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Sahara

Zum Buch

Mit Alma Johanna Koenig haben wir es mit niemandem zu tun, die einmal für einige Tage oder Wochen ein fremdes Land bereist und dann darüber schreibt. Nein, die Autorin lebte für lange Jahre gemeinsam mit ihrem Mann, einem Diplomaten, in Nordafrika. Sie schreibt auch nicht nur über Land- und Naturschönheiten, sondern ferner ausführlich über die Erlebnisse und Schicksale einheimischer Straßenräuber, Tänzerinnen, Betteljungen, Eunuchen, Kameltreiber, Sklaven und vieler anderer mehr. Das Buch Sahara bietet also nicht ausschließlich Reiseberichte, sondern auch menschliche Schicksale; es vereint Poesie und Abenteuer.

In neuer deutscher Rechtschreibung und Korrektur gelesen.

1. Algier und die Frauen

 

Der Himmel ist hoch – in seraphischem Blau

über Palmenwipfel gespannt.

Das Meer ist noch blauer, es ist so blau

wie der heiligen Jungfrau Gewand.

Der weiße Schattenriss der Moscheen

hebt grell sich vom Horizont,

und Paläste, umwuchert von Bougainvilleen,

sind blendend weiß übersonnt.

Ich denke: Daheim, bei euch wird es kalt,

und ihr treibt eure Herden ein.

Der Nebel liegt feucht überm Föhrenwald,

und der Abend bricht früh herein.

Ihr stapelt das Brennholz die Südwand entlang

und richtet das Brunnenhaus her ...

Mir wird nach dem Winter daheim so bang

wie euch nach Palmen und Meer!

 

Wer jemals – und sei es auch nur für kurze Stunden – den Boden Algiers betreten hat, dem ist die mittägliche Einfahrt in den Hafen für immer unvergesslich geblieben. Man kommt vom Norden her, im Februar oder März, wenn daheim der Schnee, zu schwarz zertretenem Brei geworden, auf durchhasteten Gassen liegt. Man hat die stürmische Überfahrt hinter sich. Aber jetzt auf einmal, als gerate man in einen magischen Zauberkreis, wird es warm und hell, und die Luft wird leicht und die Sonne strahlt über dem glitzernden Wasser.

Und plötzlich, wie Boten des Festlandes, des anderen Weltteiles da drüben, sind Möwen da, Hunderttausende von langflügeligen, kreisenden Vögeln, und durch ihr Schweben sieht man wie durch einen Silberschleier zwischen wildblauem Himmel und wildblauem Meer diese halbbogige Stadt – »Alger la ville blanche!« Sie hat Cap-Matifou und Deux-Moulins vorgeschoben, als strecke sie dem Gast ihre weißen Arme entgegen. Sie ist so strahlend weiß, diese Stadt, dass wir geblendet blinzeln müssen. Aber dafür sind der Hafen, der Kai umso bunter an Farben.

Da sind die Mäste und Kamine von Tausenden von Schiffen, Südamerikadampfer, Holland-Indien-Dampfer, Millionärsjachten, Fischerboote, Segelboote, da sind Tausende von klatschenden Wimpeln und flatternden Flaggen. Sirenen brüllen dumpf wie Stiere, Lotsensprachrohre dröhnen, Krane knirschen, Ketten rasseln. Und droben am Kai drängen sich sommerlich bunte Frauen. Lastträger mit rotem Fez und gelben Turbantuchfetzen geben Farbflecken, weiße Tücher winken Willkomm, Kinderstimmen jauchzen, arabische Händler breiten tschechische Bettvorleger aus, um sie dem Fremden – sowie er nur den Fuß an Land setzt – als Sudanteppiche zu verkaufen. Und Palmen, von denen der Nordländer träumt, und Bougainvilleen, die ihre Blüten wie ausgehängten Bischofspurpur um alles Gemäuer ranken. Und weißbeburnuste Araber, so stolz wandelnd, als kämen sie geradewegs aus Tausendundeiner Nacht, und weißverhüllte Araberinnen mit rätseldunklen Augen über dem Schleier.

