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Sambanächte mit dem Playboy

PROLOG

Ruiz Acosta streckte erst genüsslich Arme und Beine aus, dann nahm er in aller Ruhe den Anruf seines Bruders Nacho aus Argentinien entgegen. Dabei blickte er aus dem Fenster seines eleganten Stadthauses und überlegte, dass ihm London mittlerweile genauso lieb war wie die Weite der argentinischen Pampa – vielleicht sogar noch lieber. Der Unterschied war gewaltig, die Herausforderung eine andere, aber mindestens ebenso stimulierend.

Und die Frauen?

Blass, gehetzt und in so viele Schichten Kleider gehüllt, dass an Sex gar nicht zu denken war.

„Ob ich rechtzeitig zu unserem jährlichen Polo-Match zurückkomme?“, wiederholte er die Frage seines älteren Bruders. „Keine zehn Pferde könnten mich davon abhalten. Sieh bloß zu, dass ich einen Hengst bekomme, der schneller ist als Neros Ungeheuer, und ich werde deine Flanke schützen, Nacho …“

„Und die Geschäfte?“, unterbrach ihn die harte Stimme seines Bruders.

„Laufen verdammt gut. Ich habe die komplette Umstrukturierung abgeschlossen und muss nur noch ein, zwei Stellen neu besetzen. In Zukunft werde ich meine Zeit zwischen Argentinien und London aufteilen, aber …“

„Solange du deine Familie auf der anderen Seite der Erde nicht vergisst, Ruiz“, unterbrach ihn Nacho schon wieder. „Du bist der Klebstoff, der uns zusammenhält.“

„Klebstoff lässt sich prima ausdehnen“, erklärte Ruiz trocken.

Nacho, dem es gar nicht gefiel, wenn seine Autorität infrage gestellt wurde, wechselte die Taktik. „Hast du in letzter Zeit etwas von Lucia gehört?“

„Lucia? Nein. Wieso?“ Ruiz, dem der veränderte Tonfall in der Stimme seines Bruders nicht entgangen war, richtete sich auf. „Gibt es ein Problem?“

„Unsere Schwester ist mal wieder untergetaucht – sie hat ihre Nummer geändert …“

„Lucia war schon immer einfallsreich.“ Und wer konnte ihr das bei vier Brüdern, die sie nicht aus den Augen ließen, verübeln? Dennoch hatte die Sicherheit seiner Schwester oberste Priorität. „Ich kümmere mich darum. Gehe nachher mal an ihrer Wohnung vorbei und schaue, ob sie zurück ist oder irgendwelche Hinweise hinterlassen hat.“

Nacho schien zufrieden zu sein, jetzt, wo er wusste, dass Ruiz sich des neuesten Familienproblems annahm. Seine Stimme wurde weicher. „Hast du dir endlich eine Frau gesucht?“

Ruiz lachte, denn genau in diesem Moment schob jemand, oder vielmehr etwas, seinen Kopf zwischen seine Beine. „Nein, aber ein Hund hat sich mich ausgesucht.“ Das Fluchen am anderen Ende der Leitung ignorierte er. „Diese große schwarze Promenadenmischung ist einfach von der Straße hereinspaziert, als mir ein paar Möbel geliefert wurden, und hat es sich vor dem Kamin gemütlich gemacht. War es nicht so, Bouncer?“

„Du hast dem Hund einen Namen gegeben?“, fragte Nacho scharf.

„Nicht nur einen Namen – auch ein Zuhause. Bouncer ist jetzt Teil des Mobiliars.“ Ruiz kraulte den großen Hund hinter den Ohren.

„Das ist so typisch für dich, Ruiz“, rügte Nacho ganz im Tonfall des großen Bruders. „Du hast schon immer alle möglichen Straßenkinder und Heimatlosen aufgelesen. Wenn irgendjemand Streicheleinheiten braucht, bist du sofort zur Stelle. Dios! Sieh zu, dass du den Köter wieder loswirst!“, donnerte er.

„Halt dich da raus!“, schoss Ruiz zurück. Er war kein kleiner Junge mehr, den Nacho nach Lust und Laune rumkommandieren konnte. Außerdem müsste sein Bruder mittlerweile wissen, dass er bei Tieren nicht mit sich reden ließ.

