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Saigon Berlin

Inhalt

  1. Cover
  2. Über den Autor
  3. Titel
  4. Impressum
  5. PROLOG
  6. ERSTES KAPITEL
  7. ZWEITES KAPITEL
  8. DRITTES KAPITEL
  9. VIERTES KAPITEL
  10. FÜNFTES KAPITEL
  11. SECHSTES KAPITEL
  12. SIEBTES KAPITEL
  13. ACHTES KAPITEL
  14. NEUNTES KAPITEL
  15. EPILOG
  16. Danksagung

Über den Autor

Hef Buthe, geboren 1946, war Kriegsreporter in Vietnam, Nicaragua und dem Nahen Osten. Später gründete er eine erfolgreiche Beraterfirma in Hongkong. Heute wohnt er wieder in Deutschland und widmet sich dem Schreiben von Thrillern. Besuchen Sie den Autor auf seiner Webseite www.hef-buthe.de

PROLOG

Ich bin eins fünfundachtzig groß. Volles Haar da, wo es hingehört. Auch im Gesicht. Beruf: Journalist. Übergewichtig, geschieden nach deutschem Recht. Und dennoch verheiratet nach buddhistischem Glauben mit einer Wasserpuppenspielerin aus Vietnam. Und ich habe ein Problem …

Es ist ein kleiner Eintrag in jedem Kalender der Welt. Ein Tag. Ein einziger beschissener Tag im Jahr, der mich in unregelmäßigen Abständen mit einer beginnenden Katastrophe drangsaliert. Das Tückische an diesem Tag ist, dass er sich immer wieder Zeit nimmt bis zum nächsten Knall. Meist Jahre. Mich nie vorwarnt. Als sei dieses Datum unauflöslich mit meinem Schicksal verknüpft.

Der 26. Dezember.

An diesem Tag hatte meine nicht ganz freiwillige Laufbahn als Kriegsreporter im Vietnamkrieg begonnen. Das war 1968.

Am 26. Dezember hatte die Karriere mit dem Reporter für Kriege ein abruptes Ende gefunden. Das war 1970. Ich sage bewusst nicht Kriegsreporter. Denn Reporter im landläufigen Sinn bin ich immer noch. Nur von Kriegen habe ich genug.

Am 26. Dezember 1977 hatte mir meine Frau einen Zettel auf dem Küchentisch hinterlassen, dass sie von mir die Nase voll hatte. Die Visitenkarte ihres Anwalts lag gleich dabei.

Jetzt war es wieder so weit.

Am 26. Dezember 1989.

ERSTES KAPITEL

BERLIN, 26. DEZEMBER 1989

Mein Gefühl warnte mit Sodbrennen. Auch dieser Tag konnte nicht gut gehen. Langsam rollte ich über die Bösebrücke dem Grenzübergang Bornholmer Straße in Ostberlin entgegen. Mit einem Leihwagen der Mercedes-Klasse. War der Name der Brücke schon das Omen?

Die Grenzübergänge der Deutschen Demokratischen Volksrepublik, im Westjargon kurz »DDR« genannt, waren seit wenigen Tagen für den Reiseverkehr in jeder Richtung offen. Sagte die Presse. Hoffentlich wusste das auch die Gegenseite. Da war ich mir nicht sicher.

Die entgegenkommenden Trabbis mit ihren knatternden Zweitaktmotoren wirkten etwas beruhigend. »Diedadrüben«, wie wir im Westen die Ostdeutschen flapsig nannten, schienen es wahr gemacht zu haben. Die Mauer hatte Löcher, gewaltige Löcher bekommen. Und ich steuerte auf eines davon zu. Nur die Richtung stimmte nicht. Alles verließ den Staat, und ich wollte hinein. Hinein wegen meiner Vergangenheit. Zurück wegen einer dubiosen Information, der ich keinerlei Wert beigemessen hätte, wenn das Problem nicht vor neunzehn Jahren entstanden wäre. Am 26. Dezember 1970.

Dieser Termin war freilich etwas schwammig; es hätte auch ein paar Tage vorher oder nachher sein können. Das war jetzt aber egal. Der Termin hatte mich eingeholt. Und heute war wieder der sechsundzwanzigste Dezember.

Das Wetter wurde immer schlechter. Regen mischte sich mit Schnee. Das Bordsystem blinkte. Es gab über den Außenfühler dieses Luxuswagens Alarm vor Straßenglätte.

Die Blinkleuchte war aber auch das Einzige, das etwas Farbe in den Tag und in meine Laune brachte.

Der stärker werdende Schneefall verstärkte den Eindruck der tristen Betonklötze, die sich dieser marode Staat um seine Grenzen gebaut hatte. Panzersperren, die es in langsamem Tempo zu umrunden galt. Sie kamen mir wie der sinnlose Versuch an der Küste der Normandie vor, die Invasion der Alliierten aufzuhalten. Vergeudung von Volksvermögen in Form von Stahl und Beton. Nun waren diese Sperren nutzlos und zu einem bösen Witz geworden. Zille hätte seine zynische Freude daran gehabt. Aber niemand schien sie entfernen zu wollen.

Genauso sinnlos kam mir der Grenzer vor, der sich die Füße in seinen Stiefeln warm zu treten versuchte.

»Papiere!«

Ein »Bitte« war von dem Mann nicht zu erwarten. Das war Kasernenhofton. Von oben nach unten. Ich ließ das Fenster nur einen Spalt herunter und reichte ihm meinen Pass. Der Kerl hatte sich schon jetzt mit seinem Ton meine ungeteilte Abneigung gesichert. Gegen alles, was Uniform trug und mich unfreundlich behandelte, war ich inzwischen allergisch. Wenn du aus einem Rindviech ein gehorsames Werkzeug machen willst, steck es in eine Uniform, das war der Spruch meiner Großmutter. Und die war Jahrgang achtzehnhundert-und-was-weiß-ich.

Die schmelzenden Schneeflocken tropften von seinem Mützenschirm in mein Dokument. Sie würden die Visa-Einträge, Zeitzeugen meiner Tätigkeit, aufweichen und damit unleserlich machen. Von Asien über die USA und Russland war alles dabei, sich in Tintenkleckse zu verwandeln. Der Ärger mit anderen Grenzkontrollen war vorprogrammiert.

»Was wollen Sie von mir? Visum und Zwangsumtausch sind doch seit dem 24.12. abgeschafft. Was steht ihr hier überhaupt noch rum?« Ich wurde wütend und versuchte dem Mann meinen Pass zu entreißen. Er zog ihn weg und sah mich mit einer Mischung aus Verbitterung und Entrüstung an.

»Ich habe noch keine Dienstanweisung. Solange bleibt es, wie es ist.« Die Marionette in Grün zog die Mütze tiefer ins Gesicht. »Sie steigen jetzt mal schön aus und folgen mir. Wenn Sie Ärger machen, dann …« Seine rechte Hand fuhr an das Pistolenkoppel.

Alles hatte sich geändert. In der Presse. Die Grenzen zur DDR waren offen, hatten wir alle stolz verkündet. Tausende von Bürgern dieses Staates hatten es in den letzten Tagen ausgenutzt. Dass ein »Wessi« wie ich hineinwollte, schien in diese Holzköpfe nicht hineinzugehen. Wieder ein Staatsfeind. Nun reisten sie schon offiziell in einer hochkapitalistischen Karosse ein.

»Aussteigen, sagte ich«, wiederholte sich der Mann. Er wurde nervös. Es war wohl besser, seiner Anweisung zu folgen. Die Idee, nach seinem Namen und Dienstgrad für eine Beschwerde zu fragen, verwarf ich. Mein Problem war ein ganz anderes. Und dazu benötigte ich die Staatsmacht in diesem Ghetto mit Löchern vielleicht noch.

»Da rein«, deutete er auf ein lang gestrecktes Gebäude, von dem die Farbe abblätterte. Wie hier alles abzublättern schien. Nur die Staatsmacht zeigte Fassade. Hoffentlich fand sich mal jemand, der denen den Kragen umdrehte. Aber nicht sofort. Erst wollte ich mein Anliegen geklärt wissen.

Die Wachstube war genauso, wie ich sie in schlechten Filmen gesehen hatte. Vier Holzschreibtische aus Wehrmachtsbeständen. Quietschende Drehstühle aus denselben Beständen und demselben Material. Zwei Bakelit-Telefone mit Wählscheibe. Eines grau. Eines rot. Keine Sprechfunkgeräte. Die Obrigkeit hatte offensichtlich Angst, dass ihre Grenzer damit Kontakt in den Westen aufnehmen konnten. Also, Informationen alle schön an der Strippe weitergeben! Sonst laufen die Wachmänner uns auch noch weg. An der Garderobe baumelten ein paar Kalaschnikows. Drei Männer in Uniform. Einer rauchte. Einer las Zeitung, kaute dabei seine Wurststulle. Der dritte drückte sich vor einem Rasierspiegel Pickel im Gesicht aus.

Ein mit »Plaste« bezogener Tresen, hinter dem sich alle verschanzten. Ein propangasbetriebener Ofen sorgte für eine tropische Temperatur, die wiederum für blinde Scheiben sorgte, an denen das Kondenswasser herabrann. Es müffelte nach Schweiß und Rauch.

»Schichtführer, ich habe hier einen etwas renitenten Westler, mit dem ich nicht klarkomme. Der Mann kommt mir suspekt vor.«

Der Angesprochene zog die Augenbrauen hoch. »Schon gut. Auf Posten zurück. Seinen Pass.«

Mein Dokument wanderte über den Tresen. Der Stullekauende nahm es und reichte es an den Mann weiter. Jetzt waren auch noch Fettflecken darin.

»Herr Peter Stösser … das sind Sie?« Der Schichtführer erhob sich. Er versuchte seine Uniformjacke zu schließen. Ein Knopf sprang ab, der nächste hing an einem einzigen Faden. Er gab den Versuch auf und zog sich die Hosenträger zurecht. Auflösungserscheinungen an allen Ecken, tröstete mich mein Gefühl.

»Das Foto stimmt aber nicht mehr mit Ihnen überein. Da werden Sie an jeder Grenze Probleme haben. Was sind Sie von Beruf?«

Der Schichtführer blätterte in meinem Pass. Seine Stimme hatte einen wohltönenden Bass. Nicht unsympathisch. Ein glatt rasiertes, fleischiges Gesicht. Eine Nase, die schon in einige Gläser geschaut hatte. Ein Rest von Haaren, die sich wie ein weißer Lorbeerkranz um seinen Hinterkopf kringelten. »Was ist Ihr Beruf?«, wiederholte er.

Was war mein Beruf? Es war eigentlich mehr eine Berufung. Was sollte ich sagen? Wenn die beiden Grenzer in ihre Listen schauten, dann wussten sie es. Ich stand bestimmt darauf als »Persona non grata«. Nicht erwünscht. »Journalist.«

»Soso, Journalist«, meinte mein Gegenüber nickend und blätterte weiter in meinen Visa-Einträgen. »Sie sind viel herumgekommen. USA, Singapur, Hongkong, Malaysia, Indonesien, Japan, Sowjetunion.« Er klappte das Dokument zu. »Davon habe ich als junger Mann auch mal geträumt. Und was wollen Sie jetzt hier?«

Seine blauen Augen fixierten mich. Es war kein feindseliger Blick. Sie strahlten einfach nur Neugier aus. So, als betrachte man eine seltsame Spezies im Käfig.

