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Sanft flüstern die Wellen der Liebe

1. KAPITEL

Savannah Kane fragte sich, ob es tatsächlich Männer gab, die zugleich umwerfend attraktiv, charmant und zuverlässig waren. Und für den Fall, dass diese seltene Spezies wirklich existierte, warum ihr noch nie ein solches Exemplar über den Weg gelaufen war.

Seufzend warf sie einen letzten Blick auf das Cover des Hörbuches, das sie auf der Überfahrt von Quiberon nach Le Palais gehört hatte, dann öffnete sie das Handschuhfach ihres Wagens und legte die CD hinein. Nein, Männer vom Typ Richards, des Helden dieses vertonten Liebesromans, waren definitiv bereits vor Jahrhunderten ausgestorben. Und an denen, die sich heutzutage noch auf dem Markt befanden, hatte Savannah nicht das geringste Interesse. Doch da sie ohnehin fest entschlossen war, sich nie wieder auf einen Mann einzulassen, konnte ihr das im Grunde auch gleichgültig sein. Einmal die Erfahrung zu machen, dass man sich auf das andere Geschlecht besser nicht verlassen sollte, war mehr als genug für sie gewesen. Noch einmal brauchte sie eine solche Enttäuschung wirklich nicht.

Genug. Sie atmete tief durch und versuchte, ihre Gedanken wieder in eine andere Richtung zu lenken. Es gab wirklich wichtigere Dinge, mit denen sie sich beschäftigen sollte. Zum Beispiel mit der Frage, ob sie sich überhaupt noch auf dem richtigen Weg befand. Ohne das Tempo zu verlangsamen, schielte sie auf die Straßenkarte, die zerknittert auf dem Beifahrersitz des Vauxhalls lag. Weit konnte es nicht mehr sein – aber das hatte Savannah auch schon vor einer guten Stunde geglaubt, als sie aus Le Palais losgefahren war.

Der freundliche ältere Herr, der sich auf der Holzbank direkt gegenüber dem Fremdenverkehrsbüro fest eingerichtet zu haben schien, hatte ihr den Weg ganz genau beschrieben. Eigentlich musste sie lediglich der Küstenstraße folgen, die die ganze Insel umspannte, und dann an einer bestimmten Stelle nach links auf einen Seitenweg abbiegen. War sie vielleicht bereits zu weit gefahren und hatte die richtige Abzweigung verpasst?

Alles, nur das nicht. Es war längst Nachmittag, in ein paar Stunden würde es zu dämmern beginnen. Und Savannah hasste es, im Dunkeln zu fahren. Wenn es gar nicht anders ging, musste sie ihre Fahrt in der nächsten Ortschaft, die sie durchquerte, unterbrechen. Es würde sich sicherlich ein Zimmer finden, in dem sie für eine Nacht unterkommen konnte. Aber mit ein wenig Glück kam es erst gar nicht so weit.

Bald schon ließ der Anblick der eindrucksvollen und abwechslungsreichen Landschaft sie all ihre Sorgen vergessen. Wahrlich, die Belle-Île-en-Mer trug, als größte Insel im Atlantik vor der südbretonischen Küste, nicht umsonst diesen Namen, denn sie war wirklich eine Schönheit. Savannah hatte ihr Herz an dieses bezaubernde Fleckchen Erde schon in dem Moment verloren, als sie die beiden Leuchttürme erblickt hatte, die die Hafeneinfahrt von Le Palais säumten. Ihr Weg führte sie quer über die ganze Insel, deren Landschaft von dichten Wäldern, sanften Tälern und in den Küstenregionen von feinsandigen Stränden und kleinen Buchten bestimmt wurden, die im Sonnenlicht smaragdgrün schimmerten. Mittlerweile war sie in den felsigen, wild zerklüfteten Küstenabschnitt vorgedrungen, der sich laut Karte Côte Sauvage nannte. Irgendwo hier ganz in der Nähe musste sich das Anwesen der Bestsellerautorin Angélique Arnauld befinden.

