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Sally

Über die Autorin

Elke Päsler wurde 1971 in Neunkirchen in Niederösterreich geboren. Vor und während ihrer ersten Ehe arbeitete sie im Gesundheitsbereich, als Schneiderin und im Vertrieb von Kosmetikprodukten.

Elke Päsler

Sally

Ich verkaufte mich für meine Familie

BASTEI ENTERTAINMENT

Träume nicht dein Leben,

lebe deine Träume,

glaube an deine Kraft

und an die Liebe.

Dieser Satz begleitet mich mein ganzes Leben.

Ich habe gelernt, darauf zu hören und ihn zur

Entscheidungsfindung heranzuziehen.

»Sally«

MANIFEST

Die Emanzipation ist gescheitert. Das hat uns die Wirtschaftskrise gezeigt. Bis zu ihrem Beginn ist uns Frauen der Versuch, die besseren Männer zu sein, noch scheinbar geglückt. Wir haben gearbeitet, die Kinder erzogen, die Familienwerte gepflegt, den Haushalt geführt, für Gleichberechtigung gekämpft und ein schlechtes Gewissen gehabt, wenn wir uns zwischendurch eine Stunde Zeit für die Kosmetikerin genommen haben. Den ungeheuren Druck, unter dem viele von uns schon damals gestanden sind, haben die Emanzen der ersten Stunde wohl kaum eingeplant.

Ihrem Kampfruf folgend sind wir wie Männer gegen Männer angetreten, ohne als Kopie gegen das Original je eine Chance gehabt zu haben. Wir haben dabei ganz übersehen, dass wir nicht nur uns selbst der Weiblichkeit berauben, sondern die ganze Gesellschaft. Der in den vergangenen Jahren entstandene riesige Markt für Zärtlichkeit und Nähe ist symptomatisch dafür. Tausende Prostituierte haben sich erfolgreich auf seelische und körperliche Streicheleinheiten spezialisiert, während wir noch immer glauben, dass Männer nur harten Sex und Abwechslung suchen. Vor allem aber hat unsere eigene Absage an die weiblichen Werte die Gesellschaft bröckeln lassen und die Wirtschaftskrise mitverursacht.

Durch diese Krise wurde die Last für viele von uns dann endgültig zu schwer. Denn verloren unsere Männer ihre Jobs, schlüpften wir auch noch in die Rolle der Alleinverdienerinnen. Die Männer haben das für selbstverständlich gehalten, weil wir bisher nie Schwächen gezeigt haben. Für die Frauen, die in den guten Jahren in elitären Zirkeln über die Emanzipation philosophiert haben, funktioniert das vielleicht noch. In ihren gehobenen Positionen bringen sie ihre Familien zur Not auch dann allein durch, wenn sie deutlich weniger verdienen als gleichgestellte männliche Kollegen. Voll auf den Kopf gefallen dagegen ist die Emanzipation den Frauen der mittleren und unteren Einkommensschichten. Jene, deren Männer davor monatlich zwei- oder dreitausend Euro heimgebracht haben und die ihre Familien nun mit Tausend-Euro-Jobs ernähren müssen. Für sie kann die Rechnung auch mit der perfektesten Selbstausbeutung nicht mehr stimmen.

Während sich Emanzipationsikonen wie Alice Schwarzer um Luxusprobleme wie die Liebschaften eines durchgeknallten TV-Wetterfrosches gekümmert, zu jedem Lifestyle-Problem ihren Senf abgegeben und eitel ihre Bücher verkauft haben, sind wir vor die Hunde gegangen. Uns hat niemand geholfen. Selber schuld, wenn das Haus auf Pump gekauft und der Fremdwährungskredit nach hinten losgegangen ist. Selber schuld, wenn sich die Leasingverträge für das Auto und den Zweitwagen nicht kündigen lassen. Selber schuld, wenn du einen Versager geheiratet hast, der bei der ersten Jobkrise aufgibt und vor dem Fernseher verkommt. Wir haben niemanden gebraucht, der uns diese Dinge an den Kopf wirft. Wir haben uns ganz automatisch zuerst die Pflicht und dann die Schuld selbst zugewiesen, bis die Schmerzgrenze überschritten war.

