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Berliner Morde: Fünf Krimis

Berliner Morde: Fünf Krimis

Alfred Bekker et al.

Published by Alfred Bekker präsentiert, 2018.

Inhaltsverzeichnis

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Berliner Morde: Fünf Krimis

Copyright

KILLER IM KÄFIG

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DORNBUSCH - DIE NACHT BRICHT HEREIN

22. August

1. September

16. September

3. Oktober

7. Oktober

21. November

29. November

3. Februar

8. März

27. April

5. Mai

16. Mai

17. Mai

19. Mai

21. Mai

23. Mai

25. Mai

Die Jahre im Internat. Die Zeit mit Gila!

4. Juni

11. August

13. September

28. September

9. Oktober

24. Oktober

1. November

3. November

13. Februar

17. Februar

6. März

28. März

16. April

18. Juli

20. August

24. August

12. September

18. September

8. Dezember

13. Dezember

15. Dezember

7. März

Der Auftrag – Mord in Berlin

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VERSPERRTE HINTERTÜR

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Langes Leben, schneller Tod

Further Reading: Vier Alfred Bekker Krimis - Vier Verbrechen

Also By Alfred Bekker

Also By Marten Munsonius

Also By Margaret Kassajep

Also By Lence Vio

About the Author

About the Publisher

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Berliner Morde: Fünf Krimis

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von Alfred Bekker, Marten Munsonius, Margaret Kassajep und Lence Vio

Der Umfang dieses Buchs entspricht 610 Taschenbuchseiten.

Mal historisch, mal gegenwärtig, mal spekulativ: Berlin als Hauptstadt des Verbrechens in Deutschland steht im Mittelpunkt dieser Krimis. Ob nun in der Gegenwart der 2000er Jahre, kurz nach dem Ende des Kalten Krieges oder am Ende der Weimarer Republik.

Dieses Buch enthält folgende fünf Krimis:

Alfred Bekker & Marten Munsonius: Killer im Käfig

Margaret Kassajep: Dornbusch - Die Nacht bricht herein

Alfred Bekker & Marten Munsonius: Der Auftrag - Mord in Berlin

Lence Vio: Versperrte Hintertür

Alfred Bekker (als Henry Rohmer): Langes Leben, schneller Tod

Der Krimi "Der Auftrag - Mord in Berlin" erschien unter diesem Titel ursprünglich im Betzel-Verlag. Es handelt sich um eine veränderte, erweiterte Fassung des Romans "Der Legionär" von Alfred Bekker.

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Ein CassiopeiaPress Buch

© by Authors

© dieser Ausgabe 2015 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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KILLER IM KÄFIG

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von Alfred Bekker & Marten Munsonius

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Er war kein Berliner.

Nicht mehr.

Aber er kam noch ab und zu in die Bundeshauptstadt, um zu arbeiten. Immerhin das hatte er mit den Bundestagsabgeordneten gemein.

Weil sich in seinem Gepäck eine Automatik mit aufgeschraubtem Schalldämpfer und genügend Munition befand, konnte er nicht mit dem Flugzeug anreisen, sondern war auf das Auto angewiesen.

Eigenartig, dachte er. Wenn du nach Berlin kommst, fällt dir immer dasselbe ein. Der Tag, an dem die Mauer brach. Du saßt vor dem Fernseher wie Millionen Deutsche in Ost und West. Im öffentlich-rechtlichen Fernsehen wird der Bundeskanzler interviewt. Du zappst auf die Privaten. Da sagt der Moderator vor jubelnden Berlinern: "Unsere öffentlich-rechtlichen Kollegen haben, wie ich höre, den Bundeskanzler vor dem Mikro. Aber wir haben einen gleichwertigen Ersatz: Harald Juhnke!"

Er schaltete einen Gang höher.

Der Motor heulte auf.

Jedesmal, wenn du nur daran denkst, musst du schon lachen!

Für jemand anderen würde es jetzt nichts mehr zu lachen geben.

Dafür würde er sorgen.

Das war sein Job.

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2

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Von der Oranienburger Straße, nahe der Synagoge waren es nur ein paar hundert Meter bis zu den Hackeschen Höfen.

Es war nicht sonderlich kalt, nur regnerisch. Ungemütliches Nieselwetter eben. Aber der Killer trug dennoch Handschuhe.

Schließlich waren seine feingliedrigen Hände ein Teil seines wichtigsten Handwerkszeugs. Und klamme Finger konnte er sich einfach nicht leisten. Der andere Teil seines Handwerkszeugs, eine speziell für ihn umgebaute Automatik – Geschenk eines russischen Gönners – befand sich gut verborgen in einem Holster unter seinem Mantel.

Der Mann war hochgewachsen und ziemlich kräftig gebaut. Der blonde Kurzhaarschnitt unterstrich die kantigen Gesichtszüge.

Er war sauber rasiert - ein wenig hatte er von einem Geschäftsmann an sich, mit Freizeit für eine kleine Stadttour.

Die Oranienburger Straße mit ihren zahlreichen Clubs, den Lokalen, der „Mitte Bar“ und dem „Café Orange“ ließ der Killer links liegen. Er kannte die Gegend zur Genüge, selbst den Straßenstrich, der aber dort endet, wo der Hackesche Markt einmündet. Der Killer hatte früher einmal als Knochenbrecher für einen der Zuhälter gearbeitet. Aber das war lange her.

Der Schöne Bodo war der Lude überall genannt worden, bis ihm ein Konkurrent ein Schrotgewehr ins Gesicht gehalten und abgedrückt hatte.

Der Schöne Bodo hatte überlebt und wohnte jetzt in einem Pflegeheim.

Wie eine Pflanze vegetierte er mit schweren Schädel-Hirn-Verletzungen dahin. Seine Girls waren an die Konkurrenz verteilt worden, und für den Killler hatte es bedeutet, sich nach einem anderen Job umsehen zu müssen. Selbst in dieses brandheiße Geschäft einzusteigen, daran hatte er niemals gedacht. Es war einfach zu gefährlich, seit sich die Konkurrenz auf dem ehemaligen Ostblock im Reich der Bordsteinschwalben breitgemacht hatte. Die guten alten Zeiten waren vorbei. Jetzt wehte ein anderer Wind.

Eins der Girls vom Schönen Bodo hatte dem Killer damals einen Braunen gegeben.

Tausend Deutschmark.

Dafür hatte er den Kerl mit der Schrotflinte umlegen müssen. Sein erster Mordauftrag. Heute war er für eine derart lächerliche Summe nicht mehr zu haben. Und das hatte nur am Rande etwas mit der Teuerungswelle durch die Einführung des Euro zu tun.

Der Killer mit den wässrigen Augen ging zielsicher zu seinem Treffpunkt.

Der Wind frischte auf, und feiner Nieselregen hinterließ winzige Perlen auf seinen kräftigen Augenbrauen. So ein verdammter Mist!, dachte er. Das Wetter ändert sich. Da kriege ich bestimmt wieder meine Scheiß-Migräne... Ist nicht so gut, wenn man dann arbeiten muss. Er spürte ein leichtes Ziehen am Hinterkopf. Die ersten Vorboten. Hoffentlich ist alles erledigt, bevor die Scheiße richtig losgeht!, ging es ihm durch den Kopf.

Es schien, als würde der Blonde mürrisch auf die nassen Gehwegplatten starren. Dabei beobachtete er seine Umgebung trotzdem sehr genau. Am frühen Vormittag hatte sein Handy geklingelt. Das war eigentlich nichts Ungewöhnliches. Es sei denn, es klingelte danach gleich wieder. Und wieder. Insgesamt vier mal. Jedesmal ein Klingelzeichen mehr.

Der Blonde unterbrach seine Tätigkeit, verstaute die Digitalkamera in seiner Manteltasche und schaute auf die Uhr. Es gab jetzt einiges für ihn zu erledigen.

Schade – gerne hätte er noch einige Bilder gemacht. Der alte Südwest-Friedhof Stahnsdorf war in verwildertes Areal von eigentümlicher, morbider Schönheit. Der Killer liebte es in seiner Freizeit (und davon hatte er zwischen zwei Aufträgen genug ) über Friedhöfe zu wandern. Ausnahmsweise schoss er hier nur mit der Kamera.

Den Plan für das Friedhofsgelände ließ er in seine Manteltasche, als er sich auf den Rückweg machte. Obwohl die Bestattungsfelder sich kaum vom Wald unterschieden, fand er zielsicher den Hauptweg.

Er hatte einige wirklich interessante Grabstellen ausfindig machen können.

Der Himmel bezog sich, obwohl am Morgen eine fahle Sonne wenigstens einen trockenen Tag versprochen hatte.

Vor ihm tauchte der Eingang des „Restaurants Hackescher Hof“ auf, und der Killer verscheuchte die kurze Tagträumerei aus seinem Kopf.

Selbst im Nieselregen waren die Höfe mit ihren renovierten Jugendstilfassaden ein magischer Anziehungspunkt für Touristen und Einheimische. Der Blonde kannte alle acht Höfe flüchtig. Viele Ladenpassagen und noch mehr Menschen. Zu unübersichtlich. Er hatte seinem Kontaktmann das Restaurant gleich am Eingang vorgeschlagen.

Der Blonde setzte sich in die Nähe eines großen Fensters, um seine Umgebung drinnen wie draußen unter Beobachtung zu haben. Er bestellte einen Kaffee, zog die Handschuhe aus, ließ aber den geöffneten Mantel an. Die Waffe blieb weiterhin unsichtbar.

Er schaute auf die Uhr. In fünf Minuten würde ein halbwüchsiger junger Mann mit einem Stapel Zeitungen hereinkommen.

Er würde ihn erkennen.

Ein Russe, der kein Deutsch sprach. Der Killer würde eine Zeitung kaufen. Darin war ein brauner Umschlag versteckt. Mehr musste er vorerst nicht wissen.

Er holte die Kamera hervor. Er wippte kurz im Menue herum, bis die Gräber auf dem Display erschienen. Das fahle Morgenlicht ließ den Friedhof und die Grabsteine verwunschen aussehen. Er hatte Murnau gefunden, der jetzt selbst ein Gespenst unter all den filmischen Gespenstern war, die dieser große Regisseur erschaffen hatte. 

Er wippte weiter. Zille, Lovis Corinth, Langenscheidt und zuletzt den berühmten Hanussen.

Er spürte, wie sich ihm jemand näherte. Das Lokal war um die späte Mittagszeit nicht mehr ganz so gut besucht. Zwischen den Tischen schlängelte sich ein pickelgesichtiger schwarzhaariger Jüngling durch die Reihen.

Der Blonde tat so, als bemerke er das gar nicht. Er beschäftigte sich weiter mit seiner Kamera. Aber seine fünf Sinne waren in höchster Alarmbereitschaft. Nur für den Fall, dass etwas bei der Kontaktaufnahme schief ging, war seine rechte Hand unauffällig unter seine Jacke geglitten, und die feingliedrigen Finger seiner rechten Hand ertasteten den kalten Stahl der Waffe.  Mit der freien Hand legte er die Kamera auf den Tisch.

Sein Blick schweifte ab. Nach draußen. Selbst in dem feinen Nieselregen kamen genug Touristen in die Hackeschen Höfe. Sie drängten sich um die Stände, schlüpften in die kleinen Läden und sahen alle harmlos aus. Der Killer gab sich selbst Entwarnung.

Während er so tat, als beobachtete er das rege Treiben außerhalb des Restaurants, behielt er den jungen Mann im Visier.

Niemand wollte eine der angebotenen Zeitungen. Langsam näherte er sich dem Tisch des Blonden.

Er sagte etwas auf Russisch, was sich so anhörte, wie: „Möchten Sie eine Zeitung kaufen? Diese Zeitung!“ Und seine Hand glitt hinter den Stapel, und holte das letzte Exemplar hervor, und packte es auf das erste Exemplar von vorne...

Der Junge hatte große Augen. Das war kein Job, den er jeden Tag machte. Auch seine Haltung stimmte nicht.

Das war sein Kontaktmann!

Der Killer zauberte etwas Kleingeld aus seiner Hand, die eben noch die Waffe umklammert hielt.

Der Junge beeilte sich das Geld zu nehmen und verließ überhastet das Lokal.

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Später, zurück in seinen Wagen gelangt, hatte er sich alles in Ruhe angesehen. Die Kamera landete im Handschuhfach – und dort würde sie auch eine ganze Weile bleiben.

Der Kontakt war reibungslos verlaufen. Auch der Killer war sich nicht sicher, ob seine Mittelsmänner nicht von der anderen Seite waren, oder eine rivalisierende Gang ihn nicht ausschalten wollte, oder ihn an die Behörden verriet. 

War diese Übergabe, und der Eingang des Geldes erst reibungslos vonstatten gegangen, war der Rest für ihn fast ein Kinderspiel.

Der Blonde hatte zwar keine Kerben in seiner Automatik, aber die Zahl seiner Aufträge, seiner erfolgreich ausgeführten Aufträge, war beachtenswert. In gewissen Kreisen hatte er es zu einer Berühmtheit gebracht, die ihm quasi wie von selbst neue Aufträge bescherte. Ob in Berlin, oder im Kosovo – unter Soldaten oder Zivilisten, wo es brenzlig wurde, griff man als probates Mittel auch schon einmal zu einem „Killer“. Jedenfalls wurde er besser bezahlt, als in seiner Zeit als Knochenbrecher. Von anderen, noch bürgerlicheren beruflichen Tätigkeiten einmal ganz abgesehen.

Was könnte man über meinen Job sagen? Ich habe mit Menschen zu tun... Er kicherte. Das löste etwas die Anspannung.

Der Umschlag war dünn. Das Material war gut zusammengefasst. Einige Fotos. Ein paar verstreute Notizen, die wohl erst in letzter Minute hereingekommen waren.

Für den Killer war Joseph „Joe“ Grotzki ganz einfach ein Auftrag wie jeder andere. Er unterdrückte jede Gefühlsregung.

Es hatte ihm niemand gesagt, weshalb die Russen-Mafia Grotzki aus dem Weg haben wollte, aber der Blonde konnte es sich zusammenreimen. (Einige Notizen auf einer alten Schreibmaschine. Das „r“ war ein Stück höher angesetzt, als die restlichen Buchstaben!) Grotzki war nach den Notizen von Beruf Richter. Das erklärte schon fast alles. Gute Freunde und die Mitglieder eines Western Clubs durften ihn Joe nennen.  Und einige Leute in der Unterwelt nannten ihn den "harten Joe". Grotzki versuchte, sich als Law-and-Order-Mann zu etablieren und man sagte ihm politische Ambitionen nach. Justizsenator, vielleicht sogar mal Regierender... Das wär's doch gewesen. Es gab so viele Leute, denen der "harte Joe" mal auf die Füße getreten hatte, dass sie kaum zu zählen waren. Wer wirklich hinter dem Auftrag stand, wusste der Killer nicht. War auch besser so. Einfach seinen Job machen und ansonsten auf die Affen vertrauen. Nichts sehen, nichts hören, nichts sagen.

