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Sammelband 4 Krimis: Amok-Wahn und andere Thriller

Sammelband 4 Krimis: Amok-Wahn und andere Thriller

Alfred Bekker et al.

Published by Cassiopeiapress/Alfredbooks, 2018.

Inhaltsverzeichnis

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Sammelband 4 Krimis: Amok-Wahn und andere Thriller

Copyright

Das Gesetz in die eigenen Hände genommen: N.Y.D. - New York Detectives

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Die Hauptpersonen des Romans:

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Die Konferenz von Reading

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Cremeschnitten sind aus

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AMOK-WAHN

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Also By Alfred Bekker

Also By Peter Schrenk

Also By Dieter Gasper

Also By Hans-Jürgen Raben

About the Author

About the Publisher

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Sammelband 4 Krimis: Amok-Wahn und andere Thriller

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von Alfred Bekker & Peter Schrenk & Dieter Gasper & Hans-Jürgen Raben

Der Umfang dieses Buchs entspricht 896 Taschenbuchseiten.

Krimis der Sonderklasse - hart, actionreich und überraschend in der Auflösung. Ermittler auf den Spuren skrupelloser Verbrecher. Spannende Romane in einem Buch: Ideal als Urlaubslektüre.

Mal provinziell, mal urban. Mal lokal-deutsch, mal amerikanisch. Und immer anders, als man zuerst denkt.

Dieses Buch enthält folgende drei Krimis:

Hans-Jürgen Raben: Das Gesetz in die eigenen Hände genommen

Peter Schrenk: Die Konferenz von Reading

Dieter Gasper: Cremeschnitten sind aus

Alfred Bekker: Amok-Wahn

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Das Gesetz in die eigenen Hände genommen: N.Y.D. - New York Detectives

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Krimi von Hans-Jürgen Raben

Der Umfang dieses Buchs entspricht 125 Taschenbuchseiten.

Alle Opfer hatten eins gemeinsam: Sie waren Verbrecher und Gauner, aber sie wurden nie verurteilt, weil man ihnen nie etwas nachweisen konnte. Bis ein Unbekannter, den die Presse den „Henker“ nennt, das Gesetz in die eigene Hand nahm und sie mit dem Tode bestrafte. Als Ken Woods getötet wird, beauftragt sein Vater den Privatdetektiv Bount Reiniger, den Mörder seines Sohnes zu finden. Denn er traut der Polizei nicht, schließlich deutet alles darauf hin, dass der Killer einer aus den eigenen Reihen ist ...

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Die Hauptpersonen des Romans:

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Der „Henker“ - Er nahm das Gesetz in die eigene Hand und wurde damit selbst zum Verbrecher.

Lieutenant John O’Keefe - Er musste ein Phantom jagen, das über jeden seiner Schritte informiert war.

Ken Woods - Er war nur durch eine Dummheit auf die schiefe Bahn geraten, aber der „Henker“ kannte kein Erbarmen.

Jonathan Woods - Er beauftragte Bount, den Killer seines Sohnes zu finden.

Giacomo Angelo - Der Gangsterboss hatte auf der Abschussliste des „Henkers“ einen Ehrenplatz.

Lee Hall - Er war den Gangstern im Weg und ein ideales Opfer, das sie dem „Henker“ unterschieben konnten.

June March - unterstützt Bount Reiniger bei seinen Ermittlungen.

Bount Reiniger - ist Privatdetektiv.

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1

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Denny Layton sah nur kurz nach unten in die nachtschwarze Tiefe, stützte sich an der Mauer ab und sprang von dem schmalen Sims. Federnd ging er in die Knie, drehte sich zu der Hausfassade herum und grinste. Die Nachtarbeit hatte sich wieder gelohnt.

Sein Grinsen erstarb plötzlich, als er den schwarzen Schatten bemerkte, der bisher reglos an der Mauer gelehnt hatte und nun auf ihn zutrat. Die entfernte Straßenbeleuchtung schimmerte in Hüfthöhe matt auf dem Lauf eines Revolvers, der genau auf ihn gerichtet war.

Denny Layton spürte, wie er anfing zu zittern. In einer abwehrenden Bewegung streckte er die Hände vor und sagte heiser: „Was wollen Sie?“

„Polizei!“, antwortete eine leise Stimme. Eine Marke blitzte für einen Moment in der Linken des Mannes auf. Das Gesicht blieb im Schatten, nur die Augen waren zu sehen. Wie zwei Lichtpunkte, dachte Denny, und gleichzeitig hatte er Angst vor ihnen.

„Sie können mir nichts beweisen, Mann“, sagte Denny. Er breitete seine Arme aus. „Ich habe nichts bei mir.“

Der andere nickte leicht. „Das ist es eben. Nie kann man dir etwas beweisen. Weil wir nicht wissen, wie du deine Beute verschwinden lässt. Aber ich bin sicher, dass auf dein Konto mindestens fünfzig Einbrüche gehen. Und das ist genug.“ Er hob den kurzläufigen Revolver und drückte die Mündung unter Dennys Kinn.

Der Einbrecher versuchte zurückzuweichen, aber die Linke des anderen Mannes schoss vor und hielt ihn fest.

„Nein!“, flüsterte Denny entsetzt. „Das können Sie doch nicht ...“ Die Explosion zerriss die Stille der Nacht, und Denny Layton hatte plötzlich keinen Hinterkopf mehr.

Die Hand ließ ihn los, und die Leiche schlug dumpf auf das Pflaster.

Der Schütze griff in seine Tasche und warf einen winzigen, metallisch glänzenden Gegenstand auf den Toten. Dann drehte er sich um und verschwand mit langen Schritten in der Nacht.

In der Ferne erklang eine Trillerpfeife.

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Mario di Socca verließ das Gerichtsgebäude als strahlender Sieger. Er trat auf die breite Freitreppe und winkte seinen zahlreichen Freunden zu, die sich am Fuße der Treppe versammelt hatten und ihm begeistert zujubelten.

Die Blitzlichter der Reporter zuckten, und Mario zeigte sein weißes Gebiss. Er hatte gelernt, sich mit den Reportern gut zu stellen, denn er las seinen Namen gern in der Zeitung. Vor seinem Auge sah er schon die Schlagzeilen des nächsten Tages: Wieder Freispruch für mutmaßlichen Gangsterboss - Mario di Socca ist nichts nachzuweisen.

Seine Freunde drängten sich um ihn, und er musste viele Hände schütteln. Da war Geno Vecchio, der alte Capo der Familie, Überlebender von zahlreichen Gangsterschlachten; Vito Savoia, sein engster Vertrauter und Herr über Dutzende von illegalen Spielhöllen. Stefano Bernardo drückte ihm die Hand - er kontrollierte Prostituierte und Wettbüros.

Dino d’Annunzio war da, Schmuggel und Erpressung war sein Metier; und selbst der alte Bonnanzone war gekommen, der immer noch an vielen Fäden zog.

Mario di Socca war glücklich. Er sonnte sich in der Bewunderung seiner Freunde, die nicht alle immer so viel Glück hatten wie er. Mancher von ihnen hatte mehrere Jahre seines Lebens in Gefängnissen verbracht. Nur di Socca war noch niemals verurteilt worden. Die Anklagen hatten von Erpressung über Steuerhinterziehung und Rauschgiftschmuggel bis zu Mord gereicht.

Aber zu beweisen war es nie.

Auch diesmal hatte er keine Befürchtungen gehabt. Er leistete sich die besten Anwälte, und sie hatten ihn wieder herausgepaukt. Er konnte sich jetzt in Ruhe wieder seinen Geschäften widmen. Nachdenklich glitt sein Blick über die Reporter, die inzwischen ihre Fotos geschossen hatten. Er war gespannt auf die Berichte am nächsten Tag.

Mario di Socca konnte nicht wissen, dass es sich um eine Art Nachruf handeln würde. Er stieg in den weißen Lincoln, seine Freunde verteilten sich auf die anderen Autos, und dann setzte sich die ganze Kolonne in Bewegung. Der Sieg über die Justiz sollte zunächst gefeiert werden. In einem guten italienischen Restaurant war alles vorbereitet worden.

Die Fahrt dauerte nicht sehr lange. Nacheinander bogen die schweren Limousinen in einen schmalen Hof ein, von dem ein direkter Gang zu dem Restaurant führte. Es lag in einer wenig belebten Straße im östlichen Manhattan.

Die jeweiligen Leibwächter der Bosse spritzten aus den Wagen und rissen die Türen auf. Aufmerksam beobachteten sie die Umgebung, aber es war nichts Verdächtiges zu sehen. Einige blieben bei den Wagen stehen, die anderen folgten ihren Bossen ins Innere des Hauses.

Mario di Socca hatte zu einem Essen im kleinen Kreis geladen. Er machte eine weit ausholende Handbewegung, und unter Stimmengemurmel und Stühlescharren setzten sich die zehn Männer an den großen runden Tisch in der Mitte des Lokals. Die Leibwächter setzten sich etwas abseits. Auch für sie war gedeckt.

Di Socca war stehen geblieben. Er stützte sich auf das blütenweiße Tischtuch und sah befriedigt in die Runde. „Meine Freunde“, begann er, „ich danke euch allen, dass ihr gekommen seid. Ihr alle wisst, was der Anlass für diese Feier ist. Es gibt nur ein kleines Essen mit einem guten Wein aus unserer alten Heimat.“ Unauffällig winkte er dem Kellner, der sofort an den Tisch eilte und den Wein einschenkte.

„Ich habe nur einen bescheidenen Wunsch“, sagte di Socca. „Lasst uns für die kurze Zeit die Geschäfte vergessen, mit denen wir uns gleich wieder befassen müssen. Ich möchte auch kein Wort hören über irgendwelche Streitigkeiten, die es vielleicht während meiner kurzen Abwesenheit gegeben haben könnte. Dafür ist später noch genügend Zeit.“

Der Kellner trug eine riesige Schüssel mit dampfenden Spaghetti herein und stellte sie mitten auf den Tisch. Beifälliges Murmeln wurde laut. Mario di Socca runzelte leicht die Stirn. Er wusste nicht, ob der Beifall seinen Worten galt oder den Spaghetti.

Er griff nach seinem Glas und hob es hoch. Die anderen taten es ihm nach und sahen ihn erwartungsvoll an.

„Ich trinke auf gute Gesundheit und gute Geschäfte für uns alle“, sagte Mario di Socca und setzte das Glas an die Lippen.

Der Schuss krachte wie eine Explosion. Das Weinglas zersplitterte in tausend Stücke, Rotwein vermischte sich mit Blut und färbte das blütenweiße Tischtuch rot. Di Soccas Oberkörper kippte vornüber, sein Kopf schlug in die Spaghettischüssel, deren Inhalt über den Tisch und die darum sitzenden Männer verteilt wurde.

In der sekundenlangen Stille, die darauf folgte, flog wie von Geisterhand geworfen ein kleiner, metallisch blitzender Gegenstand durch die Luft, klirrte gegen einen Teller und sprang dann im Bogen in Savoias Weinglas, das dieser immer noch in der Hand hielt.

Dann brach die Hölle los.

Alle sprangen gleichzeitig auf. Stühle stürzten um, Geschirr klirrte zu Boden. Einige rannten in Deckung, andere zerrten ihre Pistolen aus den Holstern und versuchten den unsichtbaren Schützen zu entdecken. Die Leibwächter benahmen sich wie aufgescheuchte Hühner und behinderten sich gegenseitig.

„Der Schuss kam von der Empore!“, schrie eine Stimme und übertönte das Durcheinander. Einige der Leibwächter rannten zu der Treppe, die zu der Empore führte. Dort oben standen weitere Tische, die aber jetzt unbesetzt waren. Die Empore war mit einem dichten Vorhang vom übrigen Lokal getrennt.

Die Männer rissen den Vorhang zur Seite und fluchten. „Der Kerl ist weg! Durch den Nebenausgang. Aber er kann noch nicht weit sein.“

Einige nahmen die Verfolgung auf. Da die Gangster selbst Lokale schätzten, die über diverse Ausgänge verfügten, hatte sich natürlich auch der heimtückische Schütze diese Tatsache zu eigen gemacht und war auf einem dieser Wege geflohen.

Vito Savoia starrte fassungslos in sein Weinglas, das er immer noch in der Hand hielt. Mit spitzen Fingern fischte er schließlich den kleinen Gegenstand heraus, der in dem dunklen Rotwein lag.

Stefano Bernardo sah entsetzt auf die 38er Patrone, die Savoia zwischen Daumen und Zeigefinger in die Höhe hielt. Dann stellte er sie mit einer vorsichtigen Bewegung auf den Tisch. Die abperlenden Rotweintropfen sahen aus wie Blut.

„Die Geschossspitze ist eingekerbt mit einem Kreuzschnitt“, brach Savoia das Schweigen.

„Ein Dum-Dum-Geschoss“, sagte d’Annunzio.

Sie starrten auf den toten di Socca, der mit ausgebreiteten Armen auf der Tischplatte lag. Das tödliche Geschoss war im Hinterkopf eingedrungen, hatte ihm das halbe Gesicht weggerissen, das Weinglas zerschmettert und war im Tisch stecken geblieben.

„Was für eine Schweinerei“, meinte Vecchio leise und schnippte ein Stück Spaghetti vom Ärmel. Er sah die anderen an. „Wir verschwinden jetzt besser. Unsere Jungs können hierbleiben, bis die Polizei kommt. Wir sollten auch gleich unsere Anwälte verständigen. Ich schlage vor, dass wir uns heute Abend bei mir treffen und unsere weiteren Maßnahmen beratschlagen. Irgendjemand hat uns den Krieg erklärt.“

Alle nickten beifällig, und dann verschwanden sie sehr schnell durch die Hintertür. Jeder von ihnen würde bestreiten, heute in diesem Lokal gewesen zu sein. Auf Wunsch hatten sie auch Zeugen dafür. Diesen Mord würden sie nicht allein der Polizei zur Aufklärung überlassen.

Die Kriegserklärung war angenommen.

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Dave Braddock war ein Einzelgänger. Sein Vorstrafenregister las sich wie ein Auszug aus dem Strafgesetzbuch. Man hatte ihn verurteilt wegen Diebstahl, Einbruch, Raub, Banküberfall und einem Dutzend anderer Straftaten. Nur Mord fehlte. Bis jetzt!

Aber bei seinem letzten Ausbruch hatte er einen Wächter getötet. Dave Braddock war nämlich auch ein Ausbrecherkönig. Siebenmal hatte er es bisher geschafft. Zwischen den einzelnen Verhaftungen lagen immer nur wenige Monate, in denen er neue Verbrechen beging.

Er war ein Berufsverbrecher und hatte auch nicht die Absicht, das zu ändern. Man hatte nur einmal versucht, ihm einen Bewährungshelfer zu geben. Braddock hatte den Mann gründlich verprügelt und galt seitdem als hoffnungsloser Fall. Er wusste, dass er irgendwann im Gefängnis sterben würde oder irgendwann bei einer Schießerei mit der Polizei draufgehen musste.

Aber er wusste nicht, dass diese Stunde schon so nahe war.

Mit fieberhaften Bewegungen riss er sich die Häftlingskleidung vom Leib. Seit dem Ausbruch waren noch keine zwei Stunden vergangen. Langsam dämmerte der Morgen. Er war noch viel zu dicht am Gefängnis!

Aber diesmal war alles schiefgegangen. Sein Plan war todsicher gewesen, und dann hatte sich ihm plötzlich ein Wächter in den Weg gestellt, als er es schon fast geschafft hatte. Im Handgemenge bekam er den Revolver des Wächters zu fassen und drückte ab. In diesem Augenblick heulten auch schon die Sirenen.

Mit knapper Not war er über die Mauer entkommen, aber die Verfolger waren dicht hinter ihm. Nach einiger Zeit hoffte er, sie abgeschüttelt zu haben und versteckte sich im Garten einer Villa.

Nach einiger Zeit hatte er gemerkt, dass niemand im Haus war. Er hatte eine Scheibe eingeschlagen und war hineingeklettert. Jetzt saß er vor einem Schlafzimmerschrank und probierte Kleidungsstücke an. Das war zunächst das Wichtigste.

Er streifte eine dunkelblaue Hose über. Die Sachen passten ihm einigermaßen. Er schob den Revolver in den Hosenbund. Mit den Schuhen hatte er Schwierigkeiten, sodass er seine eigenen anbehielt. Sie passten zwar nicht zu dem Anzug, aber darauf würde niemand achten.

Er betrachtete sich vor dem großen Spiegel und war zufrieden mit sich. Dann wühlte er schnell die anderen Schränke durch, um nach Geld oder Wertsachen zu suchen.

In diesem Augenblick hörte er die Sirenen der Streifenwagen, die sich von verschiedenen Seiten näherten. Er stürzte zum Fenster, aber es war zu spät. Dunkelblaue Uniformen hasteten durch den Garten und versteckten sich hinter Bäumen und Büschen.

Er war umstellt. Braddock knurrte wütend. Man war ihm also doch auf den Fersen geblieben. Jetzt war er nur noch ein gehetztes Wild.

Da kam auch schon die Lautsprecherstimme: „Wir wissen, dass Sie da drin sind, Braddock. Werfen Sie die Waffe durchs Fenster und kommen Sie mit erhobenen Armen heraus. Jeder Widerstand ist sinnlos. Das Haus ist umstellt. Sie haben keine Chance mehr.“

Braddock rannte die Treppe hinunter ins Erdgeschoss. Vielleicht gab es doch noch eine winzige Chance! Ein Fenster, das nicht bewacht war. Oder ein Kellerausgang, den die Polizisten übersehen hatten. Bis sie sich zum Sturm entschlossen, hatte er noch Zeit. Er musste jetzt sehr genau überlegen. Denn wenn sie ihn jetzt schnappten, würde er für sehr lange Zeit hinter Gitter wandern.

Er überlegte fieberhaft, dann hatte er eine Idee.

Mit dem Haus verbunden war eine Doppelgarage. Es musste einen direkten Zugang geben. Er lief in die Küche und probierte alle Türen durch. Eine davon führte in eine Art Hobbyraum, dort befand sich auf der gegenüberliegenden Seite eine grau gestrichene Stahltür.

Er riss sie auf und strahlte. In der Garage stand ein Station Car älterer Bauart. Der andere Stellplatz war leer.

Draußen erklang wieder die Lautsprecherstimme, aber er hörte gar nicht hin. In der Garage befand sich genügend Werkzeug, und es dauerte mit seinen geübten Fingern keine halbe Minute, bis er das Türschloss geöffnet hatte. Auch die Zündung kurzzuschließen war kein Problem. Er musste jetzt nur sehr präzise vorgehen.

Er musterte das Garagentor. Es war eine ziemlich stabil aussehende Stahltür. Es war unmöglich, sie zu durchbrechen. Sie wurde mit einem Elektromotor geöffnet. Der Schalter befand sich neben dem Eingang zum Haus. Wenn er den Arm ausstreckte, konnte er ihn vom Wagen aus erreichen. Wenn es ihm gelang, das Garagentor zu öffnen und gleichzeitig den Motor anzulassen, hatte er doch noch eine Chance. Es kam darauf an, wie schnell beides ging.

Dave Braddock schloss die Augen und versuchte, sich die Umgebung der Villa ins Gedächtnis zu rufen. Vom Garagentor führte ein leicht geschwungener Kiesweg zur Straße. Dort war nur ein leichtes Holztor. Kein Problem für den schweren Wagen.

Als er die Augen wieder öffnete, merkte er sofort, dass etwas nicht stimmte. Im Bruchteil einer Sekunde registrierte er, dass ein Schatten auf ihn gefallen war, wo vorher keiner gewesen war.

Automatisch drehte er den Kopf und erstarrte. Das schwarze Loch der Revolvermündung war weniger als einen halben Meter von seinem Kopf entfernt. Dazwischen befand sich nur die dünne Scheibe der Wagentür.

Eine Hand griff zur Tür und zog sie ein Stück weiter auf. Der Revolver näherte sich und berührte jetzt fast die Scheibe.

„Die Hände auf das Lenkrad!“, befahl eine leise Stimme.

Braddock gehorchte und spürte, wie seine Angst wuchs. Im ersten Augenblick hatte er den anderen für einen Polizisten gehalten, der ihn überrumpelt hatte, aber jetzt war er sich nicht mehr so sicher. Jedenfalls trug der Mann keine Uniform.

„Ich gebe auf“, sagte Braddock.

„Ein Typ wie du gibt nie auf“, sagte der andere. „Deswegen habe ich beschlossen, dich ein für allemal aus dem Verkehr zu ziehen. Du hast das Recht zu lange zum Narren gehalten. Dein Maß ist übervoll.“

Auf Braddocks Stirn perlten Schweißtropfen. „Was soll das heißen?“ Seine Augen waren weit aufgerissen. Er versuchte, sich aus dem Wagen zu werfen.

Das Letzte, was er in seinem Leben sah, war eine spitze rote Flamme, die genau auf seine Augen zustach. Die Explosion des Schusses hörte er schon nicht mehr. Das Geschoss hatte die Seitenscheibe zerschmettert und warf ihn auf den Beifahrersitz. Ein Regen von Glassplittern überschüttete Dave Braddock, der bereits tot war.

Ein kleiner glänzender Gegenstand flog durch das offene Fenster und rollte in den Schoß des Toten. Der Schütze schaltete mit einem raschen Handgriff das Garagentor ein und verschwand im Haus.

Summend sprang der Elektromotor an, und mit einem leichten Quietschen schob sich das stählerne Tor in die Höhe. Draußen wurden aufgeregte Rufe laut, blau uniformierte Männer mit kugelsicheren Westen rannten durcheinander. Die Verwirrung war perfekt. Es dauerte fast drei Minuten, bis die Polizisten in die Garage eindrangen und den Toten fanden. Als sie dann anfingen, nach Spuren zu suchen, war bereits alles zertrampelt.

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4

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Polizei-Lieutenant John O’Keefe war ein alter irischer Dickschädel. Seine kurz geschnittenen rötlich blonden Haare standen wie Getreidestoppeln von seinem Kopf ab. Er war etwa fünfzig Jahre alt und von gedrungener Statur.

