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Santa schmeißt hin

Über dieses Buch

Santa hat die Nase voll. Kinder auf der ganzen Welt glauben schon lange nicht mehr an ihn, und das Fest der Liebe ist zur Konsumschlacht verkommen. Er entschließt sich zu einem radikalen Schritt: Er kündigt – und das zwei Wochen vor Weihnachten!

Doch schnell scheint ein Ersatz gefunden, und Santa wird depressiv – bis er auf die kleine Lotta trifft und durch sie die Möglichkeit für ein großes Comeback erhält …

Über die Autorin

Im zarten Alter von sechs Jahren verkündete Jana Voosen, Jahrgang 1976, ihren davon wenig begeisterten Eltern, entweder Schauspielerin oder Schriftstellerin werden zu wollen. Vierzehn Jahre später absolvierte sie eine Schauspielausbildung in Hamburg und schrieb währenddessen ihren ersten Roman. Seitdem war sie in zahlreichen TV-Produktionen zu sehen und veröffentlichte diverse Romane und Kurzgeschichten. Für das Theater schrieb sie mehrere Bühnenstücke. Jana Voosen lebt und arbeitet in Hamburg. Mehr zur Autorin unter www.jana-voosen.de

beHEARTBEAT

 

1. Dezember 1986

An

Herrn Weihnachtsmann

Weihnachtspostfiliale

16798 Himmelspfort

Lieber Herr Weihnachtsmann!

Wie geht es Ihnen? Mir geht es gut!

Zu Weihnachten wünsche ich mir einen Kassettenrecorder. Wenn es nicht zu unverschämt ist, hätte ich auch gerne ein paar Benjamin-Blümchen-Kassetten.

Mit freundlichen Grüßen,

Ihr Benjamin

 

Von: Henryolo@web.de

Gesendet: Donnerstag, 22. Dezember 2016 10:46

An: santa.claus@weihnachtsmann.de

Betreff: 4YEO


Hallo!

1)  iPod

2)  Fahrrad

3)  Playstation 4

4)  Guitar Hero – Live

6)  Skateboard

LG,

Henry

1.

Mit einem hörbaren Rumms lande ich auf dem Flickenteppich vor dem Bett. Die Decke hängt mir in einem wüsten Knäuel um die Waden, durch das gekippte Fenster pfeift der Wind, und ich klappere vor Kälte mit den Zähnen. Meine Augen sind so verquollen, dass ich meine Umgebung nur durch schmale Schlitze wahrnehme.

»Aua«, stöhne ich, obwohl mich keiner hören kann, und reibe mir die Schulter, auf der ich bei meinem Sturz mit voller Wucht gelandet bin. Dabei fällt mein Blick auf die Uhr an der Wand – und plötzlich bin ich hellwach.

»Fuck!«, brülle ich und bin mit einem Satz auf den Beinen. »Fuck, fuck, fuck, fuck, fuuuuuck!« Das Gebrüll schickt einen scharfen Schmerz durch meine Schläfen, der im Hinterkopf explodiert. Ächzend lasse ich mich wieder auf die Matratze sinken, greife nach dem Handy, das neben mir auf dem Nachtschränkchen liegt, und muss feststellen, dass ich es auf lautlos gestellt und damit nicht nur den Weckton, sondern auch zwanzig Anrufe verpasst habe. Zwanzig! Mir bricht der Schweiß aus allen Poren.

In diesem Moment leuchtet das Display erneut auf. Armleuchter ruft an, verkündet es, und mir bleibt nichts anderes übrig, als den Anruf entgegenzunehmen.

»Wo zum Henker bleiben Sie, Sie nichtsnutziger, unzuverlässiger, vollkommen unbrauchbarer Schmarotzer?«

Ich halte das Telefon ein Stück von mir weg und warte, bis Armleuchter, auch bekannt als Michael Heimann, die Puste ausgeht.

»Es tut mir wirklich leid«, nutze ich seine Atempause. Meine Stimme klingt, als hätte ich gestern allein eine Pulle Whiskey geleert. Was ungefähr hinkommen dürfte. »Ich hatte einen Unfall.« Das ist nicht mal komplett gelogen. Wie zur Bestätigung greife ich mir an die Schulter, auf der sich mit Sicherheit in Kürze ein ordentlicher Bluterguss zeigen wird.

»Einen Unfall, soso«, kommt es höhnisch von der anderen Seite der Leitung. »Hat Ihr Rentier sich verflogen, oder was?«

»Rudi ist zuverlässiger als jedes Navigationsgerät.«

Wenn es um meinen besten und einzigen Freund geht, verstehe ich keinen Spaß.

»Hören Sie endlich auf mit dem Blödsinn, Sie alter Spinner.« Kaum zu glauben, dass es jemanden gibt, dessen schlechte Laune heute Morgen meine eigene noch übertrifft. Wobei man von Morgen ja leider nicht mehr wirklich sprechen kann. »Setzen Sie endlich Ihren fetten Arsch in Bewegung und kommen Sie her, verdammt noch mal! Was fällt Ihnen überhaupt ein? Wann können Sie hier sein? Wo stecken Sie gerade?«

»Nun, am …«

»Wenn Sie jetzt am Nordpol sagen, dann sind Sie gefeuert!«

Ich klappe den Mund wieder zu.

»Hallo? Sind Sie noch da?«

»Ja«, antworte ich knapp.

»Seit acht Uhr früh warten hier an die fünfzig Kinder auf Sie! Wissen Sie, was die gerade mit meinem Kaufhaus anstellen?« Jetzt klingt seine sich überschlagende Stimme eher panisch als wütend. Im gleichen Moment höre ich ein ohrenbetäubendes Krachen im Hintergrund, gefolgt von einem Aufschrei des Armleuchters. »Nein, oh nein, du ungezogenes Balg, was hast du getan?« Dann bricht die Verbindung ab.

Eine Sekunde lang starre ich auf mein Handy. Ich habe es so satt. Ich habe alles so satt. Am liebsten würde ich zurück ins Bett kriechen, mir die Decke über den Kopf ziehen und die Welt sich selbst überlassen. Doch dann siegt der letzte Rest Berufsethos, den ich mir bewahrt habe. Ich bin immerhin der Weihnachtsmann.

