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Sammelband 7 Krimis: Tödliche Zwickmühle und andere Krimis

Sammelband 7 Krimis: Tödliche Zwickmühle und andere Krimis

Alfred Bekker et al.

Published by Cassiopeiapress/Alfredbooks, 2018.

Inhaltsverzeichnis

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Sammelband 7 Krimis: Tödliche Zwickmühle und andere Krimis

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Nach all den Jahren | von Alfred Bekker

Tödliche Zwickmühle

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Milo Tucker und der Terroranschlag

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Kommissar Morry

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Klappe

Kommissar Morry und  der Teufel ohne Gnade

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Alfred Bekker Kommisar X #1: Bube, Dame Killer

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Kommissar X - Bube, Dame, Killer

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Further Reading: 10 ausgewählte Thriller - Ein 1204 Seiten Krimi Koffer

Also By Alfred Bekker

Also By Fred Breinersdorfer

Also By Thomas West

Also By Cedric Balmore

About the Publisher

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Sammelband 7 Krimis: Tödliche Zwickmühle und andere Krimis

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KRIMINALROMANE DER Sonderklasse - hart, actionreich und überraschend in der Auflösung. Ermittler auf den Spuren skrupelloser Verbrecher. Spannende Romane in einem Buch: Ideal als Urlaubslektüre. Dieses Buch enthält folgende drei Krimis:

Alfred Bekker: Nach all den Jahren

Thomas West: Tödliche Zwickmühle

Thomas West: Milo Tucker und der Terror-Anschlag

Fred Breinersdorfer: Der Dienstagmann

Cedric Balmore: Kommissar Morry und der Teufel ohne Gnade

Alfred Bekker: Bube, Dame, Killer

Cedric Balmore: Die Air Force Verschwörung

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IN KAMPALA IN UGANDA wird ein Bombenanschlag auf den US-Botschafter verübt. Einer seiner Leibwächter rettet ihn unter Einsatz seines Lebens. Milo Tucker und ein Team von Spezialisten wird nach Uganda geschickt, um die Hintergründe zu ermitteln. Doch dann wird ihr Flugzeug mit einer Flugabwehrrakete anvisiert...

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ALFRED BEKKER IST EIN bekannter Autor von Fantasy-Romanen, Krimis und Jugendbüchern. Neben seinen großen Bucherfolgen schrieb er zahlreiche Romane für Spannungsserien wie Ren Dhark, Jerry Cotton, Cotton reloaded, Kommissar X, John Sinclair und Jessica Bannister. Er veröffentlichte auch unter den Namen Neal Chadwick, Henry Rohmer, Conny Walden und Janet Farell.

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Nach all den Jahren

von Alfred Bekker

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KURZ-KRIMI

An dem Tag, als Koslowski entlassen wurde, regnete es Bindfäden. Aber das konnte ihm heute nicht die Laune verderben.

Er hatte die Jahre abgesessen, die man ihm und seinen Komplizen damals, nach dem Banküberfall aufgebrummt hatte. Koslowski war jetzt wieder ein freier Mann - und nicht nur das!

Bald würde er auch ein reicher Mann sein!

Koslowski lächelte, als er mit dem Handkoffer vor den Toren der Strafvollzugsanstalt stand und sich hinter ihm das Tor schloss.

Der Überfall damals, das war vollendete Stümperei gewesen. Zu dritt waren sie in die Bank gestürmt, hatten mit Revolvern herumgewedelt und 500.000 DM erbeutet.

So weit so gut.

Doch dann war alles schiefgegangen.

Ihre Flucht war schlecht vorbereitet gewesen und so hatte die Polizei nicht allzu viel Mühe gehabt, sie der Reihe nach einzufangen: den rothaarigen Schröder, den hitzköpfigen Paslak und ihn, Rudi Koslowski.

Während der Flucht hatten sie sich getrennt, um sich später an einem vereinbarten Treffpunkt zu beratschlagen. Koslowski hatte die Beute bei sich gehabt und war den Verfolgern am längsten ent- wischt.

Er war als Letzter festgenommen worden - nicht ohne zuvor noch nach einem guten Versteck für die Beute zu suchen.

Es hatte schnell gehen müssen, aber noch gerade geklappt. Koslowki verzog das Gesicht. Niemand hatte das Geld bisher gefunden, nicht die Kripo und nicht seine Komplizen. Vor Gericht hatte Koslowski eisern geschwiegen, was ihm ein paar Jahre mehr eingebracht hatte.

Doch es würde sich lohnen...

Schröder und Paslak waren schon seit geraumer Zeit wieder auf freiem Fuß. Aber sie standen vor dem Nichts, während Koslowski einem Neuanfang in Rio entgegensah...

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EIN WAGEN KAM HERAN.

Es war das Taxi, das Koslowski sich bestellt hatte. Das Taxi hielt und bevor Koslowski einstieg sah er sich einmal gründlich um.

Dann stockte er auf einmal.

Sein Blick blieb an einem Wagen haften, der auf der anderen Straßenseite geparkt hatte. Einen Sekundenbruchteil nur sah er das Gesicht des Fah- rers, dann war es zurück in den Schatten getaucht. Aber dieser kurze Augenblick hatte ihm völlig genügt, um es zu erkennen.

Koslowski fühlte seinen Puls bis zum Hals schlagen...

Schröder! dachte er. Das Gesicht des Rothaarigen würde er in seinem Leben nicht mehr vergessen...

Der Mann auf dem Beifahrersitz war dann wohl Paslak. Sie hatten ihm hier aufgelauert, in der Hoffnung, dass Koslowski sie zur Beute aus dem Überfall führen würde...

Koslowski kniff die Augen zusammen, warf seinen Koffer auf den Rücksitz des Taxis und rief zum Fahrer: "Sehen Sie zu, dass Sie den Wagen dort drüben abhängen, wenn er uns folgt!"

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DER TAXIFAHRER WAR ein Meister seines Fachs, gerade so, als wäre es sein täglicher Job, irgend- welche Verfolger abzuhängen. Nachdem Koslowski ihm einen saftigen Aufschlag versprochen hatte, fuhr er wie der Teufel. Ihn hätten wir damals als Fahrer dabeihaben müssen, nicht diesen nervösen Paslak! dachte Koslowski bitter. Aber das war jetzt alles Schnee von gestern.

"Die Kerle sind nicht mehr hinter uns", meinte der Taxifahrer. "Wo soll's jetzt hingehen?"

Koslowski atmete tief durch und sagte es ihm.

Jetzt keine Zeit mehr verlieren! ging es ihm durch den Kopf. Zum Geldversteck und dann auf und davon. Die Schakale, die hinter ihm her waren, würden seine Spur schon bald wieder aufgenommen haben - wahrscheinlich viel früher, als ihm lieb sein konnte.

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SIE FUHREN DURCH EIN Wohngebiet und Koslowski runzelte die Stirn. Der Regen hatte indessen aufgehört.

"Wo soll ich Sie hier absetzen?" meinte der Taxifahrer.

"Was reden Sie da?" schimpfte Koslowski. "Bring- en Sie mich dorthin, wohin ich Ihnen gesagt habe!"

Der Taxifahrer seufzte.

"Das meine ich ja. Wir sind da. Dies ist die Straße, die Sie mir genannt haben!"

"Ach was, hier müssten Wiesen mit Bäumen sein. Und ein paar Bullen auf der Weide!"

Der Taxifahrer schüttelte den Kopf und lachte.

Und was er dann sagte, war für Koslowski wie ein Schlag vor den Kopf.

"Hier ist schon lange keine Wiese mehr! In den letzten Jahren hat man hier ein Wohngebiet errichtet!"

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KOSLOWSKI MUßTE SCHLUCKEN.

"Es hat sich alles so verändert...", murmelte er dann. "Ich war jahrelang nicht hier, müssen Sie wissen... Fahren Sie langsamer!"

Der Taxifahrer nickte.

Koslowskis Blick glitt die schmucken Bungalows entlang, die hier jetzt standen, oft genug von weiträumigen Grundstücken umgeben. Einige hatten sogar Swimming-Pools. Koslowski suchte nach Orientierungspunkten, nach Dingen, die sich nicht ver- ändert hatten. Verzweifelung machte sich mehr und mehr in ihm breit. Wenn hier alles umgegraben worden war, dann waren die 500.000 DM von dem Über- fall am Ende gar auf einer Schutthalde gelandet!

Und dann sah er den Baum.

Ja, dachte er. Einen solchen Baum gab es nur einmal. Er war verkrüppelt und halb gespalten. Vermutlich war irgendwann einmal der Blitz hinein- gefahren. Es war genau der Baum, unter dessen knorrigen Wurzeln er damals das Geld vergraben hatte!

Der Baum war also noch da! Warum nicht auch das Geld? Hoffnung keimte in ihm auf.

"Anhalten!" befahl Koslowski.

"Soll ich warten?"

"Ja", sagte Koslowski nach einigem Zögern.

Er konnte das Geld jetzt - am hellichten Tag - sowieso nicht holen. "Ich komme gleich wieder!"

Und damit stieg er aus. Wenig später stand er an dem hohen Zaun, der das Anwesen von der Straße trennte.

Ein Mann kam den Bürgersteig entlang, blieb ebenfalls vor dem Grundstück stehen und holte umständlich einen Schlüssel hervor, mit dem er das Zauntor öffnete.

"Ist das Ihr Haus?" fragte Koslowski.

"Nein", sagte der Mann. "Ich bin nur der Gärtner!" Er trat an Koslowski heran. "Ein schönes Anwesen, nicht wahr?"

"Ja, kann man wohl sagen." Und bei sich dachte er: Hier gibt es bestimmt eine Alarmanlage! "Wem gehört übrigens das Haus? Einem Fabrikanten?"

"Aber nein!" meinte der Gärtner. "Sehen Sie, der Mann, dem dieses Haus jetzt gehört, war mein Vorgänger als Gärtner. Der ursprüngliche Besitzer hatte sich finanziell übernommen und konnte das Anwesen nicht halten, und da kam dieser Gärtner und kaufte es. Er soll im Lotto gewonnen haben oder so etwas in der Art..."

Koslowski verstand. "Ach, wirklich?" zischte er verkrampft. Es hatte wohl nicht mehr viel Sinn, nach dem Geld zu graben... Koslowski atmete tief durch. "Sagen Sie, das Beet um den verkrüppelten Baum herum - hat das zufällig Ihr Vorgänger angelegt?"

Der Gärtner runzelte die Stirn. "Woher wissen Sie das?"

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Tödliche Zwickmühle

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KRIMI VON VON THOMAS West

Der Umfang dieses Buchs entspricht 115 Taschenbuchseiten.

Als die Freundin des FBI-Agenten Trevellian entführt wird, muss er die Seiten wechseln, um ihr Leben zu retten. Ein Schwerverbrecher soll befreit werden, um weitere Straftaten begehen zu können. Trevellian muss bis an seine Grenzen gehen. Wird er seinen Diensteid gegenüber der Regierung brechen?

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Copyright

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EIN CASSIOPEIAPRESS Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

© by Author

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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SCHNEEFLOCKEN SCHWEBTEN durch die Lichtkegel der Straßenlaternen. Weiße Decken auf den parkenden Wagen. Wie frierende Tiere kauerten sie in endloser Kolonne an den Straßenrändern. Winternacht in New York City. In Chelsea, um genauer zu sein.

Es war stiller als sonst. Als hätte sich das Nachtleben vor dem ersten Schnee verkrochen. Von Zeit zu Zeit drehte Joan den Zündschlüssel herum, bis die Armaturen aufleuchteten, und ließ dann die Scheibenwischer zwei, dreimal über die Frontscheibe schrammen.

Scheinwerfer näherten sich. Zum hundertsten Mal an diesem Abend. Joan duckte sich tiefer in den Sitz ihres schwarzen Dodges und presste das Nachtglas an die Augen. Der Wagen, der da heranrollte, verlangsamte. Joan griff nach dem Mikro des Funkgeräts.

»Ein roter Sportwagen«, sagte sie. »Halt dich bereit ...«

Ein heller werdender Lichtfleck schob sich durch den Vorhang aus tanzenden Schneeflocken.

»Er stoppt vor dem Haus.« In der Rechten das Nachtglas, in der Linken das Mikro, drückte sich Joan an die Beifahrertür.

Der Sportwagen rangierte in eine Parklücke ein. Seine Scheinwerfer erloschen.

»Das ist er«, flüsterte Joan. »Eindeutig, das ist er ...«

Sie spürte ihre Hände feucht werden. Statt zu tun, was zu tun war, starrte sie durch das Glas, obwohl nicht mehr viel zu sehen war: Die Frontseite des roten Sportwagens hinter dem Vorhang aus Schneeflocken, die Silhouetten zweier Menschen hinter der Windschutzscheibe im trüben Licht der Straßenbeleuchtung.

Die Beifahrertür öffnete sich.

»Es geht los!«, zischte Joan ...

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»ARMER G-MAN ...« LINDA wand sich aus meiner Umarmung. »Bist ja halb verhungert.« Eine ziemlich stürmische Umarmung war es gewesen, ich gestehe es. »Das war die Vorspeise.« Sie drückte mich von sich weg und öffnete die Beifahrertür. »Den Hauptgang gibt’s oben.«

Im Licht der Straßenbeleuchtung sah ich das Lächeln auf ihrem hübschen Gesicht. Ein verheißungsvolles Lächeln.

»Wie sollte ich auch satt sein.« Ich zog den Zündschlüssel ab. »Sieben magere Tage liegen hinter mir!«

Wir kamen aus der East Village. Aus »McSorley’s Old Ale House«, genauer gesagt, der ältesten Kneipe Manhattans. Dort hatten wir Versöhnung gefeiert. Zum fünfzigsten oder hundertsten Mal schätzungsweise. Irgendwann hatte ich aufgehört zu zählen.

Seit einigen Monaten war ich jetzt schon mit Linda McCain zusammen. Ich hatte sie kennengelernt, als ich gegen eine rechtsradikale Gruppierung ermittelte, die sich »Elias Rangers« genannt hatte, und während dieses Falls hatte ich Linda auch das Leben gerettet.

Seither waren wir ein Paar.

Aber was für eins.

Ständig kam es zwischen uns zum Streit, und Linda trennte sich mehr oder weniger regelmäßig von mir. Schuld war mein Job. Sie selbst als Chefredakteurin des Lifestyle Magazins »Female« hatte ja schon wenig Freizeit, aber immer  oder zumindest sehr häufig, wenn wir mal einen Abend gemeinsam verbringen wollten, kam mir irgendein heißer Fall dazwischen, und ich musste aufbrechen, um mich irgendwelchen Ganoven oder Terroristen zu stellen.

Natürlich war Linda dann sauer. Und sie war eine sehr aufbrausende junge Lady, die ihre Gefühle häufig nicht unter Kontrolle hatte. Das war sowohl positiv, als auch negativ zu sehen.

Sehr häufig leider negativ, denn für meinen Job brachte sie wenig Verständnis auf.

Es hatte also mal wieder zwischen uns geknallt, und wieder hatte Linda erklärt, es wäre aus mit uns. Und wieder war ich es gewesen, der über seinen Schatten gesprungen war, und wir hatten uns ein weiteres Mal versöhnt.

»Eine Woche Fasten«, grummelte ich und grinste sie an. Beiläufig zog ich mein Handy aus der Halterung am Armaturenbrett. »Keine Umarmung, kein Kuss, kein Wort  und auch sonst nichts. Meine Hormone haben sich ganz schön angestaut ...«

»Selber schuld.« Ihr ausgestreckter Zeigefinger deutete auf mein Handy. »Das Ding bleibt im Auto, G-man!«

»Sorry, Linda.« Ich versenkte das Gerät in meinem Jackett. »Völlig ausgeschlossen.«

»Du begleitest nicht irgendeine Frau in ihr Apartment!« Jetzt schwebte ihr Zeigefinger drohend vor meinem Gesicht. Schneeflocken trieben durch die offene Beifahrertür in meinen Sportwagen. »Die Frau, die du liebst, hat dich in ihr Bett eingeladen – und sie kann dich ganz schnell wieder ausladen. Also weg mit dem Ding!« Sie öffnete das Handschuhfach. »Ich will′s nicht in meiner Wohnung sehen. Nicht mal ausgeschaltet!«

»Kommt nicht in Frage.« Ich stieg aus. »Der Mann, mit dem du dich heute Abend versöhnt hast, ist Polizist!«

Auf der Beifahrerseite sprang Linda aus dem Sportwagen.

»FBI-Agent! Staatsdiener!«, fuhr ich fort. »Ich kann nicht so tun, als wäre ich nicht erreichbar!«

Über das nasse Wagendach hinweg blitzte sie mich an. »Der Mann, mit dem ich mich heute Abend versöhnt habe, gehört in dieser Nacht weder dem FBI noch den Vereinigten Staaten, noch dem Big Apple, sondern mir!« Mit dem Zeigefinger stach sie sich gegen die Brust. »Mir ganz allein! Sonst pfeif′ ich auf ihn!«

Ich verdrehte die Augen und trommelte mit den Fingern auf das Wagendach. Ganz ruhig, Jesse, dachte ich, bleib ganz ruhig – ein Kompromiss ... Denk daran, was ihr heute Abend vereinbart habt ... Versuch, einen Kompromiss zu schließen.

»Pass auf, Linda – Fakt ist: Ich muss erreichbar sein!«

Sie knallte die Wagentür zu und stemmte die Fäuste in die Hüften. Schneeflocken senkten sich auf ihre blonde Löwenmähne. »Fakt ist auch: Ich will mit dir zusammen sein, und du willst mit mir zusammen sein.« Wie zum Schwur hob ich die Rechte. »Sollte ich heute Nacht zu irgendeinem Einsatz ausrücken müssen – ich halte das für unwahrscheinlich, aber nur mal angenommen – dann verspreche ich dir, dass ich mir übernächstes Wochenende frei nehme. Richtig Urlaub. Nur für dich.«

Ich fand mich gut. Ein besseres Versprechen wäre auch einem Kommunalpolitiker im Wahlkampf nicht eingefallen.