Das ist der Empfang, den Algier dem Fremden bereitet und den man nie vergisst. Man sollte nur für diesen einen Tag an Land gehen und des Abends wieder abreisen, wenn alle diese hunderttausend himmelanklimmenden Lichter entfacht sind und Algier dazuliegen scheint, wie ein zweites überstirntes, irdisches Firmament.

Aber nichts Schönes hat Bestand. Dieser algerische Frühling, der alle Mimosenbäume so unvorstellbar dicht blühen macht, als hätte ein Milliardenzug von Kanarienvögelchen sich aufgeplustert auf allen Wipfelzweigen niedergelassen, ist bald vorbei. Dann kommt mit dem Mai die Sommerglut, die selbst den grauen, dolchstacheligen Kaktus blühen lässt, als schlüge die Hitze in gelben Flammen aus ihm hervor.

Die Dürre kommt, Kakteen, Palmen, Straßen, Häuser, ganz Algier unter ihrer fußhohen, grauen Staubschicht, wie ein zweites Pompeji, verschüttend. Man glaubt sich Tag und Nacht in feucht dunstende Umschläge eingewickelt. Matt von Schweiß und ewig unstillbarem Durst – vielleicht auch von Fieber – kriecht man umher und fährt sonntags per Auto vier Stunden weit, um in einen Wald zu kommen, wo die armen Bäume, die wie zugemachte Regenschirme aussehen, meterweit voneinander abstehen und der rote, staubige Boden zwischen ihnen hartgebacken von der Sonne ist, wie Zement.

Dann, nach kurzer Ruhepause, zur Zeit des berauschenden Duftes der Jasminblüte, die alle emphytischen Dünste der Stadt übertäubt, setzen die Herbstregen ein. Regenbäche, Regenstürze, Regenkaskaden – Regenspringbrunnen, aus Lachen zum Himmel emporspritzend!

Man muss sich Algier wie ein halbrundes Amphitheater vorstellen. Die Stadt hat am Meeresufer nur wenig flachen Raum. Wenn sie sich ausbreiten will, so kann dies nur geschehen, indem sie den Berg emporklimmt, so wie ihr Mittelkern, die alte arabische Kasbah.

Man denke sich nun zwischen den Häuserblöcken Stufengassen wie zwischen den Sitzreihen des antiken Zirkus. Auf dem ganzen Berggelände wird unaufhörlich gehackt, gehämmert, gesprengt, um das Gestein terrassenförmig abzutragen und der gewaltig sich dehnenden Stadt neue Bauplätze für sechs- und achtstöckige Häuser zu schaffen.

Überall leuchten das neu aufgerissene rote Gestein, die neu aufgegrabene rote Erde wie frische, dem Bergland geschlagene Wunden. Setzen nun diese zähen, tollen Regengüsse ein, so wandeln sie die Parallelstraßen in Teiche, die Bauplätze in Moore, die schluchtengen Treppengässchen in Niagarafälle.

Es ist begreiflich, dass aller Unrat, aller Abfall, den es in der Kasbah droben gibt – und es gibt dessen genug – alle aufgequollenen Rattenleichen und mit ihnen Pest und Cholera vom Regen in das alte Europäerviertel hinabgespült werden, in die Rue d'Isly, den Korso von Algier, die sich binnen einer halben Stunde in den Tanganjikasee verwandelt, mit strudelnden Trichtern über den Kanalgittern.

Wenn das alles überstanden ist, dann kommen die Winterabende in Räumen mit gekachelten Fußböden, einfachen Fenstern und offenen Kaminen, deren Feuer die ihm zugekehrte Seite des davor Hockenden röstet, während es die ihm abgekehrte dem Frost überlässt.