Er riss sich die Dienstmütze vom Kopf und schleuderte sie mit einer jahrelang geübten Bewegung auf den Kleiderständer, der immerhin ein paar Meter entfernt war. Der Lieutenant blickte über die Schar seiner vor dem Schreibtisch versammelten Mitarbeiter. „Also los! Ich will die Tatsachen hören.“

Sergeant Harrison räusperte sich. „Wir wissen noch nicht sehr viel, Lieutenant.“

„Erzählen Sie schon, was wir wissen“, bellte O’Keefe und ließ sich in seinen Sessel fallen.

„Bis jetzt sind uns drei Fälle bekannt, die offensichtlich zusammengehören“, sagte Harrison. „In allen drei Fällen wurden Gangster, mit denen die Polizei schon lange Schwierigkeiten hatte, durch einen einzigen Revolverschuss getötet. Die drei Morde wurden innerhalb der letzten vierzehn Tage verübt, bei den Leichen wurde immer eine Patrone vom Kaliber .38 special gefunden.“

„Fingerabdrücke?“, fragte O’Keefe.

Sergeant Harrison schüttelte den Kopf. „Nicht einer, der vom Täter stammen könnte. Auch die Patronen waren blankgeputzt, als ob sie frisch aus der Schachtel kämen.“

„Was sagen die Leute vom Labor?“

Harrison hob die Schultern. „Nicht viel. Beim ersten Fall - ein Einbrecher, der unmittelbar nach einem Einbruch auf der Straße erschossen wurde - gibt es so gut wie keine Spuren. Nur das Geschoss, das ihn getötet hat. Es ist vom selben Kaliber wie die anderen auch. Eine häufig vorkommende Munition, die Polizei benutzt sie auch.“

„Ich weiß, welche Munition wir benutzen“, sagte O’Keefe mürrisch. „Hat man Vermutungen über die Waffe?“

Harrison nickte. „Es ist mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Smith & Wesson 38 special mit kurzem Lauf. Die Waffe, die von den meisten Polizisten getragen wird. Aber sie ist sowieso sehr häufig. Eines steht jedenfalls fest: Alle Patronen stammen aus derselben Waffe. Wir haben es also mit Sicherheit mit einem einzigen Täter zu tun.“

Der Lieutenant nickte bedächtig. „Das ist klar. Gibt es sonst noch Gemeinsamkeiten bei den drei Fällen? Irgendeine Verbindung?“

Harrison sah seine Kollegen an, die nur bedauernd mit den Achseln zuckten. „Der Täter war ziemlich genau über seine Opfer informiert. Er kannte ihre Gewohnheiten und wusste, wo er ihnen auflauern konnte. Besonders rätselhaft ist der letzte Fall. Wir begreifen nicht ganz, wie der Ausbrecher praktisch unter den Augen von einigen Dutzend Polizisten erschossen werden konnte, ohne dass es die geringste Spur gab.“

„Was sagt der Arzt?“, fragte O’Keefe.

Johnston, ein anderer Sergeant, beantwortete die Frage. „Zwei sind aus nächster Nähe erschossen worden, di Socca wurde aus einer Distanz von etwa acht Metern ermordet. Alle drei sind durch Kopfschüsse getötet worden. Der Täter benutzte Dum-Dum-Geschosse, damit ging er sicher, dass keines seiner Opfer den Schuss überlebte. Der Arzt meinte, die Toten hätten ziemlich schlimm ausgesehen, Sir.“

O’Keefe starrte den Sergeant an. „Ich kann mir vorstellen, wie sie ausgesehen haben. Im Übrigen war ich beim letzten Fall dabei. Diese Einzelheiten können Sie uns ersparen. Wenn es keine weiteren Fakten gibt, möchte ich jetzt Ihre Schlüsse hören, meine Herren.“

Für einen Moment herrschte Schweigen. O’Keefe hatte den Kopf gesenkt und kritzelte auf seiner Schreibunterlage herum. Johnston zündete sich mit bedächtigen Bewegungen eine Zigarette an. Schließlich ergriff Sergeant Harrison wieder das Wort. „Wir haben alle Möglichkeiten diskutiert, Sir. Es gibt unserer Meinung nach nur einen möglichen logischen Schluss: Der Täter ist ein Polizist.“

Das Schweigen breitete sich fast fühlbar aus. Dann sah der Lieutenant mit unbewegter Miene auf. „Daran habe ich auch schon gedacht, meine Herren. Denn es passt alles sehr gut zusammen. Einer unserer Kollegen ist offensichtlich nicht damit zufrieden, mit welcher Langmut Berufsverbrecher von unserer Justiz behandelt werden und wie andere der Gerechtigkeit ständig ein Schnippchen schlagen.“

„Damit ist wohl keiner von uns zufrieden“, warf Harrison ein.

„Nein. Aber deshalb können wir noch lange nicht das Gesetz selbst in die Hand nehmen. Irgendjemand spielt gleichzeitig Ankläger, Richter und Henker. Was wir auch immer von seinen Opfern halten, wir müssen diesen Mann finden. Und zwar schnell. Ich fürchte, diese drei reichen ihm noch nicht. Wenn ein solcher Mann erst einmal mit seiner Methode Erfolg hat, hört er nicht wieder auf.“

„In der Unterwelt wird es Unruhe geben“, sagte Sergeant Johnston. „Wir sollten das für unsere Zwecke ausnützen.“

O’Keefe nickte. „Selbstverständlich. Wir werden alle Informanten auf diesen Fall ansetzen. Im Übrigen wird eine Sonderkommission gebildet, die sich nur mit diesem Fall beschäftigt. Ich erwarte, dass wir schnell Erfolg haben.“

„Das wird schwierig werden“, sagte ein jüngerer Kriminalbeamter, der sich bisher noch nicht an der Unterhaltung beteiligt hatte.

„Das weiß ich“, meinte der Lieutenant. „Aber genau das ist unser Beruf.“ Er stand auf. „Ich werde Sie innerhalb der nächsten zwei Stunden über die Zusammensetzung der Sonderkommission unterrichten.“

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Ken Woods hatte Angst, wollte sich das aber nicht eingestehen. Er verkaufte zum ersten Mal in seinem Leben Rauschgift. Seine Freunde hatten ihn dazu gedrängt. Sie lebten davon, und Ken war von ihrem Lebensstil fasziniert. Er war Halbwaise und wohnte mit seinem Vater in einer großen Wohnung mitten in Manhattan. Er hatte zwar keine finanziellen Sorgen, fühlte aber einen unbestimmten Drang, aus den üblichen Gewohnheiten auszubrechen. Das war auch kein Wunder, denn er war erst 23 Jahre alt.

Ken hatte seine Freunde bedrängt, ihn an ihren Geschäften teilhaben zu lassen. Schließlich hatten sie ihn in ihre Verteilerorganisation aufgenommen. Trotzdem hatte er keine Ahnung, wie und von wem sie den Stoff bezogen. Man hatte ihm ein bestimmtes Quantum gegeben, ihm die Adressen genannt und die Preise, die er dafür fordern musste.

Zuerst hatte Ken es sehr aufregend gefunden, aber nach dem ersten Besuch in einer Art Kommune fühlte er sich abgestoßen von dem, was er sah. Er wünschte, er hätte die Runde bereits hinter sich. Das Haus, vor dem er stand sah ziemlich verkommen aus. Er verglich die Adresse mit dem Zettel, den man ihm gegeben hatte, aber die Adresse stimmte. Er zögerte noch, das Haus zu betreten und verspürte wieder das unbestimmte Angstgefühl. Es war später Nachmittag, und viele Leute beeilten sich, von ihrem Arbeitsplatz nach Hause zu kommen.

Kens Hand umkrampfte das Päckchen mit den kleinen Tüten und ihrem weißen pulverigen Inhalt. Dann entschloss er sich und betrat das Haus. Es ging eine Treppe hoch, und dann sollte es die erste Tür rechts sein. Sein Herz klopfte, als er die Treppe hochschlich. Im Haus war es still, als sei das Gebäude verlassen.

An der Tür stand kein Name. Ken Woods streckte langsam die Hand aus und drückte auf den Klingelknopf. Er zuckte zusammen, als er das Schrillen hörte. Er trat zurück, um sofort die Treppe hinunterlaufen zu können, wenn irgendetwas nicht stimmte. Aber man hatte ihm gesagt, dass es bei den Adressen, die man für ihn ausgesucht hatte, keine Schwierigkeiten geben würde.

Er hörte Schritte hinter der Tür und spürte, wie sein Herz klopfte. Die Tür öffnete sich einen Spalt, und ein Gesicht erschien in der Öffnung. Es sah nicht aus wie das Gesicht eines Rauschgiftsüchtigen.

Es war kantig mit scharf geschnittenen Zügen und gehörte zu einem hochgewachsenen Mann, der ihn aufmerksam betrachtete. Dann erschien ein Lächeln auf dem Gesicht, ohne dass die dunklen Augen mitlächelten, die Tür öffnete sich weiter, und der Mann streckte die Hand aus. „Du bringst sicher den Stoff“, sagte eine leise Stimme.

Ken wich unwillkürlich ein Stück zurück, aber schon schoss ein Arm vor und packte ihn am Handgelenk. Der Griff war fest wie ein Schraubstock. „Komm ein paar Minuten herein, mein Junge. Ich möchte mit dir reden.“

Ken schüttelte den Kopf. „Tut mir leid, Sir“, stammelte er. „Ich habe keine Zeit. Ich habe noch ziemlich viel zu tun. Ich soll nur etwas abgeben und dafür fünfzig Dollar kassieren.“

Der Mann nickte grimmig und zog ihn mit einem heftigen Ruck in die Wohnung. „Dann bist du hier genau richtig.“ Er gab Ken einen kräftigen Stoß zwischen die Schulterblätter, und der Junge taumelte gegen eine Wand. Mit schreckgeweiteten Augen sah er den Mann an.

Der andere grinste böse und trat mit dem Fuß gegen die Wohnungstür, die sich mit lautem Knall schloss. „So, mein Junge, jetzt zeig’ mir mal, was du mitgebracht hast.“ Er streckte fordernd die Hand aus.

Ken sah, dass er dünne schwarze Lederhandschuhe trug. Er sah keine andere Möglichkeit, als zu tun, was der Mann verlangte. Langsam zog er das Päckchen aus der Tasche und hielt es dem Mann entgegen. Der nahm es mit einer fast nachlässigen Handbewegung und riss es auf. Er öffnete eine der Tüten, befeuchtete einen Finger und steckte ihn in das weiße Pulver. Dann probierte er mit der Zungenspitze.

„Du bietest eine verdammt schlechte Qualität an, mein Junge. Der Stoff ist mit Traubenzucker gestreckt. Ich glaube nicht, dass du für eine solche Tüte fünfzig Dollar bekommst.“

Ken verzog das Gesicht. „Davon verstehe ich nichts. Ich verteile den Stoff nur. Und man hat mir gesagt, dass eine Tüte fünfzig Dollar kostet und nicht einen Cent weniger. Wenn Ihnen die Qualität nicht passt, geben Sie mir die Tüten zurück.“

Der Mann lachte kurz auf. „Du bist also ein kleiner schmutziger Dealer, der selbst gar nicht weiß, was er verkauft. Du verdienst dein Geld am langsamen Tod deiner Mitmenschen. Du bist ein mieses kleines Schwein.“ Der Mann starrte ihn mit zusammengezogenen Augenbrauen an, und in seinen Augen war ein fanatisches Glimmen.

„Nehmen Sie denn kein Rauschgift?“, stammelte Ken, der immer noch nicht begriffen hatte.

„Nein!“, sagte der andere hart und stieß Ken weiter vorwärts. Sie gelangten in eine total verdreckte Küche. Der Mann öffnete alle Tüten und schüttete ihren Inhalt in den Ausguss. Dann spülte er das weiße Pulver in den Abfluss. Ken sah ihm fassungslos zu.

Der Mann drehte sich herum und betrachtete den jungen Mann. „Der Kerl, dem du den Stoff bringen wolltest, wurde heute Vormittag verhaftet. In seinem Zustand hat er uns alles verraten, was wir wissen wollten - auch, wann er seine Lieferung erhält. Und so habe ich einfach auf dich gewartet.“

„Sie sind also von der Polizei?“, fragte Ken und verspürte eine Art Erleichterung, dass sein Job so schnell beendet wurde.

„Zurzeit bin ich außer Dienst“, sagte der andere, „und in dieser Zeit erledige ich immer ein paar Sachen, zu denen ich sonst nicht komme. Die Polizei ist nämlich total überlastet.“

„Bin ich verhaftet?“

Der Mann schüttelte den Kopf. „Das lohnt sich nicht.“

„Also wollen Sie mich laufen lassen? Ich habe das heute auch zum ersten Mal getan. Ich wollte sowieso die Finger von dieser Sache lassen. Kann ich dann gehen?“

Der Mann saß ein bisschen traurig aus. „Das Problem mit euch ist, dass ihr immer Versprechungen macht, die ihr nicht haltet. Und deshalb sorge ich dafür, dass Typen wie du keine Gelegenheit mehr haben, ihr Versprechen zu brechen.“

Ken spürte wieder, wie die Angst in ihm hochstieg. Eine eisige Hand griff nach seinem Herzen. Von dem Mann ging eine Bedrohung aus, die er nicht begriff. „Ich verstehe nicht, was Sie meinen.“

Der Mann griff in seine rechte Jackentasche und zog einen Revolver mit aufgesetztem Schalldämpfer heraus. „Es gibt nur eine Möglichkeit, euch die Verbrechen auszutreiben. Wenn das Recht versagt, müssen wir es selbst in die Hand nehmen. Früher hat das auch funktioniert.“ Ken schrie auf und wich bis zur Wand zurück. „Aber das dürfen Sie nicht! Das ist Mord! Ich habe doch nichts getan. Sie können mich doch nicht einfach umbringen!“

Der Mann verzog das Gesicht zu einem dünnen Lächeln und hob den Revolver. „Ich hoffe, meine Maßnahmen sprechen sich allmählich in euren Kreisen herum. Stirb jetzt wenigstens wie ein Mann.“

Ken schrie und weinte gleichzeitig und versuchte, sich mit einem Satz aus der Schusslinie zu bringen. Er stolperte über einen Küchenstuhl und rutschte über den schmutzigen Fußboden.

Die beiden Schüsse kamen so schnell, dass sie wie ein einziger klangen. Sie waren nicht lauter als das Knarren einer Diele.

Die Kugeln erwischten Ken noch mitten im Fall. Als er über den Boden rutschte, zog er eine blutige Spur hinter sich her. Er prallte gegen den Küchenherd, der seine Bewegung stoppte, dann lag er still. Die erste Kugel hatte ihn in die Brust getroffen, die zweite zerriss seine Halsschlagader. Die rote Lache wurde schnell größer.

Der Mann steckte seine Waffe ein und ging auf den Toten zu, wobei er es sorgfältig vermied, in die Nähe der Blutpfütze zu treten. Er bückte sich, öffnete die Finger der rechten Faust des Toten und ließ einen kleinen glänzenden Gegenstand in die Handfläche gleiten.

Dann schloss er die Hand wieder.

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6

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Lieutenant O’Keefe kippte langsam seinen Sessel zurück und legte die Füße auf die Tischplatte. Nachdenklich knabberte er an seinen Daumen. Dann sah er die drei Männer an, die vor seinem Schreibtisch standen: die beiden Sergeants Harrison und Johnston und der Neuling Stevens, der erst vor wenigen Wochen zu der Abteilung versetzt worden war.

„Diesmal ist er zu weit gegangen“, sagte O’Keefe.

Die anderen nickten, sie wussten, von wem die Rede war.

„Die öffentliche Meinung wird außer sich sein“, fuhr O’Keefe fort. „Ich kann mir schon gut vorstellen, was die Zeitungen morgen schreiben werden. Man wird mit allem Nachdruck die Verhaftung des wahnsinnigen Killers fordern, der vermutlich ein Polizist ist. Bis jetzt hat der Kerl abgebrühte Berufsverbrecher erschossen, bei denen sich niemand sonderlich aufgeregt hat. Aber diesmal war es ein junger Mann, der mal über die Stränge geschlagen hat. Wir werden uns jetzt verdammt Mühe geben müssen.“

O’Keefe musterte die anderen drei einen nach dem anderen. „Sie sind Mitglieder der Sonderkommission. Gibt es einen neuen Stand der Ermittlungen?“

Sergeant Harrison zuckte mit den Schultern. „Der letzte Mord unterscheidet sich ein wenig von den anderen. Das Opfer ist kein Gewaltverbrecher wie die anderen und wurde mit zwei Schüssen getötet, nicht nur mit einem wie die anderen. Außerdem hat der Täter mit hoher Wahrscheinlichkeit einen Schalldämpfer benutzt. Aber es gibt keinen Zweifel, dass es sich um denselben Täter handelt, die Kugeln stammen alle aus derselben Waffe.“

O’Keefe nickte nachdenklich. „Und was schließen Sie aus diesen Tatsachen?“

„Der Täter ist vorsichtiger geworden“, warf Johnston ein. „Er weiß sehr genau, was er tut. Und er kann sich sicher gut vorstellen, was für ein Apparat auf seiner Spur ist.“

O’Keefe stand auf. „Also los, meine Herren. Finden Sie heraus, welche Gemeinsamkeiten es zwischen diesen Morden gibt. Irgendeine Verbindung muss existieren. Prüfen Sie die Personalakten sämtlicher Polizisten New Yorks. Benutzen Sie den Computer. Ich möchte zweimal täglich einen Bericht über den Stand der Ermittlungen. Wir haben nicht viel Zeit, denn dieser Kerl kann in jeder Minute wieder zuschlagen.“

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7

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Bount Reiniger saß in seinem Büro hinter dem Schreibtisch, las die Morgenzeitung und rührte gedankenverloren in einer Tasse Kaffee. Er runzelte die Stirn, als er die Schlagzeilen der ersten Seite überflog. Sie mussten von einem Redakteur namens Hiob stammen. Es war immer dasselbe. Irgendwo auf dieser Welt mussten sich Menschen ständig gegenseitig den Schädel einschlagen. Aber warum wunderte er sich? In seinem Job konnte er auch ein Lied davon singen.

Die Tür zum Vorraum öffnete sich einen Spalt, und das blond umrahmte Gesicht von June March erschien in der Öffnung. „Da ist ein Mann, der sich nicht abweisen lässt. Ich habe ihm gesagt, dass er sich telefonisch anmelden soll, aber er sagt, es sei sehr dringend und wenn Sie seinen Fall gehört hätten, würden Sie ihn sofort übernehmen.“

Bount lächelte schwach. „Der Mann scheint sich seiner Sache aber sehr sicher zu sein. Wie heißt er?“

June sah auf einen kleinen Zettel, den sie in der Hand hielt. „Er heißt Jonathan Woods.“

In Bounts Gehirn schrillte eine Alarmklingel. Den Namen hatte er erst kürzlich irgendwo gelesen. „Schicken Sie ihn in fünf Minuten herein“, sagte Bount Reiniger. Dann blätterte er hastig die Zeitung durch.

Auf der ersten Seite der Lokalnachrichten aus Manhattan fand er, was er suchte. Er hatte die Geschichte bereits flüchtig überflogen, aber sich nicht weiter damit beschäftigt. Der Killer, der Gangster umlegte und ihnen eine Dum-Dum-Patrone hinterließ, ging ihn bis jetzt nichts an. Interessant war nur, dass man ihn in Polizeikreisen vermutete.

Die Journalisten hatten für den Killer bereits den abenteuerlichen Namen „der Henker“ erfunden und schrieben, dass die Unterwelt praktisch vor dem Unbekannten zittere. Bount lächelte: So schnell war die Unterwelt nicht von einem einzelnen Mann zu beeindrucken. Und das Syndikat würde sich schon etwas einfallen lassen, nachdem man einen ihrer wichtigsten Leute getötet hatte.

Sein Besucher trat ein. Er mochte an die fünfzig sein, sah sehr kräftig aus, hatte ein offenes Gesicht mit hellen blauen Augen und dichtes graues Haar. Bount bot ihm mit einer Handbewegung einen Stuhl an, und Jonathan Woods setzte sich:

„Ich kann mir vorstellen, weshalb Sie zu mir kommen“, begann Bount das Gespräch.

Woods deutete auf die Zeitung. „Das ist auch nicht so schwer, mein Name steht schließlich in jeder Zeitung, die über diesen Gangster-Killer berichtet. Ja, der Letzte, den er umgebracht hat, ist mein Sohn. Und deswegen bin ich bei Ihnen.“

„Wie kommen Sie gerade auf mich?“

Woods winkte ab. „Das tut nichts zur Sache. Ein Bekannter hat mir Ihren Namen genannt und mir gesagt, dass ich mich auf Sie verlassen kann - und das genügt mir. Vielleicht genügt es Ihnen auch als Begründung?“

Bount nickte. Sein Besucher war nicht zu unterschätzen. Er wusste, was er wollte. Ein Mann mit klaren Vorstellungen.

„Der Mörder wird von der Polizei gejagt“, sagte Bount. „Und ich glaube, dass der Aufwand in diesem Falle recht hoch ist. Die sind doch selbst daran interessiert, den Kerl zu fangen.“

„Das gerade glaube ich nicht“, warf Woods ein. „Ich meine, dass sie versuchen werden, ihn zu decken, selbst wenn sie wissen, wer es ist. Die halten doch zusammen. Und vielen ist es doch auch gleichgültig, ob ein paar Gangster mehr oder weniger umgelegt werden. Wen interessiert das schon?“ Seine Stimme klang bitter. Und so ganz unrecht hat er nicht, dachte Bount Reiniger.

„Und Sie glauben, dass ich als Einzelner eine Chance habe, den Mörder zu finden?“, fragte Bount.

„Ich will mir nicht vorwerfen, eine Chance ausgelassen zu haben. Das bin ich meinem Jungen schuldig.“ Er machte eine kurze Pause. „Übernehmen Sie den Fall?“

Bount nickte langsam. „Ja. Ich übernehme ihn. Aber ich muss Ihnen gleich sagen, dass ich wenig Hoffnung habe. Ich stehe in Konkurrenz zum gesamten Polizeiapparat.“

„Das tun Sie doch öfter.“

„Ich tue, was ich kann. Aber jetzt erzählen Sie mir von Ihrem Sohn. Was hat er getan? Wie geriet er in Rauschgiftkreise?“ Bount klopfte auf die Zeitung. „Das steht wenigstens hier.“

Woods nickte. „Das ist auch richtig. Er hatte viel Freizeit. Meine Frau ist tot, schon seit vielen Jahren. Ich hatte wenig Zeit, mich um ihn zu kümmern. Sie wissen, wie das heutzutage ist. Er hatte eine Art Rebellionsphase, wie es so oft heute zu beobachten ist. Ich hatte mir nichts weiter dabei gedacht, es würde schon vorübergehen ...“

„Sie kannten seine sogenannten Freunde nicht?“, fragte Bount.

