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Saure-Gurken-Zeit

Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Danksagung
  7. Widmung
  8. Prolog
  9. Erstes Buch
    1. Kapitel 1
    2. Kapitel 2
    3. Kapitel 3
    4. Kapitel 4
    5. Kapitel 5
    6. Kapitel 6
    7. Kapitel 7
  10. Zweites Buch
    1. Kapitel 8
    2. Kapitel 9
    3. Kapitel 10
    4. Kapitel 11
    5. Kapitel 12
    6. Kapitel 13
    7. Kapitel 14
  11. Drittes Buch
    1. Kapitel 15
    2. Kapitel 16
    3. Kapitel 17
    4. Kapitel 18
    5. Kapitel 19
  12. Epilog

Über die Autorin

Shari Low blickt auf eine abwechslungsreiche Karriere zurück. Nachdem sie als Nachtclub-Managerin in Großbritannien, Holland, Schanghai und Hongkong Station gemacht hatte, kehrte Shari Low in ihre Heimatstadt Glasgow zurück. Dort lebt sie mit ihrem Ehemann John und ihren beiden kleinen Söhnen. Sie ist heute als freie Schriftstellerin tätig.

Besuchen Sie die Autorin unter www.sharilow.com im Internet.

Danksagung

Die Danksagung in meinem ersten Roman Torschlusspanik war derart gefühlsduselig, dass einem speiübel werden konnte – die Apotheken erlebten einen noch nie da gewesenen Ansturm auf Magentabletten! Ich will versuchen, es dieses Mal besser zu machen, aber Sie sollten für alle Fälle einen Eimer bereitstellen.

Für meine Freundinnen, die in guten, in schlechten und in alkoholfeuchten Zeiten immer für mich da sind – ein riesiges, herzliches Dankeschön an Wendy Morton, Isobel Cook, Pamela McBurnie, AnnMarie O’Conner, Phil Oakden, Linda Lowery, Janice McCallum, Clare Barwick, AnnMarie Low und Emma Vijayaratnam.

Für meine Familie, die Murphys (insbesondere Betty, eine ganz erstaunliche Dame, ohne deren Hilfe beim Babysitting dieses Buch nie geschrieben worden wäre) und die Hills.

Für die bezaubernde Val Lawson, die mir eine unersetzliche Hilfe war.

Für meine phänomenale Agentin, Mary Pachnos: Jeder hat sein Kreuz zu tragen, und ich fürchte, ich bin das Kreuz, das Sie zu tragen haben, und trotzdem rufen Sie mich jedes Mal wieder zurück! Eines Tages werden wir uns auf den Weg in die Karibik machen!

Für alle bei Piatkus, für die Büromenschen wie für die Vertreter – danke für die angenehme Zusammenarbeit!

Für die Leitung und das Personal des traumhaften Old Course Hotel in St. Andrews, wo ich ein Wochenende lang recherchiert habe und so verwöhnt wurde wie noch nie in meinem Leben. Es gibt Momente, da liebe ich meinen Job! Und für Sir Richard Branson, der mir gestattete, seinen Namen unentgeltlich zu verwenden.

Mein grenzenloser Dank gebührt den armen Menschen, die das Pech haben, mit mir leben zu müssen, wenn der Abgabetermin näher rückt: Gemma, meine herrlich coole Stieftochter, die wie eine große Schwester für mich ist; Callan, mein wunderschönes Baby, durch das jeder Tag noch einmaliger und komischer wird als der vorherige, und der in Kürze eintreffende Neuankömmling, der mich daran erinnert hat, was für eine scheußliche Sache Sodbrennen ist. Für meinen wunderbaren, klugen und unendlich geduldigen Ehemann John Low. Wenn alle Männer so wie du wären, hätte ich nichts, worüber ich schreiben könnte! Mehr als alle Worte, jeden Tag mehr, für immer …

Und zu guter Letzt für alle, die Torschlusspanik gekauft haben, und für die Journalisten und Rezensenten, die so nette Dinge darüber schrieben. Danke!

Und? So schlimm war das doch gar nicht, oder?

Dieses Buch möchte ich Isobel Cook widmen, die in den letzten paar Jahren öfter einen Grund hatte, den Kopf auf die Tischplatte sinken zu lassen, als die meisten Leute in ihrem ganzen Leben …

Und wenn es noch so besch… läuft, wir lassen uns nicht unterkriegen!

Zum Gedenken an John Thaw – Carlys Lieblingsheld und meiner auch.

Prolog

Wie wär’s mit einem Lambrusco zu meinen Nieren?

Juni 2001

Ich weiß einfach nicht, was ich anziehen soll! Den unförmigen, sackähnlichen schwarzen Pulli oder den unförmigen, sackähnlichen blauen Pulli? Unten herum ist es einfacher: Jeans, die aussehen wie zwei zusammengenähte Zelte und einen extrem dehnbaren Gummibund haben.

Ich war mal attraktiv. Nicht so umwerfend wie Jennifer Aniston – die dem lieben Gott auf Knien für ihre Gene dankt –, aber doch hübsch, ansehnlich und, nach sorgfältigen Ausbesserungsarbeiten, sogar attraktiv. Na ja, wahrscheinlich bin ich es immer noch – für Männer mit einem Faible für Fette.

Jedenfalls bin ich zu dem Schluss gekommen, dass Gott ein Mann sein muss. Wäre Gott eine Frau, würde sie den Ablauf einer Schwangerschaft wesentlich effizienter gestaltet haben: Wir könnten dann einfach unseren Bauch mit dem kleinen Wonneproppen darin an einem Reißverschluss abtrennen, ihn in den Ofen legen und die Zeit, bis er ausgereift ist, zum Fensterputzen oder für einen Einkauf bei Sainsbury’s nutzen.

Ich höre mich schon an wie ein richtiges Hausmütterchen. Was mir fehlt, ist ein ausgiebiges Nickerchen in einem abgedunkelten Raum – das wäre dann das zehnte Schläfchen heute. Das ist auch so etwas. Wer behauptet, Frauen würden in der Schwangerschaft vor Glück von innen heraus glühen, der lügt. Das kommt nur von der Anstrengung, einen Fleischberg von der Masse eines ausgewachsenen Walrosses mit sich herumschleppen zu müssen. Und dann diese Hämorrhoiden! Ich möchte nur wissen, wer auf diese schwachsinnige Idee gekommen ist! Ich weiß, ich weiß, ich mäkele an allem herum. Aber ich darf das. Ich bin nämlich schwanger – seit neun Monaten und drei Tagen – und deshalb zu extremen Gefühlsschwankungen inklusive Selbstmitleid berechtigt.

Ich überlege. Soll ich mich anziehen und mich mit den Mädels treffen oder die Rollläden herunterlassen und mich von innen betrachten? Eigentlich habe ich keine Wahl, denn wenn ich mich auch nur fünf Minuten verspäte, werden sie mir auf ihren hohen Hacken die Tür einrennen und mit heißen Handtüchern, Kessel und Fahrradpumpe (zum Aufpumpen der Gummisitzwanne) anrücken.

Der schwarze Pulli macht das Rennen und zehn Minuten später sitze ich sicher im Taxi. Der panische Gesichtsausdruck eines Taxifahrers, wenn man sich mithilfe von Vaseline und einem Kran in den Fond zwängt, ist absolut das Größte und entschädigt für sämtliche Unannehmlichkeiten einer Schwangerschaft. Hat man sich erst einmal hineingequetscht, bringt er einen mit verbissener Miene, aufs Äußerste konzentriert, in einem Affenzahn ans Ziel, wobei er gepflasterte Straßen und solche mit Schwellen tunlichst meidet, weil er auf keinen Fall will, dass eine Frau in seinem Auto entbindet. Also rast er mit einhundertfünfzig Sachen durch London und hat keine Ahnung, dass die dadurch hervorgerufene Panikattacke vorzeitige Wehen auslösen kann!

Andererseits keine schlechte Idee! Los, Fahrer, gib Gas, damit der Knirps endlich das Licht dieser großen, bösen Welt erblickt! Das arme Wurm! Es ahnt ja nicht, was da auf es zukommt. Oder vielleicht doch und es weigert sich deshalb rauszukommen? Ich stelle mir vor, wie es, Saugnäpfe an den Händen, einen Fuß rechts, einen links neben die Öffnung meines Gebärmutterhalses gestemmt, schreit: »Ich will nicht raus, ich will da nicht raus!«

Als ich zu Paco’s komme, entdecke ich die Mädels sofort. Sie sitzen, fast verdeckt von einigen Plastikzimmerpflanzen, an unserem Stammtisch in der Ecke, dem ungemütlichsten Tisch im ganzen Restaurant – gleich neben dem Durchgang zur Küche. Paco hat uns dorthin verbannt, seit wir eine Party für fünfzig Leute gaben, zu der zweihundert erschienen sind und in deren Verlauf so viel zu Bruch gegangen ist, dass er das Lokal anschließend neu einrichten musste. Wir kehren reumütig jede Woche hierher zurück – unser kleiner Beitrag zum Abbau seines durch die Renovierungskosten entstandenen Schuldenbergs. Ich möchte nicht wissen, was die uns ins Essen tun!

