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Sammelband Sieben exotische Abenteuerromane

Sammelband Sieben exotische Abenteuerromane

Alfred Bekker et al.

Published by Alfred Bekker präsentiert, 2018.

Inhaltsverzeichnis

Title Page

Sieben exotische Abenteuer-Romane

Copyright

Blumenhölle am Jacinto

Copyright

La Ballenha

Höhepunkt allen Übels

Dschungellockung

Die Lola

Vierundzwanzigstundentod

Der endlose Pfad

Singende Wildnis

Caripunhas

Wenn die Wildnis schreit

Orchideen

Palmetto

Caraputos

Grand Hotel Dom Pedro

Urumuha

Orchideenreiter

Bildnis

Das Sertão

Und Chango trinkt

Wo ist Pedro?

Jacare asu

Gesang auf dem Wasser

Gespräch über Erfurt

Kautschuksklaven

Das Ende einer Plantage

Von Sümpfen und Schlangen

Trommeln im Sertão

Hundezähne

Der Preis für Orchideen

Erinnerung eines Fußballspielers

Bonanza

Der Nordostkurs

Schwarzes Gold

Das Paradies

Remate de Males

Pepita vom Amazonasstrom

Fliegende Hunde

Erwachen

Nächte am Strom

Die Stimme im Traum

Das Kanu

Warum Amerika nicht deutsch spricht

Die Straße der Orchideen

Logan und das Schiff der Ktoor

LOGAN UND DAS SCHIFF DER KTOOR

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Logan und die Stadt im Dschungel

Prolog

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Logan und das Weltentor

Prolog

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Expedition ins Outback

1. Kapitel: Im Hafen von Darwin

2. Kapitel: Eine böse Überraschung

3. Kapitel: Aufbruch ins Ungewisse

4. Kapitel: Der Tod schlägt zu

5. Kapitel: Im Land der Warrai

6. Kapitel: Gefangen

7. Kapitel: Rettung in letzter Sekunde

8. Kapitel: Bitter Springs

9. Kapitel: Eine unruhige Nacht

10. Kapitel: Sturm kommt auf

11. Kapitel: Marsch ins Ungewisse

12. Kapitel: Unerwartete Begegnung

13. Kapitel: Bei den Wudwullam

14. Kapitel: Ein Weg voller Gefahren

15. Kapitel: Am Götterberg

16. Kapitel: In den Händen der Opalräuber

17. Kapitel: In den Todesminen

18. Kapitel: Befreiung

19. Kapitel: Eine gerechte Strafe

MONTEZUMAS GOLDSCHATZ

1. Kapitel: Der Überfall der Bandoleros

2. Kapitel: Hinterhalt ln San Miguel

3. Kapitel: Ankunft in Permora

4. Kapitel: Aufbruch Im Morgengrauen

5. Kapitel: In der Felsenwildnis

6. Kapitel: Umzingelt von Indios

7. Kapitel: Der Zweikampf

8. Kapitel: Jenseits der Baumgrenze

9. Kapitel: Die Höhle der Azteken

10. Kapitel: Die Bandoleros greifen an

11. Kapitel: Melissas Befreiung

12. Kapitel: Ein schicksalhaftes Ende

DIE STADT IM URWALD

1. Kapitel: In Sao Paulo

2. Kapitel: Nächtliche Schatten

3. Kapitel: Auf dem Weg zur Missionsstation

4.Kapitel: Im Gebiet der Kopfjäger

5. Kapitel: Angriff aus dem Hinterhalt

6. Kapitel: Wetter nach Westen

7. Kapitel: In der grünen Hölle

8. Kapitel: Gefährlicher Morast

9. Kapitel: Der Angriff der Alligatoren

10. Kapitel: Ein ungebetener Gast

11. Kapitel: Montoyas Erzählung

12. Kapitel: Trommeln im Urwald

13. Kapitel: Umzingelt

14. Kapitel: In der Urwaldstadt

15. Kapitel: Das Gottesurteil

16. Kapitel: Rettung in letzter Sekunde

17. Kapitel: Ein Blick in die Vergangenheit

18. Kapitel: Montoyas Verrat

Further Reading: 10 hammerharte Strand-Krimis

Also By Alfred Bekker

Also By Alfred Wallon

Also By Ernst F. Löhndorff

About the Author

About the Publisher

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Sieben exotische Abenteuer-Romane

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von Alfred Bekker & Alfred Wallon & Ernst F. Löhndorff

Der Umfang dieses Buchs entspricht 1000 Taschenbuchseiten.

Dieses Buch enthält folgende Romane:

Ernst F. Löhndorff: Bluenhölle am Jacinto

Alfred Bekker: Logan und das Schiff der Ktoor Band 1

Alfred Bekker: Logan und die Stadt im Dschungel Band 2

Alfred Bekker: Logan und das Weltentor Band 3

Alfred Wallon: Expedition ins Outback – Martin Haller Band 1

Alfred Wallon: Montezumas Goldschatz – Martin Haller Band 2

Alfred Wallon: Die Stadt im Urwald – Martin Haller Band 3

Vom Kautschuksucher zum Orchideenjäger – eine seltsame Karriere, aber durchaus reizvoll. Das erkennt Ernesto, als er von zwei Leuten angeheuert wird. Doch auch die Suche nach seltenen Orchideenarten ist nicht ungefährlich. Krokodile, Zecken, tödliche Ameisen, Schlangen – und nicht zuletzt Indios mit todbringenden Blasrohrpfeilen machen das Leben am Amazonas und seinen Nebenflüssen zu einem Abenteuer mit ungewissem Ausgang. Wenn dann noch illegal arbeitende Gummpiraten dazu kommen, wird der Preis für ein paar Blumen erschreckend hoch.

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Blumenhölle am Jacinto

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Roman von Ernst F. Löhndorff

Der Umfang dieses Buchs entspricht 270 Taschenbuchseiten.

Vom Kautschuksucher zum Orchideenjäger – eine seltsame Karriere, aber durchaus reizvoll. Das erkennt Ernesto, als er von zwei Leuten angeheuert wird. Doch auch die Suche nach seltenen Orchideenarten ist nicht ungefährlich. Krokodile, Zecken, tödliche Ameisen, Schlangen – und nicht zuletzt Indios mit todbringenden Blasrohrpfeilen machen das Leben am Amazonas und seinen Nebenflüssen zu einem Abenteuer mit ungewissem Ausgang. Wenn dann noch illegal arbeitende Gummpiraten dazu kommen, wird der Preis für ein paar Blumen erschreckend hoch.

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© Cover nach Motiven von Pixabay mit Steve Mayer, 2018

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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La Ballenha

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Betrieb bei Aasgeier Santiago!

Dünn, als ob entfernter Regen auf Wellblechdächer rieselt, summt eine Gitarre. Laut rauschen die Stimmen trinkender Männer durch den hölzernen Barraum. Merkwürdig schrill und plötzlich in weiches, girrendes Lachen zerschmelzend, wiegt sich auf dem Chaos die oft unterbrochene Unterhaltung der Señoritas.

Pepita! Ihre berückend schönen Finger mit den glänzenden Nagelhalbmonden schlagen die schwirrenden Saiten. Tiefrot hat sie die Lippen heute geschminkt, und nun gleicht ihr Mund der Hibiskusblüte, wenn sie voll geöffnet am Stängel glüht.

Zigarettenqualm, starker Fuseldunst, billiges Parfüm und stäubender Puder vermischen sich mit den mannigfachen Ausdünstungen malerisch zerlumpter, brigantenhaft unrasierter Urwaldmenschen und bilden ein Wolkenmeer über unseren erhitzten Köpfen. Der seltsame, strenge Duft brandet in meine Nüstern und wühlt die Seele zu stummen Melodien auf, die in wilder, primitiver Sehnsucht verklingen.

Als Leitmotiv, kaum vernehmbar, plötzlich scharf und grell beherrschend, ununterbrochen, nie versiegend, zittert das Klirren gespülter und auf den Tisch gestülpter Becher durch Santiagos Pfahlbauhaus.

Der einäugige Sambo Benito übt dies Geschäft mit eintöniger Regelmäßigkeit aus. Sein großer, gelb gesprenkelter Augapfel wacht mit gläserner Starrheit über den Gästen.

Santiago, mit dem einem satt gefressenen Königsgeier täuschend ähnlichen Profil, hockt im gewohnten Winkel, wo das mottenlöchrige Jaguarfell von der verschimmelten Wand baumelt. Tot für die übrige Welt, stiert er vor sich hin; seine gekrümmte Hand hält den Blechbecher voll scharfem, brasilianischem Zuckerrohrschnaps.

Am wackelnden Ecktisch lehnt ein glorreich bezechter Gummisucher, der den Ertrag von sechs Monaten fiebertoller Arbeit in den dampfenden Urwäldern des Rio Xingu nun während einer einzigen, ebenso tollen Nacht hier verjubelt. Und sein Handwerk trägt – das weiß ich aus bitterer Erfahrung genau – das grause Antlitz eines phantastischen Nachtmahrs.

Hinter dem fidelen, Kautschuk suchenden Freibeuter des Sertão sitzt gleich einer turmartigen Masse vor der von Likör besudelten Holzplatte die kuppelnde Ehehälfte Santiagos, genannt La Ballenha, der Walfisch.

Eine Frau mit schmalem, fein geformtem Nofretetekopf, dem die eigensinnige Laune der Natur einen tonnendicken, walfischähnlichen Rumpf als Krönung verlieh! Eine Frau, deren Herz härter als Flint- und Kieselstein ist. Und gleicht ihr Gemüt nicht Eis?

Denn noch nie, seit sie das regierende Zepter über dem alten, geiernasigen Santiago und seinen Gästen schwingt, hat sie letzteren, die doch ihren Verdienst von Monaten und Jahren in ebenso viel Stunden auf den verbeulten, nassen Schanktisch schleudern, auch nur eine einzige Kupfermünze Kredit gewährt.

Siebenhundert Milreis besaßen Pedro Almeira und ich! Der Juwelier zu Rio gab sie uns für einen grünen Stein, den zu ergattern wir vier Indianer da hinten in den schweigenden Urwäldern umbrachten. Dem fünften, einem alten, mit Schlangenbälgen und bunten Federn behängten Medizinmann, der uns seine Stammesbrüder erst auf den Hals hetzte, versetzte der cholerische Pedro einen gewaltigen Kolbenhieb auf den kahlen Schädel, so dass er in das tiefe Bayou hinter den Strohhütten des Dorfes der kleinen, braunen Blasrohrmänner plumpste. Seine eigenen, geheiligten Krokodile nahmen ihn in Empfang und zogen ihn hinab unter die gigantischen Blätter der Victoria regia, die dort gleich Tortenblechen aus einer Riesenküche auf dem dunklen Wasser schaukeln.

Finsteren Mord – denn das ist die sogenannte Notwehr, wenn sie der Gier nach Reichtum entspringt —, salzigen Schweiß und unsagbare Strapazen kostete dieser große grüne Stein, den wir für einen Smaragd hielten. Weshalb wir ihn den roten Männern, die ihn anbeteten, wegnahmen! Und da sie sich’s nicht gutwillig gefallen ließen, brauchten wir eine verdammt fadenscheinige Notwehr; ihnen hat dieser Widerstand gegen die höhere Intelligenz und Kultur des weißen Mannes – einer von uns ist übrigens so braun wie Schokolade, hihi – fünf Krieger gekostet. Der Rest flüchtete in die Büsche, die rauschend hinter ihnen zusammenschlugen. Der Urwald hüllte sich in brütendes, drohendes Schweigen. Wir aber besaßen den Stein. Den herrlichen Smaragd!

Jener Juwelier in Rio de Janeiro bewies uns jedoch mit wortreicher Logik, dass es sich nur um eine ungewöhnlich große, schöne Jaspisplatte handelte. Weil er sie an Liebhaber zu verkaufen gedachte, zahlte er Pedro und mir siebenhundert Milreis dafür.

„Diablo! Ein Museumsstück!“, hat der geschmeidige, stehkragentragende Señor zu uns zerlumpten, nach Urwald und Sumpf riechenden Männern gesagt. Langsam und theatralisch zögernd legte er die Geldscheine auf den Tisch.

Ihr Siebenhundert! Wo seid ihr?

Santa Maria y Jesus! Ein kleiner Teil ging natürlich drauf für die Dampferfahrt zurück nach Remate de Males. Den Rest bekamen die Señoritas der Ballenha. Als wir aus den Kanus die Plattform des Hauses erkletterten, sandten sie uns ihre erprobten Blicke zu, die sich wie glühende Angelhaken in die Instinkte unkomplizierter, an Stromdschungeln und monatelanges Urmenschentum gewöhnter Männer hineinbohren. Und dabei können sie schlucken wie halb verdurstete irische Vollmatrosen, jene zarten Señoritas!

Unwiderstehlich tönt unseren Ohren, die nur an die machtvoll brausende Symphonie der Urwaldtiere gewöhnt sind, jenes trügerische Sirenenlied, mit dem man uns die schmierigen Milreisscheine gleich bündelweise aus den Taschen lockt.

Wer kann da widerstehen, wenn die Pepita ihren Hibiskusblütenmund öffnet und kindlich lächelnd um den Betrag für einen neuen Seidenrebozo bettelt? Eine ganze Kanuladung Gummi will ich wetten, dass jeder Mann, der ein halbes Jahr in der Dschungel hauste, nur mit ihren Geschöpfen in Berührung kam und gleichzeitig ein Leben führte wie eine Kreuzung zwischen Affe und Tapir – bald in den Bäumen, bald halstief im Sumpf –, in Anbetung zerschmilzt, wenn Pepita ihm nur ein einziges Mal mit ihren wundervollen Fingern das raue Kinn streichelt. Dabei ist sie doch nur ein Freudenmädchen aus Pernambuco, bei Aasgeier Santiago auf Prozente und das, was ihre schlangenkluge Koketterie einträgt, angestellt.

Pah!, das ist uns bekannt. Wir wissen auch, dass ihre Schwüre und Liebesgesten schamlose Lügen sind, um uns freigebig zu machen. Aber wenn wir ausgehungert und halb ausgebrannt aus der Wildnis taumeln, so können wir doch nicht die erstbeste Frau, die auf der Straße unseren Kurs kreuzt, unter den Arm stecken! Es ist eigentlich teuflisch schade, dass man das nicht darf, und ich meine, die alten Römer hatten mit den Sabinerinnen ’ne wahrhaft glorreiche Zeit! Was bleibt uns also übrig, als zu Santiago zu gehen, und den Señoritas unser schwer verdientes Geld in die willig geöffneten Finger zu stecken ?

Und ist’s auch Theater, was sie uns dafür geben, so spielen sie doch ihre Rolle hervorragend gut, und das bleibt schließlich die Hauptsache für einen Mann, der morgen wieder in den Urwald zurückkriecht und dort vielleicht das gewaltsame Ende findet, das ihm auf Schritt und Tritt droht.

Pedros Anteil von den Siebenhundert wechselte den Besitzer innerhalb vierundzwanzig Stunden. Der meine – val game Dios! – brauchte vielleicht die doppelte Zeit, bis Pepita alles hatte. Schließlich erhielt der Trödler und Bürgermeister Dom Xaime noch meine zwei geliebten Revolver. Der Erlös davon wanderte prompt in die Krokodillederhandtasche einer mir begegnenden, spazieren rudernden Tochter der Freude, deren Augenfeuerwerk ich nicht standhalten konnte, als ich gerade mein Kanu zurück zu Santiago paddelte. Hätte jene – glichen ihre Augen doch nachtschwarzen Teichen, worin Sterne versunken waren! – nicht meiner ersten Liebe in Mexiko geähnelt, dann würde sicher Pepita mit dem Blumenmund auch dieses Geld bekommen haben.

Freund Pedro war den Morgen vorher in das auf vier Pfählen im Sumpf stehende, Kalabus genannte Gefängnis gesteckt worden. Wie nämlich seine Milreis zu Ende gingen, bekam er das heulende Elend, und in diesem Zustande verprügelte er einen schäbig aussehenden Kerl, der sich dann aber als Advokat und Schwiegersohn des Bürgermeisters entpuppte.

Ich plante bereits, zu Pablo Reyes oder zum alten Joaquim zu paddeln. Beide sind Händler, die das Wagnis übernehmen, die sogenannten „wilden Gummisucher“ mit Kanu und Proviant auszurüsten, damit sie wieder in den Urwald zurückkehren können. Gar nicht selten machen ihnen dann jene kleinen Indios des Amazonas, die lautlos vergiftete Pfeile aus zwei Meter langen Blasrohren schießen, ein ebenso giftiges Reptil oder sonst ein Zufall den Abschlussstrich unter die Rechnung. Das Kapital geht dann in die Binsen, oder besser gesagt, vor die Gifte.

Häufig genug jedoch kehren solche auf Kredit Ausgerüsteten mit ’ner sündhaften Menge Kautschuk zurück, und der Händler macht sich ungefähr zehnfach bezahlt. Deshalb kann er es sich leisten, dass, wie man zu sagen pflegt, manchen seiner Schuldner der Teufel oder „Urumuha“, das Urwaldgespenst, holt.

Beim alten Joaquim, dem ehrlichsten dieser Landhaifische, beabsichtigte ich vorzusprechen, um mich ausrüsten zu lassen. Naturgummi ist noch immer gesucht; denn, frage ich, warum legt man immer noch große Plantagen an, und warum blüht immer noch das traurige Geschäft der wilden Gummisucher, die oft ganze Wälder vernichten ?

Erst ruderte ich aber nochmals zu Santiagos Platz hinüber, um denen dort zu zeigen, dass ich keinen Rei mehr in der Tasche hatte und mir im Übrigen wenig draus mache, dass sie sie mir kunstgerecht ausgeleert hatten. Das war gestern, und nun ist heute, und Pedro sitzt im Kalabus.

Es war gestern, als sich zwischen Ballenha und mir durch den herrschenden Lärm im Schankraum hin folgendes Gespräch entspann.

„Señor sind lustig! Sie haben Ihr Geld mit Anstand verloren und keine Rauferei angefangen, wie jener Abschaum dort!“ Ihr fetter, beringter Finger wies verächtlich auf die trinkenden, braungelben Brasilianer, die gerade einen Höllenaufruhr verursachten.

Ich musste lachen. „O Señora, Geld soll seinen Besitzer wechseln, dazu ist es da. Übrigens sind die Banknoten in diesem schönen Lande so unappetitlich schmutzig, dass es mich wie eine Erleichterung befällt, wenn ich die letzte ausgebe! Die Wälder dort hinten zwischen den Zuflüssen des großen Stromes sind allein rein! Ah, Señora, wie ich jene verfluchte, gesegnete Dschungel liebe und die blöde, sich selbst überholende Zivilisation hasse!“

Ihr schöner Kopf beugte sich über den Tisch, und lakonisch kamen die Fragen: „Gummisucher? Pleite?“

Ich nickte: „Si, Señora, und meine beiden schönen Revolver hat nun der alte, wuchernde Satan und Bürgermeister in Person, Dom Xaime Torres.“

Mit dem Finger drohend meinte die Frau: „Sie hängen an jenen Waffen?“

Die Hand aufs Herz legend, entgegnete ich: „Señora! Wenn es nicht eine Gotteslästerung oder zumindest eine Beleidigung Ihres Geschlechtes wäre, so müsste ich antworten: Ein schönes Pferd und eine gut eingeschossene Pistole sind für mich das Himmelreich!“

Ihre Augen blitzten lustig. „Lala! Und hat man nicht dreihundert Milreis für seidene Rebozos, Pariser Schuhe und Rubinohrringe wegen einer gewissen Pepita ausgegeben ? He, hat man das? Und wer lag vor Pepitas Füßen, als sie neulich in der Hängematte hinten auf der Veranda saß und La Paloma sang?“

Verblüfft rief ich: „Señora haben Augen wie eine Spinne – milles perdones! Wollte sagen, wie eine Biene. Nämlich etliche Millionen, die alles sehen! – Pepita? Dios, ihr Mund gefällt mir. Auch die Hände! Das ganze Leben besteht ja eigentlich aus Erinnerungen. Und wieso, fragen Sie? Hören Sie, Señora mia! In der Südsee sah ich an einem Wasserfall rote Blüten von den wie Fackeln leuchtenden Flamboyantbäumen flattern. Und manchmal sank eine solche Blüte in den weißen, weit offenen, gewaltigen Kelch einer anderen Blume, die an den schwärzlichen Felsen rankte. Die roten Lippen Pepitas in ihrem weißen Gesicht erinnerten mich an dies Bild von einst. Deshalb kaufte ich Rebozos und Schuhe für Pepita. Ai, Señora, und als ich auf den amerikanischen Schonern fuhr, die den Seelöwen um seines kostbaren Felles Willen von den Pribylowinseln im kalten Beringmeer bis an die liebliche Bai von Jeddo im Lande der aufgehenden Sonne verfolgen – Orte, von denen Sie sicher nie gehört haben –, da legten wir oft dort in Japan an.

Dios mio, Señora, glauben Sie mir, die zierlichen puppenhaften Yoshiwaramädchen von Nippon sind schön wie Schmetterlinge! Es war da eine, Mio-San wurde sie genannt, sie verdiente sich nach üblichem Brauch ihr Auskommen in dem Hause, das die Ampel des Mondes hieß und von uns Matrosen, an deren Händen das Blut unzähliger Seals klebte, viel besucht wurde. Weil wir es liebten, dass zarte Frauenhände uns streichelten! Mio-San hatte Finger, Señora, wissen Sie, lange, schmale, spitze Finger mit Nägeln gleich glänzenden Kolibrikehlen. Und sie konnten streicheln!

Señora, ich denke oft an Mio-San, die ihre Aussteuer im Hause, das die Ampel des Mondes hieß, verdienen wollte, aber vorher an einer schlimmen Krankheit, die wir Matrosen von den breithüftigen Eskimowaihinis der Beaufortsee mitgebracht hatten, zugrunde ging. Deshalb bekam Pepita meine Milreis!“

Die Frau hörte voll Staunen meine Rede an. Jetzt meinte sie: „Sie kamen weit herum. Und nun sind Sie Gummijäger. Ai Virgen! Welch ein Leben!“

Jemand schlug mit der Faust auf den Tisch, dass die Gläser klirrten. An der Tür hielten zwei Mestizen sich umfangen und heulten wehmütig.

„Adios, adios, el ultimo adios! Adios, coqueta, mi amor!“

Pepita ließ die Saiten machtvoll ertönen und betrachtete mich mit sphinxartigem Ausdruck.