Und das ganze Jahr hindurch sieht man, wie Tiere unvorstellbar gefoltert werden, wie der Araber vom Europäer schamlos im Großen ausgebeutet wird und ihn dafür schamlos im Kleinen ausbeutet. Man sieht die lebenslange Tortur der arabischen Frauen und auch die Enge, in der die Europäerin in Algier lebt, und beginnt diese Stadt, die man anfangs so abgöttisch geliebt hat, mit enttäuschten Augen anzusehen.

Wir Europäer haben uns daran gewöhnt, dem Worte »Harem« einen Begriff des Langvergangenen und Verschollenen beizumessen, etwa wie den Worten »Inquisition« oder »Hexenprozess«. Wir denken an Kemal Pascha, der die Türen des türkischen Harems gesprengt, der Türkin den Schleier genommen hat und ihr dafür das Wahlrecht gab. Aber wir denken nicht daran, dass es ungeheure Landstrecken gibt, in denen die Frau bis heute eine leibeigene Sache, eine Hörige, eine Sklavin ihres Ehemannes geblieben ist.

Als die Franzosen 1834 ihre Eroberung von Nordalgerien als gefestigt ansehen konnten, haben sie den großen Pakt geschlossen, den besiegten Völkern ihre Gesetze und ihre Religion unangetastet zu belassen. Demgemäß besteht heute noch in der Kabylie das respektierte Gesetz zu Recht, das dem kabylischen Ehemann jede Gewalt über die einmal gekaufte Frau zuerkennt, außer der des Todes.

Die Kabylin ist, wenn sie heranblüht, unvorstellbar schön. Einmal verheiratet, ist sie nur mehr das Lasttier des kabylischen Mannes, dessen Reichtum mit der Zahl der Frauen wächst. Unzählige Male habe ich Kabylinnen zerlumpt, mit Kindern und Kopf- und Rückenlasten beladen, im Staub wie Packkamele schwanken sehen, während der Eheherr in neuer Ghandoura auf seinem Eselchen flott voraustrabte.

Je weiter der Reisende in den Süden vordringt, desto strenger wird die Haremsklausur, desto dichter die Verschleierung der Frauen.

Die algerische Araberin trägt einen dünnen, batistenen Gesichtsschleier, und der weiße Haik, der große, über den Kopf gezogene Umhang, lässt die Tätowierung der Stirn über den Augenbrauen noch frei. In Blida darf die Frau nur ein Auge unverhüllt lassen. In Mzab darf nur die alte Frau auf die Gasse, und auch die zieht den Haik wie einen Augenschirm ins Gesicht.

Ich verstand nie, wie diese völlig vermummten, armen Alten es zuwege brachten, mit ihren schweren Kopflasten die steilen Stufengassen hinabzusteigen und sich noch dazu beim Nahen jedes männlichen Wesens mit dem Gesicht der Wand zuzukehren.

Es ist für mich von hohem Interesse gewesen, festzustellen, dass der Einfluss der Palmenhaustemperatur Algiers und das Beispiel der arabischen Umgebung auf die so lebendige Französin unverkennbar abgefärbt haben.

Der Franzose hat bei seiner Eroberung Algiers – wie schon erwähnt – keineswegs die arabischen Frauen befreit, ja, statt dessen scheint es beinahe, als sperre er nun auch die eigene Frau in den Harem. Die wirkliche Dame, die reiche, elegante Französin, die in Algier lebt, sieht man niemals zu Fuß gehen. Sie macht ihre Einkäufe per Auto – kein Land der Welt hat so herrliche Autostraßen und so fürstliche Eigenwagen wie diese vorwärtsstürmende Stadt, dieses reiche Ernteland. – Man stelzt gerade nur in den Laden, und der Boy trägt die Pakete nach, wenn man wieder ins Auto steigt.