Verärgert schüttelte sie den Kopf. Sie war wirklich gerne TV-Journalistin, besonders die Arbeit hinter der Kamera, das Verfolgen kleinster Hinweise, an deren Ende vielleicht die ganz große Story stand, machte ihr Spaß. Doch es gab ein paar Dinge, die einem diesen Job wirklich vermiesen konnten. Schlechte Vorbereitung war nur ein Beispiel. Wenn ihr Chef sie schon auf gut Glück zu einem Autoren-Workshop unter der Leitung der berühmten Schriftstellerin schickte, um vielleicht einen kleinen Einblick in deren sonst so streng gehütetes Privatleben zu bekommen, wäre eine vernünftige Wegbeschreibung das Mindeste gewesen, was man erwarten konnte.

Plötzlich schrie Savannah erschrocken auf. Sie hatte den Blick nur ganz kurz von der Straße genommen, um noch einmal auf die Karte zu schauen, und als sie wieder aufblickte, stand das Pferd plötzlich da, nur knapp hundert Meter von ihr entfernt, mitten auf dem Weg.

Für den Bruchteil einer Sekunde war sie wie erstarrt. Doch dann stellte sich das Pferd laut wiehernd auf seine muskulösen Hinterbeine, und sie reagierte. Die Reifen kreischten protestierend, als sie das Bremspedal mit voller Kraft durchtrat. Auf dem staubigen Asphalt geriet der Wagen ins Schlingern, aber es gelang ihr, ihn in der Spur zu halten. Dann endlich blieb er stehen – etwas weniger als einen halben Meter vor der Hinterflanke des Tiers.

Savannahs Herz hämmerte wie wild gegen ihre Rippen. Sie musste einen Moment die Augen schließen, um das heftige Schwindelgefühl zurückzudrängen, das in ihr aufstieg. Liebe Güte, das war mehr als knapp gewesen!

In diesem Moment wurde die Fahrertür aufgerissen, und eine angenehm raue Stimme, die ihr einen wohligen Schauer über den Rücken rieseln ließ, fragte in völlig akzentfreiem Englisch: „Sind Sie verletzt? Können Sie aussteigen?“

Savannah blinzelte leicht verwirrt, als sie den attraktivsten Mann erblickte, der ihr jemals begegnet war. Leicht gewelltes dunkles Haar umrahmte ein kantiges, ausdrucksvolles Gesicht mit ausgeprägtem Kinn und kühn geschwungenen Brauen. Doch am eindrucksvollsten waren die Augen, die sie jetzt mit einer Mischung aus Ärger und Sorge musterten.

„Was ist denn nun? Haben Sie sich etwas getan?“

„Nein, ich … Ich bin in Ordnung.“ Irritiert über ihre Reaktion auf diesen – zugegeben attraktiven – Mann, rang sie sich ein Lächeln ab.

Er nickte. Dann bildete sich eine steile Falte auf seiner Stirn. „Sagen Sie, haben Sie vollkommen den Verstand verloren, hier einfach so durch die Gegend zu rasen? Haben Sie denn keine Augen im Kopf?“

„Wie bitte?“, protestierte Savannah empört. Sie löste ihren Sicherheitsgurt und stieg aus dem Wagen. Seine Hand, die er ihr helfend entgegenstreckte, ignorierte sie geflissentlich. Was bildete sich dieser Typ eigentlich ein? Gut aussehend hin oder her, eine solche Behandlung würde sie sich ganz gewiss nicht gefallen lassen. „Was wollen Sie eigentlich von mir? Wenn hier jemand Grund hat, sich zu beklagen, dann bin das ja wohl ich! Immerhin standen Sie und Ihr Gaul plötzlich mitten auf der Straße herum!“

„Ich und mein Gaul“, der Mann deutete auf den eindrucksvollen schwarzen Hengst, der unruhig herumtänzelnd ein paar Meter entfernt im Gras stand, „waren gerade auf einem kleinen Ausritt. Wir konnten ja nicht ahnen, dass eine Geisteskranke ihr Auto mit einem Formel-1-Rennwagen und unsere friedliche Küstenstraße mit dem Grand Prix von Monaco verwechseln würde!“

Savannah stemmte die Hände in die Seiten. „Also, da hört sich ja wohl alles auf! Ich habe mich genau an die hiesigen Geschwindigkeitsbegrenzungen gehalten“, verteidigte sie sich wütend.

