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Schamanenwitterung

Prolog

In der Raumstation liefen die Nachrichten wie immer im Hintergrund. Die Forscher und Ingenieure vom Hauptquartier sendeten jeden Tag die gesamten News live aus der Welt zu ihnen rauf. Das Grausame war für die drei Astronauten an Bord, dass man dadurch so deutlich sah, wie die Anzahl der Kriege immer weiter anstieg. In jedem Winkel der Erde wurde gekämpft. Doch es waren nicht nur die Kämpfe unter den Staaten, die weiter zunahmen. Es geschahen auch mehr Morde, Schießereien und Totschläge, bei denen die Leichen brutal zugerichtet wurden. Diese seltsamen Fälle zeichneten sich dadurch aus, dass die Opfer teilweise blutleer waren, andere hatten Bissspuren, wieder andere noch seltsamere Verletzungen. Außerdem verschwanden mehr und mehr Menschen spurlos, besonders in dem kanadischen Bundesstaat British Columbia.

Durch diese Übersättigung an schlechten Nachrichten war es nicht verwunderlich, dass keiner der Astronauten auf die Nachrichten achtete.

Und dann war es plötzlich still. Die Astronauten hatten gerade ihre Mahlzeit beendet, als plötzlich der Nachrichtensprecher mitten im Satz verstummte. Die Astronauten schauten einander an und drehten sich um.

Im Fernseher war der Sprecher zusammengesunken. Jedoch kam ihm niemand zur Hilfe. Auch nach einer Minute war nichts zu sehen oder zu hören. Einer der Astronauten griff nach dem Kommunikationsgerät, welches an der Konsolenwand neben den ganzen Messgeräten befestigt war, und sprach zum Hauptquartier.

„Hier spricht Astronaut Alessio. Bitte um Antwort. Bitte um Antwort. Der Nachrichtensprecher von CNN ist umgekippt. Was ist passiert?“

Es kam nur ein Rauschen zurück. Ratlos schaute Alessio zu den anderen. Beide zuckten mit den Schultern.

Schließlich entschied Alessio: „Lasst es uns später nochmal probieren.“

Die beiden anderen schauten sich kurz an und zuckten wie immer nur die Schultern. Sie waren nicht gerade die Entscheidungsträger in ihrem Trio. Zwanzig Minuten später startete Alessio einen neuen Versuch, doch auch jetzt herrschte nur Rauschen. Alle drei schauten aus dem Fenster und konnten sehen, wie in einigen Teilen der Erde mit einem Mal die Lichter ausgingen.

In den nächsten zwei Tagen, in denen kein Kontakt hergestellt werden konnte, wurden auch die übrigen Lichter weniger, bis die Erde in der Nacht komplett dunkel war. So dunkel, wie sie es seit der Erfindung der Elektrizität nicht mehr gewesen war.

Nach knapp sieben Tagen hielten die drei Astronauten es nicht mehr aus. Sie hatten in der letzten Woche nicht ein einziges Lebenszeichen von irgendeinem Menschen erhalten. Alle drei befürchteten das Schlimmste. War ein tödliches Virus über die Menschheit hinweggerast? Oder eine Supervulkan ausgebrochen? Nein, das konnte nicht sein. Das hätten sie definitiv mitbekommen. Doch was war nur passiert?

Alessio traf nun die Entscheidung für die drei zusammen und sprach diese schließlich aus: „Leute, ich denke, wir müssen auf die Erde zurück. Wir haben nur noch für zwei Wochen Sauerstoff und Nahrung. Lasst uns in den nächsten Tagen die manuellen Berechnungen für einen Landeanflug beginnen. Da wir die nötigen Rechenzentren auf der Erde nicht mehr kontaktieren können, wird es keine Möglichkeit geben, dass wir auf eine der zahlreichen Simulationen zurückgreifen können. Vielleicht können wir durch den Rückflug diese ganze verrückten Situation aufklären und unsere Familien retten, soweit sie überhaupt noch am Leben sind.“

Eine Woche später begannen die Astronauten in ihrer Raumkapsel, langsam ihre Flughöhe zu verringern. Nach und nach traten sie in die Erdatmosphäre ein. Alle drei hofften, dass ihre Berechnungen fehlerfrei waren. Schon der kleinste Fehler würde ihnen das Leben kosten. Langsam begann die Luft um der Raumkapsel herum rot zu glühen und die Kapsel vibrierte immer stärker. Allerdings verloren die beiden anderen Astronauten nacheinander etwa zehn Kilometer über der Erdoberfläche das Bewusstsein und auch Alessio hatte sehr zu kämpfen, dass er nicht ohnmächtig wurde. Etwas zehrte an seinem Bewusstsein, als wollte es aus ihm herausziehen. Er durfte die Cockpitinstrumente jetzt nicht aus den Augen verlieren. Es ging hier um Leben und Tod, während sie der Erdoberfläche rasend näherkamen. Nur mit Mühe konnte er sich an die berechnete Flugbahn durch einzelne Schübe der Steuerdüsen halten.

Nach endlosen Minuten im Kampf gegen die Bewusstlosigkeit konnte er schließlich die Wälder von Kanada vor der Spitze der Raumkapsel erkennen. Bald würden sie endlich ihr Ziel erreicht haben. Alessio zählte schon die Sekunden bis zum Aufprall. Er würde es nicht mehr lange aushalten. Die Dunkelheit vor seinen Augen wurde größer. Nicht mehr lange und er würde den Kampf verlieren. Alessio schaute wieder auf den Höhenmesser. Es war soweit. Alessio drückte den Knopf für den Fallschirm. Einen Augenblick lang geschah nichts. Wieso öffnete sich der Fallschirm nicht? Hatte sich etwas bei dem Atmossphäreneintritt verbogen? Dann gab es endlich einen Ruck. Der Fallschirm hat sich geöffnet. Jetzt sanken sie mit langsamerer Geschwindigkeit, jedoch immer noch zu schnell herab.