Für Männer habe ich eine Nachricht: Die Zärtlichkeit, die ihr jetzt bei Erotikmasseusen findet, bieten vielleicht auch eure eigenen Frauen an. Bloß nicht euch, sondern anderen Männern – Freiern, von denen sie sich dafür bezahlen lassen. Manche arbeiten professionell in Stundenhotels oder anderen diskreten Absteigen. Andere bewegen sich in der Grauzone zwischen Prostitution und Affäre und halten notgedrungen dort die Hand auf. Wenn ihr das nächste Mal durch die Vorstädte spaziert, dann seht euch die hübschen Dalien, die frisch gestrichenen Zäune und die Schultaschen der Kinder an. Viele von den Blumenzwiebeln, ein Teil des Lackes und einige Jausenbrote in den Taschen wurden bestimmt durch illegale Prostitution bezahlt, die nicht einmal in den Dunkelziffern der Kriminalpolizei aufscheint.

Wir Frauen müssen endlich den Mut haben, uns in ein Sofa fallen zu lassen und zu sagen: So wie bisher geht es nicht weiter. Die Welt wird komplexer und dichter und lässt keinen Raum mehr für Kampfkonzepte, die irgendwann auf dem gesellschaftspolitischen Reißbrett entstanden sind und dem natürlichen Zusammenspiel von Mann und Frau im Weg stehen. Es ist Zeit für eine postemanzipatorische Bewegung, in der sich Mann und Frau wieder an der Hand nehmen, um auf gleicher Augenhöhe gemeinsam in die Zukunft zu blicken. Wir brauchen eine Bewegung, die männlichen und weiblichen Werten wieder den gleichen Rang einräumt. Eine Lehrerin, in deren Hand das wichtigste Gut der Gesellschaft, die Kinder, liegt, muss mindestens ebenso gewürdigt und honoriert werden wie etwa ein Informatiker, der sich mit Steuerungssystemen von Kraftwerken befasst. Auf dieser Basis können dann Politiker, Wirtschaftsstrategen und Sozialexperten ihre Maßnahmenpakete schnüren. Ihre derzeitigen Konjunkturprogramme verschieben die Lasten nur noch weiter zu den Frauen und werden deshalb die Wirtschaftskrise mittelfristig nur vertiefen. Eine Reform der Einkommenssteuer etwa bringt vor allem den Männern etwas, und mitfinanziert wird sie dann womöglich auch noch durch Kürzungen bei den Kinderbetreuungsplätzen.

Männer erhalten die Gesellschaft, Frauen stützen sie. Das eine funktioniert nicht ohne das andere und beides ist gleich viel wert. Männer und Frauen müssen vergessen, was war, und sich neu ineinander verlieben. Nur so kann die Welt gesunden.

Elke Päsler, Januar 2011

Erster Teil

MARILYN MONROE

DIENSTAG, 26. MAI 2009, 15 UHR. Ich trug ein Marilyn-Monroe-Kleid mit rotem Neckholder-Top und weißem Rock. Da ich zehn Minuten zu früh da war, kaufte ich mir in einer Eisdiele in der Nähe des Donauzentrums noch eine Portion Erdbeer-Vanille im Becher. Das passte farblich zu meiner Aufmachung. Es war heiß, und ich hätte im letzten Moment lieber doch noch etwas Leichteres angezogen, aber wir hatten uns Marilyn Monroe als Erkennungszeichen ausgemacht.

Ich schlenderte zur Rolltreppe des großen Einkaufszentrums und fuhr hinauf in den ersten Stock. Ich hatte ein bisschen Lampenfieber, denn der Termin war ungewöhnlich. Der Bursche, der seiner Telefonstimme nach zu schließen höchstens dreißig sein konnte, hatte mir seine Spezialwünsche offen genannt. Prinzipiell fand ich das nur fair. So konnte ich rechtzeitig ablehnen oder mich, wie in diesem Fall, genau auf seine Wünsche einstellen.

Am Ende der Rolltreppe ging ich geradeaus weiter und landete, genau wie er es mir beschrieben hatte, in einer Kleiderbauer-Filiale. Mit erhobenem Haupt betrat ich den Modeladen und grüßte freundlich. Während ich mich über einen Drehständer mit verbilligten Tops hermachte, checkte ich möglichst unauffällig die Umgebung, um rechtzeitig vor einer übereifrigen Verkäuferin flüchten zu können. Da sprach er mich aus dem toten Winkel links hinter mir an.

