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Schaffst du es, Amelie?

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

… handelt von einer Freundschaft, kniffligen Hausaufgaben und einer neuen Schülerin, die Deutsch sprechen kann

Kapitel 2

… handelt von einer bitteren Enttäuschung, Apfelkuchen mit viel Schlagsahne und einer ganz lieben Oma.

Kapitel 3

… handelt von Jakobs Vergesslichkeit, seinem Wutanfall und einem Eintrag in das Hausaufgabenheft.

Kapitel 4

… handelt von einer ansteckenden Krankheit, von Flöhen, die Salto schlagen können, und einem sehr kurzen und einem sehr langen Telefonat.

Kapitel 5

… handelt von zwei mutigen Mädchen, einer Lehrerin, die einen Fehler zugibt, und einem Heft, bei dem eine Seite fehlt.

Kapitel 6

… handelt von einem vergessenen Sportbeutel, vielen Tränen und einem Kredit für ein Restaurant.

Kapitel 7

… handelt von einem geschlossenen Schwimmbad, einem Fahrrad, das angeblich ansteckend ist, und einem verpatzten Test.

Kapitel 8

… handelt von einem geheimen Klub, einer überraschenden Versammlung in der Aula und einer bitteren Enttäuschung.

Kapitel 9

… handelt vom Freitag, dem dreizehnten, einem überraschenden Besuch und vielen weiteren Enttäuschungen.

Kapitel 10

… handelt von einem Geburtstag ohne Gäste, einer selbst gebackenen Pizza und einer Oma, die nicht zum Geburtstag gratuliert.

Kapitel 11

… handelt von den Sorgen um Amelies Großmutter, einem gestressten Vater und fehlenden Lernmaterialien.

Kapitel 12

… handelt von einem verstörenden Anruf, verbrannten Kartoffeln und einer Zehnjährigen, die noch nicht zu alt ist, um die Nacht im Elternschlafzimmer zu verbringen.

Kapitel 13

… handelt von einem einsamen Frühstück, schwierigen Hausaufgaben und dem zu kurzen Besuch der Mutter.

Kapitel 14

… handelt von weiteren unerfreulichen Nachrichten, von einem Wort, das gut klingt, aber trotzdem schlecht ist, und einem Vater, der so klug wie seine Tochter sein will.

Kapitel 15

… handelt vom Wingenbacher Hof, einer großartigen Idee und einer erstklassigen Köchin.

Kapitel 16

… handelt von einem gelungenen Zeitungsbericht, einer weiteren spektakulären Idee und dem endlich fertiggestellten Wochenplan.

Kapitel 17

… handelt von vielen Telefonaten, einem stolzen Vater und dem ersten selbst verdienten Geld.

Kapitel 18

… handelt von einer Fahrradtour, einem nachdenklichen Vater und von Liebe.

Kapitel 19

… handelt von einem gemütlichen Frühstück, einem wunderbaren Geburtstagsgeschenk und der Entdeckung, dass Eltern zu großen Dummheiten fähig sind.

Kapitel 20

… handelt von Ungehorsam, einem zornigen Vater und der nettesten Lehrerin der Welt.

Kapitel 21

… handelt von einer erlösenden Nachricht, von einem weinenden Vater und vom Verzeihen.

Kapitel 22

… handelt von geheimen Wünschen, undurchführbaren Plänen und einer Essenseinladung.

Kapitel 23

… handelt von der Schwierigkeit, mit chinesischen Stäbchen zu essen, einem reuigen Vater und einer großzügigen Mutter.

Kapitel 24

… handelt von einem kniffligen Thema, einer Überraschung, die in die Hose gegangen ist, und einem Versöhnungskuss.

Kapitel 25

… handelt von einem fantastischen Frühstück, neuen Plänen und Wiedergutmachung.

   Kapitel 1   

handelt von einer Freundschaft, kniffligen Hausaufgaben und einer neuen Schülerin, die Deutsch sprechen kann.