Plötzlich gab es einen Ruck, als die Bremsraketen der Kapsel starteten. Trotzdem krachte die Kapsel auf die Bäume mit enormer Wucht und durch die Krone hindurch. Schließlich traf sie mit einem lauten Knall auf den Boden. Die Luft wurde aus Alessios Lungen gepresst. Er fühlte sich so schwach, dass er sich kaum rühren konnte. Die vergangene Zeit in der Schwerelosigkeit des Alls machte sich sofort bemerkbar. Sein ganzes Gewicht drückte ihn erbarmungslos in seinen Sitz rein. Bevor es schwarz vor seinen Augen wurde, konnte er erkennen, wie unnatürlich still und regungslos seine Kollegen in ihren Sitzen saßen.

1. Kapitel: Oktober, Jahr 1 nach dem Ende der Menschheit

„Betrachte alle Dinge von einer höheren Warte aus und mit einem offenen ungetrübten Geist. “ – Miyamoto Musashi, Buch des Wassers

Stille. Die Luft war erfüllt von ihr. Die typischen Geräusche der Menschheit waren nicht mehr zu hören.

In der Hand hielt er einen Speer. Die braunen Augen suchten den See vor ihm ab, bis sie plötzlich an etwas hängen blieben. Er verfolgte es mit seinem Blick. Sein ganzer Körper spannte sich an, jedoch blieb er vollkommen gelassen.

Der einsame Mann stand am Rand des Sees auf einem großen Stein. Es schien, als würde er diese morgendliche kühle Atmosphäre genießen. Seine langen, schwarzen Haare standen ihm kreuz und quer vom Kopf ab. Sie hatten schon lange kein Wasser und keine Bürste mehr gesehen. Sein Gesicht war mit einem Bart bedeckt, der wild wucherte und seine Haut sonnengegerbt und gebräunt.

Die Bäume wurden von einem goldigen Schimmer überzogen. Die Blätter hatten gelben, rote und braune Farben angenommen und leuchteten im Licht der aufgehenden Sonne, als die Morgensonne sie beschien. Über dem spiegelglatten See lagen Nebelschwaden. Im Hintergrund erhoben sich die Berge majestätisch. Es sah mystisch aus. Nichts ließ sich mehr auf die Menschheit schließen. Wie konnte es nur innerhalb eines Jahres alles nur rasant den Bach runter gehen? Hatte niemand die Vorboten erkennen können? Er konnte es sich nicht beantworten. Allerdings kreisten seine Gedanken um etwas ganz anderes als um diese Frage

Auf einmal ging alles sehr schnell. Mit einer raschen Bewegung warf er den Speer in den See, der dort stecken blieb. Dann lief er los. Er beugte sich zum aufgewühlten Wasser hinab, um zu schauen, ob er Erfolg gehabt oder ob sich der Speer nur zwischen zwei Steinen verkantet hatte. Vorsichtig hob er die Waffe an und fand an ihrem Ende einen großen Fisch vor. An dem Fischrücken befanden sich unzählige Punkte und der der Bauch war rötlich angehaucht. Er hatte einen Königslachs gefangen. Er war zufrieden, während er mit dem toten Lachs sich von dem See entfernte.

Früher hieß dieser See Burns Lake und gehörte zu der einst lebendigen Kleinstadt, die ebenfalls den Namen Burns Lake trug. Jetzt jedoch gehörte das der Vergangenheit an.

Nach einem Jahr ohne Pflege begannen die Pflanzen, besonders die Gräser, überall zu wuchern. Die Straßen platzten auf. In einigen Jahren würden diese Wege nicht mehr befahrbar sein, fast nicht mehr vorhanden. Die wilden Tiere würden auch nicht mehr lange fernbleiben. Sie würden in naher Zukunft die Dörfer und Städte zurückerobern.

Die meisten Haustiere haben es allerdings nicht geschafft, die ersten Wochen und Monaten zu überleben. Nachdem die Menschen sie nicht mehr regelmäßig gefüttert haben, starb eine Hälfte der Tiere sehr schnell. Später fielen sie übereinander her und auch die Raubtiere hatten leichtes Spiel mit ihren domestizierten Verwandten.

In den ersten Monaten hatte eine Wolke der Verwesung über der Stadt gelegen. Innerhalb eines Jahres war diese Wolke größtenteils verschwunden. Zurückgeblieben waren nur haufenweise menschlicher und tierischer Skelette und einige verwilderte Hunde und Katzen, die nun jedem Menschen gefährlich werden konnten.

Der Mann mit dem Königslachs ging zu einem großen Haus. Früher war anscheinend immer der Gospelchor zum Singen hierhergekommen. Zumindest stand das auf einem alten Stück Plakat draußen. Es besaß nur ein Erdgeschoss.

Bevor er die Tür des Hauses öffnete, schaute er sich um. Er wollte sichergehen, dass er der Einzige war, der das Haus betrat. Nicht, dass ein Tier ihm folgte. Sobald er drin war, durchquerte er durch die vordersten Räume.

Der Mann hatte es so eingerichtet, dass die vorderen Räume ein riesiges Lager seien. In einem Bereich stapelten sich Kleidung, Schuhe und Hygieneartikel. Bei einem kleineren, angrenzenden Raum dachte man, dass eine Apotheke ausgeraubt und die Beute hierhergebracht worden war. In einem dritten Raum waren alle möglichen Lichtquellen und deren Zubehör wie Kerzen, Taschenlampen und die dazugehörigen Batterien untergebracht. Zusätzlich befand sich darin eine Truhe. In ihr lagen alle möglichen unterschiedlichen Waffen und dazugehörige Munition. Um das alles zusammenzutragen, hatte der Mann einige Wochen gebraucht, aber jetzt war er auf alle Eventualitäten vorbereitet.