Doch Linda zeigte sich wenig beeindruckt. »Übernächstes Wochenende habe ich keine Zeit. Jetzt habe ich Zeit.«

Ich stieß die Fahrertür zu und drückte auf den Impulsgeber für die Zentralverriegelung. »Dann nächstes Wochenende, oder wie wäre es ...«

In der Außentasche meines Jacketts vibrierte mein Handy. Linda verschränkte die Arme vor der Brust. Das Licht der Straßenbeleuchtung reflektierte sich in ihren bernsteinfarbenen Augen. Eine Mischung aus Bitterkeit und Spott legte sich auf ihr schönes Gesicht.

Das Geräusch des Handys verlangte nach mir – aufdringlich und erbarmungslos.

Ich drehte mich um, lehnte mit dem Rücken gegen meinen Wagen, und zog das verflixte Ding aus der Tasche. »Trevellian!«

»Entschuldigen Sie die späte Störung, Mister Trevellian.« Eine Frauenstimme schnarrte mir ins Ohr. Sie klang angespannt. »Ich heiße Karen Spencer, wahrscheinlich kennen Sie mich nicht ...«

Der Name sagte mir wirklich nichts. »Worum geht’s denn, Ma’am?«

»Um den Szyszkowitz-Prozess. Ich hab eine Aussage zu machen.«

Szyszkowitz – der Name sagte mir etwas. Genug jedenfalls, um eine Batterie roter Lampen in meinen Hirnwindungen aufflammen zu lassen. Wir hatten den Waffenhändler polnischer Abstammung hinter Schloss und Riegel gebracht. Ein halbes Jahr war das her, vielleicht auch länger.

»Sie wissen doch, der Prozess gegen ihn wird morgen eröffnet ...«

»Ich weiß.« Während des morgendlichen Briefings beim Chef hatten wir über den Prozess gesprochen. Ein Team von uns sollte den Schwerverbrecher auf dem Weg von Rikers Island ins United States Courthouse eskortieren. Der Einsatz war für den Nachmittag des nächsten Tages geplant.

»Wenn Sie eine Aussage machen wollten, bin ich die falsche Adresse. Ich kann ihnen die Nummer des Staatsanwaltes geben.«

»Ich habe Angst, Mister Trevellian.« Die Stimme wurde hastiger. »Da steht ein Wagen am Straßenrand, unten vor meinem Haus. Schon seit dem frühen Abend. Ich glaube, ich werde beschattet ... O Gott diese Teufel werden mich doch nicht umbringen?«

»Ganz ruhig, Miss Spencer. Niemand wird Sie umbringen.«

Es war eine Phrase. Aus dem Umfeld der Bundesstaatsanwaltschaft wussten wir, dass die Anklage gegen Szyszkowitz nicht gerade auf stählernem Fundament stand. Monatelang hatte man händeringend nach Zeugen gesucht. Der US-Amerikaner polnischer Abstammung hatte mindestens acht Morde in Auftrag gegeben. Von den drei Zeugen, die sich schließlich bereit fanden, gegen ihn auszusagen, lebte nur noch einer. Und das trotz Polizeischutz.

Ich betätigte wieder die Zentralverriegelung. Schnee hatte sich auf meinem Jackett gesammelt, Wasser tropfte mir aus dem Haar. »Nennen Sie mir Ihre Adresse, damit ich Ihnen die Nummer des zuständigen Polizeireviers geben kann.«

Fast gleichzeitig ließen Linda und ich uns in die Sitze fallen. Mit schmollend geschürzten Lippen beäugte Linda die noch lichte Schneedecke auf der Frontscheibe.

»Zweiundfünfzig Prince Street ...« Gehetzt klang die Frauenstimme jetzt. »Bitte, Mister Trevellian – können Sie nicht persönlich bei mir vorbeikommen? Ich will meine Aussage loswerden, ich war dabei, als dieser Teufel zwei Morde in Auftrag gab. Bitte, Ihnen vertraue ich. Ich hab in der Zeitung gelesen, wie hartnäckig Sie ihn gejagt haben ...«

»Sie können die Aussage auch einem Beamten des Police Department machen. Der Richter wird ihm ...«

»Ich beschwöre Sie, Mister Trevellian! Ich bin wie gelähmt vor Angst! Wenn ich nicht Ihre Stimme aus der Sprechanlage höre, werde ich niemandem öffnen ...«

Ich gab auf. »Okay. Ich bin in fünfzehn Minuten bei Ihnen.«

Neben mir hörte ich Linda die Luft scharf durch die Nase einatmen.

»Sorry, Linda. Es wird nicht lange dauern.«

Sie stieg aus.

»Ich werde der Frau ein paar Minuten zuhören«, sagte ich beschwörend, »ihre Aussage notieren und ...«

Linda beugte sich zurück in den Wagen.

»Auf dem Weg in die Prince Street rufe ich das zuständige Polizeirevier an«, sagte ich. »Ich überlass den Cops die Frau und komm zu dir ...«

Linda blickte auf ihre Armbanduhr. »Es ist kurz vor Mitternacht.« Ihre raue Altstimme vibrierte vor Zorn und Enttäuschung. »Bis halb zwei gebe ich dir Zeit. Danach brauchst du nicht mehr bei mir klingeln. Und zwar nie wieder!«

Sie schlug die Wagentür zu und lief zum Eingang ihres Apartmenthauses.

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KEIN LICHTSCHEIN ERHELLTE den Raum. Der Mann drückte sich gegen die Wand neben dem Fenster. Drei Stockwerke unter ihm die Reihen der parkenden Wagen. Schneeflocken glitzerten im Licht der Straßenbeleuchtung.

Sein kantiges Gesicht wirkte angespannt. Die Kaumuskulatur arbeitete. Das Herz in seinem breiten Brustkorb schlug schneller als sonst. Seine Hand um den Griff des schwarzen Geräts in der Tasche seines Trenchcoats schwitzte.

Wie festgewachsen stand er da. In einem Apartment, das nicht sein Apartment war. Sein konzentrierter Blick klebte an dem Sportwagen dort unter ihm. Anders als die meisten anderen Fahrzeuge bedeckte ihn noch keine geschlossene Decke.

»Nun mach schon«, murmelte der Mann. »Fahr endlich los ...«

Er sah den Sportwagen nur zur Hälfte. Die dem Bürgersteig zugewandte Seite des Wagens wurde vom Fenstersims verdeckt. Doch der Mann sah, was er sehen musste. Und er wusste, wer in dem Wagen saß. Und was der Fahrer des Sportwagens gerade tat, das wusste er auch.

Die Scheinwerfer des Sportwagens flammten auf. Er scherte aus der Parklücke.

»Endlich ...!«

Der Mann tastete sich durch den dunklen Raum. Bis seine Schuhspitze gegen etwas Festes, Hohles stießen. Er bückte sich, berührte die raue Oberfläche eines kofferartigen Behälters, glitt mit den Händen über dessen abgerundete Schmalseite und erwischte eines der Schnappschlösser.

Klack, klack! – nacheinander sprangen die Schlösser auf. Der Mann klappte den Deckel des ungewöhnlichen Behälters auf und lehnte ihn gegen eine Couch. Gegen eine Couch, die nicht seine Couch war.

Seine Hände tasteten den samtenen Stoff ab, mit dem der Behälter ausgeschlagen war. Bis sie das Bündel berührten. Zusammengerollte Lederhandschuhe. Der Mann wickelte sie auseinander. Etwas fiel klappernd in den Kasten.

Hastig streifte er sich die Handschuhe über.

In der Innentasche seines Trenchcoats vibrierte ein Handy. Er zog es heraus.

»Ja?«, flüsterte er.

»Er hat angebissen.«

»Gut. Ich verlass mich auf dich.«

Er steckte das Handy zurück in die Manteltasche. Seine Hände strichen über den Boden des Kastens, bis er das Ding tastete, das aus dem Handschuhbündel gefallen war. Lang und dünn war es, eine Spritze.

Er steckte sie in die rechte Manteltasche, holte eine kleine Stablampe aus der Innentasche und schaltete sie für eine Sekunde ein.

Umrisse von Möbeln, Bodenvasen, Zeitschriftenstapeln, Türrahmen und einem Schuhregal erschienen im Lichtstrahl. Für einen Augenblick nur, dann wieder Dunkelheit.

Behutsam setzte der Mann einen Fuß vor den anderen. Das Bild, das ihm das Licht seiner Lampe verschafft hatte, genügte zur Orientierung. Vorbei am niedrigen Holztisch, hindurch zwischen Zeitungsstapel und Vase, dann der Türrahmen, dann das Schuhregal, und daneben die Apartmenttür.

Dort blieb der Mann stehen und lauschte. Etwas summte draußen vor der Tür  der Lift. Das Summen verstummte, ein anderes Geräusch statt dessen: Die Aufzugtüren schoben sich auseinander. Schritte näherten sich ...

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DAS SPINNENNETZ WAR neu. Gestern jedenfalls spannte es sich noch nicht zwischen der Unterseite des schmalen, fast leeren Wandregals und der Wand des kleinen Raumes. Nicht nur das Netz, auch die Spinne konnte Herbert Cheyne deutlich erkennen, obwohl er neben der Metalltür des Raumes stand. Der Tür in den Zellentrakt. Also mindestens fünf Schritte entfernt von dem halb leeren Wandregal.

Herbert Cheyne – seine Verwandten und seine Freunde nannten ihn Herbie – hatte persönlich nichts gegen Spinnen. Aber er hatte etwas dagegen, wenn irgendwelche Leute ihre Arbeit nicht gründlich erledigten. Und ein Spinnennetz im Besucherraum war ja wohl der schlagendste Beweis dafür, dass die Leute von der Hausreinigung schlampig arbeiteten.

Herbie nahm sich vor, morgen ein ernstes Wort mit George Marshner zu sprechen. Georgie war für den Reinigungstrupp im Untersuchungstrakt von Rikers Island zuständig. Und Herbie, als einer von drei stellvertretenden Leitern der Wachmannschaft, hatte das Recht, ihn auf Fehler hinzuweisen. Weiß Gott, das hatte er.

Herbie versuchte, die Spinne und ihr Netz zu ignorieren. Über die Köpfe der beiden Männer am Besuchertisch hinweg betrachtete er das Muster des abbröckelnden Kalks neben der gegenüberliegenden Tür. Die Tür, durch die Besucher diesen Raum zu betreten pflegten.

Bald jedoch schweifte sein Blick zurück zur Spinne. Wie still sie da in ihrem Netz hing. Haben doch was Gefährliches, die Viecher, dachte Herbie. Lauern, bis irgend so ’ne arme Mücke oder ’ne Fliege kleben bleibt ...

Der Gedanke lenkte seine Aufmerksamkeit auf einen der beiden Männer am Besuchertisch. Auf den Kleinen mit dem schütteren Haarkranz. Er trug eine graue Strickjacke über blauem Hemd.

Herbie beachtete die beiden Männer kaum. Jedenfalls tat er so, als würde er sie nicht beachten. Ein guter Wachmann sollte wie Luft sein, wenn ein Gefangener sich im Besucherraum mit seinen Angehörigen traf. Oder mit seinem Anwalt, wie in diesem Fall.

Und Herbie beherrschte diese Kunst perfekt – die Kunst, nicht anwesend zu sein, obwohl er doch mit auf dem Rücken verschränkten Armen und gleichgültiger Miene neben der Tür zum Zellentrakt stand.

Natürlich bekam er jedes Wort mit, was an dem kahlen Tisch dort in der Mitte des Raums, vier Schritte von ihm entfernt, geredet wurde. Und er hatte gelernt, aus den Augenwinkeln wahrzunehmen, die Dinge zu beobachten, die sich am Rande seines Gesichtsfelds abspielten. So wie es die Indianer machten. Oder gemacht hatten. Auch diese Fähigkeit fand Herbie ziemlich gut an sich selbst.

Der Kleine mit dem schütteren Haarkranz zum Beispiel, also Szyszkowitz – der saß da, als hätte er eine Gesichtslähmung, als wäre er aus Gips: Er spielte nicht mit den Fingern, er wippte nicht mit den Füßen, er kaute nicht an der Unterlippe, er zuckte nicht mit Brauen und Mundwinkeln. Wie eine Gipsfigur, ganz im Ernst!

Nur manchmal, wenn der andere – sein Anwalt – sich über den Tisch beugte und seiner Stimme eine besonders eindringliche Färbung zu verleihen versuchte, deutete Szyszkowitz ein Nicken an. Und seine Lider schoben sich langsam über seine schmalen Augen. Und zwar ganz besonders langsam. So langsam, wie Herbie das schon bei Schildkröten oder Krokodilen gesehen hatte.

Ja, ja, solche Sachen fielen Herbie auf, während er die Muster des abgeblätterten Putzes zu studieren schien.

Oder der windige Bursche in seinem teuren Anzug – Niko Szyszkowitz’ Anwalt: Wie er sich hin und her bog, während er sprach, wie seine Arme in die Luft über seinen Kopf fuhren, als würde er die Worte dort fangen müssen, die er sagen wollte.

Außerdem hatte er mal wieder einen Schmiss im Gesicht, einen ziemlich blutigen sogar. Heute unter dem linken Nasenflügel. Herbie fragte sich, warum so ein Mann sich unbedingt nass rasieren musste. Natürlich – manche Frauen standen darauf. Aber wer es nicht konnte, sollte sich seiner Meinung nach einen anständigen Trockenrasierer zulegen.

Das waren so die Sachen, die Herbie durch den Kopf gingen, und die er beobachtete, wenn er Dienst im Besucherraum hatte. Abgesehen von Dreck, Schäden im Verputz und Spinnennetzen.

Die beiden Männer sprachen natürlich über den Prozess morgen. Über was sonst? Eigentlich sprach nur der Anwalt. Er schärfte Szyszkowitz ein, nur das Allernötigste zu sagen und alles ihm zu überlassen. Und er versicherte Szyszkowitz, dass er nichts zu befürchten hatte.

Herbie hoffte sehr, dass Szyszkowitz’ Anwalt – er hieß übrigens King, Roger King – sich in dieser Hinsicht täuschte. Der Wachmann selbst nämlich hielt den kleinen Mann mit dem Pokerface für einen gefährlichen Verbrecher. So harmlos er auch wirkte – Herbie traute ihm nicht für einen Cent über dem Weg. Und die Spinne, dort so reglos in ihrem Netz, wirkte sie nicht auch verdammt harmlos?

Vor Kurzem hatten sie hier auf Rikers Island dem Massenmörder Jon Bent die Giftspritze verpasst. Ein absolut skrupelloser Killer war das gewesen, und trotzdem hatte er in den Medien so überzeugend den geläuterten, bußwilligen Sünder gespielt, dass die Leute gegen die Vollstreckung des Todesurteils demonstriert hatten.

Hatte Bent jedoch nichts geholfen, und vielleicht würde man auch Szyszkowitz drankriegen, denn ein Unschuldslamm war der auch nicht.

Irgendwann erhob sich der Anwalt. »Bis morgen, Niko.«

Auch Szyszkowitz erhob sich. Beide reichten sich die Hände.

»Wir stehen das durch, Niko, glaub mir – wir stehen das durch.«

Szyszkowitz’ Lider rutschten über die Augäpfel, und er nickte, sonst keine Reaktion.

Herbie öffnete die Tür zum Zellentrakt, Szyszkowitz ging an ihm vorbei. Keines Blickes würdigte er den Wachmann.

Herbie fand das, gelinde gesagt, arrogant. Immerhin war das Treffen mit dem Anwalt nur durch eine Sondergenehmigung zustande gekommen. Unterredungen mit dem Anwalt kurz vor Mitternacht – wo gab′s denn so was?

Es ging durch ein Gittertor. Dahinter warteten Billy und Al, ebenfalls Vollzugsbeamte auf Rikers Island. Untergebene von Herbie.

»Gefangener Szyszkowitz nach Zelle zwo-eins-sieben.« Herbie sagte nicht »zweihundertsiebzehn«, er sagte »zwo-eins-sieben«. Die Formulierung war ihm wichtig. Irgendwie hatte er das Gefühl, dass sie Missverständnisse von vornherein ausschloss.

Die beiden Wächter flankierten den schmächtigen Szyszkowitz und fassten seine Arme. Sie führten ihn zu der vergitterten Schleuse dreißig Schritte weiter. Und durch sie hindurch in den Zellentrakt des Untersuchungsgefängnisses von Rikers Island. Und durch den Untersuchungstrakt über eine Stahltreppe hinauf in das zweite Obergeschoss zu Zelle 217.

Herbie folgte ihnen. Nicht, dass das zu seinen Pflichten gehört hätte. Aber wie gesagt: Er war einer der drei Stellvertreter des für diesen Trakt zuständigen Chefwachmanns. Und schon in seiner Zeit als Cop im Fünften Revier war er für seine Gewissenhaftigkeit bekannt gewesen. Beziehungsweise berüchtigt.

Jedenfalls verschaffte es ihm eine gewisse Befriedigung, als die Zellentür hinter Szyszkowitz ins Schloss fiel und Al den Schlüssel herumdrehte. Al Gysenbergh – ebenfalls ein ausrangierter Cop wie Herbie, nur war Al Sergeant, während Herbie als Lieutenant vom New York Police Department nach Rikers Island gewechselt hatte.

