Logo weiterlesen.de
Salomons Fluch (Liebe I Mystery)

Elvira Zeißler

Salomons Fluch (Liebe I Mystery)

Stern der Macht 2





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Was bisher geschah

Nachdem Erin und Daniel die Wahrheit über die hinterhältigen Pläne seiner Ziehmutter Melissa erfahren haben, bieten sie ihr die Stirn. In der darauffolgenden Auseinandersetzung bricht Daniel seinen heiligen Schwur gegenüber der Bruderschaft, indem er sich weigert, Erin etwas anzutun. In letzter Sekunde kann Erhard Melissa unschädlich machen und den beiden das Leben retten. Bevor sie das Anwesen verlassen, raunt der Sicherheitschef Erin noch eine geheimnisvolle Botschaft zu: „Ihr müsst das verschollene Amulett der Heilung finden, sonst ist jede Hoffnung verloren.“

 

Personen- und Stichwortverzeichnis

 

Erin: Die 17-jährige Protagonistin der Reihe und Trägerin des Rubin-Amuletts.

Daniel: Erins große Liebe und Träger des Saphir-Amuletts. Daniel ist bei der Bruderschaft des Lichts aufgewachsen und der Ziehsohn von deren Anführerin Melissa.

Melissa: Die Anführerin der Bruderschaft des Lichts und Daniels Ziehmutter. Sie hat schon früh erkannt, dass Daniel der wahre Träger des Saphir-Amuletts ist, dessen Macht sie für sich beansprucht. Sie hat Daniel seine wahre Herkunft und seine Beziehung zum Amulett verheimlicht, um ihn für ihre Zwecke einsetzen zu können.

Bruderschaft des Lichts: Eine Geheimorganisation, die seit dem frühen Mittelalter nach den fünf Amuletten der Macht sucht. Nach außen hin hat die Bruderschaft sich verpflichtet, die Macht der Amulette zum Wohle der Menschheit einzusetzen. Im Laufe der Jahrhunderte hat sie sich jedoch immer mehr von ihrem noblen Ziel abgewandt. Die Führungsspitze der Bruderschaft will die Macht der Amulette nun zum eigenen Vorteil nutzen. Das Saphir-Amulett hat sich viele Jahre im Besitz ihrer Anführerin Melissa befunden, bis Daniel es an sich genommen hat.

Suchende im Zeichen des Sterns: Die Gegenspieler der Bruderschaft des Lichts, die ebenfalls nach der Macht der Amulette trachten.

Erhard: Sicherheitschef der Bruderschaft des Lichts und im Geheimen gleichzeitig der Wächter des Sterns.

Wächter des Sterns: Die Tradition der Wächter des Sterns geht bis in die Entstehungszeit des Sterns der Macht zurück. Es gibt zu jeder Zeit nur einen Wächter, dessen Aufgabe es ist, darüber zu wachen, dass die Macht des Sterns nicht in falsche Hände fällt.

Amulette der Macht: Fünf magische Amulette, von denen jedes seinem Träger eine besondere übernatürliche Gabe verleiht. Sollte es jemandem gelingen, alle fünf Amulette zusammenzubringen und zum Stern der Macht zu vereinen, wird dem Besitzer große Macht zuteil, die über die Kräfte der einzelnen Amulette weit hinausgeht.

Rubin-Amulett: Eins der fünf Amulette der Macht, das seinem Träger die Fähigkeit verleiht, Gefühle und Stimmungen bei anderen Menschen wahrzunehmen. Das Amulett hat Erin zu seiner wahren Trägerin erwählt.

Saphir-Amulett: Eins der fünf Amulette der Macht, das seinem Träger die Fähigkeit verleiht, Dinge mit der Kraft der Gedanken zu bewegen (Telekinese). Das Amulett hat Daniel zu seinem wahren Träger erwählt.

Diamant-Amulett: Eins der fünf Amulette der Macht, auch „Amulett der Heilung“ genannt. Es verleiht seinem Träger die Kraft des Lebens und kann fast jede Verletzung und Krankheit heilen. Der wahre Träger des Amuletts wird damit beinah unverwundbar und unsterblich. Das Amulett ist seit über 70 Jahren verschollen.

Wahrer Träger: Hat ein Amulett der Macht seinen wahren Träger gefunden, kann dieser die volle Macht des Amuletts nutzen. Besitzt einer ein Amulett der Macht, ohne der wahre Träger zu sein, kann er das Amulett zwar benutzen, es entfaltet aber nicht seine volle Kraft.

Stern der Macht: Wenn es gelingt, alle fünf Amulette der Macht zusammenzubringen, können sie zum Stern der Macht vereint werden. Die Bruderschaft des Lichts und die Suchenden im Zeichen des Sterns trachten beide danach, den Stern zusammenzusetzen und somit seine Macht für ihre Zwecke zu gebrauchen.

„Stern der Macht – Salomons Fluch“

 

 

 

 

 

Wenn die Herzensglut entflammt

und Salomons Fluch Rubin mit Saphir auf ewig vereint,

wird aus wahrer Liebe der Stern zur neuen Macht erwachen.

 

 

Prolog

1940, Aachen

 

„Bleiben Sie, wo Sie sind!“ Panisch presste Dorothee sich an die weißgetünchte Wand des Krankenzimmers.

„Dorothee, Liebling. Ich bin’s doch.“ Beschwörend streckte Erik die Hand nach ihr aus.

„Ich kenne Sie nicht!“, stammelte die Frau verwirrt und blickte sich verständnislos um. „Wo bin ich? Was ist das?“ Ihr Blick blieb an dem dünnen, grünlich karierten Krankenhaushemd hängen, das sie anhatte.

„Dorothee, bitte.“ Erik trat vorsichtig näher und streckte seine Hand nach ihr aus. „Es wird alles gut, mein Schatz. Es wird alles wieder gut. Aber jetzt müssen wir von hier verschwinden, hörst du? Wir sind hier nicht sicher.“ Er umfasste ihren Oberarm und versuchte, sie mit sich fortzuziehen.

„Lassen Sie mich in Ruhe!“, kreischte sie und ihr wilder Blick blieb schließlich an der Tür hängen. Mit einer Kraft, die er ihrem ausgemergelten Körper niemals zugetraut hätte, riss sie sich von ihm los und sprintete durch die Tür.

Wie betäubt starrte Erik ihr hinterher. Er konnte nicht fassen, was gerade geschehen war.

Eine Krankenschwester kam ins Zimmer gestürzt. „Was ist hier los?“, fragte sie streng. Dann sah sie auf das leere Bett. „Wo ist die Patientin?“ Verständnislos schaute sie den Mann an, der noch immer fassungslos verharrte.

„Fort“, murmelte er.

„Was heißt hier fort? Sie kann nicht aufstehen. Sie liegt im Sterben!“

„Jetzt nicht mehr.“ Stumpf ging Erik zur Tür.