»Bist du Sally?«

Im Alter hatte ich mich nicht verschätzt. Er musste so um die fünfundzwanzig sein, war groß und etwas mopsig. Trotz meiner eigenen sehr zierlichen Gestalt fragte ich mich, wie wir beide in eine Umkleidekabine passen sollten. Und zwar so, dass die Verkäuferinnen keine Beulen am Vorhang sehen konnten.

In der Kabine war es noch stickiger und enger, als ich erwartet hatte. Ein Spiegel, ein Hocker und spärliches Neonlicht. Er roch ein bisschen verschwitzt, was zweifellos an den hochsommerlichen Außentemperaturen lag. Auch ich schwitzte unter meinem Rock. Lange nachdenken konnte ich über das, was ich hier tat, aber nicht. Denn so viel war klar: Wir hatten keine Zeit zu verlieren.

Während er sich mit dem Rücken an den Spiegel lehnte und ich vor ihm auf die Knie rutschte, nestelte er neben den vereinbarten hundertdreißig Euro sein Smartphone aus der Hosentasche. Auch das hatten wir vereinbart. Er wollte Fotos von uns machen. Für mich wäre es zwar ein Alptraum gewesen, wenn ein Bild von mir beim professionellen Oralverkehr kursiert wäre, doch bei den Positionen, die eine Umkleidekabine zwei Menschen mit unseren Absichten ermöglichte, konnte er mich ohnedies nur von oben ablichten. Die Fotos würden bestenfalls meinen Scheitel und meine Hände zeigen.

Ich öffnete seine Hose und machte mich ans Werk. Er hatte eine ziemlich große Rute, die schon hart war, als ich seinen Reißverschluss berührte. In Sekundenbruchteilen streifte ich ihm das hellrosa Kondom über. Die Verpackung hatte ich wohlweislich bereits auf der Rolltreppe aufgerissen. Die Sache ging völlig geräuschlos über die Bühne und das Einzige, was sich dabei bewegte, waren mein Kopf und sein Finger auf dem Auslöser der Handykamera.

Vier Minuten später war alles vorbei. Er hatte ein Papiertaschentuch eingesteckt, mit dem er sich kurz abwischte und in das er das Kondom knüllte. Wenige Augenblicke später verließen wir die Kabine, als wäre nichts gewesen. Wie mit Scheuklappen ging ich schnellen Schrittes durch den Laden.

»Auf Wiedersehen«, flötete ich in den Verkaufsraum.

Als ich mich draußen von dem Mann verabschieden wollte, war er schon weg. Ich sah mich nicht nach ihm um. Nur die hundertdreißig Euro in meiner Tasche und die Handyfotos, die ich niemals sehen würde, erinnerten noch an das, was eben geschehen war.

1

FRÜHLING 2008. Die Dreizehn war unsere Glückszahl. Mein Mann war das dreizehnte Kind seiner Familie, unsere erste Wohnung hatte die Türnummer dreizehn, wir heirateten am dreizehnten Juli, einem perfekten wolkenlosen Tag und unser erstes Kind, unsere Tochter, wurde genau ein Jahr später, ebenfalls am dreizehnten Juli, auf den Namen »Anke« getauft.

Die Dreizehn brachte mir genau das Glück, das ich mir während meiner von beschwerlichen Krankheiten begleiteten Kindheit und Jugend immer erträumt hatte: einen Mann, der mich auf Händen trug, zwei süße Kinder, einen Hund und ein hübsches Haus mit Carports für zwei Autos – eines für das meines Mannes und eines für mein eigenes.

Das Haus hatten wir nach meinen Plänen in meinem Heimatstädtchen in Niederösterreich gebaut. Es sah aus wie eine Pyramide, hatte einen quadratischen Grundriss und ein zur Mitte hin spitz zulaufendes Dach. Drinnen duftete es immer ein wenig nach Tannenholz. Dieses Haus war mein Schloss und meine Höhle, in der ich mich verkriechen konnte. Es bedeutete Luxus für mich und Unabhängigkeit.

Im Garten setzte ich jede Knolle selbst und auch das Unkraut zupfte ich mit Hingabe. Im Frühling blühten die Beete prachtvoll in allen Farben. Wenn ich durchs Dorf ging, nickten mir die Menschen zu. Meine Familie war in dem kleinen niederösterreichischen Ort bekannt, seit sich mein Großvater hier als Zahnarzt einen Namen gemacht hatte.

