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Sahnestücke

Was sind Kurzgeschichten eigentlich?

Lt. Erklärung von Wikipedia heißt es:

„... eine moderne literarische Form der Prosa, deren Hauptmerkmal in ihrer Kürze liegt. Dies wird oft durch eine starke Komprimierung des Inhalts erreicht.“

Ich weiß nicht, ob es eine „Norm“ gibt, die besagt, welche Seitenzahl eine Kurzgeschichte haben muss. Ich glaube allerdings, die Geschmäcker gehen an dieser Stelle weit auseinander.

Wo für den einen Leser schon 15 Seiten eine Kurzgeschichte bilden, sind es für den nächsten vielleicht erst 100.

Klar ist nur eins: Diese sogenannten „short stories“ sind nichts Anderes als Ausschnitte.

Wer eine komplexe Geschichte erwartet, die ihn über mehrere Stunden unterhält, wird vermutlich unbefriedigt bleiben.

Wie nannte Wolfdietrich Schnurre es so treffend: „ein Stück herausgerissenes Leben"!

Prägnant an Kurzgeschichten ist eben ihre Kürze - logisch - und dass man als Leser nur einen flüchtigen Einblick in das Geschehen erhält.

Keine langen Handlungsstränge, keine detaillierten Beschreibungen ... oft wird man mitten in das Geschehen hineingeworfen und nimmt teil an entscheidenden Einschnitten im Leben der Protagonisten.

Obwohl man für einige wenige Augenblicke dabei ist, erhält man meist ein offenes Ende ... keine Erklärung, keinen Schlusspunkt ... vielleicht ist man darüber sogar enttäuscht.

Doch auch das macht eine Kurzgeschichte aus.

Weil sie den Leser dazu zwingt, über das nachzudenken, was anschließend kommen könnte ... und sich die Frage zu stellen: „Was habe ich zwischen den Zeilen gelesen?“

Viele Kurzgeschichten zielen darauf, nicht nur zu erzählen - sie wollen weiter wirken.

Bis ich 2013 zu BookRix kam, habe ich mich nur selten mit Kurzgeschichten beschäftigt. Ich wusste, wie sie in etwa funktionieren und welche Wirkung sie bei mir jedes Mal hinterließen.

Wie jeder Andere auch, musste ich mich erst einmal auf dieser neuen Plattform zurechtfinden.

Geholfen hat mir, dass es einen Bereich extra für neue Mitglieder gab und gibt - in dem sich aber auch die „alten Hasen“ herumtrieben.

Unsicher, wie man als Neuling war, konnte man Fragen stellen und erhielt auch beim fünfhundertsten Versuch freundliche Antworten - eher selten fiel hier der Hinweis, man solle gefälligst die Suchfunktion benutzen.

Das wirklich Interessante für mich waren die sogenannten Newbie-Schreibwettbewerbe.

Jeder, der noch nicht länger als drei Monate (später sogar sechs Monate) Mitglied bei BookRix war, konnte teilnehmen. Für einen Zeitraum von etwa zwei bis drei Wochen wurde die Schreibphase geplant und bis zu einem bestimmten Zeitpunkt musste der Beitrag in den Wettbewerb gegeben werden.

Vier mussten es mindestens sein, um den Wettbewerb überhaupt stattfinden zu lassen.

Während meiner Anfangszeit bestanden die Anforderungen darin, eine Kurzgeschichte zu schreiben.

Es gab keine Vorgabe ihrer Seitenzahl, aber dennoch den Hinweis, dass sie keiner Altersbeschränkung unterliegen dürfe ... UND: Drei vorgegebene Begriffe mussten in der Geschichte selbst enthalten sein. Von Wettbewerb zu Wettbewerb waren es andere.

Da mich solche Aufgaben früher schon begeistert hatten und meinen Ehrgeiz kitzelten, war ich natürlich Feuer und Flamme. Außerdem gab es mir die Möglichkeit, einem gar nicht so kleinen Kreis von Lesern eine erste, objektive Meinung zu meiner Hobby-Schreiberei abzuringen.

Mit viel Eifer begann ich schließlich, aus drei Wörtern eine Fabel zu weben, und unerwartet fand ich Gefallen am Schreiben von Kurzgeschichten.

Zwölf von ihnen - zwei bislang unveröffentlicht - habe ich hier zusammengetragen.