Eine pampige Antwort kroch in mir hoch. In der Art: Das geht dich einen Scheißdreck an! Ich schluckte sie wieder herunter, bevor sie mir über die Lippen kam. »Ich suche jemanden.«

Der Wachhabende richtete sich auf. Zündete sich eine neue Zigarette an. Sie roch nach schwarzem russischem Tabak. Billigware der übelsten Sorte. »Beruflich oder privat?«

»Macht das einen Unterschied?«, wurde ich jetzt doch unfreundlich.

Der Mann nickte. Reichte mir die Hand. Es war ein fester Händedruck. »Hauptwachtmeister Steiger«, stellte er sich vor. »Ja, das macht einen Unterschied. Journalisten haben wir nicht so gerne. Sie verstehen. Daher sind meine Leute auch etwas nervös. Aber privat … da ließe sich drüber reden. Haben Sie Verwandte hier? Oder sonst jemanden, der Ihnen nahesteht?«

Die beiden Figuren mit Zeitung und Rasierspiegel grinsten. Sagten aber nichts. Verwandte? Sollte ich jetzt lachen, heulen oder einen Wutanfall bekommen? Was ging das diesen Beamten an, wer mir wie nahestand?

Halt die Klappe. Zügel dich, mahnte mein Bauchgefühl. Der Hauptwachtmeister baut dir eine Brücke. Und das meint er ehrlich.

Hoffentlich hatte mein zweites Ich recht. Es blieb mir nichts anderes übrig, als ihm zu trauen oder jetzt einen Kampf mit mir selbst auszufechten. Denn meine Ratio war anderer Meinung. Der Mann war nicht wirklich freundlich. Er wollte nur keinen Ärger …

»Ich suche meine Tochter«, sagte ich schroff. »Die muss hier irgendwo in Ostberlin stecken.« Nun war es heraus. Jetzt war es an mir ein Zigarillo anzustecken. Ich hielt Steiger einladend die Packung hin. Er nahm eins, roch daran, nickte und steckte es in die Hemdtasche.

»Ihre Tochter? Es hat wohl keinen Sinn zu fragen, wo die wohnt, wenn Sie selbst sie schon suchen. Oder?«

Nein. Das hatte überhaupt keinen Sinn. Ich hatte nicht die geringste Ahnung, wo ich anfangen sollte. Nur dass sie hier in dieser Stadt in Schwierigkeiten steckte war alles, was mir der anonyme Anrufer vor Tagen mitgeteilt hatte. Woher er das wusste und wie er an meine Telefonnummer im Verlag gekommen war, war mir schleierhaft. Er hatte keine meiner Fragen beantwortet. Nur gesagt, wenn ich sie lebend wiedersehen wollte, solle ich um genau diese Zeit den Grenzübergang Bornholmer Straße nehmen und mein Autotelefon eingeschaltet lassen. Den Fahrzeugtyp, den ich anmieten sollte, hatte er vorgegeben. Mercedes S-Klasse. Farbe: grünmetallic.

»Da sind Sie allerdings hier falsch. Für entlaufene Kinder sind wir nicht zuständig«, meinte der Wachtmeister lächelnd. Es sah fast verständnisvoll aus. Seine Kollegen grinsten verschwörerisch.

»Ich schreibe Ihnen auf, wohin Sie sich wenden müssen. Dann können Sie passieren.«

Mit einem Bleistift kritzelte er etwas auf einen Zettel und steckte ihn in meinen Pass.

»Gute Fahrt und viel Glück«, hatte er mir noch nachgerufen.

Jetzt schneite es in dicken Flocken.

»Sie müssen noch ein starkes Vertrauen in die Obrigkeit haben«, bemerkte ein weiterer Grenzer, der unter dem Vordach des Gebäudes Schutz gesucht hatte.

»Warum?« Ich drehte mich um. Ging die paar Schritte zurück und schlug den Mantelkragen hoch.

Der junge Mann trat von einem Bein auf das andere. Es war kalt geworden.

Er grinste, wie nur ein Wissender mit Hintergedanken grinste. Das kannte ich aus meiner Vergangenheit.

»Was kostet denn so ’ne teure Telefonzelle der S-Klasse, in der es dauernd piept? Fünfzigtausend? Hunderttausend … Westmark?«

Woher sollte ich das wissen? Es war ein Leihwagen. In diesen Preiskategorien bewegte ich mich freiwillig nicht.

»Im Sperrgebiet geht das ja noch, dass man den Wagen nicht abschließt und den Zündschlüssel stecken lässt. Aber außerhalb würde ich mich das nicht trauen. Wir haben uns eine Menge Gesindel eingefangen, die nicht lange fackeln. Dann ist Ihr Luxuswagen weg.«

»Aha, und danke für den Rat«, knurrte ich und wandte mich zum Gehen.

»Achten Sie auf die Schlitzaugen. Die klauen Ihnen den Mantel, ohne dass Sie es merken. Dann sind Sie nämlich schon tot …«, rief er mir nach. Dann fiel die Autotür ins Schloss, und die Wagenheizung setzte ein.

Raus hier aus diesem Wahnsinn! Einen anderen Wunsch hatte ich nicht.

Je weiter ich in die Stadt nach Osten kam, umso kürzer wurde der Balken im Telefondisplay, der die Stärke der Verbindung anzeigte, und schließlich gab er ganz den Geist auf. Das war es dann wohl. Ich war abgeschnitten vom Rest der Welt. Nur noch auf einen vagen Hinweis auf die Existenz meiner Tochter angewiesen. Und ich hatte einen Zettel, den mir der Hauptwachtmeister in den Pass gelegt hatte.

An einer Bushaltestelle suchte ich mir eine Parkmöglichkeit und blätterte in meinem Pass. Es wurde langsam dunkel und der Schneefall heftiger. Ich brauchte einen Anlaufpunkt. Und wenn es nur für eine Nacht war. Diese Grenzüberschreitungsprozedur wollte ich mir heute nicht mehr antun. Das hielten meine Nerven nicht mehr aus, ohne einen Kurzschluss zu bekommen. Und davon hatte ich reichlich in meinem Leben gehabt. Jedes Mal mit verheerender Wirkung … für mich.

Der handgekritzelte Zettel dieses Hauptwachtmeisters fiel mir in den Schoß. Hoffentlich war da eine Stelle, an der ich ansetzen konnte. Es gab nicht Schlimmeres, als in einer fremden Stadt nach etwas zu suchen, von dem man nicht wusste, wo es sein könnte. Ein Hotel. Einen Treffpunkt. Ein Ziel, warum man sich diese lange Reise von Köln nach Berlin antat. Mein Ziel war es, meine Tochter zu finden. Mehr nicht. Kolumbus musste sich ähnlich gefühlt haben, als er den langen Seeweg nach Indien gesucht hatte. Er hatte nur geahnt, dass es nach Westen gehen könnte. Meine Richtung war die entgegengesetzte. Aber auch ich hatte, wie Kolumbus, zumindest eine vage Ahnung. »Schlitzaugen« hatte der Grenzer als mögliche Gefahr für diese Luxuskarosse genannt. Meine Tochter fiel unter diese weit verbreitete Definition einer Menschenrasse. Sie war ein Schlitzauge.

Die Information des Wachtmeisters half mir freilich auch nicht viel weiter.

Jahnstadion. Heute 19 Uhr.

Mehr stand nicht auf dem Zettel.

Was sollte das? Wo war hier ein Jahnstadion und, vor allem, wo fand ich bei diesem Wetter eine Unterkunft? Meine Orientierung ließ stark zu wünschen übrig. Schnee von oben. Alles grau. Keine Anhaltspunkte. Kaum Straßenbeleuchtung. Nur der Bus hinter mir blökte mit seinem Horn. Ich stand auf seiner Ausfahrspur. Warum hatte er überhaupt die Haltestelle angefahren? Niemand stieg ein. Niemand stieg aus. Aber vielleicht konnte mir der Fahrer helfen.

»Jahnstadion. Watt wolln se denn da?«, berlinerte er. »Da is’ momentan keen Spiel. Die spinnen doch zurzeit alle hier. Können se mal Ihre Scheese aus meiner Spur bewegen. Sonst mach ich noch ’nen Kratzer dran.«

Der Bus war leer. Waren schon so viele abgehauen? Hatten sie in den Westen rübergemacht, wie man in Berlin sagte?

»Watt is’? Ik hab ’nen Fahrplan einzuhalten«, knurrte er mich an.

»Ich habe mich verfahren. Wo finde ich diese Nacht ein Hotel?«, versuchte ich die andere, höflichere Schiene.

Der Mann kratzte sich kurz am Doppelkinn. »In dieser Ecke finden se jarantiert keen Hotel. Aber frajen se mal bei Olja. Oljas Imbiss. Zwei Haltestellen weeter. Dann rechts. Und nochma’ zwee Haltestellen. Die wees hier allet. Grüßen se se von mir. Linje 25. Denn wees se schon Bescheid.«

Die Sicht wurde schlechter. Ich folgte den angegebenen Orientierungspunkten. Zwei Haltestellen geradeaus. Zwei rechts. Stimmte. Aus einem alten Campingwagen mit einem überdimensionalen Vorbau aus Brettern drang Licht. Ein Blechschild wies es aus. Bei Olga. Eine handgemalte Tafel machte auf das »Tagesmenü« aufmerksam. Bratwurst mit Schrippe oder Pommes. Eins zehn. Die Buchstaben von Rollmops und Soleier strebten mit der Nässe langsam dem unteren Tafelrand entgegen. Die Kreide löste sich auf. Von den Buletten war nur noch »-etten« zu erkennen.

Vier Männer, in Kapokjacken der russischen Armee eingemummt, diskutierten heftig an einem der drei Stehtische. Bier und eine Flasche Wodka bildeten den Mittelpunkt. »Die Verlierer und die Bonzen verlassen jetzt reihenweise die Republik. Und was bleibt uns?« Das Gespräch brach ab, als ich die Bude betrat. Der provisorische Vorraum wurde von einem Gasbrenner leidlich erwärmt. Vier nackte Glühbirnen als Innenbeleuchtung des als Grill umgebauten Wohnwagens, eine dralle Wirtin mit einer Grillzange. Zwei Kühlschränke. Eine Friteuse. Pappteller und Pappbecher. Ein Glas mit Soleiern. Eines mit Gurken. Zwei Plastikflaschen. Auf jeder klebte ein handgeschriebener Zettel, der Auskunft über den Inhalt gab. Senf und Majo.

»Ich suche das Jahnstadion – und eine Unterkunft für die Nacht«, wandte ich mich an die fünf Menschen. Deren Blicke zogen mich geradezu aus. Ein Wessi! Die Augen tasteten abwechselnd mich und den Wagen ab, den ich vor diesem Gebilde von Wodka-Häuslichkeit geparkt hatte.

Die Wirtin legte ihre nicht geringe Oberweite über den grob gezimmerten Ausschank.