Auf den algerischen Märkten, die von einem unvorstellbaren Reichtum an Gemüse, Blumen, Früchten überquellen, wie unser armer Norden sie nicht kennt, besorgen schier ausnahmslos die bürgerlichen Ehemänner den Morgeneinkauf. Einen winzigen Araberjungen mit Basttasche hinter sich, feilscht der algerische Franzose selbst von Stand zu Stand, um den Aufenthalt seiner Frau auf der Straße unnötig zu machen.

Braucht solch eine Gattin und Mutter von vier oder fünf Kindern einen Knäuel Stopfwolle, dann wartet sie unfehlbar die abendliche Heimkunft des Ehemannes ab, um in den bis neun und halb zehn Uhr offenen Läden einzukaufen. Oder aber man sieht sie in Rudeln das Geschäftsviertel durchstreifen, mit Schwiegermutter, Mutter, Großmutter, Tanten, Basen, allen Kindern und der arabischen Ajah, genau wie die anständige Araberin – die verschleierte Mouquère – nur in Trupps auftritt.

Es wäre völlig unstatthaft, völlig untunlich, dass zwei Damen sich zu einem abendlichen Kinobesuch besprächen, völlig unstatthaft, wenn sie die Oper zu Algier gemeinsam besuchen wollten ohne einen männlichen Begleiter. Und noch unstatthafter wäre es, wenn der Begleiter nicht Ehemann, Vater oder Bruder einer der Damen wäre.

Wenn eine algerische Französin bei zufälliger Abwesenheit ihres Gatten einen Herrn empfangen muss, so hat sie dies nur bei weit offenstehenden Türen zu tun. Wie man mir mit völliger Selbstverständlichkeit erklärte: um sich der Zeugenschaft des Dienstpersonals für die unbezweifelbare Harmlosigkeit dieses Besuches zu versichern.

Dass es in solcher Stadt unmöglich ist, fünf Minuten still und unbehelligt auf einer Gartenbank zu sitzen, ergibt sich aus dem Gesagten. Auch werden einzelne Damen in keinem Kaffeehaus bedient, außer im großen Café Tantonville, neben der Oper, wo hauptsächlich Amerikanerinnen verkehren.

Algier ist ein einziger großer Harem für die Frauen und wie jeder Harem ein einziges großes Paradies für die Männer. Denn es gibt kaum einen Wunsch der europäischen Frau nach Geltung, Freiheit, Beruf, Kameradschaft, der hier nicht von der herrschenden Sitte unterdrückt, und keinen Wunsch des europäischen oder arabischen Mannes, dem von der herrschenden Sittenlosigkeit nicht verständnisvoll nachgegeben würde.

Ungleich anderen Städten, wie etwa Konstantinopel, als es noch Byzanz war, hat Algier niemals kulturelle Bedeutung besessen. Früh schon haben in seinem Hafen punische Handelsschiffe geankert. Früh schon nannte man das alte Icosien die Kornkammer Roms.

Dann aber, mit Einbruch der Eroberungszüge des mohammedanischen Glaubens, ward es Piratenstadt und Sklavenmarkt und blieb es durch Jahrhunderte.

Cervantes, der große Dichter des Don Quijote, wurde als Sklave nach Algier verkauft und berichtet von seinen hier durch den Dey, den türkischen Zwingherrn der Provinz, auferlegten Martern.

Diese Deys, von ihren Colluglis und Janitscharen begleitet, von ihren Vezieren und Negersklaven und Henkern umringt, haben ein furchtbares Regiment in Algier gehalten, und viele Jahrhunderte lang war jedes Schiff, das bei Unwetter im felsigen Hafen strandete, ihre Beute, und jedes Handelsschiff, das im Hafen Anker warf, musste eine hohe Steuer an den Dey abführen und ihm kostbare Geschenke senden.

Man dächte also, ein so reicher Potentat müsse viel für den baulichen Schmuck seiner Residenz aufgewendet haben.

