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Salzige Sommerküsse - Verliebt auf Nantucket

Eins

Eigentlich müssten wir dieses Spiel gewinnen können, dachte ich. Selbst ohne Holly Howard und Dori Archer, die mit Alkohol auf dem Schulgelände erwischt und gesperrt worden waren. Die Sonne stand hoch und hell am Himmel und ein leichter Wind wehte einen Hauch von Mädchenschweiß, Duschgel und dem frischen Asphalt der Zufahrt zu mir herüber. Der Himmel war knallblau mit drei Wattewolken. Es war der perfekte Tag für ein Lacrosse-Spiel hier auf Rhode Island, und man konnte sich gar nicht vorstellen, dass irgendwo auf der Welt sonst noch etwas Wichtiges passierte. Ich wischte mir mit dem Arm über die Stirn und blinzelte gegen das Brennen der Sonnencreme an. Meine Wangen glühten, mein Pferdeschwanz spannte und meine Beine wollten laufen.

Wir spielten gegen Alden, unsere Erzrivalen der letzten hundert Jahre. Ihre Saison war nicht besonders gut gelaufen, denn praktisch alle starken Zwölftklässlerinnen waren letztes Jahr abgegangen. Somit hatten wir, die RosewoodMädchenschule, endlich die Chance, eine zehnjährige Pleiteserie zu beenden. Beim Hinspiel hatten wir sie haushoch geschlagen – genau wie alle anderen Gegner. Unser Schulteam war seit einem Jahrzehnt das erste Mal ohne Niederlage durch die Saison gekommen, und trotzdem standen wir jetzt mit einem Unentschieden auf dem Rasen. Uns blieben nur noch drei Minuten.

Einen Moment lang fiel es mir schwer, das alles wichtig zu nehmen. In der letzten Schulwoche, wo sämtliche Prüfungen hinter uns lagen und der ganze Sommer vor uns, fiel es mir überhaupt schwer, irgendetwas wirklich wichtig zu nehmen. Schließlich schwirrte mir der Kopf noch von den ganzen Unterrichtsfächern, Fortgeschrittenenkursen und Prüfungen. Und dann war der Sommer so nah, dass ich ihn fast schmecken konnte.

Aber ein Blick zum Spielfeldrand genügte und man nahm das Spiel doch wichtig, sehr wichtig sogar. Die Zuschauerränge, deren verwaiste silberne Sitzschalen sonst die Sonne reflektierten, waren voll besetzt mit Mädchen in Schuluniform. Geschwister aus der Unter- und Mittelstufe hatten sich auf dem Rasen vor der Tribüne breitgemacht. Eltern lehnten sich aufmerksam in ihren mitgebrachten Campingstühlen nach vorn. Meine waren wie üblich nicht dabei. Meine Mutter korrigierte im Klassenzimmer ihrer fünften Klasse irgendwelche Arbeiten, und mein Vater war in seinem Büro im Fachbereich Englisch der Rhode- Island-Schule für Design, oder vielleicht half er auch gerade seiner neuen Frau Polly und ihrem ukrainischen Adoptivsohn Alexi. Nina, die Mutter meiner besten Freundin Jules, kam normalerweise zu unseren Spielen – immer in Jeans und einem ihrer Kaschmirpullis. Die Pullis waren entweder grau oder elfenbeinfarben oder türkis, und manche hatten einen Gürtel oder Rüschen; aber diesen Frühling mochte Nina Wickeltops, und sie brachte sie in glänzenden Einkaufstaschen aus New York mit hierher nach Providence. Dort war sie jetzt auch, fiel mir gerade ein. In New York.

Unsere Schulleiterin und früherer Golfchampion Edwina MacIntosh war in ihrem rötlich braunen Lieblingskostüm gekommen. Sie hatte eine Brille aus Schildpatt und heftig dauergewellte Haare. Auch Lehrer, die sich sonst keine Spiele anschauten, waren da. Sogar Mrs Hart, die uralte Englischlehrerin, stand dort in Strumpfhosen und Pumps und linste auf das Spielfeld.

Wichtiger allerdings waren die Jungs. Für sie war schon seit dem vergangenen Wochenende die Saison vorbei. Aus Alden war eine ganze Gruppe da, auch mein zukünftiger Freund, der »zuckersüße« Jay Logan. Jules hasst es, wenn ich das Wort »zuckersüß« für etwas anderes als Essen benutze, aber an diesem Tag war er einfach zum Anbeißen − wie eine leckere Waffel auf einem geschmolzenen See aus gesalzenem Karamelleis. Er steckte in zerschlissenen Jeans und einem roten Shirt und strich sich gerade seine kastanienbraunen Locken aus den Augen. Ich schwärmte schon seit der achten Klasse für ihn und hatte auf meinem iPod eine Jay-Logan-Playlist mit fünfzehn Liedern, die mich an Erlebnisse mit ihm erinnerten. Das Jay-Z-Lied, zu dem wir auf Dani Golds Bat-Mizwa abgetanzt hatten; das eine von Elton John, das im Hintergrund lief, als ich Jay im Sommer nach der neunten Klasse mit seiner Mutter im Drogeriemarkt getroffen hatte und er mich fragte, welches Shampoo ich kaufe; das Lied von Coldplay, das ich mir immer und immer wieder anhörte, nachdem wir uns bei einem Eishockeyspiel fast zehn Minuten lang unterhalten hatten und so weiter.

Allmählich drang ich auch in Jays Kosmos ein und er nahm mich zum ersten Mal richtig wahr. Letztes Wochenende auf Joey Riveras Party zumindest ganz definitiv. Er war mir auf die Sonnenterrasse nachgegangen. Auf der standen fast nur Mädels mit glänzendem Lipgloss und lackierten Fußnägeln, die perfekt zu den rosafarbenen Weinkühlern passten. Er hätte dort ja keine eineinhalb Stunden neben mir auf dem Sofa ausharren müssen, während sich unsere Beine berührten, schließlich saßen seine Kumpels nur eine Treppe entfernt im Keller, tranken Bier und spielten Videospiele. Er hätte seinen Arm nicht hinter mir über die Lehne legen müssen, sodass mir gar nichts übrig blieb, als mich gegen seinen Körper zu lehnen und seine Nähe zu genießen.