Es war die Sehnsucht nach der Idylle mit Kuschelhund, Schwimmbecken und Sonnenschein, die mich dazu bewogen hatte, Mario zu heiraten. Er war liebevoll und aufmerksam und bewies in unserem schlichten Holzbett Naturtalent. An dem Tag, an dem ich erfuhr, dass ich schwanger war, quoll ich über vor Glück. Ich hatte kaum darauf zu hoffen gewagt, weil ich wegen meiner Krankheiten viele Jahre lang starke Medikamente nehmen hatte müssen. Eigentlich war ich felsenfest davon überzeugt gewesen, unfruchtbar zu sein. Und so war Anke völlig unerwartet in unserem Leben aufgetaucht, einem Leben, das schon davor nahezu perfekt gewesen war. Weil die Sommer immer heißer wurden und der Weg ins Freibad für eine berufstätige Mutter anstrengend war, ließen wir nachträglich sogar einen Swimmingpool in unseren Garten bauen.

Mario und ich galten als hübsches und bald auch als erfolgreiches Paar. Wir waren wohl eines von den Paaren, über die Priester bei Hochzeiten so gerne predigen. Wir waren ein Team, das an einem Strang zog. Wir brauchten keine Worte, denn jeder von uns wusste, worauf es dem anderen ankam.

Es gab keinen Moment, in dem ich meine Entscheidung für diese Art von Leben bereute. All die Gefahren, die wie Damoklesschwerter über Ehen schweben, gab es für uns nicht. Unsere Gefühle füreinander stumpften weder ab, noch hielt die Langeweile Einzug. Das Gegenteil war der Fall. Ich fragte mich, warum so viele Menschen nicht begreifen, dass Sex gar nicht besser sein kann als in einer legalisierten, fixen Beziehung. Ist man frisch verliebt, dominieren Nervosität und die Angst, zu enttäuschen. Bei einem One-Night-Stand ist man sich zu fremd. In unserer Beziehung war körperliche Liebe von Anfang an eine wichtige Komponente.

Als ich Mario in einem Fitnesscenter zum ersten Mal sah, war das kein besonders romantischer Moment. Ich war gerade zweiundzwanzig Jahre alt und trainierte still und konzentriert an der Crunch-Maschine meine mittleren Bauchmuskeln, als ich zufällig Zeugin einer Unterhaltung zwischen ein paar Halbstarken wurde. Sie redeten über Abführmittel. Die waren ein durchaus alltägliches Gesprächsthema in diesem Fitnesscenter, schließlich wollte hier jeder schlank sein. »Diäten sind die absolute Qual«, blaffte einer der Burschen. »Schon einmal Trockenfeigen probiert? Die putzen ordentlich durch und es geht superschnell!« Ein anderer empfahl Weizenkleie auf nüchternen Magen und meinte, das Zeug würde »so richtig einfahren«. Die anderen lachten ihn aus, nannten Weizenkleie »Großmutters Rezept« und fanden ein bestimmtes Medikament gut: »Total geiles Mittel. Da bist du voll dabei.«

Ich wollte nur in Ruhe trainieren. Quatschen und dabei tatenlos an den Geräten herumhängen, war nicht mein Stil. Doch an diesem besonderen Tag mischte ich mich aus irgendeinem Grund ganz gegen meine sonstigen Gewohnheiten in das Gespräch ein. Ich sagte den Jungs etwas herablassend, was wirklich Sache war. Schließlich hatte ich in einem Krankenhaus in Wien als Krankenpflegerin und später auch als Altenpflegerin gearbeitet und deshalb einiges zu diesem Thema beizutragen. »Solche Tabletten entwässern nur und bringen die Darmflora total durcheinander«, erklärte ich also. Die Unwissenheit der Männer regte mich richtig auf. »Feigen sind nicht schlecht, aber sehr zuckerhaltig. Die treiben den Insulinspiegel hoch. Magnesiumpulver ist viel effektiver. Am besten nehmt ihr es morgens auf nüchternen Magen. Und eben Weizenkleie, die wirkt auch.«

Eine heftige Diskussion entstand, drei Männer gegen eine Frau. Bald verließen zwei der Männer den Raum. Das Gespräch war ihnen in Ermanglung guter Argumente wohl zu mühselig geworden. Nur einer hielt die Stellung und lud mich hinterher auf ein Mineralwasser ein. So begann meine Beziehung zu Mario, und ich hätte mir damals nie träumen lassen, dass dieser junge Mann, ein gelernter Masseur, der als Türsteher jobbte, mein Ehemann werden würde.