La Ballenha begann wieder: „Bleiben Sie noch einige Zeit bei uns wohnen, Señor!“

„Kein Geld mehr!“, rief ich kopfschüttelnd, und sie lächelte. „Lassen Sie sich das nicht anfechten. Später können Sie es ja bezahlen!“

Meine Verwunderung bemerkend, erklärte sie: „Es ist nicht um Ihrer schönen Augen Willen, Señor – übrigens merkwürdige, stets wechselnde Farben haben Ihre Pupillen –, sondern wegen Ihrer Erzählung. Sie scheinen viel herumgekommen zu sein und Mut zu besitzen. Zwei alte Kunden baten mich, gelegentlich einen solchen Mann zu finden!“

Wieder war das Staunen an mir. „Wer sind jene?“

Die Frau entgegnete: „Die Señores Henderson und Willis. Orchideenjäger!“

Dunkel erinnerte ich mich, einmal etwas über den sonderbaren und seltsamen Beruf der „Blumenjagd“ vernommen zu haben, und nickte mechanisch. La Ballenha wartete nicht auf die Antwort, sondern beugte sich näher.

„Womit vergleichen Sie mein Gesicht? Mit welcher Blume?“ Voll Unmut sah sie an ihrem unförmigen Leibe herab, auf den dieser schöne, fein modellierte Kopf verbannt war, und drängte mit Tränen in den Augen: „Nun, wird’s bald?“

Caracho!, hätte ich beinah geflucht. Tränen in den Augen der Ballenha, die für die kaltblütigste Kuppelmutter am Amazonas gilt?

Der Wahrheit gemäß entgegnete ich: „Señora, Ihr Gesicht gleicht einem alten, wundervoll zarten Intaglio, wie es vielleicht der große Leonardo verfertigt haben könnte.“

„Schmeichler!“, lächelte sie. Dann erhob sie sich, und noch nie war mir die Tatsache so stark bewusst, wie sehr sie ihren Namen La Ballenha, der Walfisch, verdiente als jetzt, wo sie schwerfälligen Ganges hinter die Theke schlingerte.

Tobend prallte der Lärm der Zechenden gegen mein Trommelfell. Drei Tische weiter saß Pepita und baumelte mit den Beinen, deren Füße in Schuhen steckten, für die ich eine ganze Handvoll Milreis bezahlt hatte. Noch immer sah sie mich mit den scheinbar leeren und doch so unendlich viel erzählenden Augen der Sphinx an.

Wieder drehte ich mich um. Dort war die Theke. Neben dem einäugigen, gläserspülenden Benito stand La Ballenha. Nur ihr Kopf ragte über den hohen Tisch. Welch herrliches Profil!, sagte ich mir. Sie sah herüber. Es war, als ob ihre Augen mir durch den Qualm der Zigaretten, durch das Grölen der Urwaldleute zuriefen: „Ei Gummisucher, Abenteurer! Du weiltest in seltsamen Gegenden und scheinst das Seltsame zu lieben!“

Ich schaute wie gebannt hin, und meine Hand kam mit einem Glas in Berührung. Es war halbvoll. Und Cachassa drin! Gleich Feuer brannte das Gesöff in meiner Kehle, aber jene Augen, die mich halb anzogen und halb abstießen, wusch das scharfe Getränk nicht weg!

Schräg da hinten saß Pepita. Plötzlich schlugen ihre Finger volle dröhnende Akkorde.

War das nicht Mio-San?

Wieder schaute ich zur Ballenha. Verflucht, wie mir das alles bekannt vorkam! Ganz verschwommen, aber doch deutlich genug, um mir zu sagen, dass ich die gleiche Situation in den Abenteuern meines Lebens schon oft erlebt hatte. La Ballenha, Pepita, Mio-San und wie sie alle heißen, waren und sind eigentlich doch dasselbe. Alle! Alle!

Und nun sollte ich Blumenjäger werden! Durch die Hilfe jener Frau mit dem Kopfe der Kamee. Plötzlich nickte ich gequält.

Ihr Blick ließ mich jetzt los, ein Lächeln umspielte die Lippen, und mich packte sekundenlanges Grauen, als sie hinter der Theke hervor ins Nebenzimmer ging.

Am späten Abend suchte ich mein gewohntes Zimmer auf, wo zwischen vier kahlen Bambuswänden die Hängematte baumelte, aber ich kam nicht dazu mich hineinzuschwingen. Verworren hörte ich durch die Zwischenwand den Lärm der Trinker. Unter dem Fußboden gurgelte der Strom, als La Ballenha durch die Tür eintrat. Ich zwang mich dazu, nur ihr Gesicht zu sehen, und mit einmal flimmerte dieses unleugbar schöne Antlitz ganz dicht vor mir. Ihre Pupillen wurden riesengroß, und die Stimme war goldene Musik.

„Seltsames sahst du in dieser Welt! Was ist seltsamer als Liebe? Sprich, Muchacho!“ Ihre Lippen lagen plötzlich auf den meinen, und halb von Sinnen erwiderte ich ihre wahnsinnigen Küsse. Es verstrich eine lange Minute, dann machte sie sich los und winkte mir zu folgen.

Ein Korridor. Dahinter ein Zimmer, typisch auf südamerikanische Art mit paradeartig aufgestellten Schaukelstühlen möbliert. Aasgeier Santiago saß in der Ecke, die Kalebasse mit Schnaps in der Hand. Er schaute auf, betrachtete mich erschöpft und ließ den Kopf wieder sinken. Jetzt traten wir in ein anderes Zimmer. Und hier waren wir allein. Mein Blick klammerte sich an das Gesicht, das schöne, zarte; nur nichts anderes sehen, nichts Hässliches! – und die Nacht kam, verstrich wie ein schwermütiger, traurig-süßer Traum.

Das war gestern, und nun ist wieder heute!

Tag! Rauch und Qualm! Fuselgestank, schrilles Gelächter. Draußen sengende Sonne. Ich sitze im Schankraum, denn ich warte auf Henderson und Willis. Die Welt der Töne, die mich umwogt, raue, prahlende Worte der Gummisucher, grelles Kichern der Mädchen und Klirren der Gläser – das alles erregt mich und ruft jene ganze blitzende Skala unsagbar trauriger und unerfüllbarer Sehnsucht in mir wach, wie nur der ruhelose, ewig wandernde Abenteurer sie kennt.

Denn die Männer, die augenblicklich den teuflischen Schnaps beinah kübelweise hinuntergießen, haben den Geruch der Urwälder in ihren Kleidern, und die prächtigen Bilder der Wildnis durchschimmern ihre Unterhaltung. Bilder jener köstlichen Wildnis, die mich schon besaß und immer wieder ruft. Wie ein förmlicher Schrei durchtobt ein Verlangen mein Inneres.

Wie stumpfsinnig doch eigentlich diese Mädel dahocken. Pepita auch! Aber dein Mund ist ja wie jene rote, feucht glänzende Blüte, die der Monsun auf die weiß umhüllte Schulter der Balinesin wehte! Deine Hände gleichen jenen der schmalen safrangelben Tochter Nippons in dem traurigen Bambuskäfig, der den lieblichen Namen „Ampel des Mondes“ führte!

Blauer Qualm umwogt mich. Gläser rasseln, und Benitos gesundes Auge schraubt sich stechend durch den Raum. Maskenhaft grinst Blatternarben-Jesus, der größte Taugenichts dieser verrückten Urwaldsiedlung.

Cachassa her! Brrr, das brennt! Grölend lachen zerlumpte Gummisucher über einen guten Witz. Draußen paddeln zwei Kanus vorbei, in ihnen hocken fiebergelbe Kinder der Ansiedler, ihre Augen sind bläulich unterschattet. Fern auf dem Lande, wo die Peons des Dom Xaime dem Sumpf ein Maisfeld abrangen, trompetet ein herumwandernder Esel so laut, dass es bis hierher in den von Stimmen hallenden Raum peitscht.

Schwere feuchte Düfte überall. In faulig-süßen Schwaden dringt die Luft des Amazonas durch die Tür. Grell violette Schlaglichter liegen auf dem Boden. Pepita klimpert. Hinter dem Schanktisch, über der Raubvogelfratze des schnapssaugenden Santiago, über dem Rattengesicht des Bürgermeisters und den narbigen Wangen des Blattern-Jesus, bewegt sich der schöne Kopf Ballenhas vor der dunklen Holztäfelung hin und her. Wo sah ich nur Gleiches ? Wo?

Ah, könnte mir das jemand sagen ?

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Höhepunkt allen Übels

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Die Siedlung heißt Remate de Males – zu deutsch Höhepunkt allen Übels! Ich bin hier wie am Ende der Welt, wo menschliche Teufel, Urwalddämonen und beider Verbündeter, das tödliche Amazonasfieber, um die Wette rasen.

Etwa zwei Dutzend ruppiger Holzhäuser stehen auf hohen Pfählen. Diese lehnen meist wie trunken vornüber, dass es aussieht, als ob die Gebäude von ihren Bambusplattformen schräg hinab in das stillstehende Wasser rutschen wollen. Zwischen den Häusern, überall in der hitzeflimmernden Runde, glänzt gelbe Flut.

Aus Brasilianern, Mulatten, einer Anzahl Dirnen gemischten Blutes und verschiedenen Dutzenden von Abenteurern und Auswürflingen aller Nationen, ewig wechselnd und fortwährend neuen Ankömmlingen Platz machend, besteht die ein echtes Pfahlbauer-Dasein lebende Bevölkerung. Fast neun Monate im Jahr hockt die bunt zusammengewürfelte Gesellschaft derart über dem Wasser.

Abfälle wie Unrat werfen wir aus den Löchern, die man Fenster nennt, oder wir lassen sie gleich durch die weiten Fugen der bei jedem Schritte heftig wippenden und federnden Bambusfußböden fallen. In der Tiefe hausen merkwürdige und schreckliche Geschöpfe! Der schleimige Hundskopf, der den Körper vom Aal und den fast nur aus Rachen bestehenden Kopf dem Wolf entlehnte. Das gewaltige, stumpfnasige Amazonaskrokodil, das gerne die ihm zugeworfenen Überbleibsel in Empfang nimmt und dafür aus furchtbarer Anhänglichkeit als gräuliches Haustier unter ein und derselben Hütte wohnen bleibt. Und winzige, durchsichtige Stachelflosser, die dem Badenden in den After schlüpfen, nicht mehr zurückkönnen und so bösartige Entzündungen, auch selbst den Tod herbeiführen. Niemand außer Neulingen ist allerdings wahnsinnig genug, in brasilianischen Flüssen zu baden!

Zuletzt, aber not least, bewohnt der hübsche Piranha in Scharen die feuchte Tiefe. Manchmal sitze ich auf der Plattform und sehe das Wasser blitzen von heringsgroßen, silbernen schlanken Fischen, dass es mich dünkt, als ob die müde, fließendem Golde gleichende Strömung von Silberpfeilen durchzuckt wird. Das sind die schönen, zierlichen Piranhas, deren unglaubliche Gefräßigkeit, ihre wimmelnde Zahl und ein dreieckiges, der Schere ähnelndes Gebiss sie befähigt, Pferd, Ochse, Mensch und Wasserschwein in fünf Minuten buchstäblich zu skelettieren.

Brasilien, das Land, um das sich Teufel und Engel hartnäckig streiten, ist reich an Schreckenswesen, und König der Wasser ist der Piranha! Hier in Remate de Males, diesem lächerlichen, spukhaften Zerrbild Venedigs, haust dieser Fisch zu Tausenden und aber Tausenden unter den Pfahlbauten.

Neun Monate lang der heißen, fieberschwangeren, moskitoschwirrenden Jahreszeit besuchen sich hier die fragwürdigen menschlichen Existenzen gegenseitig in ihren Kanus. Neun Monate von zwölf stinkt die träg wallende, undurchsichtige Flut zwischen den Ritzen der Bambusböden zu den in Hängematten faulenzenden Besuchern empor. Neunmal dreißig Tage plätschert sie um grüne Hauspfähle voller Algen und hüllt manchen Gummisucher, Diamantengräber und Abenteurer, den ein Messer stumm machte, in ihr nasses Leichentuch ein. Die anderen drei Monate, wenn der schreckliche und doch so unbeschreiblich schöne Strom seinen Machtbereich etwas verengt, trocknen die Gassen, durch die eben noch Kanus fuhren, zu hartbackenen oder schlammigen Lehmrinnen ein. Und dann staunen die Leute, wenn wieder einmal Teile eines menschlichen Gerippes unter Aasgeier Santiagos Pfahlbau-Spielhölle zum Vorschein kommen.

Denn nicht jede Hütte hat ein Krokodil zum Polizisten, und wo der Piranha wohnt, der nichts außer seinesgleichen duldet, da bleiben die Spuren des Dramas dem sie nun enthüllenden Sonnenlicht vorbehalten. Die Männer schütteln die struppigen Köpfe und tun, wie wenn sie sehr entrüstet sind.

Ob es wohl der schwarzlockige Estevan war ? Estevan, der so trefflich auf der Gitarre klimperte und unklugerweise zu viel Waschgold sehen ließ? Aber vielleicht war es auch der verrückte Amerikaner, der Gringo, den Gott verdamme. Ave Maria Purisima! Sind nicht alle Gringos verruchte Ketzer ?

„Ave Maria Purisima, que resta en paz! Gelobt sei die reine Gottesmutter – und möge er in Frieden ruhen!“, sagt der rattenäugige Dom Xaime, Bürgermeister und Obrigkeit des Ortes. Vielleicht ärgert er sich, dass er nicht dabei gewesen ist, als man dem betrunkenen Estevan, oder um wen es sich handelt, des Nachts sieben Zoll kühlen Stahls zwischen fünfte und sechste Rippe gleiten ließ.

Blatternarben-Jesus, der Trunkenbold und Prügelbock der Siedlung, ein durch sämtliche Laster auf Tierstufe gesunkener Katalane, erhält den Auftrag, die paar Gebeine dem großen Strom, der gleich hinter der letzten Häuserreihe rauscht, zum Begräbnis zu übergeben. Er trinkt nachher einen großen Becher Cachassaschnaps und – Purisima Virgen! – das Leben geht seinen Gang.

Wenn die drei trockenen Monate vorbei sind und das Wasser triumphierend rauschend und gurgelnd zurückströmt, dann lauern die Leute von Remate de Males von Neuem gleich hungrigen Spinnen in ihren luftigen Baracken. In der Bar summt die Gitarre, schwarzhaarige, dunkeläugige Mädels jauchzen und winden sich im Tango.

Bronchitische Trichtergrammophone krächzen, Würfel rollen und Milreisscheine knistern.

Aus den Wäldern, den Dschungeln und dem unermesslichen, grünen Geheimnis, das den Lauf des Amazonas und seiner machtvollen Zuflüsse streckenweise mit zähen Lianenarmen umschlingt, brechen jene hervor, die von der Einsamkeit, den Strapazen und dem Durst nach menschlicher Gesellschaft halb wahnsinnig wurden! Die Goldwäscher, Gummisucher, Edelsteingräber! Und jene wandernden Händler, die man Aviadores nennt, und die manchmal den Schimmer der Urwaldromantik in die großen Städte, aus denen sie ihre Waren beziehen, bringen. Die Orchideenjäger und all die Abenteurer, die tagaus, tagein ein armseliges und doch prächtiges Leben führen, mit ihrem Schicksal ohnmächtig hadern und dem Ende, meist einem gewaltsamen, entgegenrasen.

Und für solche, für uns Stiefkinder der Welt, ist Remate de Males ein Paradies!

Das Paradies, das der Satan regiert, der die schlummernden Urinstinkte primitiver oder, was noch schlimmer, primitiv gewordener Männer mit Fluten brennenden Cachassaschnapses zu verheerenden Leidenschaften anpeitscht.

In Remate de Males, das das Ende der Welt ist! Wo Brasiliens Gesetze nur auf dem Papier stehen! Denn die Siedlung versteckt sich im Herzen der Dschungel, fern dem Machtbereich der Zivilisation. In der Tiefe, unter den Hütten, herrschen Krokodil und Piranha. Oben, über den Fluten, die die Sonne golden umschmilzt, hausen der Ausbeuter, der Kartenspieler, die Dirne letzten Ranges und das Fieber, das oft in wenigen Stunden den Tod bringt.

Alle diese unheimlichen Kräfte bekämpfen sich stets und vernichten das, was in ihren Machtbereich gerät.

Aber wie alles wahrhaft Böse ergänzen sie sich wieder. Deshalb besteht und blüht wie eine widerliche Sumpfpflanze dort oben am großen Strom der Ort Remate de Males. Höhepunkt allen Übels – da wohne ich jetzt.

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Dschungellockung

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So vergehen die Tage. Sie streichen dahin und vorbei. Rasch, gleich Gläsern von Cachassa, der sich meine Kehle hinabbrennt und an meiner wilden Seele verdampft. Schnell verebben die Tage, und doch ist ihr Lauf so träge wie jene gelbe, die Pfahlbausiedlung umspülende Flut.

Ballenha! Man sagt von dir, dass dein Herz härter als Flint, dein Gemüt kälter als Eis sei. Und doch lodern deine Blicke wie Fieberflammen!

Maschallah, wären wir im Orient, so würde ich an verfluchtes Dschinnie- und Hexentum glauben. Aber wir sind doch hier in Brasilien, und der einzige Zauber, den ich anerkenne, ist das Locken der herrlichen, unberührten, kaum durchdringbaren Stromwälder und jener großartige, unhörbare Schrei aus der Wildnis, deren Botschaft mir aus den Kleidern und den trunkenen Stimmen der Gummisucher betäubend entgegenweht.

Wäre ich doch zu Joaquim gegangen, dann säße ich nun im Kanu, flussauf paddelnd, vorbei an den gigantischen Mauern der grünen Dschungel.

Ob Henderson und Willis kommen? Drei Tage will ich noch warten und dann zu Joaquim gehen. Wie Pepita mich anstarrt! – O meine kleine Mio-San, deine Finger glitten wie Safranvögel mit lackierten Schnäbeln über die Saiten, als du dem Matrosen die Lieder von Nippon vorsangst!

Erstickend, nach moderndem Laub und den seltsamen fleischfressenden Blumen der Amazonaswälder duftend, pressen heiße Luftschwaden durch Tür und Fenster herein. Das Grammophon krächzt. Über dem blau flimmernden, allmählich verschwindenden Dunststreifen, der dort hinter der letzten Häuserfront auf dem rauschenden Strome lagert, kriecht langsam die Mondscheibe empor und als orangeroter Schaum perlt ihr Licht über Remate de Males.

Auf einmal schweigt, wie abgeschnitten, das wüste Geschrei, das die Pfahlbau-Spielhölle erfüllt. Dem Urwaldhändler Felipe Alvarez erstarrt gleichsam die den vollen Becher zum Munde führende Hand.

Alle haben wir es vernommen!

Da! Noch einmal hallt von der weit hinter den himbeerfarbenen Abendnebeln versteckten Flusskrümmung der tiefe, sieghafte Brüllton des allmonatlich einmal bis nach Remate de Males kommenden englischen Ozeandampfers. Denn so gewaltig ist dieser prachtvolle Amazonasstrom, dass selbst in der trockenen Jahreszeit Schiffe, richtige Seeschiffe, von England aus, dessen Linien die Flussfahrt Brasiliens größtenteils pachteten, noch weit über tausend Meilen die majestätische, von Dschungeln grün umsäumte Wasserfläche landein keuchen können. Sie bringen Post, Waren, neue Abenteurer und manchmal auch einige Globetrotter mit Tropenhelmen und Elefantenbüchsen, aus denen sie zu unserem Ergötzen auf Kolibris schießen.

Mit Kautschuk, später, je näher sie wieder der Mündung und den großen Plantagen kommen, mit Kaffee bis unter die Lukendeckel vollgepfropft, rauschen diese smarten, grauen Fahrzeuge dann zurück. Auf ihren Kommandobrücken stehen breitbeinig die tropenbraunen, prächtigen Seebären Old Englands. Für Orte wie Remate de Males, der Schlussstation und dem Ende der Welt, ist das stets sehr ungewisse Eintreffen des Dampfers ein Ereignis! Denn nur zu oft kommt das Schiff überhaupt nicht, weil es dem alten Vater Amazonas beliebte, plötzlich weiter unten eine Barre aus Schlamm und fest gerammten Baumriesenleichen zu bilden.

Aber nun naht er! Und als die Schornsteinflöte zum dritten Male das Schweigen zerrissen hat, verwandelt sich Remate de Males in ein Tollhaus. Jeder springt, über andere stürzend und fallend, durch die Tür auf die Plattform und dann hinab in die erste beste Curiaria, die Einbäume, die an den Pfählen angebunden sind. Die rechtmäßigen Eigentümer fluchen oder lachen; die Mädchen in ihren bunten Seidenfähnchen umranden das Geländer, und vor jedem Hause, vor allen Plattformen spielt sich die gleiche Szene ab.

Dort tauchen Männer schon die Paddel ein und treiben wild jauchzend ihre schlanken Kanus ins tiefe Wasser. Schüsse knallen in rascher Folge. Der dumpfe, dröhnende Krach der Winchesterkarabiner mischt sich mit den hellen Peitschenschlägen aus Mausergewehren. Raketen fauchen steil gegen zaghaft funkelnde Sterne, zerbersten hoch oben und rieseln als rot-goldene und grün-silberne Schlangenbrut herab.

Ich stehe am Geländer, den Arm um Pepitas Taille, denn alle Kanus sind fort. Alle flitzen sie bereits durch die Hauptstraße „Dom Pedro“ und biegen eines hinter dem anderen um die nur noch halb aus dem Wasser ragende, allmählich umsinkende Hütte des Blatternarbigen. Dahinter rauscht der Strom, und von dorther dröhnt auch das Hämmern der Schiffsmaschine immer lauter.

Stößt da nicht die Curiaria des Bürgermeisters von dem Bambusnotariat ab? Er selbst steht darin, vor der stolzen Flagge Brasiliens mit der Weltkugel und den Gestirnen. Seine beiden Peons rudern, und jetzt zieht der verdammte Kerl meine zwei Revolver, die ich so gut an den Perlmuttgriffen erkenne. Und er feuert eine krachende Begrüßungskanonade in die Luft.

Jemand lacht mir ins Ohr. „Ein gut eingeschossener Revolver und ein schönes Pferd sind das Himmelreich?“

Ich wende mich um und erkenne Ballenha. Aber Pepita zieht mich wieder zum Wasser, und ich starre hinter den Kanus her. Die letzten fegen eben um das versinkende Haus, und dann höre ich Ankerketten rasseln.