Chronologisch aneinandergereiht reiche ich sie den geneigten Lesern nun weiter und wünsche viel Spaß.

Wer allerdings meine sonst üblichen Liebesgeschichten kennt, wird hier vielleicht eine etwas andere Seite von mir kennenlernen ...

Gebt auf euch Acht,

Ewa

In der Dämmerung

Eigentlich will sie nur tun, wofür sie bezahlt wurde und den Mann töten, den die Auftraggeberin ihr nannte, ...

... aber was macht man, wenn es der Mann ist, in den man sich selbst verliebt hat?

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In der Dämmerung

Versonnen betrachtete sie den bleichen Mond, der über einem graublauen Himmel schwebte und sich hinter dem Glas des Fensters erhob. Die Dämmerung brach an und wieder würde ein Tag vergehen, an dem sie ihr Dasein verfluchte.

Vor weniger als sechs Monaten hatte sie noch geglaubt, sie wäre einer der zufriedensten Menschen auf diesem Planeten, und nun war ihre so wunderbar einfache Welt aus den Fugen geraten.

Sie hatte sich verliebt.

Nach einer Ewigkeit, in der sie ihr Single-Leben in vollen Zügen genossen und vor jedweder Art von Beziehung zurückgeschreckt war, begegnete ihr plötzlich ein Mensch, der ihr Herz berührte, und was tat sie?

Sie musste ihn töten.

Mit einem Seufzer senkte sie den Blick und betrachtete den halbbewusstlosen Mann zu ihren Füßen.

Georg war ein wunderbarer Mensch, sanft und voller Humor, nicht aufdringlich und perfide wie die Männer vor ihm. Sie liebte es, Zeit mit ihm zu verbringen, seiner Stimme zu lauschen und sich wohlfühlen zu dürfen. Keine Angst vor jedem Augenblick zu haben und sich nicht davor zu fürchten, er würde ihr vielleicht wehtun.

Es war nie zu mehr als flüchtigen Berührungen zwischen ihnen gekommen und eigentlich bedauerte sie nun, dass sie nicht einmal den Vorstoß gewagt hatte, ihn zu küssen. Doch sie hatte diese zarten Bande nicht gefährden wollen. Nun aber fragte sie sich, wie es wohl gewesen wäre, hätte sie seine Haut noch berühren dürfen, als sie warm war ... das Leben nicht aus ihm gewichen war.

Er war nicht schwer verletzt.

Noch nicht.

Das Messer hatte lediglich seine Schulter durchbohrt und ihr Job war längst nicht erledigt. Der Arme ... er wusste ja nicht einmal, dass sie es war, die ihn angegriffen hatte. Sein Blick war verhangen, der Schmerz trübte seine Sicht. Seine Stimme ein raues Flüstern: „Wer bist du? Warum tust du das?“

Die gleichen, leeren Fragen. Tag für Tag, Nacht für Nacht.

Sie konnte ihm keine Antwort geben, sie machte lediglich ihre Arbeit.

Dafür wurde sie bezahlt.

Hinter der Fassade ihres kleinbürgerlichen Lebens hatte sie sich entschieden, ein Geschäft mit dem Tod auszuüben. Sie erledigte, wofür sie gebucht wurde - und sie war gut in ihrem Job.

Ein paar Tausend Euro waren viel Geld, wenn man es nicht hatte, und noch mehr, wenn man es dringend brauchte. Sie kannte die Auftraggeberin nicht, zumindest nicht persönlich. Sie hatte ein Foto und eine Order bekommen. Die Hälfte vorab, die andere Hälfte, wenn der Auftrag erledigt war.

Nach anfänglichem Zögern und einer selbstgesetzten Frist von vierundzwanzig Stunden hatte sie sich entschieden, dass ihr keine Wahl blieb.

Wie sollte man auch sonst entscheiden, wenn der Mann, den man liebte, diese Gefühle nicht erwiderte ... und man selbst nicht die Einzige war, die ihr Herz an ihn verloren hatte.

Wahrscheinlich war ihm nicht einmal bewusst, wie vielen Frauen er in den letzten Monaten seelische Pein zugefügt hatte. Für ihn schien alles nur eine tolle Zeit zu sein. Sie wusste, er lernte gerne neue Menschen kennen, war nett und charmant, und wenn ihm die Frauen um ihn herum zu nahe kamen, dann blockte er ab. Aber er hatte deutlich klargemacht, dass er keine Beziehung wollte und sein Single-Dasein genoss - er war einfach nur er selbst.