Die Mädels stimmen das Titellied aus Der weiße Hai an, als sie mich kommen sehen. Es ist wirklich komisch – obwohl wir alle seit Jahren in London wohnen, haben wir unseren schottischen Akzent behalten. Wir hören uns immer noch an wie die Schlagersängerin Lulu – nur dummerweise nicht beim Singen!

Sie werden lauter, als ich näher komme. Die anderen Gäste sperren den Mund auf, und die Kellner stürzen Hals über Kopf in Richtung Küche, um sich den Abend freizunehmen. Ich setze mich auf den Stuhl mit den verstärkten Stahlbeinen.

Kate, Carol und Sarah mustern mich mit banger Erwartung. Sie versuchen meine Gemütsverfassung auszuloten. Was darf’s heute sein – Tränen und Drama oder Babyglück und Wohlbehagen?

»Na, Schätzchen, wie geht’s dir denn?«, fragt Kate sichtlich verängstigt. Das ist nämlich das Stichwort: Entweder ich breche an diesem Punkt in hysterisches Schluchzen aus oder aber ich reibe zärtlich über meinen Bauch und lächle gelassen. Ich zucke mit den Schultern, zeige auf meinen sich unaufhörlich weiter ausdehnenden Leib und schnappe mir einen Käsecracker. »Keine einzige Wehe, kein einziger Tropfen Fruchtwasser. Es tanzt immer noch Salsa!«

Sie stöhnen auf. Ich auch. Warum hat mich keine gewarnt, wie das ist – schwanger zu sein? Insgesamt haben sie sieben Kinder. Sieben! Carol hat sogar Zwillinge! Ein Baby auszutragen, ist schon schlimm genug, bei zweien würde ich glatt durchdrehen. Da hätte ich mir schon lange die Saugglocke angesetzt und sie hinausbefördert.

»Schon was von ihm gehört?«, fragt Sarah vorsichtig. Mit ihm meint sie nicht etwa meinen Gynäkologen. Auch nicht den lieben Gott, meinen Chef oder Butch, meinen vor langer Zeit entlaufenen Pudel. Nein, sie spricht von Mike Chapman, dem Mann, dem ich meinen dicken Bauch zu verdanken und den ich vor einem knappen Jahr geheiratet habe. Fragen Sie bitte nicht – oder wollen Sie, dass ich anfange zu weinen?

Ich schüttle den Kopf. Wahrscheinlich ist es auch besser so. Wenn er nämlich jetzt hier reinkäme, würde ich wegen versuchten Totschlags mit einer Ciabatta im Gefängnis landen. Ich spüre, wie mir die Tränen in die Augen steigen. Bloß nicht heulen, bloß nicht heulen! Ich versuche meinen Kummer in Wut umzuwandeln. Mistkerl, Mistkerl, Mistkerl! Es funktioniert. Ich hole tief Luft, dann habe ich mich wieder unter Kontrolle.

Die Mädels wirken erleichtert. Was haben sie in den letzten Monaten meinetwegen durchgemacht! Ein Wunder, dass sie vor lauter Stress noch keine nervösen Zuckungen bekommen oder zu stottern angefangen haben.

Kate streichelt mitfühlend meine Hand. Sie ist die geborene Glucke und bringt ihr ganzes Leben damit zu, sich um unser Wohlergehen zu sorgen. Dabei hat sie in letzter Zeit weiß Gott genug mit sich selbst zu tun! Jeder von uns kommt eine ganz bestimmte Rolle zu, wissen Sie. Kate: die Mütterliche, Sanfte. Sarah: die Vernünftige, Praktische. Carol: die Taktlose, Oberflächliche. Carly: die Spontane, Ausgelassene. Wir sind seit der Grundschule miteinander befreundet. Damals war unser größtes Problem, wofür wir unser Essensgeld ausgeben sollen, und schon damals hat sich Kate ständig gesorgt, dass wir auch ja ausgewogene Mahlzeiten zu uns nehmen.

Kate war Friseurin. Dann hat sie Bruce Smith, einen erfolgreichen Architekten, geheiratet und drei Kinder bekommen – Zoë, Cameron und Tallulah (wir sind überzeugt, dass sie den Namen ihrer Jüngsten noch im Überschwang der Periduralanästhesie ausgesucht hat). Seitdem ist sie vollauf mit ihrem Familienidyll in ihrer Doppelhaushälfte in Richmond beschäftigt. Zum Glück betrachtet sie auch uns Mädels als ihre Familie. Das heißt, sie kümmert sich um alles, angefangen von unserem Cholesterinspiegel, um den sie sich ständig sorgt (wenn auch auf nette Art und Weise), bis hin zum Kauf von Kondomen. Möchte nur wissen, wo sie vor neun Monaten und drei Tagen gesteckt hat! In letzter Zeit – genauer gesagt, seit der Bauunternehmer Keith Miller (alias Bob der Baumeister) die andere Doppelhaushälfte gekauft hat – ist Kate allerdings ein bisschen durcheinander. Eigentlich benimmt sie sich ausgesprochen merkwürdig.

Carol ist unsere hauseigene Schönheitsberaterin und beliefert uns mit schlüpfrigen Klatschgeschichten. Sie ist Fotomodell, für ein Supermodel zwar eine winzige Spur zu alt, aber immer noch bildschön mit ihrem lockigen, kastanienbraunen Haar, das bis zu ihrer Einundsechzig-Zentimeter-Taille reicht. Sie hat große braune Rehaugen und eine Figur, für die manches Mannequin einen Mord begehen würde. Sie ist heute gefragter denn je, vor allem zusammen mit ihrem Zwillingspärchen, dem schönsten, das je das Licht der Welt erblickt hat. Kein Wunder bei den Eltern! Carols Ehemann Cal arbeitet nämlich auch als Fotomodell und Dressman. Neben ihm sieht sogar Brad Pitt nur mittelmäßig aus! Hätte Carol nicht so viele Komplexe (mehr, als in der geschlossenen Abteilung einer psychiatrischen Klinik anzutreffen sind), wäre sie nicht so natürlich und so unglaublich oberflächlich, dass man sie einfach mögen muss – man könnte glatt neidisch auf sie sein (also schön, ich gebe zu, dass ich in meiner extremen Gefühlslage zu gelegentlichen Flirts mit dem grünäugigen Ungeheuer neige)!

Sarah hat die Rolle übernommen, die früher meine war: die der Vernünftigen, Zielstrebigen, die mit beiden Beinen im Leben steht. Sie ist Grundschullehrerin und sie liebt ihren Beruf. Doch, im Ernst! Während ich den kleinen Rackern eher den Hintern versohlen würde, zeigt Sarah mehr Mitgefühl als Mutter Theresa. Und seit sie von Nick, ihrem reizenden Ehemann, vor einem armseligen Singledasein gerettet wurde, verströmt sie aus jeder feuchtigkeitscremegepflegten Pore glückliche Zufriedenheit. Ich könnte grün anlaufen vor Neid!

Ich bin ein furchtbarer Mensch, ich weiß.

Nick ist übrigens ein Exfreund von Carly, Cals Schwester (kommen Sie noch mit?), die sich ausnahmsweise einmal verspätet. Das ist sarkastisch gemeint. Carly ist ihr ganzes skandalöses Leben lang noch nie pünktlich gewesen. Sie ist unsere Stimmungskanone und für das Einberufen unserer Treffen zuständig, bei denen sie uns dann mit den neuesten Episoden aus ihrem seifenopernähnlichen Leben unterhält. Nur Carly würde sich mit einunddreißig eine Midlifecrisis gönnen und auf der Suche nach ihren Exfreunden (unter anderem Nick) um die halbe Welt reisen, um deren Ehetauglichkeitspotenzial neu zu bewerten. Sie hat bewiesen, dass man etwas riskieren muss im Leben, wenn man gewinnen will. Ihre verrückte Männerjagd war nämlich von Erfolg gekrönt: Sie hat sich den Rechtsanwalt Mark Barwick geangelt, ihre Sandkastenliebe. Mark ist weise wie König Salomo und geduldig wie ein Schulbusfahrer. Und seit seiner Hochzeit mit Carly bestimmt um zehn Jahre gealtert!