Im Badezimmer starrt mich mein verknautschtes Spiegelbild aus blutunterlaufenen Augen an. Für meine achtundvierzig Jahre sehe ich steinalt aus. Ich schöpfe mir eiskaltes Wasser ins Gesicht, putze mir die Zähne und klaube dann mit schlechtem Gewissen meine Uniform vom Boden auf. So, wie die aussieht, hätte ich auch gleich darin schlafen können. Aber es nützt ja nichts. Meine Wechselgarderobe stinkt in einem Haufen Schmutzwäsche vor sich hin, also schlüpfe ich in den roten Anzug mit dem weißen Pelzbesatz und versuche notdürftig und erfolglos, den Samt mit der Hand zu glätten.

Schon wieder höre ich im Schlafzimmer mein Handy klingeln.

»Ist ja gut«, motze ich, während ich mir den Bart anklebe, der zum Glück einen großen Teil meiner versoffenen Visage verdeckt. »Ich bin doch schon so gut wie auf dem Weg.«

Gürtel, Stiefel, Mütze, ein letzter Blick in den Spiegel. Es wird schon gehen.

Ich stürme die breite Treppe meiner Villa hinunter. Zum Frühstücken bleibt keine Zeit, aber das Chaos in der riesigen Wohnküche lädt sowieso nicht zum Verweilen ein. Ich nehme den Hinterausgang und steuere durch den schneebedeckten verwilderten Garten Rudis Stall an.

»Auf geht’s, Rudi, ein neuer Tag beginnt.« Betont fröhlich tätschle ich meinem Rentier das Fell. »Tut mir leid, ich weiß, ich bin nicht gerade früh dran. Der Sandmann hat sich gestern leider verspätet. Aber jetzt bin ich abmarschbereit.«

Kritisch mustert Rudi mich von oben bis unten, und ich streiche mir verlegen über den zerknitterten Anzug.

»Entschuldige, ja, ich weiß, ich hätte ihn gestern auf den Bügel hängen sollen. Aber das kann ich jetzt auch nicht mehr ändern. Na komm.«

Einträchtig treten wir aus seinem Stall hinaus in die strahlende Mittagssonne. Rund um uns herum nichts als Eis und Schnee, funkelnd und märchenhaft. Eine Sekunde lang erlaube ich mir, die kühle, klare Luft einzuatmen und mich von ihr beleben zu lassen. Das tut gut.

Rudi scharrt neben mir ungeduldig mit den Hufen, und ich nicke zustimmend. »Du hast vollkommen recht. An die Arbeit. Wir werden sehnsüchtig erwartet. Von all den lieben Kinderchen.« Ich ignoriere seinen scheelen Blick und stimme sogar ein kleines Liedchen an. »Heute kommt der Weihnachtsmann, kommt mit seinen Gaben, …«

Rudi gibt ein verächtliches Schnauben von sich, und die letzte Note bleibt in der Luft hängen.

Seufzend klettere ich auf den Schlitten.

»Hast recht! Wem versuche ich eigentlich was vorzumachen?«

In absolutem Rekordtempo fliegen wir vom Nordpol bis in die weihnachtlich geschmückte Hamburger Innenstadt. Ein überlebensgroßes Abbild von mir, ganz aus Lichterketten gefertigt, wurde prominent in der Mitte der Mönckebergstraße platziert. Ich spüre so etwas wie Stolz in mir aufsteigen. Offensichtlich bin ich den Menschen wenigstens nicht vollkommen egal. Und vielleicht ist mein Job doch wichtiger, als ich ihm das in meiner Weltuntergangsstimmung manchmal zugestehe.

Ich straffe die Schultern und sehe mich nach einem geeigneten Landeplatz um. Menschenmassen wälzen sich durch die Straßen, sodass ich mich, um niemanden zu gefährden, für eine Wasserlandung entscheide. Durch leichtes Schnalzen mit der Zunge lenke ich Rudi in Richtung Binnenalster und setze eine Minute später auf der Wasseroberfläche auf. Obwohl ich nicht mit Applaus gerechnet hatte, bin ich enttäuscht über den völligen Mangel an Aufmerksamkeit, und auch Rudi lässt den Kopf hängen, weil es ihm offensichtlich genauso geht.

»Mach dir nichts draus«, versuche ich, ihn zu trösten, während wir gemächlich an dem riesigen, für meinen Geschmack etwas überladenen Tannenbaum vorbei in Richtung Jungfernstieg schippern. Dabei denke ich zurück an meine glanzvollen Anfangszeiten, als ich mich in der Vorweihnachtszeit nirgendwo unbeobachtet bewegen konnte. Mit Rudi mitten in einem Stadtzentrum zu landen, ohne dass ein paar Hundert Zuschauer uns begeistert zujubeln – nein, so etwas hätte es früher einfach nicht gegeben. Damals haben die Menschen nämlich noch an mich geglaubt und mich demzufolge auch gesehen. Heutzutage nehmen mich die meisten Leute erst wahr, wenn ich direkt vor ihnen stehe. Oder wenn sie schon in mich hineingerempelt sind. Damals war das anders. Wenn ich mir zwischen zwei Auftritten schnell einen Burger bei McDonald’s geholt habe, konnte das durchaus einen Massenauflauf heraufbeschwören. Meine Entourage – bestehend aus den Weihnachtselfen Hugo, Bodo und Pepe und natürlich Rupert, meinem Knecht Ruprecht – und ich: Wir waren Rockstars! Kein Kind, das nicht jubelnd um uns herumtanzte, keine Frau, die mir nicht ihre heimlichsten Wünsche ins Ohr flüstert, kein Mann, der nicht wie ich sein wollte. Glückliche Zeiten waren das.

»So, da sind wir schon.«

Unbemerkt von den Passanten legen wir am Alsterufer an, und ich hänge Rudi vorsichtshalber noch einen Futterbeutel mit frischen Möhren vors Maul. Auch etwas, das früher niemals nötig gewesen wäre. Die Kinder haben ihn mit Zuckerstückchen nur so vollgestopft.