»Was trinken und essen Sie? Hier ist kein Auskunftsbüro. Und ’ne Wartehalle sind wir auch nicht.«

Die Stimmung war nicht gut. Ich hätte den Mercedes woanders parken sollen. Nun war es zu spät. Entweder ich trat den Rückzug an, oder …

»Eine Runde für die Herren und für mich eine Bratwurst.«

Das Gesicht der Frau wurde freundlicher. »Na, das nenne ich doch mal spendabel.«

Eine Stunde später war ich den Betrag, der in Ostmark ausgewiesen war, in westdeutscher Währung los. Eine Flasche Wodka, acht Bier, eine Wurst und vier Frikadellen. Und kalte Füße hatte ich auch.

»Was ist nun, Jupp? Unser Freund aus dem Westen hatte ’ne Frage«, fuhr die Frau einen »meiner« Gäste an. Der Wodka schien bei ihm keine Wirkung zu zeigen. Ruhig qualmte er eines meiner Zigarillos.

»Mit einer Wurst und ’ner Schrippe lasse ich mich bestechen.« Seine Kumpane, die schon deutlich Schlagseite zeigten, lachten. So gut es eben noch ging. Jupp schien hier der Platzhirsch zu sein. Und dieser verdammte Schnee blieb liegen. Es wurde Zeit, dass ich etwas auf die Reihe bekam.

»›Linie 25‹ hat mich hierhergeschickt«, warf ich beiläufig ein. Hoffentlich half das. Hier spürte ich nur Ablehnung. Bonzen, wie sie gesagt hatten. Die Verlierer der plötzlichen Grenzöffnung mochten keine vermeintlichen Gewinnler, die gleich mit dicken Autos vorfuhren.

»Das Jahnstadion. Was wollen Sie da? Das Ding ist zu. Da spielt seit Wochen keiner mehr. Die da oben nehmen einem jede Freude.«

»Halt die Klappe«, fuhr ihn einer seiner Kumpel an. »Wissen wir, wer dieser feine Pinkel mit seinem dicken Mercedes ist?«

Jupp wackelte mit dem Kopf. »Ist mir egal. Das Stadion ist keine geheime Kommandosache. Und zu ist zu. Und ein Hotel gibt’s hier auch nicht.«

»Jupp. Du redest zu viel«, kam als Antwort.

»So, tue ich? Und woher weiß dieser Mann etwas von der Linie 25?« Jupps Faust donnerte auf die Tischplatte. Die Becher hüpften. Aber sie waren leer und fielen um.

»Es gibt eine Kneipe, die heißt Zum Jahnstadion. Die müsste aufhaben«, mischte sich die Wirtin ein, die bis dahin unseren Gesprächen unbeteiligt zugehört und den Grill geschrubbt hatte. Die Wurst war wirklich gut gewesen, und bis sieben Uhr hatte ich noch Zeit. Fünf kalte Frikadellen wechselten vom Hersteller zum Käufer. In Westmark.

»Ein Zimmer hätte ich für Sie frei. Ist nicht so doll. Aber für ’ne Nacht würde es gehen. Ich bin übrigens Olga. Und dieser Schreihals Jupp ist mein Mann. Können Sie sich vorstellen, mit so ’nem Kerl dreißig Jahre verheiratet zu sein?«

Die rundliche Frau wischte sich die Hände ab. Es war mehr ein Reflex als ein Reinigungsvorgang. Sie reichte mir die Hand aus ihrem Wurstkommandostand.

»Das waren mindestens 32 Jahre zu viel«, knurrte Jupp. Seine Saufkumpane johlten Beifall. Olga schien das zu kennen. Sie putzte weiter.

»Sie können sich das mit dem Zimmer ja noch überlegen. Zwanzig Mark die Nacht mit Frühstück. Das Bad können Sie auch benutzen, wenn diese Schnarchnase von Mann aus dem Haus und uff de Arbeet is. Grenzer, wenn Sie verstehen. An der Chausseestraße. Geht auf Schicht. Die haben alle Muffensausen, dass se bald nicht mehr gebraucht werden. Was glauben Sie, warum ich mich hier so abrackere?«

Ich ließ ihre fettige Hand los und nickte stumm. Mein nicht einzuordnender Termin rückte näher. Den Treffpunkt auf dem Zettel hatte ich immer noch nicht ausfindig gemacht. Linie 25 spukte mir im Kopf herum. Was hatte die Information gebracht? Es war ein Lockvogelangebot eines Busfahrers gewesen. Jemand, der bestimmt mit ihm verwandt oder verschwägert war, hatte ihn beauftragt, einen Bonzen aus dem Westen zu einer Bruchbude in einer Seitenstraße zu locken, um ihm dort harte Westmark aus der Tasche zu ziehen. Die Männer waren inzwischen so betrunken, dass sie sich nur noch lallend in irgendwelchen Hasstiraden gegen Gott und Vaterland ergossen.

Ein undefinierbarer grüner Kastenwagen knatterte ins Licht. Der Wind hatte gedreht. Der Schnee hatte seinen Fall von vertikal in horizontal geändert.

Eine vermummte Gestalt stieg aus. Zog sich die Kapuze seines Parkas über das Gesicht. Drehte sich gegen die Schneewand. Ich musste warten. Der Wagen blockierte den Mercedes. Eine Tür quietschte und schlug blechern wieder zu.

»Frau Olga, die Lieferung.«

Der Mensch im Parka war ein Mann. Er trug einige Sperrholzkisten mit Gemüse herein. Setzte sie ab, klopfte sich den Schnee ab und überflog den Inhalt der Kisten anhand eines Zettels. Nickte. »Acht fünfzig macht das.«

Olga überprüfte alles.

»Musst du immer mit diesen Schlitzaugen Geschäfte machen? Die sind doch noch größere Gauner als die Stasi«, gurgelte Jupp. Er hatte jetzt ernsthafte Probleme, sich auf den Beinen zu halten. Seine Saufkumpane lagen bereits auf ihren Unterarmen und schnarchten.

»Halt die Klappe. Morgen gibt’s bei diesem Wetter Eintopf. Und die Schlitzaugen sind nun mal billiger als unsere. Die wollen nur noch Westmark. Und wie sollen wir das machen, wenn wir nur den Ostschrott einnehmen? Danke, Junge.« Sie zahlte. In Ostmark.

Das war vielleicht eine Möglichkeit, doch noch mein Ziel um 19.00 Uhr zu finden. Ich kramte den Rest meiner verschütteten Vietnamesischkenntnisse zusammen.

»Jow. Ayng theyn la yi?« Was ungefähr so viel heißen sollte wie: Hallo, wie ist dein Name?

Der junge Mann hielt auf dem Weg zu seiner Rostlaube von Lieferwagen mitten im Schritt inne. Stützte sich kurz auf der Motorhaube des Mercedes ab. Streichelte den Schnee von der Haube. Er verstand mich. Er war Vietnamese.

»Phong Luc.« Er schaute auf. »Und außerdem sprechen Sie einen beschissenen Mekong-Dialekt«, kam die Antwort in nahezu akzentfreiem Deutsch. »Also, was wollen Sie von mir? Sind Sie ein Ami? Oder von der Ausländerpolizei? Ich habe nichts zu verbergen. Ich bin Student mit einem Stipendium hier in der DDR. Wollen Sie meine Papiere sehen?«

Phong wurde nervös. Nervös wie alle jungen Vietnamesen, die ich leidvoll kennengelernt hatte, wenn sie mit einer Langnase zusammenprallten. Ihnen steckte das Leid aller Okkupationen ihres Landes über Jahrhunderte in den Erbanlagen. Demut. Gehorsam. So hatten sie sich ihr Land durch Verweigerung zurückerobert. Wenn es nicht anders gegangen war, dann durch Maulwurftaktik. Tief unter der Erde ihrer Heimat.

Es krachte und klirrte. Olga schrie auf. Phong lief in den Imbiss, ich folgte ihm. Jupp hatte es mithilfe seiner betrunkenen Kumpanen fertig gebracht, den Stehtisch umzulegen. Wie eine zappelnde Schildkröte lag er auf dem Rücken und erbrach die von mir teuer bezahlten Bratwürste.

»So eine Scheiße«, fluchte Olga. »Der hat um drei Uhr Dienst. Könnt ihr starken Männer mir nicht helfen, den Kerl ins Bett zu schleifen?« Der Blick der nicht mehr jungen Frau war flehend und meine Zeit knapp. Was war wichtiger? Ich oder er?

»Ist nicht das erste Mal. Wir tragen ihn hoch. Zweiter Stock«, kommentierte Phong und nahm die Beine von Jupp wie die Griffe einer Schubkarre, die gezogen wurde. Da niemand anderer Anstalt machte zu helfen, nahm ich den schwereren Rest. Vielleicht hatte ich dafür ja mit Phong einen Zugang zu etwas gefunden, das mir helfen oder zumindest eine Ahnung geben konnte, wo ich nach meiner Tochter zu suchen hatte.

»Steckt den besoffenen Kerl in die Badewanne«, kommentierte Olga. »Der versaut mir sonst alles. Und außerdem muss ich ihn zum Dienstbeginn nüchtern kriegen.« Sie putzte und räumte weiter auf. Die anderen Saufkumpane halfen sich gegenseitig hoch.

»Ja, schon gut. Mal wieder alles auf eure Deckel … und meine Knochen. Herrgott, wie kann man nur so viel saufen! Und alles für diese wertlose Ostmark!«, schimpfte sie hinter dem torkelnden Haufen her, der bei dem Schneetreiben einen Geruchssinn wie ein Hund haben musste, um nach Hause zu finden.

Phong hatte gut gedacht. Er hatte die Beine genommen, ich trug den Rest von Jupp. Er ging voran. Ich hatte treppauf das gesamte Gewicht eines betrunkenen Grenzers zu schleppen. Er stank nach Alkohol, Erbrochenem und nach fehlender Reinlichkeit im Allgemeinen.

»Was studieren Sie?«, keuchte ich, als ich mich mit dem Teil meiner Last die Stufen hinaufmühte.

»Was wohl? Deutsch. Sonst müssten wir uns in einem komischen Kauderwelsch unterhalten«, kam es knapp zurück. »Und Maschinenbau«, ergänzte Phong. Wir hievten den schnarchenden Jupp in die nächste Etage. Der Hausgang müffelte genauso wie der Kerl in meinen Armen.

»Kennen Sie vietnamesische Mädchen, die hier auch studieren?« Langsam wurde mir Jupp zu schwer. Ich legte meinen Teil von ihm auf dem Treppenansatz ab. Nun zog das gesamte Gewicht an Phongs Schubkarrengriff. Er ließ die Beine fallen und drehte sich um. Stützte sich am Handlauf ab.

»Was soll das heißen, ob ich Vietnamesinnen kenne?«

Da war er wieder dieser Hass, den ich so oft hatte spüren müssen. Der Hass auf jeden, der dieses Volk versucht hatte zu unterdrücken und auszubeuten. Sie waren stolz. Und je mehr man sie in die Enge trieb, umso gefährlicher wurden sie. Wie hatte ein Kollege gesagt: Treibe nie eine Horde Ratten wie die Vietcong in die Enge. Sie sterben sogar für einen einzigen Biss, den sie dir vorher noch zufügen können. Und sie beißen verdammt schnell zu.

»Ich suche meine Tochter. Sie ist Halbvietnamesin und muss hier in Berlin sein.«

Phong pfiff durch die Zähne. Setzte sich auf die Stufen und zündete eine Zigarette an. Jupp schnarchte in der unbequemen Position, in der wir ihn abgelegt hatten.

»Daher sprichst du Mekong-Dialekt. Du warst in Vietnam? Wann?«

»Dezember ’8 bis Juli 70.«

Phong biss sich auf die Unterlippe. Er rang mit sich. Aber das sah ein Europäer nicht, wenn er diese Mentalität nicht kannte.

»Dann könntest du meinen Vater getötet haben. Warum sollte ich dir nun helfen?«

Wieder Hass. So kam ich nicht weiter. Es war keine gute Idee von mir gewesen, mich als Kriegsveteran zu erkennen gegeben zu haben. Ich hätte es besser wissen müssen.

Jupp drehte sich auf die Seite und rutschte ein paar Stufen ab. Erbrach sich erneut.

»Können wir den erst in der Badewanne deponieren und dann weiterreden?«

Phong nickte unmerklich und nahm den ganzen Grenzer gekonnt über die Schulter. So, wie ein Soldat einen verwundeten Kameraden aus der Kampflinie schleppte und ihn gleichzeitig als Kugelfang benutzte. Der zierliche Vietnamese schleppte einen hundert Kilo schweren, betrunkenen Mann hinauf. Wuchtete ihn unsanft in die Badewanne. Die starrte vor Dreck. Wie die ganze Wohnung, wie ich flüchtig wahrnahm. Hier würde ich nicht übernachten. Da war ich mir sicher. Und wenn ich die Nacht noch in den Westen zurückmusste, um mir die Nervenprobe des Grenzübergangs morgen noch mal anzutun.

»Wie viele Geschwister hast du? Wie alt bist du?« Es war wieder einmal ein Versuch an den jungen Mann zu kommen. Asiaten liebten es, erst über ihre Familie zu sprechen.

Phong sprang vor mir die Stufen hinab.

»Alter? Hai muoi ba.« Also dreiundzwanzig. »Geschwister? Vier ältere Brüder. Die sind im Krieg alle umgekommen. Danach hat meine Mutter wieder geheiratet. Seither kommen nur noch Schwestern. Drei. Zwei studieren in der DDR. So, wie ich. Und wie alt bist du?«

Dazu sagte ich besser nichts.

»Frau Olga. Jupp ist da, wohin Sie ihn haben wollten.«

Olga nickte. Sie hatte aufgeräumt und die Außenbeleuchtung ausgeschaltet.

»Nehmt das. Ist nur eine Kleinigkeit. Das konnte ich heute nicht verkaufen.« Sie drückte uns zwei braune Tüten in die Hand und weinte. Es war ein leises, bebendes Weinen. Sie hätte wohl lieber geschrien. Aber das schien man den alten Menschen in diesem diktatorischen System ausgetrieben zu haben.

»Junge, zeige diesem Westler den Weg. Er sucht die Kneipe Zum Jahnstadion. Du wohnst doch da in der Nähe. Machst du das?«

Phong sah kurz in die Tüte. Ich roch, was darin war. Warme Buletten und kalte Bratwürstchen. Oder umgekehrt.

Ohne weitere Regungen hatte Phong sein Auto umgeparkt und sich dann auf den Beifahrersitz des Mercedes geschwungen. Wie ich Asiaten kannte, war es sinnlos zu fragen, warum er seinen vergammelten Lieferwagen einfach hier stehen ließ. Er würde ihn sich schon wiederholen, wenn er ihn brauchte.

Mit knappen Kommentaren dirigierte er mich durch die verschneiten Straßen. Hier würde ich allein nie wieder rausfinden. Kaum Spuren von Fahrzeugen im Scheinwerferlicht. Die geringe Straßenbeleuchtung drang kaum bis zum Boden.

»Das meinst du doch nicht ernst, dass ich einen deiner Familie getötet haben könnte?« Ich war jetzt endgültig vom Sie auf das Du übergegangen. Die vietnamesische Sprache kannte kein Sie. Der Angesprochene definierte sich aus dem Zusammenhang und der Stimmlage des Sprechenden.

»Im Krieg hat jeder jeden umgebracht. Auch wenn er es nicht selbst war. Es war alles Mord, der andere wieder zum Mord animiert hat. Somit sind alle schuldig.«

Der junge Mann begann mir zu gefallen. Er war in dem Alter in eine kalte, fremde Welt zum Studieren gegangen, in dem ich in eine warme, fremde Welt als Reporter gezogen war. Unbedarft. Unzufrieden mit allem, gegen alles, aber süchtig, mich als Weltverbesserer beweisen zu können.

»Beruhigt es dich, dass ich fast sieben Monate in einem Lager des Vietcongs verbringen durfte? Als Reporter, der nur über die Unmenschlichkeiten in eurem, in deinem Land berichtet hatte? Meine Kollegen und ich haben dafür gesorgt, dass die Öffentlichkeit informiert wurde, dass dieser Krieg sinnlos war. So wie alle Kriege sinnlos sind. Durch uns hattet ihr die Jugend der ganzen Welt auf eurer Seite. Sonst hätten euch die Amis doch noch in die Steinzeit gebombt.«

Phong suchte sich einen anderen Sender im Autoradio. Er verstand. Ich kannte sein Land. Aber er würde niemals eine Regung von sich geben, wie ich sie gerade provoziert hatte.

»Wir sind da. Dort drüben ist das Lokal.«

Durch das Schneetreiben leuchtete eine Reklame, der ein paar Glühbirnen ausgegangen waren. »-um Ja-----dion« war noch vom eigentlichen Namen zu entziffern. Phong machte keine Anstalten auszusteigen.

»Wie heißt deine Tochter? Wie kann man sie erkennen? Wie alt? Hat sie besondere Kennzeichen? Sonst kann ich sie nicht finden.« Er lehnte den Kopf an die Scheibe, als wolle er sich zum Schlafen legen.

Ich legte meinen Kopf auf das Lenkrad. Atmete tief durch. Phongs Fragen hatte ich nicht erwartet. Er hatte meine Situation schneller umgesetzt, als ich das hätte erhoffen können. Erhoffen von einem noch sehr jungen Mann.

»The-Maria Chu-Stösser, geboren im Dezember 1969«, mehr konnte ich nicht sagen. »Wie sie aussieht, weiß ich nicht.«

Was ich als meine Tochter bezeichnete, war eigentlich ein Bastard. Eine Mischung verschiedener Kulturen, die aus einer Notgemeinschaft entstanden war. Ich hatte mich nie um sie kümmern können so wie ein Vater, der von der Arbeit nach Hause kommt und sich erst einmal mit seinem Kind beschäftigt. Die Last des Tages dabei vergisst. Ich war nie da gewesen, wo ein heranwachsender Mensch eine Familie gebraucht hätte. Wenn ich ehrlich bin, hatte ich mich jeder Verantwortung entzogen. Ich war damals selbst noch ein Kind gewesen. Ein böses, zorniges Kind von 22 Jahren. Solche brauchten die Regierungen. Mit den informationsgeilen Medien im Schlepptau, um Soldaten oder Reporter in den Krieg zu schicken. In den großen, blutigen Sandkasten.

»Dann ist deine Tochter jetzt zwanzig. Aber der Name ist nur teilweise vietnamesisch; damit werden wir sie finden. Wenn sie noch in Berlin ist und der Sampan sie nicht schon als Hure verkauft hat.«

Hure? Meine Tochter? Wer war der Sampan? Ein Sampan war eigentlich ein vietnamesisches Hausboot auf den Seitenarmen des Saigon- und Mekong-Flusses. Oder der Vater einer Familie.

Phong wimmelte meine Fragen mit einer Handbewegung ab. »Du hast in der Kneipe einen Termin. Geh. Ich bleibe hier. Sonst heißt es wieder, dass die Vietnamesen ein Auto gestohlen haben. Lass den Motor laufen, sonst wird mir kalt, und ich bin ohne Musik. Ich esse die Reste von Olga und werde auf dich warten. Dann werden wir eine Lösung finden.«

Alle Alarmanlagen in mir gaben Laut. Ich sollte einem Vietcong ein hunderttausend Westmark teures Auto mit laufendem Motor überlassen? Das schrie geradezu nach Diebstahl.

»Ich weiß, was du denkst«, murmelte Phong. »Aber, wenn du schon eine Tochter aus unserem Land in deinem Land suchen musst … wo soll das hinführen? Vertrau mir einfach. Wenn dein Auto nachher trotzdem weg sein sollte, dann hat mich der Sampan auch geholt. Und dann gibt es auch für deine Tochter keine Rettung mehr.« Phong raschelte in Olgas Tüte und förderte Buletten und eine Tube Senf zutage, die er auf dem Armaturenbrett über den Beheizungsschlitzen der Windschutzscheibe aufreihte. Praktisch denken konnten sie, diese Vietnamesen …

»Wer ist der Sampan?«

Phong stellte den Suchlauf im Radio ein. Das Leuchtdisplay lief durch. Bei »soul« drückte er die Stopptaste.

»Das weiß niemand außer den Opfern. Und die werden nie wieder gefunden. Dem Vernehmen nach muss er im Krieg gewesen sein. Er spricht unsere Dialekte perfekt, scheint aber einen französischen und deutschen Pass zu haben. Handelt mit allem, was Geld bringt: Rauschgift, Waffen, junge Mädchen. Er kontrolliert die Kneipenszene, in der Russen und Bonzen aus dem Westen verkehren. Mehr weiß ich nicht. Solch einen Menschen kann ich mir von der Erfahrung meines Alters und meinen finanziellen Mitteln nicht leisten. Geh endlich. Sonst ist dein Tank bald leer.«

Ich stieg aus. Etwas anderes blieb mir nicht übrig. Sonst hatte ich keine Chance mehr, der »Einladung« des Grenzers Hauptwachtmeister Steiger zu folgen. Oder war es eine Vorladung? Ich saß aber auch zwischen allen Stühlen, die ich hatte finden können.

Ich beugte mich noch einmal in den Wagen zurück. »Du bist doch nicht so ahnungslos, wie du tust!« Phong kaute eine kalte Bratwurst. Die Buletten brutzelten über der Scheibenheizung. Der Autoverleih würde seine Freude haben. »Wenn ich zurückkomme, will ich mehr wissen. Benutze von mir aus das Autotelefon … wenn das Ding geht. Aber gib mir eine Antwort.«

»Das Telefon funktioniert …«, hörte ich noch, bevor die Tür ins Schloss fiel.

Es wollte nicht aufhören zu schneien. Die Tür zum »Jahnstadion« quietschte in den Angeln. Wie hier alles nur noch irgendwelche Zerfallsgeräusche von sich zu geben schien.

Es war 20.15 Uhr. Ich war weit über die Zeit.

Ein Qualmgemenge schlug mir entgegen. Stinkender Zigarettenrauch und Schweiß von schwitzenden alten Menschen. Vor sich hinmüffelnde Jacken, die nicht trocknen wollten. Verbranntes Gebratenes und ein betäubender Lärm von sich überkreuzenden Diskussionen.