Der Mann lief, ohne zur Seite zu schauen weiter nach hinten. In einer Küche legte er den Fisch ab, bevor er in den angrenzenden Raum schlenderte. Schnell wechselte er die Kleidung, von seiner wasserdichten Anglerkleidung zu bequemeren Sachen. Zusätzlich zog er seine Wanderschuhe aus und wärmende Hauslatschen an. Egal, wie goldig und warm die Umgebung aussah, die Temperaturen sanken schon jetzt gefährlich nah zum Gefrierpunkt. Zu lange in der nassen Kleidung und er wurde sich eine Unterkühlung holen. Damit war nicht zu spaßen.

Zum Glück besaß der Mann noch eine Garnitur warme Unterwäsche aus seiner Zeit vom Weltraumflug. Sie war grau und aus speziellen Kunst – und Glasfasergemisch, das vor der Kälte des Vakuums im All schützen sollte. Außen war ein Name aufgestickt – Alessio.

Alessio zog sich schnell die trockene Kleidung an und ging in die Küche zurück. Er begann vorsichtig, den Lachs auszunehmen. Nach fast einem Jahr hatte er ausreichend Übung darin bekommen. Das Schwierigste war, die Galle nicht anzustechen. Nach den ersten Malen, bei denen er immer seine komplette Mahlzeit wegwerfen konnte, weil sie so ungenießbar geworden war, hatte er den Dreh rausbekommen. Diese Unglücke hatten ihn einiges von Nahrungsmitteln gekostet und er hatte drastisch an Gewicht verloren. Zwar war er noch nie sehr dick gewesen, aber einen kleinen Wohlstandsbauch hatte er schon gehabt.

In den letzten Monaten war er dagegen ziemlich drahtig und abgehärtet geworden. Er konnte mittlerweile stundenlang laufen. Seine Jagdkünste hatten sich auch verbessert. Um umherstreunende Raubtiere nicht anzulocken, hatte er sich daran gewöhnt, mit einer Armbrust zu jagen. Sie war leiser und er konnte die Munition der Gewehre für Notfälle, wie Angriffe von hungrigen Raubtieren, sparen.

Meist jagte Alessio dadurch kleine Tiere und fuhr damit ganz gut. Sie waren leichter durch die Geschwindigkeit des Bolzens zu erledigen. Zusätzlich begann der Winter in großen Schritten zu nahen und dann würde es schwieriger werden, zu Nahrung zu kommen. Also musste er in den sauren Apfel beißen: Er würde sich in den nächsten Tagen etwas bauen müssen, damit er die größeren und schwereren Tiere transportieren konnte. Weiterhin musste er dann immer ein großes Messer mitnehmen, damit er diese Tiere in mehrere zerlegten Teile schneiden konnte. Ansonsten hatte er keine Möglichkeit, zu ausreichend Fleisch zu kommen. Die kleineren Tiere waren im Schnee nicht mehr so einfach zu erkennen, da sie mit ihren weißen Fellen perfekt getarnt waren. Zusätzlich konnten immer wieder Schneestürme auftreten, die ihn tagelang in seinem Haus einschließen würden.

Alessio schüttete ein bisschen Öl in eine Pfanne und zündete einen Campingkocher mit Gaskartuschen an. Der würde nicht mehr lange halten. Das Gas war fast leer. Während der Fisch briet, ging er daher in eines seiner Lager. Er schaute nach, wie viele von diesen Campingkochern er noch auf Vorrat hatte. Es waren noch drei Kocher da. Er musste demnächst andere Kartuschen finden. Alessio würde in den nächsten Tagen wieder mal durch die Stadt ziehen und schauen, ob er irgendwo noch was Nützliches fand.

Er roch, wie sein Fisch briet, und wusste, dass er in wenigen Sekunden gar sein würde. Schnell kehrte er zurück und nahm den Fisch aus der Pfanne. Über die Hälfte legte er zur Seite. Das würde eine gute Mahlzeit für den nächsten Tag ergeben.

Der Mann setzte sich an einen Tisch und begann, in Ruhe zu essen. Dabei schaute er sich traurig ein altes abgegriffenes Bild von einer hübschen Frau und einem kleinen, niedlichen Mädchen an, welches er immer auf seinen Esstisch liegen hatte.

„Guten Appetit, ihr beiden. Ich hoffe, dort, wo ihr jetzt seid, geht es euch gut und ihr habt was Anständiges zu essen“, sagte er mit rauer Stimme.

Es handelte sich dabei um sein tägliches Tischgebet.

Nach dem Essen verließ er wieder die Küche. Er überlegte, was er mit dem angefangenen Tag machen konnte. Vielleicht sollte er in die Stadt gehen und schauen, was es so Neues gab. Er verzog seine Lippen. Dieser Witz war mittlerweile doch etwas ausgelutscht.

Er zog sich seine Wanderschuhe an und ging los. Diesmal nahm er seinen Rucksack mit. In den ersten Wochen hatte er sich noch ein Auto genommen, doch nach knapp drei Monaten hatte er die Läden in Burns Lake so gut wie leergeräumt. Weiterhin hatte er bei den wenigen fahrfähigen Autos das Benzin verfahren und die Tankstellen, aufgrund des fehlenden elektrischen Stroms für die Schlösser, funktionierten nicht mehr.

In die privaten Häuser war er bisher nicht eingedrungen. Etwas sträubte sich in ihm dagegen. Sie stellten für ihn riesige Mausoleen ihrer Bewohner dar. Bis zu diesem Tag war seine Lage noch nicht so sehr in Gefahr gewesen, dass er in diese Häuser hätte eindringen müssen. Seit einem Monat kam er nur noch ab und zu in die Stadt, in der Hoffnung noch eine Kleinigkeit zu finden, die nützlich sein könnte.

Zusätzlich nahm er eine Armbrust und ein Bündel Bolzen mit. Die ehemaligen Haustiere hatten sich wieder ihrer Urinstinkte besonnen. Allerdings waren die Katzen scheu geworden und hatten sich in die Wälder zurückgezogen, während die überlebenden Hunde ihre Territorien in der Stadt bewachten.

Entschlossen überquerte er die Brücke und betrat die Stadt. Wachsam schaute er hin und her. Auf der Brücke war es noch einfach, seine Umgebung genau im Auge zu behalten, allerdings war es in der Stadt anders. Dort gab es Ecken und dunkle Stellen. Hinter jedem Haus, Baum oder kaputten Auto waren Schatten, die perfekte Tarnmöglichkeiten boten, in denen sich Hunde oder wilde Tiere verstecken konnten.

Nachdem er fast eine Stunde unterwegs war, roch er etwas, das neu für ihn war. Ein anderer Geruch unter den gewohnten, den er sich nicht erklären konnte. Es hatte etwas rauchiges und zugleich chlorartiges an sich. Dieser unbekannte Geruch löste in ihm eine Sorge und Vorsichtig aus, als handle es sich um eine Warnung.

Alessio schlich vorsichtig in das nächste Gebäude, eine ehemalige Werkstatt. Es stand sogar noch ein alter Wagen darin. Er versteckte sich dahinter und wartete ab. Lange musste er nicht verweilen. Ein kleiner Mann mit einer roten Mütze ging auf der schattigen Seite der Straße lang. Allerdings war gehen falsch ausgedrückt: Er hatte nur ein Bein und sprang den asphaltierten Weg entlang. Seine Haut war schwarz, allerdings war es kein dunkles warmes Braun, sondern schwarz wie Kohle. In dem Winkel seines Mundes befand sich eine langstielige Pfeife. Immer wieder zog er daran und stieß den Rauch aus. Auf einmal blieb er stehen und schwankte vor und zurück. Dann dreht er sich langsam um und blickte Alessio an. Seine leuchtend roten Augen waren starr auf ihn gerichtet.

Alessio schreckte zurück. Er konnte seinen Blick nicht abwenden. Daher konnte er sehen, wie der Mann plötzlich in einer Staubwolke verschwand und nur ein paar Schritte vor Alessio wieder auftauchte.

„Du bist ja ein Mensch?!“, sagte der kleine Mann erstaunt.

„Ähm, ja! Bist du etwa kein Mensch?“, fragte Alessio erstaunt zurück.

Die Situation erschien ihm so surreal. Er traf seit einem Jahr das erste Mal wieder ein sprechendes Wesen. Auf einmal lachte dieser schwarze Mann los und stoppte ebenso plötzlich wieder.

„Ich habe gar nicht gewusst, dass es überhaupt noch Menschen gibt. Ich dachte, ihr wärt alle letztes Jahr gestorben. Das überrascht mich jetzt ein bisschen.“

Alessio starrte den Fremden nur fassungslos an. Dieser Mann redete von den Menschen als würde er gar nicht dazugehören. War er etwas anderes? Gehörte er nicht dem Homo Sapiens Sapiens an? Weiterhin hatte Alessio gedacht, dass er der letzte Mensch auf der Erde sei, und jetzt stand ein anderer vor ihm.

Nach einigen Sekunden unbequemen Schweigens und bewegungslosen Starren tat der Mann etwas. Er hatte Alessio die ganze Zeit angeschaut, nun beugte er sich unerwartet zu ihm hin: „Ich gebe dir einen Rat – einen sehr wichtigen. Wenn du ihn befolgst, wirst du in dieser Welt vielleicht überleben.“ Alessio nickte zögerlich. Er war verwirrt von diesem seltsamen Mann und er wollte überleben, aber konnte er diesem seltsamen Wesen trauen?

„Glaubst du an Mythen?“, fragte der kleine Mann. Alessio wollte zuerst nicken, doch dann schüttelte er den Kopf. Er war ein Mann der Wissenschaft – keiner der Mythologie. Er glaubte nicht an diesen ganzen religiösen Mist, geschweige denn an die unterschiedlichsten Aberglauben aus den vergangenen Jahrhunderten und Jahrtausenden.

„Tja, mein Lieber. Ich denke, du solltest deine Weltanschauung verändern. Die menschliche Wissenschaft existiert so gut wie nicht mehr. Alles, was du bisher als Unsinn abgetan hast, ist hingegen wahr. Alle mystischen Kreaturen existieren wirklich und du befindest dich mitten unter ihnen. Am besten lernst du so schnell wie möglich alles über die Mythen und Legenden der Menschen. Ansonsten wünsche ich dir viel Spaß beim Überleben in dieser neuen Welt.“

Damit verschwand der kleine Mann in einer neuerlichen Staubwolke und ließ Alessio allein zurück. Der blieb noch eine Weile entsetzt stehen. Er wusste nicht, ob das Geschehene eine Halluzination gewesen war oder doch real. Es war zu verwirrend gewesen.

Konnte das wirklich wahr sein? Der Aberglaube der Menschen war real? Das konnte nicht sein? Oder etwa doch? Aber Alessio hatte diesen Mann vor sich gesehen. Anscheinend war da mehr an diesen Mythen dran, als er bisher geglaubt hatte.

Schließlich stand er auf, da er schließlich nicht ewig hinter dem Auto in der Garage hocken konnte, und lief nachdenklich in die Stadt hinein. Nach einer Weile bemerkte er, dass ihm keiner der verwilderten Hunde begegnete. Sie schienen sich alle versteckt zu haben. Das war seltsam und ungewöhnlich. Was hatte sie nur so verschreckt? War es dieses seltsame Männchen gewesen? War es etwa gefährlich? Alessio beschloss, dass er vielleicht etwas über diese ganzen Mythen und Legenden lernen sollte.