Ich greife nach meinem Jutesack, schwinge ihn mir über die Schulter und bahne mir einen Weg zum »Kaufhaus des Nordens«. Beim Anblick der Schaufensterdekoration bin ich mit dem rüden Tonfall des Geschäftsführers bei unserem Telefonat wieder etwas ausgesöhnt. Alle Schaufensterpuppen tragen meine Mütze und meinen Bart. Sogar die weiblichen. Am Körper haben sie die neueste Winterkollektion, schicke Anzüge die Männer, elegante Cocktailkleider die Frauen. Das Ganze sieht ein bisschen aus wie eine Kunst-Installation und gefällt mir ausnehmend gut. Hommage an Santa wäre ein wunderbarer Name dafür.

Durch die gläserne Drehtür trete ich in die riesige Verkaufshalle. Aus der Parfumabteilung weht eine Duftwolke zu mir herüber, und suchend sehe ich mich um. Auf einer großen, mit geschwungener Schrift beschriebenen Tafel neben der Rolltreppe steht: Heute ab 9 Uhr in der Spielwarenabteilung: Der echte Weihnachtsmann! Alle Kinder sind herzlich eingeladen! Sehr gut. Wenigstens wurde ich gebührend angekündigt. Das Stockwerk hätten sie ruhig dazuschreiben können. Ich vertiefe mich in den unübersichtlichen Gebäudeplan und frage mich, warum eigentlich niemand am Eingang gewartet hat, um mich zu begrüßen. Aber ich will nicht wieder davon anfangen, dass früher alles besser war.

Nachdem ich mich endlich orientiert habe, fahre ich mit der Rolltreppe in den dritten Stock. Ich hätte aber auch einfach dem Lärmpegel folgen können. Kurz bevor ich in der Spielwarenabteilung ankomme, beginnt mein Herz, schneller zu schlagen, der Kragen meines Anzugs scheint enger und enger zu werden, und die Weihnachtsdekoration verschwimmt vor meinen Augen. Eine Panikattacke, wie ich sie in letzter Zeit häufiger erlebe, rollt heran. Ausgerechnet jetzt. Das ist nicht gut. Gar nicht gut. Ich stelle meinen Gürtel ein Loch weiter und hoffe, dass das Bauchkissen dadurch nicht den Halt verliert. Warum nur habe ich solche Angst? Es sind doch bloß Kinder. Um mich zu beruhigen, mache ich Atemübungen. Einatmen, zwei, drei, vier, und tieeef ausatmen, zwei, drei, vier, fünf, sechs, einatmen, zwei, drei, vier, und tiiiieeeef ausatmen, zwei, drei, vier, fünf, sechs. Langsam beruhigt sich mein Puls wieder. Kein Ding. Ich habe alles im Griff. Einatmen, zwei, drei, vier …

Vor lauter Konzentration verpasse ich das Ende der Rolltreppe, und so stolpere ich wenig elegant ein paar Meter vorwärts, bevor ich mich im letzten Moment fange. Verlegen sehe ich mich um, aber natürlich ist niemandem mein peinlicher Auftritt aufgefallen. Ich bin noch nicht einmal bemerkt worden.

Sehr viel weniger Kinder, als man nach dem Lärm schließen könnte, rasen wie die Verrückten zwischen den mit Spielzeug vollgestopften Regalen herum, reißen Puppen und Stofftiere aus der Auslage oder spielen Fußball mit dafür nicht vorgesehenen Gegenständen.

»Platz da!!!« Ungebremst rennt ein Steppke von etwa acht Jahren auf mich zu, und wir prallen mit voller Wucht zusammen.

Ich kann von Glück sagen, dass ich mein Daunenkissen vorgeschnallt habe, sonst hätte das übel enden können.

»Ho, ho, ho«, sage ich in meiner tiefen Weihnachtsmann-Stimme, »nicht so stürmisch, kleiner Mann.«

Er wühlt seinen Kopf aus meinem Bauch hervor und sieht zu mir hoch.

Ich lächle mein gütiges Weihnachtsmann-Lächeln.

»Ach, hallo«, erwidert der Knirps gleichgültig, dreht sich auf dem Absatz um und rennt in die andere Richtung davon.

Nicht die Reaktion, die ich mir erhofft hatte.

Zwei Meter von mir entfernt beginnt ein kleines Mädchen zu kreischen, weil sie ihrer Barbie den Kopf abgerissen hat.

In meinem eigenen kündigt sich mit einem leisen Pochen eine Migräne an.

Die Mutter des Kindes kreischt fast noch lauter, weil sie die Puppe jetzt bezahlen muss, und behauptet, zur Strafe würde der Weihnachtsmann dieses Jahr nicht kommen. Entsetzt blickt das kleine Mädchen hoch – und entdeckt mich.

»Er kommt ja wohl! Ätsch, du blöde Kuh.«

Ich schüttle meinen schmerzenden Kopf, in der Hoffnung, mich verhört zu haben.

»Da ist er doch.« Sie rennt auf mich zu, die kaputte Barbie wie eine Waffe erhoben, und stellt sich breitbeinig vor mich hin.

»Na wunderbar.« Mich trifft ein vorwurfsvoller Blick der Mutter. »Ausgerechnet jetzt kommen Sie doch noch.«

»Mach sie heil«, verlangt das Mädchen und streckt mir die Puppe entgegen.

»Hast du der Puppe den Kopf etwa mit Absicht abgerissen?«, frage ich streng und sehe die Mutter Beifall heischend an. Die schaut misstrauisch zurück.

»Ja!« Das Gör scheint ungemein stolz auf sich zu sein.

