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Líebesreíse ín díe Karíbík

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Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Catherine Spencer

Liebesreise in die Karibik

Samtweiche Nächte auf Bellefleure

 

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1. KAPITEL

Merkwürdig, dachte Anne-Marie Barclay und nippte an ihrem Champagner. Seit der Hochzeitstermin feststeht, sprechen alle nur noch von Ethan Beaumont. Monsieur Ethan Beaumont. Sein Name wird so ehrfürchtig ausgesprochen wie der eines regierenden Fürsten!

Dabei heiratete ihre beste Freundin Solange nicht Ethan, sondern dessen Bruder Philippe. Gewöhnlich stand bei einer Hochzeit das Brautpaar im Vordergrund. Hier dagegen drehte sich alles um den Bruder des Bräutigams. Warum lässt Solange das nur zu?, wunderte sich Anne-Marie.

“Wenn Sie steuerbord aus dem Fenster sehen, Mademoiselle, können Sie die Insel Bellefleur schon erkennen.” Der Flugbegleiter bewegte sich für einen Mann seiner Größe überraschend lautlos und geschmeidig. Anne-Marie hatte gar nicht bemerkt, wie er aus der Bordküche des Privatflugzeugs getreten war. Jetzt beugte er sich über ihre Schulter und zeigte auf einen Punkt jenseits der Flügelspitze. “Es ist die halbmondförmige Insel dort drüben.”

Sie betrachtete die vielen kleinen smaragdfarbenen Sprenkel, die die saphirblaue Wasseroberfläche zierten. Einer davon war Bellefleur. “Ja, ich sehe sie.” Beim Anblick der Insel beschlich sie ein ungutes Vorgefühl. “Wann werden wir landen?”

“In wenigen Minuten. Bitte bleiben Sie sitzen, und halten Sie den Gurt geschlossen.” Strahlend weiß blitzten die Zähne beim Lächeln in dem ebenholzschwarzen Gesicht des Stewards auf. “Eigentlich bräuchte ich Ihnen das nicht zu sagen. Sie haben sich während des Fluges kein einziges Mal bewegt. Haben Sie Angst vor dem Fliegen, Mademoiselle?”

“Normalerweise nicht.” Vor dem Fenster war nichts als tiefblauer Himmel, als das Flugzeug eine steile Kurve flog. “Ich fliege sonst nie in einer so kleinen Maschine.” Und nicht über so viel Wasser, dachte sie schaudernd.

Er lächelte freundlich. “Sie sind in den besten Händen. Kapitän Morgan ist ein sehr fähiger Pilot. Monsieur Beaumont stellt nur die Besten ein.”

Wieder fiel ihr der ehrfürchtige Ton auf, in dem der Flugbegleiter von ihrem Gastgeber sprach. Anne-Marie überkam erneut eine instinktive Abneigung gegen diesen Ethan Beaumont.

“Er ist ganz anders als sein Halbbruder Philippe, obwohl sie einander sehr ähnlich sehen”, hatte Solange ihr am Telefon erzählt. “Ethan wird hier behandelt wie ein Prinz. Wenn er durch die Stadt fährt, grüßen alle respektvoll. Viele verbeugen sich sogar. Ich verstehe, warum Philippe ein bisschen nervös ist bei dem Gedanken, Ethan von unserer Verlobung zu erzählen. Ethan ist eben un peu formidable.”

“Mit anderen Worten, er ist ein Despot.” Anne-Marie hatte es kaum glauben können. “Ein erwachsener Mann scheut sich davor, seiner Familie zu erzählen, dass er heiraten wird! Das ist ja wie im Mittelalter. Diesem Ethan Beaumont sind wohl seine Macht und sein Geld zu Kopf gestiegen.”

Solange hatte einen Moment nachgedacht. “Oui, er ist sehr mächtig, aber er ist ein guter Mensch. Natürlich ist er nicht so ein Kuschelbär wie mein Philippe. Dafür ist er viel zu diszipliniert. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er sich je gehen lässt, nicht einmal im Bett.”

“Immerhin hat er einen Sohn. Er muss also mindestens einmal im Leben seinen Gefühlen nachgegeben haben”, bemerkte Anne-Marie trocken.

“Aber seine Frau hat ihn verlassen. Vielleicht hat er von seiner englischen Mutter zu viel vornehme Zurückhaltung geerbt.” Solange seufzte. “Wie schade! Was für eine Verschwendung!”