Er lief in einen der wenigen Bücherladen und suchte die unterschiedlichen Regale nach hilfreichen Büchern ab. Was es hier an Fantasy gab, umfasste nur diese komischen Fantasy-Romanzen oder die seltsamen Game-Fantasy, World ofWarcraft, Warhammer 3000, was war das nur mit diesen seltsamen Fantasien irgendwelcher Hobby-Autoren. Allerdings keine klassischen Mythen. Vielleicht musste er mal in die Bibliothek des Ortes besuchen. Dort würde es bestimmt ein paar Bücher über Mythen und Sagen geben. Zum Glück wusste er, wo die sich befand. Er hatte sie schon vor Monaten gefunden. Er hatte sogar in der Anfangszeit ein paar Überlebensbücher sich mitgenommen. Die Bücher über Mythen hatte er allerdings außer Acht gelassen.

Er schritt die Hauptstraße weiter entlang, bis er zu einem großen, roten Haus kam – die Bibliothek. Hier befanden sich Massen von Büchern, jedoch waren einige Tauben reingeflogen und hatten Regale verdreckt und auch Regen durch kaputte Fenster hatte eine große Anzahl der Bücher vernichtet. Zum Glück befand sich die Regale über Mythologie in dem hinteren, unversehrten Teil der Bibliothek. Hier war nur ein relativ kleiner Teil beschädigt. Einzelne Bücher waren durch Vogelschiss verdreckt oder durch die hohe Luftfeuchtigkeit aufgequollen.

Alessio ging durch die Reihen und ließ seinen Blick über die Buchrücken gleiten. Er blieb schließlich an drei Büchern hängen: Wer ist Wer: klassische Anleitung der Antike, Die klassische Einleitung in den Mythen und Legenden und ein einfaches Buch mit dem Titel Mythen und Legenden. Diese Texte schienen leicht verständlich zu sein. Er musste erst mal in dieses ganze Thema Mythologie reinkommen. Die Bücher landeten in seinem Rucksack, dann begab er sich wieder raus.

Er würde beginnen, die Bücher abends zu lesen. Tagsüber würde er weiter jagen gehen. Alessio kehrte wieder in sein Haus zurück. Dort lud er die Bücher ab und ging weiter weg von der Stadt in einen Shop, der sich auf der anderen Seite des Sees befand. In diesem Laden gab es Jagdutensilien. Alessio hatte schon einige unterschiedliche Jagdgeräten geholt.

Als er vorhin im Lager nach den Gaskochern geschaut hatte, hatte er festgestellt, dass ihm die Fallen für die großen Tieren leider ein bisschen eingerostet waren. Wie konnte ihn das nur passieren? War sein Dach undicht? Nein, das konnte nicht sein. Alles andere war trocken gewesen. Also musste etwas anderes Schuld daran sein. Wenn er sich die nächsten Fallen besorgte, musste Alessio unbedingt drauf achten, dass so etwas nicht noch einmal ihm passierte.

Er brauchte über eine Stunde, um zu diesem Geschäft zu kommen. Das letzte Mal war es ihm gar nicht so lange vorgekommen. Vielleicht lag es aber auch an dieser Begegnung, welche ihn in den Grundfesten seiner Weltansicht erschüttert.

Wenn er eine neue Falle aufstellte, würde es ihm vielleicht gelingen einen Bären oder Elch zu erlegen. Dann hatte er erst mal Fleisch für einige Wochen. In der Zeit, in der er nicht jagen musste, konnte er sich in Ruhe Gedanken machen, wie er das Haus warmhalten konnte. Den letzten Winter hatte er nur mit großer Mühe überlebt. Diesmal musste er sich unbedingt besser vorbereiten. Der erste Schnee würde höchstwahrscheinlich in den nächsten Wochen kommen.

Nachdem er zu dem Laden gelaufen war, durchsuchte er ihn. Seltsamerweise gab es hier vor allem Campingsachen und ein, zwei Gewehre, auf den ersten Blick keine Bärenfallen. Die Fallen, die Alessio im letzten Jahr genutzt hatte, hatten im vorderen Teil des Ladens ausgelegen. Jetzt musste er weitaus intensiver durch den Laden gehen, um die restlichen Fallen zu finden.

Während er weiter durch den Laden schritt und den Inhalt der Regale untersuchte, kam er zu einem kleinen Bücherregal. Es gab darin alle möglichen Werke übers Angeln, sowohl Eisangeln als auch das normale Angeln. Zwei Bücher behandelten das Jagen. Allerdings hatte er sie bei dem einen Besuch, den er bisher hier getätigt hatte, nur kurz durchgeblättert. Heute würde er sie aber mitnehmen, sodass er sie genauer studieren konnte.

Bei so vielen Büchern musste er sich wieder hinsetzten, so wie er es im Studium immer getan hatte. Ungläubig schüttelte er den Kopf. Irgendwie war er immer wieder zum Lernen genötigt, dabei hatte er echt Besseres zu tun. Er schaute sich noch etwas weiter um und nahm sich noch Messer, Angelhaken und -seilen mit, welche recht schnell in der momentanen Lebensituation verschließen.

Dann packte er noch den Erste-Hilfe-Kasten ein. Er wusste schließlich nicht, wie oft er noch zu medizinische Hilfsmittel kam. Zwar wusste er nicht, wie lange er noch überleben würde, allerdings würde er es nur gut vorbereitet lange genug können.

Nach einer Weile hatte er den größten Teil des Ladens durchsucht und das die ausgesuchten Sachen eingepackt. Er wollte gerade wieder rausgehen, als er vorsichtshalber noch einmal hinter der Kasse nachsah. Eventuell fand er dort noch etwas Hilfreiches. Irgendwas hatte seinen Blick gefangen, doch wusste er erst nicht, was es war. Allerdings schrak er zurück. Ein halbzersetztes Skelett lag dort. Alessio schaute sich die Knochen genauer an. Es schien mal ein mittelgroßer Mensch gewesen zu sein. Die Kleidung lag noch um seine noch vorhandenen Knochen herum. Um den Hals war ein dünnes Metallband festgebunden. Eine verzierte Bärenklaue befand sich daran.