Herbie spähte durch die Klappe in die Zelle hinein. Szyszkowitz stand am Waschbecken und drückte Zahnpasta auf seine Zahnbürste.

»Mach das morgen, Szyszkowitz«, rief Herbert. »Wir drehen dir jetzt das Licht aus.«

Szyszkowitz begann sich die Zähne zu bürsten. Dabei schlenderte er langsam zur Zellentür. So nah, dass sein Gesicht schließlich Herbies Blickfeld ausfüllte. Er stocherte in seinem Mund herum und schien Herbie dabei gelangweilt anzuschauen. Herbie hatte den Eindruck, der Mann würde ihn fixieren.

Seine Augen waren von einem wässrigen Grau. Herbie hatte einen Großonkel in New Jersey drüben. Der trug ein Glasauge auf der linken Seite. Ebenfalls grau. Wesentlich lebendiger als dieses Glasauge sahen auch Szyszkowitz’ Augen nicht aus.

»Wie du meinst – dann musst du dir das Gebiss eben im Dunkeln schrubben.«

Unentwegt glotzten ihn die Glasaugen an. Herbie nahm sich vor, zu Hause im Lexikon nachzulesen, was Spinnen für Augen hatten. Er wusste es nicht.

»Und viel Glück morgen«, blaffte er gegen die Zellentür. »Hoffentlich brechen sie dir das Genick.«

Er knallte die Klappe zu.

Billy und Al sahen ihn an. Irgendwie ernst guckten die beiden.

Es war natürlich gegen die Vorschrift, zu einem Gefangenen zu sagen: »Hoffentlich brechen sie dir das Genick.« Und Herbie hatte das Gefühl, seine beiden Untergebenen würden ihn für diesen Satz insgeheim tadeln.

»Er hat die halbe Unterwelt unseres Landes mit Waffen versorgt. Killer, Mafia, Bankräuber, was weiß ich. Und er hat mindestens zehn Menschen auf dem Gewissen. Wahrscheinlich noch mehr. So einem sollte man ...« Er unterbrach sich.

»... die Giftspritze verpassen«, beendete Al den Satz. Er machte ein grimmiges Gesicht dabei.

Herbie nickte heftig. »Korrekt.«

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5

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LUSTLOS FUMMELTE LINDA ihren Apartmentschlüssel aus dem Lederbag. Sie war – untertrieben ausgedrückt – frustriert. Der Abend hatte gut angefangen, sehr gut sogar. Die Stunden im »McSorley’s Old Ale House« hatten mehr versprochen.

Ihre Zigarettenschachtel fiel aus dem Lederbag, als sie den Schlüsselbund herauszog. Sie bückte sich seufzend nach der Schachtel Benson & Hedges.

Was hast du erwartet?, fragte sie sich. Dass nun alles ganz anders wird? Dass er seinen Job vergisst, wenn er bei dir ist? Sie steckte die Schachtel in den Beutel und richtete sich auf. Wie naiv du manchmal bist ...

Sie steckte den Schlüssel ins Schloss und drehte ihn um. Er ist FBI-Agent, wann kapierst du das endlich? Die Tür sprang auf. Du weißt doch, was das bedeutet ... Erinnere dich an Dad. Müde schob sie sich aus dem Treppenhaus in ihr Apartment. Sie sind mit ihrem Job verheiratet – alle sind sie das! Und eines Tages stehen die Kollegen vor der Tür: »Wir haben eine schlimme Nachricht für Sie, Sie müssen jetzt ganz stark sein ...«

Lindas Hand tastete nach dem Lichtschalter. Gleichzeitig drückte sie die Tür hinter sich zu. Willst du das? Ganz ehrlich  willst du das noch einmal erleben, Linda-Mädchen? Das Licht flammte auf. Wie immer hängte sie als Erstes ihren Lederbag an die Garderobe.

Du willst Jesse, okay ... Sie knöpfte sich den Mantel auf. Du liebst ihn, okay ... Aber du kannst ihn nie ganz haben, niemals. Immer wirst du solche Abende erleben ...

Sie wollte sich den Mantel von der Schulter streifen  und stutzte. Ihr Blick fiel auf ein ungeheuer großes und fremdes Ding vor ihrer Couch – auf einen Kontrabass-Koffer. Der Deckel war aufgeklappt. Wie ein Sarg sah das Ding aus, wie ein mit grünem Samt ausgeschlagener Sarg.

Eisfinger schienen sich um Lindas Herz zu schließen und zuzudrücken.

Fünf, sechs Gedanken auf einmal schossen durch ihren Kopf: Das Telefon, Jesses Nummer, raus aus dem Apartment, schreien, sich umdrehen. Doch sie stand wie gelähmt und betrachtete das sargähnliche Ding vor ihrer Couch.

Etwas berührte sie im Nacken. Der Befehl »Sofort umdrehen!«, formte sich in ihrem Gehirn. Doch brennender Schmerz zuckte durch ihren Körper und fegte ihren Kopf völlig leer.

Sie stürzte neben das Schuhregal. Ein Gewitter tobte in ihrem Kopf, in ihren Gliedern.

Ein schwarzer Stiefel neben ihrem Gesicht. Sie krümmte sich. Der Saum eines Trenchcoats berührte sie. Sie wollte schreien. Ein Mann warf sich neben sie auf die Knie und packte ihr langes Haar.

Nur ein heiseres Röcheln drang aus ihrer Kehle. Ein schwarzes Ding tauchte in ihrem Blickfeld auf, ein Stromschocker. Der Mann bohrte ihr das Ding in die Halsbeuge.

Wieder zuckten brennende Blitze durch ihren Körper.

Sie krümmte sich zusammen, Panik überflutete ihr Bewusstsein, sie zitterte, ihre Arme und Beine zuckten unkontrolliert über den Teppichboden.

Der Mann kniete auf ihren Rücken. Er riss Mantel und Blusenärmel des rechten Armes herauf, er schnürte ihren Oberarm mit einer Krawatte ab, er schnippte den Plastikkonus von einer Spritze, er stach ihr eine Kanüle in die Armvene.

Linda stöhnte. Erbarmungslos presste der Mann ihren Kopf gegen den Boden. In Sekundenschnelle drückte er den Spritzenkolben nach unten. Eine gelbe, ölige Flüssigkeit verschwand in Lindas Vene.

Der Zipfel eines schwarzen Tuches bohrte sich aus dem Zentrum ihres Hirns in ihre Panik. Entfaltete sich und breitete sich finster und schwer über ihr Bewusstsein ...

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6

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DIE SCHEIBENWISCHER schrammten über die Frontscheibe meines Sportwagens. Der Schnee fiel dichter als noch vor einer Stunde, als wir »McSorley’s Old Ale House« verlassen hatten. Trotzdem drückte ich mächtig aufs Gas, als ich in Greenwich Village vom Washington Place auf den Broadway einbog und Richtung Downtown fuhr. Es war fünf Minuten nach Mitternacht. Ich wollte unter allen Umständen um ein Uhr, spätestens halb zwei, bei Linda klingeln.

Meine Stimmung war nicht die Beste. Es wäre sogar übertrieben zu sagen, sie sei mittelprächtig gewesen. Die Sache mit Linda setzte mir mächtig zu.

Vor einer Stunde noch hatte ich mich der Hoffnung hingegeben, wir könnten es doch noch schaffen. Wir hatten uns der Hoffnung hingegeben, und zack! Schon wieder hatte uns die Realität eingeholt.

Gegen Viertel nach zwölf passierte ich die Kreuzung West Houston Street, und kurz darauf bog ich nach rechts in die Prince Street ein.

Es war nicht unbedingt so, dass Linda weniger von ihrem Job beschlagnahmt wurde als ich, nur konnte sie sich ihre Zeit individueller einteilen. Linda McCain war Chefredakteurin eines Hochglanzmagazins für Frauen. »Female« hieß das edle Blatt – Lifestyle, Mode, Frauenthemen und Sex.

Jedes Mal, wenn der Redaktionsschluss ins Haus stand, war Linda zwei, drei Tage lang nicht für mich zu sprechen. Ansonsten konnte sie die Arbeit auch mal einen Nachmittag liegen lassen und musste dafür eben nachts ran. Wenn dagegen in der Federal Plaza die Alarmglocken schrillten, mussten wir augenblicklich ausrücken. Der Kampf gegen das Verbrechen duldet keinen Aufschub.

Es ließ sich praktisch nicht vermeiden, dass öfter mal ein Rendezvous, ein freies Wochenende oder gar ein Kurzurlaub platzte. Nichts, was eine anspruchsvolle Frau wie Linda McCain auf die Dauer tolerierte.

Hinzu kam, dass wir beide nicht gerade dazu neigten, uns einem Partner so ohne Weiteres anzupassen. Anders ausgedrückt: Jeder von uns hatte sich einen Geliebten ausgesucht, der mindestens so eigensinnig war, wie er selbst.

Das fing bei politischen Standpunkten an und hörte bei der Diskussion um die banalsten Dinge auf: In welches Kino gehen wir? Welches Theaterstück besuchen wir? Stellt man die Zahnbürste mit dem Stiel oder dem Bürstenteil nach unten in den Becher? Und so weiter, und so weiter ...

Nun gut – solche Dinge waren hinzukriegen. Man muss nun mal Kompromisse schließen. Aber mein Job? Der erlaubte keine Kompromisse. Der musste getan werden, und zwar gut getan werden.

Und dann  okay, ich geb′s zu: Ich gehöre zu den schwierigen Männern, die ihren Job mehr lieben als alles andere ...

Die Vierziger-Hausnummern schoben sich rechts an mir vorbei. Ich ging vom Gas. Dann die angegebene Adresse: 52 Prince Street. Auf beiden Straßenseiten lückenlose Parkkolonnen. Ich hielt in der zweiten Parkreihe, schaltete die Warnblinkanlage ein, und stieg aus.

Zwanzig nach zwölf verriet mir meine Armbanduhr. Ich war zuversichtlich, vor halb zwei wieder bei Linda zu sein. Viel zuversichtlicher jedenfalls als im Hinblick auf unsere gemeinsame Zukunft. Aber diese trüben Gedanken schob ich beiseite.

Ein Bewegungsmelder ließ das Licht über der Vortreppe eines alten Hauses aufflammen. Ich stieg die Stufen hinauf. Mein Finger glitt über die Namensschilder neben den Klingelknöpfen.

»K. Spencer«. Die Frau wohnte im dritten Obergeschoss. Ich klingelte und wartete.

Keine Stimme aus dem Lautsprecher der Gegensprechanlage. Noch einmal drückte ich den Knopf. Wieder nichts.

Als der Lautsprecher nach ein paar weiteren Versuchen immer noch stumm blieb, ging ich auf die Straße und sah hinauf zu den Fenstern des dritten Stockwerks. Drei auf der linken Seite des Hauses waren hell erleuchtet. Irgendjemand dort oben war also noch wach.

Zurück bei der Haustür drückte ich beide Klingelknöpfe, die ich dem dritten Obergeschoss zuordnete. Wieder musste ich warten, wieder klingelte ich mehrmals.

Bis sich eine verschlafene Stimme aus der Gegensprechanlage meldete. »Wer ist da?«

»FBI. Sind Sie Miss Spencer?«

»FBI? Miss Spencer? Sie können mich mal, Mann!«

Die sprichwörtliche Nettigkeit der Manhatties schlug mir in unerwartet heftiger Weise entgegen. Ich redete mit Engelszungen, musste mich dann aber mitten auf die Prince Street in den Schnee stellen und mit Dienstmarke und -ausweis wedeln, bevor der misstrauische Zeitgenosse dort oben endlich den Türöffner betätigte.

Ich stapfte die Treppen eines erst in jüngerer Zeit renovierten Treppenhauses hinauf. Eine ältere Lady empfing mich vor ihrer Apartmenttür im dritten Stock. Sie trug einen Morgenmantel von einem abscheulichen Grün und Lockenwickler.

Von meiner Tante in Harpers Village und aus alten Filmen wusste ich, dass reifere Damen auf diese Weise mitunter ihre Dauerwellen vor unruhigem Schlaf zu schützen pflegen.

Noch einmal wollte die Frau meine Dienstmarke sehen. »Die Spencer wohnt gegenüber.« Ihr Gesicht wurde um eine Spur freundlicher. Aber wirklich nur um eine Nuance. »Nichts für ungut, Mister FBI-Agent, aber ich dachte, Sie sind einer von den Kerlen.«

Ich ging zur Apartmenttür gegenüber. »Was für Kerle meinen Sie, Ma’am?« Auf den Knien spähte ich durch den unteren Türspalt. In dem Apartment brannte Licht. Natürlich – es war das Linke, die Lady gegenüber hatte ich aus dem Bett geworfen.

»Was für Kerle?« Sie stieß ein hämisches Lachen aus. Die Frau, die mich angerufen hatte, schien nicht besonders beliebt zu sein. »Na, die Kerle, von denen sich die Spencer ...« Sie unterbrach sich und winkte ab. »Ihre Kunden, Sie wissen schon ...«

Ich ahnte zumindest. »Wann haben Sie Miss Spencer zum letzten Mal gesehen?«

»Heute Nachmittag, glaub ich.«

Ich versuchte es noch einmal mit der Klingel. Nichts rührte sich hinter der Tür. Ich wäre überrascht gewesen, wenn es anders gewesen wäre. »Es brennt Licht im Apartment, aber Miss Spencer öffnet nicht!«

»Wahrscheinlich hat sie vergessen, es auszuschalten.«

Ich nickte langsam. Nachdenklich betrachtete ich die Tür. »Vor einer halben Stunde hat sie mich angerufen«, wandte ich mich wieder an die ältere Lady. »Ist seitdem jemand bei ihr gewesen?«

»Hören Sie mal, Mister FBI-Agent ...«

»Trevellian, Jesse Trevellian ...«

»... Mister Trevellian – ich hab Wichtigeres zu tun, als die Tür dieser ... zu beobachten. Bis um zwölf habe ich einen alten Spielfilm geguckt, dann hab ich meine Schlaftabletten genommen, und dann war ich sofort weg ...«

Ich hörte nicht mehr zu. Kann sein, dass mein Date bei Linda – spätestens zwei Uhr! – den Ausschlag gab. Jedenfalls trat ich neben die Lady im giftgrünen Gewand, um Anlauf zu nehmen. »Nicht erschrecken, Ma’am.«

Die Tür sprang schon beim ersten Versuch auf. Der Krach hallte durch das ganze Treppenhaus.

Die Frau hing auf einem Stuhl. Mit Händen und Füßen an Lehne und Stuhlbeine gefesselt. Jemand hatte ihr eine Plastiktüte über den Kopf gestülpt.

»Um Himmels willen ...!« Die Lady von nebenan stand im Türrahmen und presste sich die Handflächen gegen die Wangen. Aus großen Augen starrte sie die Tote am Esstisch an. »Um Himmels willen ... Ich hab’s immer gesagt ...« Sie versuchte, aus ihrer Fassungslosigkeit in Erklärungen zu flüchten. »Bei dem Lebenswandel ... Ich hab′s neulich erst wieder gedacht ...«

Ich zog mein Handy heraus und wählte die Nummer des Midtown-Reviers.

»Trevellian, FBI. Eine Tote in zweiundfünfzig Prince Street. Mord, wie es aussieht. Beeilt euch, und alarmiert die Kollegen vom Erkennungsdienst.«

Noch immer stand die Nachbarin an der Tür. Stimmen und Schritte hallten aus dem Treppenhaus. Mein Gewaltakt gegen die Tür hatte die Leute aus dem Schlaf gerissen.

»Nehmen Sie noch ein Schlafmittel, Ma’am.« Ich schob die Frau hinaus ins Treppenhaus. »Morgen wird die Polizei bei Ihnen klingeln, um ein paar Fragen an Sie zu stellen.« Ich drückte die Tür zu.

Um keine Spuren zu verwischen, verzichtete ich darauf, mir das Apartment 1 genauer anzusehen. Es war kurz nach halb eins. Bald hörte ich Sirenen draußen. Sie näherte sich rasch. Und kurz darauf laute Schritte im Treppenhaus.

Die Cops sperrten das Apartment ab. Dann kamen die Jungs von der Mordabteilung. Ich kannte die Detectives flüchtig. Natürlich wollten sie wissen, was ich bei der Toten zu suchen hatte, ob ich sie kannte und so weiter ...

Ich erzählte von dem Anruf, und sie waren zufrieden. Vorerst jedenfalls.

Ein halbes Dutzend Männer und Frauen vom Erkennungsdienst betraten nach und nach das Apartment. Unter ihnen Alexis Silas, Pathologe des Zentrallabors.

»Hi, Jesse!« Er schüttelte mir die Hand zur Begrüßung. »Warum treff′ ich dich immer in der Nähe von Leichen?«

»Muss irgendwie mit deinem Job zusammenhängen«, knurrte ich.

»Oder mit deinem.« Ich schielte auf meine Armbanduhr – fünf nach eins.

Alex – so nannten die meisten von uns Alexis Silas – stellte seine Arzttasche neben der Leiche ab. Er war fast zwei Meter groß und wog sicher weit über dreihundert Pfund. Ein Scherzbold in der Pathologie hatte ihm den Namen Doc Doubleman verpasst.

Blitzlicht zuckte durch den Raum. Ein Polizeifotograf schoss Bilder von der Leiche. Dann zog Alex der Toten die Tüte vom Kopf. Sie hatte langes blondes Haar und konnte nicht viel älter als dreißig sein. Ihr Gesicht war bläulich verfärbt.

»Kaum zu glauben.« Ich schüttelte den Kopf. »Vor einer Stunde noch hab ich mit ihr telefoniert ...« Ich wandte mich ab.

