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Sammelband Mark Tolins – Held des Weltraums, 6 SF-Romane, September 2018

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Inhaltsverzeichnis

  • Sammelband Mark Tolins – Held des Weltraums, 6 SF-Romane, September 2018
  • Raumschiff im Strahlensturm
  • Copyright
  • Die Hauptpersonen des Romans:
  • Verschwundene Raumstationen
  • Die schrägen Hühner
  • New York unter Wasser
  • Die verschobenen Kraftlinien
  • Die unbekannte Macht
  • Löcher im Bild
  • Der geschminkte Gärtner
  • Jagd auf Unbekannt
  • Feind im Objektiv
  • Attacke im Raum
  • Männer im Käfig
  • Kampf im Raumschiff
  • Palaver um einen Planeten
  • Die Sonne greift ein
  • Tod an der Haut
  • Das dicke Ende
  • Das letzte Wagnis
  • In der Gluthölle des Transpluto
  • Copyright
  • Das Eierteig-Männchen
  • Mann ohne Skalp
  • Der Tote ohne Denkkapsel
  • Ein Bettlaken zu viel
  • Ein zertrümmertes Raumschiff
  • Sturz aus dem Himmel
  • Der unbekannte Pilot
  • Die lautlose Stimme
  • Der Überfall
  • In der Unterwelt
  • Der Weise im Keller
  • Geschäfte mit Diamanten
  • Gelähmt und gefangen
  • Die Ungewaschenen
  • Feuer unter den Füßen
  • Die Katze war aus dem Sack
  • Vulkan auf den Hacken
  • Das letzte Geschoss!
  • Aufzeichnung vom Prokyon
  • Copyright
  • Ein Toter im Raum
  • Ruf aus dem Jenseits
  • Bin ich meines Bruders Hüter?
  • Ein Bart zu wenig
  • Auf der Spur?
  • Vom kleinen Hund
  • Kann das wahr sein?
  • Nur über meine Leiche!
  • Ein gefährlicher Konflikt
  • Geld in jeder Menge
  • Pistolen oder Harfen?
  • Nächtlicher Kampf
  • Der bucklige Raum
  • Die Hinrichtung
  • Zu spät, Biggy!
  • Die Polizei fasst zu
  • Der verschwundene Tote
  • Hexenkessel Titan
  • Copyright
  • Unter dem Saturn
  • Tod aus dem Nichts
  • Sirenen vom Titan
  • Mord!
  • Der Quacksalber
  • Der heimliche König
  • Zurück von den Toten
  • Knockout
  • Dem Wahnsinn entgegen
  • Wiedersehen mit Carole
  • Verbotene Landung
  • Kampf in der Nacht
  • Ein Schrei des Entsetzens
  • Carole kämpft
  • Tödliche Feindschaft
  • Wahnsinn am Drücker
  • Mark Tolins greift ein
  • Alarm!
  • Die Sühne
  • Die Roboter von Nova Atlantis
  • Copyright
  • Die Hauptpersonen des Romans:
  • Ein Toter ohne Blut
  • Gottheit in Blue Jeans
  • Juwelen für fünf Millionen Dollar
  • Der ideale Sekretär
  • Ein Schrei in der Nacht
  • Die Zauberlehrlinge
  • Eine weltbewegende Konferenz
  • Der verbotene Weg
  • Der Menschenjäger
  • Die Auferstehung der Roboter
  • Im fremden Raumschiff
  • Gefangen und gefesselt
  • Aus dem Regen in die Traufe
  • Zum Tode verurteilt
  • Revolution der Roboter
  • Roboterintrigen
  • Copyright
  • Die Hauptpersonen des Romans:
  • Prolog
  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
  • 6
  • 7
  • 8
  • 9
  • 10
  • 11
  • 12
  • 13
  • 14
  • 15
  • 16
  • 17
  • 18
  • 19
  • 20
  • 21
  • 22
  • 23
  • 24

Raumschiff im Strahlensturm

Mark Tolins - Held des Weltraums

von Freder van Holk


Der Umfang dieses Buchs entspricht 124 Taschenbuchseiten.


Der Weg der Menschheit zu den Sternen ist das Thema dieser klassischen Science Fiction Serie. Es geht um die Abwehr von Außerirdischen, die Geheimnisse des Kosmos und um den Platz der Menschheit im Universum. Mark Tolins und seine Mitstreiter kämpfen um die Zukunft der Erde...


Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author

© Cover: Tony Masero, 2018

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de




Die Hauptpersonen des Romans:

Mark Tolins - ein Mann für schwierige Probleme

Biggy - sein treuer Freund und Gefährte

Der Gärtner - woher kommt er?

Kermic - ein Wissenschaftler von einem anderen Stern

General Lionel Stanwyl - ein drahtiger Mann mit Bürstenhaarschnitt



Verschwundene Raumstationen

In der Nacht vom 3. zum 4. August verschwand die russische Raumstation Blaganrov, die auf 1682 Kilometer Höhe stand, als wäre sie nie vorhanden gewesen. Ihre letzte Routinemeldung kam fünfzehn Minuten nach zwei Uhr. Dann riss die Verbindung ab. Die Blaganrov mit ihren 216 Mann Besatzung antwortete nicht mehr. Die Baker-Nunn-Kameras konnten sie so wenig orten wie die Radargeräte. Über einen Absturz trafen keine Meldungen ein. Trümmer wurden nicht gefunden.

Die zuständigen östlichen Behörden schwankten bis zum Ministerpräsidenten hinauf. Sie schwankten, ob sie das Ereignis als feindlichen Akt, heimtückischen Angriff und Sabotage der kapitalistischen Welt, insbesondere Amerikas und der NATO, auswerten sollten, oder ob es ratsamer sei, ihn als weiteren Fortschritt zu proklamieren. Sie entschieden sich für den Fortschritt. So erfuhr denn die Weltöffentlichkeit, dass die Raumstation Blaganrov in aller Stille eine Raumfahrt zur Venus angetreten hatte, um an der Venus ihren Dienst als Raumstation aufzunehmen und Landung und Start von Raumschiffen zu gewährleisten.

Dieser Fortschritt erschütterte, wie stets, die Menschheit. Die Erschütterung drückte sich in zahlreichen bestellten Glückwunschtelegrammen aus. Die große Volkssternwarte Bochum gewann internationalen Ruhm, denn es gelang ihr, Funksignale und Sprechverkehr der Raumstation aufzufangen - wobei deutlich Frauenstimmen mit herausgehört werden konnten - und den Flug der Blaganrov zur Venus laufend zu verfolgen.

Vier Tage später, in der Nacht vom 7. zum 8. August, erlitt die amerikanische Raumstation Wernher von Braun ein rätselhaftes Schicksal. Ihre letzte Routinemeldung erfolgte pünktlich um ein Uhr amerikanischer Zeit. Drei Minuten später setzte der Sprechfunk mit einem schrillen Hilferuf ein, der nicht den Vorschriften entsprach, was sich jedoch teils mit der Verwirrung des Funkers und teils mit seiner Freundschaft mit dem Funker der Bodenstation entschuldigen ließ. Er lautete:

»SOS - SOS! Station Braun an alle Bodenstationen. Hallo, Steve, hier ist der Teufel los. Wir liegen auf der Schnauze, als hätte es eine Kollision gegeben. Keine Ahnung, was passiert ist, aber die ganze Station schmiert unter zehn Grad ab. Wir stürzen, und ob der Commodore …?«

Das war noch nicht ganz das Ende, aber der Rest blieb unverständlich und konnte auch nicht aus dem mitlaufenden Tonband enträtselt werden. Zwanzig Minuten später nahm Hawaii ein Bruchstück auf, das so klar war, als käme es aus dem Fernschreiber.

»…keine dreihundert Kilometer Höhe mehr, aber nicht mit weiterer Annäherung zu rechnen. Wir schmieren immer noch ab, wahrscheinlich mit Fluchtgeschwindigkeit an der Erde vorbei und noch nicht feststellbar, ob eine Parabel oder eine Hyperbel dabei herauskommt. Die Außenhülle ist durch die Reibungshitze angegriffen, aber …«

Von da an war auch die amerikanische Station Wernher von Braun spurlos verschwunden. Die zuständigen Behörden zweifelten, dass die Öffentlichkeit ihnen ebenfalls einen Flug zur Venus abnehmen würde, entschied sich also für einen technischen Unglücksfall. Das ehrte ihre Wahrheitsliebe, kostete sie jedoch ein Stück Prestige.

Die chinesische und kongolesische Raumstation blieben unangerührt und meldeten keine besonderen Ereignisse. Die europäische Raumstation Europa stürzte am 11. August bei hellem Tage ab und verschwand im Meer. Bevor sich die zuständigen Behörden und Sachverständigen über die Ursache der Katastrophe einigen konnten, geschahen weitere Dinge, die nicht einmal die Spiritisten erwartet hätten.

Oder wer hätte damit gerechnet, dass Hühner schräg laufen würden?



Die schrägen Hühner

Die Sonne schien hell, aber mild wie durch dünnes Seidenpapier hindurch, eine sanfte Scheibe an einem verschleierten, blassblauen Himmel. Ihr Licht lag warm und wohltuend auf Cootshill, einem abgelegenen Dorf in der Nähe der kanadischen Grenze, und auf Bushmills, einem einzelnen Gehöft abseits von Cootshill.

Das Wohngebäude von Bushmills passte nicht an die kanadische Grenze. Es war ein altes, zweistöckiges Haus in reinem Empirestil, streng und trotz Verfallserscheinungen immer noch wundervoll in seinen Proportionen und Einzelheiten. Selbst die steinerne Treppe mit ihren abgelaufenen Stufen, die zur Haustür hinaufführte, enthielt noch eine Portion Schönheit.

Zwei alte, riesige Scheunen ohne stilistische Ansprüche flankierten das Wohnhaus und markierten einen Hof, dessen vierte Seite von einer Mauer mit einer breiten Einfahrtsöffnung begrenzt wurde. Von der Steintreppe des Wohnhauses aus blickte man über eine ehemalige Dunggrube hinweg auf die Einfahrt und darüber hinaus auf einen schnurgeraden Fahrweg, der zwischen alten Pappeln zum Dorfe Cootshill führte.

Um die Dunggrube herum scharrten und gackerten Hühner, nervöse Italiener und phlegmatische Wyandotts. Sie vervollständigten das ländliche Idyll.

Biggy saß auf der dritten Stufe. Er hielt in der linken Hand einen runden Taschenspiegel und in der rechten einen braunen Taschenkamm. Er kämmte sich liebevoll sein Haar und beobachtete die Erfolge im Spiegel. Sein Haar war sehr schwarz und glänzte von einem Schuss Brillantine. Eine korrekter Mittelscheitel teilte es in zwei Hälften, die sich in flachen Wellen an den runden Schädel anklebten. Biggy liebte diese altmodische Haartracht.

Nebenbei gab ihm der Mittelscheitel einen Stich ins Einfältige, der zu seinem runden, rosigen Gesicht passte, und Biggy legte Wert darauf, als harmloser Mitmensch zu gelten. Er besaß einen friedlichen Charakter. Von Problemen und Konflikten hielt er nicht viel. Niemand bedauerte mehr als er, dass es einige Dinge in seinem Dasein gab, die ihn um ein geruhsames Leben betrogen.

Das eine waren seine braunen, sanften Augen, die Augen eines unschuldigen Babys, die aber leider im Gesicht eines Mannes von Mitte Dreißig nicht richtig am Platze waren und andere Leute entweder zum leichtsinnigen Spott oder zu robusten Reaktionen reizten.

Das andere waren einige Muskelpakete an seinem untersetzten, stämmigen Körper, die gelegentlich Bewegung brauchten. Für einen Mann, der schon als Kind in einem Zirkus trainiert wurde, als solle er zu einem Mister Universum gedeihen, war es nicht immer leicht, diese bewegungsfreudigen Muskeln untätig zu halten.

Das dritte Hindernis auf dem Wege zu einem friedlichen Leben hieß Mark Tolins.

Biggy zog die Brauen zusammen und blickte schärfer in den Spiegel hinein. Irgendetwas störte ihn. Nein, es war nicht die Haarspitze, die sich dreist nach oben reckte und sich nicht vorschriftsmäßig anlegen wollte. Er spürte ein Unbehagen, für das er noch keine Ursache fand. Es musste jedoch etwas Körperliches sein, irgendetwas wie Kreislaufstörungen, denn der linke Arm schien plötzlich schwerer zu sein als der rechte, und er hatte den merkwürdigen Eindruck, einseitig zu sitzen.

Im nächsten Augenblick sah er die Hühner.

Sie liefen schräg.

Das erste Huhn, das seine Aufmerksamkeit erregte, stolperte über den Hof, als hätte es ein langes und ein kurzes Bein. Sein Körper besaß eine Schlagseite von ungefähr zehn Grad gegen die Senkrechte. Es behagte ihm nicht. Es ruckte, als wollte es sich aufrichten, während der Kopf unruhig hin und her fuhr, aber es gelang ihm nicht, und gleich darauf schien es sich mit der sonderbaren Lage abgefunden zu haben, wenn es auch noch aufgeregt zeterte.

Das zweite Huhn marschierte in anderer Richtung und hatte den Kopf auffallend tief unten, während die Schwanzfedern nach oben zeigten. Auch hier konnte man auf eine Abweichung von ungefähr zehn Grad schätzen.

Das dritte Huhn zeigte ähnliche Abweichungen in entgegengesetzter Richtung. Es schleifte mit dem Hinterteil, als wolle es ein Ei legen, während sich Hals und Kopf schräg gegen den Himmel reckten.

Die restliche Hühnerschar teilte sich in die Erscheinungen. Eine persönliche Note besaßen sie nicht. Die stolpernden, gackernden Hühner wechselten ständig ihre Haltung. Das gleiche Huhn lief bald schräg, bald nach vorne und bald nach hinten gekippt.

Der Hahn regte sich am meisten auf. Wahrscheinlich hatte er den Hennen erzählt, dass er die Weltordnung erfunden hätte und war nun um sein Ansehen besorgt.

Biggy klappte den Mund zu, der ihm vor Staunen aufgegangen war. Seiner Meinung nach konnte man Hühnern alles zutrauen, aber dieser Spektakel ging ihm dann doch zu weit. Er gehörte nicht in diese ländliche Idylle.

Er wollte sich erheben, als er von einem neuen Phänomen gefesselt wurde. Auf der pappelgesäumten Straße kam ein Radfahrer heran. Gelbes Rad, Mütze und Ledertasche - der Postbote!

Er fuhr auch schräg! Das Rad lag ungefähr mit zehn Grad Schlagseite schräg und der Postbote auch. Es schien beiden nichts auszumachen. Der Postbote strampelte ganz normal und näherte sich auch ganz normal auf einer leidlich geraden Linie zwischen den Pappeln. Er geriet erst in Verwirrung, als er die Einfahrt bereits passiert hatte und um die Dunggrube herumkurven musste. Irgendetwas beutelte ihn hin und her, so dass es ihm schwer fiel, auf dem Rad zu bleiben. Er schaffte es, bis zur Treppe zu kommen, wenn auch in einer Sturzlandung, und dann stand er schräg vor Biggy. als würde er im nächsten Augenblick umkippen, und auf seinem schweißigen, roten Gesicht lag ein Ausdruck, der für ein Irrenhaus gereicht hätte.

»Die Post!«, würgte er mit zitternden Lippen, während er mit seiner Ledertasche zurechtzukommen versuchte. »Nur zwei Reklamesachen, und die sind für den früheren Besitzer, aber …?«

»Stellen Sie sich gerade hin«, befahl Biggy leise, während seine Augen hart wurden.

»Ich kann nicht!«, jammerte der Postbote. »Ich habe es versucht, aber dann falle ich um. Der ganze Boden steht schräg. Da muss irgendetwas gerutscht sein. An einem Berghang muss man eben schräg stehen. Unheimlich, aber es geht. Sogar das Radfahren. Wenn ich bloß wüsste - haben Sie das etwa angestellt?«

»Ich?«

»Na ja, bei Fremden weiß man nie, nicht? Früher gab es das bei uns jedenfalls nicht. Und wenn es so bleibt - haben Sie etwas dagegen, wenn ich mich hinsetze?«

»Von mir aus können Sie sich hinlegen«, erlaubte Biggy mürrisch und stand auf.

Er war auf alles Mögliche gefasst, aber er merkte praktisch gar nichts. Er stellte nur an seiner Umgebung fest, dass er schräg stand. Allenfalls konnte er dazu noch eine ungleichmäßige Belastung seiner Füße bemerken. Sonst war alles normal. Er stand sicher. Er hatte nicht den Eindruck, zu fallen.

Trotzdem war ihm unheimlich zumute. Das lag daran, dass er immerhin wusste, mit etwas Unmöglichem zu tun zu haben.

Er drehte sich im rechten Winkel. Sein Körper kippte nach vorn und stand doch so sicher wie zuvor.