Weit gefehlt. Es gibt nur zwei schöne, alte Moscheen aus dem 12. und 13. Jahrhundert in Algier, von denen die Djemaa al Djedidd, architektonisch bezaubernd, knapp am Hafen liegt. Aber ihr Inneres, die Wandkacheln, die Ampeln, die Becken für rituelle Hand- und Fußwaschungen sind hässlich und ärmlich und können sich in nichts mit der Überfülle maurischer Bauten messen.

Auch in dem noch erhaltenen Winterpalais des Dey sieht man keinerlei Niederschlag eingeborener Kunst. Die Wand- und Bodenkacheln stammen aus Delft, die Spiegel aus Venedig, die Teppiche aus Persien. Nur die Holzschnitzereien, welche die Kabylen auch heutzutage noch vollendet schön herzustellen wissen, und die Sahara-Wandbehänge sind Erzeugnisse des Landes. Hier kann man den authentischen Harem des Dey sehen, eine Reihe von polsterübersäten, fensterlosen, lichtlosen Bienenzellen, und im Empfangssaal auch die Attrappe eines Wandschrankes. In Wahrheit ist es eine erstickend enge, kistenartige Wandnische, in welche die Favoritin des Dey, die zu seiner Unterhaltung anwesend war, eingesperrt wurde, sobald er Männerbesuch empfing.

Als einmal in Anwesenheit des französischen Gesandten ein armes Mädchen in diesem Versteck niesen musste, stach der Dey wiederholt seinen Dolch durch das Holzgitter und sagte zu dem entsetzten Franzosen, als der Sterbeseufzer erklang: »Jetzt wird uns die Hündin nicht mehr stören.«

Wenn liebe Gäste von daheim nach Algier kamen und ich ihnen den Cicerone durch die tunnelengen, feuchten, morastigen Straßen der Kasbah machte, sah ich stets von Neuem ihre ungläubigen Europäeraugen in Entsetzen sich weiten, wenn ich, ein Haustor inmitten der Straße aufschließend, ihnen »le cimetière des princesses« zeigte. Denn allen Gesetzen der Hygiene zum Hohn birgt die nie du Divan noch heute einen von dichtbewohnten, schönen arabischen Häusern eingehegten Friedhof. Hier breitet ein wunderbarer uralter Feigenbaum schier liegend seinen Schatten über zwei kachelbedeckte Gräber, in denen die Schwestern ruhen – algerische Prinzessinnen, die den gleichen türkischen Prinzen geliebt und ihre Lust mit dem Tode bezahlt haben.

Und in dem ehemaligen Sommerpalast des Dey, droben in der gesünderen Höhenlage des Viertels Kara Mustapha, kann man das alabasterne Brunnenbecken sehen, das noch heute den Namen führt: »La fontaine des princes perdus.« Es liegt im Frauengarten des Harems, der von unübersteiglichen Mauern geschützt war. Nur an dieser einen Stelle gestattete die Bergformation einen gefährlichen Einblick in den verbotenen Garten, in ein todbringendes Paradies. Der körnig glitzernde Alabaster dieses schönen Brunnenbeckens ist sonderbar gefleckt. Um den ganzen breiten Rand laufen die rostroten, hässlichen, zackigen Flecken, die von vergossenem Blute herrühren sollen. Immer, wenn solch ein junger, heißer Späher von den Colluglis abgefangen und vor den Dey geschleppt ward, hieß der Tyrann ihn, angesichts der Frauen, sein junges Antlitz über den Brunnenrand neigen, um dem Henker das Zuschlagen zu erleichtern.

Einstmals hatten zwölf junge Türken, die Blüte des Erobereradels in Algier, zugleich die Mauer erklommen, als ein Eunuch sie verriet. Der Dey sah das Becken rings sich hellrot färben und die Fontäne rötliches Wasser gen Himmel schleudern, als klage dies heiße Blut ihn vor Allah an. Elfmal zischte das Krummschwert nieder. Dem letzten Prinzen schenkte der Dey das Leben. Aber der Henker brannte ihm die Augen aus, weil sie gesehen hatten, was »haram« war – heilig und unverletzlich.