Die ständige Konfrontation mit dem Tod gehört zu den dunkelsten Seiten meines Jobs. Ich spreche nicht von dem Risiko, selbst dran glauben zu müssen, ich spreche von dem Tod der anderen, von unwiederbringlich ausgelöschtem Leben, dessen oft traurige Überbleibsel ich so oft zu sehen bekam.

Ich rief die Federal Plaza an. Der Chef selbst war am Apparat. Ich war nicht einmal überrascht, seine Stimme zu hören. Jonathan D. McKee nachts in der Zentrale – das war fast so selbstverständlich wie die Acht-Uhr-Nachrichten von CNN.

»Nanu, Jesse  ich dachte, Sie machen sich einen schönen Abend!«

»Hätte auch fast geklappt, Sir. Ein Anruf um Mitternacht hat mir einen Strich durch die Rechnung gemacht.« Ich berichtete, was vorgefallen war.

Wir sprachen nur das Nötigste miteinander. Danach wandte ich mich der Apartmenttür zu. »Ich geh dann mal!«, rief ich in ein erneutes Blitzlichtgewitter hinein.

Alex hob grüßend die Hand.

Auf der Treppe vor der Apartmenttür eine Nachbarschaftsversammlung. Die Leute, alle in Morgenmänteln, tuschelten miteinander. Die Lady von nebenan im Mittelpunkt.

Ich drängte mich durch die Menge. Vor dem Haus ebenfalls Gaffer aus der Nachbarschaft. Auch die Mediengeier hatten schon Stellung bezogen. Jemand fuchtelte mit einem Mikrofon vor meiner Nase herum. Ich ignorierte es. Ein Blick auf die Uhr  Viertel nach eins ...

Und dann die böse Überraschung: Mein Sportwagen war eingekesselt von Streifenwagen, Fahrzeugen der Spurensicherung, einem Leichenwagen und dem alten Volvo des Pathologen.

»Bullshit ...!«

Sage und schreibe zwanzig Minuten dauerte es, bis die Fahrer der einzelnen Autos endlich aufkreuzten und mir den Weg freimachten. Gegen Viertel vor zwei bog ich dann in den Broadway ein, und Schlag zwei hielt ich vor dem Haus in Greenwich Village, in dem Linda seit knapp einem halben Jahr wohnte.

Im Laufschritt hetzte ich die Vortreppe hinauf und klingelte. Nichts.

Ich konnte klingeln, so oft ich wollte, es blieb dabei, sie machte nicht auf.

Wohl ein Dutzend Mal versuchte ich es dann telefonisch. Sie überließ es ihrem Anrufbeantworter, mich abzuspeisen.

Fluchend stieg ich in den Sportwagen.

»Verdammter Dickschädel ...«

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7

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UNDURCHDRINGLICHE FINSTERNIS. Und die Finsternis schaukelte hin und her.

Enge und Schmerzen, was sie da dich neben sich hörte.

Wo bin ich ...? Was ist mit mir ...?

Linda riss die Augen auf. Die Finsternis blieb.

Etwas glühte in Lindas Nacken und an ihrem Hals. Sie wollte die schmerzenden Stellen betasten. Ihre Hände stießen gegen eine harte Wand.

Sie wollte ihre Beine anziehen. Sie schienen in einem Schraubstock eingespannt zu sein.

Panik brandete durch ihren gepeinigten Körper und zerriss für Augenblick die Nebelwand, die dumpf und schwer in ihrem Hirn hing. Sie wollte schreien, aber ihre Kehle war wie zugeschnürt.

Nur ein krächzendes Stöhnen kam über ihre Lippen.

Warum ist es so finster ...?

Warum schwanke ich hin und her ...?

Die Luft drohte ihr wegzubleiben.

Warum ist es so eng ...?

Ich ersticke, ich ersticke ...

Ihr Bewusstsein drohte erneut in einen Abgrund zu stürzen. Sie stemmte sich mit aller verbliebenen Willenskraft dagegen.

Wie aus einem riesigen, stockdunklen Kuppelraum drangen Geräusche an ihr Ohr.

Rhythmische Schläge. Und immer dieses Schwanken ...

Sie versuchte sich zu räkeln, versuchte erneut Arme und Beine auszustrecken – es ging nicht.

Sofort stieß sie an harte Grenzen.

Gefangen, ich bin gefangen ...!

Ein Bild schälte sich aus dem wabernden Grau in ihrem Schädel. Ein Koffer, ein Kontrabass-Koffer.

Ich bin eingesperrt ...

Sie stöhnte laut. Rhythmische Schläge von irgendwoher beschleunigten sich. Sie wurden lauter, schienen näher zu rücken. Linda begriff, dass es Schritte waren, was sie da dich neben sich hörte.

Die Enge drückte ihr den Atem ab.

Sie begann zu hecheln.

Wenn ich ersticke ... Ein Gewitter tobte durch ihr Nervensystem. Wenn ich hier nicht mehr rauskomme ...

Sie schüttelte sich, stieß mit den Beinen nach unten, scheuerte mit den angewinkelten Unterarmen über die Innenseite ihres engen Kerkers. Ich will raus ...!

Ihr Kopf schlug nach hinten, ihre Stirn nach vom an die Wand.

Ich will raus, ich will raus ...!

Etwas schien sich warm in ihren Gedärmen aufzublähen, ihr Magen begann zu pulsieren, sie übergab sich, verschluckte sich, hustete, stöhnte und übergab sich erneut.

Ein metallenes Rasseln über ihr – ein Schlüsselbund  das Schlagen einer Tür. Dann schien sie für den Bruchteil einer Sekunde zu fallen. Hart schlug ihr finsteres Gefängnis am Boden auf. Linda röchelte.

Etwas klickte, etwas schnappte von außen gegen ihr Gefängnis. Der Deckel öffnete sich, unverhofft prallte Neonlicht auf ihre Netzhäute. Linda schoss geblendet die Augen.

»Scheiße«, brummte eine Männerstimme. »Hat tatsächlich gekotzt ...«

Grobe Hände packten sie und zerrten sie nach oben. Lindas schmerzende Glieder streckten sich. Ihre Knie gaben nach, sie stürzte auf Steinfliesen.

Endlich gelang es ihr, die Augen aufzureißen. Die Spitzen schwarzer Schnürstiefel direkt vor ihrem Gesicht. Und daneben, wesentlich kleiner, braune Wildlederboots.

Sie versuchte sich auf die Hände zu stützen. Der Steinboden war dreckig. Ihr Kopf fühlte sich an wie ein Fremdkörper. Ein Fremdkörper aus Blei.

Trotzdem gelang es ihr, von den Schuhen aus über Hosenbeine und Mantelsäume nach oben zu blicken. Zwei Gesichter verschwammen dort, hoch über ihr.

Wieder packten sie Hände. Diesmal an beiden Armen. Sie wurde über die Steinfliesen geschleift.

»Wir müssen sie sauber machen«, sagte eine Frauenstimme.

»Blödsinn«, antwortete die Männerstimme.

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ES WAR NOCH DUNKEL, als ich aufwachte. Ich schob mich aus dem Bett und wankte zum Fenster meines Schlafzimmers. Traumfetzen huschten durch meinen Schädel – Lindas hübsches Gesicht, eine Frau mit Lockenwicklern, Alex’ Volvo, eine Tote mit einer Plastiktüte über dem Kopf.

Was, zum Teufel, hatte ich da zusammengeträumt? Die Bilder verzogen sich in die Abgründe meines Hirns und lösten sich auf. Der Traum ließ sich nicht festhalten. Ein schales, bitteres Gefühl blieb.

Ich zog die Vorhänge auf.

Schneeflocken tanzten vor dem Fenster. Schnee auf dem Fenstersims vor den Scheiben.

Ich schlurfte in den Livingroom zum Telefon. Neben dem Apparat ein Stapel Post. Ich hatte ihn in der vergangenen Nacht bei meiner Rückkehr aus dem Postkasten gezogen und achtlos neben das Telefon geworfen.

Unter Lindas Nummer meldete sich ihr Anrufbeantworter. Drei Mal versuchte ich′s, aber immer nur die Konservenstimme. Auch in ihrem Büro nahm keiner ab.

Sollte sie schon auf dem Weg zur Redaktion sein? Ich blickte zu meinem Regal neben der Couch. Halb sieben zeigte die Digitaluhr meines Videorekorders. So früh war Linda nie auf den Beinen.

Vielleicht konnte sie nicht schlafen?

Eine kalte Dusche vertrieb die Bettschwere aus meinen Gliedern. Und der Kaffee anschließend weckte mein Hirn auf.

Bevor ich das Apartment verließ, versuchte ich noch einmal, Linda zu erreichen. Wieder nichts.

Flüchtig sah ich die Post durch. Ein Brief aus Washington, vom Hauptquartier. Vermutlich das Fortbildungsprogramm für das erste Halbjahr des kommenden Jahres. Ungeöffnet ließ ich das Kuvert zurück auf den Telefontisch fallen.

Dann ein Brief aus Los Angeles. Von Will Trevellian, meinem Neffen.

Hat Zeit bis heute Abend.

Der Rest Werbung. Durch die wattierte Hülle eines großen Kuverts tastete ich einen harten, länglichen Gegenstand, Ein Verlag, den ich nicht kannte, stand als Absender auf dem Brief. Ich warf ihn auf den Stapel der anderen.

Ich hatte die Klinke meiner Apartmenttür schon in der Hand, als mein Telefon läutete.

Linda!

Hastig nahm ich ab.

Alex′ volltönender Bass meldete sich. »Hi, Jesse – gut, dass ich dich noch erwische!«

»Du so früh am Morgen?«, wunderte ich mich.

»So ist es«, brummte er. »Und schon wieder wegen einer Leiche.« Seine Stimme klang müde. »Ich hab die Frau obduziert. Ich schicke eine Kopie des Berichts an die Federal Plaza. Da ist allerdings eine Sache, die wollte ich dir persönlich sagen.«

»Schieß los.«

»Die Frau war seit mindestens vier Stunden tot, als du sie gefunden hast.«

Mir verschlug es für Sekunden die Sprache. Ein Karussell begann sich in meinem Kopf zu drehen. Ich sah mich neben meinem Wagen stehen und mit Linda streiten. Ich hörte mein Handy läuten, ich hörte die Stimme der Frau, die sich als Karen Spencer vorgestellt hatte.

»Das kann nicht sein, Alex. Sie hat mich kurz vor Mitternacht angerufen. Keine vierzig Minuten später hab ich sie tot in ihrem Apartment gefunden.«

»Ich hab keinen Augenblick daran gezweifelt, dass eine Frau dich angerufen hat, Jesse.« Der Pathologe sprach so gelassen wie immer. »Ich informiere dich lediglich über ein wissenschaftliches Faktum: Die Frau war mindesten vier Stunden tot, als du sie gefunden hast. Wahrscheinlich sogar länger. Jetzt bist du am Zug – du musst dieses Faktum interpretieren.«

Meine Gedanken ordneten sich.

Eine Frau, die dich kurz vor Mitternacht anruft, ist zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr am Leben.

»Konntet ihr sie identifizieren?«

»Karen Spencer, sechsundzwanzig Jahre alt, offiziell Kassiererin in einem Kino in Brooklyn, inoffiziell ein Callgirl.« Mehr sagte er nicht.

Jemand benutzt den Namen einer Toten, um sich mit dir zu verabreden ...

»Danke, Alex. Ich melde mich, wenn ich noch Fragen hab.«

»Wär schön, wenn bei unserer nächsten Begegnung keine Leiche dabei ist.«

»Ich lad dich zum Bier im North Star Pub ein.« Ich hörte nur noch mit halbem Ohr zu. »Sprich mir mal auf den Anrufbeantworter, wann du Zeit hast.« Wir verabschiedeten uns. Ich legte auf. Nachdenklich betrachtete ich das Telefon.

Jemand lockt mich ins Apartment einer Toten ... Warum? Warum solltest du die Frau finden? Warum ...?

Ich verließ mein Apartment. Es war zwanzig nach sieben.

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DER MANN TRUG EINEN Siegelring an der Rechten. Lindas Lippe platzte auf, als sein Handrücken ihren Mund traf.

Der nächste Schlag war so heftig, dass ihr Kopf zur Seite geschleudert wurde und der Stuhl zu kippen drohte, auf den man sie gefesselt hatte.

»Nur, damit du begreifst, wie ernst es uns ist!«

Die Stimme des Mannes klang kehlig, fast krächzend. Er sprach mit einem harten Akzent und rollte das »R«. Trenchcoat und Jackett hatte er abgelegt und seine weißen Hemdsärmel über die Ellenbogen gekrempelt.

Eine graue Haarbürste bedeckte seinen großen Schädel. Seine schmalen Augen waren von einem wässrigen Blau, seine Nase knollig und blau geädert, und sein Mund breit mit leicht vorgeschobener Unterlippe.

Tränen strömten Linda über das Gesicht. Sie wollte sich keine Blöße geben, aber die Brutalität dieses Menschen sprang sie mit solcher Wucht an, das ihr das Wasser unkontrolliert aus den Augen stürzte.

»Ein Versuch, uns zu linken, ein Wort, eine Bewegung, die wir nicht anordnen ...« Die Rechte des Mannes streckte sich zum Tisch aus und schloss sich um das schwarze handliche Gerät, den Stromschocker. Er führte ihn an ihre Kehle. »Wir verstehen uns«, sagte er heiser.

Linda schluckte und bog den Kopf in den Nacken.

»Verstehen wir uns?«, brüllte der Kerl.

Linda nickte hastig.

Wie ein großes, schwarzes Tier hockte die Angst auf ihrer Brust, in ihrem Hirn, streckte ihre giftigen Tentakel nach ihren Sinnen und Nervenzellen aus. Sie zwang sich zu tiefen Atemzügen. Nur so schaffte sie es, das Bedürfnis, laut zu schreien, zu unterdrücken.

Der Raum, in dem sie sich befand, wirkte ein wenig wie eine ehemalige Küche oder wie ein Labor, ein Kühlraum. Linda konnte es beim besten Willen nicht sagen.

Graue Steinfliesen bedeckten den Boden, grünliche Kacheln die Wände. Ein langes Waschbecken auf einem verrosteten Metallgerüst zog sich an der linken Wand entlang. An der Rechten standen Regale aus stumpfem Aluminium. Altpapier stapelte sich darauf. Dazwischen ein paar Metallkästen.

In der Mitte des Raums ein quadratischer Tisch, nicht besonders groß und ebenfalls aus Aluminium. Eine Karte – vermutlich ein Stadtplan – war darauf ausgebreitet. Daneben ein Handy. Ein kleiner Schraubstock war am Tischrand befestigt. Wieder und wieder wanderte Lindas Blick dorthin.

Unter dem Tisch das Gitter eines Abflusses. Die Tür an der Schmalseite war aus grau angestrichenem Metall. Stangen zogen sich der Länge nach unter der Decke, von Schmalseite zu Schmalseite. Ein paar Haken hingen dort. Fleischerhaken, nahm Linda an.

Die Frau konnte Linda nicht sehen. Aber sie spürte ihre Nähe, wie man die Gegenwart eines Zahnarztes oder eines scharfen Hundes spürt. Sie stand hinter ihr.

Als das teuflische Paar sie in diesen Raum geschleift und an den Holzstuhl gefesselt hatte, da hatte Linda ihr Gesicht gesehen: Das junge Gesicht einer blassen Frau mit kurzen schwarzen Haaren. Die Miene hart, die braunen Augen erbarmungslos.

Auch den Wandtisch, der sich jetzt hinter ihr befand, hatte sie in diesen Momenten gesehen. Geräte standen auf ihm. Geräte, die Linda nicht identifizieren konnte. Nur den Monitor hatte sie erkannt.

Der Mann hatte die Frau einmal beim Namen genannt – Joan. Irgendwo in Lindas Kopf wunderte sich etwas darüber, dass er ihren Namen und beide ihre Gesichter preisgaben.

Hinter sich hörte sie Kleider rascheln. Die Frau berührte ihre auf die Rückenlehne des Stuhls gefesselten Hände. Die Rechte band sie vom kantigen Holm der Stuhllehne los.

Der Geschmack von Blut sickerte auf Lindas Zunge. Säuerlicher Geruch stieg in ihre Nase. Jetzt erst wurde ihr bewusst, dass sie noch immer ihren schwarzen, frackartigen Mantel trug. Kragenaufschläge und die Bluse darunter waren feucht von Erbrochenem.

Der Mann und die Frau namens Joan packten Linda und trugen sie samt Stuhl näher an den Tisch heran. Das Holz knarrte, und das hölzerne Gestell wippte unter ihr, als die beiden den Stuhl vor dem Tisch absetzten. Die Frau nahm Lindas Arm, streckte ihn aus und legte das Handgelenk zwischen die Backen des Schraubstocks.

»Nein«, keuchte Linda. »Nein ...!«

Sie versuchte, den Arm zu sich zu ziehen. Der Handrücken des Mannes traf sie an der Schläfe. Er drückte ihr den Schocker an den Hals, während die Frau ihr Handgelenk zwischen den Schraubstockbacken festhielt und zudrehte. Nicht sehr fest, doch fest genug, um Lindas Hand jede Bewegungsfreiheit zu rauben.

Die Frau hatte plötzlich eine Nadel in der Hand. Sie schob sie ein Stück unter den langen, rot lackierten Nagel von Lindas Mittelfinger.

Lindas Unterlippe bebte, nie zuvor hatte jemand sie dermaßen gequält und gedemütigt. Sie wünschte sich, Zorn würde ihre Brust füllen. Stattdessen nur das schwarze Tier Angst.

»Ein falsches Wort ...« Der Mann flüsterte jetzt, und es klang bedrohlich. »Ein falsches Wort, und sie sticht zu.«

Er entfaltete ein Blatt Papier vor ihren Augen. Wenige Sätze standen darauf. Die großen Druckbuchstaben verschwammen vor Lindas Augen.