Diese stach ihm direkt ins Auge. Es schien eine spezielle Bärenklaue gewesen. Irgendetwas war an ihr, was Alessio nicht genau benennen konnte. Nachdenklich kniete er sich neben das Skelett und nahm die Klaue in seine Finger. Er wog sie abwägend in der Hand. Er hatte so eine Kralle noch nie gesehen. Sie war mit vielen alten Runen verziert. Vielleicht sollte er sie mitnehmen und zu Hause untersuchen. Sie wissenschaftlich zu analysieren, machte es für Alessio interessant. Es würde wie in alten Zeiten sein. Vorsichtig nahm er das Metallband und hängte es sich um den Hals, mit dem Entschluss, sich die Klaue unter der Lupe genauer anzuschauen.

Er nahm den Rucksack und verließ nun endlich den Laden. Er würde in den nächsten Wochen bestimmt nicht wieder hierherkommen. Diesen Laden hatte er nach diesem Besuch abgegrast. Langsam lief er die Straße zu seinem Lager zurück. Morgen musste er unbedingt in die nächsten Tage lernen, wie man Fallen fachmännisch aufstellte.

Während er den Weg entlanglief, näherte sich die Sonne dem Horizont langsam an. Er würde sich eine Schritt-für-Schritt-Anleitung schreiben, wie er am besten eine Falle aufstellte er. Das Wichtigste war, herauszubekommen, wie er die großen Tiere jagen konnte.

Sobald er zu Hause war, sortierte er die Bücher neben seinem Bett zu einem Stapel ein. Das erste Buch, was er sich durchlesen würde, war eines der Jagdbücher. Es war wichtiger für sein Überleben als dieser ganze mythologische Nonsens, welches das schwarze Männchen ihm am Nachmittag erzählt hatte.

Während er durch das Buch blätterte, konnte er erkennen, was er in dem letzten Winter vermisst oder falsch gemacht hatte. So hatte er seine Fallen von den letzten Jahren nicht an den Routen der Tiere gestellt. Damals hatte er sie einfach in der Gegend hingelegt. Weiterhin hatte er keine kleinen Fleischbrocken oder Pflanzen danebengelegt, weswegen kaum Tiere hineingeraten waren. Wenn doch, waren es eher kleine Hasen gewesen.

Langsam wurde es draußen dunkel. Die Sonne war schon vor längere Zeit untergegangen und die Abenddämmerung war schon weit fortgeschritten. Nachdenklich ging Alessio mit dem Buch in die Küche und zündete einer seiner zahlreichen Kerzen an. Irgendwann musste er lernen, wie man Kerzen selbst macht, dann musste er nicht mehr sparsam sein.

Er nahm sich ein Stück Fisch und wärmte ihn über den Campingkocher auf. Zwischenzeitlich lief er in sein Alkohollager und nahm eine Flasche Gin mit. Dann kehrte er in seine Küche zurück, goss sich eine minimale Menge Alkohol in ein Glas ein und las in seinem Buch weiter.

Nach einer Weile war es zu dunkel geworden – die Kerze war fast komplett runtergebrannt -, um noch irgendwas zu erkennen. Alessios Augen brannten vor Müdigkeit, daher ging er in sein Zimmer und legte sich in den Schlafsack. Er schlief auf der Stelle ein.

Am nächsten Morgen – gerade als die Sonne aufgegangen war – saß Alessio wieder an seinem Tisch und aß die letzten Reste seines Fisches. Heute würde er hoffentlich lernen, wie man eine Falle richtig aufstellt. Die Routen der Tiere kannte er und er hatte sogar noch ein paar trockene Stücke Fleisch in seiner Küche gefunden. Vielleicht fing er was. Das erste was letztes Jahr an diesem Ort leer gegessen hatte, waren die Konservendosen gewesen. Er hatte was essen können ohne große Mühe. Danach war die harte Zeit des Jagen-Lernens gekommen. Alessio musste erfahren, dass er bis zu drei Tage ohne Essen auskommen konnte, doch schon am zweiten Tag ließ die nötige Konzentration abfallen. Während er aß, blätterte er noch mal eines der Jagdbücher durch. Er wurde heute einige Fallen ausprobieren, vielleicht ein, zwei mit Schlingen. Für große Tiere brauchte er jedoch eine andere Methode, da sie die Schlingen einfach zerreißen würden.

Er verstaute das Buch und ein langes Seil in den Rucksack, sowie ein großes Messer und zwei Lederbeutel für Wasser. Dann machte er sich auf den Weg in den Wald. Alessio ging einige Kilometer weit, dort gab es die meisten Tierrouten.

Sobald er eine geeignete Stelle gefunden hatte, legte er die Schlinge aus. Weiterhin prüfte er, von welcher Seite der Wind kam. Wenn die Falle ausgelegt war, durfte er nicht so stehen, dass sein Geruch ihn verriet. Schnell lief er hinter einem Baum und legte sich auf die Lauer.

Einige Stunden vergingen. Ab und zu kamen Tiere vorbei. Einige rochen sogar an der Falle, aber keines ging hinein. Langsam kam der Frust bei Alessio auf. War die Falle so offensichtlich, dass selbst Tiere sie erkannten? Als er diesen Gedanken abwog, war es plötzlich so weit. Vorsichtig tapste ein Reh näher. Es schien schon älter zu sein. Die Muskeln zitterten und einige weiße Stellen waren im Fell zu sehen.

Sobald es mit seinen vorderen Hufen in der Falle stand, zog Alessio an dem Seil und die Schlinge zog sich zu. Er hatte das Reh eingefangen. Es zappelte wild und trat um sich. Schnell ging er hin und schnitt dem Tier die Kehle auf. Das Blut fing er so gut wie möglich auf in einen mitgebrachten Plastikbeutel. Er wollte nicht, dass es Raubtiere anlockte, die ihm sein Fleisch stahlen und am Ende sogar ihn als Beute ansahen.