„Sie können jetzt nicht einfach so gehen!“, rief die Frau ihm hinterher, doch er beachtete sie gar nicht. Fast automatisch tastete seine Hand nach dem verschlungenen Diamant-Amulett, das unter seinem Hemd auf seiner Haut lag. Noch immer konnte er die Nachwärme seiner Wirkung spüren. Und er verstand noch immer nicht, was gerade geschehen war. Er hatte es geschafft. Dorothee war gerettet. Und doch war etwas ganz furchtbar schiefgegangen.

 

Kapitel 1

Heute, Bergisches Land

 

Die ganze Autofahrt über konnte Erin ihre Augen einfach nicht von Daniel nehmen. Er hatte sich der tödlichen Kugel in den Weg geworfen, nur um ihr das Leben zu retten.

In der letzten Stunde war so viel vorgefallen, dass ihr Gehirn es noch gar nicht hatte verarbeiten können. Doch allmählich begriff sie, was soeben in Melissas Büro geschehen war.

Sie griff nach Daniels Hand. Um ein Haar hätte sie ihn verloren. Er war bereit gewesen, sich zu opfern, damit sie weiterleben konnte. Und sie konnte noch immer kaum fassen, dass es doch nicht zum tödlichen Schuss gekommen war, dass Erhard noch im letzten Augenblick eingegriffen hatte.

„Wie geht es dir?“, fragte Erin leise.

„Ganz gut, schätze ich“, erwiderte der Mann an ihrer Seite gefasst. „Bis auf die Kopfschmerzen. Doch ein paar Stunden Schlaf dürften das Problem wohl beseitigen. Und dir?“

Sie zuckte unsicher mit den Achseln. „Ich mache mir Sorgen.“

„Das brauchst du nicht.“ Beruhigend legte er seine Hand auf die ihre. „Melissa kann dir nichts mehr antun.“

Erin schnaubte freudlos. „Es geht mir doch nicht um mich.“ Sie sah ihn besorgt an. „Daniel, du hast deinen Eid gebrochen, als du dich geweigert hast, mich zu töten.“

Daniel presste für einen Moment die Zähne fest aufeinander und schluckte. Doch als er sprach, klang seine Stimme lässig und unbeschwert. Beinahe. „Du siehst doch, dass es mir gut geht“, sagte er aufmunternd. „Keine Angst, ich werde schon nicht gleich tot umfallen.“

„Na, hoffentlich“, brummte Erin, doch sie ließ ihn für den Rest der Fahrt in Ruhe. Sie hatten beide in den letzten Tagen genug durchgemacht, da musste sie mit ihren Ängsten nicht noch mehr düstere Stimmung verbreiten.

„So, da wären wir“, sagte Daniel, als er in der Einfahrt vor Erins Haus hielt. „Du hattest etwas von einem gemütlichen, weichen Bett erzählt“, fügte er lächelnd hinzu und unterdrückte ein Gähnen.

„Na, dann komm, mein müder Krieger“, erwiderte sie scherzhaft. „Den Weg kennst du ja schon.“

„Hallo, Lisa, wir sind wieder da!“, rief sie ihrer großen Schwester zu, als sie die Haustür öffnete.

Die tauchte gerade mit einem dampfenden Becher in der Hand aus der Küche auf und winkte den Neuankömmlingen fröhlich zu. „Ihr seht ja furchtbar aus“, bemerkte sie dann kritisch, als sie ihre Gesichter sah. „Muss eine wilde Party gewesen sein.“

„Du sagst es“, stimmte Erin ihr hastig zu und versuchte, an Lisa vorbei schnell nach oben in ihr Zimmer zu huschen.

Doch ihre Schwester hielt sie am Arm zurück. „So kurz nach einer Gehirnerschütterung solltest du es lieber nicht übertreiben“, ermahnte sie.

„Ja, ich weiß. Deswegen gehen wir jetzt auch ganz brav schlafen“, erwiderte Erin und drängte sich entschieden an ihr vorbei.

„Da schimpfen alle über die Studenten“, murmelte Lisa lächelnd. „Dabei sind die frischgebackenen Abiturienten noch um einiges schlimmer.“

Oben in ihrem Zimmer ließ Erin sich müde aufs Bett fallen. Dann besann sie sich jedoch und rückte ein wenig zur Seite, um für Daniel Platz zu machen. Eng an ihn gekuschelt, schloss sie die Augen und verdrängte entschieden alle Ängste und Zweifel, die in ihrem Hinterkopf lauerten. Während sie seinen ruhigen Atemzügen lauschte, fühlte sie sich plötzlich wie ein ganz gewöhnliches Mädchen, das neben seinem Freund lag. Über diesem glücklichen Gedanken schlief Erin schnell ein.

Das Klingeln ihres Handys riss sie plötzlich aus ihrem Schlummer. Verschlafen tastete Erin in ihrer Hosentasche danach und es dauerte eine Weile, bis sie es aus ihrer engen Jeans gezogen hatte. „Ja, bitte?“, fragte sie, als sie ranging. Fast rechnete sie schon damit, dass der Anrufer bereits aufgelegt hatte. Daher fuhr sie überrascht zurück, als eine Männerstimme ihren Namen sagte. Es dauerte einen Moment, bis sie die Stimme, die ihr vage bekannt vorkam, richtig einordnen konnte – Daniels lange verschollener und nun plötzlich aufgetauchter Vater, der natürlich bei den Suchenden im Zeichen des Sterns mitmachte. Als wäre ihr Leben nicht auch so schon kompliziert genug.

„Erin, bist du das?“, wiederholte die Stimme, als das Mädchen nichts erwiderte.

„Ja“, krächzte sie und wischte sich den Schlaf aus den Augen.

„Geht es dir gut?“

„Ja, ich habe nur geschlafen“, murmelte sie.

Neben ihr regte sich Daniel. Auch er schien nur mühsam aus dem Tiefschlaf zu erwachen. „Wer ist dran?“, fragte er und rieb sich die Stirn.

„Dein Vater“, erwiderte sie.

„Was will er?“

„Keine Ahnung.“ Erin zuckte mit den Schultern.

„Erin, bist du noch dran?“, drang die Stimme aus dem Hörer zu ihr.

„Ja. Was wollen Sie?“

„Wir haben auf euch gewartet.“ Der Mann am anderen Ende der Leitung klang überrascht. „Aber ihr habt euch nicht gemeldet. Da dachte ich, ich rufe mal an und frage, ob alles in Ordnung ist.“

„Ach so …“ Erin verstummte unschlüssig. Es stimmte, sie hatten versprochen, sich zu melden. Aber nur, weil sie der Großmeister der Suchenden sonst bestimmt nicht hätte gehen lassen. Sie hatte ja nicht wirklich vorgehabt, dem Anführer des Geheimbunds, der bloß nach der Macht des Sterns trachtete, um sie für seine Zwecke einzusetzen, einen Besuch abzustatten. Wenigstens nicht so bald.