„Wir sehen uns dann beim Polo-Match“, knurrte Nacho, „ohne den Hund!“

„Dir auch noch einen schönen Tag, Bruderherz“, murmelte Ruiz und starrte auf den stummen Telefonhörer in seiner Hand.

Nacho, der nach dem Tod ihrer Eltern die Verantwortung für seine Geschwister übernommen hatte, vergaß manchmal, dass sie mittlerweile alle erwachsen waren.

Bouncer, der Ruiz’ Irritation zu spüren schien, winselte leise. Beruhigend tätschelte Ruiz den Kopf des Hundes. „Du meinst, ich soll Nachsicht mit Nacho haben?“, fragte er, während Bouncer darum bettelte, dass er mit ihm Gassi ging. Sein Bruder leitete in Argentinien eine Estancia von der Größe eines kleinen Landes, insofern war es ihm gestattet, hin und wieder einen schlechten Tag zu haben. „Also gut, Junge, du hast recht. Lass uns gehen“, sagte er und stand auf.

Ein großer Hund wie Bouncer brauchte genügend Auslauf. Ähnlich wie bei seinem Herrchen, dachte Ruiz, als er sein gebräuntes, unrasiertes Gesicht im Spiegel sah. Es war eine weitere lange, enttäuschende Nacht gewesen. Keine der Frauen, die ihm in London begegneten, gefiel ihm. Alle waren sie viel zu knochig, trugen tonnenschweres Make-up und färbten sich die Haare allzu blond. Man konnte durchaus sagen, dass er übersättigt war. Vielleicht hatte Nacho recht, und er sollte nach Argentinien zurückkehren, um sich eine kultivierte, glutäugige Schönheit voll südamerikanischen Feuers und Leidenschaft zu suchen. Eine Frau, die ihm nicht nur im Bett gewachsen war, sondern auch seine Lebenslust teilte.

Zumindest wäre das auch der Typ Frau, der seinem Bruder Nacho guttun würde. Vielleicht würde sie es schaffen, dass er den permanenten Kriegermodus mal ablegte, dachte Ruiz amüsiert, während er die Haustür abschloss.

Ihm wäre nicht im Traum eingefallen, dass das Schicksal für ihn einen ähnlichen Weckruf bereithalten könnte …

1. KAPITEL

Ich habe immer Tagebuch geführt. Man könnte mich eine zwanghafte Schreiberin nennen. Ich habe gehört, dass Menschen ihre Gedanken oft aufzeichnen, wenn sie niemanden haben, dem sie sich sonst anvertrauen können.

Das ist der erste Tag meines neuen Lebens in London. Gerade fährt mein Zug im Bahnhof ein, weshalb ich mich kurzfassen muss. Eigentlich gibt es nur zwei Regeln, die ich in diesem neuen Leben beherzigen will:

Verlasse dich ausschließlich auf dich selbst.

Keine Männer – zumindest nicht, solange ich mich nicht als Journalistin etabliert habe und bestimmen kann, wo es lang geht.

Es war die Geräuschkulisse in London, der ständige Verkehrslärm und die großen Menschenmengen, an die man sich gewöhnen musste, wenn man gerade erst aus einem kleinen Ort auf dem Land in die Hauptstadt gekommen war. Die Tatsache, dass Hollys Wintermantel völlig durchnässt und sie selbst ziemlich durchgefroren war, machte es nicht unbedingt besser. Ihre langen roten Haare klebten in feuchten Strähnen an ihrem Rücken.

Wie hatte nur alles so schiefgehen können?

Immerhin hatte sie den Beginn ihres Jobs beim ROCK! Magazine genau geplant. Er fiel mit dem Angebot ihrer besten Freundin aus Schultagen zusammen, so lange in ihrem Apartment in London zu wohnen, bis sie etwas Eigenes gefunden hatte. Also wie kam es dann, dass sie jetzt vor einer Tür stand, die von einer völlig Fremden geöffnet worden war, die nicht mal ihren Namen kannte?

Holly wischte sich den Regen aus dem Gesicht, kramte ihr Handy aus der Tasche und versuchte erneut, ihre Freundin Lucia zu erreichen.

