus einem osteuropäischen Land käme, wurde ihm eine Erkenntnis erschreckend klar: Wer immer sie war und woher sie auch stammte, man hatte sie schlecht behandelt. An ihren Hand- und Fußgelenken sah man blaurote Male, so als wäre sie gefesselt gewesen. Und auch ihr Haar war grob abgeschnitten worden, sodass es in ungleichen Büscheln vom Kopf abstand.

David befahl Toto, bei ihr zu bleiben, und lief den Strand hinauf zu einer Telefonzelle.

»Wer ist die geheimnisvolle junge Frau?« Dale las die Überschrift des Zeitungsartikels den beiden anderen Mädchen in dem Schönheitssalon vor, während sie ihre erste morgendliche Tasse Kaffee tranken. »Hier steht, dass sie gestern halb ertrunken am Strand gefunden wurde und ihr Gedächtnis verloren hat«, erklärte sie. »Vielleicht würde sie ja sogar jemand erkennen und sich melden, wenn die auch ein Foto von ihr abgedruckt hätten«, fügte sie sarkastisch hinzu.

»Vielleicht ist sie eine reiche Zimtzicke, und ihr Mann hatte genug von ihr und hat sie von der gemeinsamen Jacht geworfen, wie in diesem Goldie-Hawn-Film«, schlug Kim vor. »Habt ihr den gesehen? Ein armer Witwer mit ziemlich vielen Kindern findet sie, und da sie ihr Gedächtnis verloren hat, tut er so, als wäre sie seine Frau, und nimmt sie mit nach Hause, damit sie sich um seine Familie kümmert. Das war zum Schreien. Sie konnte nicht kochen oder abwaschen, und das Haus war eine Müllhalde.«

Alle drei Frauen konnten sich an den Film Overboard erinnern und lachten und sprachen eine Weile darüber.

»Das muss wirklich merkwürdig sein, wenn man sich an nichts erinnern kann«, überlegte Dale. »Stellt euch vor, ihr wüsstet nicht mehr, wer ihr seid, woher ihr kommt oder sonst irgendetwas. Wenn einem dann jemand etwas zu essen gibt, das man vorher nicht mochte - mag man das dann wohl immer noch nicht?«

Die drei Frauen waren Kosmetikerinnen im Wellness-Bereich des Marchwood Manor Hotels in der Nähe von Brighton in Sussex. Das Hotel gab es schon lange, aber das Spa war erst vor ein paar Wochen eröffnet worden. Da noch nicht viel Betrieb herrschte, saßen die frisch eingestellten Mitarbeiter in einem der Behandlungszimmer, tranken Kaffee und lasen Zeitung.

Dale Moore war aus London, fünfundzwanzig, groß, kurvig, mit einem eher exotischen Aussehen, als käme sie aus Spanien oder Italien, und sie gab in der Gruppe ganz klar den Ton an. Michelle aus Southampton war eine schlanke, blauäugige Blondine von vierundzwanzig Jahren. Rosie war mit dreiundzwanzig die Jüngste, eine pummelige Brünette mit süßem Gesicht aus Yorkshire.

Dem Empfangsbereich gegenüber lag der Friseursalon. Frankie, April, Guy und Sharon hörten Radio One, was vermutlich bedeutete, dass auch sie noch keine Kundin hatten, denn das Hören von jeder Art von Popmusik war ein Entlassungsgrund, wenn die Spa-Managerin Marisa De Vere sie dabei erwischte. Im Salon tolerierte sie nur Kassetten mit klassischer Musik, und hier im Kosmetikstudio durfte nur spezielle, entspannungsfördernde Musik gespielt werden. Aber da Marisa heute in London war, unterließen die Frauen nicht nur das endlose, unnötige Putzen, auf das sie bestand, wenn keine Kundinnen da waren, sondern hielten sich auch nicht an ihre Musikvorgaben.

»Hier steht, die Frau ist ungefähr dreiundzwanzig«, meinte Dale und kehrte zur Zeitung zurück. »Wurde in Selsey gefunden, von einem Mann, der mit seinem Hund spazieren ging. Sie glauben, dass sie lange im Meer gewesen sein muss, aber sie trug nichts bei sich, anhand dessen man sie identifizieren könnte. Sie wurde ins St. Richard's Hospital in Chichester gebracht.«

»Sie ist bestimmt eine illegale Einwanderin«, erklärte Michelle voller Überzeugung. »Ist in einem Boot aus Frankreich gekommen. Vielleicht hat sie sich mit den Leuten gestritten, die sie herbrachten, und die haben sie über Bord geworfen.«

»Sie hat Glück, dass sie noch lebt. Im Mai ist das Meer noch sehr kalt«, meinte Rosie.

»Sie glauben, dass sie Engländerin ist«, erwiderte Dale und blickte auf die Zeitung. »Wo liegt Selsey überhaupt?«

»Ich habe keine Ahnung«, sagte Rosie. »Aber alles südlich von Birmingham ist ohnehin Niemandsland für mich.«

»Das ist nur ungefähr dreißig Meilen von hier entfernt«, meine Michelle. »Wir haben immer in der Nähe Urlaub gemacht, als ich ein Kind war. Soll ich euch die Nägel lackieren? Oder möchtet ihr eine Gesichtsbehandlung, eine Kopfmassage oder eine Pediküre? Mir ist langweilig!«

»Genieß die Langeweile«, kicherte Dale. »Es ist ein seltenes Vergnügen, dass Marisa, die Sklaventreiberin, hier nicht herumschleicht.«

Dale hatte sich die Spa-Managerin bereits zur Feindin gemacht. Da Dale eine erstklassige Kosmetikerin war, die sehr viel Erfahrung vorweisen konnte - unter anderem ein Jahr auf einem Kreuzfahrtschiff -, war es ihr ein Gräuel, sich von jemandem, der keine Ahnung von ihrem Beruf hatte, sagen lassen zu müssen, wie sie ihren Job zu erledigen hatte.

Bei der Eröffnung des Spas hatte es eine dreitätige Einführungsphase gegeben, in der die Fähigkeiten der einzelnen Angestellten beurteilt wurden. Marisa hatte damals danebengestanden, während Dale jemanden massierte, etwas, das Dale hasste. Sie hatte daraufhin erklärt, dass man die Qualität einer Massage nur beurteilen könne, wenn man sich selbst eine geben ließe. Marisa hatte ihr das übel genommen und suchte seitdem nach Dingen, die sie Dale vorwerfen konnte.

Dale hatte nicht zum ersten Mal Ärger mit ihren Vorgesetzten. Sie wusste, dass sie patzig, egozentrisch, eigensinnig und stur war und dass sie oft redete, ohne vorher darüber nachzudenken. Aber sie verstand ihr Handwerk, sie behandelte ihre Kundinnen gut, und sie arbeitete hart - niemand konnte ihr vorwerfen, dass sie faul war oder es sich zu einfach machte. Und ganz sicher war sie nicht gemein zu irgendjemandem.

Marisa schien es jedoch Spaß zu machen, gemein zu sein. Sie hatte Michelle gedemütigt, indem sie ihr sagte, sie habe Mundgeruch, hatte Rosie wegen eines Pickels in ihrem Gesicht in Tränen ausbrechen lassen und April vor allen im Friseursalon erklärt, dass sie unangenehm roch. Nur Scott, der Fitnesstrainer, ein alter Freund von Dale, blieb von der scharfen Zunge der Frau verschont, aber Marisa war auch ganz offensichtlich in ihn verliebt.

Sie ließ alle ständig putzen, damit es so aussah, als wären sie beschäftigt: Spiegel, die schon glänzten, sollten noch mehr Glanz bekommen, bereits saubere Oberflächen mussten erneut abgewischt werden. Sie konnte es nicht ertragen, wenn die Mitarbeiter Däumchen drehten, aber leider war es immer so, dass jemand gerade einen Witz erzählte, in einer Zeitschrift las oder, schlimmer noch, heimlich vor der Tür eine Zigarette rauchte, wenn Marisa in das Spa stürmte.

»Ich werde mal rübergehen und April fragen, ob sie etwas gemacht haben möchte«, meinte Michelle. »Sie hat vorhin gesagt, dass sie heute Abend ausgehen will. Wenn ich ihr die Nägel mache, nimmt sie mich vielleicht mit, und ich kann dann bei ihr übernachten.«

Dale lächelte. Vor zwei Jahren war sie genau wie Michelle gewesen, wollte alles ausprobieren, was Brighton zu bieten hatte. Doch das Jahr auf dem Kreuzfahrtschiff hatte sie erwachsener werden lassen oder ihr zumindest bewusst gemacht, welchen Schaden sie ihrer Leber zufügte.

Michelle, Rosie und Frankie aus dem Friseursalon teilten sich mit Scott und Dale und Carlos, einem Weinkellner aus dem Hotel, einen Personal-Bungalow auf dem Hotelgelände. Sie waren etwas abgeschnitten von Brighton, da die Busse selten fuhren und Taxis teuer waren, aber Michelle war die Einzige von ihnen, die das störte. Den anderen genügte es, abends zusammenzusitzen und sich zu unterhalten und manchmal eine Flasche Wein zu trinken.

Als die Tür zum Behandlungszimmer plötzlich aufging, fuhren sie alle zusammen, entspannten sich jedoch wieder, als sie sahen, dass es nur Scott war.

»Faulenzt ihr, ja?«, fragte er mit einem breiten Grinsen. »Ich werde euch melden müssen!«

Dale warf ein Handtuch nach ihm. »Herrgott, schlaf doch endlich mit Marisa, vielleicht wird sie ein bisschen menschlicher, wenn sie Glück in der Liebe hat.«

Sie und Scott waren sich auf dem Kreuzfahrtschiff begegnet, wo er als Fitnesstrainer arbeitete, und als sie seine grünen Augen, seine zerzausten blonden Haare und seinen durchtrainierten Körper zum ersten Mal gesehen hatte, war sie sofort rettungslos in ihn verliebt gewesen. Aber jede andere Frau unter siebzig auf dem Schiff war das auch, und so beschloss sie, dass sie nur Freunde sein würden. Das war die vielleicht beste Entscheidung ihres Lebens gewesen, denn sie standen sich seitdem wirklich nah. Zusammen mit Lotte, die sich mit ihr eine Kabine geteilt hatte, waren sie immer gemeinsam an Land gegangen, wenn das Schiff anlegte, und hatten jede freie Minute auf See miteinander verbracht.