Aber das konnte sie Daniels Vater ja nicht so offen sagen. Ihm zumindest ging es wirklich nur um seinen Sohn. Und aus irgendeinem Grund wollte oder konnte er nicht sehen, dass er bloß als Köder dienen sollte, um Daniel und damit auch Erin in die Fänge des Großmeisters zu locken.

„Also …“, machte das Mädchen wieder einen Versuch, aber sie wusste einfach nicht, was sie sagen sollte. Sie fluchte innerlich. Sie hasste es, aus dem Schlaf gerissen zu werden und sofort eine geniale Ausrede parat haben zu müssen.

„Gib ihn mir mal.“ Sanft nahm Daniel ihr das Handy aus der Hand. „Hallo, Vater“, sagte er vorsichtig. Das Wort kam nur zögernd über seine Lippen, da es noch viel zu neu für ihn war. „Ich weiß, wir hatten gesagt, wir würden heute wiederkommen. Aber es war einfach zu viel für uns gewesen. Erin und ich sind noch beide wie erschlagen. Ich hoffe, ihr versteht das. Wir würden einfach gern mal in Ruhe ausschlafen. Okay?“

„Natürlich“, kam es unentschlossen aus dem Hörer.

„Gut, wir melden uns dann“, sagte Daniel und beendete das Gespräch. „Zumindest für heute hätten wir dann Ruhe“, murmelte er und rieb sich müde über das Gesicht.

„Sind deine Kopfschmerzen nicht besser geworden?“, fragte Erin mitfühlend und legte ihm ihre Hand auf die Stirn.

„Nicht wirklich“, murmelte er.

„Vielleicht kann ich was versuchen“, schlug sie zögernd vor.

„Was denn?“

„Ich könnte versuchen, deinen Schmerz zu lindern.“

„Und wie?“

„Ich weiß nicht, wie ich das erklären soll. Aber manchmal, wenn ich deine Gefühle lese, habe ich den Eindruck, dass ich sie auch irgendwie … ich weiß nicht, vielleicht beeinflussen könnte.“ Sie sah ihn fragend an. „Wenn du willst, kann ich versuchen, deinen Schmerz wegzunehmen.“

„Ist schon gut“, wehrte Daniel sanft ab. „Es ist nicht so schlimm.“

Sein Lächeln sollte vermutlich beruhigend wirken, doch Erin kam es vor, als würde er sie damit mit Absicht auf Distanz halten, irgendetwas vor ihr verbergen wollen.

„Ich würde es trotzdem gern probieren“, beharrte sie. „Sieh es doch einfach als Training für meine Fähigkeiten.“

„Ich weiß nicht“, sagte er zögernd und Erin sah einen eigenartigen Ausdruck über sein Gesicht huschen. War es Sorge oder sogar Angst?

„Ach, komm schon“, sagte sie lockerer, als sie sich fühlte, und griff nach seiner Hand, um den Ring, der ihn gegen die Kraft ihres Amuletts abschirmte, von seinem Finger zu ziehen.

Daniel wehrte sich nicht, doch es lag eine merkwürdige Anspannung in dem Blick, mit dem er sie musterte.

Sie umklammerte seinen Ring in ihrer Hand und schloss die Augen in der Erwartung von Daniels Emotionen, die sie nun umhüllen müssten. Sie hatte schon die Gefühle von vielen Menschen gespürt, doch in Daniels Herz schauen zu können, war für sie stets unvergleichlich. Seine Liebe umspielte sie wie ein warmer Sommerwind oder wie Sonnenschein auf der Haut. In diesen Augenblicken fühlte sie sich so geliebt, geborgen und beschützt, dass Worte es nicht auszudrücken vermochten.

Doch dieses Mal blieb das rotgoldene Glühen seines Herzens aus. Irritiert öffnete Erin die Augen.

„Was ist los?“, fragte Daniel nervös.

„Ich spüre nichts“, erwiderte sie fassungslos. „Es ist, als hättest du den Ring noch immer an.“

„Hab ich aber nicht“, erwiderte er abwehrend und hielt wie zum Beweis beide Hände hoch.

„Ich weiß.“ Erin schloss noch einmal die Augen und umfasste mit der linken Hand ihr Amulett, das an einer dünnen Silberkette um ihren Hals hing. Normalerweise half das, um ihre Kräfte besser fokussieren zu können. „Nichts“, flüsterte sie verwirrt. Dann schloss sie noch einmal die Augen und sandte ihren Geist nach ihrer Schwester aus. Sofort spürte sie die vertraute Präsenz von Lisas Gefühlen – eine Mischung aus Ehrgeiz, Geschäftigkeit und Frust, die sie beim Lernen meist an den Tag legte.

„Ich kann Lisa problemlos spüren“, sagte sie nachdenklich. „Es liegt also nicht an mir.“

„Wie meinst du das?“, fragte Daniel alarmiert und Erin musterte ihn scharf. Er verbarg definitiv etwas vor ihr.

„Gestern hatte ich noch keine Probleme damit“, sagte Erin und runzelte konzentriert die Stirn. Etwas musste seitdem vorgefallen sein, etwas, das Daniels Herz nun vor ihr abschirmte. „Das Amulett!“, erkannte sie plötzlich. „Dein Amulett schützt jetzt dich, so wie meins mich schützt.“ Sie lächelte erleichtert.

„Bist du sicher?“

Erin zuckte mit den Schultern. „Das lässt sich ja ganz schnell überprüfen.“ Sie griff nach der Kette um seinen Hals. „Darf ich?“

Er nickte.

Vorsichtig zog Erin ihm die Kette samt Anhänger über den Kopf. Das Amulett sah genauso aus wie ihres, nur dass es bei ihr mit Rubinen besetzt war, während das seine Saphire enthielt.

Sie hatte ihm die Kette kaum abgenommen, als ein so starker Schmerz sie durchbohrte, dass sie das Amulett vor Schreck fallen ließ. Sie fasste sich mit beiden Händen an den Kopf, da sie Angst hatte, er würde in tausend Stücke zerspringen, wenn sie ihn nicht festhielt. Es fühlte sich an, als würde sich ein glühender Speer in ihren Kopf bohren und jeden Gedanken unerträglich machen. Sie atmete keuchend und sah zu Daniel hinüber.

Totenblass und mit weit aufgerissenen Augen tastete er auf dem Bett nach seinem Anhänger. Als seine Finger sich endlich darum schlossen, war es Erin, als wäre plötzlich eine Schleuse zugegangen. Sie ächzte erleichtert, doch es dauerte noch eine Weile, bis sie wieder ganz zu sich kam. Ihr Atem ging stoßweise und ihre Sinne waren noch immer wie benebelt, obwohl sie nun keinerlei Schmerz mehr verspürte.

