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Sammelband 6 Krimis: Die Konkurrenten und andere Krimis für Strand und Ferien

Sammelband 6 Krimis: Die Konkurrenten und andere Krimis für Strand und Ferien

Alfred Bekker et al.

Published by Alfred Bekker präsentiert, 2018.

Inhaltsverzeichnis

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Sammelband 6 Krimis: Die Konkurrenten und andere Krimis für Strand und Ferien

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Alfred Bekker | DER EINZIGE MORDZEUGE

Alfred Bekker | DIE KONKURRENTEN

Die teure Kunst des Mordes

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Sei still und schweige

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Bount Reiniger und die Erpresser: N.Y.D. – New York Detectives

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Die Hauptpersonen des Romans:

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Kommissar Morry

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Kommissar Morry | Die Wölfe | Cedric Balmore

Roman

Further Reading: 10 hammerharte Strand-Krimis

Also By Alfred Bekker

Also By Walter G. Pfaus

Also By Wolf G. Rahn

Also By Cedric Balmore

About the Author

About the Publisher

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Sammelband 6 Krimis: Die Konkurrenten und andere Krimis für Strand und Ferien

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Dieses Buch enthält folgende Krimis:

Alfred Bekker: Der einzige Mordzeuge

Alfred Bekker: Die Konkurrenten

Alfred Bekker: Die teure Kunst des Mordes

Walter G. Pfaus: Sei still und schweige

Wolf G. Rahn: Bount Reiniger und die Erpresser

Cedric Balmore: Kommissar Morry - Die Wölfe

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EIN JUNGER MANN STIRBT bei einem Einbruch durch Gift, die Polizei geht von Selbstmord aus. Die Mutter will das nicht glauben und beauftragt den Privatdetektiv Bount Reiniger, einen möglichen Mord zu untersuchen. Bei seinen Recherchen stößt er auf ein unglaubliches Verbrechen: Eine Supermarktkette wird erpresst, und der Tod des jungen Mannes war eine Folge davon. Um den Fall aufzuklären muss sich Reiniger jedoch selbst in Lebensgefahr begeben.

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ALFRED BEKKER IST EIN bekannter Autor von Fantasy-Romanen, Krimis und Jugendbüchern. Neben seinen großen Bucherfolgen schrieb er zahlreiche Romane für Spannungsserien wie Ren Dhark, Jerry Cotton, Cotton reloaded, Kommissar X, John Sinclair und Jessica Bannister. Er veröffentlichte auch unter den Namen Neal Chadwick, Henry Rohmer, Conny Walden, Sidney Gardner, Jonas Herlin, Adrian Leschek, John Devlin, Brian Carisi, Robert Gruber und Janet Farell.

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Alfred Bekker

DER EINZIGE MORDZEUGE

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AN ARTHUR BARINGS HAUSTÜR klingelte es. Baring kniff die Augen zu engen Schlitzen zusammen, als er an die Tür ging und durch den Spion blickte. Er sah einen kleinen, unscheinbaren Mann, der ungeduldig von einem Fuß auf den anderen trat. Baring betätigte die Sprechanlage. "Wer sind Sie?" knurrte er.

"Herr Baring? Arthur Baring, der berühmte Schauspieler?"

"Sind sie von der Presse? Dann verschwinden Sie!"

"Lassen Sie mich bitte herein, Herr Baring! Ich bin nicht von der Presse!"

Baring wollte schon die Gegensprechanlage abschalten, da fuhr der kleine Mann fort: "Es geht um etwas, das sie vor ein paar Tagen in den Park gebracht haben... Herr Baring? Hören Sie mich noch? Ich glaube nicht, daß es gut wäre, wenn ich die Angelegenheit weiter von hier draußen mit Ihnen bespreche!"

Für Arthur Baring wirkte das wie ein Schlag vor den Kopf. Er fühlte seinen Puls rasen und schluckte. Nur ruhig Blut! versuchte er sich einzureden und öffnete die Tür.

Der kleine Mann grinste breit. "Ja, Sie sind es wirklich! Arthur Baring - ich habe Sie so oft im Fernsehen bewundert..." "Kommen Sie zur Sache!" brummte Baring und bat den Mann herein. "Wie heißen Sie übrigens?" Der Besucher machte eine unbestimmte Geste.

"Mein Name tut im Augenblick nichts zur Sache. Es ist vielmehr Ihr Name, der hier möglicherweise zur Debatte steht. Ihr guter Name..." Sie gingen ins Wohnzimmer. Der Besucher nahm Platz, Baring hingegen blieb stehen und musterte sein Gegenüber ungeduldig.

"Es war sehr klug von Ihnen, mich hereinzulassen", erklärte der kleine Mann gedehnt. "Und das läßt mich hoffen, daß wir auch in allem anderen zu einer vernünftigen Einigung kommen werden..."

"Wovon sprechen Sie?"

"Haben Sie schon Zeitung gelesen?"

"Was soll das?"

"Der Mord an ihrem Agenten ist das beherrschende Thema auf den Gesellschaftsseiten..." "Er wurde im hiesigen Stadtpark überfallen und ausgeraubt, als er spazieren ging", erklärte Baring. "Wahrscheinlich hat er sich gewehrt und..."

"Das glaubt die Polizei!" gab der Besucher mit listigem Gesicht zu bedenken.

"Jedenfalls steht es so in den Zeitungen. Aber wir beide, Herr Baring, wir wissen es doch besser..."

"Was wollen Sie damit andeuten?" fragte der Schauspieler unwirsch. Und bei sich dachte er: Erst einmal abwarten, was er wirklich in den Händen hat!

"Wir beide wissen, Herr Baring, daß Sie Ihren Agenten Fritz Berger umgebracht haben. Ich kann nur vermuten, was Ihr Motiv wahr. Vielleicht ist es so, wie es seit Wochen die Boulevard-Zeitungen schreiben: Daß Sie aus dem Vertrag mit Berger herauswollten, daß aber Berger nicht im Traum daran dachte, sie gehen zu lassen - jetzt, wo Sie es geschafft haben, er kräftig an Ihnen verdienen könnte und man schon von Angeboten aus Hollywood munkelt!"

Baring lachte verkrampft. "Ich soll also Berger umgebracht haben. Dann sind Sie also einer der Privatdetektive, die Bergers Frau beauftragt hat, um mir nachzuspionieren..." Der Besucher schüttelte den Kopf. "Sie irren sich. Aber es ist tatsächlich jemand auf der anderen Straßenseite, der Ihr Haus beobachtet... Nein, ich bin einfach jemand, der sich gedacht hat, daß Ihnen mein Schweigen vielleicht, sagen wir hunderttausend Mark wert ist! Das ist nicht viel, wenn man bedenkt, daß es wohl das Ende Ihrer Karriere wäre, wenn ich zur Polizei ginge und dort ausplaudern würde, was ich beobachtet habe!"

"Verlassen Sie mein Haus, wer auch immer Sie sind! Ich muß mir das nicht anhören!"

Der Besucher ließ sich nicht beirren. "Sie sind in den Stadtpark gefahren, nicht wahr, Herr Baring? Ich war spät abends noch auf einen Spaziergang draußen und habe mich gewundert, daß da einfach jemand mit dem Wagen über die Fußwege fährt! Um ein Haar hätte ich Sie deswegen angesprochen, aber dann sah ich, wie Sie etwas aus dem Kofferraum herausholten und in ein Gebüsch legten.

Es war schon dunkel, ich konnte aber dennoch erkennen, daß es sich um einen menschlichen Körper handelte... Und dann fiel der Schein einer Laterne auf Ihr Gesicht! Mein Gott, dachte ich, das kann doch nicht sein! Wie oft hatte ich dieses Gesicht auf dem Fernsehschirm gesehen! Später, als Sie dann weggefahren waren, habe ich im Gebüsch nachgeschaut und die Leiche von diesem Fritz Berger gesehen, ihrem Agenten. Er hatte wohl einen schweren Schlag gegen den Kopf bekommen... Und Sie hatten ihn so zurechtgemacht, daß es wie ein Raubmord aussehen mußte..."

Verdammt! dachte Baring. Ich war mir doch so sicher, völlig allein zu sein!

Aber offenbar hatte es doch einen Zeugen gegeben. Die Details, die Berger aufgezählt hatte, waren zu genau, um erfunden zu sein. Es hatte sich genau so abgespielt. "Sehen Sie", fuhr Baring fort, "als ich Bergers Leiche fand, wollte ich schon zur Polizei gehen, aber dann dachte ich mir: Ein so großer Schauspieler! - Es wäre doch schade, wenn es keine Filme mehr mit ihm geben würde, weil man ihn wegen Mordes verurteilt. Ich glaube nicht, daß hunderttausend zuviel sind."

Baring zog die Augenbrauen hoch. "Ja, vielleicht waren Sie wirklich dort...

Sie lassen mir wohl keine andere Wahl!"

Der Besucher lächelte zufrieden.

"Ich wußte, Sie würden vernünftig sein."

"Ich kann Ihnen einen Scheck schreiben."

"Einverstanden."

Baring ging zum Schreibtisch und tat so, als würde er in der Schublade nach seinem Scheckheft und einem Stift suchen. Einen Augenblick später hatte er dann eine Pistole in der Hand und richtete sie auf den Besucher.

"Sie sind offenbar tatsächlich in jener Nacht im Park gewesen und haben mich beobachtet. Wenn ich Ihnen jetzt Geld gebe, dann werden Sie wieder und wieder auftauchen und immer unverschämter werden!" Baring grinste. "Ich werde Sie jetzt töten. Heute Abend lade ich Sie im Park ab und lasse es wie einen Raubmord aussehen..."

"Wie bei Fritz Berger!"

"Ja, ganz genau! Was einmal funktioniert hat, wird auch ein zweites Mal gehen!"

Der kleine Mann schlug in diesem Moment seine Jacke zur Seite, so daß Baring ein kleines Gerät sehen konnte, das am Gürtel befestigt hatte war.

"Wenn Sie mich jetzt umbringen, tun Sie es vor den Ohren der Polizei, Herr Baring! Jedes Wort, das in diesem Raum gesprochen wurde, ist übertragen und aufgezeichnet worden. Die Beamten werden jeden Augenblick hier auftauchen, nachdem Sie mich so bedroht haben!" Baring schien verwirrt. Er runzelte die Stirn, während sein Gegenüber fortfuhr: "Übrigens war Ihre Vermutung schon richtig: Ich bin Privatdetektiv. Bergers Frau konnte sich mit der Raubmord- Theorie einfach nicht abfinden. Sie wußte, daß Ihr Mann hier vor seinem Tod hier bei Ihnen gewesen war und reimte sich eins zum anderen..." Wenig später war die Polizei da, und bevor Baring abgeführt wurde, fragte er noch: "Waren Sie wirklich in jener Nacht im Park?"

Der kleine, hagere Mann schüttelte den Kopf. "Es gibt für diesen Mord nur einen einzigen Zeugen, Herr Baring, und das sind Sie. Es tut mir leid, aber irgendwie mußte ich diesen Zeugen dazu bringen, eine Aussage zu machen!"

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Alfred Bekker

DIE KONKURRENTEN

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Olmayer hatte bereits selbst an die Möglichkeit gedacht, daß er unter Umständen an Verfolgungswahn litt, sie dann aber rasch und energisch bei Seite geschoben....

Aber so furchtbar dieser Verdacht auch war, der in ihm nagte und ihn einfach nicht loslassen wollte: Nun schienen die Tatsachen eine Sprache von grausamer Eindeutigkeit zu sprechen. Nein, für Olmayer gab es keinen Zweifel mehr. Aus dem Verdacht war für ihn Gewißheit geworden.

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OLMAYER ZEIGTE DEM Polizisten das abgesägte Geländer. "Hier, sehen Sie! Das war kein Unfall! Um ein Haar wäre ich dort hinuntergestürzt!"

Der Polizist warf einen kurzen Blick hinab in die Tiefe, der offenbarte, daß er nicht schwindelfrei war. Nachdem der Uniformierte dann den Blick kurz über die weiträumigen Industrieanlagen hatte schweifen lassen, wandte er sich wieder an den immer noch erregten Olmayer und fragte, so ruhig es eben ging: "Sagen Sie, seit wann leiten Sie dieses Werk hier?"

"Seit vier Monaten etwa!" kam die zornige Erwiderung. "Hören Sie mir eigentlich gar nicht zu? Ich habe Ihnen das doch alles längst erzählt!

Außerdem - was hat das hiermit zu tun?" Und dabei deutete er auf das Geländer.

"Ich schätze, Ihr Job bringt 'ne Menge Streß mit sich, nicht wahr?" Der Beamte legte Olmayer eine Hand auf die Schulter. "Ich will damit nur sagen, daß das alles vielleicht etwas zuviel für Sie war.

Vielleicht..."

"Was?"

"So etwas ist durchaus keine Schande, Herr Olmayer. Bitte, Sie sollten das, was ich gerade gesagt habe, um Himmels Willen nicht falsch verstehen..."

"Sie meinen, daß ich verrückt bin, nicht wahr? So ist es doch!"

"Aber, Herr Olmayrer, ich bitte Sie..."

"Sie denken, ich hätte mir das alles nur eingebildet! Sie glauben, ich würde unter Verfolgungswahn leiden!"

Der Polizist sah Olmayer mit ernstem Gesicht an.

"Offen gestanden sieht es mir wirklich danach aus. Diese Serie von angeblich mysteriösen Unfällen, die Sie mir geschildert haben und hinter denen einige Ihrer Kollegen stecken sollen..."

Olmayer wurde von ohnmächtiger Wut geschüttelt.

Dieser selbstgefällige uniformierte hatte nicht die Absicht, ihm zu helfen und sorgfältige Ermittlungen durchzuführen. Zum Teufel mit dieser Ignorantenseele!

"Schauen Sie, Sie müssen doch selbst zugeben, daß das alles sehr fantastisch ist, was Sie mir da erzählt haben: Ich habe mit Ihren Kollegen gesprochen und kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, daß jemand darunter ist, der Ihnen nach dem Leben trachtet." Er schüttelte entschieden den Kopf. "Natürlich gibt es innerhalb einer Betriebshierarchie schon einmal Uneinigkeiten und Rivalitäten. Aber wegen solcher Sachen begeht doch niemand einen Mord!" Er faßte sich bedeutungsvoll an die Mütze. "Ich habe zwanzig Jahre Praxis mit solchen Dingen. Sie sollten mir glauben, Herr Olmayer."

"Dann erklären Sie mir doch bitte endlich dies hier!" Olmayer deutete wieder auf das zersägte Geländer. "Sehen Sie nicht, daß es vorsätzlich zersägt wurde?"

"Ich weiß natürlich nicht, wer das getan hat.

Aber ich weiß eins: Von einem zersägten Geländer kann man noch nicht ohne weiteres auf einen Mordversuch schließen."

Sie stiegen die Treppe hinunter. Unten wartete ein weiterer Beamte im Streifenwagen.

"Also, auf Wiedersehen, Herr Olmayer. Wenn Sie gegen irgend jemanden Anklage erheben wollen...", der Polizist konnte sich einironisches Lächeln nicht verkneifen, "...dann wissen Sie wohl sicher den formellen Weg!"

Er stieg zu seinem Kollegen in den Wagen. Als die Beamten davongebraust waren, bemerkte Olmayer etwas abseits drei Gestalten, die leise miteinander flüsterten. Deutlich sah man die Anspannung und den Mißmut in ihren Gesichtern. Als Olmayer sie sah, verhärteten sich auch seine Züge, seine Körperhaltung verkrampfte sichtlich und ja, vielleicht war da auch so etwas wie Furcht. Da waren sie also: Benrath, Larsen und Galring.

Die drei waren von Anfang an gegen Olmayer gewesen - gleich, als er das Werk zum erstenmal betreten hatte, hatte er das deutlich gespürt.

Ursprünglich war ihr Verhältnis untereinander wohl eher von Rivalität geprägt gewesen, aber ihr Buhlen um die Beförderung hatte jäh aufgehört, als man ihnen unerwarteterweise einen Fremden - Olmayer - vor die Nase setzte, anstatt einen von ihnen für die Leitung des Werkes auszuwählen.

Sie taten alles, um Olmayers Autorität zu untergraben und ihm Knüppel zwischen die Beine zu werfen. Jedes Mittel schien ihnen recht zu sein, um den mißliebigen Vorgesetzten loszuwerden.

Natürlich würden sie, sobald dieses Ziel erreicht wäre, wieder wie Hyänen gegenseitig übereinander herfallen.

"Guten Tag, Herr Olmayer!" sagte Benrath. Die anderen nickten ihrem Vorgesetzten zu, ohne sich jedoch die Mühe zu machen, die von ihnen empfundene Abneigung auf irgendeine Art und Weise zu kaschieren. Olmayer grüßte zurück, ohne richtig zu ihnen hinzuschauen.