»Sie sind spät dran. Ist meine Schuld. Ich hätte Ihnen bei diesem Wetter eine bessere Wegbeschreibung geben sollen.«

Der Hauptwachtmeister saß allein an einem Ecktisch. Im blauen Trainingsanzug und einem selbst gestrickten Schal um den Hals. Er wischte sich den Mund mit einem Taschentuch ab. Die Reste von Senf auf seinem Teller zeugten von einer Bratwurst oder einer Bulette, die da mal drauf gelegen haben mussten.

»Aber mehr Informationen konnte ich Ihnen zu meiner eigenen Sicherheit in der Kürze leider nicht geben. Rauchen Sie?« Er klopfte eine dieser stinkenden Zigaretten aus der Pappschachtel.

Ich wehrte ab. Bot ihm ein Zigarillo von mir an.

»Dann trinken Sie aber etwas. Mollie, ein Gedeck für meinen Gast!«, brüllte er durch den Gastraum.

In Anbetracht, dass ich diese Ecke Deutschlands heute Nacht noch um jeden Preis verlassen wollte, wehrte ich ab.

»Einen Kaffee bitte. Ich muss noch fahren.«

Steiger stutzte, blies den Rauch meines Zigarillos von sich und lachte lauthals.

»Herr Stösser. Erstens: Was glauben Sie, warum die Wirtin hier Mollie heißt? Weil ihr Kaffee genauso schmeckt. Zweitens: Wohin wollen Sie denn heute noch? Der Wetterbericht sagt noch stärkeren Schneefall voraus. Und in den Westen kommen Sie heute Nacht nicht mehr. Die Grenzen sind aus Sicherheitsgründen bis sieben Uhr zu. Also, trinken Sie lieber ein Gedeck. Wir brauchen nur um die Ecke zu laufen. Ich habe noch ein Zimmer in der Mansarde frei. Es ist sauber«, setzte er fast entschuldigend hinzu. Kannte er die Verhältnisse bei Bratwurst-Olga? In diesem Staat schien jeder über jeden alles zu wissen. Hoffentlich legte mich der Vietcong im Auto nicht rein.

»Sie wollten mir einen Hinweis geben, wie ich meine Tochter wiederfinden kann?« Es war an der Zeit, dass ich den Smalltalk in Bahnen lenkte, die mir weiterhalfen.

Der Hauptwachtmeister nickte und stürzte seinen Korn hinunter. Reichte mir die Hand. »Steiger. Sag einfach Ewald zu mir. Und deinen Vornamen kenne ich ja. Hast du noch eines von diesen vorzüglichen Zigarillos?«

Der Lärm in der Kneipe wurde unerträglich. Mehr und mehr Menschen drängten sich in den kleinen Raum. Alle rochen wie nasse Hunde. Sie brachten die Luftfeuchtigkeit von draußen mit in den überheizten Raum. Kalte Nässe in einem warmen Raum. Das war für mich ein widerlicher, vergangenheitsbelasteter Erinnerungswert.

»Sie … ich meine du, Ewald, wolltest mir etwas über meine Tochter sagen«, versuchte ich endlich eine Linie in unser trautes Zusammensein zu bekommen. Dieser Vietcong in meinem Wagen machte mich nervös.

Ewald Steiger nickte bedächtig. Kramte in seinen ausgebeulten Hosen. Asche krümelte von seinem, meinem Zigarillo.

»Erkennst du auf diesem Foto jemanden?«

Es war ein Farbfoto. Orwo Film stand auf der Rückseite. Es zeigte mehrere junge Frauen auf einer Bühne. Verkleidet. In Kostümen. Mehr konnte ich damit nicht anfangen. Ich schüttelte den Kopf.

»Nein? Du kannst niemand darauf erkennen? Was bist du nur für ein Vater. Das ist sie …« Er deutete auf eine Gestalt, die in Stulpenstiefeln, einem Federbuschhut und einem Degen alle anderen überragte.

»Deine Tochter. Und das da ist meine Tochter.«

Sein Finger fuhr die Reihen der maskierten Mädchen entlang und tippte auf eine schlanke Gestalt, die im körperengen Anzug einer Maus steckte. Nur an ihren deutlichen Wölbungen über der Brust war sie als Frau zu erkennen.

»Es war bei einer Aufführung der Kunstschule für die jungen Pioniere. Das machten sie gerne. Da ist die Kritik noch nicht so scharf. Die Jungen lassen sich mehr von den Körpern der jungen Weiber als von ihrem Können ablenken.«

Ewald lächelte. Es sah wehmütig aus. Er hauchte einen Kuss auf das Foto und steckte es wieder ein.

»Woher wissen Sie … ich meine du …?« Ich konnte mich an das Du gegenüber einem DDR-Grenzer einfach nicht gewöhnen. »Ich meine, woher weißt du, dass das meine Tochter ist?«

Ewald brüllte: »Noch ein Gedeck für uns!«, kramte weiter in seinen ausgebeulten Taschen und förderte einen Zettel zutage. Er ließ ihn gefaltet vor sich liegen und wartete auf das Gedeck.

»Hast du noch eines von diesen köstlichen Zigarillos?«

Ich hatte. Meine Reisetasche enthielt mehr Tabakwaren als saubere Wäsche. Ein Hemd konnte man notfalls ein paar Tage anlassen. Ein Glimmstängel war nach dem Anzünden unwiederbringlich dahin.

Genüsslich zog er den Rauch ein. Spülte ihn durch die Bronchien. Blies den Qualm wie ein Drache durch die Nüstern. Kippte den Korn in einem Zug hinterher.

»Als ich deinen Pass sah und du sagtest, dass du deine Tochter suchst, wurde mir einiges klar.« Das Bier folgte.

»Wer ist schon Journalist und heißt Peter-Maria Stösser? Hat Dutzende von Visa aus Asien in seinem Pass? Schau mal …« Er schob mir den zusammengefalteten Zettel über den Tisch.

»Das ist die offizielle Anmeldung für Untermieter, wenn jemand einen hier aufnimmt.«

Ich entfaltete das gelochte und mit dem Stempel einer Behörde beglaubigte Papier.

1987 war als Datum vermerkt. Meine Augen wanderten von unten nach oben. Da stand:

Geschlecht des Mieters: Weiblich.

Geboren: 12.12.1969

Herkunft: Vietnam

Geburtsort: Ho-Chi-Minh-Stadt

Religion: Keine

Beruf: Studentin

Name: Chu

Vorname: The-Maria

Ich faltete den Zettel wieder zusammen und schob ihn über den Tisch zurück. Ja, das konnte meine Tochter sein.

»Wie kommst du da dran?«

Ewald sah zum Fenster hinaus. Es war beschlagen. Kondenswasser suchte sich in feinen Perlen den Weg zur Fensterbank, auf der ein paar verdorrte Pflanzen ihre letzten Stunden fristeten. Der Schneefall hatte sich verstärkt. Hier kam ich heute nicht mehr weg.

Der Mercedes verwandelte sich langsam in ein Edel-Iglu. Aber er war noch da. Und der Motor lief, wie ich am weißen Auspuffqualm sehen konnte.

»Deine Tochter war mit meiner auf der Kunstschule. Und das ist ihr Meldezettel. Sie hat bei mir in der Mansarde gewohnt«, brummte Ewald abwesend.

»Was heißt ›hat‹?« Ich versuchte zweierlei unter Kontrolle zu behalten: erstens meine Überraschung und zweitens den Wutausbruch, der regelmäßig meine Hilflosigkeit durch Aggressivität zu vertuschen versuchte. Böse medizinische Zungen nennen das Cholerik.

»Weil eines von den beiden Mädchen definitiv nicht mehr lebt. Meins …«

Ewald fummelte sich mit seinen dicken Fingern ein weiteres Zigarillo aus der Schachtel, die ich gleich hatte auf dem Tisch liegen lassen.

»Ich war in dieser Vorstellung. Ich habe die Mädchen hingebracht und Erinnerungsfotos gemacht. Danach sind wir noch mit der Truppe in der Theaterkantine gewesen. Das Ensemble wollte noch etwas für sich sein. Warum nicht? Die jungen Damen sind ja alle nach dem Gesetz volljährig.«

Er bestellte noch zwei Gedecke. Wenn das so weiterging, schaffte ich es nur noch auf allen vieren in mein Mercedes-Iglu.

»Beide kamen in der Nacht nicht nach Hause …«, fuhr Ewald stockend fort. »In der nächsten und übernächsten auch nicht. Na ja, habe ich mir gedacht, die lassen sich ja ohnehin nichts mehr sagen. Lass sie machen. Nach drei Tagen schaltete ich meine Kameraden ein. Das war nicht normal. Diese Unruhe, die einen Vater packt, sie trieb mich um. Den Kindern musste etwas passiert sein. Und dann kommst du an den Grenzübergang und suchst deine Tochter.«

Das musste ich erst verdauen. Auf der blinden Suche nach meiner Tochter, traf ich genau auf den Mann, der sie seit zwei Jahren beherbergte. War das ein gutes oder schlechtes Omen?

»Ja und? Was ist aus den beiden geworden, wenn du schon deine ganze Vopo-Organisation eingeschaltet hast?«

Ewald rauchte Kette. Bald musste ich an mein Gepäck, um Nachschub zu holen.

»Meine Tochter lebt nicht mehr. Alles, was meine Kollegen von der Volkspolizei, die ihr Wessis Vopo nennt, herausfanden, ist, dass beide Mädchen gegen 23 Uhr von ihren Freunden am Theater abgeholt wurden.«

Ewald stockte. Bestellte nur noch Korn für sich.

»Was heißt, deine Tochter ist tot?«, hakte ich nach. Eine böse, unbestimmte Ahnung kroch mir in die Gegend des Sonnengeflechts. Ein untrügliches Zeichen, dass hier etwas äußerst Unangenehmes auf mich wartete. Sonst hätte mich der Unbekannte nicht hierhergelockt, um nach meiner Tochter zu suchen.

»Wenige Tage später hat man sie aus der Spree gefischt. Man hat sie mehrfach vergewaltigt, ihr die Kehle durchgeschnitten und sie regelrecht weggeworfen.«

Ewald sah durch mich hindurch. Er hatte keine Tränen mehr. Es war nur noch ein sturer Geradeausblick. Wie der eines Grenzers. Leblos. Er hatte aufgegeben.

»Lebt deine Frau noch?«, versuchte ich eine Brücke zu bauen. Ich musste wissen, was er über den Verbleib meiner Tochter herausgefunden hatte, nachdem er schon den ganzen Polizeiapparat nach der Suche von zwei Freundinnen angekurbelt hatte.