Plötzlich kommt Bewegung in die Mädels. Ich schaue an mir hinunter, ob vielleicht meine Fruchtblase geplatzt ist. Nein, sie rücken nur zusammen, um für Carly Platz zu machen, die gerade ins Lokal stürmt und in ihrer hektischen Art an unseren Tisch sprintet. Das ist Carly, wie sie leibt und lebt: sexy Kurven, verteilt auf einen Meter zweiundsiebzig, weißes T-Shirt, zerrissene Jeans, blonde Haare und eine Frisur, die einer Klobürste ähnelt. Sie trägt einen Motorradhelm in der Hand.

»Hallo, Leute! Her mit den Neuigkeiten!«, ruft sie. »Hat sich an der Bob-der-Baumeister-Front schon was getan, Kate?« So ist Carly nun mal – sie fällt schneller mit der Tür ins Haus als ein Überfallkommando.

Wir lachen los, als Kate mit den Händen fuchtelt, »Schsch!« macht und gleichzeitig verlegen den Kopf schüttelt.

»Okay, okay, Carol, hat mein Bruder den Vertrag für Calvin Klein und hast du den für Mothercare bekommen?«

»Zweimal ein klares Ja!« Carol strahlt. Ich wette, ihr Bankfilialleiter auch.

Wir erheben unsere Gläser und uns selbst zu einer La-Ola-Welle. Das muss mit einer Runde Margaritas (für mich natürlich alkoholfrei) gefeiert werden!

»Weiß Nick schon, wann er sein Lokal aufmachen wird, Sarah?« Nick wird in London bald sein zweites Restaurant für schottische Spezialitäten eröffnen. Das erste ist jeden Abend voll seit dem Tag, an dem Sean Connery, Pierce Brosnan und Roger Moore dort eine Art James-Bond-Nacht veranstaltet haben.

»Heute in vier Wochen – haltet eure Paillettentops und Jimmy-Choo-Schuhe bereit, Kinder!«

Carly wendet sich mir zu. »Und was ist mit dir, Fettklops? Willst du den Krümel nicht endlich mal abseilen?«

Die anderen brechen in Gelächter aus und ich pruste meinen Drink quer über den Tisch. Wie viel trostloser wäre die Welt doch ohne Carly Cooper! (Sie weigert sich nämlich, den Namen ihres Mannes anzunehmen. Sie sagt, auf diese Weise würde Mark ständig daran erinnert werden, dass sie eine unabhängige Frau des neuen Jahrtausends sei. In Wirklichkeit ist es ihr einfach zu mühsam, für ihre siebenundvierzig Kreditkarten eine Namensänderung zu beantragen.)

Ich halte mir die Seiten. Mehr geht nicht – ich müsste schon Plastilinarme haben, um sie über den ganzen Bauch legen zu können. Autsch! Ein heftiger Schmerz fährt mir durch den Unterleib. Ich krümme mich, aber der Schmerz bleibt. Heiliger Strohsack, lass mich mein Kind bitte nicht hier im Lokal kriegen! Paco würde der Schlag treffen!

Die Mädels verstummen abrupt und sind im nächsten Augenblick an meiner Seite. Kate legt mir die Arme um die Schultern.

»Ganz ruhig, tief durchatmen! Tief durchatmen!«, sagt sie mit beschwörender Stimme.

»ICHKRIEGABERKEINELUFT«, stoße ich hervor.

»Ein Taxi!«, ruft Carol Paco zu. »Schnell!« Paco ist weiß wie eine Wand.

»Dafür … ist … keine … Zeit … mehr«, flüstere ich abgehackt.

»Hat jemand sein Auto dabei?« Carly blickt verzweifelt von einer zur anderen. Alle schütteln den Kopf.

»Scheiße, Jess, es hilft alles nichts«, sagt sie dann zu mir. »Wir werden mein Moped nehmen müssen.«

Ich habe nachts oft wach gelegen und mir die Geburt meines ersten Kindes vorgestellt. Aber niemals hätte ich mir träumen lassen, dass ich auf einem grellpinkfarbenen Moped namens Martha ins Krankenhaus gefahren werden würde! Als die Wehen ein wenig nachlassen, wanke ich hinaus und klettere auf den Sozius. Zum Glück sind es bis zum Krankenhaus nur fünf Minuten! Wir brauchen allerdings zehn, weil auf halbem Weg wieder die Wehen einsetzen und ich Carly zuschreie, sie soll sofort anhalten. Wir düsen gerade mit fünfzig Sachen eine Hauptstraße entlang, als meine Fruchtblase platzt.

»Kein Problem«, ruft Carly. »Da hat der Typ hinter uns wenigstens was, womit er seine Windschutzscheibe waschen kann! Und mach dir keine Sorgen, Jess, ich hab jede Menge Arztserien gesehen – ich weiß, was zu tun ist, falls wir es nicht rechtzeitig zum Krankenhaus schaffen!«

Wenn ich nicht weinen müsste, würde ich einen hysterischen Lachkrampf bekommen! Das ist mit Abstand das Dümmste, was mir je passiert ist. Ich versuche erleichtert aufzuatmen, als wir vor der Pforte der Entbindungsklinik mit quietschenden Reifen zum Stillstand kommen.

»Platz da! Aus dem Weg! Wir kriegen ein Baby!«, schreit Carly der Schwester am Empfang zu. Die erholt sich zum Glück rasch wieder von ihrer Verblüffung, und fünf Minuten später liege ich im Kreißsaal und werde von einem Arzt untersucht, der ein Zwillingsbruder von George Clooney sein könnte. Es ist zum Auswachsen! Da begegne ich endlich einem tollen, erfolgreichen, ledigen (kein Ehering!) Mann und was mache ich? Ich schwitze wie ein Eskimo in einer Sauna und schreie wie am Spieß! Ach, scheiß drauf! Ich hasse sowieso alle Männer. Die Türen fliegen auf und Kate, Sarah und Carol stürzen herein.

Aaaaaah! O mein Gott, warum hat mir denn niemand gesagt, dass es so verdammt wehtut! Ich habe das Gefühl, die Hebammen spielen Hannibal Lecter und weiden mich aus. Vielleicht haben sie Appetit auf meine Nieren. Ein Lambrusco würde gut dazu passen. Chianti ist ein bisschen zu anspruchsvoll für uns. Außerdem prickelt er nicht. Ich glaube, ich rede wirres Zeug.

Aaaaaah! Ich bringe kein Kind zur Welt, sondern ein Rhinozeros! Und zwar eins mit einem besonders großen Horn, das sich in meine Eingeweide bohrt. Wie kann eine Frau diese Schmerzen freiwillig mehr als ein Mal auf sich nehmen? Ich schwöre, ich werde nie wieder mit einem Mann schlafen! Von jetzt an lebe ich im Zölibat. Was ich faktisch ja schon tue – oder sehen Sie hier irgendwo den Vater des Nashorns? Eigentlich müsste er mir tröstend die Hand halten und mir liebevolle Worte der Ermunterung zuflüstern. Scheißkerl!

Ich spähe zwischen meinen Wimpern durch, ob er mittlerweile hereingekrochen ist, dieser elende Wurm. Nein, es sind nur Frauen da. Ich bringe mein erstes Kind in Anwesenheit von vier Frauen zur Welt. Ich hoffe, das ist ein gutes Omen.

Kate hält meine Hand. »Du musst pressen, feste, noch ein bisschen, komm schon, pressen!«, drängt sie mich in einem fort, als ginge es darum, ein Möbelstück an seinen Platz zu bugsieren. Sarah umklammert einen meiner Knöchel. Ihr Gesicht spiegelt blankes Entsetzen wider. Anscheinend kann sie das Horn meines Rhinozerosses schon sehen. Carol steht in der Ecke und bessert ihr Make-up aus – ob für das Erinnerungsfoto mit dem Neugeborenen oder für George Clooney, der gleich zurückkommen wird, weiß ich nicht. Und Carly – na ja, die ist vor etwa zehn Minuten umgekippt und liegt mit dem Gesicht nach unten auf einem Berg Mäntel.

Aaaaaah! Lange mach ich das nicht mehr mit. Holt endlich dieses Baby da raus! Was treibt es denn da drin – picknicken? Ich würde gern weinen, aber dann müsste ich aufhören zu schreien, also kreische ich lieber weiter. So habe ich mir das nicht vorgestellt! Eigentlich müsste ich jetzt euphorisch in die Augen dieses Mistkerls blicken und mir gemeinsam mit ihm einen Namen überlegen. Wie konnte er mir das antun? Ich schwöre, sobald ich wieder auf den Beinen bin, werde ich ihn zur Strecke bringen und ihm die Eier abschneiden! Ganz langsam.