Löblich, oder?

Sie schnaubte leise und verächtlich.

Zu seinem Pech waren die meisten Frauen rachsüchtige Wesen.

Sie selbst hatte sich manche Nacht die Augen aus dem Kopf geweint, weil es sich anfühlte, als risse jemand ihren Brustkorb auf, zerquetschte ihre Lungen und zerteilte mit einem scharfen Messer langsam und unbarmherzig ihr Herz in kleine Scheiben. Sie bemühte sich um Verständnis und eine kameradschaftliche Freundschaft, doch die Pein blieb und nach und nach zog sie sich zurück. Es war schwer, jemanden selbstlos zu lieben, ohne dabei zugrundezugehen.

Der Entschluss, den Auftrag anzunehmen, nährte sich aus ihrer eigenen Wut. Er hatte sich tagelang nicht gemeldet und sie hatte sich immer wieder gefragt, wie wenig sie ihm sogar als Freund wert war.

Warum also nicht töten, was man liebte? Allein um zu verhindern, dass eine Andere bekam, was man selbst eigentlich haben wollte.

„Bitte ...“

Sie spürte, wie die Tränen ihren Blick verschleierten.

Sie wollte das nicht tun, fühlte sich zerrissen. Großer Gott, sie war eine Jägerin und nun stand sie hier, haderte mit ihrem Job und starrte auf ihr potenzielles Opfer hinab - wie eine Katze auf die Maus, die verzweifelt versuchte, den scharfen Krallen zu entkommen.

„Wieso tust du das? Was hab ich dir getan?“

Er robbte ein Stück von ihr weg. Langsam folgte sie ihm.

„Man hat mich geschickt“, flüsterte sie. „Jemand will deinen Tod und ich überbringe ihn dir.“

„Eine Frau!“

Seine Stimme klang erstickt und ungläubig.

Sie blinzelte und atmete tief durch. Es war Zeit zu tun, wofür sie gekommen war, Zeit, sich nicht mit den eigenen Gefühlen aufzuhalten.

Sie ging neben ihm in die Knie und sah ihn an. Er erstarrte. Seine Augen wurden groß und sein Blick glasig, als er sie erkannte.

„Du?“

Traurig lächelte sie ihn an, beugte sich über ihn, legte eine Hand an seine Wange und stieß mit der anderen zu. Das Messer bohrte sich tief in seine Brust und sie drehte es mit einem Ruck herum. Das Licht des beginnenden Morgens brach sich in seinen warmen Augen, dann verloren sie ihren Glanz und sie sah, wie das Leben aus ihm wich.

Er atmete seufzend aus und sank zurück auf den Boden. Mit einem letzten bedauernden Blick erhob sie sich und verließ lautlos das Zimmer.

Miu

Miu ist eine Jägerin, schließlich ist sie eine Katze ...

... doch manchmal geschieht etwas, womit man nicht gerechnet hat.

***************************************

Miu

Dunkle Wolken schoben sich vor den blassen Mond, der hoch am Himmel stand und das kleine Haus in kaltes Licht tauchte. Die Dämmerung brach an und der Tag neigte sich seinem Ende entgegen, während im Halbdunkel des kühlen Herbstabends eine schmale Katze leichtfüßig von dem herabhängenden Ast des Apfelbaumes auf die Mauerkrone sprang. Flink und elegant überwand die zierliche Miu mit ein paar raschen Schritten die Entfernung zu dem schmiedeeisernen Tor, das zur Straße hinausführte, und ließ sich neben dem Pfeiler nieder.

Den Schwanz um die Hinterbeine gelegt, hob sie die linke Vorderpfote und begann, sich zu putzen.

Ein leises Pfeifen ließ sie für einen winzigen Moment in ihrem Tun innehalten. Die goldgelben Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen und neugierig betrachtete sie die Wiese, die fast zwei Meter unter ihr im Halbdunkel des verwilderten Gartens lag. Ein paar vereinzelte Grashalme bewegten sich wie von Zauberhand. Die Pfote fuhr erneut über das zierliche Katzengesicht, bog die Schnurrhaare nach vorn und rieb dann die zarte, rosa Nase entlang. Nur das Zucken der Schwanzspitze verriet die sanfte Rastlosigkeit, die von ihr Besitz ergriffen hatte.