Als er mir später den Hof machte, war ich zunächst alles andere als begeistert. Ich fand es anstrengend, wie er jede nur erdenkliche Ausrede benützte, um mich an der Haustür abzupassen und mich mit Anrufen zu bombardieren. Anfangs dachte ich, dass er früher oder später schon aufgeben würde. Doch dann fielen mir die Worte einer alten Dame ein, deren Pflegerin ich einmal gewesen war. »Weißt du, Mädchen«, hatte sie gesagt, ohne dass es irgendeinen Anlass dafür gegeben hätte, »ein Mann muss dich immer mehr lieben als du ihn. Dann kannst du alles von ihm haben und er wird auch deine Kinder gut behandeln.« In Gedanken hatte ich der Frau, deren nackten, alternden Körper ich gerade gereinigt und eingecremt hatte, Recht gegeben. Selbst zu sehr zu lieben konnte wehtun. Die Angst vor dem Verlust des Menschen, dem man so viel von sich schenkte, war immer zu groß. Diese Art von Liebe war wohl kaum die richtige Basis für eine gesunde Ehe. Jedenfalls nicht für mich.

Mario hatte noch einen Vorteil. Er sah toll aus. Er war ein Bild von einem Mann, ein Typ wie Barbies Ken, der perfekte Protagonist für den Traum vom bürgerlichen Familienglück. Ganz allmählich wuchs in mir der Wunsch, seine Frau zu sein, seine Kinder großzuziehen, hinter ihm zu stehen und bei ihm zu sein. Ich fühlte mich stark, stark genug, um dafür zu sorgen, dass alles gut gehen würde. Ich würde mein Traumhaus mit ihm bauen, es immer schön aufräumen, die Kinder sauber halten und sie erziehen. Genau das tat ich dann auch.

Natürlich hatte Mario auch Schwächen. Zwar sah er aus wie Ken, sein Wesen jedoch entsprach weniger den klassischen Mädchenfantasien. Er war absolut unangepasst, ungebildet und flegelhaft. Dafür griff er mir schon kurz nach unserem Kennenlernen bei praktischen Dingen wie dem Einrichten meiner Wohnung unter die Arme. Er half mir so lange, bis eines Tages eine Socke von ihm in meinem Kleiderschrank und er selbst eine ganze Nacht bei mir im Bett liegen blieb.

Meine eigene Mutter hatte mir vorgelebt, dass hinter jedem erfolgreichen Mann eine starke Frau steht. Mein Vater hatte die Familie erhalten, doch die Hosen hatte meine Mutter angehabt. Sie hielt ihm den Rücken frei und widmete sich unserer Erziehung. An den Wochenenden machte mich meine Mutter für unsere gemeinsamen Familienausflüge im Dorf zurecht. Meine Strümpfe blitzten schneeweiß unter dem frisch gebügelten Rock hervor, wenn mich mein Vater, dessen ganzer Stolz ich war, durch die Luft wirbelte. Schon damals begriff ich, dass es meine Mutter war, die für den Glanz in seinem Leben sorgte und ihm damit die Kraft gab, die er für seine Rolle in der Familie brauchte.

Auch die Schattenseiten der Ehe meiner Eltern entgingen mir nicht. Meine Mutter war all die Jahre allein mit uns Kindern. Mein Vater wiederum war aus dem Familienalltag ausgegrenzt und immer wieder gab es Streit. Als junges Mädchen überlegte ich deshalb hin und wieder, was es mit der Liebe nun tatsächlich auf sich hatte. Doch immerhin war meine Mutter erfolgreicher als viele andere Frauen. Ihre Ehe, für die sie alles tat, hielt den Jahren stand.

Es kam der Tag, an dem ich tausend Argumente dafür gefunden hatte, warum ausgerechnet Mario der Richtige für eine funktionierende Ehe nach dem Vorbild meiner Eltern war. Er liebte mich mehr als ich ihn und er war attraktiv. Im Bett lief es gut, und obwohl er weder gebildet noch eloquent war, legte er eine gewisse Intelligenz an den Tag. Das war die wichtigste Voraussetzung, um die fehlenden Tugenden noch zu erlernen. Ich wollte ihn dabei unterstützen.