Jetzt warf er gerade den Kopf in den Nacken und lachte über etwas, das sein Kumpel Chris gesagt hatte. Ich fragte mich, ob ich ihn auch so zum Lachen bringen könnte, ob er der Typ Junge war, der glaubte, das Mädchen lustig sein konnten.

»Konzentrier dich aufs Spiel, Cricket!«, rief mir Miss Kang, unsere Trainerin, von der Seitenlinie aus zu. Ich klinkte mich aus meinem Jay-Logan-Traum und sah meine Teamkollegin Arti Rai wie einen Expresszug das Spielfeld entlangrasen.

Ich brach nach rechts außen aus und sprintete an drei Alden-Spielerinnen vorbei, den Schläger in der rechten Hand. Letzten Sommer hatte ich im Park einhändiges Fangen aus dem Laufen heraus geübt. Im September konnte ich den harten orangefarbenen Ball schon so problemlos aus der Luft pflücken, als würde ich einen Apfel fangen, der vom Baum herunterfällt.

Arti legte einen ihrer präzisen, kräftigen Pässe hin und der Ball landete mit einem befriedigenden Plopp in meinem Netz. Ich zog den Schläger nah an meinen Körper, drehte mich um und rannte los. Auf den Rängen gab es begeisterten Applaus, die Zuschauer jubelten und feuerten mich an. Aus dem Augenwinkel sah ich Jules, die ungedeckt auf einen Pass wartete. Ich warf und sie fing – wie immer. Wir waren ein perfekt eingespieltes Team. Die Alden-Verteidigerinnen deckten sie und ließen mich ungeschützt, also passte sie mir den Ball zurück.

Ich war mittlerweile im 12-Meter-Bereich und beschloss, dass heute ein guter Tag für einen aufgesetzten Ball war, also zischte ich zum 8-Meter-Kreis. Dort änderte ich meine Meinung und wollte ihn gerade in die linke obere Ecke schleudern, als mich wie aus dem Nichts ein Metallschläger am Kinn traf und sich ein Stollen in mein Schienbein bohrte. Zwei elende Sekunden später lag ich mit zerschrammten Händen auf dem Rasen und fraß Dreck.

Ich hörte ein kollektives Aufstöhnen.

»Gelbe Flagge«, rief die Schiedsrichterin.

Rote Flagge, dachte ich. Aber noch bevor ich den Dreck ausspucken konnte, war schon jemand neben mir, der süß und rosa roch, nach irgendeinem aufdringlichen Deo oder einem billigen Körperspray für Tussis.

»Denk nicht mal im Traum daran, dich an Jay ranzumachen«, sagte eine raue Stimme.

Ich hob den Kopf und hielt die Luft an. Wenn ich eingeatmet hätte, hätte ich womöglich angefangen zu weinen, aus Schock oder vor Schmerzen oder wegen beidem. Ich drehte mich um – neben mir hockte Nora Malloy. Von Weitem sah es bestimmt so aus, als wäre sie besorgt, aber aus der Nähe betrachtet, glich sie eher einem Puma kurz vorm Sprung. Ihrem stechenden Blick nach zu urteilen, hätte man meinen können, sie wäre jemand, den ich nicht nur gut kannte, sondern dem ich auch fürchterlich unrecht getan hatte. In Wirklichkeit hatten wir bisher vielleicht ganze vier Mal miteinander gesprochen, einmal davon hatte ich sie im Alden Sports Center gefragt, wo die Toiletten waren.

Nora Malloy war in der elften Klasse, und ich schätzte, sie mochte Jay so sehr, dass sie dafür sogar bereitwillig den Wettkampf aufs Spiel setzte. Aus der Nähe sah sie noch besser aus als sonst. Ich hatte Nora letzten Sommer im Bikini am Strand gesehen. Nur die wenigsten Mädchen können in Jungsshorts herumlaufen. Dafür braucht man einen runden Hintern und lange Beine. Obwohl ich mich nicht beschweren kann, was meinen Körper betrifft, sehe ich doch eher nach Mädchen aus als nach Frau. Ich bin wie meine Mutter gebaut, die sogar mit fünfundvierzig noch eher mädchenhaft wirkt.

Ich zog die Beine an und betrachtete mein Schienbein. Die Haut war nicht aufgeschürft, aber ich spürte schon jetzt, wie sich ein fetter lilafarbener Bluterguss ausbreitete.

»Hast du mich verstanden?«, fragte Nora. »Finger weg.«

»Meinetwegen«, sagte ich, nahm meinen Mundschutz raus und wischte mir über die Lippen. Meinetwegen? Puh. Warum fallen mir passende Antworten nie ein, wenn ich sie brauche? Sie kommen immer erst später, unter der Dusche zum Beispiel oder wenn ich am Einschlafen bin, oder allein in dem Honda Civic meiner Mom sitze und an einem Stoppschild halte – natürlich immer ohne Zeugen. Dann knistern die Antworten in meinem Hirn wie statisch aufgeladene Socken frisch aus dem Trockner.

Ich berührte mit der Zunge meine Lippe. Bitte nicht anschwellen, dachte ich. Nicht heute. Es ging das Gerücht, dass später bei Chris eine Party steigen würde – eine Party, auf der auch Jay sein würde. Seit dem Abend bei Joey Rivera lag ein Kuss zwischen uns praktisch in der Luft. Ich wollte unbedingt, dass es passierte, bevor Jay den Sommer über nach Nantucket verschwand.

»Alles in Ordnung, Cricket?«, fragte Jules ein paar Meter neben mir. Ich nickte, stand auf und wischte meine Knie ab, die voller zermatschter Grashalme waren. Vorsichtig verlagerte ich mein Gewicht auf das andere Bein. Es tat weh, aber es war nichts Ernstes. Die Zuschauer klatschten.

»Hey, Nora«, flüsterte Jules ihr unüberhörbar zu, »ich hab gehört, dass du bei Joey schon wieder in der Kiste gelandet bist. Ich hoffe, der Typ hat ordentlich abgesahnt!«

Nora fuhr sprachlos herum. Ich schlug mir die Hand vor die anschwellende Lippe.