Mit gespielter Ruhe setzte Miu ihre Säuberung fort, wandte den Kopf in einer unmöglich scheinenden Drehung nach rechts und begann mit der rauen Zunge ihren Rücken zu bearbeiten. Erneut erfüllte ein Fiepen die Luft, dann folgten ein leises Rascheln und das typische Geräusch winziger, tapsender Füße. Mius Ohren bewegten sich fast schläfrig in die Richtung, aus der die verdächtigen Töne erklangen. Ihre Zunge fuhr ein paar weitere Male über das rotbraune Fell, ehe sie es sich mit untergeklappten Pfoten auf der Mauer bequem machte und lässig ein Hinterbein über die Kante hängen ließ.

Die Augen halb geschlossen und mit entspannten Zügen lag sie da und schien in der zunehmenden Dunkelheit vor sich hinzudösen. Doch je finsterer es wurde, desto weiter öffneten sich ihre Lider und schließlich setzte sie sich im fahlen Mondlicht aufmerksam zurecht, um ihren Blick über die unter ihr liegende Fläche wandern zu lassen. Hochkonzentriert beobachtete sie, wie sich zwischen den saftigen, grünen Halmen etwas bewegte.

Geräuschlos huschte Miu über die Mauerkrone zurück zum Apfelbaum, sprang auf einen tieferen Ast und landete mit allen Vieren im weichen Gras. Geduckt schlich sie weiter, pirschte sich durch das Dickicht und verharrte schließlich bewegungslos. Ein leises, mehrstimmiges Murmeln erklang direkt vor ihr, gefolgt von einem seltsamen Zwitschern. Bereit zum Sprung duckte Miu sich in die Schatten. Der Schwanz peitschte und sie schob sich millimeterweise vorwärts. Bis sich die Halme vor ihr teilten und ihr den Blick auf ein Stückchen Erde eröffneten, das von dem weit entfernten Planeten am Firmament erhellt wurde.

Laut kreischend stürmte ihr eine wahre Streitmacht von Mäusen entgegen. Es waren mehr als zwei Dutzend und auf ihren Rücken saßen kleine, kaum handtellergroße Gestalten, die aussahen wie geschrumpfte Menschen. Unter wildem Gebrüll fluteten sie heran, schwangen spitze, scharfe Waffen in ihren winzigen Händen und trieben ihre Mäusehorde auf Miu zu.

Mit einem erschrockenen Maunzen sprang sie auf ihre Füße, machte einen stolpernden Satz nach hinten und wich vor der Masse an Nagetieren und Miniaturmenschen zurück. In den verschlagenen, schwarzen Augen der Mäuse spiegelte sich die Entschlossenheit, ihrem todbringenden Erzfeind den Garaus zu machen, und der Jäger wurde plötzlich zum Gejagten.

Instinktiv wandte Miu sich zur Flucht, schlug einen Haken und rannte die Mauer entlang.

Allerdings war es längst nicht so einfach, diese Armee aus Mäusen abzuschütteln, wie sie gehofft hatte. Sie blieben ihr dicht auf den Fersen und das Getrippel und Gekreische wurde zunehmend lauter. Ein mehr als unangenehmer Schmerz durchzuckte ihren Hinterlauf.

Miu stolperte, kam ins Straucheln und rollte, Purzelbäume schlagend, über das Gras. Zornig fauchend schlug sie mit der Vorderpfote nach dem kleinen Menschen, der sich mit seinem winzigen Schwert auf sie gestürzt und die Waffe in ihren Schenkel gestochen hatte. Er ließ den Schwertgriff los und rettete sich mit einem beherzten Sprung vor ihren scharfen Krallen.

Knurrend hastete Miu los, überquerte den Rasen und die Terrasse und stürmte schließlich durch die Katzenklappe ins Innere des Hauses. Ein überraschter Blick traf sie aus großer Höhe und ihre eigene Menschenfrau beugte sich mit deutlichem Stirnrunzeln zu ihr hinunter, als Miu humpelnd in der Küche zum Stehen kam. Willig ließ sie sich hochheben, auf den Tisch stellen und gab ein erleichtertes Miauen von sich, als die Hände den schmerzhaften Stachel in ihrem Bein entfernten.