„Dann müssen Sie tatsächlich blind sein“, erwiderte er mit einem süffisanten Lächeln, das sie ihm am liebsten aus dem Gesicht gewischt hätte. „Oder wie können Sie es sich erklären, dass Sie ein Pferd samt Reiter übersehen konnten, das sich mitten auf der Straße befand?“

„Ich … Nun …“ Wenn sie ehrlich war, so hatte Savannah für dieses Detail selbst keine wirkliche Erklärung. Doch das war noch lange kein Grund für sie, klein beizugeben. „Okay, ich gebe zu, dass ich vielleicht ein wenig unaufmerksam gewesen bin. Aber deshalb brauchen Sie mich nicht gleich so zu beschimpfen, Monsieur.“ Sie runzelte die Stirn. „Übrigens, woher wussten Sie eigentlich, dass ich Britin bin? Ich meine, Sie haben mich gleich auf Englisch angesprochen. Sieht man mir meine Herkunft so deutlich an?“

Er zeigte auf ihren Wagen. „Die Kennzeichen“, sagte er. „Die Schlussfolgung lag nahe, dass ein Wagen mit englischen Kennzeichen auch von einer Engländerin gesteuert wird. Ganz davon abgesehen sprach auch ihr Fahrstil dafür.“

„Mein … Wie bitte? Also, das ist ja wohl der Gipfel der Unverschämtheit! Was bilden Sie sich eigentlich …“

„Sie kommen wohl gar nicht auf den Gedanken, sich für Ihr unverantwortliches Verhalten zu entschuldigen, wie?“

„Entschuldigen? Ich wüsste nicht, wofür“, erklärte Savannah trotzig.

Alain konnte sich nicht daran erinnern, wann ihn eine Frau zum letzten Mal so zur Weißglut getrieben hatte wie dieses bezaubernde, scharfzüngige Wesen, das da mit verschränkten Armen und zornig funkelnden Augen vor ihm stand. Einige feuerrote Locken waren aus dem strengen Zopf gerutscht, zu dem sie ihr Haar, in dem nutzlosen Versuch es zu bändigen, zurückgebunden hatte. Wie züngelnde Flammen umrahmten sie ihr herzförmiges Gesicht und gaben ihr das Aussehen einer archaischen Rachegöttin.

„Was sehen Sie mich denn so an?“, fragte sie jetzt schroff und riss Alain damit aus seinen Gedanken. Entsetzt musste er sich eingestehen, dass er sie tatsächlich mehrere Sekunden lang in sprachloser Bewunderung angestarrt hatte. „Können Sie nicht endlich verschwinden und mich in Frieden lassen?“

Schulterzuckend sah er sie an, dann schüttelte er den Kopf. „Wissen Sie was? Sie haben es gar nicht verdient, dass ich mich Ihretwegen so aufrege.“ Mit diesen Worten ging er zurück zu seinem Pferd, nahm die Zügel und schwang sich mit einer eleganten, kraftvollen Bewegung in den Sattel. „Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag.“

Er schnalzte mit der Zunge, und Aeneas, der nur auf dieses Kommando gewartet hatte, lief mit einer geschmeidigen Bewegung los. Ohne die schöne Fremde noch eines weiteren Blickes zu würdigen, stoben Pferd und Reiter davon. Alain ließ das Tier einfach laufen, ohne ihm eine bestimmte Richtung zu weisen. Er wollte nachdenken, und das gelang ihm immer am besten, wenn er auf dem Rücken eines Pferdes saß.

Den Wind im Gesicht, schloss Alain die Augen und lauschte seinem eigenen Herzschlag, der mit dem Dröhnen des Hufgetrappels zu verschmelzen schien. Doch der innere Frieden dauerte nur wenige Sekunden an. Dann kehrten seine Gedanken zu der spitzzüngigen Schönen zurück. Wer sie wohl war?

Doch was interessierte ihn das eigentlich? Gut, sie war recht hübsch – schön, wenn man es unbedingt so ausdrücken wollte. Aber war er tatsächlich so sehr Sklave seiner Hormone, dass er beim Anblick einer attraktiven Frau gleich alle Vernunft fahren ließ? Hatte er denn gar nichts aus der Vergangenheit gelernt?