Noch einmal zog er das Material über seine Zielperson aus dem Umschlag. Grotzki wohnte in Zehlendorf im gediegenen Villenviertel in der Fabeckstraße in Höhe der Krankenhausaußenstelle, die im Volksmund zu Westberliner Zeiten „US-Hospital“ genannt wurde. (Damals - ein gut florierender  Umschlagsplatz für zollfreie Waren! )

Der Killer schaute sich die Farbfotos genau an.

Grotzki aus einem Hauseingang kommend.

Grotzki vor dem Berliner Dom.

Der Blonde konnte auf dem Portrait trotz der Unschärfe des Hintergrundes sogar noch den Fernsehturm erkennen. Ein Bild aus dem vergangenen Sommer.

Das letzte Bild zeigte Grotzki im Profil mit einigen anderen Personen. Grotzki schien nicht besonders groß zu sein. Der Killer grübelte einen Moment darüber nach, wo das Bild gemacht worden war. Die Hochhäuser wirkten verzerrt. Eine Vergrößerung und eine Spiegelung. Er fühlte sich in seine Zeit, die er in Miami verbracht hatte, zurückversetzt.

Aber in den Händen hielt er ein Bild der Moabiter Spreebogentürme. Keine besonders professionelle Vergrößerung, dachte er.

Doch es reichte.

Ein letzter Blick, die Adresse noch einprägen, dann vernichtete er das Material sorgfältig und stopfte die Reste in einen Benzinkanister, den er später entsorgen würde.

Der Umschlag enthielt noch zwei Restaurantquittungen und etwas „Handgeld“.

Wie praktisch, dachte der Killer. In einer halben Stunde würde er diese Rechnung in Frankfurt/Oder beglichen haben, eine Stunde später noch einen „Absacker“ und zwei Cola. Das gab ihm etwas Vorsprung. Heute Nacht würde er in Polen übernachten, und dann ging es weiter auf „Geschäftsreise“ nach Osten.

Er startete den Wagen wieder und reihte sich in den Verkehr ein. Am Botanischen Garten vorbei. In seiner Erinnerung zweigte die Fabeckstraße hier gleich rechts ab.

Dann wurde er etwas langsamer. Seine Augen suchten nach der richtigen Hausnummer.

Im Radio plärrte ein Song, der seine Aufmerksamkeit erregte.

Er drehte etwas lauter, lauschte dem dreckigen Text.

Der Refrain ging so: „Meine Stadt, mein Bezirk, mein Viertel, meine Gegend, meine Straße, mein Zuhause... mein Block!

Meine Gedanken, mein Herz, mein Leben, meine Welt... reichen vom 1. bis zum 16.Stock.“

Nicht schlecht, Melodie und Rotz, dachte der Killer, sind wohl echte Gangsta-Rapper. In Fahrtrichtung hatte er die Hausnummer entdeckt. Er wurde nicht langsamer, bog aber in die nächste Seitenstraße ab und suchte einen passende Parkmöglichkeit.

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Seinen blauen Ford hatte er am Straßenrand hinter einem Lastwagen abgestellt.

Von dem Wagen drang der Duft frischen Kaffees in seine Nase.

Der Blonde schaute sich das Werbelogo an und dachte an einen bekannten Fernsehspot, wo es bei Weißbier  heißt: „In Bayern daheim, in der Welt zuhause.“ Wohl nicht das Einzige, was die Bayern in die Welt transportieren.

Jetzt ging der Blonde die Zeile der Reihenhäuser entlang bis er wieder in die Fabeckstraße abbog.

Grotzkis Haus, zwischen Bauten aus der Jahrhundertwende gequetscht, war aus den frühen Siebzigern. Kein Klinker, nur verputzt, dachte der Killer. Das Haus eines Mannes, der es unauffällig liebte – aber leider nicht unauffällig genug, sonst hätte die Russenmafia ihm schließlich keinen Auftrag erteilt.

Mit der Rechten umklammerte er den Griff der Automatik, die in seiner tiefen Manteltasche verborgen war. Er musste vorsichtig sein, denn der Mann, mit dem er es zu tun haben würde, war nicht irgendwer, sondern einer, der auch einige Tricks kannte. Der Blonde hielt an, ließ den Blick die Häuserzeile entlang gleiten. Alles sah unverdächtig aus.

Eine ältere Frau ging die Straße entlang. Der Blonde wartete, bis sie um die nächste Ecke gegangen war und überquerte dann die Fahrbahn.

Jetzt musste alles ganz schnell gehen.

Einen Augenblick später stand er an der Haustür und klingelte.

Grotzki wurde wohl unvorsichtig, sonst hätte er einen scharfen Rottweiler gehabt. Nicht das dies bei der Durchführung des Auftrags ein echtes Hindernis dargestellt hätte, aber eine kleine Zeitverzögerung hätte es schon gegeben.

So beobachtete der Blonde den Türspion.

Aber niemand musterte ihn ungebührlich lang. Grotzki schien ahnungslos.

Wenn es stimmte, was seine Auftraggeber ihm über Joe Grotzki gesagt hatten, dann war er um diese Zeit wahrscheinlich in seinem Arbeitszimmer über einem Berg Akten, die er eifrig studierte. Genau die richtige Zeit für solch einen Besuch also...

Der Blonde klingelte ein zweites Mal und fasste die Pistole mit dem aufgeschraubten Schalldämpfer fester. Endlich kam jemand und machte auf. Aber es war nicht Grotzki, der die Tür öffnete. Es war eine Frau, die den Killer ziemlich erstaunt ansah.

Sie war hübsch, fand der Blonde. Langes, rostbraunes Haar, dunkle Augen. Erinnerte ihn an eines der Girls vom Schönen Bodo. Schade um sie!, dachte der Killer. Aber es war ziemlich ausgeschlossen, dass er sie am Leben lassen konnte.

"Ist Joe... ich meine Herr Grotzki nicht da?", fragte er und versuchte den Anschein einer gewissen Vertrautheit zu erwecken .

"Häh?"

War sie auf Drogen oder nur schwerhörig?

"Ob Joe da ist!", wiederholte der Killer.

"Nein, tut mir leid", erwiderte die Frau, während sie den Killer einer eingehenden Musterung unterzog. Auf ihrer hübschen Stirn erschienen ein paar Falten, die eine deutliche Portion Misstrauen signalisierten. Zu schnell hatte sie dem unbekannten Besucher Auskunft darüber gegeben, dass sie wohlmöglich allein zu Hause war. Und das war in einer Stadt wie Berlin nicht anders wie in New York oder Paris oder London. Man erzählte einem wildfremden Menschen nicht einfach Details aus seinem Privatleben!

Der Blonde trat einen kleinen Schritt zurück, signalisierte eine gewisse Bereitschaft, die Privatsphäre der Frau zu respektieren. Nur keinen Stress.

Er setzte einen verwirrten Gesichtsausdruck auf, um die Situation ein wenig zu entschärfen.

Von der Frau hatte man dem Blonden in den Notizen nichts mitgeteilt. Er fluchte innerlich. Wenn er etwas nicht ausstehen konnte, dann war es Unprofessionalität. Sie hatten ihm ein Dossier zukommen lassen, in dem alles über Grotzkis Lebensgewohnheiten zusammengetragen war. Der Killer wusste über jede Kleinigkeit Bescheid. Nur die Frau, die war in dem Dossier nicht vorgekommen. Es hatte immer Gerüchte darüber gegeben, dass Grotzki schwul war. Offenbar waren sie falsch oder sogar von interessierter Seite gestreut worden. Wenn der Blonde etwas nicht leiden konnte, dann war es Unprofessionalität. Und das hier war unprofessionell.

"Was wollen Sie von Joe?", fragte die Frau.

"Ich muss ihn dringend sprechen."

"Sind Sie ein Bekannter von ihm?"

Der Killer zögerte nur den Bruchteil einer Sekunde mit der Antwort.

"Ja", sagte er dann.

"Joe kommt gleich zurück", berichtete die Frau. "Er ist nur kurz Zigaretten holen gefahren."

"Gut."

Sie wusste nicht, wer Grotzki war. Sie konnte nichts von seiner Vergangenheit wissen oder von dem, was er jetzt tat. Das war dem Blonden sofort klar, denn hätte sie Bescheid gewusst, dann wäre ihr Misstrauen größer gewesen. Die andere Möglichkeit war, dass sie hervorragend schauspielern konnte. Der Blonde hob die Schultern.

"Kann ich bei Ihnen auf ihn warten?"

"Nicht so gerne. Ich bin allein und ich kenne Sie gar nicht. Außerdem ist das nicht meine Wohnung und ich weiß nicht, ob es Joe recht wäre, wenn..."

Aha!, dachte der Blonde. Grotzki kannte die Frau noch nicht lange. Vielleicht sogar erst seit dem gestrigen Abend. Aber das würde ihr auch nicht helfen.

"Es wäre ihm recht!", behauptete der Killer im Brustton der Überzeugung.

"Nein, das möchte ich nicht!", sagte sie mit überraschender Bestimmtheit. Sie versuchte die Tür zu schließen, aber der Blonde ahnte das voraus und stellte seinen Fuß dazwischen. Ein schneller Griff und er hatte die Automatik aus der Manteltasche herausgerissen. Der lange Schalldämpfer zeigte direkt auf den Oberkörper der jungen Frau und ließ sie schreckensbleich zurückweichen. Der Blonde trat ein und gab der Tür einen Stoß mit der Hacke, so dass sie geräuschvoll ins Schloss fiel. Die Frau schüttelte stumm den Kopf. Es dauerte ein paar Sekunden, ehe sie wieder soweit beieinander war, dass sie etwas sagen konnte.

"Was wollen Sie?", fragte sie schluckend, während sie noch einen Schritt rückwärts machte und dabei gegen die Kommode stieß, die in dem engen Flur stand. Auf der Kommode stand das Telefon. Sie hatte den Hörer schon fast in der Hand, aber sie begriff, dass sie keine Chance hatte, irgend jemanden anzurufen, bevor ihr Gegenüber sein Geschoss auf die Reise geschickt haben würde.

"Ist noch jemand in der Wohnung?", fragte der Killer knapp. Sie schüttelte stumm den Kopf. Dann hob der Blonde die Schalldämpferpistole ein wenig an und drückte ab. Es gab ein Geräusch, das Ähnlichkeit mit einem kräftigen Niesen hatte und auf der Stirn der jungen Frau erschien ein roter Punkt, der rasch größer wurde. Sie taumelte rückwärts und schlug der Länge nach hin.

Der Blonde atmete tief durch. Die Sache mit der Frau war nicht eingeplant gewesen, aber sie hatte nun einmal sein Gesicht gesehen. Und das war ihr Todesurteil gewesen. Der Blonde stieg über ihren leblosen Körper hinweg und achtete dabei peinlichst darauf, nicht in kleinen See aus Blut zu treten, der sich rasch in der Diele ausbreitete.

Hier im Flur gab es nichts Auffälliges, und sah er sofort sich im Rest der Wohnung um. Ein Zimmer nach dem anderen nahm er sich vor.

Er musste auf Nummer sicher gehen, aber die Frau hatte die Wahrheit gesagt. Sie war tatsächlich allein gewesen.

Der Killer steckte die Waffe ein, fasste die junge Frau unter den Armen und schleifte sie einige Schritte bis ins Wohnzimmer, wo er sie achtlos vor dem Fernsehtisch ablegte.  Dann ließ er sich in einen der klobigen Ledersessel fallen und wartete. Die Diele war kurz, nicht mehr als 4 Meter – und ein Nachtlicht ließ er auch brennen. Es dauerte auch nicht lange, höchstens zehn Minuten. Dann waren an der Haustür Schritte zu hören. Ein Schlüssel wurde herumgedreht und jemand öffnete die Haustür. Das musste Grotzki sein.

Na endlich.

Wurde auch Zeit.

Der Killer hielt den Atem an. Konzentrierte sich.

"Jennifer?" Grotzki stand noch im Türrahmen der Eingangstür. Der Blonde erkannte ihn sofort von den Fotos, die man ihm gegeben hatte. Grotzki machte noch ein, zwei Schritte in die Wohnung. Die Haustür fiel krachend zu. Alles was nun geschah, ging blitzschnell. So schnell, dass Joe Grotzki nicht den Hauch einer Chance hatte.

Er schluckte.

"Heh, worum immer es geht... Wir könnten uns einigen!"

So habe ich den harten Joe ja noch nie reden hören!, dachte der Killer. Wenn das seine Parteifreunde noch erleben könnten... So mancher würde ihn im anderen Licht sehen.

Der Killer zielte.

Der "harte Joe" stierte ihn entgeistert an, öffnete halb den Mund, so als wollte er etwas sagen oder gar schreien.

Der einzige Laut, der in diesem Augenblick zu hören war, glich einem heftigen Niesen.

Mündungsfeuer leckte aus dem Schalldämpfer heraus.

Zweimal feuerte der Killer.

Grotzki sank getroffen zu Boden.

Mit einem fragenden Ausdruck im Gesicht blieb er liegen.

Seine starren Augen blickten ins Nichts.

War nichts Persönliches!, dachte der Killer, als er an den Toten herantrat, ihn mit dem Fuß herumdrehte, um ihm nicht in die starren Augen blicken zu müssen. Ein verkrampftes Lächeln spielte um seine Lippen. Er dachte: Tausende von Taschendieben, Schwarzfahrern und Fixern werden aufatmen, wenn sie vom Tod des harten Joe hören! 

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Als der Killer seinen Job erledigt hatte, sah er sich noch ein bisschen im Haus um.

Es gab etwas Bargeld.

Ein paar Hunderter, die steckte er ein.

Er zog die Schubladen aus den Schränken und kippte den Inhalt auf den Boden.

Es sollte wie ein Einbruch aussehen.

Der Killer ging er ins Kellergeschoss und da erlebte er eine Überraschung.