Sobald das Tier ausgeblutet war, trottete er zurück. Er freute sich, dass er ein Tier getötet hatte. Somit konnte Alessio zurecht behaupten, dass es heute ein Festessen geben wird.

Doch plötzlich roch er etwas, was Ungewöhnliches, etwas Verdorbenen. Im letzten Jahr hatte er jeden einzelnen Geruch, den es hier gab, kennengelernt, daher bekam er sofort mit, wenn sich etwas am allgegenwärtigen Aroma änderte, und dieser Geruch war anders, neu. Er hatte etwas von nassem Lehm und getrockneten Blut an sich.

Alessio stand am Rand einer Lichtung, als er sich entschied in Deckung zu gehen. Schnell versteckte er sich erneut hinter einen Baum. Das tote Reh legte er ein gutes Stück von ihm hinter einen Busch entfernt hin. Er durfte keinen Hinweis auf seine Anwesenheit hinterlassen. Wenn es ein Raubtier war, würde es sich auf seine Beute stürzen. Sollte es doch ein Wesen aus den Mythen sein, dann musste Alessio sicher sein, dass dieses Wesen ihn nicht angriff. Sein Instinkt sagte ihm, dass er Vorsicht walten lassen musste. Sobald er hinter dem Baum stand, kniete er sich hin und legte er sich auf die Lauer. Nach ungefähr zehn Minuten kamen schließlich drei Männer auf die kleine Lichtung vor ihm.

Alessio wollte schon hervorspringen. Normale Menschen!

Auf den ersten Blick war nichts Besonderes an ihnen. Aber dann ging es ihm auf, was Alessio abhielt, sofort zu ihnen zu laufen. Alle drei sahen vollkommen gleich aus, inklusive des blutroten Schimmers in ihren Augen und der spitzen Ohren. Ihre Haut war sehr blass. Weiterhin hielten sie ihre Nase hoch, als würden sie schnüffeln, was ziemlich seltsam aussah. Wer rannte schon schnüffelnd durch die Gegend?

Schließlich sagte einer der Männer: „Hier war vor Kurzem jemand, aber ich kann nicht erkennen, ob es sich um einen Menschen oder eine von diesen Kakerlaken handelt. Es riecht hier zu sehr nach Bär. Wahrscheinlich hat der den Menschen oder den Bastard erledigt.“

„Es riecht hier schon ziemlich stark nach Tod.“

„Wahrscheinlich können wir Yamaumba Bescheid geben, dass ihre Beute von einem wilden Tier erledigt worden ist.“

„Vielleicht hat sie schon jemand Neues ausgespäht, den wir jagen dürfen. Ich freu mich darauf. Lasst uns zurückgehen!“

Die Männer verließen die Lichtung. Dabei machten sie nicht ein Geräusch, es bewegte sich nicht ein einziges Blatt, als wären sie Geister. Nur ihr strenger Geruch hatte sie verraten. Was waren das für Männer? Sie schienen nicht gerade freundlich zu sein. Sie jagten andere, um sie zu jemanden namens Yamaumba zu bringen? Definitiv nicht nett. Zusätzlich haben diese Drillinge über einen Bären geredet. Wo war dieser Bär? Schlich er noch hier herum? Alessio konnte diesen nicht riechen, aber musste vorsichtig sein, wenn er nicht von einem Bären getötet werden wollte.

Alessio wartete noch einige Zeit und hoffte, dass dieser Bär weg war. Dann stand er hinter den Baum auf und ging er zu dem Reh. Er hoffte, dass es noch da war und nicht von dem Bären oder etwas anderem gefressen worden war. Zum Glück lag das Tier unberührt da. Sofort nahm er es wieder auf den Rücken und lief zügig zu seinem Haus zurück.

Sobald er in seinem Heim war, lud er das Reh in der Küche ab und ging nochmal raus und versuchte, den Geruch von dem toten Tier loszuwerden. Dazu suchte sich Alessio eine Stelle, die mit Schlamm bedeckt war. Dann zog er seine Jacke aus und legte sie kurz hinein. Hoffentlich verflüchtigte sich der Geruch. Er wollte keine Raubtiere anlocken.

Er musste versuchen, das Reh noch heute zu häuten, auszunehmen und zu zerlegen. Wenn das Tier begann, zu verwesen, würde es ungenießbar werden und er hätte nichts mehr zu essen. Vielleicht konnte er auch den Rest abgesehen vom Fleisch noch benutzen, eventuell die Haut als wärmende Decke und die Knochen als Pfeilspitzen. Er konnte sich noch was einfallen lassen.

Alessio dachte nach, während er rein stapfte und dabei mit seiner neuen Bärenklaue rumspielte. Sobald er wieder in seinem Haus war, ging er in die Küche und starrte nachdenklich auf das Reh auf dem Esstisch. Er nahm eines der Küchenmesser und fühlte, ob es scharf war. Hm, gerade so. Zumindest für das Reh sollte es ausreichen. Später musste er das Messer wieder schärfen.

Dann nahm er eines der Jagdbücher in die Hand und blätterte darin. Irgendwo musste es doch eine Anleitung geben, wie man ein größeres Tier zerlegte. Hasen waren das eine, Rehe hingegen waren ein anderes Kaliber. Schließlich fand er eine Erklärung zum Vorgehen und machte sich an die Arbeit. Und es war Arbeit, harte Arbeit.

Nachdem er das Tier zerlegte hatte, schaute er an sich herunter. Er sah aus wie ein verdammter Metzger oder wie dieser Serienkiller Dexter aus der gleichnamigen Fernsehserie. Ein kleines Stück Fleisch legte er sich gleich zur Seite. Die anderen Stücke verstaute er in eine Tiefkühltruhe, die im Keller stand. Er hatte sie während des letzten Winters mühevoll hinunter bugsiert. Hier unter der Erde war es richtig kalt und er hoffte, dadurch noch länger das Fleisch aufbewahren zu können.