»Blöde Kuh!«, murmelte Nora vor sich hin.

Jules zog nur die Augenbrauen hoch und schaute ihr eiskalt ins Gesicht. Sie hatte immer eine passende Antwort parat, sodass es fast an ein Wunder grenzte, dass sie jetzt den Mund hielt. Woher, fragte ich mich, nahm sie nur den Mut?

Miss Kang kam mit einem Kühlpack und einem Erste-Hilfe-Koffer angerannt. »Ist alles in Ordnung mit dir?«, fragte sie. Ich nickte und spürte, wie der Dreck zwischen meinen Zähnen knirschte.

»Das tut mit total leid«, sagte Nora mit honigsüßer Stimme.

»Vier Meter Abstand, Nummer sechzehn«, sagte die Schiedsrichterin. Nora zog sich zur 12-Meter-Linie zurück.

Miss Kang sah mich mitfühlend an. »Willst du ausgewechselt werden, Thompson?«

»Auf keinen Fall«, sagte ich, obwohl meine Lippe und mein Schienbein höllisch wehtaten.

»Das ist die richtige Einstellung.« Sie schaute auf die Uhr. »Fünfzehn Sekunden noch. Und so machen wir’s: Du täuschst links an, weichst dann nach rechts aus und setzt den Ball in die untere Ecke.« Sie drehte sich zur Schiedsrichterin um und nickte ihr zu. Dann joggte sie mit wippendem Pferdeschwanz rückwärts vom Spielfeld und lächelte in meine Richtung.

»Gelber Ball«, sagte die Schiedsrichterin. »Geh auf deine Position, Nummer vier.«

Ich suchte den Punkt auf dem 8-Meter-Kreis, der der Stelle am Nächsten war, wo ich gefoult worden war, und nickte Jules zu, als würde ich ihr gleich den Ball passen wollen. Dann kam der Anpfiff. Ich hielt den Ball locker im Netz und joggte seelenruhig nach links, bevor ich ruckartig nach rechts abdrehte, direkt auf das Tor zuschoss und meinen Schläger so rasch vorschnellen ließ, dass es zischte. Der Ball flog nach oben, während die Torfrau sich lang schräg nach unten streckte, und landete in der linken oberen Ecke des Netzes. Es war ein geradezu eleganter Wurf.

»Ja!«, rief ich, sprang in die Luft und klatschte Jules ab. Arti Rai hob mich hoch und drehte mich im Kreis. Miss Kang ließ ihr Klemmbrett fallen und kam jubelnd zu uns gerannt. Ich hatte soeben meinen dritten Treffer in diesem Spiel gelandet und damit für die Rosewood-Mädchenschule den ersten Titel seit zehn Jahren geholt.

»Gut gespielt, gut gespielt, gut gespielt.« Unsere Mannschaften gingen in zwei Reihen aneinander vorbei. Nora bohrte mit ihren Blicken Löcher in mich.

Nora. Sie ist mit allem ausgestattet, was man für ein perfektes Highschool-Leben braucht: Sie hat ein hübsches Gesicht, einen Körper, bei dem alles an der richtigen Stelle sitzt, sie ist sportlich, hat ein wahnsinniges Selbstvertrauen und einen eigenen gelben VW-Käfer. Und ihre Reibeisenstimme trieft vor Sex-Appeal. Diese Stimme ist sozusagen das i-Tüpfelchen, als würde man in einer Jeans, die man monatelang nicht angezogen hat, einen Zehndollarschein finden. Aber Nora weiß nicht, wie sie mit der Aufmerksamkeit umgehen soll, die man bekommt, wenn man beliebt ist. Natürlich fällt den beliebtesten Schülern die Aufmerksamkeit immer wie von selbst in den Schoß, aber man muss auch damit umgehen können.

Noras Talfahrt begann letzten Sommer, als sie mit Paul Duke geschlafen hat – ein aufgeblasener Sack, wie Jules meint, aber eben ein beliebter. Er versteckt sich gerne in Schränken, wenn seine Freunde mit irgendwelchen Mädchen rummachen. Und sobald das Mädchen die Hose unten hat, springt er raus. Nachdem er mit Nora geschlafen hatte, erzählte er jedem, welche Farbe ihre Schamhaare haben (Ocker), und imitierte ihr Gestöhne, das sie angeblich drei Minuten lang bühnenreif von sich gegeben hatte. Ihr Höhepunkt wird seitdem von den Unterstufenschülern immer nachgemacht, wenn sie beim Eishockey ein Tor schießen.

Um es Paul heimzuzahlen, schlief Nora dann mit Matt Baldwin, obwohl sie nicht einmal zusammen waren. Am darauffolgenden Montag sprach Paul in der Schule kein einziges Wort mit ihr und behandelte sie, als ob sie unsichtbar wäre. Und als wäre das noch nicht genug, tat sie es wieder, diesmal auf einem mehrtägigen Schulausflug und zwar mit John Dwyer, einem Zehntklässler. Nach den Sommerferien war sie überall als »Nora das Flittchen« bekannt. Sogar ich hatte mitbekommen, dass sie es auf Joey Riveras Party vergangene Woche mit einem Neuntklässler getrieben hatte. Als Elftklässlerin einem Neuntklässler nachzusteigen ist richtig übel. Sozusagen hoffnungslos verzweifelt.

Aber so muss es nicht laufen. Man kann immer noch einen anderen Weg einschlagen.