O Gott, tut das weh! Dieses Baby kämpft sich offenbar in einer Rüstung nach draußen. Ich dachte, diese Wehen würden Stunden dauern! Ich hatte schon Gesichtspackungen, die länger dauerten.

Der Arzt ist wieder da. Er macht ein ernstes Gesicht. Ich soll pressen, sagt er. Aufhören. Wieder pressen. Was denn nun, verdammte Scheiße? Ich kneife die Augen so fest zusammen, dass ich eine Brechstange brauchen werde, um sie wieder aufzubekommen. Falls ich diese Tortur überlebe. Ich schwöre, ich sterbe. So fühlt es sich also an, wenn man stirbt.

»Pressen Sie, na los, ein Mal noch«, drängt Dr. Sexy.

Ich könnte ihn schlagen! Er hat mir nichts getan, ich weiß. Er hat nie versprochen, mich zu lieben, und mich dann schneller verraten als ein Doppelagent. Er hat nie versprochen, den Rest seines Lebens mit mir zu verbringen, und dann bei der erstbesten Gelegenheit die Flucht ergriffen. Egal. Er ist ein Mann, das ist Grund genug, ihn zu hassen. Ich hasse sie alle!

Plötzlich fühle ich, wie da unten etwas aus mir herausgleitet.

Kate fängt an zu schluchzen. Sarah schlägt die Hand vor den Mund. Carol lässt die Hand mit der Wimperntusche sinken. Carly setzt sich auf, sieht, was los ist, und klappt wieder zusammen.

»Der Kopf ist draußen!«, sagt der Arzt. »Pressen Sie, kommen Sie schon, noch ein Mal!«

Meine Gedanken rasen. Ich wünschte, ich könnte meinen Körper verlassen. Amputation, bitte! Vom Hals abwärts! Und schafft mir diesen Kerl aus den Augen! Ich hasse alle Männer!

Wieder das Gefühl des Herausgleitens. Und dann höre ich plötzlich einen empörten Schrei. Ich halte die Luft an und beobachte, wie der Arzt etwas hochhebt, das wie grüne Götterspeise aussieht, und es mir an die Brust legt.

»Gratuliere, Mrs. Chapman! Sie haben einen Sohn.«

Erstes Buch

Im Jahr 1999 v. C.

(vor Chapman)

Kapitel 1

Wie wär’s, wenn ich ganz am Anfang anfange?

1996–1999

Ich gebe es zwar nicht gerne zu, aber ich war das personifizierte Klischee. Mein Leben glich einem schlechten Roman. Einem Enthüllungsroman. Ich war als Meinungsforscherin für ein Mitglied des Unterhauses tätig und ging mit meinem verheirateten Boss ins Bett. Ich weiß, ich weiß – ich steuerte schneller auf eine Katastrophe zu als ein Beiboot in einem Orkan.

Es war drei Jahre her, da hatte ich mich für mein Vorstellungsgespräch mit dem Sehr Ehrenwerten (Ha!) Basil Asquith, seines Zeichens Unterhausabgeordneter, sorgfältig zurechtgemacht. Ich trug ein marineblaues Kostüm von Jaeger, eine gestärkte weiße Bluse und einen Aktenkoffer von Gucci (ein Geschenk meiner Eltern zum bestandenen Examen als Beste meiner Klasse an der Aberdeen University). Ich strotzte vor Selbstvertrauen: Ich hatte einen Abschluss in Politikwissenschaft und eine ordentliche Portion gesunden Menschenverstand. Außerdem konnte ich auf eine mehrjährige Erfahrung als Verwaltungsangestellte in der Parteizentrale zurückblicken, was sicherlich ein Pluspunkt war. Man kann sagen, ich verkörperte die Vorstellung der Konservativen von einer ethnischen Minderheit – ich war Schottin, weiblich und Linkshänderin.

Als ich in sein Büro geführt wurde, marschierte ich zielstrebig auf ihn zu und schüttelte ihm die Hand. Fotos wurden ihm nicht gerecht, wie ich feststellte. Er hatte Präsenz und verströmte den Charme eines Mitglieds des Königshauses auf Besuch in einem Commonwealthstaat.

Ich hatte meine Hausaufgaben gemacht und mich gründlich vorbereitet, nicht nur im Hinblick auf seine Karriere, die von den Medien aufmerksam verfolgt wurde, sondern auch in Bezug auf sein Privatleben. In Hello! und House & Garden waren unzählige Artikel über ihn und seine Frau Miranda erschienen. Sie war die typische Gattin eines Konservativen: groß, blond, Anfang fünfzig, lässig-elegant und vermögend. Sie stiftete Selbstgebackenes für den Dorfbasar, trieb Spenden für weiß Gott wie viele wohltätige Zwecke auf und traf sich, ganz in der Parteifarbe Blau gekleidet, täglich mit anderen Politikergattinnen zum Lunch. Carly nannte solche Frauen KRAEHEN (Kriminell Reiche, Abnormal Eingebildete Hennen).

Mit Basil verhielt es sich anders. Heute weiß ich, dass seine Persönlichkeit das Ergebnis eines über lange Jahre hinweg in der Öffentlichkeit geführten Lebens war. Seine ganze Erscheinung zielte einzig und allein darauf ab, sich gewöhnlichen Sterblichen anzubiedern und Wählerstimmen zu gewinnen: das gepflegte graue Haar, der maßgeschneiderte Anzug aus der teuren Savile Row, das toastwarme Lächeln und der feste Händedruck. Stellen Sie sich George Hamilton ohne Sonnenbankbräune vor und fügen Sie einen scharfen Politikerverstand und ein Spesenkonto hinzu.

Das Vorstellungsgespräch verlief reibungslos. Ich vertuschte erfolgreich meine eigene politische Neigung (ich stamme aus der Glasgower Arbeiterschicht und konnte das Wort »konservativ« bis zu meinem achtzehnten Lebensjahr nicht mal buchstabieren). Darin hatte ich Übung – als Verwaltungsangestellte in der konservativen Parteizentrale hatte ich das jahrelang gemacht. Na ja, in der Politik wimmelt es von Leuten, die von sich behaupten, »leidenschaftlich« an Dinge zu glauben, an denen ihnen in Wirklichkeit rein gar nichts liegt. Man muss sich seiner Umgebung anpassen.

Ich hatte auch sämtliche Statistiken studiert. Wir diskutierten das aktuelle Parteiprogramm und erörterten die Zusammensetzung seiner Wählerschaft und seine politischen Ziele. Als seine Assistentin hereinkam, um ihn an seinen nächsten Termin zu erinnern, war ich zuversichtlich. Ich versuchte mir bereits vorzustellen, wie sich mein Name wohl auf offiziellem Briefpapier machen würde.

Ein paar Wochen später erhielt ich die Zusage. Noch bevor man »hoffentlich kommt bei der Sicherheitsüberprüfung nicht heraus, dass mein Bruder wegen Ladendiebstahls verwarnt wurde« hätte sagen können, war ich, Jess Latham, Researcherin für das Unterhaus.

Mein Job war, dafür zu sorgen, dass der Sehr Ehrenwerte in sämtlichen politischen Situationen bestmöglich unterrichtet war. Wurde ein Gesetzentwurf eingebracht, lieferte ich Basil die Informationen über Hintergrund, Ursprung und Ziele des neuen Gesetzes. Sollte er irgendwo eine Rede halten, recherchierte ich, wie sich sein Publikum zusammensetzen würde, und trug Material über alle zur Diskussion stehenden Themen zusammen. Ich hielt Basil über jede nationale und internationale Entwicklung in allen politischen Belangen auf dem Laufenden, angefangen bei der Umwelt bis hin zum Wohlfahrtsstaat. Das war mehr als ein Ganztagsjob – ich konnte meine Überstunden kaum noch zählen. Aber ich ging völlig in meiner Arbeit auf und war noch nie in meinem Leben so glücklich gewesen. Ich war voll konzentriert, ich hatte alles im Griff und ich trug Armani. Genau so hatte ich mir mein Leben immer vorgestellt.

Wir stürzten uns praktisch sofort in den Wahlkampf. Bis zu den Parlamentswahlen 1997 war es nur noch ein knappes Jahr. Die Chancen, dass die Konservativen gewinnen würden, waren zwar verschwindend gering, aber Basil war ziemlich zuversichtlich, seinen Sitz als Unterhausabgeordneter von Oxford verteidigen zu können.