“Was für ein Segen, meinst du wohl! Keine Frau braucht einen Ehemann, der ihr ihr Kind wegnimmt! Der kleine Junge tut mir leid, mit so einem Vater.”

“Aber es war doch nicht Ethans Fehler, Anne-Marie! Die Mutter hat ihren Mann und ihren Sohn aus freien Stücken verlassen.”

“Das zeigt nur, wie unerträglich die Ehe für sie gewesen sein muss. Lieber hat sie ihr Baby aufgegeben, als ihren Mann länger zu ertragen!”

Solange, deren perlendes Lachen anfangs wie Musik durch die Telefonleitung geklungen war, verstummte plötzlich. Dann sagte sie: “So etwas darfst du hier auf Bellefleur nur äußern, wenn wir miteinander allein sind. Die Leute hier mögen es nicht, wenn man ihren Seigneur kritisiert.”

Ihren Seigneur!, dachte Anne-Marie kopfschüttelnd. Dieser Ethan ist ja ein wahrer Feudalherr. Sie lehnte sich in ihrem Sitz zurück und schloss die Augen, während der Jet in den Sinkflug überging und die tiefblaue karibische See immer näher kam.

Eine schwarze Mercedeslimousine brachte Anne-Marie vom Flughafen zur Residenz der Beaumonts. Der Chauffeur lenkte den schweren Wagen souverän durch die engen, gewundenen Gassen der kleinen Inselhauptstadt. Passanten blieben stehen und grüßten respektvoll. Dunkeläugige Kinder winkten fröhlich mit pummeligen Händchen.

Anne-Marie überlegte, ob sie zurückwinken sollte. Ob der Seigneur es wohl gutheißen würde? Wahrscheinlich nicht. Es ärgerte sie, dass sie sich auf einmal unsicher fühlte. Gewöhnlich war sie eine sehr selbstbewusste Frau.

“Ethan wird dir gegenüber sehr höflich und zuvorkommend sein. Aber erwarte nicht, dass er dich wie ein kanadischer oder amerikanischer Gastgeber behandelt”, hatte Solange sie vorgewarnt. “Er ist sehr förmlich. Wahrscheinlich wird er dich die ganze Zeit über siezen und dich mit ‘Mademoiselle Barclay’ ansprechen. Es hat lange gedauert, bis er mich beim Vornamen nannte.”

Als sie vorhin aus dem Flugzeug aufs Rollfeld getreten war, war ihr die Hitze wie eine Wand entgegengeschlagen. Sie war froh gewesen, im kühlen Halbdunkel des klimatisierten Mercedes Zuflucht zu finden. Aber während die Limousine das Städtchen hinter sich ließ und den Berg hinauffuhr, musste Anne-Marie wieder an die Warnungen ihrer Freundin denken und fühlte sich immer unwohler.

Einen ganzen Monat lang vor einem selbst ernannten Inselfürsten buckeln zu müssen kann einem wirklich die gute Laune verderben, dachte sie. Dabei hatte sie sich so darauf gefreut, als Trauzeugin ihrer besten Freundin auf die Karibikinsel Bellefleur zu reisen.

Dass der unbekannte Ethan einen Schatten auf Solanges Hochzeit warf, war in Anne-Maries Augen unverzeihlich. Noch beunruhigender fand sie es, dass der Einfluss von Philippes Bruder sich womöglich auch auf die künftige Ehe des Brautpaars erstrecken würde. Sie hatte den Bräutigam Philippe Beaumont einmal getroffen und fand ihn sehr sympathisch. Er und Solange passten gut zueinander. Aber er hatte auf Anne-Marie nicht sehr durchsetzungsfähig gewirkt.

Sie hatte ein mulmiges Gefühl in der Magengegend, als der Mercedes das Tor zur Residenz der Beaumonts passierte, die Auffahrt hinauffuhr und auf dem Vorplatz vor dem Haupthaus zum Stehen kam. Anne-Marie hatte ein vornehmes Internat besucht, hatte viel von der Welt gesehen und sich nie Gedanken um Geld oder materielle Sicherheit zu machen brauchen. Luxus war ihr nicht fremd. Trotzdem überwältigte der Anblick der Beaumont’schen Villa sie.

Sie konnte sich gut vorstellen, dass Angehörige von Königshäusern die Nacht unter diesem Dach verbracht hatten, wie Solange ihr erzählt hatte. Das Haus war beinah ein Schloss, das selbst unter der gleißenden tropischen Sonne eine kühle, distanzierte Würde ausstrahlte.

“Mademoiselle?”

Anne-Marie zuckte zusammen. Die Autotür war von außen geöffnet worden. Ein Diener in makellos weißen Bermudashorts und einem perfekt gebügelten kurzärmeligen weißen Hemd reichte ihr die Hand, um ihr aus dem Wagen zu helfen. Sie rutschte über den Ledersitz zur Tür und stieg aus.

Im nächsten Augenblick fand sie sich in einer anderen Welt wieder. Ein leuchtend buntes Blumenmeer umgab sie. Überall rankten sich prächtige Blütenzweige in Lila, Rot und Orange aus riesigen Keramikschalen über die cremefarbenen Stuckwände der Villa.

Das Plätschern eines Springbrunnens war zu hören. Ein paar bunt gefiederte Vögel schrien heiser. Der würzig süße Duft von Gardenien, Ingwerblüten und anderen exotischen Blumen stieg ihr in die Nase.

Der Diener hielt einen bunten, hübsch bemalten Sonnenschirm über sie und geleitete sie ins Haus. Die schlossartige Villa schien keinen Haupteingang zu besitzen. Stattdessen führte ein kunstvoll geschmiedetes, filigranes Eisengitter direkt in einen geschützten Innenhof, der groß genug war, um als Ballsaal zu dienen.

Dort wartete Solange. In ihren Augen glänzten Tränen. “Ich habe dich so vermisst”, rief sie und eilte auf Anne-Marie zu, um sie auf beide Wangen zu küssen. “Willkommen auf Bellefleur, ma chére, chére amie! Ich bin so froh, dass du endlich hier bist.”

“Froh?” Auch Anne-Marie hatte Tränen in den Augen. Sie blickte ihre Freundin forschend an. “Warum weinst du dann?”

“Vor Glück.”

“Du siehst aber nicht glücklich aus, Solange.”

Solange zuckte auf ihre typisch französische Art die Schultern und blickte sich verstohlen um. “Komm, ich zeige dir dein Quartier. Dort können wir frei reden. Ethan hat das Personal angewiesen, dich in dem Gästebungalow neben meinem unterzubringen.”

“Wohnst du etwa nicht hier im Haupthaus?”

“Nicht vor der Hochzeit. Ethan möchte das nicht. Denn Philippe könnte in Versuchung geraten, sich nachts in mein Bett zu schleichen.”

“So wie früher in Paris?”

“Psst.” Solange hielt sich erschrocken einen Finger vor die Lippen. “Das darf hier niemand wissen. Die moralischen Maßstäbe sind hier ein wenig anders.”

“Das merke ich”, murmelte Anne-Marie und folgte ihrer Freundin auf eine Terrasse oberhalb eines riesigen Swimmingpools. Der Blick aufs Meer und auf die Insel war atemberaubend. Kokospalmen, die sich leicht im Wind wiegten, vervollständigten das Panorama aus blauem Himmel und Ozean. “Müssen wir uns hier die ganze Zeit im Flüsterton unterhalten?”

“In unseren Bungalows sind wir ganz unter uns.” Solange ging auf einem schattigen Weg voran, der an einigen künstlich angelegten Teichen vorbeiführte. Diese waren durch Miniatur-Wasserfälle und Bäche miteinander verbunden. “Wir sind zwar ein gutes Stück vom Haupthaus entfernt. Aber unsere Suiten sind sehr schön und geräumig.”

“Das ist gut. Ich brauche nämlich Platz, um an den Kleidern zu arbeiten.”

Für einen Moment zeigte sich Solanges übliche Lebhaftigkeit auf ihrem Gesicht. “Ich kann es kaum abwarten, mein Brautkleid zu sehen. Die Zeichnungen, die du mir geschickt hast, waren wirklich traumhaft.”

“Du kannst es gleich anprobieren.”

“Das hat Zeit bis morgen. Wir essen früh zu Abend. Du warst schließlich den ganzen Tag unterwegs.”

“Dann werde ich wohl dem großen Ethan Beaumont vorgestellt werden.” Anne-Marie schnitt ein Gesicht. “Ich habe jetzt schon Magenschmerzen!”