Vor ein paar Jahren bekam eine schüchterne, aber extrem vollbusige Zwölftklässlerin namens Jenna Garbetti einen üblen Ruf. »Hast du noch nie? Dann versuch’s bei der Garbetti«, lautete der Spruch. Aber anstatt nach Bestätigung von falscher Seite zu suchen, schnitt sie ihre rabenschwarzen Haare zu einem vorteilhaften Bob, ging ein paar Monate lang auf keine Partys, büffelte ohne Ende und belegte einen Kurs über Siebdruckverfahren an der Kunsthochschule. Wenige Monate später hatte sie einen Kunstpreis gewonnen und die Zusage für Yale in der Tasche. Oder anders ausgedrückt: Sie verwandelte die falsche Art von Aufmerksamkeit in die richtige, und als das nächste Frühjahr kam, war sie wieder vorne mit dabei. Letztes Jahr, als mich ein paar Zwölftklässlerinnen fragten, ob ich nicht mit in ihren Aufenthaltsraum kommen wollte, und mir tatsächlich zuhörten, als ich was erzählte, und als ich auch den Streit zwischen Greg Goldberg und Liam Hardiman mitbekam, wo es darum ging, wer mit mir zum Arden-Frühjahrsball gehen würde, und als sogar Lehrer zu mir sagten, dass ich wie das Mädchen auf dem Fahrrad aus der Maybelline-Werbung aussehe, da schwor ich mir: Falls ich jemals die falsche Art von Aufmerksamkeit auf mich ziehen würde, würde ich es wie Jenna Garbetti machen – abtauchen, gut aussehen und lernen.

»Gut gespielt, gut gespielt, gut gespielt.« Nora und ich waren noch drei Spielerinnen auseinander, dann zwei, dann nur noch eine. Als wir mit dem Händeschütteln an der Reihe waren, hielt ich ihr meine hin, aber sie drehte sich weg und ließ mich mit meiner ausgestreckten Hand stehen.

Arti Rais Mom hatte uns wie immer Miniflaschen mit einem isotonischen Getränk mitgebracht und Schokoladencupcakes gebacken. Dieses Mal mit einem Erdnussbuttertopping. Als unser Team ausgelassen und hungrig auf die Auswechselbank zusteuerte, ließ ich mich ein paar Schritte zurückfallen und suchte Jay. Er stand bei den Alden-Fans, schaute aber zu mir herüber. Er lächelte und zog den Zeigefinger über seine Kehle, was so viel heißen sollte wie: Ich kann unseren Block unmöglich verlassen und dem Feind gratulieren, ohne dabei mein Leben zu riskieren.

Ich lachte über seine Pantomime, die er sofort sein ließ, als Chris sein verräterisches Verhalten entdeckte. Er zuckte Chris gegenüber nur unschuldig mit den Schultern und zwinkerte mir zu. Ich wollte gerade zurückzwinkern, als sich unsere Schulleiterin Edwina MacIntosh mit ihren ganzen 1,82 Meter vor mir aufbaute und meine Hand schüttelte. Wir nannten sie insgeheim Ed.

»Du hast Starqualitäten, Cricket Thompson«, sagte sie und zerquetschte mit dabei fast die Hand. Manchmal vergaß sie, wie viel Kraft sie hatte.

»Danke, Miss MacIntosh«, sagte ich. Da ich seit dem Kindergarten in diese Schule ging, kannte ich Ed ziemlich gut. Verdammt, ich war länger hier als sie. Und meine Mutter und meine Großmutter waren auch beide auf die Rosewood gegangen.

»Judy, warte mal kurz.« Ed winkte die Schiedsrichterin zu sich.

Jules reichte mir einen Cupcake. »Also, du weißt doch, dass heute bei Chris diese Party steigen sollte?«, sagte sie und nahm sich selbst einen zweiten. Jules hat die braunen Locken ihrer Mutter, eine Stupsnase und gut trainierte schlanke Beine. Außerdem hat sie den Stoffwechsel eines Geparden.

»Ja?«

»Tja, es gab da eine kleine Planänderung«, sagte sie mit vollem Mund. »Offenbar sind Chris’ Eltern nun doch nicht nach Cape Cod gefahren.« Sie rammte ihren Schläger in den Boden und lehnte sich dagegen, wie auf einen provisorischen Stuhl. Die Füße schlug sie übereinander.

»Und wo findet sie jetzt statt?«, fragte ich, während ich das Papierförmchen vom Cupcake zog und dem Alden-Team dabei zusah, wie sie in ihren Bus stiegen, der genauso rot war wie ihre Trikots.

»Bei Nora Malloy«, sagte Jules und leckte sich die Buttercreme von den Fingern.

Zwei

»Irgendwie habe ich Angst.« Ich setzte mich auf dem Bett, das nahe am Fenster stand, aufrecht hin – es war in den letzten Jahren seit der Scheidung meiner Eltern mehr oder weniger zu meinem geworden – und zog meine Jeans hoch, um ihr den Bluterguss zu zeigen. »Das hat Nora in aller Öffentlichkeit getan. Wer weiß, wozu sie in ihren eigenen vier Wänden fähig ist.«

»Oh, bitte. Was soll sie denn groß machen?«, fragte Jules. Sie hatte einen Arm über ihren nackten Bauch gelegt und stand in Unterhose und BH vor dem Schrank und überlegte, was sie anziehen sollte. Ich hörte, wie ihr Bruder Zack die Treppe hochkam und im Arbeitszimmer den Fernseher anstellte. Ich war total gern bei Jules. Ihr Haus war groß, aber nicht zu groß, es wirkte angenehm chaotisch und roch ein wenig nach dem Parfüm ihrer Mutter. Jules’ Zimmer mochte ich am liebsten. Es hatte einen dunklen Holzboden und große Fenster mit weißen, bauschigen Gardinen und war in einem kräftigen beruhigenden Blau gestrichen. Jules nannte die Farbe »Nantucket Blau«, weil das Meer in Nantucket an einem wolkenlosen Tag genauso aussah.

»Außerdem ist ja wohl ziemlich offensichtlich, dass Jay dich mag«, sagte sie, während sie sich durch ihren Schrank wühlte.

Ich ließ mich mit einem breiten Grinsen aufs Bett zurückplumpsen und trommelte mit den Fingern auf die hellgelbe Tagesdecke.

»Glaubst du, dass ich mit Jay mein erstes Mal erleben werde?«, fragte ich. Ich biss mir auf die Lippe, um mein Lächeln zu verbergen – ich wollte nichts beschreien. Jules und ich waren beide noch Jungfrauen, obwohl sie letzten Sommer mit einem Internatstypen schon ziemlich weit gekommen war.