Besorgt sah Erin Daniel an, der sich auch nur langsam zu erholen schien. Er war noch immer bleich und kalter Schweiß stand ihm auf der Stirn, doch immerhin atmete er wieder normal und seine Pupillen waren nicht mehr unnatürlich geweitet.

„Nicht weiter schlimm?“, fragte sie schockiert und schaute ihn ungläubig an.

„Ich habe keine Ahnung, was das eben war“, erwiderte Daniel verwirrt. „Der Schmerz kam erst, als du das Amulett entfernt hast.“

„Und jetzt ist er wieder weg?“, vergewisserte Erin sich.

„Beinahe. Es ist nur ein leichtes Pochen, definitiv nicht mit dem anderen zu vergleichen.“ Er versuchte ein Lächeln. „Noch ein paar Stunden Schlaf und ich bin wieder wie neu.“

„Das glaube ich nicht“, flüsterte Erin tonlos. Ihr war, als wäre ihr schlimmster Alptraum plötzlich wahr geworden. Das, wovor sie sich insgeheim gefürchtet hatte, seit Daniel ihr das erste Mal von seinem Eid gegenüber der Bruderschaft des Lichts erzählt hatte, schien grausame Realität zu werden. Dem Eid, der durch den Stern der Macht gebunden war und nicht gebrochen werden durfte. Dem Eid, den er gebrochen hatte, als er sich geweigert hatte, sie, Erin, auf Befehl seiner Ziehmutter zu töten.

„Wie meinst du das?“, fragte Daniel und in seinen Augen sah sie, dass er die Wahrheit schon längst kannte.

„Du hast gewusst, dass es passieren würde, nicht wahr?“, schluchzte sie auf und warf sich an seine Brust. „Du hast es gewusst und den Eid dennoch gebrochen.“ Tränen kullerten ihr aus den Augen und sie klammerte sich an ihm fest.

„Ich kannte das Risiko“, sagte er leise. „Ich wusste nicht genau, was passieren würde, aber es war mir klar, dass ich die Konsequenzen würde tragen müssen.“

„Es ist meine Schuld“, sagte Erin plötzlich mit tränenerstickter Stimme und rückte ein Stück von ihm ab. „Es ist ganz allein meine Schuld“, wiederholte sie leise und schlug sich verzweifelt die Hand vor den Mund.

„Nein“, sagte Daniel mit einer wehmütigen Mischung aus Traurigkeit und Zärtlichkeit in seinem Tonfall. „ Es war meine Entscheidung. Und ich würde es immer wieder so machen. Ich habe versprochen, dich zu beschützen, und das werde ich bis zu meinem letzten Atemzug tun.“

„Nein! So leicht kommst du mir nicht davon!“, rief Erin entgeistert und sprang auf. Immer wieder schüttelte sie ungläubig den Kopf und Tränen rannen ihr ungehindert über die Wangen.

„Es gibt nichts, was wir noch tun können“, erwiderte Daniel gefasst.

Sie sah ihn an, als hätte er den Verstand verloren. „Nein! So einfach gebe ich nicht auf. Es geht hier schließlich um dein Leben!“, schleuderte sie ihm anklagend entgegen.

„Meinst du, ich wüsste das nicht?“, schnappte Daniel zurück. „Meinst du, mir macht es Spaß, hier zu sitzen und zu wissen, dass ich in ein paar Tagen sterben werde? Zudem vermutlich sehr qualvoll?“ Er vergrub sein Gesicht in den Händen und atmete tief durch. Dann streckte er seinen Arm nach ihr aus. „Bitte, lass uns die letzten Tage, die uns noch bleiben, nicht mit Streiten verschwenden.“

„Es tut mir leid“, flüsterte Erin leise und setzte sich wieder neben ihn auf das Bett. „Es ist nur, dass ich den Gedanken nicht ertragen kann, dich zu verlieren“, sagte sie und drückte ihn fest an sich.

„Ich verstehe das einfach nicht“, flüsterte sie nach einer Weile. „Du hast mir mal erzählt, dass Andere, die den Eid gebrochen hatten, sich selbst das Leben genommen hätten. Das passt doch nicht zusammen.“

Daniel sah sie lange und nachdenklich an. „Ich hätte nie gedacht, dass ich das je sagen würde“, gestand er ihr schließlich. „Aber nach dem, was ich gerade erlebt habe, kann ich die Leute verstehen.“

„Wie meinst du das?“

Er senkte den Blick. „Ich kann die Verlockung eines schnellen Todes verstehen, wenn die Alternative aus purer Agonie besteht.“

Erin schluchzte wieder laut auf. „Aber dein Amulett, es schützt dich doch“, fiel es ihr plötzlich hoffnungsvoll ein.

„Ich glaube, es lindert den Schmerz, verschafft mir vielleicht mehr Zeit. Aber wir sollten lieber nicht zu viel Hoffnung darauf setzen.“

„Hoffnung“, wiederholte Erin langsam. „Sucht das Amulett der Heilung, sonst ist alle Hoffnung verloren“, murmelte sie. „Das hatte mir Erhard gesagt, als wir Melissas Büro verließen.“

„Wirklich?“ Überrascht sah Daniel sie an. „Ich habe nichts gehört.“

„Nun, er hat es vielleicht nicht direkt gesagt“, korrigierte Erin sich. „Die Worte waren vielmehr auf einmal irgendwie in meinem Kopf.“

„Du meinst, er könnte etwas wissen?“, fragte Daniel, während er versuchte, sich seine Aufregung und Erleichterung nicht zu sehr anmerken zu lassen.

„Einen Versuch ist es wert“, erwiderte Erin hoffnungsvoll. „Immerhin ist er der Wächter des Sterns, wenn jemand etwas weiß, dann doch er.“

„Das lässt sich schnell herausfinden“, sagte Daniel mit einem Lächeln und holte sein Smartphone hervor. „Hallo, Erhard“, sagte er, als der Mann am anderen Ende der Leitung sich meldete.

„Daniel, geht es dir gut?“ Echte Sorge klang in der Stimme des Sicherheitschefs der Bruderschaft.

„Den Umständen entsprechend. Darüber müssen wir dringend mit dir reden. Persönlich.“

Der Mann am anderen Ende schwieg.

„Erhard, bist du noch dran?“, fragte Daniel nervös.

„Dann ist es also wahr“, flüsterte der Sicherheitschef schließlich. „Ich hatte gehofft, dass es nicht so weit kommen würde.“

Daniel schnaubte freudlos. „Glaub mir, ich auch.“

„Also gut. Wir treffen uns in einer halben Stunde in dem kleinen Café in der Fußgängerzone. Du weißt schon, das mit dem Klavier auf dem Schild.“

„Das Piano, ja“, bestätigte Daniel. „In einer halben Stunde sind wir da.“ Er legte auf. „Wir sollten uns lieber direkt auf den Weg machen“, sagte er dann zu Erin. „Ich möchte keine Zeit verlieren.“

„Mir geht es ebenso“, gab sie leise zurück und küsste ihn zärtlich auf die Stirn.