Dale hatte ihn und Lotte sehr vermisst, als die Kreuzfahrt endete und ihre Wege sich trennten. Dale bekam einen Job als Kosmetikerin in der Nähe ihres Elternhauses in Chiswick in London, aber dort gab es keine solche Kameradschaft zwischen ihr und den anderen Angestellten wie auf dem Schiff. Einige der Mädchen waren sogar ziemlich abscheulich ihr gegenüber gewesen.

Deshalb hatte sie, als sie die Stellenanzeige für das Hotel-Spa sah, sofort Scott angerufen, um zu hören, ob er Interesse hätte, und zum Glück war es so gewesen, denn er hatte damals in einem Bistro in Truro in Cornwall gearbeitet, weil er keinen Job in einem Fitnessstudio finden konnte.

Den Kontakt zu Lotte hatten sie beide leider verloren. Sie war Friseurin, und Dale war sicher, dass es ihr hier gefallen hätte. Aber sie hatte nicht auf Dales Anrufe und Textnachrichten reagiert, seit sie von Bord gegangen waren; Scott erzählte das Gleiche. Sie gingen daher davon aus, dass Lotte weitergezogen war und sie in ihrem Leben offenbar nicht länger vorkamen.

»Ich würde nie mit Marisa schlafen«, erklärte Scott lachend. »Ich hätte Angst, dass ihre Maske einen Riss bekommt und sie darunter furchtbar hässlich ist.«

Diese Bemerkung sorgte für große Belustigung, denn Marisas Teint war so perfekt, dass er fast wie eine Porzellanmaske wirkte. Tatsächlich war alles an ihr perfekt, von ihrer schlanken Figur und ihren schick geschnittenen schwarzen Kostümen bis hin zu ihrem blauschwarzen Haar, das sie zu einem einfachen gepflegten Zopf zusammenfasste. Es glänzte so, dass es aussah, als wäre es mit schwarzem Lack besprüht, und Dale hatte schon mal den Verdacht geäußert, dass sie vielleicht gar kein Mensch war, sondern eine der Stepford-Frauen, die in Wahrheit Cyborgs und geschaffen worden waren, um Spas zu managen.

»Sie ist eigentlich achtunddreißig und nicht zweiunddreißig, wie sie Scott gegenüber behauptet hat«, meinte Rosie mit einem schelmischen Glitzern in ihren weichen braunen Augen. Rosie lästerte fast nie über jemanden, aber diese Tatsache konnte sie nicht für sich behalten. »Sie hat eine ihrer Lebensversicherungspolicen auf dem Schreibtisch liegen lassen, und ich konnte nicht widerstehen, sie mir kurz anzusehen. Und ihr zweiter Vorname ist Agatha!«

»Agatha!«, rief Dale. »Ich dachte, Marisa wäre schlimm genug. Ich wette, ihr Nachname lautet in Wirklichkeit gar nicht De Vere, es ist wahrscheinlich irgendetwas Abstoßendes wie Snelling oder Greaseworth.«

Scott verschränkte die Arme vor der Brust. »Kennst du wirklich jemanden, der Greaseworth heißt?«, fragte er mit einem Hauch Sarkasmus.

»Nein, aber er würde zu ihr passen«, meinte Dale lachend. Sie schlug die Hand vor den Mund. »M. A. D. Ihre Initialen ergeben »mad« - das heißt, sie ist tatsächlich übergeschnappt!«

Die anderen Frauen brachen in Gelächter aus.

»Ich gehe«, erklärte Scott. »Tauscht nur weiter eure Gehässigkeiten aus, ich muss dafür sorgen, dass niemand im Pool ertrinkt.«

Eine Stunde später, als Dale den Empfang vorne übernehmen musste, während Becky einen Kaffee trinken ging, zündete sie einige Schwimmkerzen in dem Wasserbecken im Empfangsbereich an und trat zurück, um sie zu bewundern.

Normalerweise war sie zynisch, schonungslos, anspruchsvoll und bekannt dafür, an allem etwas auszusetzen zu haben, auch an Menschen. Aber an Marchwood fand sie nichts auszusetzen; tatsächlich hielt sie es für absolut perfekt und wunderschön. Selbst Marisa, so hassenswert sie auch war, leistete gute Arbeit, indem sie dafür sorgte, dass alle aufmerksam blieben.

Das Hotel war ein Landhotel im alten Stil, mit Antiquitäten, richtigen Kaminen, weichen, gemütlichen Sofas und einem strengen Geruch nach Lavendelpolitur. Das Spa dagegen war in jenem orientalischen Minimalismus gehalten, der ein Vermögen kostete. Der zentrale Empfangsbereich war mit blassgrauen Steinfliesen ausgelegt, mit einem in der Mitte eingelassenen Wasserbecken, in dem jetzt Schwimmkerzen flackerten. Es gab kaum Dekoration: eine hübsche japanische Stickerei in einem dünnen Rahmen, einige Töpfe mit Orchideen, niedrige Stühle an den Wänden. Das Licht war indirekt, und selbst der Empfangstresen war aus blassgrauem Holz mit einer Glasplatte darauf, sodass er über dem Boden zu schweben schien.

Vom Empfangsbereich gingen drei Türen ab. Die auf der rechten Seite führte zu den Behandlungszimmern des Kosmetikstudios, die mittlere zum Fitnessraum und dem Swimmingpool, und links lag der Friseursalon.

Kaum ein Tag verging, seitdem Dale hier angekommen war, an dem sie sich nicht dazu beglückwünschte, einen so tollen Job mit guten Zukunftsaussichten gefunden zu haben. Das Spa war vielleicht noch nicht gut besucht, aber sie wusste, dass das der Fall sein würde, sobald die Marketing-Abteilung noch mehr dafür warb. Sie wurde gut bezahlt, die Unterbringung war exzellent, und die Kollegen waren alle sehr nett. Sie wusste aus Erfahrung, dass es das Personal war, das über Erfolg oder Misserfolg entschied. Im Hotel und im Spa arbeiteten insgesamt ungefähr dreißig Leute, und obwohl Dale nur die Leute aus dem Spa wirklich gut kannte, mochte sie alle.

Vor vierzehn Monaten, als ihr einjähriger Vertrag für die Kreuzfahrt auslief, hatte Dale ein paar hundert Pfund Erspartes gehabt. Davon hatte sie eigentlich ihr eigenes Kosmetikstudio eröffnen wollen, aber das stellte sich als viel teurer heraus als angenommen, und die Summe schrumpfte zu allem Übel auch immer weiter zusammen, während sie darüber nachdachte, was sie als Nächstes tun sollte.

Sie war sich bewusst gewesen, dass ihre Eltern sich Sorgen um sie machten, und sie hatte ihnen sicher in der Vergangenheit viel Grund dazu gegeben. Sie war mit zwielichtigen Typen zusammen gewesen, hatte mit Drogen experimentiert, eine Abtreibung machen lassen und war bis zu ihrer Ausbildung zur Kosmetikerin nie länger als ein paar Wochen bei irgendetwas geblieben.

Während Dale wusste, dass das jetzt vorbei war, schienen ihre Eltern noch nicht wirklich davon überzeugt. Selbst ihr Aufenthalt auf dem Kreuzfahrtschiff, bei dem sie so hart gearbeitet hatte wie nie zuvor, war in den Augen ihrer Eltern eher eine Vergnügungsreise gewesen.

Deshalb hatte sie jetzt das Gefühl, diesen Job gut machen zu müssen, um zu beweisen, dass sie wirklich erwachsen geworden war und die Verantwortung für sich selbst und andere übernehmen konnte. Marchwood fühlte sich richtig an. Wenn es ihr nur gelang, weitere Konflikte mit Marisa zu vermeiden, dann würde sie diesen Laden vielleicht irgendwann selbst leiten.

Im Laufe des Tages wurde es voller, als mehrere Gäste aus dem Hotel verschiedene Behandlungen buchten, und es war schon nach acht Uhr abends, als Dale, Michelle und Rosie zum Bungalow zurückgingen, nachdem sie im Personalraum neben der Hotelküche gegessen hatten.

Es war ein milder Abend, und der Hotelgarten sah im Flutlicht wunderschön aus. Die Personal-Bungalows lagen versteckt hinter Büschen, und sie freuten sich auf die warmen Sommerabende, an denen sie mit einem Drink in der Hand draußen sitzen konnten.

Alle waren überrascht über ihre nahezu luxuriöse Unterkunft gewesen. Die meisten von ihnen hatten an Orten gearbeitet, wo erwartet wurde, dass man sich zu zweit ein Zimmer teilte, und wo das Essen furchtbar war. Aber hier in Marchwood erhielt jeder ein eigenes Zimmer mit einem kleinen angrenzenden Bad, und ihre Mahlzeiten waren beinahe so gut wie die, die den Hotelgästen serviert wurden.

Frankie saß im Wohnzimmer und las eine Zeitung. Er blickte auf und grinste, als sie hereinkamen. »Ich habe schon vor einer Weile eine Flasche Wodka kalt gestellt«, meinte er. »Jetzt sollte sie genau die richtige Temperatur haben.«

Frankie nannte sich selbst den »schwulen« Frankie, als wäre seine sexuelle Neigung nicht schon völlig offensichtlich durch den türkisfarbenen Streifen in seinem Haar und seine schreiend bunten Klamotten. Vor ein paar Tagen hatte Rosie gesagt, dass man vor jedes Wort, mit dem man Frankie beschrieb, ein »sehr« setzen musste. Ein sehr lustiger Mann, ein sehr guter Friseur, und so weiter, denn es gab nichts Mittelmäßiges an dem, was er sagte oder tat. Heute Abend trug er ein weißes Rüschenhemd, in dem er aussah, als wäre er einem alten Abenteuerfilm entstiegen.

Rosie holte den Wodka und Gläser, und als Dale ihren Arbeitskittel gegen eine Jeans und ein T-Shirt getauscht hatte und zurück ins Wohnzimmer kam, zündete Frankie gerade ein paar Kerzen an.

»Das Licht ist vorteilhafter«, meinte er als Erklärung.

»Mach dir keine Sorgen, Schatz, ich finde dich auch in hartem grellen Licht wunderschön«, meinte Scott.

Das sorgte für Gelächter, denn Frankie hatte sich die ganze erste Woche in Marchwood so aufgeführt, als wolle er etwas von Scott. Es war nur Spaß gewesen, Frankie erklärte, er hätte einfach nicht widerstehen können, weil Scott so offensichtlich heterosexuell war. Frankie hatte inzwischen damit aufgehört, aber Scott neckte ihn deswegen noch gelegentlich.