»Gut möglich«, sagte Jules. »Aber hüpf nicht sofort mit ihm ins Bett.«

»Oh mein Gott, nein. Ich halte mich schön an die 6-Monats-Regel«, sagte ich. Jules und ich fanden, dass ein halbes Jahr die perfekte Zeitspanne war, die man mit einem Typ zusammen sein sollte, bevor man Sex hatte. Nach dieser Zeit wusste man, dass man nicht benutzt wurde. Ich drehte mich um und starrte an die Decke.

»Mir ist gerade was Blödes eingefallen«, sagte ich. »Was ist, wenn Jay mal so wird wie sein Bruder?« Jay hat einen älteren Bruder, der in der Oberstufe genauso war wie er: großartig, beliebt und sportlich. Aber dann hatte er das College geschmissen und war betrunken am Steuer erwischt worden, und jetzt wohnte er wieder zu Hause und arbeitete in einem Bagel-Laden. Und da er keinen Führerschein mehr hatte, lief er andauernd zu Fuß herum und hatte echt üble Augenringe. Ich sah ihn genau vor mir. »Er ist so ein Versager.«

»Cricket«, sagte Jules. »Das ist gemein.« Aber sie grinste. Und das war typisch Jules. Bei ihr konnte ich immer sagen, was ich wirklich dachte, und sie mochte mich trotzdem noch. Eigentlich glaube ich fast, wenn ich solche Sachen sagte, Sachen, die man zwar denken darf, aber besser nicht laut aussprach, dann mochte sie mich noch mehr.

»Tut mir leid, aber es stimmt«, sagte ich. »Er sieht doch ständig traurig aus. Ich komme mir immer richtig mies vor, wenn ich zum Bagel Place gehe.«

»Mir geht’s genauso. Ich hasse es, wenn er gerade Schicht hat. Und wenn ich was bestelle, kann ich mich gar nicht normal verhalten.«

»Hoffentlich liegt das nicht in den Genen! Ich finde nämlich, dass Jay und ich irgendwann mal heiraten sollten. Also, nachdem wir beide an der Uni waren.«

»Darf ich denn deine Trauzeugin sein?«

»Natürlich.« Ich seufzte. »Ich mag gar nicht dran denken, dass ich ihn jetzt schon wieder ewig nicht sehe, sozusagen monatelang!«

Jay brach bald nach Nantucket auf. Genau wie Jules. Im Sommer gingen alle irgendwohin. Nach Cape Cod. Martha’s Vineyard. Arti zu einem Kunstkurs nach Innsbruck in Österreich. Sogar Nora Malloy verreiste. Sie würde den Mount Rainier besteigen (und vermutlich auch ein paar ihrer Bergsteigerkollegen).

»Man weiß nie, was noch alles passiert«, sagte Jules und hielt eine weiße Jeans vor sich.

Ich konnte gut auf einen weiteren Sommer hier in Providence verzichten, wo ich ohnehin nur den Babysitter für Andrew King spielen sollte. Während alle anderen an irgendwelchen tollen Orten waren, würde ich das Planschbecken in der Einfahrt der Kings aufbauen. Aber meine Familie hatte einfach nicht genug Geld für ein Sommerdomizil oder eine Reise nach Europa. Ich sah mich schon dieses bescheuerte Plastikbecken in der Mittagshitze mit dem Gartenschlauch auffüllen, und dann, wenn die Straßenlaternen angingen, den Rand runtertreten, damit das Wasser wieder ablief.

Durch den Deckenlautsprecher schmetterten Trompetenklänge in Jules’ Zimmer.

»Klingt ganz nach meiner Mom«, sagte Jules.

Nina hatte gerade einen südafrikanischen Jazzmusiker für sich entdeckt, über den sie etwas gelesen hatte, und hörte sein neues Album in einer Endlosschleife – wie ein Teenager, der seinen neuesten Popstar im Surround-Sound durch das Haus dröhnen ließ. Wir legten sofort mit unserem Tanz los, den wir uns für die inzwischen vertrauten Klänge ausgedacht hatten. Jules spielte Lufttrompete und ich wirbelte um sie herum.

Jules und Zack machten sich gerne mal über Ninas Leidenschaften lustig, aber ich mochte es, wie sie sich voll und ganz auf etwas konzentrierte – einen Dichter oder einen Regisseur oder auch nur eine Farbe, einen bestimmen Orangeton zum Beispiel. Und dann wurde eine Ecke des Hauses durch ihre Neuentdeckung verändert. Im Eingangsbereich stand ein großformatiges Buch über mexikanische Kunst, aus dem gelbe Klebezettel ragten, unten im Bad hatte sie mit Schablone ein William-Carlos-Williams-Zitat aufgemalt, oben im Arbeitszimmer hing ein altes John-Coltrane-Poster, und auf dem Esszimmertisch stand eine gelbe Porzellanschüssel mit Aprikosen.

Letzte Woche erst hatte Nina mich gefragt, ob ich ihr aus einem Buch von Jonathan Franzen vorlesen könne, das sie beim Kochen nicht aus der Hand legen wollte. Also setzte ich mich im Schneidersitz auf die Arbeitsfläche. »Was würde ich nur ohne dich tun, Cricket?«, sagte Nina, als ich das Kapitel zu Ende gelesen hatte. Sie schnitt gerade Zwiebeln fürs Abendessen. »In diesem Haus liest mir sonst niemand vor.«

Mr Clayton war in der Arbeit. Zack lernte für eine Prüfung. Jules schaute im Arbeitszimmer Splash. Sie war verrückt nach Filmen aus den Achtzigern.

»Ich mag den Typen«, sagte ich, während ich das Buch umdrehte, um mir das Autorenfoto anzusehen. »Ich mag, wie er die Immobilienfrau in ihren Jeans beschreibt. Und wie er über ihre Haare spricht!«

Nina blinzelte Zwiebeltränen weg und schaute auch auf das Foto. »Wetten, dass er in Jeans ziemlich gut aussehen würde.« Sie nippte an ihrem Wein, stellte das Glas ab und presste Knoblauch. »Okay, lies weiter.«

Ich lächelte und blätterte um.