»Nein. Meine Tochter war die Letzte meiner Familie. Mein ganzer Trost, meine Hoffnung …«, er atmete tief durch und beugte sich verschwörerisch über den Tisch, »ist, dass dieser ganze Spuk bald ein Ende hat. Dann gehe ich in Rente und ziehe zu meinem älteren Bruder nach Köln. Der war schlauer. Ist schon vor zwanzig Jahren abgehauen. Meine Frau wollte damals das Risiko nicht eingehen. Und ich hatte einen sicheren Beruf. Na ja, damit ist jetzt wohl sowieso Schluss. Und die Aussichten sind mau. Wer nimmt einen alten Stasi-Beamten noch? Hör dich doch nur mal um. Alle wollen nur noch rüber. Und hier bricht inzwischen die Anarchie aus. Die ehemaligen Bruderstaaten schicken schon ihre Truppen: Russen-, Tschechen-, Polen-, Chinesen- und Vietnammafia. Die haben inzwischen das Land übernommen. Aber keiner unternimmt mehr was dagegen. Wir kassieren langsam mehr Geld von denen als vom Staat. Nur damit wir die Grenzen noch offener halten, als sie es jetzt schon sind. Ihr im Westen werdet euch noch wundern, was da auf euch zukommt. Da waren die Hunnen ein freundliches Völkchen. Mollie, noch ein Gedeck!«

»Was ist aus den Nachforschungen über meine Tochter herausgekommen?«, hakte ich jetzt etwas ungehalten nach.

Ewald lachte höhnisch. »Du glaubst doch nicht, dass sich hier jemand wegen einer Vietnamesin Gedanken macht. Nichts ist dabei rausgekommen. Sie wurde nicht in der Spree gefunden. Vermisst. Vermutlich außer Landes. Das war alles. Ermittlungen eingestellt.«

Mein Gehirn begann sein eigenes Süppchen zu kochen. Ich bekam Kopfschmerzen. Ein Teufel, der Vergangenheit hieß, begann meine Erinnerungen aufzukochen. Noch rührte er, damit die Grundsubstanz nicht ansetzte. Egal, wie er rührte, es würde in jedem Fall eine bittere und trotzdem verbrannte Brühe dabei herauskommen.

»Sagt dir der Name ›Sampan‹ etwas?«

Ewald löste sich aus seinen Erinnerungen. Sein Gesicht nahm wieder menschliche Formen an.

»Sampan?« Sein Kopf wanderte in seine stützenden Hände. »Da war mal was. Während der Untersuchung des Mordes an meiner Tochter. Aber was? Ich bin zu betrunken, um mich daran erinnern zu können.« Er schob mir den Anmeldezettel zu. »Das Zimmer deiner Tochter kannst du haben. Meine Adresse steht drauf. Ist bis zum Jahresende bezahlt. Und wie gesagt, deine Tochter war sehr ordentlich und sauber. Da liegt nichts rum … so wie bei meiner Tochter.« Nun kämpfte er doch noch mit den Tränen. Der Alkohol tat seine Wirkung. Die Trostmenge war überschritten und kippte in das Verzweiflungstief um.

»Kannst du mal kommen? Telefon …«, sagte jemand, tippte mir auf die Schulter und verschwand sofort wieder.

Ewald hob wackelnd den Kopf. »Das war doch Phong. Was macht der denn hier? Oder sehe ich schon Gespenster?«

Ich steckte den Meldezettel ein. Das einzige offizielle Beweisstück, dass es meine Tochter hier gab. Geben musste. Dann bezahlte ich in Westmark und schlug den Kragen hoch.

»Du fährst nicht mehr. Du bist betrunken. Und da verstehen die hier keinen Spaß«, entschied Phong und dirigierte mich auf den Beifahrersitz. Es roch wie in Olgas Grill. Die Buletten waren von den Lüftungsschlitzen verschwunden. Der Duft war geblieben.

Ich nahm den Hörer des Autotelefons.

»Ja …?«, knurrte ich.

Eine Stimme hustete am anderen Ende. »Ach, ist ja nett, dass ich dich mal erwische. Deine Tochter scheint dir nicht viel wert zu sein.« Ein heiseres Lachen folgte. Die Stimme rauchte. Blies den Qualm in das Mikrofon.

»Wer sind Sie? Wo ist meine Tochter? Was wollen Sie von ihr und mir?«

Ein ächzendes Lachen folgte. Es hörte sich an, als übte ein Rabe die menschlichen Laute.

»Ach Peter. Reg dich nicht auf. Deiner Tochter geht’s gut. Sie ist hübsch. Sehr hübsch. Die Kundschaft steht, oder soll ich sagen, liegt bei ihr schon Schlange. Sie ist ihr Geld wert. In einer Stunde. Im Sans Soucis. Komm ja nicht wieder zu spät.« Dann war die Verbindung unterbrochen.

»Hast du den Kerl angerufen?«

Phong schüttelte den Kopf.

»Nein. Es piepste plötzlich. Da habe ich abgenommen.«

Ich musste ihm glauben.

»Wo ist das ›Sans Soucis‹? Und was ist das? Da müssen wir in einer Stunde sein.«

Phong legte die Hände in den Schoß. Im rötlichen Licht der Armaturenbeleuchtung kam mir seine versteinerte Miene bekannt vor. Mein Gehirnteufel war dabei die Erinnerungssuppe zum Sieden zu bringen.

»Wo das Sans Soucis ist, weiß ich. In einer Stunde, das ist selbst bei diesem Wetter kein Problem«, zischte er, ohne die Lippen zu bewegen. »Was es ist, das weiß ich allerdings nicht. Ausländer ohne harte Währung haben dort keinen Zugang.« Dann schwieg er und wühlte den Mercedes aus dem Schneehaufen, als hätte er nie etwas anderes getan.

Er folgte einer verschneiten Straße nach der anderen. Es war sinnlos, hier nach einem Orientierungspunkt zu suchen. Wie im Urwald. Alles sah gleich aus.

»Woher kennst du Hauptwachtmeister Steiger?«

»Kenne ich nicht«, kam es knapp und konzentriert zurück.

»Aber er kennt dich. Woher?«

»Weil The bei ihm wohnt. Da muss er mich ein paar Mal gesehen haben.«

Ich stellte den Sitz in Ruheposition und faltete die Hände über dem Bauch. Ruhig Blut, versuchte ich die langsam brodelnde Suppe nicht überkochen zu lassen.

»Du bist also mit meiner Tochter befreundet. Du hast sie vom Theater abgeholt. Was geschah danach?«

»Ich wusste nicht, dass sie einen Vater hat. Sie hat nie über dich gesprochen. Mehr weiß ich nicht.«

»Aber du hast mit ihr geschlafen?«

Wieder dieser blöde Versuch eines eifersüchtigen Vaters, Geschehenes ungeschehen zu machen, weil einfach nicht sein konnte, was nicht sein durfte.

»Nein. Du weißt, wie spröde vietnamesische Mädchen sind. Ohne Zustimmung der Familie geht nichts. Und sie hat keine Familie.«

Ja, ich wusste sehr wohl, wie Frauen aus dem Mekong-Gebiet sein konnten. Stolz und unerbittlich, wenn es um die Familienehre ging. Und gegen die hatte ich Tölpel auf das Schändlichste verstoßen. Ich konnte mir sicher sein, dass ich keinen Platz auf dem Familienaltar der Chus haben würde. Auf dem standen alle Familienmitglieder des Clans seit über hundert Jahren. Und sie wurden an ihrem jeweiligen Todestag geehrt, als wären sie gerade geboren.

Phong steuerte den Wagen konzentriert durch die Straßen von Berlin. Winterdienst schien man hier nicht zu kennen. Es schneite noch stärker.

»Du hast The-Maria aber vom Theater abgeholt. Was passierte dann?«

Phong schien sich an allem Möglichen zu orientieren, um den Weg zu finden – verschneiten Litfaßsäulen, Ampeln, Bäume, Mülltonnen. Ich hatte längst aufgegeben zu fragen, wo wir waren.

»Ich hatte mit The-Maria ausgemacht, dass ich sie und ihre Freundin auf meiner letzten Tour mitnehme und nach Hause bringe. Ich war ein paar Minuten zu spät dran. Ein Kunde hatte mich mit einer Reklamation aufgehalten. Es regnete …«

Dann schwieg er wieder.

Es war zum Aus-der-Haut-Fahren. Ich kannte so ziemlich alle möglichen Asiaten. Alle redeten sie ohne Unterlass. Nur den Vietnamesen und Kambodschanern musste man jedes Wort aus dem Leib prügeln. Gegenüber anderen ethnischen Gruppen und Rassen gaben sie nie mehr preis, als sie für unbedingt nötig hielten.

»Und was war dann? Verdammt noch mal, rede endlich.«

»Ich sah nur noch, wie die beiden Frauen in eine schwarze Limousine russischer Bauart einstiegen.« Wieder schwieg Phong und suchte einen neuen Anhaltspunkt auf dem Weg. Wie ein Pfadfinder.

»Ja und dann?« Ich wurde ungehalten. Das war manchmal die einzige Sprache, die sie verstanden: dass eine »Langnase« wütend wurde.

»Ich bin dem schwarzen Wagen gefolgt. Wollte wissen, wohin er fährt.«

»Und wohin fuhr der schwarze Wagen?«

Phong steuerte ein Wohngebiet an, das von der edleren Sorte zu sein schien. Keine Wohnblocks. Alte Villen mit Gärten. Hier standen die Laternen auch dichter. Er ließ den Wagen an einer Kreuzung ausrollen und stellte den Motor ab.

»Wir sind da. Das Sans Soucis. Da hat man die Mädchen hingebracht. Und wenn du den Schnee wegmachst, da steht der schwarze Wagen. Die Nummer habe ich mir gemerkt.« Er deutete auf eine Reihe parkender Fahrzeuge.

»Die Stunde ist fast um. Du solltest deinen Termin wahrnehmen. Ich warte hier genau eine Stunde. Wenn du dann nicht wieder hier bist, rufe ich meine Leute.« Seine Hand deutete auf das Autotelefon.

Hörte ich plötzlich so etwas wie Hass in seiner Stimme? War hier ein Krieg im Gang? Und ich mal wieder mittendrin?

Ich nickte. »Willst du hier einen Bandenkrieg anzetteln? Du bist in einem fremden Land nur Gast. Was willst du denn ausrichten, wenn ich in einer Stunde nicht zurück bin?«

Phong suchte einen Sender im Autoradio. Auf SFB wurde er fündig. Ein Lied aus den späten 70ern. Boney M., »Ma’ Baker«. Das Lied über eine gewalttätige Mutter mit ihren Söhnen, die sie zu Mördern und Dieben ausgebildet hatte, die raubend und mordend durch die USA der 30er gezogen waren.

»Versuche es erst einmal friedlich. Wenn nicht, dann versuche nur eins. Rauszukommen«, presste Phong zwischen den Lippen hervor. »Das zweite Haus um die Ecke. Da musst du hin.«

Es hatte keinen Sinn, mit ihm zu diskutieren. Er liebte es, in Rätseln zu sprechen. Wie die Mutter meiner Tochter. Sie setzte auch immer mehr voraus, als ein Europäer nachzuhalten vermochte, um die Orakel zu verstehen. Geheimnisvolle, vieldeutige Aussagen, die anstatt einer vernünftigen Antwort auf eine Frage als sprachlich schön verkleidetes Märchen zurückkamen. Oder als Drohung. Und wehe, man konnte beide nicht auseinanderhalten.

»Du kannst trotzdem nicht unbewaffnet da hinein.«

Phong wickelte ein Tuch auseinander. »Such dir eine aus.«

Das Haus war durch einen Vorgarten zu erreichen. Verschneite Büsche. Ein verschneiter Weg, über den in den letzten Stunden niemand mehr gegangen war. Eine alte Villa mit Fenstern mit leicht gebogenem Sturz. So als würde ein steinerner, grau verputzter Mensch die Augenbrauen anheben, sahen sie den Besucher an. Eine müde Laterne aus Schmiedeeisen über dem Eingang. Ein Messingschild. Villa Sans Soucis. Eine Klingel. Sonst nichts.