»Oh, sieh nur, Dale«, rief Rosie und nahm die Zeitung hoch, die Frankie gelesen hatte. »Sie haben ein Foto von der Frau abgedruckt, die halb ertrunken gefunden wurde.«

Es war die hiesige Abendzeitung, und wahrscheinlich würde das Foto ab morgen auch in den nationalen Zeitungen zu finden sein. Dale hob sie hoch und blickte nur kurz auf das Bild, das nicht wirklich ein Foto war, sondern eine Polizeizeichnung, aber kaum hatte sie die Zeitung sinken lassen, da fühlte sie den Drang, sie wieder hochzunehmen und sich das Bild noch einmal genauer anzusehen. Nachdem sie ein paar Sekunden darauf gestarrt hatte, wurde sie blass.

»An wen erinnert die Frau dich?«, fragte sie Scott zitternd und gab ihm die Zeitung.

Scott sah hin und wurde ebenfalls aschfahl im Gesicht. »An Lotte?«, fragte er unsicher. »Die gleichen hohen Wangenknochen und runden Augen. Aber die hier ist nicht so hübsch.«

»Das liegt daran, dass sie durch die Hölle gegangen ist und dass man ihr die Haare abgeschnitten hat«, meinte Dale ärgerlich. »Außerdem ist es kein richtiges Foto. Aber stell dir die Frau mit langem, glänzendem Haar und einem lächelnden Gesicht vor. Scott, das könnte wirklich Lotte sein!«

»Nein, das ist unmöglich. Das kann sie nicht sein.« Scott schüttelte den Kopf.

»Warum nicht?«, fragte Dale. Mittlerweile war sie unruhig und besorgt. »Wir wissen, dass sie aus Brighton kommt, sie hat das richtige Alter, und hier steht, dass es eine blauäugige, schlanke Blondine ist.«

»Diese Beschreibung passt auf Tausende von Frauen«, widersprach Scott und schüttelte erneut den Kopf. »Aber in einem Punkt hast du recht - wenn man sich die Haare wegdenkt, dann könnte es wirklich ihre Doppelgängerin sein.«

Die anderen wollten jetzt alle wissen, wovon sie sprachen.

»Sie war Friseurin auf dem Kreuzfahrtschiff und meine Kabinennachbarin«, erklärte Dale. »Ich war entsetzt, als ich erfuhr, dass ich mir ausgerechnet mit ihr eine Kabine teilen sollte. Sie ist eine von diesen Alice-im-Wunderland-Frauen, mit großen Augen und wehendem Haar. Sie war ganz in Rosa angezogen, und ich dachte, dass sie nichts anderes liest als Klatschblätter, dass sie nur über Haarconditioner redet und ständig ihre Mum anruft, um herauszufinden, was gerade bei Coronation Street passiert. Aber so war sie nicht, sie war die netteste, hilfsbereiteste und beste Freundin, die ich je hatte.«

Dale war überrascht, dass sie öffentlich zugeben konnte, wie sehr sie Lotte mochte. Es hatte Zeiten in ihrem Leben gegeben, in denen ihre vermeintlichen Freunde sie nur ausgenutzt hatten, doch Lotte hatte ihr gezeigt, was Freundschaft wirklich bedeutete.

»Wir drei haben alles zusammen gemacht«, erklärte jetzt Scott. »Wir gingen nicht nur gemeinsam an Land und amüsierten uns, sondern wir redeten auch nächtelang über Gott und die Welt. Aber dann passierte ihr in Südamerika etwas Schreckliches.«

»Was?«, fragten Rosie und Michelle gleichzeitig.

Scott blickte Dale unsicher an. Sie hatten nie darüber gesprochen, ob sie über diese Sachen schweigen sollten, aber in diesem Moment schien es in Ordnung zu sein, es den Leuten zu erzählen, mit denen sie zusammenwohnten.

»Sie wurde vergewaltigt«, erklärte Dale leise, weil sie Scotts Dilemma verstand.

»Vergewaltigt? Von wem? War es jemand vom Schiff?«, fragte Michelle.

»Nein, irgendein Kerl in Ushuaia - das liegt ganz im Süden von Südamerika, der letzte Ort vor der Antarktis sozusagen«, erklärte Scott. »Und auch noch am helllichten Tag! Sie war danach nie wieder dieselbe, und Dale und ich fühlten uns schrecklich, weil wir sie allein an Land hatten gehen lassen.«

»Das arme Mädchen«, meinte Frankie voller Mitgefühl. »Und was passierte, als sie das Schiff verließ? Meint ihr das ernst, dass sie die Frau aus der Zeitung sein könnte?«

»Sie wollte nach Hause zu ihren Eltern, als wir uns verabschiedeten«, erklärte Dale. »Wir versprachen uns gegenseitig, in Kontakt zu bleiben, und ich habe sie immer wieder angerufen und ihr Textnachrichten geschickt, und Scott auch, aber sie hat nie geantwortet. Ich habe angenommen, dass Scott und ich unwillkommene Erinnerungen an dieses schreckliche Erlebnis waren und sie deshalb den Kontakt abgebrochen hat.«

»Es ist purer Zufall, dass wir jetzt, ein Jahr später, auch beide in der Nähe von Brighton leben«, fügte Scott hinzu. »Ich schätze, wenn seit der Kreuzfahrt nicht schon so viel Zeit vergangen wäre, dann hätten wir sie vielleicht mal besucht. Aber das schien sinnlos, da sie ja offensichtlich keinen Kontakt mehr wollte.«

»Wenn ihr denkt, dass sie es ist«, meinte Frank und deutete auf das Bild, »dann solltet ihr euch bei der Polizei melden.«

»Wir würden ziemlich dumm dastehen, wenn sie es nicht ist«, erwiderte Scott. »Aber vielleicht sollten wir ihre Eltern anrufen und uns nach ihr erkundigen?«

»Ruft sie jetzt an«, schlug Frankie vor.

»Wir haben die Nummer nicht«, meinte Scott, »nur die Adresse, die sie Dale gegeben hat. Wir haben versucht, sie herauszufinden, aber die Eltern stehen nicht im Telefonbuch.«

»Wir könnten morgen hinfahren«, sagte Dale aus einem Impuls heraus. »Ich habe erst am Nachmittag Termine, und du hast frei, Scott. Wir könnten mit dem Bus um halb zehn fahren.«

»Ich würde die Polizei anrufen«, meinte Frankie mit einem missbilligenden Schnauben. »Erstens sehen sich die armen Eltern vielleicht gerade auch das Bild an und flippen aus, wenn sie nicht wissen, wo ihre Tochter ist. Da wollt ihr sicher nicht dabei sein! Und außerdem, Dale, wird Marisa ausrasten, wenn sie herausfindet, dass du ausgebüxt bist.«

»Wenn ihre Eltern auch glauben, dass es Lotte ist, dann brauchen sie Trost von jemandem, dem Lotte wichtig ist«, widersprach Dale trotzig. »Und was Marisa angeht, ihr verpfeift mich doch nicht, oder?«

»Natürlich nicht«, erklärten ihre Freunde einstimmig. »Sie wird erst am Nachmittag wieder da sein, aber was sollen wir sagen, falls sie früher zurückkommt?«

»Dass ich zum Zahnarzt musste, weil ich furchtbare Zahnschmerzen hatte«, schlug Dale vor.

»Ist es wirklich eine gute Idee, einfach so bei ihren Eltern aufzutauchen?«, fragte Scott Dale sehr viel später an diesem Abend, bevor sie zu Bett gingen. »Ich kann verstehen, dass du erst mit ihnen sprechen willst, bevor wir zur Polizei gehen. Aber was, wenn Lotte ein paar Wochen nicht da war und sie das Bild in der Zeitung nicht gesehen haben? Sie werden total schockiert und entsetzt sein, und wir stehen dann hilflos daneben. Die Polizei weiß, wie man mit solchen Situationen umgeht, wir nicht.«

»Wir könnten uns doch einfach nach Lotte erkundigen«, überlegte Dale. »Wir tun einfach so, als wollten wir sie besuchen. Wenn sie bei der Arbeit ist, dann sagen wir einfach, sie soll uns anrufen, und gehen wieder. Aber wenn ihre Eltern sie seit einiger Zeit nicht gesehen haben, dann zeigen wir ihnen entweder das Bild aus der Zeitung, oder wir gehen direkt zur Polizei, je nachdem, für wie belastbar wir ihre Eltern halten.«

Scott zuckte mit den Schultern. »Aber dann übernimmst du die Verantwortung, wenn sie ausrasten.«

2. KAPITEL

»Ich dachte immer, Lotte käme aus einem grünen Vorort«, bemerkte Dale, als das Taxi von der Küste in eine Straße mit Reihenhäusern ohne Vorgärten bog. Sie und Scott hatten den Bus nach Brighton genommen und waren dann mit dem Taxi weitergefahren, als sie feststellten, dass Lottes Haus weiter entfernt lag.

Scott blickte nachdenklich aus dem Taxifenster auf die leicht heruntergekommenen Häuser. »Ich auch! Ich hatte die Vorstellung, dass sie sehr behütet aufgewachsen ist, auf der Wiese mit Puppen und abends Brettspiele gespielt hat.«

Viele Häuser an der Straße waren billige Pensionen. Die Farbe an den Türen blätterte ab, Vasen mit künstlichen Blumen standen in den Fenstern, und Dale nahm an, dass das Frühstück hier fettig, die Betten durchgelegen und das heiße Wasser knapp sein würden. Die Straße war nur ein kurzes Stück von der See entfernt, aber meilenweit von den schicken Hotels dort. Dale musste daran denken, dass Brighton früher einmal in dem Ruf gestanden hatte, ein guter Ort für ein »Fremdgeh-Wochenende« zu sein, und sie konnte sich all die Mr. und Mrs. Smiths vorstellen, die in den vierziger und fünfziger Jahren hergekommen waren.

Lottes Haus, Nummer 12, hatte Netzgardinen vor den Fenstern, und die Haustür war grellgelb gestrichen. Draußen vor der Tür parkte ein kleiner weißer Van mit der schwarzen Aufschrift T. G. Wainwright, Klempnermeister. Sichere Gasinstallation an der Seite.

»Gott sei Dank ist ihr Vater zu Hause«, meinte Scott, als er den Taxifahrer bezahlte. »Wenn ihre Mutter zusammenbricht, dann kann er sich um sie kümmern.«

Dale hielt Scott zurück, als er gerade klingeln wollte. »Denk dran, dass wir ihnen nicht das Bild unter die Nase halten. Wenn es übel aussieht, dann gehen wir einfach und überlassen das der Polizei.«

Mr. Wainwright öffnete ihnen die Haustür. Er war ein großer, schlanker Mann ungefähr Mitte fünfzig, mit den gleichen blauen Augen wie Lotte, aber schütterem Haar. Er trug eine Jeans und ein Sweatshirt, was offensichtlich seine Arbeitskleidung war, weil sie abgetragen wirkte und zahlreiche Flecken aufwies.