Kehrtwendung! Er kippte nach hinten, ohne zu fallen oder im Gleichgewichtsgefühl irritiert zu werden.

Wieder Kehrtwendung. Kippung nach vorn.

Es war grauenhaft. Biggy wusste nicht genau, was Furcht ist, aber jetzt überkam ihn doch eine sonderbare Regung, die in diese Abteilung hineingehören konnte.

Es kam noch schlimmer. Plötzlich kippte die ganze Umgebung samt Haus und Postbote und Hühner stärker. Er stand jetzt unter ungefähr fünfzehn Grad gegen die Senkrechte. Trotzdem fiel er nicht! Trotzdem und obwohl seine Füße abrutschen wollten, stand er sicher, und nichts hätte ihn gehindert, in dieser abseitigen Lage herumzulaufen.

Die extreme Kippung dauerte nur Sekunden. Biggy wurde von einer unsichtbaren Kraft hochgezogen und fand sich wieder in der ursprünglichen Schräge. Das genügte ihm auch noch.

Der Postbote stierte ihn an. Biggy stierte zurück. Dann zog er mechanisch den Spiegel aus der Hosentasche und überzeugte sich, dass seine Frisur nicht wesentlich gelitten hatte. Das beruhigte ihn.

»Ich werde verrückt!«, murmelte er.

»Ich nicht«, seufzte der Postbote, während er sich den kalten Schweiß von der Stirn wischte. »Wir von der Post können uns das nicht leisten. Die Leute wollen ihre Briefe auf die Minute haben, auch wenn die ganze Welt in den Eimer geht. Haben Sie Telefon?«

Er horchte auf das leise, schnarrende Geräusch, das in der Luft lag. Biggy beeilte sich, an das Gerät in seiner hinteren Hosentasche zu kommen und den Summer abzuschalten. Er hielt nichts davon, die postalische Klatschzentrale von Cootshill mit Sensationen zu versorgen.

»Die Eieruhr!«, lenkte er ab. »Ich habe vor einer Stunde ein paar Eier angesetzt. Jetzt sind sie gar.«

Der Postbote riss die Augen weiter auf.

»Was denn? Sie haben vor einer Stunde …?«

»Was bleibt mir anderes übrig?«, fing Biggy melancholisch ab. »Früh Eier, mittags Eier, abends Eier, und nächstens werden wir um Mitternacht herum noch einmal aufstehen und eine Eiermahlzeit einlegen müssen. Diese Hühner sind bestialische Kreaturen. Sie legen im Jahr mindestens hundertzwanzig Eier. Das gibt bei zehn Hühnern 1200 Junghühner, wenn man die Eier nicht weglässt. Wenn nun im nächsten Jahr jedes Huhn von diesen zwölfhundert wieder hundertzwanzig Küken schafft, dann gibt das schon 144 000 Hühner. Stellen Sie sich das vor. 144 000 Hühner auf diesem Hof! Da können Sie vor Hühnern nicht mehr treten. Und im nächsten Jahr - aber das rechnen Sie sich nur selbst aus. Ihretwegen werde ich nicht zum Genie. Jedenfalls gibt es eben nur ein Mittel gegen diese Hühnerschwemme - Eier essen!«

Der Postbote glotzte ihn an. Es fiel ihm sichtlich schwer, genügend Luft zu finden.

»Aber - aber Sie sind doch erst ein paar Tage hier?«

»Man muss an seine Zukunft denken«, erwiderte Biggy würdig und ging in Schräglage in das Haus hinein.



New York unter Wasser

Howard Glaeser, der jüngste Lokalreporter des New York Herald, fuhr mit der Grünen Welle gemächlich die 36. Straße hinauf, links und rechts neben sich auf Lackfühlung die üblichen Leidensgenossen, die es ebenfalls eilig hatten und ebenfalls die Zeit verbummeln mussten. Während er ein halbes Auge auf den Verkehr hatte, dachte er über die Formulierung des Artikels nach, den er dem Lokalchef auf den Tisch legen wollte. Es musste unbedingt etwas Großartiges werden, das den Lokalchef erschlug oder wenigstens den Verdacht in ihm erweckte, in Howard Glaeser den Star-Reporter der Zukunft vor sich zu haben. Leider war sein Chef ein so mieser Bursche, dass er kein Organ für die Begabungen seiner Mitarbeiter besaß.

Howard Glaeser dachte mit einem Grinsen daran. Er nahm es noch nicht tragisch. Er war noch jung und optimistisch genug, um sicher zu sein, dass sich ihm eines Tages die Welt zu Füßen legen würde. Er war nicht gerade eine männliche Schönheit, sein Haar besaß einen deutlichen Stich ins Rote, und seine zahlreichen Sommersprossen lagen wie eine verrostete Milchstraße auf seinem Gesicht und seiner Nase, aber schließlich waren, andere Leute auch groß und bedeutend geworden, ohne hübsch zu sein.

Er schreckte auf. Zwei Dinge fielen ihm gleichzeitig auf. Erstens zog der Wagen plötzlich zur Seite, als ob er einen Plattfuß hätte. Howard Glaeser musste dem Steuer deutlich Gewalt antun, um in der Linie zu bleiben. Merkwürdigerweise schien es seinen beiden Nachbarn ähnlich zu gehen. Sie saßen plötzlich verkrampft und blickten mit einem Ausdruck zu ihm hin, der zwischen Bestürzung und Verzweiflung lag.

Das zweite war die sonderbare Haltung einiger Passanten jenseits der Bordkante. Sie gingen schräg, als müssten sie sich gegen einen Sturm stemmen, halb nach vorn und halb zur Seite geneigt, obgleich die Luft ruhig war.

Einige schienen nichts dabei zu finden, aber andere blieben stehen, zogen ratlose Gesichter und bewegten sich taumelnd hin und her, als wären sie plötzlich Stehaufmännchen geworden.

Howard Glaser hatte nur wenige Sekunden, um sich zu wundern, dann knallte es schon. Die dreifache Schlange des Gegenverkehrs kam auf seine eigene Kolonne zu, als rutschte sie plötzlich einen Berg herunter. Dutzende von Wagen krachten seitlich gegeneinander und verkeilten sich. Bei der geringen Geschwindigkeit der Grünen Welle ergab das keine ernsthafte Katastrophe, aber Blechschaden für Tausende von Dollars, vom eingedrückten Kotflügel bis zur aufgerissenen Seitenwand. Das Knirschen und Reißen von Blech reichte allerdings auch für stabile Trommelfelle.

Einige Sekunden lang hielt die Straße den Atem an, dann füllte sie sich mit Fluchen, Schreien und verwirrten Zurufen, übergellt von einer einsamen Polizeipfeife.

Howard Glaeser quetschte sich durch den Türspalt. Er hatte es besser als viele andere getroffen, die durch andere Wagen eingeklemmt worden waren und nicht einmal heraus konnten, soweit sie es nicht vorzogen, die Scheiben herunterzudrehen und sich durch die Fenster herauszuwinden. Er schwang sich auf die Motorhaube hinauf und stieg auf das Dach seines Wagens.

Er war Reporter. Er befand sich zufällig im größten Massenzusammenstoß des Jahrhunderts. Ein paar verrückte Einzelheiten waren auch dabei. Das genügte. Er würde dem Lokalchef einen Bericht auf den Tisch knallen, der …

Die Gedanken gingen ihm plötzlich aus. Etwas Ungeheuerliches schlug in ihn hinein.

Die Straße lag schräg!

Es war phantastisch und mit Sicherheit unmöglich, aber er sah ganz deutlich, dass die Straße schräg lag. Die hohen, grauen Miethäuser beiderseits der Straße hatten sich in einem leichten Winkel von ungefähr zehn Grad geneigt, die Straße selbst war entsprechend gekippt, mit ihnen die zusammengeschobenen Wagen, mit ihnen die Menschen, die verwirrt zwischen ihnen herumquirlten.

Während er sich ächzen hörte, als säße ihm ein fremdes Männchen in der Kehle, schlug der zweite Blitz ein.

Er selbst stand schräg!

Nein, es waren nicht die Häuser und die Straße und die Wagen, sondern er selbst stand schräg auf dem Dach seines Wagens in einer Stellung, aus der er unbedingt fallen musste. Er fiel aber nicht. Er spürte nicht einmal eine Unsicherheit oder eine Gleichgewichtsstörung. Er stand ganz fest, ganz sicher.

Eine Winzigkeit später wagte er das freilich auch nicht mehr zu sagen. Als er seine Stellung veränderte, um sich die Szene ringsum anzusehen, taumelte die Straße vor seinen Augen auf und nieder, je nach seinen Bewegungen bald vorwärts und bald zurück, bald nach rechts und bald nach links. Es war die reinste Hexenschaukel. Sie ließ ihm jedoch noch Klarheit genug, um zu erfassen, dass nicht seine Umgebung so herumkippte, sondern er selbst.

Howard Glaeser spürte auf einmal so etwas wie einen Schüttelfrost in sich. Was er jetzt erlebte - ganz zufällig - war einmalig, ungeheuerlich, unwirklich, gespenstisch und welterschütternd. Wenn es ihm gelang, das in einem Bericht hinzukriegen, würde der Lokalchef seinen Sessel räumen und ihn, Howard Glaeser, hineindrücken, ohne auch nur ein Wort zu verlieren.

Also Augen auf und jeden Nerv auf Touren!

Er brauchte sich nicht anzustrengen, um Eindrücke zu sammeln. Keine fünfzig Meter vor ihm brannte ein Wagen wie eine Fackel. Menschen schrien. Einige Männer drehten sich wie Regenwürmer aus den benachbarten Wagen heraus. Andere versuchten, die verkeilten Wagen auseinander zuziehen und den eingesperrten Insassen herauszuhelfen. Die Polizeipfeife gellte immer noch. Ein Trupp Männer, Frauen und Kinder rannte in panischer Angst auf dem Bürgersteig entlang, um vom Brand wegzukommen, ein ganzer Klumpen blankes Entsetzen und doch dank der sonderbaren Schräghaltung und der stolpernden Bewegungen eine wilde Groteske. Dann ein Knall. Der brennende Wagen flog in die Luft. Autoteile schwirrten wie Geschosse. Die Straße schrie und stöhnte. Ein anderer Wagen begann zu brennen. Hundert Meter zurück glühte eine neue Fackel auf.

Die Fenster der Häuser wurden aufgerissen. Köpfe schoben sich vorsichtig heraus. Hier und dort drängten sich kleine Trauben von Neugierigen an den Fenstern.

Howard Glaeser schrieb im Geiste. Er ließ sein Notizbuch in der Tasche. Er war schon zufrieden, eine Zigarette aus der Packung herauszubekommen und anzünden zu können.

Aus einem der benachbarten Wagen heraus dudelte ein Autoradio ein Lied von Hawaii und seinen braunen Mädchen, von weißem Strand und ewiger Sehnsucht.

Dann sah er die Flutwelle herankommen.

Er wusste nicht, was es war. Er entdeckte weit vorn in der Straßenschlucht eine glasige, grünliche Wand mit weißen Rissen, die zunächst durchsichtig zu sein schien, und sich in die Straße hineindrückte. Sie kam für seine Sinne langsam heran, aber etwas später war er nicht mehr sicher, ob sie nicht schnell hereinbrach und nur seine Sinne im Zeitlupentempo reagiert hatten.

Sie war nichts Wirkliches für ihn und ließ sich nicht einordnen. Er sah von seinem erhöhten Standpunkt, wie sie Autos vor sich aufwirbelte, als wäre sie ein stäubender Besen, aber sie ging nicht in ihn hinein. Die Kontakte griffen erst, als er die Wasserwand plötzlich mit rasender Geschwindigkeit und mindestens zehn Meter hoch auf sich zukommen sah und auf ihrer weiß geäderten Kimme ein kleines Motorboot entdeckte, das wie spielerisch hin und her schaukelte.

Viel mehr als drei Sekunden blieben ihm nicht, aber in diesen drei Sekunden hatte er eine Vision, die ihn wenigstens begreifen ließ, was geschah. Und damit war er besser dran als Millionen anderer New Yorker, die von der Katastrophe erfasst wurden, ohne auch nur das Geringste zu begreifen.

Howard Glaeser sah das Meer jenseits von Manhattan und Brooklyn, den Ozean, der mit Buchten und Häfen bis in die Stadt hineingriff, unendliche Mengen Wasser vor den steinernen Klippen, auf denen New York stand. Wasser war beweglich - beweglicher noch als Menschen. Es stand nicht starr und fest verankert wie diese Häuser rechts und links. Es passte sich willig an. Was auch immer vorlag - wenn er, Howard Glaeser, so schräg in der Welt stand, dann würde auch das Wasser geneigt sein, sich so schräg einzustellen. Und wenn das geschah, dann lag jetzt der Meeresspiegel dort draußen, die

Oberfläche des Atlantik, etwa zehn Grad gegen die gewohnte Horizontale! Er sah es. Er sah den Ozean wie auf einer Karte. Irgendwo würden die Wassermassen wohl in die Tiefe sinken, aber irgendwo mussten sie sich gleichzeitig heben, wenn sieh der Meeresspiegel wie ein richtiger Spiegel um eine unsichtbare Achse drehte. An der Bewegung würde nichts Vollkommenes sein, und vielleicht machte sie nur einen geringen Bruchteil des rechnerischen Betrags aus, aber schon ein geringer Bruchteil genügte für eine Stadt, die bereits mit den Füßen im Wasser stand. Er sah es. Er sah, wie sich draußen vor der Freiheitsstatue das Wasser hob, Zentimeter erst, dann Meter, wie es sich zur glasigen, grünen Wand aufstaute, wie die Wasserwand gegen die Stadt anstürmte, Boote und Schiffe verschlang und zertrümmerte, die Kais zerriss, Menschen verwirbelte, gegen die Wolkenkratzer anbrandete und in die Straßenschluchten hineinstieß.

Dann war die Wasserwand über Howard Glaeser und hob ihn aus, einer von Hunderten, die wie dunkle Spreu zwischen irgendwelchen zerschmetterten Gegenständen herumwirbelten.

Er war jung, und er konnte schwimmen. Es half ihm nichts. Irgendwann warf es ihn gegen eine Hauswand, irgendwann prallte er mit einem harten Objekt zusammen und fühlte sich gelähmt, irgendwann schluckte er salziges Wasser und irgendwann wollte ihn die Besinnung verlassen.

Nur ein Restchen blieb, ein ganz verrücktes Restchen. Wenn er ertrank, dann würde er niemals dem Lokalchef diese Geschichte auf den Tisch knallen können, und das konnte ihm niemand versagen, das durfte er sich nicht nehmen lassen, das musste er noch erleben.

Vielleicht war es dieses Restchen, das ihn veranlasste, sich an etwas Hartes zu klammern, gegen das er geworfen wurde. Eine Kleinigkeit später öffnete sich ein schmaler Schlitz seines Bewusstseins, und er sah, dass er sich an das Rahmenholz eines Fensters klammerte; dass er auf einer Fensterbrüstung klebte und dass unter ihm ein straßenfüllender Wasserstrom, der ihn aus irgendwelchen Ursachen hochgetragen hatte, zurückfiel und ihn freigab. Und dann spürte er fremde Hände an sich und fiel in einen Raum hinein, dessen Boden mit Wasser bedeckt war.

Als er wieder zu sich kam, sah er dicht vor seinen Augen nasse Holzdielen, die mit einer schmutzigen Schicht bedeckt waren und nach Meer rochen. Rechts und links bemerkte er Hände, deren Fingerspitzen den Boden berührten. Etwas später ging ihm auf, dass es seine eigenen Hände waren. Er hing mit Kopf und Händen nach unten, während sein Körper weiter oben auflag. Irgendetwas arbeitete auf seinen Schultern herum und versuchte, sie kaputt zu machen. Dann gerieten seine Augen an nackte Füße und dazugehörige schlanke Beine, die unmöglich seine eigenen sein konnten, sondern eher nach Frauenbeinen aussahen. Da begriff er ungefähr. Ein weibliches Wesen hatte ihn übers Knie gelegt und machte Wiederbelebungsversuche oder bemühte sich wenigstens, das Wasser aus ihm herauszuquetschen.

Er überzeugte sich vorsichtshalber und griff nach den fremden Beinen. Daraufhin gab es einen Ruck, und er flog auf den Fußboden. Das schockte ihn für kurze Zeit, aber dann gelang es ihm, sich herumzuwälzen, sich hochzustützen und die Augen wieder zu öffnen.

Es lohnte sich. Das Mädchen vor ihm war nass wie eine ersäufte Katze. Das Kleid klebte überall an ihr und ließ keinen Zweifel an ihrer Figur. Das junge Gesicht war bestens abgewaschen, aber sie konnte sich das leisten. Und Ärger stand ihr.