"Warum war die Polizei da?" erkundigte sich Galring, als Olmayer sich anschickte, an den dreien vorbeizugehen. Olmayer hielt an. Er hörte das Quentchen Unsicherheit in der Frage des anderen mit sichtlicher Genugtuung. "Ich wüßte nicht, weshalb ich Ihnen das erzählen sollte", brummte er und ließ den Frager stehen.

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AM NÄCHSTEN TAG GESCHAH etwas sehr seltsames:

Benrath erschien in Olmayers Büro, sichtlich nervös, aber ohne den sonst stets vorhandenen abschätzigen Gesichtsausdruck. Er war freundlich  - ja, fast zu freundlich! - und unterbreitete seinem Vorgesetzten ein überraschendes Angebot.

"Schauen Sie, Herr Olmayer, wir hatten in der Vergangenheit einige, nun ja, sagen wir mal menschliche Schwierigkeiten miteinander. Es lief nicht alles so, wie es unter Kollegen hätte laufen sollen..."

"Allerdings! Da haben Sie recht! Sie, Galring und Larsen haben mir ständig nur Schwierigkeiten gemacht, anstatt mich unterstützen, wie es Ihre Pflicht gewesen wäre!" Olmayer beugte sich Benrath entgegen. "Ich habe es bisher noch niemandem gesagt, um nicht Unruhe unter der Belegschaft zu stiften, aber es gibt in der Zentrale große Schwierigkeiten! Wenn wir uns nicht sehr ins Zeug legen, kann es sein, daß man sich dafür entscheidet, dieses Zweigwerk zu schließen!"

Und bei sich dachte Olmayer: Ich bin zum Erfolg verurteilt. Wenn ich es nicht schaffe, den Laden in Schwung zu bringen, wird man mir so schnell keine Werksleitung mehr anbieten...

Aber welche Chance hatte er, solange er drei erbitterte Feinde in seiner unmittelbaren Umgebung hatte, die Sabotage betrieben und ihn sogar umzubringen versucht hatten - anstatt ihn unterstützen? Olmayer kniff die Augen zusammen.

"Ich hoffe, Sie wissen jetzt, worum es geht!"

Benrath nickte ehrlich betroffen.

"Davon hatte ich keine Ahnung!" sagte er leise.

Als Olmayer dann wieder das Wort ergreifen wollte, kam ihm der andere jedoch zuvor und bot ihm die Versöhnung an.

"Ich habe mit Larsen und Galring gesprochen. Sie waren mit mir einer Meinung, daß diese Fehde ein Ende haben muß! Kommen Sie doch heute Abend zu mir nach Hause! Da können wir dann bei einer Flasche Wein den Frieden begehen!"

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ALS OLMAYER AM ABEND mit einer Flasche Wein unter dem Arm bei Benraths eintraf, warteten die anderen bereits auf ihn. Die Gläser waren gefüllt und auf dem Tisch stand eine Platte mit belegten Broten.

"Ah, Olmayer! Schön, daß Sie doch noch den Weg zu uns gefunden haben", sagte Galring.

"Entschuldigung", erwiderte Olmayer. "Ich bin etwas spät dran, nicht wahr? Er stellte die mitgebrachte Flasche auf den Tisch.

"Stoßen wir also an!"

"Ja, trinken wir!"

Olmayer blickte zunächst mißtrauisch in sein Glas.

"Nicht Ihre Sorte?" fragte Benrath, der bereits ausgetrunken hatte. Dann lächelte er und fügte hinzu: Natürlich werden wir gleich auch aus ihrer Flasche probieren."

Olmayer trank und brach eine Sekunde später zusammen, während sich die anderen noch einmal zuprosteten. Larsen beugte sich anschließend über den reglosen Olmayer, hob ihn hoch und setzte ihn in einen Sessel.

"Hey, das war nicht abgemacht!" wandte er sich plötzlich kreidebleich an Benrath.

"Was ist denn los?"

"Wir wollten ihn einschüchtern, aber nicht umbringen!"

"Ist er tot?" fragte Galring unnötigerweise.

Larsens Blick war noch immer starr auf Benrath gerichtet.

"Du warst es, der das Zeug zusammengemixt hat, das unseren Freund ins Reich der Träume versetzen sollte!"

Benrath konnte nur mit den Schultern zucken. "Ich muß wohl was in sein Glas geschüttet haben. Anders kann ich mir das nicht erklären. Ein Unfall..."

Larsen erhob sich wütend und packte Benrath bei den Schultern.

"Was hast du getan!"

"Hör auf!" fuhr Galring dazwischen. "Wir sollten uns besser darum kümmern, wo wir mit Olmayer bleiben."

Larsen griff nach der Weinflasche auf dem Tisch, öffnete sie und schüttete sich etwas ein. "Ich brauche jetzt erst einmal einen Schluck. Ihr auch?"

Benrath nickte. "Ja..."

"Mir auch etwas!" murmelte Galring matt.

Sie kippten den Wein hastig hinunter und schenkten sich gegenseitig nach.

"Wir dürfen jetzt nicht die Nerven verlieren!" meinte Galring sachlich. "Das ist jetzt das Allerwichtigste."

"Mir ist auf einmal so schlecht!" brummte Larsen.

Er sank auf das Sofa und hielt sich den Leib. Das Weinglas entfiel seinen Händen und zersplitterte auf dem glatten Holzparkett. Galrings Gesicht begann, sich zu verfärben, er krümmte sich.

"Sag' mal, woher kommt eigentlich der Wein?" fragte er. "Ist das nicht die Flasche, die Olmayer mitgebracht hat?"

Plötzlich, kurz bevor auch ihm übel wurde, begriff Benrath. "Da muß etwas drin gewesen sein!

Olmayer wollte uns vergiften!" keuchte er völlig unnützerweise, denn Galring und Larsen waren bereits tot.

ENDE

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Die teure Kunst des Mordes

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von Alfred Bekker

Der Umfang dieses Buchs entspricht 115 Taschenbuchseiten.

Im illegalen Kunsthandels werden Milliarden umgesetzt, und man kommt an die Hintermänner noch schwerer heran als im Drogenhandel. Jetzt erreicht das FBI eine Bitte des Innenministeriums der Russischen Föderation um Zusammenarbeit, die möglicherweise die Chance bietet, einige dieser mafiösen Strukturen endlich aufzudecken. In der Eremitage in St. Petersburg sind seit Jahren massenhaft Kunstgegenstände verschwunden und auf dem schwarzen Markt verkauft worden. Vom Wachpersonal bis zur Kuratorin steckten maßgebliche Teile des Museumspersonals mit den Kriminellen unter einer Decke. Die Ware taucht später zu einem Teil in New York auf. Nun werden die FBI Agents Jesse Trevellian und Milo Tucker darauf angesetzt. Agent Dennister wird ihnen von der Zentrale in Washington als Experte für den internationalen Kunsthandel zugeteilt, um sie mit seiner Sachkenntnis zu unterstützen. Schon bald gibt es einen Toten...

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St. Petersburg, Russland

Das Café Rasputin war ein beliebter Szene-Treff, wo sich Künstler, Intellektuelle und alle die sich dafür hielten einfanden, um über den Niedergang Russlands zu diskutieren oder der Performance eines experimentellen Dichters zu lauschen. An den Wänden hingen großformatige Gemälde in grellen Farben. Vladimir Bykov fiel in seinem biederen, dreiteiligen Anzug sofort auf. Er ließ suchend den Blick über die Gäste schweifen. Stimmengewirr erfüllte den Raum.

Und Zigarettenrauch.

In kalten Schwaden hing er über den Tischen und machten Bykov klar, wie sehr ihn zwanzig Jahre New York geprägt hatten. Im Big Apple war das Rauchen beinahe überall verboten und so war Bykov den in Augen und Nase beißenden Qualm nicht gewöhnt.

Sein Blick blieb an einem Mann im dunklen Rollkragenpullover haften, der allein an seinem Tisch saß.

Bykov ging an seinen Tisch.

Der Mann im Rollkragenpullover zog an seiner filterlosen Zigarette und blies Bykov den Rauch entgegen. „Na, endlich! Ich dachte, du kommst nicht mehr! Setz dich!“

Bykov nahm Platz. „Wir müssen miteinander reden, Sergej!“

Der Mann im Rollkragenpullover beugte sich nach vorn und sprach nun in gedämpftem Tonfall. „Ich steige aus, Vladimir! Die Sache ist zu heiß geworden. Und wenn du schlau bist und am Leben bleiben willst, tust du dasselbe!“

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Was ist passiert?“, fragte Bykov.

„Genug, um in Zukunft die Finger von der Sache zu lassen. Das Geschäft läuft nicht mehr und ich habe keine Lust, mir die Finger zu verbrennen. Vor zwei Tagen wurde Korzeniowskij erschossen und ich möchte nicht der Nächste zu sein.“

Bykov verengte die Augen.

„Korzeniowskij?“, echote er. „Das wusste ich nicht...“

„Du scheinst so manches nicht zu wissen, Vladimir!“

„Dann erkläre es mir, Sergej!“

„Ich sehe zu, dass ich mein Geld in die Schweiz bekomme und dann bin ich weg!“, erklärte der Mann im Rollkragenpullover.

Er lehnte sich zurück und ließ den filterlosen Glimmstängel aufglühen.

Bykov wedelte mit der Hand, um den Rauch zu vertreiben.

Sergej grinste schief. „Verweichlichter Amerikaner!“, murmelte er verächtlich.

„Was den Pass betrifft stimmt das“, konterte Bykov.

„Na, das wird es für dich ja etwas leichter machen, mit der neuen Situation fertig zu werden.“

Bykov lachte heiser. „Du hast gut reden, Sergej! Ich bin schließlich Verpflichtungen eingegangen! In New York gibt es Leute, die auf die nächste Lieferung so sehnsüchtig warten wie ein Junkie auf seinen Stoff! Die werden ziemlich sauer reagieren.“

Sergej zuckte mit den Schultern. „Tut mir leid.“

„Was ist mit Lebedew?“

„Der ist schon vor Wochen von der Bildfläche verschwunden. Offenbar hat er den Braten etwas früher gerochen, als der Rest von uns und zugesehen, dass er seine Schäfchen ins Trockene bekommt.“

„Verdammt!“ Bykov ballte unwillkürlich die Hände zu Fäusten. Eine dunkle Röte überzog sein Gesicht.

Sergej wirkte gelassener. „So ist das nun mal. Jeder muss jetzt sehen, dass er so gut wie möglich aus dem Schlamassel herauskommt.“

„Na, großartig!“

Sergej drückte den Rest seiner Zigarette im Aschenbecher aus, trank seinen mit Wodka vermengten Kaffee aus und erhob sich.

Bykov war bleich wie die Wand geworden.

Sergej sah ihn an und verzog das Gesicht. „Hey, bist du wirklich schon so ein amerikanisches Weichei geworden, Vladimir? Ich dachte, ihr würdet da drüben den Unternehmergeist immer besonders groß schreiben!“

Bykov verzog das Gesicht zu einem dünnen Lächeln.

„Das tun wir auch.“

„Da wird der deinige ja wohl nicht gleich versagen, nur, weil die Zeit der Riesenjackpots für dich jetzt erst mal eine Weile vorbei ist!“

„Sehr witzig!“

„Immerhin lebst du noch – das ist mehr, als man von so manch anderem sagen kann, der bei der Sache mitgemacht hat!“ Gönnerhaft klopfte Sergej seinem Gesprächspartner auf die Schulter. „Nichts für ungut, Vladimir! War ´ne schöne Zeit und ich denke wir werden dem warmen Dollar-Regen noch lange nachtrauern.“

Bykov bleckte die Zähne wie ein Raubtier. „Du kannst mich mal!“, fauchte er.

„Wie auch immer. Vielleicht machen wir ja irgendwann, wenn sich die Lage beruhigt hat, mal wieder zusammen Geschäfte. Man sollte ja immer optimistisch bleiben!“ Er grinste schief und setzte noch hinzu: „Außerdem kommen Ikonen nie aus der Mode!“

Sergej sah auf die Uhr.

Dann nickte er Bykov zu und ging in Richtung Ausgang.

Gerade hatte ein Mann in dunkler Lederjacke, dazu passenden Stiefeln und grauer Strickmütze den Raum betreten.

Sergej erstarrte, als er ihn sah.

Der Mann in Leder griff unter seine Jacke und riss eine Pistole hervor. Er drückte sofort ab. Sergej bekam einen Treffer in den Brustbereich, taumelte zwei Schritte zurück und wurde anschließend noch in Kopf und Hals getroffen.

Mit einem dumpfen Geräusch schlug der Getroffene auf den Holzboden. Blut sickerte aus den Wunden.

Überall im Café brach Panik aus. Entsetzensschreie gellten durch den Raum.

Bykov erhob sich vom Platz, drehte sich herum und griff unter seine Jacke.

Der Mann in Leder schwenkte den Lauf seiner Automatik in Bykovs Richtung. Die Blicke der beiden Männer begegneten sich kurz. Dann leckte erneut das Mündungsfeuer wie eine rote Drachenzunge aus dem Lauf der Automatik hervor.

Bykov bekam einen Schuss in die Brust, der ihn gegen die Wand taumeln ließ. Ein zweiter Treffer erwischte ihn nur Zentimeter daneben – genau dort, wo sich das Herz befand.

Bykov rutschte an der Wand hinunter, versuchte sich festzuhalten und riss dabei eines der großformatigen Gemälde von den Haken.

Er ächzte und rang nach Luft.

Der Mann in Leder drängte sich derweil bereits durch die von Panik erfüllten Gäste des Café Rasputin in Richtung Ausgang.

Rechts und links stoben die Leute vor ihm zur Seite, so gut sie konnten. Niemand wollte schließlich von der Waffe in seiner Rechten angeschossen werden.

Augenblicke später war er draußen in der Menge der Passanten verschwunden.

Inzwischen stöhnte Bykov schmerzerfüllt auf.

Er versuchte sich zu bewegen, aber er hatte das Gefühl, von mehreren Messern durchbohrt zu werden.

Er rang noch immer nach Luft. Das Atmen tat höllisch weh. Vorsichtig betastete er die Stellen, an denen er getroffen worden war. Die Projektile hatten seine Kleidung aufgerissen. Unter dem edlen Tuch seines New Yorker Schneiders kamen die ersten Lagen grauen Kevlars zum Vorschein.

Immerhin, dachte er, die Weste hat gehalten, was der Hersteller verspricht, auch wenn die Treffer trotzdem sehr schmerzhaft gewesen sind.

Aber die Kevlar-Weste hatte das Eindringen der Kugeln in den Körper verhindert und Bykov damit das Leben gerettet. Ein paar blaue Flecken würden ihm von der Attacke bleiben – wenn er Pech vielleicht auch eine angeknackste Rippe. Bykov berührte eine der Stellen ein zweites Mal. Er war sich noch nicht ganz sicher, wie schwer die Verletzungen tatsächlich waren.

Vorsichtig stand er auf und stützte sich dabei auf einen der Tische.

Im Café Rasputin herrschte jetzt vollkommenes Chaos. Alle rannten durcheinander und versuchten, sich irgendwie in Sicherheit zu bringen.

Da auch Bykov eine Waffe in der Hand hielt, wich ihm jeder aus.

Nur weg, so lange die Miliz noch nicht hier ist!, ging es ihm durch den kopf.

Er hatte keine Lust, sich den langwierigen Fragen der Polizei zu stellen und am Ende noch ein kleines Vermögen investieren zu müssen, um die betreffenden Beamten zu schmieren.

Vielleicht hat Sergej recht gehabt und es ist wirklich Zeit, dass ich aussteige!, überlegte Bykov, als er ins Freie taumelte.

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Na, gewöhnst du dich langsam an deine neue Karre?“, fragte mich mein Kollege Milo Tucker, als ich ihn an diesem Morgen abholte. Wie üblich hatte Milo an der bekannten Ecke in der Upper West Side gewartet. Es regnete Bindfäden und er war ziemlich durchnässt.

„Von welcher Karre sprichst du?“, fragte ich.

„Na, von welcher wohl?“

„Das ist ein sehr schnittiger Sportwagen, keine Karre.“

Milo machte sich immer wieder darüber lustig.

Der Wagen, den ich die letzten Jahre über gefahren hatte, war mir gestohlen worden. Wir fanden ihn später in einer Schrottpresse als handliches Päckchen wieder und es stellte sich im Laufe der Ermittlung heraus, dass die Diebe es auf den Inhalt des installierten Dienstrechners abgesehen hatten. Die darauf gespeicherten Daten waren für die Gangster ein Hilfsmittel gewesen, um eine groß angelegten Cyberangriff auf das FBI zu starten.

Inzwischen fuhr ich einen schnittigen Sportwagen.

Die technische Innenausstattung mit integriertem TFT-Bildschirm und Computer entsprach dem Standard, den auch der alte Wagen gehabt hatte.

Seit einiger Zeit hatte ich  Gelegenheit, die Fahreigenschaften meines neuen Sportwagens kennen zu lernen.

Bis jetzt war ich vollauf zufrieden, auch wenn ich dem alten Wagen immer noch etwas nachtrauerte. Aber das hatte wohl eher sentimentale Gründe.

Milo schnallte sich an.

„Na, dann zeig mal, was der Neue kann!“, meinte er.

„Witzbold.“

„Wieso?“

„So lange wir uns im Big Apple aufhalten, dürfte das wohl kaum praktikabel sein, wenn wir nicht eine unangenehme Begegnung mit unseren Kollegen in Uniform riskieren wollen. Schließlich gibt es ja auch für FBI-Agenten keine gesonderten Verkehrsregeln.“

„Zumindest, solange nicht irgendein gerechtfertigter Notfall vorliegt“, gestand ich zu.

Der Regen wurde so heftig, dass selbst die unermüdlich hin und her schwingenden Wischblätter es kaum schafften, einen klaren Durchblick zu gewährleisten.

„Wieso bist du ausgerechnet heute so spät dran, Jesse?“, fragte Milo, als wir wenig später an einer Ampel halten mussten. „Ich bin fast aufgeweicht bei der verdammten Nässe!“

„Ich war heute Morgen noch in der Werkstatt und hatte dort einen Sondertermin außerhalb der Geschäftszeiten.“

Milo grinste.

„Ach, hat das gute Stück schon seine Mucken?“

Ich schüttelte den Kopf. „Keineswegs. Es waren nur noch ein paar Feineinstellungen vorzunehmen. Routinekram eben.“

„Wer es glaubt wird selig. Mal ehrlich, ich weiß nicht, ob ich dieser Karre trauen kann!“

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Als wir das Bundesgebäude an der Federal Plaza erreichten, ließ der Regen zum Glück endlich nach.

Noch bevor wir unser gemeinsames Dienstzimmer erreichten, lief uns Agent Max Carter über den weg. Der Innendienstler aus der Fahndungsabteilung des FBI Field Office New York grüßte knapp und wies uns darauf hin, dass unser Chef in einer halben Stunde eine Besprechung in seinem Büro angesetzt hatte.

„Du bist doch sicher informiert, worum es geht, Max!“, vermutete ich.

Max nickte. „Das wird eine groß angelegte Operation mit internationaler Zusammenarbeit und so weiter...“

„Drogen?“

„Nein. Schon mal was von der Eremitage gehört?“

„Ist das nicht ein Museum in St. Petersburg?“

„Richtig.“

„Dann geht es um illegalen Kunsthandel?“

„Lass dich einfach überraschen, Jesse! Ich muss noch mal ein Dossier für euch zusammenstellen.“

„Bis nachher.“

Der illegale Kunsthandel hatte finanziell gesehen längst Dimensionen wie der Handel mit Drogen, Waffen oder Müll erreicht und war zu einem wichtigen Zweig des organisierten Verbrechens geworden, ohne dass die Öffentlichkeit davon besonders Notiz genommen hatte.

Wir fanden uns zusammen mit einer Reihe weiterer G-men pünktlich im Besprechungszimmer von Mr Jonathan D. McKee, dem Leiter des FBI Field Office New York ein und nahmen Platz.

Mandy grüßte uns knapp.

Die Sekretärin unseres Chefs servierte Kaffee für alle. Außer uns waren unter anderem die Kollegen Clive Caravaggio und Orry Medina anwesend. Die Agenten Jay Kronburg und Leslie Morell trafen kurz nach uns ein.

Max Carter schlich sich erst auf leisen Sohlen in den Raum, als Mr McKee bereits zu sprechen begonnen hatte.

„Über die Bedeutung des illegalen Kunsthandels für das organisierte Verbrechen brauche ich wohl kaum noch ein Wort zu verlieren“, erklärte unser Chef. „Da werden Milliarden umgesetzt und wir kommen an die Hintermänner noch schwerer heran als im Drogenhandel. Jetzt erreichte uns eine Bitte des Innenministeriums der Russischen Föderation um Zusammenarbeit, die für uns möglicherweise die Chance bietet, einige dieser mafiösen Strukturen endlich aufzudecken. Wir kommen auf diese Weise an Informationen heran, die uns da weiterhelfen werden. Sie haben vielleicht von dem Skandal um die Kunstgüter der Eremitage in St. Petersburg gehört. Offenbar sind dort seit Jahren massenhaft Kunstgegenstände verschwunden und auf dem schwarzen Markt verkauft worden. Vom Wachpersonal bis zur Kuratorin steckten maßgebliche Teile des Museumspersonals mit den Kriminellen unter einer Decke. Die Ware tauchte später zu einem Teil auch hier in New York auf. Und das geht nun schon seit Jahren so. Jetzt ist dieser Connection der Kopf abgeschlagen worden. Aber an dieser Stelle übergebe ich das Wort besser an Agent Milton Dennister.“ Mr McKee deutete auf einen Mann in den Fünfzigern. Außer einem schmalen, dunklen Haarkranz hatte er keine Haare mehr am Kopf. „Agent Dennister wurde uns von der Zentrale in Washington als Experte für den internationalen Kunsthandel zugeteilt und wird uns mit seiner Sachkenntnis unterstützen. Bitte Milton, Sie haben das Wort.“

„Danke, Sir.“ Milton Dennister erhob sich und aktivierte den Beamer des Laptops, das vor ihm auf dem Tisch stand. Auf Knopfdruck wurde das Bild einer Frau von Mitte fünfzig projiziert. „Sie sehen die Kuratorin der Eremitage in St. Petersburg. Nachdem eine Revision der Bestände angekündigt wurde, traf sie buchstäblich der Schlag. Die Revision ergab dann auch den Grund. Es fehlten erhebliche Teile des Bestandes, die offenbar über ein kriminelles Netzwerk auf den Markt gebracht wurde. Eine Reihe von Personen wurden verhaftet, darunter der Ehemann und der Sohn der Kuratorin. Der festgestellte Schaden ist nicht einmal abschätzen, denn ein Teil des Eremitage-Bestandes ist noch nicht einmal richtig katalogisiert gewesen. Man weiß bis heute nicht, wie viele Stücke wirklich verschwunden sind. Tatsache ist, dass eine Art Panikwelle durch den illegalen Kunstmarkt fegte, die einmal um den ganzen Globus schwappte und wohl noch nicht ganz abgeebbt ist. Selbst hier in New York waren ein paar Ausläufer davon zu spüren. So verzeichnen wir seit einiger Zeit ein deutlich erhöhtes Angebot an Kunsthandwerk, Ikonen und Schmuck, die genau zum Bestand der Eremitage passen. Hin und wieder haben wir Glück und man kann die Herkunft nachweisen. Häufiger ist das jedoch nicht der Fall und es bleibt nur die Vermutung, dass mit der Herkunft etwas nicht stimmt.“ Milton Dennister aktivierte noch einmal den Beamer. Das Gesicht eines Mannes im dunklen Rollkragenpullover wurde sichtbar. „Wir haben im Zusammenhang mit Auftauchen von inflationär vielen Ikonen in New York, Boston und Philadelphia einige wertvolle Hinweise des Innenministeriums der Russischen Föderation erhalten, die es uns vielleicht möglich machen, auch bei uns ein paar Leuten das Handwerk zu legen, die schon seit Jahren den illegalen Kunsthandel als organisiertes Verbrechen betreiben und dabei bereit sind über Leichen zu gehen. Der Mann, den Sie hier sehen, heißt Sergej Sergejewitsch Michailov. Er arbeitet für ein Kunsthandels-Syndikat in St. Petersburg. Letzte Woche wurde er dort im Café Rasputin von einem Killer erschossen, als er sich mit einem Mann namens Vladimir Bykov traf.“ Dennister sorgte dafür, dass der Beamer das nächste Bild zeigte. Ein Mann im konservativen Dreiteiler war zu sehen. Er wirkte so bieder wie ein Bankangestellter. „Bykov lebt seit zwanzig Jahren in New York. Davor war er Angestellter der russischen UNO-Botschaft und KGB-Agent. Wir nehmen an, dass seine Verbindungen zu dieser Organisation auch noch fortbestanden, nachdem sich der KGB in FSB umbenannt hatte und Bykov aus dem Botschaftsdienst ausschied. Offiziell übrigens deswegen, weil er Mitglied der Kommunistischen Partei war, die Boris Jelzin kurz nach dem Putsch gegen Gorbatschow verbieten ließ. Aber seine angebliche Treue zum Kommunismus hat ihn nicht daran gehindert, anschließend nach allen Regeln der Kunst zu einem kapitalistischen Geschäftsmann zu werden. Er blieb in New York, hatte offenbar gute Fürsprecher bei den Behörden und ist inzwischen Amerikaner.“

„Hat er vielleicht ein paar KGB-Geheimnisse verraten, damit jemand die Hand über ihn hält?“, fragte Clive Caravaggio. Der flachsblonde Italoamerikaner schlug die Beine übereinander. Er war nach Mr McKee der zweite Mann in der Hierarchie des FBI Field Office New York.

Dennister drehte sich zu ihm um und nickte. „Daran habe ich auch gedacht. Und ich habe versucht, etwas darüber in den Archiven zu finden. Zumindest, was das FBI betraf, waren sie mir zugänglich. Bisher Fehlanzeige! Aber das muss nichts heißen. Möglicherweise schlummert da noch etwas bei der NSA oder der CIA. Oder Bykov hat es sogar geschafft, dass dort alles verschwunden ist, was ihn irgendwie hätte kompromittieren können. Denn eins ist klar: Ohne seine alten KGB-Verbindungen hätte er nicht der wichtige Verbindungsmann im illegalen Kunsthandel werden können, der er zweifellos ist.“ Dennister atmete tief durch. „Leider konnte man ihm nie etwas nachweisen, aber das könnte sich nun ändern.“

„In wie fern?“, hakte Mr McKee nach.

„Nun, ich erwähnte ja gerade die Ermordung von Sergej Michailov. Einen Tag zuvor starb Boris Korzeniowskij in seiner Datscha unweit von St. Petersburg. Korzeniowskij stand auch mit Bykov in Kontakt und gehörte derselben Szene an. Er residierte normalerweise am Genfer See und sorgte für die Geldwäsche der Gewinne aus den illegalen Deals. Offenbar findet da gerade eine Säuberungsaktion innerhalb der Kunst-Mafia statt, die durch die Aufdeckung des Eremitage-Skandals verursacht wurde. Jeder, der irgendwie in der Sache drinhängt, versucht jetzt erstens, Kunstobjekte, die er noch auf Lager hat, möglichst schnell abzustoßen und zweitens diejenigen loszuwerden, die ihn als Mitwisser kompromittieren würden.“

„Und Bykov soll dahinter stecken?“, fragte Mr McKee.

„Das wissen wir nicht“, bekannte Dennister. „Wir wissen nur, dass es eine Verbindung zwischen Bykov und den bisherigen Opfern gibt.“

„Dann könnte es durchaus sein, dass er selbst auch auf der Todesliste steht“, folgerte ich.

„Durchaus“, stimmte Dennister zu. „Falls jemand, der über ihm in der Organisation steht, ihn als Gefahr ansieht.“

„Jedenfalls wird Mister Bykov uns einige Fragen zu beantworteten haben“, stellte Mr McKee fest. „Bei unserem Vorgehen geht es in erster Linie darum, Bykovs Hintermänner zu ermitteln, die offenbar schon seit Jahren ihr Geschäft auch hier in New York betreiben.“

Dennister ergriff noch einmal das Wort und ergänzte: „Um das von Mister McKee skizzierte Ziel dieser Operation zu erreichen, wurde uns Unterstützung des russischen Innenministeriums zugesagt. Sie schicken einen hochrangigen Ermittler, der sich auf dieses Gebiet spezialisiert hat. Sein Name ist Valerij Marenkov und eigentlich sollte er bereits eingetroffen sein.“

„Es wundert mich, dass ich nichts davon gehört habe“, erklärte Mr McKee, während sich auf seiner Stirn eine Falte bildete.

Dennister hob die Augenbrauen. „Sir, ich habe keine Ahnung, wo Marenkov bleibt. Dass Sie noch nicht informiert wurden, liegt wohl einfach daran, dass diese Art von internationaler Zusammenarbeit auf höchster Ebene in Washington verhandelt wird.“

„Möglich“, brummte unser Chef.

„Dass der Typ hier nicht aufgetaucht ist, liegt wahrscheinlich mal wieder an der schlechten Organisation der Russen“, äußerte sich unser Kollege Jay Kronburg.

Dennister warf dem ehemaligen Beamten der City Police einen tadelnden Blick zu. „Haben Sie Vorurteile?“, fragte er kühl.

„War ja nur eine Vermutung“, meinte Jay.

„Was auch immer Sie für Vorurteile gegen Russen haben mögen – auf Marenkov treffen sie wohl kaum zu. Er ist ein hervorragender Ermittler und durch kompromissloses Vorgehen gegen die alten Seilschaften hervorgetreten.“ Dennister deutete auf unseren Kollegen Max Carter. „Ihr Kollege Agent Carter war so freundlich, heute noch in aller Schnelle ein paar Dossiers über die Leute zusammenzustellen, von denen seit langem bekannt ist, dass sie auf dem illegalen Kunstmarkt in New York irgendeine Rolle spielen. Wir werden nicht umhin kommen, einen Großteil dieser Leute abzuklappern und zu befragen, um ein klareres Bild darüber zu bekommen, was gegenwärtig in der Szene so los ist. Ich bin überzeugt davon, dass es uns mit dem entsprechenden Einsatz auch gelingen wird, die verschlungenen Pfade der Ikonen zurückzuverfolgen, die gegenwärtig den Markt überschwemmen.“

„Gut“, nickte Mr McKee. „Ich schlage vor, dass Sie die Befragung von Bykov vornehmen.“

Dennister lächelte dünn. „Das hatte ich mir auch so vorgestellt.“

„Jesse und Milo werden Sie dabei begleiten“, ergänzte unser Chef. „Und die Dossiers gehen an alle G-men, die ich für diesen Fall abstelle.“

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Wenig später saßen Milo und ich im Sportwagen. Der Motorenklang kam mir immer noch ziemlich fremd vor. Aber was die Leistung anging, konnte der Wagen mit jedem anderen Sportwagen aufnehmen.

Milton Dennister benutzte seinen eigenen Wagen. Es handelte sich um einen Alpha Romeo, der ihm von der Fahrbereitschaft unseres Field Office für die Dauer seines Aufenthalts zur Verfügung gestellt worden war.

Bykov wohnte in einem auffälligen Haus im Cast Iron Stil an der Ecke Seventh Avenue und West Huston Street in Greenwich Village. Wir stellten den Wagen auf einem der wenigen Parkplätze ab, die es in der Umgebung gab und mussten die letzten fünf Minuten bis zur Haustür zu Fuß laufen.

Dort trafen wir Dennister, der ebenfalls zugesehen hatte, dass er seinen Wagen irgendwo in der Gegend abstellen konnte.

„Ich habe bereits geklingelt“, erklärte Dennister. „Leider macht niemand auf. Weder in der Galerie, noch in der Privatwohnung.“

„Versuchen wir es noch mal“, schlug Milo vor. „Um Bykov in die Fahndung zu geben, ist es vielleicht noch ein bisschen früh, oder?“

Dennister drückte erneut auf die Klingel.

Wir warteten ab.

Im Untergeschoss war seine Galerie untergebracht. Darüber bewohnte er eine Etage, die mindestens zweihundert Quadratmeter hatte und damit für New Yorker Verhältnisse schon fast unverschämt groß war.

Die Galerie machte erst am frühen Nachmittag auf.

Offenbar konnte sich ihr Besitzer nicht vorstellen, dass es Kunstfreunde gab, die bereits am Vormittag Interesse daran hatten, sich ein paar Stücke anzusehen.

„Die Galerie ist mehr oder minder zur Tarnung da!“, erklärte Milton Dennister. „Da finden Sie ein paar Gemälde von ausgeflippten modernen russischen Künstlern, die Bykov zu exorbitanten Preisen einkauft.“

„Na, wenn er Sie hier in New York mit Gewinn verkaufen kann!“, gab Milo zurück.

„Genau das ist der Punkt“, erklärte Dennister. „Wahrscheinlich kann er das nicht.“

„Geldwäsche?“, fragte ich.

„Ich würde sagen ja – nur ist ihm das bisher vor Gericht nicht bewiesen worden. Aber der Verdacht liegt natürlich nahe.“

Eine ziemlich breit gebaute Frau in den Fünfzigern kam zu uns an die Tür. Sie musterte uns.

„Wer sind Sie?“

Ich hielt ihr meinen Ausweis unter die Nase. „Jesse Trevellian, FBI. Dies sind meine Kollegen Milo Tucker und Milton Denninger. Wir suchen Mister Vladimir Bykov.“

„Da sind Sie hier leider verkehrt“, behauptete sie und drängte sich zwischen uns hindurch zur Tür.

„Wieso, wohnt Mister Bykov seit neuestem nicht mehr hier?“, fragte Dennister überrascht.

„Doch, das tut er schon. Aber Mister Bykov ist ein sehr arbeitsamer Mann. Der steht um 5 Uhr auf und erledigt seine Büroarbeit.“ Sie sah auf ihre Uhr. „Jetzt treffen Sie ihn zwei Straßen weiter bei Bradshaw’s. Da frühstückt er für gewöhnlich. Und zwar ziemlich ausgedehnt. Das ist auch gut so, dann stört er mich nicht dabei, wenn ich alles in Ordnung bringe.“

„Die Galerie und die Wohnetage?“

„Ja. Da muss man schon im Akkord arbeiten, wenn alles sauber sein soll. Aber Mister Bykov kann es nicht leiden, wenn er dabei ist und durch den Staubsauger oder ähnliches aus seinen Gedanken herausgerissen wird. So was geht ihm unheimlich auf die Nerven!“ Die korpulente Frau atmete tief durch. „Aber ich will nicht meckern, schließlich bezahlt er mich hervorragend. Ich bin jetzt schon seit zehn Jahren bei ihm. Damals kam unsere Jüngste in die High School und wir konnten das Geld gut...“

„Schon gut, Ma’am“, sagte Milo. „Wir werden es mal bei diesem Bradshaw’s versuchen.“

„Das ist ein Coffee Shop. Einfach fünf Minuten die West Hudson Street entlang, dann können Sie das Schild gar nicht verfehlen!“

„Danke.“

Sie schloss die Tür auf. „Falls wir noch Fragen haben: Wie ist denn Ihr Name?“, fragte ich.

Sie musterte mich erneut von oben bis unten. „Florence McGray. Was wollen Sie eigentlich von Mister Bykov?“

„Nur ein paar Routinefragen“, sagte ich, schrieb mir anschließend noch Florence McGrays Adresse auf und hinterließ ihr meine Karte. Mrs McGray studierte sie eingehend, bevor sie das Stück Papier in ihrer Manteltasche verschwinden ließ, die Tür vollends öffnete und in der Galerie verschwand.

„Also auf zu diesem Laden, der sich Bradshaw’s nennt“, forderte Dennister uns auf.

Wir hatten schon ein paar Schritte hinter uns gebracht, als wir aus der Galerie einen furchtbaren Schrei hörten.

Instinktiv ging unser Griff sofort zur Dienstwaffe.

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Wir kehrten zur Haustür zurück.

Mrs McGray öffnete sie.

Kreidebleich trat sie uns entgegen.

„Kommen Sie!“, flüsterte sie. „Ich weiß gar nicht, wie ich das Mister Bykov beibringen soll.“

„Wovon sprechen Sie, Mrs McGray?“, fragte ich.

„Es ist eingebrochen worden. Die Galerie ist ein einziges Chaos. Seien Sie vorsichtig! Vielleicht sind die Täter noch da drin!“ 

Mit der Waffe in der Hand drangen wir in die Galerie ein. Mrs McGray folgte uns.

In der Galerie waren mehrere Vitrinen für Ausstellungsstücke zerschlagen worden. Außerdem hatten die Täter Gemälde von den Wänden gerissen und auf den Boden geschleudert. An anderen Stellen gab es leere Haken. Moderne russische Kunst schien den oder die Eindringlinge nicht besonders interessiert zu haben, denn sie hatten sie achtlos liegengelassen.

Milo rief per Handy Verstärkung.

In sämtlichen Räumen der Galerie sah es ähnlich aus. Ein in die Wand eingelassener Safe stand offen. Er war leer.

Neben einer zerschlagenen Glasvitrine fand sich eine deutliche Blutspur auf dem Boden.

„Scheint als wäre Mister Bykov der nächste auf der Todesliste der Kunstmafia gewesen“, meinte Dennister.

„Sie setzen voraus, dass das Blut von Bykov stammt“, erwiderte ich.

„Ich finde, das liegt nahe.“

„Jedenfalls dürfte das vorhandene Spurenmaterial ausreichen, um einen DNA-Test durchzuführen“, stellte Milo fest und steckte seine Waffe ein. „Abgesehen davon werden  die Kollegen der SRD hier zweifellos jeden Millimeter unter die Lupe nehmen. Mal sehen, was noch so an Spuren hinterlassen wurde.“

„Wenn es sich um die Leute handelt, die ich in Verdacht habe, wird man gar nichts weiter finden“, stellte Dennister klar. „Zumindest nichts, was wir nicht finden sollten. Das sind nämlich Profis.“

„Warten wir es ab“, schlug ich vor.

Mrs McGray war uns gefolgt.

Die Blutlache sah sie jetzt offenbar auch zum ersten Mal. Sie war ganz bleich geworden. „Mein Gott“, flüsterte sie. „Mister Bykov wird doch wohl nichts passiert sein...“

„Haben Sie auch einen Schlüssel für die Wohnung?“, fragte ich.

„Ja. Da muss ich schließlich auch saubermachen und Mister Bykov ist oft für längere Zeit auf Geschäftsreisen... Zum Lift kommen Sie über die Tür dahinten!“

„Und das Treppenhaus?“

„Ist direkt daneben.“

„Gibt es hier eigentlich eine Alarmanlage?“

Mrs McGray nickte. „Ja, aber sie war ausgeschaltet.“

„Hat Sie das nicht gewundert?“

„Ehrlich gesagt nein. Es kommt öfter vor, dass Mister Bykov vergisst, sie wieder einzuschalten, wenn er hier ist. Ich habe ihn schon des Öfteren deswegen angesprochen. Schließlich nützt es nichts, eine Direktleitung zu einem privaten Sicherheitsdienst zu haben, wenn die Anlage gar nicht aktiviert ist.

„Kennen Sie den Code?“, fragte ich.

Mrs McGray runzelte die Stirn. „Natürlich kenne ich den Code, der eingegeben werden muss...“

Ich wandte mich an Milo. „Sehen wir uns in der Wohnung um.“

„Okay“, nickte mein Kollege.

Mrs McGray gab mir den Schlüssel für die Wohnung.

Wir gingen durch die Tür, die sie uns gezeigt hatte, während Dennister bei ihr blieb.

Die Chance, dass sich der oder die Täter noch im Gebäude aufhielten, schätzten wir zwar gering ein. Aber auszuschließen war es nicht.

„Wer von uns nimmt den Lift und wer das Treppenhaus?“ fragte Milo.

„Das Treppenhaus ist immer für den, der fragt!“, erwiderte ich grinsend.

„Ich würde sagen, du lässt mich den Lift nehmen.“

„Wieso?“

„Schließlich bist du mir noch was schuldig.“

„Habe ich da was verpasst, Milo?“

„Schon vergessen? Du hast mich heute Morgen im Regen stehen lassen, nur, damit noch irgendwas an deiner Karre herumgeschraubt werden konnte!“

„Sportwagen!“

„Wie auch immer, Jesse.“

Ich seufzte. „Okay. Ich will mal nicht so sein.“

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Ich pirschte mich über das Treppenhaus ein Stockwerk höher und stand sogar schneller vor der Wohnungstür als Milo, was daran lag, dass er die Liftkabine erst aus dem zehnten Stock hatte holen müssen.

Neben dem Ausgang durch die Galerie gab es auch noch einen separaten Zugang für die Wohnungen in den oberen Stockwerken, die deutlich kleiner ausfielen als der von Bykov bewohnte Bereich.

Die Wohnungstür war nicht abgeschlossen. Ein Kameraauge war auf den Flur gerichtet. Allerdings war es starr. Ich fragte mich, ob die Überwachungsanlage abgeschaltet war.

Mit der Dienstwaffe in der Hand gingen wir hinein und sahen uns um. Schon im Eingangsbereich waren die Spuren des Einbruchs zu sehen. Die Schubladen waren ausgezogen und der Inhalt auf dem Boden verstreut worden. In dem sehr großen Wohnzimmer fanden wir die Polstermöbel aufgeschlitzt vor. Zum Teil großformatige Gemälde mit moderner Kunst waren ebenso wie in der Galerie von den Wänden gerissen und achtlos auf dem Boden liegen gelassen worden.

Auf einer der Leinwände war etwas zu sehen, was vielleicht Fußabdrücke waren.

Hinter einem der Bilder war ein weiterer Safe verborgen gewesen, dessen Stahltür weit offen stand. Er war genauso leer wie der Safe in der Galerie.

Nachdem wir alle Räume durchsucht hatten, steckten wir die Dienstwaffen ein. Hier war niemand mehr.

Milo fand ein Display samt Tastatur, von dem aus die gesamte Überwachungsanlage für die Wohnung die Galerie zu regeln war.

„Abgeschaltet“, stellte Milo fest.

„Wie praktisch für den Einbrecher.“

„Da es von Bykov keine Spur gibt, müssen wir das Schlimmste befürchten, Jesse.“

„Jedenfalls waren an den Türen keinerlei Spuren für ein gewaltsames Eindringen zu sehen“, gab ich zu bedenken. „Bykov könnte den Täter selbst hereingelassen haben. Der hat ihn dann umgebracht, die Wohnung durchsucht und anschließend die Leiche entsorgt.“

„Warum hat er dann nicht dafür gesorgt, dass der Blutfleck verschwindet?“, fragte ich.

„Gute Frage. Vielleicht wurde er gestört und es war nicht mehr möglich, noch einmal in die Wohnung zu gehen.“

„Und was könnte der Täter hier gesucht haben?“

„Jedenfalls nicht die moderne russische Kunst, die hier überall hängt. Ich nehme an, es war der Inhalt der Safes.“

„Was könnte da drin gewesen sein?“

„Wenn unser Kollege Milton Dennister mit seiner Hypothese Recht hat und Bykov auf einer Säuberungsliste der Kunstmafia steht, würde ich sagen, dass nach belastendem Material gesucht wurde.“

Ich ließ den Blick schweifen.

Die zertrümmerte Telefonanlage fiel mir auf. Offenbar sollte es erschwert werden, herauszubekommen, mit wem Bykov zuletzt telefonischen Kontakt hatte. Aber früher oder später würden wir die Verbindungsdaten über die Telefongesellschaft schwarz auf weiß vor uns haben.

Ich streifte mir Latexhandschuhe über.

Die Kollegen des Erkennungsdienstes sehen es im Allgemeinen nicht gerne, wenn sich die ermittelnden Special Agents im Außendienst am Tatort allzu gründlich umsehen. Zu viele Spuren konnten dadurch vernichtet werden. Andererseits war der Zeitfaktor nicht zu unterschätzen, denn der arbeitete grundsätzlich für den Täter. Je mehr Zeit verging, desto schwieriger wurde es, die Tat aufklären zu können.

Ich betrat einen Raum, der offenbar als Arbeitszimmer diente.

Bücher waren aus Regalen herausgerissen und auf dem Boden verstreut worden. Etwa ein Drittel davon war in russischer Sprache, der Rest auf Englisch, einige wenige in Französisch. Neben ein paar Science Fiction-Romanen fanden sich dort vor allem Bücher zur Kunstgeschichte und Kataloge mit Werkverzeichnissen. Außerdem Werke zum Steuer- und Bilanzrecht der Vereinigten Staaten, den Cayman Islands und der Schweiz.

Die Schubladen des Schreibtischs lagen umgedreht auf dem Boden.

Auf der Holzplatte war ein Abdruck zu sehen, der dafür sprach, dass hier noch vor kurzem ein Computer gestanden hatte. Die Täter hatten ihn offenbar einfach mitgenommen.

„Eine Leiche und ein Computer sind verschwunden“, stellte ich fest. „Das muss doch jemandem aufgefallen sein, zumal man vor der Haustür nicht parken kann.“

„Das heißt, die Täter haben beides – und wer weiß, was sonst noch – mit dem Aufzug in die Parkgarage gebracht. Wahrscheinlich haben sie dort auch ihren Wagen abgestellt, Jesse.“

„Was bedeutet, dass sie in irgendeiner Form registriert gewesen sein müssen, um dort hinein und wieder hinauszukommen!“, zog ich einen meiner Meinung nach logischen Schluss.

Milo war derselben Ansicht.

„Wir werden mit der Hausverwaltung und dem privaten Sicherheitsdienst sprechen müssen, der für dieses Haus zuständig ist, Jesse.“ Mein Kollege schüttelte den Kopf und machte ein nachdenkliches Gesicht. „Da wohnt jemand schon unter einer Adresse, die sicherheitstechnisch mit allen nur erdenklichen Schikanen ausgestattet ist und dann geschieht so etwas!“

„Jedenfalls scheint der Security Service nichts bemerkt zu haben“, nickte Milo.

Wir nahmen uns anschließend noch das Schlafzimmer vor.

Sowohl der Inhalt der Kleiderschränke, als auch die Utensilien im Bad zeigten, dass hier zumindest zeitweilig auch eine Frau gelebt haben musste. 

„Wir werden Mrs McGray danach fragen“, schlug Milo vor. „Ich würde ja lachen, wenn Bykov gleich gesund und munter zurückkehrt, nach dem er bei Bradshaw’s gefrühstückt hat!“

„Den Laden werden wir uns auch noch vornehmen müssen“, kündigte ich an.

Milo nickte. „Das tun wir, sobald die Kollegen der SRD hier das Terrain übernommen haben.“

Ich hatte damit begonnen, systematisch die Taschen von Bykovs Anzügen zu durchsuchen. Ich fand einen Zettel mit einer Handynummer. „Mal sehen, vielleicht bringt uns das hier ja weiter, Milo.“ 

Ich tippte die Nummer in meine Handytastatur und wartete ab. Aber niemand nahm das Gespräch entgegen. „Der Teilnehmer ist vorübergehend nicht erreichbar“, wurde mir mitgeteilt.

Wir kehrten zu Dennister zurück.

Unser Kollege deutete auf ein Loch in der Wand.

„Hier hat eine Kugel dringesteckt“, meinte er. „Sie muss durch den Körper Bykovs gegangen sein und ist dann hier gelandet.“

„Der Täter scheint ein Profi gewesen zu sein“, sagte Milo.

Ich hob die Augenbrauen. „Trotzdem ist es doch seltsam, dass die Kugel in der Wand und die Leiche beseitigt wurden und der Blutfleck nicht. Dafür gibt es einen Grund!“

„Warten wir ab, was die Kollegen dazu sagen!“, schlug Milo vor.

Nach fünf Minuten trafen Kollegen der City Police ein, um den Tatort zu sichern. Nach zwanzig Minuten erreichten unsere Erkennungsdienstler Sam Folder und Mell Horster den Tatort.

Dieser Fall wurde auf Grund der internationalen Dimension mit besonderer Priorität behandelt. Aus diesem Grund sollten die Kollegen der Scientific Research Division von unseren FBI-eigenen Erkennungsdienstlern unterstützt werden. Die Beamten des zentralen New Yorker Erkennungsdienstes hatten im Übrigen ihre Labors in der Bronx und brauchten um diese Zeit entsprechend lange, um den Tatort zu erreichen. Wir rechneten erst eine Dreiviertelstunde später mit ihnen.

In der Zwischenzeit unterhielten wir uns noch einmal mit Florence McGray.

„Wir haben Anzeichen dafür gefunden, dass Mister Bykov mit einer Frau zusammengewohnt hat“, eröffnete ich ihr. „Was wissen Sie darüber?“

„Eigentlich lebte Mister Bykov immer sehr zurückgezogen“, erklärte sie. „Aber vor zwei Monaten zog eine junge Frau bei ihm ein. Ich schätze, sie war halb so alt wie er. Mitte zwanzig, schwarzes Haar, zierlich und immer elegant gekleidet.“

„Wissen Sie ihren Namen?“

„Er nannte sie Nora. Mehr weiß ich nicht.“

„Wann haben Sie sie zum letzten Mal gesehen?“

Florence McGray wirkte nachdenklich. „Ehrlich gesagt, das letzte Mal, dass ich sie gesehen habe, war kurz bevor Mister Bykov zuletzt verreist ist.“

„Wann war das?“

„Vor anderthalb Wochen. Ich glaube er sagte etwas von St. Petersburg. Das liegt in Florida, glaube ich. Da würde ich gerne sein. Vor allem im Winter... Mister Bykov ist dort öfter hingeflogen.“

„Kann es sein, dass er St. Petersburg in Russland meinte?“, mischte sich Milo ein.

Florence McGray wirkte etwas ratlos. „Auf den Gedanken bin ich gar nicht gekommen“, gestand sie.

„Hat Bykov irgendwann mal geäußert, dass er sich bedroht fühlt?“, fragte ich.

Sie schüttelte den Kopf. „Nein. Wir haben kaum miteinander gesprochen. Mister Bykov war immer sehr höflich, aber er hat nie viel mit mir geredet.“

„Hatte er Angestellte in seiner Galerie?“, fragte ich.

„Ja, einen Mann namens Lee Trenton. Aber der war nicht fest anstellt. Mister Bykov hat ihn immer dann angeheuert, wenn es viel zu tun gab.“

Ich wandte mich an Dennister. „Sagt Ihnen der Name Trenton etwas, Milton?“

„Nein, aber es würde mich nicht wundern, wenn er irgendwie aus der Szene kommen würde und wir bereits etwas über ihn im Archiv hätten. Ich werde das mal überprüfen.“

„Mister Trenton wird heute sicher noch auftauchen“, glaubte Mrs McGray. Sie blickte auf die Uhr an ihrem Handgelenk. „In einer halben Stunde öffnet die Galerie. Eigentlich müsste er jetzt sogar schon hier sein – aber ich weiß natürlich nicht, was Mister Bykov für Abmachungen mit ihm getroffen hat.“ Sie seufzte hörbar und fuhr fort: „Glauben Sie, es besteht noch eine Chance, dass Mister Bykov nicht umgebracht, sondern vielleicht nur entführt wurde?“

„Beim gegenwärtigen Stand der Ermittlungen möchte ich da keine Spekulationen in die Welt setzen, Mrs McGray“, antwortete ich ausweichend.

„Das verstehe ich“, murmelte sie tonlos.

Sie schluckte und schüttelte stumm den Kopf.

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Später befragten Milo und ich die Angestellten des Security Service, der für die Sicherheit im Haus verantwortlich war.

Pro Schicht waren drei Wachmänner im Einsatz. Sie überwachten von einem Kontrollraum aus die zu den Kameras gehörenden Monitore und gingen rund um die Uhr regelmäßig auf Patrouille.

„Für ein mit elf Stockwerken für New Yorker Verhältnisse ziemlich winziges Haus sind wir hervorragend besetzt“, meinte Malcolm J. Hastings, der gerade diensthabende Schichtführer, als wir ihn im Kontrollraum aufsuchten.

Seine beiden Kollegen wirkten etwas reserviert, aber Hastings war sehr auskunftsfreudig.

„Trotzdem ist bei Mister Bykov eingebrochen worden und wir haben Grund zu der Annahme, dass er einem Verbrechen zum Opfer gefallen ist“, gab ich zu bedenken.

Hastings runzelte die Stirn.

Er wechselte kurz einen Blick mit seinen Kollegen und erklärte dann: „Mister Bykov war immer ein problematischer Hausbewohner für uns.“

„Wie meinen Sie das?“

„Zunächst einmal, weil er viele Sonderregelungen für sich beansprucht hat, die es nicht gerade erleichtert haben, für seine Sicherheit zu sorgen.“

„Was waren das für Sonderregelungen?“

„Er beharrte darauf, dass gesamte Überwachungssystem für seinen Teil des Hauses autonom abschalten zu können – was er relativ häufig getan hat.“

„Hat er das begründet?“

„Ja, er meinte der Kunsthandel, den er betreiben würde, wäre ein sensibles Geschäft und er hätte manchmal sehr zahlungskräftige Kundschaft, die keinen Wert darauf legt, gefilmt zu werden. Das wir Aufnahmen, die wir in den Fluren und im Eingangsbereich aufzeichnen, alle zwei Wochen vernichten, schien ihm nicht auszureichen.“ Hastings zuckte mit den breiten Schultern. Das schwarze Uniformhemd spannte sich um die kräftigen Bizeps, als er die Arme vor der Brust verschränkte. „Wann ist das Verbrechen geschehen?“

„Wahrscheinlich in dieser Nacht, aber genau lässt sich das wohl erst sagen, wenn die Erkennungsdienstler ihren Job gemacht haben“, erläuterte Milo. „Hoffe ich jedenfalls.“

„Gestern am frühen Abend wurde die Überwachungsanlage für seinen Teil des Hauses abgeschaltet“, erklärte Hastings. „Wahrscheinlich hatte er wieder eine exklusive Vorführung irgendwelcher Kunstobjekte für genauso exklusive Kunden. Also keine öffentliche Veranstaltung oder so etwas. Sie müssten mal mit diesem Typ sprechen, den er angestellt hatte. Der kann Ihnen bestimmt mehr darüber sagen.“

„Lee Trenton?“, vergewisserte ich mich.

„Ja, das ist sein Name. Er hat einen Schlüssel zum Haus und zur Galerie. Außerdem einen Parkplatz in der Tiefgarage, genau wie Bykov selbst.“

„Wir brauchen die Adresse von diesem Trenton.“

„Steht in seinen Unterlagen. Warten Sie, ich suche ihnen das heraus. Ich habe sogar Fingerabdrücke von ihm, sonst hätte er weder die Schlüssel noch den Parkplatz bekommen. Das ist eine Auflage der Eigentümergemeinschaft, der dieses Haus gehört. Schließlich soll hier nicht jeder nach Belieben ein- und ausgehen können!“

„Wunderbar!“, freute ich mich. „Dann händigen Sie uns doch bitte alle Unterlagen aus, die Sie über Trenton haben!“

Hastings erhob sich von seinem Platz, ging an einen Aktenschrank und holte eine Mappe hervor.

„Das hier ist das Original. Wir heben das nur auf, weil nur die Originalunterschrift auf Papier rechtsverbindlich ist. Aber wir haben das ganze auch als Datensatz. Wenn Sie mir Ihre Email-Adresse geben, kann ich Ihnen das gerne auf den Rechner schicken!“

„Gerne. Mit Kopie an unser Field Office, wenn’s recht ist.“

„Ich muss vorher nur kurz mal mit meinem Chef telefonieren und fragen, ob das okay ist. Aber im Prinzip kann ich mir nicht vorstellen, dass er sich querlegt, wenn es darum geht, dem FBI Hilfe zu leisten!“ Er verzog das Gesicht. „Schließlich kämpfen wir doch auf derselben Seite, wie ich meine!“

„Wir hätten dann trotzdem noch gerne Ihre Videoaufzeichnungen der letzten zwei Wochen“, mischte sich Milo ein. „Es könnte ja sein, dass jemand, der als Täter in Frage kommt, Mister Bykov bereits früher einmal besucht hat.“

Hastings nickte. „In Ordnung.“

Ich erkundigte mich anschließend nach der Tiefgarage. „Sie hat zwei Decks und ist eigentlich für das Haus etwas überdimensioniert. Aber es war wohl von Anfang an so konzipiert, dass Leute, die ein Heidengeld für eine Wohnung in diesem Haus bezahlen, sich keine Gedanken darüber machen müssen, ob sie Platz für den Wagen finden – und zwar selbst dann, wenn mehrere oder sehr sperrige Autos vorhanden sind. Mister Bykov zum Beispiel besaß einen Lamborghini und einen etwas unscheinbaren Chevrolet...“

Ich schrieb mir Stellplatznummer und die Kennzeichen der beiden Fahrzeuge auf – so wie ich mir auch notierte, wo Trenton seinen Wagen abzustellen pflegte.

„Ich nehme an, dass die Überwachung des Parkdecks lückenlos war“, vermutete ich. „Oder hatte Mister Bykov da auch Sonderregelungen?“

Hastings lächelte dünn.

„Ich glaube kaum, dass er so etwas gegen die anderen Eigentümer hätte durchsetzen können. Die haben ihn ohnehin alle für einen Spinner gehalten. Beliebt war er nun wirklich nicht. Schon deshalb, weil immer wieder Kleinlastwagen völlig verkehrswidrig vor seinem separaten Eingang zum Be- und Entladen hielten. Ob er dafür wirklich eine Sondergenehmigung der City Police hatte, weiß ich nicht, aber mir ist bekannt, dass das einige andere Hausbewohner ziemlich aufgebracht hat.“

Einer von Hastings Kollegen schaltete einen Computerschirm ein und schaltete den Bildausschnitt von einer der Überwachungskameras um.

„Einer von Bykovs Wagen fehlt“, stellte er fest. „Es der Chevrolet. Er hat die dazugehörige Chipkarte genau um 4.30 Uhr heute Morgen benutzt.“

„Könnte man feststellen, ob sich Bykov wirklich in seinem Wagen befand?“, fragte Milo.

„Sicher. Dauert aber ein bisschen.“

„Macht nichts“, sagte ich. „Das könnte uns eventuell weiterbringen. Und vielleicht stellen Sie dann auch gleich mal fest, wann Lee Trenton zuletzt im Gebäude gewesen ist.“

„In Ordnung“, nickte der Wachmann, an dessen Uniformhemd der Name WARREN E. SMITHFIELD in Großbuchstaben aufgebügelt war.

Es dauerte eine Weile, bis Smithfield die richtigen Stellen in den Aufzeichnungen herausgesucht hatte. Es war auf dem Bildschirm deutlich zu sehen, wie Lee Trenton am Vortag gegen Mittag mit seinem Wagen in die Tiefgarage gefahren war. Erst nach Mitternacht hatte er sie wieder verlassen.

„Wahrscheinlich war da diese Privatvorführung für irgendwelche erlesenen Kunden zu Ende“, meinte Milo.

Anschließend zeigte uns Smithfield die Szenen, in denen man sehen konnte, wie Bykovs Chevy am Morgen um 4.30 Uhr die Tiefgarage verließ.

„Können Sie die den Fahrer näher heranzoomen?“, fragte ich.

„Sicher“, nickte Smithfield.

Er vergrößerte den Bildausschnitt, der den Mann hinter dem Steuer des Chevys zeigte. Aber mehr als ein gepixelter Schatten war dort nicht zu sehen.

„Wer sollte das denn sonst sein – außer Bykov?“, fragte Hastings.

Ich zuckte mit den Schultern. „Wir sind uns nicht sicher, ob Bykov zu diesem Zeitpunkt überhaupt noch am Leben war. Den Wagen könnte auch sein Mörder benutzt haben.“

Wir ließen uns noch den Blick auf Bykovs Parklatz zeigen.

Allerdings versperrten ein Pfeiler sowie ein paar andere Fahrzeuge den Blick. So war auch nicht zu sehen, wer den Wagen bestiegen hatte und ob der Betreffende vielleicht noch eine Leiche im Kofferraum verstaute.

„Noch eine letzte Frage“, wandte ich mich an Hastings. „Vor zwei Monaten soll eine gewisse Nora bei Bykov eingezogen sein. Hatte sie zufälligerweise auch eine Chip Card für die Tiefgarage?“

Hastings schüttelte den Kopf. „Nein. Sie ist bei uns nicht bekannt. Bykov war Eigentümer seiner Wohnung. Der konnte dort wohnen lassen, wen er wollte.“

„Offenbar hatte die Lady keine eigenen Wagen“, kommentierte Milo.

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Wenn du mich fragst, dann passt das alles überhaupt nicht zusammen“, meinte Milo, während wir mit dem Lift zurück in die Galerie im Erdgeschoss fuhren. „Bykov fährt mit seinem eigenen Wagen am frühen Morgen aus der Tiefgarage, obwohl er in seiner Wohnung ermordet wurde?“

„Wir wissen nicht, wer am Steuer des Chevys saß“, erinnerte ich Milo.

„Gut, gehen wir davon aus, dass es der Mörder war, der am Steuer saß. Er veranlasst Bykov, ihm die Tür aufzumachen...“

„Das heißt er muss Bykov bekannt gewesen sein, Milo!“

„Nicht unbedingt. Eine Automatik mit Schalldämpfer könnte auch ein überzeugendes Argument gewesen sein! Und sag jetzt nicht, dass er um seines Gastes willen die Alarmanlage ausgeschaltet hat! Die hat er einfach nur vergessen, weil am Vorabend doch eine dieser mysteriösen Präsentationen gewesen ist, deren Gäste so Lichtscheu sind, dass sie nicht von einer Überwachungskamera aufgezeichnet werden wollen.“

„Wie auch immer. Es kommt zum Streit, vielleicht auch zum Kampf“, sagte ich. „Der Schuss in der Galerie ist eine Tatsache. Bykov bekommt eine Kugel ab und der Killer durchsucht das ganze Haus nach belastendem Material! Aber ein unbekannter Profi hätte Bykov schon an der Tür erschossen. Also muss es doch ein Bekannter gewesen sein.“

„Okay, ich gebe zu, dass sie offenbar noch eine ganze Weile miteinander geredet haben, Jesse. Vielleicht wollte der Killer zuerst noch Informationen aus Bykov herausholen.“

Ich atmete tief durch „Vielleicht sollten wir das ganze mal umgekehrt durchdenken, Milo.“

„Wie meinst du das?“

„Na, wir gehen doch bis jetzt immer davon aus, dass Bykov das Opfer war. Wie funktioniert das denn, wenn er der Täter ist?“

„Komm schon, das ist nicht dein Ernst, Jesse!“

„Ich bin jedenfalls sehr gespannt auf die Blutanalyse.“

Als wir in der Galerie ankamen, war Milton Dennister bereits von Bradshaw’s Coffee Shop zurückgekehrt.

Bykov hatte dort tatsächlich jeden Morgen sein Frühstück eingenommen, wie er uns berichtete. In der Zeit vor seiner letzten Reise nach Russland war dabei oft eine junge Frau zugegen gewesen. „Bykov wurde gestern zum letzten Mal in Bradshaw’s Coffee Shop gesehen“, berichtete Dennister. „Und zwar zusammen mit einem Mann, der ein ziemlich auffälliges Äußeres hatte: kaum 1,60 groß, fast kein Hals, breites Gesicht und grauer Cäsar-Schnitt. Er trug eine blauen Blazer und sprach mit sehr hartem, ausländischem Akzent.“

„Ein Russe?“, fragte Milo.

„Möglich. Die Leute in dem Coffee Shop waren sich leider nicht sicher. Tatsache ist, dass das Arbeitsfrühstück der beiden mit einem lautstarken Krach endete! Bykov blieb allein zurück.“

„Wir müssen unbedingt mit ihm sprechen!“, stellte ich klar.

Dennister nickte. „Deswegen habe ich auch bereits auch in Ihrem Field Office angerufen. Sie verfügen da über einen exzellenten Zeichner...“

„Agent Prewitt!“, schloss ich.

„Genau. Er begibt sich mit seinem Laptop zu Bradshaw’s und fertigt aus den Angaben der Angestellten ein Phantombild. Vielleicht finden wir ihn dann.“ Dennister blickte auf die Uhr. „Sie beide waren ja eine Weile weg und da habe ich die Zeit genutzt, um den Kerl zu überprüfen, den Bykov in der Galerie angestellt hatte.“

Ich hob die Augenbrauen.

„Lee Trenton?“

Er nickte. „Genau. Über den Kerl gibt es eine Datei, die man über NYSIS einsehen kann. Mehrere Verurteilungen wegen Hehlerei stehen auf seinem Kerbholz.“

„Das ist interessant.“

„Noch interessanter ist, worum es dabei ging, Jesse. Sie werden es nicht glauben: Er hatte sich auf illegale Kunstgegenstände spezialisiert. Allerdings war er damals noch auf Kunst aus Südostasien versessen.“

„Vielleicht liefen Bykovs Verbindungen zur Kunstmafia über diesen Trenton“, vermutete ich.

Dennisters Gedanken schienen sich in dieselbe Richtung zu bewegen. „Das liegt meiner Ansicht nach nahe.“

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Wir befragten noch systematisch die anderen Bewohner des Hauses. Die meisten waren um diese Zeit zur Arbeit und so würden wir wahrscheinlich noch einmal zurückkommen müssen.

Ein Siebzigjähriger, der seine Wohnung im fünften Stock hatte, beschwerte sich darüber, dass gegen vier Uhr dreißig morgens ein Transporter mit laufendem Motor vor der Galerie gestanden hatte.

„Ich habe einen leichten Schlaf und war deswegen ziemlich sauer“, meinte der Zeuge.

Er hieß Thomas McGreedy und war ein ehemaliger Börsenmakler, der sich zur Ruhe gesetzt hatte. Allerdings verfolgte er die aktuellen Kurse immer noch rund um die Uhr online und spekulierte wohl auch in gewissem Rahmen mit seinen Ersparnissen. Zumindest verfolgte er auf drei verschiedenen Monitoren die Kursstände der Börsen London, New York und Tokio. „Ich kann es halt nicht lassen“, meinte er dazu schulterzuckend. „Viel Schlaf brauche ich glücklicherweise nicht.“

„Können Sie uns über diesen Transporter noch irgendwelche Einzelheiten sagen?“

„Es war ein Mercedes, da bin ich mir sicher. Ich bin auf den Balkon gegangen und habe heruntergeschaut. Wissen Sie, dass bei dieser Galerie des Öfteren mal angeliefert wird, bin ich ja gewöhnt. Aber das geschieht dann tagsüber. Manchmal kommt es zu einem kleinen Stau bis zur Ausfahrt der Tiefgarage, was viele Hausbewohner sehr aufgebracht hat.“

„Sie nicht?“

Er zuckte mit den Schultern. „Ich benutze meinen Porsche kaum noch. Der Verkehr im Big Apple ist mir einfach zu hektisch geworden.“

„Haben Sie gesehen, was aus- oder eingeladen wurde?“, mischte sich Milo in das Gespräch ein.

Er nickte heftig.

„Ja. Es handelte sich um ein paar Kisten und einen Teppich. Es waren drei Mann, die das Zeug aus der Galerie holten, einluden und dann ab damit. Das ging sehr schnell und hektisch.“

„War dies einer der drei?“, fragte ich und zeigte ihm ein Bild von Lee Trenton.

„Nein. Das ist der Kerl, den Bykov für die Galerie angestellt hat, den kenne ich! Ich glaube, er heißt Trenton. Sein Parkplatz liegt in der Tiefgarage neben meinem. Wissen Sie, ich benutze meinen Porsche zwar kaum noch, aber wenn jemand einen Kratzer dranmacht, möchte ich wissen, wer das war. Deswegen habe ich mich erkundigt. Ich finde es übrigens nicht in Ordnung, dass hier Leute Parkplätze bekommen, die gar nicht im Haus wohnen! Aber wenn Mister Bykov das will, gelten offenbar die Beschlüsse unserer Eigentümerversammlung nicht mehr! Ich habe keine Ahnung, wie er das dreht, aber in Ordnung ist das nicht!“ 

„Können Sie die Männer beschreiben?“, versuchte ich das Gespräch wieder auf den Punkt zu bringen.

„Die waren so um die dreißig Jahre alt. Einer hatte einen Vollbart, ein anderer war blond. Der dritte war etwas größer als die beiden anderen und hatte gelocktes Haar.“

Ich telefonierte kurz mit unserem Kollegen Agent Prewitt, damit er nach einem Besuch bei Bradshaw’s auch noch bei Thomas McGreedy vorbeischaute.

Wir hatten McGreedys Wohnung gerade verlassen, als uns ein Anruf aus dem Field Office erreichte. Unser Kollege Max Carter meldete sich. Ich schaltete das Handy auf ‚laut’.

„Dieser Marenkov hat sich gemeldet. Er ist am Flughafen JFK und hätte gerne, dass Agent Dennister ihn abholt.“

„Okay“, nickte Milton Dennister.

„In Ordnung“, meinte Max. „Marenkov sitzt im Café Number One. Das ist im...“

„Ich kenne es“, schnitt Dennister ihm das Wort ab.

„Sie sollen sich dort einfach irgendwo hinsetzen. Marenkov wird Sie dort ansprechen.“

„Gut.“

Das Gespräch wurde unterbrochen.

„Dieser Marenkov kennt Sie?“, fragte ich etwas verwundert.

„Ja, wir sind uns vor zwei Jahren auf einer internationalen Tagung in Budapest über die Bekämpfung des illegalen Kunsthandels begegnet. Ein guter Mann.“

„Aber offenbar sehr misstrauisch.“

Dennister lachte auf. „Was glauben Sie, was da zurzeit in St. Petersburg so los ist? Leute wie Marenkov sind doch ständig Zielscheiben der Kunstmafia. Den Mann, der vorher auf Marenkovs Posten war, fand man als Wasserleiche in der Newa. Er hat allen Grund, vorsichtig zu sein.“

Milo und ich wechselten einen kurzen Blick. „Okay, dann trennen sich unsere Wege hier erst mal. Wir werden zu Lee Trenton fahren und ihm ein paar Fragen stellen.“

Milton Dennister grinste.

„Viel Glück dabei.“

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Lee Trenton blickte kurz auf die Papiere und Flugtickets. Ein neuer Name und ein neues Leben. Der Name, unter dem das Wirklichkeit werden sollte war ‚James Smith’, südafrikanischer Staatsangehöriger. 

Ganz so fantasielos hatte ich mir das eigentlich nicht vorgestellt!, ging es im durch den Kopf.

Er hörte Schritte. Nackte Füße auf dem Parkettboden. Seine Freundin Abby kam aus der Dusche. Sie trug einen Frotteemantel und ein Handtuch, das wie ein Turban um ihren Kopf gewickelt war.

Bevor sie etwas von den Papieren sehen konnte, ließ Lee Trenton sie in der Jackettinnentasche verschwinden. Er hatte keine Lust, irgendwelche Fragen zu beantworten. Und gefragt hätte Abby mit Sicherheit!

Sie blickte auf den Koffer, in den er ein paar Hemden, ein Jackett und eine zweite Hose gelegt hatte.

„Du willst weg?“

„Ich muss.“

„Davon hast du mir noch gar nichts gesagt.“

„Habe ich wohl vergessen.“

„Wieso denn jetzt so plötzlich?“

„Geschäftlicher Termin in Toronto. Du weißt doch, dass bei Mister Bykov diese Dinge manchmal Hals über Kopf gehen.“

„Dann arbeite doch für jemand anders, als für diesen schmierigen Typen. Ehrlich gesagt, mochte ich ihn von Anfang an nicht.“

Trenton schloss den Koffer.

„Findest du nicht, dass die Sachen, die du da eingepackt hast, für Toronto ein bisschen sommerlich wirken?“

Lee Trentons Ton wurde schärfer. „Herrgott noch mal, was machst du jetzt für dein Aufstand? Ich muss ein paar Tage weg, das ist alles! Eigentlich dachte ich, du hättest dich langsam daran gewöhnt!“

Das Telefon klingelte.

Trenton nahm ab.

„Ja?“

Keine Antwort. Es klickte in der Leitung. Trenton legte wieder auf. Eine tiefe Furche erschien auf seiner Stirn.

Abby stemmte die Arme in die Hüften

„Wer war das?“, wollte sie wissen.

„Niemand...“

„Hör mal, ich glaube fast, du tanzt noch irgendwo auf einer anderen Hochzeit! Erzählst mir da irgendwelche Geschichten über Geschäfte in Toronto oder so einen Mist und packst Sachen ein, die dazu nicht passen!“

„Abby...“

„Ich habe schon länger den Eindruck, dass du da irgendwo noch etwas anders laufen hast!“

„Das ist Unsinn!“

„Besser, du sagst es mir offen und ehrlich, anstatt dieses feige Versteckspiel weiter zu treiben!“

„Abby, mein Flieger wartet nicht!“

„Du kannst mir noch nicht einmal gerade in die Augen sehen, Lee!“

„Vielleicht können wir ein anderes Mal in Ruhe darüber reden...“

In diesem Augenblick klingelte es am Eingang. Abby ging zur Tür des geräumigen Ein-Zimmer-Apartments.

„Wer ist da?“, fragte sie über die Sprechanlage, ehe Lee Trenton es verhindern konnte.

Eine sonore Stimme meldete sich. „UPS-Paketservice. Ich habe eine Sendung für Sie.“

Abby öffnete die Tür.

Ein Mann in einer bis über die Hüfte gehenden, taillierten Lederjacke und dazu passenden Lederstiefeln stand auf dem Flur. Eine dunkle Strickmütze bedeckte fast die gesamte Stirn.

Der Mann in Leder blickte an Abby vorbei in Lee Trentons Richtung und griff unter seine Jacke. Abby sprang zurück, während eine Automatik mit Schalldämpfer unter der Lederjacke hervorgezogen wurde.

Trenton griff unter sein Jackett und riss einen kurzläufigen Revolver hervor.

Aber er kam nicht mehr zum Schuss.

Zweimal kurz hintereinander ertönte ein Geräusch wie bei einem heftigen Niesen. Das Mündungsfeuer leckte blutrot aus dem Schalldämpfer heraus. Trenton zuckte und sackte erst auf die Knie, ehe er mit dem Gesicht nach vorn zu Boden fiel.

Abby wich zurück und schrie.

Der Mann in Leder richtete seine Waffe auf sie und drückte noch einmal ab. Getroffen sank sie zu Boden und blieb regungslos liegen. Blut sickerte aus einer Schusswunde an ihrem Kopf.

Der Killer trat in die Wohnung, schloss die Tür hinter sich und sah sich um.

Ein zynisches Lächeln spielte um seine Mundwinkel.

Für jemanden, der in den letzten Jahren so gute Geschäfte gemacht hat, hast du aber ziemlich stillos gelebt, Lee Trenton!, dachte er grinsend

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Milo und ich parkten vor einem einfachen Brownstone-Bau in der West 10th Street. Lee Trentons Adresse lag im vierten Stock.

Das Haus war gepflegt, verfügte aber über keinerlei besonderen Luxus und auch nicht über besondere Sicherheitstechnik. Die Mieten waren in dieser Gegend aber auf Grund der zentralen Lage trotzdem gepfeffert.

Wir klingelten nicht bei Trenton, sondern bei einem der anderen Mieter, der uns hereinließ, nachdem wir uns mündlich als FBI-Agenten vorgestellt hatten.

Mit dem Lift ging es dann hinauf in den vierten Stock.

Wenig später standen wir vor Trentons Tür. Aus der Wohnung waren Geräusche zu hören.

„Das hört sich an, als würde dort jemand einen Umzug beginnen!“, meinte Milo und drückte auf die Klingel.

Die Geräusche verstummten.

Nichts geschah. Wir postierten uns rechts und links der Tür, die Hand an der Dienstwaffe.

„Mister Trenton, hier spricht das FBI! Bitte machen Sie die Tür auf! Wir müssen dringend mit Ihnen sprechen!“

Im nächsten Moment folgten fünf kurz hintereinander abgegebene Schüsse. Die großkalibrigen Projektile stanzten daumengroße Löcher in die Tür.

Anschließend waren auf der anderen Seite schnelle Schritte zu hören.

Ich schnellte vor, zog die Dienstwaffe vom Typ SIG Sauer P226 und stürmte los.

Zwei Schritte weit kam ich.

Dicke, blassgrüne Schwaden zogen mir entgegen, die die Augen tränen ließen.

Der Nebel war so dicht, das kaum etwas sehen konnte.

Nur eine schattenhafte Gestalt. Ein Mündungsfeuer blitzte durch den Nebel hindurch.

Kein Schussgeräusch.

Die Kugel zischte dicht an mir vorbei. Ich feuerte zurück ins Nichts hinein. Das Geräusch einer zerspringenden Fensterscheibe war zu hören.

Dann war die Gestalt verschwunden.

Ich kämpfte mich durch den beißenden Nebel und presste mir dabei mein Taschentuch vor die Nase.

Ein paar Schritte vor mir lag dir Leiche einer jungen Frau.

„Zurück, Jesse!“, rief Milo – und er hatte Recht.

Ich taumelte zurück zur Tür und hustete erbärmlich. Brechreiz machte sich bemerkbar. Wer diese Wolke durchquerte, war anschießend kampfunfähig.

Milo klingelte inzwischen an der Tür der Nachbarwohnung und klopfte heftig gegen die Tür. „FBI! Machen Sie die Tür auf!“

Ich erholte mich unterdessen einigermaßen.

Ein Mann von Mitte vierzig öffnete die Tür der Nachbarwohnung.

„Was wollen Sie?“

„Gehen Sie zur Seite!“, forderte Milo und hielt ihm seinen Dienstausweis unter die Nase. „Wir müssen durch Ihre Wohnung.“

„Aber...“

„Gibt auf Ihrer Seite des Hauses Feuerleitern?“

„Ja.“

„Dachte ich mir!“

Milo stürmte voran. Ich schnellte hinterher. Der Wohnungsbesitzer, an dessen Tür der Name ‚Mark Leslie Nelson’ stand, sah uns verdutzt hinterher.

Mit schnellen Schritten war Milo durch das Ein-Zimmer-Apartment geeilt und hatte die Balkontür erreicht. Ich war ihm dicht auf den Fersen. Milo öffnete die Tür und wir traten ins Freie.

Aus Trentons Wohnung quollen blassgrüne Tränengasschwaden.

„Das ist aber ein anderes Zeug, als unsere Kollegen von der City Police verwenden“, meinte Milo.

„Aber mindestens genauso wirksam!“, gab ich zurück und versuchte den Drang zu unterdrücken, mir die Augen zu reiben.

Ich ließ den Blick schweifen.

Eine Feuerleiter war von Trentons Balkon aus gut zu erreichen.

Über sie war der Täter vermutlich geflüchtet.

Vor uns lag ein Hinterhof, der von mehrstöckigen Gebäuden umgeben war. Offenbar sollte der gesamte Komplex gründlich saniert werden. Das Gebäude auf der Rechten war eine entkernte Ruine ohne Fenster. Offenbar wurde das Haus gerade abrissfertig gemacht. Auf der Linken war bereits ein acht Stockwerke hoher Rohbau zu sehen, der zeigte, wie sich die Eigentümer die Zukunft vorstellten.

Die Arbeiten ruhten zurzeit. Wie ich später erfuhr, gab es Unstimmigkeiten über die Zahlung einiger Zwischenrechnungen.

Der Asphalt auf dem Mittelplatz war von feinem Zementstaub bedeckt. Der Wind wehte ihn aus dem Neubau, sodass eine feine Schicht davon auch die Baumaschinen und den Kran der Abrissbirne bedeckte.

Frische Fußspuren fanden sich dort – gleich im Anschluss an das Ende der Feuertreppe.

Leider verloren sie sich bereits nach wenigen Schritten.

Milo telefonierte mit unserem Field Office an der Federal Plaza. Ich überkletterte inzwischen die Balkonbrüstung und machte einen Satz, sodass ich auf dem nächsten Absatz der Feuertreppe landete.

„Warte, Jesse!“, rief Milo.

Aber ich dachte gar nicht daran.

Der Kerl, den ich gesehen hatte, konnte sich schließlich nicht in Luft auflösen. Die Einfahrt zum Hinterhof war mit einem drei Meter hohen Zaun aus Stahlgitter gesperrt. Dass der ‚Schatten’ es innerhalb der kurzen Zeit geschafft hatte, diesen Zaun zu überklettern schien mir sehr unwahrscheinlich.

Vielleicht hatte er versucht, über das Abbruchhaus oder den Rohbau zu entkommen.

Es war anzunehmen, dass die jeweiligen Baustellen ebenfalls zur Straßenseite stark gesichert waren. Schon deshalb, weil es keine Baufirma und kein Bauherr riskieren konnte, unter Umständen millionenschwere Schmerzensgelder zahlen zu müssen, wenn sich dort irgendein Passant verletzte.

Vielleicht steckte der ‚Schatten’ also noch ganz in der Nähe, verbarg sich einfach irgendwo und hoffte darauf, dass wir ihn bereits aufgegeben hatten.

Ich rannte mit Riesenschritten die Feuertreppe hinunter.

In den Augen brannte es immer noch höllisch und ich hatte gleichzeitig ein Gefühl, als wollte mir jemand die oberen Atemwege ohne Betäubung aus dem Leib reißen. Aber ich biss die Zähne zusammen.

Unten angekommen verharrte ich für einen kurzen Moment neben einem übervollen Müllcontainer. Dort hatte ich zumindest etwas Deckung.

Die Spur verlor sich, zeigte aber für meinen Geschmack eindeutig in Richtung des Abbruchhauses. Ich beobachtete sorgfältig die Fenster, achtete dort auf jede Bewegung, jede Kleinigkeit...

Aber da schien niemand zu sein.

Mit der SIG in beiden Händen stürmte ich voran. Einige Meter ohne Deckung musste ich überwinden, ehe ich einen etwa zwei Meter fünfzig hohen Schuttcontainer erreichen konnte.

Kurz bevor ich die Deckung erreichte, tanzte der feine, kaum sichtbare Strahl einer Laserzielerfassung durch die Luft und brach sich im aufgewirbeltem Staub.

Ich wartete nicht, bis mein Gegner mich perfekt im Visier hatte.

Stattdessen hechtete ich mich zu Boden, und rollte um die eigene Achse über den Boden.

Der ‚Schatten’ entschloss sich eine Sekunde zu spät zum Schuss. Die kurz nacheinander abgefeuerten Kugeln krachten in den Asphalt und stanzten dort Löcher hinein, deren Tiefe der Länge eines Zeigefingers entsprach.

Im nächsten Moment hatte ich den Schutz des Schuttcontainers erreicht. Ein Projektil kratzte pfeifend über der oberen Metallkante.

Milo feuerte unterdessen von einem der Absätze der Feuertreppe aus auf das Fenster, wo sich der ‚Schatten’ verborgen hielt.

Inzwischen waren in der Ferne bereits die Sirenen der City Police und des Fire Service zu hören, die Milo ebenfalls alarmiert hatte.

Ich tauchte aus der Deckung hervor, richtete die Waffe empor und hielt sie auf das Fenster, aus dem auf mich geschossen worden war.

Aber der Schütze hatte sich von dort offenbar inzwischen zurückgezogen.

Ich rannte in geduckter Haltung auf das Haus zu. Milo gab mir dabei von seiner Position aus Feuerschutz.

Wenige Augenblicke später erreichte ich die Wand und schwang mich dann im Erdgeschoss durch ein Fenster ins Innere. Mit der SIG im Anschlag schlich ich voran und versuchte, keinen Laut zu verursachen. 

Ich ging davon aus, dass Milo inzwischen die in Kürze eintreffenden Einheiten der City Police so instruierte, dass sie damit begannen, den gesamten Block komplett abzusperren.

Ich arbeitete mich vorsichtig voran.

Aus dem Inneren des Hauses war buchstäblich alles herausgerissen worden, was sich noch irgendwie verwenden ließ. Es gab weder Fenster noch Heizkörper. Das Dämmmaterial der Wände hing hier und da noch in Fetzen herunter. In den Schächten für die Lifte hingen nicht einmal mehr die Stahlseile, deren Aufgabe es war, die Kabinen zu tragen.

Ich durchquerte das Erdgeschoss. Durch die offenen Fenster blickte man auf eine Verblendung aus Wellblechelementen, die das Gelände zur Straße abschirmte.

Ich erreichte schließlich eine Treppe, die in den zweiten Stock führte.

Von oben hörte ich ein Geräusch und erstarrte.

Mir wurde schlagartig klar, dass sich mein Gegner in einem der oberen Stockwerke aufhalten musste. Wegen der hohen, so gut wie unüberwindbaren Wellblechverblendung, hatte er nur von dort überhaupt eine Chance, das Haus auf der zur Straße liegenden Seite wieder zu verlassen.

Also begann ich, die Treppe empor zu schleichen.

Es gelang mir beinahe lautlos.

Nachdem ich mich in den ersten Stock hochgearbeitet hatte, hörte ich ein paar Geräusche, schätzungsweise zwanzig Meter von mir entfernt. Mir war klar, dass er gerade irgendwie versuchte, die Straße zu erreichen.

Ich rannte los.

Dann stoppte ich.

Ein Wasserschlauch fiel mit auf.

Er war stramm gespannt. Durch eines der offenen Fenster im zweiten Stock führte er hinaus zur Straße. Der Killer hatte den Schlauch offenbar dazu benutzt, um sich vom Fenster aus über die Wellblechelemente hinweg abzuseilen.

Als ich das Fenster erreichte, fand ich meine Vermutung bestätigt.

Ich ließ den Blick über die Passanten schweifen, die hier her gingen. Jeder von ihnen hätte es sein können! Einsatzkräfte der City Police kamen gerade mit mehreren Fahrzeugen an. Sie schwärmten aus und schickten sich an, den Block zu sichern.

Ihr Einsatzeifer änderte nichts daran, dass sie zu spät waren, um den Täter noch aufzuhalten.

Ich atmete tief durch und steckte die Dienstwaffe wieder zurück ins Gürtelholster.

Schritte ließen mich herumfahren.

Milo kam im Laufschritt auf mich zu.

Ich deutete auf den Schlauch. „Ein ganz schön cleverer Bursche, mit dem wir es da zu tun haben.“

Milo atmete tief durch.

„Ich hoffe, dass wenigstens dieser Marenkov endlich etwas mehr Klarheit in die Sache bringen kann!“

Dem konnte ich nur beipflichten. „Es scheint fast so, als hätte dieser Zweig des organisierten Verbrechens über so viele Jahre hinweg existiert, dass ihm niemand wirklich gefährlich werden kann!“

„Und das hat sich seit den Ereignissen um die Eremitage offenbar geändert“, ergänzte Milo. „Jetzt versucht jeder rücksichtslos seine eigenen Claims zu halten und möglichst viel von den ergaunerten Millionen noch mit auf die eigene Seite zu schaffen.“

„Milo, ich gebe es ungern zu, aber bislang haben wir noch nicht einmal einen Ansatzpunkt, um an jene ominösen grauen  Eminenzen heranzukommen, die hier in New York die Kunstmafia offenbar wie ein Marionettentheater aufziehen!“

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Wir kehrten zur Wohnung von Lee Trenton zurück.

Die Tränengaswolken hatten natürlich jede Menge Neugierige auf den Plan gerufen. Bei den anderen Hausbewohnern mischte sich die Neugier natürlich mit blankem Entsetzen. Bei manchen sogar mit Panik.

Wir waren jedenfalls heilfroh, als die Kollegen der City Police endlich damit anfangen konnten, den Tatort abzusperren und uns so ein bisschen Freiraum gaben.

Der Fire Service war inzwischen mit Gasmasken in Trentons Wohnung eingedrungen und hatte zumindest festgestellt, dass keinerlei Explosionsgefahr oder dergleichen bestand. Der Rauch ging nur von einer sehr leistungsfähigen Tränengasgranate aus. Unsere Kollegen Clive Caravaggio und ‚Orry’ Medina trafen ebenfalls ein.

Als sich der Nebel gelichtet hatte und die Wohnung betreten werden konnte, fanden sich die Leichen von Lee Trenton und einer Frau, die ihren Papieren nach Abby Dempsey hieß.

Orry fand die falschen Papiere in Lee Trentons Jackettinnentasche. „James Smith, Republik Südafrika“, murmelte er.

„Trenton hatte also vor, ein neues Leben zu beginnen“, stellte ich fest. „Wahrscheinlich hat er gewusst, was auf ihn zukommt...“

„Du meinst, dass irgendein Bluthund hinter ihm her war, der ihn ausschalten sollte?“, meinte Clive. „Wir haben uns mit verschiedenen Informanten getroffen, die uns bisher über diese Szene immer ganz zuverlässig informiert haben. Bykov war ihnen natürlich ein Begriff. Trenton war ja wohl so etwas wie sein Handlanger.“

„Und?“, hakte ich etwas ungeduldig nach. „Was redet man so in der Szene?“

Clive zuckte mit den Schultern. „Nicht viel. Aber es scheint so zu sein, dass Bykov wohl ein paar Kisten voll wertvoller Ikonen wie Sauerbier angeboten hat. Er ist mit dem Preis so dramatisch in den Keller gegangen, dass da selbst jemand Misstrauen schöpfen müsste, der von der Materie gar nichts versteht.“

„Und warum wollte ihm das Zeug niemand abkaufen?“, fragte Milo. „Lass mich raten: Die bösen Gerüchte aus St. Petersburg sind schneller nach New York zurückgekehrt als Bykov mit seinem Flieger!“

„Ja, so ähnlich“, bestätigte Clive. „Übrigens gehen unsere Informanten davon aus, dass sich der Markt bald wieder beruhigen wird – und der Strom von Kunstgegenständen aus Russland erneut zu fließen beginnt. Diese Enthüllungen über die Eremitage werden im Sand verlaufen. Ein paar Verurteilungen wird es vielleicht geben. Aber das ist eher symbolisch. Der Großteil der Beteiligten kommt glimpflich davon. Zumindest diejenigen, die irgendwelche mächtigen Schutzpatrone haben. Und dann beginnt alles von vorn, nur dass sich vielleicht die Namen einiger Mitspieler geändert haben. Und genau das ist der Punkt! Angeblich soll es hier in New York einen Mann geben, der von allen nur ehrfürchtig ‚der Impressario’ genannt wird. Er zieht schon länger die Fäden bei der Kunstmafia, aber nun sieht er wohl die Chance, lästige Zwischenhändler wie Bykov auszuschalten und zur beherrschenden Nummer des ganzen Business zu werden – nicht nur in New York, sondern global.“

„Aber wer dieser Impressario sein könnte, hat dir nicht zufällig jemand verraten?“, fragte Milo.

Clive lächelte dünn. „Leider nicht. Aber vielleicht kommen wir da ja noch weiter.“

„Fragen wir am Besten unseren Kollegen Milton Dennister, was er darüber weiß“, schlug ich vor. „Mir macht er jedenfalls einen sehr kompetenten Eindruck.“

Ich rieb mir die Augen.

„Lass das besser bleiben!“, meinte Milo

„Du hast gut reden!“

„Hör zu, du musst dich behandeln lassen, Jesse.“

Ich schüttelte den Kopf. „Halb so wild. Ich spüle das selbst oder frage Dr. Claus, wenn er hier ankommt.“

„Erstens dauert das noch ein bisschen und zweitens ist Dr. Claus Gerichtsmediziner!“

„Aber ein Arzt!“

Milo schnipste mit den Fingern und streckte die Hand aus. „Ich weiß, dass es dir schwer fällt, Jesse, aber du gibst jetzt mir den Schlüssel für den Sportwagen und ich bring dich dorthin, wo du hingehörst. In die Ambulance.“

Ich seufzte.

„Wenigstens hast du nicht Karre gesagt.“

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Milton Dennister war pünktlich im Café Number One. Dennister kannte es gut. Es gehörte nicht zum eigentlichen Flughafengelände, lag aber ganz in der Nähe und eignete sich hervorragend als Treffpunkt. Zwar nannte es sich Café, weil der vorhergehende Besitzer dort tatsächlich ein klassisches Café etabliert hatte, aber inzwischen glich es eher einem französischen Bistro und wurde von einem Kanadier aus Montreal betrieben, der sich von den Gästen Jacques nennen ließ.

Dennister wusste zufällig, dass er in Wahrheit Antoine hieß, aber das konnten die wenigsten Gäste korrekt aussprechen, geschweige denn sich merken.

Dennister ließ den Blick über die Plätze schweifen. Es herrschte mittlerer Betrieb.

Er bestellte sich einen Café au lait und wartete. Dabei blickte er immer wieder auf die Uhr.

Schließlich griff er zum Handy und rief im Field Office an. „Mister Marenkov scheint mich versetzt zu haben“, stellte er fest. „Jedenfalls glaube ich nicht, dass er noch auftaucht.“

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Am frühen Abend trafen wir uns alle noch einmal im Besprechungszimmer von Mr McKee.

„Wie geht es Ihren Augen und Lungen, Jesse?“, sprach er mich an.

„Ich werde es überleben, Sir!“

„Unsere Experte untersuchen, was das für ein Granatentyp war. Ich schätze, bis morgen haben wir das.“

Unser Chef hörte sich stirnrunzelnd an, was wir bisher als gesicherte Tatsachen vorlegen konnten.

„Mit anderen Worten, es gibt im Fall von Mister Bykov noch nicht einmal den Beweis dafür, dass er wirklich tot ist“, stellte er fest.

„An die Möglichkeit einer Entführung habe ich auch schon gedacht“, gestand Clive. „Allerdings frage ich mich dann, an wen sich die Erpressung richten sollte. Schließlich besitzt Bykov keine zahlungskräftige Familie, die ihn auslösen könnte.“

„Jedenfalls möchte ich nicht, dass wir länger dazu gezwungen sind, mehr oder minder tatenlos mit anzusehen, wie offenbar ein paar mächtige Herrschaften der Kunstmafia glauben, hier in New York schalten und walten zu können, wie sie wollen!“, stieß Mr McKee ärgerlich hervor.

„Wir sollten die Laboruntersuchungen abwarten“, schlug Dennister vor. „Dann sind wir mit Sicherheit schlauer.“

„Einen kleinen Ansatzpunkt hätte ich vielleicht, dem sich noch lohnt nachzugehen“, meldete sich Max Carter zu Wort. Er wandte sich an mich. „Du hast mir ja unterwegs eine Telefonnummer durchgegeben.“

„Richtig. Sie stand auf einem Zettel in einer von Bykovs Jacken.“

„Die Nummer gehört zu einem Handy, dessen Eigentümer ein gewisser Norman Gallesco ist.“ Max wandte sich an Dennister. „Bei dem Namen sollte es bei Ihnen klingeln, Milton.“

„Sie meinen den Anwalt Gallesco, der in der 5th Avenue residiert und eine der dubiosesten Rollen in der ganzen Szene einnimmt?“

„Genau den.“

„Dieser Gallesco ist mir kein Begriff“, gestand Mr McKee. „Vielleicht könnte mich hier mal jemand aufklären, um wen es sich da handelt!“

„Mit Vergnügen“, sagte Milton Dennister. „Norman Gallesco ist eine Art Hobby-Kunsthändler, im eigentlichen Beruf aber Anwalt. In der Vergangenheit war er bei einigen zweifelhaften Transaktionen die treibende Kraft – insbesondere dann, wenn sogenannte „entführte“ Bilder gegen Lösegeld zurückgeführt werden sollten.“

„Es kam der Verdacht auf, dass Gallesco da die Grenzen dessen, was noch zu den Pflichten eines Anwalts gehört, bei weitem überschritten hat“, warf Max ein. „Allerdings konnte man ihm nicht nachweisen, dass er eventuell mit Bilderentführern Absprachen getroffen hat, die ungesetzlich sind.“

„Wenn Sie mich ganz persönlich fragen, kann man schon fast den Verdacht haben, dass Gallesco hin und wieder mit ihnen zusammengearbeitet und Millionen daran verdient hat!“, warf Dennister ein. „Aber einer wie der ist wohl einfach zu clever für unsere Justiz. Alles, was bei ihm auf dem juristischen Kerbholz steht, sind ein paar Verstöße gegen die Parkordnung der Stadt New York und die Beleidigung eines Richters, für die er tatsächlich drei Tage ins Gefängnis ging, anstatt die lächerliche Ordnungsstrafe zu bezahlen.“ Dennister grinste. „Er machte ein richtiges Happening daraus.“

„Klingt nach einem komischen Vogel“, lautete Milos Kommentar.

„Ja, aber er dürfte noch sehr viel weiter verzweigte Kontakte bis in die Kunstmafia hinein besitzen, als Ihre Informanten, die Sie bisher um Unterstützung gebeten haben“ stellte Dennister klar.

„Nachdem Jesse diese Nummer gefunden hat, haben wir ja auch einen ganz offiziellen Grund mit ihm zu sprechen“, erklärte Mr McKee. „Notfalls auch hier im Bundesgebäude in einer Gewahrsamszelle, wenn es sein muss! Aber das hat Zeit bis Morgen früh.“

Anschließend berichtete Milton Dennister noch von seiner missglückten Verabredung mit Major Marenkov. „Ich habe inzwischen herausgefunden, dass tatsächlich ein Flug auf den Namen Marenkov gebucht war, aber dieser Marenkov hat den Flieger in Russland nie bestiegen. Der Platz wurde an jemand anderes vergeben.“

„Und wer hat dann angerufen?“, fragte ich.

Max Carter meldete sich daraufhin zu Wort. „Alle eingehenden Anrufe werden bei uns ja glücklicherweise aufgezeichnet. Ich habe die Aufnahme natürlich sofort Agent Dennister vorgespielt und er hat die Stimme identifiziert.“

Mr McKee wandte sich an den Mann aus Washington. „Sie sind sich sicher, dass es die Stimme von Marenkov war? Ich wusste nicht, dass Sie ihn so gut kennen...“

„Ich bin ihm tatsächlich auch nur einmal begegnet, aber wir hatten hin und wieder Telefonkontakt“, antwortete Dennister. Er hob die Schultern. „Hundertprozentige Sicherheit gäbe nur ein Höhenkurvenabgleich dieses Anrufs mit der Originalstimme Marenkovs und selbstverständlich gibt es geschickte Stimmenimitatoren, aber...“ Er schüttelte entschieden den Kopf. „Das wäre doch absurd!“

„Der Anruf könnte auch aus Audioschnipseln irgendwelcher Aufnahmen zusammen geschnitten worden sein“, wandte Max ein. „Das untersuchen gerade unsere Experten. Schließlich wäre es absurd, anzunehmen, dass Marenkov längst in der Stadt ist und Agent Dennister zum Narren hält!“

Mr McKee atmete tief durch. „Man kann auch mit gutem Willen noch nicht sagen, dass wir Licht in die Sache gebracht hätten, aber die nötige Geduld gehört eben auch zu unserem Job. Ich schlage vor, Sie machen jetzt Feierabend und morgen früh sehen wir weiter.“

„Dann müssten auch schon einige Laborberichte vorliegen!“, war Clive recht zuversichtlich.

„Hoffen wir’s“, murmelte Milo. „Sonst drehen wir uns weiter im Kreis.“

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Wir gingen Am Abend noch zusammen mit Agent Dennister zu unserem Lieblingsitaliener. Schließlich hatten wir alle einen Riesenhunger.