Wir schufteten wie die Wahnsinnigen. Meine Freundinnen wussten schon gar nicht mehr, wie ich aussah, weil ich sechzehn Stunden täglich für die politische Rettung meines Landes (oder zumindest der Grafschaft) rackerte und deshalb alle unsere Verabredungen absagen musste.

Miranda schaute gelegentlich herein, um Basil für ein gemeinsames Interview oder eine Fotositzung zu entführen. Sie wirkte immer so gelassen und souverän, aber ich wusste, dass das nur Fassade war. Ihre Ehe mit Basil war eine reine Vernunftehe, die einzig aus politischen und gesellschaftlichen Gründen aufrechterhalten wurde. Miranda duldete ihren Ehemann nur, um ihren mondänen Lebensstil abzusichern, und Basil revanchierte sich mit Bemerkungen über den Wert der Familie und mit Auftritten als Familienmensch. In ihrer Beziehung fehlte jede Form von Zärtlichkeit – sie glich eher einem Zweckbündnis. Sex? Zum letzten Mal hatten sie miteinander geschlafen, als ihr jüngster Sohn gezeugt wurde. Er war jetzt neunundzwanzig.

Woher ich das alles wusste? Basil und ich hatten uns angewöhnt, den langen, hektischen Tag mit einem Schlummertrunk ausklingen zu lassen, und dabei klagte er mir oft sein Leid. Heute kann ich meine Leichtgläubigkeit selbst kaum fassen.

In der Wahlnacht traf sich das ganze Team zum Abendessen in einem noblen Londoner Club. Die Einladung hatten wir Basils Schwiegervater zu verdanken, der nicht nur unglaublich reich war, sondern auch über hervorragende Beziehungen verfügte.

Wir hatten uns bewusst für eine Feier im privaten Rahmen entschieden, denn wir hatten zwar unsere Schlacht gewonnen, die Konservativen aber hatten den Krieg verloren. Offiziell war in der Partei Trauer angesagt. Ich war ganz in Schwarz, allerdings nicht aus Solidarität mit den Parteifreunden, sondern weil ich mir in der Hektik der letzten Wochen ein paar Pfund angefuttert hatte und nun um optische Schadensbegrenzung bemüht war (ein paar Aerobicübungen hätten den Schaden sicherlich wirkungsvoller behoben).

Ich saß rechts neben Basil. Irgendwann im Lauf des Abends beugte er sich zu mir und flüsterte mir zu, dass ich einfach hinreißend aussehen würde. Ich lächelte. Dann trafen sich unsere Blicke, und mir wurde plötzlich klar, dass das mehr als ein beiläufig hingeworfenes Kompliment eines Chefs war, der die Moral seiner Angestellten heben wollte. Ich kannte diesen Ausdruck in seinen Augen. Den bekam er jedes Mal, wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, sei es ein Jaguar als Dienstwagen oder ein Trip auf den Kontinent auf Kosten der Steuerzahler. Eines der Gebote der Konservativen lautete nämlich: »Du sollst dir rücksichtslos nehmen, was immer dein Herz begehrt.« Ich schaute mich um, ob vielleicht Michelle Pfeiffer gerade hereingekommen war. Nein, sein Blick galt mir, keine Frage. Scheiße!

Mein Verstand schaltete automatisch um auf Analyse. Ich geriet da in unbekanntes Fahrwasser, sozusagen mein persönliches Bermudadreieck. Basil war mein Boss, ein angesehener Politiker, eine Stütze der Gesellschaft. Dieses Szenario war in meinem dreihundertdreißig Seiten starken Karrierekatalog, den ich nach meinem Examen erstellt hatte, nicht vorgesehen. Andererseits hätte ich mir auch nicht träumen lassen, einmal für einen aalglatten, konservativen Abgeordneten aus der Oberschicht, einen zugegeben äußerst attraktiven noch dazu, zu arbeiten. (In meiner militanten Jugend hatte mir als Boss eher eine linke Aktivistin vorgeschwebt.) Ich schnappte unwillkürlich nach Luft, als mir bewusst wurde, dass ich mir zum ersten Mal eingestanden hatte, was für ein attraktiver Mann Basil war. Er war außergewöhnlich intelligent, unglaublich geistreich, ein wunderbarer Gesellschafter und obendrein eine wahre Augenweide (ich hatte immer schon eine Schwäche für George Hamilton gehabt). Entsetzen packte mich, als ich erkannte, dass ich ernsthaft erwog, ein anderes der konservativen Gebote (die Ausnahme von der Regel des vorhin erwähnten) zu brechen: »Du sollst unter gar keinen Umständen begehren einer KRAEHE Mann.«

Meine eiserne Disziplin drohte zu bröckeln. Ich suchte krampfhaft nach einem schlagenden Argument, warum es nicht klug war, mich mit dem Mann einzulassen, der jetzt unter dem Tisch mein Knie kitzelte. Ich fand keins. Daran waren nur meine Hormone schuld! Jahrelang hatte ich meine Libido energisch unterdrückt und jetzt auf einmal muckte sie auf. Ich kann zu meiner Entschuldigung nur anführen, dass ich sexuell frustrierter war als ein Pudel in einer Katzenpension. Erstens hatte ich keine Zeit für Sex gehabt und zweitens kein Interesse an irgendwelchen Aktivitäten außerhalb meines beruflichen Umfelds. Ich litt eindeutig unter einem Triebstau. Es wurde Zeit, dass die Schleusentore geöffnet wurden!

Ich wollte eine zweite Meinung hören. Ich entschuldigte mich und eilte ans nächste Telefon. Wen von den Mädels anrufen? Kate? Nein, sie würde mir das, was ich unter Umständen, möglicherweise, eventuell in Betracht zog, sofort auszureden versuchen. Carly? Aber Carly hielt sich in Schanghai auf. Oder war es Hongkong? Wie auch immer – ich hatte bloß ein Pfund Kleingeld und damit würde ich nicht über Europa hinauskommen.

Ich rief Carol an. Carol und ich hatten uns immer sehr nahe gestanden, gerieten uns aber auch schnell in die Haare. Sie ist geradlinig, schonungslos ehrlich und nimmt kein Blatt vor den Mund. Da ich ihr ziemlich ähnlich bin und obendrein ganz schön taktlos sein kann, kracht es häufig zwischen uns. Wir sind ein wenig wie Geri Halliwell und Mel B, als sie noch bei den Spice Girls waren, bloß dass wir größer sind und mehr anhaben. Auf dem Gebiet Sex mit älteren Männern kannte sich Carol aus wie keine andere, weil sie sich nämlich ihre Modelkarriere von reichen Männern über fünfzig sponsern ließ, die sie mit mehr Geschenken und Reisen überhäuften, als man in einem ganzen Jahr bei Der Preis ist heiß gewinnen könnte.

»Carol? Ich bin’s. Ich ruf von einer Telefonzelle aus an, deshalb muss ich es kurz machen. Ich bin mit Basil aus, er hat mein Knie gestreichelt und mir gesagt, ich würde hinreißend aussehen. Meine Hormone laufen Amok und ich überlege ernsthaft, ob ich ihn sexuell belästigen soll. Hilfe!«

Ein langes Schweigen am anderen Ende der Leitung. Dann: »Sie sind nicht Jess Latham! Jess Latham weiß nicht mal, wie man das Wort ›unschlüssig‹ buchstabiert! Sie sind eine Betrügerin! Was haben Sie mit der richtigen Jess gemacht?«

Geschah mir ganz recht. Jahrelang hatte ich mich als Moralapostel aufgespielt, wenn meine Freundinnen von einem Mann zum nächsten flatterten, und über ihre Willensschwäche gelästert, wenn sie sich von ihren Gefühlen anstatt von ihrem Verstand leiten ließen. Hochmut kommt eben vor dem Fall.

»Carol, ich mein’s ernst! Ach, vergiss es, ich hätte nicht anrufen sollen.« Sie hatte mich in die Wirklichkeit zurückgeholt. Ich würde mir ein Taxi rufen und auf dem schnellsten Weg nach Hause fahren.

Sie lachte. »Okay, okay, schon gut, tut mir Leid. Also. Wann hast du das letzte Mal Sex gehabt?«

»Mit Mann oder ohne?«

Sie kicherte. »Mit!«

»In Jahren oder Jahrzehnten?«

Wieder musste sie lachen. »Und er führt definitiv keine ›Das-würde-seiner-Frau-und-seinen-Kindern-das-Herz-brechen‹-Ehe?«

»Definitiv. Es ist bloß ein Arrangement, eine ›Nur-dem-Namen-nach‹-Ehe.«

»Dann solltest du wirklich …« Scheiße, jetzt waren wir unterbrochen worden. Für ein Pfund bekommt man heutzutage aber wirklich gar nichts mehr! Ich nahm stark an, dass Carol hatte sagen wollen: »… den Sprung nach draußen wagen!« (Redewendungen, Sprichwörter und dergleichen sind noch nie ihre Stärke gewesen.)

Ich kehrte an den Tisch zurück und setzte mich so gelassen wie möglich wieder hin. Ich hoffte, das Dröhnen meiner in Überschallgeschwindigkeit rasenden Libido würde im allgemeinen Lärm untergehen. Das war doch purer Wahnsinn! Ich würde doch nicht wirklich so dämlich sein, mich mit meinem Chef einzulassen!? Dafür hatte ich viel zu hart gearbeitet und war viel zu erfolgreich. Ich war ein Profi, durch und durch. Ich benutzte meinen Verstand, nicht meinen Körper, um meinen Weg zu machen. Ich war eine intelligente, ehrgeizige, moderne Frau, und ich würde mich nicht von etwas so Gewöhnlichem wie Lust dominieren lassen!

Dummerweise wurden diese Gedanken von meinem Hirn, wo sie unablässig kreisten, nicht bis in meine Hand weitergeleitet. Die tastete nämlich unter dem Tisch nach Basils Hand und legte sie zurück auf mein Knie. Warum auch nicht? Ich fühlte mich zu ihm hingezogen. Ich hatte alles unter Kontrolle. Ich war emanzipiert. Ich war … Wachs in seinen Händen.

Das Dessert kam und Basils Hand befasste sich mittlerweile mit meinem ganz persönlichen Basisprogramm. Ich war heilfroh, dass ich Strümpfe und keine Strumpfhose anhatte – nichts erstickt die Flammen der Leidenschaft zuverlässiger als Finger, die sich in einem Zwickel verheddern. Ich schlang mein Tiramisu in neuer Rekordzeit hinunter.

Nach dem Kaffee flüsterte Basil mir zu: »Bei mir, in zwanzig Minuten!« Jetzt oder nie. Ein Taxi nach Hause und dieses grässliche Dilemma wäre gelöst. Aber anstatt jetzt eine geschäftsmäßige Miene aufzusetzen und cool zu sagen, zum Arbeiten sei ich nun wirklich zu müde, nickte ich und lächelte. Ich war offen gestanden erleichtert über sein Angebot, weil mich rein gar nichts davon hätte abhalten können, in sein Bett zu steigen, und so würde ich wenigstens keine Fensterscheibe einschlagen und unbefugt in sein Haus eindringen müssen.

Während er sich von seinem Chauffeur nach Hause fahren ließ, winkte ich ein Taxi heran und gab dem Fahrer Basils Adresse in Mayfair. Bildete ich mir das nur ein oder hatte der Kerl mich tatsächlich mit einem wissenden, anzüglichen Blick gemustert? Okay, Freundchen, das Trinkgeld kannst du vergessen! Ich dachte über die tiefere Bedeutung des bevorstehenden Zusammentreffens nach. Es gibt keine, redete ich mir ein. Ich brachte es einfach nicht fertig, die Worte zu formulieren, die den Fahrer angewiesen hätten, die Richtung zu ändern. Schlimmer noch – ich rechtfertigte meine Handlungsweise vor mir selbst. Warum sollte ich nicht das Recht auf eine Affäre haben? Schließlich hatte praktisch jeder Erwachsene in diesem Land im Lauf seines Lebens eine. Warum sollten Ehrgeiz und Sex einander ausschließen? Warum sollte ich nicht beides haben können?

Ich dachte an die Unmenge von Beziehungen, die ich mit Angehörigen des starken Geschlechts gehabt hatte. Okay, »Unmenge« ist vielleicht übertrieben. Schon gut, schon gut, wenn man die Knutscherei hinter den Müllcontainern des Jugendclubs und den späteren gelegentlichen One-Night-Stand abzog, kam ich in meinem ganzen Leben auf gerade mal eineinhalb Beziehungen. Ich hatte mir eben andere Prioritäten gesetzt. Hinzu kam die Tatsache, dass ich einen … nun, etwas ungewöhnlichen Geschmack hatte, was Männer anging. Und so rangierte Sex in meinem Leben weit hinter dem Entflöhen meiner Katze. Und dabei hatte ich nicht mal eine Katze.

Ich war schon immer so gewesen, seit meiner Pubertät. Als ich in der Schule einmal einen Fragebogen im Magazin Jackie ausfüllte, wäre ich fast aus dem Gemeinschaftsraum geflogen.

Mit wem würden Sie am liebsten ausgehen? Simon Le Bon oder Tony Hadley, schrieben meine Klassenkameradinnen. Jeremy Paxman, lautete meine Antwort. O Horror!

Mit wem würden Sie auf keinen Fall ausgehen? Morrissey von The Smiths, Limahl von Kajagoogoo, schrieben meine Klassenkameradinnen. Simon Le Bon oder Tony Hadley, lautete meine Antwort.

Wie stellen Sie sich die perfekte Verabredung vor? Eine Nacht auf einer einsamen Insel mit einem der beiden oben genannten Männer, schrieben meine Klassenkameradinnen. Abendessen im Unterhaus mit anschließendem Besuch der parlamentarischen Fragestunde, lautete meine Antwort.

Als ich zwölf war, war ich fest davon überzeugt, dass ich adoptiert worden sei. Der Glasgower Postangestellte und die Schulkantinenfrau konnten niemals meine richtigen Eltern sein. Ich war ein Kind der Liebe zwischen Henry Kissinger und einer exotischen, hochintelligenten schottischen Schönen, die mich zur Adoption freigeben musste, damit sie weiter für den Frieden in der Welt und den Schuldenerlass für die Dritte Welt kämpfen konnte.

Meine erste richtige Beziehung hatte ich im ersten Studienjahr an der Universität. Er hieß Miles Frombay und war Professor für Politologie. Es störte mich nicht, dass er zwanzig Jahre älter war. Es störte mich nicht, dass er gut zehn Kilo zu viel auf die Waage brachte und sein Modebewusstsein sich auf Lederflicken an den Ellbogen seiner Tweedjacketts beschränkte. Es störte mich nicht einmal, dass wir uns meistens in seinem Büro trafen, um ein Sandwich zu essen und anschließend auf seinem ramponierten Sofa ein bisschen zu schmusen. Das alles war völlig unwichtig für mich, weil er der intelligenteste Mann war, dem ich je begegnet war. Wir konnten die ganze Nacht über die amerikanische Star-Wars-Verteidigungsstrategie diskutieren. Er konnte jeden englischen Premierminister des 20. Jahrhunderts zu seinen geplanten Sozialreformen zitieren. Einmal hatte er sogar mit Henry Kissinger (meinem leiblichen Vater) zu Abend gegessen! Miles Frombay war ein Gott für mich. Jedenfalls eine Zeit lang.

Unsere Beziehung dauerte meine ganze Studienzeit hindurch. Das waren immerhin vier Jahre. Trotzdem vergoss ich am Examenstag, unserem letzten gemeinsamen Tag, nicht eine einzige Träne. Für einen Sekundenbruchteil dachte ich daran, dass Miles mir fehlen würde; ich hatte mich prächtig mit ihm verstanden und wir hatten tolle Stunden auf dem alten Sofa verbracht. Doch ich war viel zu aufgeregt, um Trübsal zu blasen. Ein Adrenalinstoß durchpulste mich und mein Hirn sprudelte förmlich über vor Zukunftsplänen. In London wartete ein neues Leben auf mich, auch wenn ich nicht wie erhofft im Herzen der Labour-Partei arbeiten würde, sondern im Hauptquartier der Konservativen. Mein Vater (mein Adoptivvater, nicht Henry K.) hätte fast einen Herzanfall bekommen, als er erfuhr, dass sein Liebling die Seiten wechseln würde. Aber ich konnte nicht anders. London war mein Mekka, das Zentrum der Politik, und dieser Posten war ein Schritt in die richtige Richtung. Ich würde mich nach oben arbeiten. Ich würde das System von innen heraus ändern. Ich war noch idealistischer als Che Guevara. Oh, und – Miles wer?

In meiner neuen Umgebung saugte ich alles auf wie ein Schwamm. Die Berufspolitiker und ihre Welt faszinierten mich. Aber diese Lebensweise ließ keinen Raum für irgendetwas anderes, und mein Privatleben kümmerte nicht nur so vor sich hin, es verkümmerte regelrecht.