Es verstreicht nur kurze Zeit. Bei uns halten diese seltenen Dampfer nur so lange, um einige Kisten Bier und Liköre, vielleicht auch ein paar neue Dirnen auszuladen. Plötzlich bricht wieder Schießen und Schreien los, klirrend geht die Kette hoch, der Maschinentelegraph klingelt, und ich merke an dem Rauschen, dass der Dampfer, den wir von unserer Plattform wegen der vor uns liegenden Häuserreihe, der graziös aus dem Wasser ragenden Palmen und des dicken Flussnebels gar nicht erblickten, stromab geht. Weiter hinauf kann er nicht! Es gibt zu viele Untiefen, und dann verzweigt sich da auch der Amazonas in einen labyrinthischen Wirrwarr von Seen, gewaltigen Buchten, Neben und Zuflüssen, an denen nur armselige Dörfer vegetieren, wo das Fieber jahraus, jahrein herrscht.

Ist nicht bei uns in Remate de Males, dem Höhepunkt allen Übels, das Ende der Welt? Wohin nur die kommen, die aus dem menschlichen Durchschnittsleben fallen und in das grüne Geheimnis der Dschungeln kopfüber hineinspringen und völlig verändert nach sehr langer Zeit oder auch nie wieder hervortaumeln!

Lachend und durcheinander rufend, paddeln die Leute von Remate de Males in ihren ausgehöhlten Xaibabäumen zurück. Kisten werden vor einigen Häusern abgeladen. Die gewaltigste Curiaria hält auf uns zu. Schwitzend rudern die Männer. Das Fahrzeug, das vom Bürgermeister geleitet wird, der an allen Einnahmen Santiagos zum großen Leidwesen der Ballenha mit einem erklecklichen Zehnten beteiligt ist, ist voll bepackt. Mit schwarz bestempelten Likörkisten!

Auf ihnen sitzt neben ihrem lackierten, mit Kupfernägeln beschlagenen Holzköfferchen eine sehr gewagt herausgeputzte, verwegen geschminkte Señorita. Sie lächelt mir, dem einzigen Manne auf der Plattform, herausfordernd entgegen, und ich sehe die Goldplomben ihrer Zähne. Gleichzeitig höre ich das Tuscheln links und rechts von mir, als die Mädchen diese neue Kollegin einschätzen. Aber vorne im Bug stehen zwei Männer, die trotz ihrer städtischen Kleidung mehr in die Wildnis zu passen scheinen! Scharf geschnittene, bartlose, sparsam lächelnde Gesichter mit hellen Augen haben sie! Einige der Mädchen, die schon länger hier weilen, brechen in freudige Zurufe aus.

„Oyez, lala! Señor Henderson und Señor Willis!“

Und hinter mir sagt Ballenha: „Die Orchideenjäger! Unbegreifliche Leute! Seltsam und unverständlich wie du! Masken!“

Die Curiaria legte an. Einer der beiden lacht mit näselndem, angelsächsischem Akzent: „Ai, Señora! Wie glücklich bin ich, Sie zu sehen!“

Und die Stimme raunt wieder in mein Ohr: „Um zwölf Uhr sei du im Zimmer der Schaukelstühle. Heute! Denn morgen? Da gehörst du der Wildnis!“

Alle traten wir in den Schankraum ein. Die Stunden verstreichen langsam. Es ist längst Mitternacht vorbei, ein paarmal fing ich den erst fragenden, dann zornig befehlenden Blick der Ballenha auf, aber ich bleibe sitzen und lausche den beiden Männern.

Sie sind wortkarg, jedoch was sie sprechen, nimmt meine Phantasie gefangen. Ich sehe auf einmal die Dschungel in noch ganz anderen, viel leuchtenderen, phantastischen Farben! Ich fühle mich auf einmal noch viel enger mit ihr verschmolzen und den bunten, merkwürdigen Pflanzen und Tiergeschöpfen der Wildnis höriger als je!

Henderson erzählt in langen Pausen, der andere wirft hie und da ein dürres Wort dazwischen, das aber wie die Fackel in einer Märchennacht auf meine Sinne wirkt. Der Pfahlbau ist gesteckt voll von Menschen. Rau lachende Männer; Männer, die in verbissenem Schweigen ihre Karten betrachten; gewaltig trinkende Männer. Die einen singen; andere stecken flüsternd die Köpfe zusammen, und ein paar gestikulieren wild. Mädchen vom hellen Elfenbeinteint bis zum dunklen Braun winken, locken und kokettieren.

Nun redet Willis, und ich höre von der Jagd nach den seltenen Wunderblumen in den dämmergrauen, jungfräulichen Wäldern. Fiebernd lausche ich. Die ganze Zeit fließen die Stunden dahin, und draußen über der Wasser umspülten Siedlung liegt die Nacht. Wie blauer Samt, silberflimmernd breitet sich die Glocke des Himmels aus. Der Amazonas spielt mit den Dünsten, die ihm entsteigen. Seit Tagen wohnt ein mächtiges Mutterkrokodil mit seinen Jungen unter der Hütte. Die armlangen Tierchen, die ich im Sonnenschein sah, schreien nun. Es klingt wie das Miauen gepeinigter oder hungernder Katzen. Pepitas Finger dröhnen über die Saiten.

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Die Lola

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Wie geheimnisvoll schön das ist, wenn am großen Strom die Schatten der Dunkelheit mit den klar-goldenen Strahlen des Morgens kämpfen! Wenn violette Dünste, die kniehoch an den Ufern zwischen den Schilfstängeln träge und unbeweglich ruhen, plötzlich in ängstlichen Aufruhr geraten! Wenn sie sich winden und drehen, wallend hin und her quellen, um von den siegenden Lichtstrahlen getroffen, durchbohrt und in grotesk flatternde Fetzen zerpflückt, hinaus auf die Strommitte zu flüchten! Da liegen sie kurze Zeit in kompakter Masse über murmelnder Flut, bis sie der Kuss der voll entflammten Sonne leicht wie einen Hauch vom Spiegelglas wegwischt.

Und so war es, als wir in der „Lola“, dem größten Einbaum, den es in Remate de Males gibt, von der Plattform abstießen. Zwei verschlafene Mädchengesichter lugten aus der Tür, die Ballenha lehnte schwer und drohend über dem Geländer, als ich zum letzten Male winkte und dann die Paddel eintauchte.

Jetzt ist es fast Mittag. Schräg voraus flimmert ein zackiger, dunkler Strich unter dem schwelenden Himmel. Sonst ist nichts in der Runde zu sehen als die cremefarbene, dort wo Sonnenstrahlen in Wirbeln zerbrechen, gleich Goldschaum sprühende Fläche des Amazonas.

Langsam und stetig schiebt sich die „Lola“ stromauf. Vorne kauert Henderson. Die Ärmel des Khakihemdes weit hochgestreift, tauchen seine braunen Arme das Schaufelbrett der Paddel mit rhythmischem Schwung ein. Willis hockt pfeiferauchend auf den Kisten und schaut gedankenvoll in das vorbeischießende Wasser. Ich führe die Heckpaddel, mit der auch gleichzeitig gesteuert wird.

Remate de Males geriet längst außer Sicht. Versunken und untergetaucht ist es da hinter uns, wo der glorreiche Tag auferstand! Verschwunden und vergessen wie die dürftigen Weiler und sumpfigen Plantagen, die wir seither passierten.

Die Ufer des sich in einzelne, brausende Strähnen zerschneidenden Stromes rücken immer näher. Wie grüne Mauern erst, dreißig Meter hoch, steil aus dem Wasser ragend, dann als blumenbesprenkelte Vorhänge, und zuletzt sind’s herrlich bunte Kulissen, an denen Lianen flattern. Von den Schlingpflanzen leuchten rote, gelbe und weiße Sternblüten. Auf vorragenden Ästen hocken zähnefletschende Wickelschwanzaffen, die alsbald wie graue Gespenster ins Urwalddunkel davon huschen.

Mächtig wuchs die Kraft des Wassers, und wir treideln uns dicht am Ufer weiter, greifen mit den Händen in dorniges Gestrüpp, brechen streckenweise durch Sumpfgras, die „Lola“ an langer Leine hinter uns herziehend. Und wo das nicht geht, schieben wir zu zweit, bis an den Hals in warmer, rasch fließender Strömung, das Fahrzeug mit Aufbietung aller Kräfte vorwärts. Unsere Gedanken sind bei den Piranhas, die, ehe wir aus dem Wasser herauskämen, uns grässlich zerfleischt hätten.

Der dritte hockt im Kanu, nach allen Seiten spähend. Oft riss er den Arm hoch, krachend entlud sich die Flinte, und irgend etwas Langes und Drohendes im Wasser peitschte und rührte rosigen Schaum auf, ehe es wieder versank. Anfangs erschrak ich immer, denn Schuss und Aufruhr im Wasser bedeuten Krokodile, aber schnell wurde ich gleichgültig.

Nur an die Piranhas denke ich noch.

Weiter geht die Fahrt, die Ufer treten weit zurück, viele Ströme treffen rauschend zusammen, und die Straße der „Lola“ ist nun ein gelbes, durch Grün sich windendes Serpentinenband von kilometerbreiter Ausdehnung.

Seen bildet der Amazonas, die so groß sind, dass wir nichts als schimmerndes Wasser schauen. In stillen Buchten schaukeln die riesigen Blätter der Victoria regia. Vögel mit hohen Stelzenbeinen hüpfen darüber hin, und zwischen den schweren, schneeigen Knospen und den schon geöffneten Blüten mit ihrer goldenen Staubfadengloriole spannen sich tauschimmernde Spinnennetze.

Ununterbrochen paddeln wir. Keiner spricht, weil die Anstrengung, mit der wir die „Lola“ den Amazonas aufwärts peitschen, unsere ganzen Kräfte und Sinne verbraucht. Vorne flimmert ein dunkler Strich unter der glutspeienden Himmelswölbung. In der Runde schimmert, tanzt und perlt Wasser. Gelbe, undurchsichtige Fluten, die eintönig brausen, melodisch murmeln, scharf zischen und bezaubernd flüstern.

Ein Fisch schnellt seinen regenbogenfarbenen Spindelleib hoch und sinkt zurück. Ein bemooster Baumstamm, um dessen Aststumpf eine gefleckte, drohend den Rachen aufreißende Schlange sich ringelt, treibt vorbei. Einen Augenblick rudert der Zackenschwanz eines Krokodils dicht neben dem Heck der „Lola“, und kurz darauf scharrt der flach gehende Einbaum über eine Untiefe.

Später sitzen wir wirklich fest, rauchen erst eine Pfeife und betrachten fluchend die Piranhas, die uns umspielen. Endlich sind sie weg.

„Willis! Rasch mit dem Dutchman über Bord und geschoben! Ihr seid die Jüngsten! Beim Donner, los!“, krächzt Hendersons Mund, der in einem schweißgebadeten, bösen Gesicht gähnt.

Willis steigt über, das Wasser reicht ihm an die Knie. Ich springe ziemlich plump nach, dass es aufspritzt.

„Vorsicht! Wir werden ja lebendig gefressen!“, jammert Willis, und schon stemmen wir die Schultern gegen den sich langsam bewegenden Einbaum.

„Schneller, Boys!“, feuert Henderson an. Er hat die Flinte plötzlich an der Schulter. „Drückt nur, Kerle!“, muntert er wieder auf.

Etwas Großes, Langes, Weiches glitt an meiner Wade entlang, eine knorpelige Schnauze taucht vor mir auf, öffnet sich.

Teufel, was für ein Rachen! Und wie elfenbeinfarben die Dolchzähne in den gleich rosa Lack glänzenden Gaumenplatten sitzen! Und – caramba!, wie stinkt dieser Rachen!

Es klingt, als ob zwei Bretter heftig zusammengeschlagen werden, als er zuklappt, gleichzeitig dröhnt Hendersons Schuss. Der aufwirbelnde Schaumtrichter wirft mich beinahe um, aber schon ist es wieder ruhig, und mechanisch schob meine Schulter die ganze Zeit weiter.

„Tüchtig, mein Herzchen!“, keucht Willis, und das Kanu gleitet rascher.

„War nur ’n lumpiges, lausiges Krokodil, Boys!“, beschwichtigt der andere und fingert spielend die Flinte.

„Ho! Stop! Damned, halt an!“, brüllt plötzlich Willis, denn das Fahrzeug ist flott, und beide verlieren wir den Grund. Mit Vorsicht steigen wir ein. Hohn packt mich, wie ich über Bord schaue und das Wasser plötzlich von heringsgroßen Fischen blitzen sehe.

„Zu spät, Satanspack!“, brumme ich, und der Amerikaner lacht lobend: „Yes, zu spät. Tüchtiger Kerl, Dutchy.“

Wir paddeln weiter. Der sich verengende Strom ist unsere goldene Straße, die aus sattgrüner Umfassung geheimnisvoll lockend hervorschnellt.

In einer winzigen Bucht machen wir Mittagsrast, hängen die Angel über. Es beißt schnell etwas an. Zuerst ist’s ein vom Ozean herauf verschlagener Grundhai, der mit Schnur und Angel davongeht. Ein neuer Haken bringt einen phantastisch geformten, prächtig grünen und blauen Fisch ans Tageslicht, von dem wir nur wissen, dass er sehr giftig ist. Ein Fluch begleitet ihn in sein Element zurück, und ein Krokodil, das uns wie ein hungriger Köter belauert, schießt herbei, verschlingt ihn.

„Hm, kalkuliere, dass wir bei Speck und Eiern bleiben. Hoffentlich hat uns die Bande in Remate de Males keine faulen gegeben!“, brummt der Amerikaner.

Aber Willis, der Orchideenjäger des brasilianischen Urwaldes und Doktor der Botanik an der Universität Edinburg, wirft noch einmal die Angel über, indes ich mich damit abquäle, aus feuchtem Holz ein Feuer im Aschenbehälter des Kanus anzuzünden.

„Heigho, ein Fetter diesmal!“, schmunzelt er und zieht mit mühevoller Vorsicht. Alle drei beugen wir die Köpfe über Bord. Da kommt es langsam empor! Etwas Braunes, Blankes, wie ein Fischleib. Und nun sehen wir es. Es ist nur ein Baumstrunk – und jetzt reißt die Leine, er sinkt samt der Angel zurück.

Willis ist wütend, schüttelt sich, dass die Schweißtropfen von seiner Stirn fliegen. Aber er probiert es nochmals. Und diesmal erblicken wir’s deutlich. Ein Piranha geht mit Haken und Köder davon.

Zwar sitzt wegen der Scherengebisse jener Fische der Haken an einem dünnen Metalldraht, aber manchmal knipst der Piranha auch diesen ab.

Wir braten Eier, trinken Tee dazu. Der Strom rauscht müde. Sonst ist die grüne Wildnis, die uns in ihre Arme nahm, feierlich und schwermütig still. Aber die Herzen von Menschen pochen gleich Hämmern, und in den Adern rauscht es heiß wie von einem betörenden Trank.

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Vierundzwanzigstundentod

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Wir paddeln wieder und erreichen um fünf Uhr, nachdem wir den Hauptstrom schon verlassen haben, die Bucht des Vierundzwanzigstundentodes. Diesen Namen gaben die Leute von Remate de Males der prachtvollen Gegend. Der Fluss macht hier eine Krümmung, still und glatt ist sein Wasser, und das eine Ufer gleicht eher einer stilvollen englischen Parklandschaft als brasilianischer Dschungel.

Da aber kein Mensch in Remate de Males daran denkt, Plantagen anzulegen, merkten sich die Leute zwar die Gegend, taten jedoch sonst nichts.

Bis einmal vier deutsch-brasilianische Familien mit Kind und Kegel auf der Suche nach gutem Land den Ort berührten. Dom Xaime Torres verkaufte ihnen flugs die Bucht und alles angrenzende Gebiet für eine spottbillige Summe, obwohl sie es ebenso gut umsonst haben konnten. Denn Dom Xaime hatte so wenig Anrecht wie ich, und der behördliche Landvermesser kam zwar schon bis Remate de Males, aber er verließ es nicht wieder, denn das Fieber brachte ihn um.

Mit großen Hoffnungen und nach unsäglichen Strapazen erreichten die Leute die Bucht. Erst hatten sie einen aus ihrer Mitte vorausgesandt, Blatternarben-Jesus war sein Führer gewesen. Ganz begeistert kamen sie zurück, und sofort fuhr die Kanuflottille los.

Blatternarben-Jesus lungerte nach der Ankunft am Platz noch ein wenig herum, um zu sehen, wie sich die neue Siedlung anlasse, damit er Dom Xaime Bericht erstatten konnte.

Nun – es war ein Vormittag, als die Leute jubelnd bei dieser idyllischen Bucht anlegten und glaubten, ihrer wäre nun das Himmelreich. Wohl wurde ihnen eines zuteil, aber nicht das erwartete!

Denn um Mittag lag bereits fast jeder Teilnehmer der Expedition mit schwerem Fieber in seiner Hängematte. Als der Abend kam, rasten alle mit Ausnahme des Führers in wildem Delirium, und der Narbige hatte, wie er sich bekreuzigend nachher erzählte, alle Hände voll zu tun, um abwechselnd zur Mutter Gottes zu beten und den nach Wasser wimmernden Menschen zu trinken zu geben. Am nächsten Vormittag lebte kein einziger dieser hoffnungsvollen Pioniere mehr.

Blatternarben-Jesus betete ein Ave, wunderte sich, dass er noch da war, und machte sich über den Schnaps, den die Leute in großen Demijohns mitgebracht hatten. Nach einigen Tagen war er damit fertig und paddelte nach Hause.

Seither heißt diese Bucht zum Vierundzwanzigstundentod. Und es gibt von diesen Buchten, die den gleichen Namen verdienen, unzählige am Amazonas und seinen Zuflüssen!

Sanft scharrend berührt die „Lola“ das liebliche Ufer.

„Yes!“, lacht der Engländer gemütlich. „Yes, Freund! Wir werden hier nämlich übernachten. Henderson und ich tun’s immer. Und wenn Sie morgen noch leben, dann Freund, sind Sie ein verteufelt brauchbarer Kerl für die Orchideenjagd, und wir können uns gratulieren, Ihre Schulden bei der komischen Walfischfrau bezahlt und Ihre Revolver eingelöst zu haben!“

Er kichert noch lange, und Henderson sagt trocken: „Bis hierher ist nur Probezeit, wie wir kalkulieren. Schätze, dass Sie morgen Mittag – brauchen gar nicht bis Abend zu warten – ein richtiger Orchideenjäger oder ’n toter Ex-Gummisucher sind!“ Dann grinst er: „Well, und nun wollen wir die Hängematten anbringen und essen. Was meinen Sie?“

Ich antworte: „Eier haben wir noch außer den Konserven, und dann will ich jetzt ’nen tüchtigen Fisch fangen!“ Ich ahme seine Redeweise nach: „Schätze und kalkuliere, dass mich hungert!“

Ich ergreife die Angelleine, gehe nach einem Baum, der weit über das Wasser ragt, und werfe den Wurmköder aus. Innerhalb fünf Minuten habe ich einen Zwei Kilo schweren Flossenträger und schleppe ihn ans Feuer. Während ich ihn aufschlitze, murmelt der Doktor der Botanik: „Sie müssen keine Angst haben, wir schlafen immer hier!“

Schweigend wird die Mahlzeit eingenommen. Nachher sitzen wir in den Hängematten, und die Pfeifen glühen. Weit drinnen im Urwald ertönt der brausende Chor einer Herde Brüllaffen. Die Nacht legt sich dunkelblau über die Bucht des Vierund zwanzigstundentodes. Als die großen Insekten, die man dort Laternenträger nennt, grün leuchtend um die Baumparzellen tanzen, schaukeln wir in den Hängematten. Die Glut des Feuers erstirbt. Es ist klebrig warm, und aus dem Wasser steigen gespenstisch jene violetten Dünste, die für viele Menschen den Tod bergen. Gleich einer dumpfen Glocke begleitet das Rauschen des wandernden Stromes meine ruhelosen Gedanken.

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Der endlose Pfad

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Ave Maria! Die Bucht des Vierundzwanzigstundentodes, die in grotesker Laune von dreißig Heimstätten suchenden Menschen nur ihren Führer, den Trunkenbold Blatternarben-Jesus, verschont hat, liegt weit hinter uns. In finsterer Wut die Paddel führend, rudern wir am Südufer des herrlichen Stromes, wo das ruhige Wasser zahlreicher Bayous und Lagunen leichteres Vorwärtskommen gestattet, dahin.

Nun gleicht die Umgebung nicht mehr der lieblichen Parklandschaft Old Englands, in der wir vor Kurzem übernachteten. Ich habe die Probe bestanden; die Bucht des Vierundzwanzigstundentodes hat nicht, wie Henderson dunkel orakelte, einen toten Ex-Gummisucher aus mir gemacht. Ich bin nun vollblütiger Orchideenjäger, Angehöriger dieser seltsamen Menschengilde, die keine zwanzig Mitglieder in der ganzen Welt zählt, und um deren Wohlergehen mancher Multimillionär in London, Amsterdam und New York aus Leidenschaft zur Orchideenzucht schlaflose Nächte hat.

Wir kämpfen uns gegen die vereinten Naturgewalten des Amazonas stromaufwärts. Schwindelnd hoch ragen die lianenumsponnenen Baumriesen aus dem Wasser. Leuchtend bunte Vögel flattern aus dem Farbenwirrwarr der Dschungel. Misstönendes Geschrei bricht in heftigen Wellen aus dem Schoß der Wildnis.

Wir paddeln! Zeitweilig schaut der Vordermann über die Schulter und stiert den hinten Sitzenden voll unterdrückten Zornes an. Gelb gefleckt vom Fieber wurden unsere böse blickenden Augen. Die Backenmuskeln sind krampfartig angespannt, und unsere zusammengekniffenen Lippen bilden schmale Linien, die sich oft urplötzlich öffnen, um einen Strom toller Lästerungen loszulassen. Schweiß fließt in Bächen an uns hinab, die Achselhöhlen wurden durch die mechanisch scheuernde Bewegung des Ruderns wund und schmerzen, als ob man mit Reibeisen darüber hinstreicht.

Über uns schwelt als riesengroßer, rötlicher Kreis die Sonne der Tropen. Ihre Strahlen bohren sich gleich Lanzenspitzen in unser Hirn, legen sich als pressende Schlangen um die Schläfen, beengen die um Atem ringende Brust, strömen gleich Flammen in die stechenden Lungen und verwandeln das Kanu, in dem wir hocken, in eine wahre Feuerhölle.