Milo und ich nahmen eine Pizza, Milton Dennister hingegen nur einen Salat. „Ja, Sie als Special Agents im Außendienst haben Bewegung genug, um wie Scheunendrescher essen zu können, aber bei mir sieht das anders aus!“, sagte er und fasste sich dabei an den Bauch.

„Wo sind Sie für Ihre Zeit hier in New York untergebracht?“, fragte ich.

„Hotel Supreme im East Village. Ist mehr eine Pension als ein Hotel, aber es liegt immerhin im Spesenrahmen, den man mir zugesteht!“

Eine Weile aßen wir einfach nur und keiner redete einen Ton. Der Tag war schließlich hart genug gewesen. Wenigstens am Abend muss man hin und wieder seine Gedanken sortieren, wenn man am Tag mit knapper Not der Laserzielerfassung eines skrupellosen Killers entkam.

Es ärgerte mich noch immer, dass mir der Kerl mit der Tränengasgranate entwischt war. Aber wenn man es genau nahm, konnte ich mir noch nicht einmal hundertprozentig sicher sein, dass es sich tatsächlich um einen Kerl handelte.

Ich versuchte mich zu erinnern und vergegenwärtigte mir noch einmal jenen Augenblick, als ich in das mit Tränengas verräucherte Zimmer stürmte.

Da war nichts weiter als ein Schatten.

Der vage Umriss eines Menschen.

Mehr ließ sich aus den Bildern, die sich in mir eingebrannt hatten, einfach nicht herausholen, so sehr ich das auch versuchte.

Milo brach schließlich das Schweigen, indem er Dennister noch mal auf sein fehlgeschlagenes Rendezvous mit Marenkov ansprach. „Seien Sie ehrlich Milton, was denken Sie, was steckt wirklich dahinter?“

„Ich habe nicht die leiseste Ahnung“, gestand er. „Aber ich mache mir Sorgen.“

„Weshalb?“

„Marenkov wäre nun wirklich nicht der erste Ermittlungsbeamte, der seine Nase zu tief in Dinge gesteckt hat, von denen ein paar ehrenwerte Herrschaften der Ansicht sind, dass man sich da heraushalten sollte.“

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Es war schon fast Mitternacht, als Agent Milton Dennister das Foyer des Hotel SUPREME im East Village betrat.

Den Wagen hatte er auf einem nahen Parkplatz abgestellt.

Der Portier begrüßte Dennister und ihm seinen Schlüssel.

„Guten Abend.“

Dennister nickte nur und unterdrückte ein Gähnen.

Er ging die Freitreppe ins Obergeschoss empor und hatte wenig später Zimmer Nummer 14 erreicht.

Die 14 lag neben der 12. Dennister musste jedes Mal darüber schmunzeln, dass man die 13 in der Nummerierung der Zimmer als Unglückszahl einfach ausgelassen hatte.

Er öffnete die Tür. Innen war es dunkel.

Dennister machte Licht.

Das Zimmer war nichts Besonderes. Ein Bett, ein Tisch, ein Stuhl, ein Kleiderschrank und ein klobiger Drehsessel aus Leder, von dem Dennister den Eindruck hatte, dass der Hotelbesitzer nur nicht den Mut gehabt hatte, ihn auf den Müll zu werden.

Der Sessel drehte sich.

Ein Mann saß darin. In der Rechten hielt er eine Automatik mit Schalldämpfer, deren Lauf auf Dennisters Bauch zielte. Ein kaltes Lächeln spielte um seine Mundwinkel. Er schlug die Beine übereinander. Die Lederstiefel passten exakt zu seiner Jacke.

Dennister erstarrte zur Salzsäule.

Im ersten Moment hatte er nach seiner Dienstwaffe greifen wollen, aber er hielt sich zurück.

Seine Chance lag bei null.

Dennister schluckte. „Was wollen Sie?“

Der Mann in Leder grinste schief.

„Erst eine kleine Unterhaltung, Agent Dennister. Wie unangenehm die wird, liegt ganz bei Ihnen... Und anschließend lege ich Sie schlafen. Deswegen sind Sie doch ohnehin hier, oder?“

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Am nächsten Morgen fanden wir uns pünktlich zur Besprechung in Mr McKees Büro ein. Nur Milton Dennister war nicht anwesend. Mr McKee begann nach anfänglichem Zögern die Besprechung ohne den Spezialisten aus Washington.

Zunächst referierte unser Kollege Nat Norton über Vladimir Bykovs wirtschaftliche Verflechtungen. „In der Wohnung wurden ja keinerlei Kontoauszüge oder dergleichen gefunden“, sagte unser Experte für Betriebswirtschaft, dessen Spezialität das Aufspüren verborgener Geldströme war. „Ich hatte also wenige Anhaltspunkte, um überhaupt etwas über Bykovs wirtschaftliche Verhältnisse herauszufinden. In Zusammenarbeit mit der Steuerbehörde habe ich immerhin die Geschäftskonten der Galerie und die wichtigsten Privatkonten überprüfen können.“

„Mit welchem Ergebnis`?“, hakte Mr McKee nach.

„Seit Bykovs Ermordung – oder seinem Verschwinden, ganz wie man will – wurde auf die Konten nicht mehr zugegriffen.“

„Das würde ja die Mordthese unterstreichen“, ergänzte Clive.

Nat nickte. „Das Interessante sind die Zahlungen, die innerhalb der letzten Jahre von diesen Konten abgingen. Bykov stand mit einer Reihe von Briefkastenfirmen in Liechtenstein und auf den Cayman-Islands in Verbindung, die als Tarnfirmen der Kunstmafia gelten. Außerdem hatte er sehr starke Verbindungen nach St. Petersburg. Aber gegenwärtig komme ich da noch nicht weiter.“

„Es gibt dafür etwas Neues aus den Labors“, berichtete Max Carter. „Was den Blutfleck in Bykovs Galerie angeht, sind wir inzwischen sicher, dass derjenige, dem dieses Blut gehörte, erschossen wurde. Die Blutreste in dem Loch, das  vermutlich von einem Projektil in die Wand gestanzt wurde, sind mit der DNA des Blutflecks identisch. Außerdem haben wir Schmauchspuren gefunden und wissen ziemlich genau, wo der Täter stand.“ Max projizierte einen Grundriss der Galerie mit dem Beamer seines Laptops an die Wand. Die ermittelte Position des Schützen war markiert worden. „Das Opfer wurde aus nächster Nähe erschossen. Der Treffer ging durch den Kopf. Es wurden in dem Einschussloch nämlich geringfügige Spuren von Hirnmasse gesichert. Leider haben wir weder eine Kugel noch eine Leiche und genau genommen können wir daher noch immer nicht sicher sein, ob es wirklich Bykov war, der getötet wurde. Schließlich haben wir kein genetisches Vergleichsmaterial.“ Max deutete auf einen bestimmten Punkt auf den Grundriss, der besonders gekennzeichnet war. „Hier war die Blutlache. Die Kollegen gehen davon aus, dass dort der Kopf des Toten eine Weile gelegen hat. Und zwar auf der Seite. Dadurch haben wir einen vollständigen Ohrabdruck.“

„Zu dem uns aber auch der Vergleich fehlt!“, schloss Mr McKee.

Max nickte. „Leider.“

„Was ist mit Fingerabdrücken?“, fragte ich. „Schließlich müssten Bykov bei der Einbürgerung Fingerabdrücke abgenommen wurden sein und wenn der Tote mit der Hand auf den Boden kam...“

„Es gibt tatsächlich Fingerabdrücke, aber die sind leider verschmiert“, erklärte Max. „Wir haben sie trotzdem mit Bykovs gespeicherten Fingerabdrücken verglichen und drei Übereinstimmungen gefunden. Der niedrigste Standard für eine sichere Identifizierung sind sechs Übereinstimmungen, manche Gutachter sind da aber durchaus auch noch anspruchsvoller.“

„Ich dachte immer, Fingerabdruck ist gleich Fingerabdruck!“, warf unser Kollege Jay Kronburg ein.

Ich zog ein Fazit. „Mit anderen Worten, es könnte Bykov sein – muss aber nicht.“

„So ist es“, nickte Max. „Wir suchen jetzt nach Verwandten, mit deren DNA wir das Blut aus der Galerie vergleichen könnten. Seine Schwester lebt ebenfalls in den Vereinigten Staaten. Nur weiß niemand, wo sie gegenwärtig steckt.“

„Das wir sich ja wohl herausfinden lassen“, meinte Clive.

„Der Tathergang lässt sich nach bisherigem Erkenntnisstand so rekonstruieren: Jemand klingelt Bykov in aller Frühe aus dem Bett. Bykov öffnet diesem Mister X.  Wahrscheinlich, weil er ihn kennt und nicht als Gefahr einschätzt. Alarmanlage und Videoüberwachung sind noch ausgeschaltet. Bykov wird dazu gezwungen, in der Wohnung und in der Galerie die Safes zu öffnen. Unten in der Galerie versucht er sich zu wehren und wird erschossen. Vielleicht hatte der Killer auch von Anfang an vor, Bykov umzubringen. Auf jeden Fall scheint der Abtransport von größeren Gegenständen geplant gewesen zu sein, sonst hätte nicht wenig später ein Transporter vor der Tür gehalten, in den dann alles hinein geladen wurde, was dem Killer und seinen Komplizen wichtig erschien – einschließlich der Leiche.“

„Ich wette, dass neben einer ganzen Menge Beweismaterial auch die Kisten mit den Ikonen dabei waren, die in Bykovs Wohnung ja nicht aufgefunden werden konnten“, schloss Clive. „Aber irgendetwas muss die Täter dann bei ihrer Aufräumaktion gestört haben, sonst hätten sie diese so sauber zu Ende geführt wie sie alles andere beendet haben!“

„Und wenn sie wollten, dass wir den Blutfleck finden?“, fragte ich. Ich zuckte mit den Schultern. „War nur so ein Gedanke.“

„Sie meinen Bykov hat seinen Tod inszenieren wollen?“, fragte Mr McKee.

Niemand schien diesen Gedanken besonders weiterführend zu finden, denn keiner der anwesenden G-men ging darauf ein.

Mir war klar, dass ich den Stein der Weisen selbst noch nicht gefunden hatte – aber mein Instinkt sagte mir, das mit der Rekonstruktion des Tathergangs, wie Max sie uns vorgetragen hatte, irgendetwas nicht stimmte.

Ich wusste nur nicht, was mich so daran störte.

Mr McKee ergriff das Wort. „Ehe ich es vergesse, dieser Marenkov wird heute gegen zehn bei uns hier im Field Office eintreffen“, sagte er. „Ich dachte mir, dass Sie ihn vielleicht etwas unter Ihre Fittiche nehmen, Jesse. Ich bin überzeugt davon, dass Sie und Milo gut mit ihm zusammenarbeiten. Übrigens erwartet Washington das auch von uns. Man beobachtet das ganze auf höchster Ebene mit Argusaugen.“

„Ja, Sir“, nickte ich.

„Aber was hat dieses geplatzte Treffen gestern mit Dennister zu bedeuten?“, hakte Milo nach.

„Das habe ich ihn bei dem Telefonat, das wir heute morgen führten, auch gefragt“, berichtete unser Chef. „Es stellte sich heraus, dass Marenkov bereits vor drei Tagen unter anderem Namen in New York angekommen ist. Er traut offenbar seinen Gegnern aus der Kunstmafia alles zu. Marenkov hat Dennister aus der Ferne beobachtet, ihn aber nicht angesprochen, weil sich jemand in der Nähe aufhielt, der ihm verdächtig erschien und daher wollte er kein Risiko eingehen. Aber Sie können sich da ja von ihm selbst schildern lassen.“

„Oder von Dennister – sobald er auftaucht!“, warf Jay Kronburg ein.

„Wir müssen noch über die Morde an Lee Trenton und Abby Dempsey sprechen“, erinnerte uns Max Carter.

Mr McKee nickte ihm zu.  „Bitte!“

„Die verwendete Waffe ist noch nicht aktenkundig und die sichergestellten Projektile hatten das Kaliber .44. Aufschlussreich ist die Tränengasgranate. Sie entspricht einem Typ, der in Russland verwendet wird – hier bei uns allerdings völlig unüblich ist.“

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Anderthalb Stunden später traf Marenkov an der Federal Plaza ein. Er hatte zunächst ein halbstündliches Gespräch mit Mr McKee. Anschließend führte Max Carter ihn in das Dienstzimmer, das Milo und ich uns teilten.

Marenkov trug einen doppelreihigen Anzug, aber die Krawatte hing ihm wie ein Strick um den Hals. Ich hatte gleich das Gefühl, dass dieser Business-Look nicht seine bevorzugte Kleidung war.

Wir stellten uns kurz vor.

„Nennen Sie mich Valerij“, sagte Marenkov mit einem kräftigen Händedruck. „Ich hoffe, dass wir gut zusammenarbeiten.“

„An uns wird es sicher nicht liegen – und an dem Kaffee, den die Sekretärin unseres Chefs kocht, sicher auch nicht!“, versicherte Milo.

Marenkov hob die Hände.

„Danke für Ihre Offenheit!“, sagte er akzentschwer. „Mister McKee hat mich darüber in Kenntnis gesetzt, wie weit Sie in der Sache sind.“

„Was wissen Sie über Bykov?“, fragte ich.

Marenkov schien im ersten Moment etwas überrascht über eine so konkrete Frage zu sein.

„Dass er einer der wichtigsten Kontaktpersonen der Kunstmafia gewesen sein muss.“

„Es soll hier in New York jemanden geben, der von allen nur ‚Impressario’ genannt wird und der die Fäden zieht. Haben Sie davon auch gehört?“

Marenkov lächelte verhalten.

„Ehrlich gesagt, hatte ich bisher Bykov in Verdacht, dieser Mann zu sein – oder zumindest sehr eng mit ihm in Verbindung zu stehen. Aber inzwischen glaube ich das nicht mehr.“

Ich hob die Augenbrauen. „Wie lautet denn Ihre Theorie dazu?“ 

Marenkov zuckte mit den Schultern. „Ich denke, dass die etablierten Zweige des organisierten Verbrechens auch den Kunsthandel in ihrer Gewalt haben und längst als wunderbare Möglichkeit der Geldwäsche für sich entdeckten. Wenn Sie die Finanzen von Leuten wie Bykov überprüfen, verwette ich meinen Schlips dafür, dass Sie auf dieselben dubiosen Firmennamen in Liechtenstein, auf den Cayman-Inseln und ein paar anderen Steueroasen stoßen, die Sie bereits aus Ihren Ermittlungen gegen Drogenringe kennen! Dort sollten Sie meiner Ansicht nach die Drahtzieher suchen.“ Er grinste breit und wirkte etwas gezwungen. „Aber wer bin ich, dass ich Ihnen sage, was Sie zu tun haben!

„Ich nehme an, dass Sie bereits darüber aufgeklärt wurden, welche Befugnisse Sie hier haben“, sagte ich.

Marenkov grinste, „Oder besser gesagt, welche Befugnisse ich hier nicht habe“, schnitt er mir das Wort. „Ich weiß, dass ich in diesem Land keinerlei Polizeibefugnisse besitze und beratend tätig bin und Sie brauchen auch keine Sorge zu haben, dass ich Ihnen und Ihrem Partner dauernd auf den Fersen klebe...“

„Keine Sorge“, sagte ich.

„Nat braucht Sie später unbedingt für seine Ermittlungen in Sachen Konten und Geldströme!“, ergänzte Max Carter.

„Ich stehe zur Verfügung“, versprach Marenkov.

„Wir werden uns heute um Norman Gallesco kümmern“, kündigte ich an. „Haben Sie den Namen mal gehört?“

Marenkov überlegte kurz. Dann nickte er. „Ich glaube, das war ein Anwalt, der für Bykov tätig war. Aber nur kurzfristig.“

„Sie sind aber gut informiert!“

Marenkov bleckte die Zähne. „Darum bin ich noch am Leben!“

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Wir fuhren zu Norman Gallescos Residenz in der 5th Avenue. Wir boten Marenkov natürlich an, ihn im Sportwagen mitzunehmen. Milo erklärte sich bereit, im Fond Platz zu nehmen, der bei diesem Hybriden auch nicht viel geräumiger war als in dem alten E-Type.

Aber Marenkov lehnte ab und bevorzugte einen Wagen aus den Beständen unserer Fahrbereitschaft. Er entschied sich für einen unscheinbaren Toyota.

Es stellte sich heraus, dass er schon öfter in New York gewesen war und sich hier hervorragend auskannte. Entgegen unseren Befürchtungen hatte er daher auch keinerlei Schwierigkeiten, sich an die Verkehrsverhältnisse im Big Apple anzupassen.

„Das Art Business ist ein globales Geschäft!“, meinte er dazu.

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