»Und hast du deine Mama eben wirklich eine blöde Kuh genannt?«

»Ja.«

»Das war aber sehr ungezogen von dir. Weißt du denn nicht, dass der Weihnachtsmann nur lieben Kindern Geschenke bringt?«

»Was erlauben Sie sich?« Voller Entrüstung sieht die Mutter mich an. »Sollten Sie in Ihrem Job nicht wenigstens ein paar Grundkenntnisse in Pädagogik besitzen?«

»Wie meinen?«

»Dann wüssten Sie nämlich, dass Sie durch derart unbedachte Äußerungen das Selbstwertgefühl meiner Tochter dauerhaft zerstören können.« Sie streichelt dem Mädchen über das Haar und beugt sich zu ihr hinunter. »Du bist ein ganz liebes Mädchen, Nele! Und Mama hat dich sehr lieb.«

»Das habe ich doch gar nicht bestritten«, verteidige ich mich.

»Wenn Sie der Nele sagen, dass sie ein böses Kind ist, dann denkt sie, mit ihr wäre etwas nicht in Ordnung. Dann beginnt sie, sich selbst abzulehnen, und wird später magersüchtig oder bekommt Depressionen.«

Ich glaube ja, die Tochter ist eher der Typ zukünftige Psychopathin. So eine, die Leute enthauptet und ihre Köpfe in der Tiefkühltruhe aufbewahrt. Ich weiß auch nicht, woher ich die Willenskraft nehme, diese Bemerkung für mich zu behalten.

»Aber Sie haben doch eben selber wegen der Barbie mit ihr geschimpft«, wende ich stattdessen ein.

»Ich bin ja auch ihre Mutter. Ich darf das. Aber wie kommen Sie zu der Annahme, Sie dürften einfach so an anderer Leute Kinder herumerziehen?«

»Ich bin immerhin der Weihnachtsmann.«

»Sie sind ein Idiot!« Brüsk wendet sie mir den Rücken zu.

»Doofer Weihnachtsmann«, quäkt Nele und tritt mir vors Schienbein. Ich hasse Kinder!

Schließlich finde ich wenigstens den Armleuchter. Nach einer weiteren Schimpftirade führt er mich zu dem samtbezogenen Sessel auf der kleinen Bühne in der Ecke. Eigentlich ist es mehr ein Podest, aber immerhin steht darauf ein relativ geschmackvoll dekorierter Weihnachtsbaum mit hübsch verpackten Geschenken darunter.

Ächzend lasse ich mich nieder und strecke die Beine aus. Von jetzt an kann der Tag ja eigentlich nur besser werden.

Mit dem Mikrofon in der Hand versucht der Armleuchter, sich Gehör zu verschaffen.

»Kinder, bitte, seid mal kurz leise, ihr lieben Kinder. Hallo? Kann man mich hören?«

Natürlich kann man ihn hören. Klar und deutlich schallt seine Stimme aus den großen Lautsprecherboxen. Die Blagen scheren sich nur leider einen Dreck um ihn. Beinahe tut er mir ein bisschen leid.

»Liebe Eltern«, versucht er einen neuen Ansatz, »vielleicht könnten Sie die lieben Kleinen wieder einfangen? Und kurz mal zum Schweigen bringen? Bitte.«

Ein paar Muttis versuchen ihre Kinder durch Bestechung ruhigzustellen, aber ohne Erfolg.

Dem Armleuchter treten Schweißperlen auf die Stirn, doch bevor mein Mitleid gar zu groß wird, wirft er mir einen scheelen Blick zu.

»Das ist alles Ihre Schuld«, zischt er wütend. »Bitte, liebe Kinder …«

Wenn überhaupt, wird es um uns herum noch lauter. Das schrille Geschrei zerrt an meinen Nerven, mir droht der Kopf zu platzen. Als ich glaube, es keine einzige Sekunde mehr ertragen zu können, stehe ich auf und reiße Armleuchter das Mikro aus der Hand.

»RUHE JETZT!«

Sofort ist es mucksmäuschenstill. Man könnte eine Stecknadel zu Boden fallen hören. Allerdings nur eine Sekunde lang, dann geht das Geschnattere weiter – aber immerhin so weit gedämpft, dass Armleuchter mit seiner Ankündigung fortfahren kann.

Während ich mich wieder hinsetze, beobachte ich aus dem Augenwinkel, wie Neles Mutter ihre Tochter in Richtung Rolltreppe zerrt. Wahrscheinlich ist sie der Meinung, dass niemand außer ihr dem Mädchen den Mund verbieten darf.

»So, nun ist er also endlich da«, verkündet Armleuchter erschöpft. »Es war eine lange Reise vom Nordpol bis hierher, nicht wahr, Santa?« Er hält mir das Mikrofon vor die Nase.

»Eine weite Reise, und ob.« Ich nicke bestätigend. »Wie ihr sicher wisst, fliege ich in der Vorweihnachtszeit mit meinem Rentierschlitten durchs ganze Land. Ich muss viele Kinder besuchen und ihnen Geschenke bringen.«

»So, wer möchte denn als Erstes nach vorne kommen?«, erkundigt sich der Armleuchter, doch niemand scheint sich so richtig zu trauen.

Ich entspanne mich ein wenig. Manche Dinge ändern sich eben nie. Sicher, die Kinder von heute sind vielleicht ein bisschen wilder als noch vor dreißig Jahren, aber den gebührenden Respekt vor dem Weihnachtsmann haben auch sie nicht verloren. Wenn sie sich auch nicht mehr wie damals mit angstvoll geweiteten Augen hinter den Beinen ihrer Mütter verstecken. Diesen Effekt schreibe ich aber sowieso eher meinem ehemaligen Ko-Star Knecht Ruprecht zu als meiner eigenen Person. Rupert war schon ein düsterer Geselle. »Gruselig«, wie die Kinder gern mit einem wohligen Schauer geflüstert haben.

»Nana, nicht so schüchtern.« Freundlich lächle ich einem Grüppchen Jungs zu, die sich am Rand der Bühne versammelt haben und einander gegenseitig in meine Richtung zu schubsen versuchen.

»Mach du.«

»Selber.«

»Du traust dich wohl nicht.«

»Keine Angst.« Einladend strecke ich einem strohblonden Jungen von etwa sieben Jahren die Hand entgegen.

Zögernd und kichernd, begleitet von den Anfeuerungsrufen seiner Freunde, kommt er auf mich zu. »Wie heißt du denn, mein Junge?«

»Tom.« Mit einem Sicherheitsabstand bleibt er vor mir stehen.