Es ist verständlich, dass noch heutzutage die Bewachung der Frau umso strenger ist, je reichere Mittel dem Manne zur Verfügung stehen. Armut und der Zwang, einer Verdienstmöglichkeit nachzugehen, deren Früchte wohl meist auch nur dem Mann zugute kommen, bieten für die Araberin die alleinige Möglichkeit, den Zwang zu lockern. Aber sowie er nur im Mindesten gelockert wird, missbraucht die Araberin, der ja selbst der Koran die Seele abspricht, die Freiheit, um vor allem das Verbotenste einzuheimsen – körperliche Lust. Es ist ein erbärmlicher circulus vitiosus: Weil der Mann der Weibertreue nur so lange sicher ist, als er die Frau hinter Schloss und Riegel hält, sperrt er sie in den Kerker, und weil er sie im Kerker hält, bricht sie die erzwungene Ehe, sobald Schloss und Riegel fallen.

Der gewöhnlichste Beruf, den die unbemittelte Araberin ergreift, ist der der Teppichknüpferin oder Bedienerin. Kleine Mädchen, die noch nicht den Gesichtsschleier tragen – also acht- bis elfjährige –, arbeiten als Knüpferinnen am arabischen Teppichwebstuhl zehn bis zwölf Stunden täglich, ehe man sie mit vierzehn Jahren in die Ehe verkauft.

Die alternden Frauen, die Fünfundzwanzigjährigen also, schlaff von Geburten, schon zahnlos, schon runzelig, schon hässlich und hoffnungslos, werden »Fatmah«, wie der Gattungsname für die Bedienerinnen lautet. Sie kommen morgens, um die ewig beschmutzten Kacheln, »le carlage«, zu waschen und die grobe Arbeit zu tun. Sie legen ohne Scheu auch vor den europäischen Herren den Gesichtsschleier ab. Nahrungsmittel stehlen sie wie die Raben, auch Leintücher, die sich als Haik allgemeiner Beliebtheit erfreuen. Vor allem aber Zigaretten! Fast niemals nehmen sie Bargeld oder Schmuck. »La Fatmah indiscrète« scheint nur selten in der Gerichtssaalrubrik auf.

Wenn meine jeweilige Fatmah die Geldsumme erarbeitet hatte, die sie gerade brauchte, oder wenn sie auf dem Arbeitsweg von einer anderen Europäerin am Haik gefasst und angeheuert wurde, ließ sie mich einfach im Stich, und ich musste eben selbst mein »carlage« waschen. Allerdings verblieb mir die Möglichkeit, auf die Gasse hinabzustürzen und nun meinerseits irgendwo eine Fatmah am Haik zu zupfen, die sogleich fröhlich bereit gewesen wäre, eine andere Dame ihrem Schicksal zu überlassen. Endlich fand ich ein Juwel. Eine Fatmah, die durch Monate pünktlich kam, sich nicht fortlocken ließ und sogar mit dem sanften Lächeln eines Irrenwärters nachgab, wenn ich meine Küchentischplatte täglich blank gerieben haben wollte.

Aber dann kam der Ramadan, der Fastenmonat, währenddessen die Muselmanen Tag um Tag bis Sonnenuntergang nicht essen, nicht trinken, nicht rauchen dürfen, kurz sich unangenehmster Abstinenz auf allen Gebieten unterziehen.

Am Morgen des Fastenendes kam meine gute alte Fatmah zu mir, grinste runzelig und zahnlos und zeigte mir, wie schön sie sich für das Ramadan-Ende gemacht habe. Ihre Hände waren bis zu den Ellbogen, ihre Füße bis zu den Gelenken mit Henna gefärbt; sie sah aus, als habe sie in Tomatensauce gebadet. Ihre Haare waren in ein stocksteifes Fridericuszöpfchen geflochten, und ums ganze Ohr gehängt trug sie halbkiloschwere silberne Ohrringe, mit der Hand von Mohammeds Tochter »Fatimah« geschmückt, dem Zeichen, das ihre Schönheit vor bösem Blick schützen sollte.