Er holte eine neue Ölflasche und einen neuen Campingkocher aus dem Lager und schlenderte die Küche. Dann bereitete er das Fleisch zu und aß es. Für ihn schmeckte es wie ein Steak eines Drei-Sterne-Koch. Alessio schaute sich das Bild seiner Frau und seiner kleinen Tochter an, während er wieder sein Guten-Appetit-Ritual durchführte. Er vermisste sie so sehr, dass ihm jetzt noch regelmäßig das Herz schwer wurde.

Doch seine Frau hätte nicht gewollt, dass er einfach so sich ein Ende setzte. Sie beide hatten sich immer gegenseitig gewünscht, dass der andere sein Leben weiterlebte, auch wenn einer von beiden nicht mehr da war. Nur fraß der Schmerz vom Tod der beiden ihn innerlich auf Alessio würde nie mehr das Lachen der beiden hören.

Auf einmal bekam er ein leises Wimmern mit. Alessio erstarrte. Was war das gewesen? Er richtete sich auf und erhob sich schließlich. Schnell ergriff er sein Messer und seine Armbrust ein, welche er immer in seiner Nähe hatte. Dann zog er seine dunkle Jacke an. Kurz schaute er aus einem Fenster neben der Tür heraus, doch konnte er nichts erkennen. Alessio schlich in die Dämmerung raus. Sobald er sich vor der Haustür befand, drehte er sich um seine Achse, unschlüssig, wohin er nun laufen sollte. Woher war das Wimmern nur gekommen? Dann hörte er es wieder. Es wurde von dem Wind aus dem nahen gelegenen Walde aus der Richtung, wo er heute das Reh erlegt hatte, hergetragen.

Vorsichtig und mit so leisen Schritten wie möglich ging er weiter. War jemand in Gefahr? War ein Mensch oder ein Tier verletzt? Plötzlich hörte er ein leises Kratzen und ein Schleifen, als würde jemand etwas Schweres über den Boden ziehen. Vorsichtig ging er in die Richtung dieser Geräusche. Er versteckte sich dabei immer wieder hinter Bäumen, denn er fühlte sich wie in diesen Horrorfilmen, wo einer allein in den Wald ging und dann plötzlich vor dem bösen Monster stand und gefressen wurde. Ganz falscher Gedanke. Er musste schnell an etwas anderes denken. An Hundewelpen und Schokolade. Ja, das half. Er hob das Messer abwehrbereit und schlich weiter.

Während es dunkler wurde, folgte Alessio den Geräuschen. Kam er den Verursacher des Wimmerns näher? Die Geräusche blieben gleich laut, fast als würde der Mensch oder das Tier schwächer werden. Letztendlich kam er zu der Lichtung, wo er die Drillinge gesehen hatte. Auf einmal erkannte er einen kleinen, weißen Schemen auf dem dunklen Boden, der sich mühsam weiterschleppte. Alessio ging zu der Gestalt hin und stutzte. Es war ein zierlicher, weißer Fuchs, doch das Fell war rot gefärbt.

Der Körper war von vielen Schnittwunden bedeckt und aus ihnen floss immer noch Blut. Dieses Tier war eindeutig gequält und gefoltert worden. Der arme Fuchs. Doch das war nicht das einzige Außergewöhnlichste an ihm: Es war der Schwanz, oder besser gesagt, die neun Schwänze.

2. Kapitel: Oktober, Jahr 1 nach der Menschheit

Lasse nie deinen Geist von der Tätigkeit des Körpers fortgerissen und nie deinen Körper von deinem Geist beeinflusst werden. – Miyamoto Musashi, Buch des Wassers

Alessio stand über dem weißen Fuchs mit den neun Schwänzen und wusste nicht, was er machen sollte. Konnte er ihn vielleicht als Mahlzeit mitnehmen? Ihn hier liegen lassen? Oder sollte er den Fuchs helfen? Er hatte grausam aussehende Schnittwunden. Sofort erwachte sein weiches Herz. Er würde den Fuchs nicht zum Sterben hierlassen! Dass der Fuchs kurz vor seinem Ende stand, stand außer Frage. Sobald er in die Nähe des Fuchses gekommen war, war der erstarrt und regte sich nicht mehr. Es war auch kaum noch zu erkennen, ob er atmete. Lebte er noch? War Alessio zu spät gekommen? Der Fuchs hatte offenkundig Angst vor ihm. Alessio kniete sich hin und berührte ihn vorsichtig. Hoffentlich biss er ihn nicht. Er wollte sich selbst nicht gegen Tollwut behandeln. Eine Spritze in die Bauchdecke war sehr schmerzhaft. Ein Biss wäre daher nicht nur unangenehm, sondern lebensgefährlich.

Während Alessio den Fuchs berührte, zuckte dieser zusammen und versuchte, sich wegzuschleppen. Auch Alessio schreckte zurück und gleichzeitig überkam ihn Mitleid mit dem Fuchs.

Kein Tier durfte so misshandelt werden. Er selbst versuchte, den Tod seiner Beute so schmerzlos wie möglich zu gestalten. Er genoss es nicht, die Tiere zu töten, aber er musste überleben. Noch hatte er keine Erfahrung im Ackerbau und so blieb nur die Jagd. Bisher hatte er noch nicht die richtige Fläche für den Ackerbau in unmittelbarer Nähe seines Hauses oder Stadt gefunden. Vorsichtig und langsam zog er seine Jacke aus und nahm den Fuchs behutsam in seine Hände. Er rannte, so schnell er konnte, in sein Heim zurück.

Den weißen Fuchs legte er in der Küche auf den Tisch, dann dunkelte er die Fenster mit schweren Gardinen ab, sodass kein Licht nach außen drang. Erst danach schaltete er mehrere batteriebetriebene Lampen an. Er brauchte jetzt mehr Licht als sonst.

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