»Wir haben mit Lotte auf dem Kreuzfahrtschiff gearbeitet«, sagte Dale, nachdem sie Scott und sich vorgestellt hatte. »Aber wir haben seitdem nichts mehr von ihr gehört, und da wir hier in der Nähe arbeiten, wollten wir sie mal besuchen.«

Der Mann runzelte die Stirn. »Kommen Sie rein. Meine Frau ist hinten im Garten und jätet Unkraut. Ich hole sie.«

Er führte sie durch einen schmalen Flur, vorbei an einer verschlossenen Tür, hinter der vermutlich das Wohnzimmer lag, in eine große, sonnige Wohnküche. Sie wirkte ein bisschen altmodisch, mit grünen Schränken und einer gemusterten Formica-Arbeitsplatte, aber sie war sauber und aufgeräumt.

Durch die Terrassentür konnten sie einen kleinen, aber sehr hübschen und gepflegten Garten sehen. Mrs. Wainwright stand über ein Beet mit Tulpen gebeugt.

Mr. Wainwright ging nach draußen, um sie zu holen. Als sie sich aufrichtete, um sich anzuhören, was ihr Mann zu sagen hatte, blickte sie in die Küche.

»Sie ist viel älter als meine Mutter«, meinte Dale überrascht. »Sie sieht aus, als wäre sie schon über sechzig. Und sie kennen das Bild in der Zeitung offensichtlich nicht, oder zumindest glauben sie nicht, dass es Lotte ist, sonst hätte ihr Dad etwas gesagt.«

Scott hatte keine Gelegenheit, ihr zu antworten, denn das Ehepaar kam wieder herein. Mrs. Wainwright war mollig und ungefähr einen Meter sechzig groß, ihr Gesicht war faltig und ihr kurzes Haar schlohweiß. Sie trug eine Hose und einen Pullover aus Kunstfasern, die man beide normalerweise mit deutlich älteren Frauen verband, aber sie wirkte äußerst rüstig und überwand die rund zwanzig Meter vom Garten ins Haus schnell und bestimmt.

»Es tut uns leid, dass wir Sie bei der Gartenarbeit stören«, setzte Dale an. »Aber Scott und ich wollten gerne Lotte besuchen.«

»Das wird schwierig, sie ist irgendwo draußen auf dem Ozean«, meinte Mrs. Wainwright.

»Dann ist sie wieder auf Kreuzfahrt?«, fragte Dale überrascht. Lotte hatte gesagt, dass sie das nie wieder tun wollte. »Die, auf der wir sie kennenlernten, endete im März letzten Jahres. Wann ist sie danach denn wieder losgefahren?«

»Danach?« Die Frau runzelte die Stirn. »Sie hat Brighton vor über zwei Jahren verlassen und war seitdem nicht mehr hier.«

Dale blickte Scott an. Sie wusste nicht, was sie jetzt tun sollten.

»Als wir das Kreuzfahrtschiff verließen«, erklärte Scott und sprach langsam, als müsste er erst sorgfältig nachdenken, um nichts Falsches zu sagen, »meinte sie, dass sie nach Hause zu Ihnen fahren wolle.«

»Ich weiß nicht, warum sie Ihnen das gesagt hat«, sagte Mrs. Wainwright und ging zum Waschbecken, um sich die Hände zu säubern. »Sie lebt seit Jahren nicht mehr hier. Wir haben seit ihrem Auszug kaum etwas von ihr gesehen oder gehört. Der einzige Grund, warum sie uns überhaupt mitteilte, dass sie auf Kreuzfahrt geht, war, dass sie einige Sachen bei uns einlagern wollte.«

Scott und Dale sahen sich besorgt an. Sie hatten lange überlegt, wie dieses Gespräch wohl verlaufen würde, aber niemals hätten sie erwartet, dass Lottes Mutter so kalt reagieren könnte. Es war, als hätte sie überhaupt kein Interesse an ihrer Tochter.

»Wissen Sie, wo sie jetzt ist?«, fragte Scott.

»Keine Ahnung«, meinte ihr Vater. »Wir haben ein paar Postkarten bekommen, aber das ist ewig her.« Er ging zu einer Pinnwand hinüber und nahm eine Karte ab. »Diese hier ist aus San Francisco, da war sie gerade an Bord gegangen, und die andere ist aus Trinidad. Seitdem haben wir nichts mehr gehört.«

»Aber sie hat mir erzählt, dass sie Sie angerufen hat«, beharrte Dale und erinnerte sich an Weihnachten und andere Gelegenheiten, zu denen Lotte ihr von solchen Anrufen bei sich zu Hause berichtet hatte. Sie hatte auch behauptet, nach der Vergewaltigung mit ihren Eltern gesprochen zu haben. »Warum sollte sie mir so etwas erzählen, wenn es nicht stimmt?«

»Sie war schon immer eine zwanghafte Lügnerin«, erklärte Mrs. Wainwright scharf. »Ich nehme an, sie hat Ihnen auch ihr Lieblingsmärchen erzählt, dass wir gemein zu ihr waren und dass sich niemand um sie gekümmert hat. Darüber beklagt sie sich normalerweise.«

Dale war nicht nur schockiert, dass Mrs. Wainwright mit einer völlig Fremden über derart intime Familienangelegenheiten sprach, sie war auch wütend darüber, dass die Frau jemanden schlechtmachte, an dem ihr etwas lag.

»Lotte hat sich nie über irgendetwas beklagt«, gab sie schneidend zurück. »Aber jetzt, wo ich Sie kennengelernt habe, nehme ich an, dass sie sich für ihre gefühlskalten Eltern geschämt hat und nie vorhatte, zu Ihnen zurückzukehren. Wenn ich gewusst hätte, wie es bei Ihnen zugeht, dann hätte ich sie mit zu meiner Mutter genommen.«

»Was geht Sie das überhaupt an?«, fragte Mrs. Wainwright und schob die Unterlippe vor. »Ich verbitte mir diesen Ton, junge Dame.«

»Ich glaube, ich sollte erklären, dass wir uns besonders um Lotte sorgen, weil sie in Südamerika vergewaltigt wurde«, mischte sich Scott ein und blickte von der Frau zu dem Mann. Er hielt ein paar Sekunden inne, weil er erwartet hatte, dass sie schockiert sein, dass sie entsetzt die Luft anhalten oder schreien würden. Aber das taten sie nicht, sie starrten ihn nur ausdruckslos an. »Es war eine schreckliche Sache, es hat alle auf dem Schiff zutiefst schockiert«, fuhr er fort. »Und es passierte am helllichten Tag, der Mann war ihr völlig fremd. Ich nehme an, sie hat es Ihnen nicht erzählt?«

Dale blickte Mrs. Wainwright an und erwartete, dass sie in Tränen ausbrechen würde. Aber das tat sie nicht, sie stand nur da, mitten in der Küche, und schien völlig unbeteiligt, so als hätte sie gerade erfahren, dass Lotte sich die Haare rot gefärbt hatte.

»Das wird sie sich ausgedacht haben«, murmelte sie nach einem Moment des Schweigens. »Sie versucht immer auf alle erdenklichen Arten, Aufmerksamkeit zu erregen.«

»Was?«, rief Dale, weil sie nicht glauben konnte, dass die Frau so etwas sagte. »Mrs. Wainwright, der Mann wurde dabei erwischt! Ein Ehepaar, das auf dem Schiff mitfuhr, hörte ihre Schreie und rettete sie. Sie wurde vom Schiffsarzt untersucht, der die Vergewaltigung bestätigte. Der Mann hat sie geschlagen und eingeschüchtert, bevor er sich an ihr verging. Und Sie glauben, sie hat sich das ausgedacht?«

Man musste Mr. Wainwright zugutehalten, dass er erschüttert aussah und ein paar Schritte näher an seine Frau herantrat, so als suche er Schutz bei ihr. Aber sie stand nur da und sah Dale mit einem zynischen Gesichtsausdruck an.

»Guter Gott, ist Ihr Herz denn aus Stein?«, fragte Dale verächtlich.

»Zumindest wissen wir jetzt, warum sie es Ihnen nicht erzählt hat.« Scott schüttelte ungläubig den Kopf. »Sie wusste, dass Sie so reagieren würden, nicht wahr?«

Er blickte die beiden erwartungsvoll an, hoffte darauf, dass sie es abstreiten würden, aber das taten sie nicht. »Warum ist sie Ihnen so gleichgültig?«, fragte er und deutete auf die Wand hinter dem Esstisch, wo mindestens zwanzig Fotos hingen, die Lotte als kleines Mädchen zeigten. »Wie können Sie all diese Bilder dort aufhängen und sie jeden Tag ansehen, aber kein Interesse an ihr oder an dem zeigen, was ihr passiert ist?«

»Das ist nicht Lotte«, rief Mr. Wainwright wütend. »Das ist unsere Fleur. Sie wurde uns genommen, als sie zehn war. Wie kommen Sie denn nur darauf, das wäre Lotte? Fleur war hübsch und so talentiert.«

Dale starrte dieses merkwürdige, kalte Ehepaar mit offenem Mund an, als ihr klar wurde, was die beiden offensichtlich umtrieb.

»War Fleur älter oder jünger?«, fragte sie.

»Vier Jahre älter«, sagte Mr. Wainwright. »Es hat uns das Herz gebrochen, als sie starb. Sie war so etwas Besonderes, sie konnte tanzen und singen, sie hat so viele Wettbewerbe gewonnen. Und bildhübsch war sie und intelligent, und alle haben sie geliebt.«

»Und Sie waren wütend auf Lotte, weil Ihnen nur noch sie blieb?«, fragte Dale mit sarkastischem Unglauben.

»Nicht in diesem Ton, junge Dame!«, fuhr Mrs. Wainwright sie an. »Sie konnte nie mit ihrer älteren Schwester mithalten, sie war nicht so talentiert, nicht so hübsch und auch nicht so intelligent.«

»Tut mir leid, aber Lotte ist eine der hübschesten, freundlichsten und fleißigsten Frauen, die ich jemals kennengelernt habe«, gab Dale zurück, und ihre Stimme schwoll an vor Wut. »Sie ist auf ihre Weise ein Star. Wie können Sie so grausam sein, sie derart zu verachten?«

»Dann hat sie Ihnen also doch einige Märchen über uns erzählt?« Mrs. Wainwright trat auf Dale zu, den Mund bösartig verzogen.