Meine einzige Abwechslung waren die paar Abende jeden Monat, an denen ich mit Carol, Carly und Kate ausging und mir amüsiert ihre neuesten Abenteuer bei der Suche nach Mr. Richtig und ihren Bemühungen, ihn zu erkennen, zu verführen, auf sich aufmerksam zu machen oder an sich zu binden, anhörte. Ich kapierte das einfach nicht. Für mich zählten nur meine Arbeit und meine Freundinnen. Selbst wenn Mr. Richtig vor meiner Haustür kampiert hätte, wäre ich wahrscheinlich nach einem Sechzehn-Stunden-Tag im Büro einfach über ihn hinweggestiegen und hätte ihm dann den Weg zum nächsten Obdachlosenasyl beschrieben. Irgendwann würde ich schon meinen Jeremy Paxman heiraten und mich aufs Kinderkriegen konzentrieren wollen, aber das hatte Zeit. Nein, Männer standen bei mir ganz entschieden nicht an erster Stelle. Sondern meine Freunde. Und der Erfolg. Ach ja, und nicht zu vergessen – Sex. Sex im Sinn von bedeutungslosem Abenteuer. Ich meine, ich war vielleicht ein wenig gestört, aber doch immerhin ein Mensch, eine Frau. Daraus resultierte denn auch meine zweite Beziehung, die selbst bei großzügiger Bewertung eigentlich bloß als eine halbe betrachtet werden kann. Colin Fuller war Privattrainer, Partylöwe, ein toller Typ und fantastisch im Bett. Wir lernten uns kennen, als ich auf eine Anzeige antwortete, die eine Wohngemeinschaft in Chiswick anbot. Colin öffnete mir die Tür in Shorts und lächelte mich an. Ich schickte ein Stoßgebet zum Himmel. Lass ihn bitte hier wohnen und nicht bloß einen tropfenden Wasserhahn reparieren oder seine kranke achtzigjährige Tante besuchen! Jemand dort oben musste mich erhört haben – das war nämlich der Beginn einer wunderbaren Beziehung. Fünf Jahre lang teilten wir uns die Wohnung, das Bier aus dem Kühlschrank, die Fernbedienung für den Fernseher und anfangs auch das Bett. Keine Ansprüche, keine Erwartungen, keine Bindung. Unsere Beziehung stellte nicht nur meine Libido zufrieden, sondern sorgte auch dafür, dass ich fünfhundertfünfzig Kalorien in der Stunde verbrannte.

Eines traurigen Tages jedoch wurde uns beiden klar, dass eine intime Beziehung das Ende einer wunderbaren Wohngemeinschaft bedeuten könnte. Colin war nämlich genauso ehrgeizig wie ich. Er stammte wie ich aus der Arbeiterschicht (er nahm sogar Sprechunterricht, um den breiten Akzent seiner Heimatstadt Dudley loszuwerden), und er hatte nie einen Hehl daraus gemacht, dass er eine gute Partie suchte, die ihm den Weg in die gehobeneren Kreise ebnen würde. (Da er den Körper eines jungen Sylvester Stallone hatte, fehlte es nicht an Angeboten von wohlhabenden Ehefrauen, die sich von ihren viel beschäftigten Männern vernachlässigt fühlten.) Ungefähr ein Jahr lang hatten wir eine monogame Beziehung geführt, dann standen zwei Dinge fest: Erstens sahen wir aufgrund unserer langen Arbeitszeiten sogar unseren Fensterputzer öfter als uns; zweitens war ich nicht reich genug, um seine Mrs. Richtig zu sein, und da er Politik für etwa so interessant wie Fliegenfischen hielt, war er auch nicht mein Mr. Richtig.

An einem der seltenen gemeinsamen Samstagabende beschlossen wir bei einer Kiste Budweiser und einer salmonellenverdächtigen Currywurst von der Imbissbude, künftig zwar weiterhin die Wohnung zu teilen, ansonsten aber getrennte Wege zu gehen.

Wir vereinbarten allerdings Ausnahmen. Wir würden einander auch weiterhin zu Hochzeiten, Taufen oder Beerdigungen begleiten, falls kein anderer Partner verfügbar wäre. Und eine leidenschaftliche Nacht dann und wann, sofern wir solo waren und das Bedürfnis nach körperlicher Aktivität verspürten.

Wir besiegelten unsere Abmachung mit Handschlag und einem anschließenden Quickie. Es sollte nicht viele solcher Zusammentreffen in den nächsten Jahren geben. Colin flatterte von einer Frau zur nächsten, wobei er teure Geschenke und erstklassige Kontakte sammelte. Eines Tages zog er das große Los in Gestalt einer leicht übergewichtigen, aber steinreichen amerikanischen Erbin namens Tamsin. Sie war auf Forschungsurlaub in London und verliebte sich beim ersten Unterleibskontakt Hals über Kopf in Colin. Noch schweißfeucht sprinteten sie zum Altar, und Colin folgte seiner Angetrauten nach Houston, Texas, wo sie eine Penthousewohnung besaß. Ich freute mich für ihn. Wir waren in erster Linie Freunde gewesen und dann erst ein Gelegenheitsliebespaar. Daran hatten wir beide auch nie einen Zweifel gelassen.

Am Tag vor Colins Hochzeit traf ich mich mit Kate zum Mittagessen. Noch bevor wir uns gesetzt hatten, musterte sie mich mit einem Ausdruck tiefsten Mitgefühls und fragte besorgt:

»Geht’s dir auch gut, Schätzchen? Du kannst gern ein paar Tage zu uns kommen, wenn du möchtest.«

Hatte ich etwas verpasst? War jemand gestorben? Hätte ich bedrückt sein sollen? Aber weswegen?

»Warum sollte ich?«, fragte ich verwirrt.

»Na ja, ich dachte nur, jetzt, wo Colin heiratet, könntest du dich vielleicht ein bisschen, na ja, einsam fühlen. Warum kommst du nicht zu uns, bis sich der ganze Wirbel ein wenig gelegt hat?«

Ich war baff. Mir wäre nicht im Traum eingefallen, deprimiert zu sein. Natürlich ist es immer traurig, wenn ein Freund wegzieht, aber es war ja nicht so, dass ich die große Liebe meines Lebens verlieren würde. Seit er Tamsin vor knapp einem Jahr kennen gelernt hatte, hatten wir außer einer Zahnbürste nichts mehr miteinander geteilt. Außerdem hatte ich in einigen Wochen ein Vorstellungsgespräch bei Basil Asquith für den Posten einer Researcherin und konnte im Moment an gar nichts anderes denken.

Ich umarmte Kate. »Danke, das ist lieb von dir, aber ich komm schon klar. Wirklich!«

Sie sah mich bewundernd an, als ob sie stolz auf mich wäre, weil ich so tapfer war. Ich lächelte zurück. Es hatte keinen Sinn, Kate meine Gefühle – beziehungsweise ihr Nichtvorhandensein – erklären zu wollen. Sie war seit Jahren glücklich mit Bruce verheiratet, ihrer ersten großen Liebe, und würde eher nackt über die Bond Street laufen, als einen Seitensprung zu wagen.

Wahrscheinlich besser, dass ich sie nicht angerufen habe, dachte ich, als das Taxi vor Basils stattlichem georgianischen Haus hielt. Sie wäre sofort mit einem Keuschheitsgürtel angerückt.

Basil öffnete die Tür, noch bevor ich meinen Finger vom Klingelknopf genommen hatte. Die alten Ladys in Oxford wären schockiert gewesen, wenn sie den Ausdruck nackter Lust und Erregung auf seinem Gesicht gesehen hätten. Mein Mantel blieb an der Tür zurück, mein Kleid in der Diele, meine Unterwäsche am Eingang zum Schlafzimmer. Nur meine Stilettos behielt ich an – wie sich herausstellte, törnten Stilettos ihn an.

Ich würde jetzt ja gern sagen, dass es eine orgiastische Erfahrung gewesen sei und dass sich die Erde bewegt habe, begleitet von einem Trommelwirbel und dem Gesang der Engel. In Wirklichkeit war es eher, na ja, mittelmäßig gewesen. Durchschnittlich. Befriedigend. Auf eine ›An-Orgasmus-war-nicht-im-Traum-zu-denken‹-Weise, auf eine ›Hätte-meine-Klitoris-nicht-einmal-dann-gefunden-wenn-er-sie-gewonnen-hätte‹-Art. Aber was soll’s, es war Sex und ich war verzweifelt. Und dies war, sofern ich nicht dafür bezahlen wollte, die einzige Möglichkeit für mich, zusammen mit einem Mann ins Schwitzen zu geraten. Ich nahm mir vor, künftig mehr für mich herauszuholen.