„Lucia?“, rief Holly ganz aufgeregt und sprang dabei zur Seite, um einer von einem vorbeifahrenden Auto aufgespritzten Wasserfontäne aus dem Weg zu gehen. „Lucia – kannst du mich hören?“, schrie Holly über den Lärm von quietschenden Reifen, hupenden Autos und einem Schlagzeug hinweg …

Ein Schlagzeug?

„Holly!“, kreischte Lucia gleichermaßen aufgeregt. „Bist du’s wirklich?“

„Wo bist du, Lucia?“

„St. Barts. Kannst du das Meer hören? Holly, es ist so traumhaft hier. Du würdest es lieben …“

„St. Barts in der Karibik?“, unterbrach Holly sie konsterniert und zitterte unter einer neuerlichen Attacke von Wind und Regen. Lucia stammte aus einer äußerst wohlhabenden argentinischen Familie, insofern war alles möglich. „Ist es dort nicht mitten in der Nacht?“

„Keine Ahnung … Wir feiern noch!“, schrie Lucia, als müsse sie ihre tausend Freunde neben ihr übertönen.

„Also … hast du meine SMS nicht bekommen?“, fragte Holly vorsichtig.

„Welche SMS?“ Lucia klang völlig ahnungslos.

„Die, in der ich dein Angebot, so lange bei dir zu wohnen, bis ich eine eigene Bleibe gefunden habe, mit Freude angenommen habe.“

„Ich komme gleich … komme gleich.“ Lucia hatte offensichtlich die Hand über das Telefon gelegt und lachte laut. „Die Verbindung ist wirklich schrecklich, Holly“, gestand sie, wobei die Vokale leicht verwischten. „Warum schnappst du dir nicht den nächsten Flieger und kommst rüber?“

Ähm, keine Kohle? Kein Bikini? Keine Absicht, sich vor einem Leben zu drücken, das ohnehin schon halb den Bach runtergegangen war …

Holly verkniff sich die Bemerkung, dass sie und Lucia zwar auf dieselbe Schule gegangen waren, aber während Holly das nur durch ein Stipendium ermöglicht worden war, hatte Lucias Familie dem Internat eine neue Sporthalle gesponsert, ein Schwimmbad von olympischen Ausmaßen und einen Reitstall. Oh ja, die St. Bedes Mädchenschule verfügte über eine äußerst clevere Schulleiterin.

„Also, wo bist du gerade, Holl?“, fragte Lucia, während im Hintergrund mit Gläsern angestoßen wurde.

„Vor deiner Wohnung. ‚Wir treffen uns in Apartment 12 am 20. November‘“, las Holly die SMS vor, die in ihrem Handy gespeichert war.

„Habe ich das geschrieben?“

„Ja, aber das ist kein Problem“, log Holly unbekümmert.

Lucia stöhnte. „Natürlich habe ich das geschrieben! Ich habe dir gesagt, dass du in meiner Wohnung wohnen kannst. Jetzt erinnere ich mich. Und es ist auch okay. Oder zumindest wäre es das, wenn ich dort wäre. Aber ich habe meinen Teil des Hauses untervermietet. Oh, du Arme, das habe ich völlig vergessen. Waren sie unhöflich zu dir?“

„Genau genommen …“

„Aber du kannst in ein Hotel gehen, oder?“, zwitscherte Lucia, ehe Holly auch nur die Chance hatte, ihr zu erklären, dass die Frau, die die Tür geöffnet hatte, sehr nett gewesen war, wenn auch etwas erstaunt darüber, eine Fremde mit einem Koffer und einem hoffnungsvollen Blick vor sich zu sehen. „Natürlich kann ich das“, beruhigte Holly sie. „Es tut mir wirklich leid, dass ich dich im Urlaub gestört habe, Luce …“

„Nein, warte.“

„Was?“

„Das Penthouse!“

„Das Penthouse?“, echote Holly.

„Das Penthouse meiner Familie in London ist frei! Zumindest bin ich mir da ziemlich sicher.“

„Das Penthouse, wo?“, fragte Holly und runzelte die Stirn.