„Hey, hast du Mathe gemacht?“

Amelie drehte sich um und grinste: „Guten Morgen, Jakob! Klar, willste mal sehen?“

Sie zog ihr Schulheft aus dem Ranzen und reichte es ihrem Klassenkameraden. „Du musst dich aber beeilen, es klingelt gleich!“

„Weiß ich. Ich brauche auch nur die letzte Aufgabe. Die war mir zu tricky.“ Es nieselte leicht, und beide zogen sich unter das Dach des Schulgebäudes zurück. Hier hatten sie mehr Ruhe und wurden nicht von spielenden Kindern gestört. Außerdem waren sie nicht so sehr im Blickfeld des Aufsichtslehrers, der seine Runden drehte. Jakob überflog Amelies Rechnung und holte sein eigenes Heft heraus.

„Ach so, du hast erst malgenommen und dann minus gerechnet“, murmelte er beim Abschreiben und als die Schulklingel ertönte, waren seine Mathesachen wieder im Schulranzen verstaut. Amelie und Jakob rannten zum Aufstellplatz ihrer Klasse, wo bereits dichtes Gedränge herrschte. Kurz darauf erschien ihre Klassenlehrerin Frau Hahne.

„Aufstellen!“, rief sie und versuchte, den Lärm der schreienden Kinder zu übertönen.

Es dauerte eine Weile, bis alle einen Partner gefunden hatten und niemand mehr aus der Reihe tanzte. Gemeinsam gingen sie in den ersten Stock, und Frau Hahne schloss die Klassenzimmertür auf. Offenbar hatte die Kunstlehrerin am Vortag die gebastelten Osterfensterbilder aufgehängt, und die Kinder liefen begeistert zu den Fenstern, um sie zu begutachten.

„Die Osterhäschen sind richtig schön geworden“, meinte Frau Hahne. „Aber jetzt setzt euch, damit wir anfangen können.“

Amelie streifte ihre Jacke ab und hängte sie an ihren Haken an der Garderobe. Sie strich sich durchs feuchte Haar und ging zu ihrem Platz.

Wie jeden Freitagmorgen gab es zu Beginn einen Sitzkreis. Nach der Reihe durfte jedes Kind erzählen, worauf es sich am Wochenende besonders freue. Als Jakob an der Reihe war, erzählte er, dass er ein wichtiges Fußballspiel habe und mit seiner Mannschaft mit dem Bus nach Köln fahre.

Frau Hahne lächelte. „Wir werden euch fest die Daumen drücken, damit ihr haushoch gewinnt!“

Dann sah sie Amelie an. „Nun“, meinte sie. „Hast du auch etwas Schönes geplant?“

„Klar! Heute holt mich meine Mutter ab und ich bleibe bis Montagmorgen bei ihr!“

Die Lehrerin nickte. „Das hört sich toll an. Und jetzt möchte ich die Mathematikaufgaben sehen.“

Jakob zwinkerte Amelie zu, während er seinen Stuhl zurück an seinen Platz trug. Frau Hahne war eigentlich ganz nett, aber bei unvollständigen Hausaufgaben verstand sie keinen Spaß. Und richtig, beim Vergleichen der Ergebnisse rief sie Jakob auf, der die letzte Aufgabe vortragen sollte.

„Sehr schön“, meinte Frau Hahne anerkennend, als Jakob die Lösungen vorgelesen hatte. „Kannst du bitte deinen Rechenweg erklären? Warum hast du zuerst multipliziert und danach subtrahiert?“

Ups, damit hatte Jakob nicht gerechnet. Er schielte zu Amelie herüber, aber da alle Augen auf ihn gerichtet waren, konnte sie ihm nicht weiterhelfen.

Ein lautes Klopfen ertönte und Frau Hahne ging zur Klassenzimmertür, um sie zu öffnen. Draußen standen die Schulsekretärin Frau Beiert und eine Frau mit ihrem Kind.