Kapitel 2

Sag’s mit Handschellen!

Ich wollte wirklich, dass es bei diesem einen Mal blieb. Ich schwöre es! Sex mit dem eigenen Boss schadet der Karriere unter Umständen mehr, als er nutzt, und ich strebte eine stabile politische Karriere an. Aber da sich mein ganzes Leben um meine Arbeit drehte, war es verflixt schwer, die Dinge auseinander und Basil von mir fern zu halten. Schnell stellte sich eine Routine in unserem Tagesablauf ein: Arbeit, Arbeit, Arbeit, Sex, Arbeit, Arbeit. Unterbrochen wurde dieser Ablauf nur an den Wochenenden, wenn Basil, um den Schein zu wahren, zu seiner Familie nach Hause fuhr. Heute merke ich selber, wie lahm das alles klingt.

Damals war ich jedoch der Meinung, ich hätte es nicht besser treffen können. Ich hatte eine Affäre mit einem Mann, den ich äußerst attraktiv fand, ein überdurchschnittlich reges Sexualleben, fantastische Gespräche mit einem der intelligentesten Politiker des Landes und ich konnte die Wochenenden mit meinen Freundinnen verbringen. Ich hielt sie stets auf dem Laufenden, was meine wöchentlichen Aktivitäten – sexuelle und andere – betraf, aber wir achteten streng auf Diskretion. Die Partei stolperte seinerzeit ohnehin von einem Sexskandal zum nächsten, und die Boulevardpresse wartete nur darauf, einen der Parlamentarier bei einem Fehltritt zu erwischen, um ihn dann deswegen in der Luft zerreißen zu können. Aber Basil hatte eine kluge Wahl getroffen. Er kannte meine Ambitionen und wusste, dass ich niemals etwas tun würde, was sie gefährden könnte. Ich verwischte unsere Spuren so sorgfältig wie ein Indianer auf der Flucht.

Was unser reges, aber relativ eintöniges Sexleben betraf, muss ich fairerweise hinzufügen, dass Basil eines Tages mit einer Überraschung aufwartete. Etwa ein halbes Jahr nach Beginn unseres Verhältnisses stahl ich mich mitten in der Nacht durch die Hintertür in seine Wohnung (er hatte mir einen Schlüssel gegeben, um zu verhindern, dass ein Paparazzo ein Foto von ihm schoss, wie er mir spärlich bekleidet – wenn überhaupt – die Tür öffnete).

Während wir uns auszogen, diskutierten wir sachlich über den Tag. Leidenschaft? Strumpfhosen mit formendem Höschenteil sind erregender.

Wir schlüpften unter die Decke und ich bereitete mich seelisch auf das vor, was kommen würde. Das bedeutete, hinlegen, Augen fest schließen und an Liam Neeson denken. Ich hoffe bloß, Liam ist nicht irgendwie medial veranlagt – es wäre mir gar nicht recht, wenn er wüsste, wie oft wir schon virtuellen Sex miteinander hatten!

Basil beugte sich über mich und küsste mich (Liam flüsterte mir schmutzige Dinge ins Ohr). Basils Hand tastete sich zu meinem Busen hinunter (Liam tauchte unter die Decke und begann jeden Spalt zu lecken). Basil legte sich auf mich (Liam, der mir die ganze Zeit in seinem köstlichen irischen Akzent zärtliche Worte sagte, zog mich auf sich). Basil kam, wälzte sich von mir herunter und fing an zu schnarchen (Liam konnte stundenlang weitermachen – im Hintergrund war jetzt allerdings das Summen eines batteriebetriebenen Apparats zu hören). Ich schrie auf in Ekstase und Basil schreckte aus dem Schlaf auf.

»Alles in Ordnung, Liebling?«

»Ja, ja, ich hab bloß einen Krampf im Fuß!«

»Darling …«

»Ja?«

»Was würdest du davon halten, wenn wir unser Sexleben, na ja, vielleicht ein klein wenig abwechslungsreicher gestalteten?«

Eine ganze Menge würde ich davon halten!

»Woran hast du denn gedacht?«, wollte ich wissen. Doch hoffentlich nicht an eine andere als die Missionarsstellung? Den Schock würde ich nicht verkraften!

Er drehte sich um, langte zum Nachttisch hinüber und hielt dann etwas hoch. Zwei Paar Handschellen! Ich riss erstaunt die Augen auf. So, wie ich Basil einschätzte, würde jetzt ein Vortrag über die Polizeikräfte der Neunzigerjahre folgen. Denkste!

»Warum benutzt du nicht mal die hier, mein schottisches Schäfchen? Du würdest Onkel Basil zu einem glücklichen Häschen machen!«

Okay. Ich wusste, wie man Häschen aus Filz, einer Spülmittelflasche aus Plastik und selbstklebender Plastikfolie bastelte, aber aus vier Metallringen, zwei Ketten und einem erwachsenen Mann?

Dann dämmerte es mir. O Mist! Ich wette, Liam benutzte nie Handschellen. Aber wie sagte Carly doch so schön? Du musst alles einmal probiert haben, um zu wissen, ob es dir gefällt, und wenn du nüchtern bist, probier es zur Sicherheit ein zweites Mal! Ich dachte einen Sekundenbruchteil nach, dann siegte meine lebensbejahende Einstellung. Ein Versuch konnte schließlich nicht schaden. Was konnte schon passieren? Dass er die Schlüssel verlegt hatte und wir die Feuerwehr rufen mussten, damit sie mit der Bolzenschere anrückte?

Ich nahm ihm die Handschellen ab, ließ sie um seine Handgelenke schnappen und fesselte ihn damit an die Rosenholzpfosten des antiken Bettes. An diese Verwendungsmöglichkeit hatte der georgianische Schreiner garantiert nicht gedacht, als er das Möbelstück entwarf!

»Und was jetzt?«, fragte ich, obwohl ich die Antwort eigentlich nicht hören wollte.

Basils Gesicht war vor Erregung rot angelaufen und sein Atem ging stoßweise. »Und jetzt (keuch, keuch) kitzle mich (keuch, keuch)!«

Bitte, lieber Gott, lass mich nicht lachen! Lass mich jetzt bitte nicht lachen! Nicht jetzt. Meinte er das etwa im Ernst? Diese Art von Folter war ja ein Fall für Amnesty International! Wenn die Rentner von Oxford ihn jetzt sehen könnten, würden ihre Herzschrittmacher explodieren!

Ich streckte langsam die Hand aus und kitzelte ihn am Bauch. Dann unter den Achseln. Er stöhnte wie ein brasilianischer Pornostar und schwitzte wie Bill Clinton, wenn der Name Lewinsky fiel.

Ich fuhr an seinen Beinen entlang und kitzelte ihn an den Füßen. Das war zu viel für ihn. Er bäumte sich mit einem Aufschrei zu seinem Höhepunkt auf, wobei er um ein Haar die Pfosten aus ihrer Verankerung gerissen hätte, und sackte dann in sich zusammen. Mmmmm! Ich biss die Zähne so fest zusammen, dass sich eine Füllung lockerte. Nicht lachen, jetzt nur nicht lachen, sagte ich mir immer und immer wieder.

»O Darling«, flüsterte er. »Das war einfach eine Wucht!« Basil verfiel gelegentlich in den Teenagerjargon, weil er sich dann hip vorkam. Dummerweise hatten wir die Sechziger schon eine Weile hinter uns gelassen.

Zehn Sekunden später schlief er schon wieder tief und fest. Und was jetzt? Ich beschwor Liam herauf, aber er hatte keine Lust auf eine zweite Runde. Auch recht. Ich war nämlich ungefähr so geil wie eine Nutte nach der Nachtschicht. Ein Teufelchen hockte auf meiner linken Schulter und wisperte: »Lass ihn doch einfach so liegen, damit ihn die Putzfrau morgen früh findet. Oder ruf die News of the World an und wirf ihn den Paparazzi zum Fraß vor. Mit diesem Foto könnte ein Fotograf den Collegebesuch seiner Kinder finanzieren.«

Vielleicht sollte ich die Videokamera zücken und den Film einer Skandaltalkshow anbieten.

Das Engelchen auf der anderen Schulter erbarmte sich. Anscheinend hatte es Sinn für Humor. Ich ließ mich überreden, Basil loszubinden, meine Sachen zu schnappen und einen schnellen Abgang zu machen.

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