„An genau derselben Adresse“, erklärte Lucia triumphierend. „Im Schlüsselkasten neben der Seitentür befindet sich ein Ersatzschlüssel. Gib mir zehn Minuten, damit ich klären kann, ob das Penthouse wirklich frei ist und wie der Code lautet.“

„Bist du dir sicher?“

„Aber klar!“, erklärte Lucia. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite ist ein Café“, fuhr sie zufrieden fort. „Siehst du es? Trink einen Kaffee und warte auf meinen Rückruf …“

Holly starrte auf das stumme Handy. Nur ein Mitglied des reichen Acosta-Clans besaß ein leeres Penthouse in London, dachte sie amüsiert. Sie steckte das Telefon in die Tasche, blickte auf die andere Straßenseite hinüber und sah das Café, von dem Lucia gesprochen hatte. Die Fenster waren völlig beschlagen. Dennoch sah es einladend aus – und vor allem warm. Aber es wirkte auch verdammt schick, was Holly ein wenig einschüchterte. Das Gebäude bestand nur aus Chrom, Stahl und Glas – die Sorte Café, die ihr Freund zwischen den gigantischen Deals aufsuchte, die er angeblich an der Börse einfädelte.

Ihr Exfreund, erinnerte sich Holly, während sie begann, ihren riesigen Koffer Richtung Bordsteinkante zu ziehen. Allerdings würde sie nicht zulassen, dass ein Fehler ihr ganzes Leben bestimmte. Sie würde den miesen kleinen Mistkerl, der ihr Bankkonto geplündert hatte, einfach vergessen und neu anfangen. Im Moment bestand ihr Ziel darin, das Café zu erreichen, wo sie ein warmes Getränk zu sich nehmen konnte, solange sie auf Lucias Rückruf wartete.

Gerade als Holly die Straße überqueren wollte, blieb sie mit dem Trolley irgendwo hängen. Ein Truck fuhr an ihr vorbei und spritzte sie von oben bis unten nass. Sie zitterte noch vor Schock, als ein großer schwarzer Hund wie aus dem Nichts auftauchte und den Versuch startete, sie trocken zu lecken. Und dann gesellte sich noch ein Traumtyp in Jeans und Lederjacke dazu. „Lassen Sie mich Ihnen helfen“, sagte er mit tiefer, rauchiger Stimme, der ein leicht exotischer Akzent anhaftete. Er zerrte sowohl Hund als auch Koffer zur Seite und versuchte, Holly von der Straße zu ziehen.

„Nehmen Sie die Hände weg!“ Sie stand noch unter Schock, sodass sich ihre Stimme leicht überschlug, während sie sich bemühte, ihn von sich zu stoßen. Doch er war wie ein Fels, und was das Ganze noch schlimmer machte, war die Tatsache, dass er so unglaublich gut aussah – weshalb sie sich selbst umso nasser, dreckiger und tollpatschiger vorkam.

„Tut mir leid“, entschuldigte er sich und wandte sich ab, um seinen überdrehten Hund zu beruhigen.

„Können Sie Ihr Tier nicht ein bisschen zügeln?“, fauchte sie. „Vielleicht würde es Ihnen bei einem etwas kleineren Exemplar leichter fallen?“

Hollys Stichelei verfehlte ihr Ziel. Den Mann schien es nur zu amüsieren. Während sie keifte, wirkte er unglaublich sexy. „Bouncer ist ein Rettungshund von der Straße“, erklärte er und richtete sich dabei zu seiner vollen Größe auf. „Ich muss ihm noch Manieren beibringen. Hoffentlich können Sie ihm verzeihen?“

Seine Stimme klang furchtbar sinnlich. Viel zu lange starrte Holly in die dunklen, funkelnden Augen des Fremden. Doch anstatt sich ihres Stolzes zu besinnen und diese Begegnung rasch zu beenden, hörte sie sich sagen: „Sie könnten mich auf einen Kaffee einladen, und ich überlege es mir.“

„Das könnte ich“, stimmte der Mann zu.

War sie völlig verrückt geworden?

Hatte sie sich von Regel Nummer 2 – keine Männer – schon verabschiedet?

Hmm, vielleicht. Der Mann sah nicht nur fantastisch aus, er hatte auch eine angenehme Art, sie anzuschauen. Sein Blick wich ihr nicht aus wie bei manchen Menschen, die sie nennen könnte, sondern blieb fest auf ihr Gesicht gerichtet.

Aber reichte das als Grund, ein Risiko einzugehen?