„Frau Hahne, Sie bekommen eine neue Schülerin in Ihre 4a. Den Stundenplan und die Schulbücher habe ich ihr bereits gegeben. Die Mutter würde kurz mit Ihnen sprechen wollen.“

Die Lehrerin trat auf den Flur und unterhielt sich eine Weile mit ihr. Neugierig reckten die Kinder ihre Hälse, um einen Blick auf die neue Mitschülerin zu erhaschen, und Amelie nutzte die Gelegenheit, Jakob ihren Rechenweg zu erklären.

Nach einer Weile kehrte Frau Hahne zurück. An ihrer Seite ging ein etwa zehn Jahre altes Mädchen, das verlegen zu Boden schaute. Die Schülerinnen und Schüler wurden augenblicklich still. Es war nicht ungewöhnlich, dass mitten im Schuljahr ein neues Kind in die Klasse kam. Aber es war sein Aussehen, das die Kinder zum Staunen brachte. Die neue Schülerin hatte pechschwarzes Haar, das zu zwei Zöpfen geflochten war. Ihre Haut war dunkel, und sie hatte mandelförmige Augen.

„Ihr habt es ja mitbekommen. Wir bekommen ein neues Klassenmitglied. Ihr Name ist Linh Hoang.“

Einige aus der Klasse kicherten.

Frau Hahne hob die Augenbrauen. „Simon, was ist denn daran so lustig?“

„Nix. Nur so’n Namen habe ich vorher noch nie gehört.“

„Na ja, es können nicht alle Kinder Simon Thilhove heißen“, erwiderte Frau Hahne trocken. „Linh ist neu hier nach Wingenbach gezogen. Sie wohnt in der Bücheler Straße. Sag mal, Amelie, wohnst du da nicht ganz in der Nähe?“

Das Mädchen nickte.

„Jakob, hast du etwas dagegen, wenn du zum Nachbartisch umziehst? Dann könnte Linh neben Amelie sitzen.“

Jakob zögerte. Amelie war seine Freundin, aber am Nachbartisch saß Simon, mit dem er im selben Fußballverein spielte. Frau Hahne fasste sein Schweigen als Zustimmung auf. „Gut, dann hätten wir das ja geklärt.“

Mit gemischten Gefühlen wechselte Jakob den Platz, und Linh stellte zögerlich ihren Ranzen neben Amelies. Frau Hahne schaute auf die Uhr. „Viel Zeit ist jetzt nicht mehr. Packt die Hausaufgaben weg und fangt mit dem Wochenplan an. Ich sammle vor der Pause eure Hefte und Mappen ein. Seht also zu, dass ihr mit den Pflichtaufgaben fertig werdet.“

Die Klasse begann mit der Arbeit, und Frau Hahne zeigte dem neuen Mädchen ihr Fach, wo sie ihre Materialien einräumen konnte. Auch brachte sie ein neues Namensschild an einem der Kleiderhaken an, sodass Linh ihre Jacke aufhängen konnte. Als es zur Pause klingelte und alle Kinder rausrannten, bat Frau Hahne Amelie und die neue Mitschülerin zu ihrem Pult.

„Ich fände es gut, wenn du mit Linh durch das Schulgebäude gehst. Zeig ihr, wo sich die Mädchentoilette, die Sporthalle, der Musikraum und am besten auch der Werkraum befinden. Ach ja, wichtig ist auch, dass Linh weiß, wo das Sekretariat liegt. Wenn Frau Beiert sich wundern sollte, sag ihr, ich hätte euch geschickt. Schaffst du das?“

Amelie nickte eifrig. Sie lachte Linh an und sagte: „Komm mit!“

Auf dem Pausenhof wartete bereits Jakob. „Wo bleibst du denn?“, fragt er ungeduldig. „Heute ist das vierte Schuljahr mit Fußballspielen dran.“

Amelie schüttelte den Kopf. „Nee, heute spiele ich nicht mit. Ich zeig jetzt erst mal der Neuen die Schule. Schließlich muss sie wissen, wo das Mädchenklo ist.“

„Na, dann eben nicht!“ Jakob zuckte die Achseln und verschwand in Richtung des Fußballfeldes.