»Oh ja, Mrs. Wainwright! Sie hat mir ein paar Märchen erzählt. Sie sagte, sie habe liebevolle Eltern und ihre Kindheit sei idyllisch gewesen«, zischte Dale und baute sich direkt vor der Frau auf. »Mein Gott, jetzt verstehe ich, warum sie es nicht ertragen konnte, nach Hause zu kommen. Ich wäre auch nicht zu Eltern wie Ihnen zurückgekehrt.«

Scott zog die Zeitung aus seiner Tasche, strich sie glatt und hielt sie Mr. Wainwright hin. »Ist das Lotte?«, fragte er.

Der Mann nahm die Zeitung in beide Hände und betrachtete das Foto auf der Titelseite mit gerunzelter Stirn. »Ich weiß es nicht. Das Bild sieht ihr ähnlich, aber ich habe sie ja seit zwei Jahren nicht gesehen.«

Scott erklärte knapp, was über die Frau bekannt war, die man am Strand gefunden hatte. »Wir glauben, dass es Lotte ist, obwohl wir gehofft hatten, dass Sie uns etwas anderes sagen können. Jetzt müssen wir zur Polizei gehen und es melden.«

Dale zögerte, bevor sie sich zur Haustür umwandte. Sie hatte sich schon oft schlimm mit ihrer Mutter gestritten, und sie hatten dabei beide sehr unschöne Dinge gesagt. Dale wollte glauben, dass dies auch bei Mrs. Wainwright der Fall war und dass ihre mütterlichen Instinkte wieder einsetzen würden, sobald ihr wirklich klar wurde, was Lotte da Schreckliches passiert war.

Aber das Gesicht der älteren Frau blieb kalt und verschlossen. Sie würde nicht nachgeben und irgendwelche Gefühle zeigen.

»Ich denke, die Polizei wird bald hier sein und Sie befragen«, meinte Scott. »Sie sollten jetzt natürlich selbst zur Polizeiwache laufen und dann weiter zum Krankenhaus zu Ihrer Tochter, aber wir werden den Beamten sagen, dass Sie sich nichts aus ihr machen!«

Als sie das Haus verlassen hatte, platzte es aus Dale heraus. »Was für widerwärtige Bastarde! Ich kann nicht glauben, dass jemand so kalt auf die Nachricht reagiert, dass die eigene Tochter vergewaltigt und beinahe Opfer eines Mordanschlags geworden ist. Die arme, arme Lotte!«

Scotts Lippen zitterten vor Mitleid mit Lotte und Wut über so viel Gefühllosigkeit. »Weißt du, ich fand es schon komisch, dass ihre Eltern damals nicht in Southampton waren, um sie abzuholen, als das Schiff anlegte. Das hätten meine gemacht, wenn eine meiner Schwestern vergewaltigt worden wäre. Ich glaube, sie hätten wahrscheinlich sogar einen Hubschrauber gemietet und sie direkt danach von Bord geholt.«

»Meine Mutter hat mich gefragt, ob Mrs. Wainwright am Schiff war«, meinte Dale. »Ich habe das abgetan. Ich sagte ihr, dass Lotte nach der Vergewaltigung ja noch einen Monat auf dem Schiff gewesen sei und die Sache deshalb schon ein bisschen überwunden hätte. Mum meinte, das wäre etwas, über das man nicht in einem Monat hinwegkäme.«

Auf der Polizeiwache brachte ein Kriminalkommissar Dale und Scott in ein Befragungszimmer. Er war ein kleiner, drahtiger Mann von ungefähr vierzig Jahren mit schütteren braunen Haaren.

Dale holte ein paar Fotos von Lotte heraus, die während der Kreuzfahrt entstanden waren. Sie gab sie dem Beamten und erzählte ihm von ihrem Verdacht, dass Lotte die geheimnisvolle Frau sei, die man am Strand gefunden hatte.

»Gestern Abend gab es mehrere Anrufe, und auch heute Morgen haben sich einige Leute gemeldet, die behaupten, die Frau zu kennen«, meinte der Kommissar, während er sich die Fotos ansah. »Die meisten konnten das nicht belegen, aber wir müssen allen Hinweisen nachgehen. Wenn Sie noch ein klein wenig Geduld haben, dann notiere ich mir einige Details, und wenn Sie uns die Bilder hierlassen könnten, gehen wir der Sache nach.«

Der Mann brauchte nur eine Viertelstunde. Er wollte zu diesem Zeitpunkt der Ermittlungen nur wissen, wo sie Lotte zuletzt gesehen hatten und in welchem Verhältnis sie zu ihr standen. Außerdem notierte er sich die Namen und Adressen von allen Freunden und Familienmitgliedern, die ihnen bekannt waren.

»Wir wissen nicht viel über ihr Leben vor der Kreuzfahrt«, gestand Dale traurig und schämte sich plötzlich, weil sie Lotte nicht mehr darüber gefragt hatte. »Sie ist einer von diesen Menschen, die lieber zuhören als reden. Sie hat hier in Brighton als Friseurin gearbeitet, aber abgesehen davon wissen wir nicht viel über sie.«

»Jetzt, wo wir wissen, wie ihre Eltern sind, überrascht es uns nicht, dass sie nicht über ihre Vergangenheit gesprochen hat«, fügte Scott hinzu und gab dem Beamten die Adresse und eine kurze Schilderung, wie die beiden reagiert hatten. »Ich nehme nicht an, dass ihre Eltern Ihnen eine große Hilfe sein werden, wenn die Frau vom Strand tatsächlich Lotte sein sollte. Sie scheinen keinerlei Interesse an ihr zu haben.«

Scott blieb in Brighton, weil er noch einiges einkaufen wollte, aber Dale nahm den nächsten Bus zurück nach Marchwood und kam kurz nach eins dort an. Nach dem Treffen mit den Wainwrights war sie aufgewühlt und traurig, aber sie zog ihre Uniform an und ging direkt ins Spa.

»Hat mich jemand vermisst?«, fragte sie Rosie, die gerade mit einer Maniküre fertig war.

»Nein. Aber ich bin froh, dass du zurück bist, denn du bist in einer halben Stunde für eine Gesichtsbehandlung gebucht«, meinte Rosie lächelnd. »War die geheimnisvolle Frau eure Freundin?«

»Es sieht so aus, aber wir wissen es noch nicht mit Sicherheit. Die Polizei überprüft das. Ich erzähle dir später alles«, sagte Dale, während sie das Terminbuch öffnete, um zu sehen, was für eine Gesichtsbehandlung die Kundin gebucht hatte.

Sie füllte gerade Wasser in den Vaporisator, als Marisa in das Behandlungszimmer kam.

»Ich hoffe, du hattest einen schönen Vormittag in Brighton«, sagte sie, und Bosheit schwang in ihrer Stimme mit. »Und gib dir keine Mühe, mir die Geschichte mit dem Zahnarzt aufzutischen, ich weiß, dass sie nicht stimmt.«

Dale schluckte. »Okay. Ich habe das nur gesagt, weil es das Erste war, was mir einfiel. Tatsächlich war ich bei der Polizei. Ich habe in der Zeitung gelesen, dass eine unbekannte Frau am Strand gefunden wurde, die ihr Gedächtnis verloren hat, und ich glaube, es ist jemand, mit dem ich auf dem Kreuzfahrtschiff zusammengearbeitet habe.«

»Tatsächlich?«, meinte Marisa kalt. »Hätte es ein Anruf nicht auch getan? Oder hätte Scott sich nicht für euch beide darum kümmern können? Ich nehme an, er kannte sie auch?«

»Ich schätze, das wäre beides auch gegangen, aber wir wollten lieber zuerst mit den Eltern unserer Freundin reden, bevor wir zur Polizei gehen.«

»Ich halte nicht viel von Mitarbeitern, die einfach verschwinden, sobald ich ihnen den Rücken zuwende. Ich muss mich auf alle absolut verlassen können.«

»Ich wäre nicht gefahren, wenn ich für eine Behandlung gebucht gewesen wäre«, erklärte Dale. »Und es tut mir leid, dass ich ohne deine Erlaubnis gegangen bin. Ich kann die Zeit an meinem freien Tag nacharbeiten, wenn du willst.«

»Es bleibt die Tatsache, dass du mich und das gesamte Team im Stich gelassen hast«, beharrte Marisa.

Dale war bereit, bis zu einem gewissen Grad Abbitte zu leisten, aber sie fand, dass sie jetzt weit genug gegangen war.

»Bei allem Respekt, Marisa, diese Frau, die am Strand gefunden wurde, hat vielleicht einen Mordanschlag oder eine Entführung überlebt«, gab sie zurück. »Ich war zu neunzig Prozent sicher, dass ich weiß, wer sie ist. Deshalb war es meine Pflicht, sowohl ihre Eltern als auch die Polizei zu informieren. Es war ja nicht so, dass ich wegen irgendetwas Trivialem gegangen wäre.«

»Du hast die unangenehme Angewohnheit anzunehmen, dass du alles am besten weißt«, antwortete Marisa, und ihre Augen wurden schmal. »Das könnte dir durchaus zum Verhängnis werden.«

Sie drehte sich auf dem Absatz um und ließ Dale mit einem unbehaglichen Gefühl zurück.

Der Rest des Tages war schwierig. Dale hatte viel zu tun, weil im Hotel am nächsten Tag eine Hochzeit stattfinden sollte. Viele Gäste, die im Laufe des Vormittags für das Wochenende angereist waren, entdeckten nun das Spa und wollten spontan alle möglichen Arten von Behandlungen. Die Empfangsdame Becky hatte zwei Frauen bei Dale für verschlankende Körperwickel eingetragen, ohne sich bewusst zu sein, wie lange diese dauerten. Am Ende war sie gezwungen, zwischen den beiden Frauen hin und her zu laufen, während sie zwei anderen noch eine Pediküre und eine Maniküre machte.

Um Marisa zu besänftigen, denn sie wollte ihren Job wirklich nicht verlieren, blieb Dale freiwillig bis nach acht. Als sie endlich gegessen hatte und in den Bungalow kam, wollte sie nur noch ins Bett. Doch sie konnte nicht einschlafen, denn wie schon in der vorangegangenen Nacht sah sie immer wieder Bilder von Lotte vor sich.

Aber jene Bilder waren meist die von guten Zeiten gewesen, von den Crew-Partys und den Landausflügen. Jetzt, nachdem sie wusste, dass ihre Freundin nicht, wie sie immer angenommen hatte, aus einem liebevollen Elternhaus stammte, waren es nur Bilder von dem Tag, an dem Lotte vergewaltigt worden war.

Alles stand ihr noch so lebendig vor Augen. Sie konnte sich daran erinnern, wie sie am Morgen aufgewacht war und verschlafen die Vorhänge zurückgezogen hatte, ohne daran zu denken, dass sie splitternackt war oder dass das Schiff spät am vorangegangenen Abend in Ushuaia vor Anker gegangen war. Dort, nur ein paar Meter entfernt vom Bullauge, warteten Männer darauf, den Müll zu entladen und Vorräte an Bord zu bringen, und alle sahen sie.

Unwillkürlich schrie sie auf und zog den Vorhang schnell wieder vor das Bullauge. Aber es war zu spät - die Männer grinsten, und ein paar von ihnen machten anzügliche Gesten mit ihren Händen.

Lotte lag wach in ihrer Koje und lachte über Dales Unbedarftheit.

»Jetzt hast du sie am Haken«, sagte sie. »Wenn du an Land gehst, werden sie schon auf dich warten.«

Dale konnte nur verlegen kichern. Sie wusste nicht, warum ihr das Schweigen des Schiffsmotors und der Lärm des Hafens vorher nicht aufgefallen waren. Wäre es so gewesen, dann hätte sie die Vorhänge geschlossen gehalten, denn alle Personalkabinen befanden sich so tief unten im Schiff, dass sie auf einer Ebene mit dem Dock lagen, wenn sie vor Anker gingen.

»Ich freue mich schon so auf den Landgang«, sagte Lotte, sprang aus dem Bett und griff nach ihrem Handtuch, um zu duschen. »Schade, dass ich noch so viele Föhn-Termine habe, bevor ich gehen kann. Ich komme bestimmt erst gegen ein Uhr los. Wie steht es mit dir? Hast du heute irgendwelche Behandlungen?«

»Eine Massage in einer Stunde, das ist alles. Die Leute gehen alle an Land. Aber ich glaube nicht, dass ich diesmal mitkomme, Lotte. Ich habe mir Ushuaia schon mal angesehen, und das war nicht besonders interessant. Außerdem bin ich so müde, dass ich lieber wieder ins Bett gehen und den ganzen Tag dort bleiben möchte.«

»Das ist in Ordnung«, erklärte Lotte fröhlich. »Ich will mir nur das alte Gefängnis ansehen und ein bisschen rumlaufen. Da brauche ich keine Gesellschaft.«

Die beiden frühstückten schnell zusammen und trennten sich dann. Lotte ging in den Friseursalon, und Dale wusch noch etwas Wäsche, bevor sie für die Massage in den Salon musste.

Dale schlief, als Lotte gegen Mittag zurück in die Kabine kam. Sie zog sich so leise um, dass Dale erst aufwachte, als sie gerade gehen wollte, und sie verschlafen bat, ihr ein paar Postkarten mitzubringen. Lotte trug eine Jeans, die in Cowboystiefeln steckte, und einen dünnen pinkfarbenen Pullover, und sie hatte sich eine leichte Windjacke über die Handtasche gelegt. Wie immer, wenn sie nicht arbeitete, trug sie ihr Haar offen. Dale erinnerte sich daran, dass sie, als Lotte durch die Tür ging, dachte, dass es wie ein Vorhang aus schimmerndem geschmolzenem Gold aussah.

Alle auf dem Schiff mussten lange arbeiten, ganz gleich ob Offiziere, Stewards, Zimmermädchen, Barkeeper, Kellnerinnen, Animateure oder Mannschaftsmitglieder. Den Passagieren war vermutlich gar nicht bewusst, dass das Personal an Bord die Einwohnerzahl eines Dorfes übertraf und dass sie auf den beiden Decks unterhalb der Kabinen in sehr beengten Verhältnissen lebten.

Außerdem kamen diese vielen Menschen aus ganz verschiedenen Ländern und Kulturen, und einige sprachen nicht mal gut Englisch. Allen wurde beim Einschiffen eingebläut, dass sie miteinander auskommen mussten, weil die Situation sonst schnell zu einem Albtraum werden konnte.

Deswegen neigten die Leute dazu, mehr zu feiern, als sie sollten. Immer wenn sie mit ihrer Arbeit fertig waren, fanden sie sich zum Trinken und Reden zusammen, und das ging dann oft bis in den frühen Morgen. Das Ergebnis war, dass nach ein paar Wochen die meisten so müde waren, dass ihnen nichts anderes übrig blieb, als sich während ihrer wenigen freien Stunden hinzulegen. An Land zu gehen wurde beim zweiten Mal ohnehin weniger attraktiv; die Häfen entlang der chilenischen Küste waren klein und langweilig, und obwohl die Passagiere weiter ins Inland fuhren, um sich Ranchen, Wale, Pinguine und andere Dinge anzusehen, blieben Personal und Mannschaft meist zurück.

Während an diesem Nachmittag also die meisten Passagiere mit Booten hinausfuhren, um Seelöwen und Seevögel auf dem Beagle Channel zu beobachten, oder sich die alte Ushuaia-Strafkolonie und den Zug ansahen, mit dem die Gefangenen das frisch geschlagene Holz transportierten, schliefen Dale und ein Großteil der Mannschaft und des Personals.

Dale wurde von einem lauten Klopfen an der Tür geweckt. Als sie auf die Uhr sah, erkannte sie erschrocken, dass es bereits sieben Uhr abends war.

»Ich komme!«, rief sie, während sie aus der oberen Koje kletterte. Sie nahm an, dass Lotte ihren Schlüssel vergessen hatte oder dass Scott vielleicht wollte, dass sie ihm beim Abendessen Gesellschaft leistete.

Als sie die Tür einen Spalt breit öffnete, sah sie jedoch, dass es Atkins war, einer der Schiffsoffiziere, deshalb schlüpfte sie schnell in einen Bademantel, um BH und Slip zu verdecken.

»Was kann ich für Sie tun, Sir?«, fragte sie, nachdem sie die Tür richtig aufgemacht hatte.

Atkins war ein großer, dünner Mann, ungefähr fünfundvierzig, mit dunklem Haar und einem meist ernsten Gesichtsausdruck. Dale hatte bisher nur ein paar Höflichkeiten mit ihm ausgetauscht, denn er kümmerte sich eher um die Gäste als um die Mannschaft oder das Personal. Sie konnte sich nicht vorstellen, was er jetzt von ihr wollte.

»Es gab einen Zwischenfall im Hafen«, begann er zögernd. »Lotte Wainwright, Ihre Kabinennachbarin, war darin verwickelt.«

Ein »Zwischenfall« bedeutete normalerweise eine Prügelei oder etwas Ähnliches, aber Dale konnte sich nicht vorstellen, dass Lotte an so etwas beteiligt gewesen war; um solche Auseinandersetzungen machte ihre Freundin normalerweise einen großen Bogen.

»Ist Lotte verletzt?«, fragte sie.

»Sie wurde angegriffen«, erklärte er unverblümt.

Es war die offensichtliche Verlegenheit des Mannes, die sie vermuten ließ, dass Lottes Verletzungen heikler Natur waren, und plötzlich bekam Dale Angst. Sie griff nach seinem Arm.

»Bitte, Sir, sagen Sie mir, was passiert ist! War es ein sexueller Übergriff?«

Er ließ den Kopf hängen. »Ja, leider. Sie wurde vergewaltigt.«

Eine Sekunde lang konnte Dale ihn nur mit offenem Mund anstarren. Unter ihren Freunden hatte sie den Ruf, hart und mitleidslos zu sein, etwas, dem sie sofort zustimmte. Aber Lotte hatte etwas Verletzliches an sich und eine kindliche Unschuld, die in Dale und den meisten anderen Menschen Beschützerinstinkte weckte.

»Vergewaltigt?«, wiederholte sie. Tränen schossen ihr in die Augen, und ihre Beine drohten unter ihr nachzugeben. »Oh, mein Gott!«, keuchte sie und schlug entsetzt die Hände vors Gesicht. »Wo ist sie jetzt?«

»Zwei unserer Gäste, Mr. und Mrs. Ramsden, brachten sie zum Schiff zurück. Wie es scheint, retteten sie Lotte vor ihrem Angreifer. Mrs. Ramsden schlug ihm eine Weinflasche über den Kopf. Sie bestanden darauf, sie mit in ihre Suite zu nehmen. Dr. Bailey ist jetzt bei ihr, und wir warten auf weitere Informationen von der Polizei in Ushuaia. Man teilte uns mit, dass der Mann verhaftet wurde.«

Dale versuchte, sich zusammenzureißen, obwohl ihr ganz schwindelig vor Schreck war. »Kann ich sie sehen?«, fragte sie.

Atkins schüttelte den Kopf. »Sie wollte, dass wir Sie informieren, aber Dr. Bailey meint, dass Besucher im Moment zu viel für sie wären.«

»Aber ich kenne sie viel besser als die Ramsdens. Wir sind seit fast einem Jahr sehr gut befreundet und teilen uns eine Kabine.«

Atkins Gesichtsausdruck wurde weicher. »Ich weiß, aber da die beiden sie gerettet haben, fühlt sie sich bei ihnen bestimmt sicher, und Dr. Bailey scheint das auch zu glauben, sonst hätte er sie auf die Krankenstation geschickt. Wären Sie so freundlich, ein paar Dinge für sie zusammenzupacken? Einen Pyjama, etwas Wäsche zum Wechseln und ihren Kulturbeutel. Sie bleibt über Nacht bei den Ramsdens.«

Dale ging zurück in die Kabine und ließ Atkins an der Tür warten.

Lotte war ausgesprochen ordentlich. Ihr Schlafanzug lag unter ihrem Kopfkissen, der Bademantel hing hinter der Tür, und alles andere befand sich sorgfältig gefaltet in den Schubladen ihrer Kommode oder hing im Schrank. Dale, die selbst eher unordentlich war, hatte Lotte deshalb oft aufgezogen und sie zwanghaft genannt, aber jetzt, als sie die Dinge, die ihre Freundin brauchen würde, sofort fand, sah sie, wie nützlich diese Ordnung war, und schämte sich wegen ihres Spotts. Sie schämte sich auch, weil sie Lotte heute allein an Land hatte gehen lassen.