„Darf ich Ihr Zögern als Zustimmung interpretieren?“, fragte er. „Sie sehen sehr verfroren aus.“

Das war sie auch. Und der unbeirrte Blick des Fremden machte sie nervös. Sie war nicht daran gewöhnt, das Interesse eines derart attraktiven Mannes auf sich zu ziehen. Natürlich musste ihr das ausgerechnet dann passieren, wenn sie wie ein begossener Pudel aussah. Typisch. „Ich schätze, ein Kaffee schadet nicht.“

„Ein heißer, starker Kaffee ist genau das, was Sie brauchen“, bekräftigte er fest. „Aber ehe wir reingehen – vergeben Sie meinem vierbeinigen Freund?“

Wie konnte sie eine solche Bitte abschlagen? Ihr Ex hatte sich keinem Hund nähern können, ohne gebissen zu werden, erinnerte sich Holly, während der große Hund sie nicht aus den Augen ließ und dabei hoffnungsvoll hechelte. „Vergeben“, sagte sie und bückte sich zu ihm hinunter. „Hallo, Bouncer.“ Sofort verfiel sie den großen Hundeaugen und begann, die Promenadenmischung zwischen den Ohren zu kraulen. Bouncer nahm das zum Anlass, sich auf den Rücken zu rollen und seine riesigen Pfoten in die Luft zu recken.

„Sie können gut mit Tieren umgehen“, bemerkte der Mann.

„Wenn sie nicht gerade versuchen, mich zu Tode zu lecken“, stimmte sie zu.

„Sollen wir?“, fragte er und deutete Richtung Tür.

Er trug lediglich Jeans, verschlammte Stiefel und eine schwere Lederjacke, und dennoch sah er exakt wie ein Mann aus, der die Welt einer Frau auf den Kopf stellen konnte. Sich nach einer schrecklich missglückten Liebesaffäre wieder aufzubauen, bedeutete, sich den Dingen zu stellen. Es bedeutete nicht, davonzulaufen. Außerdem war es nur eine Tasse Kaffee, um die es hier ging.

Der Fremde war so groß, dass Holly sich ganz zierlich vorkam, als sie sich an ihm vorbeischob. Das passierte ihr zum ersten Mal. Alles in allem war dies ohnehin ein besonderer Tag, denn es kam nicht gerade oft vor, dass ein Hund sie von oben bis unten mit Schlamm besudelte und sie trotzdem lächelte – oder dass ein Mann ihren Blick länger als zwei Sekunden hielt. Und zumindest war er höflich, dachte sie, als er ihr die Tür aufhielt.

Warme Luft voll köstlichen Kaffeearomas schlug ihnen entgegen, und Holly ließ ihren Schutzschild so weit sinken, dass sie den Fremden auf dem Weg hinein streifte. Die flüchtige Berührung löste einen Schauer in ihr aus. Himmel, in Zukunft musste sie sich besser in Acht nehmen!

Sobald sie beide im Café standen, griff er einfach hinter die Ladentheke und schnappte sich ein Handtuch, das er ihr zuwarf.

„Gut gefangen“, lobte er, als sie sich geistesgegenwärtig das Handtuch angelte. „Dürfte ich vorschlagen, dass Sie erst den gröbsten Schlamm von Ihren Kleidern entfernen?“

„Werden die Leute nicht sauer?“, fragte Holly mit einem besorgten Blick auf das Personal in dem Café.

„Ich glaube, es macht ihnen mehr aus, wenn Sie sich mit Ihren schlammbespritzten Kleidern auf die Stühle setzen“, erklärte der Mann und zeigte erneut sein sündhaft attraktives Lächeln.

Männer, die so gut aussahen wie er, können tun und lassen was sie wollen, dachte Holly, während sie beobachtete, wie er das Handtuch zurückgab und ein paar Worte mit dem Personal wechselte. Es gab keine Beschwerden. Und warum auch? überlegte sie, als er die Jacke auszog und sich alle Blicke auf ihn richteten. Schließlich war sein Anblick äußerst angenehm. Holly betrachtete die muskulösen Beine. Unter seinem weißen Hemd und den aufgerollten Ärmeln kamen starke Arme zum Vorschein. Ihr Tag wendete sich definitiv zum Besseren. Bis die Mädchen hinter der Ladentheke anfingen, mit ihm zu flirten. Da fühlte sie einen scharfen Stich, den sie so nicht erwartet hätte.