„Ich hei-ße A-me-lie Win-ter-scheid. Wo-her kommst du?“, erkundigte sich Amelie und betonte jede Silbe.

„Ich kom-me aus Düs-sel-dorf“, erwiderte Linh und ahmte ihren Tonfall nach. „Wie-so sprichst du plötz-lich so ko-misch?“

„Ja, kannst du mich denn verstehen?“, staunte Amelie.

„Natürlich, ob du’s glaubst oder nicht: In Düsseldorf sprechen die Menschen auch Deutsch!“

Amelie prustete los. „Haha, das ist gut. Den Witz merke ich mir.“

Jetzt musste Linh auch lachen. „Menschen, die mich nicht kennen, erwarten oft nicht, dass ich ihre Sprache sprechen kann. Ich sehe nicht aus wie eine Deutsche, aber ich bin in Düsseldorf geboren.“

„Übrigens fährt unsere Klasse in zwei Wochen in die Jugendherberge Bernauel“, erzählte Amelie. „Das ist gar nicht weit von Düsseldorf entfernt.“

Während sie gemeinsam über das Schulgelände streiften, erzählte Linh ihre Geschichte. Sie wohnte erst seit ein paar Tagen in Wingenbach, denn ihre Eltern wollten in der Bücheler Straße ein Restaurant eröffnen.

„Kennst du den alten Wingenbacher Hof? Den haben wir gekauft, und meine Eltern bauen ihn zurzeit um“, erzählte sie stolz. „Wir planen für Mai die Eröffnung des Restaurants. Es wird ‚Hanoi‘ heißen.“

Und als Amelie fragend schaute, ergänzte sie: „Das ist die Hauptstadt von Vietnam. Da kommen meine Eltern her.“

„Wie? Nicht aus Düsseldorf?“ Amelie tat erstaunt. „Obwohl die Menschen ja angeblich dort auch Deutsch sprechen sollen.“

Die Mädchen lachten auch noch, als es zur nächsten Stunde klingelte und sie mit ihrer Lehrerin in die Klasse gingen.

   Kapitel 2   

handelt von einer bitteren Enttäuschung, Apfelkuchen mit viel Schlagsahne und einer ganz lieben Oma.

Amelie konnte es kaum erwarten, nach Schulschluss mit Linh nach Hause zu gehen. Aber zu ihrer Enttäuschung wurde die neue Schülerin von ihrer Mutter mit dem Auto abgeholt. Jetzt würde sie bis Montag warten müssen, bis sie ihre Klassenkameradin wiedersehen würde. Sie winkte ihr zum Abschied zu und schlug den Weg nach Hause ein. Auf einmal hörte das Mädchen hinter sich eilige Schritte und drehte sich um.

Es war Jakob, der ihr nachgerannt war und sie vorwurfsvoll ansah. „Hey, Amelie. Warum wartest du denn nicht auf mich? Wir gehen doch sonst immer zusammen nach Hause.“

„Ach, dich habe ich fast vergessen!“, meinte Amelie. „Weißt du, dass Linh …“

„Mensch, lass mich doch mit deiner doofen Chinesin in Ruhe!“, fauchte Jakob und ließ Amelie stehen.

„Was ist denn mit dem plötzlich los?“, murmelte sie kopfschüttelnd. Verwundert machte sie sich auf den Weg nach Hause. Als Amelie ihren Schlüssel ins Schloss der Wohnungstür steckte, stellte sie fest, dass ihr Vater bereits da war. Er arbeitete als Journalist beim Wingenbacher Tageblatt und hatte sich heute wohl schon frühzeitig freigenommen.