Das Schlimme war, dass er bei ihrem Anblick tatsächlich den Drang verspürt hatte, sie einfach in die Arme zu ziehen und zu küssen. Verärgert über sich selbst, schüttelte er den Kopf. Das Verhalten dieser Frau war vollkommen rücksichtslos und unverzeihlich gewesen. Um ein Haar hätte sie Aeneas und ihn über den Haufen gefahren, und dann besaß sie auch noch die Frechheit, ihm die Schuld daran in die Schuhe schieben zu wollen.

Aber das war mal wieder typisch Frau, fand Alain. Wer am Straßenverkehr teilnahm, sollte diesem auch seine gesamte Aufmerksamkeit schenken. Das sagte einem doch schon der gesunde Menschenverstand. Seltsam, dass ihm die meisten Angehörigen des weiblichen Geschlechts, die er über die Jahre kennengelernt hatte, in diesem Punkt sicherlich zugestimmt hätten – im Gegenzug aber nichts dabei fanden, sich während sie am Steuer saßen, das Make-up aufzufrischen. In Alains Augen war ein solches Benehmen einfach unverantwortlich – und somit typisch weiblich. War es da ein Wunder, dass auch die schöne Unbekannte hier keine Ausnahme darstellte?

Seufzend stellte er fest, dass er schon wieder die ganze Zeit über sie nachgedachte, obwohl er das doch eigentlich nicht wollte. Aber es war doch immer dasselbe. Man konnte als Mann noch so sehr davon überzeugt sein, gegen die Reize der holden Weiblichkeit gefeit zu sein – am Ende ging man ihnen doch stets, ohne es zu merken, in die Falle.

Mürrisch zügelte er sein Pferd und lenkte es in Richtung des Landguts seiner Tante. Der Tag hatte schon nicht besonders gut begonnen, und die Begegnung mit der unbekannten Schönen war auch nicht dazu angetan gewesen, seine Stimmung zu verbessern. Blieb nur zu hoffen, dass der große Ansturm der Gäste noch nicht begonnen hatte, wenn er den Hof erreichte. So würde es ihm vielleicht gelingen, wenigstens noch ein paar brauchbare Zeilen zu Papier zu bringen.

Überhaupt schien die Arbeit der einzige Weg zu sein, einmal alles um sich herum zu vergessen und völlig in die Welt seiner Romanfiguren abzutauchen. Und im Moment gab es vorrangig eine Sache, die er am liebsten vergessen wollte – oder besser, eine Person …

Ein kurzes Schmunzeln huschte über sein Gesicht, als er an seine Tante dachte. Sie wäre entzückt zu erfahren, dass es einem weiblichen Wesen tatsächlich gelungen war, ihrem Neffen eine menschliche Regung zu entlocken. Ihrer Meinung nach – und das ließ sie Alain auch bei jeder sich bietenden Gelegenheit wissen – war es selbst nach einer großen Enttäuschung ein Fehler, Frauen so vollkommen aus seinem Leben auszuschließen, wie er es tat. Ja, Alain war sogar davon überzeugt, dass Tante Angélique bereit gewesen wäre, sämtliche Register zu ziehen, nur um einen Weg zu finden, ihn und die unbekannte Schöne erneut zusammen zu bringen.

Doch so weit würde er es natürlich gar nicht erst kommen lassen. Nein, niemand sollte jemals von dieser Begegnung erfahren, und er würde diese Episode einfach aus seinem Gedächtnis streichen.

So einfach war das.

Zu ihrer großen Erleichterung hatte Savannah ihr Ziel doch noch vor Einbruch der Dämmerung erreicht und ihren Wagen in einer langen Reihe parkender Autos abgestellt. Dann war sie von einer freundlichen Hausangestellten in Empfang genommen worden, die sie nun zu ihrem Zimmer führte.

„Brauchen Sie noch etwas, Mademoiselle?“, erkundigte sie sich schließlich.