Und eine Warnung, weil es deutliche Parallelen zwischen ihm und ihrem Ex gab. Auch ihr Exfreund war sehr gutaussehend gewesen und hatte über ein gewisses Charisma verfügt – zumindest bis sie den Lack abgekratzt und den faulen Inhalt darunter freigelegt hatte.

„Ich besorge den Kaffee“, sagte er. „Suchen Sie doch in der Zwischenzeit einen Tisch aus, ja?“

Sie erschauerte, als er sie kurz an der Schulter berührte. Er musste es bemerkt haben, denn in seinem unverwandten Blick lag nun eine Spur Belustigung. „Vielleicht möchten Sie sich den Schlamm auf Ihrem Rücken erst ein wenig abwischen?“, sagte er diskret.

Holly verdrehte den Kopf und stöhnte.

„Die Damentoilette ist gleich dort drüben“, schaltete sich eine Kellnerin freundlich ein.

„Lassen Sie Ihren Koffer am besten bei mir.“

Holly blickte den Mann an und wägte ihre Möglichkeiten ab. Sie konnte ihr Gepäck bei jemandem lassen, den sie nicht kannte, oder sich mühevoll den Weg mit dem Koffer im Schlepptau durch das Café bahnen.

„Sie können mir vertrauen“, beruhigte er sie, so als habe er ihre Gedanken gelesen.

Man weiß doch ganz genau, was von Leuten zu halten ist, die einem sagen, man könne ihnen vertrauen, dachte Holly.

„In meinem Fall stimmt es“, fügte er hinzu, so als schaue er direkt in ihren Kopf.

Sie ließ den Koffer bei ihm.

Während sie die amüsierten Blicke der schicken Café-Gäste zu ignorieren versuchte, marschierte Holly auf die Damentoilette zu, wo sie sich rasch säuberte. Eigentlich hatte sie für solche Trendschuppen wie dieses Café nichts übrig, aber das war nun wirklich kein Grund, einen attraktiven Mann hängen zu lassen. Als sie zu ihm zurückkehrte, las er gerade den Wirtschaftsteil der Zeitung. Ihr Koffer stand zu seinen Füßen auf dem Boden. „Ich wusste nicht, was Sie bestellen wollen“, sagte er und legte die Zeitung zur Seite.

„Latte macchiato und ein Tomaten-Mozzarella-Ciabatta? Sie verwöhnen mich …“

„Nein“, widersprach er. „Ich habe mir nur einen Lunch bestellt und dachte, Sie hätten vielleicht auch Hunger.“

„Vielen Dank.“ Ein ehrlicher Mann war eine erfrischende Abwechslung. „Es sieht köstlich aus, Mr …?“

„Nennen Sie mich Ruiz“, half er ihr weiter und streckte quer über den Tisch die Hand aus.

„Holly.“

Ein Stromschlag durchfuhr ihren Arm, als sie die Hände schüttelten. Außerdem sollte sie ihn wirklich nicht so anstarren. „Ruiz?“, wiederholte sie. „Mir gefällt Ihr Name. Er ist so ungewöhnlich.“

„Meine Mutter hat während der Schwangerschaft zahlreiche Liebesromane gelesen. Vermutlich war es irgendein Held aus einer Mittelmeerromanze.“

„Ich bin an Weihnachten geboren. Deshalb wurde ich Holly genannt – der englische Name für Stechpalme.“

Sie lachten.

Schlagartig wurde ihr bewusst, dass sie sich nicht erinnern konnte, wann sie sich in der Gegenwart eines Mannes zum letzten Mal so wohl gefühlt hatte. Sein Blick wirkte warm und interessiert. Sie wollte mehr über ihn erfahren. „Ich schätze, Sie müssen gerade die Zwischensaison überbrücken und sind deshalb in London …“

„Zwischensaison?“, fragte Ruiz, der sich mit einem Stirnrunzeln zurücklehnte. „Was meinen Sie damit?“