Als sie nach unten gingen, schaute Lisa durch die offene Tür kurz aus der Küche heraus, wo sie, über ihre Bücher gebeugt, saß. „Alles in Ordnung?“, fragte sie Erin vorsichtig. „Es hörte sich an, als hättet ihr euch vorhin gestritten.“

„Alles bestens“, erwiderte Erin schnell und lächelte tapfer, dann wandte sie rasch ihren Blick ab. Ihr Leben war noch nie so weit von „in Ordnung“ entfernt gewesen wie in diesem Augenblick. „Wir gehen bummeln“, fügte sie hinzu, nahm Daniel an der Hand und zog ihn aus dem Haus.

Obwohl sie fünf Minuten zu früh waren, wartete Erhard bereits bei einer Tasse Kaffee auf sie. „Wie geht es dir?“, fragte er Daniel ohne Umschweife und musterte aufmerksam den jungen Mann.

„Ganz gut.“ Daniel zuckte mit den Achseln. „Ich habe nur etwas Kopfschmerzen.“

„Das sehe ich“, kommentierte Erhard nachdenklich. „Erstaunlich.“

„Was ist erstaunlich?“, fragte Erin besorgt. Sie konnte auf weitere Überraschungen getrost verzichten.

„Dass Daniel noch aufrecht stehen kann“, erklärte Erhard. „Wann hast du Melissa den Gehorsam verweigert? Vor ungefähr sechs bis sieben Stunden?“

Daniel nickte.

„Nach allem, was ich weiß, müsstest du nun in einem Zustand sein, der einem mittelstarken Migräneanfall ähnlich ist. Auf keinen Fall dürftest du in der Lage sein, munter umherzulaufen oder gar Auto zu fahren.“

„Dann hat sein Zustand vielleicht doch nichts mit dem blöden Schwur zu tun?“, fragte Erin hoffnungsvoll, doch Erhard schüttelte bedauernd den Kopf.

„Es ist das Amulett“, sagte Daniel leise. „Es schützt mich vor dem Schmerz, zumindest weitestgehend.“

„Interessant“, murmelte der ältere Mann fasziniert. „Ein Amulett der Macht gegen Salomons Fluch. Ich würde zu gern wissen, was stärker ist.“

„Salomons Fluch? Was?“ Entgeistert starrte Erin ihn an. „Können wir hier bitte mal die ganze Geschichte erfahren?“ In diesem Augenblick kam eine Bedienung herbeigeschlendert und wollte ihre Bestellung aufnehmen. „Nicht jetzt!“, schnappte Erin und scheuchte das Mädchen energisch fort. „Wieso denn nun auch noch ein Fluch?“, fragte sie jämmerlich. Als hätten sie nicht schon genug Schwierigkeiten.

„Nicht noch ein Fluch“, beruhigte Erhard sie mit einem leichten Lächeln. „Es ist der Fluch, der den Schwur bindet.“

„Aber ich dachte, dass es die zweifache Kraft des Diamanten wäre, was auch immer das bedeuten soll. Immerhin lautet so doch die Formel.“

Erhard atmete tief durch. „Ich glaube, ich muss weiter vorne anfangen.“

Erin und Daniel nickten gespannt.

„Also, wie ihr wisst, hatte Salomon vier der fünf Amulette besessen. Und natürlich hatte auch er Angst, dass er eines Tages verraten werden könnte. Daher ließ er den Magier, der den Stern erschaffen hatte, einen Eid ersinnen, der mit einem Fluch belegt worden war. Durch den Fluch sollte die zweifache Kraft des Diamant-Amuletts heraufbeschworen werden.“

„Und was ist diese zweifache Kraft?“, sagte Daniel. „Das habe ich mich schon immer gefragt.“

„Die Kraft jedes Amulettes hat zwei Seiten, so wie alles in unserem Universum zwei Seiten besitzt. Nur der wahre Träger kann sie jedoch erkennen und für sich nutzen. Bei dem Amulett der Heilung sind die beiden Seiten selbst für Uneingeweihte offensichtlich.“

„Leben und Tod“, flüsterte Daniel, als er es verstand.

„Genau.“ Erhard nickte bestätigend. „Sollte jemand den Treueschwur brechen, so würde er die tödliche Seite zu spüren bekommen. Das ist der Fluch des Salomon.“

„Ich verstehe es immer noch nicht. Wenn der Fluch töten soll, wieso lebt Daniel noch?“ Verwirrt runzelte Erin die Stirn.

„Salomon wurde nicht umsonst der Weise genannt. Wenn jeder Verräter sofort sterben würde, hätte der König nie erfahren können, worum es demjenigen gegangen war. Außerdem war er wohl der Ansicht gewesen, dass jeder eine zweite Chance verdiente.“

„Eine zweite Chance?“ Gespannt beugte Daniel sich vor. Und auch Erin sah Erhard erwartungsvoll an. Endlich mal etwas, das vielversprechend klang.

„Ja. Der Fluch sollte den Verräter an der Ausführung seiner Absichten hindern, ihn außer Gefecht setzen. Und er sollte mit jedem Tag, der verging, an Stärke zunehmen. Bis derjenige sein Vergehen wieder wettmachte und den Treueschwur erneuerte oder starb.“ Erhard verstummte.

Daniel atmete hörbar aus. „Ich kann weder den Schwur erneuern noch mein Vergehen, wenn man es denn so nennen will, wiedergutmachen. Melissa ist tot.“

„Das stimmt“, erwiderte Erhard nachdenklich. „Und dennoch könnte es eine Möglichkeit geben.“

„Das Amulett der Heilung?“, fragte Erin skeptisch.

„Ja. Das ist die einzige Hoffnung, die Daniel noch bleibt.“

„Aber das ist seit über siebzig Jahren verschwunden. Niemand weiß, wo es ist.“ Die Aufregung war wieder aus Daniels Zügen gewichen und sein Gesicht glich erneut einer gefassten Maske.

Erins Herz sank. „Wie sollen wir es dann finden?“

Erhard zuckte mit den Achseln. „Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass es eure einzige Chance ist.“

„Wie lange?“, fragte Daniel seltsam unbeteiligt.

„Wie lange was?“, fragte der Mann zurück.

„Wie lange habe ich noch?“

„Schwer zu sagen“, erwiderte er nachdenklich. „Normalerweise trat der Tod innerhalb von fünf bis sieben Tagen ein. In deinem Fall aber … Zwei Wochen vielleicht, maximal drei.“

„Das ist nicht fair!“, rief Erin verzweifelt aus. „Sie haben Melissa getötet und sitzen hier nun quietschvergnügt vor uns. Daniel hat ihr nichts getan und nun muss er sterben?!“ Ihre Stimme überschlug sich.