»Das sagst du ihm«, befahl der Mann. »Und kein Wort mehr!«

Der Mann nahm das Handy vom Tisch und wählte eine Nummer ...

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DUMPF HALLTE DAS GERÄUSCH der zufallenden Wagentür durch die Tiefgarage. Ich steckte gerade den Schlüssel ins Zündschloss, als mein Handy losorgelte.

Linda!, rief meine innere Stimme.

Hastig fummelte ich das Gerät aus der Innentasche meines Jacketts. »Trevellian!«

Keuchende Atemzüge rasselten aus dem Hörteil des Handys.

»Trevellian! Wer ist dran?«

»Du hast einen Brief bekommen ... kehr um ...«, keuchte eine Stimme in mein Ohr. Eine Frauenstimme.

»Linda! Wo bist du? Was ist los?«

»... kehr um, wenn du das Apartment schon verlassen hast ...« Sie klang, als würde ihr jedes Wort Qualen bereiten.

Mein Herzschlag beschleunigte sich, ich wagte nicht zu atmen.

»... ein Brief ... von einem Verlag namens Freedom ... öffne ihn ...«

»Linda!« Ich brüllte. »Linda! Was ist mit dir?«

»Tu es, Jesse, bitte ...«

»Linda! Wo steckst du?«

Ihr Schrei bohrte sich in meine Brust, in meine Eingeweide. Ein klagender, hoher Schmerzensschrei. Er füllte meinen Körper aus. Noch nie hatte ich Linda so schreien gehört.

»Linda!«

Nichts mehr. Nur Stöhnen und Röcheln.

Dann eine Flüsterstimme. »Wir meinen es todernst, Trevellian. Tu, was sie sagt!«

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SZYSZKOWITZ STAND VOR dem Spiegel und klatschte sich Rasierwasser ins Gesicht.

Herbie sah ihm zu – durch die Klappe in der Zellentür.

Wie gründlich er sein Allerweltsgesicht abgeschabt hat. Wie er sich einparfümiert ...

Herbie beobachtete den Mann schon seit ein paar Minuten.

Er tat das gern – Mörder, Räuber, Kidnapper und Vergewaltiger durch die Türklappe beobachten. Bei Zähneputzen, beim Rasieren, wenn sie sich die Haare aus der Nase schnitten, wenn sie sich die Achselhöhlen mit dem Deostift einschmierten.

Sie taten all das, wie jeder andere auch. Wie er selbst zum Beispiel. In Nichts unterschieden sie sich in diesen Alltäglichkeiten von Menschen auf der richtigen Seite des Gesetzes. Eine an sich banale Beobachtung. Aber Herbie faszinierte sie immer wieder. Manchmal erzählte er seiner Frau Hannah davon.

Hannah war eine gläubige Christin.

»Hast du etwa gedacht, sie kratzen sich die Bartstoppeln mit dem Stilett aus dem Gesicht und pinkeln absichtlich neben die Kloschüssel?« So oder ähnlich pflegte sie auf ihre unnachahmlich trockene Art bei solchen Gelegenheiten zu antworten.

Und dann deutete sie manchmal auf ihre Brust. »Da drin, im Herzen, sitzt das Böse. Da drin, wo nur Gott hinschauen kann ...«

Dort, wo nach Hannahs Worten nur Gott hinschauen konnte, musste dieser Kerl, den Herbie durch die Klappe beobachtete, eine wahre Schlangengrube beherbergen. Herbie hatte beim Frühstück in seinem Büro die New York Post gelesen. Einen Bericht über den heute beginnenden Prozess.

Dort stand zu lesen, dass Szyszkowitz sich nicht nur an illegalen Waffengeschäften bereichert, sondern auch jeden, der sich ihm in den Weg stellte, gnadenlos beseitigt hatte.

Mit einer Bombe sollte er beispielsweise die Yacht eines Konkurrenten versenkt und auf diese Weise eine ganze Familie ausgelöscht haben.

Angeblich schätzte er es, schweigsame Gegner mit Stromstößen zu foltern. Solange, bis sie redeten, oder bis sie starben. Sogar der Mord an einem verdeckten Ermittler wurde ihm zur Last gelegt. In einem Säurebad hatte man den skelettierten Leichnam des Polizisten gefunden.

Szyszkowitz scheitelte sich den Rest seines lichten Haares.

Er will Eindruck bei den Geschworenen machen, dachte Herbie. Er hoffte sehr, dass ihm das nicht gelingen würde.

Allerdings – auch das wusste Herbie aus dem Bericht in der New York Post – munkelte man über eine schwachbrüstige Anklage.

Es gab keinen Kronzeugen, der Szyszkowitz entscheidend belasten konnte.

Oder korrekter: Es gab keinen Kronzeugen mehr. Denn zwei von drei ursprünglich Vorgesehenen waren auf mysteriöse Weise ums Leben gekommen. Einer stürzte aus dem Zug, der Zweite geriet unter die Stahlräder einer U-Bahn. Und der Dritte weigerte sich inzwischen, vor Gericht auszusagen.

Szyszkowitz steckte den Kamm in die Tasche seines Jacketts. Er trat an seinen Spind und holte eine Aktentasche heraus. Er steckte ein paar Bücher, einen Heftordner und Fotos hinein.

Scheint mit einem schnellen Ende des Prozesses zu rechnen, dachte Herbie. Sogar eine Garnitur Unterwäsche stopfte Szyszkowitz in seine Tasche. Glaubt womöglich, er wird heute noch freigesprochen ...

Von der Konsole über dem Waschbecken räumte Szyszkowitz seine Zahnbürste und seine Bluthochdrucktabletten in die Tasche. Auch sein Parfüm und seinen Rasierpinsel steckte er hinein.

Der glaubt tatsächlich, er wird die nächste Nacht in einem anderen Hotel verbringen ...

Dieser Gedanke versetzte Herbie in helle Aufregung. Unglaublich kaltschnäuzig erschien ihm der Untersuchungshäftling einmal mehr. Die Worte dieses Kings – Szyszkowitz’ Anwalt – fielen ihm ein: »Sie haben nichts zu befürchten, Mister Szyszkowitz ...«

Der Häftling schloss die Tasche und legte sie auf die Pritsche.

Da kann einer morden und das Gesetz brechen, wie er will, dachte Herbie, er muss nur den richtigen Anwalt haben ...

Er ärgerte sich. Vor Ärger tänzelte er von einem Bein auf das andere. Dabei stieß er mit dem Knie gegen die Zellentür.

Szyszkowitz’ Kopf flog herum. Er fixierte die Zellentür. »Verpiss dich, Cheyne«, sagte er seelenruhig. »Sonst werd′ ich dem Direktor Meldung machen. Du weißt, dass das gegen die Vorschriften ist.«

Herbie schob die Klappe zu. Der Atem blieb ihm weg. Dieser Kerl wagte es, ihn auf die Vorschriften hinzuweisen!

»Mistkerl, verdammter!«

An den Zellentüren vorbei lief er zur Metalltreppe, die nach unten in sein Büro führte. Er sah auf die Uhr – gleich halb neun. Um elf Uhr würden sie Szyszkowitz abholen, um ihn nach Manhattan ins United States Courthouse zu bringen.

Herbie hatte einen Nachtbereitschaftsdienst hinter sich. Als leitender Wachmann der Nachtschicht. Seine Dienstzeit endete um zwölf Uhr mittags an diesem denkwürdigen Tag. Grimmige Freude erfüllte ihn bei der Vorstellung, dass er den Schwerverbrecher persönlich zur Außenschleuse des Zellentraktes abführen würde, um ihn den FBI-Beamten zu übergeben.

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LINDAS SCHREI STECKTE mir noch in allen Knochen. Wieder und wieder gellte er durch meinen Kopf.

Meine Hand zitterte, als ich versuchte, den Schlüssel ins Schlüsselloch zu stecken. Nach drei Anläufen erst gelang es mir. Neben dem Telefon die ungelesenen Briefe. Die Tür schlug ins Schloss, ich warf mich mit dem Rücken dagegen.

Das große Kuvert – ich nahm es und las den Absender. »Freedom-Verlag«. Wie ein Fluch erschien mir das Wort, wie ein Gruß aus der Hölle.

Ich riss das Kuvert auf. Es enthielt einen Stift, einen edel aussehenden Kugelschreiber, schwarz und dicker als Kugelschreiber sonst sind. Dazu ein Brief – ohne Datum, ohne Anrede, ohne Unterschrift, und in Großbuchstaben gedruckt:

DU STECKST DEN STIFT IN DIE BRUSTTASCHE DEINES JACKETTS. DU LÄSST IHN DEN GANZEN TAG AN DIESER STELLE. KEINWORT ZU NIEMANDEM. DU FÄHRST JETZT ZUR ARBEIT. DU WARTEST AUF WEITERE ANWEISUNGEN. NOCH EINMAL: KEIN WORT ZU IRGENDJEMANDEM. WENN DU DICH VERPLAPPERST, WIRD SIE NICHT MEHR AUFHÖREN ZU SCHREIEN!!!

Für Sekunden stand ich wie gelähmt. Wieder und wieder starrte ich Stift und Brief an. Die Buchstaben verschwammen vor meinen Augen.

Linda, o Gott, Linda ...

Ihr schönes Gesicht stand überlebensgroß vor meinem inneren Auge. Aber keine Spur des eigenwilligen Zuges in ihrer Miene, den ich so liebte, keine Spur von Stolz in ihren bernsteinfarbenen Augen – weit aufgerissen ihr Mund. Und dann dieser Schrei, dieser fürchterliche Schrei ...

Ich warf den Brief auf die anderen Kuverts, steckte den Stift in die Brusttasche meines Jacketts, und schlug die Hände vors Gesicht.

Gott, Linda! In was für Hände bist du gefallen? Was tun sie mit dir?

Halb betäubt verließ ich das Apartment. Kaum spürte ich meine Knie. Kalter Schweiß stand auf meiner Stirn. Das Herz tobte mir im Brustkorb herum.

Ich drückte auf den Knopf neben der Lifttür, um den Aufzug zu holen. Mit der Rechten stützte ich mich an der Wand ab. Tausend Gedanken jagten sich in meinem Hirn. Keiner ließ sich festhalten.

Ich zwang mich zu tiefen Atemzügen.

Die Lifttür schob sich auseinander. Auf der Fahrt hinunter in die Tiefgarage betastete ich den Stift in der Brusttasche meines Jacketts. Eine Bombe? Ein Sender? Gift? Ich hatte keine Erklärung für all das.

Zurück im Sportwagen holte ich mein Handy hervor. Minutenlang starrte ich es an. Nichts tat sich. Das Gerät blieb stumm.

Ich spielte mit dem Gedanken, die Federal Plaza anzurufen. Lindas Schrei – wieder hörte ich ihn. Die übelsten Fantasien drängten sich mir auf. Fantasien über das, was sie mit ihr anstellten, um sie derart zum Schreien zu bringen.

Ich steckte das Handy in die Halterung am Armaturenbrett, startete den Sportwagen, und fuhr aus der Tiefgarage auf die Straße hinaus.

Milo – er wird sofort merken, dass etwas nicht stimmt ... Ich muss mit ihm reden ...

Lindas Bild vor meinem inneren Auge fesselte all meine Aufmerksamkeit. Dieser Schrei – warum schrie sie so? Was taten sie mit ihr? Der Brief, der verdammte Brief ... WENN DU DICH VERPLAPPERST, WIRD SIE NICHT MEHR AUFHÖREN ZU SCHREIEN ...

Ich überfuhr eine rote Ampel, Bremsen kreischten, ein Hupkonzert heulte über die Kreuzung. Es kostete mich unendliche Mühe, mich wieder auf den Verkehr zu konzentrieren. Lindas bernsteinfarbene Augen, wohin ich sah, ihr Schreien war allgegenwärtig.

Ein Chrysler Van scherte plötzlich vor mir aus der Parkreihe, buchstäblich im letzten Moment stieg ich auf die Bremse. Ich hatte das Fahrzeug einfach nicht gesehen.

Tief durchatmen, Jesse. Du musst dich jetzt zusammenreißen, du musst ...

Vor der nächsten roten Ampel schloss ich die Augen. Eine Entspannungsübung aus einem Lehrgang im Quantico fiel mir ein – Überwindung extremer Stresssituationen.

Ich atmete tief und langsam, stellte mir vor, beim Ausatmen Wärmeströme in Beine, Arme und Kopf fließen zu lassen, stellte mir den kleinen Weiher vor, an dem ich als Kind die größten Fische geangelt und die schönsten Sommernächte unter freiem Sternenhimmel verbracht hatte.

Das idyllische Bild aus längst vergangenen Zeiten füllte für Sekunden mein Bewusstsein aus. Der Friede, der von ihm ausging, die Zuversicht und die Leichtigkeit, strahlten in meine Gedanken, in meinen Körper hinein. Mein Herzschlag verlangsamte sich, die Panik gab mein Hirn frei, ich wurde ruhiger.

Gehupe hinter mir holte mich zurück in die Realität. Ich riss die Augen auf. Die Ampel stand längst auf Grün. Ich fuhr weiter. Die Straßenecke, an der mein Partner auf mich wartete, war nur noch wenige Minuten entfernt.

Endlich formten sich wieder klare Gedanken in meinem Kopf. Ich analysierte die Situation: Jemand hatte Linda gekidnappt, jemand tat ihr weh, jemand wollte mich unter Druck setzen.

Du weißt nicht, was sie von dir wollen, Jesse. Du weißt nicht, was dieser verdammte Stift für eine Rolle spielt ...

Wieder eine Ampel, wieder Rot. Ich hielt. Von hier aus konnte ich schon die Häuserfront der Straßenecke sehen, wo Milo auf mich wartete. Ich wünschte, ich wäre schon dort. Ich wünschte, die Angst um Linda und meine Ratlosigkeit mit jemandem teilen zu können.

Ruf den Chef an, Jesse ... Sie werden ein schmutzigen Spiel mit dir spielen ... Vielleicht tagelang ... Ruf den Chef an ...!

Wie von selbst fuhr meine Hand zum Handy. Ich zog es aus der Halterung. Die Ampel sprang auf Grün. Kupplung treten, den ersten Gang einlegen, Gas geben, zweiter Gang ... Das Handy in den Fingern schaltete ich. Und plötzlich läutete es. Ich ging vom Gas und presste das Gerät ans Ohr. »Trevellian!«

Die Straßenecke, an der mein Partner wartete, schob sich heran.

»Du wirst schweigen, Trevellian.« Eine flüsternde Männerstimme. »Schweigen wie ein Grab.« Sie klang brüchig, die Flüsterstimme. Der harte Akzent war deutlich herauszuhören.

»Wer sind Sie?«

»Jedenfalls kein Idiot. Genauso wenig, wie du einer bist.« Schon konnte ich die Gestalt meines Partners ausmachen. »Deswegen vertrauen wir dir nicht — wir ziehen es vor, dich zu kontrollieren. Der Stift enthält einen Peilsender und ein Mikrofon. Wir hören ein falsches Wort von dir, und sie wird leiden. Leiden, verstehst du?«

»Was wollen Sie von mir?« Ich sah Milo an den Straßenrand treten. Er hob grüßend die Hand.

»Du wirst es erfahren. Bleib cool, Trevellian. Deine Braut wird es dir danken.«

»Was, zum Teufel, wollen Sie von mir?«

Keine Antwort mehr.

Ich steckte das Handy weg.

Ein Mikrofon – sie hören mit ...!

Ich setzte den Blinker und fuhr an den Straßenrand.

Milo zog die Tür auf und ließ sich in den Beifahrersitz fallen. »Morgen, Jesse, bist spät dran heute.« Sein Gurt klickte ins Schloss, er sah mich an.

»Hey, Partner  was ist los? Siehst mitgenommen aus. Bist du krank?«

KEIN WORT ZU IRGENDJEMANDEM. WENN DU DICH VERPLAPPERST, WIRD SIE NICHT MEHR AUFHÖREN ZU SCHREIEN...

Ich fuhr an und fädelte mich in den Verkehr ein. »Schlecht geschlafen.«

Wie die eines Fremden kam mir meine belegte Stimme vor.

»Linda?« Milo beobachtete mich von der Seite. Gib ihm ein Zeichen ... Schreib ihm eine Botschaft auf ... Tu irgendwas ...

Du stehst das allein nicht durch ...

»Ich dachte, ihr hättet euch gestern Abend versöhnt?«

Ich zuckte mit den Schultern.

»Hey, Jesse so wortkarg?« Er schlug mir auf die Schulter. »Geht die Welt unter, oder was?«

Aus den Augenwinkeln sah ich das vertraute Gesicht neben mir grinsen.

Kein besonders fröhliches Grinsen.

Man konnte Milo ansehen, dass er verunsichert war. Einerseits wollte er mich  aufmuntern, andererseits war ihm die Sorge anzusehen.

Ich bezwang mich. »Die Versöhnung ist gründlich in die Hosen gegangen.«

Besonders schwer fiel es mir nicht, den Zerknirschten zu mimen.

»Tut mir leid, Partner.« Wieder ein Schulterklopfen. Diesmal ließ Milo seine Hand einen Augenblick auf meiner Schulter liegen. Es tat mir gut.

Gott, warum kannst du keine Gedanken lesen?

»Und jetzt habt ihr euch zur Abwechslung mal wieder getrennt.«

»Kann man so sagen.« Ich bog auf den Broadway ein. Der Verkehr war flüssiger als sonst um diese Tageszeit.

Fieberhaft überlegte ich, wie ich es anstellen könnte, meinen Partner einzuweihen, ohne dass der, der mich belauschte, davon Wind bekam. Wie von selbst flog mein Blick zwischen dem   Verkehr auf dem Broadway und dem verdammten Stift in der Brusttasche meines Jacketts hin und her.

Wir hören ein falsches Wort von dir, und sie wird leiden ...

Milo seufzte und schüttelte den Kopf.

»Dieses Hin und Her mit euch beiden. Ich hätte schon längst die Flinte ins Korn geworfen. Wie hältst du das nur durch?«

»Keine Ahnung, muss an Linda liegen.«

Ihr Schrei schien aus dem Verkehrslärm zwischen den Hochhausschluchten widerzuhallen.

Meine  Nackenhaare richteten sich auf, mein Magen zog sich zusammen.

»Ist eben eine besondere Frau.«

»Ach, die Liebe ...«, seufzte Milo. Er streckte sich aus und verschränkte die Hände über dem Kopf. »Wohl dem, dem sie das Herz verzaubert,wehe dem, den sie am Kragen packt ...«

Ich wollte fragen, ob er das selbst gedichtet, oder wo er das gelesen hatte.

Aber ich spürte, dass meine Stimme versagen würde, also schwieg ich.

Mein Handy dudelte los. Ich fühlte meinen Pulsschlag in den Trommelfellen, als ich es aus der Halterung nahm.

»Trevellian!« Aus den Augenwinkeln sah ich Milo das Autoradio einschalten.

»Nicht schlecht, Trevellian. Mach weiter so.« Die Flüsterstimme – ich hasste sie. »Ich weiß, dass du hart im Nehmen bist. Du wirst dir nichts anmerken lassen, weil du deiner Perle Schmerzen ersparen willst. Ich geb′ sie dir kurz.«

Meine Hände an Steuer und Handy schwitzten. Mein Mund wurde trocken. Der Verkehr auf dem Broadway, die Kulisse meiner Stadt, mein Partner, der mit geschlossenen Augen einem Song von Sting lauschte – wie ein Traum kam mir das vor, wie Szenen aus einem Film. Oder war ich selbst und die Flüsterstimme in meinem Handy ein Teil eines Albtraums, und Milo und das morgendliche Manhattan Wirklichkeit?

»Jesse ...?« Lindas Stimme  rau und tief wie immer, aber voller Angst und Niedergeschlagenheit. »Jesse, was wollen diese Leute?«

Ich spähte nach rechts zu Milo. Was sollte ich antworten, ohne dass er Verdacht schöpfte? Oder sollte ich eine Antwort geben, die ihn aufhorchen ließ?

»Ich weiß es nicht«, sagte ich, mehr nicht.

»Die beiden meinen es ernst.« Jetzt zitterte Lindas Stimme. »Die Frau hat mir eine Nadel ...« Ein dumpfer Schlag. Linda schrie auf.

Ich trat auf die Bremse. Milo und ich stürzten in die Gurte.

»Sie quatscht zu viel!«, schnarrte die Flüsterstimme. Im Hintergrund Schläge und Lindas Stöhnen. »Wenn du zu viel quatschst, wird sie sterben, Trevellian!«

»Hey, Jesse! Was soll das?!« Milo blickte mich vorwurfsvoll von der Seite an. Hinter uns ein Hupkonzert.

»Und nicht einfach sterben«, sagte die Flüsterstimme. »Sie wird langsam verrecken, wie ein krankes Stück Vieh. Mach deine Sache also gut, Trevellian. Geh in die Toilette, wenn du im Federal Building bist, drück die Spüle, dann meld′ ich mich wieder, und du erfährst deinen Auftrag ...« Die Verbindung brach ab.

»Sorry, Milo.« Ich startete den abgewürgten Motor. »Ich dachte, das Kind rennt auf die Straße.« Mit dem Kopf deutete ich auf den rechten Bürgersteig, während ich wieder anfuhr.

Milo wandte den Kopf zum Bürgersteig. Er versuchte das Kind zu entdecken, das ich gesehen haben wollte. »Was für ein Kind?«

»Hast du′s nicht gesehen?«

Jetzt blickte er mich an. Die gerunzelte Stirn, die schmal zusammengezogenen Augen – Misstrauen blitzte in ihnen auf.

»Ich dachte, es rennt mir vor den Wagen.« Ich konnte nichts dagegen tun, meine Stimme klang hohl und belegt. »Lieber einmal zu viel bremsen, als einmal zu wenig, oder?«

»Klar ...« Er nickte langsam, ohne mich aus den Augen zu lassen. »Klar doch, Jesse ...«

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»IDIOT!«, ZISCHTE JOAN. »Wie kannst du sie schlagen, während du mit ihm telefonierst! Willst du, dass sein Partner den Braten riecht?«

»Sie hat ihm gesteckt, dass wir zu zweit sind!«, zischte er. »Und dass einer von uns eine Frau ist!«

Er stierte auf Linda hinunter. Sein Schlag hatte den Stuhl umgeworfen, auf den sie gefesselt war.

»Miststück!« Er trat ihr in die Rippen.

Linda stöhnte vor Schmerzen. Ihr Kopf dröhnte. Durch den Sturz war sie mit der Schläfe auf den Steinfliesen aufgeschlagen.

»Pack mit an, Gregory!« Joan bückte sich zu Linda hinab. Gemeinsam richteten sie den Stuhl mit der Gefangenen wieder auf. Das hölzerne Gestell quietschte und knarrte.

Jetzt konnte Linda den Aluminiumtisch an der hinteren schmalen Wand des Raumes sehen. Ein Monitor stand dort. Sie erkannte einen Stadtplan darauf. Daneben ein schmaler Kasten mit zahlreichen Schaltern und Knöpfen.

Der Empfänger, über den sie Jesse belauschen, reimte sie sich zusammen. Und durch den sie seine Position bestimmen ...

»Ich jag′ ihr noch eine Ampulle Valium in die Vene.« Joan lief zur Metalltür. An einem Haken über dem Waschbecken hing ihre große, schwarze Umhängetasche. Sie holte eine Ampulle und eine Einmalspritze heraus.

»Das wirst du nicht tun!« Der Mann namens Gregory schob den Unterkiefer vor. Die Brutalität seiner Miene ließ Linda erschauern. »Dieses Miststück ist die einzige schwache Stelle des Kerls!« Sein ausgestreckter Arm deutete auf Linda. »Sie muss wach sein, sie muss schreien können, sie muss mit ihm reden können. Anders kriegen wir′s nicht hin, den Fed jederzeit unter Druck zu setzen.«

Er griff in Lindas Haar und riss ihren Kopf nach oben.

»Du kennst erst einen Bruchteil der Schmerzen, die wir dir zufügen könnten!« Grob drehte er ihr den Kopf in Richtung Tisch, wo der Elektroschocker lag und die offenen Backen des Schraubstocks warteten.

Der Tisch verschwamm vor ihren nassen Augen.

»Das ist längst nicht alles, was wir drauf haben!« Ganz nah schob er jetzt sein grobschlächtiges Gesicht an ihres heran. Sie roch seinen stinkenden Atem. Übelkeit zerrte an ihrem Magen. »Wenn du nicht spurst, wirst du Dinge erleben, die nicht mal in deinen schlimmsten Träumen vorkommen! Kapiert?«

Sie nickte hastig. Angst und Panik beherrschten sie. Der Mann war eine Bestie, das spürte Linda mit jeder Nervenfaser. Und die Frau schien ein Herz aus Eis zu haben.

Joan zündete sich eine Zigarette an und lehnte sich gegen das lange Waschbecken, während sie rauchte. Die Bestie namens Gregory saß vor Monitor und Empfänger und trommelte mit den Fingern auf die Tischplatte. Die Minuten schleppten sich zäh dahin.

Linda versuchte die Panik in den Griff zu kriegen.

Nicht daran denken, was sie dir antun können – nicht daran denken ...

Vergeblich versuchte sie, die fürchterlichen Augenblicke zu verdrängen – die Augenblicke voller Schmerzen: Als der Kerl sie mit dem Elektroschocker misshandelt hatte, als das teuflische Weibsstück ihr die Nadel unter den Fingernagel geschoben hatte.

Denk nicht dran, Linda-Mädchen. Denk nicht dran. Du musst sie hassen. Du musst sie hassen! Das wird deinem Kopf auf die Sprünge helfen ...

Aber der einzige Hass, den sie ansatzweise spürte, war der auf den Job ihres Geliebten.

Jesse, verdammter G-man, in was für eine bodenlose Scheiße hast du mich geritten?

Ein Gedanke regte sich in den verborgenen Winkeln ihres Hirns. Ein Gedanke, der sie frösteln ließ. Er bohrte sich in das Chaos von Angstbildern, Erinnerungen an Schmerzen und dem Bild des geliebten und gehassten G- man.

Der Gedanke an den Tod.

Sie zeigen mir ihre Gesichter ... Sie sprechen sich mit Namen an ... Sie werden mich töten, wenn alles vorbei ist ...

Die Frau mit den kurzen, schwarzen Haaren blies den Rauch mit geschlossenen Augen gegen die Decke. Ihre Kaumuskulatur pulsierte. Sie war nervös, ohne Zweifel.

Gregory, vor der Gerätekonsole, lauschte den Geräuschen aus dem Empfänger. Linda hörte Verkehrslärm. Und manchmal Männerstimmen. Sie verstand nicht, was Milo und Jesse miteinander sprachen.

Sie werden mich töten! O Scheiße, wenn alles vorbei ist, bin ich tot! Aber wenn was vorbei ist?

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WIR SPRACHEN NICHT viel. Auf dem Weg zur Federal Plaza nicht, im Lift nicht, als wir aus der Tiefgarage in die Büros hinauffuhren. Dann aber wollte Milo wissen, wer angerufen hatte.

»Linda«, behauptete ich. »Sie hat mir Vorwürfe gemacht.«

»Vergiss sie«, sagte Milo.

Ich hätte schreien können.

Die Ausweglosigkeit meiner Situation wurde mir von Minute zu Minute klarer. Ich hätte Milo ein paar Sätze auf ein Stück Papier kritzeln können; ich hätte ihn auf das verdammte Ding in meiner Brusttasche aufmerksam machen können; ich hätte ihm eine elektronische Botschaft über die SMS-Funktion meines Handys auf sein eigenes Gerät schicken können, oder vom Handy aus ein Fax ins Büro des Chefs.

Als FBI-Agent wäre es meine verdammte Pflicht gewesen, irgendeine der Möglichkeiten beim Schopfe zu packen. Aber als Mensch, als Lindas Partner, war es mir unmöglich, das Leben der geliebten Frau aufs Spiel zu setzten.

Da war zudem auch eine äußerst schmerzhafte Erinnerung in mir. Die Erinnerung an Pamela Westlake. Meine geliebte Pam ... Lange vor Linda war das gewesen. Pam und ich waren das ideale Paar gewesen, und ich hatte sie geliebt wie nichts auf der Welt. Doch ein Gangsterboss hatte sie mir genommen, Pamela brutal ermordet, weil er mich hatte vernichten wollen. Es war meine Schuld, dass Pam – meine wunderschöne, geliebte Pam – damals gestorben war, und der Schmerz hatte mich fast wahnsinnig werden lassen.

Ich konnte es nicht zulassen, dass das noch einmal geschah. Dass der Mensch, den ich liebte, sterben musste, weil ich versagte und einen Fehler beging.

Ich konnte und durfte Milo nichts sagen ...

Was könnte Milo auch schon tun?, dachte ich. Er würde in die gleiche Zwickmühle geraten wie ich, es würde ihn hin und her reißen zwischen seinem Diensteid und seiner Freundschaft zu mir. Erspar ihm das. Du musst allein durch. Aber wie, um alles in der Welt? Aber wie ...?

Ich machte mir klar, dass Milo in den nächsten Stunden kaum einmal von meiner Seite weichen würde. Er war mein Partner. Was auch immer ich unternahm – sollte mir eine Idee kommen, er würde es merken. Er würde nachfragen, er würde irgendeinen Satz sagen, der Linda neue Qualen verursachte, vielleicht sogar ihr Todesurteil bedeuten konnte.

Warte erst mal ab, sagte ich mir, bis du weißt, was dieser Scheißkerl von dir will.

Doch ich machte mir keine Illusionen:

Egal, wozu der Unbekannte mich erpressen wollte – wenn ich es erst wusste, würde das den Druck auf mich eher noch erhöhen. Den Druck, der mir schier den Atem nahm.

Wir waren viel zu spät dran.

»Sie haben sicher ohne uns angefangen«, sagte ich. »Geh schon mal ins Chefzimmer. Ich muss noch was erledigen, was sich nicht aufschieben lässt.«

Ich steuerte die Toiletten an. Im Nacken spürte ich Milos Blicke. Natürlich machte mein Verhalten ihn stutzig, irgendetwas ahnte er. Ich war mir ganz sicher und wusste nicht, ob ich darüber erleichtert sein oder mir Sorgen machen sollte.

In der Personaltoilette verschwand ich in einer der Kabinen und schloss die Tür hinter mir. Ich drückte die Spüle und wartete. Nur ein paar Sekunden lang. Dann läutete mein Handy.

Ich riss es aus dem Jackett.

»Trevellian!«

»Mir kannst du nichts vormachen, Trevellian.«

Die verhasste Flüsterstimme.

»Dir gehen hundert Fürze durch den Kopf, wie du uns linken könntest. Glaub mir, ich nehm′ sie mir vor, bis nichts mehr von ihr übrig ist, wenn du nicht mitspielst!«

»Was wollen Sie von mir?« Der Hass füllte meinen Kopf mit Eis. Mit allen Sinnen konzentrierte ich mich auf die Stimme. Ein Fehler ... Du kannst nur hoffen, dass diese Scheißkerle einen Fehler machen...

»Erstens will ich, dass du dein Handy neben den Stift in die Brusttasche steckst. Ich will wissen, wie oft und wozu du es benutzt.« Ein verächtliches Schnauben drang aus dem Gerät. »Wenn du es also je herausziehst, ohne dass ich dich etwas sagen höre, bist du mir eine Erklärung schuldig. Und wenn die Erklärung dann nicht verdammt plausibel ist, schreit hier jemand, klar?«

Naiv zu glauben, der Unbekannte wäre nicht über alle Möglichkeiten elektronischer Kommunikation im Bilde. Natürlich wusste er, dass man über die   SMS-Funktion eines Handys elektronische Postkarten verschicken konnte.

»Was willst du von mir, du verdammter Sauhund?« Angst um Linda und wachsender Hass raubten mir für einen   Moment die Selbstbeherrschung.

»Bleib höflich, G-man!«, fauchte die  Stimme. »Sonst werd′ ich wieder unhöflich zu deiner schnuckligen Lady sein!«

»Was willst du?!«

»Heute Nachmittag beginnt ein Prozess im United States Courthouse. Um drei Uhr ...«

Der Name blitzte mir durch den Kopf, bevor die Flüsterstimme ihn aussprach: Szyszkowitz!

»Der Prozess gegen Niko Szyszkowitz. Zwei von euch werden seinen Transport von Rikers Island nach Lower Manhattan begleiten. Sorg′ dafür, dass du dabei bist, Trevellian.«

Wie Schuppen fiel es mir von den Augen: Die mitternächtliche Anruferin! Das Callgirl, das um diese Zeit längst tot war – eine Falle, weiter nichts als eine primitive Falle.

Sie müssen dich beobachtet haben, bevor sie anriefen. Sie haben dich aus Lindas Nähe gelockt, um zugreifen zu können ...

Wut strömte heiß durch meine Eingeweide. Wut auf mich selbst.

»Das geht nicht«, sagte ich. »Das Team, das den Gefangenentransport begleiten wird, steht schon fest.« Davon ging ich jedenfalls aus, sicher war ich nicht.

»Dann lass dir was einfallen, Trevellian. Du bist doch so ein schlauer Bulle. Geh jetzt zu deiner gottverdammten Bullenkonferenz, und lass dir was einfallen! Vergiss nicht: Ich höre jedes Wort mit ...«

»Beweise mir, dass sie noch lebt!«

»Hast du sie nicht schreien gehört?«

»Was weiß ich, was ihr mit getan habt, seit ...«

»Wie du willst, G-man.« Dann ein Schlag, als würde eine Hand gegen ein Gesicht klatschen, und ein unterdrücktes Stöhnen.

Ich schloss die Augen und lehnte die Stirn gegen die kalte Toilettenwand. Hass und Schuldgefühle brandeten abwechselnd durch meine Brust. »Linda, Linda, verzeih mir ...«

Das Stöhnen wurde lauter, ich hörte keuchende Atemzüge – kein Zweifel, der Mistkerl hielt ihr das Handy vor die Lippen. Und er tat das, um mich weichzuklopfen.

»Du Schwein«, flüsterte ich.

»Glaubst du jetzt, dass sie noch lebt?« Hämisch bohrte sich die Flüsterstimme in mein Hirn.

»Sie werden mich töten!« Linda schrie im Hintergrund. »Egal, was du tust, Jesse! Sie werden mich töten ...!«

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AUF DER PRITSCHE LAG die vollgestopfte Aktentasche. Szyszkowitz hatte nur das Nötigste eingepackt. Persönliche Aufzeichnungen, zwei Bücher, die nicht mehr im Handel waren, seine Tabletten, den Rasierpinsel, an dem er hing, Fotos – von Joan in erster Linie – und ein bisschen Wäsche. Dinge eben, auf die er nicht verzichten wollte.

Alles, was man innerhalb weniger Stunden neu kaufen konnte, blieb hier. Seine Schreibmaschine zum Beispiel, sein zweites Paar Schuhe und die Toilettenartikel.

Normalerweise hätte er auch den Rasierpinsel hierlassen müssen. Aber das gute Stück mit dem Elfenbeingriff war ein Geschenk seiner jungen Frau. Er wollte sich nicht davon trennen. Und falls es tatsächlich jemandem auffiel, dass er auf der Waschbeckenkonsole fehlte, würde ihm schon eine Ausrede einfallen.

Szyszkowitz stand vor der Stirnwand seiner Zelle und sah zu dem kleinen vergitterten Fenster hinauf. Das Stück Himmel, das er sehen konnte, war von einem hellen Grau. Schneeflocken tanzten am Zellenfenster vorbei.

Szyszkowitz zweifelte nicht daran, dass dies sein letzter Tag auf Rikers Island sein würde. Was Gregory anpackte, pflegte er gründlich zu machen.

Szyszkowitz wusste nicht exakt, was für einen Plan sein jüngerer Bruder ausgeheckt hatte. Er wusste lediglich, dass sein Weg in die Freiheit über einen erpressten oder gekauften Polizisten führen würde.

Auf Gregory war Verlass. Schon vor mehr als dreißig Jahren hatten sie eine reibungslos funktionierende Autoschieber-Organisation in Osteuropa aufgebaut. Niko war mehr für die finanzielle Seite der Geschäfte zuständig gewesen. Auch, als sie vor siebzehn Jahren in die Vereinigten Staaten kamen und sich in New York City niederließen. Bis heute war das so geblieben.

Niko hatte immer dafür gesorgt, dass die Ware – früher Autos, dann Frauen und zuletzt Waffen – über dunkle Kanäle an zahlungskräftige Kunden kam.

Gregorys Part war es eher gewesen, die Organisation zu führen. Er verstand sich seit jeher als eine Art Personalchef. Niko wusste, dass sein Bruder mit harter Hand für Ordnung sorgte. Er hatte mit eigenen Augen gesehen, wie Gregory Versagern mit bloßen Händen das Genick gebrochen oder Verrätern die Ohren und Wichtigeres abgeschnitten hatte, bevor er sie tötete.

Und auch wenn unliebsame Konkurrenz oder gar Polizei der Organisation in die Quere kamen, war Gregory zuständig. Er besaß die Fähigkeit, Männer samt ihren Familien, ja sogar Schnüffler, spurlos verschwinden zu lassen.

Wie Gregory bei solchen Aktionen im Einzelnen vorging, wusste Niko oft nicht. Er wollte es auch nicht wissen. Hauptsache, sein kleiner Bruder erledigte die Dinge gründlich. Und das tat er, weiß Gott, das tat er immer.

Sie ergänzten sich prächtig, er und sein Bruder, fand Niko Szyszkowitz. Und deswegen zweifelte er auch nicht daran, dass seine vorletzte Stunde auf Rikers Island längst angebrochen war.

Er ging zu seiner Pritsche, holte eines seiner beiden Lieblingsbücher aus der Tasche – ein Liebesroman eines längst verstorbenen polnischen Autors – und schlug ihn auf. Bevor er sich in das Buch vertiefte, blickte er auf seine Armbanduhr: Zwanzig nach neun. Noch etwas mehr als anderthalb Stunden ...

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SIE WOLLTEN SZYSZKOWITZ befreien – es lag auf der Hand.

»Guten Morgen, Mandy.« Wie im Fieber durchquerte ich das Vorzimmer.

Während des Transportes zum United States Courthouse sollte es geschehen. Und ich sollte die Schlüsselrolle spielen ...

»Hallo, Jesse! Wie geht’s?« Freundlich wie immer sah die Sekretärin unseres Chefs von ihrer Tastatur auf.

»Ein bisschen müde noch, kurze Nacht, aber sonst nicht verkehrt.« Es kostete mich unendliche Mühe, diese banalen Worte auszusprechen. Weiter nichts als eine Aufwärmübung. Nur ein paar Schritte noch, ein paar Sekunden, und dann würde ich den aufmerksamen Blicken von sechs Männern ausgesetzt sein, die mich seit Jahren kannten.

»Das Mittel gegen Müdigkeit steht schon auf dem Konferenztisch.«

»Danke, Mandy.«

Ich klopfte an die Tür des Chefzimmers und trat ein.

Du kannst ihnen nichts vormachen, Jesse ... Versuchs trotzdem! Tu′s für Linda ...!

Es duftete nach Mandys Kaffee. Mein Platz am Konferenztisch war frei.

Lindas Stimme in meinem Kopf: »Egal, was du tust, Jesse! Sie werden mich töten ...«

»Morgen.« Alle sahen mich an. War es Einbildung, oder musterten der Chef und Clive Caravaggio mich, als wollten sie mir hinter die Stirn gucken? »Tut mir leid, Sir, mir ist was in die Quere gekommen heute Morgen.«

Jonathan D. McKee nickte. »Kein Problem, Jesse.« Seine Augen wanderten von meinem Gesicht zu meiner Brusttasche. Ich sah es genau.

Und ich hätte schwören können, dass sie über mich gesprochen hatten.

Als ich mich setzte, erhaschte ich wieder einen sorgenvollen Blick meines Partners.

»Alles okay, Jesse?«, fragte der Chef. Sah er mir meine panische Verzweiflung an?

»Alles bestens, Sir.« Ohne nachzudenken, griff ich nach der Kaffeekanne, nur um mich irgendwo festzuhalten.

»Egal, was du tust, Jesse! Sie werden mich töten ...«

»Wir sprechen gerade über den Mordfall Waladi«, sagte der Chef.

Ich nickte und schenkte mir Kaffee ein.

»Bitte berichten Sie weiter, Clive«,  hörte ich Mr. McKee.

Youssef Waladi war ein UN-Mitarbeiter aus dem Jemen. Jemand hatte ihn vor drei Wochen mit einer Bombe getötet. Wir vermuteten, dass islamistische Terroristen hinter dem Anschlag steckten. Terroristen, die eine Operationsbasis in New York City aufbauten. Doch noch tappten wir weitgehend im Dunkeln.

Clive Caravaggio berichtete von Personen-Observationen, nannte Namen, teilte Dossiers über in die USA eingereiste Männer aus dem Nahen Osten aus. Ich bekam nicht einmal die Hälfte mit von dem, was Clive berichtete. Nur scheinbar anwesend rührte ich meinen Kaffee um und versuchte, das Chaos unter meiner Schädeldecke unter Kontrolle zu bekommen.

Alles in mir bäumte sich gegen die Wahrheit auf. Dabei war sie so simpel. Spätestens seit Alex′ Anruf heute Morgen hätte mir klar sein müssen, dass ich in eine Falle getappt war. Wieder und wieder versuchte ich, meine Gedanken zu ordnen. Jemand hatte mich an einer Stelle gepackt, die wehtat. Entsetzlich wehtat. Linda.

Ich sollte gezwungen werden, etwas zu tun, was ich aus freien Stücken nie und nimmer tun würde: Einem mutmaßlichen Schwerverbrecher zur Flucht verhelfen. Nicht einmal, wenn man mir eine Pistole an die Schläfe drückte, würde ich auf den Gedanken kommen, so etwas zu tun.

Aber Linda ... Sie hatten Linda. Sie misshandelten einen Menschen, den ich liebte.

Du machst dich schuldig, Jesse – so oder so...

Mein Dilemma stand mir überdeutlich vor Augen.

Du tust, was sie sagen, und verhilfst Szyszkowitz zur Flucht – dann bist du schuldig vor dem Gesetz. Du weihst den Chef ein – dann wirst du schuldig an Linda und deiner Liebe zu ihr ...

Wo war ein Ausweg? Wo der rettende Strohhalm? Ich wusste es nicht.

Als ich meine Tasse zum Mund hob, sah ich für Bruchteile von Sekunden in die Augen meines Chefs. Hellwach sah er mich an  und lächelte kurz. Und schon konzentrierte er sich wieder auf Clives Bericht.

Vielleicht war es dieser kurze Blickkontakt, der den Ausschlag gab. Vielleicht auch nur der ungeheure Druck, unter dem ich stand, und der mich zum Handeln trieb.

Jedenfalls dachte ich: Wenn einer entscheiden kann, was in dieser Zwickmühle zu tun ist, dann er Jonathan D. McKee!

Irgendwann standen wir auf und traten an eine Wand des Chefzimmers, wo der große Stadtplan von Manhattan hängt. Verschiedene Zeugen im Mordfall Waladi hatten verdächtige Männer und Fahrzeuge gesehen. Rote Fähnchen steckten an den verschiedenen Stellen, an denen die Zeugen ihre Beobachtungen gemacht haben wollten.

Clive erzählte irgendetwas von amerikanischen Staatsbürgern arabischer Abstammung, die in der Nähe jener Fähnchen wohnten. Ich stand nah am Schreibtisch des Chefs. Die Rechte in meiner Jacketttasche vergraben, fummelte ich an meinem Schlüsselbund herum.

Viel Zeit hatte ich nicht, und vor allem – es musste so geschehen, dass keiner es merkte. Dass keiner eine Frage stellte. Der Mistkerl, der mich über den verdammten Stift in meiner Brusttasche belauschte, durfte keinen Verdacht schöpfen.

KEIN WORT ZU IRGENDJEMANDEM. WENN DU DICH VERPLAPPERST, WIRD SIE NICHT MEHR AUFHÖREN ZU SCHREIEN... Der verdammte Brief. Warum, um alles in der Welt, hatte ich ihn bloß in meinem Apartment liegen lassen?

Alle betrachteten den Stadtplan und lauschten Clives Worten. Alle außer mir. Aus den Augenwinkeln spähte ich über die linke Schulter auf den Arbeitsplatz meines Chefs. Die Freiheitsstatue schwebte über den Monitor – der Bildschirmschoner. Der Computer war also eingeschaltet. Neben der Tastatur Unterlagen und eine neue Ausgabe der Dienstvorschriften. Dazwischen ein Notizblock mit einem handschriftlichen Briefentwurf.

Jetzt, Jesse! Tu es jetzt ...!

Schweiß stand auf meiner Stirn, kalter Schweiß. Ich dachte an Linda, als ich die Faust aus der Tasche zog.

Du musst es jetzt tun! Du musst es versuchen ...!

Ich beobachtete meine Kollegen. Sie konzentrierten sich auf den Stadtplan.

Milo drehte sich plötzlich nach mir um. Ich versuchte zu grinsen. Als er sich wieder dem Stadtplan zuwandte, tat ich es ...

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WIEDER ZÜNDETE JOAN sich eine Kippe an. Die vierte, seit Gregory zum letzten Mal mit dem G-man telefoniert hatte. Noch immer hockte der vor dem Empfänger und lauschte den undeutlichen Männerstimmen.

Undeutlich jedenfalls für Joan. Gregory, der dicht vor dem Lautsprecher saß, schien jedes Wort mitzubekommen. Eifrig machte er sich Notizen.

»Und?« Joan wurde langsam ungeduldig. »Übernimmt er den Auftrag?«

Gregory verzog unwillig die Stirn und hob die Hand, um sie zum Schweigen zu bringen.

Joan blickte auf die Uhr: Zwanzig vor zehn. Wenn die Bullen ihren Mann um elf im Gefängnis abholen wollten, mussten sie sich ein bisschen sputen.

Tief sog sie den Rauch ein und blies ihn gegen die Decke. Um elf Uhr – und spätestens um halb eins würde Niko ein freier Mann sein.

Noch drei Stunden, Darling ... Nur noch drei Stunden...

Joan fieberte dem Augenblick entgegen, in dem sie sich ihm in die Arme werfen konnte. Sie liebte den fast 25 Jahre älteren Mann abgöttisch.

Ihr Blick traf sich mit dem der Geisel. Sie beobachtet mich ...!

Das Gesicht der schönen blondmähnigen Frau war geschwollen, die Lippen aufgeplatzt, Kinn und untere Wangenpartie blutverschmiert. »Was glotzt du so?«

»Ich muss austreten.« Linda McCain sprach mit heiserer, fast krächzender Stimme. Einer Stimme, die plötzlich nichts Flehendes mehr hatte. Auch der panische Ausdruck ihrer bernsteinfarbenen Augen war verschwunden.

Das irritierte Joan jedoch nicht. Hat sich mit ihrem Schicksal abgefunden, dachte sie.

»Ruhe, verflucht nochmal!«, zischte Gregory.

Joan spürte den erwartungsvollen Blick der Gefangenen. Sie ignorierte ihn und beobachtete, wie der Rauch ihrer Zigarette zu den Stangen und Haken unter der Decke hinaufstieg. Ihre Gedanken kehrten zu ihrem Mann zurück.

Über sieben Monate entbehrte sie ihn jetzt schon. Eine lange Zeit für eine junge Frau. Die seltenen Besuche auf Rikers Island waren eher dazu angetan, ihren Trennungsschmerz, und vor allem ihre Sehnsucht noch anzufachen.

Niko Szyszkowitz war für Joan Vater und Geliebter in einem. Er gab ihr Sicherheit und Zärtlichkeit, hatte sie zu einer reichen Frau gemacht, die sich nicht vor der Zukunft fürchten musste. Alles Dinge, die Joan in den ersten achtzehn Jahren ihres Lebens entbehren musste. Bis Niko Szyszkowitz sie aus der Gosse geholt hätte. Aus der Gosse des Straßenstrichs in der Bronx.

»Ich muss dringend auf die Toilette.«

Joan schreckte aus ihren Gedanken auf. Die Gefangene hatte wieder zu ihr gesprochen mit dieser krächzenden Stimme.

»Verflucht!«, zischte Gregory. »Niemand verbietet dir zu pinkeln! Unter dem Tisch ist ein Abfluss! Und jetzt Ruhe!«

Der Aschekegel brach von Joans Zigarette ab. Er fiel auf ihre schwarzen BagPants und hinterließ eine hellgraue Spur. Joan wischte sie ab. Der Blick der Gefangenen machte sie nervös.

Wie alt mochte sie sein?

Sie betrachtete die Geisel. Eine schöne Frau, ohne Zweifel. Journalistin, wenn sie Gregory richtig verstanden hatte. Eine kluge Frau also dazu. Solche Haare möchte ich auch haben, dachte Joan. Es befriedigte sie, Reste von Erbrochenem und getrocknetes Blut in den lockigen Haarsträhnen der Frau zu entdecken.

Die Geisel rutschte unruhig auf ihrem Stuhl hin und her. Der Stuhl wippte bedrohlich. Ein altes Ding scheinbar. Der Sturz vorhin war ihm nicht bekommen.

Warum muss sie mich ständig anglotzen? Joan sah, wie die Frau die Schenkel zusammenpresste.

Sie seufzte unwillig und drückte die Zigarette im Waschbecken aus. Wortlos band sie die Frau vom Stuhl los. Allerdings fesselte sie ihr die Füße vorher so aneinander, dass die Gefangene zu sehr kleinen Schritten gezwungen war.

»Was, zum Teufel, machst du da?«, zischte Gregory.

»Sie muss pinkeln.«

»Soll sie doch! Was geht es dich an, ob sie mit trockenen oder nassen Hosen hier sitzt?«

»Leck mich!«, knurrte Joan. Sie zog ihre Beretta aus der Umhängetasche und richtete sie auf die Gefangene. »Los jetzt!«

Sie öffnete die Tür. Die Gefangene tippelte an ihr vorbei. Hinein in einen schmalen, langen Raum. Unter der Decke Stangen mit Haken, an den Wänden Waschbecken und Aluminiumtische, alles voller Dreck, Schutt und Gerümpel. Nur zehn Schritte weiter gab es zwei kleine Toiletten.

Die Geisel sah lächerlich aus, wie sie da mit dem Strick zwischen den Beinen versuchte, das Gleichgewicht zu halten. Schließlich tastete sie sich an der Kachelwand entlang.

Die Toiletten lagen voller Schutt. Die WC-Schüsseln waren siffig und verdreckt. Joan konnte den Ekel im Gesicht der Frau sehen, als die über der Schüssel in die Hocke ging. Sie verlor das Gleichgewicht, und was sie vermeiden wollte, geschah: Sie saß plötzlich auf dem Rand der siffigen Schüssel.

Joan grinste.

Die Beretta auf sie gerichtet, stand sie im Türrahmen der Toilette. Eine Schiffssirene heulte irgendwo draußen. Unablässig waren die Blicke der Geisel auf sie gerichtet.

»Glotz nicht so, verdammt noch mal!«, fauchte Joan.

»Danke«, sagte die Frau, als Joan sie zurück in den kleinen Raum führte. Auch das irritierte Joan. Stumm drückte sie die Geisel auf den Stuhl. Der schwankte und knarrte.

Sie fesselte Knöchel und Handgelenke an Stuhlbeine und Rückenlehne. Danach ging sie zurück zur Tür, wo ihre Umhängetasche über dem Waschbecken hing. Sie ließ die Beretta hineinfallen.

Gregorys Handy orgelte los.

»Was ist los?«, blaffte der in das kleine Gerät. Er stand unter Hochspannung, das war ihm deutlich anzumerken. »Ihr bleibt, wo ihr seid, und haltet euch bereit!«

Joan richtete sich auf. Sie zündete sich die nächste Zigarette an, während sie ihren Schwager beobachtete.

»Die Entscheidung wird jeden Moment fallen!«, bellte der in das Handy. »Er wird den Job übernehmen! Er wird, verlasst euch drauf!« Seine kalten Augen richteten sich auf die gefesselte Frau. »Der Bulle weiß, dass er keine andere Wahl hat ...«

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»... CLIVE UND MEDINA werden dafür sorgen, dass alle Verdächtigen im Waladi-Fall heute noch vernommen werden«, sagte der Chef. »Am besten, alle bekommen zur gleichen Zeit Besuch von uns.. Dann bleibt ihnen keine Zeit, sich abzusprechen.«

»Allein schaffen wir das nicht«, gab Clive zu bedenken.