In Grotzkis Keller befand sich ein voll ausgerüsteter Atomschutzraum. Ein Schild an der Wand verriet das. Es standen auch gleich ein paar Verhaltensregeln für den Ernstfall dabei. Die dicke Tür, die diesen Raum Luftdicht von der Außenwelt abschließen konnte, stand offen. Er ging hinein und inspizierte den Raum interessiert. Dabei fragte er sich, ob Grotzki wirklich Angst vor einem Atomkrieg gehabt hatte oder ob er nur auf die Steuervorteile und Fördergelder aus gewesen war, die es für solche Schutzräume früher gegeben hatte.

Der Killer zuckte die Schultern.

Es konnte ihm gleichgültig sein. Aber auf jeden Fall war dieser Raum ein idealer Platz, um die Leichen unter zu bringen.

Er konnte die Tür von außen verschließen und dann würde man eine Weile brauchen, um sie zu finden. Das bedeutete auch, dass die Polizei länger brauchen würde, um zu rekonstruieren, was in diesem Haus passiert war.

Für den Killer war das nur von Vorteil.

Er würde weitere Zeit gewinnen, um sich abzusetzen.

So ging er hinauf ins Erdgeschoss. Entschlossen nahm er Grotzkis Leiche über die Schulter und schleppte sie in den Keller. Der Eingang zum Schutzraum war ziemlich eng, wenn man eine Leiche auf den Schultern trug. Einer von Grotzkis Ärmeln verhakte sich im Türgriff und die dicke Sicherheitstür fiel mit einem zischenden Geräusch zu.

Der Killer legte die Leiche auf eine der Liegen, die man hier für den Ernstfall aufgestellt hatte. Dann ging er zurück zur Tür, aber bekam sie nicht auf. Es war wie verhext, aber was er auch versuchte, sie ließ sich nicht öffnen...

Der Killer wurde blass.

Er saß fest.

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6

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Die beiden Männer, die an Grotzkis Haustür klingelten trugen Kittel mit der Aufschrift 'Schlüsseldienst'. Der Jüngere der beiden klingelte bereits zum zweiten Mal und wurde schon ungeduldig. Aber es machte niemand auf.

"Vielleicht ist niemand zu Hause", meinte er.

"Dat kann nich sein!"

"Du siehst es doch!"

"Ey, wat issn ditte?", regte sich der Ältere auf und fuhr sich mit einer fahrigen Geste durch das schüttere Haar. "Diese Bonzen glauben doch immer, sie können machen, wat sie wollen! Dat ist wie bei uns früher inne DDR."

"Ja, ja..."

"Du weißt doch gar nich, wat dat is, Mustafa. Aber icke... Ick sach dir..."

"Sach lieber, was wir machen sollen."

"Ick hab einen anderen Termin extra abgesacht, weil's angeblich verdammt eilig war. Aber jetzt is der feine Herr nich da! Wunderbar! Echt wunderbar!"

"Immer cool bleiben, Horst!"

Horsts Gesicht bekam eine ungesunde dunkelrote Gesichtsfarbe.

"Wat hasse gesagt?"

"Verstehst du kein Deutsch?"

"Jetzt komm mir nicht so!"

"Ist doch wahr!"

"Pup mich nicht an, hörste? Ich kann dat nich haben!" Horst schüttelte den Kopf. Er atmete schwer und wischte sich über das Gesicht. Fast so, als könnte er damit auch seine Ärger hinwegwischen. "Handwerk hat goldenen Boden... Darüber kann ich echt nich mehr lachen. Wirklich!" Nach kurzer Pause fuhr er schließlich fort: "Ick habe jestern Nachmittag mit Herrn Grotzki telefoniert und er hat mir jesagt, dass er um diese Zeit zu Hause sei..."

"Vielleicht funktioniert die Klingel nich!" Der Jüngere ging ein paar Schritte seitwärts in Richtung des ersten Fensters. "Weswegen sind wir eigentlich hier, Horst?", fragte er dann.

Der Ältere lächelte. "Ein Leckerbissen für dich! Da kannste wat lernen, Mustafa. Es jeht um die Polung eines elektronischen Sicherheitsschlosses für die Tür zu einem Atomschutzraum."

"Polung?", fragte der Jüngere.

"Ja. Normalerweise funktionieren die Dinger so, dat sie sich von innen nur dann öffnen lassen, wenn außen keene Gefahr mehr durch Strahlung besteht. Aber wenn sie falsch jepolt sind, kann es passieren, dat sie jenau umgekehrt funktionieren und sich erst öffnen, sobald draußen alles verstrahlt ist!"

Der Jüngere hörte gar nicht mehr zu, sondern blickte wie gebannt durch das Fenster. "Ich glaube, wir rufen besser die Polizei", sagte er. "Da drinnen liegt 'ne Tote!"

ENDE

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DORNBUSCH - DIE NACHT BRICHT HEREIN

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von Margaret Kassajep

In alter Rechtschreibung

Dornbusch schlurft  nachts durch die Straßen und mordet und mordet. In seinem Pass der Stempel: „Harmloser Geistesgestörter!“

Die Prostituierte Rita darf nicht weinen, weil sonst die nasse Schminke ihr Gesicht versaut.

Schließlich ruht Dornbusch von seinen Taten auf der „Abendrot-Bank“ aus!

Wir haben ihn lieb gewonnen!

Kassajeps Roman ist ein makaberer Psycho-Thriller – kurios, gespenstisch und melancholisch. Verortet im Nebel der Weimarer Republik, dem Nazi-Regime und der Nachkriegszeit mit viel Berliner Lokalkolorit.

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22. August

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Bevor ich den Klingelknopf auf der Schildertafel drückte, sah ich die Straße entlang nach Westen. Die Sonne schon weg. Verschieden gefärbte Streifen liefen horizontal am gerade verlaufenden Ende hin. Ich wunderte mich über ein anemonenblaues Feld vor einem bandbreiten Orange einer Pampelmusenart. Ich drückte. Ein Schnarren erfolgte, ich stemmte mich gegen die Tür und trat in den gedämpft erleuchteten Hausflur. Ein Gebäude aus der Gründerzeit mit mächtig gewölbter Decke, stuckverziert. Eine feine Adresse schon immer! Die Fenster von gefärbtem Glas, kirchenähnlich! Meine Hände überzog buntes Flimmern. Rot darunter. Ich schmunzelte, wollte dieses Bunte an der Hose abstreifen, ließ aber solchen Unsinn sein. Links tat sich die Tür auf. Sie stand im Rahmen.

,,Hallo!“ sagte ich.

Sie stierte mich an.

,,Erkennst du mich wieder?“

,,J-aa!“

,,Ich bin gerade in der Gegend unterwegs!“ gab ich Bescheid.

,,Ach -“

,,Darf ich einen Moment rein?“

,,Ich- ich weiß nicht “ zischelte Vera. Sie sah hilflos drein. ,,Ich wollte dich zu einem Eis in die Kaiserallee einladen!“

,,Ach so!“  Vera trat zögernd zur Seite. Ich kannte den langen, dunklen Korridor. In einer Vitrine aus dem neunzehnten Jahrhundert lagen und standen Nippes in Menge. Auch ein Jade-Buddha, eine Figur aus Elfenbein und noch mehr dieser überflüssigen Gegenstände, auf denen sich Staub absetzte. Hinter Glas waren sie gut aufgehoben.

Vera bot mir im Wohnzimmer, das ich ebenfalls gut im Gedächtnis behalten hatte, den senfgelben Plüschsessel an, den ich seiner Farbe wegen hasste.

,,Dass du meine Adresse noch im Kopf hattest!“ wunderte sie sich. ,,Weshalb bist du plötzlich weggeblieben?“ wollte sie wissen.

,,Ich habe mir darüber den Kopf zerbrochen!“

,,Dein Kleid hat Blutflecken!“ meldete ich mich ohne auf ihre Fragen einzugehen.

Vera sah an sich herab.

,,Spassvogel! - Es sind aufgedruckte Päonien! Weißer Batist mit roten Päonien!“

,,Alles Rote lässt an Blut denken!“ ließ ich von mir. Und weiter:

,,Ich war mal zu Gast bei einer jungen Mutter. Ein Gewitter zog auf. Ich erinnere mich, dass die auch ein Kleid mit Blutflecken anhatte!“

,,Du hast dir schon immer zu viel Gedanken um solche Dinge gemacht! Du warst, offen gesagt, schon immer ein seltsamer Gast!“ warf Vera ein. ,,Du hast oft Sätze von dir gegeben, mit denen niemand was anfangen konnte. Hörst du noch Stimmen aus Bäumen oder sonst wo her, in denen sich keine Menschenseele aufhält?“

Diese Frage berührte mich unangenehm. Hatte ich ihr denn darüber berichtet? Ich konnte mich nicht daran erinnern.

,,Lebt deine Mutter noch?“ fragte Vera unvermittelt. ,,Da war doch mal was mit einer Katze! Ein Kindheitstrauma! Wir feierten zusammen Silvester. Du warst ganz schön vollgetankt, da hast du das mit der Katze von dir gegeben. Vielmehr Bruchstücke davon!“

,,Hör auf!“ sagte ich leise. Ich hörte wieder die Stimmen, die mich seit langem verfolgten.

,,Ist ja alles vorbei!“ begütigte Vera. Sie bot immer noch einen erfreulichen Anblick, obwohl sie über vierzig sein musste. Ich stierte auf die Blutflecken, die das Kleid bedeckten. ,,Was sind denn das für Flecken auf deiner Hose?“ wollte meine Mutter von mir wissen, als ich von der Hasenheide heimkam. Wir wohnten damals in der Nähe,  da waren die Wohnungen billig, wenn auch meine Mutter dagegen war, dass ich mit den Jungens dort spielte.

,,Und zu was hast du da den Bogen gebraucht? Der ist doch nicht deiner? Von wem hast du den?“

,,Ich habe ihn aus Versehen mitgenommen!  Ich werde ihn morgen zurückgeben! Wir haben nach was geschossen!“ –

„Gehen wir zu Giorgio in der Kaiserallee!“ schlug Vera vor. ,,Ich glaube, ein Gewitter zieht auf. Aber er hat auch drinnen genügend Platz. Er hat das beste Eis! Als du damals so plötzlich von der Bildfläche verschwandest, rückte mir der alte Weingeber auf den Pelz, als ich allein bei Giorgio saß!“

„So!“ machte ich. Ich kannte keinen alten Weingeber.

,,Der war verheiratet!“ fuhr Vera fort. ,,Die Frau starb dann an Krebs, und er machte mir einen Heiratsantrag. Aber ich wollte nicht!“

„So!“ wiederholte ich. Die Blutflecken auf Veras Kleid machten mir so zu schaffen, dass ich mit dem rechten Augenlid zu zucken anfing. Ein schlechtes Zeichen. Ich kaute auf der Oberlippe herum und rieb meine Handflächen aneinander.

,,Da muss es noch eine Menge Fotos von uns geben!“ brachte ich hervor. ,,Vom Tegeler See. Wir zwei in einem Boot. Es war ein schöner Sonntag!“

„Ach ja!“ kicherte Vera. Sie begab sich zu einem Schrank, kramte und zog ein Fotoalbum hervor. Nun nahm sie neben mir Platz, blätterte in dem ziemlich umfangreichen Band, dessen durchsichtige Zwischenblätter raschelten, und deutete auf dieses und jenes Bild. Ich bemerkte, dass ihre Fingernägel genau auf das Päonienrot ihres Kleides lackiert waren. Ich fing zu zittern an und entsann mich dieses Zitterns vor einigen Jahren, als ich einem Huhn den Hals durchschneiden musste. Es schrie gottserbärmlich, und ich dachte an die Katze. Zugleich daran, dass niemand mich das Haus und die Wohnung Veras hatte betreten sehen.

Ich reiße an Veras Ausschnitt, zerre das verdammte Blutfleckenkleid runter, Veras Pupillen platzen. Der Stoff zersplittert. Sie liegt im Hemd vor mir. Wir schreien auf als sähen wir ein Monster aus der Ecke auftauchen. Ich stoße mein Glied in sie, ihre Schenkel öffnen sich. Möglicherweise hat sie seit längerem nichts mehr zwischen ihnen gehabt. Wir röhren Mund an Mund. Unsere Zähne knirschen aufeinander. Als wir fast zusammen den Orgasmus haben, ist die Idee geboren. Ich greife mit beiden Händen nach ihrem Hals. Vera haucht „Du – du – “ Vom Fenster her trifft sie der feine Goldregenstaub der Abendsonne des Südwestkorsos. Ein letztes Luströcheln. Ich sehe das Leben an mir vorüberrinnen. Viele Wesen mit Armen, Beinen, Köpfen.

Eine Viertelstunde später begab ich mich ins Bad und wusch meine Hände, obgleich kein Blut geflossen war. Ich betrachtete mich im Spiegel über dem Waschbecken. Mein rechtes Lid zuckte nicht mehr, aber mein rechter Mundwinkel hing etwas nach unten. Sorgsam trocknete ich mir die Hände. Bevor ich die Wohnung verließ, warf ich einen letzten Blick ins Zimmer zurück, in dem Veras unordentlicher Körper lag. Ich wurde blass. Beinahe hätte ich eine folgenschwere Unterlassungssünde begangen. Ich trat herzu, klappte das noch aufgeschlagene Fotoalbum zu und verwahrte es im Schrank an der Stelle, von der es Vera genommen hatte. Mein Blick streifte flüchtig einen rechteckigen flachen Gegenstand unter dem Tisch ohne ein Warnsignal ans Hirn weiterzuleiten. Ich verließ die Wohnung. Kein Mensch begegnete mir. Es konnten Tage vergehen, bis man sie fand. Durch die bunten Scheiben des Flurs fiel jetzt das Licht einer Straßenlaterne. Es glühte in den Messingknäufen des Geländers, auf den Fliesen des Bodens. Es war etwas Lebendiges, das kriechen und schlängeln konnte und eine Schleimspur hinterließ. Ich betrat die Straße. Ja, es würde ein Gewitter geben. In den Ästen der Allee war ein Wühlen zugange. Pfeifend fuhr es in die Drähte über den Trambahngeleisen. Einer Frau schlug es die Röcke nach oben. Sie strich alles wieder glatt. Nach einigen Minuten erreichte ich die Kaiserallee und es stieg eine enorme Genugtuung in mir hoch. Die Kellner standen unschlüssig herum, die meisten Gäste hatten sich verzogen, doch es fiel noch kein Regen, und die Tischdecken waren durch Klammern vorm Davonfliegen gesichert.

Ich spürte einen brennenden Durst, als wäre ich der Wüste mit letzter Kraft entkommen, und setzte mich auf einen Stuhl neben einem bepflanzten Kübel. Ich hatte Zeit. Niemand wartete auf mich. Meine Mutter, die so penetrant nach der Katze in Zusammenhang mit Pfeil und Bogen geforscht hatte, lag auf dem St. Matthias-Friedhof. Ein würdiger Stein schmückte ihre letzte Ruhestätte.

Der Kellner eilte herbei. Ich war versucht, eine Tasse heißen Tee zu bestellen. Aber an einen Gast, der in einem gerade aufziehenden Gewitter einer Augustnacht heißen Tee gewünscht hatte, würde man sich bis ans Ende der Zeiten erinnern.

„Ein Bier bitte!“ Ich drehte mein Gesicht von der Beleuchtung weg, die heftig im Wind schwankte und Schatten an die Hauswand warf. Ich trank gierig und fixierte über den Rand des Glases hinweg Passanten, Autos, Busse der BVG, auch Touristenbusse, alles, was an mir vorbei rauschte, glitt, rollte, trabte. Ein Blitz zischelte mir etwas ins Ohr. Ich zählte bis drei. Da krachte der Donner hintendrein. Ich sah Vera vor mir. Sie lächelte. Ich fand alles in Ordnung. Ich hörte die Stimme, die ich kannte. Heute sprach sie mit einem sächsischen Tonfall. Das war mir neu. Ich trank das Bier aus und zahlte. Endlich kam der Regen. Ich stellte mich unter einen Baum und sehnte mich nach der Pappel im Schönhauser Schlosspark, unter der alle Stimmen schwiegen. Nur unter dieser einen Pappel im ganzen Erdrund bin ich gefeit vor dem nörgelnden Organ.

Als der Regen nachließ, trabte ich an, sprang auf einen anfahrenden Bus. Ein bemaltes Weib glotzte mir bis tief hinter die Iris. Am Kurfürstendamm steuerte ich dem Bahnhof Friedrichstraße zu. Die an- und abschwellenden Reklamelichtbündel taten meinen Augen weh.

„Na, Kleena!“ säuselte eine. Sie hielt eine Bockwurst in der Faust, die sie eben von einem Würstchenmann erstanden hatte. Ich tappte in eine Pfütze und platschte sie voll. Ich hatte es eigentlich nicht gewollt.

„Sau!“ bedachte sie mich mit vollem Mund. Ihr Gesicht glänzte blutrot von einer Asbach Uralt-Reklamelichtflut, alle sieben Sekunden an- und abschaltend.

„Hinterm Bahnhof an der Spree. Da hab ich ne Bleibe bei ner Hausbesorgerin! Zwei Mark, weil heut’ Freitach is!“

Ich folgte ihr um einige Ecken herum. In einem Haus, dessen Haupteingang von Karyatiden gestützt war, sperrte sie eine unscheinbare Tür linkerhand auf, über der zu lesen war: „Eingang für Lieferanten! Betteln und Hausieren verboten!“ Es ging zehn Stufen in das Souterrain hinab. Die, die sich eine Bockwurst geleistet hat, öffnet eine weitere Tür und dreht an einem Schalter. Da steht ein eisernes Bettgestell, von dem die Emaille abblättert und der Rost am Werk ist. Die nackte Birne zeigt außer der Bettstatt nur noch einen Stuhl von rohem Holz. Ich wundere mich über der Armseligkeit in der Behausung im feinen Viertel, aber die Armut ist ein fressendes Leiden, das unersättlich um sich greift. Das Mädel legt sich flach, nachdem es sich unten freigemacht, das hieß, den engen Rock runtergelassen hat. Die Strapse hingegen bleiben an den Hüften.

„Nicht an die Haare!“ mahnt das Ding mich. Ich will nicht an die, sondern schiebe ein und komme auch. Ich zahlte und nahm die zehn Stiegen wieder. Eine Vettel in Schürze und Schlappen besah mich auf halbem Weg. Sie zerrte einen Kohleneimer voll mit Briketts, wahrscheinlich für Herrschaften aus der Beletage, die vom Treiben im Keller nichts mitbekamen.

Um halb ein Uhr nachts langte ich bei meiner Pappel an. Es herrschten noch etwa achtzehn Grad, und wieder regnete es mit Flüsterstimmen. Ich lehnte mich an den Stamm, und ein trockenes Schluchzen würgte mich. Im Morgengrauen kam ich heim. Würde der Mann in dunklem Zeug, der nie ein Wort sprach, wieder auf dem ersten Treppenabsatz stehen?

Ich bog um den Absatz. Klar, da wartete er auf mich im schwarzen Mantel. Bleiche Hände sahen unter den Ärmeln hervor. Der Hut, ein Rabbi-Hut, ein chassidischer Hut, saß gerade über den Ohren. Eine große Nase ragte darunter hervor.

„Guten Tag!“ sagte ich. Natürlich antwortete er nicht.

„Ihre Unhöflichkeit wird nachgerade Stadtgespräch!“

Er tat keinen Mucks.

„Haben Sie überhaupt einen Namen?“ erkundigte ich mich, obwohl ich den kannte. Er nannte sich Gog.

„Wo kommen Sie überhaupt her?“ schnob ich. „Aus Brandenburg, der Mark? Aus Pommern?“

In diesem Augenblick ging eine Tür. Ein Mann wurde  sichtbar. Herr Frowein, eine Aufsichtsperson bei der Behörde. Er grüßte kurz, sah aber an meinem Schwarzen vorbei, nahm die Treppe nach abwärts. – Die Beleuchtung erlosch. Vom Treppenfenster her sickerte es fahl. Herr Frowein stolperte und stieß einen Fluch aus. Dann musste er den Knopf gedrückt haben, denn es wurde wieder hell.

Mein Schwarzer stand nicht mehr da. Ich hatte es schon mal erlebt! Im Flur der Wohnung, in der ich ein Zimmer gemietet hatte, traf ich auf die Wirtin. Ich durfte sie mit ihrem Vornamen Gertrud nennen. „Wieder mal spät geworden!“ scherzte sie. Ich erwiderte nichts, steuerte meiner Tür zu und ließ mich mit allem, was ich anhatte, aufs Bett fallen.

Zum Zimmer gehört ein winziger Balkon. Aber dennoch kann Dornbusch, ans Geländer gelehnt, den Blick hinaufwerfen bis zu den Sternen und Sternenhaufen. Ein Geschenk des Himmels, wenn ihn die Angriffe von unten zerstören wollen. Was denkt sich die Kaminsky eigentlich? Sobald ihr Licht erlischt, zieht Frieden in seine Seele ein. Von der Schönhauser her Wellen von Empfindungen, die manchmal wie aus einer Spieluhr trällern. Dann hält die Straße den Atem an. Dann hustet sie aus sich heraus. Lunge angegriffen. Kein Wunder! Die Hochbahn grollt wie ein Bär.

Es gibt Augenblicke auf diesem Balkon, da tritt Dornbusch aus sich heraus wie die Schlange aus ihrer alten Haut. Er meint, Sterne, ganze Milchstraßenströme und Systeme in ihrem Innersten erkannt zu haben. Wie sie sich spreizten und pulsierten und von sich so eingenommen war’n wie ganz große Vorausseher und Deuter. Respektvoll verbeugt er sich nach allen Seiten, wedelt mit erhobener Hand in den Kosmos hinein. Ja, alles war groß gedacht, weitgeschwungen und bauschend. Er, Dornbusch, muss sich glücklich wähnen, ein Teil dieses großartigen Verbundes sein zu dürfen. Ein Splitter und Span. Zappelndes Etwas mit Hirnwindungen und Sehvermögen.

Wieder vollführt Dornbusch eine Verneigung vor den Kräften und Mächten um ihn und über ihm, voller Ergriffenheit der listigen Idee des Schöpfers gegenüber, vor den Akt der Zeugung die Lust zu setzen. Ehrlich gesagt, wer hätte sich aus freien Stücken einem solch geistlosen Geschäft hingegeben, wenn ihn nicht ein besonderer Trieb dazu gedrängt hätte! So ein gewitzter Bursche, dieser Schöpfer! Es muss ihn, allein von diesem Fakt her gesehen, geben! Nur ein intelligenter Wille mit hohem Sinn für Zusammenhänge, Logik und Witz konnte solches bewerkstelligen.

Wieder macht Dornbusch ins Unbestimmte hinein einen sogenannten Diener, wie er als Knabe, von der Mutter angewiesen, den Erwachsenen gegenüber getan hatte.

Diese allumfassende Ordnung und Gesetzmäßigkeit konnte einen schon ergreifen und bewegen. Diese erzene Zwangsläufigkeit ließ einen schon in den Grundfesten wanken und in Demut ganz klein werden.

„In solchen und ähnlichen Augenblicken,“ merkt Dornbusch an, „spüre ich den Wind aus anderen Welten deutlich an meinen Schläfen hinstreichen und mahne mich an, ein Gutmensch zu werden. Es war noch nicht zu spät! Noch konnte ich die Richtung wählen, vorwärts machen auf dem Pfad, den alle gingen: Der Schuster im zweiten Haus links, Tiefparterre, die Witwe, die ihre Geranien goss, der Hinkebein, der einen Obstkarren schob!“

Eine Glocke! Die Tonnenmänner. Das Pferd vor dem Müllwagen scharrt kurz mit dem Huf. Der Tag nimmt Gestalt an und das Gestrige ist von gestern und keinen Pfifferling mehr wert, und auch der Hahn hat irgendwo dreimal gekräht, und einer hat seinen Bruder dreimal verraten, ans Messer geliefert.

Ein Sonnenfinger bohrt sich in mich hinein. Dann beginnt der Trompeter ein Trompetenlied. Er wohnt schräg über mir. Immer bin ich mir im unklaren über mich selbst. Bin ich es oder bin ich ein anderer? Fragen über Fragen. So werden Ängste geschürt, aufgeblasen, zu Monstern, Waranen, die mit lächelndem Maul Axishirsche verschlingen, nachdem sie sich ihnen freundschaftlich genähert hatten. So und nicht anders spult alles ab, du Daddeldu! Alle verdauen ja still hinter den Gardinen. Der Goldpreis steigt, der Dollar stabilisiert. Es steht noch alles im Umkreis von fünf Meilen wie gestern, und das nennt man Zufall. Man verbreitet Gräuelnachrichten über die Tauben. Sie sollen sogar am letzten Krieg schuld tragen, teils absichtlich, teils aus einer Verkettung unglücklicher Umstände heraus. Ihr dunkeldumpfes Gurr-gurr von der Dachtraufe gegenüber herunter! Ihr Rucksen und Gucksen wenig überzeugend. Kinder, missfarben und mit verzogenen Mündern, verscheuchen sie mittels Händeklatschen und Geschrei, auch Fäusteballen und so. Sie üben für den Ernstfall und küssen schon mal zur Probe Ratten auf die Schnauze.

Die Sonne wandert stetig. Ich höre den Waran sich unter dem Schrank hervorarbeiten.

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1. September

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Die Gerichtsmedizin hat die Leiche freigegeben. Ich habe aus der Todesanzeige, die anscheinend Verwandte in die Morgenpost setzen ließen, Zeit und Ort der Beerdigung erfahren und erschien pünktlich an der Stelle, von der aus sich der Leichenzug in Bewegung setzen sollte. Ich hatte dunkles Zeug an, einen schwarzen Hut mit Kreppband trug ich in der Hand, desgleichen einen Regenschirm, ebenfalls in Schwarz. Ein Trüpplein von elf Personen folgte dem Sarg. Man musterte mich. Ich kannte niemanden von ihnen. Der Karren, auf dem der Eichensarg lag, knirschte auf dem Kies, der Pfarrer schritt gesenkten Hauptes einher. Manche trugen Blumensträuße. Auf dem Sarg selbst befand sich ein Kranz mit Bändern, auf denen mit Goldschrift etwas stand.

Der Weg zog sich hin. Ich hatte mir für diesen Tag nichts weiter vorgenommen. Mit der steigenden Sonne nahm die Wärme zu. Ich knöpfte den leichten Mantel auf. Die Fläche eines, wie ich annahm, künstlichen Sees belebten Wildgänse und Blauenten, die einige Male mit dem Kopf nach vorwärts ins Wasser tauchten, den Bürzel in den Himmel gereckt. Man sagte Gründeln dazu.

Am Grab angelangt scharte man sich locker um die Grube, über die man Querbalken gelegt hatte. Der Geistliche, ein junger Mensch mit schwarzen, nach hinten gebürsteten Haaren und randloser Brille, faltete die Hände und begann von der Abgeschiedenen als von seiner Schwester zu sprechen, die vor der Zeit von dieser Erde genommen worden sei. Und er zählte einige Daten auf. Links von ihm stand eine ziemlich bejahrte Frau im schwarzen Tuchkostüm. War sie die Mutter Veras? Ich hatte nie jemanden aus ihrer Verwandtschaft je zu Gesicht bekommen. Die Frau stand still mit verschränkten Händen vor sich hinsehend. Eine einfach gekleidete Person sah aus, als wäre sie die Aufwartefrau gewesen, die im Westen der Stadt dreißig Pfennige, im Norden hingegen fünfundzwanzig Pfennige in der Stunde erhielt. Man konnte sich dafür fast dreißig Schribben leisten, oder die gleiche Menge Zigaretten. Ein jüngerer Mensch in Sachen, die absolut nicht für ihn geschneidert waren, fixierte mich unaufdringlich. Ich wusste, dass Vera einen Bruder hatte, einen Lehrer in einer höheren Schule. So sah er aus. Der Pfarrer endete mit einem würdigen Satz aus dem alten Testament, die Totengräber ließen den Sarg an Stricken langsam in die Grube gleiten, alle traten nacheinander heran und warfen eine bereit gestellte Schaufel voll Erde, auch Blumen, hinterdrein. Der jüngere Mann gesellte sich zu der Frau, die ich für die Mutter Veras hielt, und beide taten zögernde Schritte auf mich zu.

„Haben Sie meine Schwester gekannt?“ wandte der Mann sich an mich. „O ja“ nickte ich mit ernster Miene. „Ich habe jahrelang bei ihr Englisch-Unterricht genommen. Sie war eine vorzügliche Lehrerin! Ich spreche fast akzentfreies Englisch dank ihrer Bemühungen!“

„Sie ist dahingegangen, als wäre sie nicht gewesen!“ kam es von der Frau. „Kein Kind bleibt von ihr. Nichts! Man wird sie vergessen, als habe sie nie gelebt, und sie war so reich begabt. Sie malte ja auch!“

Das war mir bekannt. Ich besaß sogar eines ihrer Aquarelle. Eine Landschaft, hügelig, in der ein Bach floss.

„Ein schrecklicher Tod!“ murmelte die Mutter dumpf.

„Ja!“ bestätigte ich.

„Wie haben Sie vom Termin des Begräbnisses erfahren?“ erkundigte sich der Bruder.

„Ich las die Todesanzeige in der Morgenpost!“

„Ah ja!“

„Als wäre sie nie gewesen!“ wiederholte die Mutter, über mich hinweg in die Ferne sehend, in ein Unbestimmtes, das keinen Namen hatte. Ein Rabe hüpfte in der Hoffnung, etwas vorgesetzt zu bekommen, näher. Die anderen Trauergäste setzten sich zum Friedhofsausgang hin in Marsch. Man hatte Abschied genommen. Alles hatte sich nach Brauch und Überlieferung abgespielt. Der Sohn und die Mutter begannen ein Gespräch, aus dem hervorging, dass der Mörder Veras gefasst sei. Ein Vertreter, der sich Zugang zur Wohnung verschafft hatte. Der Rabe hüpfte uns einige Schritte lang nach, blieb unschlüssig am Platz und spazierte in die Wiese hinein.

Aber hinter dem Raben sichtete ich jemanden. Nämlich den Zeume von der BZ am Mittag, den ich am Grab  nicht ausgemacht hatte! „Na,“ tönte ich. Seine scharfen Brillengläser taten mir weh. „Na also!“ feixte Zeume. „Man trifft sich ja an manchen Orten!“

„Die Welt ist klein!“

„Besonders Berlin!“

„Man muss das Beste draus machen!“ rieb ich ihm hin. Er dachte über den Satz nach, ohne augenscheinlich einen besonderen Sinn in ihm zu finden. So nickte er.

„Haben Sie die Verblichene gekannt?“

„Vor Jahren!“

Ich sah es hinter Zeumes Stirn arbeiten, war ihm jedoch in keiner Weise behilflich, seine Neugier zu befriedigen. Ich sah auf meine Taschenuhr, die ich im dafür vorgesehenen Fach der Weste trug. Von Gold, mit Sprungdeckel und einer Gravur, die die Anfangsbuchstaben des Namens meines Vaters zeigten.

„Ich werde erwartet!“ bedeutete ich Zeume. „Nichts geht über ein Mittagsmahl in angenehmer Gesellschaft!“

„Ah so!“ Zeume sah mir tief in die Augen.

„Ich muss in die Halle zurück!“ setzte er hinzu. „Da wartet eine Leiche aus dem Tegeler See auf  mich!“

„Sie wird ihre Gründe dazu haben!“ scherzte ich.

„Sehr konkrete!“ bestätigte Zeume. „Man schmiss sie ins Wasser, als sie bereits tot war!“

„Na dann!“ schloss ich die Unterhaltung. „Aller Wahrscheinlichkeit nach weilt der Mörder wie üblich unter den Trauergästen!“

„Ich ersehne es!“ Zeume winkte mir abschiednehmend zu. Die Sonne knallte jetzt richtig herunter. Ich wollte ein Bier.

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16. September

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Ich klopfte, trat ein. Wiltrud saß schon aufgerichtet im Bett, ein dickes weißes Kissen im Rücken. Seit einigen Jahren war sie rechtsseitig gelähmt. Die Ärzte wussten keine Erklärung dafür. Sie hielt bereits eine Fotografie ihrer Tochter Marga in der zittrigen Hand. Von Marga fehlte seit einigen Jahren jede Spur. Wo war sie? Vielleicht hielt sie sich in der Stadt irgendwo verborgen? Lag sie im Tegeler Forst unter einer Laubschicht? Arbeitete sie in Sydney als Kellnerin?

Wiltrud nahm ein Foto nach dem anderen aus einer Schatulle auf, besah es und legte es wieder beiseite.

„Das kennen Sie noch nicht!“ rief  sie mir entgegen und hielt mir eines vor. – Ich beguckte die Aufnahme, die ein winziges Wesen im weißen Kleid auf einem scheckigen Holzpferd zeigte. Im Hintergrund stand ein geschmückter Christbaum mit brennenden Kerzen, die sich in den Kugeln widerspiegelten.

Ich nahm neben dem Bett Platz.

„Weil sie mich gehasst hat, muss ich sie lieben!“ säuselte Wiltrud. Sie stierte auf das Ding im weißen Kleid auf dem Apfelschimmel von Holz. Die Schwester Gertrud trat ein, für mich eine Tasse Tee auf einem Tablett bringend.

„Die Kaminsky hat sich erhängt!“ berichtete sie. „Ich sah sie hinter der Gardine in der Luft schweben. Männer schnitten sie ab und legten sie gleich in den mitgebrachten Sarg!“

Ich hob den Blick. Das Zimmer der Kaminsky mündete in einen Hof, und vis à vis sah man Fenster, teils geöffnet, teils geschlossen. Hinter einem von ihnen hatte die Kaminsky gewohnt.

„Was ist heute bloß los!“ meldete sich Gertrud wieder. „Das Radio meldet eine Leiche in Charlottenburg. Den Mörder haben sie auch schon! Einen Vertreter. Einen, der zur Probe staubsaugt und ein Geschäft abschließen will!“

Ich setzte die Tasse an den Mund.

„In Charlottenburg?“ fragte ich.

„Ja, Charlottenburg!“ bestätigte Gertrud.

Die Kranke kramte in der Schachtel mit den unzähligen Bildern und zeigte ein weiteres Foto der verschwundenen Tochter.

„Marga auf dem Wannsee!“

Ich erhob mich, verabschiedete mich. Auf der Straße hielt ich einen Zeitungsjungen auf, der einen Packen BZ am Mittag schleppte.

„Leiche in Charlottenburg!“ lockte er.

„Ja, ja!“ Ich erstand ein Exemplar, das ganz frisch nach Druckerschwärze roch, und begann zu lesen. Die Sonne schien schon stark auf die Welt, die Fußgänger schoben aneinander vorbei, ein Gaul zog eine Müllkutsche, die Tram Nr. 175 klirrte heran.

Ich ließ mich auf einer Anlagenbank nieder und verfolgte das Rinnen des Brunnens von einem Schwanenschnabel hervor in ein Becken, in dem welke Blätter trudelten. Ich übe keinen Beruf mehr aus. Die Ärzte haben mir bescheinigt, nicht nur mir, sondern auch der übergeordneten Behörde, dass ich eines Gemütsschadens wegen in Frühpension geschickt worden sei! Einweisung in eine Anstalt hingegen nicht nötig!

Ich vernahm hinter mir ein Geräusch und drehte mich um. Ein Holunderbusch mit schon schwarzen, heftig glänzenden Beeren wie Vogelaugen stand da.

„Hallo!“ murrte ich.

Die Stimme meldet sich: „Es senkt sich das Kreuz herab und es wird nach dem Sünder geforscht und auf ihn geschossen!“

„Is ja gut! Is ja in Ordnung!“ entgegnete ich, die Zeitung faltend und in die Jackentasche schiebend. Ein Amselmännchen hüpfte herbei, sang aber nicht. Der Frühling lang hinüber! Ein Schupo trabt heran, fixiert mich, stutzt, stockt den Fuß vor mir. Wir kennen uns. Ich hatte vor kurzem auf der zuständigen Wache wegen der unerträglichen Belästigung durch einen, wie ich annahm, Wirth’schen Antriebswellenapparat, vorgesprochen. Auf dem Weg am jüdischen Friedhof zur Greifswalder Straße wurde ich durch ein elektrisches Kraftinstrument angegriffen. Und zwar wurden mir Schläge gegen den Kopf versetzt, Unerhört! Als Täter kommt ein Individuum in Betracht, das mit den Lebensgewohnheiten des Betroffenen, also mir, bestens vertraut ist, eventuell durch Sichtkontakt über ein vis à vis gelegenes Fenster her. In diesem Zusammenhang nannte ich den Assistenzarzt Dr. Premm vom Institut für Hirnforschung in Buch, sowie den Kalfaktor Teckertrum. Vielleicht handelt es sich um unberechtigte Erprobung respektive Hantierung mit geheimen Waffen! Ich höre Stimmen, die sich nähern und sich wieder entfernen, ohne einen klaren Sinn im Gesagten zu erkennen. Schließlich sank ich kraftlos an der roten Umfassungsmauer des Friedhofes zu Boden. Um schleunigste Untersuchung würde gebeten.

Der Inspektor der Wache kramte in Akten. Die kannte ich auch: „Der vorzeitig pensionierte Anselm Dornbusch, zeitweise in der Heilanstalt Buch festgehalten, manische Depressionen, Zwangsvorstellungen infolge eines Kindheitstraumas. Er sprach immer wieder von einer Katze, die er mit Pfeil und Bogen töten habe müssen.“ (In Wirklichkeit war ja Vera die Katze gewesen! Das habe ich aber niemandem auf die Nase gebunden). „Dornbuschs Wahnvorstellungen ebbten dann ab. Man entließ ihn. Er gab zu keinerlei Ärgernissen Anlass. Mittelgroß, gerade Haltung, graue Augen, aschblondes, rechts gescheiteltes Haar. Hageres, ovales Gesicht. Eine kaum wahrnehmbare Narbe an der rechten Stirnseite. Ab und zu blaue Schutzbrille. Korrekte Kleidung. Ein nüchterner Mensch, der weder raucht noch trinkt.“

Schließlich wollte der Inspektor wissen, wer mich denn dazu gebracht hatte, die Katze zu töten.

„Ich ging,“ eröffnete ich ihm, „so weit ich mich erinnere, in die Quinta. Ich war ein ruhiger Knabe. Ich wollte kein Held sein! Benno Sommerkorn aber zwang mich dazu. Er drückte mir einen Bogen, einen Pfeil in die Hand. Er sagte: „Töte sie!“

Der Inspektor warf hin: „Sie waren Soldat?“

Ich nickte. Der Inspektor:

„Da konnte Ihnen doch eine Katze wenig bedeuten. Die Geschichte mit der Katze muss doch in Ihnen untergegangen sein wie – wie ein angebohrter Kahn!“

Ich: „Es schien nur so! Ich glaubte es auch. Aber es handelte sich dabei um eine Mutprobe! Die musste ich bestehen. Ich wollte doch kein Feigling sein!“

Der Inspektor der Wache nickte bedächtig. Er war Preuße wie ich. „Und eines Abends,“ berichtete ich weiter, „– die Dämmerung fiel ein, ich stand am Fenster meines Zimmers, ich wandte mich um –, da sah ich zum ersten Mal den – den Lurch. Ein Tier! Auf hohen, schwankenden Beinen. Eine Art lächelnden Waran. Haben Sie schon mal einen Waran lächeln gesehen?“

Der Inspektor schüttelte den Kopf.

„Seien Sie froh! Er, der Lurch oder Waran, hatte einen glatten, grauen, prallen Leib. Er musste gerade gefressen haben. Er ist Fleischfresser! Er stand still da! Die Höhe betrug etwa fünfzig Zentimeter!“

Der Inspektor: „Donnerwetter! Enorm!“

Ich: „Was hatte es zu bedeuten? Ich verließ das Zimmer, irrte in der Umgebung umher, bis mich ein Regen zurücktrieb. Ich ließ die Nacht über das Licht brennen. Ich vermied, an jene Stelle zu sehen, an der der Waran – oder Lurch – aufgetaucht war. Gegen Morgen zu nahm ich ein Schlafmittel. Einige Tage vergingen. Der Waran zeigte sich nicht mehr. Ich beruhigte mich. Dann schälte er sich abermals aus dem Nichts hervor.“

Ich machte eine Pause.

„Wie alle höllischen Geschöpfe liebte er die Dämmerung. Die halbe Nacht. Er stand im Winkel zwischen Bett und Kommode. Ich hatte nicht mehr an ihn gedacht. Ich glaubte im ersten Moment, es sei ein Möbelstück, das man aus Versehen in mein Zimmer gestellt hätte. Dann lief ein Zittern über seinen Körper. Seine langen, knochigen, grauen Beine rührten sich. Der pralle Körper schwankte in den Gelenken. Er bewegte sich, kam auf mich zu. Mit einem Satz erreichte ich die Tür und flüchtete auf den Korridor, die Straße. Ich irrte fast die ganze Nacht umher, hielt mich in Parks und Anlagen auf und fiel, wenn die Müdigkeit mich übermannte, auf Bänke. Hörte die Uhren schlagen. In einem Schrebergarten krähte ein Hahn. Da wagte ich den Heimweg anzutreten.

In der Folge verschlimmerte sich mein Zustand mehr und mehr. Man sagte mir, dass ich fremde Leute auf der Straße angesprochen hätte. Dass ich mit den Händen gestikulierte. Ich ging aus freien Stücken nach Buch. Dr. Premm von der Hirnforschungs-Abteilung unterhielt sich mit mir eingehend. Ich bekam Tabletten. Ich wurde beobachtet, behandelt. Ich wurde ruhiger. Ich kehrte in die Wohnung zurück, in der die Schwestern hausten, Wiltrud und Gertrud. Cantianstraße vierundfünfzig. Links von der Schönhauser Allee abgebogen. Das Zimmer war groß und dunkel –“

„Der Waran war wieder da?“ wollte der Inspektor wissen. Er spitzte einen Bleistiftstummel nochmal an. Die Preußen waren sparsame Leute.

„Auf dem Treppenabsatz steht ab und zu ein Mensch in schwarzem Zeug!“ ließ ich ihn wissen. „Ein Mensch voller stummer Vorwürfe. Er nennt sich Gog! Vielmehr glaube ich zu wissen, dass er Gog heißt!“

„Gog!“ wiederholte der Inspektor lapidar. „Und nur auf der Treppe?“ „Nur auf der Treppe.“

„Und stumm?“

„Total!“

Der Inspektor klopfte mit dem Bleistiftstummel auf die Schreibtischplatte.

„Gelingt es Ihnen nicht, sich von diesen Wahnvorstellungen freizumachen? Gehen Sie in einen Turnverein! Suchen Sie sich Stammtischfreunde, Kegelbrüder!“

„Ich habe einiges dagegen unternommen! Ich redete mir eindringlich zu. Ich sagte zu mir: Dieser Waran – oder Lurch, ist nicht wirklich! Er ist nicht vorhanden. Er besteht aus einigen kurios fallenden Schatten.

Oder aus Phantasie und Stuhlbeinen – .“

Der Schupo, den ich von der Wache her kenne, trabt weiter. Ein städtischer Gärtner harkt um ein Rosenbeet herum die Erde locker. Das macht er gut. Ich schlendere einer einfachen Kneipe zu, verzehre dort Erbsenbrei mit Wurst. Trink ein Bier dazu.

Dornbusch hat manchmal das Verlangen, in eine leere Kirche einzutreten. Nur so, um sich umzusehen und zu horchen, ob da Kräfte am Werk sind. Gute natürlich, die ihn abschirmen von der Meute draußen. Er drückt die schwere Tür, das Portal, auf. O war es mühselig, zu IHM zu gelangen. Und dann drin der Ort der Begegnung mit  IHM! Das muss doch möglich gemacht werden! Der muss doch weich gemacht werden!

Ein Klingeling aus Messing zu Seiten des Hochaltars. Hortensien beten bläulichrosa über bleichem Leinen, mit Spitzen eingefasst. Eine Betschwester wallt schwarzweiß auf dem Mittelgang hin, ganz und gar ins Wesen des Herrn Jesum verzahnt. Weinlaub, um den Turm gewunden. Eine scharfe Brille trägt sie. Von den bunten Kirchenfenstern fällt die Heilige Familie am Kripperl in die Knie. Sehr alte Fenster, fünf Meter hoch, bleigefasst. Mag Gott überhaupt, dass man ihn mit Du anredet wie einen Buben? Er ist doch der Lord, Mr. Universum!

Dornbusch schiebt sich an einer Bank entlang zur Mitte. Gestühl heißt es. Vor den Beichtkabuffs an der einen Längsseite hängen grüne Tücher. Da kniet eine.

Dornbusch glaubt, dass die Meute, die draußen auf ihn lauert, nicht zu ihm rein darf. Der Raum ist gefeit! Nur singen und beten, den Leib Christi empfangen, Hosiannah!

Freut euch!

Es gibt ein Reich über den Schornsteinen und Wolkenkratzern und Bombengeschwadern, die zu einem Feind donnern.

Dornbusch faltet die Hände und legt sie vor sich auf die dunkel gebeizte Betbank. Weshalb kann man nicht für immer hier bleiben und keine Sünden mehr begehen? Hat er überhaupt welche begangen?

Der kleine Gott in ihm horcht nach dem großen Gott im Kirchenschiff hinaus.

Die Frau auf dem Beichtstuhl ist ihre Sünden losgeworden und schreitet einher, mit der Buße von zehn Vaterunsern und einer Spende für den Klingelbeutel bedacht. Das lässt sich machen. Hauptsache man glänzt wie frisch geprägt und mit dem Silberputztuch nachpoliert! Sie hat auch Hochwürden versprechen müssen, die Sünde der Unkeuschheit an sich selbst und allein nicht mehr zu begehen. Träume freilich, die sind straffrei! Für die kann ein Christenmensch nichts. Und es gibt für einen Katholen viele inbrünstige Träume. Sogar mit dem Geschwänzten darf man es da treiben bis zur brüllenden Lust. Man war ja noch in den besten Jahren!

Dornbusch freut sich über die satten Lichtspiele, die den Boden entlang hüpfen. Das alles hat irgendwie mit IHM  zu tun.

Ich dachte wieder mal an den Tag, an dem mir der Sommerkorn Pfeil und Bogen in die Hand gedrückt hatte. „Wie siehst du denn aus!“ rief meine Mutter, als ich die Wohnung betrat. Ich kam von der Hasenheide, in deren Nähe wir damals wohnten. Mein Hemd tropfte noch, die Haare klebten mir nass an Stirn und Schläfen. Meine Handrücken wiesen blutige Kratzspuren auf.

„Ich bin in den Regen gekommen!“

„Aber es gab doch keinen Regen!“

„Doch! Ein kurzer Schauer ging nieder!“

„Und das Blut an deinen Händen?“

„Ich habe mich an Draht gerissen, der da im Gras lag!“

„Es sieht so aus, als stammte es von einer Katze!“ beharrte meine Mutter.

Ich sagte nichts drauf. Ich war furchtbar müde und wollte nichts zu Abend essen. Kurz verschwand ich im Bad. Die Bäder zu jener Zeit vorm Krieg war’n traurige Gelasse, lang und eng, ohne jeden Komfort, ohne Bequemlichkeit. Eine Badewanne aus Emaille mit gusseisernen Füßen stand an der einen Wand, angeschlossen an einen Ofen, den man anheizte, um warmes Wasser zu kriegen. Ich schnatterte. November wars. Die kleine Katze, um die es ging, musste aus dem Herbstwurf stammen.

Ich duschte kalt, stieg zitternd vor Frost und Nervosität auf den kalten Steinboden zurück. Die roten Kratzer auf den beiden Handrücken hatten eine blässliche Färbung angenommen. Ich schlich in mein Zimmer, warf mich aufs Bett, stierte zur Decke hinauf, von der ein Mobile runterhing, von mir gebastelt. Als die Tür aufging, fuhr vom Fenster her ein Luftzug heran, und der Flügel schlug krachend zu. Ich schrie gellend auf.

„Was ist, was ist?“ beruhigte mich die Mutter. „Sei doch nicht so schreckhaft! Willst du nicht ein belegtes Brot? Du hast seit Mittag nichts gegessen!“

„Ich will nichts! Ich bin müde!“

Meine Mutter liebte mich. Sie hatte nur mich! Sie erwartete von mir viel. Ich sollte zumindest Bischof oder Gesandter in einem wichtigen Land werden. Ich ging damals in die zweite Oberklasse, war lang und dünn aufgeschossen und blass.

Ich drehte mich zur Wand, ihr zu verstehen gebend, dass ich allein sein wollte. Mit unglücklichem Gesicht drückte sie hinter sich die Tür zu. Mitten in der Nacht erwachte ich von meinem eigenen gurgelnden Schrei. Gleich darauf stand meine Mutter vor mir. Sie drückte den Knopf der Nachttischlampe. Sie hatte einen Morgenmantel übergeworfen. Ihre weit aufgerissenen Augen standen über mir.

„Die Katze!“ kreischte ich. „Ich musste es tun!“

„Ich wusste es!“ schrie meine Mutter zurück. „Es war kein Draht! Es war eine Katze!“

Ich stierte auf meine Hände. Die Risse hatten sich wieder rot verfärbt. Sie brannten.

„Was hast du mit der Katze gemacht?“

„Ich weiß von nichts!“ gellte ich. „Wir spielten Fußball. Das Tor bestand aus Draht. Ja, genau! Ich stolperte, fiel hin! Ich will nie mehr in die Hasenheide! Ziehn wir von hier weg!“

Ich sank in die Kissen zurück. Ein Frostschauer warf mich. Ich wimmerte. Die Mutter verließ das Zimmer, kehrte mit einem Glas Kirschsaft zurück, setzte es mir an die Lippen.

„Schlaf!“ sagte sie und legte mir die Rechte über die Augen. Das tat mir gut. Das Gliederzucken veminderte sich. Ich presste die Zähne aufeinander um nicht zu schnattern. Am nächsten Morgen ging ich in die Schule wie sonst. Der Wolkenhauer und der Sommerkorn taten, als sei nichts. Der Siebenjährige Krieg wurde durchgenommen. Heldentum. Preußisches Gloire! War ich ein Held? Ich malte Zahlen aufs Löschblatt. Denn die musste man im Kopf haben. Die Schlachten! Die warn wichtig! Die warn das Wichtigste! Gewonnene natürlich!

Wir zogen dann nach Pankow.

Das mit der Katze muss also abgehakt werden. Am nächsten Tag ging ich ins Kino. Den Gregory Peck, den mochte ich! Er und sein Halbblut-Freund reiten durch ‚ne Gegend. Das Halbblut bekommt dann einen Strick um den Hals. Dann kommt eine ins Bild, die stottert, und das sehr gekonnt, die war gut, und Apachen sprengen daher, einer trägt auf’m Pferd einen Sonnenschirm, vielleicht einer toten Dame abgenommen, und Schüsse fallen. Dann kollern große Felsbrocken von den Steilwänden runter. Das Pferd wird getroffen. Na, war ja  nur gestellt! Und der Gregory Peck stirbt, aber das Halbblut, der Mestize, bleibt mit der, die stottert, am Leben. Und der Gregory träumt den letzten Traum zu Ende von einem Land, in dem alles viel grüner ist. Er hatte es nochmal sehen woll’n, wird aber auf einem Hügel zurückgelassen, von dem er weit nach Mexiko hinunter sehn kann. Das wird sein Indianergrab! Die, die so gut stottert, und das Halbblut, der Mestize, ziehen weiter. Man sieht sie auf ihren Gäulen hinter einer Felsnase verschwinden! Warum bin ich, Anselm Dornbusch, nicht Gregory Peck und schaukle durch die Halbwüste weit weg vom Regen der Schönhauser Allee und sterbe einen edlen Tod und habe nur Indianer getötet und nicht eine kleine, weiße Katze! Alles so unverhältnismäßig und ungleich!

Ich trotte heim.

An einem der darauf folgenden Tage begann meine Mutter unvermittelt:

„Sag, dass du es nicht getan hast!“

„Was denn?“

„Die Katze tot gemacht!“

Ich hielt den Atem an. Sie stammte von Bauern ab und die, so ist bekannt, gehen gar nicht zimperlich mit den ihnen anvertrauten Tieren um. Doch bei meiner Mutter war das anders. Sie wich jedem Regenwurm aus, wie sie nach warmen Schauern im Frühling oder Sommer von den Wiesen über den Weg krochen.

„Ich weiß es doch nicht mehr!“ stammelte ich.

Die Mutter kauerte sich vor mir nieder, hob die gefalteten Händ, rief:

„Ich verstoße dich, wenn du es mir nicht sagst! Mein Kind darf sowas nicht vollbringen! Mein Kind soll reine Hände haben, wenn auch die Welt bis über die Knie in unschuldig vergossenem Blut watet!“

So war meine Mutter!

Ich weinte und flehte sie weiter an, mir zu glauben, dass ich nichts mehr über den Vorgang in der Hasenheide wüsste. Alles in mir untergegangen. Meine Mutter fiel der Länge nach nieder, blieb eine Weile in der Stellung, rappelte sich empor, verfügte sich in die Küche, bereitete das Abendbrot, sprach nicht mehr über die Katze, doch die stand auf ewig zwischen ihr und mir.

Dann kam mir eine Idee. Ich schnitt mir in der Anlage am Ludwig-Jahn-Platz von einem  Haselstrauch einen starken Zweig weg, einen zweiten, schlich nach Haus, schnitzte und bog den Zweig, band festen Bindfaden von einem Ende zum anderen, bis ein Halbrund draus geworden war, spitzte vom anderen Ast einen Pfeil zurecht, scharf und rund, nadeldünn. Ich betrachtete mein Werk, war’s zufrieden. Die Mutter trat ein. Ich versuchte, es hinter meinem Rücken zu verstecken.

„Was verbirgst du vor mir?“

„Ach, nichts!“

Die Mutter kriegte alles vor Augen. Ihre Lider begannen zu flattern. Ich wusste, was sie dachte, was sie sagen würde. Sie griff nach den beiden Gegenständen.

„Wirst du wieder - ?“

Ich knirschte mit den Zähnen ohne etwas zu erwidern. Ich hasste sie. Ich stierte sie an, ich bog ihr die Handgelenke um, dass sie ächzte und alles fallen ließ.

„Sprich nicht weiter!“ zischte ich ihr zu. Sie verließ das Zimmer. Ich trat vor den großen Spiegel im schweren Bronzerahmen, einem alten Stück aus unserer Sippe, tat einige Schritte nach rückwärts, guckte mir in die Augen, hob den Bogen, legte den Pfeil ein, zielte, zielte zwischen meine Augen, ließ ihn von der Sehne zischen. Er segelte durch die Luft, traf auf die spiegelnde Fläche, splitterte. Glitzernde Trümmer flogen umher. Ich horchte dem Lärm nach, senkte den Arm.

„So bist du Katzentöter tot!“ sang ich aus mir heraus. Ich wartete, dass meine Mutter hereinstürzte, irren Blicks, mit Flatterlidern.

Sie kam nicht. Ich fiel auf einen Stuhl. Etwas in mir war kaputt, vom Pfeil getroffen und für immer verloren. Ich wusste aber nicht genau, war es die Seele, das Erinnerungsvermögen, die Liebe zu den Geschöpfen der Erde? – Ich wusste es nicht.

Meine Seele wollte aufwärts in hellere Welten. Wie eine Möwe. Aber ich war ja mit Blut besudelt. Ich durfte ja nicht! Ich konnte mir im Spiegel ja nicht in die Augen schauen. Die Augäpfel wichen nach den Seiten hin aus, verdrehten sich, wollten keine Fragen beantworten. Ich war dreckig! Voller Erdklumpen, Blut, zertretenem Gras. Ich durfte kein Lied mehr singen. Ich durfte Gott nicht mehr anrufen. Meine Mutter hielt nun alles für möglich bei mir! Ich würde Menschen töten. Ich würde sie fressen. Ich würde ein Kannibale werden.

Immer wieder schrie ich im Schlaf auf, schlug um mich, schwatzte wirres Zeug.

„Ich werde für dich beten!“ sagte meine Mutter. Ich lachte, als der Sommerkorn in der Turnstunde vom Barren fiel und sich einen Arm brach.

„Hast du es gebeichtet?“ fragte mich die Mutter.

„Was?“

„Das mit der Katze!“

„Ich weiß es nicht mehr! Alles ist weggeschwemmt. Es kam ein kurzer, starker Schauer, der spülte alles mit sich!“

Ich wollte die Ereignisse dieses Tages ins Reich der Fabel verweisen. Auch vor mir selbst. Es geschah nicht!

Eines Nachts träumte ich, dass meine Mutter eine Katze war. Sie hing festgezurrt an einem Bett. Ich zielte auf sie, traf sie. Ich erwachte. Draußen prasselte Regen herunter. Wie damals auf der Hasenheide. Mein Herz sprengte mit starkem Pochen fast den Brustkorb. Etwas würgte mich. Ich musste mich erbrechen. Wusste nicht ein noch aus. Es erschien mir unmöglich, das Leben, das vor mir lag, zu bewältigen. Ich würde es nicht schaffen. Es war zu schwer. Und falls ich erlöst würde, käme die Erlösung von mir, aus mir, oder durch einen anderen? Ein blondes Mädchen? Ein zartes Ding mit blauen Augen, unbemaltem Mund, mit spitz zulaufenden weißen Fingern und Grübchen auf den Handrücken.

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3. Oktober

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Auf der Großen Frankfurter trat mir einer entgegen. Knebelbart salz- und pfefferfarben, gebeizte Glatze, ein Binder von Woolworth, alles schütter, missfarben, abgelatscht.

„Kennst du mich noch?“

„Keine Ahnung!“

„Ich bin der Benno! Benno Sommerkorn!“

„Der Benno!“ echote ich.

„Genau!“

Eine Schnapsfahne wehte von ihm zu mir. Es handelte sich um den, der mir Pfeil und Bogen in die Hand gedrückt hatte. Außerdem, fiel mir ein, musste ich auf seinen Befehl hin Tinte saufen, Radiergummi kauen –

Ich sagte es ihm.

„Du warst der Stärkere!“ fügte ich hinzu.

„Aber genau!“ keckerte Benno Sommerkorn wie ein Fuchs. Der Fuseldunst schwappte stärker auf mich zu.

„Gehn wir auf einen Augenblick da rein!“ Er deutete mit dem Daumen zur Seite, wo fünf Stufen in eine Destille hinunterführten. Er steuerte einen runden Tisch zu. Im ganzen Raum stank es nach kalter Asche und hausgebranntem Korn. Er musste sich hier auskennen und ließ zwei Klare kommen. Ein Alter in Hemd und Hose, die von mürben Hosenträgern gehalten wurden, schlurfte herbei und setzte die Gläser ab.

„Tach, Benno!“ grunzte er. Auch aus seinen Kleidern kroch es nach traurigen Umständen und unbewältigten Verhältnissen. Benno kippte den Korn auf einen Sitz hinab. Er musste allem Anschein nach ein sogenannter Alkoholiker sein, und ich spürte Genugtuung darüber. Ein sattes Gefühl, das mich wohlig warm ausfüllte wie Kinderbrei. Benno bestellte nach. Er begann von alten Zeiten zu reden, den Schulkameraden, die den Krieg nicht überlebt hatten. Er fing schließlich zu schreien an, fuchtelte mit den Fäusten in der Luft umher und stierte mich unter einem Haarwust, der ihm in die Stirn hing, gereizt an. Warum war alles so gelaufen? Ich schrie zurück, dass der und jener dran schuld sei. Er widersprach mir, die Faust auf den Tisch knallend, dass Aschbecher und Gläser hüpften. Dann ließ er den Kopf in die Arme fallen und rotzte los.

„Ich habe – ich habe das Ge-geld zu Haus ver-ge-gessen!“ schluchzte er.

Der Alte, den nur noch die mürben Hosenträger zusammen hielten, näherte sich. Ich zahlte und ging. Benno röhrte: „Bleib, bleib doch, Alter! Du weißt nicht, wa-was du mir be-bedeutest!“ Er war total auf lall. Ich betrat die Straße.

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7. Oktober

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Als ich aus Versehen, ohne anzuklopfen, Wiltruds Zimmer betrat, hatte sie ein Bein aus dem Bett hängen. Ich hatte es noch nie gesehen. Es handelte sich um ein sehr gut geformtes, weißes, schlankes Frauenbein. Das Knie weich und rund. Bis zu diesem Augenblick hatte Wiltrud nur aus Kopf und Händen bestanden. Nun stierte ich fassungslos auf das, was sich mir bot. Wiltrud zog das Bein unter die Decke zurück. Aber es war schon etwas geschehen, was nicht mehr ungeschehen zu machen war. Mein rechtes Lid fing zu zucken an, meine Hände flatterten, als ich den Stuhl vorm Bett zurecht rückte. Das Fenster stand offen. Ein Weib schüttelte aus dem Zimmer, in dem die Karin Kaminsky an der Schnur gehangen hatte, ein Laken hinaus.

„Es ist schon jemand anderer eingezogen!“ unterrichtete mich Wiltrud. „Karin ist schon vergessen! Ihr Lachen, ihr Gang, ihre Stimme!“

Die Fotos von Marga lagen bereits auf der Decke verstreut. Der heftige Wunsch, wieder ihr Bein zu sehen, rumorte in mir. Ich wusste, dass ich heute Nacht von diesem Bein träumen würde. Auch was sich daran anschloss! Ein weißer Schenkel.

War es nicht eine trostreiche Sache, an das alles denken zu können und nicht an den Mann im dunklen Zeug mit dem chassidischen Hut auf dem Kopf?

Gertrud erschien und begann ebenfalls von Karin Kaminsky zu reden. Ich erfuhr, dass sie eine Hutmacherin gewesen war. Ich nippte am Tee, der mir serviert wurde. Die Sonne schien wie gestern. Das Weib, das sich in Karins Zimmer zu schaffen machte, schüttelte nun etwas anderes aus dem Fenster. Der Staub, den die tote Karin zurückgelassen hatte, musste weg. Aus der Wohnung, aus dem Haus.

„Es müssen Diebe im Hof gewesen sein!“ meldete sich die Schwester, Wiltruds Kissen zurecht rückend. „Ein Strang Wäscheleine ist verschwunden. Es war gute Leine. Nicht billig!“

Ich dachte weiter an Wiltruds weißes Bein. Die Glätte und Ebenmäßigkeit, die mich erstaunt hatte. Der Tag steht im Zeichen dieses weißen Beines. Alles ist gut! Ich werde geraume Zeit über nicht mehr an die Katze denken und schlafen können!

Der Trompeter in der Wohnung schräg über uns meldet sich mit einem Jägerlied. Das passte ja! Er musste einen Meerschweinchenmund haben. Meerschweinchenaugen, Meerschweinchengedanken. Weshalb ich ihn mir so vergegenwärtigte, wusste ich nicht zu sagen. Irgendwann würde er im übrigen auch wieder mit dem Jägerlied aufhören. Die Welt war ein Fließband. Die beidseitigen Ufer, die ansteigenden Böschungen! Man musste viel auswendig lernen und hersagen können, falls man abgefragt wurde! Die Katholen sahen verächtlich auf die Evangelen runter, die nach ihrem Ableben schon sehen würden, wo sie landeten! Hochwürden von der Parochialkirche und der Franziskanerpater Rigelbertus ließen keinen Zweifel daran. Es war ja alles verbrieft und versiegelt! Aus dem Urgrund dampfte Heulen und Zähneklappern. Die, die im rechten Glauben gelebt hatten und gestorben waren, würden aber mal jubeln und gesalbt sein vor dem Höchsten! Dieses Wissen um die wahren Umstände ist ein hehres Gut, das im Tabernakel aller Herzen ruhen sollte!

Ich höre eine Menge Leute lachen: Gekünstelt, kernig, klirrend, schrill, ordinär, zotig, unsicher, kichernd, bäuerisch, dümmlich, geziert. Fragend schaue ich Wiltrud an. Hat sie es auch vernommen? Ich stehe vom Stuhl auf, trete zum Fenster. Drüben ist alles ausgeschüttelt worden. Kein Hauch von Karin Kaminsky mehr. Sie ist vergessen, ehe Totenflecken auf ihrem Gesicht wuchsen und gediehen.

Wieder denk ich ans Kuckuckslied der Vera und stimme es an. Laut. Wiltrud lässt ein Kichern vernehmen.

„Ich habe die sehr geliebt, die das Lied oft gesungen hat!“ eröffne ich ihr.

„Ich kenne es auch!“ Wiltrud stimmt mit hell-kindlichem Organ an: „Simsele Dimsele Dasele Dusele Dim –“ Sie setzt eine Pause ein und ruft mehrmals „ Kuckuck – Kuckuck – Kuckuck –“ ins Zimmer hinein. Sie freut sich über die „Kuckucke“, die sie hervorbringt. Die Schwester steckt den Kopf durch einen Türspalt herein.

Alle, die im Schacht vorwärtstrotten, glaubten an den Ausgang zu gelangen. Ganz fest! Sie sehen ihn vor sich. Die Rolltreppe, die nach oben rollt. Diese schöne Sicherheit! Diese Gläubigkeit ans Gute und Vorhersehbare! Keine Fehlanzeige! Kein anschleichender Tiger, Sicherheit, Glaube, Liebe, Wahrheit. Man weint vor Ergriffenheit. Die Zivilisation! Die Logik, Transparenz, Verhältnismäßigkeit, das Kalkül, die Ratio, die Vermesser und Einschleuser, die Beamten, Registrierkassen, Überwachungsmechanismen, Fernsteuerung, Durchsagen, Gegenüberstellungen, Phantombilder, die eidesstattlichen Erklärungen, Zeugenaussagen, Indizien!

Es tut sich einiges, obwohl gewisse Infolücken bleiben. Menschliches Versagen, fehlendes Beweismaterial.

Oben leistet sich dieser und jener ein Tüteneis und es regnet warm und weise, wie die Tränen der Armen rinnen.

Seht die dicke Schwarze! Ihr Busen versetzt uns elektrische Schläge, ihre nackten Achselhöhlen senden aus sich heraus den Weihrauch ihres Geschlechts aus Sansibar. Der Sultan spricht es aus. Er darf es. So sicher verläuft alles und jedes. Bald sind alle oben im Sperrenbereich und dann ganz oben in der großen Freiheit des Handelns und Werkelns. Litfasssäulen, Plakatwände jubeln dir zu. Wir haben damit gerechnet und es uns vorhersagen lassen von den weisen Frauen. Alles. Auch den Krieg! Er findet statt. Auch der Grand Prix, die Miss-Wahl, Briefmarkenbörse, die Dogshow mit Prämierung des Winners.

Ein Nachzügler rennt; schon leuchtet Rot auf, über die Kreuzung! Ein Schrei, ein Krach. Ach was, geht weiter. Die Himmel tun sich auf. Sieben Himmel, sieben Höllen, sieben Welten. Ein Weltchen über dem anderen. Die dicke Schwarze löst mit ihren nackten Achselhöhlen und dem Gewitterwolkenbusen einen Orgasmus bei einem kleinen dicken Weißen aus. Still rinnt das Ejakulierte seine Schenkel und Waden entlang bis zu den Socken. Also!

Er flucht und stöhnt und jammert in einem und wünscht das Weib nach Sansibar zurück. Alle treiben im Strom der Gestrandeten ins Freie unter unsere Pappeln, die mit ihren Armen und Beinen nicht wissen wohin. Gehn wir noch auf ein Bier?

Gehn wir noch auf einen friesischen Tee?

Gehn wir noch auf eine Portion Gnocci zum Italiener?

Gehn wir heim zum Vögeln?

Wie recht alle haben!

Bist du mit ‚ner Mutter zusammen?

Bist schwul?

Na schön!

Das Leben geht weiter. Der Erguss klebt an den Beinen des kleinen dicken Weißen fest. Ein unzumutbarer Zustand!

Er murrt vor sich hin, höchst unbestimmt, unausgeglichen, unvergoren. Er möcht’ nach Böotien auswandern. Ein Böotier sein! Da gibt’s zwei Seen, mein Lieber! In ihrer Einsamkeit ertrunken! Voller Kraniche. Dieses Fernweh! Lasst es in euch wie die Unruhe in der Uhr ticken und tacken.

So geht und geht ihr. Der eine in den Park, der andere heim. Der dicke kleine Weiße ins städtische Brausebad, um das Klebrige, Graue, streng Riechende loszuwerden.

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21. November

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Stimme von rechts: „Glaube nicht, dass du uns entgehst! Du bist ja schon waidwund! Die Schatten nehmen zu! Es steht geschrieben dies und das. Geritzt auf Tonscherben, gemalt an Wände, in den Himmel.“

Eine plötzliche Hitze steigt vom Hals her in meine Schläfen, die Stirn. Ich bin auf der Allee zum Schönhauser Schloss unterwegs und weiß nicht, wie ich dahin gekommen bin. Welke Blätter rieseln wie brauner Schnee. Rote darunter. Tiefrote. So plötzlich ist der Herbst da! Eine Frau guckt mich an. Was will sie von mir? Was weiß sie von mir? Dass ich schon mal in Buch war? In der gelben Nebelbrühe eines Novembertages, und der Kalfaktor Teckertrum fuchtelte mit etwas vor mir herum! Und der Doktor im weißen Kittel, der die Spritze hinterm Rücken versteckt hält! Nein, sowas!

Die bucklige Platzanweiserin! Rote Haare hatte die!

Ich gehe schmunzelnd an dem Weib vorbei, das mich noch immer anguckt. Ich bin ja ein honoriger Mensch, der alle Abgaben pünktlich entrichtet hat. An sämtliche Behörden!

Ich muss Tabletten einwerfen. Das ist keine Schande! Ich weiß meinen Namen und die Straße, in der ich wohne. Meine Mutter starb vor Jahren. Ein Unbekannter hat sie auf dem Gewissen. Einen Tag, bevor ich aus Munsterlager entlassen wurde, fand man sie erwürgt vor. Ich besuchte regelmäßig ihr Grab. Auch das Grab Veras! Sie sang gern. Sie fauchte noch, versuchte zu beißen, ihre Augen sprühten. Und die um mich her standen, schrien: „Du Feigling! schieß endlich. Dr. Premm von der Hirnforschung hat ja vollstes Verständnis für mich! An wem soll ich mich rächen? Der Edmund Kalb vermisst, der Rainer Scherer an irgend einem Brückenkopf gefallen, der Gotthold Sauser in Gefangenschaft umgekommen.

Die Nacht, der schwärzeste Rappe, galoppiert mit mir querfeldein. Das Gewitter im Anzug. Der Vorhang flog. Das Weib wollte etwas von mir. Nebenan schwatzte das Kind im Schlaf.

„Das tut es immer, wenn ein Gewitter aufzieht!“ erklärte das Weib. „Es redet und redet! Wollen Sie noch Wein? Ich habe auch Portwein da! Original!“ Sie stieß an ein Glas, dass sich die Flüssigkeit auf ihr Kleid ergoss. Immer diese weißen Kleider! Niemand sah mich kommen oder gehen!

Dornbusch geht unter die Brause und legt sich, die Balkontür offen, ins Bett, eine bestimmte Vorstellung von etwas Verbrauchtem und Verschüttetem im Kopf.

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29. November

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Die Situation ist folgende: Dieser Mensch von der Zeitung taucht immer wieder in meinem Umfeld auf. Hinter mir, vor mir, am Nebentisch! Zeume! Mal mit der Brille, mal ohne. „Mein Name ist Zeume!“

- „Was wollen Sie von mir?

„Ich suche Kriegsteilnehmer!“

„Na und?“

„Verschüttete, mit Kopfschüssen, auch solche von der Marine, die aus gesunkenen U-Booten mit letzter Kraft gerettet werden konnten. Das soll eine Serie geben, verstehen Sie? Grenzerlebnisse! Verstehen Sie? Plötzlich fangen die an zu beten!“

Dieser Zeume lacht fröhlich auf.

„Glauben an keinen Gott und fangen plötzlich zu beten an!“

Es regnet in diesem Spätherbst sehr oft. Die Regenschnüre hängen senkrecht von oben herab. Ich schließe das Fenster, schlüpfe in meine Sachen, poche an Wiltruds Tür. Als erstes sehe ich ihr weißes Bein. Es liegt flach auf der Decke. Sie hält die Augen geschlossen. Unter ihren Händen breiten sich die Fotos von Marga, von der es keine Nachricht gibt.

Gertrud bringt Tee.

„Sie hat eine schlechte Nacht gehabt!“ teilt sie flüsternd nach einem Blick auf die Kranke mit. „Ich müsste einen Besuch machen!“

„Gehen Sie nur!“ ermuntere ich sie. „Ich bleibe bei Wiltrud!“

Gertrud deckt das Bein der Schwester zu.

„Sie ist immer noch schön!“ eröffnet sie mir. „Sie erregte überall Aufsehen. Auch Marga ist schön! Vielleicht ist sie berühmt und wir wissen es nicht! In Paris oder New York!“

Gertrud verlässt das Zimmer. Die Kranke reckt das Bein wieder unter der Decke hervor. Sie liegt mit geschlossenen Augen da. Ich lege meine Hand auf das Knie. Wiltrud hebt die Wimpern und lächelt mir zu. Sie will die Berührung! Mein rechtes Lid fängt an zu zucken. Die Hand, die auf Wiltruds Knie liegt, fibriert. Ich ziehe sie zurück. Habe ich nicht schon genug gebüßt? Habe ich nicht die Katze mit ihren Jungen irgendwo in Polen gerettet? Der Heiterwanger (so hieß er) vom Pioniertrupp, der wollte sie ersäufen. Ich, ich ließ sie aus dem Sack. Sie liefen weg. Ich war das! Habe ich nicht diese gute Tat getan?

Der letzte Tropfen rinnt das Glas entlang, stetig dem Rand zu, erreicht ihn, plock, ist er weg. Du hast gelebt im Glauben, dass dir vergeben wird, dass du gelebt hast und dessen ungeachtet die Gebote und Verbote und die Gesetze und das Dogma insgesamt. Höhen und Tiefen! Das Flache, das Seichte. Die Lebenden und die Verschollenen in den Wortspalten und Sätzen und einmal warst du ein Grabräuber, einmal ein Hütebub, ein Leichenbitter, einmal hast du dich selbst verleugnet, einmal deine Sippe bis hinunter ins vierte Glied, bis du im achtzehnten Jahrhundert warst, wo die Mönche die Hände noch in den Kuttenärmeln verborgen hielten und die Tonsur, den bleichen Sündenflecken, aufm Kopf. Aber sie wussten, wie das Weib schmeckte. Da half keine Anrufung, kein heiliges Wasser, keine Kasteiung und keine Reliquien aus Padua. Nein, du musst durch die Abwässer der Stadt, Sickergruben, Klärschlamm, Plumpsklos, Deponien, Müllhalden, Schrottplätze, Schuttberge, in denen die Toten einen unheiligen Schlaf schlafen und in ihre Gesichter getreten wird von unmündigen Kindern. Greise schauen in die fernste Ferne.

Dem allen keuchst du entgegen, du Gast, und musst mehr Obulus entrichten als die Sache wert war. Aufpreis, saisonbedingt, mein Gott, das zahlt man ja gern! Hauptsache, der Service stimmt.

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3. Februar

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Ich mache die Beobachtung, dass die Sonne es vermeidet, auf mich zu scheinen. Ich werde diesem Umstand auf den Grund gehen. Gestern zog ein Hund den Schwanz ein, als er mich erblickte! Ein Fakt! Nichts davon erfunden! Ein Taubenpulk flog dicht vor mir auf den Turm der Nikolaikirche. Ich hörte sie menschlich reden. Nicht über das Wetter. Über mich!

Überhaupt ist nun alles anders. Alle Gefühle heftiger hochbauschend. Die Blicke der Männer gieriger auf den Brüsten der Frauen! Die Trambahnen müssen oft klirrend warnklingeln, weil sich ein Lebensmüder vor ihnen auf die Schienen wirft. Das Gras im Humboldthain schießt grimmig hoch. Auf der Jannowitzbrücke redet mich um zwölf Uhr nachts eine an:

„Na Süßer! Um die Ecke is mein Schlafplatz!“

Die Luft mild wie Schaum. Kein Wind. Die Spree gluckst. Ich habe schätzungsweise sechzehn Mark in der Börse. Einen Orgasmus haben! Das schrille Jauchzgetön! Und ich gehe mit ihr. Sie trägt Rock und Bluse, ihre Kniekehlen sind voller Einfalt. Das sieht ein Blinder. Das ungemachte Bett riecht nach Moschus. Sie raucht eine Juno. Sie muss viel Zeit haben und raucht, als ich mich wieder hocharbeite, noch eine und erzählt, auf dem Bettrand sitzend, dass sie aus Neu-Ruppin stammt und ein Kind hat.

„Das soll es mal besser haben und auf die höhere Schule, aufs Lyzeum! Und feine Schuhe von Lack und Wildleder tragen, und eine samtene Schülermütze!“

Ich frage sie, ob sie meinen Johannes in den Mund nehmen will. „Hast du so viel Kohle bei dir?“

„Ja!“

Und sie macht ihre Sache nicht schlecht. Danach weint sie und zeigt mir blaue Flecken an ihrem Hals.

„Ich mag weg von dem! Zweimal hab ich schon den Schlafplatz gewechselt. Er macht mich immer wieder ausfindig und schlägt zu!“ „In diesem Frühling wird alles besser!“ tröste ich sie. „ Was ist das für eine Blume auf dem Fensterbrett?“

„Eine Hyazinthe!“

Dieser Frühling!

„Wie heißt du?“ fragt sie.

„Ich heiße Frühling!“

Die Hure lacht los und zündet sich eine dritte Juno an. Die wird in Pankow gemacht. Um fünf Uhr nachmittags strömen die Frauen aus dem Fabriktor und fangen an zu leben. Richtig zu leben mit reden und lachen und Blicke tauschen, kochen, abwaschen. Die Männer warten schon auf sie, gehen eine Bockwurst essen, die aussieht wie ein Penis, und schmieren Mostrich drauf und beißen von einer Schrippe ab. Dann sitzen sie an der Krummen Lanke und horchen auf den Pirol, der über ihnen schluchzt, und möchten nicht da sein, wo sie sind, sondern am Timmendorfer Strand, Osterode, Paris.

„Wie heißt  du  denn?“ frage ich die Hure.

„Irgendwie!“ mault sie.

„Ein schöner Name!“ lobe ich.

Im Morgengrauen empfahl ich mich. Im Flur begegnete mir einer mit Schiebermütze und ärmellosem Pullover, einer großen, roten Nase und einem so breiten Mund, grau schwappend.

Draußen pickten schon Tauben, braunweiße, Brösel, die ihnen eine alte Puffmutter zuwarf. Eine Amsel schmettert eine Strophe ab und fliegt davon.

Als gäb’s nur hier Luft zum Atmen, so geht Dornbusch wieder mal nächtens auf den Balkon. Des Lebens Düsternis! Aber frisch von den vorhandenen Bäumen. (Die sie pflanzten, sind schon lang bei Gott und den himmlischen Heerscharen). Das Wahre und das Hehre! Bäume sind doch wirklich ein Stück er selbst und anfaßbar! Ein lebendes Atemwesen! Und die Stare! Wie eine Horde kreischender Monster aus Albträumen. Aber nun sind sie weitergezogen und das unbezahlbare Schweigen donnert wie die bewusste Brandung an die Steilufer. Wenn Dornbusch den Kopf zurücklegt, die Sterne, die er mal in ‚nem Säckchen gesammelt hat. Da warn sie ihm noch Genossen, auf denen es sich gut leben ließ. Haus und Hof. Fabelwesen, noch und noch und sowieso! Eine Nachtmaschine zieht ihre vorgeschriebene Route nach Tunesien oder Mombasa. Könnte ja sein!

Dornbusch öffnet den Mund und schluckt die Nacht in ihrer dunkel geplusterten Knäuelform in sich hinein. Es schmerzt nicht. So hochgelobt kann dieses Verweilen im Mantel der Nacht sein. So ferngeweht, weit ab von Essen und Trinken, Notdurft verrichten, Zähneputzen usw. Er, Dornbusch hat eine Seele. Amtlich! Die hat ein Programm! Stilldunkle Bilder in der Spätausgabe. Kaum Sprechen! Deuten nach hier, nach da. Nicken, ja! Sich entfernende Schritte. Der Wind kann lesen! In den Bäumen hebt ein Sausen an wie die Stimme des Überfahrenen von vorgestern am Weinbergsweg. Genau! So weit, so hoch. Die Gebrüder Sterne. Unerforschte Reiche, schmerzlich vermißte! Das ganze Universum und das danebenliegende! Wo bist du, den meine Seele sucht von früher her! Bier und Asche! Alte, verdorbene Gefühle. Bitte nicht auf den Boden spucken! Damals gabs noch Spucknäpfe!

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8. März

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Ja doch! In diesem Frühling muss ich Wiltruds Knie in Besitz nehmen.

„Ist Ihnen nicht zu – zu dumpf unter der schweren Decke?“ fragte ich sie.

„Ach ja! Eigentlich!“ Und sie lüpft sie und reckt das weisse Bein ans Tageslicht. Ich sollte meine Hand auf das Knie legen. Ich sollte es küssen. Weiß wie eine Möwenbrust. Ich beuge mich vor, ich küsse Wiltruds Knie. Sie lächelt als übereiche ich ihr einen Blumenstrauß. Ich fahre mit der Rechten, die im übrigen konvulsivisch zittert, den Schenkel hinauf, samtig und glatt zugleich. Wiltrud stößt einen Schrei aus, die Tür öffnet sich, Gertrud wird sichtbar. Sie tut, als wäre nichts, gewahrt eine Taube auf dem Fenstersims und deutet auf sie.

„Sie mal an!“

Ich habe einen Schweißausbruch und nehme mir vor, bei nächster Gelegenheit bis zwischen Wiltruds Schenkel vorzudringen. Das muss doch zu machen sein!

In diesem Frühling muss viel passieren!

Die Taube hebt ab. Die Sonne schläft wie ein Hündchen auf dem Blech. Im Fenster gegenüber kämmt das Mädchen sich. Gertrud hält einen Brief in Händen.

„Von Marga?“ wispert Wiltrud. Immer vermutet sie in der ankommenden Post ein Lebenszeichen der Tochter.

„Nein, die Gasrechnung!“

„Wo mag sie sein?“ zischelt Wiltrud.

Die Neue kämmt und kämmt ihr Haar, ein Lied dazu singend. Ein Küchenlied. Der Bollewagen klingelt von der Straße her und schreit Milch und Quark aus. Ich erhebe mich, verabschiede mich. Ich werde die halbe Stadt durchkreuzen. Fuß für Fuß als Befehl von irgendwoher. Hinter mir fühle ich Zeume von der BZ-Redaktion. Ein armer Wicht, der von dürrem Zeilenhonorar leben muss. Irgendwann werde ich ihm was eröffnen, er wird darüber schreiben und einige Kohle einheimsen, dass er aus dem Automaten belegte Brote ziehen kann. Die Sonne malt Kringel aufs Pflaster. Eine Leiche ist aus dem Landwehrkanal gezogen worden, wird verkündet. Es ist ein ewiges Kommen und Gehen. Eine von der Heilsarmee, blaue Uniform, Schutenhut, klampft: „O Jesum dir vertraue ich, mein Steuermann bist du –“.

Manche schießen sich in den Mund, dass alles auseinander fliegt, was Gott zusammenfügt, und die Putzfrau muss harte Arbeit leisten. Ich weiß nicht so recht, ob ich dereinst diese Art der Selbstentleibung wählen soll. Ich habe nachher kein Gesicht mehr, halte ich mir vor. Ich habe stets darauf geachtet, das Gesicht zu wahren, d.h. aller Welt einen freundlichen Anblick zu bieten, frei von Kummer, Angst und Pein. Still – still sitze ich auf der Kloschüssel und denke. Entsinne mich, erinnere mich, rufe mir manches zurück, wenn nicht gar alles. Ich, Anselm Dornbusch, unbeweibt, hager, einsachtzig groß, habe allen alles gegeben, genommen, verschenkt, verloren, ins Wasser geschmissen. Logisch! So sollten’s alle machen. Aber das großmächtige Warum steht nach wie vor im Raum, und keiner, keiner kann’s wegwischen, abknallen, verhaften, den Zünder abschrauben, entschärfen.

Satt von der Stadt an sich und ihrer Dunstglocke, dem ordinären Pegel, den hallenden Reden und Absätzen auf Asphalt und Pflaster. Es hat Sprünge, die mangels Geld in den Stadtkassen so verbleiben: zersprungen und zersplittert, aufgebauscht wie Haut, Angst und Schrecken verbreitend. Es gäbe so viel aufzuzählen von Macht und Ohnmacht, Käuzchenrufen und bettelnden Eichkätzchen in den Parks. Nachts lauert hinter manchem Stamm dein Mörder, Notzüchtiger, Herzeiger, Steinewerfer, kurz das Böse an sich unter der Larve von Wohlwollen und Zuversicht. Frag nicht nach! Die paar Prachtstraßen bedeuten nichts gemessen am Elend der Siedlungsblöcke und Appartment-Endloskorridore. Altäre werden errichtet und mit Brechstangen wieder eingerissen. Wortblumen blühen auf und zergehen auf der Zunge, rollen weg wie Köpfe vom Schafott. Doch nach außen hin gefällig aufgetakelt, gehübscht und geföhnt mit Kacheln und Kordeln und Schleifchen. Auch Blasmusik. Der Dings, - wie heißt er gleich – der weiß, was Sache ist.

Vergeblich ruft der Gekreuzigte im Klasszimmer zu Ruhe und Ordnung. Die Kinder hörn nicht hin. Die Studierenden schreiten die echten Stufen zur Staatsbibliothek hinauf und treten in die heiligen Hallen, in denen es nach gar nichts riecht. Schade, denn was ist süßer als der Duft nach alten Scharteken und ihren wohlgerundeten Sätzen! Bücher sind alles. Welt und Leben, Wissen und Gewissen, Heimat und Ruhestatt der Wörter. Ja, unsere Studierenden wissen, was sie an unserer Staatsbibliothek haben! Sie brauchen kein Schicksal, wenn sie Bücher haben!

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