Als Zack die Tür öffnete, hüpfte ich zu dem Flötensolo in dem südafrikanischen Jazzstück um eine halb nackte Jules herum. »Hey, Mom hat wohl gerade ihre Dashiki-Laune.« Er kam ins Zimmer, blieb aber beim Anblick von Jules in BH und Unterhose wie angewurzelt stehen. »Was zum Geier treibt ihr beide da? Mann, warum habt ihr mich nicht vorgewarnt?«

Er rannte wieder raus.

»Hättest ja anklopfen können«, rief Jules ihm hinterher und lachte sich halb schlapp.

»Ich wusste doch nicht, dass du in deiner verdammten Unterwäsche steckst. Jetzt bin ich fürs Leben gezeichnet«, brüllte er vom Flur her.

»Wenigstens hatte sie keinen String an.« Ich zog die Tür hinter mir zu, damit Jules sich in Ruhe anziehen konnte.

»Das macht es auch nicht besser«, sagte er und verkrümelte sich ins Arbeitszimmer. Er saß auf dem Sofa und stützte seinen Kopf. »Na, großartig. Vielen Dank auch, jetzt krieg ich’s nicht mehr aus dem Kopf.«

»Das ist auch nichts anderes als ein Badeanzug.«

»Oh doch«, sagt er. »Keine Ahnung wieso und keine Ahnung warum, aber das ist es.« Sein rechter Mundwinkel zuckte. Er legte seine Füße auf den Beistelltisch und überkreuzte sie. »Jetzt muss ich einen Termin bei meinem Kummerdoktor machen.« Die Claytons waren vor vier Jahren von New York hierher gezogen. Laut Jules war Zack ein ängstliches Kind mit dicken Brillengläsern gewesen, das fast die gesamte Grundschulzeit einen Psychiater besucht hatte, seinen »Kummerdoktor«. Die meisten Leute schämen sich wegen ihrer Therapie, aber Zack sprach offen über seine Zeit auf dem Stuhl. »Es ist kein Sofa«, sagte er, »sondern ein bequemer Lederstuhl mit Sitzkissen, wahrscheinlich aus den Siebzigern« – und das erzählte er jedem, der danach fragte. Als sie hierher gezogen waren, hatte er eine Klasse wiederholt, und in Alden hatte er sich zu einem witzigen, eher unauffälligen Neuntklässler entwickelt, der selbstbewusst seine Brille mit dunklem Rahmen trug und viele Freunde hatte.

»Gutes Spiel heute übrigens, Cricket.« Ich hatte gar nicht mitbekommen, dass er da gewesen war. »Und ja, ich wechsle hemmungslos das Thema. Du warst große Klasse da draußen.«

»Oh, danke«, sagte ich und ließ mich neben ihm aufs Sofa plumpsen.

»Du bist so schnell wie ein Tier, das vor einem Fressfeind davonläuft, der in der Nahrungskette eins über ihm steht.«

»Bin ich für dich etwa ein Tier, Zack Clayton?« Ich schlug mit einem Kissen nach ihm, das mit einem Krebs bestickt war.

»He, der gute Krebs ist gegen jede Form von Gewalt«, sagte er, nahm mir das Kissen aus der Hand und stopfte es sich hinter den Kopf. »Ich meinte nur, dass du wie ein Präriehund ausgesehen hast, der vor einem Schakal davonrennt.«

»Jetzt bin ich also ein Präriehund?« Er nickte. Ich schaute mich nach einem anderen Kissen um, doch ehe ich eins entdeckt hatte, hatte er es auch schon geschnappt und hielt es sich abwehrend vors Gesicht.

Langsam ließ er es sinken. »Aber wer sagt eigentlich, dass es schlecht ist, ein Tier zu sein? Ich persönlich glaube ja, dass wir unsere animalischen Triebe viel mehr würdigen sollten.«

»Wenn ich euch beide jemals dabei erwische, wie ihr euren animalischen Instinkten folgt, dann kotze ich zweimal und sterbe«, sagte Jules, die aus ihrem Zimmer aufgetaucht war. Sie hatte sich für eine Jeans und ein weich fallendes, tief ausgeschnittenes T-Shirt entschieden, über dem sie eine leichte Strickjacke trug.

»Ich habe nicht geflirtet«, sagte ich.

»Wer hat hier was von Flirten gesagt?« Zack grinste mit hochgezogenen Augenbrauen. Ich sah ihn schockiert an.

»Erwischt«, sagte Jules. Zack presste das Kissen an sich, legte den Kopf nach hinten und lachte lautlos.

»Spiel hier nicht den arroganten Arsch, Zack«, sagte Jules und drehte sich dann zu mir. »Nur damit du Bescheid weißt, er hat einen Pilz am Rücken. Was bedeutet, dass wir einen echten Schimmelpilz unter uns haben.«

»He, den habe ich schon lange nicht mehr«, sagte Zack und rückte den Schild seiner Baseballkappe zurecht. »Und er war auch nur auf meiner Schulter.«

»Ich hoffe, du hattest Flip-Flops in der Dusche an, Cricket«, sagte Jules.

»Abendessen ist fertig!«, rief Mr Clayton von unten.

Jules schlang sich eine lange Kette um den Hals. »Mal sehen, was Mom mir aus der Stadt mitgebracht hat.«

Ich sprang vom Sofa und folgte ihr die schmale Hintertreppe hinunter.

Nina war nicht in Dashiki-Laune – sie war überhaupt nicht da. Es war Mr Clayton, der den südafrikanischen Jazztypen aufgelegt hatte. Er steckte noch in seinem Anzug, hatte das Telefon unters Kinn geklemmt und packte gerade Salate aus einer Papiertüte, die mit dem vertrauten Schriftzug einer Pizzeria hier aus Providence bedruckt war. Die Pizzas standen schon auf dem Tisch. Zack hatte die Schachtel aufgeklappt und zog ein Stück heraus, als Mr Clayton ihm das Telefon reichte. »Deine Mutter will mit dir sprechen.« Zack nahm den Hörer.

»Kommt Mom nicht nach Hause?«, fragte Jules. Mr Clayton schüttelte den Kopf und sagte, dass Nina fürchterliche Kopfschmerzen habe. Sie sei von der Einkaufstour mit ihrer Freundin so erledigt, dass sie noch eine weitere Nacht in der Stadt bleiben werde, was bei den Claytons New York hieß, und dass sie sich was aufs Zimmer kommen lassen werde.