»Typisch Mann!«, fauchte sie auf ihn herunter. »Ich strenge mich an, Sie wieder ins Leben zurückzubringen, und Sie tätscheln an meinen Beinen herum.«

»Tätscheln?«, wehrte er sich benommen. »Ich wollte mich nur vergewissern - Teufel noch mal, eben stand ich noch auf meinem Wagen, und jetzt plötzlich in den Armen einer Frau - bin ich ein Elektronenapparat, dass ich so schnell schalten muss?«

»Nicht in meinen Armen«, berichtigte sie weniger heftig. »Können Sie nicht wenigstens aufstehen?«

»Warum?«

»Warum? Ich will sehen, ob ich allein verrückt bin.«

Er drückte sich mit einer Mühe hoch und registrierte dabei, dass der Raum etwas schräg stand.

»Verrückt ist der richtige Ausdruck«, murmelte er dabei. »Was ist eigentlich los?«

»Gott sei Dank!«, atmete sie seufzend auf. »Sie sind auch schräg.«

»Ob das einen Dank wert ist, fragt sich noch«, murrte er und blickte an sich herunter. Er gab es schnell wieder auf, denn mit dem, was ihm von seiner Kleidung geblieben war, hätte er leicht auf einen Lumpenball gehen können. »Was ist los?«

»Ich weiß es nicht«, sagte sie kleinlaut und mit einer Verzweiflung an der Stimme, die kurz vor dem Durchbruch sein konnte. »Unten auf der Straße war etwas los, aber bevor ich mich darum kümmern konnte, zersprangen plötzlich die Scheiben und ich saß mitten im Wasser. Ich kam mir wie ein Fisch im Aquarium vor und hatte zu tun, um Luft zu bekommen. Dann wollte es mich hinausziehen, aber da hingen Sie am Fensterkreuz und ich konnte mich dagegenstemmen, und dann fiel das Wasser und ich konnte Sie hereinziehen. Und - und vor der Tür liegen ein paar Tote - Hausbewohner, die hochgeschwemmt wurden. Und - und draußen ist Venedig.«

Ihre Lippen zitterten. Sie strengte sich an, um nicht zusammenzubrechen, aber sie konnte es kaum allein schaffen. Kunststück! Er hatte Mühe, seine eigenen Lippen ruhig zu halten.

»Wenn Sie heulen, haue ich Ihnen eine runter«, versprach er grob. »Sehen Sie lieber zu, dass Sie etwas Trockenes auf den Leib bekommen. In dem Zustand empfängt man keine Männerbesuche.«

Sie starrte ihn an, wurde rund und sauber rot - und das in New York! - und zischte mit Inbrunst:

»Sie Ekel!«

Er grinste mühselig und stolperte an das Fenster heran. Dort verging ihm selbst der letzte Schatten eines Grinsens. Zwei Meter unter ihm schoss ein reißender, quirlender Strom vorbei, der durch die jenseitige Häuserfront begrenzt wurde. Hoch war die Front nicht mehr. Sie mussten sich im zweiten oder dritten Stock befinden. Im Mindestfalle stand dieser Teil von New York fünf bis zehn Meter unter Wasser.

Der Lokalchef mit seinem Schreibtisch auch.

Das Mädchen trat neben ihn und berührte seine Hand. Ihre Stimme kam flach und kleinlaut.

»Was bedeutet das?«

»Vielleicht eine Springflut?«

»Eine Springflut? Halten Sie mich für dumm?«

Er drehte sich zu ihr um. Ihre Augen waren hellbraun und jetzt übernatürlich groß. Nein, dumm sah sie nicht aus.

»Nein, keine Springflut«, antwortete er schwerfällig. »Es ist etwas, worauf wir nicht geeicht sind. Vielleicht finden wir es noch heraus - wenn wir es überleben. Und das wird nicht leicht sein.«

»Ich dachte es mir«, sagte sie leise, ohne die Augen abzuwenden.

»Wir wollen es versuchen. Und vielleicht wäre es gut, wenn wir es zusammen versuchen würden.«

»Ja«, nickte sie.

Es erleichterte ihn. Er war plötzlich sicher, dass sie es schaffen würden, aus der Katastrophe herauszukommen. Tausende von New Yorkern würden an diesem Tag gestorben sein, aber sie würden leben.

Howard Glaeser wusste zu diesem Zeitpunkt nicht, dass an diesem Tag fünfzehntausend Menschen in New York gestorben waren und dass weitere zwanzigtausend noch sterben mussten. Er erfuhr es erst viel später, als es ihm gelungen war, sich aus dem Chaos herauszukämpfen. Und es wäre ihm kaum gelungen, wenn ihn nicht die Verantwortung für das fremde Mädchen gezwungen hätte, mehr aus sich herauszuholen, als er in sich vermutet hatte.



Die verschobenen Kraftlinien

Mark Tolins stand auf dem Küchentisch.

Es war eine altmodische, große Küche mit einem mächtigen Eisenherd, der in das alte Haus hineinpasste. Sie erinnerte an die Zeiten, in der die Hausfrauen vorzugsweise damit beschäftigt waren, ihre Familie auf angenehme Weise zu füttern. Jetzt stand sie sauber und unberührt wie ein Museumsstück, denn inzwischen war an die Stelle der Küche die Kochnische mit Tauchsieder, Elektroplatte und Infragrill getreten, und die Kochkünste zahlloser Hausfrauen beschränkten sich darauf, sich einen Tisch in einem Speiserestaurant zu sichern.

Mark Tolins ließ Erbsen herunterfallen.

Er war über hundertachtzig groß, schlank und sehnig, mit breiten Schultern und schmalen Hüften, ein Mann von dreißig Jahren, der sich sportlich in Form befand. Es war ihm leicht anzusehen, denn er trug im Augenblick nur Shorts und ein offenes Hemd. Er gehörte zu den seltenen Männern, bei dessen Anblick einem unversehens einfiel, dass der Mann eigentlich das beste Stück der Schöpfung war.

Sein braunes, verwettertes Gesicht war nicht hübsch, aber männlich und energisch mit einem guten Stich ins Verwegene und Abenteuerliche. Es wirkte beherrscht und verschlossen, ließ aber trotzdem ein frohes Lachen zu. In seinen hellen, grauen Augen lag die kühle Gelassenheit eines furchtlosen Mannes, der den Tod schon oft genug gesehen hat. Unter dem Grau lag ein dünner Hauch von Blau, der wie ein Schimmer von Eis hervortreten konnte.

Er stand schräg auf dem Küchentisch, und die trockenen Erbsen fielen schräg zum Boden, schlugen kaum hörbar auf und rollten weg.

Biggy beobachtete eine Weile von der Küchentür aus, bevor er begriffen hatte und es angemessen fand, sich zu räuspern.

»Ein neue Methode, Mark? Es wird nur etwas schwierig sein, auf diese Weise zu Erbsensuppe zu kommen. Oder soll es Erbsenbrei werden? Das wäre vielleicht eher zu erreichen.«

Mark Tolins bedachte ihn mit einem flüchtigen Blick.

»Schade, Biggy. Ich dachte, das wäre haarsträubend genug, um dich zu irritieren, aber ich sehe, dass ich mich geirrt habe. Oder ist dir überhaupt nichts aufgefallen?«

»Doch, Mark«, antwortete Biggy mit einem Seufzer. »Ich habe heute das erste weiße Haar entdeckt. Es ist grauenhaft, wenn man alt wird.«

»Ja, ich hörte schon davon. Die geistigen Fähigkeiten lassen nach. Das muss vor allem den Leuten, die nie so etwas besessen haben, außerordentlich schmeicheln.«

»Wem sagst du das, Mark?«, lächelte Biggy mild. »Es gibt nicht viele Leute, die ihrem Kopf so viel Aufmerksamkeit widmen wie ich.«

»Wenigstens nicht außerhalb der Friseursalons«, erwiderte Tolins trocken und sprang vom Tisch herunter. Er ging mit schnellen Schritten auf Biggy zu und fixierte ihn. »Nun, Biggy?«

Biggy überzeugte sich mit einem gewohnheitsmäßigen Griff, dass sein Mittelscheitel noch nicht gelitten hatte.

»Ich sage nichts von diesen Dingen zwischen Himmel und Erde, Mark. Ich sage nur, dass die Hühner schräg herumlaufen. Und der Postbote ist mit Schlagseite angeradelt gekommen. Soweit es mich selbst betrifft, werde ich mir ein Korsett zulegen. Selbst die besten inneren Organe halten diese Herumtorkelei nicht aus. Aber wenn du meinst, dass das Herumwerfen mit Erbsen etwas nützt …?«

Er schluckte, als Mark Tolins die Brauen zusammenzog, um dann hastig und beschwörend zu ergänzen:

»Ein Schlafmittel, Mark. Schlafmittel sind immer gut, wenn man Ungelegenheiten vermeiden will. Du glaubst nicht, was der Menschheit alles erspart geblieben wäre, wenn gewisse Leute ihre Epoche Verschlafen hätten. Wir sind erst einige Tage hier, und du hattest mir fest versprochen, aus Rücksicht auf meine angegriffenen Nerven längere Zeit zwischen den Hühnern und …«

»Das ist eine teuflische Sache, Biggy«, unterbrach Mark Tolins nachdenklich und wandte sich ab. »Wenn das eine allgemeine Erscheinung ist, von der die ganze Erde betroffen wird …?«

»Eine lokale Eigentümlichkeit, Mark«, redete Biggy gut zu. »Ich habe mit dem Postboten gesprochen. Er meint, das käme hier öfters einmal vor, und es hätte nichts zu bedeuten. Kein Grund zur Aufregung. Soll ich die Erbsen wieder einsammeln oder willst du, dass sie am Boden zertreten werden?«

»Gravitationsschwankungen«, überlegte Mark Tolins halblaut. »Sie sind aber unmöglich.«

»Genau das meinte ich«, nickte Biggy. »Eine alkoholische Erscheinung. Ich erinnere mich, dass ich einmal betrunken war und dass sich bei dieser Gelegenheit die Straße vor mir hob und senkte und bald nach der einen und bald nach der anderen Seite schwankte.«

Tolins lächelte flüchtig, ohne den nachdenklichen Ausdruck aus seinem Gesicht zu verlieren.

»Dann solltest du die Hühner nicht mit Whisky tränken, Biggy. Und die Erbsen haben bestimmt nicht in Alkohol gelegen. Nein, das sind schon objektive Gravitationsschwankungen. Ich frage mich nur, wie sie möglich sind.«

Biggy griff schleunigst nach der Türkante, weil er den Eindruck hatte, zu fallen. Gleich darauf bemerkte er, dass die Küche wieder normal vor seinen Augen stand. Mark Tolins ebenfalls.

»Schon vorbei, Mark«, stellte er überflüssigerweise fest.

Mark Tolins drehte sich wieder zu ihm um.

»Und was denkst du dir dabei, Biggy?«

»Nichts!«, sagte Biggy stur. »Ich denke mir überhaupt nichts mehr. Ich habe einmal in meinem Leben daneben gedacht, als ich mich von dir als Universalgehilfe engagieren ließ und mir dabei ein geruhsames Dasein mit deinen Zigarren versprach. Das hat mir genügt. Von mir aus kann mich diese Gravitation auf den Kopf stellen, ohne dass ich ein Wort darüber verliere. Wieso schwankt diese Gravitation eigentlich?«

»Das möchte ich auch gern wissen.«

»Als gebildeter Mensch hat man seine Verpflichtungen«, erinnerte Biggy vorwurfsvoll. »Wenn du es schon nicht weißt, solltest du wenigstens so tun. Ich persönlich bin für Blähungen.«

»Blähungen?«

»Erdblähungen. Ich würde mich nicht wundern, wenn sich die Erde irgendwo ausgebeult hat. Vielleicht ist aber auch nur der Mittelpunkt verrutscht? Ich erinnere mich, in der Schule gelernt zu haben, dass die Dinge nach unten fallen, weil sie von diesem Mittelpunkt angezogen werden.«

»Von der Erdmasse«, berichtigte Tolins sachlich. »Es ist nur eine Vereinfachung, wenn man die Wirkung auf den Erdmittelpunkt konzentriert denkt. Die physikalische Wirkung liegt bei der Masse. Jedes Masseteilchen zieht ein anderes mit einer bestimmten Kraft an, und da die Erdmasse allen anderen Massen an ihrer Oberfläche riesig überlegen ist, wird alles zur Erde herangezogen. Und weil die Erde eine Kugel ist, zielt die Fallrichtung auf den Mittelpunkt.«

»Also Blähungen«, wiederholte Biggy befriedigt. »Die Erde ist keine Kugel mehr. Habe ich gleich gesagt. Der Instinkt des kleinen Mannes, mein Lieber.«

»Stinkt!«, sagte Mark Tolins trocken. »Wir stehen schon wieder normal. Man kann der Erde eine ganze Menge zutrauen, aber nicht, dass sie für eine halbe Stunde zur Pflaume wird und dann wieder zur vorschriftsmäßigen Kugel.«

»Ganz meine Meinung«, behauptete Biggy unerschüttert. »Es kann nur an der Masse liegen. Ich habe da neulich ein Buch gelesen, das ›Aufstand der Massen‹ hieß. In unseren …«

»Das betrifft etwas anderes.«

»Interessant, Mark, aber in unseren revolutionären Zeiten muss man damit rechnen, dass auch die Erdmassen in Aufruhr geraten. Vielleicht haben sie sich organisiert und sind entschlossen, aus ihrer Anziehung mehr herauszuholen als bisher? Wenn ich bedenke, an wie viel Stellen der Erde von Freiheit, Selbstbestimmung und anderen demokratischen Rechten unaufhörlich gesprochen wird, wundert es mich nicht, wenn selbst diese Masseteilchen …«

»Das reicht, Biggy«, fing Tolins amüsiert ab. »Wenn du so weitermachst, werde ich dich eines Tages doch noch zwischen die Knie nehmen und deinen Kopf rasieren müssen. Eine physikalische Veränderung in den Masseteilchen scheidet schon deshalb aus, weil es dort insofern nichts gibt, was sich verändern könnte. Nicht einmal unserer gesamten Kernphysik ist es gelungen, in den Masseteilchen eine Anziehung zu entdecken - oder irgendetwas, das eine Anziehung hervorrufen könnte.«

»Hä?«, staunte Biggy.

»Eben.«

»Aber …?«

»Schon gut, Biggy. Denke lieber nicht erst darüber nach. Mit deinen Blähungen ist uns jedenfalls nicht geholfen. Wir werden uns an die Kraftlinien halten müssen.«

»Kraftlinien sind immer gut«, seufzte Biggy vorsichtig. Er kannte Mark Tolins und wusste ziemlich genau, dass hinter dieser breiten, ausdrucksvollen Stirn die Gedanken jagten und nach einer Erklärung suchten. In diesen sonderbaren Veränderungen der letzten halben Stunde drohte eine Gefahr, und Mark Tolins war nicht der Mann, der einer Gefahr den Rücken zeigte.

»Die Kraftlinien«, wiederholte Mark Tolins wie im Selbstgespräch. »Es gibt in den Atomen nichts, was anziehen könnte. Es gibt auch zwischen der Erdmasse und einem fallenden Stein keine nachweisbare physikalische Beziehung. Aber man kann sich wenigstens Kraftlinien vorstellen, mit denen die Richtung vorgeschrieben wird. Sie zeigen alle zum Erdmittelpunkt, stehen also lotrecht auf der Erde. Ein Igel mit Stacheln, die nach allen Seiten gleichmäßig gesträubt sind. Wir stehen senkrecht auf den Füßen, wie es die Kraftlinien verlangen, und jeder Stein fällt wie die Kraftlinie. Wir wissen eigentlich nicht, was physikalisch vorliegt, aber wenn es möglich sein sollte, diese Kraftlinien zu verändern, ihnen eine andere Richtung zu geben …?«

Er ließ den Gedanken stumm weiterlaufen und schloss erst nach einer Pause ab:

»Das könnte es sein, Biggy. Die Erdmasse bleibt unverändert, aber die Kraftlinien werden in eine andere Richtung gezwungen. Das würde unsere Beobachtungen erklären.«

»Interessant, Mark«, stimmte Biggy zu. »Wir werden sicher darüber noch in den Zeitungen lesen.«

Tolins lächelte schwach.

»Keine frohen Hoffnungen, Biggy. Wir werden uns nicht mit den Zeitungen begnügen. Ich weiß noch nicht, ob wir es mit einem lokalen Ereignis zu tun haben oder ob es die ganze Erde betrifft, aber wir müssen ihm nachgehen. Es bedeutet Gefahr. Ich möchte wissen, wer diese Kraftlinien verändern kann, wenn wir einmal bei dieser Vorstellung bleiben wollen.«

»Hm?«

Mehr brachte Biggy im Moment nicht heraus. Er entdeckte in den hellgrauen Augen einen gewissen blauen Schimmer, der ihm eine Menge besagte. Es war wieder einmal Zeit, die Hosen fester zu binden.