Nachmittags wollten wir uns das festliche Ende des Ramadans ansehen. Der Zuzug war unbeschreiblich. Die Soldatenkaserne hatte alle Senegalneger des 19. Tirailleur-Regiments korporativ entsandt, alle Eseltreiber der Umgegend waren nach Algier gepilgert, aber auch vornehme Araber in blütenweißen Burnussen durchmaßen in Trupps voll unbewegter Würde das Gewühl.

Das Freudenviertel wimmelte wie ein mutwillig aufgebrochener Ameisenhaufen. Die Häuser schienen vor Weibern zu bersten und spieen ihren Inhalt auf die Straße. Überall lehnten, hockten, saßen, standen Weiber, alle hennagefärbt, alle im Staat, und alle hatten weißrosa Europäerinnenmasken auf ihre braunen Gesichter geschminkt, um den Herren Eseltreibern zu gefallen.

Sie gefielen ihnen höchlichst! Niemals noch hatte ich einen Markt gesehen, auf dem sich Angebot und Nachfrage so die Waage hielten. Ja, selbst die ältesten Landsturmjahrgänge des Eros schienen einberufen, denn ich traute meinen Augen kaum, da saß meine Fatmah – meine gute alte Perle – und schäkerte.

Zwei Tage lang war in ganz Algier keine einzige Bedienerin aufzutreiben. Am dritten Morgen erschien meine Fatmah wieder, züchtig und verschleiert, als sei niemals Ramadan gewesen.

Einmal hatte auch ich in Algier Gelegenheit mitzuerleben, dass der Harem noch heute über seine Insassen den Tod verhängen kann:

Mein Mann und ich hatten einen arabischen Vornehmen kennengelernt. Er war Hadschi – Mekkapilger – und ungeheuer reich. Er besaß Herden um Herden dickvließiger Schafe, viele Hunderte der edlen Dattelpalmen zu Deglet Nours und ungeheure Waldungen im Djurdjura. Er war umgeben von Dienern, die ich nicht Sklaven nennen darf, weil ja die Sklaverei offiziell in Algerien abgeschafft ist. – Er hatte Paris gesehen, fuhr alljährlich nach Vichy und zeigte sich in seinem herrlichen Hispano-Suissa stets allein mit seinem Söhnchen, das mit zwei Jahren schon einen Fez trug, während sein Harem – acht bis zehn weiß vermummte Weibsgespenster – in einem klappernden Citroën-Taxi nachkarriolten.

Er besaß eine traumhaft gelegene Villa mit entsetzlichen modernen Warenhausmöbeln und wundervollen Teppichen. Aber am stolzesten war er auf seinen europäischen Frack, und es bedeutete für ihn eine schwere Kränkung, dass die Französinnen zu Vichy ihn im Burnus so viel auffälliger bevorzugten.

Manchmal waren wir bei ihm zu den traditionellen elf Gastgerichten der Diffa geladen, und eines Tages ward ich in den Harem geführt, während die Herren diskret vorgaben, meine Abwesenheit nicht zu bemerken. Ich kam in das einzige, echt arabische Zimmer des Hauses, mit Kacheln, die bläulich wie klares Wasser schimmerten, mit Kupfergefäßen, die jedem Museum zur Zierde gereicht hätten, und marokkanischen Sitzpolstern von seltener Schönheit.

Die Tochter des Hadschi empfing mich, die vierzehn Jahre alt, also völlig erwachsen war, und fast akzentlos französisch sprach. Sie war hakennasig und hässlich wie ihr Vater, mit schwermütigen, alten Augen und unvorstellbar kleinen, schmalen, edlen Händen und Füßen wie er. Sie bereitete mich entschuldigend darauf vor, dass ihre Mutter nur arabisch verstünde.

»Mutter ist nicht ganz wohl«, sagte sie, während diese eintrat.