„Das kann jetzt nicht wahr sein“, hörte sie seine aufgebrachte Stimme.

Offensichtlich sprach ihr Vater gerade mit jemandem am Telefon. Leise stellte Amelie ihren Ranzen ab und blieb in der Wohnzimmertür stehen.

„Es war abgemacht, dass du heute Amelie abholst! Ich habe am Wochenende eine Motorradtour mit meinen Kumpels geplant, und die sag ich garantiert nicht ab, nur weil du wieder mal keine Zeit für deine Tochter hast.“

Amelie stockte der Atem. Offenbar sprach ihr Vater gerade mit ihrer Mutter. Eine Weile lauschte er ins Telefon. Dann ergriff er wieder das Wort.

„Du kannst also heute nicht kommen. Okay, das habe ich jetzt verstanden. Aber wenn du denkst, dass du Amelie nächstes Wochenende abholen kannst, dann hast du dich getäuscht. Da feiert sie ihren Geburtstag. Und zwar hier. Mit ihren Freundinnen und Freunden. Und damit basta!“ Ohne ein Abschiedswort legte ihr Vater auf. Dann atmete er tief durch.

„Paps?“, sagte Amelie leise.

Abrupt drehte sich ihr Vater um. „Du bist schon da?“

„War das Mama am Telefon? Kommt sie heute nicht?“

„Ach, Mauseschwänzchen. Hast du alles mitbekommen? Das tut mir leid.“ Ihr Vater ließ sich auf das Sofa fallen und breitete seine Arme aus. Amelie trat auf ihn zu und schmiegte sich an ihn.

„Warum bist du auf Mama so böse?“, fragte sie schließlich.

Es dauerte eine Weile, ehe ihr Vater antwortete. „Deine Mutter hat an diesem Wochenende keine Zeit für dich. Sie will an einer Fortbildung teilnehmen. Wenn ich es richtig verstanden habe, ist wohl eine Kollegin erkrankt, und da hat sie sich freiwillig gemeldet, sie zu vertreten.“

Amelies Augen füllten sich mit Tränen. Seit Tagen schon freute sie sich auf das Wiedersehen, und nun sollte es gar nicht stattfinden. Vor zwei Monaten hatten sich die Eltern getrennt, ihre Mutter war ausgezogen und hatte sich ein eigenes Appartement am entgegengesetzten Ende der Stadt gemietet. Da Amelie bei ihrem Vater geblieben war, konnte sie ihre Mutter nur jedes zweite Wochenende sehen.

„Darf ich Mama gar nicht mehr treffen?“, schluchzte sie. „Du hast am Telefon gesagt, dass sie nächstes Mal auch nicht kommen darf.“

Ihr Vater seufzte. „Das habe ich nicht so gemeint. Ich war wütend. Natürlich darf deine Mutter bei der Geburtstagsfeier nicht fehlen. So, Mauseschwänzchen, jetzt trocknest du dir die Tränen, und wir überlegen gemeinsam, was wir am Wochenende Tolles machen können.“

„Aber du wolltest doch mit deinem Motorrad wegfahren!“

Ihr Vater schüttelte den Kopf. „Und dich hier allein lassen? Unmöglich, ich sag meinen Kumpels, dass ich dieses Wochenende keine Zeit habe.“

Während Amelie sich ein Taschentuch holte, telefonierte ihr Vater mit seinen Freunden und sagte die geplante Tour ab.

„Und? Hast du dir überlegt, was du am Wochenende machen willst?“, fragte Herr Winterscheid, als seine Tochter wieder das Wohnzimmer betrat.

„Eigentlich wollte ich mit Mama heute in die Stadtbibliothek.“

„Gute Idee. Ich habe auch nichts mehr zu lesen. Und was machen wir danach?“

„Oma besuchen?“, fragte Amelie hoffnungsvoll.