Ich drückte auf den kleinen Knopf. Eine Glocke im Inneren dingdongte. Schritte. Eine Klappe in der Tür öffnete sich. »Wer sind Sie?«

»Peter Stösser. Ich habe einen Termin hier.« Die Klappe wurde verriegelt. Ich wartete. Mir war kalt, obwohl es nur knapp um den Gefrierpunkt sein musste. Phong hatte die Klimaanlage im Wagen auf dreißig Grad gestellt. Er fror auch. Das fiel mir jetzt erst auf.

Die Tür öffnete sich. Fiel sofort hinter mir wieder ins Schloss. Grobe Hände tasteten mich ab. Blieben an einer Stelle haften. Tasteten erneut.

»Was ist das?«

»Nasenspray. Ich bin erkältet.«

Der Grobian nickte und steckte die kleine Sprühflasche an ihren Platz in meiner rechten Manteltasche zurück.

»Der Chef erwartet Sie. Im Keller. Kommen Sie.«

Wir durchquerten einen Raum, der wie ein plüschiger Kontaktraum für Nutten und deren Freier ausgestattet war. Rot. Grün. Sofas. Beistelltische mit Messingleuchtern. Dicke Teppiche, die jeden Schritt schluckten. Es roch nach kaltem Rauch, Alkohol und einer Mischung von abgestandenen Parfüms, deren Rezeptur sich kein noch so begnadeter Chemiker hätte ausdenken können. Das Ganze hier war ein Puff, keine Frage. Wahrscheinlich war ich bloß zu früh dran.

Der Grobian ging voran. Eine Treppe hinab. Einen Gang entlang. Mehrere Türen mit kleinen Clownsmasken aus Porzellan bezeichneten die Räume der Lustbarkeit. Keine schlechte Idee, befand ich. Besser als Nummern.

»Hier hinein.«

Mein Begleiter, wenn man ihn höflich als solchen bezeichnen wollte, öffnete eine Stahltür und schob mich in den Raum. Dann war Schluss. Das Schloss wurde hinter mir verriegelt. Der Raum war dunkel. Ich war eingesperrt. Im Reflex tasteten meine Hände am Türrahmen entlang. Jeder Raum hatte links oder rechts davon einen Lichtschalter. Dieser nicht. Nur Plüschbezug. Der Geruch war widerlich und brachte meine Suppe der Vergangenheit langsam zum Kochen. Schweiß gemischt mit allen Ausdünstungen, die ein Mensch haben konnte. Lust, Angst, Sucht und Blut. Es roch nach Gummi und Leder.

Ein Lachen klang aus mehreren Lautsprechern. Gleichzeitig sprang eine Batterie von Scheinwerfern an.

»Na ist doch schön, mal einen alten Kameraden wiederzusehen«, dröhnte es aus allen Ecken. »Muss man dich immer so lange bitten, bis du für einen guten Freund etwas tust?«

Es dauerte ein paar Sekunden, bis sich meine Augen an das schummrige Licht gewöhnt hatten.

»Sieh dich ruhig um. Kommt nicht oft vor, dass ein Vater den Arbeitsplatz seiner Tochter inspiziert.« Ein böses Lachen folgte.

Es war eine Folterkammer. Ausgestattet mit allem, was sich Sadisten ausdenken konnten. Dies war der Sado-Maso-Keller eines Clubs.

»Wer bist du und was willst du?« Ich setzte mich auf eine Streckbank und zündete ein Zigarillo an. Bei dem Mief kam es auf den zusätzlichen Tabakqualm nicht mehr an.

Die Stimme am Mikrofon rauchte auch. Ich suchte nach der Kamera, mit der er mich beobachtete. Da war keine. Nur ein Spiegel.

»Warum versteckst du dich hinter einem Spiegel? Komm raus. Dann können wir reden.«

Ein heiseres Lachen folgte. »Warum sollte ich rauskommen? Du kennst mich doch. Brauchst nur auf meine Forderungen einzugehen, dann kannst du deine Wasserpuppenspielerin noch vor Dienstantritt mitnehmen. So einfach ist das.«

Diesen Ausdruck hatte ich nur einmal in meinem Leben gehört. Mit einem französischen Akzent. Und das war 1968 gewesen. An einem 26. Dezember in Saigon.

»La Troux? Bist du Gauner das?«

»Das wirst du nie rausfinden …« Ein kurzer Hustenanfall folgte.

»Krieg ich hier auch was zu trinken?« Mir kam eine böse Ahnung, wer dahinterstecken konnte. Aber solange er sich nicht zu erkennen gab, gab es mehrere Möglichkeiten. Es waren zu viele gewesen, die von mir wussten. Damals …

»Bediene dich. Im Hackklotz für die Enthauptungen ist ein Barfach. Deine Whiskeymarke dürfte dabei sein. Du nimmst ja kein Eis, soweit ich mich erinnere.«

Ich umrundete den Klotz. Da war keine Bar.

»Zieh einfach an dem Ring. Dann geht er auf.«

Er ging auf. Klappte einfach auseinander. Begleitet von einem schallenden Gelächter aus den Lautsprechern.

»Die Kunden lieben es, auf ihrer Marke enthauptet zu werden. Ein schönes Spielzeug. Findest du nicht auch?«

Dazu sagte ich besser nichts. Ein Glas sparte ich mir. Nahm die ganze Flasche. Vielleicht klappte es so, den Unbekannten aus seinem Versteck zu locken.

»Und wenn ich jetzt mal muss? In welches Requisit pinkle ich dann?«

Der Spiegel sprang auf. »Ist an alles gedacht. Bitte bedien dich. Ist nicht wie im Lager.«

Die Stimme kannte das Lager. Das reduzierte zumindest die Möglichkeiten. Aber es waren immer noch zu viele, die in Betracht kamen. Er gab sich nicht zu erkennen. Warum nicht?

Das Bad hinter dem Spiegel war eine sanitäre Fortsetzung der Folterkammer. Badewanne, Duschen mit Handschellen und Würgeeisen.

»Na, gefällt dir der Arbeitsplatz deiner Tochter?«

Ich lehnte die Spiegeltür nur an und setzte mich wieder auf die Folterbank.

»Was willst du? Was muss ich tun, um meine Tochter hier rauszuholen? Ich könnte die Polizei rufen.« Den Nachsatz hätte ich mir besser erspart. Ein gewaltiges, von den Lautsprechern verstärktes Lachen dröhnte durch den Raum. Brach sich an den diversen Foltergeräten und den Gittern eines Käfigs.

»Die Grenzen sind offen. Gut für alle Geknechteten in diesem Staat. Weniger gut für mein Geschäft. Die Bonzen suchen sich neue Studios im Westen. Ihre untergebenen Polizisten auch. Vergiss es also, auf deren Hilfe zu bauen. Nur kosten die mich langsam ein Schweinegeld. Also muss ich mir auch neue Bereiche suchen, um zu überleben. Wenn da nicht ein kleines Problem wäre. Und um das zu lösen, brauche ich dich.«

Mir musste etwas einfallen, um hier herauszukommen. Die Stimme meinte es ernst. Und einschüchtern ließ er sich offensichtlich nicht. Wie hatte Hauptwachtmeister Steiger in seinem beginnenden Alkoholtran gesagt? Die Mafia zahlt inzwischen besser als der Staat.

»Ich trau dir nicht. Ich habe auch etwas zu verlieren. Beweise mir, wer du bist. Sonst kannst du meine Tochter behalten. Sie ist dann nicht mehr mein Kind. Weißt du, warum?«

Einen eigentlich unbedeutenden, aber doch entscheidenden Moment war nur ein hektisches Atmen über die Lautsprecher zu hören.

»Ich will Beweise für deine Existenz. Sonst kannst du jedes Geschäft mit mir vergessen«, brüllte ich in den Raum. »Schneide meiner Tochter den Hals durch und wirf sie in die Spree. Das hast du doch schon einmal mit ihrer Freundin getan. Die passte deinen Kunden wohl nicht in den Kram. Oder kannte sie jemanden von deinen Parteibonzen und musste deshalb weg?«

Die Lautsprecher atmeten schwer.

»Mach die Tür auf. Ich gehe. Das Geschäft kannst du vergessen.« Wütend trat ich den Spiegel zum Bad ein. Nahm die Scherben und zerschnitt das Polster der Folterbank. Als Nächstes waren die Kalotten der Lautsprecher meinem Wutanfall ausgesetzt. Eine nach der anderen gab unter meinen Hieben ihren Geist auf. Nur diese verdammte Kamera war nicht zu finden. Mich hatte die Zerstörungswut gepackt. Was konnte ich hier noch zerkleinern?

»Du bist genauso hilflos wie damals«, tönte die Stimme. »Deine Aggressivität im Einsatz hat dir schon damals den Namen ›Ratte‹ eingebracht. Glaubst du vielleicht, ich bin nicht auf dich vorbereitet? Du kannst kaputtmachen, was du willst. Es steigert nur den Preis für The-Maria. Und du würdest deine Tochter nie aufgeben. Dafür hast du zu viel erleiden müssen, um sie überhaupt zu bekommen. Also spiel hier nicht den Rambo. Geh … sonst überlege ich es mir noch und deine Tochter ist heute Nacht nicht die Domina, sondern das Opfer.«

Das Licht erlosch. Die Tür wurde entriegelt.

»Sie haben etwas vergessen«, sagte der Grobian, der die Tür öffnete, und wedelte mit einem Schlüssel in der einen Hand und einer Pistole in der anderen.

»Was soll das?« Mir reichte diese Demonstration von Macht und Gewalt, die sich seit 1968 permanent durch mein Leben zu ziehen schien. Mal in dieser, mal in jener Form. Mal regelmäßig, mal abwartend lauernd. Dann sprang sie mich aber ohne Vorwarnung aus dem Hinterhalt an. Meinem Pass nach war ich noch ein junger Mann von 43 Jahren. Aber meine Nerven hatten inzwischen die Konsistenz der eines Hundertjährigen. Nämlich überhaupt keine mehr.

»Das sind Ihre Autoschlüssel«, sagte der Türsteher lächelnd. »Und die Waffe habe ich mir erlaubt zu entladen. Das ist kein Spielzeug für einen Vietcong. Den finden Sie übrigens im Kofferraum. Halten Sie sich ab 12.00 Uhr morgen bereit. Der Chef ruft Sie im Auto an. Also sehen Sie zu, dass der Mercedes nicht geklaut wird. Ist ein übles Pflaster hier.«

Die Spuren im Schnee hatten sich vervielfacht. Die Gäste kamen. Meine Laune war auf dem Nullpunkt. Ich schlug den Kragen hoch und drehte mich noch einmal um. »Wie heißt Ihr Chef eigentlich? Ich sollte schon wissen, wer mich anruft.«

»Wie er wirklich heißt, braucht Sie nicht zu interessieren. Für Sie heißt er nur Sampan. Das wird genügen.« Die Eingangstür fiel ins Schloss. Der Schneefall hatte aufgehört. Ich hatte einen Autoschlüssel und eine entladene Pistole in der Tasche. Hoffentlich war der Wagen noch an seiner Stelle.