„Wo bist du bloß wieder gewesen, du Streunerin.“ Ihr Mensch schüttelte den Kopf. „Du solltest dich wirklich nicht in jedem Rosenbusch herumtreiben.“

Lächelnd und ohne wirklich eine Antwort zu erwarten, kraulte die Frau Miu unter dem Kinn, warf den dornigen Übeltäter in den Mülleimer und setzte die Katze wieder zu Boden. Missmutig blickte Miu zu der Klappe hinüber. Sie erkannte ein halbes Dutzend bleicher Gesichter hinter dem trüben Plexiglas. Mit hoch erhobenem Schwanz schritt sie an der Öffnung vorüber und fixierte aus glühenden Augen die kleinen Krieger, die ihr mit stürmischen Gesten drohten.

Das Kinn vorgestreckt, nahm Miu vor der Klappe Platz, schlang den Schwanz um ihre Hinterbeine und begann, sich erneut zu putzen. Sie würden es kaum wagen, hier hereinzukommen. Dafür sorgte schon der große, weiße Hund, der wenige Meter entfernt auf seiner Decke lag und nun mit einem Gähnen den Kopf hob. Dieser Kampf tobte bereits seit vielen Nächten. Während der Garten tagsüber Mius Revier war, musste sie regelmäßig mit Einbruch der Nacht ihren Platz dort räumen, seit diese Mäusearmee vor ein paar Wochen in ihren heimischen Urwald eingefallen war.

So aus ihrem eigenen Reich vertrieben zu werden, gefiel ihr gar nicht und die Übergriffe der Mäuse und ihrer Herren wurden zunehmend dreister.

Sie glaubte ihren Augen nicht zu trauen, als sie plötzlich sah, wie der Reiter, der ihr vorhin das Schwert in ihr Fleisch gerammt hatte, sich nun mitsamt seiner übergroßen, hässlichen Maus durch die Klappe ins Innere des Hauses quetschte. Mit einem dumpfen, kaum wahrnehmbaren Laut landete die Maus auf dem gefliesten Boden und riss im gleichen Augenblick drohend das Maul auf, um ihre gelben Zähne zu blecken.

Unruhig erhob Miu sich und machte einen unsicheren Schritt zur Seite. Es war eine Sache, dass man sie aus ihrem Garten vertrieb und sie das Nest dieser unliebsamen Gäste nicht ausfindig machen konnte. Aber dass sie sich nun diese Frechheit erlaubten, ihr auch noch in ihr eigenes Haus zu folgen, war die Höhe.

Als der Reiter die Maus auf Miu zutrieb und dabei seine Waffe schwang, um ihr damit erneut Schaden zuzufügen, hob Miu die Tatze, fuhr die Krallen aus und schlug zu. Die Maus rollte mit einem wütenden Quieken quer durch die Küche und verlor dabei ihren Herrn. Dieser war jedoch rasch wieder auf den Beinen, setzte seinen Weg nun zu Fuß fort und stürmte mit gezücktem Schwert auf Miu zu.

Sie sah eine Bewegung aus dem Augenwinkel, dann schlug eine große, weiße Pfote schwer vor Miu auf den Boden und begrub den Miniaturmenschen unter sich. Krallen kratzten über den Boden und keine Sekunde später berührte eine kalte, nasse Nase den reglos auf der Fliese liegenden Krieger. Er erwachte, als eine Hundezunge so groß wie er selbst ihn vom Scheitel bis zur Sohle ableckte und in einer Lache aus Speichel zurückließ.

Hustend und um sich schlagend kam der kleine Mensch zu sich und starrte entsetzt zu dem Hund hinauf, der ihn aufmerksam beäugte.

Im gleichen Augenblick schien das Chaos loszubrechen.

Von allen Seiten stürmten plötzlich die Mäuse mit ihren Reitern auf sie zu und drängten sie in die Küche zurück. Pfeifen und Fiepen erfüllten den Raum, ebenso wie das leise Kratzen winziger krallenbewehrter Füße auf kaltem Stein. Miu wollte sich gerade in die Schlacht stürzen, als ein Schatten den Lichtschein der Küchenlampe verdunkelte.