»Selbstverständlich nicht, Sie bekommen Verstärkung.« Er blickte in die Runde. »Ich werde noch vier weitere Teams dafür freistellen. Ein Team brauche ich allerdings, um Niko Szyszkowitz von Rikers Island abzuholen.« Er sah auf seine Armbanduhr. »Gleich zehn.« Seine Stirn runzelte sich. »Um elf wird die bewaffnete Eskorte des NYPD auf Rikers Island eintreffen. Um diese Zeit sollten wir auch dort sein.«

Ich holte Atem. So gelassen wie möglich wollte ich Milo und mich für diesen Job anbieten.

Doch Leslie Morell kam mir zuvor. »Jay und ich können das übernehmen, Sir.«

Mein Herzschlag stolperte. Etwas schien mir die Kehle zuschnüren zu wollen. »Milo und ich können das genauso gut übernehmen.« Irgendwie schaffte ich es, den Satz ruhig auszusprechen.

Alle sahen mich an. Ich hatte das Gefühl, jeder müsste sehen, was in mir vorging. Doch keiner sagte etwas.

»Wir können ja losen.« Ich zuckte mit der Schulter und mimte den Gleichgültigen.

»Einigen Sie sich, Gentlemen«, sagte Mr. McKee.

Die Spannung wich nicht von mir  im Gegenteil. Fieberhaft überlegte ich, wie ich Jay und Leslie den Auftrag abluchsen konnte. Ich durfte nichts dem Zufall überlassen, nichts. Lindas Leben hing davon ab.

»Wer auch immer Szyszkowitz zum Bundesgericht fährt«, sagte Mr. McKee, »nehmen Sie eines der Spezialfahrzeuge. Am besten den gepanzerten Plymouth. Der Angeklagte wird mit einem von Ihnen im Fond des Wagens sitzen, der andere steuert das Fahrzeug und gibt alle sechzig Sekunden den Standort durch. Zwei Patrolcars begleiten Sie, einer als Vorhut, einer hinter Ihnen. Die Kollegen sind mit M16-Gewehren bewaffnet.«

»Sollten wir uns nicht auch welche im Waffenlager besorgen?«, fragte Jay Kronburg.

Der Chef nickte. »Es gilt höchste Sicherheitsstufe. Wir können nicht davon ausgehen, dass Szyszkowitz’ Organisation bereits zerschlagen ist.«

Dann letzte Absprachen. Im Stehen tranken wir unsere Kaffees aus. Der Chef telefonierte mit einigen unserer Teams, die um diese Zeit schon in der Stadt unterwegs waren. Clive und Orry winkten mir zu, als sie das Chef zimmer verließen. Jay und Leslie folgten ihnen.

Als Milo und ich uns anschließen wollten, unterbrach Mr. McKee sein Telefonat. »Einen Augenblick noch, Jesse.«

Milo schloss von draußen die Tür. Ich blieb stehen und wartete, bis der Chef den Hörer auflegte. »Der Mord heute Nacht – ich hab Doktor Silas’ Bericht gelesen.«

Ich hielt den Atem an, als er auf die Unterlagen auf seinem Schreibtisch blickte. Wenn er jetzt anfangen würde, darin herumzukramen, Wenn er jetzt fände, was ich ihm dort hingelegt hatte ...

Dann stellt er mich zur Rede, dann hört dieser Mistkerl alles mit, dann wird Linda ...

Doch er kam hinter seinem Schreibtisch hervor und ging zum Konferenztisch. Dort zog er ein Blatt aus einem Stapel Papiere und reichte es mir. »Die Frau war bereits mehrere Stunden tot, als Sie in ihr Apartment kamen, Jesse. Es kann nicht die Frau gewesen sein, die Sie eine halbe Stunde zuvor angerufen hatte.«

»Alex hat mich heute Morgen angerufen und mir das schon gesagt ...« Der Pulsschlag dröhnte in meinen Ohren. Und meine eigene Stimme kam mir vor wie die eines Betrunkenen. »Ich – ich habe nicht die geringste Ahnung, was dieser Anruf zu bedeuten hatte, Sir.«

Sah er mir an, dass ich log? Hörte er meinen Herzschlag? Sah er den Schweiß auf meiner Stirn?

»Wann genau hat Sie der Anruf erreicht?« Der Chef blätterte weitere Unterlagen durch.

»Kurz vor Mitternacht.«

Er nahm ein weiteres Blatt vom Tisch. »Vor dem Haus Ihrer Freundin, lese ich hier.«

Ich nickte.

»Nun ja  die Tote, Karen Spencer, war Callgirl.« Ich war froh, dass er nicht von seinem Papier aufsah. »Ohne irgendwelche Vorstrafen. Ihr Name ist auch in keinem einzigen Ermittlungsbericht zur Szyszkowitz-Sache aufgetaucht.« Jetzt blickte er mich an. »Merkwürdige Geschichte.« Seine Augen ruhten auf mir, als wollten sie in mich hineinsehen.

»Wir werden der Sache nachgehen. Und Sie sind bitte vorsichtig, Jesse.«

Ich griff nach der Türklinke. »Das bin ich, Sir. Danke ...«

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DER SCHNEEFALL LIEß nach. Fahrzeugkolonnen pflügten durch den Matsch auf dem Ditmars Boulevard. Im Dreiminutentakt zogen die Flugzeuge durch den trüben Himmel. Der La Guardia Airport war nur eine knappe Meile entfernt.

Der dunkelgraue Mercedes Sprinter stand am Straßenrand. In Fahrtrichtung Flughafen, keine zweihundert Meter von der Abzweigung zur Rikers Island Bridge entfernt. Der Mann am Steuer kaute einen Hamburger. Und las ein Comicheft dabei. Auf dem Beifahrersitz lag ein Handy. Von Zeit zu Zeit wanderten die Augen des Mannes zur Uhr am Armaturenbrett und dann zum Handy.

Der Mann hieß Brian Roselle. Er war klein, aber kräftig gebaut. Eine Baseballkappe, schwarz, saß auf seinem kahlgeschorenen Kopf. Eine dicke Lederjacke mit Lammfellkragen hüllte seinen Oberkörper ein. Brian Roselle gehörte zu den Spezialisten in der Organisation, die Gregory Szyszkowitz’ uneingeschränktes Vertrauen genossen.

»Es ist zehn Uhr – fuck!« Die Stimme kam aus dem Laderaum des kleinen Transporters. »Wird Zeit, dass die Würfel fallen – fuck!«

Roselle drehte sich um. Durch das Schiebefenster blickte er in den dunklen Laderaum hinein. Nur Schatten waren von den beiden Männern zu sehen, die dort vor der geschlossenen Heckklappe auf der Ladefläche hockten. Undeutlich auch die Umrisse der länglichen Gegenstände neben den beiden Männern: Vier Panzerfäuste und zwei automatische Gewehre.

»Ruf Gregory an!«, sagte der nervösere der beiden Männer, Vincent Torrance. »Kann doch nicht sein, dass die Bullen so lange brauchen, bis sie ihre Jobs verteilt haben. Wenn wir so lange bräuchten, kämen wir auf keinen grünen Zweig – fuck!«

Torrance war noch ziemlich jung – Mitte zwanzig  und unerfahren in Hits wie der, der ihnen bevorstand. Oder besser: Der der Polizei bevorstand. Aber Torrance war ein verteufelt guter Schütze. Alle Wetter, das war er.

»Cool bleiben, Vince«, sagte Roselle. »Wir werden den Boss raushauen. Gregory hat das Ding im Griff, verlass dich drauf.«

»Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein verdammter Bulle wegen einem verdammten Weib einen Gefangenen laufen lässt – fuck!« Gott, wie nervös er war, der Junge.

»Du glaubst ja nicht, was Männer alles tun, wenn man sie bei den Eiern packt«, sagte der zweite Mann hinten im Laderaum. Juan Belderes – seine näselnde Stimme klang, als würde er sich zu Tode langweilen.

»Ich weiß nicht«, sagte der junge Torrance zweifelnd. »Irgendwas läuft da schief.« Er wandte sich an Roselle. »Ruf Gregory noch mal an! Ich will wissen, wann es losgeht – fuck!«

»Du reißt dich jetzt zusammen, Vince!«, fuhr Roselle ihn an. »Hast du schon mal erlebt, dass eine Sache schiefgegangen ist, die Gregory Szyszkowitz in die Hand genommen hat?«

Keine Antwort aus dem Halbdunkel des Laderaums.

»Na, also«, knurrte Roselle und zog das Schiebefenster zu.

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»HABEN SIE ZUFÄLLIG Streichhölzer, Mandy?« Ein schwarzes Loch pulsierte in meiner Brust. Wie schaffte ich es nur, McKees junge Sekretärin anzulächeln? Ich weiß es nicht mehr.

»Klar doch, Jesse.« Mandy zog eine der Schubladen ihres Schreibtisches auf und kramte eine Schachtel Zündhölzer heraus. »Bitte.« Sie reichte sie mir.

»Weiß nicht, wieso du so scharf darauf bist, diesen Mobster-Chef bei den Geschworenen abzuliefern.« Milo machte ein missmutiges Gesicht.

»Weil wir danach in Downtown zu Mittag essen könnten.« Immer noch zu Mandy gewandt, zog ich drei Streichhölzer aus der Schachtel. Ich glaube, meine Hände zitterten. »Wir waren schon lang nicht mehr im Mezzogiorno. Hab letzte Nacht von Luigis Pizza mit Schinken und Sardellen geträumt.« Die Faust mit den drei Hölzern verschwand in meiner Jackentasche.

»Solche niedrigen Beweggründe bin ich eigentlich nur von mir selbst gewöhnt«, knurrte Jay.

»Wer den Kürzeren zieht, kümmert sich um die Waladi-Sache.« In der Tasche zwickte ich zwei Hölzern den Zündkopf ab. Ich musste mich auf Mandys Schreibtisch setzen. Der Boden ihres Büros kam mir vor wie die schwankenden Deckplanken eines Schiffes bei stürmischem Seegang. Meine Gesichtsmuskeln schmerzten, das Lächeln fiel mir schwer.

»Lass schon sehen«, sagte Leslie.

Ich zog die Faust aus der Tasche. Die Enden zweier Hölzer ragten zwischen gekrümmtem Zeigefinger und Daumen heraus.

Leslie griff zu und zog eines heraus. »Natürlich das kürzere.« Er grinste wehmütig.

Wortlos präsentierte ich ihm ein Streichholz mit Zündkopf. Mein Mund war staubtrocken. Ich vermied es, Milo anzusehen. Als würde mich Licht von der Seite bescheinen, spürte ich seinen prüfenden Blick.

»Also los, Partner!« Ich rutschte vom Schreibtisch. »Holen wir uns den Wagenschlüssel für den Plymouth!« Auf weichen Knien steuerte ich an Milo vorbei die Tür an.

»Und die Wummen nicht vergessen!«, rief Leslie uns hinterher.

Mich fröstelte ...

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»HAB ICH′S NICHT GESAGT?« Gregory sprang auf und schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. »Hab ich nicht gesagt, dass er spurt?«

Linda sah den Triumph in seinem breiten Gesicht. Die wässrigen Augen loderten. Sie hatte die Stimmen aus dem Empfänger nur teilweise verstehen können. Was sie nicht verstanden hatte, war jetzt überdeutlich an der Miene und der Körperhaltung des Gangsters abzulesen.

Es ist vergeblich, dachte sie, es ist vergeblich, dass du dich auf dieses schmutzige Spiel einlässt, Jesse ...

Der Mann namens Gregory griff zum Handy. Sein fleischiger Finger stach auf die Tastatur ein. »Die Sache läuft nach  Plan!«, bellte er in den Sprechteil des Geräts. »Haltet euch bereit!«

Er stopfte das Handy in die Tasche seines Trenchcoats. An Lindas Stuhl vorbei rauschte er mit großen Schritten zum Regal neben der Tür.

Die Frau, die er mit Joan ansprach, drückte hastig ihre Zigarette aus. Die Nervosität, die sie seit fast einer Stunde unterdrückte, war jetzt jeder ihrer Bewegungen anzusehen. Sie stolperte schier, als sie hastig zu ihm lief.

»Seid vorsichtig, Gregory!« Linda konnte die Angst in ihren Augen sehen.

»Bitte seid vorsichtig!«

Gregory zog eine der Metallkisten aus dem Regal und stellte sie auf den Steinfliesen ab. »Mach dir nicht ins Hemd, Baby!« Er öffnete die Kiste und holte die Einzelteile eines automatischen Gewehres heraus. »Heute Abend kannst du mit meinem Bruderherz wieder rummachen.« Er grinste schmierig. »Wenn er deine Hormone erst mal wieder in Ordnung gebracht hat, bist du hoffentlich nicht mehr so fahrig.«

Er setzte den Lauf an den Kolben und hieb das Magazin in die dafür vorgesehene Öffnung. Linda beobachtete jeden seiner Handgriffe. Frosthauch kroch ihr vom Kopf aus durch den Körper.

»Häng′ dich ans Gerät!« Gregory erhob sich, seine Gelenke knackten. »Pass genau auf, was die Bullen quatschen. Du gibst mir in regelmäßigen Abständen Bescheid.«

Joan nickte. Sie war plötzlich kreidebleich.

Gregory tätschelte ihre Wange. »Hey, Baby – ein bisschen mehr Vertrauen in deinen Schwager bitte!« Sein Grinsen hatte etwas Grausames. »Sobald sie die Brücke erreichen, rufst du mich an. Von diesem Moment an müssen wir in ständigem Kontakt bleiben.« Er drückte ihre Schulter.

Dann wandte er den Kopf, und seine Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen, seine Kiefer mahlten,während er Linda fixierte.

Nur ein stummer Blick, weiter nichts. Doch Linda spürte, was hinter seiner breiten Stirn vor sich ging.

Gregory wandte sich zur Tür und zog sie auf. Noch einmal blieb er stehen, drehte sich um, sagte zu Joan: »Ich geb′ dir Bescheid, wenn alles vorbei ist. Dann machst du klar Schiff hier und kommst zum verabredeten Treffpunkt.«

Diesmal streifte sein Blick Linda nur kurz, bevor er die Tür hinter sich zuzog. Wieder schien eisiger Hauch sie anzuwehen. Als hätte sie einen Gefrierschrank geöffnet,

»Dann kommst du zum verabredeten Treffpunkt«, hatte er gesagt.

Nicht:  »Dann kommt ihr zum verabredeten Treffpunkt ...«

Das Blut sackte Linda in Bauch und Beine. Ihr wurde übel. Es ist vorbei ...

Himmel, Jesse  es ist vorbei ...!

Joan lauschte, bis Gregorys Schritte in dem großen Raum hinter der Tür verhallten. Dann wandte sie sich ab. Ohne Linda eines Blickes zu würdigen, schritt   sie an ihr vorbei zu dem Wandtisch mit den elektronischen Geräten. Sie ließ sich auf Gregorys Stuhl fallen und zündete sich eine neue Zigarette an.

Kurz darauf hörte Linda von fern einen Motor anspringen. Dann ein schäumendes Brausen, als würde ein Fahrzeug durch eine große Matschfläche fahren. Minutenlang nur die undeutlichen Stimmen aus dem Empfänger. Linda schloss die Augen.

Was hast du mir da eingebrockt, Jesse?

Sie verfluchte seinen Job. Tränen quollen unter ihren geschlossenen Lidern hervor.

Jetzt wird er mich umbringen, dein Job ... Buchstäblich umbringen ...

Eine Flut widersprüchlicher Gefühle toste durch ihre Brust. Sehnsucht nach ihm, Hass auf seinen Job, Wut auf ihn, Hass auf diese Verbrecher ...

Sie biss sich auf die Unterlippe, um zu spüren, dass sie noch lebte, und um ihren Verstand wachzurütteln. Das Bild des Raumes, durch den hindurch die Frau sie zur Toilette geführt hatte, stand ihr plötzlich vor Augen. Der Schutt, der Schmutz – aber auch die muldenartigen Waschbecken und die Aluminiumtische.

Linda riss die Augen auf und blickte zur Decke. Das Gestänge unter der Decke und die Fleischerhaken. Wie düstere Vorboten ihrer Vernichtung wirkten sie.

Ein Schlachthaus, dachte sie. Ohne Zweifel, ein altes Schlachthaus ... Bitteres Grinsen flog über ihr tränennasses Gesicht. Der passende Ort für das Ende ... Es muss Jahre her sein, dass hier zuletzt Rinder und Schweine geschlachtet wurden ...

Sie wandte sich an Joan. »Hast du eine Zigarette für mich?«

Joan fuhr herum, hob die Brauen. Nicht der Wunsch an sich, sondern die Art, wie die Journalistin ihn vorbrachte, verwunderte sie.

Sie fingerte ein Stäbchen aus der Schachtel, stand auf, kam zu Linda und steckte es ihr zwischen die Lippen. Aus der Beintasche der BagPants fischte sie ein Feuerzeug.

Linda beugte den Kopf vor und hielt die Zigarette in die Flamme. Rauch stieg auf.

Linda legte den Kopf in den Nacken und fixierte die andere. Sie fragte sich, wo in New York City Schlachthausruinen standen. Die dumpfe Sirene fiel ihr ein, die sie vorhin auf der Toilette gehört hatte. War das nicht das Nebelhorn eines Schiffes gewesen?

»Was glotzt du so blöd?«, blaffte Joan.

»Ihr werdet mich töten?«

Joan wandte sich ab. »Blödsinn.«

»Du kannst einem eine Nadel unter den Fingernagel treiben, ohne mit der Wimper zu zucken.« Linda stieß ein bitteres Lachen aus. »Warum kannst du dann nicht lügen?«

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