Dieser Sampan musste einer aus unserer Truppe von Journalisten in Vietnam sein. Er kannte zu viele Details, er musste es selbst miterlebt haben. Die Wasserpuppenspielerin. Meine Tochter. Meine Aggressivität im Job, wie in der Verteidigung meiner kleinen Familie. Ja, die Kollegen hatten mich damals, das war nun über einundzwanzig Jahre her, schnell akzeptiert. Ich wollte besser sein als sie, die sich nach einigen Jahren Kriegsberichterstattung langsam den gemütlicheren Teil an den Bars ausgesucht hatten. Sie hatten mir den Teil der vermeintlich besseren Aufträge zugeschanzt. Dabei hatte ich nur ihre Drecksarbeit gemacht. Das hatte ich aber zu spät erkannt. Viel zu spät.

»Oh, oh. Da hat dir aber jemand gehörig eins über die Rübe gegeben.«

Ewald Steiger, der Hauptwachtmeister, war wieder halbwegs nüchtern und versuchte Phongs Platzwunde am Kopf zu verarzten. Die Küchenuhr zeigte, dass es schon nach Mitternacht war. Der Sampan hatte mit seinem Gehilfen ganze Arbeit geleistet. Phong hatte ich im Kofferraum gefunden. Mit gefesselten Händen und zugeklebtem Mund. Wie er trotzdem noch fahren konnte und den Weg zum Haus von Ewald gefunden hatte, würde für mich ein Rätsel bleiben. Aber sie waren zäh, dieses Vietnamesen. Die musst du mindestens dreimal totschlagen, sonst wirkt das bei denen nicht … hatte mir ein Kollege gesagt.

»Mir geht das Verbandszeug aus«, stöhnte Ewald. »In deinem Luxuskarren muss doch noch welches sein. Los hol es. Sonst müssen wir unseren Kleinen noch ins Krankenhaus bringen.«

»Der Wagen darf nicht ohne Aufsicht bleiben«, presste Phong zwischen den zusammengebissenen Lippen hervor. »Ich muss telefonieren. Ich brauche meine Leute.«

»Du brauchst jetzt mal nur Kopfschmerztabletten, einen Verband, der hält, und Schlaf. Sonst nichts«, knurrte Ewald. »Was ist? Das Verbandszeug!«

Ich brachte den Erste-Hilfe-Kasten. Und noch etwas.

»Kann mir mal einer sagen, wie das in den Kofferraum des Mercedes kommt und was das ist?«

Ewald besah sich das Päckchen kurz und räumte das Verbandszeug aus. »Erst den Kopf. Dann den Rest. Unser vietnamesischer Freund wird uns das schon erklären. Sieht nach einer verdammten Schweinerei aus.«

Phong zuckte kaum, als ihm Ewald die Wunde mit Jod eingepinselt hatte. Der Verband hielt.

»Ihr habt die bessere Qualität. Kein Wunder, dass in diesem Staat niemand mehr bleiben will. Also, nimm mal besser gleich vier von unseren Schmerztabletten. Eine wird schon wirken.« Phong schluckte das Zeug ohne Widerstand. Schüttelte sich und stand schwankend auf. Eine Gehirnerschütterung war das mindeste, das ihm jemand zugefügt hatte.

»Das Telefon. Ich muss telefonieren«, jammerte er, als ging es um sein Leben.

»Im Flur. Wo ein Telefon hingehört«, knurrte Ewald kopfschüttelnd und besah sich das Päckchen, das ich im Kofferraum gefunden hatte. Befühlte es und roch daran. Es sah wie ein Pfund Mehl in einer Plastikverpackung aus.

Phong war am Telefon im Gang lauter, als ich ihn bisher kannte. Er sprach schnell. Ich verstand ihn nicht.

»Meine Leute passen heute Nacht auf den Wagen auf.« Er ließ sich schwer atmend wieder an den Küchentisch fallen. Besah sich das Päckchen und ritzte einen Schlitz mit dem Fingernagel in die Hülle. Weißes Pulver rieselte heraus.

»Reinstes Opium.« Er schnüffelte an der Substanz. »Darum geht es. Und die wollen mich damit reinziehen, als Preis für The-Maria. Ein Vietnamese gegen eine Vietnamesin. Kein schlechtes Geschäft. Und ein unbescholtener Westdeutscher bringt das Zeug unkontrolliert über die Grenze.«

Ewald tauchte einen Finger in das Pulver und leckte daran.

»Wirkt aber nicht so wie Alkohol«, stellte er trocken fest.

»Das ist kein Kokain. Opium muss noch aufbereitet werden.« Phong hüllte das Päckchen in eine alte Tageszeitung.

»Verstehe ich nicht«, knurrte Ewald. »Peter bekommt den Hinweis, dass du im Kofferraum eingesperrt bist. Die mussten doch wissen, dass jemand auch dieses Zeug da findet. Was ist das überhaupt wert?«

Phong stützte seinen verbundenen Kopf in die Hände. »Wert? Wenn es absolut rein ist, um die einhunderttausend Mark. Westmark. Und bezwecken tun die genau das, was ein Europäer nicht begreifen kann. Wir haben es bei dem Sampan mit einem Asiaten zu tun. Nur die denken so. Sonst hätte ich meine Pistole nicht zurückbekommen.«

»Pistole?« Ewald schreckte aus seinen Gedanken hoch. Er wurde zum Polizisten. »Was haben vietnamesische Studenten in unserm Staat mit Pistolen zu tun? Und so jemanden habe ich mit meiner Tochter herumlaufen lassen?«

»Nun gib mal Ruhe. Deine Tochter lebt nicht mehr«, griff ich in den aufkommenden Zorn des alten Grenzers ein. »Meine vielleicht auch bald nicht mehr, wenn wir nicht eine Lösung finden.«

Ich verstand, was Phong meinte. Obwohl ich mir nicht sicher war, dass der Sampan ein Vietnamese war. Er musste einer von uns gewesen sein. Nur wer? Wir waren zwölf Reporter gewesen. Zwölf Ratten, die auf die Einsätze mit den Amerikanern lungerten, um Geld zu verdienen. Wir hatten uns selbst »the Rat Pack« genannt, frei nach Frank Sinatra und seinen Kumpanen. Das Rattenpack. Jeder hatte versucht, den lukrativeren Einsatz zu ergattern. Wer nicht zurückkam, für den wurde schnell von seiner Redaktion ein Ersatz geschickt. Unbedarft und ohne Kriegserfahrung. Hauptsache, es gab einen »Korrespondenten vor Ort«, wie man uns so überbewertend betitelte, wenn unsere Berichte via Fernsehen schön-schaurige Bilder in die Wohnzimmer der Welt flimmerten oder unsere Fotos auf den Titelseiten der Boulevardpresse prangten.

Und ich war einer von diesen »Greenhorns«, diesen Jünglingen, gewesen, der einen ausgebrannten Kollegen zu ersetzen hatte. Aber das war verdammt lange her. Oder auch nicht, wie es den Anschein hatte.

»Ich verstehe eure Andeutungen nicht«, grummelte Ewald. »Was hat das mit so einer teuren Ware da zu tun? Sollt ihr die weiterverkaufen? Die verschenken doch nicht mal so eben Opium für hunderttausend Mark?«

Phong stützte sich auf der Tischplatte hoch.

»Ich muss in fünf Stunden Gemüse einkaufen. Sonst schaffe ich meine Bestellungen heute nicht. Ich gehe schlafen. Lass dir das von dem Asienexperten erklären. Er weiß, was ich damit meine. Sonst glaubt mir ja niemand.«

Phong fiel einfach um.

»Da habe ich mir ja ’ne schöne Scheiße eingebrockt«, fluchte Ewald. »Los, hilf mir. Dann schläft er eben im Bett meiner Tochter. Da kennt er wenigstens den Geruch. Vielleicht hilft ihm das.«

Phong war leicht wie eine Feder. Der Hauptwachtmeister hatte ihn selbst zugedeckt und eine Weile betrachtet. Wie einen Sohn, den er nie gehabt hatte. Der junge Mann war sofort eingeschlafen. Ewald hatte eine Leselampe brennen lassen, das Deckenlicht ausgeschaltet und die Tür äußerst behutsam geschlossen.

»Und du schläfst heute auch hier. Im Bett deiner Tochter, und du wirst mir vorher erklären, warum ich so viel Rauschgift in der Küche habe und was das bedeuten soll. Haben die Asiaten sie nicht alle?«

Das war für Ewald, den ostdeutschen Beamten, ein paar Nummern zu groß. Es würde für jeden nichtkriminellen Europäer unverständlich bleiben.

Ich versuchte eine Erklärung. Sie versandete am Boden einer Flasche Korn und einer Zigarilloschachtel. Es war ihm mit jedem Schluck weniger klarzumachen, dass die asiatische Mafia anders dachte. Dieses Indiz eines Opiumbeutels, über das sich jeder Fahnder gefreut hätte, war nichts anderes, als die Aussage: Wir haben viel davon. Mit jedem Gramm, das wir dir schenken, wird die Freiheit deiner Tochter teurer. Also tu, was wir wollen. Du wirst reichlich dafür bezahlt. Wirf es weg oder verkaufe es. Wir haben deine Tochter.

»Puuh.« Ewald kratzte sich in seinen wenigen Haaren. »Dann habe ich mit euch beiden ja einen dicken Fehler gemacht. Jetzt habe ich zwei Hilfsmafiosi unter meinem Dach. Schöne Scheiße! Haben die sich fein ausgedacht.«

Die nächste Flasche wurde entkorkt.

»Naja, Personenkontrollen gibt’s nicht mehr. Aber Fahrzeugkontrollen schon noch. Werde mir morgen – ach nee, ist ja schon heute – mal die Fahrzeuge an der Grenze näher ansehen und meine westdeutschen Kollegen informieren.« Er lachte wie über einen gelungenen Streich. Zündete sich noch ein Zigarillo an. Ich würde das bessere Geschäft machen, wenn ich diese Tabakrollen hierher importierte.

»Genau das wollen die. Die wollen, dass du alles auffliegen lässt.«

Ewalds korngetränkten Augen sahen mich ungläubig an.

»Ich gebe doch meinem Feind keine Argumente in die Hand. Sind das alles Selbstmörder? Verstehe ich nicht. Ich glaube, ich gehe jetzt mal ins Bett.« Mühsam, sehr mühsam stemmte er sich vom Küchentisch hoch.

»Das soll einer verstehen. Nach welchem Prinzip denken denn diese Menschen?« Er stolperte rückwärts und fing sich am Herd.

»Wenn du deinen Feind besiegen willst, dann hilf ihm gegen seine Feinde.«

Mehr sagte ich jetzt besser nicht mehr. Es wurde Zeit, diesen langen Tag unter dem Mantel des Schlafs zu begraben.

»So ein Schwachsinn«, knurrte Ewald. »Meinem Feind zu helfen, um noch einen Feind zu besiegen? Hier ist der Schlüssel zur Mansarde. Vierter Stock. Gleich rechts. Gute Nacht. Für ...

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