»Aber ich dachte, wir würden …?« Jules flüsterte ihrem Vater etwas zu und er flüsterte zurück. Zack reichte das Telefon an Jules weiter, und sie nahm es mit ins Esszimmer, um in Ruhe mit Nina zu reden. Dann schaute sie um die Ecke und winkte mich zu sich. Sie nahm den Hörer vom Mund. »Wir würden gerne wissen, ob du diesen Sommer mit uns nach Nantucket kommen willst?« Ich schrie und schlang meine Arme so heftig um Jules, dass wir rückwärts auf den gepolsterten Fensterplatz stolperten und sie das Telefon fallen ließ. Ihr Bauch spannte sich unter mir vor Lachen an.

Jules hat mir schon so viel von dieser wunderbaren Insel erzählt. Ich hatte Fotos von den Claytons gesehen, auf denen sie sonnengebräunt, barfuß und glücklich in die Kamera schauten, Fotos von ihrem Haus, vor dem zwei Bänke stehen, von der Terrasse, die seitlich um die Ecke führt, und von dem Garten hinterm Haus, der wie ein englischer Garten angelegt ist und in dem sich Schmetterlinge und Hasen tummeln. Ich hatte auch die Namen von Orten auf Nantucket schon gehört, die alle wie eine Geheimsprache klangen: Shimmo, Sconset, Sankaty, Miacomet, Madaket, Madequecham. Cisco, Dionis, Wauwinet. Ich hatte von Strandpartys im Mondschein gehört, die so lange dauerten, bis man sich zusammen den Sonnenaufgang ansah, und zwar mit Gleichaltrigen, die Parker und Apple und Whit hießen. Ich hatte Fotos von einem Leuchtturm gesehen, der wie eine Zuckerstange aussieht, und von einer Stadt mit Kopfsteinpflaster, wo es so sicher ist, dass die Eltern ihre Kinder unbeaufsichtigt herumstromern lassen. Ich hatte schon mal Ninas Marmeladenglas voller Nantucket-Sand in der Hand gehalten, der so weiß und feinkörnig war wie Zucker. Und ich hatte in Jules’ Zimmer ein gerahmtes Poster voller kleiner Boote mit regenbogenfarbenen Segeln so lange angestarrt, dass ich beinahe den salzigen Wind auf meiner Haut spüren konnte.

»Heißt das, ja?«, drang Ninas Stimme leise durch die nadelgroßen Löcher des Telefonhörers. Ich hob das schnurlose Teil auf.

»Ja«, sagte ich. Doch dann besann ich mich. »Ich glaube, ich muss erst noch meine Mutter fragen.«

»Ich hab schon mit ihr gesprochen, Liebes. Sie sagt, dass du das selber entscheiden darfst.«

»Im Ernst?« Ich drückte Jules’ Hand und sagte: »Danke, vielen Dank!«, ins Telefon. Keine unfreiwilligen Wochenenden mit Dad und Polly und Alexi, keine Samstagabende, an denen ich mit Mom vor dem Fernseher hing oder mir Sorgen machte, warum sie schon um halb neun ins Bett ging. Stattdessen würden Jules und ich uns einen Ferienjob suchen, auf Partys gehen und ganze Nächte lang aufbleiben. Ich würde die meiste Zeit im Bikini herumlaufen. Ich hätte den ganzen Sommer Sand in den Schuhen, und wenn ich ins Bett ginge, wären meine Haare vom Salzwasser ganz hart. Ich würde immer den Geruch des Meeres in der Nase haben und auf Kopfsteinpflasterstraßen in die Stadt laufen. Und Jay wäre auch da. Außerdem war ich mir inzwischen ziemlich sicher, dass wir uns in diesem Sommer verlieben würden.

Nina wollte gerade auflegen, als ich ihr sagte, dass ich sie lieb hatte. Einfach so. Ich wurde rot. Wie peinlich! Wer sagt denn so was zu einer anderen Mutter? Es stimmte natürlich, aber ich hatte es nicht sagen wollen. Ich war einfach rundherum glücklich.

Nina zögerte keine Sekunde. »Oh, ich hab dich auch lieb, Cricket. Und du wirst begeistert von dieser Insel sein. Wenn du mal einen Sommer auf Nantucket verbracht hast, bleibt ein kleines Stück von dir dort für immer zurück. Sag bitte allen, dass ich später noch mal anrufe. Ich leg mich jetzt erst mal hin. Mir geht es nicht so gut.« Und dann legten wir auf.

Ich hatte keine Ahnung, dass das genau die richtigen Worte waren. Ich hatte keine Ahnung, wie wichtig es war, dass ich sie gesagt hatte. Denn als wir in Noras Einfahrt einbogen und an ihr vorbeiliefen, während sie Bier zapfte, als Jules und ich Jay entdeckten, der mit den anderen Jungs die Liegestühle am Pool belagerte, als ich Jay sagte, dass ich auch nach Nantucket fahren würde, und er antwortete, dass das »die besten Neuigkeiten überhaupt« seien, da war Nina bereits tot.

Drei

Nina wurde vom Zimmerservice gefunden. Sie hatte ein Aneurysma gehabt. (Das ist eine unheimliche Sache – es kann einfach passieren.) Sie war kurz nach acht gestorben, kurz nachdem wir aufgelegt hatten. Aber als ich am nächsten Morgen, einem herrlichen Sommermorgen, früher als Jules aufwachte, erzählte mir Mr Clayton nichts davon.