Es war die schönste Araberin, die ich jemals gesehen habe. Sie stammte aus Laghouat in den Saharabergen, wo ein herrlicher Menschenschlag haust, und sie trug stolz den reichen Seidenturban der Laghouatia. Sie hatte eine Haut so glatt und so mattbraun wie das Brustfellchen kleiner Raubtiere. Die in Ringen hinters Ohr gesteckten Zöpfe schimmerten wie schwarzer Lack. Ihre sanften, schweren Tieraugen schwammen in feucht-bläulichem Schmelz. Ihre Lippen waren süß und rot und ihre beringten, müßigen Hände voller Grübchen.

Ich sprach die gebotenen arabischen Grußworte, von ihrem Lächeln völlig bezaubert – bezaubert von der satten Schönheit dieser Frau, die nach arabischer Rechnung schon alt, schon zumindest achtundzwanzig Jahre alt war. Da berührte meine Hand die ihre, und ich erschrak bis ins Herz. Die Hand war glühend heiß.

»Nicht ganz wohl, sagst du?«, wandte ich mich entsetzt an die Tochter. »Deine Mutter ist ja krank. Sie hat hohes Fieber!«

»Ja«, sagte die Tochter und die missvergnügten, schmalen Lippen zuckten. »Mutter ist sehr krank.«

»Warum bleibt sie nicht im Bett? Was sagt denn der Arzt?«, stürmte ich. Und ich erfuhr, dass diese schöne Frau »in späten Jahren« noch ein Söhnchen erhofft hatte – eine Freude, die zunichte geworden war. Eine alte Frau hätte sie gepflegt. Ärztliche Hilfe zu suchen sei einer Dame aus so vornehmem Harem unmöglich.

»Wir haben alle Mittel angewandt, die wir kannten«, sagte das Mädchen.

Und all die Zeit hindurch, da ich die brennenden Hände hielt, lächelte der sanfte, heiße Mund, sahen mich ihre Augen an, die stummen, klagenden Augen der leidenden Kreatur.

»Dein Vater muss sofort einen Arzt holen«, sagte ich.

Die hässliche Tochter lächelte. »Das geht nicht, es verstößt gegen unsere Sitten. Du, eine Europäerin, eine ›Roumia‹, kannst das nicht ändern. So wenig wie du ändern kannst, dass« – der bleiche Mundwinkel verzog sich schief – »dass Vater mich an einen sechzigjährigen Kaid verheiraten wird, dessen Enkel älter sind als ich, weil er vom gleichen Rang ist, wie unser Blut. Wir sollten nicht eure Sprache und eure Bücher kennenlernen, denn für uns Junge ist Ergebung noch viel, viel schwerer als für Mutter und ihre Generation.

Ich lief in die Männergemächer hinüber und bestürmte den Hausherrn.

»Weißt du denn nicht, dass deine Frau todkrank ist?«

Er seufzte mit Bedauern.

»Weißt du, dass du ein Verbrechen an ihr begehst, wenn du nicht sofort einen Arzt rufen lässt?«

»Ça, tu sais, c'est impossible«, antwortete er leise.

»Gut. Ich werde dir also die Adresse einer Ärztin geben.«

Ein Araber sagt einem Europäer niemals ein schroffes Nein ins Gesicht. »Ji, ji«, nickte er, »ich danke dir, Madame.«

Zwei Tage später rief ich die Ärztin an. Sie wusste von gar nichts. Ich telefonierte dem Araber und sagte ihm, was ich von ihm und seinen Gesetzen dächte.

»Ji, ji, Madame«, antwortete er seufzend und hing ab. Und das war alles.

Und dann bekam ich seine prunkvolle Visitenkarte mit mühsamer, französischer Schrift bemalt. Und er teilte mir, »der verehrten Freundin seines Hauses« mit, dass seine Frau gestorben und seine Tochter Saadia mit dem wohledlen Kaid Sidi Abderrahman ...

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