Woods schüttelte den Kopf. „Ich wusste, dass er ein paar Kerle kannte, die ich nicht unbedingt in meine Wohnung einladen würde, aber ich habe mir nichts weiter darunter vorgestellt. Dass sie mit Rauschgift handelten, erfuhr ich erst aus der Zeitung.“

„Hatte man Ihren Sohn schon einmal verhaftet?“

Woods blickte entrüstet auf. „Nein! Noch nie. Dann hätte ich ja sofort etwas unternommen. Er hat sich sonst auch ganz normal verhalten. Es war auch nicht so, dass er jeden Abend unterwegs war. Vielleicht ein- bis zweimal die Woche und am Wochenende. Wir haben zwar nicht viel miteinander gesprochen, aber er machte nicht den Eindruck, als ob er Sorgen hätte.“

„Hat er genügend Geld verdient? Wo hat er gearbeitet?“

„Er war technischer Zeichner bei einer großen Baufirma. Seinen gesamten Verdienst konnte er behalten. Er hat auch viel gespart. In dieser Beziehung gab es überhaupt keine Probleme. Es war eben alles ganz normal. Er hat halt eine Dummheit gemacht. Aber das ist doch noch lange kein Grund, ihn einfach abzuknallen. Ohne Gerichtsurteil - einfach so.“

„Es kommt öfter vor, dass irgendjemand sagt: Das Gesetz bin ich. Wir haben da mit unserem Wilden Westen eine lange Tradition.“

„Finden Sie ihn“, sagte Woods. „Und sorgen Sie dafür, dass er keine Gelegenheit mehr hat, junge Leute umzubringen, die mal einen Schritt zu weit gehen.“

Bount erhob sich und streckte ihm die Hand entgegen. „Sie können sich auf mich verlassen. Wo kann ich Sie erreichen?“

„Ich habe Ihrer Mitarbeiterin meinen Namen und die Anschrift aufgeschrieben. Ich habe ihr auch einen Scheck mit einer Vorauszahlung für die erste Woche gegeben.“

„Da wussten Sie aber noch nicht, ob ich Ihren Fall übernehme.“

„Ich war mir ziemlich sicher. Und halten Sie mich auf dem Laufenden.“ Damit war er draußen.

Bount vertiefte sich wieder in seine Zeitung. Dann rief er seine Assistentin. „June, besorgen Sie mir sämtliche New Yorker Zeitungen. Ich brauche alles, was über den Gangster-Killer geschrieben wurde.“

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8

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Die Versammlung der ehrenwerten Herren fand in einem Landhaus außerhalb New Yorks statt. Es war sehr abgelegen und überdies mit einer hohen Mauer umgeben. Im Garten liefen zwei deutsche Schäferhunde hin und her. Zwei Männer mit schlecht sitzenden Jacketts und breiten Schultern lümmelten sich am Tor herum.

Auf dem kiesbestreuten Weg zum Haus standen ein halbes Dutzend Limousinen, vorwiegend schwarz. Die Chauffeure standen in einer Gruppe zusammen und unterhielten sich. Es sah aus wie ein Treffen von Industriebossen. Und so etwas Ähnliches war es auch. Nur die Industrie, die die Herren vertraten, war bei keiner Handelskammer registriert. Man liebte kein Aufsehen.

Dino d’Annunzio biss die Spitze einer dicken Havanna-Zigarre ab und spuckte sie gezielt in den Aschenbecher. Er sah sich um. „Hat jeder zu trinken? Dann können wir wohl anfangen.“

Er war der Gastgeber, denn dieses war sein Landhaus. Man hatte sich dafür entschieden, weil es so abgelegen war. Niemand der Versammelten schätzte es, wenn die Polizei davon Wind bekam, dass sie so vertrauliche Gespräche führten. Offiziell kannten sie sich kaum. Sie würden notfalls jederzeit beschwören, sich noch nie gesehen zu haben.

Vito Savoia nippte an seinem Drink. „Es sieht ganz so aus, als sei dieser verrückte Killer ein Polizist. Die Presse ist dieser Ansicht, und die Polizei selbst glaubt es auch - wenn sie es auch nicht offiziell zugeben. Aber mein Verbindungsmann hat es mir erzählt.“

„Nach allem, was wir bis jetzt wissen, sieht es ganz so aus“, meinte Stefano Bernardo. „Wir haben inzwischen sämtliche Kanäle eingeschaltet. Die Polizei arbeitet angeblich mit Hochdruck, aber ich weiß aus zuverlässiger Quelle, dass es eine ganze Reihe Bullen gibt, die es am liebsten sähen, wenn dieser Killer noch lange Zeit weiter ungestört arbeiten könnte. Sie sind der Ansicht, er nimmt ihnen die Arbeit ab.“

„Der letzte Mord an diesem jungen Rauschgifthändler hat aber einen leichten Stimmungsumschwung bewirkt“, warf Geno Vecchio ein. „Wenn der Killer noch einen fast Unschuldigen umlegen würde, sähe das ganz anders aus. Bis jetzt hält man ihn bei der Polizei für einen ganz normalen Mann, der nur aus irgendwelchen Gründen ein bisschen durchgedreht ist und das Gesetz in die eigene Hand genommen hat. Vielen Bullen geht es doch ähnlich. Sie würden das auch gerne tun und bewundern wahrscheinlich insgeheim diesen Kollegen, der sich traut, solche Gedanken in die Tat umzusetzen.“

Der alte Bonnanzone meldete sich zu Wort. „Wie ist unsere Interessenlage? Der Killer hat unseren Freund di Socca umgelegt, gut. Aber sind wir nicht aus dem Alter heraus, wo es um kindische Rache geht?“

„Darum geht es auch nicht“, meinte Savoia sanft. „Aber wir glauben, dass auch noch andere von uns auf der Killer-Liste stehen. Die Gründe dafür sind bei jedem von uns so gut oder so schlecht wie bei di Socca. Ich persönlich habe keine Lust, solange zu warten, bis er mich erwischt. Ich bin nicht ohne Initiative so groß geworden.“

Die anderen nickten. Sie waren der gleichen Ansicht. Bonnanzone hob die Hände. „Also gut. Welche Chancen haben wir, den Kerl aufzuspüren?“

„Kaum eine Chance“, sagte Bernardo. „Er sitzt mitten im Polizeiapparat, und so weit reichen unsere Verbindungen nun auch wieder nicht, dass wir sämtliche Ergebnisse der Nachforschungen erfahren. Außerdem besteht die Gefahr, dass der Killer von seinen Kollegen gedeckt wird, selbst wenn sie wissen, wer es ist.“

„Was können wir also tun?“, fragte Vecchio. „In knapp drei Wochen wurden vier Leute umgelegt. Wir müssen damit rechnen, dass der nächste bald fällig ist. Und wir haben keine Ahnung, wer der Nächste auf seiner Liste ist. Wir müssen uns Gegenmaßnahmen einfallen lassen. Denn es ist ausgeschlossen, dass wir uns Tag und Nacht mit einer großen Leibwache umgeben. Das würde die Polizei nur neugierig machen und uns bei unseren Geschäften empfindlich stören.“

„Du hast noch gar nichts gesagt“, wandte sich d’Annunzio an den Jüngsten in ihrem Kreis, Giacomo Angelo, der die Nachfolge di Soccas angetreten hatte. Er hatte zwar noch nicht viel Erfahrung, aber eine Menge einflussreicher Freunde, darunter auch zwei Staatsanwälte und einen Senator.

„Ich bin für Gegenmaßnahmen“, sagte Angelo. „Wir müssen uns wehren. Und wenn die Polizei ihre Nachforschungen nicht mit dem nötigen Nachdruck betreibt, müssen wir sie dazu zwingen.“

Für einen Augenblick herrschte Schweigen. Dann sagte Savoia: „Wie stellst du dir das vor? Die Polizei zu zwingen! Wir haben zwar gute Verbindungen, aber sie reichen nicht gerade zum Polizeipräsidenten.“

Angelo lächelte leicht. „So direkt geht das auch nicht. Es ist ein Plan, für den man Fantasie braucht. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ihr die nicht habt.“

Vecchio knurrte unwillig. Angelo war seiner Meinung nach zu weit gegangen. Er war noch nicht lange genug in dieser Versammlung, um so einen Ton zu riskieren.

Nur Bonnanzone lachte plötzlich laut auf. „Ich glaube, euch allen trocknet schon das Gehirn aus. Zu meiner Zeit haben wir auch fantasievolle Dinge gemacht. Aus Giacomo wird ein großer Mann werden. Ich weiß, was er meint. Es gibt nur diese eine Möglichkeit. Und sie ist so gut, dass sie von mir sein könnte.“ Der alte Mann gluckste in sich hinein.

Die Gesichter der anderen waren einzige Fragezeichen. Alle Köpfe drehten sich zu Angelo. „Nun mach’s nicht so spannend“, sagte Vecchio ungeduldig.

Angelo beugte sich vor und zündete sich eine Zigarette an. Er genoss die Situation, im Mittelpunkt des Interesses der wichtigsten Leute der Organisation zu stehen. „Geno Vecchio hat vorhin selbst das Stichwort gegeben“, sagte er schließlich. „Der letzte Mord an einem fast Unschuldigen hat einen Stimmungsumschwung bewirkt. Wenn noch so ein Fall passiert, werden die Bullen anders über ihren Kollegen denken. Also muss ein solcher Fall geschehen.“

Jetzt redeten alle durcheinander. D’Annunzio hob die Hand. „Einer nach dem anderen. Giacomo, wie ist dein Plan?“

„Wir imitieren einen Mord des Gangster-Killers mit allen Einzelheiten, also mit Dum-Dum-Geschoss und so weiter. Nur das Opfer ist kein Verbrecher, sondern ein Unbeteiligter.“

„Ganz unschuldig geht nicht“, sagte Bernardo, „sonst ist es unglaubwürdig. Es muss jemand sein, der ein paar Kleinigkeiten ausgefressen hat, wofür er höchstens ein paar Monate Gefängnis bekommen würde, und die noch auf Bewährung. Er muss die Sympathie der Presse haben. Der Killer muss als Wahnsinniger dargestellt werden, der jeden umlegt, der auch nur entfernt mit dem Gesetz in Konflikt kommt. Und dann bleibt der Polizei nichts anderes übrig, als mit allen Mitteln zu reagieren, die sie hat.“

„Das klingt verdammt gut“, meinte Vecchio. „Aber jede Einzelheit muss genau überlegt werden. Die Polizei muss sicher sein, ein neues Opfer des Gangster-Killers vor sich zu haben. Wir brauchen alle Einzelheiten über die bisherigen Morde, damit wir uns genau an das Muster halten können. Jemand muss die Planung übernehmen.“

„Das mache ich“, warf Angelo ein. „Ich habe mir schon alles ziemlich genau überlegt. Es wird keine Fehler geben. Ich brauche nur noch ein Opfer.“

Bernardo hob die Hand. „Dafür könnte ich sorgen. Wir schlagen gleich zwei Fliegen mit einer Klappe. Da gibt es jemanden, der uns ständig Schwierigkeiten macht. Dieser Mann steht schon lange auf der Liste. Und er ist bei der Polizei bisher kaum aufgefallen.“

Bonnanzone rieb sich die Hände und kicherte. „Das wird immer besser. Ein verdammt guter Schachzug - wie in den alten Zeiten. Die Sache gefällt mir.“

„Nur noch der Form halber“, sagte d’Annunzio. „Wir müssen noch abstimmen, ob Giacomos Plan angenommen ist. Wer ist also dafür, das Problem mit dem Gangster-Killer in der besprochenen Form zu regeln, um die Polizei zu zwingen, den Kerl schnellstens zu fassen und um keine Sympathien mehr für ihn zu wecken?“

Es gab weder Gegenstimmen noch Enthaltungen. Die Organisation begann zurückzuschlagen. Auf ihre Art.

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9

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Bount Reiniger ließ sich mit einem alten Freund verbinden, der im Polizeipräsidium im Archiv tätig war. Von ihm hatte er schon oft nützliche Tipps und Hinweise erhalten, wenn er sonst nicht weiterkam. Er musste ein paar Minuten warten, bis Sam Mercer ans Telefon gerufen wurde. Endlich hörte er die tiefe Stimme. „Ja, bitte?“

„Sam, hier ist Bount, Bount Reiniger. Ich brauche ein paar Auskünfte über den sogenannten Gangster-Killer. Ich möchte vor allen Dingen wissen, ob ...“

„Tut mir leid, ich weiß nicht, wer dort spricht“, antwortete Sam und legte auf.

Bount starrte auf den Hörer in seiner Hand und legte ihn dann auch langsam auf die Gabel. So kannte er seinen Freund gar nicht. Er musste doch gewusst haben, wer am Apparat war, schließlich hatte Bount sich deutlich gemeldet. Es war klar, dass Sam nicht mit ihm sprechen wollte. Aus welchen Gründen auch immer. Sicher gab es dafür eine Erklärung.

Achselzuckend beschäftigte Bount sich wieder mit den Zeitungen, die June March ihm besorgt hatte. Im Wesentlichen stand in allen fast das Gleiche. Die Polizei war mit ihren Informationen offenbar sehr vorsichtig, und die Journalisten mussten Spekulationen anstellen. Der Verdacht, dass der Killer von der Polizei kam, war aber nicht dementiert worden, das hieß, die Polizei war selbst dieser Ansicht. Es gab ja auch genügend Gründe, die dafür sprachen.

In diesem Augenblick klingelte das Telefon. Bount nahm ab und meldete sich.

„Hier ist Sam Mercer“, meldete sich eine tiefe Stimme. „Du musst entschuldigen, dass ich dich vorhin so einfach abgehängt habe, aber jetzt spreche ich von einem anderen Apparat. Das Stichwort mit dem Gangster-Killer wirkt bei uns wie ein rotes Tuch, und ich bin mir nicht sicher, ob so ein Gespräch nicht mal abgehört wird. Und dann hätte ich eine Menge unangenehme Fragen zu beantworten.“

Bount lachte. „Das verstehe ich, alter Junge. Etwas Ähnliches habe ich mir schon gedacht. Ich wollte von dir nur wissen, ob es bei euch schon konkrete Verdachtsmomente gibt, irgendwelche Hinweise in einer bestimmten Richtung.“

Sams Stimme klang misstrauisch. „Was hast du denn mit diesem Fall zu tun. Ich kann mir nicht vorstellen, wie ein Privatdetektiv an einen solchen Fall gerät.“

„Das ist ganz einfach“, sagte Bount. „Wenn einem Vater der einzige Sohn erschossen wird und die Polizei im Verdacht steht, den Täter zu schützen, dann muss dieser Mann andere Wege gehen.“

„Verstehe“, sagte Sam nach einer kurzen Pause. „Aber meine Kollegen wollen den Täter durchaus nicht schützen, obwohl ich nicht abstreiten will, dass es ein paar Leute gibt, die sein Vorgehen insgeheim billigen. Aber die Mehrzahl will diesen Verrückten ebenso schnell hinter Gittern sehen wie die Betroffenen.“

„Und die Unterwelt“, fügte Bount hinzu.

Sam lachte. „Die muss allerdings auch großes Interesse daran haben, den Killer unschädlich gemacht zu wissen. Ich könnte mir vorstellen, dass einige Leute ganz schön zittern.“

„Sie werden besser aufpassen müssen“, sagte Bount. „Aber zu meiner Frage zurück. Wie sieht es aus bei euch?“ Sam wurde wieder reserviert. „Tut mir leid, Bount. Trotz unserer Freundschaft, in dieser Sache kann ich dir nicht weiterhelfen. Das ist viel zu heiß. Du hast ja keine Ahnung, was bei uns los ist. Wenn jemand nur den Verdacht hat, dass ich ausgerechnet über diesen Fall Informationen weitergebe, bin ich fällig. Ich stehe kurz vor der Pensionierung, Bount. Ich kann jetzt keinen Fehler mehr riskieren.“

„Das verstehe ich, Sam. Vielleicht kannst du mir nur eine einzige Frage beantworten: Gibt es einen Verdacht in einer bestimmten Richtung oder auf eine bestimmte Person?“

„Auch das kann ich dir nicht sagen, denn ich weiß es nicht. Für die Bearbeitung dieses Falles wurde eine Sonderkommission gebildet, und diese Jungs sind verschlossen wie die Austern. Außerhalb der Kommission weiß keiner meiner Kollegen, in welchem Stand sich die Ermittlungen befinden. Und das ist auch gut so, denn jeder kann schließlich der Täter sein.“

„Ist klar, Sam. Ich danke dir trotzdem, dass du mich angerufen hast. Ich muss versuchen, selbst weiterzukommen, wenn ich auch noch nicht weiß, wie.“

„Alles Gute, Bount. Und meld dich mal wieder.“

Langsam legte Bount auf. Es sah so aus, als sollte dieser Fall sehr schwierig werden. Es könnte sein, dass er sich daran die Zähne ausbiss. Aber so leicht gab er nicht auf.

June March trat ins Zimmer. „Kann ich Ihnen irgendwie helfen? Ich habe den ganzen Papierkram fertig. Alle Rechnungen sind bezahlt, alle Briefe beantwortet.“

„Tüchtig, tüchtig“, murmelte Bount Reiniger geistesabwesend.

„Ich habe gefragt, ob ich helfen kann“, wiederholte June ihre Frage etwas lauter.

Bount blickte auf, als hätte er jetzt erst ihre Anwesenheit zur Kenntnis genommen. „Das wird schwierig werden“, meinte er tiefsinnig.

„Was?“, erkundigte June sich.

Bount stand auf und ging zum Fenster. „Ein wahnsinniger Killer, der sich seine Opfer aus der Kartei heraussuchen kann und den ganzen Apparat der Polizei zur Verfügung hat. Das ist eine seltene Kombination.“

„Aber es muss doch eine Verbindung zwischen den einzelnen Fällen geben“, sagte seine Assistentin. „Ein einzelner Polizist, selbst an höherer Stelle, kann nicht über alle Verbrechen in New York informiert sein. Es muss Gemeinsamkeiten geben. Vielleicht ist es jemand, der mit allen vieren bereits zu tun hatte. Irgendwie muss er die Hinweise ja bekommen haben.“

Bount schüttelte den Kopf. „So einfach ist das nicht. Der Killer wird nicht so dumm sein, eine so klare Spur zu legen. Dann hätte ihn der Computer in fünf Minuten herausgefunden. Die können doch sämtliche Daten einspeisen und feststellen, welcher Beamte mit den Verbrechern in Berührung gekommen ist. Es muss eine andere Verbindung geben. Denn ganz so wahllos kann es auch wieder nicht sein.“

„Gehen wir doch methodisch vor, und zählen wir die Fakten auf, die wir haben“, meinte June. Ihr Gesicht glühte vor Eifer.

Bount sah sie erstaunt an. „Wieso sind Sie über den Fall bereits informiert?“

„Ich kann auch Zeitung lesen“, antwortete sie kurz.

„Na schön, dann schießen Sie mal los“, sagte Bount belustigt.

„Erstens: die Opfer. Sie sind sehr verschieden. Ein Einbruchspezialist, ein Mafiaboss, ein altgedienter Berufsverbrecher und Ausbrecherkönig und ein kleiner Rauschgifthändler. Hier dürfte es wohl kaum Gemeinsamkeiten geben. Zweitens: die Tat selbst. Sie ist immer ähnlich. Der Täter kennt die Gewohnheiten seiner Opfer genau. Er weiß, wo sie sich wann aufhalten. Er tötet sie mit einem Revolverschuss und Dum-Dum-Munition. Er hinterlässt keine Spuren. Drittens: der Täter. Er ist mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Polizist.“

„Sehr gut“, sagte Bount. „Viel mehr wissen wir tatsächlich nicht. Die Presse jedenfalls nicht. Und ich habe keine andere Quelle, die ich anzapfen kann.“

June zog ihre hübsche Stirn kraus. „Was ist eigentlich Dum-Dum-Munition?“

„Das ist Munition, die von allen Nationen geächtet wurde. Man kann sie aus normaler Munition selbst herstellen. In der Regel genügt eine kreuzförmige Einkerbung an der Geschossspitze. Dadurch deformiert sich die Kugel beim Aufprall stark. Die furchtbaren Wunden, die entstehen, sind normalerweise tödlich.“

Sie schüttelte sich. „Das ist also etwas für Leute, die unbedingt sichergehen wollen?“

„So kann man es auch ausdrücken. Ich glaube in unserem Fall aber nicht, dass das der Grund ist. Unser Killer schießt sehr präzise, das beweist der Schuss auf di Socca, den er mit einem Revolver immerhin aus einiger Entfernung getroffen hat, und das ist gar nicht so einfach.“

„Aber was könnte dann der Grund für diese Munition sein?“

„Er will Angst und Schrecken damit verbreiten, glaube ich. Diese Munition ist zu recht von allen gefürchtet, die etwas vom Schießen verstehen. Er will allen anderen andeuten, dass seine Opfer keine Chance haben.“

„Was mag das für ein Mensch sein?“, sagte June leise.

Bount zuckte mit den Schultern. „Er sieht wahrscheinlich aus wie die meisten Mörder. Sie würden ihn nicht erkennen. Und Sie dürfen nicht vergessen, dass er sich im Recht fühlt. Er ist mit Sicherheit der Ansicht, dass durch seine Aktionen die Menschheit von Schädlingen befreit wird. Er glaubt, dass die Justiz machtlos ist gegen viele Verbrecher, und da ist ja auch was dran. Aber Psychopathen wie er erkennen ihre Grenzen nicht mehr. Nach den ersten Morden wurde er in seinen Ansichten wahrscheinlich noch bestärkt, und jetzt schlägt er immer wahlloser zu. Vielleicht fühlt er sich auch als Werkzeug Gottes. Das soll es schon oft gegeben haben.“

„Gibt es eine Chance, ihn zu fassen?“

„Eine Chance gibt es immer. Die Schwierigkeit liegt nur darin, dass er sich praktisch selber jagt. Wahrscheinlich hat er die Möglichkeit, zu erfahren, in welche Richtungen die Ermittlungen gehen. Dann kann er rechtzeitig Gegenmaßnahmen treffen.“

„Vielleicht ist er sogar ein höherer Polizeioffizier“, sagte June.