Nach einem Jahr Vorbereitungszeit feierten wir eine Traumhochzeit in dem in der Nähe meines Heimatortes gelegenen Schloss Gloggnitz. Ich heiratete in einem weißen Kleid mit Schleier, das ich in einem sündteuren Brautmodengeschäft gekauft hatte. Hundert Gäste kamen. Die Tischdekoration hatte die gleiche Farbe wie die Blumenkränze der Brautjungfern. Ich werde nie vergessen, wie mein Vater Mario an den Schultern packte, so wie ein erfahrener Mann einen jungen Kerl packt. »Mach mir keine Schande«, sagte er freundlich. Wie es sich für einen zukünftigen Schwiegervater gehört, hatte sein Tonfall dabei auch etwas Bedrohliches.

Mario arbeitete zunächst als Fahrer für eine örtliche Spenglerei und Dachdeckerei. Mir war das recht. Es fehlte uns an nichts. Wir wohnten noch in einer kleinen Wohnung und waren beide fleißig. Wir lebten genau so, wie ich es aus meiner Familie kannte. Mario war tagsüber weg und ich passte auf Anke auf. Als mir das nach einiger Zeit zu langweilig wurde, beschloss ich, meinen Interessen nachzugehen. Um mehr über die Gedanken und Emotionen von Kindern zu erfahren, inskribierte ich an der Wiener Universität Psychologie. Nach dem Mutterschutz ging ich bald wieder als Pflegerin arbeiten. Niemand sollte mir nachsagen können, ich sei faul.

Meine Wünsche erfüllten sich, und zwar einer nach dem anderen. Unser zweites Kind, einen gesunden Jungen, nannten wir Georg. Wir nahmen uns einen Hund. Bobby war ein kuscheliger Mix aus Golden Retriever und Windhund. Meine Pläne für Mario gingen auf. Ich ermutigte ihn, mehr aus sich zu machen, und es funktionierte. Zuerst ließ er sich zum Versicherungsmakler ausbilden. Er besaß die beeindruckende Fähigkeit, Dinge, die er nur ein einziges Mal gelesen hatte, zu behalten. »Du hast mehr drauf«, flüsterte ich ihm ins Ohr. Wenn er an sich zweifelte, sagte ich: »Du wirst es allen zeigen.«

Bald war er »staatlich geprüfter Vermögensberater«. Jetzt konnte er seinen Kunden nicht nur Haushalts- und Autoversicherungen vermitteln, sondern er machte auch Geschäfte mit Fremdwährungskrediten, Fondsprodukten und Lebensversicherungen. Sein erster großer Kunde hieß Riethmüller. Er unterschrieb eine Kreditvereinbarung, für die Mario fast achttausend Euro Provision kassierte.

Das Glück war auf unserer Seite, denn die Zeiten für Finanzberater waren gut. Die Wirtschaft blühte, die Börsen boomten, die Menschen fühlten sich sicher und wollten ihr Geld am Finanzmarkt vermehren, den sie alle nicht so richtig verstanden. Ich gab den Job als Pflegerin auf und fing an, für Privatkunden zu schneidern. Das ließ sich gut mit meinen hausfraulichen Pflichten vereinbaren. In meinem Atelier im Erdgeschoß unseres Hauses nahm ich Aufträge der örtlichen Kundschaft an, Änderungen, Reparaturen und die eine oder andere Maßanfertigung. Viel Geld brachte das nicht ein, aber Mario hätte sowieso genug für die ganze Familie verdient. Doch mir machte meine Arbeit Spaß, und es fehlte uns auch nie an Ideen, wie wir das zusätzliche Geld wieder ausgeben konnten. Ich wünschte mir zum Beispiel einen Wintergarten und Mario wollte uns mit Sonnenenergie vom öffentlichen Stromnetz unabhängig machen.

Manchmal musste ich auch Kompromisse schließen. So entwuchs Mario zwar beruflich seiner Vergangenheit, aber während seine neuen Kollegen in der Finanzdienstleistungsbranche, Ernst und Christian, nur Kollegen blieben, wurde ihm seine alte Clique noch wichtiger. Ausgerechnet dem Kumpel, den ich am wenigsten leiden konnte, war er besonders zugetan. Er hieß Heinz und repräsentierte alles, was ohne meinen Einfluss vielleicht auch aus Mario geworden wäre. Ich wusste nie genau, womit Heinz sein Geld verdiente und wollte es auch lieber nicht wissen. Er hatte nichts aus sich gemacht, riskierte aber immer eine dicke Lippe und zeigte sich mit zwielichtigen Damen. Unser Deal bestand darin, dass ich Mario wöchentlich einen Männerabend zugestand. Männer brauchen das. Die anderen Abende zelebrierten wir im Kreise der Familie. Darauf war ich unendlich stolz.