“Nein, heute Abend noch nicht”, sagte Solange und lachte. “Ich habe unser Essen in meine Suite bestellt. Ethans Onkel und Tante sind bis morgen Nachmittag bei Freunden zu Besuch, und er ist geschäftlich unterwegs.”

“Ich dachte, seine Geschäfte bestünden darin, über die Insel und ihre Bewohner zu herrschen.”

“Mon Dieu, non! Er hat Geschäftsverbindungen überall auf der Welt. In letzter Zeit hat er einiges an Philippe übergeben und sich vorwiegend auf das Ölgeschäft konzentriert. Deswegen ist er jetzt auch verreist.”

“In den Nahen Osten? Gut! Ich habe es nämlich nicht eilig damit, ihn kennen zu lernen.”

“Nein, so weit ist er nicht weg. Er hat vor der venezolanischen Küste zu tun. Das ist von hier nur einen Katzensprung entfernt. In ein paar Tagen wird er wieder hier sein. Bis dahin musst du dich mit seiner Tante und seinem Onkel begnügen, die auch hier leben, und mit Adrian.”

“Wer ist Adrian?”

“Ethans Sohn.” Ihre Stimme klang weicher. “Er ist ein entzückender kleiner Junge. Du wirst ihn mögen.”

Der Pfad endete auf einer weiten Rasenfläche. Solange wies auf zwei hübsche kleine Villen hoch über dem Meer. “Wir sind da, chérie. Das ist unser Zuhause für die nächste Zeit.”

Nach allem, was sie bisher vom Anwesen der Beaumonts gesehen hatte, hätte Anne-Marie eigentlich nicht überrascht sein dürfen. Aber der Anblick der üppigen Blumenbeete und des überdachten Wandelgangs, der die beiden Häuser miteinander verband, beeindruckte sie doch. Die kleinen Villen waren Miniaturausgaben des Haupthauses und verfügten jedes über die gleiche großzügige Veranda und die gleichen kunstvoll geschmiedeten Tore. Der Swimmingpool mit der Umrandung aus Zierkacheln war eine kleinere Version des großen Pools am Haupthaus.

“Dein zukünftiger Schwager scheint zu wissen, wie man Gäste gut behandelt”, rief Anne-Marie begeistert aus. Die heitere Anmut der Anlage nahm sie gefangen. “Das ist ein Paradies, Solange! Wir werden es uns hier in den nächsten Wochen so richtig gut gehen lassen!”

Solange lächelte wehmütig. “Hoffentlich hast du Recht.”

“Ganz bestimmt. Die Tage vor der Hochzeit sollten für die Braut eine glückliche Zeit sein. Aber du machst ein Gesicht wie drei Tage Regenwetter. Was ist los, Solange? Hast du Zweifel bekommen, ob es richtig ist, Philippe zu heiraten? Es ist es noch nicht zu spät, um alles abzusagen.”

“Es ist nicht wegen Philippe. Ich liebe ihn über alles. Wenn er bei mir ist, bin ich glücklich. Aber den Rest der Zeit …” Sie machte ein trauriges Gesicht. “Ich fühle mich so fremd hier.”

“Aber wie kann das sein? Immerhin hat die Insel früher einmal zu Frankreich gehört, und du bist Französin. Stell dir vor, man spräche hier Spanisch oder Portugiesisch und du würdest kein Wort verstehen!”

“Trotzdem fühle ich mich als Ausländerin.” Hilflos wies sie auf das üppige Grün um sich herum und den dunklen Urwald auf dem Hügel oberhalb des Grundstücks. “Es gibt zwei Sorten von Menschen hier, Anne-Marie: Diejenigen, die auf der Insel geboren wurden, und die, die nicht hierher gehören.”

“Wenn das stimmt, wie kannst du dann auf Dauer hier leben?”

“Philippe sagt, wenn wir erst einmal verheiratet sind und Kinder haben, würde ich anders empfinden. Vielleicht hat er ja Recht. Ich war in letzter Zeit einfach zu viel allein.”

“Warum ist Philippe denn nicht bei dir?”

“Er hatte geschäftlich in Europa zu tun. Ethan will namlich, dass Philippe sich als zukünftiger Ehemann mehr um die Familiengeschäfte kümmert.”