„Mir konnte der Eid nichts anhaben, weil ich dem Schutz des Sterns verpflichtet bin. Dieser Treueeid wiegt noch um einiges schwerer.“

„Aber das ist es doch!“ Erin war bereit, sich an jeden Strohhalm zu klammern. „Wieso kann Daniel nicht einfach auch diesen Eid leisten? Dann wäre er doch auch geschützt.“

„So funktioniert das leider nicht“, sagte Erhard bedauernd. „Als er Melissas Befehl missachtet hat, hat er den Fluch des Salomon heraufbeschworen. Und damit womöglich noch ganz andere Ereignisse in Gang gesetzt.“

„Du meinst doch nicht etwa diese alberne Prophezeiung?“, warf Daniel ein. Er hatte sich zurückgelehnt und die Arme abwehrend vor der Brust verschränkt.

Besorgt sah Erin ihn an. Sein Gesicht hatte nun wieder diesen betont gleichgültigen Ausdruck angenommen, hinter dem er schon den ganzen Tag seine Gefühle versteckte.

„Die Prophezeiung ist nicht albern“, erwiderte Erhard tadelnd. „Sollte der Stern tatsächlich zusammengefügt werden, würde er die größte Macht seit Menschengedenken darstellen.“

„Und was hat das mit uns zu tun?“, fragte Daniel und auch Erin sah den Wächter des Sterns verständnislos an.

„Ihr seid die wahren Träger zweier Amulette der Macht. Damit tragt ihr auch eine gewaltige Verantwortung. Ihr dürft nicht zulassen, dass der Stern in die falschen Hände gerät.“

Wütend und ungläubig funkelte Erin den Wächter an. „Hier geht es um Daniels Leben, nicht um Ihren blöden Stern!“

„Vier der fünf Amulette sind bereits im Spiel. Der Wettlauf um das letzte hat begonnen. Findet es, bevor es die Anderen tun, und Daniel wird leben. Wenn ihr versagt, wird vermutlich nicht nur er sterben.“

„Dann kommen Sie doch mit“, sagte Erin herausfordernd. „Mit Ihrem Wissen hätten wir bestimmt eine höhere Chance.“

„Ich muss mich um die Dinge hier vor Ort kümmern und außerdem weiß ich nicht, wo sich das Amulett befinden könnte.“

„Auch gut“, erwiderte Erin viel tapferer, als sie sich fühlte. „Wenn Sie uns nicht helfen können, sollten wir hier nicht länger unsere Zeit verschwenden. Lass uns gehen“, sagte sie zu Daniel und erhob sich.

„Was hast du vor?“, fragte Erhard neugierig.

„Daniels Leben retten“, erwiderte sie knapp.

Kapitel 2

Während sie nach Hause fuhren, hüllte Erin sich in trotziges Schweigen. Entschlossen starrte sie aus dem Fenster und vermied es, ihren Freund anzuschauen, obwohl sie seinen traurigen Blick auf sich spürte. Sie wusste, wenn sie ihn ansah, würde sie in Tränen ausbrechen. Und außerdem wollte sie nicht hören, was er ihr sagen würde. Sie wusste es auch so. Er glaubte nicht, dass sie es schaffen würden, das hatte sie in seinen Augen gesehen. Wie denn auch? Immerhin suchten zwei Organisationen mit weit mehr Ressourcen, als sie beide jemals würden aufbringen können, seit über siebzig Jahren nach dem verschollenen Amulett. Doch sie würde nicht aufgeben. Sie würde ihn nicht einfach sterben lassen. Sie wusste, dass es ihnen gelingen musste. Einfach, weil die Alternative undenkbar war.

Sie hatte gehofft, dass Erhard ihnen wirklich helfen könnte. Aber Daniel war ihm anscheinend egal. Ihm ging es um nichts Anderes als seinen blöden Stern. Auch gut. Dann würden sie es eben allein schaffen. Sie hatten keine Hilfe zu erwarten. Von niemandem. Denn niemanden außer ihr kümmerte es wohl, was aus Daniel wurde.

Oder vielleicht doch?

Sie zögerte kurz. „Wir müssen den Suchenden noch einen Besuch abstatten und mit deinem Vater sprechen“, sagte sie aufgeregt.

„Wieso denn das?“

„Vielleicht kann er uns ja helfen“, erklärte Erin. Und während sie sprach, spürte sie, dass es tatsächlich klappen konnte. „Du hattest mir doch mal gesagt, das Amulett der Heilung sei zuletzt in den Händen der Suchenden gewesen, bevor einer von ihnen es gestohlen hatte und damit abgetaucht war.“

Daniel nickte.

„Also müssten sie doch irgendwelche Informationen haben, die uns helfen könnten. Und dein Vater wird sie uns gewiss gern beschaffen.“ Sie sah ihn hoffnungsvoll an. Es fühlte sich gut an, zumindest den Ansatz eines Plans zu haben.

„Das könnte klappen“, sagte Daniel und endlich erschien ein kleines Lächeln auf seinen Lippen.

„Gut, dann sollten wir keine Zeit verlieren. Am besten, wir fahren zuerst zu mir und packen unsere Sachen. Außerdem muss ich mir noch eine Alibi-Geschichte für Lisa und meine Eltern überlegen. Wenn wir tatsächlich etwas erfahren, will ich direkt danach aufbrechen.“

Daniel lächelte über ihren Enthusiasmus und drückte dankbar ihre Hand. „Ich liebe dich“, flüsterte er.

„Ich dich auch“, erwiderte sie und hielt seine Hand fest. Am liebsten würde sie sie niemals wieder loslassen.

 

Als sie aus dem Auto stiegen, klingelte plötzlich Erins Handy.

„Erin, Süße, wo hast du bloß gesteckt?“, drang die Stimme ihrer Freundin Mia an ihr Ohr, als Erin das Gespräch annahm. „Geht es dir gut? Du wolltest dich doch melden, wenn du aus dem Krankenhaus raus bist.“

„Ja, also“, setzte Erin an. In den letzten Tagen hatten sich die Ereignisse derart überschlagen, dass sie gar nicht mehr an Mia gedacht hatte. Sie war froh, überhaupt noch am Leben zu sein. „Daniel und ich …“

„Habt es wohl so richtig krachen lassen, wie?“, fiel Mia ihr gutgelaunt ins Wort. „Kann ich euch nicht verübeln, nach dem ganzen Abi-Stress. Eigentlich wollte ich drei Tage am Stück durchschlafen, aber du glaubst nicht, was Sven gemacht hat!“

„Was denn?“, fragte Erin, froh darüber, selbst nichts erzählen zu müssen. Offensichtlich platzte Mia geradezu vor Ungeduld, ihre Neuigkeit loszuwerden.