Ich war schon seit Ewigkeiten wach. Ich wartete darauf, dass Jules ein Lebenszeichen von sich gab, zum Beispiel verschlafen blinzelte, ihre Faust öffnete oder tief Luft holte, irgendwas, was mir zeigen würde, dass sie allmählich aus ihrem Dornröschenschlaf erwachte. Was sie aber nicht tat. Also stellte ich eine Liste mit Gründen auf, warum ich Jay mochte. Nur die Top Five. Erstens, er ist schön. Er hat große, verträumte Augen und den knackigsten Jungshintern, den ich kenne. Zweitens, er ist ein echt guter Sportler. Auf dem Lacrosse-Feld sieht er fast wie ein Krieger aus, anmutig und gleichzeitig kraftvoll. Ich glaube, er wirkt auch deshalb so attraktiv auf mich, weil ich ganz primitiv auf seine potenziellen Fähigkeiten als Jäger anspringe, während ich selbst lieber Beeren sammle. Drittens, ich mag, wie er steht. Zugegeben, das hört sich echt komisch an, aber das hat etwas. Ich kann es nicht erklären. Viertens, er hat eine tolle Familie. Seine Mutter ist total hübsch. Ihre langen roten Haare sehen immer ein bisschen zerzaust aus, was sie jünger wirken lässt, und sein Vater hat tolle, alte Autos. Und obwohl sein Bruder gerade eine schwere Zeit durchmacht, glaube ich, dass er trotzdem eine innere Größe besitzt. Irgendwie sieht man ihm das an, wenn er durch die Gegend läuft. Obwohl etwas in ihm zerbrochen ist, läuft er selbstbewusst herum. Fünftens, Jay hält immer zu seinem Bruder, was mir zeigt, dass er ein guter Mensch mit einem großen Herzen ist. Er wäre echt ein super Freund.

Um elf Uhr trat ich schließlich die Decke weg. Ich hatte Hunger. Ich dachte an das Abendessen und musste grinsen. Die Einladung nach Nantucket war kein Traum gewesen, oder? Nein, es gab sie wirklich. Es gab sie wirklich und ich hatte noch alles vor mir, und die Zukunft funkelte wie eine ferne Stadt im Abendlicht.

Oben am Treppenabsatz zögerte ich. Normalerweise hätte ich jetzt Küchengeräusche gehört: den Kühlschrank, der auf- und zugemacht wird, die Besteckschublade, die Zeitung, deren Seiten umgeblättert und zusammenfaltet werden, nackte Füße, die über die hellen Holzdielen tappen. Normalerweise hätte ich Kaffee gerochen, getoastetes Zimtbrot, vielleicht auch Frühstücksspeck, und ich hätte die Energie gespürt, die von Nina ausgeht, wenn sie in Baumwollpyjamahose und einem Uni-T-Shirt in der Küche herumwerkelt. Doch an diesem Morgen fühlte sich das Haus so an wie die Welt, wenn es die ganze Nacht über geschneit hat: leise und gedämpft, keinerlei Geräusche. Es roch nach nichts. Ich ging trotzdem hinunter. Vielleicht waren sie kurz was besorgen gegangen?

Ich war mir so sicher, allein zu sein, dass ich Selbstgespräche führte. Ich wiederholte, was Jay am Abend vorher zu mir gesagt hatte, als ich im Gartenstuhl auf seinem Schoß gesessen hatte. »Weißt du überhaupt, wie süß du bist?«, hatte er gefragt. Seine Worte kitzelten an meinem Hals, er ließ mich leicht auf seinen Knien wippen. »Hm, sag mal?« So was konnte ich niemandem erzählen, ohne dass es angeberisch klang oder blöd und vielleicht auch sexistisch. Edwina MacIntosh zeigte in ihrer alljährlichen Vorlesung Kritische Betrachtungen zur Geschlechterfrage in den Medien regelmäßig Bilder von Frauen in Zeitschriften, die in aufreizenden Klein-Mädchen-Posen abgelichtet worden waren. Diese Fotos waren echt total daneben. Als ich also auf Jays Schoß saß, hatte ich ein bisschen ein schlechtes Gewissen, als würde ich den Erwartungen der Rosewood-Mädchenschule nicht gerecht werden. Ich konnte unmöglich jemanden erzählen, dass ich mich gleichzeitig schüchtern und hübsch und mächtig gefühlt hatte.

Und ich konnte auch kaum glauben, dass wir uns nicht geküsst hatten. Er und seine Freunde hatten mit irgendeinem Trinkspiel angefangen und keiner von denen hatte seine Freundin dabei. Aber ich erinnerte mich mit einem Grinsen daran, dass er mich nach meiner Telefonnummer gefragt und sie in sein Handy eingetippt hatte.

Erst als ich das Brot aus dem Kühlschrank geholt hatte und mich umdrehte, bemerkte ich Mr Clayton, der unbeweglich und ruhig dasaß wie das Steindenkmal von Abraham Lincoln, das wir auf unserer Klassenfahrt nach Washington gesehen hatten. Vor ihm stand ein Becher Kaffee. Er war kreidebleich. Er hielt etwas fest. Es war um seine Hand gewickelt. Ein Verband? Ein Kissenbezug? Er ließ seine Hand in den Schoß sinken.

»Du musst nach Hause«, sagte er und schluckte. Er sagte das leise und ernst, und es war nicht die Stimme, mit der er sonst mit seinen Kindern sprach. Oder mit mir.

Ich wusste instinktiv, dass ich jetzt besser nicht nachfragte. Ich nickte und ging leise die Treppe hoch, immer zwei Stufen auf einmal, schlüpfte in meine zugebundenen Turnschuhe und lief mit meiner halb zusammengepackten Übernachtungstasche durch die Haustür. Ich war durcheinander und tat einfach, was von mir verlangt wurde. Mir fiel auf, wie heiß es war, es war beinahe Mittag, und ich hatte mir noch nicht mal die Zähne geputzt oder ein Schluck Wasser getrunken. Bis zu mir nach Hause waren es drei Kilometer. Außerdem hatte ich mein Handy vergessen, es hing zum Aufladen an Jules’ Steckdose.

Als ich den Briefkasten an der Ecke erreichte, wusste ich auf einmal, was Mr Clayton in der Hand gehalten hatte. Das Schlafshirt von Nina. Sobald ich in die Küche gekommen war, hatte er es an sein Gesicht gepresst. Diese roten Augen. Die seltsame, wackelige Stimme. Er hatte geweint. Und das war der Moment, als ich mich ohne einen weiteren konkreten Hinweis fragte, ob sie vielleicht gestorben war. Ich blieb stehen, berührte meine Lippen und schloss die Augen. Eine eiskalte Schwärze schlug über mir zusammen, als ob ich gekentert wäre und mich ein Anker auf den Grund des Meeres ...

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