Ethan sagt, Ethan findet, Ethan will, dachte Anne-Marie. “Hat eigentlich schon einmal jemand den Mut gehabt zu sagen, zum Kuckuck mit Ethan?”

Erschrocken riss Solange die Augen weit auf. “Mon Dieu, sag so etwas bloß nicht, wenn jemand dabei ist! Das wäre ja …” Sie gestikulierte nervös und suchte nach dem richtigen Wort.

“Majestätsbeleidigung?”, spottete Anne-Marie. “Wer ist dieses verschüchterte Geschöpf, das gehorsam einem Despoten das Wort redet? Solange, ich erkenne dich gar nicht wieder!”

“Innerlich bin ich immer noch dieselbe.” Solange straffte ihre Haltung und bemühte sich, ein fröhliches Gesicht zu machen. “Es fällt mir nur nicht leicht, mich hier einzugewöhnen.”

Sie hatten die Gästepavillons erreicht. Die Tür zu Anne-Maries Haus stand offen. Ihr Gepäck war heraufgebracht worden, und ein Hausmädchen hatte bereits mit dem Auspacken begonnen.

“Die Hochzeitsgarderobe packe ich lieber selbst aus”, sagte Anne-Marie. “Aber wir reden später weiter, Solange. Vielleicht kannst du den anderen etwas vormachen mit deinem sanften, zurückhaltenden Lächeln, aber mir nicht. Etwas ist faul im Paradies, und ich werde der Sache auf den Grund gehen.”

“Es ist nur die Aufregung vor der Hochzeit und das Eingewöhnen”, beharrte Solange. Zögernd bewegte sie sich auf ihr eigenes Haus zu. “Ich war immer ein wenig schüchtern, das weißt du doch. Es ist nicht einfach, sich an ein neues Leben zu gewöhnen, vor allem, da Philippe so viel weg ist.”

Und das geht auf das Konto des allmächtigen Ethan Beaumont, dachte Anne-Marie.

Eigentlich hatte Anne-Marie am nächsten Morgen ausschlafen wollen. Aber sie wachte schon bei Sonnenaufgang auf. Bis zum Frühstück waren noch ein paar Stunden Zeit. Nach dem üppigen Abendessen gestern brauche ich ein bisschen Bewegung, dachte sie. Vor allem, wenn ich bis zur Hochzeit in mein Kleid passen will.

Vorausgesetzt, die Hochzeit findet überhaupt statt, ging es ihr durch den Kopf, während sie unter ihrem Moskitonetz hervorkam und in den Schubladen der Kommode nach ihrem Bikini suchte. Wenn dieser Ethan die Hochzeit nicht wünscht, kommt vielleicht noch etwas dazwischen, befürchtete sie.

Der Gästepool glitzerte einladend, als Anne-Marie aus dem Haus trat. Aber aus Solanges Bungalow war noch nichts zu hören. Anne-Marie beschloss, ihre Freundin nicht zu stören. Solange brauchte sicher ihren Schlaf. Schnell zog Anne-Marie ein kurzes Strandkleid über den Bikini und hängte sich den Fotoapparat um. Sich die Füße von der warmen karibischen See umspülen zu lassen, würde ihr ebenso guttun wie ein Bad im Pool.

Den Weg zum Strand zu finden war schwieriger, als sie erwartet hatte. So früh am Morgen, wenn die Wege noch im Schatten der Bäume lagen, war es fast unmöglich, sich in dem Dickicht des Waldes zu orientieren.

Zweimal langte Anne-Marie wieder dort an, wo sie losgegangen war. Dann fand sie sich oben auf einer steilen Klippe wieder. Sie war nicht sicher, ob sie den Weg zurück zu ihrem Bungalow finden würde. Da entdeckte sie einen Mann, der vor einem der Fischteiche kniete.

Er hatte ihr den Rücken zugewandt. Der Ärmste verbringt wohl den größten Teil seines Lebens damit, sich für Ethan Beaumont in der Sonne zu schinden, dachte sie. Offensichtlich war es hier nur einem Hilfsarbeiter gestattet, mit nichts als einem Paar abgeschnittener Jeans bekleidet herumzulaufen. Alle anderen Dienstboten waren makellos gekleidet.

“Bonjour”, begann sie vorsichtig. Sie war nicht sicher, was die Etikette für ein Gespräch mit einem Gärtner vorschrieb. Beim Abendessen am Vorabend war ihr aufgefallen, dass hier jede Einzelheit genau geregelt war.

Anne-Marie hielt es für möglich, dass es diesem niedrigen Hilfsgärtner, der sich tief über das Wasser des Teichs beugte, nicht gestattet war, mit den Gästen des Hauses zu reden. Oder er verstand ihr Französisch nicht.

Excusez-moi”, sagte sie lauter und trat näher. “S’il vous plaît, monsieur …”

Gereizt gab er ihr ein Handzeichen. “Sprechen Sie leise. Ich habe Sie auch beim ersten Mal gehört.”

Sein Englisch war ausgezeichnet, obwohl er einen leichten Akzent hatte. Aber seine Manieren ließen zu wünschen übrig. Empört erwiderte Anne-Marie: “Tatsächlich? Was würde Ihr Chef sagen, wenn er wüsste, wie unfreundlich Sie seine Gäste behandeln?”

“Es würde ihm nicht gefallen”, antwortete der Mann und beugte sich tiefer über den Teich. “Aber es würde ihm noch viel weniger gefallen, dass ein Gast die komplizierte Pflege seiner preisgekrönten Zierkarpfen stört.”

“Sie sind wohl sein Fischpfleger?”

“So könnte man es ausdrücken.”

“Wie bezeichnet Ihr Chef Sie?”

“Überhaupt nicht”, antwortete er. “Er hat mir nie einen Titel verliehen. In seinen Augen bin ich dafür wohl nicht wichtig genug.”

“Trotzdem arbeiten Sie hier? Sie müssen Ihre Arbeit lieben, sonst würden Sie sich diese Behandlung sicher nicht gefallen lassen.”

“Oh ja, Lady.” Er ahmte mit seiner tiefen dunklen Stimme den Singsang-Tonfall der karibischen Inselbewohner nach. “Master lässt mich Fische versorgen, gibt mir Hütte zum Wohnen und Rum zu trinken. Ich sehr glücklich.”

“Sie haben keinen Grund, sich über mich lustig zu machen. Es ist nicht meine Schuld, wenn Ihre Arbeit so wenig geschätzt wird.” Sie neigte den Kopf, um besser sehen zu können, womit er sich so konzentriert beschäftigte. “Was tun Sie da eigentlich?”, fragte sie neugierig.

“Ein Raubvogel hat die Kois angegriffen. Ich versorge jetzt die Wunden.”

“Ich wusste nicht, dass das möglich ist. Wie machen Sie das?”

“Ich locke die Fische an die Wasseroberfläche, und dann behandle ich sie.”

“Die Fische gehorchen Ihnen aufs Wort und halten so lange still, bis Sie ihnen einen Verband angelegt haben?”, fragte sie ungläubig.

“Nicht ganz. Aber sie bleiben lange genug oben, bis ich die Wunde desinfiziert habe.”

Sie trat näher. Der Mann hatte nicht übertrieben. Ein Zierkarpfen von fast einem halben Meter Länge fraß ihm aus der einen Hand, während er ihm mit der anderen etwas Salbe auf die Wunde am Rücken strich.

“Die Fische liegen Ihnen sehr am Herzen, nicht wahr?” Sie war beeindruckt.

“Ich habe Respekt vor ihnen. Einige sind über fünfzig Jahre alt. Sie verdienen es, gut behandelt zu werden. Was machen Sie eigentlich um diese Tageszeit hier im Garten?”

“Ich suche einen Weg, der hinunter zum Strand führt. Ich hatte Lust zu baden.”

“Warum schwimmen Sie nicht im Gästepool?”

“Meine Freundin schläft noch. Ich wollte sie nicht stören. Es ging ihr in letzter Zeit nicht sehr gut.”

“Warum? Heiratet sie nicht demnächst ihren Traummann?”

“Der Mann, der ihr wohl Kummer bereitet, ist nicht ihr künftiger Ehemann.”

Er strich dem Zierkarpfen, den er gerade versorgt hatte, über den Rücken. “Es ist ein anderer Mann im Spiel? Das ist keine gute Voraussetzung für eine Ehe.”

“So habe ich es nicht gemeint. Aber ich sollte mit Ihnen gar nicht darüber sprechen. Das würde Monsieur Beaumont bestimmt nicht gutheißen.”