Dale reichte dem Offizier die kleine gepackte Tasche. »Richten Sie ihr doch bitte aus, dass ich an sie denke und dass es mir furchtbar leidtut«, sagte sie mit zitternder Stimme. »Wenn ich irgendetwas tun kann …« Sie brach ab, als die Tränen sie übermannten.

»Ich werde es ausrichten«, versprach er. »Bitte behandeln Sie diese Angelegenheit diskret, Miss Moore, wir möchten nicht, dass die Gäste sich bedroht oder unwohl fühlen.«

Normalerweise hätte Dale gegen so eine Anweisung aufbegehrt, denn sie war hitzig, eigensinnig und redete oft schneller, als sie denken konnte. Sie wollte erwidern, dass Lotte sich sehr viel schlimmer als nur »bedroht und unwohl« fühlen musste, aber dieses Mal hielt sie den Mund. Atkins machte schließlich nur seinen Job.

Dale kannte Fern Ramsden, denn sie war zu einer Gesichtsbehandlung bei ihr gewesen, nachdem sie mit ihrem Mann vor gut einer Woche in Santiago an Bord gekommen war. Dale hatte die glamouröse, sehr gut aussehende, rothaarige Amerikanerin nicht besonders gemocht, weil sie ihr ziemlich eingebildet vorgekommen war.

Aber Lotte hatte ihr fast täglich die Haare gemacht, sie entweder für den Abend aufgesteckt oder sie gewaschen und geföhnt. Dale war überzeugt, dass die Frau extrem eitel sein musste, wenn sie so viel Geld für ihr Haar ausgab, aber viele reiche Frauen auf der Kreuzfahrt waren genauso. Was immer Fern Ramsden also war oder nicht war, Dale war beeindruckt, dass sie einem Vergewaltiger eine Flasche auf den Kopf schlagen konnte, und sie war gerührt, wie sehr die Frau sich um Lotte kümmerte.

So, wie die Dinge standen, konnte Dale ihre Freundin erst am nächsten Tag besuchen. Sie hatte eine schlaflose Nacht voller Sorge um sie verbracht, und in den frühen Morgenstunden, als die Motoren ansprangen, um sie von Ushuaia wegzubringen, ging sie an Deck, um in der frischen Luft herumzulaufen und einen klaren Kopf zu bekommen.

Lotte gehörte nicht zu der Art Freunde, die Dale sonst gehabt hatte. Als sie sich zum ersten Mal begegneten und sie entsetzt feststellte, dass sie sich eine Kabine teilen sollten, hatte Dale an eine Barbiepuppe gedacht, denn Lotte besaß die Art von großen blauen Augen, die normalerweise geistlos wirkten, und ein Elfengesicht, umgeben von naturblondem Haar. Und zu allem Überfluss trug Lotte sogar einen pinkfarbenen, flauschigen Angora-Pullover, einen Jeans-Minirock und pinkfarbene Cowboystiefel. Dale stellte sich vor, dass sie sich ihre Koje mit Teddybären teilte, ständig mit ihren Lieben zu Hause telefonierte und unaufhörlich kicherte.

Aber wie sich herausstellte, war Lotte nicht geistlos. Sie sah vielleicht aus wie das klassische Klischee einer Friseurin, aber sie machte sich viele Gedanken, war eine gute Zuhörerin und hatte mehr Verständnis für die Schwächen der Menschen als jeder andere, dem Dale je begegnet war. Ihr Buchgeschmack war geradezu intellektuell; sie informierte sich gerne darüber, was auf der Welt los war, und suchte in jedem Hafen nach englischen Zeitungen.

Lotte liebte Ordnung, Dale war dazu nicht fähig, also sorgte Lotte dafür, dass die Kabine sauber und aufgeräumt war, und beschwerte sich nie. Sie wusch, bügelte und flickte nicht nur ihre eigenen Sachen, sondern auch Dales, doch es war nichts Frömmelndes an ihr, denn sie trank, tanzte und flirtete genauso viel wie Dale.

Oft sahen sie die Sonne aufgehen, während sie immer noch redeten. Sie hatten füreinander gelogen, wenn sie wegen eines Katers nicht arbeiten konnten, waren füreinander eingetreten, wenn sie beschuldigt wurden, einer anderen den Kerl ausgespannt zu haben, und Dale würde niemals vergessen, wie Lotte aufgeblieben war, als sie an einer Magen-Darm-Grippe litt, und die Schüssel für sie gehalten hatte.

Dale stand vor neun an der Kabinentür der Ramsdens, weil sie Lotte unbedingt sehen wollte, bevor sie zur Arbeit ging. Sie musste mehr darüber erfahren, was mit ihrer Freundin passiert war, und sicher sein, dass sie sich davon erholen würde. Aber Fern Ramsden schickte sie weg, sagte, Lotte würde noch schlafen.

Vermutlich bildete Dale sich das nur ein, aber Fern wirkte auf sie definitiv wie ein Kontrollfreak, der Lotte ganz für sich allein wollte und Dale für einen ungebetenen Störenfried hielt. Denn die Frau blickte sie herrisch und ohne Wärme aus ihren grün funkelnden Augen an. Sicher musste sie doch wissen, wie verstört Lottes Freunde waren, und vor allem Dale, die ein Jahr lang fast alles mit ihr zusammen gemacht hatte?

Es war in Ordnung, dass Lotte schlief, Dale erwartete nicht, dass die Frau sie weckte. Sie wollte doch nur ein paar Informationen, mehr nicht - wie sie geschlafen hatte, wie schlimm ihre körperlichen Verletzungen waren - Dinge, die in so einem Fall nur Frauen miteinander besprechen konnten.

Dale kam um halb elf zwischen zwei Terminen zurück, und diesmal wurde ihr mitgeteilt, Lotte sei im Bad. Um halb eins hieß es, sie halte Mittagsschlaf. Aber um vier, als Dale wütend genug war, um die Tür einzutreten, ließ Fern sie endlich zu ihr.

Dale wusste nicht, was sie erwartet hatte, aber es war ein schlimmer Schock, Lotte auf der Couch liegen zu sehen, völlig verquollen und zerschlagen. Nicht nur das blaue Auge, die geschwollene Lippe und die steifen Bewegungen, die auf andere, versteckte Verletzungen hindeuteten; es war, als wäre alle Lebensfreude aus ihr gewichen und hätte einen verängstigten, blassen Geist zurückgelassen.

»Nur zehn Minuten, Liebes«, befahl Fern.

Fern Ramsden war die Art von Frau, die man nicht übersehen konnte. Sie war ungefähr einen Meter achtzig groß, mit einer sinnlichen Figur und sehr schönen Beinen. An diesem Tag trug sie einen jadegrünen Pullover mit tiefem Ausschnitt, einen goldenen Kettengürtel und goldene Sandalen. Die Farbe ihrer Kleidung betonte ihr rotes Haar und ihre goldene Bräune. Obwohl sie vermutlich weit über vierzig war, ging sie noch für dreißig durch. Dale war fast wütend darüber, dass die ältere Frau so unglaublich attraktiv aussehen konnte, während die arme Lotte einen so schlimmen Anblick bot; irgendwie kam ihr das grausam vor.

»Oh mein Gott, Lotte, was für eine schreckliche Sache! Ich konnte es kaum glauben«, entfuhr es Dale. »Aber wie geht es dir jetzt? Hast du einigermaßen geschlafen? Hast du irgendwelche Schmerzen?«

»Sie will nicht, dass man sie mit Fragen bombardiert«, unterbrach Fern sie. »Wenn du bleiben willst, dann setz dich zu ihr und sei ruhig!«

Bis zu diesem Zeitpunkt war Dale trotz ihrer Abneigung bereit gewesen, die Frau für eine Heilige zu halten, weil sie ihre Freundin gerettet hatte. Aber jetzt, wo man sie wie ein ungezogenes Kind behandelte, schwand Dales Dankbarkeit gegenüber Fern und ihrem Mann, und sie fing an, sie zu verabscheuen.

Sie musste Lotte sagen, wie schlimm sie es fand, dass ihr das passiert war, aber sie konnte es nicht aussprechen, wenn diese Frau in der Nähe war und ihre Besuche reglementierte. Sie konnte ihre Freundin nur festhalten und ihr schluchzend gestehen, dass sie wünschte, sie hätte sie nicht allein an Land gehen lassen, und dass sie sich um sie kümmern wollte.

»Das ist ganz sicher nicht möglich«, mischte sich Fern ein, und jetzt schwang in ihrem amerikanischen Akzent stählerne Entschlossenheit mit. »Du musst arbeiten, Dale, Liebes, und Lotte braucht Ruhe, wenn sie sich erholen soll.«

»In ein oder zwei Tagen geht es mir wieder besser«, erklärte Lotte tapfer und schob Dale das Haar aus dem Gesicht, als wäre sie das Opfer, das Trost brauchte. »Mir geht es schon besser. Mach dir bitte keine Sorgen um mich und sag den Mädchen aus dem Salon, dass es mir leidtut, dass ich den Kundinnen absagen musste.«

»Aber erzähl mir doch, wie das passiert ist«, bettelte Dale. »Ich meine, wo warst du und wie hat er dich erwischt?«

»Das reicht jetzt«, erklärte Fern und ergriff nicht allzu sanft Dales Arm. »Lotte will das Ganze nicht noch einmal durchleben. Es wird Zeit, dass du gehst.«

Vielleicht hatte Fern recht, aber an dem gequälten Blick in Lottes Augen, als Dale aus der Kabine geschoben wurde, konnte Dale sehen, dass ihre Freundin lieber geredet hätte.

Dale fühlte sich, als wäre sie die ganze Nacht auf den Beinen gewesen und hätte die Ereignisse in Ushuaia und an den darauffolgenden Tagen auf dem Kreuzfahrtschiff noch einmal durchlebt, aber sie musste irgendwann eingeschlafen sein, denn das Klingeln des Weckers ließ sie um sieben Uhr am nächsten Morgen hochfahren. Sie stand sofort auf, weil ihr bewusst war, dass sie fröhlich und adrett aussehen musste, da viele Gäste der Hochzeitsgesellschaft an diesem Morgen eine Maniküre vor der Zeremonie gebucht hatten, und Marisa würde sie sehr genau beobachten.

Aber sie fühlte sich nicht fröhlich. Diese furchtbar aufwühlenden Bilder von der geschundenen Lotte während der Nacht hatten einen Schmerz in ihr zurückgelassen. Sie betete im Stillen, dass das Mädchen vom Strand nicht ihre Freundin sei, weil Lotte schon so viel durchgemacht hatte. Doch ein sechster Sinn sagte ihr, dass sie es war.