„Nein, vielen Dank“, erwiderte Savannah mit einem freundlichen Lächeln auf Französisch, woraufhin sich das Zimmermädchen mit einem knappen Nicken zurückzog.

Seufzend war sie auf das Bett gesunken – ein riesiges Ungetüm von einem Himmelbett, mit breiten hölzernen Pfosten und bauschigen Wolken aus weißem Vorhangstoff – und hatte für einen kurzen Moment – wie sie dachte – die Augen geschlossen. Doch als sie von einen Klopfen geweckt wurde, herrschte draußen vor den Fenstern bereits Dunkelheit. Sie erhob sich gähnend und ging zur Tür, um sie einen Spalt weit zu öffnen. Vor ihr stand dasselbe Hausmädchen, welches ihr auch schon das Zimmer gezeigt hatte. „Verzeihen Sie, Mademoiselle, aber in wenigen Minuten soll die offizielle Begrüßung aller Gäste erfolgen, und Madame bittet Sie deshalb, nach unten in den Salon zu kommen.

Savannah nickte. „Natürlich, ich komme sofort.“

Rasch ging sie ins Bad, um sich frisch zu machen. Dann verließ sie ihr Zimmer und stieg die breite Freitreppe hinunter in die gewaltige Eingangshalle des Gebäudes. Wenn sie nicht gewusst hätte, dass es sich hier tatsächlich um ein umgebautes altes Landgut handelte, hätte Savannah es für einen kleinen Palast gehalten. Zum Glück hatte man ihr bereits erklärt, wo Speisesaal und Salon lagen, sodass sie keine Mühe hatte, den Weg zu finden.

Als sie den Raum betrat, waren die meisten anderen Gäste anscheinend bereits eingetroffen. Es herrschte ein aufgeregtes Stimmengewirr, und auch Savannah spürte, wie nervöse Unruhe sie ergriff. Gleich würde es so weit sein. Schon seit vielen Jahren war sie insgeheim ein großer Fan jener Frau, der sie in wenigen Minuten gegenüberstehen würde. Obwohl der Grund für ihre Reise eigentlich beruflicher Natur war, war es doch die Aussicht auf ein persönliches Treffen mit der berühmten Bestseller-Autorin Angélique Arnauld, die sie letztendlich bewogen hatte, den Auftrag anzunehmen.

Angélique Arnauld. Schon allein der Name war so bezaubernd, dass man bei seinem Klang ins Träumen geraten konnte. Doch das war nichts gegen die Romane, die aus der Feder dieser Frau stammten. Einfühlsam und zugleich voller Leidenschaft hatten ihre Liebeserzählungen die Herzen ihrer – vornehmlich weiblichen – Leserschaft erobert.

Savannah konnte sich nicht daran erinnern, jemals auch nur von einem einzigen ihrer Bücher enttäuscht gewesen zu sein.

Die Schar von Literaturkritikern, die Angélique Arnaulds Werke in schöner Regelmäßigkeit in ihren Kolumnen verrissen, war da natürlich völlig anderer Ansicht. Doch wen interessierte das schon? Der Autorin gelang es scheinbar mühelos, sich in die Gedanken und Empfindungen einer modernen Frau hineinzuversetzen. Und schon allein dafür hatte sie, sofern es Savannah betraf, einen Orden verdient.

Neugierig blickte sie sich im Salon um. Die meisten Anwesenden, mit zwei Ausnahmen, waren weiblich und zwischen dreißig und vierzig. Nur eine Frau, sie stand ganz in Savannahs Nähe und nippte an einem Glas Champagner, fiel aus der Reihe. Sie war um die sechzig, sehr gepflegt und unaufdringlich elegant gekleidet. Ihr graues Haar hatte sie zu einem Knoten im Nacken zusammengeschlungen. Aus irgendeinem Grund war sie Savannah auf Anhieb sympathisch.