»Genau das«, sagte Mark Tolins, als könnte er Gedanken lesen. »Es spricht nämlich wenig dafür, dass ein irdischer Wissenschaftler die Mittel gefunden hat, um auf diese Weise zu experimentieren. Und das bedeutet, dass vielleicht Unbekannte aus dem Raum dabei sind, die Erde durcheinander zu bringen. Und dann könnte es hart auf hart gehen.«

»Ich kündige«, seufzte Biggy. »Ich habe mir ernstlich vorgenommen, meinen Enkelkindern Märchen zu erzählen. Wie soll ich aber zu Enkelkindern kommen, wenn du mich dauernd in Lebensgefahr bringst?«

»Ein ernstes Problem«, stimmte Mark Tolins zu. »Noch ernster ist freilich die Frage, ob deine Enkelkinder nicht mit einem anderen Großvater glücklicher wären.«

Biggy öffnete den Mund und klappte ihn wieder zu.

»Ein gemeiner Trick, Mark«, sagte er nach einer Pause verwirrt. »Du bringst mich um meinen Seelenfrieden.«

Gleich darauf blinzelte er, und dann ging er hinaus.



Die unbekannte Macht

Die rätselhafte Katastrophe traf fast den ganzen nordamerikanischen Kontinent zwischen Mexiko und Alaska, beschränkte sich jedoch auch auf ihn. Andere Gebiete der Erde wurden, abgesehen von gewissen Nebenwirkungen, nicht betroffen.

Am schwersten wurden die Städte und Ortschaften an der amerikanischen Ostküste heimgesucht. Soweit sie sich in Küstennähe befanden, gerieten sie, wie New York, unter riesige Flutwellen, die sich unversehens aus dem Meer herausbäumten, und als mächtige Wasserwände in das Land einfielen, alles zerschmetternd und alles unter sich begrabend, bis ihnen das aufsteigende Festland eine neue Küstenlinie zog. Von hier aus ebbte die Flut schon eine halbe Stunde später wieder zurück und gab das Land mit seinen überschwemmten Orten frei, aber das Wasser ließ zahlreiche Tote, zertrümmerte Dörfer und Städte, verschlammte Felder und zerstörte Plantagen, zerbrochene Brücken, zerrissene Straßen und vernichtete Leitungen zurück.

An der Westküste ergab sich gleichsam das Gegenbild. Das Meer wich plötzlich von der Küste zurück, als wolle es auslaufen, gab den abfallenden, schlicken Meeresboden frei, so weit das Auge reichte, und setzte innerhalb von Minuten alle Schiffe auf Grund, die sich in Küstennähe befanden. Eine halbe Stunde später wurden sie von dem zurückkehrenden Ozean verschlungen. Die Schiffe, die sich weiter draußen befanden, gerieten in eine turmhohe Welle, der viele von ihnen nicht gewachsen waren. Diese Welle wanderte übrigens über den ganzen Pazifik hinweg, erreichte die Küsten Japans und richtete dort noch erhebliche Verwüstungen an.

Im Innern Amerikas hielt sich die Katastrophe in Grenzen. Hart getroffen wurde der Verkehr in der Luft und auf der Straße. Dabei machte es kaum einen Unterschied, ob am Steuer ein Automat oder ein Mensch saß. Die Verlagerung der Schwerelinien machte sowohl die Automaten wie die Menschen verrückt. Sie reagierten falsch, so dass sich innerhalb von Minuten in den Staaten Tausende von Flugzeugabstürzen und Tausende von Straßenunfällen ereigneten.

Der Rest ließ sich ertragen. Er bestand aus zahllosen Verwirrungen, die teils tragischer und teils heiterer Natur waren. Die Menschen gerieten auf sonderbarste Weise durcheinander, fanden sich aber glücklicherweise schon eine halbe Stunde später wieder zurecht.

Schwierig wurde es, eine Erklärung für die Ereignisse zu finden. Das bedeutete nicht, dass es an Erklärungen fehlte. An diesem Tag gab es über den Gartenzaun hinweg viele Millionen Amerikaner, die mit einiger Sicherheit wussten, was geschehen war. Ihre Deutungen reichten von der verstärkten Sonnenfleckentätigkeit bis zu einer Voranmeldung des Jüngsten Gerichts, von der astrologischen Konstellation bis zur Vergeltung aller Sünden. Originell war kaum etwas an ihnen, denn mit den gleichen Argumenten waren schon die unfreundlichen Sommertage, die Grippe-Epidemie, die Jugendkriminalität, der Konjunkturrückgang und die geringe Haltbarkeit der Glühbirnen erklärt worden.

Die verantwortlichen Stellen mussten es genauer nehmen. Sie fanden denn auch heraus, dass die Ursachen der Katastrophe in einer Richtungsveränderung der Schwerewirkung lagen, also in einer Kippung der Kraftlinien. Damit erreichten sie jedoch auch schon ihre Grenzen. Trotz Heranziehung vieler einschlägiger Sachverständiger gelang es nicht, festzustellen, welche Ursachen für die Veränderung der Kraftlinien vorlagen. Es fehlte zwar nicht an Hypothesen und Theorien, denen ihre Vertreter jeweils die berüchtigte, an Sicherheit grenzende Wahrscheinlichkeit zubilligten, aber sie hoben sich gegeneinander auf, so dass der nüchterne Kopf durch sie nicht klüger wurde. Es erwies sich doch als recht schwierig, mit einem anormalen physikalischen Ereignis fertig zu werden, dessen normalen Ablauf man sich nicht erklären konnte.

Dafür gab es jedoch kaum einen Zweifel, dass es sich nicht um ein zu-fälliges und rein natürliches Ereignis handelte, sondern um ein gelenktes Geschehen. Praktisch waren sich alle einschlägigen Stellen darüber einig, dass die Kippung der Schwerelinien über Amerika von irgendwem bewusst und mit irgendwelchen physikalischen Mitteln hervorgerufen worden war. Offen blieb nur, wer dieser Unbekannte war, in dem man angesichts der Beschränkung der Katastrophe einen Feind Amerikas vermuten musste.

Es lag nahe, an die großen politischen Gegenspieler zu denken, obgleich diese nicht versäumten, ihr Beileid auszudrücken und Hilfe für die Katastrophengebiete anzubieten. Es schien aber doch recht zweifelhaft zu sein, ob diese einen so gewaltigen wissenschaftlichen Vorsprung besaßen, wie er vorausgesetzt werden musste. Er hätte sich schon früher bemerkbar machen müssen. Nicht einmal die Russen oder Chinesen konnten ihre Wissenschaft so dicht abriegeln, um zu verhindern, dass Fortschritte solcher Art ins Gespräch kamen. Die Konsequenz war bestürzend. Wenn die üblichen politischen Gegenspieler ausschieden, dann konnten nur außerirdische Kräfte hinter den Ereignissen stehen, irgendwelche Lebewesen aus dem Raum und von fremden Gestirnen. Das erklärte denn auch mühelos eine wissenschaftliche und technische Überlegenheit, die man den Mitmenschen auf der Erde nicht zutrauen konnte. Es erklärte auch das vorangegangene Verschwinden der Raumstationen und der damit verbundenen weitgehenden Lähmung der Raumfahrt. Unverständlich blieb, warum gerade Amerika betroffen worden war, aber vermutlich handelte es sich um einen reinen Zufall.

Die letzte Vermutung wurde bald erschüttert. Drei Tage später und genau zur gleichen Stunde, wiederholte sich die Katastrophe, wenn auch mit der Abweichung, dass diesmal die Kippung der Kraftlinien mit fünf Grad Neigung gegen die Lotrechte einsetzte, nach zehn Minuten auf 15 Grad überging, anschließend wieder nur 5 Grad betrug und dann nach Ablauf der halben Stunde wieder verschwand.

Auch diesmal wurde allein Nordamerika betroffen.

Und das sah nach wirklicher Feindschaft und einem gezielten Angriff aus.

Die Amerikaner begriffen es trotz aller offiziellen Beschwichtigungsversuche wenigstens ungefähr und gerieten allmählich in Panik. Sie verstanden die Welt nicht mehr. Sie verstanden sie schon lange nicht mehr, wie sich jetzt herausstellte. Sie hatten doch immer so brav Cornflakes und Orangensaft geschluckt, die Sonntagspredigt gehört und sich für wackere Staatsbürger gehalten, aber trotzdem war es ihnen passiert, dass sie unversehens zur mächtigsten Nation der Erde gehörten und die menschliche Kultur zu hüten hatten. Sie liebten ihre Arbeit, ihre Kinder, ihre Autos und ihre Kühlschränke, aber trotzdem hatten es erst die bösen Deutschen, dann die bösen Russen, die bösen Chinesen und sogar die bösen Kongolesen auf sie abgesehen. Immer schien es noch Leute zu geben, die ihnen übel wollten. Sie verstanden das einfach nicht. Es konnte doch nur Gehässigkeit sein, wenn jetzt irgendwelche Leute aus dem Raum versuchten, die Staaten zu vernichten. Dabei wollte doch wirklich kein Amerikaner mehr, als in Frieden zu leben und die Butter auf dem Brot zu haben.

Das Unfassbare verwirrte und beunruhigte.

Insofern wenigstens waren sich die Amerikaner einig: Der Präsident schlief in Washington nicht besser als der namenlose Buchhalter in Middletown.

Wer war dieser außerirdische Feind, der es auf Amerika abgesehen hatte?



Löcher im Bild

General Lionel Stanwyl, ein zierlicher, aber drahtiger Mann mit grauem Bürstenhaar und einem zerknitterten Pergamentgesicht, mit scharfen Augen, straffen Bewegungen und einer Stimme, die an das Kläffen eines Terriers erinnerte, schaltete den Projektor ein und wies auf das weiße Rechteck an der Wand.

»Sehen Sie sich das an.«

Mark Tolins konzentrierte sich auf das Bild, das an der Wand erschien, während der Raum ins Dunkel versank. Es war eine Aufnahme, die von einem Beobachtungssatelliten gemacht und zur Erde gefunkt worden war. Sie zeigte einen Ausschnitt zwischen der Ostküste und den Bahamas mit etwas Küstenlinie, vereinzelten Wolkenfeldern und Meer. Merkwürdig an ihr war ein leerer Fleck in der Mitte des Bildes, gleichsam ein Loch, in dem weder Küste noch Wolken noch Meer zu sehen war, eine blinde Stelle ohne feste Kontur. Man konnte sich dabei denken, was man wollte.

»Gesehen, General.«

Die Vorhänge glitten hoch, das Tageslicht stürzte wieder in den Raum hinein, das Bild verschwand. Übrig blieb die nackte weiße Fläche in einem Raum, der selbst nackt wirkte.

Lionel Stanwyl richtete seine Augen auf seinen Besucher, der so entspannt auf der Kante seines Schreibtisches saß, als wäre er zu Hause. Er bedauerte wieder einmal flüchtig, dass Mark Tolins nicht unter seinem Kommando stand und entsprechend dressiert werden konnte, aber er beließ es bei der flüchtigen Regung. Seine Erfahrungen sprachen dagegen, sich mit diesem Mann anzulegen.

»Wir haben ein halbes Dutzend Aufnahmen von dieser Sorte«, bellte er dünn. »Sie wurden von verschiedenen Kontrollsatelliten geliefert und stammen alle vom ersten Tag. Seitdem nichts mehr. Was meinen Sie dazu?« Mark Tolins zuckte mit den Achseln. »Ich nehme an, dass Sie alle Möglichkeiten geprüft und das Übliche ausgeschieden haben, so dass nur noch der Verdacht auf ein fremdes Raumschiff bleibt.«

»Ein Raumschiff, das sich nicht fotografieren lässt und nur als leerer Fleck erscheint?«

»Wichtigkeit! Wir sind mit unseren Augen und unserem Aufnahmematerial an einen bestimmten und sogar sehr schmalen Bereich des Lichts gebunden. Das braucht nicht immer der Fall zu sein. Sogar unsere Hühner sehen schon kein Blaulicht mehr, während andere Tiere noch sehen, wo unsere Augen versagen. Ich kann mir vorstellen, dass es Lebewesen - auch menschenähnliche Lebewesen - gibt, die für unser sichtbares Licht kein Organ besitzen, aber jenseits von Infrarot oder Ultraviolett vorzüglich sehen. Vielleicht sind auch ihre Objekte, etwa Raumschiffe, aus Stoffen, auf die unser übliches Filmmaterial nicht anspricht und bestenfalls einen blinden Fleck hinterlässt.«

»Schlaukopf!«, nickte der General nicht ohne Wohlwollen. »Das ist genau das, was unsere Experten auch schon gesagt haben. Aber warum sind dann die neueren Aufnahmen einwandfrei?«

»Der Fremdkörper braucht bloß in größere Höhe gegangen zu sein.«

»Schlaukopf!«, kläffte der General noch einmal. »Aber wenn Sie schon alles wissen - warum kommen Sie dann zu mir?«

Mark Tolins drehte den Kopf, wobei das Licht rostige Töne aus seinem dichten, dunkelbraunen Haar herausholte, und sah den puppenhaften Mann hinter dem Schreibtisch an.

»Sie haben mich gebeten, zu Ihnen zu kommen, General.«

»So?«

»Oder nicht?«

»Ich habe es nicht bestritten. Es war meine Pflicht, mich nach Ihnen umzusehen Diese faulen Tage zwischen den Hühnern von Cootshill glaubt Ihnen kein Mensch, und Sie haben schon genug angestellt. Wie leicht konnten Sie auch hinter dieser Sache stecken?«

»General?«

Lionel Stanwyl hob erschreckt beide Hände.

»Schon gut, schon gut, ich habe ja nichts gesagt, aber immerhin sind Sie meines Wissens der einzige Mensch, der über ein privates Raumschiff verfügt und sich unkontrolliert herumtreiben - ich meine, der unkontrolliert in den Raum darf. Ich musste mich vergewissern, dass Sie nicht etwa …«

»Sie haben sich vergewissert?«, unterbrach Mark Tolins kühl.

»Was dachten Sie?«, kläffte Stanwyl, sprang dann aber schleunigst auf und versuchte, seinen Besucher festzuhalten. »Wollen Sie etwa fortlaufen?«

Mark Tolins war schon einige Meter von der Schreibtischkante entfernt, blieb aber stehen und wandte sich wieder um.

»Ich bin nicht Ihr Untergebener, General. Wenn Sie mir etwas zu sagen haben, sagen Sie es ohne Umschweife. Wenn nicht, erfahre ich von anderer Seite, was ich wissen will.«

Die Augen Stanwyls glitzerten.

»Kann ich mir denken«, sagte er boshaft. »Nächstens werde ich meinen Leuten Röcke anziehen und einen Kaffeeklatsch veranstalten. Sie schwatzen alle, als hätten sie Angst, zu wenig zu verraten. Es macht also nichts aus, wenn Sie es von mir hören.«

»Könnte sein«, nickte Mark Tolins belustigt und kehrt zum Schreibtisch zurück. »Also, schießen Sie los. Sie haben Totalsperre verhängt?«

Lionel Stanwyl setzte sich wieder in seinen Sessel und bewies, dass mehr als ein zänkischer Terrier in ihm steckte. Er wurde ruhig und sachlich.

»Totalsperre«, bestätigte er. »Aus zwei Gründen. Erstens wollen wir uns wenigstens noch ein paar Raumschiffe erhalten, nachdem die Mehrzahl spurlos und ohne Abmeldung verloren gegangen ist. Zweitens brauchen wir ein klares Bild. Wir wollen versuchen, festzustellen, was dort oben los ist.«

»Es gibt nicht nur amerikanische Raumschiffe.«

»Wir haben uns mit allen anderen geeinigt. Sie halten das Gebiet frei. Unter uns gesagt - sie sind genauso interessiert wie wir, zu erfahren, was los ist.«

»Die Satelliten?«

»Nur geringe Verluste. Sie kreisen weiter. Wahrscheinlich bedeuten sie wegen ihrer geringen Höhen für den Angreifer nicht viel.«

»Könnte sein. Und wie sieht nun das Bild aus?«

»Genau wie das, was Sie gesehen haben - ein Loch, ein leerer Fleck. Irgendetwas ist da, aber wir können es nicht fassen.«

»Radar?«

»Sie Optimist!«

»Was sagen die Sachverständigen?«

»Genug für ein Dutzend dicke Bücher, aber wie üblich nichts dahinter. Irgendwer oder irgendwas verändert irgendwie die Richtung der Gravitationslinien. Aus! Na meinetwegen. Unser wichtigstes Problem ist ja auch nicht wissenschaftlicher Natur, sondern es scheint mehr politischen Charakter zu haben.«

»Wieso?«

»Warum Amerika? Warum ausgerechnet die Staaten? Warum nicht Russland oder China oder Afrika? Warum hat man es auf uns abgesehen. Zweimal schon, und wer weiß, wie oft sich das noch wiederholt.«

»Das ist kein Problem.«

»Für uns schon«, kläffte ihn der General schärfer als bisher an. »Sie rührt es natürlich nicht sehr, wenn ein paar tausend Amerikaner ums Leben kämpfen, aber uns. Uns wäre sehr viel leichter, wenn es andere treffen würde.«

»Sie sind ein Herzchen!«, sagte Mark Tolins kühl. »Andere wollen auch leben, auch wenn sie Russen oder Chinesen sind.«

»Die allgemeine Menschenliebe hebe ich mir für die Pressekonferenzen auf«, konterte Stanwyl trocken.

»Sie haben mich missverstanden. Ich meinte, dass es auf der Hand liegt, warum unser Gebiet betroffen wird.«

Stanwyl hob die Brauen, so dass die Haut auf seiner Stirn noch mehr zerknitterte.

»Das sagen Sie bitte noch einmal, und möglichst langsam und deutlich. Ich bin nur ein ganz gewöhnlicher Soldat.«

»Seit wann?«

»Lassen Sie Ihre Sticheleien«, verwies Stanwyl mürrisch. »Es gibt auch noch andere Leute, die sich den Kopf zerbrochen haben. Nur Sie wissen natürlich wieder einmal alles.«

»Oh, genau genommen war es mein Freund, der mich darauf aufmerksam machte. Tatsächlich ist es ja bis zu einem gewissen Grade eine Frage der Logik.«

»Hören Sie auf«, murrte Stanwyl. »Ich gebe mich geschlagen. Schießen Sie lieber los.«

Mark Tolins lächelte.

»Wenn Sie so weitermachen, werden Sie noch ein friedlicher Mensch werden, General. Also, lassen Sie uns überlegen. Wir haben es vermutlich mit einem fremden Raumschiff zu tun. Die Leute kommen irgendwoher, doch ist so gut wie sicher, dass sie uns wissenschaftlich und technisch überlegen sind. Sie ändern vorübergehend auf einem bestimmten Gebiet der Erde die Schwerelinien. Warum? Es spricht wenig dafür, dass sie eine besondere Abneigung gegen Amerika haben oder von politischen Gründen getrieben werden, ja, dass sie es überhaupt darauf anlegen, uns Schaden zuzufügen. Viel wahrscheinlicher ist es, dass sie experimentieren. Ihr Ziel ist nicht, Schaden anzurichten, sondern wissenschaftlich zu prüfen, in welchem Ausmaß und mit welchen Mitteln und natürlich nicht zuletzt mit welchen Wirkungen die Kraftlinien der Gravitation beeinflusst werden können.«

»Reine Phantasie!«

»Mag sein, aber sie allein führt weiter.«

»Diese Leute brauchten sich wegen irgendwelcher wissenschaftlicher Experimente nicht zur Erde zu bemühen. Es gibt genug andere Weltenkörper.«

»Es gibt sehr wenig bewohnte Weltenkörper, und sie brauchen einen, der belebt ist, möglichst sogar von Menschen. Ein toter Stern nützt ihnen gar nichts. Wenn sie an ihm die Schwerelinien verändern, können sie nicht viel registrieren. Steine und Felsen reagieren nicht. Insofern sind sie, wissenschaftlich gesehen, glatte Versager. Unsere Freunde aus dem Raum müssen sich schon einen Planeten aussuchen, auf dem sie das Verhalten lebender Geschöpfe studieren können. Deshalb trifft es die Erde.«

»Hm, und warum Amerika?«

»Nun, aus einigen tausend Kilometern Höhe lassen sich irdische Reaktionen nur schwer beurteilen. Will man es einigermaßen genau nehmen, muss man sich schon auf die Erde selbst begeben und sich dort unter das Volk mischen, um …«

Lionel Stanwyl fuhr auf, als hätte ihn einte Stecknadel von unten her getroffen.

»Was? Wollen Sie etwa sagen, dass sich diese Burschen hier bei uns herumtreiben, mitten unter uns?«

Mark Tolins nickte gelassen.

»Selbstverständlich, General, denn sonst ist ihr ganzes Unternehmen sinnlos.«

»Aber - aber warum dann Amerika und nicht China oder …?«

»Die Sprache, General. Auch für uns Erdbewohner ist es sehr schwierig, Chinesisch oder Russisch zu lernen. Die englische Sprache dagegen ist sehr einfach und für einen intelligenten Menschen sehr leicht zu erlernen. Und in der amerikanischen Ausgabe ist alles noch viel einfacher. Wir - hm, machen nicht viel Worte, nicht wahr? Ein paar hundert Worte reichen völlig aus, um sich mit allen Mitmenschen zu verständigen und ein ganzes Leben einschließlich aller Welträtsel auszudrücken. Wenn ich von einem fremden Stern käme und eine solche Aufgabe auf der Erde hätte, würde ich mir auch Amerika als Bodenstelle aussuchen.«

Der General starrte ihn an.

»Sie meinen das im Ernst? Sie meinen, dass diese Kerls in aller Gemütsruhe zwischen uns sitzen und Berichte zu ihrem Raumschiff funken, wahrend bei uns fast die Welt untergeht?«

»Ich vermute es.«

»Das ist doch - das ist doch …!«

Stanwyl sah einige Sekunden lang aus, als wollte es ihn überwältigen. Er fing sich jedoch wieder ab. Die innere Erregung machte jedoch seine Stimme scharf.

»Vielen Dank für den Tipp. Ich werde alles Nötige veranlassen. Wir werden diese Kerle jagen, bis sie wieder verschwinden.«

»Meinen Glückwunsch, General. Es wird sicher ein Kinderspiel sein, überlegene Intelligenzen zu erwischen.«

»Werden Sie bloß nicht ironisch. Haben Sie etwa bessere Vorschläge?«

»Nur einen guten Rat, General. Wenn Sie schon die Geheimdienste alarmieren, dann vergessen Sie die Logik nicht.«

»Wofür halten Sie mich?«, wehrte Stanwyl ohne rechtes Verständnis ab. »Ich bin sogar strategisch geschult. Und was wollen Sie unternehmen?«

»Nichts.«

»Nichts?«, wiederholte Stanwyl argwöhnisch. »Wollen Sie sich etwa drücken? Amerika ist in Gefahr - und vielleicht sogar die ganze Erde. Sie müssen versuchen, an das fremde Raumschiff heranzukommen.«

»Davon haben Sie bisher nichts erwähnt.«

»Habe ich nicht?«, fragte der General gereizt zurück. »Was dachten Sie, wozu ich Sie habe kommen lassen? Für Ihre Raumfahr-Lizenz können Sie ja schließlich auch einmal etwas tun. Oder nicht?«

»Nicht«, erwiderte Mark Tolins kühl. »Sie können jedoch die Bodenstationen darauf hinweisen, dass ich jederzeit Starterlaubnis habe.«

»Der Teufel soll mich holen, wenn ich das tue«, schimpfte Stanwyl.

»Ich werde ihn benachrichtigen«, lächelte Mark Tolins und schloss damit das Gespräch ab.



Der geschminkte Gärtner

Der Mann stand auf einer niedrigen Leiter, die an die Wand gelehnt war, und band einige schwankende Ranken der an der Wand wuchernden Kletterrosen fest. In seinem Gürtel hingen einige Bastfäden, von denen er bedachtsam und behutsam Gebrauch machte. Er war ein großer Mann in einem graugelben Overall, der vom Knöchel bis zum Hals reichte. An seinen Füßen trug er Bastschuhe. Auf seinem Kopf trug er, eine dünne, farbenprächtige Kappe mit einem großen, grünen Schirm. Seine Hände waren durch lederne Handschuhe geschützt.

Biggy fand nichts Besonderes an ihm, während er herumbummelte. Dieser modernste Startplatz der Staaten für Raumschiffe und zugleich der Sitz des Raumkommandos brauchte einige Gärtner. Über Cap Canaveral oder Vandenberg war man längst hinaus. Das hier war eine kleine, ins Grün eingelagerte Stadt mit hübschen Wohnhäuschen, grünen Rasenflächen, Bäumen und Blumenbeeten. Nur wenige Gebäude sahen noch nach Büro oder Kaserne aus. Die Raumfahrer wollten es nett und gemütlich haben, wenn sie nicht gerade unterwegs waren.

Eine Weile später sah Biggy den Gärtner immer noch auf der Leiter. Dabei fiel ihm unversehens die originelle Figur des Mannes auf. Der Schutzanzug verdeckte viel, aber er verbarg nicht, dass der Gärtner ungewöhnlich lange Beine und einen kurzen Rumpf besaß, der sich auch noch deutlich zu einem Spitzbauch auswölbte. Dafür war der Hals wieder verhältnismäßig lang.

Eine putzige Figur, die zum Lachen reizte.

Nun, Menschen gab es in den sonderbarsten Spielarten. Kein Grund, sich aufzuregen.

Biggy ging vorbei. Zwanzig Meter weiter blieb er plötzlich stehen. Wie war das eigentlich?

Er sollte die Augen offen halten, hatte Mark Tolins gesagt. Es ist nahezu unmöglich, eine Nadel in einem Heuhaufen zu finden, hatte er gemeint, aber manchmal wird man von der Nadel gefunden und setzt sich mitten drauf. Das Raumkommando ist praktisch der einzige Platz, der von den Unbekannten überwacht werden müsste, denn dort können sie am besten erfahren, was gegen sie geplant wird.

Schön, schön, er hielt die Augen offen, aber es brauchte nichts zu bedeuten, dass der Gärtner an der Wand der Zentrale herumturnte. Hinter dieser Wand unterhielt sich jetzt General Stanwyl mit Mark Tolins, aber zwischen der Wand und seinem Büro befanden sich noch andere Räume. Selbst mit den besten Abhörvorrichtungen nützte es nichts, dort an der Wand zu kleben.

Nein, das war es nicht, was ihn plötzlich veranlasst hatte, stehen zu bleiben.

Er suchte, ohne sich umzudrehen. Irgendetwas war ihm aufgefallen. Aber was?

Er kam nicht darauf. Er machte kehrt und ging den Weg zurück.

Er wusste es, bevor er wieder an die Leiter herankam. Über den braunen Nacken des Gärtners zog sich ein blasser Streifen, als hätte dort der Kragen seines Schutzanzugs gerieben. Der Kragen besaß sogar eine bräunliche Kante. Eingebranntes Sonnenbraun lässt sich aber von einem reibenden Kragen nicht beeinflussen.

Biggy trat an die Leiter heran und blickte nach oben. Das Gesicht des Gärtners war ungefähr zwei Meter über ihm. Der grüne Schirm der Kappe gab dem braunen Gesicht einen grünlichen Schein. Das passte zu einem Gärtner. Wenn das Gesicht etwas gespenstisch wirkte, so lag das an seinem Schnitt. Es war ein verhältnismäßig schmales, sehr knochiges Gesicht mit vorspringender Nase, das an einen Meisel erinnerte, ein scharfes, wuchtiges und aktives Gesicht, und das passte sehr wenig zu einem Gärtner.

Biggy blickte von unten her interessiert in die großen Nasenlöcher hinein, aber der Gärtner zeigte keine Gegenliebe, sondern konzentrierte sich auf die Ranken und die Bastfäden, so dass Biggy schließlich vorstoßen musste.

»Hübsche Beschäftigung, nicht?«

»Hübsch«, bestätigte der Gärtner undeutlich, ohne auch nur nach unten zu blicken.

»Wie wär's mit einer kleinen Pause? Ich verrenke mir nicht gern den Hals, wenn ich mit jemand spreche.«

»Keine Zeit«, knurrte er von oben herunter.

»Ich schenke Ihnen welche«, bot Biggy freundlich an. »Oder soll ich erst die Leiter umkippen?«

Jetzt schielte der Gärtner nach unten.

»Was wollen Sie von mir?«

Das klang ein bisschen fremdartig, brauchte aber nichts zu bedeuten. In den Staaten traf man selten auf einen Amerikaner, der nicht einen komischen Dialekt sprach.

Erheblich seltener waren jedoch die Gärtner, die sich schminkten. Deshalb ließ Biggy nicht locker.

»Die Schminke«, antwortete er harmlos. »Es hat ja schließlich keinen Zweck, sich gegen die Gleichberechtigung zu stemmen. Wenn sich die Frauen schminken, steht uns das auch zu. Ich will nicht sagen, dass ich es nötig habe, denn ich mit meinem Teint habe schon als Säugling für Kinderpuder Reklame gemacht, aber andererseits weiß man nie, wann man es einmal brauchen kann. Dieses Braun auf Ihrem Gesicht gefällt mir. Eine wunderbare Tönung! Damit könnten Sie im Farbfilm Karriere machen, wenn Sie sich Ihr Gesicht ein bisschen zurechtschneidern lassen. Schade, dass das Zeug nicht haftfest ist. Im Nacken haben Sie schon die größere Hälfte am Kragen, und der blasse Adam guckt heraus.«

Der Gärtner kam herunter, ohne ein weiteres Wort zu verlieren.

Augenbrauen besaß er überhaupt nicht. Seine Augäpfel waren nicht weiß, sondern farblos. Die Iris setzte sich nicht ab. Die Pupillen bildeten grünschwarze Löcher ohne Grund. Er hatte Augen, die wie eine gallertartige Masse mit Pupillenlöchern wirkten und zwischen auffallend fleischigen Lidern lagen, gespenstische und drohende Augen, die zu dem keilförmigen Gesicht passten. Es wurde keinesfalls dadurch harmloser, dass es auf ungreifbare Weise Intelligenz ausdrückte - viel mehr Intelligenz, als sich bei einem Gärtner vermuten ließ.

»Es hat nichts mit Gleichberechtigung zu tun«, sagte er rau, nachdem sie sich eine Weile stumm gemustert hatten. »Ich habe eine Flechte im Gesicht, die nicht gut aussieht. Deshalb habe ich mich lieber eingerieben.«

»Genau das habe ich mir gedacht«, nickte Biggy und stierte leicht angeschlagen auf den Mund des Gärtners. Wenn er richtig gesehen hatte, besaß der Mann überhaupt keine Zähne, dafür aber ein schmales, knöchernes Band, das aus dem Zahnfleisch herauswuchs, als hätte sich der Kieferknochen durchgedrückt. »Und was ist mit Ihren Zähnen? Haben Sie Ihr Gebiss zu Haus gelassen oder haben Sie immer keine Zähne?«

Die farblosen Augen klebten an seinem Gesicht. Biggy wich ihnen nicht aus. Er konnte stur wie ein Holzklotz sein, wenn es Not tat. Dieser Gärtner war ihm nicht geheuer. Für einen Fremden war es sicher nicht leicht, die scharfen Kontrollen an diesem Platz zu umgehen und hier einen Gärtner zu spielen, aber Leute von einem fremden Stern verfügten nicht selten über unbekannte Möglichkeiten.

»Was wollen Sie von mir?«, fragte der Gärtner jetzt noch einmal mit unverkennbarer Abneigung.

»Nichts«, beruhigte Biggy. »Ich möchte Sie nur mit jemand bekannt machen. Kommen Sie mit. Oder passt es Ihnen nicht, mir ein bisschen Gesellschaft zu leisten?«

»Sie haben mir nichts zu befehlen.«

»Befehlen?«, staunte Biggy. »Das ist ein geselliges Beisammensein, weiter nichts. Das müssten Sie eigentlich wissen. Oder sind Sie zufällig nicht von hier?«

»Sie haben es erraten. Zufällig bin ich nicht von hier.«

Biggy bemerkte noch, dass der Gärtner seine rechte Hand bewegte, dann geriet er plötzlich an einen elektrischen Starkstrom oder Ähnliches. Ein Blitz schlug in seinen Körper hinein, verkrampfte jäh seine Muskeln, zog seinen Körper zusammen und warf eine schwarze Decke über sein Bewusstsein.

Er fiel wie ein Klotz in die Blumenrabatten hinein.

Der Gärtner ging mit weit ausgreifenden Schritten davon. Niemand kümmerte sich um ihn. Die Residenz General Stanwyls war keine Gegend, in die man sich ohne Not verlief.

Nur eine Sekretärin, die hinter einem Fenster des gegenüberliegenden Stabsgebäudes ihre Fingernägel pflegte, wunderte sich über den Mann, der in den Blumenrabatten liegen blieb.

Sie wunderte sich, bis auch der letzte Fingernagel frisch lackiert war. Dann erstattete sie Meldung.



Jagd auf Unbekannt

Biggy blinzelte. Er sah über sich ein Stück Himmel und ein Stück Hauswand, einige Militärpolizisten, einen Mann mit einem Stethoskop und Mark Tolins. Die Perspektive war etwas sonderbar. Um ihn herum roch es nach Blumen.

»Was …?«

Er sprang auf, aber sein erster Bindruck bestätigte sich nur. Er stand in einem Blumenbeet, um sich herum Militärpolizisten, ein Arzt, ein paar Neugierige und nicht zuletzt Mark Tolins, der ihn forschend musterte, als wäre er plötzlich zur falschen Banknote geworden.

»Geschlafen!«, sagte der Arzt eben mit Nachdruck. »Sogar geschnarcht. Ganz gesunder, normaler Schlaf. Keine Verletzungen, keine Anzeichen für äußere Einwirkung. Geschlafen!«

»Danke, Doktor«, quittierte Mark Tolins, ohne Biggy aus den Augen zu lassen. »Wahrscheinlich die Hitze. Er schläft für sein Leben gern.«

»Einfach im Rosenbeet?«, wunderte sich der Arzt. »Komischer Einfall! Aber meinetwegen. Mir persönlich macht ein Verrückter mehr oder weniger nichts aus. Habe die Ehre!«

Er ging achselzuckend weg. An seine Stelle schob sich der hünenhafte Sergeant der Militärpolizei. Er wandte sich an Mark Tolins.

»Wir müssen ihn mitnehmen, Sir. Ich denke, die Angelegenheit muss aufgeklärt werden. Niemand legt sich vor lauter Müdigkeit in die Blumenbeete hinein.«

»Was wissen Sie denn?«, murrte Biggy. »Ich sollte eigentlich Gartenzwerg werden, und davon ist eben ein bisschen hängen geblieben. Kümmern Sie sich lieber um die Gärtner, die sich hier herumtreiben. Komischer Gärtner, Sir.«

»Es hat nichts zu bedeuten«, sagte Mark Tolins zu dem Sergeanten hin. »Er hat immer einmal verrückte Einfälle. Ich werde ihn mit hinausnehmen.«

»Tut mir leid«, bedauerte der Sergeant. »Ich muss zunächst …«

Er verzichtete auf den Rest, als er an die Augen Mark Tolins' geriet. Außerdem wusste er ungefähr, wer dieser Mann war und wie er mit General Stanwyl stand. Er legte keinen Wert darauf, sich in die Nesseln zu setzen.

»Wenn Sie die Verantwortung übernehmen, Sir …?«, tastete er nach einer Pause, und als Mark Tolins nickte, salutierte er und zog mit seinen Leuten ab. Die Gruppe der Neugierigen löste sich zögernd auf.

»Ich werde dir eine Rente aussetzen, Biggy«, sagte Mark Tolins grimmig, während er seinen Freund mit den Augen gegen die Wand nagelte. »Du kannst dann nach Herzenslust in Blumenbeeten schlafen und schnarchen. Repräsentativ siehst du aus! Frische Erde und Blütenblätter bis zum Hals hinauf. Mit den Blütenblättern wirst du noch ins Poesiealbum kommen. Ich bin stolz auf dich.«

Biggy zog den Kopf ein.

»Es war der Gärtner, Mark. Er hat mich einfach umgelegt. Er könnte leicht zu den Leuten gehören, die wir suchen. Ich wollte ihn ein bisschen aushorchen, aber…«

»Eben«, fing Tolins ab. »Du bemerktest etwas Verdächtiges, und anstatt mich zu verständigen, schwatztest du solange herum, bis der Mann Verdacht fasste und dich stilllegte, um unbeobachtet verschwinden zu können. Oder nicht?«

»Du merkst aber auch alles«, wunderte sich Biggy bekümmert. »Wer rechnet denn aber auch schon damit, dass er so schnell misstrauisch wird? Ich habe ihn bloß gefragt, warum er sich geschminkt hat und ob sein Gebiss in Reparatur ist. Das war schließlich noch kein Grund zur Aufregung.«

»Versuch es mit den beiden Fragen einmal bei einer Frau«, riet Mark Tolins trocken. »Du wirst dann schon merken, dass sie genügend Grund zur Aufregung sind. Na, komm schon.«

Biggy gehorchte stumm. Er sah ein, dass sich die Umgebung nicht sehr dazu eignete, Geheimnisse auszutauschen.

Das Büro General Stanwyls war auch nicht gerade die Umgebung, die er sich gewünscht hätte, aber Mark Tolins ersparte sie ihm nicht. Er musste berichten, während Mark Tolins ihn beobachtete, als könnte ihm unversehens ein Frosch aus dem Halse hüpfen, und Stanwyl wie ein Terrier dasaß, der es auf seinen Hosenboden abgesehen hatte.

»Zivilisten!«, sagte Stanwyl verächtlich, als Biggy zu Ende gekommen war. »Sie hätten auf den ersten Verdacht hin Meldung machen müssen.«

Biggy schwieg lieber. Mark Tolins sprang für ihn ein.

»Bei diesem Aufwand an Polizei und Geheimdienst konnte er nicht damit rechnen, auf diesen Mann zu stoßen. Es ist immerhin schwer vorstellbar, dass ein geschminkter Gärtner ohne Zähne durch die Kontrollen hindurchkommt.«

»Bei uns muss man mit allem rechnen«, erwiderte Stanwyl mürrisch. »Aber wir werden den Kerl bald haben.«

Er gab Alarm, und Mark Tolins hinderte ihn nicht. Der General hatte seine Vorschriften und musste sich an sie halten. Viel versprach sich Tolins nicht.

Auf dem Gelände lebten und arbeiteten rund zwanzigtausend Menschen in einigen tausend Häusern. Es würde nicht ganz leicht sein, den Gärtner trotz aller auffälligen Merkmale herauszufinden oder in einem Versteck zu entdecken. Das war aber nicht das Problem. Die wichtigere Frage war, ob er sich überhaupt noch in erreichbarer Nähe befand. Wenn es ihm gelungen war, durch sämtliche Sperren und Kontrollen hindurch an das Raumkommando heranzukommen, konnte es ihm auch gelingen, unauffällig wieder zu verschwinden.

Während Stanwyl seine Welt in Bewegung setzte, nahm Biggy Tuchfühlung mit seinem Boss.

»Du hast etwas gegen mich, Mark«, beklagte er sich kleinlaut. »Mir geht es ähnlich. Ich möchte sogar sagen, dass es mir vor mir selber graust. Aber versuche mal, mit einem zerbrochenen Kamm zurechtzukommen!«

»Wir wollen diese Unbekannten nicht unterschätzen, Biggy«, sagte Mark Tolins ruhig. »Sie können mehr als wir.

Dieser Gärtner hat dich vorübergehend lahm gelegt. Er könnte dich ebenso gut hypnotisiert oder sonst irgendwie fixiert oder verändert haben.«

»Ooh?!«

Biggy schwieg betroffen. Mark Tolins konnte seinen Kummer nachfühlen, aber er verzichtete darauf, ihm darüber hinwegzuhelfen. Biggy hatte einen Fehler begangen, der ihm bei seinen Erfahrungen nicht hätte unterlaufen dürfen. Wenn er den sonderbaren Gärtner nicht gewarnt hätte, wäre es vielleicht möglich gewesen, schnell an diese Besucher aus dem Raum heranzukommen. Jetzt war es fraglich, ob jemals ein zweiter Kontakt gelang, und jeder Tag, an dem die Unbekannten ungehindert experimentieren durften, konnte Menschen das Leben kosten. Sie verabschiedeten sich wenig später von Stanwyl. Sie brauchten sich um das, was nun kam, nicht mehr zu kümmern.

Es rollte nach bewährtem Schema ab. Der Alarm im Lager drang trotz aller Geheimhaltung sehr schnell in die Öffentlichkeit. Zeitungen und Funk griffen ihn auf und trugen ihn über die ganze Erde. Damit begann in allen Ländern und auf allen Kontinenten die Suche nach Männern, die der Beschreibung Biggys entsprachen. Die umfassendste Fahndung aller Zeiten setzte ein.

Sie brachte Zehntausende von Falschmeldungen und kein einziges brauchbares Ergebnis. Weder der geschminkte Gärtner noch einer seiner Freunde wurde gefunden.

Aber drei Tage nach der letzten Katastrophe wiederholten sich die Ereignisse, sogar genau zur gleichen Stunde. Im begrenzten Bereich des nordamerikanischen Kontinents veränderten die Kraftlinien der Gravitation abermals ihre Richtung. Sie kippten kurzzeitig sogar bis auf fünfundzwanzig Grad und erzwangen groteske Verhaltungsweisen. Wenn die Schäden wesentlich geringer als bei den vorangegangenen Katastrophen waren, so lag das nur daran, dass es in den am stärksten betroffenen Gebieten nicht mehr viel zu verwüsten gab und nebenbei wohl auch noch daran, dass sich die Menschen mehr oder weniger, auf eine Wiederholung eingerichtet hatten.

Allerdings wurde andererseits diesmal deutlich, dass das Unheil noch ganz andere Formen annehmen konnte, auch dort, wo man bisher noch gut weggekommen war. Vor allem wirkte sich die zeitweise Verlagerung der Kraftlinien verheerend auf alle Bauten aus. Türen und Fenster verklemmten sich gründlich. Schornsteine polterten herunter. Während der kritischen Zeit knirschten und jammerten die Häuser.

Trotzdem war es aufs Ganze gesehen ein leises, unauffälliges Geschehen, das noch keine Toten forderte, aber es lag doch eine unheimliche Drohung darin, dass plötzlich so viele Häuser schief standen, als wollten sie bei der nächsten Beanspruchung einstürzen. Wie nun, wenn sich diese Unbekannten beim nächsten Mal nicht an ihre Zeit hielten, sondern irgendwann in der Nacht operierten? Wie nun, wenn man ahnungslos im Bett lag oder am Fernseher saß, während das Haus plötzlich zusammenbrach und das Dach herunterkam? Zwischen Atlantik und Pazifik gab es Millionen Häuser, die bedroht waren, und in ihnen lebten viele Millionen Menschen, die in Minuten erschlagen werden konnten.

Das war der Alpdruck. Er drang nicht bis in die Zeitungen hinein, aber er staute sich in den Seelen. Die Menschen blieben sich auch in diesem Falle gleich. Eine Überschwemmung in China mit hunderttausend Toten berührte nur wenig, aber eine zusammengebrochene Wand im eigenen Häuschen wurde zum Weltuntergang.

Kein Wunder, dass jeder sein Bestes tat, um den unbekannten Angreifer zu finden. Aber niemand ging ins Netz.



Feind im Objektiv

Das weit aufgerissene Fischmaul der Baker-Nunn-Kamera gähnte gegen den Himmel. Die Automatik der riesigen, über drei Meter hohen Apparatur summte unhörbar. Sie schnappte, wenn sie wieder eine neue Aufnahme herauswarf.

Dr. Kean, Assistent auf Palomar, hing neben dem mitlaufenden Kino-Theodoliten über der Projektorscheibe und studierte die Filme, die von unten her angeleuchtet wurden. Er war ein jüngerer, mittelgroßer Mann mit strähnigem Haar.

Biggy hatte es sich zwischen einem Augetron und einem Reflexionsgoniometer bequem gemacht, seinen Taschen-Spiegel stilgerecht gegen den Reflexionsgoniometer gelehnt und mit einer Tube Wunderpaste für die Haare gegen das Abrutschen gesichert. Er kämmte seine Haare. Damit konnte er sich stundenlang beschäftigen. Die liebevolle Striegelei war ihm immer noch angenehmer als das bloße Herumsitzen.

»Wenn sie wenigstens nicht parfümiert wäre!«, missbilligte Dr. Kean verdrossen. »Den Geruch bekommen wir niemals wieder aus der Kuppel heraus. Und hübscher werden Sie deshalb auch nicht.«

»Man muss sich erhalten, was man hat«, erwiderte Biggy, ohne sich ablenken zu lassen. »Sie müssten sich allerdings trotzdem einmal das Haar schneiden lassen. Immer noch nichts?«

»Nichts«, murrte Dr. Kean und legte das nächste Blatt in den Projektor. »Eine Schnapsidee! Röntgenfilme in eine astronomische Kamera! Kein Wunder, dass nichts dabei herauskommt. Und überhaupt - wir haben uns die Baker-Nunn-Kamera angeschafft, um statistische Feststellungen über die außer-galaktischen Nebel vornehmen zu können, aber nicht, um Nahobjekte aufzunehmen. Freiheit der Forschung! Pah, weil es ein paar Leuten so passt, muss unsereins seine wissenschaftlichen Arbeiten abbrechen und …«

»Schimpfen Sie nicht«, fiel Biggy geruhsam ein. »Diese paar Leute, denen es so passt, sind die gleichen, die diese Baker-Nunn-Kamera gestiftet haben und nebenbei auch noch laufend Ihr Gehalt bezahlen. Und die Röntgenfilme kosten auch nicht Ihr Geld. Stellen Sie sich einmal vor, was dazugehört, in Stunden den größten Teil des in den Staaten verfügbaren Röntgenmaterials zusammenzutrommeln und Ihnen in die Hand zu drücken. So leicht ist das nicht. Aber Sie können sich ja ablösen lassen.«

»Ich bin für die Kamera verantwortlich«, lehnte der Astronom unfreundlich ab. »Und solange Sie hier herumsitzen …«

Er begnügte sich mit der Andeutung. Biggy genügte sie. Er nahm den Spiegel in die Hand, stand auf und spiegelte sich von oben bis unten ab. Er hatte nichts an sich auszusetzen. Der seriöse dunkelgraue Anzug war sein bestes Stück, und der Rest passte dazu. Feiner Mann vom Scheitel bis zur Sohle, und das extra für diesen Assistenten.

Biggy besaß eben einen Zauberspiegel. Für Dr. Kean sah er wie ein Wiener Fiakerkutscher in Zivil aus. Er konnte es noch immer nicht fassen, dass man ihm diesen Mann vor die Nase gesetzt hatte.

Biggy wusste es.

»Machen Sie sich nichts daraus«, beschwichtigte er. »Es gibt immer Leute, die sich einbilden, sie müssten unsereins noch etwas beibringen. Kümmern Sie sich nicht um mich, sondern um die Aufnahmen.«

Dr. Kean zuckte mit den Achseln und befolgte den Ratschlag.

Eine Viertelstunde später stieß er einen Laut der Überraschung aus und holte damit Biggy an die Leuchtscheibe heran.

Sie hatten das unbekannte Raumschiff gefunden!

Die Umrisse und Einzelheit waren auch auf diesem Röntgenfilm blass und verschwommen, aber es kam nicht auf sie an. Dieser fremde, runde Körper - vielleicht eine gedrückte Kugel oder eine Scheibe - musste es sein.

Sie prüften dicht nebeneinander die Aufnahme, ohne ein Wort zu verlieren. Dann setzte sich Dr. Kean in Bewegung. Er kam nicht weiter als einen Schritt, dann hielt ihn Biggy am Arm fest.

»Wohin, Doktor?«

»Telefon!«, bellte der Assistent ihn an. »Ich muss ...«

»Was Sie müssen, werde ich Ihnen jetzt sagen«, fing Biggy ab, während er seine Finger härter um den Arm des Assistenten schloss. »Sie müssen jetzt die Position dieses Flugkörpers bestimmen, und zwar so genau wie möglich. Weiter nichts. Sie werden jetzt nicht telefonieren. Sie werden auch niemand mitteilen, dass wir Erfolg hatten.«

Dr. Kean starrte ihn empört an.

»Das - das ist eine Dreistigkeit! Lassen Sie mich los. Ich muss meinem Vorgesetzten- Meldung machen. Sie haben kein Recht, mich …«

»Recht nicht, aber einen Auftrag«, unterbrach Biggy abermals. »Und mein Auftrag lautet dahingehend, zu verhindern, dass Sie schwatzen. Was dachten Sie, warum ich Ihnen Gesellschaft leisten muss? In aller Freundschaft, Doktor: Wenn Sie versuchen, irgend jemand zu verständigen, werde ich tückisch.«

Der Assistent starrte immer noch in die braunen Porzellanaugen hinein, die eben noch harmlose Kinderaugen gewesen waren und ihn jetzt mit ihrer kalten Drohung lahmten,

»Ich - das verstehe ich nicht«, stotterte er.

»Ich werde es Ihnen erklären«, versprach Biggy, ging zum Telefon und wählte eine Nummer. Als sich der Teilnehmer meldete, sagte er ein einziges Wort und legte dann den Hörer wieder ab. Dr. Kean benutzte die Gelegenheit, um bis zur Tür zu kommen. Als er sie verschlossen fand, kehrte er wieder um.

»Sie haben mich eingeschlossen?«

»Sicher«, bestätigte Biggy kühl. »Für Sie ist das immer noch besser, als wenn ich Sie hätte ins Bein schießen müssen. Hören Sie zu, Mr. Kean. Sie sind zwar Astronom, aber es gibt hier ein paar Dinge, die Sie ebenfalls begreifen können. Dort oben steht ein fremdes Raumschiff, das drauf und dran ist, ganz Amerika zu ruinieren. Diese Leute haben irgendwelche Beobachter hier auf der Erde. Wenn Sie jetzt Lärm schlagen, weiß in ein paar Stunden die ganze Welt, dass wir das Raumschiff gesichtet haben. Die Beobachter erfahren es auch und werden entsprechend warnen.«

»Möglich, aber ich sehe nicht ein …«

»Deshalb rede ich Ihnen ja gut zu. Wir müssen gegen das Raumschiff vorgehen. Im diesem Falle handelt es sich um ein Unternehmen, als wollten sie mit Pfeil und Bogen eine Raketenbatterie erobern. Die einzige dünne Chance ist die Überraschung. Wenn diese Leute aber wissen, dass sie gesichtet und geortet wurden, ist es auch damit vorbei. Und Sie kommen keinesfalls auf eine Ehrentafel, wenn Sie diese winzige Chance vernichten.«

»Sie hätten mir das gleich sagen können«, ärgerte sich der Assistent. »Für wen halten Sie mich? Es war wirklich überflüssig, mir einen Mann vor die Nase zu setzen, der - hm, also, was wollen Sie denn nun eigentlich?«

»Die Position«, antwortete Biggy schlicht. »Und das so schnell wie möglich. Wir bekommen bald Besuch.«

»Wen?«

»Einen Lebensmüden«, seufzte Biggy.



Attacke im Raum

Sie flogen blind.

Sie sahen die Erde, die unter ihnen zurückfiel und in Wolken und Dunst versank. Sie sahen den Horizont ringsum in seinen märchenhaften Farben aufleuchten, den Himmel schwarz und die Sterne zu starren, kalten Augen werden. Sie sahen, die Sonne des Raums, wie sie niemand sehen konnte, der auf der Erde blieb.

Trotzdem flogen sie blind. Sie konnten ihr Ziel nicht sehen. Sie hatten weder eine Baker-Nunn-Kamera noch Röntgenfilme an Bord. Wenn Sie Glück hatten, reichte es allenfalls zu einem blassen Schatten auf dem Schirm. Sie besaßen nur die Positionsangaben, die sie mitgenommen hatten, und diese brauchten durchaus nicht mehr zuzutreffen Und wenn sie ihr Ziel erreicht hatten, hatten sie noch nicht viel erreicht.

Die Automatik arbeitete. Die elektronischen Instrumente zwinkerten beruhigend mit ihren Lichtaugen. Die Emissionen vibrierten kaum spürbar im Rumpf. Die Steuerung hielt ihren vorausberechneten Kurs und zog die Maschine in einer riesigen Spirale um die Erde herum. Der Orter klickte seine Kontrollen.

Sie hatten kaum etwas zu tun. Der Mensch war zum unzulänglichen Bestandteil eines Raumschiffs geworden. Er ließ sich nicht entbehren, aber er wurde von den üblichen Ansprüchen der Fahrt entlastet. Die Automaten hatten sich als zuverlässiger erwiesen.

Der Flugkörper war nicht groß. Im irdischen Flugbereich hatte man allenfalls von einem kleinen Sportflugzeug gesprochen. Er besaß die üblich gewordene Form einer nach oben und unten aufgeblähten Scheibe - eine Form, deren Vorzüge vor allem in ihren Gleitmöglichkeiten lagen und sich deshalb vor allem im Nahverkehr bemerkbar machten, die aber für die große Raumfahrt weniger empfehlenswert war, als man gedacht hatte.

Sie saßen dicht nebeneinander im Zwielicht, das von den Armaturen und von der versunkenen Sonne kam. Sie hatten es in ihren Konturensesseln bequemer als die Piloten eines Flugzeugs. Sie waren nicht einmal angeschnallt. Die Raumkapsel um sie herum bot alles, was man früher unbequemen Druckanzügen, Helmen und belastenden Apparaturen anvertrauen musste. Wenn es Not tat, schnappten die Sicherungen automatisch ein, und wenn die Kapsel ein Loch bekam oder riss, war es ohnehin vorbei.

»Es muss dir völlig klar sein, Biggy«, sagte Mark Tolins ernst. »Wir haben nur diese eine Chance, falls es uns überhaupt gelingt, über das fremde Raumschiff zu kommen. Beobachte den Ionographen. Sobald er zurückschlägt, schaltest du auf die Konterdüsen und lässt die Maschine gleichzeitig fallen. Von diesem Augenblick an kommt es auf das Elektronenlot an. Versuche, möglichst dicht an Null heranzukommen. Wir müssen damit rechnen, dass wir das Raumschiff nicht sehen, sind also auf das Lot angewiesen.«

»Du brauchst das nicht so kindertümlich zu machen, Mark«, murmelte Biggy.

»Ich habe es begriffen. Trotzdem wird es schief gehen. Mir schwant so etwas. Eine Haftladung! Ich bin immer noch dafür, eine Bombe abzuwerfen.«

»Sie wäre schneller als wir und könnte danebengehen. Außerdem ist es fraglich, ob sie genügend Schaden anrichtet. Wir haben es zweifellos mit einem Raumschiff für große Fahrt zu tun, und solche Raumschiffe sind keine empfindlichen Blechkisten.«

»Hm, und wie war's dann, wenn ich in die Schleuse gehen und ihnen das Ding auf den Leib werfen würde? Darauf verstehe ich mich. Ich war schon in meiner Kindheit ein Naturtalent darin, Kaugummi unter die Tischkante zu kleben.«

»Ein großartiges Naturtalent«, anerkannte Mark Tolins.

Biggy gab es auf. Genau genommen machte es ja auch keinen großen Unterschied. Sie hatten eine Chance eins zu tausend, und wenn auch nur das Geringste schief ging, war es für beide vorbei.

Mark Tolins rechnete nur mit einer Chance von eins zu einer Million. Das Unternehmen sah reichlich nach Selbstmord aus. Insgeheim gefiel es ihm so wenig wie Biggy. Es gab aber keine Wahl. Diese Unbekannten waren dabei, Amerika zu vernichten und hatten vielleicht noch weit greifendere Pläne. Es gab zwar eine ganze Anzahl tüchtiger Raumpiloten, aber keinen, der seine Erfahrungen besaß und es wagen konnte, mit einem so kleinen Flugkörper ein Raumschiff anzugreifen.

Der Tod bedeutete nicht viel, wenn man ihn nur bis an die Haut heranließ.

Die farbigen Lichtfunken wurden unruhig. Ein Summton klang auf. Die Sicherungen schwenkten herum und legten Biggy fest. Mark Tolins verließ den Sessel noch rechtzeitig. Seine Hand legte sich fest auf die Schulter seines Begleiters.

»Wir sind bald auf Position. Mach's gut, Biggy.«

Biggy grinste kläglich.

»Du auch, Mark. Ich hoffe, dass sich wenigstens meine Haare mit gepflegter Würde benehmen, wenn es schief geht.«

»Das hoffe ich auch«, erwiderte Mark Tolins, zog die Bodenklappe hoch und stieg in die Vorkammer der Schleuse hinein. Er brauchte noch eine ganze Weile, um sich raumfest zu machen.

Die Minuten vergingen. Für Biggy waren es Ewigkeiten. Er war jetzt allein auf der Welt.

Der Ionograph ruckte zurück. Biggy schaltete auf die Konterdüsen und gab gleich darauf dem Lot zu tun. Die Automaten zielten weiterhin auf Position. Es blieb nur offen, ob die Berechnungen genau genug gewesen waren. Die Lichtpunkte flatterten. Den Automaten passten die Konterdüsen nicht mehr. Biggy reduzierte und gab sie ihnen in die Hand. Das Lot ruckte.

Gefunden! Unter ihnen befand sich nicht mehr die ferne Erde, sondern ein naher, reflektierender Körper. Das Lot fiel.

Er sah es nicht mehr auf den Nullpunkt kommen. In seinen Körper schlug ein Krampf wie von einem Blitzschlag hinein, und dann war es aus. Vorbei!



Männer im Käfig

Als Mark und Biggy wieder zu sich kamen, befanden sie sich in einem Käfig. Er war ungefähr zwei Meter lang, zwei Meter breit und zwei Meter hoch und bestand aus kräftigen Metallstäben mit etwa zwanzig Zentimeter Zwischenraum. Der Boden war mit einer fugenlosen Plastikplatte belegt. Die eine Gitterwand war gleichzeitig die Tür des Käfigs.

Er stand in einem größeren, wenn auch niedrigen Raum, der noch keine vier Meter breit war, sich aber in die Länge streckte und wohl deshalb mehr wie ein Gang als wie ein Raum wirkte. Die Decke stand sehr niedrig dicht über dem Käfig an.

Der Raum war kahl wie ein Sarg. Fußboden, Decke und Wände bestanden aus fugenlosen, blassgrauen Flächen. Etwas seitlich vom Käfig zeichneten sich die feinen Risse einer Türöffnung ab.

Insgesamt standen drei gleichartige Käfige im Raum, durch je einen Meter Abstand getrennt. Die beiden anderen waren auch besetzt. Im anschließenden Käfig hockten drei Männer, im dritten zwei.

Die Luft war schlecht und stickig. Sie roch unangenehm scharf nach Schweiß, ungelüfteten Kleidern und menschlichen Ausscheidungen.

Mark Tolins öffnete zuerst die Augen, um von seiner Umgebung Notiz zu nehmen. Er versuchte zugleich, an das Vergangene Anschluss zu finden. Er war eben dabei gewesen, die Schleuse zu öffnen. Dann hatte ihn ein Krampf zusammengezogen. Und jetzt lag er am Boden eines Käfigs, noch mit dem schweren Raumanzug auf dem Leib, und der Gegenstand neben seinem Kopf war der Raumhelm. Und auf der anderen Seite lag Biggy und schniebte sanft, als ob er zu Haus in seinem Bett läge.

Was war geschehen?

Nun, es war ihnen eben doch nicht gelungen, unbemerkt an das Raumschiff heranzukommen. Sie waren entdeckt worden. Man hatte sie mattgesetzt und sie aus irgendwelchen Gründen nicht umgebracht, sondern eingesperrt.

In einen Käfig!

Biggy schniebte nicht mehr. Eine Kleinigkeit später zuckten seine Lider. Er blinzelte, blieb aber reglos liegen. Darauf war er trainiert. Er wollte auch erst wissen, wie es um ihn stand, bevor er die Aufmerksamkeit auf sich zog.

Sein Scheitel war hin und seine Haare wirkten geradezu menschlich. Welches Glück, dass er es nicht ahnte!

»Mark?«, hauchte er.

».Ja? Alles in Ordnung, Biggy?«

»Weiß nicht, Mark. Bin ich ein Affe?«

»Sie haben uns bloß eingesperrt.«

»Du meinst, dass …?«

»Ja.«

Aus dem Nebenkäfig kam schlaff eine fremde Stimme.

»Ist etwas kaputt an euch beiden? Wenn ihr reden könnt …«

Mark Tolins wälzte sich herum und stand auf. Biggy folgte seinem Beispiel. Die drei nebenan blieben hocken, während die zwei weiter drüben ebenfalls aufstanden und die Köpfe gegen die Gitterstäbe drückten.

Hübsch sah keiner von ihnen aus. Vier trugen die übliche helle Kombination der Raumpiloten, die im Katastrophenfalle zum heizbaren Druckanzug werde konnte, falls der dazugehörige Helm auf dem Kopf saß. Der fünfte hatte nur einen Schlafanzug an. Kombinationen wie Schlafanzug waren stellenweise zerrissen und erheblich verschmutzt.

Die Gesichter der Männer passten dazu. Sie waren sicher tagelang nicht gewaschen und rasiert worden. Unter solchen Umständen sieht der beste Mann nach Verbrecheralbum aus. Trotz aller Stoppeln wirkten die Gesichter scharf und hager. Die Augen lagen fiebrig in den Höhlen.

»Scheint alles in Ordnung zu sein«, sagte Mark Tolins und begann, den Raumanzug zu öffnen. »Wer sind Sie, und wohin sind wir hier geraten?'?

»Ich heiße Jeff Carring«, antwortete der gleiche Mann mit der gleichen eigenartigen Schlaffheit in seiner Stimme. »Ich war Copilot der Wega, falls Ihnen das etwas besagt. Transporter zur Raumstation Wernher von Braun. Sie schmierte vor unseren Augen ab, und dann hatten wir keine Sorgen mehr, bis wir hier wieder zu uns kamen. Das ist Jim Holway, unser Chefpilot, und Bill Enders, unser Beobachter. Sag' ihm was, Jim.«

»Wozu?«, fragte Jim Holway müde. »Was nützt die ganze Rederei? Sie haben noch ein paar gehascht, denen es genauso dreckig ergehen wird wie uns. Weiter nichts.«

»Das ist Tolins«, brach der dritte Mann plötzlich aus und drückte sich schwerfällig hoch. »Mark Tolins! Oder nicht?«

»Mark Tolins«, bestätigte dieser. »Und das ist Biggy.«

»Tolins?«, murmelte Carring. »Nun, das hat uns gerade noch gefehlt. Ich habe eine Menge von Ihnen gehört. Wenn sogar Sie sich einfangen ließen …«

»Wer sind die beiden anderen?«

»Russen. Und Verrückte! Sie stellen sich immer noch so, als ob sie kein Wort Englisch verstehen könnten. Denen hat man so lange erzählt, dass der Amerikaner ein schwarzer Mann ist, dass sie auch jetzt noch daran glauben. Opfer der Propaganda.«

»Doch, wir sprechen englisch«, kam es holprig aus dem dritten Käfig herüber. »Wir wussten nur nicht - nun, es gibt nun mal viele Tricks, mit denen amerikanische Agenten die Fortschritte unseres Landes ausspionieren und …«

»Lass das«, fiel sein Gefährte, der Mann im Schlafanzug, mit einer tiefen, gutmütigen Stimme ein. »An Spione haben wir nicht gedacht, aber wir wussten einfach nicht, was gespielt wird. Wir haben nämlich zuletzt in Bereitschaft bei der Blaganrov gelegen, und dann steckten wir auf einmal in diesem Käfig. Ich heiße Ilja Woruschin, und das ist Mischa Lubow.«

Mark Tolins musterte die verwilderten Gesichter und die fremden Augen, dann glitt sein Blick über die schmutzigen Böden der Käfige und die Kübel, die in den Ecken standen.

»Wir befinden uns in diesem fremden Raumschiff, nicht wahr?«

Die Köpfe ruckten ausnahmslos.

»In einem fremden Raumschiff?«, fragten Carring, Holway und die beiden Russen fast gleichzeitig.

»Ja. Wussten Sie das nicht?«

»Woher?«

»Woher?«, fragte auch Enders. »Wir haben unseren Dienst getan, und dann waren wir eben plötzlich hier.«

»Ein fremdes Raumschiff«, wiederholte Mark Tolins. »Es richtet auf der Erde enormen Schaden an. Wir haben einen Angriff versucht, aber er ist misslungen.«

»Ihr Pech!«, seufzte Carring. »Aber vielleicht haben Sie Mut genug, sich lieber den Kopf an diesen Stäben einzurennen. Das ist das Beste, was man sich noch antun kann. Wir …«

»He, kümmern Sie sich um Ihren Kameraden«, drängte sich Enders dazwischen. »Er schnappt schon über.«

»Ich schnappe nicht über«, beruhigte Biggy etwas geistesabwesend, denn er benötigte seine volle Konzentration, um mit Spiegel und Kamm seiner Frisur beizukommen. »Ich kämme mich nur. Wenn ich mir schon den Kopf einrennen soll, dann …«

»Wieso befinden Sie sich in diesem Zustand?«, fragte Mark Tolins. »Kümmert man sich nicht um Sie?«

Holway lachte kurz auf. Es klang hässlich. Woruschin brummte etwas Unverständliches in seiner Heimatsprache. Nach einer Pause brach Lubow nervös und fahrig aus:

»Doch, sie kümmern sich um uns. Sie bringen einmal am Tag oder was weiß ich einen Brei, der uns die Gedärme umdreht und uns mit jeder Mahlzeit schlapper macht. Sie bringen dazu destilliertes Wasser, das noch ein bisschen nachhilft, und sie leeren jeden Tag einmal die Kübel aus. Das ist alles.«

»Keine Verständigung?«

»Sie verstehen nichts oder wollen nichts verstehen.«

»Keine Angriffsmöglichkeit?«

Jetzt war es Carring, der hässlich auflachte.

»Womit denn? Sie sind uns über. Und sie nehmen sich in Acht, als ob sie Tiger eingesperrt hätten.«

»Das ist es«, sagte Ilja Woruschin mit seiner Bassstimme. »Ich habe darüber nachgedacht. Sie behandeln uns wie wilde, fremde Tiere. Ich glaube nicht, dass sie bösartig sind.«

Mark Tolins blickte durch die mehrfache Wand von Gitterstäben zu ihm hinüber.

»Wie meinen Sie das?«

»Hm, auf der Erde kommen ähnliche Dinge vor, und früher sind sie wahrscheinlich oft vorgekommen. Man fängt ein fremdes, noch unbekanntes Tier ein, von dem man praktisch nichts weiß, nichts von seiner Nahrung und seinen Lebensgewohnheiten. Man sperrt es hinter Gitter und gibt ihm zu fressen und zu saufen, was man für gut hält. Aber für das gefangene Tier braucht es nicht das Richtige zu sein. Es verträgt weder das Fressen noch die Gefangenschaft. Es geht ein. Es geht ein, auch wenn sie es gut mit ihm meinen. Das können Sie schon an jedem Spatz ausprobieren, den Sie in einen Käfig sperren. Und ich denke mir, dass Tausende und aber Tausende von Tieren eingegangen sind, die man auf der Erde eingefangen und hinter die Gitterstäbe von Zoos gebracht hat.«

»Quatsch!«, reizte Enders, »Die wollen uns fertigmachen.«

»Das könnten sie ohne Gestank haben«, warf Biggy befriedigt ein, denn es war ihm gelungen, den Scheitel wieder auf Linie zu bringen.

»Deine Lesart hat etwas für sich«, anerkannte Mark. »Man müsste versuchen, sich mit ihnen zu verständigen.«

»Sie sprechen nur ihre eigene Sprache.«

»Ihre Beobachter auf der Erde nicht. Wann lassen sie sich sehen?«

»Schwer zu sagen. Wir haben keine Uhren mehr. Alles abgenommen. Und die Sonne scheint hier nicht.«

Mark Tolins suchte unwillkürlich nach der Lichtquelle, während er den Fuß aus dem Raumanzugs zog. Er konnte keine entdecken. Das Licht kam völlig diffus aus der Decke.

»Uns hat man nicht ausgeplündert«, stellte er fest.

»Die hatten es eilig«, sagte Holway wieder müde. »Sie haben Sie hereingetragen und sind dann gleich wieder gegangen.«

»Wir sollten uns nach diesen Leuten umsehen, Mark«, murmelte Biggy, während er Spiegel und Kamm in seine Taschen verstaute. »Ich besitze ein ziemlich empfindliches Verdauungssystem. Wenn du erlaubst …?«

Er rüttelte probeweise an den Gitterstäben.

»Stahl, Mark.«

»Brechen Sie sich keinen ab«, stichelte Carring schlaff »Das haben wir auch schon probiert. Nichts zu machen.«

»Mancher hat es eben bloß im Kopf«, sagte Biggy mild, legte seine Hände fest um die Gitterstange und spannte sich.

Die Stange verriet durch ein kaum sichtbares Zittern, dass sie beansprucht wurde, gab aber nicht nach. Biggy war trotzdem nicht unzufrieden.

»Der Affentrick müsste reichen, Mark. Und vielleicht eine kleine Unterstützung deinerseits.« Mark Tolins nickte. »Es sieht so aus, aber wahrscheinlich wird es einfacher, wenn wir an der Tür ansetzen.«

»Achtung!«, zischte Carring. Die Leute besaßen einen Extrasinn oder hatten die Käfige mit einer Alarmanlage verbunden. Die Tür des Raumes ging auf. Zwei Männer traten ein, hinter denen zwei weitere sichtbar wurden. Und sie kamen so herein, als ob sie mit Gefahr rechneten.

Biggy seufzte leise, als er sie sah, und er besaß guten Grund dazu.

Sie konnten Zwillingsbrüder des geschminkten Gärtners sein, mit dem er sich unterhalten hatte. Sie waren nur nicht geschminkt. Ihre Gesichter wirkten eigenartig durchscheinend, als wären sie aus Gallertmasse hergestellt, unwirklich und gespenstisch, weil kein Fleisch war, wo man es erwartete, sondern nur dieses blasse Zeug, das kein Fleisch sein konnte. Trotzdem waren es wuchtige und aktive Gesichter ohne Verschwommenheit, Gesichter von harten, gefährlichen Männern, und ihre sonderbaren, farblosen Augen enthielten noch stärkere Drohungen als inmitten der Schminke des angeblichen Gärtners.

Sie trugen sehr helle Overalls von einem leichten, missfarbenen Grün. Die Figuren darunter boten auch nichts Neues Auch diese Männer besaßen ungewöhnlich lange und wahrscheinlich sehr knochige Beine, einen auffallend kurzen Rumpf mit einem deutlichen Spitzbauch und einen langen Hals. Die quallenblassen Hände waren kaum sichtbar. Auf den seitlich gedrückten, schmalen Köpfen wuchsen Haare wie dünn verstreute, schmutzige Baumwollflocken, zwischen denen die Spatzen herumgekratzt hatten. Biggy registrierte diese Einzelheit mit Abscheu.

Sie besaßen tatsächlich keine Zähne.

Es war deutlich zu sehen, wenn sie sprachen. Anstelle der Zähne hatten sie geschlossene weiße Spangen wie bloßgelegte Knochen. Wenn die Zahnschmerzen bekamen, musste sie das fürchterlich treffen.


Kampf im Raumschiff

Die beiden Wesen sprachen miteinander. Anschließend hatte der eine von ihnen Mark Tolins und Biggy etwas mitzuteilen, aber seine Worte blieben unverständlich. Es gehörte jedoch kein Dolmetscher dazu, um zu erfassen, dass er es nicht liebevoll meinte. Dann redeten die beiden wieder miteinander.

Sie gaben den beiden anderen, die vor der Schwelle geblieben waren, ein Zeichen, worauf diese hereinmarschierten. Die Tür schloss sich hinter ihnen. Der eine trug eine Schüssel vor sich her, der andere einen Eimer und einen Krug.

Mark Tolins und Biggy tauschten einen Bück aus. Nach allem, was sie bisher gehört hatten, gab es nicht viel zu verlieren.

Die beiden ersten Männer traten näher an den Käfig heran. Der eine betätigte sich an dem massiven, seltsam geformten Schloss, mit dem die Verriegelung gesichert wurde.

Er zog die Gittertür auf und wollte die beiden Hinterleute an den Käfig heranlassen.

Mark Tolins warf sich gegen die Tür. Sie flog dem einen aus der Hand und prallte den zweiten an, während die Träger gerade noch zurückspringen konnten.

Biggy sauste hinterher.

»Ho!«, schrien die anderen Gefangenen vor Staunen auf, um dann still zu werden und atemlos den Kampf zu verfolgen.

Die Überraschung war geglückt, aber sie brachte weniger ein, als Mark Tolins erhofft hatte. Die blassen Männer waren schnell bei der Sache. Sie waren weder Boxer noch Ringer noch Judokämpfer, aber dafür hatten sie einen wild gemischten Freistil an sich, der auch nicht zu verachten war. Seltsamerweise besaßen sie keine Strahler, offen-sichtlich hielten sie das im Raumschiff für überflüssig. Sie waren größer, erheblich schwerer und brachten sogar mehr Gewandtheit auf, als Tolins erwartet hatte. Vor allem aber waren sie unglaublich hart im Nehmen. Sie steckten fast ohne Wirkung Schläge ein, die andere gegen die Wand geworfen hätten, und was den Augen an ihren Muskeln und Knochen unwirklich vorkam, erwies sich für die Fäuste so hart wie Stein.

Mark Tolins glaubte bald, dass ihre Nerven anders liefen. Er konnte einige Schläge auf den Punkt landen, die jeden Menschen für Stunden ausgeschaltet hätten, hier aber ohne Wirkung blieben.

Alles in allem - der Kampf entwickelte sich nicht programmgemäß. Er endete nicht sofort dank irgendwelcher Geheimwaffen, aber er verlief auch nicht nach den Wünschen der Angreifer.

Die vier Männer wichen im ersten Schreck zurück, aber dann setzten sie sich mit Händen und Füßen, langen Armen und erstaunlicher Kraft zur Wehr. Mark Tolins und Biggy kamen sich bald vor wie bei einem Winterschlussverkauf fünf Minuten nach der Ladenöffnung. Sie hatten vier stabile Giganten vor sich, die es keinesfalls darauf anlegten, sich nacheinander überwältigen zu lassen. Sie waren alle vier gleichzeitig in Fahrt und hatten etwas zu bieten.

Sie machten keinen Versuch, die Tür des Raums zu öffnen und sich zu verdrücken. Merkwürdigerweise erhielten sie auch keinen Nachschub.

Mark Tolins erfasste schnell, in was sie sich eingelassen hatten. Er ging mit dem Rücken an die Wand und schlug so präzis zu. wie er konnte Leider zeigte sich der stärkste Erfolg an seinen Fäusten.

Biggy begann zu fluchen und wurde wütend. Die Milch der frommen Denkungsart wurde in ihm sauer, als er zum dritten Male gegen die Wand flog.

Die anderen Gefangenen fluchten auch bald. Sie wollten ihre Käfige geöffnet haben, um in den Kampf eingreifen zu können, aber weder Mark Tolins noch Biggy fanden Zeit dazu. Sie hatten alle Hände voll zu tun, sich die Gegner vom Halse zu halten.

Der erste nennenswerte Erfolg zeigte sich, als Mark Tolins mit einem rechten Schwinger nicht ins Ziel geriet, sondern einen der Fremden unterhalb vom Ohr traf. Der Mann ging wie vom Blitz getroffen zu Boden und beteiligte sich nicht mehr.

Mark Tolins ging der Sache nach, nachdem er sich wieder aus der knochigen Umklammerung eines anderen freigemacht hatte. Diesmal zielte er, und der Erfolg belohnte ihn. Der zweite Mann gab auf.

Biggy brauchte nur mehr sein Stichwort, und es war nicht mehr schwer, mit den beiden anderen fertig zu werden, nachdem sie einmal wussten, wo der kritische Punkt lag. Der Nerv lag bei diesen Fremden tatsächlich an anderer Stelle und war offenbar empfindlich genug, um auch ohne Wirbeldruck den Erfolg zu bringen.

Minuten später befanden sich die vier Fremden im Käfig, zwei von ihnen noch jenseits aller Sorgen, die beiden anderen benommen und bemüht, sich die Ereignisse zurechtzulegen.

Mark Tolins und Biggy hatten eine Verschnaufpause ebenfalls dringend nötig. Sie verzichteten jedoch darauf, bis sie die beiden anderen Käfige geöffnet hatten. Dann setzten sie sich erst einmal für eine Weile auf den Boden.

Die drei Amerikaner und die beiden Russen quirlten um sie herum. Sie hatten vor lauter Aufregung ihre Nöte vergessen, und die Bewegung in dem langen Raum tat ihnen gut. Vermutlich hatten sie sogar schon das Gefühl, frei zu sein.

Sie schwatzten wild durcheinander. Mark Tolins massierte vorsichtig seine aufgeschlagenen Knöchel.

Biggy versuchte, seine Frisur zurechtzulegen.

Die beiden Männer im Käfig, die schon von ihrer Umgebung wieder Kenntnis nehmen konnten, blickten mit ihren fahlen Augen gehässig auf Sie, als hätten sie Mord und Totschlag im Sinn.

Holway versuchte, die Tür des Raumes zu öffnen. Es gelang ihm nicht. Die anderen bemühten sich ebenfalls, hatten aber auch keinen Erfolg. Die Tür wies sich nur durch die feinen Umrisse aus. Schloss oder Drücker besaß sie nicht. Möglicherweise wurde sie magnetisch verschlossen.

Allmählich flaute die Aufregung ab. Die Männer wurden still. Mark Tolins und Biggy drückten sich wieder auf ihre Füße.

»Was nun?«, fragte Ilja Woruschin. »Wir sitzen immer noch fest. Genau genommen, sind wir nicht viel weiter.«

»Sie brauchen dabei nicht in unsere Richtung zu blicken«, wehrte Biggy ohne die gewohnte Freundlichkeit ab. »Wir haben unsere Portion hinter uns. Lieber zehn Schwergewichtler, als einen von diesen Kerlen! Jetzt sind Sie an der Reihe. Oder dachten Sie, wir würden Sie bei der Hand nehmen und wohlbehalten bei Mamutschka abliefern?«

»Dachte ich nicht«, brummte Woruschin. »Wir sind aber immer noch Gefangene.«

»Das müssen Sie glatt erraten haben!«, höhnte Biggy gereizt.

»He?«, rief Carring und warf sich gegen die Tür. Er prallte jedoch nur ab. Die anderen kamen erst recht zu spät. Die Tür war spaltweit geöffnet worden. Ein fünfter Mann hatte hereingeblickt und die Tür gleich wieder verschlossen.

»Wir haben tatsächlich nicht viel gewonnen«, gab Mark Tolins zu, nachdem sich auch diese Aufregung gelegt hatte. »Wir sind nach wie vor Gefangene in einem Raumschiff, das wir nicht einmal kennen. Ob diese vier Männer uns etwas nützen, muss sich erst noch herausstellen. Vorläufig können wir nur hoffen, dass sie brauchbare Geiseln sind. Wir müssen abwarten.«

»Ich wundere mich«, murmelte Biggy.

»Worüber?«

»Sie hätten uns stilllegen können, wie es der Gärtner mit mir getan hat.«

»Ja, ich rechnete fast damit, aber vielleicht können sie den Trick innerhalb des Raumschiffes nicht anwenden. Er könnte auf einer Art Kraftfeld beruhen, das sich nicht genau lokalisieren lässt und die Instrumente beeinflusst. Was wissen Wir? Hinter dieser Wand oder unter unseren Füßen können lebenswichtige Anlagen liegen.«

»Man müsste durch die Wand brechen«, schlug Enders vor. »Versuchen Sie es.« Enders verzichtete. Die anderen auch. Die Männer im Käfig würden munterer. Einer nach dem anderen erhob sich. Sie redeten mit drohenden Gesten und bösen Blicken, aber niemand konnte die fremden Laute verstehen. Sie rüttelten Sogar an den Gitterstäben, aber das half weder ihnen noch den anderen. Eine Stunde verging. »Die machen es spannend, Mark«, murmelte Biggy am Ohr Mark Tolins'.

,,Ich habe nichts gegen eine Ruhepause, aber ich fürchte, diese Leute bekommen zuviel Zeit, sich unsere Zukunft zu überlegen.«

»Und was lässt sich dagegen tun?«, fragte Mark Tolins.

»Nichts«, seufzte Biggy. »Leider gar nichts.«

»Eben.«

»Sie werden uns einfach vergasen«, meldete sich Lubow nervös.

»Oder eine Bombe hereinwerfen«, sekundierte Carring. »Wenn sie uns fertigmachen wollen …«

»Halt's Maul!«, befahl Holway. »Diese verdammte Warterei macht uns alle verrückt.«

»Provokateure!«, reizte Lubow. »Bis jetzt waren wir ganz gut durchgekommen, und vielleicht wäre noch alles glatt gegangen, aber nun haben sie natürlich Grund, uns …«

»Halt's Maul!«, befahl auch Woruschin grollend.

»Meine Sache!«, wurde Lubow giftiger. »Wenn die beiden nicht gekommen wären …«

Er brach lieber ab, aber Biggy hakte trotzdem ein.

»Weiter, mein Freund. Ich suche ohnehin jemand, den ich in den Käfig stecken kann, um zu sehen, wie sich dann unsere vier Spitzbäuche benehmen.«

Lubow zog den Kopf ein und schwieg.

Dann wurden sie plötzlich unwiderstehlich müde und schliefen ein, ohne es zu merken.



Palaver um einen Planeten

Mark Tolins erwachte in einem anderen Raum. Er besaß die Größe eines gewöhnlichen Zimmers. Die Wände ringsum schienen nur aus Schränken zu bestehen. Aus der glatten Decke drang diffuses Licht, das sonderbare, geisterhafte Farbwirkungen aus den Wandflächen herausholte, vor allem violette und grünstichige Töne, auf die das Auge so schlecht ansprach, dass sie durchsichtig wirkten.

Ein Stück vor ihm stand ein dünnbeiniger Metalltisch, auf dem sich verschiedene Apparate befanden, die ihm vorläufig nichts besagten. Hinter dem Tisch saß einer der fremden Männer aus dem Raumschiff in einem Eierschalensessel. Seitlich von ihm saß ein zweiter Mann ebenfalls in einem Sessel.

Den dritten Sessel hatte Mark Tolins inne. Man hatte ihn nicht gebunden oder sonst wie festgelegt. Er fühlte sich auch Herr seiner Glieder. Er erwachte, ohne nachträglich noch eine Spur des Schlafes zu merken, ohne Übergang, mit sofortigem vollem Bewusstsein und der Sicherheit, dass er seinen Körper in der Gewalt hatte.

Sein schweifender Blick ging zu den beiden Männern zurück. Der seitlich sitzende Mann glich den anderen, mit denen er sich herumgeschlagen hatte, wie ein Bruder Der Mann hinter dem Tisch war viel interessanter. Er gehörte dem gleichen, knochigen, hartgesichtigen Typ an, stammte jedoch aus einer älteren Generation. Der Schädel zeigte keine Spur von Haarwuchs mehr, das Gesicht war stark gefurcht und rissig, die Haut am Hals schlug leere Falten. Das Fleischige an ihm hatte eine violette Tönung. Zugleich ging aber von diesem Mann eine persönliche Gewalt aus, die alles andere übersehen ließ. Es war eine starke, geistige Kraft, die sich mit einem unverkennbaren Selbstbewusstsein und dem Anspruch auf Autorität verband.

Mark Tolins begegnete den Augen dieses Mannes, fahlen, farblosen Augen, die sich in ihn hineinbohren wollten. Er wich ihnen nicht aus. Er fixierte sie gelassen, bis sie auswichen.

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