„Du weißt ja, dass es in letzter Zeit nicht so besonders zwischen uns gelaufen ist. Und da hat er sich echt etwas einfallen lassen, um mich zurückzugewinnen!“

„Was denn?“, wiederholte Erin und bemühte sich, wirklich neugierig zu klingen. Mia konnte ja nichts dafür, dass sie selbst gerade vor dem schlimmsten Abgrund ihres Lebens stand.

„Sven hat eine Vier-Sterne-Reise nach Mallorca gebucht!“, brach es endlich aus Mia hervor. „Heute Nacht geht es los und dann heißt es eine Woche lang nur noch Sonne, Strand, Cocktails und Party! Ist das nicht toll?!“

„Ich freue mich für dich“, erwiderte Erin.

„Vier Sterne, All inclusive!“, betonte Mia, der Erin anscheinend nicht genügend Begeisterung an den Tag gelegt hatte. „Die Reise muss seine gesamten Ersparnisse aufgebraucht haben. Und alles nur, um mich zurückzukriegen. Ist das nicht unglaublich süß?“

Trotz ihrer Sorgen musste Erin plötzlich lächeln. Mia war so herzerfrischend impulsiv und offen. „Ich freue mich wirklich für dich“, sagte sie. „Erhol dich schön, aber flirte nicht zu sehr mit anderen Jungs, das hat der arme Sven nicht verdient.“

„Welche anderen Jungs?“, fragte Mia unschuldig zurück. „Keine Angst, wer mir so einen Urlaub spendiert, verdient meine ungeteilte Aufmerksamkeit. Okay, jetzt muss ich packen. Ich melde mich, wenn ich wieder da bin!“

„Ja, tu das“, erwiderte Erin. „Bis dann.“

„Was ist los?“, fragte Daniel, der sich inzwischen auf dem Bett niedergelassen hatte.

„Mia“, erwiderte Erin belustigt. „Ihr Freund hat ihr einen Urlaub spendiert und nun schwebt sie im siebten Himmel.“ Schlagartig wurde sie wieder ernst. „Ob unser Leben auch jemals so einfach sein wird?“

„Ich hoffe es“, sagte Daniel, um einen lockeren Ton bemüht.

Erin sah ihn lange an und spürte, wie ihr wieder Tränen in die Augen zu steigen drohten. Doch sie durfte ihnen nicht nachgeben, sie konnte sich keine Schwäche erlauben. „Wie geht es dir?“, fragte sie besorgt.

„Unverändert“, erwiderte er. „Aber tu mir bitte einen Gefallen, ja?“, setzte er dann leise hinzu.

„Klar, jeden!“, sagte Erin und wollte schon aufspringen, um ihm, was auch immer er brauchte, zu holen.

Doch Daniel hielt sie sanft zurück. „Frag mich das bitte nicht ständig, okay? Das macht es nur noch schlimmer.“

„Oh.“ Erin verstummte betreten. „Es tut mir leid“, flüsterte sie und biss sich auf die Unterlippe, um die Tränen, die nun doch herauszubrechen drohten, zurückzuhalten.

„Wir sollten jetzt lieber packen“, erinnerte Daniel sie und erhob sich.

„Packen, ja.“ Erin sprang auf und sah sich geschäftig im Zimmer um. Dann ging sie entschlossen zu ihrem Schrank und kramte ihre Reisetasche heraus, während Daniel seine aus der Ecke am Fußende des Bettes holte. Darin waren noch genug frische Wechselsachen für ein paar Tage.

„Ich bin eigentlich schon fertig“, meinte er mit einem kleinen Lächeln. „Muss nur noch meine Zahnbürste aus dem Bad holen.“

„Ich bin auch gleich soweit“, sagte sie, während sie sich bemühte, möglichst viele ordentliche Wäschestapel in der Tasche unterzubringen.

„Was willst du eigentlich deinen Eltern sagen?“, fragte Daniel sie unvermittelt.

„Ich weiß es noch nicht“, gab Erin unsicher zu. „Wir wissen ja nicht, wo und wie lange wir überhaupt weg sein werden.“

„So oder so, es wird wohl kaum länger als drei Wochen dauern“, sagte er grimmig.

Erin unterdrückte einen kleinen Schluchzer, als ihr der Sinn seiner Worte dämmerte. Rasch wandte sie ihr Gesicht ab und starrte konzentriert in ihre Reisetasche. „Du hast recht“, rief sie schließlich betont fröhlich. „Wir sind im Handumdrehen wieder da. Wir finden das Amulett, lösen den Fluch und sind rechtzeitig zum Abi-Ball zurück. Ein Spaziergang.“ Dann kam ihr plötzlich eine Idee. „Genau, das ist es.“

„Ein Spaziergang?“, fragte Daniel verwirrt.

„Nein, ein Urlaub“, erklärte Erin. „Wenn Mia in Urlaub fahren kann, können wir das doch auch. Ich sage meinen Eltern einfach, dass du mich zu einem Überraschungsurlaub eingeladen hast. Ich habe keine Ahnung, wohin die Reise gehen wird, nur dass wir in drei Wochen wieder zurück sind.“

„Und wenn deine Eltern nicht einwilligen?“

„Dann fahren wir trotzdem“, entgegnete Erin fest. „Anschließend können sie mir von mir aus für den ganzen Sommer Hausarrest aufbrummen oder das Taschengeld streichen oder was weiß ich.“ Mit einem Ruck zog sie den Reißverschluss ihrer Tasche zu. „Fertig.“

„Gut, dann solltest du jetzt am besten deine Eltern anrufen.“

Erin atmete tief durch und holte ihr Handy hervor. Als ihre Mutter endlich ans Telefon ging, klopfte ihr das Herz bis zum Hals. „Hallo, Mama.“

„Hallo, Schatz, alles in Ordnung? Du klingst so außer Atem.“

„Alles bestens! Sogar mehr als das!“ Erin bemühte sich, Mias begeisterten Tonfall nachzuahmen. „Du glaubst nicht, was Daniel getan hat!“, rief sie atemlos.

„Was denn?“

„Er hat eine Überraschungsreise für uns geplant, damit wir uns von dem ganzen Abi-Stress erholen können.“

„Und wohin soll’s gehen?“, fragte die Mutter skeptisch nach.

„Das ist ja das Tolle! Ich weiß es nicht“, erwiderte Erin. „Er sagte nur, dass wir drei ganze Wochen weg sein werden. Ist das nicht unglaublich?“

„Ja, sicher“, erwiderte ihre Mutter nicht ganz überzeugt. „Ich würde dennoch gern ein paar Details haben. Ist Daniel bei dir?“

„Ja.“

„Dann gib ihn mir doch bitte.“

Wortlos reichte Erin das Handy an ihren Freund weiter.

„Wann geht es los?“, fragte Erins Mutter ihn ohne Umschweife.