„Sind Sie auch schon aufgeregt?“, fing sie ein Gespräch mit der älteren Dame an, da diese ebenfalls nicht in Begleitung zu sein schien. „Ich bin ein großer Fan von Angélique Arnauld und brenne schon lange darauf, sie endlich einmal persönlich kennenzulernen.“

„Sie lesen also gerne Liebesromane?“

Savannah lachte. „Ja, wie wohl auch alle anderen Anwesenden – sonst wäre ich kaum hier.“ Sie streckte der Frau die Hand entgegen. „Mein Name ist Savannah Kane.“

„Freut mich sehr, Ihre Bekanntschaft zu machen“, entgegnete die Grauhaarige, ohne jedoch selbst ihren Namen zu nennen. Sie lächelte hintergründig. „Sie entschuldigen mich bitte für einen Augenblick? Ich denke, es ist an der Zeit, dass ich meinen Gastgeberpflichten nachkomme.“

Sie zwinkerte Savannah noch einmal zu, ehe sie mit einem leichten Hinken vor die Gruppe trat. Unfassbar. War diese Frau etwa …? Aber sie sah so anders aus als auf den Bildern, die auf den Schutzumschlägen ihrer Bücher abgedruckt waren. Fotos darf man eben nicht trauen, dachte Savannah in sich hineinlächelnd.

„Guten Abend und herzlich Willkommen! Mein Name ist, wie die meisten von Ihnen sicher wissen, Angélique Arnauld, und ich freue mich, dass Sie an diesem Workshop für Autoren in meinem Hause teilnehmen.“ Zustimmendes Gemurmel und Applaus wurde laut. „Nun haben Sie sicherlich Verständnis dafür, dass ich eine viel beschäftigte Frau bin. Zudem bin ich nicht in jeglicher Hinsicht dazu in der Lage, Ihnen umfassende Hilfestellungen und Erklärungen zu geben, sodass ich zu dem Schluss gekommen bin, einen Großteil des Kurses unter der Leitung meines Neffen abhalten zu lassen. Er ist ebenfalls Autor und weit besser als ich in der Lage, Ihnen die Inhalte dieses Workshops zu vermitteln. Seien Sie also bitte nicht enttäuscht, denn ich kann Ihnen versichern, dass mein Neffe sein Handwerk versteht. Einigen von Ihnen dürfte sein Name durchaus ein Begriff sein. Ich darf vorstellen – Alain Nixon.“

Mit einer Mischung aus Enttäuschung und Neugierde schaute Savannah, wie alle anderen Anwesenden auch, zur Tür. Der Name Alain Nixon war ihr durchaus bekannt, allerdings nicht aus dem Genre des Liebesromans. Ganz im Gegenteil! Savannah war sich nicht sicher, ob die Tatsache, dass ein Mann, der sich für gewöhnlich nur mit – für ihren Geschmack – trockener Literatur befasste, den Workshop leiten sollte, unbedingt ein Grund zur Freude war. Als sie dann aber den jungen Mann erblickte, der den Raum betrat, riss sie vor Schreck die Augen auf.

Er war es! Ausgerechnet der Reiter, mit dem sie auf der Herfahrt beinahe zusammengestoßen wäre!

2. KAPITEL

„Toll, Carl, wirklich toll! Manchmal frage ich mich ernsthaft, welcher Teufel mich geritten hat, dich zu meinem Agenten zu machen!“ Mit diesen schroffen Worten beendete Alain das Telefonat und warf sein Handy aufs Bett. Nervös fuhr er sich durchs Haar und begann, im Zimmer auf und ab zu laufen.

Das hatte ihm gerade noch gefehlt. Der Abend gestaltete sich ohnehin schon eher unerfreulich, doch eine Besserung schien nicht in Sicht. War es denn nicht schon schlimm genug, dass er dieses dämliche Seminar abhalten und dabei gute Miene zum bösen Spiel machen musste? Wenn zumindest die Aussicht bestünde, wenigstens ein hoffnungsvolles Talent unter den Teilnehmern vorzufinden. Doch Alain kannte die Sorte von Möchtegern-Schriftstellern, die sich für Workshops wie diesen hier anmeldeten, nur allzu gut. Diese Leute hielten sich doch allesamt für zukünftige Bestseller-Autoren und waren dann zu Tode beleidigt, wenn ihnen jemand ihre Unfähigkeit vor Augen führte.

Das beste Beispiel war doch die junge Frau, die ihn und Aeneas bei ihrer Anreise beinahe angefahren hatte. Inzwischen wusste er dank ihrer Visitenkarte und des Fragebogens, den sie bei ihrer Ankunft ausgefüllt hatte, dass ihr Name Savannah Kane war. Nun, jedenfalls konnte Alain sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass eine Frau wie diese Miss Kane tatsächlich in der Lage war, auch nur zwei zusammenhängende Sätze aneinanderzureihen, geschweige denn, einen ganzen Roman zu Papier zu bringen. Ihr Verhalten bei ihrer ersten Begegnung zeugte jedenfalls nicht von besonders viel Disziplin und Selbstbeherrschung. Sicher, was seine eigene Beherrschung anging, hatte er selbst sich auch nicht eben mit Ruhm bekleckert. Aber diese Frau wirkte auf ihn wie ein rotes Tuch auf einen Stier.

Umso weniger behagte ihm jetzt die Aussicht, dass Savannah von nun an in jedem seiner Kurse sitzen würde. Es gestaltete sich auch so schon schwer genug, sie aus seinen Gedanken zu verbannen. Wie sollte das erst funktionieren, wenn sie sich fortan Tag für Tag über den Weg liefen?

Unwillig schüttelte Alain den Kopf. Vielleicht war es besser, Savannah schon zu Beginn des Kurses klarzumachen, was er von ihrer schriftstellerischen Begabung hielt – nämlich gar nichts. Mit ein wenig Glück würde sie daraufhin beleidigt ihre Koffer packen und verschwinden. Ja, das wäre in der Tat die allerbeste Lösung für alle Beteiligten. Die Frage war nur, ob sie es ihm tatsächlich so leicht machen würde, sie loszuwerden.

Wenn er jedoch recht darüber nachdachte, war dies noch das kleinste Problem, mit dem er sich augenblicklich herumschlagen musste. Ganz oben auf der Liste stand im Moment der Autoren-Workshop selbst – und die ungeahnten Konsequenzen, die sich bereits jetzt, obwohl das Seminar nicht einmal richtig begonnen hatte, abzeichneten.

Manch anderer Autor hätte sich an seiner Stelle wohl geschmeichelt gefühlt. Doch der Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit war Alain nicht grundlos bisher stets aus dem Weg gegangen. Am meisten ärgerte ihn, dass auch Carl Bristow, sein langjähriger Agent, seine Gründe eigentlich kennen und verstehen sollte. Aber was tat er? Ließ sich vom Verlag zu diesem Workshop überreden! Warum hatte Alain ihn eigentlich nicht schon längst gefeuert? Wahrscheinlich nur, weil er es sich nicht leisten konnte, noch mehr Menschen in sein kleines Geheimnis einzuweihen.

Seufzend trat Alain auf den kleinen Balkon, der von seinem Fenster in den Obstgarten hinausreichte, und stützte sich auf das schmiedeeiserne Geländer. Es war ein lauer Spätsommerabend, und die Luft war erfüllt vom süßen Duft vollreifer Äpfel und Birnen. Der fast volle Mond, der hoch am Himmel stand, tauchte den Garten in seinen silbrigen Schein.

Alain jedoch war mit seinen Gedanken noch immer ganz woanders. Für seinen Geschmack kannten ohnehin schon zu viele Leute die Wahrheit über ihn. Und je mehr Mitwisser es gab, desto größer war das Risiko, dass einer von ihnen – sei es versehentlich oder mit Absicht – sein Geheimnis ausplauderte.

Allein die Vorstellung ließ Alain erschaudern. Es wäre das Ende seiner Karriere, wenn herauskam, dass er außer unter seinem eigenen Namen auch noch unter einem Pseudonym veröffentlichte. Einem sehr bekannten und international erfolgreichen Pseudonym sogar.

Angélique Arnauld.

Alles hatte damit begonnen, dass er in seiner Anfangszeit als Schriftsteller mit ernsthafter Literatur nicht genug verdiente, um sich über Wasser zu halten. So war er schließlich auf den Gedanken gekommen, sich an einem Liebesroman zu versuchen. Die wurden gut bezahlt und fanden beinahe immer einen Abnehmer, sofern sie packend geschrieben waren.

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