Ich fand Kompromisse in Ordnung, denn ich wollte weder eine Patchworkfamilie noch als alleinerziehende Mutter zwei Kinder mit einem Sonntagsvater großziehen. Emanzipation, wie manche Frauen sie predigen, war auch nichts für mich. Ich habe zwar nicht prinzipiell etwas dagegen, aber ich frage mich, was dieser Lebensentwurf eigentlich bringen soll. Er eröffnet neue Möglichkeiten, gut, aber die Frauen, die diese Möglichkeiten nützen, werden selten glücklich. Letztlich verlangt so ein Leben uns Frauen einen täglichen Spagat zwischen Job und Familie ab. Viele warten dann mit dem Kinderkriegen so lange, bis es zu spät ist. Für mich bestand Selbstverwirklichung immer in genau meiner Art, zu leben. Ich liebte es, für die ganze Familie zu kochen. Im Sommer aßen wir manchmal draußen im Garten und als McDonald’s in unserer Nähe eine neue Filiale aufmachte, fuhren wir an Sonntagen manchmal mit den Kindern hin. Meine Ehe war mir heilig und ich war meinem Mann treu. Das hatte ich mit Gott so vereinbart. Mit meinem Gott, der mich niemals nach den Kriterien des Zeitgeistes bewertete, für mich da war und immer auf mich aufgepasst hatte, auch damals, als ich als Kind krank gewesen war.

Wir schrieben das Jahr 2008, und wenn die Zeitungen über das Ende der Ehe als Institution, den Zerfall der bürgerlichen Mittelschicht oder das Ende der guten Jahre für die Wirtschaft unkten, dann ging uns das nichts an. Wir waren als Familie sicher und abgeschirmt von dieser Welt, in der so vieles schieflief. Wenn seit einiger Zeit Vokabeln wie Finanzmarktkrise fielen, fühlten wir uns nicht angesprochen. Amerika war so weit weg. Die Alarmglocken mochten an der New Yorker Wall Street klingeln, bei uns daheim läuteten friedlich die Kirchenglocken. Die deutschen Landesbanken waren wegen Fehlspekulationen am US-Immobilienmarkt in die Krise geraten – na und? Während in England besorgte Kunden Bankschalter stürmten, um ihr Geld zu sichern, fühlten wir uns in unserer Idylle sicher. Die Probleme da draußen, das waren Probleme von Menschen, die vielleicht zu viel vom Leben wollten und das Glück im Kleinen übersahen. Wir kümmerten uns nicht darum. Aber vermutlich hätten wir es tun sollen. Ich zumindest.

HÄNDEDRUCK

DIENSTAG, 20. OKTOBER 2009, 12:30 UHR. Wir trafen uns in einem Luxushotel. Er hatte mich über den Hostessen-Index kontaktiert, wir hatten per E-Mail eine erotische Massage vereinbart und er hatte mir einen Link mit den genauen Koordinaten samt Wegbeschreibung geschickt. Disziplin und Kontrolle waren die Worte, die mir sofort einfielen, als mir der Mann im grauen Mantel zur Begrüßung die Hand entgegenstreckte.

»Werner Weber, guten Tag«, stellte er sich förmlich vor, als wäre ich seine Steuerberaterin. Dabei sah er durch mich hindurch.

Ich nahm seine Hand und lächelte. Es war das erste Mal, dass ein Freier seinen vollen Namen nannte. Weber hatte eine schmale Nase und alles an dem Mann war aufrecht und gerade. Seine Haltung war stolz, sein Anzug saß korrekt, seine Figur war makellos, die Haare trug er streng zurückgekämmt und seine Nägel waren kurz und sauber. Er wirkte auf eine adrette Weise nett und machte auf mich den Eindruck, als hätte er sein bisheriges Leben einzig mit Büchern geteilt.

Er war schon vor mir im Hotel gewesen und nach dem Händedruck fuhren wir schweigend mit dem Lift in den zweiten Stock. Mit einer Magnetkarte öffnete er das Zimmer 215. Drinnen zog er sich sofort aus, legte, ohne mich ein einziges Mal anzusehen, seine Sachen ordentlich auf einen Stuhl und ...

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