»Und freust du dich schon auf Weihnachten? Tom?« Es irritiert mich, dass der Junge sich viel mehr für seine Kumpels zu interessieren scheint als für mich. Den Weihnachtsmann.

»Nun mach schon«, flüstert einer von denen ihm zu.

»Feigling«, ruft ein anderer.

Bei diesem Wort kommt Bewegung in den Knirps vor mir, und mit drei schnellen Schritten ist er bei mir. Ehe ich michs versehe, hat er beide Arme ausgestreckt und meinen Bart gepackt. Ein Ruck, und er hält das gute Stück in den Händen. Mit einem Triumphschrei rennt er zurück zu seiner Clique, meinen Bart wie eine Fahne schwenkend.

»Hab ihn, hab ihn!«

Mein Gesicht glüht wie Feuer. Zum einen vor Scham, zum anderen, weil der von mir verwendete Bartkleber »Everlast« hält, was er verspricht. Es fühlt sich an, als hätte er mir die Gesichtshaut gleich mit abgerissen.

Eine Frau löst sich aus den hinteren Reihen und eilt nach vorne. Wahrscheinlich seine Mutter. Das fällt ihr aber früh ein.

Der Armleuchter steht mit hängenden Schultern abseits. Von dort ist also keine Hilfe zu erwarten.

Tom lässt sich von seinen Kumpels feiern, als seine Mutter auf ihn zutritt.

»Tom? Schätzchen?«, flötet sie, und mir wird einiges klar.

Er macht eine Handbewegung, als wollte er eine lästige Fliege verscheuchen.

»Liebling? Dreh dich bitte mal um zu mir, Schatz. Ja? Willst du das bitte tun?«

Erstaunlicherweise dreht er sich tatsächlich um.

»Hau ab, Mama!«

»Warum hast du denn dem Weihnachtsmann den Bart abgerissen, Tommilein?«

»Weil ich Bock drauf hatte.« Wieder schwingt er triumphierend meinen handgeknüpften Bart, und seine Freunde johlen im Hintergrund.

Seine Mutter versucht, noch immer beruhigend säuselnd, ihrem Sohn den Bart abzuringen, ohne ihm dabei wehzutun. Trotzdem brüllt er wie am Spieß und schlägt wild um sich. Seine Faust trifft ihre Nase, und Blut spritzt daraus hervor.

Hinter meinen Augäpfeln explodiert etwas. Ich springe von meinem Sessel und bin mit zwei langen Schritten bei den beiden.

»Was fällt dir ein?«, brülle ich so laut, dass die ganze Spielwarenabteilung in Schockstarre verfällt.

Tom sieht mich aus großen Augen an und macht einen Schritt rückwärts.

»Nicht so schnell.« Ich packe ihn am Arm, und er wimmert erschreckt auf. »Gib mir meinen Bart wieder!«

Eilig streckt er ihn mir entgegen.

Ich lasse den Bengel los und reiche seiner blutenden Mutter ein Taschentuch.

»Ach, schon gut. Danke«, näselt sie, während das Blut auf ihre Bluse tropft. »Das hat der Tom nicht absichtlich gemacht. Nicht wahr, Tommilein?«

Er schüttelt den Kopf und sieht mich an.

»Echt nicht«, murmelt er leise, aber immerhin. Vielleicht gibt es für ihn noch Hoffnung. Bei der Mutter wage ich das allerdings zu bezweifeln.

Als ich zurück zu meinem Platz gehe, zuckt der Armleuchter erschreckt zusammen und hält schützend die Arme vors Gesicht. Aus weit aufgerissenen Augen sieht er mich an. Was denkt der denn? Dass ich ihn jetzt vermöbeln werde? Ich bin Pazifist.

»Ich hab dir doch gesagt, der ist nicht echt. Das ist bloß ein arbeitsloser Schauspieler. Den Weihnachtsmann gibt’s gar nicht«, flüstert eines der Kinder halblaut. Laut genug. Mein Geduldsfaden – ein Wunder, dass er überhaupt so lange gehalten hat – reißt. In einem kurzen Handgemenge entwinde ich dem Armleuchter sein Mikro und stürme damit zurück auf die Bühne.

 

2.

Wenige Minuten später stürze ich aus dem Haupteingang des Kaufhauses auf den Jungfernstieg hinaus und mische mich unter die Passanten.

Es hat wieder zu schneien begonnen, und die vielen bunten Schirme erleichtern es mir, in der Menge unterzutauchen.

Noch immer pocht es in meinen Schläfen, und mein Atem geht kurz und stoßweise. So schnell ich kann, drängle ich mich durch die Menschenmassen und eile auf meinen Schlitten zu. Mit einem Satz bin ich auf dem Bock und schnalze mit der Zunge.

»Auf geht’s, Rudi! Nichts wie weg hier.«

Doch mein Rentier scheint es lange nicht so eilig zu haben wie ich. Mit vorwurfsvollem Blick wendet er sich zu mir um, und erst in diesem Moment bemerke ich das Mädchen mit den karottenroten Zöpfen unter der Pudelmütze, das neben ihm steht und bis eben seinen Hals gestreichelt hat. Jetzt lässt es die Hand sinken und starrt mich aus kugelrunden dunklen Augen an.

»Aus dem Weg!« Mit einer ungeduldigen Handbewegung scheuche ich sie weg, doch die Kleine steht wie angewurzelt. Ihr Mund formt ein lautloses Oh. Unter normalen Umständen würde mir ihre Reaktion wahrscheinlich schmeicheln, aber dies hier sind keine normalen Umstände. »Mach Platz!« Ich schiele in Richtung des KaDeNo, und tatsächlich treten in diesem Moment drei breitschultrige Männer in schwarzen Anzügen mit Headsets eilig aus dem Eingang. Die sehen nicht so aus, als wäre mit ihnen gut Kirschen essen.

»Du bist der Weihnachtsmann, oder?«, piepst die Kleine.