Um Viertel vor acht war Dale im Spa und richtete gerade alles für die erste Kundin her, die um acht Uhr kommen sollte, als Scott in Shorts und einem ärmellosen Sport-Shirt hereinkam.

Sie hatten sich nach Dales Rückkehr aus Brighton gestern nur sehr kurz unterhalten können, und dabei war es nur darum gegangen, dass Marisa Dales unerlaubten Ausflug bemerkt hatte.

»Ich hoffe, die Polizei setzt sich heute mit uns in Verbindung«, sagte er und rieb sich über die Augen. »Ich halte es nicht mehr aus, auf Nachricht zu warten. Wenn das Mädchen am Strand Lotte ist, wo war sie dann die ganze Zeit? Warum hat sie uns nicht angerufen und uns gesagt, wo sie ist?«

Dale ging zu ihm und nahm ihn in die Arme. Seine Empfindsamkeit war eine seiner besten Seiten. Sie bezweifelte, dass viele Männer in seinem Alter sich so um ein Mädchen sorgen würden, das »nur« eine gute Freundin war.

»Vielleicht erfahren wir es bald«, sagte sie hoffnungsvoll.

3. KAPITEL

Kurz nach drei Uhr am Nachmittag kam Becky vom Empfang zu Dale, während diese gerade einer Kundin die Nägel machte. »Da ist ein Polizist, der mit dir sprechen möchte«, sagte sie, und ihre scharfen Gesichtszüge wirkten noch schärfer vor unterdrückter Neugier.

Dale lächelte ihre Kundin an, eine attraktive Brünette in den Fünfzigern, und lackierte ihr weiter die Nägel. »Er kann warten, bis wir fertig sind.«

Sie wandte sich direkt an Becky. »Mach ihm bitte einen Kaffee und sag ihm, ich komme in fünf Minuten«, sagte sie in gelassener Bestimmtheit.

Ihre äußere Ruhe war jedoch nur Fassade. Dale konnte das Zittern ihrer Hände kaum unterdrücken, während sie die abschließende Lackschicht auf die Nägel ihrer Kundin auftrug. »Ich nehme an, Sie haben in den Nachrichten gesehen, dass am Strand von Selsey eine Frau gefunden wurde, die ihr Gedächtnis verloren hat?«, fragte sie. »Wissen Sie, ich glaube, es könnte eine Freundin von mir sein. Ich hoffe, der Polizist kann mir das entweder bestätigen oder mir sagen, dass ich mich irre.«

»Oh, Sie Arme!«, rief die Frau. »Ich hätte es verstanden, wenn Sie sofort zu ihm gegangen wären und das hier nicht mehr beendet hätten.«

»Meine Kundinnen sind mir zu wichtig, als dass ich so etwas tun würde«, erklärte Dale und hoffte, dass Marisa das zu Ohren kommen würde. Aber diese eher unehrliche Aussage erinnerte sie daran, dass Lotte immer wirklich um das Wohl ihrer Kundinnen besorgt gewesen war. Auf der Kreuzfahrt hatte sie an Weihnachten von halb acht Uhr morgens bis nach neun Uhr abends ohne eine richtige Pause durchgearbeitet, nur um allen die Haare zu machen. Nicht wegen des Trinkgelds, das es ihr eintrug, sondern einfach, damit ihre Kundinnen zufrieden waren. Sie war einmalig; keine andere Friseurin gab sich so viel Mühe.

Dale legte der Kundin ihre Armbanduhr wieder um und half ihr in die Jacke. »Setzen Sie sich eine Weile in den Empfangsbereich, und lassen Sie den Lack trocknen«, schlug sie vor. »Becky bringt Ihnen eine Tasse Kaffee, wenn Sie möchten. Und viel Spaß heute Abend! Es macht Ihnen doch nichts aus, wenn ich jetzt gehe?«

Die Frau bedankte sich überschwänglich bei ihr und versicherte, dass sie gehen sollte. Dale lief zum Empfang, wo Becky ihr erklärte, dass der Polizist in der Bar auf sie wartete.

Die Bar öffnete erst um fünf, deshalb saß nur der in Zivil gekleidete Beamte am Fenster. Er war Mitte bis Ende dreißig, hatte breite Schultern, hellbraunes, lockiges Haar und einen frischen Teint.

»Ich bin Dale Moore«, stellte sie sich vor und hielt ihm die Hand hin. Er lächelte, und sie bemerkte, dass seine Augen eine ungewöhnliche gelbbraune Farbe hatten. Zu jedem anderen Zeitpunkt hätte ihr Herz schneller geschlagen, denn er sah sehr gut aus.

»Inspektor Bryan«, erklärte er und schüttelte ihre Hand. »Ich hoffe, mein Besuch kommt nicht gerade unpassend?«

»Das ist mir ganz egal«, antwortete sie und setzte sich ihm gegenüber. »Jetzt sagen Sie schon! Ist das Mädchen vom Strand meine Freundin Lotte?«

»Ja, sie ist es; ihr Vater konnte sie im Krankenhaus eindeutig identifizieren«, sagte er. »Aber sie kann sich immer noch an nichts erinnern - sie hat nicht einmal ihre Eltern wiedererkannt.«

»Also wissen Sie nicht, wie sie dorthin kam oder was mit ihr passiert ist?«

»Wir halten es für wahrscheinlich, dass sie von einem Boot gesprungen ist. Sie könnte natürlich auch gestoßen worden sein, aber das ist alles ein bisschen mysteriös, denn sie hat blaue Flecken an den Hand- und Fußgelenken, die von Fesseln stammen müssen. Man kann davon ausgehen, dass sich jemand nicht die Mühe gemacht hätte, diese zu entfernen, wenn er sie ins Wasser stoßen wollte. Andererseits könnte sie auch einfach ins Meer gegangen sein, weil sie sich in einer persönlichen Krise befand. Deshalb tappen wir ziemlich im Dunkeln, solange sie sich nicht erinnern kann oder wir Informationen von anderen Leuten erhalten, die sie in letzter Zeit gesehen haben.«

»Wird sie wieder gesund?«

»Sie ist schwach, leidet an den Folgen der Unterkühlung und der Erschöpfung, aber ihr Gedächtnisverlust ist der Aspekt, der uns am meisten Sorge macht.«

»Kann ich irgendwie helfen?«

Bryan nickte. »Ich hoffe, dass Sie ihrem Erinnerungsvermögen vielleicht auf die Sprünge helfen können.«

»Ich würde es gern versuchen«, stimmte Dale zu. »Obwohl Sie die Managerin vielleicht zuerst überreden müssen, mich gehen zu lassen, ich meine, falls ich Lotte während der Arbeitszeit besuchen soll.«

»Das wäre dann wohl Marisa De Vere?« Er hob eine Augenbraue.

Dale nickte. »Sie ist derzeit nicht gut auf mich zu sprechen, deshalb liefern Sie ihr bitte nicht noch mehr Gründe, mir das Leben schwer zu machen.«

Bryan lächelte. »Sie war ein bisschen frostig, als ich hier ankam und Sie sprechen wollte. Ich dachte, ich könnte Sie vielleicht später mit ins Krankenhaus nehmen, denn wenn ich richtig informiert bin, haben Sie heute Nachmittag keine weiteren Kundinnen?«

Dale nickte.

»Es wäre schön, wenn Sie mir alles über Lotte erzählen könnten, was Sie wissen«, sagte er und holte seinen Notizblock heraus. »Mit wem sie außer mit Ihnen befreundet war, zu welchen Familienmitgliedern sie Kontakt hatte, Orte, die sie mal erwähnte. Aber zuerst würde ich gerne wissen, wann Sie sie zuletzt gesehen haben.«

»Das war letztes Jahr am 16. März.«

»Wo war das?«

»Auf dem Kreuzfahrtschiff, an dem Morgen, an dem unsere gemeinsame Reise endete. Sie ging früher als die meisten von uns, etwa um zehn Uhr morgens.«

»Und sie sagte, sie würde direkt zu ihren Eltern nach Brighton fahren?«

»Das stimmt, das sagte sie.« Dale nickte. »Und ich hatte keinen Grund, das zu bezweifeln, denn sie war am letzten Tag ganz fröhlich und aufgeregt. Jetzt glaube ich, dass sie da bereits ein anderes Ziel hatte, aber ich kann mir nicht denken, warum sie mir nichts davon erzählt hat, sie war eigentlich ein sehr offener Mensch. Oder zumindest dachte ich das, bis ich herausfand, wie ihre Eltern sind. Das hat sie mir auch nie erzählt.«

»Das sind tatsächlich zwei sehr kalte Fische«, stimmte Inspektor Bryan zu und schüttelte den Kopf, als verwirre die Gefühlslosigkeit der Wainwrights auch ihn.

»Vielleicht ist es ganz gut, wenn Lotte sich nie mehr an sie erinnert«, meinte Dale. »Oder dass sie in Südamerika vergewaltigt wurde.«

Der Polizist hob fragend die Augenbrauen, und Dale spürte, wie sie errötete.

»Jetzt sagen Sie nicht, dass Sie davon noch nichts wussten?«

»Ja und nein. Mrs. Wainwright erklärte mir, Sie hätten ihr das erzählt, aber sie und ihr Mann schienen es nicht zu glauben. Ich habe einen vollständigen Bericht von der Reederei angefordert, aber bis der kommt, wäre es sehr hilfreich, wenn Sie mir schildern könnten, was genau passiert ist.«

»Es war in Ushuaia in Südamerika, aber ich kenne nur die groben Fakten. Lotte hat mir erst mehr als eine Woche später davon erzählt, und sie wollte nicht wirklich darüber reden. Sie ging allein an Land, und offensichtlich sprach sie vor einem Laden ein Mann an. Er fragte sie, ob sie mit ihm etwas trinken gehen wolle oder ob er ihr die Stadt zeigen solle. Er war Südamerikaner - ich glaube, er stammte aus Ushuaia und war ein eher zwielichtiger Bursche. Lotte lehnte ab.«

»Kann sie ihn beleidigt haben?«

Dale schüttelte den Kopf. »Auf keinen Fall, sie tat nicht gerne Leuten weh. Jedenfalls sah sie sich weiter die Stadt an, und plötzlich kam er ihr auf einer sehr ruhigen Straße in einer Wohngegend entgegen. Er packte sie und drückte sie gegen einen Schuppen oder eine Garage und schlug sie, als sie sich wehrte. Er zog sie auf den Boden und vergewaltigte sie, bis Mr. und Mrs. Ramsden ihr zu Hilfe kamen.

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