“Das glaube ich auch”, stimmte er zu. “Auf dieser Seite des Grundstücks gibt es übrigens keinen Weg zum Strand. Wenn Sie schwimmen möchten, schlage ich vor, Sie benutzen den großen Pool beim Haupthaus.”

“Lieber nicht. Es verstößt wahrscheinlich gegen die Etikette, wenn ein Gast auch nur die große Zehe in den Pool der Familie taucht, ohne eingeladen zu sein.”

“Sie scheinen die Beaumonts nicht besonders zu mögen. Kennen Sie sie gut?”

“Nur den Bräutigam. Den großen Boss habe ich noch nicht kennen gelernt. Aber was ich über ihn gehört habe, hat mir nicht sehr gefallen.”

Er wischte sich die Hände an den abgeschnittenen Jeans ab und sprang auf. Seine Bewegungen waren geschmeidig, obwohl er sehr groß war. “Der große Boss wird am Boden zerstört sein, wenn er das hört.”

“Wer soll es ihm denn sagen? Sie vielleicht?”

Er lachte und wandte sich zu ihr um. In diesem Moment ging die Sonne über einem der Hügel auf, so dass Anne-Marie ihn zum ersten Mal deutlich sehen konnte. Am liebsten wäre sie im Erdboden versunken.

Dieser Mann war kein gewöhnlicher Arbeiter. Die hohen Wangenknochen verliehen seinem Gesicht etwas Aristokratisches. Er hatte ein markantes Kinn, einen noblen Mund und dunkle Augenbrauen, unter denen tiefblaue Augen leuchteten. Sie brauchte ihm nicht vorgestellt zu werden, um zu wissen, wer er war.

“Sie arbeiten nicht hier”, sagte sie schwach.

“Doch, das tue ich. Sogar sehr hart.”

“Aber Sie sind gar nicht der Fischpfleger. Sie sind Ethan Beaumont.”

Er neigte den Kopf. “Wo steht geschrieben, dass ich nicht beides sein kann?”

Da bin ich ja schön ins Fettnäpfchen getreten, ärgerte sie sich. “Warum haben Sie nicht schon früher etwas gesagt?”

“Weil es mich so sehr interessiert hat, was Sie noch alles ausplaudern würden. Gibt es noch etwas, das Sie mir gern über mich sagen wollen?”

“Nein”. Das Ganze war ihr schrecklich peinlich.

“Dann gestatten Sie mir, Sie hinauf zum Haus zu begleiten. Sie sind herzlich eingeladen, so lange im Pool zu schwimmen, wie Sie möchten.”

“Ich habe keine Lust mehr zu schwimmen. Ich gehe wohl besser zurück in meinen Gästebungalow.”

“Und riskieren es, die zerbrechliche junge Braut aufzuwecken? Das kommt überhaupt nicht infrage.” Er überragte sie deutlich, als er auf sie zutrat und ihren Arm nahm. Es war ein Griff, der keinen Widerspruch duldete. “Kommen Sie, Mademoiselle. Verschwenden wir keine Zeit mit sinnlosen Diskussionen. Der große Boss hat entschieden.”

2. KAPITEL

“Sie sollten doch in Venezuela sein und nach Öl graben!” Anne-Marie versuchte vergeblich, mit Ethan Schritt zu halten.

“Man gräbt nicht nach Öl, man bohrt.”

“Sie wissen genau, was ich meine.”

“Allerdings. Sie haben eine unmissverständliche Art, sich auszudrücken”, meinte er ironisch.

Es fiel ihr nicht leicht, sich bei ihm zu entschuldigen. Aber sie wusste, was sich gehörte. “Ich hätte nicht so mit Ihnen reden dürfen. Es tut mir leid.”

“Das sollte es auch. Redet man dort, wo Sie herkommen, vor Angestellten schlecht über seinen Gastgeber?”, fragte er sarkastisch.

“Nein”, erwiderte sie. “Aber wo ich herkomme, verhält sich ein Gastgeber auch nicht so ungastlich.”

“Ungastlich?” Er zog überrascht die kräftigen, schön geschwungenen Brauen hoch. “Entspricht die Unterbringung etwa nicht Ihren Erwartungen? Schmeckt Ihnen das Essen nicht? Lassen meine Angestellten es an Aufmerksamkeit fehlen?”

“Das Essen war köstlich, Ihre Angestellten könnten kaum zuvorkommender sein, und mein Quartier lässt nichts zu wünschen übrig.”

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