»Erraten«, knurre ich, während mir der Schweiß aus allen Poren bricht, »und ich habe es sehr eilig.«

»Ich meine, du hast dich nicht bloß verkleidet. Du bist es wirklich.« Überrascht sehe ich sie an.

»Ja. Das stimmt.«

»Du musst mir helfen.«

In diesem Moment entdecken mich die Schränke vom Sicherheitsdienst. Einer deutet mit der Hand in meine Richtung und ruft seinen Kollegen etwas zu.

»Ich muss gerade nur eins. Abhauen«, sage ich, und endlich erfasst auch Rudi den Ernst der Lage und legt einen Blitzstart hin. Binnen Sekunden sind wir in der Luft.

Während sich die Security-Männer verwirrt umsehen, folgt uns der Blick des Mädchens, bis wir in die Wolkendecke eintauchen.

SKANDAL IM KADENO – SANTA RASTET AUS

Nach Tobsuchtsanfall: Vom Weihnachtswüterich fehlt jede Spur

»Der echte Weihnachtsmann, nur bei uns«, so großspurig warb das KaDeNo für seine Vorweihnachts-Aktion. Hamburgs edelstes Kaufhaus wollte die Kassen gestern so richtig klingeln lassen. Doch der Schuss ging voll nach hinten los. »Der Schauspieler, der den Weihnachtsmann geben sollte, kam um Stunden zu spät«, berichtet uns eine Augenzeugin: »Er sah schmutzig und ungepflegt aus und roch nach billigem Fusel.« Da wundert es schon, dass Geschäftsführer Michael Heimann (44) trotz der augenscheinlichen Verwahrlosung des Darstellers die Aktion nicht abbrach. »Er verlangte von den Kindern, dass sie zu Santa auf die Bühne kommen.« Die meisten besorgten Mütter hielten ihre Sprösslinge zurück – zu Recht, wie sich nur Minuten später herausstellen sollte. »Mein Tommi ging zu ihm. Er ist so vertrauensselig, glaubt immer an das Gute in den Menschen. Aus Versehen ist er am Kostüm des Weihnachtsmanns hängen geblieben und hat ihm den Bart abgerissen. Er hat es nicht mit Absicht getan.« Friederike L. (38) treten bei der Erinnerung die Tränen in die Augen. »Da hat der Mann meinen Sohn beschimpft und ihm mehrere harte Schläge versetzt.« Auch die Mutter scheint in der Bemühung, ihr Kind zu retten, Opfer der Gewalttätigkeit des falschen Santa Claus geworden zu sein, jedoch will sie das Hämatom in ihrem Gesicht nicht kommentieren. Nach diesem tätlichen Angriff begann der Wüterich, unflätig auf Kinder und Eltern einzuschimpfen. Zu guter Letzt reckte er den Stinkefinger und flüchtete, bevor der herbeigerufene Sicherheitsdienst ihn dingfest machen konnte. »Wir arbeiten seit Jahren mit diesem Darsteller zusammen, und noch nie gab es Probleme«, so Heimanns Presseerklärung nach dem Vorfall, »jedoch sind wir uns unserer Mitverantwortung voll und ganz bewusst.« Der bartlose Berserker ist weiterhin flüchtig.

Ich lasse die Zeitung sinken und ringe einen Moment um Fassung. Diese Schmierfinken!

»Ich habe niemanden geschlagen«, beteuere ich in Rudis Richtung, der es sich auf dem Kaminvorleger bequem gemacht hat. Verständnislos sieht er mich an. Eben. So etwas sollte ich noch nicht einmal erwähnen müssen. Ich schlage keine Kinder. Auch keine Erwachsenen. Überhaupt keine Lebewesen. Niemals. »Der kleine Rotzlöffel haut seiner Mutter die Nase blutig, und dafür soll ich jetzt geradestehen. Was ist nur aus der Welt geworden?«

Natürlich, auch in den vergangenen Jahrzehnten bin ich das eine oder andere Mal mit der Presse aneinandergeraten. Das lässt sich in einer Position wie meiner überhaupt nicht verhindern. Jedem Prominenten geht es so.

Ich erinnere mich an das Jahr 1989, als irgend so ein Käseblatt-Schreiberling behauptete, ich hätte eine Politikergattin geschwängert.

Oder 1994, als ich mir angeblich Wangenknochen-Implantate habe machen lassen und sich die Journaille darauf stürzte wie die Wölfe auf das Lamm.

Ja, ich habe schon so manche Skandalmeldung über mich gelesen. Und sie jedes Mal überstanden.

»Heute gedruckt, und morgen wird der Fisch drin eingewickelt«, versuche ich mich selbst zu beruhigen und fege den EXPRESS mit einer schnellen Handbewegung vom Tisch. Dabei bin ich an diesem Morgen extra früh aufgestanden, um in Ruhe die Zeitung lesen zu können. Und vielleicht sogar ein bisschen aufzuräumen. Doch die Lust dazu ist mir vergangen.

Stattdessen wende ich mich dem mickrigen Poststapel zu, der auf der Fußmatte auf mich wartet. Die Zeiten der von Kinderhand geschriebenen Wunschzettel sind lange vorbei, von den Fanbriefen sehnsüchtiger Hausfrauen ganz zu schweigen. Denn heute gibt es ja schließlich E-Mail. Nachdem ich Werbung und ein paar Rechnungen aussortiert habe, bleibt ein einziger, irgendwie amtlich anmutender Brief übrig. Mit einem mulmigen Gefühl in der Magengegend reiße ich den Umschlag auf.

Weihnachtsbehörde

Sternenstr. 1

16798 Himmelspfort

Abmahnung

Sehr geehrter Herr Santa Claus,

leider ist uns zu Ohren gekommen, dass Sie am Samstag, den 10. Dezember, im Kaufhaus des Nordens in Hamburg, kurz KaDeNo, in Ausübung Ihrer Tätigkeit als Weihnachtsmann massiv und mehrfach gegen die Dienstvorschriften (Kopie in Anlage) verstoßen haben. Laut unserer Quellen bezogen sich die Verstöße insbesondere auf die folgenden Paragraphen:

§1

Ein Weihnachtsmann ist jederzeit liebenswürdig und freundlich.