„Deine Einfälle werden immer besser“, bemerkte ihr Vater. Dann griff er nochmals zum Telefonhörer und wählte die Nummer seiner Mutter.

„Hallo Mutti, hier ist Sebastian. Amelie und ich würden gern heute zu dir kommen. Hast du Zeit für uns?“ Aufmerksam lauschte Herr Winterscheid in den Hörer. „Ach, du hast gerade Besuch von deiner Freundin? Schade. Und wie ist es mit morgen? – Prima! Du willst Kuchen backen – Apfeltorte? Halt, da muss ich erst Amelie fragen.“

„Aber wir kommen nur, wenn’s auch Schlagsahne gibt“, rief sie so laut, dass es ihre Großmutter am anderen Ende der Leitung hören konnte.

„So, dann weißt du Bescheid!“, lachte ihr Vater. „Morgen Nachmittag kommen dein geliebter Sohn und deine vorlaute Enkeltochter. Wir freuen uns! Tschüss.“

Obwohl Amelie immer noch enttäuscht war, dass sie ihre Mutter nicht wie versprochen sehen konnte, besserte sich ihre Laune in der Bibliothek zusehends. Sie fand einige interessant aussehende Bücher. Außerdem nahm sie ein Konsolenspiel mit, das sie bereits von Simons Geburtstagsparty kannte. Ihr Vater hatte ein paar Motorradzeitschriften gefunden, und sie gingen gemeinsam zur Ausleihe.

„Das Spiel, das du ausgewählt hast, ist aber erst für Kinder ab 12 Jahren!“, informierte die Angestellte sie beim Einscannen.

Amelie sah ihren Vater bittend an, doch er schüttelte den Kopf. „Du kannst noch so flehentlich dreinschauen, Mauseschwänzchen, aber das Spiel bleibt hier. Die Altersfreigabe hat ihren Sinn. Aber ich warte hier auf dich, wenn du dir ein anderes aussuchen willst.“

Also flitzte Amelie ein zweites Mal in die Kinderabteilung und fand tatsächlich noch ein Spiel, das nicht nur spaßig aussah, sondern auch für ihre Altersgruppe freigegeben war.

Am nächsten Tag war es endlich soweit, und sie fuhren zur Großmutter. Sie wohnte in einem Dorf, das etwas außerhalb von Wingenbach lag. Deshalb sahen sie sich nicht so häufig. Amelie liebte ihre Oma sehr. Sie konnte nicht nur ausgezeichnet backen, sondern war auch eine prima Zuhörerin. Wenn Amelie etwas von der Schule, ihrem Schwimmverein oder anderen Dingen, die sie beschäftigten, erzählte, zeigte sie lebhaftes Interesse und ließ sich immer alles ganz genau erklären. So war es auch dieses Mal. Natürlich berichtete Amelie als Erstes von Linh, der neuen Schülerin.

„Stell dir vor, sie spricht drei Sprachen!“, begann sie. „Mit ihrer Mutter unterhält sie sich auf Vietnamesisch, mit ihrem Vater auf Englisch und in der Schule muss sie natürlich Deutsch sprechen! Das ist bestimmt irre schwer. Paps, hat mein Name eigentlich eine Bedeutung?“

Ihr Vater zuckte die Schultern. „Keine Ahnung. Wieso fragst du?“

„Na ja, Linh hat mir erklärt, dass ihr Name auf Deutsch ‚Frühling‘ heißt. Schön, nicht wahr?“

„Es sieht so aus, als hättest du eine tolle neue Freundin gefunden“, meinte Amelies Großmutter. „Wie geht’s denn deinem Freund Jakob?“

„Der ist heute mit seinem Fußballverein in Köln. Oh, ich sollte ihm ja die Daumen drücken. Aber irgendwie war Jakob gestern komisch. Als ich ihm von Linh erzählen wollte, hat er etwas von einer ‚doofen Chinesin‘ gebrüllt und mich einfach stehen gelassen. Ich konnte ihm noch nicht mal sagen, dass Linh gar nicht aus China kommt. Und warum Jakob sie doof findet, verstehe ich auch nicht.“

„Hast du dich denn vorher mit Jakob gestritten?“, wollte ihr Vater wissen.

„Ganz bestimmt nicht!“, meinte Amelie mit Nachdruck. „Am Morgen habe ich ihm noch bei den Matheaufgaben geholfen.“

„Seltsam“, meinte ihre Großmutter. „Aber lass dir von deiner alten Oma etwas sagen: Wenn sich jemand plötzlich ganz anders benimmt, dann hat es eine Ursache, auch wenn wir sie nicht kennen. Ja, vielleicht weiß Jakob selber nicht, warum er sich so schlecht benommen hat.“

Sie gab Amelie ein zweites Stück Kuchen auf den Teller und schob ihr die Schale mit der Schlagsahne zu. „Wie geht es denn deiner Mama? Eigentlich wäre es doch euer gemeinsames Wochenende gewesen.“

„Ich habe sie vor zwei Wochen das letzte Mal gesehen“, sagte Amelie traurig. „Sie musste plötzlich zu einer Fortbildung, und deshalb hat sie keine Zeit für mich.“

„Aber, Schätzchen, es gibt doch Telefone. Hat sie denn nicht angerufen?“

Amelie sah unsicher zu ihrem Vater. „Doch, aber Paps hat gestern mit ihr gesprochen.“

Frau Winterscheid sah ihren Sohn überrascht an. „Rebekka hat angerufen, und sie durfte nicht mit ihrer Tochter sprechen?“

„Das verstehst du nicht, Mutti“, meinte Herr Winterscheid scharf. „Außerdem hatte ich das Gespräch mit ihrer Mutter bereits beendet, bevor ich wusste, dass Amelie da war.“

„Und du hast deiner Tochter nicht die Möglichkeit gegeben zurückzurufen, um sich erklären zu lassen, warum sie nicht abgeholt wird?“ Frau Winterscheid schüttelte den Kopf. „Nein, das verstehe ich wirklich nicht. So, Amelie, du nimmst jetzt mein Handy und rufst deine Mutter an. Die Nummer ist unter ‚R‘ wie Rebekka abgespeichert. Und ich werde ein paar Takte mit deinem Vater reden. Auch erwachsene Söhne müssen sich ab und zu von ihrer Mama etwas sagen lassen.“

Das ließ sich Amelie nicht zweimal sagen. Sie nahm das Handy und verzog sich in die Küche. Gleich beim ersten Klingeln hob ihre Mutter ab. Es tat unwahrscheinlich gut, ihre Stimme zu hören. Und da sich Mutter und Tochter so lange nicht gesehen hatten, gab es auch viel zu erzählen. Als Amelie endlich auflegte und ins Wohnzimmer zurückkehrte, gab es einen dicken Kuss für die Großmutter.

„Danke!“, meinte Amelie. „Mama lässt dich grüßen. Sie will dich bald besuchen. Sie ruft aber vorher an.“

Die Großmutter drückte Amelie ganz fest. „Dafür musst du dich nicht bedanken. Es ist dein gutes Recht, mit deiner Mutter zu sprechen!“ Bei diesen Worten schaute sie ihrem Sohn fest in die Augen, der ihrem Blick auswich und heftig in seiner Kaffeetasse rührte.

   Kapitel 3   

handelt von Jakobs Vergesslichkeit, seinem Wutanfall und einem Eintrag in das Hausaufgabenheft.

Vor Schulbeginn suchte Amelie am Montagmorgen Jakob auf dem Pausenhof. Die Worte ihrer Großmutter waren ihr nicht aus dem Kopf gegangen. Wenn das ungewöhnliche Verhalten ihres Freundes einen Grund hatte, dann wollte sie ihn herausfinden. Nach kurzem Suchen sah sie ihren Klassenkameraden, wie er sich mit ein paar anderen Jungen unterhielt.

„Guten Morgen“, sagte sie in die Runde. Dann stellte sie sich neben Jakob und stieß ihm freundschaftlich in die Rippen. „Na, wie war das Fußballspiel in Köln?“

Jakob strahlte über das ganze Gesicht, ballte die Faust und streckte Zeige- und Mittelfinger als Siegeszeichen hoch. „Wir haben gewonnen: drei zu eins! Ich habe zwar kein Tor geschossen, aber unser Trainer hat mich auf der Rückfahrt sehr gelobt. Er meinte, dass ich ein erstklassiger Verteidiger sei.“

Amelie klopfte ihm auf die Schulter.

„Das lag bestimmt auch an mir, ich habe dir ganz fest die Daumen gedrückt.“

Offenbar war Jakob wieder ganz der Alte. Amelie beschloss, die abfällige Bemerkung über die neue Schülerin nicht so wichtig zu nehmen. Er würde schon merken, dass man mit ihr viel Spaß haben konnte. Als es zur ersten Stunde klingelte, sah sie auch Linh wieder. Ein wenig verloren stand sie am Aufstellplatz der Klasse 4a und schien sich zu freuen, als Amelie sich neben sie stellte.

„Und wie war dein Wochenende?“, erkundigte sich Amelie beim Hochgehen in die Klasse.

„Ja, ganz schön“, antwortete Linh gedehnt. „Meine Eltern haben alle Hände voll zu tun wegen des Umbaus im Restaurant. Deshalb war es etwas langweilig.“

In der Klasse angekommen hängten die Kinder ihre Jacken auf und gingen zu ihren Sitzplätzen. Erstaunt sah Amelie zu, wie Jakob seinen Ranzen an ihren Tisch stellen wollte.

„Du sitzt doch jetzt neben Simon!“, erinnerte sie ihren Freund. „Hast du das vergessen?“

Jakob verzog das Gesicht. „Ach ja, stimmt ja.“

„Vielleicht solltest du mal zum Arzt gehen“, witzelte Amelie. „Der hat bestimmt Tabletten gegen Gedächtnisschwäche.“

Wortlos packte Jakob seine Sachen und setzte sich an den Nachbartisch. Der Schulalltag begann, und Frau Hahne verteilte wie immer zu Beginn der Woche einen Arbeitsplan. Sie erklärte die Aufgaben und anschließend durften Fragen gestellt werden. Schließlich holten sich die Kinder ihre Materialien und begannen mit der Arbeit. Amelie fiel auf, dass Linh sich wiederholt den Wochenplan durchlas, aber letztendlich nicht anfing zu schreiben. Es war offensichtlich, dass sie mit den ungewohnten Aufträgen nicht zurechtkam. Amelie ging zu Frau Hahne ans Pult und fragte ihre Lehrerin, ob sie sich mit Linh in die Leseecke setzen dürfte. Dort könnte sie ihr noch einmal erklären, wie die Aufgaben zu erledigen seien, ohne die anderen Kinder zu stören.

Frau Hahne nickte. „Das ist eine gute Idee. Aber wirklich nur im Flüsterton!“

Amelie versprach es, und so setzten sich die beiden Mädchen zusammen und gingen die einzelnen Arbeitsanweisungen durch.

„Du musst erst alle Aufgaben mit dem roten Kreis bearbeiten. Die müssen bis Freitag fertig sein, weil Hähnchen sie dann einsammelt.“

Linh sah sie verständnislos an. „Hähnchen?“

Amelie kicherte. „Das ist der Spitzname von Frau Hahne.“

Linh lachte laut auf. Die Klassenlehrerin blickte auf und runzelte die Stirn. „Was ist denn da so komisch?

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