„Womöglich Mitglied der Sonderkommission!“ Bount lachte kurz auf. „Das wäre allerdings ein Witz.“

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Lee Hall hatte eine kleine Kneipe in der 28. Straße. Sie war nicht gerade eine Goldgrube, aber sie sicherte ihm einen ausreichenden Lebensstandard. Er hatte keine Angestellten, sondern machte alles allein. Nur an den Samstagabenden, wenn es besonders voll war, half ihm eine Bekannte, die in seiner Nähe wohnte.

Die Kneipe war gemütlich eingerichtet. Die Wände waren getäfelt, der Raum mit Zwischenwänden unterteilt. Es gab eine Musik-Box und einen Geldspielautomaten. Man konnte bei Lee in Ruhe sein Bier oder seine Cola trinken und auch eine Kleinigkeit essen. Das Publikum war sehr gemischt, es gab Arbeiter darunter sowie Angestellte oder Studenten. Die meisten verkehrten schon lange bei Lee und er kannte sie.

Lee Hall hatte die Figur eines Kleiderschranks. Er war stark wie ein Bär und wusste das auch. Unter seiner Theke lag ein Holzknüppel von sechzig Zentimeter Länge und so dick wie ein stabiles Tischbein. Er konnte damit umgehen, hatte aber kaum Verwendung dafür.

Seine Gäste waren ruhig. Es gab mal einen lautstarken Streit, aber nie eine ernsthafte Schlägerei. Sie hatten alle Respekt vor dem Wirt. Einige hatten versucht, mal einen Streit vom Zaum zu brechen, aber Lee hatte sie sehr schnell zur Vernunft gebracht, und sie versuchten das nie wieder.

Mit dem Gesetz hatte er kaum Schwierigkeiten. Es hatte vor Jahren mal eine Razzia wegen Rauschgift gegeben, sie war aber erfolglos geblieben. Lee hatte die beiden Siebzehnjährigen schnell in seinen Privaträumen versteckt, wo sie nicht entdeckt wurden. Als die Polizei wieder abgezogen war, hatte er den beiden auf seine Art sehr ernsthaft ins Gewissen geredet. Sie konnten sich zwar ein paar Tage nicht in der Öffentlichkeit sehen lassen, versuchten aber nie wieder, in seiner Kneipe mit Rauschgift zu handeln. Ob sie es anderswo taten, interessierte ihn nicht. Er behauptete auch nicht, ein Heiliger zu sein.

Er hatte zwei Vorstrafen, die beide zur Bewährung ausgesetzt waren. Es handelte sich in beiden Fällen um geringfügige Körperverletzungen. Manchmal rutschte ihm die Hand halt ein bisschen aus. Wobei hinzugefügt werden muss, dass die beiden, die ihn anzeigten, eine sehr viel größere Tracht Prügel verdient hätten.

Lee Hall war eingefleischter Junggeselle und ging jede Woche zum Football, eines der wenigen Vergnügen, die er sich gönnte. Sein zweites Hobby waren schnelle Autos. Dabei gab es nur eine Schwierigkeit: Die Sportwagen, die er in raschem Wechsel fuhr, waren meistens zu klein für ihn, und er hatte beim Ein- und Aussteigen immer ziemliche Mühe.

Und dann gab es da noch ein kleines Problem. Eines Tages waren zwei schmierige Typen erschienen und hatten von seiner Sicherheit gefaselt, für die sie gegen Zahlung eines geringen Beitrages sorgen würden.

Lee verstand erst nicht, was sie eigentlich von ihm wollten, bis er begriff, dass er es mit Abgesandten eines Rackets zu tun hatte, die ihn schlicht erpressen wollten. Dann aber reagierte er sehr schnell. Mit einer Geschwindigkeit, die niemand seiner massigen Gestalt zutraute, zauberte er seinen Holzknüppel unter der Theke hervor und schwang ihn mit einer kreisenden Bewegung gegen die beiden Typen.

Sie waren so verblüfft, dass sie sich im ersten Augenblick nicht rührten. Der kleinere von ihnen wurde am Kopf getroffen und stolperte kreischend zu Boden. Der andere versuchte seine Waffe zu ziehen.

Lee Hall war wie der Blitz um seinen Tresen geschossen, und der Knüppel sauste mit voller Wucht gegen den Unterarm des Gangsters. Er heulte auf und ließ die Waffe fallen, die er schon halb aus dem Holster gezogen hatte. Jetzt kam der erste leicht schwankend wieder hoch. Mit tückischem Grinsen zog er ein Klappmesser heraus, aber Lee hatte keine Lust, sich auf einen längeren Kampf einzulassen.

Sein Knüppel pfiff durch die Luft, und die Messerhand des Gangsters wurde auf einem hölzernen Barhocker fast zu Brei gequetscht. Mit einem tierischen Schrei brach der Gangster ohnmächtig zusammen. Sein Kumpel hatte ihn wortlos aus dem Lokal geschleift. Und an der Tür drohte er, sie würden wiederkommen.

Das war drei oder vier Monate her, und Lee Hall hatte den Zwischenfall fast vergessen, als er den Mann bemerkte, der eben den Gastraum betreten hatte. Lee hatte ein Gespür für die Gefahr, und er wusste sofort, dass von diesem Mann eine tödliche Gefahr ausging. Schwach erinnerte er sich an die Drohung, dass die Gangster wiederkommen wollten. Er wusste plötzlich, dass es heute so weit war.

Lee warf einen Blick in die Runde. Das Lokal war fast leer. An der Bar saß niemand, an der Wand waren nur zwei Tische besetzt. Ein verliebtes Pärchen und ein einzelner Mann, der still ein Bier nach dem anderen Trank. Von den Gästen war keine Hilfe zu erwarten.

Lee sah dem Mann entgegen, der mit langsamen Schritten näher kam, nachdem er sich aufmerksam umgesehen hatte. Er war sehr groß und ziemlich schlank. Der Hut war tief in die Stirn gezogen und bedeckte das kantige Gesicht zum großen Teil. Die Hände hingen locker an den Seiten herab.

Er schwang sich auf einen Barhocker und stützte die Arme auf die Theke. Lee sah erst jetzt, dass er Handschuhe trug.

„Ein Bier bitte“, sagte der Mann leise.

Lee nickte und ging zum Zapfhahn. Zischend schoss das Bier ins Glas. Der Mann beobachtete ihn aufmerksam. Er hatte keine Chance, nach seinem Knüppel zu greifen. Das war vermutlich auch sinnlos. Denn hier hatte er es mit einem Profi zu tun und nicht mit einem drittklassigen Gangster.

„Danke“, sagte der Mann, als Lee das Bier vor ihn hinstellte. Dann griff er mit einer raschen Bewegung unter seine linke Achsel und zog einen 38er Colt mit kurzem Lauf und aufgeschraubtem Schalldämpfer hervor.

Lee öffnete den Mund und wollte sich in Deckung werfen, als die Waffe auch schon ihre tödliche Ladung ausspuckte. Die Kugel traf ihn genau an der Nasenwurzel und schleuderte ihn durch die Wucht ihres Aufpralls gegen das Regal mit den Flaschen und Gläsern. Lee Hall rutschte wie ein Sack unter die Theke, ein Glasregen folgte ihm.

Das Dum-Dum-Geschoss hatte auf diese Entfernung verheerend gewirkt, und der Spiegel hinter dem Flaschenregal sah entsprechend aus.

Die anderen Gäste waren aufgesprungen und starrten entsetzt auf den Mörder. Er drehte sich auf seinem Barhocker herum und machte eine kreisende Bewegung mit der Waffe. Dann trieb er sie in die Toilette und schloss sie dort ein.

Auf dem Rückweg stellte er eine Patrone sorgfältig in die Mitte der Theke, nahm noch einen Schluck aus seinem Bierglas und verschwand nach draußen.

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Die Laune von Lieutenant O’Keefe war auf einem Tiefpunkt angelangt. Seine Untergebenen bemühten sich, möglichst unsichtbar zu bleiben und nur nicht aufzufallen, denn in solchen Momenten war der Lieutenant unberechenbar. Aber den Mitgliedern der Sonderkommission war es nicht gelungen, sich aus der Schusslinie zu bringen. Die Männer standen betreten vor O’Keefes Schreibtisch und machten sich so klein wie möglich.

Niemand wagte etwas zu sagen, während der Lieutenant mit gesenktem Kopf in seinen Akten wühlte. Plötzlich hieb er mit der Faust auf den Tisch und brüllte: „Ich werde diesen verdammten Kerl kriegen!“

Alle zuckten zusammen, aber der Ausbruch war schon vorüber, und mit ruhiger Stimme sagte O’Keefe: „Sergeant Harrison, was schreiben die Zeitungen zu dem Fall?“

Harrison drehte seinen Hut in den Händen. „Man kann es auf einen einzigen Nenner bringen. Ein Aufschrei der Empörung geht durch den Blätterwald. Alle Zeitungen fordern entschiedene Maßnahmen von der Polizei, endlich diesen wahnsinnigen Killer zu fassen. Es werden wieder Vorwürfe laut, dass der Gangster Killer in den Reihen der Polizei zu suchen ist. Einige Blätter behaupten, dass er von seinen Kollegen geschützt wird. Es gibt sogar Vermutungen, wonach der Killer im Einverständnis mit seinen Vorgesetzten handelt. Man stellt Parallelen zu den südamerikanischen Todeskommandos auf.“

O’Keefe sah seine Mitarbeiter düster an. „Dass wir immer die Schuldigen sind, ist ja klar. Damit müssen wir uns abfinden. Aber dass man uns vorwirft, wir schützen diesen Gangster-Killer vielleicht - das ist zu viel. Trotzdem werden wir uns jetzt beeilen müssen, um der Öffentlichkeit wenigstens einige brauchbare Spuren vorzeigen zu können. Also, befassen wir uns mit dem letzten Fall.“

Sergeant Johnston blätterte in seinem schwarzen Notizbuch. „Bei dem Toten handelt es sich um den Gastwirt Lee Hall. Er ist zweimal vorbestraft wegen Körperverletzung. Nach Auskunft des örtlichen Reviers gibt es über sein Lokal keine Klagen. Er duldet dort keine Ungesetzlichkeiten.“

„Wieso kommt er dann auf die Todesliste des Gangster-Killers?“, erkundigte sich Stevens.

O’Keefe warf dem Neuling einen milden Blick zu. „Wenn wir mehr über die Denkweise des Wahnsinnigen wüssten, hätten wir ihn auch bald. Wer weiß schon, was in so einem Psychopathen vorgeht?“

„Ich glaube nicht, dass es sich um einen Wahnsinnigen handelt“, sagte Harrison. „Dazu ist er zu gerissen, er hinterlässt einfach keine Spuren. Das ist ein Mann, der sehr genau weiß, was er tut.“

O’Keefe zuckte mit den Schultern. „Schon möglich.“

Johnston blätterte wieder in seinem Notizbuch. „Hall wurde durch einen Schuss in den Kopf getötet. Das Dum-Dum-Geschoss hat ihm den halben Kopf weggerissen.“

„Ersparen Sie uns diese Einzelheiten. Das wissen wir allmählich“, warf der Lieutenant ein.

„Auf dem Tresen lag eine Patrone“, fuhr Johnston fort. „Dabei handelt es sich ebenfalls um ein Dum-Dum-Geschoss. Es wurde nur ein einziger Schuss abgegeben - wie bei den anderen auch. Nach dem Tathergang sieht es so aus, als ob es sich um den gleichen Täter handelt.“

„Was heißt, es sieht so aus? Ist es der gleiche oder nicht?“ O’Keefe stand auf.

„Ich habe hier den Bericht des Labors, Sir“, sagte Johnston. „Es steht zweifelsfrei fest, dass das tödliche Geschoss aus einer anderen Waffe kam als die anderen Kugeln. Es handelt sich zwar auch um einen 38er, aber eben einen anderen. Wenn es derselbe Täter ist, dann hat er zwei Waffen.“

O’Keefe setzte sich wieder. „Das ist interessant“, murmelte er. „Und noch etwas ist anders. Der Tote ist kein Gangster wie die vorigen. Entweder ist der Killer durchgedreht und erschießt jeden, mit dem er vielleicht mal zu tun hatte - oder wir haben einen zweiten Killer, der den ersten nachahmt, das wäre schließlich nicht das erste Mal.“

„Das ist denkbar.“ Harrison nickte. „Wir sollten die Bekanntschaft von diesem Hall gründlich durchforsten. Vielleicht finden wir jemanden, der eine alte Rechnung mit ihm begleichen wollte und dabei die Spur auf den Gangster-Killer lenkte. Es stand ja genug darüber in der Zeitung.“

„Was sagen die Zeugen?“, fragte O’Keefe.

„Nichts“, meinte Johnston. „Sie haben den Killer nicht richtig gesehen. Dann waren sie angeblich so verängstigt, dass sie ihn lieber nicht angesehen haben, als er sie in der Toilette einsperrte. Sie haben eine Beschreibung abgeliefert, die auf etwa eine halbe Million Männer in New York passt. Wahrscheinlich würden sie ihn noch nicht mal wiedererkennen.“

„Na dann, an die Arbeit, Leute“, sagte O’Keefe, stand auf und angelte sich seinen Hut vom Kleiderständer.

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Bount Reiniger hockte gedankenverloren an seinem Schreibtisch und starrte auf die Berichte, bis die Buchstaben vor seinen Augen verschwammen. June hatte alle Artikel, die über den Gangster-Killer berichteten, ausgeschnitten und aufgeklebt. Diese Artikel waren zunächst seine wichtigste Informationsquelle, und er musste versuchen, sich aus den verschiedenen Darstellungen ein Bild zu machen.

Allmählich kam Bount zu der Überzeugung, dass auch die Journalisten nicht sehr viel wussten, sondern nur eine ganze Reihe von Vermutungen vor ihren Lesern ausbreiteten. Die Polizei schien bei diesem Fall so zugeknöpft wie selten.

Bount musste einen anderen Weg gehen. Es hatte keinen Sinn, die Artikel auswendig zu lernen und darauf zu hoffen, irgendwo die entscheidende Spur zu finden. Er musste dort beginnen, wo auch die Polizei anfing: bei den Ermordeten und am Tatort. Bount knurrte unwillig. Er hatte vorher gewusst, dass dieser Fall schwierig werden würde.

Er drückte auf den Knopf der Sprechanlage. „June, ich fahre zu der Kneipe von Lee Hall. Hier komme ich nicht weiter. Halten Sie hier die Stellung.“

„Ist gut. Passen Sie auf sich auf.“

Bount lächelte. „Ich glaube nicht, dass der Killer zweimal an einen Tatort kommt.“

„Das kann man nie wissen“, kam die ernsthafte Antwort durch den Lautsprecher. Bount schaltete ab.

Wenige Minuten später steuerte er seinen schweren Mercedes durch den dichten Vormittagsverkehr. Er schaltete das Autoradio ein. Auch der Nachrichtensprecher befasste sich gerade mit dem Gangster-Killer. Aber es gab keine neuen Erkenntnisse, nur die Forderung, die Polizei möge bald Ergebnisse vorweisen. Auch die Politiker hatten sich in den Fall eingeschaltet. Hier gab es gute Gelegenheiten, sich auf Kosten einer als unfähig hingestellten Polizei zu profilieren. Insbesondere die Herren der Opposition waren für scharfes Durchgreifen. Sie sagten aber nicht, gegen wen.

Kopfschüttelnd drehte Bount den Sender wieder ab. Er achtete jetzt stärker auf die Straßenbezeichnungen, denn es konnte nicht mehr weit sein.

Da war auch schon die 28. Straße. Er bog ab und fuhr langsam weiter. Als er noch einige Blocks von der Adresse entfernt war, suchte er schon nach einem Parkplatz. Er hatte Glück, der Mercedes passte gerade in eine Lücke, in die ein schwerer Straßenkreuzer vergeblich hineinzukommen versuchte. Bount wartete, bis der andere aufgab, und stellte den Wagen ab.

Es waren nur ein paar Minuten bis zu Lee Halls Kneipe. Bount betrachtete das Lokal von der anderen Straßenseite. Es sah von außen so aus wie tausend andere Lokale auch. Nichts wies darauf hin, was sich kürzlich hier abgespielt hatte.

Bount überquerte die Straße und versuchte die Tür zu öffnen. Zu seinem Erstaunen war nicht abgeschlossen. Er entdeckte auch kein Siegel an der Tür und trat kurz entschlossen ein.

Hinter der Theke war eine vielleicht vierzigjährige Frau damit beschäftigt, Gläser und Spiegel zu polieren. Sie ließ den Lappen sinken und starrte ihn ein wenig ängstlich an.

„Das Lokal ist noch geschlossen“, sagte sie schließlich.

Bount nickte und trat näher. „Ich weiß. Mein Name ist Bount Reiniger. Ich bin Detektiv und möchte Ihnen ein paar Fragen stellen.“

„Ich habe Ihren Kollegen doch schon alles gesagt, was ich weiß“, meinte sie unwillig. Sie warf den Lappen in einen Eimer und wischte sich die Hände ab. „Und ich weiß fast nichts, denn ich war schließlich nicht hier, als es passierte.“

Bount schüttelte den Kopf. „Ich bin nicht von der Polizei. Ich bin Privatdetektiv.“

Ihr Gesicht wurde noch misstrauischer. Mit gerunzelter Stirn sah sie ihn an. „Und was haben Sie damit zu tun? Hören Sie, ich habe schon genug Schwierigkeiten mit der ganzen Sache. Wenn Sie etwas wissen wollen, gehen Sie zur Mordkommission. Die haben mir Löcher in den Bauch gefragt. Ich habe keine Lust, auch noch einem privaten Plattfuß Fragen zu beantworten.“

Bount lächelte die Frau freundlich an. „Ich vermute, Sie wollen auch, dass man den Täter findet, der Hall umgelegt hat. Sie haben doch sicher in der Zeitung gelesen, dass womöglich ein Polizist der Täter ist, der die Gangster killt.“

„Lee war kein Gangster“, sagte sie . empört. „Das habe ich auch der Polizei deutlich gesagt. Aber wahrscheinlich wissen die Brüder, wer es war. Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus. Diese Burschen stecken doch alle unter einer Decke.“

Bount nickte. „Sehen Sie, und deshalb hat einer der Betroffenen einen Privatdetektiv eingeschaltet, nämlich mich. Er traut der Polizei auch nicht, aus denselben Gründen wie Sie.“

Ihr Gesicht blieb immer noch misstrauisch. „Wollen Sie von mir etwa auch einen Auftrag? Da sind sie auf dem falschen Dampfer. So nahe stand ich Lee nun auch wieder nicht. Außerdem habe ich kein Geld.“

Bount lachte. „Nein, Sie sollen mir nur ein paar Fragen beantworten. Ich gebe Ihnen sogar etwas dafür.“ Er holte einen 20-Dollar-Schein aus seiner Brieftasche und wedelte damit vor ihren Augen herum.

Mit einer raschen Bewegung griff sie danach. „Aber zeigen Sie mir noch Ihren Ausweis.“

Bount zeigte ihr das Papier, und sie studierte es gründlich. Dann sagte sie: „Also gut, ich will Ihre Fragen beantworten. Aber beeilen Sie sich, Sie sehen ja, dass ich viel zu tun habe.“

Bount schwang sich auf einen Barhocker und stützte sich auf die Theke. „Zunächst einmal, wie heißen Sie und in welcher Beziehung stehen Sie zu Lee Hall?“

„In welcher Beziehung? Wie meinen Sie das?“, fragte sie empört. „Ich habe ihm an den Tagen geholfen, an denen es hier voll war. Außerdem habe ich regelmäßig sauber gemacht. Dafür hat er mich bezahlt. Das ist alles. Ich hatte keine Beziehung zu ihm.“

Bount lächelte vor sich hin. „Das meinte ich auch nicht. Aber sagen Sie mir noch Ihren Namen.“

„Ich heiße Liza Myers. Mein Mann ist vor sechs Jahren gestorben. Die Rente, die ich kriege, ist ziemlich klein. Und da war es eine gute Gelegenheit, hier bei Lee ein paar Dollar zu verdienen. Ich wohne nämlich gleich um die Ecke.“

Bount machte eine Handbewegung. „Übernehmen Sie jetzt den Laden?“ Sie zuckte mit den Schultern. „Die Polizisten haben gesagt, da kommt noch ein Rechtsanwalt, der mir Bescheid sagt, was mit der Kneipe geschieht. Das muss noch geklärt werden, da es keinen unmittelbaren Erben gibt. Als die Polizei das Lokal wieder freigegeben hat, dachte ich mir, dass ich erst mal sauber mache. Denn die haben gesagt, dass ich weitermachen kann, bis die Rechtslage geklärt ist. Und deshalb bin ich heute hier“, schloss sie.

Bount Reiniger nickte. „Was glauben Sie, wer der Mörder gewesen ist?“

Sie starrte ihn ungläubig an. „So blöd hat noch nicht mal die Polizei gefragt. Woher soll ich denn das wissen? In der Zeitung steht doch, dass es dieser Gangster-Killer war, den sie in den Zeitungen den 'Henker' nennen. Sie machte eine kleine Pause. „Aber das glaube ich nicht.“

„Warum nicht?“, fragte Bount sofort.

„Er war doch kein Gangster. Die wollten nur den Verdacht von sich ablenken.“

Bount war hellwach. „Wer wollte den Verdacht von sich ablenken?“

„Na, diese richtigen Gangster! Die haben ihn doch schon vor einigen Monaten bedroht. Und jetzt haben sie ihre Drohung wahr gemacht. Nur, weil er nicht zahlen wollte. Aber in dieser Beziehung war er ein Dickschädel. Ich habe ihm gesagt, dass er lieber zahlen soll, aber er hat nicht auf mich gehört. Und nun ist er tot.“ Sie schluchzte leise auf.

„Jetzt mal ganz langsam“, sagte Bount. „Wer wollte Geld von ihm?“

Es dauerte eine Zeit, bis sie die ganze Geschichte erzählt hatte. Es klang ein wenig wirr, aber Bount konnte sich den Rest zusammenreimen. Sogenannte Schutzgelder zu erpressen, gehörte zu den langen Traditionen der Gangster-Organisationen. Und wer nicht zahlen wollte - an dem wurde eben ein Exempel statuiert.

Aber hier stimmte etwas nicht. Bount wurde nachdenklich. Wenn Lee Hall wirklich von Gangstern umgelegt wurde, dann hätten sie den Verdacht doch nicht auf einen anderen gelenkt, sondern deutlich dokumentiert, wer hinter dem Mord steckte, um alle anderen Zahlungsunwilligen zu beeindrucken.

„Haben Sie das der Polizei auch erzählt?“

Die Frau schüttelte den Kopf. „Die haben mir nicht zugehört, bis auf einen. Der hat sich alles aufgeschrieben und gesagt, dass er sich darum kümmern wird. Aber das kennt man ja. Die schreiben jetzt alles in ihre Akten und legen es ab. Eines Tages heißt es dann, dass der Fall nicht geklärt werden konnte.“

Bount kletterte von seinem Hocker und ging um den Tresen herum. „Hier wurde er erschossen, nicht wahr?“

Liza Myers folgte ihm. „Ja“, sagte sie und deutete auf den Fußboden. „Dort unten lag er. Es sah furchtbar aus. Alles voller Blut. Inzwischen habe ich natürlich schon sauber gemacht. Es wird heute Abend sicher voll, denn die Leute wollen doch sehen, wo ein Mord passiert ist.“

„Waren Sie denn so kurz nach der Tat hier?“

„Ja. Ich war einkaufen und sah die Polizeiwagen vor dem Haus. Da habe ich natürlich nachgesehen. Die haben vielleicht dumm geguckt, als ich plötzlich in der Tür stand.“

Bount sah auf seine Uhr. Mehr konnte er hier nicht erfahren.

„Sie haben mir sehr geholfen“, sagte er.

„Schon gut.“ Sie fischte nach ihrem Scheuerlappen und sah ihm nicht nach, als er das Lokal verließ.

Bount Reiniger setzte sich in den Mercedes und dachte nach. Die Sache wurde nach diesen Auskünften auch nicht gerade klarer. Er brauchte noch weitere Informationen. Er musste auch den anderen Morden nachgehen. Denny Layton, der erste Tote, war ein unbeschriebenes Blatt. Ein Einbrecher, dem die Polizei nie etwas nachweisen konnte, obwohl sie ihn immer wieder verhaftet hatte.

Bount blätterte in seinem Notizbuch. Dort hatte er sich alle wichtigen Einzelheiten aufgeschrieben. Laytons ehemalige Adresse war ganz in der Nähe. Vielleicht gab es dort jemanden, der ihm einiges sagen konnte. Bount ließ den Motor an und fädelte sich wieder in den Verkehr ein.

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Knallend flog der Korken aus der Sektflasche, und Dino d’Annunzio goss die schäumende Flüssigkeit in die Kristallgläser. „Nehmt euch“, sagte er. „In diesen schlechten Zeiten gibt es nicht oft einen Grund, Sekt zu trinken.“

„Und schon gar nicht so eine gute Marke“, meinte Vito Savoia mit lautem Lachen, in das alle einstimmten.

Geno Vecchio hob sein Glas. „Es ist gut zu wissen, dass in unserer Organisation immer noch hervorragende Arbeit geleistet wird. Trinken wir auf das, was uns verbindet.“

Giacomo Angelo lächelte und prostete ihm zu. Sein Plan hatte genauso funktioniert, wie er sich das vorgestellt hatte. Er deutete auf den dicken Packen Zeitungen auf dem Tisch. „Ich bin sicher, dass ihr alle die Artikel gelesen habt. Die Polizei hat eine ganz schlechte Presse. In einem Blatt wird sogar der Rücktritt des Polizeipräsidenten gefordert. Die Sonderkommission muss jetzt Erfolge zeigen, sonst rollen dort Köpfe.“

„Es ist erstaunlich, wie leicht man die öffentliche Meinung mobilisieren kann“, meinte Stefano Bernardo. Er wandte sich zu Angelo. „Dein Plan war wirklich gut. Wir haben mit einem Schlag sämtliche Sympathien beseitigt, die dieser Killer vielleicht noch hatte, und gleichzeitig einen unbequemen Mann aus dem Weg geräumt. Das ist Maßarbeit.“

„Ich möchte gern wissen, was der wirkliche Killer zu diesem Fall sagt“, warf d’Annunzio ein. „Der muss doch vor Wut platzen, dass ihm jemand dazwischenfunkt und ihn imitiert.“

„Das soll nicht unsere Sorge sein“, sagte Angelo. „Ich glaube, wir haben jetzt Wichtigeres zu tun, als uns darüber den Kopf zu zerbrechen. Ich schlage vor, dass wir wieder zu den Geschäften kommen.“

Von allen Seiten kamen zustimmende Worte, und die ehrenwerten Herren widmeten sich ihren Plänen, die nicht für die Ohren der Öffentlichkeit bestimmt waren.

Sie hatten einen Unschuldigen ermorden lassen und diese Tat mit Sekt begossen. Das war für sie ein ganz normaler Vorgang. Alles war nützlich, was ihren Plänen diente, und auf einen Mord mehr oder weniger kam es da nicht an. Als Angelo jetzt das Wort ergriff, hatten sie alle den Toten schon vergessen.

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Das Haus sah ziemlich verkommen aus. Damit unterschied es sich aber nicht wesentlich von den anderen Häusern der Straße. Schmutzige Kinder spielten zwischen den Autos. Viele waren zu klein für ihr Alter, aber dafür lag in ihrem Blick schon die Erfahrung von Jahrzehnten.

Bount Reiniger hafte eine steile Falte auf der Stirn, als er den dunklen Hausflur betrat. Solange es diese Slums gab, würde hier auch das Verbrechen wuchern. Man musste schon sehr stark sein, wenn man diese Umgebung unangefochten überstehen wollte. Aber das schafften nur wenige. Zurück blieb der Bodensatz der Gesellschaft: Asoziale, Kriminelle, Ausgeflippte.

Im Hausflur roch es nach schmutziger Wäsche und verbranntem Essen. Von oben keifte eine schrille Stimme, und eine Tür schlug krachend zu. Bount betrachtete die Briefkästen, deren Türen offen und verbeult in den Angeln hingen. Es hatte wohl keinen Sinn, sie zu reparieren.

Er beugte sich vor, um die Namen zu lesen. Die meisten waren mit ungelenker Hand auf schmale Zettel geschrieben. Einige Briefkästen hatten überhaupt keine Namen. Die Besitzer erwarteten wohl keine Post.

Bount nickte befriedigt. Da stand es: D. Layton. Entweder stand die Wohnung noch leer, oder der neue Mieter hatte es nicht für nötig gehalten, den Namen auszuwechseln.

Bount stieg die Treppe hoch. Hinter den meisten Wohnungstüren war es ruhig. Ein schlanker Afroamerikaner kam eilig herunter und rannte ihn fast um. Von oben kam wieder die keifende Stimme. Bounts Sinne waren angespannt, obwohl er nicht mit einer Gefahr rechnete.

Im zweiten Stock stand er vor der richtigen Wohnungstür. Auch hier stand noch der alte Name. Bount Reiniger drückte auf den Klingelknopf. Es überraschte ihn, hinter der Tür Schritte zu hören, denn damit hatte er eigentlich nicht gerechnet. Er trat einen Schritt zurück, bereit zu sofortiger Reaktion, falls es nötig sein sollte.

Die Tür ging einen Spalt auf, und das Gesicht eines Mädchens erschien. Sie mochte Mitte zwanzig sein und hatte hübsches dunkles Haar, das ihr in weichen Wellen auf die Schultern fiel. Bount war so verblüfft, dass er sie nur wortlos anstarrte.

„Was wollen Sie?“, fragte sie schließlich. Ihre Stimme klang hart und zerstörte den ersten Eindruck sofort. „Ich kaufe nichts und erwarte auch keinen Besuch.“

„Ich will zu Denny Layton“, sagte Bount rasch.

„Der ist tot“, antwortete sie kurz und wollte die Tür zuschlagen.

Bount stellte rasch den Fuß dazwischen. „Nicht so schnell. Sie wissen doch gar nicht, worum es geht. Wollen Sie nicht wenigstens mit mir reden? Sie brauchen keine Angst zu haben.“

Sie lächelte verächtlich und musterte ihn zögernd. „Na gut, kommen Sie rein. Sie sehen zwar nicht wie ein Straßenräuber aus, aber man kann ja nie wissen.“ Sie hakte die Kette aus und öffnete die Tür.

„Danke“, sagte Bount und trat ein. Die Wohnung war überraschenderweise nett eingerichtet, wenn auch ohne großen Geschmack. Aber es war sauber, was man in dieser Gegend sicher nicht von allen Wohnungen behaupten konnte. Sie führte ihn ins Wohnzimmer und bot ihm einen Sessel an.

„Hübsch“, sagte Bount und warf einen Blick aus dem Fenster.

Sie zuckte nur mit den Schultern und antwortete nicht.

Bount ließ sich in den Sessel sinken. „Seit wann wohnen Sie hier?“

Sie sah ihn misstrauisch an. „Sagen Sie mir erst mal, wer Sie sind und was Sie hier wollen.“

Bount zog seinen Ausweis heraus und hielt ihn ihr entgegen. „Mein Name ist Bount Reiniger.“

Sie lachte kurz auf. „Ein Schnüffler! Das fehlt mir noch. Wollen Sie nachsehen, ob Sie noch was erben können? Hier gibt’s nichts mehr zu holen.“ Sie wandte sich ab und begann leise zu schluchzen.

„Spielen Sie kein Theater“, sagte Bount hart. „Denny Layton hat von Einbrüchen gelebt, und das müssen Sie ganz genau. Aber das interessiert mich überhaupt nicht. Ich suche seinen Mörder, und wenn Sie mir helfen, finde ich ihn vielleicht.“

Sie fuhr herum und funkelte ihn an. „Ich habe der Polizei schon alles gesagt, was ich weiß. Es ist wenig genug. Aber das wird auch nichts helfen, oder lesen Sie keine Zeitung? Der Mörder ist doch einer von ihnen! Die werden doch keinen Finger rühren, um ihn zu kriegen.“

„Wenn Sie das glauben, dann helfen Sie mir. Ich bin kein Polizist, und ich habe den Auftrag, den 'Henker' zu finden. Das kann ich aber nur, wenn mir wenigstens die Beteiligten helfen. Oder wollen Sie nicht, dass man versucht, Laytons Mörder zu fassen?“

Sie setzte sich ihm gegenüber und zündete sich eine Zigarette an. Dann schob sie ihm die Schachtel über den Tisch. Bount nahm sich auch eine Pall Mall aus der Packung. „Was ist nun?“

Sie gab sich einen Ruck. „Na schön. Was wollen Sie wissen?“

Bount nickte. „Schon besser. Zunächst mal: Wie heißen Sie, und was tun Sie in der Wohnung?“

„Ich heiße Kathy Brooks und war Dennys Verlobte. Wir wohnten schon seit über einem Jahr zusammen. Ich arbeite hier in der Nähe in einem Frisiersalon.“ Sie stieß heftig den Rauch ihrer Zigarette aus. „Ja, ich wusste, was Denny tat, aber das war mir egal. Reichtümer haben wir damit nicht gesammelt. Und er konnte eben keine andere Arbeit kriegen. Sie wissen ja, wie das ist ...“

Bount grinste. „Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen. Ich kann mir schon sehr gut vorstellen, was für ein Mensch Denny war. Aber lassen wir das. Es ist noch lange kein Grund, ihn einfach umzulegen. In dieser Beziehung sind wir sicher einer Meinung. Wie haben Sie von seinem Tod erfahren?“

„Zwei Bullen kamen her und brachten mir die Nachricht.“ Sie lachte bitter. „Es hat ihnen nicht sonderlich leid getan. Sie machten den Eindruck, als seien sie ganz froh, dass einer ihrer schwierigen Fälle aus dem Weg geräumt war. Denny hat sich nämlich nie erwischen lassen, müssen Sie wissen. Er war immer eine Spur schlauer als die Bullen. Deshalb haben sie ihn ja auch umgelegt.“

Bount hob die Hand. „Das ist noch nicht bewiesen. Und wenn, war es höchstens ein einzelner Polizist. Wir wollen doch bei den Tatsachen bleiben.“

„Tatsache ist, dass mich die beiden ziemlich unverschämt ausgefragt haben“, sagte sie bissig. „Sie kamen mehrmals, bis der verrückte Killer diesen Mafia-Boss umlegte. Da haben sie das Interesse an mir verloren. Einer von ihnen kam nur noch einmal mit der Nachricht, dass die Leiche freigegeben sei und ich mich um die Beerdigung kümmern müsste.“

„Kannten Sie die Polizisten?“, fragte Bount.

Sie sah ihn erstaunt an. „Ich habe wenig Umgang mit Bullen.“ Dann zog sie die Stirn kraus. „Es ist möglich, dass einer von ihnen früher schon mal hier war. Sie kamen ja dauernd und versuchten, Denny aufs Kreuz zu legen.“

„Versuchen Sie, sich zu erinnern“, drängte Bount Reiniger.

Sie zupfte an ihrem Ohrläppchen. „Jetzt, wo Sie es sagen - ja, ich glaube, der größere von den beiden war früher schon hier. Das ist noch gar nicht so lange her. Doch, ich erinnere mich noch genau. Er war allein hier und beschuldigte Denny, einen Einbruch in einem Bürohaus verübt zu haben. Sie saßen hier im Wohnzimmer. Denny wollte mich nie dabei haben, wenn die Polizei da war. Ich habe draußen an der Tür gelauscht, aber ich habe nicht viel verstanden. Jedenfalls hat Denny alles abgestritten, und der Bulle zog wieder ab.“

„Wann war das?“

„Das muss etwa drei bis vier Monate her sein. So genau weiß ich das nicht mehr. Die Bullen kamen ja dauernd, und meistens waren es andere. Ich war auch selten hier, wenn sie kamen. Denny sagte immer nur: Meine Freunde waren wieder hier.“

„Und dieser Polizist, von dem Sie sprachen - ist Ihnen an ihm etwas aufgefallen?“

„Er sah so aus, wie sie alle aussehen.“ Ihre Stimme klang gehässig.

„Er war ziemlich groß und hatte dunkle Haare. Mehr weiß ich auch nicht. Aber ich glaube, dass er schon vorher mal hier war. Das war ganz am Anfang, als ich bei Denny einzog. Es war am zweiten Tag. Ich machte gerade die Wohnung sauber, als dieser Bulle in der Tür stand und seine unverschämten Fragen stellte.“

Bount sah sie nachdenklich an und sagte: „Hat er Sie nicht daran erinnert, dass er schon früher mit Ihnen oder Denny zu tun hatte?“

Sie schüttelte entschieden den Kopf. „Nein. Aber ich habe ja auch nicht daran gedacht. Warum interessiert Sie dieser Kerl so?“ Ihre Augen wurden plötzlich groß und sie sah ihn an. „Glauben Sie etwa, dass er es war?“, flüsterte sie.

Bount lächelte freundlich. „Sie sagen doch selbst, dass ein Polizist der Mörder war. Warum nicht dieser? Wir müssen allen Möglichkeiten nachgehen. Und eins steht fest. Der Killer hat Dennys Gewohnheiten gekannt. Er hat ihn nicht zufällig ausgesucht. Er muss genau gewusst haben, wen er vor sich hatte.“

Kathy Brooks zündete sich hastig eine neue Zigarette an. „Meinen Sie, dass er wiederkommt? Ich habe ihn ja immerhin gesehen.“

Bount schüttelte den Kopf. „Erstens wissen wir nicht, ob dieser Mann der Mörder ist. Das ist schließlich nur ein ganz entfernter Verdacht. Und zweitens weiß er ja nicht, dass Sie sich darüber Gedanken machen. Sie brauchen keine Angst zu haben. Der Killer hat im Augenblick ganz andere Sorgen. Er muss nämlich die Aktivitäten der Sonderkommission beobachten. Wenn er tatsächlich bei der Polizei ist, hat er dazu allerdings die besten Möglichkeiten.“

„Was soll ich tun?“

Bount stand auf. „Nichts. Lassen Sie nicht jeden rein und gehen Sie nachts nicht allein durch die Straßen. Die Gefahr, von einem Banditen überfallen zu werden, ist in dieser Stadt erheblich größer. Und noch etwas: Versuchen Sie nicht, auf eigene Faust Nachforschungen anzustellen. Neugierde lohnt sich für Amateure in diesem Fall nicht.“

„Ich kann schon auf mich aufpassen. Ich habe zwar nicht viel gelernt, aber das hat man mir schon in früher Jugend beigebracht. Ich habe keine Illusionen mehr, Mister Detektiv.“

Bount machte eine unbestimmte Handbewegung und schrieb seine Telefonnummer auf einen Zettel. „Rufen Sie mich an, wenn Sie mich brauchen oder wenn Ihnen noch etwas einfällt. Vielleicht melde ich mich wieder.“

„Habe ich Ihre Erkenntnisse wesentlich bereichern können?“, fragte sie spöttisch.

Er sah sie nachdenklich an. „Schon möglich. Manchmal gibt es merkwürdige Zufälle und Zusammenhänge.“

Sie brachte ihn nicht zur Tür, als er ging, sondern wandte sich ab und starrte stumm aus dem Fenster. Im Treppenhaus hörte er von oben wieder die keifende Stimme, und er war froh, als er in seinem Wagen saß.

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Nur ein regelmäßiges Klicken störte die Ruhe des Zimmers. Im scharf abgegrenzten Schein einer starken Lampe saß ein Mann an einem niedrigen Tisch und drehte die herausgeklappte Trommel eines Revolvers langsam. Bei jeder Drehung fiel eine Patrone in die flache linke Hand. Als sechs Patronen in der Hand des Mannes lagen, legte er den Revolver vorsichtig auf die Tischplatte und stellte die Patronen in regelmäßigen Abständen vor sich auf.

Schweigend betrachtete er die matt schimmernden Messinghülsen, die Hände reglos im Schoß. Dann nahm er ein Messer, wie es Handwerker zum Schneiden von Bodenbelägen benutzen, in seine rechte Hand, und in die andere eine Patrone. Er setzte das Messer auf der Geschossspitze an und ritzte das weiche Blei ein.

Er arbeitete ruhig und sorgfältig, bis er einen kreuzförmigen Schnitt an der Patronenspitze angebracht hatte. Dann polierte er das tödliche Geschoss mit einem weißen Lappen und lud die erste Kammer der Revolvertrommel damit.

Mit den übrigen Patronen verfuhr er genauso. Nur die letzte lud er nicht in die Trommel, sondern versenkte sie in seiner Tasche. Mit einem scharfen Klicken klappte er die Trommel des 38er Smith & Wesson zurück. Die Waffe war schussbereit. Er brauchte nur noch den Hahn zu spannen. Er schlug seine Jacke zurück, und an der rechten Hüfte wurde ein ledernes Holster sichtbar. Mit einer geübten Bewegung verschwand die Waffe darin.

Jetzt nahm der Mann ein kleines Notizbuch in die Hand und schlug eine Seite auf, die etwa zur Hälfte vollgeschrieben war. Ein heimlicher Beobachter hätte dort eine ganze Reihe Namen lesen können. Einige davon waren durchgestrichen.

Mit dem Finger glitt der Mann über die Seite, bis er beim vorletzten Namen anhielt. Lautlos formten seine Lippen den Namen: Sam Weston. Die Adresse hatte er im Kopf, er brauchte sie sich nicht aufzuschreiben.

Entschlossen klappte er das Notizbuch zu und stand auf. Er war ziemlich groß, über einen Meter achtzig, und kräftig gebaut. Sein Haar war dunkel, fast schwarz, lichtete sich aber bereits an den Schläfen und am Hinterkopf. Sein Alter war schwer zu bestimmen, aber er war nicht mehr ganz jung.

Er blickte auf seine Uhr, nickte unbewusst und zog einen Mantel an. Dann stülpte er einen Hut mit breiter Krempe auf den Kopf, löschte das Licht und verließ das Zimmer. Er hatte eine winzige Wohnung im sechsten Stock eines alten Mietshauses im westlichen Manhattan.

Im Treppenhaus drückte er den Knopf für den altersschwachen Fahrstuhl, der sich rumpelnd aufwärts bewegte. Als er unten ausstieg, begegnete ihm eine ältere Frau, die er sehr höflich grüßte.

„Na, haben Sie wieder Dienst?“, fragte sie.

Er lachte mit leiser Stimme. „Die Verbrecher schlafen nicht.“

Dann verschwand er in der Nacht.

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Die Fifth Avenue war sozusagen die östliche Begrenzung des Central Park in seiner gesamten Länge und reichte bis zum Harlem River. Bount überquerte diese Verbindung zwischen Hudson River und East River und bog nach rechts in den Deegan Boulevard ein, der schließlich in den Bruckner Boulevard mündete.

Bount sah wieder auf seine Uhr. Von hier waren es bestimmt noch zehn Kilometer bis zu der vornehmen Wohngegend am Long Island Sound, wo sich große Landhäuser in schönen Parks aneinanderreihten und wo auch Bount seinen Bungalow stehen hatte.

Der Mann, den Bount hier besuchen wollte, gehörte nicht unbedingt in diese Gegend, aber er war reich genug, es sich leisten zu können. Sein Name war Giacomo Angelo, und er war einer der führenden Köpfe der New Yorker Mafia.

Bount wusste, dass Angelo als Nachfolger des ermordeten di Socca galt, und es war anzunehmen, dass er mehr darüber wusste.

Schließlich bog er in die kleine Straße ein, die vom Hutchison River Parkway abging. Nach einigen hundert Metern hielt er an und stieg aus. Er hatte nicht die Absicht, direkt vor dem Haus zu parken, sondern wollte zunächst die Lage sondieren.

Bount schnupperte in der frischen Luft, die vom Long Island Sound herüberwehte. Sie unterschied sich sehr wesentlich von der verschmutzten New Yorker Stadtluft. Bount schloss den Wagen ab und ging weiter. Sein Ziel erkannte er schon von weitem: Es war das einzige Anwesen, das mit einer hohen Mauer umgeben war.

Bount blieb stehen und verschaffte sich einen Überblick. Mittlerweile hatten sich seine Sinne an die Dunkelheit und an die ungewohnte Umgebung gewöhnt. Er ging hinter einem Baumstamm in Deckung, von wo er einen großen Teil der Mauer überblicken konnte. Die nächste Ecke war etwa zwanzig Meter entfernt.

Es war eine Ziegelmauer, gut zwei Meter hoch. Auf der Mauerkrone war ein Stacheldrahtgeflecht angebracht. Elektrische Sicherungen schien es nicht zu geben.

Bounts Blick wanderte zum Tor an der Straßenfront. Dort leuchtete in regelmäßigen Abständen ein Lichtpunkt auf. Natürlich war das Tor bewacht. Bount nagte an seiner Unterlippe, zog die Stirn kraus und blickte nachdenklich nach oben.

Die Straßenbäume ragten mit ihren großen Ästen teilweise über die Mauer. Es war nur fraglich, ob ein solcher Ast das Gewicht eines Menschen trug. Aber das kam auf einen Versuch an.

Es war ziemlich einfach, an dem dicken Stamm hochzuklettern. Ein leichter Wind rauschte in den Blättern und übertönte damit die Klettergeräusche. Bount stellte seine Füße auf den dicken Ast, der ein ganzes Stück über die Mauer reichte, klammerte sich mit den Händen an anderen Ästen fest, und tastete sich langsam vorwärts. Er musste sich voll konzentrieren, denn ein falscher Schritt hätte den Absturz bedeutet. Es war zwar nicht besonders hoch, aber der Lärm hätte mit Sicherheit die Wachen alarmiert.

Der Ast schwankte bedenklich, und über sich hörte Bount, wie Zweige knacksten und abbrachen, an denen er sich festhalten wollte. Immerhin stand er schon genau über der Mauerkrone, aber wenn er jetzt abstürzte, würde er genau in den Stacheldrahtfallen.

Bount hielt den Atem an und schob sich ein Stück weiter vor. Er merkte, wie sich der Ast merklich nach unten bog. Der obere Ast gab nach, und Bount hing plötzlich völlig schief in der Luft. Er fluchte lautlos und versuchte, eine günstigere Lage einzunehmen.

Dann brach ein Ast endgültig, er verlor seinen Halt, und seine Füße rutschten ab. Krampfhaft ruderte er im Fallen mit den Armen und bekam tatsächlich den Ast zu fassen, auf dem er eben noch gestanden hatte. Seine Füße schwangen haltlos durch die Luft.

Bount blickte nach unten und sah, dass er bereits auf der anderen Seite der Mauer war. Seine Füße waren höchstens zwei Meter über dem Boden. Er ließ los und fing den Aufprall federnd ab. Der weiche Moosboden dämpfte das Geräusch stark. Der Posten am Tor konnte es auf keinen Fall hören.

Bount blieb in seiner gebückten Haltung reglos stehen und orientierte sich. Er befand sich in einem ziemlich großen Park, der in der Hauptsache aus weiten Rasenflächen, Buschgruppen und einzelnen Bäumen bestand.

Die Ecke des Parks, in der er sich befand, war allerdings ziemlich dicht bepflanzt - ein weiterer Vorteil für ihn. Durch die Bäume und Büsche schimmerten die Lichter eines großen Hauses. Es war eine zweistöckige Villa aus der Zeit um die Jahrhundertwende. Sie lag etwas erhöht und war auf allen Seiten von Rasenflächen umgeben, sodass man ungesehen kaum herankonnte.

Vom Tor führte ein Kiesweg zu einem Rondell und einem kleinen Parkplatz, auf dem einige Wagen standen.

Die Villa bestand aus drei Flügeln, der Haupteingang lag in der Mitte, mehrere Treppenstufen führten zu einem Vorbau, dessen Dach von einigen weißen Säulen getragen wurde.

Bount nickte anerkennend. Das Haus war nicht gerade geschmackvoll, aber mit Sicherheit sehr teuer. Ein Gangster wie Angelo konnte sich so etwas natürlich jederzeit leisten.

Bount war sich über sein weiteres Vorgehen selbst nicht ganz im Klaren. Er hatte mehr instinktiv gehandelt, als er hierher gekommen war. Unbewusst hatte er immer noch nach einem gemeinsamen Faktor gesucht, der die Opfer des „Henkers“ miteinander verband. Aber als Bount Reiniger jetzt die Unterschiede sah, die es zwischen einem Mafia-Boss und einem Einbrecher gab, verwarf er jeden Gedanken an Gemeinsamkeiten. Das Einzige, was die Opfer verband, war die Person des Täters.

Bount richtete sich aus seiner geduckten Haltung auf und schlich vorwärts bis zum Beginn der Rasenfläche. Ab hier gab es zwischen ihm und dem Haus keine Deckung mehr. Aber es war eine Entfernung von etwa hundert Metern zurückzulegen.

Bount blickte zum Tor hinüber. Dort war ein kleines Häuschen, das vermutlich für die Wachen gedacht war. Es war keine Bewegung zu erkennen. Auch am Haus selbst rührte sich nichts. Verschiedene Fenster waren erleuchtet und verrieten, dass die Nachtruhe noch nicht begonnen hatte.

Schritte knirschten über den Kies, und Bounts Kopf fuhr herum. Eine Gestalt in einem hellen Anzug marschierte über den Parkplatz zu einem der Autos. Die Wagentür wurde geöffnet, und die Innenbeleuchtung ging an. Die Gestalt suchte auf dem Rücksitz - dann fiel die Tür wieder zu. Mit einem Paket unter dem Arm verschwand die Gestalt im hellen Anzug wieder im Haus.

Bount fasste einen Entschluss und betrat die Rasenfläche. Er ging einfach auf das Haus zu. Je weiter er kam, desto unruhiger wurde er. Es war kein Geräusch zu hören, und weit und breit gab es keine Bewegung. Trotzdem hatte er den Eindruck, als würde er von tausend Augen belauert. Er verwarf diese Gedanken wieder und redete sich ein, er sähe Gespenster.

Dann hatte er eine Ecke des Hauses erreicht und befand sich im Schatten. Er drückte sich eng an die Wand und lauerte nach allen Seiten. Es rührte sich immer noch nichts.

Langsam schlich er weiter. Das nächste erleuchtete Fenster lag ein paar Meter weiter. Er wollte gern einen Blick hineinwerfen. Das Fenster lag ziemlich hoch, und er musste sich auf die Zehenspitzen stellen.

Das Zimmer war leer. Bount überflog den Raum mit einem raschen Blick. Die Möblierung war teuer, aber geschmacklos. In einem Kamin brannte ein Feuer. Auf einem kleinen Tisch davor standen einige Gläser, teilweise gefüllt, und eine Flasche Whisky. Es sah aus, als habe sich kürzlich noch jemand in dem Raum aufgehalten.

Bount schlich weiter bis zur Ecke. Der Haupteingang lag vor ihm. Auch dort war niemand zu sehen. Von irgendwo kam gedämpfte Musik.

Er drückte sich um die Ecke, als er das Geräusch hörte. Er blieb wie erstarrt stehen. Diesen Laut kannte er. Das Geräusch, mit dem eine automatische Pistole durchgeladen wurde, kannte er.

In diesem Augenblick flammten Scheinwerfer auf und tauchten die Umgebung des Hauses in gleißendes Licht. Bount Reiniger hob die Hand vor die Augen und blinzelte geblendet. Er wagte nicht, sich zu rühren, denn er war ziemlich sicher, dass einige Waffen auf ihn gerichtet waren. Er war wie ein Anfänger in die Falle gegangen.

Wieder knirschten Schritte über den Kies, und Bount nahm langsam die Hand von den Augen.

Vor ihm stand ein Mann in einem hellen Anzug - vielleicht derselbe, den er vorhin beobachtet hatte. Der Mann lächelte freundlich, aber seine großkalibrige automatische Pistole in seiner rechten Faust störte das Bild erheblich. In der Begrenzung des Lichtkreises erkannte Bount noch zwei oder drei andere Figuren, die ebenfalls bewaffnet waren.

„Wir hatten um diese Zeit nicht mehr mit Besuch gerechnet“, sagte der Mann. „Aber wir können uns natürlich gerne noch unterhalten. Wir gehen besser hinein.“ Dann winkte er einen der anderen heran. „Durchsuchen!“, befahl er kurz.

Bount spürte, wie er mit professionellen Griffen abgetastet wurde. Seine Automatic wurde schnell gefunden. Andere Waffen hatte er nicht bei sich, aber selbst wenn es so gewesen wäre, hätte er keine große Freude daran gehabt, denn der Mann war sehr gründlich.

Ein ermunternder Stoß zwischen die Schulterblätter trieb ihn vorwärts, und er folgte dem Mann im hellen Anzug. Inzwischen hatten sich seine Augen an die Helligkeit gewöhnt, und er musterte seine Begleiter gründlich. Mit dem 'hellen Anzug' waren es vier.

Sein geschulter Blick erkannte die Leibwächter auf Anhieb. Große Burschen mit kantigen Gesichtern und schlecht sitzenden Anzügen. Sie sagten nicht viel und dachten nicht viel, aber man durfte sie nicht unterschätzen, denn in der Regel verstanden sie ihren Job. Im Augenblick hatte Bount Reiniger keine Chance, die anderen hatten die weitaus besseren Karten. Angst hatte er nicht. Man würde ihn nicht gleich umlegen, nur weil er in das Anwesen eingedrungen war. Aber die Gangster würde es schon interessieren, warum er das getan hatte.

Man führte ihn durch eine weite Halle mit einer riesigen Treppe in das Zimmer mit dem Kamin, das er schon durch seinen Blick ins Fenster kannte.

Einer der Leibwächter drückte ihn in einen Sessel und schüttelte abwehrend den Kopf, als Bount den Mund aufmachen wollte. Diese Typen waren nicht dazu da, Fragen zu beantworten.

Und dann stand Giacomo Angelo in der Tür. Selbstbewusst, siegessicher und überheblich. Ein mächtiger Mann. Herrscher über ein Imperium des Verbrechens, erbaut auf Blut und Tränen.

Bount konnte ihn nicht leiden.

Angelo sah verächtlich auf ihn hinunter.

„Wer ist das?“, fragte er schließlich. Einer der Leibwächter reagierte sofort. Mit geübtem Griff hielt er Bount Reiniger fest, und der Mann im hellen Anzug fischte die Brieftasche heraus. Er klappte sie auf und grinste. „Ein privater Schnüffler“, sagte er und sah Bount an. „Das ist Hausfriedensbruch, Mister.“

„Ich habe keine Gewissensbisse, dass ich den Frieden dieses Hauses gebrochen habe“, meinte Bount Reiniger ruhig. „Manchmal gibt es keinen anderen Weg, wenn man mit dem Hausherrn sprechen will.“

„Lass ihn los“, sagte Angelo scharf, und der Leibwächter reagierte sofort. Angelo schnippte mit der Hand, und einer seiner Männer brachte ihm einen Drink, den er genüsslich schlürfte. Dann setzte er sich Bount gegenüber.

„Ich weiß zwar nicht, was Sie von mir wollen, Schnüffler, aber ich denke, Sie werden es mir gleich sagen.“

Bount beschloss, offen zu spielen. Ausflüchte hätten hier keinen Sinn gehabt, außerdem hätte er dann nie erfahren, was er wissen wollte. „Mich interessiert der sogenannte 'Henker'.“

Die Reaktion der anderen war überraschend. Angelo krampfte für einen Augenblick seine Hände etwas zu heftig um die Sessellehnen. Von dem Mann im hellen Anzug kam ein leiser Laut der Überraschung, die anderen Leibwächter rückten einen Schritt näher heran. Bount registrierte alles mit dem Interesse des professionellen Beobachters.

„Und weshalb sind Sie dann hier?“, fragte Angelo leise. „Ich bin es nicht, wenn Sie das vermuten.“

Bount lächelte. „Nein, Sie sind es wahrscheinlich nicht. Aber Sie könnten Interesse an der erfolgreichen Arbeit des Killers haben.“

„Wieso?“, stieß Angelo hervor.

„Sie haben die Nachfolge di Soccas innerhalb der Organisation angetreten. Es muss Ihnen doch in den Kram gepasst haben, dass er aus dem Weg geräumt wurde.“

Angelos Kiefer mahlten. „Welcher Organisation? Ich bin Geschäftsmann. Und ich habe eigene Geschäfte.“

„Machen wir uns doch nichts vor. Ich bin an Ihren Geschäften jetzt nicht interessiert. Ich will den 'Henker', und ich dachte, Sie könnten mir helfen.“

Der Gangster lachte. „Das ist schon sehr komisch. Sie und ich stehen auf derselben Seite!“ Die anderen stimmten in das Gelächter ein, aber Angelo wurde schlagartig wieder ernst. „Überlassen Sie das lieber der Polizei, die kassiert schließlich unsere Steuergelder.“

Wir werden nie auf derselben Seite stehen, dachte Bount Reiniger, aber er musste das Spiel mitmachen, wenn er etwas von dem Gangster erfahren wollte. Er kam nur nicht dahinter, was die erste Reaktion zu bedeuten hatte. Es gab etwas, das die Gangster im Zusammenhang mit dem Killer wussten.

„Alle denken, dass der Killer ein Polizist ist“, sagte Bount. „Das mag sein, aber warum bringt er dann einen fast Unschuldigen um? Das passt nicht in das Bild.“

Angelos Augen zogen sich zu schmalen Schlitzen zusammen, und er wirkte nicht sehr freundlich. „Woher soll ich das wissen?“

Er ist nervös, dachte Bount.

Angelo stand auf. „Ich habe keine Lust mehr, mich mit Ihnen zu unterhalten, Reiniger. Ich hoffe, Sie haben begriffen, dass Sie hier an der falschen Stelle sind. Meine Leute werden Sie jetzt zur Straße bringen, und ich rate Ihnen, sich hier nicht mehr blicken zu lassen. Das nächste Mal werden wir Sie behandeln wie einen Einbrecher.“

Bount wurde von einem der Leibwächter aus dem Sessel gezerrt, und der Mann im hellen Anzug drückte ihm seine Brieftasche in die Hand.

„Wieso haben Sie mich eigentlich entdeckt?“, fragte Bount.

„Unser Sicherheitssystem ist ziemlich modern“, sagte Angelo. „Vielleicht haben Sie schon mal von Infrarot gehört.“

Der Mann im hellen Anzug hatte Bounts Automatic in der Hand. Er entlud das Magazin und schob dann beides Bount in die Tasche. „Bringt ihn jetzt raus“, sagte er, und die drei Leibwächter zogen ihn nach draußen.

Angelo starrte einen Moment auf die Tür. „Glaubst du, dass die anderen daran denken könnten, ich hätte di Socca umlegen lassen?“

Der Mann im hellen Anzug schüttelte den Kopf. „Ich glaube nicht, dass einer auf diese Idee gekommen ist.“

„Sie ist aber gar nicht schlecht“, meinte Angelo nachdenklich. „Ich werde sie mir merken.“

Bount stand vor dem breiten Gittertor, das sich langsam wieder schloss. Die drei Wächter starrten ihn höhnisch an. „Beim nächsten Mal schießen wir“, sagte einer von ihnen. Er hatte jetzt eine Schrotflinte mit abgesägtem Lauf in der Hand. Die gefürchtete Waffe der sizilianischen Mafia zielte auf Bounts Bauch.

Bount Reiniger wandte sich ab und ging zu seinem Wagen zurück. Der Besuch war nicht ganz so verlaufen, wie er sich das vorgestellt hatte. Aber man konnte nicht immer Erfolg haben.

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17

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Sam Weston hatte einen Laden in der 26. Straße Ost, fast unten am East River. Es war eine Gegend, in der eine Menge Armenier lebten. Und die bestimmten auch zu einem großen Teil das Straßenbild. Es war nicht gerade eine vornehme Gegend, aber auch kein Slum. Die meisten Menschen gingen einer geregelten Arbeit nach und wünschten sich nur, zu bescheidenem Wohlstand zu kommen und in Ruhe zu leben.

Auch Sam Weston machte diesen Eindruck, aber das täuschte. Sein Laden passte zwar sehr gut in die Gegend - ein Secondhandshop für Kleider, Haushaltsgeräte und anderen Trödel -, aber das war nur die Fassade. Die meisten Leute in der Nachbarschaft wussten, dass Sam Weston auch Geld verlieh, dafür wertvolle Gegenstände zur Sicherheit verlangte und im übrigen Wucherzinsen nahm. Er hatte kein offizielles Leihhaus, aber es war auch nicht illegal.

Was aber keiner seiner Nachbarn wusste, war, dass Sam Weston noch einen dritten Geschäftszweig in seinem ärmlich aussehenden Laden hatte: Er war nämlich Hehler, und zwar einer der großen.

Seine Tarnung war ideal. Es herrschte ständiges Kommen und Gehen, und kein Mensch wunderte sich über das Sammelsurium von Gegenständen, die er auf Lager hatte. Weston verkaufte zwar die heiße Ware nicht in seinem Laden, aber es kam doch vor, dass er das eine oder andere Stück anbot, wenn es ihm gefahrlos schien. Das meiste ging allerdings über einen gut eingespielten Apparat ins Ausland, besonders Schmuck, Pelze und heißes Geld. Andere, unverdächtige Sachen tauchten auch irgendwann in anderen Teilen der USA wieder auf.

Die Geschäfte gingen gut, und Sam Weston war ein reicher Mann. Seine Nachbarn ahnten auch nicht, dass er eine große Villa in Queens besaß und nicht eine kleine Wohnung am Central Park, wie er behauptete. Er war Mitte fünfzig und wollte sich bald zur Ruhe setzen.

Das allerdings war nicht so einfach, denn Sam Weston war außerdem Mitglied des Syndikats, und er musste es sehr geschickt anfangen, wenn er sich aus der Organisation lösen wollte. Es war eine Organisation, der man nicht einfach kündigen konnte, die Mitgliedschaft war immer lebenslänglich. Manche begriffen das nicht, und die Organisation kürzte in solchen Fällen die Mitgliedschaft rasch ab.

Aber Sam Weston war ein alter Fuchs, und man hatte sich nie über ihn beklagt. Er hatte nie versucht, die Organisation zu betrügen, denn das war auch eine Sache, die man dort nicht leiden konnte. Er hatte meist mehr abgeliefert, als man von ihm verlangte, und deshalb hatte man ihn immer in Ruhe gelassen.

Sam Weston hatte noch einen großen Vorteil: Die Polizei hatte ihm nie etwas nachweisen können. Sie hatte es oft versucht. Weston wusste nicht, wie viele Hausdurchsuchungen es bei ihm schon gegeben hatte. Aber es war immer vergeblich gewesen. Man hatte ihn zweimal angeklagt, aber in beiden Fällen mangels Beweisen freisprechen müssen. Die Organisation konnte sich gute Anwälte leisten.

Sam Weston war im Großen und Ganzen mit sich und der Welt zufrieden.

Heute Abend war er länger geblieben, da er noch seine monatliche Abrechnung machen wollte. Seine beiden Angestellten waren längst gegangen. Sie wussten auch nicht, um welche Beträge es bei dieser Abrechnung ging. Die Organisation hatte die löbliche Ansicht, dass jeder nur so viel wissen durfte, wie unbedingt nötig war.

Weston zerriss gerade die Zettel, auf denen er seine Zwischenrechnungen gemacht hatte, und verbrannte sie in einem alten Kohleofen, als er hörte, wie sich jemand an der Ladentür zu schaffen machte.

Er löschte sofort das Licht und lauschte. Tatsächlich: Jemand versuchte, in den Laden einzudringen. Das Geräusch eines Schlüssels war deutlich zu hören. Es klirrte metallisch, dann klopfte jemand an die Tür. Weston zog leise eine Schublade auf und nahm einen Revolver heraus. Dann ging er nach vorn in den Laden.

Die Silhouette eines Mannes war vor der Tür deutlich zu erkennen. Weston machte Licht im Laden und ging zur Tür. „Wissen Sie nicht, wie spät es ist? Ich habe schon lange geschlossen.“

Dann erkannte er das Gesicht, das verschwommen hinter der Glasscheibe zu sehen war. Er schüttelte missmutig den Kopf. „Auch das noch!“, murmelte er leise. Dann öffnete er die Tür.

„Was wollen Sie?“, fragte er den großen, dunkelhaarigen Mann. „Haben Sie einen Haussuchungsbefehl?“ Der Mann streckte seine rechte Hand aus und schob Weston mit einem heftigen Ruck in den Laden zurück. „Stellen Sie keine dämlichen Fragen. Sie werden schon früh genug erfahren, was ich will.“

„Bis jetzt habt ihr euch wenigstens an vernünftige Zeiten gehalten“, maulte Weston. „Aber die Zeiten ändern sich eben. Den jungen Leuten fehlt die gute Erziehung.“

„Halt den Mund, Alter!“ Der dunkelhaarige Mann hatte die Hände in den Taschen vergraben und sah sich aufmerksam im Laden um. Die Tür war wieder verschlossen. „Gehen wir nach hinten.“

Weston schlurfte voran, blieb aber plötzlich stehen. „Wieso kommen Sie eigentlich allein? Früher sind doch mindestens zehn von euch mit ihren genagelten Stiefeln auf meinen Antiquitäten herumgetrampelt.“ Er sah den Fremden misstrauisch an. „Wollen Sie mir ein krummes Ding vorschlagen und mich anschließend hochgehen lassen?“ Er schüttelte missbilligend den Kopf. „So blöd kann doch eigentlich keiner sein.“

Der andere stieß ihn weiter, und Weston stolperte in das Hinterzimmer. „He! Fassen Sie mich nicht an! Das ist Körperverletzung! Sonst hänge ich Ihnen mal zur Abwechslung ein Verfahren an den Hals.“

Der Mann überzeugte sich mit einem schnellen Rundblick, dass er mit dem alten Hehler alleine war. Die Geheimtür zu den Lagerräumen mit dem Diebesgut würde er vermutlich auch heute nicht finden, aber deshalb war er auch nicht hergekommen. Sein Blick ging zu dem Kohleofen, und er grinste. „Sie hätten sich schon früher einen moderneren Ofen anschaffen sollen, um die Beweisstücke zu verbrennen. Mit einem bisschen Glück kann die heutige Technik selbst aus den verbrannten Rückständen noch Beweise liefern.“

Weston zuckte mit den Schultern. „Versuchen Sie’s doch. Lassen Sie sich doch zu Weihnachten den Spielzeugkasten 'Der kleine Chemiker' schenken.“

Der nächtliche Besucher antwortete nicht. Seine Blicke gingen immer noch durch das ganze Zimmer. Dann setzte er sich rittlings auf einen Stuhl und stützte die Arme auf der Rückenlehne auf.

„Sie sind eine schmierige Ratte, Weston“, sagte er plötzlich. „Und es wird Zeit, dass man dir endlich das Handwerk legt.“

Der Hehler lief rot an. „Ich brauche mich in meinem eigenen Laden nicht beleidigen zu lassen“, stieß er wütend hervor.

Der andere grinste nur. „Ich habe mir überlegt, dass du bald in das Alter kommst, wo du die Früchte deiner miesen Tätigkeit ernten kannst. Und das würde mich ungeheuer ärgern. Deshalb habe ich beschlossen, deine Pläne umzuändern.“

„Was soll das heißen?“, fragte Weston. Auf seiner Stirn war eine steile Falte. „Wollen Sie mich verhaften? Sie wissen genau, dass Sie nichts gegen mich in der Hand haben. Ich schlage vor, dass Sie jetzt gehen. Ich bin müde und will nach Hause fahren.“

Der Besucher schüttelte langsam den Kopf. „Daraus wird nichts. Du wirst heute hierbleiben. Mich würde nur noch eines interessieren: Würdest du dein Leben anders anfangen, wenn du das noch mal tun könntest?“

Weston starrte ihn überrascht an. „Was soll denn diese dämliche Frage?“ Er lachte. „Jetzt fangen Sie bloß nicht an, mir moralisch zu kommen. Dann gehen Sie doch lieber zur Heilsarmee. Die brauchen ständig Nachwuchs.“

Der Besucher stand ruckartig auf, und der Stuhl fiel polternd um.

„Schade, Sam Weston!“, sagte er mit harter Stimme, zog seine rechte Hand aus der Tasche und richtete den Lauf des Revolvers auf den Kopf des Hehlers.

Der war entsetzt zurückgewichen und starrte den hochgewachsenen Mann mit offenem Mund an. Dann erschien langsam ein Funke des Verstehens in seinen Augen. „Nein!“, schrie er und riss seine eigene Waffe aus der Tasche. Ein hastiger, ungezielter Schuss löste sich und schlug irgendwo in die Wand.

Dann traf ihn das Dum-Dum-Geschoss knapp unterhalb des rechten Auges, und der Schrei brach abrupt ab. Sam Westons Körper wurde gegen eine alte Standuhr geschleudert, und Big Bens Glockenschläge dröhnten durch den Raum.

Der Fremde ließ den Revolver sinken, dann starrte er auf seine rechte Schulter. Westons Kugel hatte einen Fetzen aus dem Stoff gerissen und ein Stückchen Haut mitgenommen.

Der Todesschütze fluchte und presste die Hand gegen die Wunde, aus der ein paar Blutstropfen gesickert waren. Auf den Toten, der in merkwürdig gekrümmter Haltung vor der Standuhr lag, verschwendete er keinen Blick mehr.

Mit einer raschen Bewegung nahm er eine Patrone aus der Tasche und stellte sie auf den Tisch, mitten zwischen die Papiere, die Sam Weston noch nicht verbrannt hatte. Dann steckte der Killer seinen Revolver ein und verschwand durch den Hinterausgang in der Nacht. Ehe der erste Streifenwagen auch nur in der Nähe war, hatte er schon eine ziemliche Entfernung zwischen sich und den Tatort gelegt.

Er kannte sich hier eben aus.

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Bount Reiniger hörte die Nachricht im Autoradio, als er auf dem Rückweg von Bronx nach Manhattan war. Er hatte diesmal einen anderen Weg genommen und fuhr den Franklin D. Roosevelt Drive, der am East River entlangführte, nach Süden. Er war kurz vor dem Hauptquartier der Vereinten Nationen, als er wie elektrisiert dem Sprecher lauschte.

„Wie wir soeben erfahren, ist heute Nacht ein Ladenbesitzer in der 26. Straße Ost erschossen worden. Wie ein Polizeisprecher mitteilte, handelt es sich dabei um ein Opfer des sogenannten 'Henkers', dem damit bereits fünf Morde zur Last gelegt werden. Auch bei dem heutigen Opfer handelt es sich um einen Mann, der der Polizei nicht unbekannt war.“

Bount Reiniger trat das Gaspedal durch, und der schwere Wagen beschleunigte. Die 26. Straße war ganz in seiner Nähe. Er bog nach dem United Nations Headquarters in die 42. Straße ein, die am Grand Central Terminal vorbeiführte. Dann bog er nach links in die First Avenue ein, von der die 26. Straße nach etwa sechshundert Metern abging.

Der Mercedes schoss um die Kurve, und Bount bremste, als er schon von weitem die rotierenden Rotlichter der Polizeiwagen sah. Er fuhr langsam weiter und suchte einen Parkplatz.

Bount Reiniger schloss den Wagen sorgfältig ab, denn Langfinger waren in dieser Gegend keine Seltenheit, und sein Mercedes war ein interessantes Objekt für einen Diebstahl. Niemand achtete auf ihn, als er langsam auf die Gruppe von Menschen zuging, die sich in einem dichten Pulk vor einer Ladentür drängte.

Er schob sich durch die Zuschauer, die wie gebannt auf den Trödlerladen starrten, obwohl es dort überhaupt nichts zu sehen gab. Dabei hörte er die Satzfetzen, die ihn umschwirrten: „Es soll dieser wahnsinnige Killer sein - das ist ein Polizist, schreiben die Zeitungen - ist der Tote noch drin? - Sie haben ihn jedenfalls noch nicht herausgebracht - es soll nur ein einziger Schuss gewesen sein, es ist immer nur ein Schuss ...“

Dann kam die Stimme eines Polizisten laut über die Menge: „Nicht so drängeln, Leute! Es gibt nichts zu sehen. Geht doch nach Hause.“

Die Leute murmelten und schoben hin und her, aber sie wichen nicht von der Tür. Die Sensation eines Mordes faszinierte sie. Und dann war es auch noch ein so berühmter Killer!

Bount stand inzwischen vor der Tür. Sie war offen, und er konnte in den Laden hineinsehen. Der Polizist hatte recht. Dort gab es wirklich nichts zu sehen. Alle Lampen waren eingeschaltet, und außerdem hatte man noch ein paar Scheinwerfer aufgestellt, die den letzten Winkel ausleuchteten. Aber das eigentliche Geschehen schien sich im Hinterzimmer abzuspielen. Von dort her kam Stimmengewirr, und in Abständen flammte das Blitzlicht eines Fotografen auf.

Bount überlegte, wie er an dem Polizisten vorbeikommen könnte, der die Tür bewachte wie den Eingang des Weißen Hauses, als sich drei Männer an ihm vorbeidrängten. Den ersten von ihnen, einen hochgewachsenen Weißen mit einer dunklen Brille, grüßte der Polizist sehr höflich.

Bount setzte seinen flüchtigen Gedanken blitzartig in die Tat um und folgte den drei Männern als vierter. Der Polizist, wieder bemüht, die Menge von der Tür fernzuhalten, schien nichts dabei zu finden, und Bount nickte ihm freundlich zu.

Es war ein altes Rezept: So tun, als ob man dazugehörte. Es musste nur überzeugend wirken. Bount hatte Glück, er kam damit durch. Im Laden selbst waren so viele Leute, dass keiner auf ihn achtete. Die, die schon drin waren, hielten ihn für einen der Neuankömmlinge, und die neuen dachten, er sei schon vorher dagewesen.

Jetzt erst erfuhr Bount, mit wem er hereingekommen war. Ein Polizeileutnant kam auf die Gruppe zu und streckte die Hand aus. „Guten Abend, Herr Staatsanwalt, wir sind noch bei den Ermittlungen, aber ein paar Dinge stehen schon fest.“

Bount achtete nicht weiter auf das Gespräch, da er sich möglichst unsichtbar machen wollte, und verschaffte sich zunächst einen Überblick.

In dem Raum herrschte das Chaos. Mindestens ein Dutzend Leute waren damit beschäftigt, Spuren zu sichern, zu fotografieren, Fingerabdrücke aufzunehmen. Zwei Männer in weißen Kitteln legten die Leiche eines älteren Mannes gerade in einen Zinksarg. Das grelle Licht der Scheinwerfer machte das Ganze zu einer unwirklichen Szene.

„Hier ist die Kugel!“, rief plötzlich jemand.

Alle starrten auf den Mann, der aus der Wand gerade eine Geschossspitze herausklaubte. Mit einer Pinzette legte er sie auf ein Stück Pappe und brachte sie zu dem Lieutenant. Mehrere Köpfe beugten sich darüber. Bount schob sich näher heran, um die Einzelheiten mitzubekommen.

„Wo kommt diese Kugel her?“, fragte der Staatsanwalt.

Ein Polizist antwortete: „Weston, das ist der Ermordete, gab kurz vor seinem Tod noch einen Schuss ab. Das stellten wir an seinem Revolver fest, der neben ihm lag. Und das ist nun die Kugel, die er abfeuerte.“

„Sie soll sofort ins Labor zur Untersuchung“, sagte ein anderer.

„Wir haben nämlich den Verdacht, dass der Mörder von diesem Geschoss getroffen wurde“, erklärte der Lieutenant dem Staatsanwalt. „Vermutlich war es nur ein Streifschuss, aber wir haben immerhin eine ganz winzige Blutspur gefunden, die nicht von dem Toten stammt. Wenn wir Glück haben, besitzen wir jetzt eine echte Spur.“

„Wollen Sie damit sagen, dass der Täter verwundet ist?“, fragte der Staatsanwalt. „Wenn es sich um einen Angehörigen der Polizei handelt, müssten wir ihn dann doch feststellen können.“

Der Polizeileutnant zuckte mit den Schultern. „So leicht ist das nicht. Außerdem kann die Wunde sehr klein sein, sodass sie nicht auffällt. Wir wissen nur eines mit Sicherheit: seine Blutgruppe.“

Bount Reiniger tat so, als widme er seine Aufmerksamkeit den Papieren, die auf dem Tisch lagen, aber ihm entging nicht ein Wort der leise geführten Unterhaltung. Es war bemerkenswert, dass auch die Mordkommission davon überzeugt war, der 'Henker' stamme aus den Reihen der Polizei.

„Was hat die Spurensicherung noch ergeben?“, fragte der Staatsanwalt gerade.

„Der Ermordete muss den Killer gekannt haben. Er hat ihn jedenfalls freiwillig in den Laden gelassen. Es sind keine Spuren von Gewaltanwendungen bei den Schlössern festzustellen“, sagte einer der Kriminalbeamten. „Weston hat mit Sicherheit nicht mit einem Überfall gerechnet, sonst hätte er seinen Besucher wohl kaum in das Hinterzimmer geführt. Der tödliche Schuss muss ihn völlig überrascht haben.“

„So sehr nun auch wieder nicht, sonst hätte er keinen Revolver in der Hand gehabt“, warf ein anderer ein.

„Aber das ist doch leicht zu rekonstruieren“, sagte der Lieutenant. „Weston arbeitet nach Geschäftsschluss an seinen Papieren, er hört ein Geräusch an der Ladentür, steckt seine Waffe ein und geht nach vorn. Entweder kennt er den Besucher oder der kann ihn überzeugen, dass Weston ihn einlassen muss. Sie gehen nach hinten, und dort kommt es dann zu einem Schusswechsel.“

„Ja.“ Der Staatsanwalt nickte. „Dieser Weston erkennt plötzlich eine Gefahr, zieht seine Waffe und schießt. Sein Besucher feuert ebenfalls und trifft ihn tödlich.“

„Genau.“ Der Lieutenant blickte missmutig auf den Tisch mit den Papieren. „Wenige Sekunden vor seinem Tod hat Weston plötzlich erkannt, wer der nächtliche Besucher ist, nämlich der 'Henker'. Aber in diesem Augenblick kann er nichts mehr ändern. Trotzdem hat der Killer wohl nicht damit gerechnet, dass Weston bewaffnet war, sonst hätte er wohl kaum eine Verletzung riskiert.“

„Sicher. Weston hat die Waffe in der Tasche gehabt“, sagte der Staatsanwalt. „Ich bin überzeugt davon, dass er den Besucher kannte und zunächst nichts Schlimmes befürchtete.“

„Es spricht immer mehr dafür, dass ein Polizist der Täter ist“, sagte der Lieutenant leise. „Es passt auch hier alles zusammen. Und der Killer hat wieder seine Visitenkarte hinterlassen: ein Dum-Dum-Geschoss. Es lag auf dem Tisch. Wir haben es schon ins Labor bringen lassen, um festzustellen, ob es mit den anderen identisch ist.“

„Halten Sie es für möglich, dass einer von Westons Gangsterfreunden der Täter war?“, fragte der Staatsanwalt. „Und um eine falsche Spur zu legen, arrangierte man diese Szene?“

„Nein.“ Der Lieutenant schüttelte den Kopf. „Das entspricht in keiner Weise einem Gangstermord. Die hätten ihn entweder spurlos verschwinden lassen oder ein Killerteam mit Maschinenpistolen geschickt. Der Tote wäre dann von Kugeln durchsiebt gewesen. Solche Berufskiller verlassen sich selten auf einen einzigen Schuss.“

Bount lächelte. Man hatte eine Menge Erklärungen und Vermutungen, aber keinen handfesten Beweis. Es wurde Zeit, dass er sich aus dem Staub machte, ehe er doch noch auffiel. Und diese peinlichen Fragen wollte er sich ersparen. Er hatte auch genug gehört.

Bount schlenderte unauffällig in Richtung Ausgang. Im Raum war es auch leerer geworden. Die Leiche war abtransportiert, der Fotograf war verschwunden, und auch das Spurensicherungsteam hatte sich verkleinert. Wieder achtete niemand auf ihn, als er sich langsam aus der Tür schob. Der Polizist vor dem Eingang legte die Hand an die Mütze, und Bount nickte wieder freundlich. Dann ging er zu seinem Wagen.

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Lieutenant O’Keefe starrte nachdenklich auf die Schreibtischplatte. Dann gähnte er lange und ausgiebig. Sein Blick streifte die Mitglieder der Sonderkommission, die rings um ihn versammelt waren. Insgesamt gehörten über vierzig Kriminalbeamte zu der Sonderkommission, aber die meisten davon waren ständig unterwegs, um die Nachforschungen voranzutreiben.

Heute waren nur rund ein Dutzend Leute in seinem Raum. Es war die tägliche Lagebesprechung. Auch die Leute aus seiner eigenen Abteilung waren da: Sergeant Harrison und Stevens.

„Wo ist Sergeant Johnston?“, fragte O’Keefe.

„Der hat heute frei“, antwortete Harrison.

Eine steile Falte bildete sich auf O’Keefes Stirn. „Ab sofort gilt für die Mitglieder der Sonderkommission Urlaubssperre“, sagte er schließlich. „Erst wenn wir diesen Killer geschnappt haben, könnt ihr wieder einen freien Tag nehmen. Wo gibt’s denn so was? Wenn das ein Reporter herausbekommt! Die Sonderkommission macht Urlaub!“

Die Männer schwiegen betreten. Der Lieutenant beruhigte sich langsam wieder. Er wartete auf den Widerspruch, aber es kam keiner. Die Männer wussten, wann sie den Mund zu halten hatten.

„Kommen wir zu unserem Fall“, sagte O’Keefe, jetzt schon viel ruhiger. „Die meisten von euch waren gestern Abend dabei, als wir den bisher letzten Fall untersuchten. Die Spurensicherung hat dasselbe wie immer ergeben: so gut wie nichts. Es gibt keine Fingerabdrücke des Täters und nichts, was er sonst hinterlassen hat, außer zwei Geschossen. Der einzige Unterschied ist eine winzige Blutspur, die vom Täter stammen könnte. Eines ist sicher, es handelt sich um Menschenblut, und es hat eine andere Blutgruppe als Westons.“

„Es gibt noch einen wichtigen Unterschied“, sagte Sergeant Harrison. „Die Mordwaffe ist wieder die gleiche wie früher. Nur beim vorletzten Mord - Hall, der Kneipenwirt - wurde eine andere Waffe verwendet. Das hat unser Labor eindeutig festgestellt.“

„Und was schließen Sie daraus?“, fragte der Lieutenant.

„Entweder besitzt der Killer zwei Waffen, oder es handelt sich um zwei verschiedene Täter. Eine andere Möglichkeit gibt es ja wohl nicht.“ Lieutenant O’Keefe lehnte sich in seinem Sessel zurück und legte die Fingerspitzen gegeneinander. „Das ist eine interessante Theorie. Jagen wir einen oder zwei Mörder? Ist die Presse eigentlich schon hinter die Tatsache mit den verschiedenen Revolvern gekommen?“

Harrison schüttelte den Kopf. „Nein.“

„Gut.“ O’Keefe stand auf und wanderte um seinen Schreibtisch herum. „Dann soll es auch so bleiben. Wenn wir es wirklich mit zwei Tätern zu tun haben, wobei der eine nur für einen einzigen Mord verantwortlich ist, dann steckt dahinter ein bestimmter Plan. Da wir den nicht kennen, tun wir so, als hätten wir es nicht gemerkt. Ich möchte nicht, dass außerhalb dieses Raumes jemand von unserer Vermutung erfährt.“

Die Männer nickten.

„Ich möchte außerdem, dass alle Fälle noch einmal miteinander verglichen werden. Irgendwo muss es Hinweise geben. Es muss uns möglich sein, den Killer stärker einzukreisen. Alle diese Morde haben etwas gemeinsam. Irgendetwas verbindet die Opfer mit dem Täter. Ich will wissen, was das ist. Also fangt an. Der Polizeipräsident hat mich heute Morgen schon wieder angerufen und nach dem Stand der Ermittlungen gefragt. Beim nächsten Mal muss ich ihm eine ausreichende Antwort geben.“

Die Männer sahen sich bedeutungsvoll an. Sie hatten nicht mehr viel Zeit. In den oberen Etagen wollte man Erfolge sehen. Langsam verließen sie das Zimmer.

„Sergeant Harrison!“, rief der Lieutenant. „Rufen Sie Sergeant Johnston an. Ich will ihn hier haben. Sein freier Tag ist mir egal. Wir brauchen ihn.“

„Wird erledigt“, sagte Harrison, und im Hinausgehen murmelte er: „Der wird sich freuen.“

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Denken Sie nach!“, sagte Bount Reiniger scharf.

Jonathan Woods hob hilflos die Hände. Bount nahm seinen Auftraggeber seit einer halben Stunde ins Verhör.

„Versuchen Sie, sich zu erinnern“, drängte Bount. „Hat Ihr Sohn die Polizei erwähnt? War jemals ein Polizist bei Ihnen? Ist er beschattet worden?“

Woods schüttelte den Kopf. „Nein, nein. Ich war ja völlig ahnungslos. Er hat nie darüber gesprochen, dass er mit der Polizei zu tun hatte. Und es war auch nie einer hier. Sonst hätte ich doch viel früher eingegriffen. Ich wusste zwar, dass die angeblichen Freunde meines Sohnes ziemliche Taugenichtse waren, aber ich habe natürlich nicht gewusst, dass sie mit Rauschgift handelten.“

„Seine Freunde“, sagte Bount nachdenklich. „Das wäre noch eine Möglichkeit. Kennen Sie einen von ihnen?“

Woods machte ein erstauntes Gesicht. „Aber die haben doch nichts damit zu tun. Wahrscheinlich hätte es einen von denen genauso gut erwischen können.“

„Beantworten Sie meine Frage: Kennen Sie einen Namen? Wissen Sie, wo die Kerle stecken?“

Woods stützte den Kopf in die Hände. „Warten Sie. Mit einem von ihnen kam mein Sohn fast täglich zusammen. Er hat mir auch den Namen genannt. Miller, nein, so ähnlich. Mills! Ja, das war der Name. Don Mills. Er wohnt in einer Bude in der 25. Straße Ost.“

„Hat er ein Telefon?“

Woods nickte. „Ja, hat er. Sie haben oft miteinander telefoniert.“

„Dann ist die Adresse auch leicht herauszubekommen. Ich werde ihn finden.“ Bount blickte nachdenklich aus dem Fenster. „26. Straße“, murmelte er. „Sehr merkwürdig.“

„Wollen Sie mit diesem Mills sprechen? Warum? Er hat doch sicher nichts mit dem Killer zu tun.“

„Aber der Killer vielleicht mit ihm.“

Woods machte ein ungläubiges Gesicht. „Das verstehe ich nicht ganz.“

„Brauchen Sie auch nicht.“ Bount stand auf. „Ich muss jetzt gehen. Ich halte Sie auf dem Laufenden.“

Er hatte es plötzlich eilig. Denn in seinem Gehirn hatte sich ein Gedanke geformt, der ihn nicht mehr losließ. Er musste sofort überprüfen, ob ihn seine Erinnerung nicht im Stich ließ.

Sein Ziel war das Büro. Als er den Mercedes in der Tiefgarage geparkt hatte, konnte er nicht schnell genug in den Lift. Ungeduldig wartete er, bis er das richtige Stockwerk erreicht hatte.

June March blickte entgeistert von ihrer Schreibmaschine auf, als er an ihr vorbeistürmte. „Kommen Sie mit, ich brauche Sie!“

June folgte ihm mit Block und Bleistift, doch er winkte ab. „Ich habe einen ganz bestimmten Verdacht, und wir müssen feststellen, ob die Fakten dazu passen. Wenn ich recht habe, sind wir ein ganzes Stück weitergekommen.“

June blickte ein wenig verwirrt. „Ich weiß nicht so recht, wovon Sie sprechen.“

Bount lächelte. „Ich will es Ihnen erklären. Holen Sie einen Stadtplan von Manhattan.“

Es dauerte nur wenige Sekunden, bis June den Plan ausgebreitet hatte. Sie beugten sich beide darüber, und Bount tippte auf einen bestimmten Punkt. „Hier wurde Denny Layton erschossen, das erste Opfer des Gangster-Killers.“ Sein Finger glitt über den Plan. „Und hier wohnte er. In der 24. Straße Ost.“

June blickte auf. Ihr Gesicht war ein einziges Fragezeichen. „Und was hat das zu bedeuten?“

„Passen Sie auf. Wir kommen zum nächsten Fall. Das war der Mafia-Boss Mario di Socca. Sein Hauptquartier mit der Holding-Firma seiner legalen und illegalen Geschäfte lag an der Third Avenue, zwischen 25. und 26. Straße Ost.“ Bount nahm einen Bleistift und zeichnete an den beiden bisherigen Stellen Kreuze ein.

Die beiden Kreuze lagen sehr dicht beieinander.

„Aha!“, sagte June, aber sie hatte es noch nicht begriffen.

„Der nächste war Dave Braddock“, fuhr Bount fort. „Er brach aus dem Untersuchungsgefängnis aus und tötete einen Wächter. Das Untersuchungsgefängnis liegt hier.“ Er machte wieder ein Kreuz auf der Karte. Es war ein ganzes Stück von den beiden anderen entfernt.

„Das vierte Opfer war Ken Woods. Er verkaufte Rauschgift in dieser Gegend.“ Bount beschrieb einen Kreis über dem Plan, zeichnete aber nichts ein. „Sein Freund, der ihn mit dem Rauschgift in Verbindung brachte, wohnt in der 25. Straße Ost.“

Jetzt kam wieder ein Kreuz. Es lag dicht neben dem zweiten. June runzelte die Stirn. „Worauf wollen Sie hinaus?“

„Das werden Sie gleich merken. Aber machen wir weiter. Lee Hall hatte seine Kneipe in der 28. Straße, auf der anderen Seite des Broadways. Das ist ein ganzes Stück entfernt von den anderen Kreuzen.“

Er zeichnete es ein. „Und dann haben wir noch Weston, den Mann mit dem Trödlerladen in der 26. Straße Ost.“ Wieder kam ein Kreuz.

Bount legte den Bleistift zur Seite und deutete mit einer Handbewegung auf die Karte. „Was fällt Ihnen auf?“

„Einige der Opfer sind durch einen bestimmten örtlichen Zusammenhang miteinander verbunden.“

Bount nickte. „Das haben Sie sehr schön ausgedrückt. Und was haben diese vier beieinanderliegenden Kreuze oder Orte gemeinsam?“

„Das weiß ich nicht.“

„Dann will ich es Ihnen sagen.“ Manchmal konnte Bount es sich nicht verkneifen, ein wenig aufzutrumpfen. „Für diese ganze Gegend ist ein einziges Polizeirevier zuständig. Nämlich dieses hier.“ Er zeigte auf einen bestimmten Punkt. „Und das Untersuchungsgefängnis ist auch für dieses Revier zuständig. Damit fehlt nur noch ein Punkt, und das ist Lee Hall.“

Bount nagte an der Unterlippe. „Aber bei dem stimmen auch ein paar andere Dinge nicht.“

„Aber was bedeutet das?“, fragte June.

„Wir haben eine Verbindung zwischen den Mordfällen. Da alle der Ansicht sind, dass der 'Henker' ein Polizist ist, liegt der Verdacht nahe, dass er zu diesem Revier gehört, denn irgendeine Beziehung muss er ja zu seinen Opfern haben.“

„Meinen Sie nicht, dass die Sonderkommission auch schon darauf gekommen ist?“

„Nicht unbedingt. Die Beamten haben alle Hände damit zu tun, die einzelnen Mordfälle gründlich zu analysieren. Sie müssen jeder Spur nachgehen, eine große Zahl von Hinweisen verfolgen. Ich glaube nicht, dass jemand schon dieselbe Theorie aufgestellt hat wie ich.“

„Und was wollen Sie jetzt tun?“, fragte June.

„Es gibt mehrere Dinge, die getan werden müssen. Sie beschaffen sich alle Zeitungsberichte oder sonstigen Unterlagen, die Sie bekommen können, über die Opfer des Killers. Da alle mit der Polizei schon zu tun hatten, gibt es vielleicht Artikel, in denen die Namen der Polizisten stehen, die mit der Untersuchung beauftragt waren.“

June nickte. „Ja. Ich verstehe. Das ist zwar eine mühsame Arbeit, aber sie könnte Erfolg haben.“

„Ziehen Sie nur keine voreiligen Schlüsse, wenn ein Name zweimal auftaucht. Das allein ist noch lange kein Beweis.“

„Nein. Natürlich nicht, aber ich weiß, worauf es ankommt. Und was machen Sie in der Zeit?“

„Ich werde den Freund von Ken Woods besuchen und anschließend zu dem Polizeirevier gehen, das im Mittelpunkt unseres derzeitigen Interesses steht.“

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Bount Reiniger musste ein ganzes Stück zu Fuß gehen. In unmittelbarer Nähe des Hauses gab es keinen Parkplatz. Aber dieses leidige New Yorker Problem war nicht zu ändern. Es war nicht schwierig gewesen, die Adresse herauszufinden, sie stand im Telefonbuch.

Don Mills wohnte in einem hässlichen Mietshaus, an dem die Fassade abblätterte. Das Haus war vermutlich schon vor dem Ersten Weltkrieg erbaut worden und hatte sieben oder acht Stockwerke. So genau war das von unten nicht zu erkennen.

Es gab sogar einen Lift. Bount schob die verschnörkelte Gittertür auf und zwängte sich in den winzigen Fahrkorb. Ratternd setzte sich der alte Lift in Bewegung.

Don Mills hatte seinen Namen sogar auf dem Briefkasten verewigt. Er stand dort als Letzter unter drei anderen Namen. Vermutlich war er also Untermieter. Die Wohnung lag im obersten Stockwerk. Der Lift hielt eine Etage tiefer, und Bount musste die letzte Treppe zu Fuß hinaufsteigen. Im Hausflur waren eine Menge Geräusche zu hören, übertönt von schreienden Kindern.

Bount studierte die Wohnungstür. Auch hier standen vier Namen. Don Mills war der letzte. Bount drückte auf den Klingelknopf.

Es dauerte fast eine halbe Minute, bis sich hinter der Tür etwas regte. Bount lauschte gebannt. Schlurfende Schritte näherten sich der Tür. Dann öffnete sich ein Spalt.

Ein unrasiertes Gesicht mit verquollenen Augen erschien. Der Mann schien Mühe mit dem Aufrechtstehen zu haben. Er schwankte leicht hin und her und starrte Bount mit trübem Blick an.

„Ich möchte zu Don Mills“, sagte Bount freundlich.

Der andere schien erst nicht zu verstehen, dann begriff er langsam und zog die Tür weiter auf. Er deutete mit der Hand nach hinten, wo sich ein langer Flur im Halbdunkel verlor.

Bount betrat die Wohnung. Als er an dem anderen vorbeiging, schlug ihn eine Alkoholfahne entgegen, wie er sie lange nicht mehr gespürt hatte. Hinter ihm fiel die Tür krachend zu, und der Mann torkelte auf eine offen stehende Tür zu, verschwand in dem Zimmer und schien auf ein Bett zu fallen, wie das Quietschen verriet. Eine Sekunde später drangen laute Schnarchtöne aus dem Zimmer. Der Mann würde sich vermutlich nicht daran erinnern, jemanden eingelassen zu haben.

Bount ging den Flur nach hinten, von dem mehrere Türen abgingen. Der Mann hatte auf keine bestimmte gedeutet, Bount musste selbst herausfinden, hinter welcher sich Mills befand.

Der Zufall nahm ihm die Arbeit ab. Eine Tür direkt vor ihm ging auf, und ein junger Mann mit einer dichten schwarzen Haarmähne erschien. Er blickte mit offenem Mund auf den unerwarteten Besucher, drehte sich nach einer Schrecksekunde um und stürzte in sein Zimmer zurück.

Bount reagierte ebenfalls rasch. Er hatte sich schon mit der Schulter gegen das Türblatt geworfen, ehe der andere ihm die Tür vor der Nase zuschlug.

Bount stolperte und griff noch im Fallen nach dem jungen Mann, der zum Fenster wollte. Er bekam ihn am Ärmel zu fassen und hörte, wie Stoff riss. Der andere stieß einen leisen Schrei aus und versuchte verzweifelt loszukommen.

Bount Reiniger hatte sich wieder gefangen und stand sicher auf den Beinen. Er zog den anderen näher an sich heran, der jetzt versuchte, sich mit den Fäusten zu wehren. Bount wehrte die Schläge mühelos ab. „Ich will nur mit dir reden!“, brüllte er schließlich.

Bount warf die Tür hinter sich mit dem Fuß zu, war für einen Augenblick abgelenkt, und schon hatte sich der andere befreit. Er rannte zu einem Kleiderständer, wo ein paar Sachen hingen - und hatte plötzlich ein Messer in der Hand.

„Mach keine Dummheiten“, sagte Bount ruhig. „Bist du Don Mills?“

„Sie werden mich doch kennen, sonst wären Sie wohl kaum hergekommen“, knurrte der andere und fuchtelte mit dem Messer herum.

Bount hatte zwar keine Angst vor dem Messer, zumal Mills mit Sicherheit kein ausgebildeter Kämpfer war - das sah man an der Haltung. Andererseits war ein Messer in der Faust eines Gegners immer gefährlich. Bount hatte gelernt, nie jemanden zu unterschätzen. Die Friedhöfe waren voll mit Leuten, die diese Lektion nicht begriffen hatten.

Bount ging in Abwehrhaltung, die Beine vorschriftsmäßig auseinandergestellt, die Arme leicht abgewinkelt nach vorn gestreckt, der Körper mit der Schmalseite nach vorn, um dem Gegner eine möglichst kleine Angriffsfläche zu bieten.

Dann war Mills heran. Er machte einen hastigen Ausfall mit dem Messer, aber Bount tänzelte elegant zur Seite, und der Stoß ging ins Leere. Wütend fuhr Mills herum. Der zweite Stoß ging wieder vorbei, und auch beim dritten Mal hatte der Angreifer keinen Erfolg. Bount hatte inzwischen begriffen, dass Mills immer denselben Angriff führte, und auch immer auf denselben Abwehrtrick hereinfiel. Er musste noch viel lernen, wenn er die Absicht hatte, in der New Yorker Unterwelt zu überleben.

Bount beschloss, den Kampf zu beenden, ehe Mills sich noch mit dem eigenen Messer verletzte. Sein Fuß kickte aus der Drehung hoch, traf mit der Spitze die Messerhand, und die Waffe flog durchs Zimmer.

Mills zischte wütend, der getroffene Arm hing an seiner Seite herab. Er würde ihn auch in den nächsten Minuten nicht bewegen können - Bount hatte an der richtigen Stelle getroffen.

Trotzdem gab er noch nicht auf. Mit einer raschen Bewegung warf er sich auf Bount Reiniger und versuchte, ihn zu Fall zu bringen. Bount wurde von dem Angriff überrascht und taumelte. Aber seine Erfahrung und sein Training waren viel stärker als ein Überraschungsangriff.

Seine rechte Hand flog nach vorn, die Finger gestreckt - und seine Handkante traf die Nasenwurzel des Gegners. Mills heulte schmerzhaft auf und hielt sich die Nase.

„Sie ist gebrochen“, jammerte er.

„Sie ist nicht gebrochen“, sagte Bount. „Können wir uns jetzt unterhalten?“

Er ging an ihm vorbei und wollte sich auf das Bett setzen, die einzige Sitzgelegenheit im Raum. Instinktiv spürte er die Bewegung hinter sich. Mills versuchte einen letzten heimtückischen Angriff. Bount blockte den Hieb gelassen ab und schlug mit der anderen zu. Diesmal aber richtig. Und einmal genügte.

Mills wurde durch das halbe Zimmer geschleudert, krachte gegen einen Schrank und schlug schwer zu Boden. Bount setzte sich auf das Bett und sah zu, wie der andere hochkam.

„Das war keine zufällig vorüberkommende Dampframme“, sagte Bount. „Sondern das war ich. Wir können uns gern noch ein bisschen auf diese Weise unterhalten, aber ich fürchte, das wird ein bisschen einseitig.“

Mills stöhnte und kam mühsam wieder auf die Beine. Er setzte sich auf das andere Ende des Bettes und starrte Bount böse an. „Was wollen Sie von mir? Ich kenne Sie nicht und will Sie auch nicht kennenlernen. Wenn Sie ein Bulle sind, gehen Sie lieber wieder. Ich habe nichts gehört und nichts gesehen. Ich bin sozusagen blind und taub.“

Bount lächelte. Aber nicht sehr freundlich. „Ich bin kein Bulle. Aber ich möchte gern etwas über die Bullen hören, mit denen du sonst zu tun hast.“

Don Mills blickte Bount misstrauisch an. „Das ist doch wieder ein verdammter Trick“, sagte er lauernd. „Ihr wollt mir doch bloß was anhängen. Aber das läuft nicht bei mir. Ich sage jetzt lieber nichts mehr. Sie können mich ruhig auf Ihr Revier schleppen, dort sage ich auch nichts. Ich kenne die Zellen dort schon, war schließlich lange genug dort. Aber die haben nie etwas aus mir herausgekriegt. Und sie haben alle Tricks versucht.“

Bount schüttelte den Kopf. „Ich bin nicht von diesem Revier. Und ich will dich auch nicht dort hinbringen. Ich will nur wissen, mit wem du dort zu tun hattest.“

Mills funkelte ihn an. „Sie begreifen wohl nicht so schnell? Ich weiß nichts, und ich sage nichts.“

Bount stand auf und massierte seine rechte Faust. „Ich glaube, du hast schon ziemlich oft gesungen. Ich glaube sogar, du hast jedes Mal gesungen wie eine Nachtigall, wenn sie dich auf dem Revier hatten. Denn du bist zwar ein mieser kleiner Gangster, warst aber nie so richtig verurteilt. Das ist doch komisch.“

Mills starrte Bount mit schreckgeweiteten Augen an und schüttelte nur heftig den Kopf.

„Weißt du, was ich glaube?“, fragte Bount. „Du hast immer schön ausgepackt, nur damit sie dich wieder laufen ließen. Und das haben sie ja auch getan.“

„Nein!“, kreischte Mills und hob die Hände vor den Kopf. „Das stimmt nicht, alles Lüge! Es war ganz anders.“

„Wie war es denn?“, fragte Bount sanft.

Mills hatte dicke Schweißperlen auf der Stirn. Er stöhnte. „Wer sind Sie?“, fragte er.

„Das spielt keine Rolle. Ich stelle hier die Fragen.“ Mills hielt ihn jetzt offensichtlich für einen Gangster, der sich dafür rächen wollte, dass Mills ihn oder vielleicht einen seiner Kumpel verraten hatte. Bount war überzeugt davon, dass er mit seinen Beschuldigungen recht hatte.

„Sie haben mich gefoltert“, sagte Mills. „Die verdammten Bullen haben einmal einen Namen aus mir herausgepresst. Ich war in Dunkelhaft und bekam nichts zu essen. Sie drohten, sie würden mich nie mehr herauslassen oder ich würde auf der Flucht erschossen. Ich konnte nicht mehr klar denken, und da ist mir ein Name herausgerutscht - im Schlaf.“

Bount schüttelte den Kopf. „Eine schreckliche Geschichte“, meinte er. „Und sie ist von vorn bis hinten erlogen. Für wie dämlich hältst du mich eigentlich? Spar dir deine Lügengeschichten, ich will von dir nur wissen, mit welchen Polizisten du zusammengearbeitet hast.“

Mills leckte sich über die Lippen. Er überlegte fieberhaft. Man sah ihm direkt an, dass er sich wieder eine neue Geschichte zurechtlegte. Aber Bount hatte die Absicht, nicht eher zu gehen, bis er die Wahrheit erfahren hatte - und wenn er noch eine Stunde hier saß. Mills würde nicht mehr lange durchhalten. Das hatte er noch nie gekonnt. Bount ahnte plötzlich, dass er von dieser kleinen Ratte den entscheidenden Hinweis bekommen würde.

„Also?“, fragte er drohend.

Mills wand sich wie ein Aal. „Ich habe nie etwas verraten. Das müssen Sie mir glauben. Und wenn mich die Polizisten verhörten, waren es meist mehrere. Sie wissen doch, wie das ist, die lösen sich ab, damit sie ihr Opfer fertigmachen können.“

„Jetzt hör endlich mit deinen Schauergeschichten auf. Sonst probiere ich diese Methoden mal aus. Wenn die wirklich so gut sind, wirst du mir vielleicht auch erzählen, was ich wissen will.“ Bount ging auf Mills zu, der vor ihm zurückwich, bis er auf der anderen Seite des Bettes fast herausfiel. Bount hätte beinahe laut gelacht, so komisch war die Szene.

Er packte Mills an den Aufschlägen und zog ihn hoch. „Wenn du mir nicht endlich sagst, was ich wissen will, überlebst du diesen Tag nicht.“ Er ließ los, und Mills fiel auf das Bett zurück.

Bount griff mit abgemessener Bewegung unter seine Achsel und zog seine Automatic heraus. Er trat einen Schritt nach vorn und richtete den Lauf der Waffe genau zwischen Mills Augen.

Der verdrehte die Augen und schluckte hörbar. Bount spürte, dass der letzte Widerstand schmolz wie Schnee in der Sonne. „Also raus mit der Sprache.“

„Ja, ich gebe es zu. Wenn die Bullen mich holten, habe ich ihnen manchmal ein paar Dinge erzählt. Aber es war nie besonders wichtig. Meistens ging es um Rauschgift.“

„Und du hast ihnen die Namen der Dealer gesagt, nicht wahr?“

Mills nickte. „Ich konnte nicht anders. Sie haben mich gezwungen. Sonst hätten sie mich eingesperrt.“

„Das wäre nicht besonders schlimm gewesen“, sagte Bount. „Waren es immer dieselben Polizisten, denen du alles erzählt hast?“

„Eigentlich immer nur einer.“

„Und wie hieß der?“

Mills sagte ihm den Namen.

Bount nickte langsam und schob die Automatic wieder in das Holster. Der Gangster starrte ihn ängstlich an, war aber offenbar erleichtert, dass die Waffe nicht mehr auf ihn gerichtet war. „Es ist am besten, wenn du vergisst, dass ich jemals hier war“, sagte Bount und bemühte sich, einen drohenden Unterton in die Stimme zu legen.

Mills nickte heftig mit dem Kopf, und Bount Reiniger trat den Rückweg an.

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Die Wunde schmerzte. Der große, kräftig gebaute Mann mit dem schwarzen Haar, das sich an den Schläfen bereits lichtete, biss die Zähne zusammen. Er durfte sich nichts anmerken lassen. Er verfluchte seine Gedankenlosigkeit, die ihm die Verletzung eingetragen hatte. Sam Weston hatte zwar schlecht gezielt, aber immer noch gut genug. Die Kugel hatte ihn gestreift und eine tiefe Schramme gerissen.

Er hatte die Blutung bald zum Stehen gebracht, aber Hemd und Jacke waren ruiniert. Abgesehen von den Schusslöchern, waren sie blutdurchtränkt. Er musste sie verbrennen.

Der Mann saß an seinem Schreibtisch und blätterte in den Akten. Rings um ihn saßen seine Kollegen, die manchmal wie ein Bienenschwarm durcheinanderwirbelten, ständig telefonierten und durch den großen Raum schrien.

Der große Mann befand sich in der Kriminalabteilung eines Polizeireviers, und seine Aufgabe war, sich selbst zu jagen. Ein flüchtiges Lächeln huschte über seine Lippen, als er daran dachte. Sie hatten noch keine richtige Spur und nicht den Schimmer eines Verdachtes gegen ihn. Und wenn es nach ihm ginge, würde es auch so bleiben.

Gleichzeitig ärgerte es ihn, dass so viele fähige Kollegen mit der Jagd auf einen Mann beschäftigt waren, der ihnen doch nur die Arbeit abnahm. Er war sicher, dass sie den Mann insgeheim bewunderten, der einen Gangster nach dem anderen zur Strecke brachte.

„Na, kommst du voran?“, klang plötzlich dicht hinter seinem Kopf eine Stimme auf, und eine kräftige Hand schlug ihm auf die verletzte Schulter. Der große Mann hätte vor Schmerz beinahe laut geschrien, und er bemühte sich, nicht nach vorn auf die Tischplatte zu sinken.

Er nickte mühsam, als einer seiner Kollegen an ihm vorbeigegangen war. Als der aber sein blutleeres Gesicht bemerkte, drehte er sich noch einmal um. „Geht’s dir nicht gut?“

„Es geht schon wieder“, presste er zwischen den Zähnen hervor, und er spürte, dass er seine Unterlippe blutig gebissen hatte. Rote Schleier tanzten vor seinen Augen, als der andere endlich weiterging.

Er musste hier raus, bevor seine Kollegen Verdacht schöpften. Sie wussten, dass der 'Henker' verwundet war, und sie wussten auch, dass er ein Polizist sein musste. Bis jetzt dachte noch niemand an ihn, aber er musste verhindern, dass es jemals so weit kam.

Der große Mann stemmte sich an seinem Schreibtisch hoch. Irgendjemand würde ihm das büßen. Er griff in seine Jackentasche und zog das kleine Notizbuch heraus. Die Seite mit den Namen hätte er im Schlaf gefunden. Es waren wieder neue Namen dazugekommen, und sein Finger glitt an der Spalte entlang.

Er nickte grimmig. Der hier hatte es besonders verdient. Er machte ein dickes Kreuz hinter dem Namen.

Erschrocken fuhr er zusammen, als eine neue Stimme erklang. Er kannte sie gut, sie gehörte dem Lieutenant. „Ich brauche Sie, Sergeant. Kommen Sie bitte mit!“

Der große Mann blickte den Lieutenant an, der auf wippenden Zehen hinter ihm stand und ungeduldig schien.

„Ich komme“, murmelte er und ließ das Notizbuch in seine Schreibtischschublade gleiten, die er mit einem heftigen Ruck schloss. Der Lieutenant achtete nicht darauf, sondern blickte auf seine Uhr.

„Der Staatsanwalt wird langsam nervös“, meinte er. „Wir müssen ihm endlich einen Erfolg präsentieren.“

Der große Mann nickte nur. Seine Kehle war trocken, und die Wunde schmerzte immer noch höllisch. Aber er riss sich zusammen und folgte dem Lieutenant, der sich umdrehte und vorausging.

Sein Plan musste warten, aber er hatte Zeit.

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