Hinter Inseln, Sandbänken und Waldstreifen, die dem Wasser dort entsteigen, wo der Hauptstrom seine Bahn fließt, rauscht es gedämpft hervor. In nächster Nähe um uns ist’s ruhig. Bleiern wuchtet die Luft über stehenden, blasenwerfenden Fluten. Widerlich giftgrün sind die gerundeten Tellerblätter der Victoria regia. Ihre kopfgroßen Blüten schimmern unwirklich weiß, und die Stelzenbeine der Vögel, die darüber hinlaufen, sind flammend rot gleich Stäben aus lebendigem Feuer. Ab und zu wirft mir Willis ein paar knurrende Worte zu, und Henderson stößt sein scheußliches, prasselndes Lachen aus, wenn der Schlamm überwucherte, stinkende Leib eines Krokodils mit jähem Satze im goldgelben Wasser verschwindet.

„Ist ’ne wahrhaft teuflische Fahrt!“, brummt der Engländer und schmettert die breite Schaufel der Paddel heftig nieder, dass warme Tropfen mein Genick nässen. „Wünschte fabelhaft gerne, wir hätten etliche eiskalte Cocktails oder sonst was Trinkbares, was es in diesem gottverlassenen Lande nicht gibt!“

Tief presst der Amerikaner zwischen einzelnen Ruderschlägen hervor: „Kalkuliere, du hast recht. Kalkuliere, dass der Böse dieses Leben holen soll. Schätze, dass es besser wäre, wenn die Burschen in London drüben, die so heidnisch viel Geld haben, dass sie vor Langeweile Orchideen züchten und seltenes Blut davon gleich Rubensschen Gemälden für tausend Pfund ersteigern – kalkuliere und schätze, dass die Kerle doch mal selber hinter ihren Blumen herkriechen sollen. Werde zurückgehen, in die Vereinigten Staaten, heim in Gottes Land. Weiß ’n hübsches Cottage bei Pasadena und und werde wohl auch ’n tüchtiges Girl dazu finden. Blond muss sie sein. Ah, Boys, es geht nichts über unsere kalifornischen Frauen!“

Ich rudere schweigend. Ein großer Schmetterling mit dunkelroten Schwingen umflattert mich nervös, schwebt dann königlich und stolz zum Ufer zurück, wo die Blumen in so trunkenem Farbenrausch durcheinander leuchten und brennen, dass das Auge irre wird.

„Redest wie ein Buch heute, Yank!“, krächzt des Briten höllisches Gelächter.

Plötzlich erhalte ich einen Ruck, meine Beine fliegen hoch, schmerzhaft schlägt der Ellbogen gegen die Bordkante, und dann liege ich mit lautem Aufklatschen im warmen Wasser. Instinkt reißt mich sofort hoch, die Flut umspült meine Knie, und Willis brüllt wie besessen aus dem Fahrzeug, das durch den Stoß von mir fortschoss: „Spring, Herzchen, bis Henderson die Flinte parat hat! Dort die luftige Wurzel hoch! Klimmzug, Bauchaufschwung, mein Engel, oder du erwachst ohne Beine im Paradies!“

Ich sprang, schon ehe er den Mund auftat! Mit mir selbst unbekannter Kraft schnelle ich die Füße aus dem Schlamm, der sie wie mit tausend zähen Fingern umklammert, und rase durch das flache Wasser der angedeuteten Wurzel zu. Dort ragt sie! Einem Klumpen fauligen Ästegewirrs entsprossen, bildet sie etwa einen und einen halben Meter über der Oberfläche des Wassers eine Art Bogen.

„’rauf!“, brüllt der Engländer. Ob ich’s noch kann?, durchzuckt es mein Hirn. Und hinter mir hält es gleichen Abstand mit meinen verzweifelten Sätzen! Nein, die Entfernung verkürzt sich! Drohend rauscht das Wasser.

„Bravo!“, heult Willis. Dann: „Die Flinte, die verdammte Flinte an die Backe, Mann!“

Meine Hände saugen sich um den Wurzelbogen. Ein Schwung, und Beine nebst Oberkörper schrauben sich hoch, drehen sich um den Halt der Finger. Wenn jetzt das morsche Holz nachgibt, dann bin ich verloren, denn unter mir im sämigen Wasser braust und rauscht der nahe Tod. Nun schwinge ich herum. Einen Augenblick hängt mein Gesicht nach unten, das Wasser spritzt hoch auf, ein riesiger, gähnender Rachen mit gelben Dolchzähnen in rosa Gaumenplatten faucht mich heiß und stinkend an, handbreit vor meiner Nasenspitze klappt er schmetternd zusammen.

Dann sitze ich erstaunt oben, und unter mir tobt und wütet der Großvater aller Krokodile. Ein Tier von gut sechs Meter Länge, das rasend vor Zorn braunen Schaum und schwarzen Morast zu mir heraufschleudert. Ein blauer Schmetterling sinkt aus der Luft und wippt sekundenlang auf meiner besudelten Schulter. Schnarchende Tierstimmen quellen aus der Dschungel, und endlich kracht der Schuss.

Ganzen Leibes schnellt die Panzerechse aus dem Wasser. Wie ein gekrümmter Baumstamm sieht’s aus! Schwer platscht der graugrüne Leib zurück, peitscht mit dem gezackten Schwanz krampfhaft hin und her und liegt endlich still.

Ist’s Großtuerei, ist’s animalische Bravour, die der zivilisierte Mensch so gerne Mut nennt, oder war’s just die Wirkung der eben noch zum äußersten angespannten Nerven? Genug! Ich hocke auf der schleimigen Wurzel, die leise ächzt und zittert. Meine Beine schaukeln auf und nieder, ich wende das schlammverkrustete Gesicht der heransteuernden „Lola“ zu und breche in satanisches Lachen aus.

Der Urwald schweigt in der Runde.

„Hoho, hoho!“, rollt meine Stimme aus heiserer Kehle. Kein Echo! Flimmernde Hitzeschwaden tanzen in leuchtenden Schichten auf dem Wasser, verschlingen jeden Ton in ganz kurzer Entfernung. Ich schicke mich an herabzusteigen, aber aus dem Kanu ertönen laute Warnungen

„Stop! Warte, ’s sind noch mehr da!“ Zwei Schüsse krachen, und wieder wühlt ein gigantischer Panzerleib im Todeskampf den Schlamm auf. Eine lange halbe Minute verstreicht, und unter mir glänzen nun zwei stille, schmutzig weiße Bäuche. Eine vorn spitze, rechts und links sich kräuselnde Furche strebt eiligst dem tiefen Wasser zu, und das Kanu ist nun ganz dicht bei mir. Es wurde wieder ruhig. Ich kann allmählich das Rauschen des großen Stromes hören. Dort, hinter den grünen, rot gefleckten Inseln kommt es her.

Und mein Herz hämmert, die Sonne brennt, es ist, als ob sie mich aufleckt, auffrisst! So wühlt es mir mit feurigen Zungen im Hirne. Müde und erschöpft, ungeheuer gleichgültig steige ich ein, ziehe den Schlapphut über die Ohren und ergreife die Paddel.

Drip, drip!, fallen blinkende Tropfen vom Ruderblatt, und das Wasser zischt und singt, als die „Lola“ weiter gleitet.

Nach einer Weile, als wir gerade eine schmale Sandbank umfahren, kichert Henderson: „Hihi, ist ’n prächtiger Bursche, der Dutchman, den uns die Walfischlady in Remate de Males aufgeschwatzt hat. Glorreich tüchtig. Wollte nämlich sehen, wie er sich benimmt. Schätze und kalkuliere, hihi, dass ich natürlich viel früher hätte schießen können. Kalkulierte aber zu betrachten, wie der holde Orchideenknabe mit dem Krokodil fertig ward. Hihi! Sah wahrhaft glorios aus, als er seine langen Beine um die Wurzel wickelte!“

Schweigen. Horch, nun stöhnt es wieder in der Dschungel. Was mögen das für Tiere sein? Meine Gedanken wandern. Während Hände und Schultern ständig rudern, ist die Seele weit entfernt. Irgendwo in einem friedlichen Lande weilt sie. Ich gehe einen Pfad, der vor einem Hause endet. Und da steht eine Frau mit weit geöffneten Armen. Wild fahre ich empor. Denn salziger Schweiß rieselte mir ins Auge, und der leise Schmerz, den das verursachte, entriss mich meinem Wunderland.

Ja, da zieht sich ein Pfad dahin! Eine lange breite, golden schimmernde Wasserstraße. Zu beiden Seiten Urwald gleich grünen, farbig betupften Wällen. Drückende Hitze. Zwei Männer mit fieberfleckigen Gesichtern und schadenfrohen Augen sitzen hinter mir. Männer, die aus zivilisierten Landeren stammen und noch vor wenigen Tagen mir gute Kameraden waren. Und die vor kurzen Minuten zögerten, einen raschen Schuss zu tun, damit sie ihren Spaß haben konnten, wie ich meine langen Beine um eine schwanke Wurzel „wickelte“. Und hinter mir war doch der Tod!

Seltsam ist das alles. Eigentlich unglaublich, was ein paar Tage Dschungelleben aus Menschen machen. Und ich bin den beiden gar nicht böse, das ist das Merkwürdigste. Wütend bin ich, rasen könnte ich vor Weh, dass eine salzig beißende Schweißperle, die mir ins Auge rann, mich meiner Sehnsucht entriss. Einer Sehnsucht, von der niemand etwas weiß, von der ich niemand erzähle. Am Ende des langen Pfades – die Frau.

Caramba, Abenteurer! Sieh, da liegt dein Pfad. Vor dir zieht sich die endlose, glitzernde, heiße Wasserstraße hin, über der die Flüche vieler Männer, wie du einer bist, unsichtbar in der Luft geistern und dein Gemüt beschweren. Ob sie endet? Eben fahren wir um eine Halbinsel, und wieder öffnet sich die gleiche Vista. Urwald rechts und links, riesig hoch das Wasser einsäumend. Lianen mit bunten Schmarotzerblumen. Aus Blättergewirr lugende Affengesichter. Krokodile liegen auf Sandbänken. Vögel und Schmetterlinge, schwankende Röhrichtkolben und zartgrüner Bambus. Dazu Sonne, Sonne überall.

Rudere, Abenteurer. Tauche und hebe die Paddel abwechselnd ein und heraus, lausche dem zischenden Singsang, der dem gleitenden Bug der „Lola“ entsteigt, und rudere. Einmal ist der Pfad ja doch am Ende. Wie und wo! Ah, das ist ja das Grausame und das Schöne, dass du das nicht weißt. Nun rudere.

Und horch, was Henderson sagt: „Kalkuliere, dass wir nun bald die Madeiramündung erreichen. Dort drüben“, seine Hand deutet nach Norden, wo die Breite des Stromes, seine seenartigen Becken und Buchten im rötlichen Licht zusammenfließen, „dort muss irgendwo Villa Bella liegen. Kalkuliere, dass ich keine Sehnsucht nach Tanzgirls und Cachassa habe. Würde uns auch schwerlich gut bekommen, mit diesem Kahn hier den alten Amazonas zu kreuzen. Schätze, würden gut und recht etwa dreißig Mal ersaufen, von Piranhas zersägt und von Krokodilen verschluckt werden, ehe wir die halbe Strombreite hinter uns hätten. Seht da vorne die nette, kleine Insel! Wollen anlegen, nachsehen, ob keine Schlangen da hausen, und dann Lager machen!“ Seine Hand fuhr zum Gewehr. „Da ist das Abendbrot!“, lacht er, und ein Schuss hallt scharf und peitschend durch die brütende Stille. Im Schilfdickicht platscht etwas, und Henderson setzt die Waffe ab. „Rudert, meine Süßen, sonst holen uns die Krokodile den Braten weg!“

Die „Lola“ bohrt sich in das Schilf, und dann ziehen wir einen stahlgrauen Tapir, dem die Kugel im Blatt sitzt, an Bord.

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Singende Wildnis

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Oh, wie der Urwald, der dort links als schwarzer Zackenwall das spiegelnde Wasser abschließt, mit seinen tausend Stimmen zu uns herüber singt! In langen Schwingungen zittert die Luft, als nach dem kurzen Jaulen des pirschenden Jaguars die Affensippen der Dschungelparzelle in lautes, unaufhörliches Protestgeschrei ausbrechen. Scharf wie Klingen schmettern die durchdringenden Stimmen aufgestörter Vögel dazwischen.

Um uns herum kreisen große Glühwürmer. Grün leuchtend schweben sie hin und her oder sitzen gleich funkelndem Edelgestein an den Rispen der Gräser. Die Glut des Lagerfeuers schlägt einen runden Purpurteppich über die Lichtung, die wir rodeten, zuckt mit spitzen, gold-umrandeten Fingern lianenbekleidete Stämme hoch. Schimmert über unseren Köpfen als durchsichtige, die hüpfenden Sterne rosig lasierende Wolke. Zieht kupferfarbene Kreise um die faulenden Blätter, die den sumpfigen Boden bedecken.

Drüben auf dem Festland schleichen wohl große Fleischfresser in der Schwärze der Nacht umher, und unruhige Tiere warnen sich gegenseitig. Schreien entrüstet, kreischen auf in überlauter Angst und höhnen gellend, wenn die Gefahr an ihnen vorbeistrich. Und der Urwald singt.

Das Rauschen des fernen Hauptstromes läutet gleich dumpfen Gongschlägen im Hintergrund des phantastischen Tongemäldes. Als das Stimmengewirr abbricht, fast echolos seufzend versiegt, rauscht der wilde Strom lauter und triumphierender. Ich höre leises Schleichen und Knistern im Dickicht, vernehme, wie Käfer von den Grashalmen mit hartem Klang der Flügeldecken herabfallen. Spüre das weiche, linde Säuseln der gespenstischen Fledermäuse, die in tiefem Flug über mich wegflattern. Am sumpfigen Ufer zischt es manchmal, und aufsteigende Bläschen zerplatzen.

Violett entsteigen giftige Dünste, die den Fiebertod bergen, dem Boden und liegen nun in kniehohen Schichten auf unserer Insel. Das Feuer flackert in schwefligen und scharlachenen Tinten.

An der einen Seite des Lagerplatzes erscheint die Wasserfläche unbegrenzt breit, das jenseitige Flussufer verbirgt sich hinter milchigen Nebeln. Irgendwo miaut es ganz leise aus den Fluten, und manchmal flüstert das Wasser unter dem alten Baumveteranen, der da seine mit gelben Blüten übersäten Arme Überhängen lässt. Junge Krokodile sind’s, die dort spielen und dies seltsame Geschrei ausstoßen. Das alte Muttertier mag unterdessen in der Nähe lauern und vielleicht lüstern unsere in den Hängematten schaukelnden Leiber beäugen.

Mondlos ist die Nacht. Aber um so feenhafter, silbersprühend, vollführen die Sterne Brasiliens oben am dunkelblauen Himmel ihren Reigen.

Der Tapirbraten schmeckte nicht. Und trotzdem ist es das Beste, was einem der Dschungel auftischen kann! Meist werden wir nur Affenbraten essen. Oh, ähneln die Affen nicht, wenn abgehäutet, Kinderleichen?

Da! Quer über den Strom zieht eine lange Reihe fliegender Hunde, aus den bläulichen Dünsten torkelnd, wirft tintenschwarze Schatten auf den Wasserspiegel und taucht in den Urwald zurück. Die mächtigen Leiber mit den spitzen Schnauzen, umrahmt von weitgespannten häutigen Schwingen, zuckeln schwerfällig in der Dunkelheit. Ein sonderbares Bild, diese mittelalterlichen „Vampire“! Ich kann mir gut vorstellen, dass halb primitive Menschen an die Geschichte von den Blutsaugern glauben.

„Sie kommen lautlos aus der Luft auf den Schläfer herabgeschwebt, und während ihre Schwingen ihm linde Kühlung zufächeln, trinkt ihr Mund sein Blut.“

Welch phantastisches Land, dies Brasilien. Halb Hölle, halb Eden! Es ist, als ob Teufel und Engel fortwährend darum kämpfen, und keiner siegt!

Ein dumpf brüllender Revolverschuss lässt mich aus meinem Brüten hochfahren. Willis sitzt aufrecht in seiner Hängematte. Wundervoll männlich sieht sein kantiges, rot beschienenes Gesicht aus. In der Rechten hält er den großen Revolver, aus dessen Mündung Rauch quillt. Seine Linke deutet auf den Ast, der zwei Fuß über mir seine Blätterfülle baldachinartig ausstreckt. Etwas Buntes bewegt sich dort. Ein dünnes, rot und schwarz geflecktes Band peitscht in müden, immer langsamer werdenden Schwingungen hin und her, auf einmal verliert es den Halt, fällt an meinem Gesicht vorbei, und dann liegt die schön gefärbte Schlange mit blutendem Stummel an Stelle des Kopfes – Willis schoss ihn ab – leise zitternd in der Feuersglut.

„Eine Korallennatter oder Korallenotter. Weiß es nicht genau. Die eine ist giftig und die andere nicht. Aber welche, darüber sind die Meinungen verschieden. Ich pflege erst zu schießen und dann nachzusehen, ob die Schlange einen schmalen Kopf oder den dreieckigen der giftigen Sorte hat. Die Farbe ist ganz gleich bei beiden!“, sagt Willis mit gutmütigem Lächeln. Und Henderson ruft, dazwischen mächtige Wolken der Pfeife entlockend: „Kalkuliere, Dutchy, dass du Willis einen long Drink schuldig bist. Habe gleich darauf gedrungen, den Ast abzuhauen. Kann zu viele Überraschungen bringen, schätze ich, ’nen Jaguar, ’ne Giftschlange, Ameisen oder zehntausend Zecken. Aber hört nur die Aluates, wie sie toben!“

Willis sinkt wieder in Liegestellung zurück, und zusammen lauschen wir dem unbeschreiblichen Lärm, der vom Ufer herüberdröhnt. Es scheint, als ob Büffel, Löwen, Tiger, Kamele, Hunde und Pferde alle aus vollster Kehle schreien. Und doch sind’s nur Affen! Brüllaffen, deren trommelartiger Kehlkopf sie befähigt, diese ungeheuerlichen Laute auszustoßen. Drüben am Ufer sitzen sie, unsichtbar für uns, nach ihrer Gewohnheit zu Dutzenden in langer Reihe verteilt, auf den niederen Ästen der Bäume. Irgendwo sind ihre Wächter postiert, die beim leisesten Alarmzeichen die ganze Gesellschaft zu lautlos wilder Flucht veranlassen.

Inzwischen aber reckt die Sippe die Köpfe hoch und singt. Mächtig braust und schwingt die Luft, wenn die Aluates ihr Lied anstimmen. Dreißig Affen mögen es sein, aber sie brüllen wie hundert Löwen! Wir lauschen eine volle Stunde, denn an Schlaf ist nicht zu denken. Plötzlich verstummen sie, und gerade kommen die fliegenden Hunde zurück. Ich werfe einen Armvoll Bambus ins Feuer. Hoch auf flammt es und knallt wie Flintensalven.

Henderson erzählt: „Ja, und ich kalkuliere, dass es teuflisch schlecht um uns stand. Hätte viel darum gegeben, für zwei Minuten in Gottes Land, daheim im alten Kalifornien zu sein. Doch da saßen wir, die Moskitos fraßen uns schier auf, und die Indianer schlugen ab und zu auf ihre Holztrommeln, um uns zu zeigen, dass sie nicht schliefen. Hm, und ich schätze, dass es uns gewaltig übel wurde, als die unsichtbaren Blasrohre ihre kleinen Pfeilchen auf uns regnen ließen. Jim Hornblower – heyday! Das war ein Mann, der den Teufel selber in der Hölle zu einem Boxgang von vierundzwanzig Runden aufgefordert hätte! Well, Jim Hornblower war der erste. Just ein kleiner Kratzer am Halse von so einem kleinen Pfeilchen, und in fünf Minuten war Old Jim tot. Kalkuliere aber, dass wir uns fein aus der Schlinge zogen. Es kam dies so ... damned, fangen die Aluates schon wieder an?“

In der Tat setzte drüben das Konzert der Brüllaffen von Neuem ein, und Hendersons Geschichte erstickt in dem gewaltigen Aufruhr, der aus den Kehlen dieser Tiere hervorbricht. Es bleibt uns nichts übrig, als zu versuchen einzuschlafen. Mir gelingt es auch, obwohl Legionen Moskitos über uns herfallen.

Die Sonne steht bereits über dem dampfenden Gewässer, als ich wieder erwache und nun darangehe, das einfache Frühmal anzurichten. Dann brechen wir das Lager ab, und die „Lola“ trägt uns weiter.

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Caripunhas

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Den Madeira aufwärts! Unzählige Tage lang! Eine Woche haben wir uns in Serto ausgeruht. Es besteht aus einer Anzahl Hütten, die auf Pfählen balancieren, und einem langen Schuppen, der dem Urwaldhändler Geronimo Potro gehört. Die ganze, ruppige Ansiedlung, die von fünf Familien, einem Dutzend Hunden und vielen Schweinen bewohnt wird, liegt auf einer langgestreckten Insel unweit der Stelle, wo der Madeira sich mit dem San Jacinto vereinigt. Viele, viele Tage ruderten wir erst den Madeira hinauf; nun den schmäleren, aber auch trägeren San Jacinto. Diese Ströme bilden mit vielen anderen das Zuflussnetz des großen Amazonas.

Menschen sahen wir schon lange nicht mehr. Nur Krokodile, Schlangen, Wasserschweine, Affen, bunte Vögel, die allesamt in einem strotzenden, farbenfreudigen Lianen und Blumenparadiese hausen – oder ist es eine Blütenhölle – sind die Lebewesen, die unser Auge erblickt. Und die wir teils erlegen, uns zur Nahrung, oder von denen wir belauert und umspäht werden.

Es soll Indianer geben in dieser Gegend, wir sahen aber noch keine. Und das ist gut. Kleine schwächliche Burschen sind’s, die in primitiver Nacktheit die Urwälder durchstreifen und aus zwei Meter langen Blasrohren winzige Dornenpfeile aus dem Hinterhalt schießen. Jeder Stamm hat sein besonderes Geheimnis bei der Zubereitung der Pfeilgifte, und tödlich sind sie alle. Tückisch sind die Pfeile, und tückisch, unberechenbar wie launische Kinder sind auch die Blasrohrmänner, die gleich wesenlosen Schatten ihre feuchte Dschungelheimat durchstreifen.

Wir nähern uns nun bald jenen teuflischen Sümpfen, die dem Gebiete der Caripunhas vorgelagert sind. Sümpfen, die von unermesslicher Größe den Jacinto und Madeira in ein Durcheinander von Seen verwandeln. Seen, flach wie Suppenteller, die von Schilf bedeckt und mit modernden Baumleichen gefüllt sind. Das Vorwärtskommen des Kanus muss jetzt mit harten Schlägen des schwertähnlichen Machetemessers erkämpft werden.

Hinter den Seen und Sümpfen, oh – noch liegt alles in weiter, unwirklicher Ferne, und nur Hitze, faulende Dünste und furchtbare Strapazen bilden die greifbare, augenscheinliche Gegenwart – bueno, dahinter sind die dichten Urwaldregionen, wo die seltsamen, kostbaren Blumen an den Bäumen schmarotzen, um derentwillen wir auszogen.

Viele herrliche Orchideen sah ich bereits in den letzten Wochen! Blüten von unheimlicher, gespenstischer und höllischer Form; wie offene Mäuler, aus denen die Staubfäden als widerliche Schlangen hervorringelten, und die in ihrer blassen Farbe leichenhaft wirkten. Ihre Düfte gemahnten an Schlachtfelder oder unsaubere Metzgereien! Klebrig und schleimig fassen sie sich an. An ihren zackigen Spinnenbeinblättern hafteten viele arme Insekten und zappelten sich langsam und qualvoll zu Tode. Ja, solche sah ich!

Und andere, die Märchengebilden aus süßen Traumnächten ähnelten. Schneeig weiß, brennend purpurn, leuchtend blau und golden schillernd! Mit Blüten wie Amphoren! Mit Blüten gleich prachtvollen, farbensatten Schmetterlingen und abenteuerlichen, metallisch glitzernden Käferleibern! Riesengroß und zwergenklein. Duftend, stinkend oder von kalter, herber, unnahbarer Schönheit.

Oft wies meine Hand hierhin, dorthin, und entzückte Ausrufe quollen über meine Lippen, wenn diese Blumenwunder meine Blicke fesselten. Aber jedes Mal lachten die beiden anderen und meinten: „Das ist alles nichts, pures Nichts. Für solche Blumen, die jeder Ziergärtner für ein paar Pfund Sterling auf den Markt wirft, setzen wir unser Leben nicht aufs Spiel. No, mein Herzchen, seltenes, unentdecktes Orchideenblut, das mit anderen Rassen gekreuzt werden kann, suchen wir. Diese Gegend hier haben wir schon abgeklopft. Und nichts über Durchschnitt ist hier zu holen!“

Nun rudern wir wieder weiter, und die drei Indianer, die wir in Serto mitgenommen haben, damit sie später unsere Packen tragen, sitzen wie stumme, hässliche Bronzegötter da. Ihre samtbraunen Oberkörper glänzen, die dürren Arme führen die Paddel, und ihre großen dunklen Augen, in denen eine unsägliche Hilflosigkeit dem Schicksal gegenüber irrlichtert, fahren ruhelos hin und her. Ja, Hilflosigkeit ist’s, die in den Augen der Amazonasindianer liegt, wie ein ewiges Vermächtnis zaghafter Auflehnung und dann wieder wie sklavische Demut vor einer gewaltigen, mit hunderttausend grünen Sprossen, Blumen und Bäumen prangenden Natur, die sie umgibt. Eins mit der Natur, in deren Schoß sie wohnen, leben und vergehen, ahnen diese Indianer trotzdem ihre Ohnmacht gegenüber der Natur wie einem bösen Geiste.

Sind das Menschen oder halbe Tiere? Waren es einst kraftvolle, den Urwald besiegende Geschöpfe, die nun degenerierten ?

Ach, ich weiß es nicht. Mit allen Völkern der Erde, zu denen ich ruhelos eilte, getrieben von dunklen, sehnsüchtigen Wünschen, denen ich zu entkommen versuche, fand ich seelische Berührung. Aber mit den brasilianischen Ureinwohnern nie und nimmer!

Geheimnisvoll wie die Sphinx, vielsagend und doch nichts enträtselnd wie Buddha-Statuen, ist das Leben der Wilden am großen Amazonas und den vielen Strömen, die seine Kinder sind, und die ihn mächtig machen.

Der Zulu und der Dinka, der Massai und der Betschuane in Afrika – sie alle stehen dem Löwen, dem Büffel und dem Leoparden furchtlos mit dem breiten Speere gegenüber.

Der Indianer Nordamerikas, der Südseeinsulaner und alle die anderen barbarischen oder halbwilden Stämme haben jene Sicherheit, die ihnen stets das Übergewicht und die Herrschaft über die sie umgebende, ewig bedrohende Natur gewährt.

Aber der Amazonasindianer? Scheu und bedrückt, schemenhaft schleicht er durch seine Wälder. Er kämpft nicht um sein Dasein. Seine Hand – die des Mannes oder des Knaben – führt das tödliche Blasrohr, die Waffe des Feiglings, des Kindes, und damit gewinnt er seinen kargen Lebensunterhalt. Schmarotzend von der Natur, harmlos und doch furchtbar gefährlich zu gleicher Zeit, ist dieser Indianer vielleicht das einzige Geschöpf, bei dem die Natur langsam zerstört statt aufzubauen. Entartet kann man wohl auch diesen ganzen, vermeintlich grandiosen, brasilianischen Urwald nennen, wie er ununterbrochen stirbt und entsteht und in fortwährendem Taumel seinen ewigen Kreislauf vollendet.

Eine tiefe Stimme ruft – wie ruhig doch diese Menschenworte in scharfem Gegensatz zu der üppigen Urwaldszenerie um uns wirken! „Da ist die Hütte des Käfersammlers!“

Willis zeigt nach dem rechten Ufer, wo eine winzige, schon wieder halb bewucherte Lichtung hinter einer verfaulten, hölzernen Anlegestelle in den Urwald einschneidet.

„Hm, das Boot ist weg. Der komische Kauz scheint also auf der Jagd zu sein!“, fährt der Brite fort. Stumm lenken die drei Indianer unser langes Kanu nach dem Ufer.

Nun brechen wir durch das hohe, zähe Gras auf die Hütte los, die unter einem dreißig Meter hohen, ungeheuer dicken Seidenpappelbaum steht. Wilde Weinreben und Passionsblumen umranken das schiefe Gebäude. Die Tür steht auf, und quer über die Öffnung spannen sich glitzernde Spinnennetze. Wie ich zufällig zu Boden schaue, sehe ich eine angeschimmelte Shagpfeife, die in die schwarze Humuserde halb hineingetreten ist.

Es ist totenstill. Die Hütte und der Urwald, der sie von allen Seiten gierig anspringt, künden auf einmal eine unklare Drohung. Hier ist etwas geschehen!, warnt mich der sechste Sinn des Urwaldmenschen. Willis zieht die Luft mit scharfem Schnauben ein, nun schreitet er vorwärts, streift die Spinnweben mit dem Gewehrkolben zur Seite. Er steht halb im Eingang, stutzt plötzlich und hebt die Hand.

Wir lugen über seine Schulter. „Gott!“, stößt Henderson aus, flucht dann lange und leise.

„Er war ein guter Kerl. Wenn auch ein wenig verrückt wie alle Germans!“, murmelt Willis und sagt mir damit, dass das, was da im Hintergrund der Hütte liegt, ein Landsmann von mir war. Wir nehmen zögernd die Hüte ab, starren immer noch vor uns hin. Es muss schon geraume Zeit her sein – seit es geschah! Denn auf der angefaulten, modernden Hängematte liegt ein Skelett mit blanken Knochen.

Und horch, wie Hendersons Stimme so bitter durch die Zähne flucht! Der Kopf fehlt!

Grimmig knurrt der Engländer: „Indianer!“ Sich das Kinn reibend, setzt er langsam hinzu: „Aber warum nur? Er kam doch vorzüglich aus mit ihnen. War ja gut Freund!“

Wir schauen uns wieder an. Leises Knacken draußen, und Schatten verfinsterten den Eingang. Unsere drei Indianer sind es, die stumm hereinschauen. Ihre Augen schimmern teilnahmslos, wie bei verprügelten Hunden, die an der Leine liegen. Wir drängen ins Freie. Luft, frische Luft, wenn auch die süßlich klebrige, wie von Flammen durchsetzte des Sertão! Denn in der Hütte drin ist es so traurig!

Über die Büsche, aus dem Gedränge ineinander verflochtener Baumkronen, schießen die Palmen hoch in die flimmernde, schwelende Atmosphäre hinauf. Es ist furchtbar heiß, Sonne fließt von oben, trübt den Blick, und die Kronen der Bäume leuchten nicht grün, sind eine schwarze Masse.

Gewaltigen Schlangen gleich, krankhaft bunt gefleckt, schwingen sich Lianen von Stamm zu Stamm. Ein Vogel fliegt schrillend ins Gebüsch. Eben wollte er noch den roten Schmetterling fangen, aber plötzlich, wie von Angst gepackt, ließ er die sichere Beute fahren und entfloh.

Schatten, tintenschwarz gegen die grelle Sonne, liegen vor den grünen Füßen des Urwaldes. Und wieder ist’s still.

Von Neuem treten wir in die Hütte ein. Die Indianer sinken draußen in die Hocke, starren sich an. Jetzt sehe ich den Inhalt der Hütte, die vorher, wie mir schien, nur ein weißes, kopfloses Skelett barg. Henderson hat eine feuchte Decke ergriffen und über die Gebeine geworfen. Schlagartig drängen sich nun die anderen seltsamen Gegenstände des schmalen, aber sehr langen Gebäudes in meinen Blick. Lange Kisten, in denen unter Glasdeckeln viele bunte Insekten säuberlich auf Korkplatten gespießt sind. Es befinden sich Schmetterlinge und Käfer darunter, wie ich sie noch nie sah! Dann Bücher. Da Vinci, Machiavelli und Fachwerke über Entomologie. Und nochmals Insekten! Es ist ein Riesenschmetterling dabei, der wie eine Flamme lodert. Eine Biene, so groß wie ein Hühnerei, und eine violette Hornisse mit flauschig-behaarten Beinen. Unzählige Insekten, schöne und hässliche.

Und noch mehr sehe ich. In der Ecke, um einen einfachen Schreibtisch mehrfach gewunden, der zehn Meter lange, ausgestopfte Leib der herrlich gezeichneten Sucurijuschlange. Die grünen Augen blitzen und glitzern. Jetzt erblicke ich drei menschliche Köpfe, von Indianern, bei den Haaren am Wandbalken hängend. Sie haben kaum noch die Größe einer geballten Faust. Der mittlere ist der einer Frau, rechts und links von je einem Männergesicht flankiert. Denn Köpfe kann man diese grausigen Trophäen nicht mehr nennen, es sind nur winzige Gesichter, goldbraun, merkwürdig glänzend. Die Haut ist aber nicht verschrumpelt, sondern es scheint, als habe sie sich in den Poren zusammengezogen und dadurch verkleinert, ohne Falten zu bekommen. Und deshalb sieht man auf diesen lederglatten Masken jede Entstellung. Der eine Mann hat eine schmale, weißliche Narbe, die quer über die Nase verläuft.

Die Indianer des großen Amazonas verstehen es, diese Trophäen zuzubereiten. Als ich einst mit Pedro Gummi suchte, habe ich beobachtet, wie sie’s machen. Tage und Wochen dauert es. Unendliche Geduld gehört dazu! Zuerst wird ein kleiner, runder Fleck der Kopfhaut von zehn Zentimeter Durchmesser auf der Schädelbasis entfernt. Dann folgt ein Schnitt, der das Hinterhaupt hinab bis ins Genick geht und von dort um den Hals weiterläuft. Geschickte Hände ziehen nun die Haut langsam ab, sie behält annähernd die Form des Gesichts, auf dem sie wuchs, zumal die Wimpern daran gelassen werden und man große Vorsicht bei der Nase ausübt. Nun wird das Ganze unten und an der Seite wieder zugenäht und in die Öffnung oben heißer Sand hineingeschüttet. Nach seiner Abkühlung entleert man ihn und wiederholt die Prozedur so lange, bis der heiße Sand alles Fett aus der Haut aufsaugte. Nun wird sie ausgestopft, in grüne Blätter gewickelt und über schwacher Glut langsam herumgedreht, wochenlang!

Das Ergebnis sind jene geräucherten, braun glänzenden, teuflischen „Andenken“, wie man sie in verschwiegenen Kuriositätenläden zu Rio und Pernambuco das Stück für hundert bis dreihundert Milreis kaufen kann.

„Well, ich will doch verdammt sein! Nichts haben die Burschen angerührt, nicht mal die Insektenkisten zerschlagen. Aber seinen Kopf nahmen sie mit!“, murmelt Willis.

Hin und her rollen die Augen der Indianer, die in der Türöffnung kauern.

„Lasst uns hinausgehen. Schätze, dass frische Luft besser ist als dies hier!“, antwortete der Amerikaner, und wieder drängen wir ins Freie.

Es will Abend werden. Hinter den Baumreihen glüht der Himmel in grell-goldenen Lichtern. Moskitos summen.

Henderson öffnet den Mund: „Was soll das ...“ Das Wort bleibt ihm im Munde stecken, als ein zart sausendes Geräusch näher kommt. Klatsch! Hendersons Hut sitzt auf einmal tief im Gesicht. In dem leichten Filz steckt ein dicker, kaum einen Zoll langer Pfeil.

Ich schwenke herum, mein Blut braust dumpf. Da!, einen halben Meter von mir, im Stamm der Seidenpappel, steckt ein anderer Pfeil. Und sofort dröhnt und klappert es eintönig hölzern im Urwald. Willis’ Pistole speit Blei und Flammen. Nach allen Richtungen verschickt er in plötzlicher Panik sein Blei.

Bum, bum!, antwortet die Trommel der unsichtbaren Feinde. Und jetzt, wie ein Schwarm Schmetterlinge, auf deren buntem Flügelschmelz die rubinroten Strahlen der untergehenden Sonne ruhen, sieht es aus! Pfeile, lauter Pfeile, die zärtlich sausend auf uns zuschweben.

Stumm, lautlos springen die drei Indianer in die Hütte.

Henderson gibt mir einen Stoß, der mich ihnen nach befördert. Jetzt bin ich drin und schaue in entsetzter Neugier hinaus.

Schwarz und zackig ragt vor dem flammenden Horizont die Filigranstudie des Urwaldes. Gefärbten Sägespänen gleicht das grüne lange Riedgras. In des Amerikaners Kehle würgt trockenes Schluchzen, und auf einmal ist das Bild da draußen weggewischt, erstickt in blau-weißen Pulverdampfwolken, als er mit dem Revolver Streufeuer eröffnet. Jeder Schuss knallt dumpf und schwer, und als dünnes Echo lästern die Flüche Hendersons. Seltsam peitschen sie durch die haarbreiten Pausen zwischen den Schüssen.

Quirlend öffnet sich der Pulverdampf, schwebt zerteilt in Fetzen nach oben oder sinkt erblassend zu Boden und vermischt sich mit den Dünsten der gierigen Erde.

Schwarze Baumsilhouetten und Astgewirr. Schlanke, graziös geneigte, knorrig verkrüppelte und kerzengerade wuchtende Stämme. Dahinter ein Meer von Feuer und Gold. Den Horizont aufwühlend! Und davor – oh!

Kleine Pfeile, bunt und schimmernd, im gaukelnden Falterflug. Und Willis, ach, Willis! Warum bliebst du draußen? Sind das die Orchideen, die du suchst, die nun in bunter Pracht auf deinem gelben Khakihemd wippen, deinen kraftvollen Bronzehals und die hohe, kantige Stirn bedecken?

Es geht so schnell, was nun folgt. Willis macht taumelnde Schritte der Tür zu. Ganz bespickt ist er mit den nur schwach an ihm haftenden Giftpfeilen, die Schmetterlingen oder bunten Zwitterblumen ähneln. Und noch ist die ganze Luft voll davon.

Als ob übermütige Studenten nachts Unfug mit ihren Spazierstöcken an Gartenzäunen treiben, so hören sich die Trommeln im Urwald an. Trocken, eintönig und doch grausam drohend.

Indianer über uns! Kleine Männer mit scheuen Augen, über denen die mit den Scherengebissen der Piranhafische abgeknipsten Haare als Ponylocken baumeln. Männer mit stumpfen Sinnen und schwächlichen Armen, die das leichte Blasrohr an den Mund setzen und feige Pfeile abschießen. Indianer um uns!

Und dich, Willis, dich haben sie! Sein Gesicht ist grau, die Augen sind schon ganz groß und starr, als er uns in die Arme taumelt.

„Schießt viele ab!“, keucht der Mund, und dann lassen wir ihn sinken. Willis, Doktor der Botanik in Edinburg und Orchideenjäger, hat das Schicksal des Urwaldwanderers erreicht.

Ob jetzt gerade in diesem Augenblick der reiche, Orchideen sammelnde Lord in seinem Daunenbett sich unruhig hin und her wirft, weil der Urwaldalp an seiner Kehle würgt?

Narrenpossen! Wer hat Willis geheißen, Orchideen zu suchen, wenn nicht sein eigenes unruhiges, sehnsüchtiges Blut? Schlaf ruhig, Lord Plumpudding am fernen Hydepark, und wenn dein Gewissen nur halb so rein und klar ist wie das Gesicht des toten Mannes hier zu meinen Füßen, dann kannst du dich glücklich schätzen.

Da liegt er, und die Pfeile, die überall an ihm haften, gleichen in ihrer bunten Federpracht von liebender Hand gestreuten Blumen.

„Alter Freund!“, schluchzt Henderson, und schrecklich im Gegensatz zu den weichen Worten steht sein von wütender Höllenflamme erleuchtetes Gesicht. Und dann – mit einem Schlag ist’s dunkel. Fern hinterm Urwald sank die Sonne!

Plop, plop! Ununterbrochen prallen Pfeile gegen die Hütte; manche schwirren durch die zerstörte Tür matt vor uns nieder. Nur einen Ritz mit der von klebrigem Gift besudelten Spitze, und in fünf Minuten naht das Ende. Willis wurde von etwa dreißig feigen Todesboten getroffen!

Im Dunkel draußen klappern die Trommeln der Caripunhaleute.

„Ach!“ Ein schwerer Seufzer löst sich von des Amerikaners Lippen, als er die dicke, dem Packen entnommene Kerze anzündet. Hin und her drängen sich unsere drei Indianer in scheuer Verzweiflung. Riesengroße Schlagschatten torkeln grotesk drohend an den Wänden. Hellgrün blitzen die Glasaugen der Sucuriju. Als formlose Klumpen baumeln an ihren eignen Haaren die mumifizierten Köpfe. Und wie die Insekten hinter den Glasscheiben flimmern und leuchten!

„Hör nur, die verdammten Trommeln. Komm, wir wollen schießen. Munition haben wir plenty!“, sagt Henderson und steigt über die Decke, unter der etwas Kopfloses liegt. Willis haben wir an die Wand gezogen. Hübsch sieht er aus mit all den Blumen auf seinem Körper.

Madre santissima, es sind ja Pfeile, die ihn töteten! Das Gewehr her, komm, Henderson, wir wollen die tückische Nacht mit den orangeroten Strahlen der Mündungsfeuer durchbohren.

Bum, bum, rattatat! – Schweig, verdammte Trommel, hier sind Männer, die sich nicht fürchten jetzt!

Wir treten gebückt in die Tür, schleichen hinaus. Es ist sehr dunkel trotz der unzähligen Sterne, die in kalter Schönheit, unbekümmert um das, was unter ihnen geschieht, ihren silbernen Ringelreigen tanzen. Dort hinten steht die opalisierende Pyramide des Zodiaklichts. Und, hoho! Schaut, ihr trommelnden Halbaffen, was für schwaches Gesindel ihr seid. Die Aluates beginnen! Wo ist das grollende Rasseln eurer Holzpauken geblieben? Wo die unheimliche Drohung, die der Urwald auf uns heraus spie?

Da oben zucken die Sterne. Unsichtbare Blumen duften süß wie aus verlorenen Paradiesen, und die Brüllaffen toben, als wollten sie die ganze furchtbare Macht der Urnatur verherrlichen.

Schön ist das Leben, wenn man es täglich in der offenen Hand trägt!

Aber da drin liegt einer, den ich kannte und gerne mochte. Willis! Und der andere, der Käferjäger? Landsmann noch dazu! Hm, er rührt mich nicht. Ich sah zu viele schon sterben und werde mich auch selbst sterben sehen. Vielleicht schon morgen.

Der Urwald tost in Schwingungen. Klebrig ist die Luft, und Wolken von Moskitos umschwärmen uns.

„He, Henderson, he doch! Los nun, eins, zwei, drei und verdammt!“ Krachend hallen unsere Schüsse. Staccato nun, so schnell der Zeigefinger abdrücken kann. Zwanzig Feuerstrahlen, zwanzigfaches Sausen und schrilles Heulen entfliegender Kupfermantelgeschosse. Zwanzigfaches schmetterndes Krachen. Dann tiefe, angstvolle Stille.

Die Trommeln ertranken im Aufruhr der Aluates, und deren „Gesang“ wiederum verdarb unsere Schüsse. Nur die Moskitos ließen sich nicht stören. Und wenn wir Kanonen abfeuerten!

„Wollen nun in die Hütte gehen!“, ertönte Hendersons müde, schleppende Stimme. Die Kerze brennt, und die drei Indianer hocken stumm an der Wand.

„Wozu seid ihr denn eigentlich gut?“, faucht der Amerikaner. Erschrocken schnellten sie hoch, hilflose Demut liegt in ihren Blicken. „Fuego! Macht Feuer im Kamin, bratet die Tapirlende!“

Lautlos machen sie sich an die Arbeit. Wir zwei sitzen links und rechts von der verfaulten Tür, die Gewehre im Schoß, und unsere Augen ruhen bald auf dem stillen, toten Freunde, bald bohren sie sich in die Dunkelheit, die draußen mit den dem Boden entschwebenden Fieberdünsten spielt.

Ob sie kommen?, sind unsere Gedanken. Schwerlich. Diese Indianer hier sind feige. Feige und hinterlistig wie der ganze verfluchte Landstrich, den sie bewohnen und der ihren Namen führt.

Caripunhas!

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Wenn die Wildnis schreit

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Streng ist der Duft des Tapirbratens. Wenn die nackten Schultern der stummen Indianer sich bewegen, dann spielen ungeheuerliche Schatten an den Wänden auf und nieder.

In den Ecken der langen Hütte schimmert blasses Licht. Rot sind die erlöschenden Gluttrümmer im Kamin, und ihr warmer, satter Schein kämpft mit der gelben Glorie der prasselnden Kerze.

Links neben der Tür, die wir, so gut es ging, verbarrikadierten, sitzt Henderson in tiefem Brüten neben der Leiche des Botanikers.

Die seltsamen Käfer und Schmetterlinge in den Kästen scheinen zu leben, so glitzern und schimmern sie.

Es ist unbeschreiblich ruhig! Worauf sinnt der drohende Urwald, der die Hütte mit seinen tausend zäh-grünen Armen umspannt? Warum schweigen die tausend Stimmen, die wir allabendlich, jede Nacht vernahmen, wenn die Wildnis sang?

Die Luft wuchtet förmlich, so schwer und undurchdringlich ist die uns umlagernde Atmosphäre. Und ebenso träge schwimmen auf ihr die Düfte der Umgebung – des Tapirbratens, der Blumen, die ihre Seelen draußen in der Verborgenheit verströmen. Der fetten Erde, des seimigen Flusses und – des toten Mannes.

„Es war einmal ein kleiner Junge. Kleiner Bengel, ja!“, plärrt Henderson plötzlich los und grinst mich irr an. „Kleiner, glorreich frecher Bengel, der sich im Walde verlor!“ Er bricht langsam ab, wischt sich mit dem Arm über die Stirn. Wieder stützt er das Gesicht auf die breiten, kurzen Finger und starrt vor sich hin.

Im Dach der Hütte knistert und gleitet es anhaltend. Ich schaue schnell auf und sehe ein armdickes, schwarz schillerndes Band geschmeidig davonringeln. Draußen jault plötzlich ein Jaguar. Hässlich ist dieser stöhnende Laut und jagt kalte Schauer den Rücken hinab, aber er zerbrach die unheilvolle Erstarrung der Natur, und alles erscheint mit einmal so friedlich!

Ein Käfer purzelt von der Wand, die Indianer benagen schmatzend die Keule des Tapirs. Vogelkreischen gellt vielstimmig. Tiefes Röhren und zeterndes Geschrei bricht überall aus.

Henderson richtet sich auf: „Schätze, die Caripunhas sind nun fort. Sie wissen ja genau, dass sie uns jederzeit wieder finden können!“

Pause. Dann mannigfaches Tiergeschrei. Und nun beginnen die Brüllaffen wieder.

„Ob das Kanu weg ist?“, fährt der Amerikaner jäh auf. Ich winke einem Träger zu: „Va a la canoa. – Geh zum Kanu!“

Stumm verschränkt er die Arme, sinkt in die Hocke zurück und schaut mich flehend an. Ich lache verwirrt auf, und Henderson brummt: „Zum Kistentragen, aber sonst zu nichts sind sie zu gebrauchen. Komm, wir wollen selbst ans Wasser gehen und uns überzeugen, ob das Fahrzeug noch da ist. Schätze aber und kalkuliere ziemlich bestimmt, dass die roten Blasrohrteufel es geklaut haben! Come on!“

Sowie die Indianer unsere Vorbereitungen bemerken, springen sie auf, legen sich die Packen auf die Schultern und sehen uns erwartungsvoll an.

Bitter lacht Henderson, als er die Türbarrikade mit einem Fußtritt beiseite räumt: „Helden!“

Nun schreiten wir durch das nasse, unsere Lenden zäh umklammernde Gras, dem San Jacinto zu. Schwarz stößt der Urwald aus schillernden Nebeln gegen den sternfunkelnden Himmel empor. Bis an die Knie waten wir in merkwürdig blassfarbenen Dünsten. Dort wo der Strom eintönig gluckst, liegt eine dichte, hohe Schicht violetter Tönung. Wir stolpern oft.

„Schlafen Schlangen des Nachts?“, fragt Henderson. Ich verneine, und er meint: „Well, das war nämlich eine, auf die ich eben trat!“

Laut tobt wieder der dämonische Chor der Aluates aus der Dunkelheit. Ein paar grüne Lichter glühen mich sekundenlang an, ertrinken dann im Nebel. Wir sind am Wasser. Dicht vor unseren Füßen fließt unsichtbar, leise flüsternd, der San Jacinto. Langsam gehen wir die Lichtung hinab.

Kein Kanu! Nebel, Nebel überall. Faulig duftend, beklemmt er gleich abgestandenen Gerüchen verschwiegener City-Kneipen meine Kehle. Dann ein kurzes Sausen, ein durchdringendes Fauchen, und das Krokodil, das aus dem Nebel heraus mit seinem Zackenschwanz einen Fehlschlag nach mir tat, klatscht erbost ins Wasser zurück. Fliegende Hunde torkeln in der Luft.

Durch die Dunstschwaden, auf feuchtem, unter den Tritten quietschendem und stöhnendem Boden lenken wir der Hütte zu. Von quirlenden, geisterhaft bläulichen und violetten Dünsten umhüllt, könnten wir sie schwerlich finden. Nur der majestätische Laubschirm der Seidenpappel, der über ihr schwebt, bezeichnet den Ort.

Glitschig und hartnäckig windet sich das Gras um meine Hüften und Beine. Manchmal, wenn es mich so festhält und ich dennoch vorwärts strebe, erhalte ich einen schmerzhaften Ruck. Noch sind wir nicht an der Hütte, da spüre ich ein hundertfältiges Prickeln und Ziehen an meinem Körper. Nun flucht auch schon Henderson.

„Thunderstorm, die Gegend wimmelt von Grasblutegeln, schätze ich. Ich habe schon Dutzende an mir hängen. Oh, wie sie saugen, saugen! – Wie viel kalkulierst du, sitzen auf dir?“

Voll Galgenhumor schreie ich: „Tausend!“ Und wir taumeln in die Hütte, wo noch die Kerze brennt und die letzten glimmenden Holzkohlen den Glasaugen der Sucuriju Diamantenfeuer verleihen. An den dreiviertel nackten Indianern hängen die dunklen Schlauchleiber von Grasblutegeln schockweise. Henderson und ich reißen die Kleider ab und befreien uns gegenseitig von den ekligen Tieren, deren Saugen als leiser Schmerz in unseren Nerven vibriert. Wir halten einfach glühende Scheite daran, betupfen die Blutegel damit, und sterbend fallen sie ab. Die Indianer tun das gleiche.

Nun sitzen wir auf unseren Decken und rauchen. Endlos scheint diese Nacht zu sein. Und schon wieder wurde sie ganz still.

Ich betrachte Henderson. Ruhelos fahren manchmal seine Augen hin und her, und oft hebt er den Kopf. Ob er dasselbe fühlt wie ich? Diese drohende, unsichtbare, unbestimmbare Gefahr, die weit schrecklicher sein muss als die Caripunhas! Die lautlos aus dem Herzen des Urwaldes heraus schleicht!

Indianer sind’s nicht. Das würde mich nicht so erregen und jenen sechsten Sinn in mir wecken, der sich nur ganz selten mir offenbart. Es verstreichen Minuten, deren jede einzelne Ewigkeiten gleicht. Henderson zittert, stöhnt, und dann schlagen seine Zähne hörbar aufeinander. Seufzend holt er die Blechbüchse und verschluckt eine starke Dosis Chinin.

„Fieber! Das fehlt gerade noch!“, sagt er teilnahmslos. Meine Hand streckt sich nach der Medizin aus, da fährt er wild in die Höhe.

„Damned, du hast uns Unglück gebracht. Bist du ein Gentleman, so wehr dich!“, heult er, und fortwährend klirren seine kräftigen, gelben Zähne aufeinander. Als mich die Faust des Amerikaners schmerzhaft aufs Nasenbein trifft, werde ich wütend und bin nur von dem einzigen Gedanken besessen, mich sofort zu rächen. Der Glasdeckel eines Käferkastens zerspringt mit scharfem Geräusch, als wir, uns umklammert haltend, dagegen prallen. Unsere Arme lösen sich, jeder tritt zurück, und wieder rasen wir einander an. Dumpf krachen die Fäuste. Hendersons Gesicht glüht in tollem Zorn, aus seinen Augen bleckt das Fieber.

Verwundert betrachten uns die Indianer. Henderson verabreicht mir einen Kinnhaken, der mich rücklings mit dem Hinterkopf ins funkenstiebende Feuer wirft. Taumelnd stehe ich auf und ramme beide Fäuste gegen seinen Magen. Mit überschnappendem Schrei knickt er um, richtet sich dann in sitzende Stellung hoch. Schmerzlichen Gesichts schauen wir uns stöhnend an, und ein großes Erstaunen ergreift ihn mehr und mehr.

„Haben wir uns geprügelt?“, fragt er mühsam. Ich betaste meine Nase, die sehr weh tut, und antworte wider Willen lachend: „Ja, du gabst mir ’nen Uppercut, und ich traf deinen Magen!“

Er schüttelt sich, zieht sich an der Wand empor auf die Füße. Er reicht mir die Rechte und sagt: „Schüttle sie, alter Boy. Haben uns nach Gentlemanart gegenseitig die Grillen vertrieben. Schätze, dass es ’ne Alt Tropenkoller war. Kalkuliere, dass es gut ist, dass wir keine Südländer sind. Würden sonst nicht die Fäuste genommen haben, sondern spitze Messer oder Pistolen!“

Wir drücken uns die Hände, und wieder sitzen wir lange Zeit da. Der Urwald beginnt draußen zu flüstern, zu stöhnen, und dann schreit er. Wie ich es noch nie hörte! Es ist noch weit weg, scheint aber näher zu kommen.

Tierstimmen in wildestem Aufruhr, in höchster Not! So hört es sich an. Unruhig rücken die Indianer hin und her. Manchmal bricht draußen der unheimliche Lärm ab, beginnt von neuem, lauter und näher, in durch Mark und Bein schneidenden Tönen.

Gleichzeitig springen wir beide auf die Füße, nehmen die Gewehre und treten ins Freie, wo uns der Aufruhr mit unheimlicher Wucht in die Ohren schlägt. Der Nebel ist größtenteils verschwunden, über die Lichtung rieselt das schwache Licht der Gestirne. Melancholisch rauscht der San Jacinto.

Angestrengt spähen wir in die Runde und sehen nichts Verdächtiges. Und doch lauert ein finsteres Verhängnis in der Nacht. Mich beschleichen dunkle Ahnungen. Dunkle Furcht. Denn den Mann, der wirklich keine Angst kennt, müsst ihr mir erst noch zeigen! Die Furchtlosigkeit, deren ich mich rühme, ist nur Trotz, wilde Prahlerei und hilfloser Fatalismus.

Hart am Rande der Lichtung bewegen sich zwei dunkle Schatten. Rehe, die in raschen Sprüngen heraneilen, dicht an uns vorbei dem Strome zuhalten. Wir sehen, wie sie dort ein paarmal wie unschlüssig hin und her trippeln, dann schießen sie schwarzen Pfeilen gleich flussab.

„Das ist merkwürdig. Schau, da kommen noch welche!“, brummt Henderson. Sausend huschen Tiergestalten an uns vorbei, halten am Wasser und flüchten dann in gleicher Richtung. Unerträglich ist das grässliche Geschrei, das aus dem dichten Urwald wie auf Sturmfittichen durch die Nacht braust. Wieder springen schlanke Tiere vorüber.

Hendersons Stimme ist dicht an meinem Ohr: „Da, ein Jaguar, kalkuliere ich!“ Und grüne Feuerkugeln lodern uns sekundenlang an, als die Bestie vorbeispringt. Voll Staunen kehren wir in das Kerzenlicht der Hütte zurück, wo die Indianer schon wieder apathisch beisammen sitzen. Fieberschauernd sinkt Henderson auf seine Decke.

Ich stürze abermals zur Tür, meine Rechte umklammert krampfhaft den Gewehrkolben.

Caripunhas? Pah, an die denke ich nicht. Jetzt nicht! Das ist etwas anderes, was in der Urwaldnacht lauert und dessen Nahen meine Nerven prickeln macht! Eben war es still, und ich konnte förmlich die heißen, feuchten Luftschwaden, die zur Tür hereinpressen, fühlen. Aber jetzt schreit es wieder mit vielen geplagten Stimmen.

Draußen rauscht das Gras, trappeln Hufe von Tieren, die auf einer uns unbegreiflichen Flucht sind. Waldbrand? Nein, diese strotzende, nasse Dschungel kann nie und nimmer in Flammen aufgehen.

Ein leises Poltern an der Türöffnung, etwas Schemenhaftes kriecht herein. Mein Gewehr fliegt hoch, die Träger schreien auf, Henderson lacht gewaltsam. Und vor mir, mich bittend anschauend, hockt ein winziges, seidenmähniges Löwenäffchen. Lachen ist Befreiung jetzt, und darum lache ich auch, was ich nur kann. Mit einem Satz ist das Tierchen auf dem nächsten Käferkasten, wo es hocken bleibt.

„Sieh nur, was hat es denn?“, fragt Henderson. Das Äffchen rutscht jetzt aufgeregt hin und her, unverkennbare Angst lodert aus seinen Blicken, und mit einmal fängt es an wild zu schnattern. Die kleinen Finger wühlen im Fell herum, immer mechanischer werden ihre Bewegungen, und jetzt! Aus kugelrunden Pupillen schaut das Geschöpf nach der Tür, und ununterbrochen zupfen die Finger Haare aus dem Pelz. Büschelweise! Die Finger zupfen und zupfen.

Fluchend stolpere ich ins Freie. Henderson hinter mir her. Es ist nichts zu sehen! Die Nacht schimmert silbern um die Rispen der Gräser. Tiere springen vorbei, und der Urwald schreit, als ob er gemartert würde.

Mit kaltem Schauer kehre ich in die Hütte zurück, und Henderson meint: „Well, mag’s sein, was es auch sei, aber ich schätze, wir wollen der Sache ruhig in der Hütte entgegensehen!“ Das Äffchen springt auf meine Schulter, schnattert erregt und wühlt einige Male in meinen Haaren herum. Hüpft nachher zurück auf die Käferkiste.

Wieder beginnen die winzigen Händchen Haare aus dem Pelz zu reißen. Er hat schon eine ganz kahle Stelle, wo geronnene Blutstropfen kleben. Eine ungeheure Gefahr muss es sein, die das hilflose Tierchen zu scheinbar so sinnlosem Spiel der Hände treibt.

Unsere Träger laden sich die Lasten auf und lehnen nun alle gegen die Wand. Warum reden sie keinen Ton? Sind sie denn stumm, diese Menschen mit den Wurmseelen ? Plötzlich bricht das Löwenäffchen in Zetergeschrei aus, schon sitzt es auf meiner Schulter und hält sich an meinen langen Haaren fest. Und Henderson verfällt in knurrendes Lachen, in das ich tobend einstimme.

Denn wenn auch die Gefahr riesenhaft ist, so sehen wir sie nun wenigstens. Ameisen! Von jener großen Sorte, die in breiten Heereszügen zu unzähligen Milliarden durch den Urwald wandern. Nur starke, reißende Gewässer vermögen sie aufzuhalten, sonst nichts. Und hinter sich lassen sie blanke Gerippe zurück.

Im Nu springen wir auf. Durch die Tür quillt knisternd ein dunkler, lebendiger, seltsam riechender Strom. Innehaltend, zögernd weiterfließend. Dann auf einmal wie Wellenspritzer, die der Sturmwind abbricht und vorwärtsschleudert, branden die Massen der wandernden Ameisen heran. Schon laufen sie die Wände hoch, schon umfließen sie uns, und jeder unserer Schritte tötet hunderte. Wie schmerzhaft sie mich in die Beine kneifen!

Vorwärts! In zwei Sätzen stehen wir im Freien, und die Träger sind dicht bei uns. Was wir sehen, ist ungeheuerlich, ist phantastisch und hemmt unseren Wettlauf mit dem Tode um den Bruchteil einer Sekunde. Ringsherum, überall knistert und knirscht es leise. Ameisen haben die Hütte umzingelt und bedecken wie ein schwach wogender See aus winzigen, phosphoreszierenden Punkten die Lichtung. Todesschreie von Tieren aus dem Walde verkünden, dass die Armeen der Wanderameisen unerschöpflich sind.

Nun rennen, springen und stampfen wir. Bedeckt von Ameisen, die blitzschnell an uns hochlaufen und grausam kneifen. Jedem Biss entströmt Säure in mein Blut und macht mich benommen. Ich schreie und kreische laut, reiße die Augen auf, an deren Lidern Ameisen hängen, und torkle hinter den anderen her.

Nach Ewigkeiten spüre ich, dass mein Fuß nicht mehr auf Ameisen tritt, die krachend zerbersten, sondern sich durch Gras kämpft. Heulend vor Schmerz falle ich hin, wälze mich, fahre mit den Fäusten über das Gesicht, reiße die Teufelstiere aus der Haut, wo sie verbissen an den Lippen, rings um die Augen, in den Achselhöhlen, an Brustwarzen und Schenkeln hängen. Neben mir kugeln sich dunkle Gestalten herum und brüllen, brüllen wie ich.

Der Schmerz lässt bald nach, nur die Betäubung hält an.

„Da sind sie!“, schreit Henderson, sich aufrichtend. Mit Fußtritten bringen wir die Indianer auf die Beine, fliehen im Dauerlauf vor einer spitzen Welle immer mehr zurückbleibender Ameisen und beobachten die Richtung, die die Tiere nehmen. Aber rasch stellt uns der Urwald eine gebieterische Schranke entgegen, und die schweren Macheten treten in Tätigkeit.

Fieberhaft arbeiten wir uns vorwärts. Wenn nur die Ameisen nicht die gleiche Richtung einschlagen! Dann sind wir verloren, weil wir viel zu langsam fortkommen. Ja, wenn nur die Caripunhas unser Kanu nicht gestohlen hätten!

Schweigend, mit scharfen Atemzügen, bahnen wir uns den Pfad. Auf einmal stößt Henderson einen heulenden Triumphschrei aus, dann klettert er zu meiner Verblüffung mein Lianenseil empor, hängt bald da oben gegen den flimmernden Himmel als schwarze Riesenspinne im Netze der Schlingpflanzen.

Langsam rutscht er jetzt nach unten. „Habe sie! Wurzel, Blume und Samenkapsel. Ist Geld wert, schätze ich!“, keucht er und hält mir etwas hin, das einem Bündel fahl-weißer Schlangen gleicht.

Eine Orchidee! Sie duftet betäubend, und ich möchte sie ganz nahe an mein Gesicht halten, aber Henderson brummt: „Weiter nun!“

Der Indianer Uno birgt den seltsamen Blütenzwitter in der großen Botanisiertrommel, und wieder sausen unsere Haumesser in Unterholz und fleischiges Lianengewirr. Die Ameisen kommen nicht!

Als die Sonne den dampfenden Odem des Urwaldes aufsaugt, sitzen wir unter dem goldenen Baldachin ihrer Strahlen. Am Spieß steckt ein abgehäuteter Affe, den das Blasrohr des Indianers Dos vom Baum holte. Tres, der Dritte, dreht den improvisierten Bratspieß. Und keiner mehr – oder doch jeder – denkt an die Hütte auf der Lichtung, wo die Ameisen einen stillen, reglosen Körper gefunden haben.

Henderson betrachtet stumm die einer Fieberphantasie gleichende Orchidee. Sein Gesicht ist so kalt wie das geprägte auf einer Silbermünze.

In stummer Schönheit umgibt uns der Urwald. Blaue Blumen schwanken an grünen Lianenseilen über uns.

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Orchideen

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Schwitzend, finstere Gedanken in der Seele, haue ich mit dem Messer den Pfad aus. Zischend und rauschend beißt sich die scharfe, schwere Klinge, die den Stempel „Sheffield“ trägt, durch saftige Lianen und Büsche, die mit purpurnen Blüten und fingerlangen Dornen übersät sind.

Hinter mir sitzen die anderen und ruhen. Es ist geradeso wie in einer Kohlengrube, dieses Urwaldpfad aushauen. Einer bricht Bahn, schlägt mit dem Messer zu, bis er wilde Flüche von den Lippen sprudeln lässt, mit den Augen wie ein Berserker rollt und gerne jemand totschlagen möchte. Nur die Kraft dazu fehlt!

Schlaff sinken die Arme herab, taumelnd fällt man lang hin, kümmert sich den Teufel darum, ob man gerade mit dem Gesicht auf einen gräulichen, fettig-schleimigen Wurm fällt oder mit krampfhaft zucken den Fingern einen zerdrückt. Der Nachfolger drängt sich vor, spuckt in die Hände, packt die Machete und horcht, wie das Eisen durch üppigen Pflanzenwuchs pfeift.

Die Ameisen haben anscheinend eine andere Richtung eingeschlagen, und das ist gut, denn sonst hätten sie uns schon längst erreicht. Uno schwingt die Machete mit seinen dünnen Armen. Zwei und Drei, Dos und Tres, hocken auf einem Haufen wilder Weinreben und verzehren massige, glänzende Engerlinge, die sie aus einem faulenden Baumstrunk herausbohrten. Henderson sitzt mit gekreuzten Beinen vor einer der verzinkten Blechkisten und streichelt seine Orchidee.

Wie kann man jene Pflanzenbestie – einen andern Namen finde ich nicht – nur so verliebt behandeln? Er ist richtig eifersüchtig, dieser Amerikaner, und gestattet nur zögernd, dass ich die Blume betaste.

Ausgeburt einer Danteschen Hölle!

Dem fahl-rosa Kelch entspringen in tollem Gewimmel sechs mit hässlichem Purpur gefleckte Blütenblätter. Jedes armlang, schlangendünn. Und meine fiebernde Phantasie spiegelt mir vor, dass es keine Orchidee ist, sondern ein Knäuel zorniger, giftiger Vipern.

In der Nacht duftete die Blüte seltsam betörend, betäubend schwer. Jetzt liegt sie im Sterben, ist schon matt, und ihr Geruch gleicht widerlichem Aas. Und siehe! Blaue und grüne, lang behaarte Schmeißfliegen umschwirren den Amerikaner.

Seufzend packt er die Blume in die Zinkkiste, wo sie zwischen Watte säuberlich trocknen wird, bis wir nach langen Monaten wieder die Zivilisation erreichen. Dann fährt er mit unserer gesamten Ausbeute nach England, chartert eine Luxuskabine, in der die eingetrockneten Zwiebeln und

Samen in ihren Behältern wohltemperiert stehen werden. Nur in einer Kabine erster Klasse auf den mittelgroßen Dampfern kann man am besten die Temperatur immer in gleicher Höhe erhalten, wenn auch das Schiff inzwischen alle Breiten durcheilt. Und drüben in Europa wartet ein Experte, der die Orchideenzwiebeln wie zerbrechliche Königskinder behandelt und versucht, sie zum Grünen und Blühen zu bringen. Gelingt es?

Ich sehe im Geiste vor mir eine kleine Auktionshalle. Männer und Frauen darin, aber meist sind’s Männer. Industriekönige, schwerreiche Bankiers und Magnaten, die tagtäglich kaltlächelnd die Seelen Tausender ihrer Mitmenschen niedertreten.

Und nun sind sie ganz ausgewechselt, ihr wahres Gesicht tritt zutage, wie sie, die Seidenzylinder schief im Genick, das Monokel grotesk mit den Augenbrauenwülsten festkneifend, gleich erregten Schuljungen die Orchideenbeute umringen.

Eintönig ruft die Stimme des Auktionators: „Lord Beaver bietet auf diese Blume, von der es nur ein einziges bisher bekanntes Exemplar gibt, dreitausend Pfund Sterling! Ist es recht, Mylord ? – Zum ersten, zum zweiten und zum dritten!“ Der Hammer kracht nieder. Glückstrahlend fährt Lord Beaver mit seinem Kauf nach Hause und betrachtet dort die Blume mit den zärtlich-gierigen Blicken des Geizhalses.

Im Auktionsraum umdrängen Männer, deren Gesichter die harten Kanten verlieren, gleich einer Herde entzückter Backfische die Blumenwunder.

Aber wir, wir, die wir fieberschauernd durch den Urwald kriechen, und deren Seelen sich in unstillbarer Sehnsucht verzehren nach Dingen, die wir nie erreichen können, weil es sie gar nicht gibt! Wir, die wir im Kampfe mit Natur, Mensch, Tier und mit uns selber stehen, denkt an uns jemand?

„Lord Beaver bietet dreitausend Pfund für dieses einzige Exemplar!“

Haha, wie lachhaft und paradox!

Urwald um uns. Sausende Messerhiebe.

„Henderson, he, Henderson, hör doch!“ Er steht auf, betrachtet mich mit Augen, in denen die Malaria gelb-schillernde Flecke erzeugte. Und ich brülle, heule in die verfluchte, feuchtheiße Luft hinaus, die noch nicht einmal ein ehrliches Echo zurückwirft. „Schmeiß die Blume fort, weg mit dem verdammten Gezücht. Oh, ich will nichts von Orchideen wissen. Wäre ich Gummijäger geblieben, wäre ich doch Matrose geblieben! Mutter, Mutter, lebst du noch?“

Im Fieberschauer des Tropenkollers reiße ich den Revolver aus dem Halfter, drücke ab und sehe erstaunt, wie mit dem Krach der breitrandige Filz dem Amerikaner vom Kopfe schnellt. Er bückt sich blitzschnell, und ehe ich wieder abdrücken kann, schleudert er mir die Zinkkiste ins Gesicht, fällt dann mit seinem ganzen Gewicht über mich her, und prasselnd stürzen wir in die abgehauenen Lianenarme.

„Hund!“, kreischt er, „verrückter, übergeschnappter Hund!“ Seine Fäuste trommeln auf meine Wangen, und ich liege still, rühre mich nicht. Endlich hört er auf, stützt sich auf die Ellenbogen und betrachtet mich lange. Plötzlich schwimmen seine Pupillen in weichen Lichtern, und die Stimme ist gar nicht mehr die harte, raspelnde Hendersons, die jetzt sagt: „Armer Kerl, armer Kerl! Bist auch einer von denen, die nicht wissen, was sie wollen, weil irgend etwas in ihrem Leben fehlt. Auf!“

Nun stehen wir uns gegenüber, und Angst glitzert mit einmal aus seinem Blick.

„Fieber, schätze ich. Höre, ich kriege es auch oft. Jeder weiße Mann in diesem satanischen Paradiese kriegt’s zeitweilig. Und dann musst du dasselbe tun wie ich dir. Schlag mich zu Boden. Nachher ist alles wieder in Ordnung!“

Unsere Hände finden sich, und vielleicht sind seine Gedanken die gleichen wie meine, die jetzt bei Willis in der Hütte des Käfersammlers am San Jacinto weilen.

Uno wird von Dos abgelöst. Der Machete schwirrt und saust. Da sinkt Dos’ Arm herab, er dreht sich um und grunzt etwas. „Rio!“, glaube ich, sagte er. Er deutet durch die Lücke.

Der mit faulendem Laub bedeckte Boden fällt dort steil ein paar Meter ab. Unten ragen Bäume. Viele Palmen und merkwürdige Gewächse, die lange, weiße, schlangenähnliche Äste, aber weder Blätter noch Blumen besitzen. Wasser umgibt sie von allen Seiten. Hinter einer Reihe lianenumschlungener Strünke glänzt der San Jacinto!

Henderson murmelt: „Siehst du die Lianenstaffage dort vor dem Strom? Schätze, dass wir darin herumklettern müssen. ’s sind sicher Orchideen dort. Seltenes, wertvolles Blut. He, Muchachos, sucht einen Palmetto!“

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Palmetto

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Dumpf klingen und dröhnen die blitzenden Äxte, wie sie sich in den weichen Stamm des Palmetto hineinbeißen. Zwei Männer können ihn kaum umspannen. Hoffnungslos sah die Sache aus. Aber hei, es ist ja der herrliche Palmetto, den milde, den Menschen wohlgesinnte Waldgeister in der dornigen Blumenhölle des brasilianischen Sertão wachsen lassen.

Dos und Tres schwingen ihre Äxte. Uno verspeist Engerlinge und schaut dabei mit kritischen Blicken in die Höhe. Kaum hundert Axtschläge, knapp eine halbe Stunde braucht es, und ein Knacken geht durch den mächtigen Baum, dessen weißes Mark nach allen Seiten spritzt. Während wir jäh zurückhasten, schlägt der Koloss stöhnend und rauschend durch die zerfetzenden Lianen. Kracht in das Sumpfwasser, wo er einem versteckten Krokodil den Rücken zerbricht.

Das riesige, schlamm-graue Tier schnellt den Kopf hoch, öffnet weit den Rachen und rudert ohnmächtig mit den Vorderfüßen in der schwarz schillernden Brühe umher. Es brüllt in dumpfer Agonie minutenlang, bis es im Tode erstarrt. Wir konnten seine Qual nicht durch einen Augenschuss verkürzen. Denn schleichen nicht schemenhaft die Caripunhaleute mit ihren Blasrohren irgendwo durch das hitzeflimmernde, dampfende Sertão ?

Kleine Männer sind’s, mit melancholisch hässlichen Gesichtern, dürren Gliedern und vorstehenden Trommelbäuchen. Und wenn sie die langen polierten Rohre an den Mund setzen, dann flattert es auf einmal im Gaukelflug durch die Luft wie bunte Schmetterlinge. Todesfalter!

Das Krokodil ist verendet, und wir machen uns, bis an die Hüften im Wasserbrei einsinkend, über den Palmetto her. In fünf Minuten ist ein zwei Meter dickes, sieben Meter langes Stück abgehauen, und jetzt fressen sich die Äxte in zwiefacher Linie die Längsrichtung weiter. Nur die zähe Rinde setzt einigen Widerstand entgegen.

Holz hat der Palmetto nicht, besteht innen nur aus markähnlichen Fasern. Klumpenweise hauen und stechen wir sie heraus, und in staunenswert kurzer Zeit ist ein backtrogähnliches Kanu fertig. Vorne und hinten ließen wir je zwei Schichten des Marks stehen. In diese Hohlräume wird dicker, lehmiger Morast gefüllt, und das Fahrzeug ist bereit. Zwar ein zerbrechliches, wunderbar heikles, sich gerne um die eigne Achse drehendes Schiffchen, das auch stark leckt. Aber ein Indianer wie Dos, Tres oder Uno, von denen keiner sehr kräftig ist, kann es in seiner ganzen Länge bequem auf der Schulter tragen. So leicht ist es!

Wenn es entzweigeht und uns nicht dabei gerade Piranhas oder Krokodile holen, so baut man einfach im Laufe einer Stunde ein neues. Heil dem Palmetto!

Wir steigen ein, finden nach einigen Umstauungen des Gepäcks die richtige Ausbalancierung und rudern mit den rasch aus Rattan und Schilf zusammengeflochtenen Paddeln durch die Baumgruppen dem offenen Wasser zu.

Krokodile glotzen uns an, eines macht Miene, das seltsame Kanu anzugreifen, aber ich lehne mich stark nach Backbord, indes Henderson von steuerbord dem Tiere mit dem Gewehr auf die Schnauze schlägt, dass es halb betäubt zurückbleibt.

Nun ist noch eine Baumgrotte zu durchfahren. Zu beiden Seiten schießen die rebenbewachsenen Stämme schräg aus dem Wasser, vereinen hoch über uns ihre grünen Kronen, von denen geringelte Lianen herabbaumeln. Hier ist das Wasser schon tief, und im Flimmern der sich in schwarzer Flut brechenden Lichtstrahlen zucken und schnellen die Silberleiber vieler Piranhas hin und her. Wir haben noch eine Affenkeule bei uns, die schon arg stinkt und daher ungenießbar ist. Henderson packt sie am Knochen und hält sie über den Bootsrand. Im Nu quirlt und rauscht das Wasser an kreisrunder Stelle, als ob ein gigantischer Schaumschläger am Werke ist. Hin und wieder sehe ich schlanke Fischleiber blitzen.

Henderson schaut auf die in dickem Schutzgehäuse gepanzerte Armbanduhr, die vorläufig noch geht. Lange aber sicher nicht mehr, denn sie wird innen total verrostet sein!

„Allright. Eine Minute ist vorbei!“, sagt er und zieht die Keule hoch. Schimmernd fallen sich windende Leiber zurück in ihr Element. Und die Keule ist nur noch ein Knochen. Fleisch und Sehnen fraßen die Piranhas mit ihren dreieckigen Scherengebissen in dieser unglaublich kurzen Zeit ab.

Ja, einst sah ich einen Ochsen nach langem Zögern durch einen Nebenfluss des Rio Xingu im Sertão waten. Das Wasser ging ihm bis an die Schultern und war vielleicht dreißig Meter breit. In der Mitte angekommen, fing das Tier furchtbar an zu brüllen, verdoppelte seinen Lauf, und ringsherum kochte und quirlte Schaum, geschmeidige Fische schnellten im Bogen an die Oberfläche. Der Ochse erreichte das Ufer. Entsetzlich blutend sank er nieder und starb. Denn die Piranhas, die ihn überfielen, hatten ihn schon halb skelettiert.

Es gibt eine Sage in der nordischen Edda von Thors Riesenfahrt nach Jötunheim zu König Utgardlold. Es werden Wettkämpfe zwischen den Riesen und Thor mit seinen Begleitern ausgefochten. Zwischen einem Diener des Riesenkönigs und dem listigen Loge wird ein gewaltiger Holztrog voll Fleisch aufgestellt. Beide setzen sich daran, und auf ein Zeichen essen sie darauflos. Wie sie in der Mitte des Troges anlangen, hat Loge das Fleisch verzehrt. Es stellt sich aber heraus, dass König Utgardlokis Mann nicht nur das Fleisch, sondern auch die Knochen und die Hälfte des hölzernen Backtroges mit aufgegessen hat.

Die alten Skalden wussten nichts von Brasilien, denn sonst hätte Asathor statt des vielgewandten, ränkevollen Loge sicher den König der Sertãogewässer, den schlanken, silbernen Piranha genommen, um gegen König Utgardloki siegreich zu bestehen!

Das Palmetto-Kanu schwankt und rollt hin und her, als Henderson vorsichtig aufsteht und hinaufzeigt. In langen Schnüren, stellenweise richtige Netze bildend, hängen Lianen herab. Ganz oben, dicht unter dem Blätterdach, glüht es wie zwei violette Lichter. Orchideen!

„Dacht’ ich’s doch! Die sind selten, wollen wir holen!“, murmelt er. Und mit einmal, ich weiß selber nicht wie, bin ich aus dem Kanu, hänge schon mannshoch über Hendersons schmunzelndem Gesicht, in den Lianen.

„Wenn du fällst, dann kann dir nichts helfen!“, ruft er und deutet auf das Wasser, wo in tintenschillernder Schwärze silberne Pfeile hin und her schießen. Die Lianen knarren und quietschen, als ich höher klimme. Meist geht es wie auf Leitern oder schmalen Schiffswanten, nur ein paarmal nehme ich Kletterschluss oder ziehe mich Hand über Hand hoch.

Ein fabelhafter Reiz liegt in dieser höllischen Kletterfahrt. Mein Blut prickelt und singt. Einmal bleibt mir aber das Herz stehen. Ohne vorherige Warnung sackt das ganze Lianengewebe, an dem ich wie die Spinne im Netz hänge, ruckweise ein paar Fuß tiefer. Noch im letzten Moment finde ich das Gleichgewicht.

Gerne möchte ich nun umkehren. Aber das geht nicht, es wäre feige! Weiter also. Zwanzig Meter hinauf, die Höhe eines vierstöckigen Hauses, klimme ich langsam und mit wachsender Vorsicht. Und als ich endlich bei den zwei Blüten anlange, bin ich entzückt von ihrer violetten, goldgelb umsäumten Schönheit!

Ich schneide das ganze Bündel ab, diesen Klumpen verfaulter Schlingpflanzen und Schösslinge, dem sie entsprossen, und stopfe sie zwischen Hemd und Brust. Wieder gleite und steige ich langsam hinab, lande tief aufatmend im Kanu, wo Henderson die Beute in Empfang nimmt.

„Herrliche Pflanzen! Schade, dass Willis nicht da ist!“, sagt er und fügt hinzu: „Habe damals schon in der Bucht des Vierundzwanzigstundentodes kalkuliert, dass ein tüchtiger Orchideenklauber aus dir wird. Das ist lange her, Boy!“ Ich nicke, während die Indianer das Kanu durch grünes Dämmerlicht in die Baumgrotte lenken.

„Wie lange denn?“

Er wiegt den Kopf: „Hm, weiß es nicht genau, kann etwa acht teuflische Wochen her sein. Und Willis?“ Er bricht ab, Falten zeigen sich auf seiner Stirn, denn er ahnt plötzlich meine noch unausgesprochene Frage. Nun ist es nicht der harte, fluchende Urwaldmann, der da spricht, sondern der Amerikaner, der die Harvard-Universität besucht hat und der Fußballabgott seiner Klasse war.

„Willis ist vor ganz kurzer Zeit gestorben. Ganz kurz. Und wundern Sie sich nicht, dass es uns viel länger dünkt und wir mit scheinbarer Rohheit darüber hinweggehen. Sehen Sie diese Dschungel hier!“ Seine Hand zeigt in die Runde. „Wie das strotzt und blüht, üppig grünt und fieberhaft erzeugt. Höchste Intensität, scheinbar. Und da wir mittendrin sind und auch scheinbar in intensivster Spannkraft leben, so haben wir keine Zeit – an Willis, poor fellow – zu denken!“

Das Kanu gleitet in den San Jacinto, der es sanft schaukelt. Eine Insel, wie ein Bukett aus dunklen Riesenfarnen, liegt querab. Wir halten darauf zu. Im Westen brennt bereits der Himmel zum Zeichen, dass die Sonne noch einmal den Horizont mit wilden Flammen küsst. Rasch an Land, Äxte her! Eilt euch, Uno, Dos und Tres!

Tiefe Nacht ist’s, als das Unterholz gerodet, Tausendfüßler und Zecken durch Feuer vertrieben und unsere Hängematten zwischen dünnen Stämmen ausgespannt sind. Die Gewehrläufe glitzern blau, gleichen erstarrten Schlangenleibern. Spitze rote und schwefelgelbe Lichter lecken empor. Kupferne Statuen sind die drei ums Feuer sitzenden Indianer. Im San Jacinto brechen sich die Spiegelbilder der Gestirne. Fliegende Hunde flanieren darüber hin. Vom Urwald drüben schluchzt, schreit und dröhnt das allabendliche Tongemälde aus den Kehlen seiner heimlichen Bewohner. Bald furchtbar laut, bald in leisem Moll versiegend. Unsere Pfeifen prasseln, honigsüß duftet der Tabak, vermischt sich mit dem scharfen Aroma der Holzscheite. Am Ufer schaukelt unser Kanu, das uns morgen wieder weitertragen wird. Das seltsame Fahrzeug aus dem seltsamsten Baum des Sertão.

Dem Palmetto!

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Caraputos

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Das Urwaldkonzert verstummt. Henderson schläft in seiner Hängematte. Die drei Indianer schaukeln in den ihren. Eine baumelt über der anderen, und unter der tiefsten brennt das mächtige Feuer, wirbelt Funken und beißenden Rauch um die Ruhenden.

Auf diese Weise schützen sie sich gegen die Legionen blutdürstiger Moskitos. Manchmal schlägt einer klatschend mit der Hand gegen gebissene Körperstellen.

Mir sind die Stechmücken, die mich triumphierend umsummen, heute tödlich schnuppe. Denn mein Fieberanfall, der regelmäßig jeden dritten Tag wiederkehrt, schüttelt mich, wie ein Hund seinen dürren Knochen schüttelt. Zuerst kam jenes ungeheuerliche Gefühl von Mattigkeit und Verlassensein. Zu gleichgültig selbst zum Sterben ist man dann! Alle Glieder sind wie zermalmt, und Durst peinigt einen grausam.

Die Feldflasche mit den zerquetschten Limonen – sie wachsen direkt über meinem Kopf – ist längst leer. Mein Stöhnen dringt nicht bis in die schweren Träume der anderen. Ich könnte den ganzen dickflüssigen San Jacinto austrinken, samt dem ihn bevölkernden Gewürm. Aber ich bin viel zu schwach, um nur ein Glied zu regen.

„Henderson, gib mir Chinin, gib mir Wasser!“ Er dreht sich murmelnd herum, schläft weiter.

Langsam kriecht eisige Kälte in mir hoch. Ich habe das wilde Verlangen, mich ins Feuer zu wälzen, um warm zu werden. Aber wo ist meine Kraft geblieben? Es würde auch absolut nichts nützen. Gegen die Kälteschauer der Malaria, die den ganzen Körper durchrütteln, dass die Zähne klirren und der röchelnde Atem stoßweise aus dem trockenen Munde hetzt, ist weder künstliche noch natürliche Hitze gut.

Ein Trost blüht mir! Der Anfall währt eine Stunde, nachher bin ich eine Zeitlang unsäglich müde. Und wenn die Sonne wieder gierig aus dem Strome hervorbleckt, beißt man die Zähne zusammen und vergisst, dass man eine Seele hat, die manchmal so weich sein kann.

Hei, ist es nicht schön, das Leben in diesem Lande, um das Engel und Teufel sich streiten?

Malaria springt mich an, beutelt und schüttelt mich, gießt Eis in meine Adern. Violette und grünliche Dünste schweben vom Wasser herbei, hängen über mir, und mit einmal sind’s stinkende Mäuler, aus denen Schlangen zucken. Große, fette Purpurspinnen mit wimmelnden Beinen. Orchideen! Und nun werden grausige, fahle Gesichter daraus, die riesenhaft aus leeren Augenhöhlen über mir hin und her nicken. Gewaltige Fledermäuse mit behaarten Körpern, spitzen Mausköpfen und häutigen Schwingen. Vampire!

„Henderson, o Henderson, verjag sie doch. Ich weiß ja, es ist nichts, es sind die mich äffenden Nebelphantasien, aber, bitte, verjage sie. Gib mir die Pistole, dass ich in ihre Fratzen knallen kann. Gib mir Wasser!“

Er hört nicht. Das Feuer knistert, und die Luft duftet nach Verwesung. Schau, da kommt der Mond! Er steigt rasch hoch, und dort auf den vorschnellenden Ast setzt er sich hin, wippt auf und nieder, und nun ist’s ein höhnisch grinsendes Gesicht. Das Antlitz der Malaria, die mich umklammert und schüttelt, immerfort schüttelt.

Ganz langsam verblassen die grausen Gestalten, zögernd verebbt der Frost in mir, und seufzend strecke ich mich aus, versuche, mit den zitternden Händen die Decke ans Kinn zu ziehen. Wie das mit einmal prickelt und angenehm sticht! Das habe ich doch sonst noch nie gespürt ? Und sind das nicht winzige Körperchen, die aus dem Laubdach über mir herabregnen, blitzschnell auf mir weiterlaufen, Gesicht und Körper bedecken? Erkenntnis dämmert in mir auf, meine ganze Kraft zusammennehmend, stoße ich einen gellenden Schrei aus.

Im Nu ist Henderson bei mir, und schon schreit er auch voll Ekel m der Stimme: „Caraputos!“ Mit Fußtritten befördert er die stummen Indianer aus ihren Hängematten, und dann reißen sie mich hoch, schälen mir die Kleider ab und legen mich in den warmen Umkreis des Feuers. Hunderte stecknadelkopfgroße, blassrosa Zecken – die Caraputos – wimmeln auf mir herum, laufen durcheinander, bohren sich in die Haut und unter die Fingernägel mit rascher, schraubender Bewegung ihrer Leiber. Acht Paar Hände trommeln auf mich los, schmieren mich mit Aschenbrei ein, und glühende Holzstäbchen werden an die Tiere gehalten, die sich schon halb in meine Haut einfraßen. Henderson flucht dazu durch die Zähne und steckt mir endlich auf meine Bitte hin die brennende Pfeife in den Mund. Jetzt noch ein langer Trunk, und ich fühle mich wohlig behaglich, schaue zu, wie mein Leib von der grimmigen Pest der Caraputozecken befreit wird.

Die Hängematte wird an anderer Stelle aufgehängt, sie legen mich wieder hinein, nachdem sie mir frische Wäsche anzogen. Frische Wäsche?

Bueno, jeder von uns hat drei an den Knien abgeschnittene Khakihosen und drei Khakihemden. Jeden Tag wechseln wir. Seife zum Waschen haben wir nicht mehr, und deshalb sind unsere Sachen schmutz- und schweißstarrende Futterale, die man hinstellen kann. Manchmal schwenken die Indianer sie im Wasser herum, und das nennen wir frische Wäsche.

Kaum ist alles wieder im Geleise und Henderson in seine schwankende Schlafstätte zurückgeklettert, als er mit ihr krachend auf dem Boden landet. Laut flucht er: „Bestialische Saubas, schätze ich. Nur gut, dass es nicht die Tocandeiros von neulich sind!“

Ameisen von der Gattung, die der Sertãomann Saubas nennt, und die in rasender Gefräßigkeit alles zerstören, Schuhe, Riemen, Holz und Papier, haben Hendersons Hängemattenseile angefressen. Und was sind Tocandeiros? Schauer jagen mir nachträglich den Leib hinab, wenn ich daran denke, wie sie uns neulich in der Hütte des Käfersammlers unter der majestätischen Seidenpappel überfielen.

Der Amerikaner sagt: „Höre, ich kalkuliere, es ist ein gut Ding, wenn wir uns Hängemattenseile aus Frauenhaar besorgen. Wollen ein Indianerdorf aufsuchen und dort welche kaufen. Habe hübsche Geschenke in der einen Kiste, die den roten Gentlemen gefallen werden!“ Er steigt brummend in seine Schlafstätte, die von Neuem befestigt zwischen zwei dünnen Stämmen schaukelt.

Nach einer Weile höre ich seine tiefen Atemzüge. Das Feuer knistert. Mir brennt der Körper von der Asche, die in meine Poren eindrang. Und ich verfalle in Grübeln. Hängemattenseile aus Frauenhaar? Ja, denn das ist das einzige Material, das die Saubas nicht angreifen. Es gibt viele Indianer im Sertão, die ihren Frauen deswegen erbarmungslos die Flechten ausreißen.

Frauen! Pepita, La Ballenha, Mio-San ...

Nein, nein, das sind keine Frauen, die gibt es nur in stillen, friedlichen Landeren. Große, schlanke, kluge und gütige Geschöpfe! Der San Jacinto murmelt, und wie goldene Musik streichelt er mein Ohr, denn meine Seele ist weit, weit weg.

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Grand Hotel Dom Pedro

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Siehst du, wie schwer die Jagd nach Blumen ist? Nun sind wir lange Wochen unterwegs, und was fanden wir? Glorreich wenig, schätze ich!“, sagt Henderson und dreht mir sein rotes, Schweiß übergossenes Gesicht zu.

Er hockt auf einer Kiste, in der, in Watte eingehüllt, vier Orchideenstöcke ruhen. Einer ist darunter, dessen Blumen einem Bündel Schlangen glichen, als sie Henderson vom Baum herabholte. Zwei, deren stolze violette, gelb gesäumte Schönheit ich in schwindelnder Höhe, über lauernden Piranhas schwebend, entdeckte. Und dann fand Henderson noch eine, die wie eine fette Purpurspinne aus hohlem Baumstrunk hervorkroch.

Mit Fieber, Hitzedelirium, Zecken, Blutegelplage und dem Leben eines Freundes haben wir ihren Wert aufgewogen. Und nun irrten wir tagelang in den Sumpfseen des Jacinto umher, drängten unser tolles Kanu durch Schilfmassen, deren jede Rispe schwertscharf schneidet. Wir haben die Brühe, auf der wir dahinschwimmen, getrunken! Wir haben in einem Anfall von Galgenhumor unsere letzte Flasche Whisky vertilgt und uns daraufhin prompt wie wilde Bestien gegenseitig angefallen, geprügelt und geboxt, bis einer nicht mehr konnte. Die Indianer schauten voll tierischem Staunen zu, das Fahrzeug rüttelte und kippte. Nachher schüttelten wir uns die Hände und hockten uns über die offene Kiste, um die Orchideen zu betrachten.

Sonderbar! Ist es ein Bazillus, der von diesen Zwitterblumen ausgeht? Denn ich liebe sie nun genau wie Henderson, möchte sie streicheln und ihre Leichendüfte einatmen.

Fortwährend, wenn wir Baumgruppen passieren, schweifen meine Augen unstet suchend umher. Nach Orchideen!

Welch merkwürdige Gelüste! Irrsinn oder verdrängte, unterdrückte Komplexe, die nach dieser Richtung hin sich den Ausweg suchen?

Gestern haben wir ein junges Krokodil gegessen oder versucht es zu tun. Denn wir litten Hunger. Heute gelang es Uno, mit seinem Blasrohr fünf Affen zu erlegen. Sie purzelten ins Wasser, und zwei haben wir für uns gerettet. Die anderen drei bekamen die Piranhas, die blitzschnell an Ort und Stelle waren. Und Hendersons Daumenkuppe schnappten sie auch, als er die Beute aus dem Wasser zog.

Nun sitzt er auf der Orchideenkiste und philosophiert. Im Heck des Fahrzeuges hängt an einer Stange der abgehäutete Leib des letzten Vierhänders. Sind wir nicht Kannibalen?

Eintönig rauscht das Wasser unter den Paddelschlägen.

Aus einem See kommend, lenkt das Kanu in die breite Straße eines von Urwaldriesen umgürteten Stromes. Vielleicht ist’s noch der San Jacinto, es kann aber auch ein andrer Zufluss sein. Aber Teufel, was ist denn das, sind wir zwei denn schon so verrückt geworden, dass wir Halluzinationen sehen? Bisher haben wir mühevoll stromauf gerudert, seit Wochen. Eben kamen wir aus dem See, und der glitzernde Strom, in den wir einfuhren, trägt uns jetzt auf einmal mit seiner Kraft abwärts, und doch fahren wir der Sonne entgegen, wie bisher.

Die Indianer schauen uns an. Henderson nickt pagodenhaft, und krächzend schallt sein Lachen: „Egal; schätze, dass es Orchideen überall gibt!“ Stumm fahren wir dahin. Schnurgerade, dann wieder um Biegungen herum, und ständig begleitet uns der undurchdringliche, in seiner Tiefe schwarz flimmernde Urwald.

Wieder liegt eine Biegung vor uns. Henderson brüllt plötzlich wütend auf. „Bin ich verrückt? Horch doch nur, das hört sich gerade an wie Juanita!“

Mein Kinn sinkt vor Staunen herab, und ich lege die Hand ans Ohr. Denn unverkennbar, dort um die Insel uns entgegen klirrend, wehen die harten Töne einer Tenorstimme. Das Lied kommt ganz gewiss aus dem Messingtrichter eines Grammophons! „Juanita“ heißt der Song und handelt von Banditenliebe, Orangenblüten und einem traurigen Soldaten. Man hörte es seinerzeit von Punta Arenas in Patagonien bis hinauf an den Rio Grande del Norte in allen Kneipen, von allen Gitarren und allen elektrisch betriebenen Pianos. Aber hier, im Zentrum der Caripunhas, auf einem Strom, dessen Namen wir nicht wissen, und der in einer Gegend fließt, wo es nichts als Wildnis und ihre Geschöpfe geben kann!

Auf Hendersons Wink greifen die Indianer zu den Paddeln und treiben das Kanu mit doppelter Geschwindigkeit die Strömung weiter. Nun umrunden wir die spitze, mit Palmen bestandene Zunge, die die Insel in die gelbe Flut schiebt. „Juanita“ bricht scharf ab. Verblüfft entfährt mir ein lautes „Caramba!“, und der Amerikaner sekundiert mit einem „Well!“

Denn im seichten, stillen Wasser der halbmondförmigen Inselbucht, teilweise von blüten- und lianengeschmückten Baumriesen überschattet, die aus dem sumpfigen Ufer ragen, steht vor unsern Augen eine Anzahl Hütten auf Pfählen.

Ein Hund bellt. Eben schmettert das Grammophon aus dem Innern des großen Gebäudes mit der primitiven Veranda den Carmenmarsch, der aber rasch in einem Kreischen der Nadel endet.

Gestalten stürzen auf die lange Veranda. Typische Seringueiros, Gummisucher in bunten Lumpen, ein riesiger, blauschwarzer Neger mit entblößter Brust und drei, vier, nein – sechs Mädchen! Wieder entlockt mir die Verblüffung ein Kraftwort, und nun winken die Leute, schreien und rufen. Der Carmenmarsch schmettert von Neuem seine rasende Musik, und eine etwas brüchige Stimme tremoliert dazu: „Auf in den Kampf, Torero!“

Jetzt legen wir an der schlammigen Holztreppe an, klettern langsam nach oben. Uno, Dos und Tres bleiben im Kanu sitzen, drehen sich Zigaretten und rauchen. Alles andere geht sie nicht im mindesten an! Vor sich hin starrend, ziehen sie den Rauch ein, blasen die Wangen zu Halbkugeln auf, verschlucken ihn und stoßen ihn durch die Nüstern wieder von sich.

„Madre de Dios, Ernesto!“, empfängt mich eine jubelnde Stimme, und der banditenähnlich aussehende Mann, ein ehrlicher Gummisucher namens Benito, den ich von Santarem her kenne, schlingt seine Arme um mich. Wir beklopfen uns nach südamerikanischer Art gegenseitig den Rücken, dann schütteln Henderson und ich eine Menge Hände. Braune, harte und schmutzige von Seringueiros, und milchkaffeegelbe, kleine, zarte, nach Puder duftende von den Mädchen.

Johlend schiebt uns der Haufen in die Türöffnung, über der ein grünes Schild hängt, auf das jemand mit kindlicher Kunst die Worte „Grand Hotel Dom Pedro“ malte. Lächelnd, sich die Hände reibend, tritt mir ein in sauberem Tropenanzug steckender Mann entgegen, und seine schleimige Stimme fragt unterwürfig, was die „ilustrisimos Señores“ wünschen! Ob Gin oder Whisky, Bier oder Wein. Vielleicht sei auch ein Schläfchen in der Hängematte gefällig? Juanita oder Carmella würden uns gerne solange ihren Raum abtreten.

Ein böser Blick auf die sich scheu drückenden Mädchen begleitet diese Tirade, und jemand lacht im Hintergründe: „Ilustrisimos Señores, hehe! Die Kerle sehen genau so abgerissen aus wie wir. Nicht besser und nicht schlechter. Warum macht denn Urubu solch Getue?“

„Schweig!“, raunt jemand hörbar. „Halt das Maul, ’s ist doch der Gringo, der Americano, der die Orchideen sucht. Der hat Geld! Und den andern kennt Benito!“

Ich betrachtete immer noch den Mann im sauberen Anzug, der der Wirt des Grand Hotel Dom Pedro sein muss. Wenn es einen Menschen gibt, der einem Königsgeier so auffallend ähnelt, dann ist es dieser phantastische Urwaldhotelier! Hände hat er wie große, dünne Klauen, die sich fortwährend nervös spreizen und schließen. Ein Kinn, unter dem der rosig geäderte Kropf hängt. Dünne Lippen, die schnabelartige Nase, rot umrandete Pupillen und darüber der schmale, eiförmige Kahlschädel.

Und die Verwunderung über dies alles, über die Kneipe hier in tiefster Wildnis, entlockt mir die burschikosen Worte: „Diablo, Señor, Sie haben ja eine verdammt komische Fratze!“ Zwei Männer brüllen vor Lachen, ein Mädchen kichert und verstummt sofort, als die Geieraugen sie voll umfassen.

Henderson, der sehr gut Portugiesisch beherrscht, spinnt meine Rede weiter. „Wie ein Königsgeier sehen Sie faktisch aus, Señor, schätze ich!“

Laut ruft Freund Benito, die weißen Zähne entblößend: „Gut gesagt, Señor! Wir nennen ihn auch nur Urubu, den Geier!“

Einen bösen Blick nach Benito schleudernd, fragt der so Bezeichnete nochmals kriecherisch nach unsern Wünschen. Die Spannung, die sekundenlang in der heißen Luft hing, bricht, und bald sitzen wir mit Mädchen und Männern am Tisch, scherzen und trinken Cachassa. Immer wieder fliegt mein Blick zu dem „Urubu“ hin, der scheinbar gleichgültig hinter der rohen Bretterbar steht. Und dann betrachte ich wieder die Mädchen. Da ist die hübsche, schwarzlockige Juanita, die sich eng an Benito hält. Dann Carmen und Bella, beides ziemlich braune Brasilianerinnen, wie es sie überall in den Ansiedlungen gibt. Ferner sind da noch Fernanda, Chica und Sara, deren hübscher Mund drastische Reden führt, und die trinken können wie beurlaubte Schiffsheizer.

Alle sind geschminkt, gepudert, parfümiert und für diese gottverlassene Gegend überraschend nett gekleidet. Und aller Augen sind fleckig vom Fieber, die Wangen hohl, und ihre Hände zittern oft so stark, dass sie den Inhalt der zum Munde geführten Gläser teilweise verschütten.

„Wo bist du her?“, fragt Henderson Sara, die sich an ihn lehnt und mit den kranken, frechen Augen um einen Drink schmachtet.

Mit wegwerfender Handbewegung antwortet sie: „Santa Euphemia am großen Strom. Ich kam erst vor acht Tagen hier an. Ai Virgen, welch eine Fahrt! Mein Leben werde ich daran denken! Und das“, ihre Stimme flüstert, „wird sehr kurz sein!“ Laut lästert sie: „Caracho, bestell mir einen Gin, mein hübscher Americano! Einen Gin, lieber süßer Gringo!“

Urubu kommt von seinem Beobachtungsplatz und setzt das verlangte Getränk, ohne Hendersons Auftrag abzuwarten, vor Sara hin. Sich die Hände reibend, dienert er: „Ich nehme an, es ist Ihnen Recht, Señor? Was schöne Augen wünschen, das muss ein Caballero tun!“

Schrill lacht das Mädchen: „Schöne Augen? Madre Santissima, sie waren einst schön, die Heiligen mögen’s bezeugen. Aber seit ich hier bin, und seit ich die Reise im Kanu machte, wochenlang durch die Hölle des Sertão?“ Sie schüttelt sich von Grauen gepackt, und Urubu heftet den Blick auf sie, fragt leise, wie eine schnurrende Katze: „War die Reise nicht wundervoll und bequem, Muchacha? Nicht wahr, es war doch herrlich, erzähl nur diesem Señor Americano, wie gut der Wirt des Grand Hotel Dom Pedro seine Mädchen behandelt!‟

Ängstlich flüstert Sara: „Ah, Señor, es war himmlisch! Obwohl ich den Urwald manchmal fürchtete. Aber Señor Urubu, ich möchte dennoch diese Reise gerne noch mal machen!“

Urubus kahle Stirn zuckt, und der Schlitz seines Mundes stößt höhnisch hervor: „Das wirst du nicht, Schätzchen. Es ist immerhin beschwerlich. Sei lieb zu den Señores, und du wirst hier wie im Paradiese leben. Sieh nur die schönen Kleider, die da anhast. Ja, ja, hihi! Papa Urubu sorgt für seine Kinderchen!“

Die Männer spielen Karten, lachen und schreien durcheinander. Benito und Juanita schauen sich zärtlich in die Augen, und unwillkürlich drängt sich mir der Gedanke auf: Das ist mehr als Zeitvertreib zwischen den beiden. Die zwei haben einander gern! Aber was zum Teufel geht’s dich an, Orchideenjäger?

Hendersons Blicke wandern ruhelos durch das geräumige Schankzimmer. Sara unterbricht meinen Gedankengang, wie sie sich mit unterdrücktem Ton an den Wirt wendet: „O Papa Urubu, ich werde kein Fieber bekommen wie Ramona? Ai Virgen, ich will sehr artig sein und alles tun, was Sie wünschen, nur geben Sie mir immer die Medizin!“

Er flüstert zornig: „Schweig, Plaudertasche!“ Laut fügt er in väterlichem Tone hinzu: „Du bekommst doch jeden Abend dein Chinin, Täubchen!“

„Ja!“, seufzt sie. „Ja, es ist wahr, aber es macht müde und traurig, nimmt auch allen Hunger!“

Im Fortgehen ruft er mir zu: „Noch ein Schlückchen?“ Langsam schlendre ich hinter ihm her, lehne die Ellenbogen auf die Bar und beobachte, wie er eine Flasche schales Bier ins Glas leert. „Señor Urubu?“

Er wendet mir voll sein erstauntes Gesicht zu, schaut mich an und harrt weiterer Fragen. „Señor Urubu, wie kommt es, dass es hier im Herzen der Caripunhas ein, ein ...“, ich suche die Worte, „eine Trink- und Weiberhölle gibt? Das ist das größte Wunder, das ich im Sertão je erlebte!“

Er lächelte geschmeichelt. „Es hat Mühe und Geld gekostet, alles hierher zu schaffen, Señor. Sorge und viele Milreis, aber ich scheue keine Kosten, um meinen Freunden, den braven Seringueiros, das Leben angenehm zu machen! Und sie danken mir’s. Sämtliche Gummisucher des Coronel Numez trinken ihren Schnaps im Grand Hotel Dom Pedro!“

„Gibt es denn wirklich eine Plantage hier in der Nähe?“

Urubu knackt mit den Fingern. „Si, Señor, Coronel Numez beschäftigt zwanzig Seringueiros auf seiner Kautschukpflanzung. Und manchmal ebenso viele freie Gummisucher, die er ausrüstet und dafür den Ertrag ihrer gefährlichen Kanureisen einsteckt. Häufig bringen sie auch Indianer für den Coronel!“ Er bricht ab, sieht mein Staunen und erklärt weiter: „Drei Kilometer stromab liegt der Platz. Und es gibt einen Wasserlauf, der den größten Teil des Jahres mit dem Madeira in Verbindung steht. Und der Coronel besitzt ein kleines Dampfboot!“

Ich schaue ihm tief in die kalten Augen. „Urubu, wie lange lebt eine Señorita bei Ihnen?“

Er glitzert mit den rot umränderten Pupillen, sein Kropf spannt sich straff, als er entgegnet: „Ah, Señor, das Klima ist sehr schlimm hier, trotz Chinin. Äußerst schlimm, den Heiligen sei es geklagt! Nach vier bis fünf Monaten muss ich stets Ersatz schaffen. Manchmal ist der Coronel so gütig und bringt die neuen Damen mit seinem Dampfer. Oft aber auch tun es die braven Seringueiros. Nur ist die Fahrt dann lang und beschwerlich.“

„Was geschieht mit den den Ausrangierten, Urubu?“

Wieder glättet sich die glänzende Haut des Kropfes, über den viele rosa Äderchen laufen, und der Geiermund entgegnet zynisch: „Santa Maria! Ich tue ja alles, was möglich ist, aber die meisten sterben. Es stirbt sich schnell hier an den Strömen. Jedoch, hihi, Gott sei Dank, gibt es Ersatz. Gefällt Ihnen Sara? Oder Carmella? Letztere spielt wundervoll Gitarre, Señor!“

Zornig entgegne ich: „Es stirbt sich schnell, ja. Aber nicht leicht, Urubu!“ Und ihm ins Auge schauend, sage ich langsam: „Urubu, Sie sind ein Schuft, ein Sauhund, und ich bedaure, dass ich kein Brasilianer bin!“

Er zuckt zurück, als ich fortfahre: „Weil es mir dann ein Vergnügen bereiten würde, Ihnen ein Messer in die Kehle zu stoßen!“

Ich wende mich ab, setze mich zu Henderson und erzähle ihm mein Gespräch. Er nickt und brummt: „Ein zweites Remate de Males. Nur viel langweiliger und zehnfach ungesünder. Schätze aber dennoch, dass wir uns hier einige Tage ausruhen wollen, können dem alten Numez mal einen Besuch abstatten. Vielleicht erfahren wir bei ihm, warum die Caripunhas so aufsässig wurden. Steckt irgend ’ne schmutzige Geschichte dahinter, vermute ich. Sklaverei oder so!“ Nach dieser für ihn langen Rede trinkt er sein Glas leer und spielt weiter Domino mit Sara.

Die Mädchen mit den fiebergelben Augen lachen. Jede bemüht sich nach Kräften, die Gummijäger zum Trinken zu veranlassen. Urubu steht vor dem bunten Flaschenregal und schaut bald die eine, bald die andere an, die unter seinem Blick zusammenzuckt.

Hart sind die Gesichter der Männer. Hart, verwegen oder tierisch stumpf. Der herkulische Neger, ein Aufseher über die Indianerpeons des Coronel, säuft unheimliche Mengen Cachassa und zeigt prahlend die schwellenden Gebirge seiner Muskeln. Eine Peitsche hängt ihm am breiten Gürtel, mit der er manchmal scherzhaft nach einer gelbgesichtigen Schönen wippt. Gleichgültig oder unter brüllendem Gelächter schauen die Urwaldmänner diesem Spiel zu.

Benito hat den Arm um die Taille der hübschen Juanita gelegt, und beide schauen sich an. Für sie ist die Welt in diesem Augenblick winzig klein. Denn sie sind sich selbst Welt und Dasein!

Urubu steht wieder vor mir, setzt eine Flasche auf den besudelten Tisch. Die Gläser füllend, verzieht er sein Raubvogelgesicht zu breiten Falten und lockt: „Echter Black and White, Señores. Sie tun mir doch die Ehre an? Und nachher machen wir wohl ein kleines Spielchen!“

Henderson fährt hoch: „Poker?‟

„Ja!‟, nickt der Wirt und betrachtet dann lauernd den Amerikaner, dem das Kartenfieber mit einmal aus den Augen leuchtet.

„Ich spiele nicht. Karten verstehe ich nicht!‟, rufe ich, und der unbegreifliche Henderson knurrt bitterböse: „Langweiliger Teufel!‟

Der Geier ließ sich nieder, und sein Wink brachte zwei verlegen grinsende Männer an den Tisch. „Ferreira und Angelo! Beide Señores sind auf amerikanischen Schiffen gefahren und spielen sehr gut Poker!‟, erklärt Urubu geschmeidig.

„Allright, setzt euch!“, schmunzelt Henderson, und der eine radebrecht: „Yes, Sir, wir bringen die viel Banana mit Standard Oilship nach Philadelphia. Schöne Land, Amerika, Gottes Land!“

Mir ist die ganze Komödie unsäglich widerlich. Wut flammt in mir auf, schauert durch meine Nerven und kämpft mit der Verwunderung, als der sonst so misstrauische Henderson eine wohlgespickte Brieftasche aus dem wasserdichten Zelluloidbrustbeutel zieht.

„Señores!“, knirsche ich auf einmal, „Señores, wenn falsch gespielt wird, so hol’ euch der Satan!“

Merkwürdig, der Tropenkoller muss mich doch wieder befallen haben? Wie würde mein Mund sonst diese heftigen Worte ausstoßen und mein Körper so willenlos handeln? Ich habe ja plötzlich den Revolver in der Hand, und die Mündung richtet sich direkt auf Urubus Magen!

Jedoch jetzt bin ich kalt wie Eis und warte. Warte wie eine Maschine auf das Wort, das den Druck meines Fingers auslösen wird. Henderson aber nimmt mir ganz langsam die Waffe fort, steckt sie zurück in die Halfter.

Urubu, dessen Gesicht schmutzig grau wurde, presst ein „Was ist das?“ hervor. Die Männer springen auf, sind sichtbar in zwei Parteien geschieden. Der eine Haufen glotzt feindselig herüber; braune Finger ruhen auf Messergriffen, und ein Karabinerschloss knackt.

Die anderen schauen beinah freundlich drein, schieben sich langsam zwischen uns, und ein vierschrötiger Mann sagt bedächtig: „Bueno, bueno! Es musste so kommen. Wir alle wissen lange, dass Urubu ein Gauner ist, und dieser junge Gringo hier hat’s ihm trefflich gegeben. Trefflich! Die Heiligen sind Zeugen!“ Vereinzeltes Gelächter, dann wieder drohende Stille.

D

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