„Morgen früh.“

„Ist die Reise schon gebucht?“

„Nicht ganz. Wir wollen sie eher spontan gestalten.“

„Ihr bleibt also nicht an einem Ort?“

„Vermutlich nicht.“

„Habt ihr genug Geld? Ich will nicht, dass ihr zwischendurch keine Bleibe habt, nur weil euch das Geld ausgegangen ist, oder dass ihr irgendwo feststeckt und nicht mehr wegkommt.“

„Sie können mir vertrauen, das wissen Sie doch“, sagte er so überzeugend wie möglich. „Ich habe mir alles genau überlegt. Und ich werde gut auf Erin aufpassen.“

„Werdet ihr wenigstens in Europa bleiben?“

„Aber sicher. Es soll eine Art Städte- und Kulturreise werden. Und wir werden bestimmt nichts Gefährlicheres als ein paar Wanderungen in der Natur unternehmen.“

„Also gut“, gab die Mutter sich geschlagen. „Verbieten kann ich es euch ja ohnehin nicht, da kann ich auch viel Spaß wünschen.“

„Danke.“

„Und jetzt gib mir bitte Erin noch einmal.

„Hallo, Mama.“

„Erin, Schatz, versprich mir, dass du aufpassen wirst.“

„Mache ich.“

„Und ich will, dass du dich jeden Tag bei uns meldest.“

„Aber Ma, ich weiß doch nicht, wo ich sein werde und was dort gerade ansteht.“

„Wo auch immer du bist, du wirst doch bestimmt eine Minute Zeit finden, deinen Eltern eine kurze SMS zu schicken.“

„Vielleicht gibt es dort keinen Empfang.“

„Solange du durch europäische Städte tourst, dürfte das kein Problem sein“, erwiderte ihre Mutter bestimmt.

„Ja, Mama.“

„Und pack dir genug warme Sachen ein. Das Wetter kann ganz schnell umschlagen.“

„Ja, Mama“, wiederholte Erin leicht genervt.

„Schon gut, ich weiß, du bist alt genug, um deinen Koffer allein zu packen“, sagte sie und ein Lächeln klang in ihrer Stimme mit. „Viel Spaß, Kleines, und sei vorsichtig.“

„Danke. Ich melde mich dann morgen Abend.“

„Das will ich auch hoffen. Ich hab dich lieb.“

„Ich dich auch.“ Erin legte auf. „Das wäre also geklärt.“ Dann sah sie Daniel neugierig an. „Woher weißt du, dass das Amulett in Europa ist?“

„Weiß ich nicht“, gab er schulterzuckend zu.

„Aber du hast doch gesagt …“

„Sie hätte dich sonst nicht gehen lassen. Außerdem werden wir die EU ohnehin nicht so einfach verlassen können. Oder hast du etwa deinen Reisepass in der Tasche?“

„Den habe ich tatsächlich!“ Triumphierend zog Erin ihn aus einem Seitenfach hervor.

„Ich meinen aber nicht“, erwiderte Daniel. „Er liegt sicher verwahrt irgendwo in Melissas Büro. Ich kann froh sein, wenn meine Kreditkarte noch funktioniert.“

„Keine Angst. Ich habe auch noch etwas Geld auf dem Konto. Und wenn es hart auf hart kommt, soll Erhard uns gefälligst helfen. Immerhin ist er ja auch daran interessiert, dass wir das Amulett finden.“

„Komm her, meine Kämpferin“, sagte Daniel mit einem Blick, in dem sich Bewunderung und Zärtlichkeit mischten.

„Erin, Daniel! Ich bin wieder da!“, tönte in diesem Augenblick Lisas Stimme durch das Haus.

Widerstrebend löste Erin sich aus seiner Umarmung. „Ich gehe ihr eben auch noch Bescheid sagen und dann sollten wir uns wohl schlafen legen. Morgen wird schon wieder ein harter Tag.“

 

Erin wachte auf, weil Daniel sich neben ihr unruhig herumwälzte. Sie richtete sich auf dem Ellbogen auf und sah ihm besorgt ins Gesicht. Seine Augenbrauen waren zusammengezogen und sein Gesicht schmerzhaft verkrampft. Sanft legte sie ihm eine Hand auf die Stirn und spürte, wie er sich bei ihrer Berührung entspannte. Nicht zum ersten Mal wünschte sie sich, seine Gefühle wieder spüren zu können. Sie hätte nicht gedacht, dass ihr das warme Glühen seiner Emotionen so fehlen würde. Außerdem wollte sie wissen, wie es ihm ging, auch wenn er sie gebeten hatte, ihn nicht danach zu fragen. Es fiel ihr unsagbar schwer, diesen Wunsch zu respektieren. Sie brauchte einfach die Gewissheit, dass sie noch Zeit hatten, wenn sie den Mut nicht verlieren wollte. Allein der Gedanke, dass Daniel mit jeder Minute, die verstrich, dem Tod näherkam, brachte sie zur Verzweiflung.

Erin schaute auf ihre Armbanduhr. 6:05 Uhr. Auch wenn sie ihm gern noch etwas Schlaf gegönnt hätte, sollten sie keine Zeit mehr verlieren. Außerdem schienen seine Träume ohnehin nicht besonders entspannend oder erholsam zu sein. Sie wagte es sich nicht einmal vorzustellen, was der Fluch in seinem Kopf anstellen mochte.

Sie beugte sich zu ihm hinunter und berührte zärtlich seine Lippen mit den ihren. „Aufwachen“, flüsterte sie ihm zu.

Es dauerte einen Moment, bis Daniel seine Lider öffnete, und auch dann schien er im ersten Augenblick nicht zu wissen, wo er war. Doch dann fokussierte sich sein Blick endlich auf Erins Gesicht und er lächelte leicht. „Guten Morgen“, flüsterte er. „Hast du gut geschlafen?“

„Ja.“ Sie nickte. „Und was ist mit dir? Hast du schlecht geträumt?“

Er zuckte mit den Schultern. „Ich weiß nicht, ich kann mich nicht erinnern. Wieso?“

„Du hast gerade nicht eben entspannt ausgesehen.“ Sie schaute ihn prüfend an, doch er sagte nichts weiter. Erin holte tief Luft. „Ich werde dich nicht fragen, wie es dir geht“, sagte sie schließlich. „Weil du mich darum gebeten hast. Aber ich mache mir Sorgen und vielleicht wäre es okay für dich, mir einfach jeden Morgen zu sagen, ob es dir besser oder schlechter geht. Nur damit ich Bescheid weiß, verstehst du?“

Daniel zögerte, dann nickte er schließlich widerstrebend. „Es ist schwer zu sagen. Ich scheine mich an die Kopfschmerzen gewöhnt zu haben. Sie machen mir heute nicht mehr so viel aus. Ich fühl mich gut, ehrlich“, fügte er hinzu, als er ihren zweifelnden Blick bemerkte.

Erin nickte. Zu gern hätte sie gewusst, ob es der Wahrheit entsprach oder ob er einfach nur ihr zuliebe den Tapferen spielen wollte.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Salomons Fluch (Liebe I Mystery)" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen