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Schäferstunden | Mein Leben als Hirte auf der Alp

Joe Rißmann                    
Claudia Nehm

Schäferstunden

Mein Leben als Hirte auf der Alp

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Inhalt

MEIN LANGER WEG AUF DIE ALP

Da unten liegt er. Türkisblau und spiegelglatt. Wolkentupfer auf der Oberfläche und ganz hinten eine weiße Mauerschlange, die ihn festhält mitten in den Bergen, wo er die beiden Gebirgshälften teilt. Mein See, der Lago di Luzzone! Ein Stausee. Er sieht aus, als hätte er schon immer dort gelegen. Und was mich betrifft, ist es auch so. Ich könnte mir keine Alpe Garzott ohne Stausee vorstellen. Wenn ich aus der Hütte und auf die Sonnenterrasse trete, sehe ich ihn, tausend Meter unterhalb.

Weiter links sehe ich das, weswegen ich eigentlich hier bin: Schafe. Ein paar Hundert sind es vielleicht, die sich noch auf dieser Wiese tummeln, während die anderen schon eine Stufe höher gewandert sind. Die Leitschafe mit den Glocken um den Hals, damit ihre Herden folgen können, wenn sie sich auf den Weg machen. Hinter ihnen die vielen Schafe ohne Glocken. Hundert Tage werde ich jetzt die Glocken bimmeln hören, und, ganz ehrlich, für mich ist die Stille nur still, wenn ich Schafsglocken in der Ferne läuten höre. Zwischen hupenden Autos und quietschenden Straßenbahnen vermisse ich nichts mehr als dieses Geräusch.

Hundert Tage lang bin ich von Autos und Straßenbahnen weit entfernt. Abgesehen von meinem eigenen Auto, das auf dem Wandererparkplatz zu Füßen des Bergs steht. Hundert Tage werde ich es nicht bewegen. Die Zeit vom Alpauftrieb bis zum Alpabtrieb.

Jetzt sitze ich auf meinem Lieblingsplatz, in einer Einbuchtung zwischen zwei Hügeln, ein Stück von meiner Hütte entfernt, und genieße die Aussicht auf den See. Die Berge fallen steil nach unten ab. Gras bedeckt sie nur teilweise, hier und da haben sich ein paar Büsche aus dem kargen Boden gekämpft und zwischendurch glitzert etwas Schnee. Ja, und dann gibt es noch die Disteln. Wie im richtigen Leben. Unten, im Tiefland.

Wie bin ich hier gelandet, und was soll das eigentlich werden, was ich hier schreibe? Etwa ein Roman? Ein Selbsthilfebuch vielleicht? Oder so eine Art Pilgergeschichte?

Nein. Mein Buch ist ein Spaziergang durch die letzten drei Jahre meines Lebens. Nicht chronologisch, Tag für Tag, Monat für Monat, auch nicht geradlinig, Meter für Meter, sondern verschlungen, kreuz und quer, hin und her, bergauf, bergab. Mein Weg vom Inhaber eines Fotogeschäfts und Obermeister einer Fotografeninnung mittendrin im Großstadtleben hin zu einem Berufsschäfer und Hobbyfotografen in zweitausendeinhundert Meter Höhe. Oder umgekehrt. Je nachdem, zu welcher Jahreszeit man es betrachtet. Die Sommer wandere ich über die Schweizer Berge, die Winter verbringe ich am Rand der Pfälzer Berge. Ein Ausstieg auf Zeit, sozusagen.

Meine geplante Wanderroute war eigentlich eine ganz andere: Ich wollte meinen mit siebzehn Jahren eingeschlagenen Weg als Fotograf weitermarschieren bis zum Ende. Vielleicht später einmal mehr Bildbände fotografieren, hier und da eine kleinere oder größere Ausstellung bestücken und Ähnliches. Aber in jedem Fall wollte ich mein Geld verdienen als selbstständiger Fotograf mit eigenem Fotostudio, ohne jemanden, der mir sagt, was ich tun soll. Außer meiner Freundin natürlich.

Zwölf Jahre lang bin ich morgens um sieben aufgestanden und bin, den oder die Hunde im Gepäck, mit meinem roten Landrover ins Geschäft gefahren, habe Kunden beraten und Kameras verkauft, Aufnahmen von Vollversammlungen, Pipelines und Managern gemacht, Bilder entwickelt und abends Geld gezählt.

Dass das Geld in der Kasse immer weniger wurde, wollte ich erst nicht wahrhaben. Schon gar nicht, dass die Digitalfotografie ein Fotogeschäft im klassischen Sinne nicht mehr rentabel machte. Als ich die Augen nicht mehr davor verschließen konnte, stand ich da, ohne Hoffnung auf ein weiteres erfülltes Berufsleben. Ohne einen vertrauten Ort, an dem man mich morgens erwartete.

Nach zehn fetten und zwei mageren Jahren bestieg ich an einem Tag im Mai meinen Landy, lud meine Hunde Senta und Leo hinten ein, fuhr nach Karlsruhe, steckte zum letzten Mal den Schlüssel mit der grünen Kappe ins Schloss, trat in die Fabrikhalle, die längst nicht so schön war wie mein sonnengelbes Geschäft in der Erbprinzenstraße, das ich aufgeben musste, und verabschiedete mich von meinen Scheinwerfern, Kameras, Fotoalben, Outdoortaschen, von den PCs und Printern. Natürlich auch von meinen Leuten, von der heißblütigen Eli und der schüchternen Jenny, meinen ausgelernten Fotografinnen, und von den vier Azubis, die fast schon zur Familie gehörten.

»Joe, wollen wir nicht zusammen irgendwas aufziehen? Nur mit Studio? So im Kleinen? Das wär doch cool, oder?« Eli blickte mich hoffnungsvoll an.

»Klar, das wär was. Aber ich kann nicht.« Ich erklärte Eli, dass ich eine Auszeit von der Fotografie brauchte. Mein Geschäft war mein Leben gewesen. Ich hatte mich zu sehr daran gewöhnt. Ich konnte jetzt nicht einfach mein großes Geschäft eintauschen gegen ein kleines Studio. Vorher musste ich versuchen, ohne das alles zurechtzukommen.

Irgendwann, das wusste ich, würde ich mit etwas Abstand wieder Lust haben zu fotografieren. Und wenn es so weit war, würde ich vielleicht mit Eli ein Fotostudio eröffnen.

An diesem Maitag befand ich mich in einer trostlosen Lage. Ich war arbeitslos. Ein schrumpeliger Apfel, in den keiner mehr beißen möchte.

Außer meiner Tochter. Die beißt mich wirklich gern. Vor allem, wenn ich ihr verbiete, mit dem Schwanensee-Tutu zu Aldi zu gehen. Bei Janika hätte ich natürlich bleiben können, ganz modern als Hausmann mit arbeitender Frau. Aber dazu war ich nicht in der Lage. Ganz und gar nicht. Wenn das Leben einem trostlos und düster vorkommt, ist man kein guter Ratgeber und Erzieher.

Aber was würde mein Leben ausfüllen? Auf keinen Fall die Fotografie. Damit wollte ich nichts mehr zu schaffen haben. Was also tun? Die Bettdecke über die Ohren ziehen und die Tage verschlafen? Ein Facebook-Junkie werden und im virtuellen Paralleluniversum meine Erfolgsfantasien ausleben? Oder mit meinen Hunden endlos durch die Wälder ziehen? Vielleicht eine Therapeutin aufsuchen und ihr erzählen, wie ungeliebt ich mich fühle? Nein, das alles würde mein Leben ganz bestimmt nicht ausfüllen.

Aber es gab etwas, das ich schon immer hatte tun wollen, schon als ganz kleiner Junge. Während ich unser Leitschaf Carmen an der Nase kraulte, wusste ich es wieder: Ich werde Schäfer. Nicht mit den vier Schafen, die wir daheim besaßen, nein, so richtig mittendrin im Gewusel von Hunderten Schafen wollte ich durch die Lande ziehen. Genau wie mein Großonkel, der selbst als Wanderschäfer gearbeitet hat.

Warum gerade Schafe? Das fragt sich vielleicht mancher Großstadtbewohner. Sind Schafe nicht schmutzig, und stinken sie nicht obendrein? Nein, weder das eine noch das andere. Schafsköttel sind wahrscheinlich die einzigen Köttel, die nicht riechen. Außerdem gibt es für mich keine Tiere, die mehr Ruhe ausstrahlen. Die Welt ist schön, wenn ich auf einer Wiese sitze und Schafe um mich herum weiden sehe.

Vor Freude über die neu gewonnene Erkenntnis stieß ich ein lautes Ja! in die Luft. Unsere vier Schafe schreckten zusammen.

Genau wie meine Freundin, der ich später von meinem Plan berichtete.

»Meinst du nicht, dass vier Schafe reichen?«

»Vier Schafe sind schön, aber vierzig Schafe sind noch schöner, und mit vierhundert Schafen kann man sogar Geld verdienen«, erklärte ich entschlossen. »Und außerdem: Du magst Schafe doch auch. Warum sonst hätten wir unsere drei damals angeschafft?«

»Ja, schon«, antwortete sie, »ich mag Schafe. Als Haustiere, als Landschaftspfleger oder als Allergiehemmer für Janika. Aber doch nicht als Arbeitgeber!«

Es dauerte ungefähr eine Pizza, einen Nachtisch und drei Glas Rotwein, bis ich sie am Ende doch überzeugen konnte. Und so schwer war es auch gar nicht. Meine Freundin hat schließlich nicht nur ein Herz für mich, sondern auch ein Herz für Tiere.

Nach dem Essen saßen wir auf den Holzstühlen in unserem Hof, den Stall vor der Nase, die Scheune im Hintergrund, und atmeten den Bauernhofduft ein. Die Kleine schlief auf meinem Arm (schlafende Kinder sind ähnlich beruhigend wie grasende Schafe, aber vierhundert Kinder würde ich freiwillig nicht betreuen) und wir erinnerten uns daran, wie wir uns die Schafe angeschafft hatten.

Drei bergfeste Mädels

Kinder, die mit Tieren aufwachsen, sind sozialer und haben weniger Allergien, hatten wir gelesen. Und überhaupt, was wäre ein Bauernhof ohne Tiere? Ein Stall, der nicht bewohnt ist? Ein tausendfünfhundert Meter großes Grundstück, das nicht beweidet wird? Es gab nur eine Lösung: Ein Hoftier musste her. Haustiere hatten wir ja schon, Hunde und Hasen, und davon reichlich. Wir brauchten etwas Nützliches, etwas Unkompliziertes und vor allem etwas Grasfressendes. Schafe! Was sonst?

Nur die Frage der Rasse war nicht so leicht zu klären. Merinos vielleicht? Viel zu langweilig! Jeder hatte Merinoschafe. Oder Schwarzkopfschafe? Am besten im Internet recherchieren. Aha! Das klang doch interessant:

Das braune (und auch das weiße) Bergschaf gehörten zu den stark gefährdeten Schafrassen in Deutschland, hieß es auf der Seite einer Initiative zur Erhaltung gefährdeter Haustierrassen. Nur etwa tausend reinrassige Zuchttiere kämen vom braunen Bergschaf noch vor. Die Hauptzuchtgebiete seien in Bayern oder der Schweiz. »In den Nachkriegsjahren war die Schafrasse schon fast ausgestorben, da keiner die braune Wolle haben wollte, weil sie schlecht zu färben war.« (Ist übrigens heute noch so. Wir haben glücklicherweise zwei Abnehmerinnen gefunden, die auf Mittelaltermärkten gern braune Filzarbeiten verkaufen. Die beiden sind ganz begeistert von unserer Wolle.) Außerdem seien die braunen Bergschafe wetterfeste und robuste Tiere. In ihrer Heimat würden die Bergschafe im Sommer auf der Alm gehalten, bei Wind und Wetter. »Die grobe und lange Wolle lässt den Regen kaum auf die Haut, die harten Klauen sollen sogar relativ unempfindlich gegen Moderhinke sein.«

Perfekt. Mein Entschluss stand fest: Bergschafe sollten es sein. Das Aussehen war zwar gewöhnungsbedürftig, und ich musste meiner Freundin die leicht gebogene Nase erst schmackhaft machen, aber letztlich teilte sie meine Meinung. Das einzige Problem an der Sache waren die Zuchtgebiete. Bayern und die Schweiz lagen nicht gerade um die Ecke.

Die Schweiz kam überhaupt nicht infrage für den Tierimport. Aber selbst aus Bayern hatte man zu der Zeit (es war gerade die Hochphase der Blauzungenkrankheit) keine Ausfuhrerlaubnis für Schafe. Geschweige denn, dass wir einen Hänger hatten. Aber ich dachte, damit könnten wir uns befassen, wenn es an der Zeit war.

Schon einige Wochen später hatte ich einen Bergschafbesitzer in Bayern ausfindig gemacht, der drei seiner Mädels verkaufen wollte. Drei sechs Monate alte Lämmer. Ausgerechnet sechs Monate. Wie unsere Tochter. Wenn das kein Zeichen war!

Nun hieß es, das Firmenauto, einen Lieferwagen, für den Transport vorzubereiten. Der Boden wurde mit Zeitungen und Heu ausgelegt und eine provisorische Pappwand sollte die Ladefläche nach vorn hin abschließen. Sehr zuverlässig sah das Ganze nicht aus.

Wir ließen unsere Tochter bei Omi und Dei (so nennt sie den Großpapi) zurück und machten uns auf den Weg. Nach gut drei Stunden Fahrt kamen wir bei dem Verkäufer an, einem vierschrötigen langbärtigen, aber brummelig-freundlichen Tierarzt mit Großfamilie und Kleintierzoo. Die Schafe lebten als Einzige nicht im und am Haus, sondern auf einer Wiese etwas außerhalb. Der Tierarzt und seine Frau wollten ihre Herde verkleinern, weil sie planten, in Zukunft verstärkt auf Fuchsschafe zu setzen. Übrigens auch eine attraktive Rasse, die meiner Freundin im ersten Moment sogar noch besser gefiel.

Die drei Lämmer, von denen das eine, ein Zwilling, etwas kleiner geraten war, empfingen uns nicht gerade euphorisch. Sie bockten und rannten vor uns weg, so weit sie konnten, nämlich bis ans andere Ende der Koppel. Süß waren sie. Nicht ganz so süß wie unsere Tochter, aber schön knuddelig mit ihrer hellbraunen Wolle. Viel kleiner als die wuchtigen Mamas und Papas um sie herum.

Der Verkauf wurde zunächst per Handschlag und später ganz förmlich am Tisch besiegelt. Mit vereinten Kräften schoben und zerrten der Tierarzt, seine Frau und wir die drei in den verdunkelten Laderaum des Lieferwagens. Ich hätte mir auch nicht träumen lassen, eines Tages Schafe über zwei Bundeslandgrenzen nach Rheinland-Pfalz zu schmuggeln. Dass man überhaupt etwas über eine Bundeslandgrenze schmuggeln konnte, fand ich unvorstellbar genug.

Eine Polizeistreife hätte ihre Freude an uns gehabt. Aber wir sind keiner begegnet. Ich hoffe, die Tat ist inzwischen verjährt, und im Übrigen sind in dieser Geschichte Ähnlichkeiten mit lebenden Personen ohnehin rein zufällig.

Die Fahrt war auch so wahnsinnig aufregend. Jeden Moment fürchteten wir, die Pappbarriere würde uns um die Ohren fliegen und wir hätten wütend blökende Schafsköpfe im Nacken. Mit einem solchen Krawall hatte ich nicht gerechnet. Zumal die Schafe ja nicht allein waren, sondern in der vertrauten Gesellschaft ihrer Halb- oder Ganzschwestern.    

Aber irgendwann hatten wir es geschafft, sie über die Grenzen zu entführen und in dem vorbereiteten Stall unterzubringen, in dem früher einmal Kühe zu Hause waren. Mit etwas Hafer ließen sie sich schnell ruhig stimmen. Wir gaben ihnen Namen, Carmen, Tosca und Mimi (wie man sieht, hat meine Freundin eine Leidenschaft für Opernfiguren), und fortan waren sie ein Teil der Familie. Janika war begeistert. Sie krabbelte mit ihren sechs Monaten zwischen den gleichaltrigen Schafen herum, als wären es Kuscheltiere. Inzwischen kann sie aber auch energisch sein und ihnen zeigen, wo es langgeht.

Aus den drei Schafen wurden im Lauf der Zeit und mithilfe eines geliehenen Bocks bald zehn. Sechs davon haben wir inzwischen allerdings an einen befreundeten Hobbyschäfer abgegeben.

Und als hätte ich geahnt, was das Schicksal einmal für mich bereithalten würde, besuchte ich fast ein Jahr vor Aufgabe meines Geschäfts in einem Gut in der Pfalz mehrere Kurse: Sachkundeprüfung Schaf, Schafe scheren, Lammzeit richtig managen, Schlachten und Klauen schneiden.

Hirte gesucht

So sah die Sache also aus: vier Schafe im Stall, fünf Zertifikate in der Tasche, keine Arbeit. Wie konnte ich unter diesen Voraussetzungen meinen Traum verwirklichen? Und nicht nur das. Konnten mir die Schafe helfen, der alten Umgebung für eine Zeit lang zu entfliehen? Etwas ganz anderes zu versuchen, um dann erhobenen Hauptes zurückzukehren?

Während ich mit diesen Gedanken im Schaukelstuhl saß, den Laptop auf dem Schoß, stieß ich mehr oder weniger zufällig im Internet auf die Homepage der Schweizer Älplerinnen und Älpler und die Seite mit der Rubrik »Alpstellen«.

Die Stellenangebote waren sortiert nach Hilfe oder Hirte, nach Tierart und Alpname. Es gab Einträge wie:

»Hilfe, Le Puledraie di Sterpeti, Pferde, Kühe, Federvieh, Kaninchen, Hunde, Katzen« und dazu die Erläuterung: »Achtung: Unser Mädels-Team ist erst mal komplett – jetzt suchen wir kräftige Burschen, die Lust haben, mit anzupacken. Für unseren wunderschön im Herzen der Maremma (Toscana) gelegenen Hof suchen wir tatkräftige Unterstützung. Wir freuen uns das ganze Jahr über auf motivierte Helfer mit handwerklichem Geschick für unseren biodynamischen Betrieb (im Aufbau). Für Kost und Logis ist gesorgt.«

Nun ja. Mit der Rolle des kräftigen Burschen in einem Mädels-Team zum Hungerlohn konnte ich mich nicht so ganz identifizieren.

Ein anderes Inserat lautete: »Hirte, Le Cray, Schafe (770) bis Anfang Oktober, suche selbstständigen zuverlässigen Hirten für Schafalp.« Das klang schon besser.

Alle Schafalpangebote nahm ich genauer unter die Lupe. Die Zeiten reichten von drei bis sechs Monaten. Ein halbes Jahr kam nicht infrage. Ich wollte die Toleranz meiner Freundin nicht zu arg strapazieren.

Also konzentrierte ich mich auf die höchstens vierteljährlichen Hirtenstellen. Eine im unteren Drittel der Angebotsseite gefiel mir: Für hundert Tage wurde im Turtmanntal, irgendwo im Wallis, ein »zuverlässiger Hirte mit Schafserfahrung« gesucht. Ansprechpartner René Ammann. René, ein wirklich zuverlässiger Name.

Am überübernächsten Tag, wenn es um Veränderungen geht, bin ich nicht der Spontanste, griff ich zum Telefon.

»Hallo, Herr Ammann«, fing ich an, da unterbrach er mich auch schon: »Ja, salü! Sagsch Räne zu mir, gell?« Ich sagte in langweiligem Hochdeutsch mit leichtem rheinischem Akzent: »Ich habe Ihre Stellenanzeige gelesen und würde mich gern auf die Stelle bewerben.«

»Schä, dich zu ghööre. Hasch du so öppis efeng gemachet?«

Herr Ammann, für mich René, klang furchtbar nett. Aber verstanden habe ich ihn nicht.

»Ja häsch du Luscht zu chömmed? Iich zeig dir alles! Das wird bestimmt luschtig. Weischt du, letzschtes Johr hatten wir en Hirten, der wo ständig en Balaari hatte, immer zviel Alkohol. Schlimmer kanns also nid chömmed. Chömmsch halt vorbei. Du kännsch sogar mit dem Auto auffifahre.«

In die Schweiz fahren zu einem Vorstellungsgespräch? Mit einem Menschen, den ich nicht verstand? Warum eigentlich nicht? Ich hatte ja sonst nichts zu tun. Bis zum Beginn der Tätigkeit im Wallis waren übrigens nur noch drei Wochen Zeit.

Am Abend vor dem Kaminfeuer brachte ich mein Vorhaben zur Sprache: »Schatz, ich hab dir doch von meinem Traum erzählt. Du weißt doch, wie gern ich einmal als Schäfer arbeiten würde.«

Zustimmendes Nicken von der anderen Sofaseite, der Blick blieb weiter intensiv auf das Veranstaltungsmagazin gerichtet.

»Ich hab da im Internet eine Stelle gefunden.« Unterbrechung von meiner Seite. »Magst du ein Stück Käse? Hab ich extra aufgeschnitten. Apropos Käse. Also in der Schweiz, da gibt es doch Alpen, dort, wo die Kühe auf der Weide sind und wo frischer Käse gemacht wird. Die haben den leckersten Käse, den man sich vorstellen kann. Aus frisch gezapfter Kuhmilch.«

»Mhmm.«

»Auf einer solchen Alp sind auch Schafe. Sie werden am Anfang des Sommers hinaufgetrieben, und im Herbst treibt man sie wieder hinunter. Ungefähr hundert Tage sind sie dort oben. In manchen Regionen auch länger. Manchmal sogar ein halbes Jahr. Das hängt ganz von der Schneegrenze ab.«

»Aha.«

»Im Wallis werden die Schafe zum Beispiel nur hundert Tage gehütet. Und für das Hüten braucht man natürlich einen Hirten. Jemanden, der die ganze Zeit über bei den Schafen wohnt und aufpasst, dass sie auch auf den richtigen Weiden grasen. So ein Hirte wird meistens von einer Hütegemeinschaft eingestellt. Im Internet suchen sie nach einem geeigneten Bewerber. Sie nehmen natürlich nicht jeden. Schließlich ist es eine große Verantwortung, auf achthundert Schafe aufzupassen. Aber mich würden sie vielleicht nehmen. Und das Wallis, das ist gar nicht so weit entfernt von hier. Vier Stunden höchstens.«

»Vier Stunden? Wallis? Du? Habe ich das jetzt richtig verstanden? Du willst für drei Monate ins Wallis, um dort als Schäfer zu arbeiten? Ja, bist du denn verrückt? Du hast eine Familie hier. Schäfer ist ja in Ordnung. Aber doch nicht Hunderte von Kilometern weit weg. Was meinst du, wie oft wir uns dann noch sehen, wenn du vier Stunden entfernt von uns auf einer Alm sitzt?«

»Hmm, ja, das ist der Haken an der Sache. Man hat wohl keine freie Zeit, höchstens mal am Nachmittag.«

»Ach, da kommst du dann mal schnell am Nachmittag nach Hause, um mit deiner Tochter im Sandkasten zu spielen, oder wie?«

»Es ist eben nun einmal so, dass man die hundert Tage durchgehend arbeiten muss. Ich werde also wohl keine Zeit haben, um nach Hause zu fahren. Aber ihr könnt mich besuchen, sooft ihr wollt! Stell dir vor, wie schön das wäre!«

»Was soll daran schön sein, dich in drei Monaten ein- oder zweimal zu sehen, und das nur, nachdem man mit einem zweijährigen Kind eine Bergtour unternommen hat?«

»Eine Bergtour ist gar nicht nötig. René sagt, man kann mit dem Auto hinauffahren.«

»Na, dann ist ja alles wunderbar.« Meine Freundin ist gern ironisch. Normalerweise liebe ich das an ihr. »Und wer ist überhaupt René?«

»René wäre mein Chef. Bei ihm soll ich mich vorstellen, bevor er sich definitiv entscheidet.«

»Ich seh schon, du hast alles genau geplant. Wie soll ich da noch Nein sagen? Aber dass du’s weißt, besonders gut finde ich es nicht, dass du uns einen Sommer lang hier allein lässt. Hier gibt’s schließlich auch Schafe zu hüten. Und ein Kind. Was ungleich mehr Arbeit ist.«

Nach zwei weiteren Diskussionen begann meine Freundin, das Positive an der Sache zu sehen und anscheinend sogar, mich zu verstehen. In einem Telefonat mit ihren Eltern hörte ich sie sagen:

»Ja, natürlich. Aber schau, er braucht eine Auszeit. Das wird ihm guttun nach allem, was passiert ist. Und man verdient richtig viel Geld. Achttausend Euro sind es für die dreieinhalb Monate. Das können wir gut gebrauchen …«

Ich hätte sie küssen können. Was für eine vernünftige Frau sie doch war, und was für eine starke obendrein! Schließlich müsste sie Kind, Job und Tiere ganz allein unter einen Hut bringen. Ein bisschen begann sich das schlechte Gewissen zu regen. Aber ich beruhigte es damit, dass noch gar nicht sicher war, ob René mich tatsächlich nehmen würde.

Der richtige Maa

Ein paar Tage später machte ich mich mit Landy und Hunden auf den Weg ins Wallis. Die Fahrt war urlaubshaft schön. Nachdem ich erst einmal die Großstadt Basel mit ihren Blitzgeräten und Autobahnbrücken hinter mich gebracht hatte, schnupperte ich Ferienluft. Die Berge, die Seen, die saftigen Weiden und die Kühe machten Lust auf mehr. Und dann das Wallis! Was für eine Kulisse.

Das Vorstellungsgespräch, weswegen ich gekommen war, war eigentlich kein Vorstellungsgespräch. René Ammann, den ich ja schon vorher René nennen durfte, stand vor seiner Hütte im Turtmanntal am Fuß des Gletscherbergs und umarmte mich. René war ein für einen Hobbylandwirt ungewöhnlich fein aussehender Deutschschweizer mittleren Alters. Sehr nett. Genau wie seine Frau. Wir waren uns auf Anhieb sympathisch.

René behauptete: »Wenn mi mein Inschtinkt nit sehr täuschen tut, dann bischt du der richtige Maa für uns! Du bischt ein echter Volltreffer! Aber du bischt zu dünn. So kommscht du mir nit auf die Alp. Du muscht dir was afuude. Das ischt sonst zu harte Arbet. Die Frau hat öpis chochäd. Hier probiersch mal das Röschti mit dem Lämmli.«

Röschti und Lämmli waren ausgezeichnet, und dass ich ein Volltreffer sei, hörte ich auch nicht ungern. Das gab mir Antrieb für die Zukunft.

»Weischt du, das sind achthundert Schäfli, die du betreuen muscht. Es ischt gar nicht so schwär. Was du brauchscht, ist nur Ausdauer, Luscht auf Einsamkeit und ein guätes Händchen für Tiere. Die erschte Zeit bisch du unten auf halber Höhe. Dort hasch du eine Hütte ganz allein. Aber wenn du dann nach obi gahst, dann muscht du dir mit den Kuhmaidli das Häusli teilen. Du hascht aber eine eigene Wohnung im Häusli.«

Bei diesem ersten Besuch bekam ich aber weder die Hütte noch die Schäfli noch die Kuhmaidli zu sehen. Auch nicht den genauen Ort, an dem ich wohnen würde. Es gab wohl sogar zwei Hütten, die nacheinander mein Zuhause werden würden. Aber die Landschaft war, soweit ich Gelegenheit hatte, sie zu erkunden, überirdisch schön.

Eine Umarmung, und mein Sommerhirtendasein war eine ausgemachte Sache. So beschwingt wie lange nicht mehr fuhr ich nach Hause.

Die nächsten Wochen räkelte ich mich morgens im Bett, verbrachte die Vormittage mit Shoppingtouren, verlor an den Nachmittagen beim Memory und schaute abends, wenn unsere Tochter im Bett war, gründlich fern. Tankte so richtig Familienidylle und Großstadtleben. Man glaubt gar nicht, wie viel mehr Spaß das Nichtstun macht, wenn man wieder Arbeit vor Augen hat. Allerdings, je näher der Termin der Abreise rückte, umso mulmiger wurde mir. Hundert Tage ganz allein in einer Hütte in den Bergen, in der Kälte, ohne meine Familie, ohne Freunde, ohne Geschäfte, ohne Sommer. Was war das nur für eine Schnapsidee …

Was sollte ich mitnehmen? Was brauchte man in zweitausendfünfhundert Meter Höhe? Pullover, Mäntel, Jacken, lange Unterhosen, Wanderschuhe, Sonnenschutzmittel, Dosenessen, Tütensuppen, Fotos und natürlich Bücher, viele Bücher.

Dann kam der Tag des Abschieds. Solange ich Kisten mit Klamotten und Proviant bestückt hatte, war alles gut gewesen. Jetzt stand ich da mit prall gefülltem Auto und wartete darauf, dass meine Freundin mir ihren für viele Wochen letzten Marmorkuchen liebevoll verpackte. Sie stellte den Kuchen in einer Tupperschüssel vor die Füße des Beifahrersitzes und ging auf mich zu. Wir umarmten uns, wie man sich eben umarmt, wenn man für Monate ins Ungewisse verschwindet. Die Umarmung dauerte so lange, dass Janika ungeduldig wurde und mich in die Kniekehle biss.

Das war der schlimmste Abschied. Die Trennung von meinem Kind. Die Kleine, die mit ihren zwei Jahren noch keine Zeitvorstellungen hatte, weinte ein paar Kinderabschiedstränen, aber was mir da so nass die Wangen herunterrollte, stammte nicht von ihr. In diesem Moment war ich sicher, das Falsche zu tun. Aber es gab keinen Weg zurück. Ich konnte nur hoffen, dass achthundert Schafe genügten, um einem Einsiedler ausreichend Wärme und Geborgenheit zu spenden.

Allein unter Schafen

Irgendwann, ich wusste gar nicht, wie ich dort gelandet war, stand ich vor einem Tunnel im Stau. Geschlagene zwei Stunden. Zwischen lauter holländischen Wohnwagen und ein paar deutschen Wohnmobilen. Nach dem Stau folgten mehrere Tunnel. Angesichts der fast eine halbe Million gefahrenen Kilometer meines Landys und seiner jüngsten bewegten Kranken- und Reparaturgeschichte war mir bei jedem einzelnen von ihnen mulmig zumute. Aber mein Auto blieb tapfer.

Am Ende ging es noch eine Stunde im Zickzack den Berg hinauf und dann einen kleinen Weg rechts hinein zur Käserei, aus der schon verräterischer Geruch durch die Autofenster drang. Ich hatte kaum Zeit, mich auf meinen ersten frisch gefertigten Kuhmilchkäse zu freuen, da hörte ich schon:

»Ja, Grüezi, Joe!« Ich kletterte aus dem Landy und spürte sofort die unsommerliche Kälte, die mich einhüllte. Aha. So würde es nun die nächsten drei Monate sein. Keine Temperaturen für ein Polohemd. Wenigstens Renés heiße Umarmung wärmte mich wieder auf. Ich blickte mich um, sah die weißen Berggipfel und die grünen Weiden und atmete den frischen Bergduft ein. Alles war gut. Ich musste mich nur wärmer anziehen.

»Ja, bischt du denn gut hergechommen? Wie war der Abschied? Häsch du viele Tränen geweint? Iich denk, mit dem Töchterli wars am schlimmschten, was?«

So gern ich mal ein Schwätzchen im Supermarkt halte oder mit den Nachbarn über Schneeschippen und Hundehäufchen plaudere, ich bin eigentlich kein Mann der großen Worte. Schon gar nicht, wenn’s um Gefühle geht.

»Bin gespannt, wie mein neues Zuhause aussieht«, lenkte ich ab.

»Na, dann nichts wie los! Chömmsch du hinter mir her! Der Wäg ischt gar nicht so weit. Du muscht nur ufpassen, dass du nicht den Berg hinabrutschst. Aber so anem Ländyfahrer muss ich das wohl nicht erklaren, odr?«

Nein, musste er nicht. Ich schaffte es tatsächlich, den gerade mal landybreiten Holperweg unfallfrei zu befahren. Nach gefühlten fünfundsiebzig Kurven bog René nach rechts ab, mitten auf eine Wiese mit einer schnuckeligen Holzhütte.

Ich stieg aus dem Auto und landete direkt in einer Ansammlung von Schafskötteln. Macht nichts. Das kenn ich von zu Hause. Schmutzig, aber riecht nicht. Abgesehen von den braunen Kötteln war alles grün um mich herum. Im Hintergrund die riesige Gletscherzunge. Von wegen: Die Gletscher schmelzen. Imposant lutschte sie sich hinter der Hütte durchs Gebirge.

Noch drei Schritte und ich stand am Eingang zur Alphütte. Sie sah aus wie ein länglicher Holzblock mit Wellblechdach. Zwei Fenster, eins rechts, eins links von der Tür, und eine Leiter zum Dach. Wozu sollte die nun wieder gut sein? Vielleicht war sie nach Ausbesserungsarbeiten einfach stehen geblieben.

Egal. Erst mal drinnen schauen. Renés Erklärungen, wo alles war und wie ich damit umzugehen hatte, überhörte ich weitgehend. Ich war viel zu aufgeregt. Das war nun also meine Welt. So klein und dunkel und hölzern. Selbst der Geruch war hölzern. Das lag vielleicht an der Holzsitzbank, dem Holztisch und dem Holzschrank. Immerhin war die Sitzbank weich gepolstert. Und, welcher Luxus, es gab zwei Zimmer. Einen Eingangsbereich, den man mit einiger Übertreibung Flur oder Diele nennen konnte, mit Tisch und Tür zum Minibad und ein Wohn- und Schlafzimmer mit Kochecke, Gasofen und Spüle neben dem Bett. Wie praktisch. Wenn ich einmal nachts den Drang verspüren sollte, Geschirr abzuwaschen, hatte ich es nicht weit.

Kalt war es in der Hütte. Ungemütlich kalt. René machte sich an dem Gasofen zu schaffen, der aber nicht sofort ansprang. Warten, bis die Heizung warm wird, bis sie endlich auch Wärme abgibt – Ewigkeiten dauert das! René war weniger ungeduldig: »Gloich wird’s schön woarm«, meinte er fröhlich lächelnd.

Ich schaute mich lieber draußen ein bisschen um. Ups, was stand denn da? Ein Schaf. Bei einem Schaf konnte die Herde nicht weit sein. Und wirklich. Da standen sie alle, gerade um die Ecke, frisch die Alp heraufgetrieben (geschtern, hatte René gesagt), hinter dem Hügelchen.

»Siesch du, da sind deine Schäfli. Jetzt könnt ihr euch erscht mal beschnuppre. Schäfli, das ischt der Joe, euer neuer Hirte, Joe, das sind die Schäfli. Iich mach mich jetzt wiedr aufn Wäg. Tschau, Joe, bis zum näkschten Mal, wenn ich dir frisches Brüüt bringe. Chansch mich ja am Natel erreichen.«

»In Ordnung. Wenn etwas ist, ruf ich an. Ciao, René!« Brüüt? Was meinte er mit Brüüt?

Während draußen die Schafe um meine Hütte herumwuselten und mich der Gletscher im Hintergrund daran erinnerte, dass mich hier wohl kein Sommerurlaub erwartete, aß ich die Reste meines mitgebrachten Vespers. Dabei fiel mir ein, dass Brüüt vielleicht Brot bedeuten könnte.

Da saß ich nun in der Dämmerung und schaute aus dem Fenster, ein bisschen verloren, ein bisschen sprachlos und ganz und gar voller Sehnsucht und Zweifel. Wie gut, dass mein Landy draußen stand. Ein roter Farbtupfer zwischen all den weißen. Den unzählbar vielen weißen. Achthundert Schafe grasten da draußen mit achthundert eigenen Köpfen, die sich alle besser auskannten als ich. Wie sollte ich es schaffen, sie auf meinen Pfaden zu führen? Wie sollte ich Renés Erwartungen gerecht werden und die Leistungen schaffen, die ein Hirte zu bringen hatte? Und diese achthundert Schafe waren nicht etwa eine Herde. Nein, es waren siebzehn Herden von siebzehn Besitzern. Sie gingen siebzehn eigene Wege.

Kein Problem mit einem gut ausgebildeten Hütehund. Ich sah Leo vor mir, wie er vor Kurzem über den Elektrozaun gehechtet war und unsere vier Schafe quer über das Grundstück getrieben hatte, bis sie in Todesangst über sich hinausgewachsen waren und den Sprung über den Zaun mitten auf die Hauptstraße gewagt hatten. Wir fanden sie Stunden später im Garten eines weiter entfernten Nachbarn. Leo hat sich zwar seither unauffällig verhalten, aber ich wollte nun wirklich kein Risiko eingehen und ließ ihn lieber zu Hause.

Wie würde sich Senta benehmen zwischen all den Schafen? Ihr Gejaule ließ nichts Gutes erwarten. Ich beschloss, es einfach mal auszuprobieren. Hier und jetzt. Ich öffnete die Holztür, deren Knarzen und Quietschen sofort von Sentas Bellen übertönt wurde.

Wie eine wild gewordene Bestie stürmte Senta hinaus und mitten in die Schafsherde hinein. Mit Gejaule und Gebelle versuchte sie, die Schafe zu etwas zu bringen, was zumindest ich als Laie nicht verstand. Vielleicht steckte ja ein tieferer Sinn dahinter. Als Senta aber ziemlich wahllos nach Schafsschenkeln schnappte und eine Panik unter den Tieren ausbrach, kam ich zu dem Schluss, dass es wohl keinen tieferen Sinn gab.

Also geriet auch ich in Panik. Ich brüllte: »Senta! Senta! Fuuuß!« Senta hörte nicht auf mich, sondern trieb und scheuchte die Schafe, bis sie selbst fast umfiel und vor Erschöpfung japste. Es brauchte eine Viertelstunde und ein energisches Einschreiten meinerseits, ehe ich Sentas Jagdtrieb komplett beruhigen konnte. Ein saftiger Knochen half dabei, den sie mit derart knirschenden Zähnen durchbiss, dass ich froh war, dass es sich dabei nur um einen Aldi-Rindsknochen handelte.

Ich habe mich später oft gefragt, ob es überhaupt riskanter hätte sein können, Leo mitzunehmen, als es mit Senta zu probieren. Dabei war sie ein Altdeutscher Hütehund und, wie der Name schon sagte, zum Hüten geboren. Sie sah etwas bedrohlich aus, rabenschwarz und wie ein kleiner Schäferhund. Der Gattung nach war sie eine Gelbbacke, das zeigten die gelbbraunen Flecken an den Läufen, und wegen eines Gendefekts war sie schwanzlos, ein Stumper.

Senta wuchs zwar bei einem Wanderschäfer auf, was sie anfangs in meinen Augen für die Hütearbeit prädestinierte. Aber offenbar hatte sie beim Schäferunterricht in ihrer Kindheit schlecht aufgepasst. Sie tat in der Regel das Gegenteil von dem, was ich verlangte. Vielleicht war ihr Wissen auch nur verschüttet. Oder ich gebrauchte die falschen Befehle. Ich hatte noch versucht, ihren früheren Besitzer über das Tierheim ausfindig zu machen, um ihn über Senta auszufragen. Der Mann erholte sich aber gerade von einem Hirntumor und wäre erst in einigen Wochen wieder ansprechbar gewesen. Kein gutes Timing.

Was heute passiert war, konnte ich mir nur so erklären: Senta war übermotiviert. Nach all den Jahren des Faulenzens war ihr Arbeitseifer nun nicht zu bremsen. Einer meiner ersten Entschlüsse dort oben auf der Alp mit dem Landy vor der Haustür und den achthundert Schafen im Rücken war darum, mit Senta eine Hundeschule zu besuchen.

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