Hände griffen nach ihr und im nächsten Augenblick hatte sie das Gefühl, in einen tiefen Abgrund zu fallen.

Eine Stimme sprach leise und beruhigend auf sie ein, während sie aufgebracht mit den Beinen strampelte und versuchte, von der Stelle zu kommen. Die Welt um sie herum begann sich zu drehen, Dunkelheit umfing sie und ein seltsames Schwindelgefühl hielt sie gefangen. Dann fühlte sie sich umarmt und in Sicherheit.

Langsam schlug sie die Augen auf, hob den Kopf und sah sich verwirrt um.

Sie lag auf dem Schoß ihrer Menschenfrau, die sie sanft streichelte und mit einem milden Lächeln auf sie hinabblickte. Neben ihnen auf dem Sofa lag der große, weiße Hund und schlief. Weder wurden sie von Mäusen noch anderen Feinden angegriffen.

„Du hast nur geträumt, Miu“, stellte ihr Mensch fest. „Manchmal würde ich wirklich zu gern wissen, welche Abenteuer du in deinen Träumen so bestreiten musst.“

Beruhigt senkte Miu den Kopf und atmete tief durch, während ihre Augen sich langsam wieder schlossen. Ein Traum war viel besser als eine machtgierige Armee kleiner Wesen, die versuchte, ihr Haus und Hof zu rauben.

Als sie in erneut in das Land der Träume abdriftete, glaubte sie ein leises, verstohlenes Piepsen zu hören, das näher kam.

Weg in die Freiheit

 

Ein Jahr lang hat Kirsten es in Torbens Nähe ausgehalten, ein Jahr, in dem sie die Hölle auf Erden hatte - aber endlich findet sie den Mut zu gehen und flieht in die Nacht hinaus.

Doch jemand ist ihr dicht auf den Fersen ...

 

***************************************

 

 

 

Weg in die Freiheit

 

 

Die Turmuhr schlug bereits Mitternacht, als Kirsten durch die dunkle Straße des historischen Stadtkerns hetzte. Ihr eigener Herzschlag dröhnte als pulsierendes Echo in ihrem Hals. Stolpernd hastete sie weiter, strauchelte und wäre um ein Haar gestürzt.

Mit einem leisen Keuchen fing sie sich gerade noch, während ihre Hand unsanft über den rauen Putz der Hausfassade schrammte. Ein schmerzhaftes Brennen war die Folge und sie steckte sich instinktiv die aufgeschlagenen Fingerknöchel in den Mund.

Irgendwo in der Ferne vernahm sie das verräterische Lärmen einer Glasflasche, die über Kopfsteinpflaster rollte. Sie stockte in ihren Bewegungen.

Langsam richtete sie sich auf und drückte sich atemlos gegen die Wand des Hauses.

Jemand pfiff eine leise Melodie und auf Kirstens Unterarmen stellten sich die Härchen auf.

Das Timbre seiner Stimme würde sie überall wiedererkennen, ganz gleich, was für Geräusche er von sich gab.

Ihr Blick tastete suchend die Altstadtgasse entlang, durch die sie geflüchtet war. Kirsten lauschte. Schritte hallten durch die Stille der Nacht und schienen sie von allen Seiten gleichzeitig einzukreisen.

„Kiiiiittyyyyyyy.“

In ihrem Magen schien sich ein Stein zu bilden. Regungslos starrte sie in die Dunkelheit.

Sich zögernd an der Wand entlangtastend, zwang sie sich dazu, weiterhin einen Fuß vor den anderen zu setzen.

Gott, sie hasste diesen Spitznamen. Noch mehr hasste sie allerdings den Kerl, der sie so rief.

Bedauerlicherweise war ihre Angst weit größer als die Wut auf ihn.

„Kitty, Kitty, Kitty.“

Kirsten schluckte, warf einen unsicheren Blick auf den Weg, der noch vor ihr lag, und sah dann wieder zurück.

Nein, sie war nicht so weit gekommen, um jetzt aufzugeben.

Es hatte ein ganzes Jahr gedauert, um endlich den Mut aufzubringen, ihre Sachen zu packen und ihn zu verlassen. Zwölf Monate, in denen sie sich seine Beschimpfungen, seine Schläge und die Misshandlungen hatte gefallen lassen.

Liebe macht blind, hatte Mutti immer gesagt, pass auf, wem du dein Herz schenkst.

Aber ihre Mutter war nicht hier. Sie war vor über einem Jahr gestorben und dann trat Torben in Kirstens Leben. Innerhalb kürzester Zeit war aus dem zuvorkommenden, netten, jungen Mann ein tyrannischer Sadist geworden, der Vergnügen dabei empfand, sie zu quälen.

Vor zwei Tagen hatte sie die Spiegeleier anbrennen lassen, die er zum Abendessen forderte.

Die Stelle, wo er ihre Hand auf die glühende Herdplatte drückte, bis sie vor Schmerz ohnmächtig geworden war, bedeckte immer noch eine ölige Wundsalbe unter einem großflächigen Pflaster.

Im Grunde war sie nicht einmal sicher, wo sie hin sollte.

In dem Jahr mit Torben hatte sie sämtliche Kontakte zu früheren Freunden abgebrochen.

Sie war im wahrsten Sinne des Wortes mutterseelenallein in dieser Stadt, und obwohl Köln sonst vor Leben pulsierte, schien es heute wie ausgestorben zu sein.

Als sie vor einer halben Stunde abgehauen war, hatte Torben noch leise schnarchend auf dem Sofa im Wohnzimmer gelegen. Sie hatte gehofft, er würde ihr Verschwinden erst bemerken, wenn er am nächsten Morgen schlaftrunken ins Bett wankte.

Dabei hätte ihr doch klar sein müssen, dass das Glück sie schon vor Monaten verlassen hatte.

„Kiiiiittyyyyy.“

 

Seine Stimme wurde als vielfaches Echo von den Wänden der Häuser zurückgeworfen.

Er klang sanft und einschmeichelnd, so hatte sie ihn auch kennengelernt. Einfühlsam, warmherzig, zärtlich ... Kirsten zuckte zusammen, als am Ende der Gasse etwas zersplitterte.

„Kitty, du Schlange! Komm‘ hier her!“ Torbens Geduld näherte sich offensichtlich ihrem Ende. Hektisch sah sie sich um, hastete durch die Schatten und trat in die finstere Nische einer Tür. Ihr Herz klopfte so laut, dass sie überzeugt war, er müsste es hören.

Vorsichtig beugte sie sich ein Stück weit vor und versuchte erneut, zum Ende der Straße zu blicken. Helles Licht durchbrach die Wolken, als der Vollmond sich zwischen ihnen hindurchschob, und plötzlich lag das Kopfsteinpflaster taghell vor ihr.

Taghell!

Sie riss die Augen auf.

Ihre Gesichtszüge entgleisten und sie blinzelte ein paarmal entsetzt. Oh Gott, wenn er jetzt ... ein verzerrter Schatten bewegte sich über die Bruchsteine und glitt die Gasse entlang.

Er würde sie sehen, er würde sie sehen!

Kirsten drückte sich zurück in die Nische, sank in die Hocke und versuchte, sich im Dämmerlicht so klein wie möglich zu machen. Wenn er sie entdeckte, war alles vorbei.

Er hatte ihr fest versprochen, sollte sie jemals fliehen, würde er sie finden und töten.

 

Warum hatte ihr das Schicksal nicht wenigstens ein paar Minuten gegönnt?

Sie hätte es bis zum Hauptbahnhof geschafft und in den nächsten Zug steigen können. Egal wohin, nur weg von hier. Es wäre die Chance gewesen, neu anzufangen und ihm zu entkommen.

Unbeständige Schritte bewegten sich über die holperigen Steine der engen Straße und kamen näher. Kirsten sank in sich zusammen, presste sich an die kalte Wand in ihrem Rücken und wagte kaum noch Luft zu holen. Es konnten nur Sekunden sein, bis er sie sah.

Sekunden, bis er sie entdecken würde.

Er würde dafür sorgen, dass niemand sie jemals fand. Er würde einen Abschiedsbrief fälschen und ihre Leiche verschwinden lassen. Feine Schweißperlen bildeten sich auf Kirstens Haut und ihr Atem flachte ab.

Ihr wurde schwindelig.

Jetzt nicht ohnmächtig werden, befahl sie sich.