§3

Ein Weihnachtsmann verliert niemals die Geduld.

§4

Ein Weihnachtsmann flucht nie und verzichtet auf Obszönitäten jeder Art.

§6

Ein Weihnachtsmann erhebt niemals die Stimme, es sei denn, um

a) ein Weihnachtslied anzustimmen oder

b) am Ende eines gelungenen Auftritts seinen guten Wünschen etwas mehr Nachdruck zu verleihen.

§7

Ein Weihnachtsmann achtet vorbildlich auf seine Uniform. Sie ist stets frisch gewaschen und gebügelt.

§8

Ein Weihnachtsmann erscheint niemals alkoholisiert zu einer seiner Pflichten.

§13

Niemals erhebt ein Weihnachtsmann die Hand gegen ein Kind. Auch seinen Knecht Ruprecht hält er dazu an, damit allenfalls zu drohen.

Sollten Sie noch einmal den Ehrenkodex für Weihnachtsmänner missachten, haben Sie mit weiteren arbeitsrechtlichen Konsequenzen bis hin zu einer, gegebenenfalls auch fristlosen, Kündigung zu rechnen.

Ferner halten wir eine Prüfung und Begutachtung Ihrer Berufseignung für unabdingbar und fordern Sie hiermit auf, sich am Mittwoch, den 14. Dezember, um 10 Uhr zur medizinisch-psychologischen Untersuchung in der MPU-Stelle einzufinden. Bis zu diesem Zeitpunkt ist es Ihnen untersagt, als Weihnachtsmann zu praktizieren. Sämtliche Termine wurden von uns abgesagt oder verschoben.

Lukas van den Brink

Leiter der Personalabteilung

Wie vom Donner gerührt stehe ich in der Diele, unfähig, auch nur einen einzigen Muskel zu bewegen. Dann krame ich hektisch nach meinem Telefon und rufe den Kalender des heutigen Tages auf. Wenn mich nicht alles täuscht, stehen etwa ein halbes Dutzend Auftritte bei diversen Weihnachtsmärkten auf dem Programm. Gestern Nacht habe ich noch darüber geflucht, aber als ich jetzt das leergefegte Display sehe, versetzt es mir einen Stich. Man zweifelt also meine Berufseignung an? Nachdem ich mich die letzten dreißig Jahre mit Haut und Haaren in den Dienst der Menschheit gestellt habe? Und nun soll ich zum Idiotentest? Ich? Die Buchstaben verschwimmen vor meinen Augen. Das ist nun also der Dank? Dass man einem Schmierfinken vom EXPRESS mehr glaubt als mir? Mich vom Dienst suspendiert, ohne vorher auch nur meine Version der Geschichte zu hören? Sicher, besonders geduldig und liebeswürdig war ich vielleicht nicht. Aber zum Teufel, auch mir platzt mal der Kragen. Die Kinder von heute! Ist denen von der Personalabteilung eigentlich klar, womit ich tagein, tagaus zu kämpfen habe? Und denken die vielleicht, dass jemand anders es besser könnte?

Noch einmal lese ich den Brief und erstarre, als ich die Unterschrift sehe. Lukas van den Brink? Das ist also aus ihm geworden, nachdem er im Rennen um den Job des Weihnachtsmanns den Kürzeren gezogen hat. Ein Sesselfurzer bei der Weihnachtsbehörde. Dieses Arschloch! Schon auf der Schule waren wir uns spinnefeind. Kein Wunder, dass der die erste Gelegenheit beim Schopfe packt, um mir eins reinzuwürgen. Und dann tut er auch noch so, als wüsste er nicht, mit wem er es zu tun hat. Als wären wir nicht alte Erzfeinde. »Sehr geehrter Herr Santa Claus«. Und der will mich also einschüchtern? Ha! Das werden wir ja sehen.

Mit grimmiger Entschlossenheit stürme ich die Treppe hinauf in mein Büro und fahre den Computer hoch. Mit fliegenden Fingern und klopfendem Herzen beginne ich zu schreiben.

Von: santa.claus@weihnachtsmann.de

Gesendet: Sonntag, 11. Dezember 2016 15:18

An: l.vandenbrink@weihnachtsbehoerde.de

Betreff: Ihr freundliches Anschreiben


Sehr geehrter Herr van den Brink,

vielen Dank für Ihren Brief. Zunächst einmal möchte ich Ihnen herzlich zu Ihrer eigenen Berufseignung gratulieren. Sie verstehen wirklich etwas von Personalführung. Und sosehr es mich auch freuen würde, Sie einmal persönlich kennenzulernen und einem derart qualifizierten Personalleiter die Hand zu schütteln, muss ich zu meinem größten Bedauern Ihre freundliche Einladung ausschlagen. Ihre Eignungsprüfung können Sie sich gemeinsam mit dem Ehrenkodex für Weihnachtsmänner in den Hintern schieben. Für den unwahrscheinlichen Fall, dass der Stock darin nicht bereits zu viel Platz einnimmt. Nach drei Jahrzehnten treuen Dienstes wollen Sie mir die Zulassung entziehen? Die Mühe können Sie sich sparen. Ich kündige! Ja, Sie haben richtig gelesen. Ich schmeiße hin!

Santa Claus

Weihnachtsmann a. D.

Ich drücke auf Senden, und schon verschwindet meine Nachricht in den unendlichen Weiten des Internets.

Als mich jemand von hinten an der Schulter berührt, fahre ich erschrocken zusammen. Aber es ist nur Rudi, der mich aus seinen braunen Augen vorwurfsvoll anschaut.

»Rudi, wie oft soll ich dir noch sagen, dass du hier oben nichts verloren hast? Du bist nicht mehr der Jüngste, irgendwann brichst du dir auf den Treppenstufen noch mal die Haxen. Komm, alter Junge!« Ich tätschle ihm die Flanke. »Wir machen einen Ausflug.«

In diesem Moment landet mit leisem Pling eine E-Mail in meinem Briefkasten. Es ist die gefühlt zehnte Erinnerung an mein dreißigjähriges Klassentreffen, das heute Abend stattfinden wird. Natürlich hatte ich schon mehrfach abgesagt. Ein Klassentreffen im Dezember. Da kann auch nur einer drauf kommen, dessen Beruf nicht mit der Weihnachtszeit verknüpft ist. Aber unter den gegebenen Umständen habe ich ja heute Zeit.

»Bin dabei, bis nachher!«, haue ich schnell in die Tasten, bevor ich Rudi vorsichtig die Treppe hinuntergeleite.

Als wir ins Freie treten, empfangen uns ein Schneesturm und klirrende Kälte. Man kann kaum die Hand vor Augen erkennen. Nicht gerade das ideale Wetter für eine Spritztour, aber meinem Enthusiasmus tut das keinen Abbruch. Ich fühle mich so frei wie seit meiner Jugend nicht mehr. Es kostet mich einige Mühe, Rudi davon zu überzeugen, dass er heute nicht vor den Schlitten gespannt wird. Stattdessen schwinge ich mich auf seinen Rücken und schnalze mit der Zunge. Wohin es geht, das weiß ich selbst noch nicht. Es ist ein herrliches Gefühl. Und so galoppieren wir einfach über die Schneedecke dahin. Der Wind bläst mir eisig ins Gesicht, die Schneeflocken bringen meine Haut zum Prickeln, und ich juchze vor Freude. Mein erster freier Dezembertag in dreißig Jahren. Ha! Das haben die nun davon. Nur ganz kurz überfällt mich das schlechte Gewissen, dass heute vielleicht doch ein paar Kinder bitter enttäuscht sein werden. Aber das ist nun wirklich nicht meine Schuld. Soll Lukas doch sehen, wie er mit all den Beschwerdebriefen zurechtkommt. Und die werden kommen, da bin ich mir ganz sicher.

Genauso sicher bin ich mir, dass man vor mir zu Kreuze kriechen wird. Ein, zwei Tage ohne mich, und das mitten in der Vorweihnachtszeit, das wird die Dinge schon wieder ins rechte Licht rücken.

Willst du gelten, mach dich selten. Vielleicht hätte ich mich schon früher einmal rarmachen sollen, überlege ich, während Rudi, dem das Laufen anscheinend zu langweilig geworden ist, sich in die Lüfte erhebt. Ein kleiner Warnstreik hier und da, möglicherweise wäre es dann gar nicht so weit gekommen. Aber das hätte einfach nicht meinem Berufsethos entsprochen. Dennoch ist es leider so, dass es niemandem auffällt, wenn man seinen Job perfekt erledigt. Aber nun werden sie schon sehen, was sie davon haben. Ich male mir aus, wie Lukas, mit vor Demütigung schmalen Lippen und einem riesigen Präsentkorb im Arm, vor meiner Haustür erscheint und mich auf Knien anfleht, die Arbeit wieder aufzunehmen. Weil Weihnachten ohne mich nicht das Gleiche ist. Es tut ihm leid, dass er mich nicht zu schätzen wusste. Er bietet sogar an, von seinem eigenen Posten zurückzutreten, solange ich nur bitte, bitte, bitte wieder an die Arbeit gehe.

Rudi gibt einen schnaubenden Laut von sich und bockt unwillig. Offensichtlich habe ich ihm, angestachelt von dieser Fantasie, ein bisschen zu hart die Sporen gegeben.

»Tut mir leid, Rudi, war keine Absicht.« Entschuldigend tätschle ich ihm den Nacken. Dabei spüre ich, dass sein Fell vom Schnee mittlerweile völlig durchnässt ist. Ich selbst bin auch schon ganz steifgefroren.

Höchste Zeit für ein kurzes Päuschen.

Durch das dichte Schneetreiben entdecke ich ein gemütlich aussehendes Café und lande in dem dahintergelegenen Wäldchen.

»Dich kann ich leider nicht mit reinnehmen.« Bedauernd sehe ich mein Rentier an, während ich mich suchend nach einem Unterstand für ihn umsehe. »Aber ich bringe dir einen schönen heißen Kakao mit, okay?«

Rudi nickt zufrieden.

Ich entdecke einen verlassenen Hochsitz, unter dem er Platz findet, reibe sein Fell notdürftig trocken und lege ihm eine dicke Wolldecke über den Rücken, die ihn wärmen soll.

»Also, bis später.«

Als ich durchgefroren und klamm den kleinen Gastraum betrete, empfangen mich behagliche Wärme und lebhaftes Stimmengewirr. Es duftet nach Spekulatius und Kakao, Marzipan und Glühwein. Bevor ich mich nach einem Platz umsehe, schließe ich kurz die Augen, nehme mit einem tiefen Atemzug genießerisch die Aromen in mich auf und weiß plötzlich wieder, was ich an Weihnachten von jeher so geliebt habe. Es ist eben eine ganz besondere Zeit. Die schönste Zeit des Jahres. Klirrende Kälte draußen, gemütliche Wärme in den Häusern, köstliches Essen, familiäres Beisammensein und Liebe zwischen den Menschen.

Ein heftiger Stoß reißt mich aus meinen Gedanken, und ich stolpere ein paar Schritte vorwärts, aus dem Gleichgewicht gebracht.

»Passen Sie doch auf, Sie!« Eine Frau mittleren Alters in weißer Schürze, mit mausbraunem Haar und grellorange geschminkten Lippen, sieht mich vorwurfsvoll an, während sie ein Tablett mit dampfenden Bechern darauf auszubalancieren versucht. »Wo kommen Sie denn so plötzlich her? Und was stehen Sie hier in der Gegend rum?«

»Oh, Entschuldigung«, stammle ich perplex. »Hätten Sie vielleicht noch einen Platz für mich?«

»Haben Sie reserviert?«

»Leider nicht.« Bedauernd hebe ich die Schultern.

»Tja, dann vergessen Sie’s.« Brüsk wendet sie mir den Rücken zu.

»Moment mal, Sie werden doch wohl noch für eine einzelne Person …«

»Es ist nichts frei. Ist kurz vor Weihnachten.«

Eben, will ich am liebsten rufen. Wissen Sie denn nicht, wer ich bin?

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