„Skifahren und Surfen? Die Bräune, die Statur …“

„Falle ich wirklich so auf?“

„Ja, das tun Sie.“ Holly lächelte leicht, als Ruiz sich in dem Café umschaute. Er ragte aus der Masse der anderen Menschen eindeutig heraus. „Aber Sie haben einen Hund bei sich“, überlegte sie weiter, „also müssen Sie irgendwo in der Nähe wohnen.“

„Muss ich das?“, fragte Ruiz amüsiert. „Werden Sie immer zum Detektiv, wenn Sie jemanden gerade erst kennengelernt haben?“

„Tut mir leid – das geht mich wirklich nichts an.“

„Keine Ursache, Holly.“

Sie liebte die Art, wie er ihren Namen aussprach – zumindest hatte er ihn sich gemerkt – nicht dass sie ein hässliches Entlein gewesen wäre, aber wenn Schönheit eine Sache von Millimetern war, dann konnte sie einen Extrazentimeter gebrauchen.

Ruiz prostete ihr mit seiner Kaffeetasse zu, worauf Holly sich fragte, ob sie sich nicht zu entspannt fühlte mit einem Mann, von dem sie nichts wusste, und zwar nur, weil sie sich in einer sicheren Umgebung befanden. Das Beste wäre, auszutrinken und zu gehen, entschied sie.

„Ich sollte mich jetzt auf den Weg machen“, sagte sie denn auch, weil sie endlich wieder bei Vernunft war. Warum klingelte ihr Handy nicht? Was war mit Lucia passiert?

„Warum so eilig?“

„Ich dachte, Sie würden sich freuen, nicht weiter verhört zu werden.“

„Nein, ich mag Ihre Überlegungen“, widersprach Ruiz. „Sie haben eine großartige Kombinationsgabe, Holly. Sind Sie künstlerisch tätig? Oder in der Werbung?“

„Werbung? Nein. Ich hoffe, dass ich bald Journalistin werde“, entgegnete sie, obwohl sie im Moment noch daran zweifelte, es bis zum ersten Gehaltsscheck zu schaffen. Ihre Interviewtechnik war jedenfalls nicht der Rede wert, denn sie hatte immer noch keine Ahnung, wo Ruiz herkam, was er machte …

„Haben Sie einen Job in Aussicht?“

Sofort hellte sich Hollys Miene auf. „Ja, ich beginne am Montag als ganz niedere Praktikantin beim ROCK! Magazine …“

„ROCK! Magazine. Wow!“ Ruiz pfiff bewundernd durch die Zähne. „Herzlichen Glückwunsch. Nicht jeder fängt sein Berufsleben in London bei den Top Drei an.“

„So toll ist es gar nicht“, wehrte Holly ab. „Sie wissen doch, dass man ganz klein anfängt? Nun, das hier ist noch winziger.“

Ruiz lachte und schob seine Kaffeetasse fort. „Erzählen Sie mir mehr“, forderte er sie auf.

„Ich bin als Mädchen für alles engagiert in dem Team, das den Kummerkasten betreut. Der Job ist so unbedeutend, dass er quasi unsichtbar ist. Solange ich vernünftigen Kaffee koche, komme ich wahrscheinlich prima klar.“

„Nun, zumindest machen Sie Ihre Hausaufgaben“, resultierte Ruiz und schaute mit gespieltem Ernst auf ihre leeren Kaffeetassen.

Holly lachte. „Und was ist mit Ihnen?“ Sie errötete, als er sie amüsiert anschaute. „Es tut mir leid. Ich mache es schon wieder, nicht wahr?“, murmelte sie. „Sie müssen mich für furchtbar unhöflich halten, dass ich Ihnen all diese Fragen stelle, wo wir uns doch gerade erst kennengelernt haben.“

„Nein“, sagte er. „Ich halte Sie für ein süßes Mädchen.“

Autsch.

„Eines Tages werden Sie eine hervorragende Journalistin sein.“

„Ist das die höfliche Art, mir zu sagen, dass ich von Natur aus neugierig bin?“

„Nein. Es bedeutet, dass Sie Interesse an der Welt und Ihrer Umgebung haben“, erwiderte Ruiz.

Sie widersprach ihm nicht – zumal Hollys Welt gerade auf die Größe eines Tisches geschrumpft war.

„Also, Holly-angehende-Journalistin, nur um eins klarzustellen: Ich liebe Skifahren und Surfen, insofern ...

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