Zehn Meter ... acht, sieben ... fünf ... das Gefühl, sich gleich übergeben zu müssen, wurde fast übermächtig. Das Herz hämmerte in ihrem Brustkorb und ein monotones Rauschen in den Ohren erstickte jeden Laut, der um sie herum war. Es fühlte sich an, als würde sich ihr Körper auf eine gewaltige Explosion vorbereiten.

Weiße Lichtreflexe tanzten vor ihren Augen und Kirsten hielt die Luft an, als die Schritte einen Meter vor ihrem Versteck anhielten und eine fast unnatürliche Stille sich über die Gasse senkte.

„Kiiiiittyyyyy.“

Das grelle Mondlicht begann zu verschwimmen, als eine Gestalt in Kirstens Blickfeld trat. Groß, breitschultrig und jederzeit in der Lage, sie mit bloßen Händen zu zerreißen. Sie konnte sein Gesicht in der zurückkehrenden Dunkelheit nicht erkennen, aber sein Blick wanderte hin und her.

Mit zwei eiligen Schritten trat er zu ihr und Kirsten wollte schreiend aufspringen und sich ihm entgegenwerfen. Nichts dergleichen passierte. Sie erstarrte und glotzte ihm nur stumm entgegen.

„Entschuldigung, Fräulein, haben Sie eine schwarze Katze mit weißen Söckchen gesehen?“

Kirsten zuckte zusammen, kniff die Augen zu und schüttelte den Kopf.

Katze? Söckchen?

WAS???

 

Zögernd öffnete sie die Lider und hob den Blick. Vor ihr stand ein Mann von Mitte oder Ende fünfzig. Graumelierter Bart, fragender Blick und mit einem tiefen Runzeln auf der Stirn.

„Sind Sie in Ordnung?“, wollte er wissen.

Unfähig, sich zu artikulieren, nickte sie stumm. Der Fremde wirkte nicht überzeugt, schien sich aber auch nicht länger mit ihr auseinandersetzen zu wollen.

„Und? Haben Sie die Katze gesehen?“

Tief durchatmend schüttelte sie den Kopf und begann, sich in ihrem Versteck aufzurichten.

Ihre Fantasie hatte ihr nur einen üblen Streich gespielt. Mit deutlicher Erleichterung rang sie sich zu einem Lächeln durch und zuckte entschuldigend mit den Schultern.

Der Fremde nickte ihr wortlos zu und ging weiter.

Nachdem sie sich vergewissert hatte, dass er tatsächlich allein war, verließ Kirsten die Nische und setzte ihren Weg fort. Zum ersten Mal verspürte sie wieder Hoffnung und ein Gefühl sachter Euphorie breitete sich in ihr aus, während sie die Altstadt hinter sich ließ und sich dem Bahnhof näherte.

Endlich wieder Menschen um sie herum. Sie sah Passanten, Autofahrer und heimeilende Berufstätige, die in der Großstadt in ihren späten Feierabend flüchteten.

Fünf Minuten noch. Höchstens. Dann wäre sie frei.

Endlich!

Rasch ein Ticket lösen und sie hätte ihre Fahrkarte in die Ungebundenheit sicher.

Erfüllt von Vorfreude eilte sie durch die schmale, nur noch schwach befahrene Unterführung. Sie fühlte sie großartig und mit jedem Schritt, der sie von Torben forttrug, war sie beschwingter.

Über sich vernahm sie das Gurren der stadttypischen Tauben, die sich zu Dutzenden auf den Stützbalken in den Tunnelbauten sammelten.

Den Blick nach oben gewandt, sah Kirsten, wie einer der Vögel sein Hinterteil hob und sich genau über ihr Erleichterung verschaffte.

Mit einem leisen Lachen wich sie der herannahenden Kotbombe aus und trat nach links. Reifen quietschten und aus dem Augenwinkel sah sie ein grelles, weißes Licht auf sich zuschießen. Sie verspürte einen seltsam dumpfen Knall und die Welt versank in watteweichem Grau.

 

Ein großer, schlaksiger Mann sprang entsetzt aus seinem Wagen.

Passanten eilten herbei. Ein älterer Herr beugte sich über die Frau, die leblos auf der Straße lag. Jemand zückte ein Handy und rief einen Krankenwagen.

„Ist sie tot?“, wollte der Autofahrer wissen.

Er war kalkweiß und zitterte sichtlich.

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